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Ernst Blass – Über den Stil Stefan Georges

 

Ernst Blass, Über den Stil Stefan Georges, Verlag Richard Weissbach, Heidelberg, 1920


JAKOB : Wenn man gefragt würde, welches von den menschlichen Worten einem trotz aller Kämpfe und Zweifel das teuerste ge­blieben sei, man müsste die Antwort geben: Das Ideal. »Wie«, wirst du fragen, »ist es denn so lange schon her, dass Ibsen diesem Wort den Schleier genommen und es als die schädliche ›Lebenslüge‹ blossgestellt hat, die in die Wirklichkeit Verwirrung und Schaden stif­tend gekommen ist und als der ›Dreizehnte am Tisch‹ überflüssig, ja gefährlich an der mensch­lichen Gesellschaft teilnimmt?« Ich weiss das, ich kenne die Einwände, die die Wirklichkeit gegen diesen Eindringling machen kann, ja es kann ein sehr hohes Rechtsgefühl geben, das diesen unablässig unzufriedenen, nie beruhigten, sinnlos weiter fordernden Feind des Wirklichen in den tiefsten, unzugäng­lichsten Kerker wirft oder ihn auf dem Scheiterhaufen verbrennt. Aber ich weiss auch, dass das Ideal, dieses Allerunmensch­lichste, zugleich das Allermenschlichste ist.

JOSEPH : Und deshalb das den Menschen Allergefährlichste. Der Menschenfreund Prome­theus ist heute von seinen Fesseln und von seinem Geier befreit. Die übermenschlich-un­menschlichen Götter sind gestürzt, an ihrer Stelle herrscht er, der weise und mächtige Titan.

JAKOB : Ich verstehe dich, mein Freund. Du nennst das Ideal das Menschenfeindlichste, das der Mensch besitzt, und wünschest es bei jedem in den tiefsten Tartarus des Inneren verbannt zu sehen. Aber ich sage dir, es ist dieser Feind, an dem wir am meisten hängen, den wir am heimlichsten und am stärksten begehren, den wir am sorgsamsten hegen, und dessen Gefangenschaft eines Tages vorüber sein wird. Eines Tages? Am Ende aller Tage, wenn auf die Götterdämmerung auch die Promethidendämmerung gefolgt sein wird. Ja, unsere letzte Innerlichkeit ist immer nur er, immer wieder nur er, unsere wahrste Wirklichkeit ist nur er. Und du irrst, wenn du meinst, Prometheus und er seien Feinde. Prometheus wird ihn selbst rufen, ja sein ganzes Tun ist, ihn zu rufen und auf ihn zu warten, bis das Ideal erfüllt werden kann. Er ist nur der Statthalter jenes Nasciturus. Die Erdenzeit ist nur eine Adventszeit vor der Geburt des Erfüllers und Vollenders. Er liegt in uns wie die Frucht im Leibe der Mutter. Seine Geburt aber ist das Ende dieser schweren Tage. Denke an die Zukunft!

JOSEPH : Das Denken an die Zukunft macht nicht jeden stark, sondern manchen zum Narren, das ist gewiss. Ich weiss nicht, ob du im Recht bist, wahr ist indessen, dass in allem Gegenwärtigen ein Element des Zu­künftigen liegt. Das Gegenwärtige liegt mir am Herzen, dass es stark sei und freudig, durch Zufriedenheit stark, nicht durch Un­zufriedenheit gelähmt, nur so kann es frucht­bar und zukünftig sein. Aber — sprich weiter!

JAKOB : Ich glaube dich wirklich zu verstehen. Und doch sprichst du von einem Scheinglück, von scheinbaren Früchten. Die letzte Frucht, um derentwillen sich überhaupt das Leben erst lohnt, steht noch aus. Alle deine Fruchtbarkeit dürfte nur ein Gleichnis sein, Hoffnung auf jene Zukunft, Sinnbild der menschlichen Schaffenskraft, die auch das Ideal einmal völlig wirklich machen kann! Ja, es dürften deine Früchte nicht süss und mürbe sein, sondern sie müssten in dem, der sie geniesst, unnennbare Sehnsucht er­wecken nach der wahren späten Frucht und ihm zugleich Kraft und Zuversicht geben, deren Keim zu pflegen und zu behüten! Nicht die Kugel ist mein Sinnbild, sondern der Pfeil. Ja, ich bin menschenfeindlich, denn ich glaube an das Übermenschliche, das kommen soll, das uns als Aufgabe gestellt ist. Ich glaube nicht, dass Ideal und Wirk­lichkeit ewige Gegensätze bleiben werden. Und dies Ideal ist meine wahre Innerlich­keit, das eigentliche Monogramm meines Wesens. Es mag wie ein Feind meine Gegen­wart und meinen Leib verzehren, aber ist es nicht mein über alles geliebtes Kind, ja mein wirkliches, verborgenes, gesuchtes Wesen? Ich weiss, dir klingen Worte wie Innerlich­keit und Seele nicht so schön wie mir, weil man solange sich der Pflicht entzogen hat, dem Inneren gemäss zu leben, und es im lebendigen Organismus wie einen Fremd­körper liegen liess. Wie, wenn nun aber dies Innerste das eigentlich Lebendige, das Wesen wäre, und der Körper die verber­gende Hülle? Wenn der Körper an sich ein Fremdkörper wäre? Ein Deckmantel, ein Medium, ein Mittel zum Zweck? Dann ist das Menschliche nur wie ein Übergang; dann ist der Leib nur eine Erscheinungsform und zwar eine rohe, ungenaue, irreführende. Und wir sollten dann um das Menschliche besorgt sein? Wir sollten uns den Leib zum Vorbild nehmen? Wie darf der Körper mit seiner scheinbaren Abgeschlossenheit seiner das Tiefste und Eigentlichste unterschlagenden und verbergenden Vollkommenheit und Ge­genwart verherrlicht werden. Das Mensch­liche ist nur ein Übergang zum Übermensch­lichen, die Gegenwart einer zur Zukunft, der Leib zur werdenden Seele und die Wirk­lichkeit zum Ideal.

JOSEPH : Und wenn ich dir Recht gäbe? Aber dich zugleich fragte, wie denn die noch nicht seiende Seele anders sich an­kündigen könnte, denn als leibhafte Gestalt, mag es schon Tragik des Übermenschlichen sein, des menschlichen Mittels zu bedürfen? Wenn sie nur in einer bestimmten Verbindung überhaupt sichtbar wer­den könnte, verheissend und anspornend, wie du sie willst? Wenn ihre Schrift unseren leiblichen Augen wirr und unsinnig erschiene, und es gäbe einen Spiegel, der zwar nicht das getreue Abbild des Übermenschlichen zeigte, wohl aber das unseren Augen verständlichste? Wenn es eine Übersetzung der unbekannten Zukunfts­sprache in die der Gegenwart gäbe? Wenn sich im Zukunfts-Spiegel zwar nicht die Seele selbst zeigte, wohl aber ihr Bild, das Bild des Ideals, das Bild der Zukunft, für Menschenaugen sichtbar, plastisch, irdisch, würdest du dann den Spiegel vernichten wollen?

JAKOB : Auf diese Frage weiss ich noch keine Antwort. Aber ich würde wünschen, dass das Bild nicht allzu sinnfällig erschiene, und dass die Sehnsucht, mit wahren Augen einst das wahre Bild zu schauen, nicht schwächer würde.

JOSEPH : Vielleicht verstehen wir uns besser, wenn wir von etwas Einzelnem aus­gehen. Ich habe vor Jahren Gedanken zu dieser Frage festgehalten, als ich in einer Gesellschaft eine Rede über einen Dichter hielt, den auch du als einen der Grössten verehrst: Stefan George. Ich will dir ein Bruchstück daraus vorlesen, höre mir zu, du wirst dann einsehen, dass deine Gedanken mir nicht fremd sind. Ich beginne: Wenn ich von der Erscheinung des Stefan George­schen Werks sprechen will, so habe ich es mir nicht zur Aufgabe gemacht, Verwandte zu stärken, Gegner zu bekehren, Gleich­gültige zu interessieren; das liegt vor dem Anfang meines Versuchs. Dass das Rein-Künstlerische dort zu einer ausserordentlichen Höhe gelangt ist, suche ich nicht fühlbar zu machen, vielmehr will ich über die besondere Weise und Richtung dieses Künstlerischen etwas aussagen.

Man kann sich auf die Dauer nicht mit einer nur den Gegensatz hervorhebenden Be­schreibung abspeisen lassen, die Georges Werk als Gegenströmung auf eine zeitlich kurz vor­ausgegangene Richtung des Naturalistischen oder Impressionistischen darstellt und als Heimkehr zum Stil, zur Ausdruckskunst schlechthin, zum Produktiven aus der Verirrung des Reproduktiven, zur Geburt aus dem nur Empfangenden auslegt.

Der Werkgedanke bei George, das eigent­lich theoretisch Leitende seines Schaffens, hat seine Besonderheiten. In der Kunst hegt dies einfacher als in der Wirklichkeit der Tat­sachen: die Erscheinung des Künstlerischen kann nicht Innenwelt bleiben, das verwirk­lichte Werk, die »Tat« dieser Sphäre, der Vollzug des schöpferischen Wollens ist erst Kunst, — in der Tatsachenwelt dagegen stossen sich die Sachen, der Zusammenhang zwischen Glauben, Wollen, Sollen mit der wirklichen Tat, dem »Werk« dieser Sphäre, ist mannigfach unterbrochen und für das im Innern Bleiben des sittlichen oder gläubigen Seins sprechen oft gewichtige Gründe. Das Sein des Künstlers ist das Werk. Dennoch gibt es auch in dieser Werkidee ausserordent­liche Unterschiede und keineswegs bloss per­sönliche.

Das Bezeichnende des Werkgedankens bei Stefan George ist der Zug zur Leib­haftigkeit. Das Verhältnis des künstlerischen Schöpfers zu seinem Werk ist ähnlich wie das des Weltschöpfers zu seinem Werk ge­sehen. Daher wird als ideales Gebilde der Kunst das vollständig freie, vom Schöpfer getrennte, ein selbständiges Eigenleben füh­rende Wesen gefordert. Wie der einzelne Organismus in der Natur in sich selbst voll­kommen besteht, so wird auch vom künst­lerischen Werk das Verwandte beansprucht, dass es, von seinem Schöpfer gänzlich ausgestossen, ein unabhängiges, in eigenen Ge­setzen sich bewegendes Dasein führe. Die Tat des Künstlers wiederholt in einem andern Stoff die Tat der Natur, und es wird zum Zeichen des Gelingens und Vollendens, ob es dem Künstler geglückt ist, wirklich ein Gefühl zum ganzen und lückenlosen Gebild geformt zu haben, ob die Nabelschnur durchschnitten ist, ob ein sozusagen aussenweltliches Be­stehen des erst Gefühlten erreicht ist. Das Gebild ist etwas Leibhaftiges, Greifbares, Wahrnehmbares. — Diesem Zug zur Leib­haftigkeit, zum Geschöpf, war früher die griechische Kunst gefolgt, als sie ihre Gefühle von Gott am Ende einer Entwicklung in der Gestalt menschlicher Leiber plastisch dar­stellte. Hier ist aber zu bedenken, dass die griechischen Gottheiten Naturgötter, Sinn­bilder der Natur in ihrem Wirken waren, dass Zeus der Himmel und Demeter auf der Suche nach ihrer Tochter die beraubte, den Frühling wiederfindende Erde war. Im grenzenlosen Naturgefühl dieser Menschheit war das Geistige nicht abgespalten. Das leibhaftige, lebendige Werk der Natur war die Offenbarung des Göttlichen, und die voll­kommene Darstellung des Geschaffenen in Stein war die folgerichtige Äusserung der aus dem naturgläubigen Gottesdienst steigenden Kunstempfindung. Und ebensowie das Gött­liche, die Natur in ihrem Werk, dem Leib, verehrt wurde, war auch der Leib Gottes Tempel, und so kam das Zeitalter der Preis­kämpfe und Heldengesänge, von dem Walter Pater in den »Griechischen Studien« ge­sprochen hat — Auch Schiller, viel mehr als Goethe, hat diese Kunstauffassung ausge­sprochen. Es ist bezeichnend, dass sein Glockengiesser die Glocke zur »Nachbarin des Donners« wünscht, dass sie eine »Stimme von oben« sein soll »Wie der Gestirne helle Schar, Die ihren Schöpfer wandelnd loben«, und dass sie »selbst herzlos, ohne Mitgefühl« bleiben soll. Das Kunstwerk als das Nach­barwerk des Naturwesens, als das in eigenen Gesetzen lebende Ganze, Geschlossene, Voll­ständige, das ist die Auffassung der Menschen, die als Nachbarn der Natur leben oder die zu dieser Nachbarschaft gelangen wollen. Bei den Griechen wird diese Nähe auch da­durch offenbar, dass die Plastik, die Dreidimensionalität, das Mittel ihres naturhaften Schaffens und ihres Zugs zum Natürlichen war. Dieser Werkgedanke ist nun auch die Idee der Kunst Stefan Georges.

Es kann aber auch Taten der Kunst geben, die mit diesem Werkgedanken nichts zu tun haben. Goethe spricht in dem Gedicht »Selige Sehnsucht« von der »fremden Fühlung«, die den Menschen überfällt, dem naturmässigen Zusammenhang entrückt und ihn zu »höherer Begattung« aufreisst. Freilich bleibt nach ihm diese Begattung fruchtlos und führt in Flammentod. Wie steht nun der von dieser »Fühlung« Ergriffene zur Natur? Er ist nicht mehr ihr Kind und auch nicht das entlaufene und zurückverlangende Kind, sondern im Fluge seliger Sehnsucht hat er sich als jenen Anderen kennen ge­lernt, der auf der dunklen Erde nur ein trüber Gast ist. Mit dem Aufflammen der anderen Begeisterung, die in den Tod führt, aber auch in ihm nicht endet, verdunkelt sich das ganze Bild der Natur, sie wird un­vollkommen. Die seligen Götter fliehen, und Prometheus wird entfesselt. War früher das Unendliche die immer gegenwärtige, ver­traute Mutter, so ist jetzt das Unendliche ein gewaltiges Unterwegs, Auffliegen und Aufgerissensein, endlose Bestimmung, und die wirkliche Grenze bereitet ihr Leid. Es ist gefährlich, hier ganze Zeitalter als Beispiel zu nehmen, da in jeder wohl zuweilen auch der andere Gottes- und Werkgedanke, nur scheinbar der Zeit ähnlich, hervortrat. Immer­hin kann man die griechische Plastik der gotischen gegenüberstellen, nicht um den Unterschied von Naturglauben und Geistes­glauben zu zeigen und ganz falsche Schlüsse daraus auf die Bedeutungen der entsprechen­den Kunstrichtungen zu ziehen, wobei der eine die Gotik als tiefer, der andere die griechische Plastik als vollendeteres Werk, als erreichtes Ziel vorzieht (von alldem ist in der Kunst nicht mehr die Rede), sondern um zu verstehen, dass verschiedene Dichtungen ihre verschiedenen Vollendungen haben, ihre verschiedenen Werke, und dass die Ent­scheidung für die Plastik ein Vorurteil zu­gunsten der plastisch arbeitenden Natur und zuungunsten des bildhafter, gleichnishafter sich ausdrückenden Geistes wäre. Solches Urteil wäre eine Voreingenommenheit für die Schaffenskraft der Natur gegen die Schaf­fenskraft der Idee, wobei freilich nie miss­verstanden werden darf, dass trotzdem immer nur das wirklich Geschaffene selbst, das Werk, Ausgangspunkt für eine vernünftige Bewer­tung sein kann, nicht aber seine Herkunft. Das Werk darf nicht Idee geblieben sein, so wenig der Zug zum Leibhaften die ge­schaffene Natur nachahmt, sondern nur auf ihre in Menschliches übertragene Weise das Erschaffen eines vollkommen bestehenden Geschöpfes wiederholt. Die Statue des Pyg­malion ist nicht wie ein natürliches Weib, sie ist nur als Schöpfung annähernd so voll­kommen wie das natürliche Geschöpf. Nicht die Ähnlichkeit, sondern das Vollkommene begründet hier die Verwandtschaft von Bild und Frau. Der Werkgedanke als Zug zur Leibhaftigkeit, verführt zu der Verallgemeine­rung, dass das Werk erst dann reif sei, wenn es sich in unbefangener Nachbarschaft neben den natürlichen Dingen bewegt. Es ist in dieser Auffassung schon von vornherein ein Vorurteil über die Fähigkeit der geistigen Sehnsucht zur Schöpfung künstlerischer Werke. Wir finden dies auch bei Nietzsche, wenn er Griechentum und Oberfläche for­dert, beispielsweise die Wagnerʼsche Musik wegen ihres Barockcharakters auch als Kunst ablehnt und ihr Bizets Carmen vorhält.

Sicherlich ist die Carmenmusik natürlichere Oberfläche, wie es überhaupt bezeichnend ist, dass einige neue französische Schriftsteller die Verwandtschaft ihres Stils mit dem alten attischen Geist behaupten. Aber auch die Kraft der Idee hat ihre Oberfläche und ihre Kunstwerke, und wenn diese nicht so natürlich erscheinen, sondern bildhafter, der Vorstellungswelt stärker unterworfen, so be­sagt das nichts gegen ihren künstlerischen Wert. Denn es ist ein Vorurteil, dass Kunst­werk und Naturorganismus sich entsprechen müssten, und dass der Künstler ähnlich schöpferisch sein müsse wie die Natur.

Wir sagten schon, dass es kein Zufall war, dass die frühen Griechen, die Naturgläu­bigen und Naturnachbarn, gerade zur Plastik gelangten. Denn es leuchtet ein, dass das Mittel dieser Kunst am allerwenigsten ideelich be­rührt ist, dass hier das Körperhafte, die Form im Natursinn den eigentlichen Ort der idealen Gestaltung hat. Weit ideenhafter sind die unräumlichen Künste der Sprache und Töne, aber selbst das Ornament, weil das alles Zeichen eines andern sind, andere Richtung, eine Getrenntheit, eine Sehnsucht künden. Dieser Charak­ter des Zeichens, des Bild­haften, des Gleichnisses liegt im Eigentüm­lichen des von der Natur entfernteren Zuges, der »fremden Fühlung«. Die Plastik ist selbst­genügsamer als die Sprache und darum das passende Mittel für das naive Schaffen im Sinn der Natur. In der Sprache aber ist die Idee, der andere Mensch.

Bei George nun ist die Sprache Mittel jenes Hinstrebens zum Leibhaften, und es ist bedeutsam, dass dem so ist. Denn wenn dadurch auch das Werk dieses Schöpfers nicht jene letzte Vollkommenheit unter den Voll­kommenheiten haben kann, weil der Zug zur Plastik nicht in der Plastik, sondern der Sprache seine Auswirkung gefunden hat, und weil im Sprachlichen andererseits wieder jene Plastik zu leisten versucht wird, so ist doch gerade dieser Umstand bedeutend ge­nug als Zeichen einer Gebundenheit: als Geistiges, noch im Zuge zum Leibhaften geistig bleiben zu müssen. Die Kunstwerke lügen nicht. Dass aber dieser bedeutende Vorgang des Geistigen, das schaffende Natur sein will, und von seinem Eigensten doch nicht loskommen kann, in dieser Kunst sich rein und getreu vollzieht, das gibt ihr eine andere Bedeutendheit, der in der Plastik die Reliefkunst entspricht, denn dort ist der Ausdruck für einen Übergang versucht: das Leibhafte, das geistig sich zu verflüchtigen wünscht, aber doch in den Grenzen der natürlichen Gestalt beharren muss.

JAKOB : Ich danke dir. Manches ist mir beim Hören deiner Rede klarer geworden, deine früheren Gedanken sind den meinen näher, als ich anfangs glaubte. Freilich sind in den Menschen beide Wünsche: Prometheus zu fesseln und ihn zu befreien. Das griechische Altertum hatte seine Plastik, aber auch seine Tragödie, geboren aus dem Geiste der Musik; hiervon spricht Nietzsche, und er nennt die Musik die »heraklesmässige Kraft«, »die den Prometheus von seinen Geiern befreite«. Die seligen Götter hatten die Titanen gestürzt, sie hatten die Herrschaft der natur­haften Wirklichkeit errichtet, sie glaubten, die Fehde zwischen Geist und Natur, zwischen Ideal und Wirklichkeit ausgeglichen zu haben; Prometheus musste gefesselt bleiben, er war der Genius des anderen, ausserwirklichen und naturfremden Ideals. Mit ihm be­ginnt die Geschichte des über die Wirklich­keit hinausstrebenden Ideals, die erst mit der letzten Verwirklichung am Ende aller Tage beschlossen wird. War er ein Menschen­freund? Er hat das Gleichgewicht gestört, aber er war die tiefste menschlichste Stimme. Die Stimme, die Musik, der ge­staltete Klang, die Dichtkunst, das Innerste, Heimlichste, das ist ihm verwandt, und der Mensch, der berufen ist über die Götter hinaus zu schaffen. Möge er regieren, bis das Ideal erfüllt ist!

JOSEPH : Die Erfüllung mag in der Zu­kunft liegen, am Ende dieser Tage, aber die Kunst, muss sie nicht gegenwärtig sein? Die Künste des zeitlichen Nacheinander, Ton- und Dichtkunst, mögen geistiger, innerlicher, menschlicher reden als die des räumlichen Nebeneinander, die Künste der Bildnerei — aber alle müssen gegenwärtig sein. Das Zu­künftige, die Seele, die Innerlichkeit sind unfassbar; wer sie darzustellen versucht, bringt unverständliche, alles und nichts sagende. Zeichen hervor. Alle Kunst ist Vermittelung, Übersetzung jenes zukünftigen, erfüllten Ideals in die Sprache des Gegenwärtigen, Wirklichen. Sie gibt die scheinbare Wirk­lichkeit des Ideals, sie stellt das Gleichge­wicht zwischen den idealen und wirklichen Kräften her, zwischen Innen- und Aussenwelt. Darum betonte ich, dass das Sein des Künstlers das Werk sei.

JAKOB : Du sprichst abermals für die Menschen und für die Gegenwart. Aber du irrtest dich, als du anfangs von Prome­theus als dem Freund der Menschen sprachst Er war der Freund der Menschheit. Die Menschen litten unter den alten Göttern, wie er an den Felsen fühlten sie sich an die Natur geschmiedet. Als ihr Leiden Stimme wurde, wurde er entfesselt.

JOSEPH : Aber gestaltete Stimme, Musik.

JAKOB : Freilich. Auf eine Erscheinungs­form, auf ein Mittel, auf den Leib bleiben die Menschen angewiesen. Nur wünsche ich, dass über dem Mittel nicht der eigentliche Zweck vernachlässigt werde. Vor allem möge die Kunst nicht den Schein erwecken, es befänden sich Ideal und Wirklichkeit im Gleichgewicht, sie möge nicht dem griechi­schen Altertum zustreben, denn sein Gleich­gewicht war eine Täuschung: die Mensch­heit litt unter der Marter ihres Freundes Prometheus. Die Kunst möge nie verkennen lassen, dass die Menschen ein Übergang sind zu dem Ideal, zu der Utopie, von der sie träumen. Nie mehr darf sie ganz Ausgleich, Stillstand sein.

JOSEPH : Wenn dem so ist, müsste dir der Gesang Stefan Georges, wie ich ihn beschrieb, unendlich teuer sein. Denn er ist wie ein Übergang von Sprache und Plastik, von Stimme und Gebild, von Ideal und Wirklichkeit.

JAKOB : Sein Gesang ist ein hohes Wunder, die Traurigkeit und Einsamkeit flüstert und tönt darin für alle Zeit. Und doch welche Kraft, welche Hoffnung! Das ist der Ton des Ideals.

JOSEPH : Und ist eine wirkliche Stimme geworden, nicht wahr?

JAKOB : Ja, aber nicht das ist das Wunder. Folge den Tönen in ihr Inneres, denn sie sind die Verheissung einer an­deren Verwirklichung und unserer letzten Zukunft.