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Ernst Blass – Gedichte aus DER KONDOR

Gedichte

Aus: DER KONDOR, VERSE VON ERNST BLASS, MAX BROD, ARTHUR DREY, S. FRIEDLAENDER, HERBERT GROSSBERGER, FERDINAND HARDEKOPF, GEORG HEYM, KURT, ARTHUR KRONFELD, ELSE LASKER-SCHÜLER, LUDWIG RUBINER, RENÉ SCHICKELE, FRANZ WERFEL, PAUL ZECH/HERAUSGEGEBEN VON KURT HILLER,VERLAG VON RICHARD WEISSBACH, HEIDELBERG, 1912


KREUZBERG

Blaßmond hat Hall und Dinge grau geschminkt.
Das Wundern lernte selbst der karge Greis,
Der unten, auf der Bank, im engsten Kreis
Vor sich den mageren Spazierstock schwingt.
 
Da liegt die große Stadt: schwer, grau und weiß.
Ein Rauchen, Greifen, Atmen, daß es stinkt.
Eh sie dem heilʼgen Tag das Dunkle wild entringt,
Erwachen Nerventräume, blaß und heiß.
 
Fort mit dem süßen Blick! Fort mit dem Kusse!
Hörst du die roten Nacht- und Not-Alarme?
Die heißen, blassen Träume sind verstreut.
 
Mir stehen riesige liebes-, hasseswarme
Gebäude zu durchwandern weit bereit.
Da unten rollen meine Autobusse!
 

ABENDSTIMMUNG

 
Stumm wurden längst die Polizeifanfaren,
Die hier am Tage den Verkehr geregelt.
In süßen Nebel liegen hingeflegelt
Die Lichter, die am Tag geschäftlich waren.
 
An Häusern sind sehr kitschige Figuren.
Wir treffen manche Herren von der Presse
Und viele von den aufgebauschten Huren,
Sadistenzüge um die feine Fresse.
 
Auf Hüten plauschen zärtlich die Pleureusen:
O daß so selig uns das Leben bliebe!
Und daß sich dir auch nicht die Locken lösen,
Die angesteckten Locken meiner Liebe!
 
Hier kommen Frauen wie aus Operetten
Und Männer, die dies Leben sind gewohnt
Und satt schon kosten an den Zigaretten.
In manchen Blicken liegt der halbe Mond.
 
O komm! o komm, Geliebte! In der Bar
Verrät der Mixer den geheimsten Tip.
Und überirdisch, himmlisch steht dein Haar
Zur Rötlichkeit des Cherry-Brandy-Flip.
 

DAS BEHAGEN

 
Wir quälen uns. In flaue Freundlichkeit
Hat uns der Walzer und der Wein gebettet.
Wir machen uns in unsern Sesseln breit
Und spüren, wie die laute Nacht verfettet.
 
Ach, dieser schäbig blanke Glanz der Lichter;
Wie friedlich ihn die Spiegel wiedergeben!
Und wie der armen, geckigen Gesichter
Langende Lippen gähnend sich verkleben!
 
Der Rechtsanwalt sitzt da — auf dem Fauteuilche.
Er ist noch jung trotz seiner fünfzig Jahre,
Es glänzen seine feuchten Glatzenhaare
 
Und seine kugelrunde Nase, welche
(Und mit dem Ausdruck: Dies ist doch das Wahre!)
Entsteigt dem zitternden Champagnerkelche.
 

DER NERVENSCHWACHE

 
Mit einer Stirn, die Traum und Angst zerfraßen,
Mit einem Körper, der verzweifelt hängt
An einem Seile, das ein Teufel schwenkt,
— So läuft er durch die langen Großstadtstraßen.
 
Verschweinte Kerle, die die Straßen kehren,
Verkohlen ihn; schon gröhlt er arienhaft:
»Ja, ja — ja, ja! Die Leute haben Kraft!
Mir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären
 
Mir je ein Kind!« Der Mond liegt wie ein Schleim
Auf ungeheuer nachtendem Velours.
Die Sterne zucken zart wie Embryos
An einer unsichtbaren Nabelschnur.
 
Die Dirnen züngeln im geschlossnen Munde,
Die Dirnen, die ihn welkend weich umwerben.
Ihn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben,
Zuhältermesser und die großen Hunde.
 

DIE KINDHEIT

 
Die Knaben:
Wir sahn im Traume, wie ein fiebrig Sterben
Da war und unser Glück nervös befaßte.
Wir sahn im Traume unsre Mutter sterben.
Die Lampe kam; der Tag schlug auf die Taste.
Wir stiegen aus dem Bette, weinend, dumm.
Nun ist es Tag, wir gehen in die Schule,
Wir spielen Jagd; auf zu Indianerfabeln!
 
Die Mädchen:
In unsern Köpfen hüpfen blank Vokabeln,
Und vor Vokabeln hüpfen unsre Köpfe.
Es fallen auf die Mappen unsre Zöpfe.
 
Die Knaben:
Wir sind ja dumm vor Leben.
Wir sind klein.
In unsern Nächten brechen Mörder ein.
Und unser Morgen kennt dies dumpfe Beben
Von Unentrinnbarkeit und Lampenschein.
 

MÄRZABEND

Meinem Freunde Kurt Hiller gewidmet

Die Luft kommt hart und mauerhaft herein
Durch offne Fenster. Und sie bringt Bazillen
Von Influenza sicherlich herein.
Und in dem unerbittlich Mauerstillen:
Zwei schwarze Schwäne, die
Mit Fadenhälsen Hyazinthen spein.
 
Vom Tode werden Mädchen oft entrückt
Dem Arzte, der noch Kampfer injiziert.
Dann wieder wird in Stuben kondoliert,
Wo Schränke stehen, weise und gedrückt;
Und Menscheneinsamkeit, die schüttelfröstelnd stiert
In Räume, in luftleere Räume.
 

AUGUSTNACHT

 
Ich rang mit Qualen, als die Lindenblüten
Verbrannt versanken in der tauben Nacht.
Ich hab im Winter oft daran gedacht,
 
Wenn mich die Wolken schwebend überfrühten.
— O Violine, die in Cafés singt!
O Morgen, der mich, Übernächtgen, trinkt!
 
O Dirnenstimme, die geschminkt gelacht! —
Heut spür ich lächelnd, wie der Wind erklingt
An Fenstern unsichtbarer Schiffskajüten.
 
Und frage mich: „Ernst, werden dich zerstücken
Ganz dumpfe Schmerzen wieder! Wirklich?" — und
Indessen gehst Du blinzelnd wieder becken-
wärts, fremd; ein giftger Traum, mit deinem Hund.
 

STRAND

 
Wir fühlen Sand und Sommer und die Wellen,
Die nachmittags an unsre Träume spülen,
Und sehen in dem Duft von frischen Kühlen
Sehr sichre Segler hell vorüberschnellen.
 
Und während wir die leichtbeladnen Stunden
Halb spielend und halb fliehend übergleiten,
Steht still in unsern Blicken, ohne Wunden,
Altkluge Trauer und der Glanz der Weiten.
 

SONNENUNTERGANG

 
Noch träum ich von den Ländern, wo die roten
Palastfassaden wie Gesichter stieren.
Der Mond hängt strotzend.
Weiß er von den Toten?
Ich gehe an dem weichen Strand spazieren.
Schräg durch Bekannte. (Schrieen nicht einst Löwen?)
Vom Kaffeegarten kommt Musike her.
Die große Sonne fährt mit seidnen Möwen
Über das Meer.
 

DIE TRENNUNG

 
Als wir uns trennten, fingst du an zu weinen.
Du süßes Mädchen! Tränen und Geleit . . .
Ich schwenkte aus dem Zuge langsam meinen
Strohhut nach dir, die blieb, in rotem Kleid.
 
Es wird schon dunkel. Dörfer, Wälder, Reise . . .
Schmerzlich und klanglos ging die Zeit vorbei.
Liebte ich dich? Du warst mir einerlei.
Beim Kaffeetrinken weinte ich noch leise.
 
Viel Stunden kann noch unser Leben währen
Mit Krampf, Musike, mancher Einsamkeit.
Meist aber füllen einen die Miseren
Und Späße aus, und so vergeht die Zeit.
 
Grau ist der Abend in der Eisenbahn.
Ich gehe nach dem Speisewagen, essen.
Ich habe Angst: wir werden uns vergessen,
Erblindet, eh wir je uns wiedersahn.
 

SONNTAGNACHMITTAG

 
Die Töchter liegen weiß auf dem Balkon.
In Oberhemden spielen Väter Kachten:
Ein Roundser steigt nach einem Füll von Achten.
— Und singen tut sich eins der Grammophon.
 
In Straßen, die sich weiß wie Küsse dehnen,
Sind Menschen viel, die sich nach Liebe sehnen.
Noch andre sitzen in Cafés und warten
Die Resultate ab aus Hoppegarten.
 
Der Dichter sitzt im luftigsten Café,
Um sich an Eisschoklade zu erlaben.
Von einem Busen ist er sehr entzückt.
 
Der Oberkellner denkt hinaus (entrückt)
An Mädchen, Boote, Schilf, . . . an Schlachtensee.
Der Dichter träumt: ». . . und werde nie sie haben . . .«
 

AN GLADYS

 
O du, mein holder Abendstern . . .
Richard Wagner

So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht,
Den schwarzen Hut auf meinem Dichterhaupt.
Die Straßen komme ich entlang geweht.
Mit weichem Glücke bin ich ganz belaubt.
 
Es ist halb eins, das ist ja noch nicht spät . . .
Laternen schlummern süß und schneebestaubt.
Ach, wenn jetzt nur kein Weib an mich gerät
Mit Worten, schnöde, roh und unerlaubt!
 
Die Straßen komme ich entlang geweht,
Die Lichter scheinen sanft aus mir zu saugen,
Was mich vorhin noch von den Menschen trennte;
 
So seltsam bin ich, der die Nacht durchgeht . . .
Freundin, wenn ich jetzt dir begegnen könnte,
Ich bin so sanft, mit meinen blauen Augen!