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Franz Blei – Das Lesebuch der Marquise

Ein Rokokobuch

Hyperionverlag, Berlin, o. J.



DIE ABENTEUER

Es war gegen Ende August. Die entsetzliche Hitze den ganzen Tag über und ein Abenteuer vom vorigen Tag brachten mich in sehr schlechte Laune: ich war unausstehlich und wütend über mich selber.

Ich wußte nicht, sollte ich in irgend einem Theater gähnen oder in den Tuillerien herumschauen, als ich mich entschloß, zu meiner Zerstreuung den Chevalier ** aufzusuchen, einen jungen Leutnant bei den Musketieren, lustig und nett und liebenswürdig, und der nie, wie die meisten seiner Kameraden, vom Major und vom Dienst sprach. Allein ich hatte kein Glück: er war nicht besser aufgelegt als ich.

»Ich bin untröstlich!« empfing er mich. – »Ich bin es auch, aber was ist dir passiert? Hast du das Geld verspielt, das dir deine Leute schickten, damit du dir ein Offizierspatent bei der Kavallerie kaufst?« – »Ja, das auch, aber das ist es nicht, und was hast denn du? Bist du nicht mehr der charmante Abbé, von dem man immer gleich spricht?« – »Das ist es. Früher oder später wird man meine Verdienste würdigen; ich kann übrigens in Ruhe sterben, hab' ich nicht eine gute Wohltat des Zufalls?«

»Was nennst du denn so?« fragte der Chevalier lachend. – »Das Herz einer frommen Dame, die ganz im geheimen meine Wohlfahrt und ihr Vergnügen arrangieren will, hat mich mit der Leitung ihrer Geschäfte betraut – die Kirche hat mich zum Abbé gemacht.« – »Ich verstehe! Ich bin ja Malteserritter und erfreue mich da auch dieser Wohltat des Zufalls. Aber erzähl mir doch, was dich verstimmt?« – »Du kennst doch meine alte Präsidentin? Ich hab' sie allen meinen Freunden als eine Kuriosität gezeigt. Eine der seltensten Antiquitäten, wirklich. Gelangweilt von diesem traurigen Antiquarbetrieb, wollte ich mich mit einem etwas moderneren Stück zerstreuen, das ich in Paris auftrieb.

Eine junge sehr liebenswürdige Kaufmannsfrau. Ihre Augen sagen denen, die vorbeigehen: »Treten Sie ein, meine Herren, wenn Sie ein hübsches Bijou einkaufen wollen, wenden Sie sich an mich, und nicht an meinen Mann.«

Ich liebte sie vom ersten Tage, da ich sie sah, am zweiten sagte ich es ihr, am dritten schrieb ich ihr folgendes Billet:

›Ich weiß, mein Engel, daß Ihr Mann heut nacht über Land ist, ich komme zu Ihnen soupieren, wenn ich eine verrückte Alte loswerde, die mich mit Zärtlichkeit plagt. Ich bringe mit mir nur die Liebe, sorgen Sie dafür, daß niemand sonst bei Ihnen ist als die Grazie.‹

»Nun schrieb ich gleichzeitig der Präsidentin, daß mich eine heftige Migräne ans Haus fesselte. Gebe die beiden Briefe meinem Lakai. Der Schuft besäuft sich. Und da ich die Vorsicht brauche, niemals Adressen auf meine Liebesepisteln zu schreiben, macht dieser Bursche das unverzeihlichste Qui pro quo. Die Präsidentin bekommt den ersten Brief, kommt wütend angerast, überhäuft mich mit Vorwürfen, und da ich gerade nach einer passenden Ausrede suche, kommt die Kaufmannsfrau, ganz ängstlich über meine Gesundheit – die Migräne für die andere! – und ich bin in dem größten Embarras. Und schließlich, mein Lieber, siegt, wie immer, das Interesse über die Liebe. Ich muß Hebe verabschieden, um Cibele zu traktieren. Aber das muß sie mir teuer bezahlen, wahrhaftig!«

»Mein Beileid,« sagte der Chevalier, »und ich bitte um das deine. Ich war gestern in der Oper, im Amphitheater, angeödet, da Menschen zu sehen, die unnütze Anstrengungen machten, wie Monstra auszusehen, und kleine Monstra, die trotz aller verwandten Mühe kaum was Menschliches hatten, wollte ich schon gehen, als ich einen Engel im Kostüm einer Furie erblickte. Ich war auf der Stelle ganz weg. Wie schade, sagte ich mir, daß ein so hübsches Kind seine schönen Hände profaniert, indem sie die tödliche Fackel schwingt! Wie viel besser mit der der Liebe!

Ein Kamerad, der mit mir war, bemerkte, den Eindruck, den mir die Tänzerin machte: er verließ mich und kam nach einer halben Stunde wieder. »Sei unbesorgt,« sagte er, »du wirst die Schöne ganz nahe sehen. Der Herzog, dem sie gehört, geht heut' abend nicht zu Ihr, ich hab' die Erlaubnis bekommen, seine Stelle einzunehmen, Punkt zehn Uhr wird man zur Kleinen ein Souper bringen, das ich bestellen werde. Wir werden die Furie vermenschlichen.«

Ich konnte meinem Freund nur die Hand drücken, denn die Tänzerin trat wieder auf. Alle Ihre Bewegungen waren Wollust. Ich sah durch das Unterweltliche ihres Kostüms den Olymp ihrer Glieder.

Wir versprachen uns von dem Souper à trois ein Göttervergnügen, als ihr Herzog, den wir nicht kannten und der hinter uns saß und alles gehört hatte, was wir sprachen, aufstand und den wachhabenden Offizier im Theater aufsuchte. Er zeigt uns ihm von weitem: »Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß jene beiden jungen Leute dort gerade den Entschluß geäußert haben, sich nach der Vorstellung die Gurgel abzuschneiden, Sorgen Sie dafür, daß das nicht geschieht, indem Sie sich der beiden versichern.«

Unser Offizier dankte dem Herzog und veranlaßte meinen Kameraden und mich, in einen Wagen zu steigen, brachte jeden von uns heim und diktierte uns Arrest bis auf andern Befehl. Und die Nacht war Wut statt Genuß.

Diesen Morgen fluchte ich noch, als der Offizier eintrat, der uns verhaftete. Er kam mit meinem Kameraden und erzählte uns den Streich, den uns der Herzog gespielt hatte, der uns gleichzeitig alle drei zum Diner einlud. Der liebenswürdige alte Herr ließ uns nicht aus, wir mußten bei ihm dinieren, wo wir doch soupieren wollten, und bat uns so nett um Entschuldigung für den Tort, den er uns als alter Kamerad angetan hatte, daß wir schließlich selber über unser Abenteuer lachten. Aber trotzdem! Ich habe eine köstliche Nacht verloren.«

Den Wert der Zeit fühlen und zittern, daß man sie verliert, das sind die jungen Abenteuer.



DIE NACHTIGALL

Vergebens wird bei Tag und Nacht
Der Schönen güldnes Vlies bewacht.
Dies ist verlorne Müh. Sobald von Lust gerühret
Ein Mädchen erst geheime Flammen spüret,
So glückt's dem muntern Jüngling leicht,
Der zu gefallen weiß, an Witz dem Jason gleicht,
Die Schwierigkeiten zu besiegen
Und Wach und Drachen zu betrügen,
Zumal wenn selbst des Mädchens List
Und der erfahrne Gott der Liebe günstig ist!
Der Zwang hat Schönen oft um Zucht und Kranz gebracht,
Sie lieben heftiger, je mehr man sie bewacht,
Ihr Herz läßt willig sich verführen,
Und hat die güldne Freiheit lieb:
Der Wächter Hut, und Gitter, Schloß und Türen
Sind ein zu schwacher Damm für junger Mädchen Trieb.
Im zwölften Jahr sind Schönen schon verliebt:
Was Wunder, wenn es jetzt nicht mehr Agnesen gibt?
Denn jede sucht die Störer im Vergnügen,
Die Argus ihrer Zucht arglistig zu betrügen.
Ein wollustvoller Blick, gedeckt durch schlaue Tränen,
Ein zärtlich Wort, und Seufzen, Klagen, Sehnen,
Ein schmeichelnd Lächeln, und ein sanfter Druck der Hand,
Dies alles wird dann angewandt,
Sobald ein Mädchen strebt durch zärtliches Bemühen
Den Jüngling in ihr Netz zu ziehen!
Genug davon. Jetzt soll der Leser hören,
Was einstens, niemand zweifelt dran,
Die junge Dorilis getan,
Und dann soll mich sein Urteil lehren:
Ob Schöne, die man zwingt, nicht heimlich Flammen fühlen.
Die Doris mag nun selbst die Rolle spielen,
Und zeigen, wie der Vogel sie ergötzte,
Den sie mit List in ihren Käfig setzte.

In Welschland, oder doch nicht weit davon,
Liegt eine Stadt, den Namen hab' ich nie erfahren,
Vielleicht liegt diese Stadt gar in Utopia,
Doch weiß ich's nicht. Genug, es lebte da
Ein artig Kind von vierzehn Jahren,
Ihr Vater nannte sich Herr Varambon,
Wie ihre Mutter hieß, das will Bokaz nicht wissen,
Wir können auch den Namen leichtlich missen.
Die Tochter ward die junge Dortlis genannt,
Bei der man alles reichlich fand,
Was nach der Mädchenkenner Lehren
Ein junges Mädchen braucht, des Jünglings Ruh zu stören,
Ihr Aug', ihr schöner Arm, des weißen Busens Pracht
Schien, wie ihr Mund, zur Lust gemacht,
Es blühten Lilien auf den Wangen,
Und Rosen, die erst aufgegangen.
Zwar ihren größten Reiz verhüllt ein modisch Kleid,
Doch ihn verriet die äußre Trefflichkeit.

Bei so viel Reiz kann's Schönen zwar im Wählen
Doch nicht an jungen Buhlern fehlen.
Auch Doris war zwar vieler Wünsche Ziel,
Doch Richard war's allein, der ihr gefiel,
Durch Blicke, die weit mehr als Blicke sagen,
Durch Seufzen und verstellten Schmerz
Erobert er in wenig Tagen
Der schönen Doris junges Herz.
Sie liebten sich. Er fand in Doris' Zügen
Und sie in ihm, ihr Glück und ihr Vergnügen.
Bald aber schleichet sich ein schmachtendes Verlangen,
Ein heißer Wunsch in ihre Küsse ein,
Und beide, da sie kaum zu lieben angefangen
Verlangen mehr als nur geküßt zu sein.
Was denn? Das brauch ich nicht zu sagen,
Danach wird auch kein kluger Leser fragen.

Jedoch ein Umstand war den Liebenden zuwider,
Und schlug fast alle Hoffnung nieder.
Die Doris ward mit Sorgfalt auferzogen,
Sie mußte stets wo ihre Mutter sein,
Die war der Tochter zu gewogen
Und ließ die Dorilis bei Tage nie allein.
Bei Nachte schlief sie stets nah an der Mutter Bette:
Die Tochter, die so gern allein geschlafen hätte,
Wünscht heimlich sich von diesem Zwange frei,
Wünscht mindre Zärtlichkeit und mütterliche Treu.
Dergleichen Sorgfalt ist für Kinder nur,
Für Mädchen nicht von vierzehn Jahren,
Die was die Mutter einst erfuhr
Voll Sehnsucht wünschen zu erfahren!
Auch Doris ward es überdrüssig,
Sie brachte alle Tage müßig
Und ungeküßt und traurig zu.
Der mütterliche Ernst stört der Verliebten Ruh,
Kein Augenblick ist abzubrechen,
Sich mit dem Liebling zu besprechen.
Zwar manchmal, wann er seine Schöne fand,
Drückt im Vorübergehn er Doris' weiche Hand,
Oft wird ihr auch ein sanfter Kuß geraubt,
Doch weiter ist ihm nichts erlaubt.
Wie viel bleibt nicht bei diesem Mißgeschick
Für der Verliebten Wunsch zurück!
Doch einst, im größten Schmerz von Doris fern zu sein,
Traf ihr vergnügter Freund die Schöne ganz allein.
Hier sprach er unbehorcht: »Was helfen meine Triebe?
»Was nützet mir der Doris Gegenliebe?
»Das Glück verfolget mich zu scharf!
»Was nützt es, dich zu sehn, wenn ich nicht reden darf?«
»Selbst wenn ich klagen will, dein Mitleid zu erwecken,
»So hindert mich der Zwang, mein Herz dir zu entdecken.
»Mußt du denn stets bei deiner Mutter sein?
»Weißt du denn nicht, von ihr dich zu befrein?
»Du würdest leicht ein Mittel finden können,
»Allein du liebst mich nicht!«
»Ach, war ich falsch zu nennen,
»So würd' ich, den Verdacht zu rächen,
»Sprach Doris, härter mit dir sprechen.
»Doch bin ich dir zu gut, darum vergeb ich dir,
»Entdecke mir nur erst: Was forderst du von mir?«
Er sprach: »Mir fällt kein bessres Mittel ein,
»Als dies: Du mußt vor allen Dingen
»Dein Bette dort in jene Laube bringen,
»Da find' ich dann, wenn alles wird im Schlummer sein,
»Dich, meine Doris, ganz allein.
»Ich habe dir viel Wichtiges zu sagen,
»Doch darf ich's nicht in andrer Beisein wagen.«
Die Schöne lächelte. Ein Seufzer und ein Blick
Gab die Bewilligung zu ihres Richard Glück.
Die Liebe, die selbst Spröde weiß zu zähmen,
Gibt auch den Schönen oft Verstand.

Durch sie glückt's Doris auch, daß sie ein Mittel fand,
Sich Richards Wunsche zu bequemen.
Es wird von ihr die nächste Nacht
Aus Schalkheit schlaflos zugebracht,
Sie seufzet, ächzet, weint, bewegt sich hin und wieder,
Klagt über Mattigkeit der Glieder.
Und Varambon, der ihre Klagen hört,
Wird selbst in seinem Schlaf gestört,
Sie wacht. Ist dies wohl wunderbar zu nennen?
Ein Mädchen, das sich fühlt, wird selten schlafen können!
Sobald der Tag war angebrochen
Klagt sie, daß Mücken sie gestochen
Und sagt zur Mutter, die selbst nichts von Hitze weiß,
Die Kammer sei ihr viel zu heiß.
»Ach, dürft ich«, spricht sie ganz bewegt,
»Mein Bette nicht in jene Laube bringen?
»Da ist es kühl, da hör' ich auch die Nacht'gall singen,
»Die in der Dämmerung dort in der Hecke schlägt.«
»– – In jene Laube?« – »Ja, da wird es kühler sein.«
»– – Gut, aber Varambon . . . ich will ihn erst befragen,
»Indessen, wird es dir von ihm gleich abgeschlagen,
»So willige doch ich darein!«
Der Alte wird gefragt, doch Väter seinesgleichen
Sind gegen junge Töchter hart.
Auch Varambon ist nicht durch Bitten zu erweichen.
Ob Doris gleich nicht Kuß und Tränen spart.
Die Mutter selbst vergißt, aus Liebe für ihr Kind,
Daß Nacht und Freiheit oft den Schönen schädlich sind,
Und hilft, allein umsonst, durch sanftes Backenstreicheln
Zu ihrer Tochter Ruh dem harten Alten schmeicheln.
Der Männer Widerspruch erhitzt der Weiber Blut,
Auch Doris' Mutter nimmt die Zuflucht zu der Wut,
Umsonst sucht Varambon ihr noch zu widerstreben,
Die Furcht vor ihrem Zorn befiehlt ihm nachzugeben,
Zwei Worte spricht sie nur: Ich will!
Und schüchtern schweigt der Alte still.
Drauf folgt der Mutter Wink die Tochter willig nach
Und ändert gleich ihr Schlafgemach.
Dem Richard wird die Nachricht gleich gebracht,
Der dem Vergnügen künftger Nacht
Voll Hoffnung schon entgegenlacht.
Ein jeder Augenblick scheint Liebenden zu lang:
Auch Richard seufzt und wünscht der Sonnen Niedergang.
Sobald die Nacht ihm läßt den schönsten Wunsch gelingen,
Eilt er als Nachtigall der Doris vorzusingen.
Im Bette trifft er gleich die Schöne schmachtend an . . .
Doch was er da bei ihr getan,
Ihr Zeit und Schlummer zu vertreiben,
Das braucht dies Blatt nicht zu beschreiben –
Genug, die Doris war von vierzehn Jahren!
Die Lust, die ihn bei ihr entzückt,
Wird viel zu schwach hier ausgedrückt,
Wer sie gern wissen will, ist wert, sie zu erfahren,
Trost durch die ganze Nacht sang Nachtigall ihr vor,
Und reizte Doris' lüstern Ohr.
Sie selbst gestand: Es sei in allen Sträuchen
Mit dieser keine zu vergleichen.
Doch da sein Ton zu oft erklang,
Geschah es, daß er müd in Doris' Arme sank.
Sie selbst, die Schöne, ward bei dem verliebten Liede
Des Hörens zwar nicht satt, des Wachens aber müde.
Kurz, beide schliefen ein, und Varambon erwacht,
Sogleich wünscht er zu sehn, was seine Tochter macht.
Er, den nicht mehr die Lust, die mich noch rührt, entzündet,
Schleicht zu der Doris hin, die er entschlummert findet.
Es trifft der alte Ehrenmann
Die Tochter unbedeckt in Richards Armen an –
O hätt' ich sie an seiner Statt erblicket,
Wie hätte mich der Doris Reiz entzücket!
Ihn rührt er auch, jedoch aus Eifer nur.
So nackend wie man uns im Schatten junger Bäume
Die ersten Eltern malt, im Stande der Natur,
So lag auch Doris hier, gewiegt durch sanfte Träume.

Kaum fand der Alte sich vor Schrecken,
So eilt er gleich die Mutter aufzuwecken,
Die Varambon noch schlafend fand.
»Kind, ruft er, denke doch, der Doris ist's gelungen,
»Der Sprosser ist bestrickt, der hier so oft gesungen,
»Komm, Doris, die ihn fing, hält ihn noch in der Hand!«
»Den Sprosser? Wie? Wer hätte das gedacht!
»Wie hat das Mädchen das gemacht?
»Er pflegte durch sein Lied mich oft vom Schlaf zu wecken,
»Ist er denn groß, wird er auch Junge hecken?«
»Vielleicht, sprach Varambon, allein nimm dich in acht,
»Damit nicht dein Geschrei den Vogel schüchtern macht!«
Voll Neugier folgt sie ihm, und sieht mit neidschem Blick
Den Sprosser, und in ihm der schlauen Tochter Glück.
Als Weib will sie durch Schmähn den Schimpf der Doris rächen,
»Du Schänder!« ruft sie aus, und will noch weiter sprechen,
Allein der kluge Greis verweist sie zur Geduld und sagt:
»Was hilft dein Zorn? Du selber hast die Schuld,
»Du weißt, ich wollte nicht der Tochter Wunsch gewähren,
»Doch du bewilligst erst der Doris schlau Begehren.
»Dein Eifer kommt zu spät, umsonst sind Flüch' und Drohn,
»Wir sehn in Richard nun den künftigen Schwiegersohn.
»Kein Mittel weiß ich sonst, als wie ich schon befohlen,
»Den Priester und Notar beizeiten herzuholen.«

Gleich kommt der Priester an, begleitet vom Notar,
Und Richard ward ihr Mann, der erst ihr Buhler war.
Sobald sein Jawort ihn der Schönen zugesellt,
So weicht bei Doris' Glück der beiden Alten Trauer.
Der Alte ruft: »Nun ist die Nachtigall im Bauer,
Sie singe nun, solang es ihr gefällt.«




DIE BLUMENVERKÄUFERIN AUF DEM BOULEVARD ERZÄHLT

Sehen Sie da die Tänzerin, die selbst in ihrem Vis-à-vis hüpft, um glauben zu machen, daß sie immer sehr lebendig ist. Sie ist bös auf mich, und mit Grund. Ich habe ihr letztes Jahr einen schlimmen Streich gespielt.

Ein junger, vornehmer Herr sah sie, fand sie ganz niedlich, wollte sie haben und beauftragte einen Halbschöngeist, seinen Complaisant, sie ihm zu verschaffen, der wieder übertrug mir die Besorgung, und ich war nun von der Partie zu vier. Werden Sie es glauben, daß diese kleine Prinzessin es chokierte, sich in meiner Gesellschaft zu finden? Ich setzte ihr auseinander, daß, wenn ein Unterschied zwischen uns existierte, der zu meinen Gunsten wäre, da ich täglich Blumen verkaufe, die nicht verwelkt sind und über deren Stacheln sich noch nie jemand beklagt hätte. Sie fand an meinen guten Gründen keinen Geschmack, und dafür wollte ich sie strafen. Ich trieb es mit dem Herrn Marquis so, daß er alle meine Reize, einen nach dem andern, mit denen der Kleinen verglich, und ich hatte den Marquis, und der Complaisant blieb ihr. Ich fuhr in die Stadt zurück mit sechs Pferden, munter wie ich, und das Tanzmädchen fuhr in einer Schubkarre, die der halbe Schöngeist kutschieren mußte. Es war ein Aufzug!

Da fährt die kleine Joujou: immer noch hübsch, immer noch gesucht, aber doch sind ihre Leute nicht mehr so gut livriert wie letztes Jahr. Und der Wagen ist auch nicht mehr hervorragend. Wechselt auch nicht mehr jeden Monat die Pferde. Woher das kommt? Ich weiß es. Sie hat sich in einen Jungen aus der Gascogne verliebt, der sie ruiniert. Jeden Abend legt sie ihre Börse neben das Nachtlicht und erlaubt ihrem Liebhaber, jedesmal sich zwei Louis zu nehmen für jede deutliche Probe seiner Zärtlichkeit. Ihre Freunde läßt sie reden, daß sie bei dem Handel betrogen wird, daß die Gascogner bei allen Spielen mogeln: sie antwortet, daß sich die Frauen sehr wenig daraus machen, betrogen zu werden, vorausgesetzt, daß sie es gut werden.

Schau, schau, die göttliche Raton hat nur einen Mietwagen. Man merkt, daß sie ihren lieben Vogel verloren hat, diesen kostbaren Vogel, der ihr fünfzehn Louis jeden Tag einbrachte, und eine schöne Nacht. Was lachen Sie? Auf dieses Vogels fünfzehn Louis den Tag und eine schöne Nacht hätten Sie Eide geschworen! Hören Sie zu und schämen Sie sich, daß Sie eine so schlechte Meinung von Ihren Mitmenschen hatten.

Die Raton hatte einen süperben Papagei und vortrefflich instruiert, da er sich auf den Kulissenjargon verstand. Eines Tages brauchte die Raton Geld, also gab sie bekannt, daß sie ihren Vogel in einer Lotterie ausspiele, er sei auf fünfzehn Louis geschätzt. Das Los entschied zugunsten eines jungen Abbé, der, zu höflich, allein von seinem Glück zu profitieren, die Rückerstattung des Papageis zu so honetten Bedingungen anbot, daß sie schnell angenommen wurden. Man fand Geschmack am Lotto. Man veranstaltete es also regelmäßig jeden Tag und immer mit gleichem Erfolg. Bis eines Tages das unbeständige Glück den Papagei einem alten Offizier verschaffte, den die Raton oft mit seinem Greisenalter aufgezogen hatte. Schnell sprang der auf das Vieh, drehte ihm den Hals um und brachte ihn unserer Heldin mit der Kondolenz: »Mademoiselle, ich bringe Ihnen Ihren Vogel in einem traurigen Zustand zurück, aber in meinem Alter kann das nicht gut anders sein. Ich hoffe, daß Sie mir es nicht zum Vorwurf machen, denn ich bin mehr zu bedauern als Sie.«



Andere Lottounternehmungen! Sehen Sie sich doch die zwei dickgeschminkten Gesichter an, deren Besitzerinnen mit ihrer Rotondität die enorme Berline ganz ausfüllen. Sie waren vergangenen Sommer in Rouen, wo sie annoncierten, daß sie ihrer Diamanten müde seien und sie ausspielen wollten. Die Anbeter beeilten sich, Lose zu kaufen. Sie nehmen das Geld, erklären, am nächsten Tage sei Ziehung, reisen in der Nacht ab und lassen ein Schreiben herumgehen des Wortlauts: »Wir haben uns allein in unser Appartement eingeschlossen, wir haben die Lotterie ausgespielt, meine Schwester hat die beiden Kolliers gewonnen, ich die Ohrringe und die Nadeln. Wir haben, wie Sie sehen, Glück. Adieu.«

Da fährt die Baronin von ** mit ihrem Mann, ich habe sie miteinander ausgesöhnt. Ich tue manchmal ein gutes Werk, wie dies zum Beispiel.

Die Baronin lebte seit langem mit ihrem Gatten, als ob sie geschieden wären. Sie ist keine Frau, die geduldig die Langeweile der Witwenschaft ertragen kann. Sie vertraute mir also ihr Leid an und bat mich, ihr mein Haus zur Verfügung zu stellen, um da ganz dezent ihre Tröster zu sehen. Ich hatte nichts dagegen. Ich bediente sie mit großer Aufmerksamkeit und aller möglichen Diskretion, in der Hoffnung, daß die Entschädigung den Diensten entsprechen würde. Aber die Baronin, die den Eifer der jungen Leute hatte und deshalb viele Kosten machte, gab mir nur einen Louis die Woche. Ich war pikiert, Und wollte mich rächen. Das geschah so:

Eines Tages, da die Dame gerade Gesellschaft bei mir erwartete, lief ich zu ihrem Mann, ich erzählte ihm, daß eine junge hübsche Frau ganz toll in ihm sei und bei mir auf ihn warte. Er war auf Abenteuer aus, das von mir vorgeschlagene machte ihn nicht scheu: er flog und fand seine würdige Gemahlin. Sie können sich die Szene denken, die er ihr machte, und wäre schon fast schlimm ausgegangen, wenn sie nicht auf einmal ein großes Taschentuch hervorgezogen und weinend geschrien hätte: »Allzugeliebter und allzuperfider Mann! Jetzt sehe ich also deine Untreue, die mir deine Kälte nur allzudeutlich verriet! Ich sterbe jetzt, aber es macht nichts, und ich bin froh, durch diese List mich ganz von meinem Unglück überzeugt zu haben und eile ein Leben zu verlassen, an das mich nichts mehr halten kann, nachdem ich das Herz des Einzigen verloren habe, den ich anbete.« Und wirft sich auf ein Kanapee, röchelnd, mit den Zähnen aufeinandergepreßt, stöhnend, zuckend und schließlich wie tot.

Ich war selber erst ganz paff und wäre beinahe darauf hereingefallen, wenn mir nicht die ohnmächtige Schöne, um mich in ihr Interesse zu ziehen, unmerklich einen wertvollen Diamanten in die Hand hätte gleiten lassen. Da wurde ich wieder ganz Eifer für sie. Ich machte dem Gatten Vorwürfe, der, ganz Liebe, Respekt und Dank sich seiner Frau zu Füßen warf und um Verzeihung für alle seine Geschichten bat. Ich fand es an der Zeit, mich zurückzuziehen. Und durch das Schlüsselloch sah ich den Baron den Frieden unterzeichnen und schwören, daß die Baronin die tugendhafteste und anständigste Frau sei, auf demselben Kanapee, das so oft Zeuge vom Gegenteil gewesen war.

Ich bitte Sie, bewundern Sie doch den Hochmut dieser Rosette, die mich über die Achsel ansieht, weil sie einen Wagen hat und Dienerschaft und Diamanten. Aber das ist, weil ich noch im Alter bin, wo man gefällt, und weil sie anfängt, alt zu werden. Dann bekommen sie immer diesen Blick über die Achsel weg. Mein Gott, es braucht nur einen guten Augenblick, und ich sitze in der Fülle. Und eine schlimme Viertelstunde braucht es nur, so ist ihr Glück gewendet und ihre Karosse ein Tonnenwägelchen. Diese Mädchen, das ist wie meine Blumen: kultiviert zum Verkauf hat sie ein Geschickter gepflückt, heute zahlt ein Elegant weit über den Wert dafür, morgen kommen sie, dank der Sorgfalt, Ihnen einen Rest von Frische zu bewahren, in die Hände eines Kammerdieners, übermorgen liegen sie in der Straße und sind die Beute der Canaille.




DIE SEIDNEN SCHUH

Nun Muse singe mir, du Mutter loser Märchen,
Von keinem König zwar, von keiner Königin,
Von Schuster Johann nur – und seiner Schusterin,
Von einem jungen Abt, von einem süßen Herrchen,
Er heiß' einmal zum Scherz Abbé von Rosenmund,
Wie Amor schalkhaft, kühn – wie Bacchus fett und rund,
Der oft beim ersten Blick ein Mädchenherz besiegte,
Doch nicht mit Mädchen bloß zum Zeitvertreib begnügte,
Der junge Weiber auch, die über Mißgeschick
Im Ehebett geklagt, nicht lang ließ trostlos flehen,
Der ihren Kummer sich ließ tief zu Herzen gehen,
Mehr als kein Heiliger half er zum Kinderglück.
Er hielt mit jedem Tag die Runde durch Paris,
Wo jeder Abend ihm auch neue Beule wies.
In seiner Nachbarschaft ließ sich ein Schuster nieder,
An Schultern Herkul gleich, sonst wie Adonis schön,
Mit allem, was auch nur die Mädchen reizt, versehn,
Wie Hagedorns Johann, der muntre Seifensieder,
Sang er vom Morgen früh bis in die Nacht hinein,
Dem Wein- und Liebesgott aus vollem Halse Lieder,
(In jedem Stande kann der Weise glücklich sein!)
Ihm war in ganz Paris an Fleiß kein Schuster gleich,
Vom niedlichsten Geschmack – und so erfindungsreich
War keiner als Johann. – Er war der Schuster Krone.
Sein Name war bekannt vom Comptoir bis zum Throne.
Den Hof beschuhet er, beschuht die halbe Stadt,
Ganz Frankreich find't, daß er nicht seinesgleichen hat.
Wie höflich war Johann! Und wenn er Maß nahm,
Geschah's mit Grazie – wenn marmorweiße Glieder
Aus Zufall oder Gunst Johann zu sehn bekam,
Mit holdem Lächeln schlägt er seine Augen nieder,
Berührt den netten Fuß mit ehrfurchtsvoller Scham,
Ihr Schönheitskenner sprecht, ist wohl ein Reiz so fein
Als Waden fleischig rund, ein schlank gedrechselt Bein,
Sprich, Freund, wer möchte nicht Johann der Schuster sein?
Aus Mode, Landsgebrauch, zum Abendzeitvertreib
Wählt sich Johann, mein Held, ein derbes junges Weib,
Von Wangen rot und weiß, von Wüchse schlank und fein.
Die mehr verdient als nur Frau Schusterin zu sein.
Kaum fünfzehn Sommer alt, Wie manche Königin
Weicht nicht an Grazien der jungen Schusterin!
Jedoch: blind ist das Glück – so gut als reichen Leuten
Fällt solch ein Kleinod oft dem ärmsten Schuft zur Beuten,
Am Fenster sieht der Abt das junge Weib einmal,
Er fühlt in seinem Fleisch verbotner Lüste Pfahl.
Was tut er? Geht er gleich zur schönen Schusterin,
So wie ein Seladon, von Sehnsucht lechzend hin?
O nein, das tut er nicht – davor wird er sich hüten,
Nie muß man Schönen sich zum Spielball anerbieten,
In solchen Fällen ist ein Abbé viel zu schlau:
Von ferne grüßt er nur die schöne junge Frau.
Nie läßt das erste Jahr der Mann das Weib allein,
Und mußt es je geschehen – Nadinen sperrt er ein.
An Johanns Arm geht sie nur Sonntags durch die Gassen
Und selten darf sie sich am Fenster sehen lassen.
Doch nur Geduld – das Herrchen find't schon Rat,
Was Böses ist geschehen, das nicht ein Priester tat?
Geradezu schickt er – zu wem? – zu ihrem Mann.
»Wohnt nicht ein Schuster hier, und heißt er nicht Johann?«
Fragt seine Kammermagd. »Mein Jüngferchen zu dienen
Die feinsten Schuhe schwör' in ganz Paris ich Ihnen.«
»Ganz gut, er steht im Ruf, es sagt der Hof, die Stadt,
Daß Meister Johann hier nicht seinesgleichen hat.
Kommt mit mir heim, mein Freund – nehmt meinem Herrn das Maß
Vorüber wohnt er gleich, Johann, in Eurer Straß'.
Wenn sie dem kleinen Fuß des Herren niedlich passen,
Wird nirgends als bei Euch er sich beschuhen lassen.
Doch er versteht sich drauf, er will recht feine Schuh!«
Johann geht freudig mit – und schneidt drei Paare zu.
»Doch Freund,« sagt der Abbé – »weil schlecht beschuht ich bin,
So schickt mir, wenn Ihr könnt, ein Paar gleich morgens hin.«
Frohlockend eilt nach Haus der glückliche Johann,
Und ungesäumt fängt er die Arbeit singend an.
»Weib denk – ein hübscher Herr hat bei mir Schuh' bestellt,
O möchte mir für ihn ein Meisterstück gelingen!
Ich strenge nun, daß ihm die Arbeit wohlgefällt
Mein ganzes Wissen an, Du sollst sie morgens bringen,
Weil ich den Jungen jetzt von Haus nicht lassen kann.
Vor einem Kruzifix traf ich ihn kniend an!«
Das Weibchen rümpft die Stirn, doch wie gesagt, getan,
Mehr wünschte sich der gute Pater nicht.
Nadine kommt. – Welch niedliches Gesicht!
Sagt der Abbé ihr gleich: »Willkommen schönes Kind!«
»Hier sind die Schuh, mein Herr, wenn sie gefällig sind,
Probieren Sie einmal, ob sie dem Fuße passen!«
»Ei warum nicht, mein Kind (schon wollt' er sie umfassen),
»Welch glühend schwarzes Aug', das eine Königin
»Nicht schwärzer haben kann, so wahr ich ehrlich bin!
»Hört Ihr, mein schönes Kind, Ihr sollt vor allen Dingen
»So oft ich Schuh bestell', sie mir persönlich bringen.
»Ha, welch ein Marmorarm, welch voller Fuß, wie klein!
»Euch schuf der Himmel nicht, Frau Schusterin zu sein!
»Welch Heer von Grazien, und – für die Welt vergraben?
»Ein Herzog kaum verdient, solch eine Frau zu haben!
»Welch Engelsbildung! Oh sprich, Glückesgöttin, sprich,
»Sprich Unschuld, Schönheit . . . Ei, wohin versteckst du dich?«
Nadine neigt sich tief – denn eine Schusterin:
Fleuretten hört sie gern, so wie die Königin.
Der Herr wird nun vertraut und streichelt ihr das Kinn,
Nadine wagt es kaum die Augen aufzuschlagen,
Wer wird den neuen Kunden gleich zu erzürnen wagen?
»O Gott, mein schönes Kind, wie glücklich ist Johann,
Der so viel Grazien besitzen kann!«
Er faßt sie bei der Hand, drückt sie mit vielem Feuer,
Mit jedem Schritte wird der Herr Abbate freier.
Was soll Nadine tun? Sie drückt ein Auge zu.
»Mein Engel,« fragt er sie, »was kosten Ihre Schuh?«
»Drei Taler,« sagt sie ihm, »das Leder ist sehr fein.«
»Drei Taler: wie, nicht mehr? kann dies wohl möglich sein?«
Gleich wird Johann dem Schuster aufgetragen
Sechs Paare noch in Zeit von zehen Tagen
Ihm zu verfertigen – und dann für Damen zwei.
»Wie sehr ich mit Johann und Euch zufrieden sei,
Kann Ich mein Engelchen, Euch nicht bezeugen,
Nehmt einen Taler hier für Eure Mühe hin.«
Nadine schlägt es aus mit höflichem Verneigen.
»Sie scherzen wohl mit mir, nur drei gehören mir,
Behalten Sie Ihr Geld, mehr nehm' ich nicht dafür!«
»Mein Kind, Ihr nahmt die Müh sie in mein Haus zu bringen.«
»War dies nicht meine Pflicht?« Zuletzt läßt sie sich zwingen.
Noch einmal schwört er ihr, wie jung, wie schön sie ist,
Und eh' sie sich's versieht, ist Mund und Stirn geküßt.
Nadinen sieht man noch mit Lieb und Anstand ringen –
Kämpft man aus Anstand nur, leicht ist man zu bezwingen.
Er schlüpft vom Mund zum Hals, vom Hals zum Busen hin,
Kein Busen war so schön, als unsrer Schusterin,
Obgleich er Busen schon bei hunderten gesehen!
Kein Halstuch kann den Herrn, kein Schnürleib hintergehen,
Je mehr er Neues sah, je mehr er Reize fand.
Nadine heuchelt zwar noch immer Widerstand,
Doch beider Sprache weicht nun einer Pantomime:
Sie spielen feuriger als Tänzer auf der Bühne.
Ist laute Sprache wohl zur Liebe so bequem,
So reich an Harmonie, so sanft, so angenehm?
Spricht man mit Schönen erst durch eine dreiste Hand,
So kriegt der blödste Kopf oft himmlischen Verstand.
Obgleich Nadine sich erst wie ein Mädchen schämte,
Dem man zum erstenmal von einem Gatten spricht,
So war doch diese Scham von langer Dauer nicht,
Weil sie errötend sich zum letzten Schritt bequemte.
Der Herr Abbé erbittet sich den freien Zutritt aus,
Nadine lächelt ja, – Nie kommt er in ihr Haus,
Daß neue Arbeit er nicht ihrem Mann befahl,
Wenn er zu Haus ihn fand – und binnen wenig Tagen
Muß zu dem Herrn Abbé Nadine selbst sie tragen.
Sie weigert sich zum Schein – so wie das erste Mal.
Johann versieht ihn stets als ein geschickter Meister,
Vertrauter wird man bald bei einem Gläschen Wein,
Burgunder schenkt der Herr dem Schuster reichlich ein,
Der Freund des Hauses wird auch bei dem Weibe dreister.
Allmählich geht Johann fast jeden Abend aus,
Sein trautes Weibchen läßt er einsam oft zu Haus:
Nach jährigem Genuß brennt Amors Fackel schwach,
Zuletzt läßt Eifersucht auch mit der Liebe nach.
Zwar warnt er immer noch: »Laß keine Seele rein!«
Der Tor! ein junges Weib, kann das wohl einsam sein?
Ein Schnupftuch zeigte bald Johanns Abwesenheit,
Wenn diese Fahne flog, war der Abbé nicht weit,
Einst gibt dem Herren nun die Schusterin das Zeichen,
Er kommt, find alles schon bereitet zum Festin,
Mit offnem Arm empfängt ihn seine Schuster in –
Doch nun spielt Cypripor von seinen Schelmenstreichen!
Ein schwaches Licht erhellt ein düsteres Klosett,
Sein ganz Geräte war ein Tisch, ein Stuhl, ein Bett,
Sie wagen sich hinein, sich Amors Dienst zu weihn,
Umsonst: ihr Opfer will für diemal nicht gedeihn!
Stark pocht man an der Tür – sie guckt zum Fenster naus –
Hilf Himmel! Johann war's! und schon tritt er ins Haus.
Wie jammert unser Paar – Abbate will verzagen,
Er zittert wie ein Laub. »Was wird wohl Johann sagen,
Wenn er bei dir mich sieht, so spät im Schlafgemach?
Mein Kind, verlaß mich nicht – und denk ein bißchen nach,
Wie mir zu helfen ist. Wie war ich zu beklagen,
Ertappte mich Johann! Was wird mein Schicksal sein?«
In einen Kleiderschrank sperrt ihn Nadine ein.
Kaum ist er weggeschafft, so tritt Johann herein,
»Mein Schätzdien, du hast wohl was wichtiges vergessen,«
Ruft ihm Nadine zu, »so frühe schon nach Haus
Kämst du sonst nicht.« – »Ich ging heut' ohne Geldbörs' aus,
Zum erstenmal hab ich auf Borg beim Wein gesessen.
Gib mir zum Kleiderschrank, mein Kind, den Schlüssel her.«
»Mein Schatz, ich hab ihn nicht – du nicht? bei meiner Ehr.«
»Wo Teufel steckt er denn? Wenn du den Frieden liebst,
So trachte, daß du gleich mir meinen Schlüssel gibst,
Sonst gibt es Püffe, Weib.« – »Hilf Himmel, welch Geschrei!
Wer wird gleich böse sein für solche Kleinigkeit!
Schäm vor den Nachbarn dich! denn, welche Büberei,
Wenn für ein Schlüsselchen zwei hätten sich entzweit!
Ich hab ihn nicht« – Schon gut, die Tür schlag ich entzwei.
Potz Velten, laß nur sehn, wer Herr im Hause sei!
Gleich pocht mit Hand und Fuß er an des Schrankes Tür.
»Mein Freund, was hilft es dir, die Türe zu zerbrechen,
Willst du an diesem Holz, willst du an mir dich rächen?
Wie viel bedarfst du Geld? – Freund Heinz, der borgt es dir!«
(Ein Nachbar, der beim Lärm herzugelaufen wer.)
»Zwei Gulden,« sagt Johann – »Des Zwistes muß ich lachen!
Da lohnt sich's wohl der Müh' so viel Tumult zu machen.«
Sprach Heinz, und schmunzelte – und lehnte sie ihm dar,
»Dacht ich beim Henker gar, es wäre Feur im Haus!«
Freund Johann nimmt das Geld, und geht besänftigt aus.
Zum Schranke eilt sogleich Nadine lächelnd hin.
»Herr Pater sprecht, ob ich kein kluges Weibchen bin?
Ob nicht der Weiber List der Männer Witz berückt?
Kein Wort? – ich glaube gar, mein Liebster ist er erstickt?
Herr Pater, he, schlaft Ihr?« – Ganz leis durchs Schlüsselloch
Ruft er: »Schließ auf mein Kind – mich dünkt ich atme noch.«
Sie öffnet – und zieht ihn aus seinem Futter raus.
»Ist«, fragt er sie halb tot, »Johann nicht mehr im Haus?«
»Nein, weg ist er – und wird so bald nicht wiederkommen.«
»Ha, Drache, was hat mich an dir so eingenommen?
So oft ich schon geliebt, so manchen Schelmenstreich
Mir Amor schon gespielt – nein, dem ist keiner gleich!
Geübter ist kein Weib in Ränken und Intrigen,
Den Mann berücken nur – welch pöbelhaft Vergnügen?
Den Mann, den Sizisbee zu gleicher Zeit betrügen,
Ein solcher Sieg scheint nur Nadinens Ehrgeiz schön.
Leb wohl, du Schlange! nie werd ich dich wiedersehn!«
Von Zorne schäumend schleicht er aus des Schusters Haus.
Nadine konnte lang versichern, bitten, schwören,
Er glaubt der Schönen nichts, will keine Gründe hören.
Ihr flucht er, und läuft weg – Nadine lacht ihn aus.
So schmeckt oft Amors Frucht zuletzt wie Wermut bitter,
Oft schließt den schönsten Tag ein grauses Ungewitter,
Oft glänzt so noch die Lust an bangen Kummer an,
Daß ihre Grenzen kaum das Herz bemerken kann.
Doch: Sturm und Regen folgt stets wieder Sonnenschein,
Dies Sprichwort trifft voraus bei den Verliebten ein.
Sie kann der Eigensinn auf wenig Wochen trennen,
Ist auf der Erde wohl ein einzig liebend Paar,
Das stets so zärtlich bleibt als es im Anfang war?
Und oft entzweit man sich, nur um verzeih'n zu können.
So hüllt sich Phöbus oft in düst're Wolken ein,
Und schöner glänzt hindurch der güldnen Strahlen Schein.
Zerteilt bisweilen gleich ein Sturm der Liebe Flammen,
Bald haucht Cythereris Sohn sie wiederum zusammen.
Drum ändert der Abbé bald wieder seinen Sinn,
Bemühet sich mit seiner Schuster-Schönen,
Wie Christen es geziemt, bald wieder auszusöhnen,
Geht, wenn Johann bei Haus in seine Bude hin.
Sein Zorn wird Sehnsucht bald, Nadinen nachzugeben,
Sie zu gewinnen ist sein emsiges Bestreben.
Denn wen besänftigt nicht ein reizendes Gesicht?
Die Rache stirbt darum in seinem Busen nicht.
Nadine, wie der Abt, ist auch von Fleisch und Blut,
Ihr Evens Töchterchen! schmeckt nur verbotnes Gut.
Sie folget der Natur, sie folgt Cupidens Trieben,
Je mehr er sie gehaßt, je mehr will sie ihn lieben.
Von neuem steckt sie ihm das Friedenszeichen aus,
Das Schnupftuch fliegt – der Abbé flieht ihr Haus,
Nadinen will er nicht auf ihrem Zimmer sehen,
Ihn schreckt der Kleiderschrank – geschehen ist geschehen.
Zwar nickt er freundlich ihr, holdselig grüßt sie ihn,
Doch wer die Hand verbrennt, wird stets das Feuer fliehn.
Wie geht's? Den ersten Schritt muß nun Nadine wagen,
Und in des Herren Haus von neuem Schuhe tragen.
Da schließt der Friede sich – was man sich Leids getan,
Vergißt man wechselweis so gut man will und kann.
Er drückt sie wie vorher, und küßt und herzet sie,
So zärtlich waren sie, seit sie sich kannten, nie.
Champagner sieht man bald im Glase schäumend winken,
Denn ohne Bachus Hilf wird Cypris Knabe hinken,
Man ißt, man trinkt, man spielt manch kleines Händespiel,
Das ich aus Wohlstand jetzt nicht nennen kann, noch will.
Von alter Unart ist's nicht leicht sich zu entwöhnen,
Die Wurzel liegt zu tief – gesteht mir's nur, ihr Schonen!
Die Schäferstunde schlägt bald diesem holden Paar,
Wer unterliegt nicht gern solch reizender Gefahr?
Doch fromme Christen schaut, was Satans Bosheit tut:
Als in des Kleinen Arm Nadine sicher ruht,
Kommt der verhaßte Schrank ihm plötzlich in den Sinn,
Gleich schickt er im geheim zu Meister Johann hin.
Von Rache schwanger sucht er schlau ein panisch Schrecken,
Wie das, so er empfand. Nadinen zu erwecken,
Johann folgt ganz vergnügt der Kammerzofe Schritt,
Berechnet den Gewinn, bringt seinen Maßstock mit.
»Hier, wertester Johann, versteckt in diesem Bette,
Liegt dir, wie Milch und Blut, ein engelgleiches Kind,
So schön – wie deine Frau, für das ich gern geschwind
Ein nettes Pärchen Schuh nach neuster Mode hätte.«
»Glück zu, Abbate! ha! welch schlauer Kopf Sie sind!
Nun weisen Sie mir's auch, gut kann ich Scherz verstehen
»Nichts als den Fuß sollst du von meinem Liebchen sehen,
Weil über diesen Punkt ich etwas kitzlich bin,
Reich Liebchen deinen Fuß dem Meister Johann hin.



Nur er verdient's, daß er den schönsten Fuß bediene!«
So sagt der Herr Abbé der bebenden Nadine.
Vor Furcht und Angst erstarrt streckt endlich, weil sie muß,
Sie Meister Johann hin den schmalen kleinen Fuß.
Die Deck' hebt der Abbé ein bißchen in die Höh,
Damit der Schuster mehr als nur ihr Füßchen seh,
Schon wässert ihm der Mund – sich selber ganz entrücket
Steht Johann da und ruft: »Herr Pater, ei, wem's glücket,
So lehrt ein Sprichwort uns, der führt die Braut nach Haus,
Ha, warum wählt' ich mir nicht solch ein Mädchen aus!
Entspricht dem, was ich sah, ihr Auge, Mund und Wangen,
Traun, so wird kein Serail mit solcher Schönheit prangen.
Hätt' Nadehen einen Fuß, ein Bein, das diesem gleich,
Ja, Johann glaubte sich mehr als sein König reich!
Für einen Geistlichen ein fürstlich Leckerbissen,
Wie Marmor glänzt gewiß der Busen, Hals und Leib,
So schwarz als Roggenbrot scheint gegen sie mein Weib.«
Ras<h drückt der lose Schelm auf Bein und Fuß ein Küßchen.
Nadinen dringt der Schweiß zu jedem Nagel aus,
Wohl tausendmal verwünscht sie ihres Liebsten Haus.
Die Szene fing nun an verwickelter zu werden,
Dem Abbé selber wird erst bang in seiner Haut,
Er beißt die Lippen sich, verrät sich durch Gebärden,
Nur wenig fehlte noch, so lacht er überlaut.
Doch pfui, Herr Abbé pfui! Heißt dieses Liebe lohnen?
Stets soll ein feiner Mann der Weiber Schwachheit schonen.
Hätt' Johann seine Frau an Fuß und Bein erkannt,
Wart ihr, war nicht sein Weib in seiner Rächerhand?
Bedenkt, wie oft er ihr so Fuß und Waden maß,
Zu weit ging euer Spiel – und nun wird's mehr als Spaß.
Jedoch zum Glücke ging die Sach' für beide gut.
Mißlingt Cupiden was von allem, was er tut?
Er schickt den Schuster weg, empfiehlt vor allen Sachen,
Dem schonen Kind die Schuh hübsch und geschwind zu machen.
»Herr Pater, ohne Sorg', gleich morgen habt Ihr sie!«
Und wie gesagt getan – er bringt sie morgens früh.
Kein Hofmann war Johann, nicht Prahler, nicht verlogen,
Nie ward von ihm ein Kund' mutwillig aufgezogen.
»Herr Pater, hier sind schon die neu bestellten Schuh!
Ein Meisterstück der Kunst! – da sehn Sie selber zu,
Ob sie, wie Sie's gewünscht, dem schönsten Fuße passen,
Doch besser wär's von mir sie anprobieren lassen,
Nur einmal lassen Sie mich ihre Schöne sehn,
Für einen Mann allein ist doch kein Mädchen schön!
Sehn Sie die Arbeit an, wie leicht, wie nett, wie fein,
Wie reizend wird Ihr Kind in diesen Schuhen sein?
Zum Lohn für meinen Fleiß, mein Seel, das kann nicht gehen,
Soll ich jetzt nicht einmal die schöne Kundin sehen?«
»Mein redlicher Johann –umsonst ist dein Bemühen!
Wie rasch verwandeln sich in Schmerz der Liebe Freuden?
Das schöne Kind entwich – nimm Teil an meinen Leiden!
Wie treulos Weiber sind, beglückt kann man sie fliehen!
Pack deine Schuh nur ein – Nadinen schenk ich sie!«
Er zahlt die Arbeit ihm – sie wieder heimzutragen,
Läßt Meister Johann sich gewiß nicht zweimal sagen.
Mit War' und Geld zurück beladen ging er nie.
O könnt' ich jeden Tag solch einen Narren finden!
Denkt Johann bei sich selbst. – Die Botschaft anzukünden
Eilt singend er nach Haus, »He, trautes Liebchen, Frau
Geschwind, propier die Schuh! Sie passen so genau
Als halt' man sie für dich bestellen lassen!
Dir schenkt dies Pärchen Schuh ein feiner junger Mann.
Du kennst ihn gut, mein Kind « sagt lächelnd ihr Johann.
Am Fenster der Abbé – ruft, ob die Schuhe passen.
»Vollkommen«, sagt Johann. – Herr Abt begreift Ihr das?
Gerad als ob die Schuh' ich an Nadinen maß!
Recht herzlich freut es mich, daß sie so trefflich stehen,
Zeitlebens sollt Ihr uns, Herr Pater, dankbar sehen«,
Sagt er, und bückt sich tief–unwissend der Gefahr,
Die seiner Stirne droht – g'nug, daß er dankbar war. –
Sprecht nun, ihr Herren, die ihr alle klüger seid,
Ob meines Schusters Glück euch nicht von Herzen freut?
Wo lebt ein Hahnrei wohl zufriedener auf Erden?
Ich wenigstens, sollt' ich einst Ordensbruder werden.
Und welcher Sterbliche, so schlau, so groß er sei,
Ist, wenn er Eh'mann wird, von dem Verdachte frei,
Nicht anders wünscht' ich es als Freund Johann zu sein:
Ein Pärchen Schuh' trug's ihm, und ohne Wissen ein.
Froh wiederholt er stets: Sie paßten so genau! . . .
Es lebe Freund Johann und seine schöne Frau!





EINE NACHT UND NICHTS MEHR

Die Komtesse *** nahm mich ohne mich zu lieben, fuhr Dämon fort, und sie betrog mich. Ich ärgerte mich, sie verließ mich. Doch war alles ganz in der Ordnung. Anfangs hatte ich sie geliebt, und um mich nun besser zu rächen, wollte ich sie jetzt wiederhaben, wo ich sie meinerseits nicht mehr liebte. Es glückte, ich verdrehte ihr den Kopf: was ich wollte. Sie war mit Frau von T*** befreundet, die mir seit einiger Zeit Augen machte und große Absichten mit meiner Person zu haben schien. Wo ich war, da war sie auch, tat als ob sie mich närrisch liebte, ohne daß sie übrigens dabei etwas von ihrer Würde aufgab oder von ihrem Geschmack an der Dezenz, an der sie, wie man sehen wird, sehr peinlich festhielt.

Als ich eines Abends die Komtesse in ihrer Opernloge treffen wollte, kam ich, so früh hin, daß es blamabel war; man hatte noch nicht angefangen. Kaum war ich in die Loge getreten, als ich mich aus der nebenan beim Namen nennen hörte. Es war die reizende Frau von T***!

»Wie? Sie sind da? Kommen Sie doch herüber.«

Ich war weit davon, von diesem Zusammentreffen all das Romantische und Ungewöhnliche zu erwarten, das es in der Folge haben sollte. Man kommt mit der Phantasie der Frauen sehr schnell vorwärts, und die der Frau von T*** war an diesem Abend äußerst lebhaft.

»Ich muß Sie aus einer lächerlichen Situation retten, so allein und früh in der Loge. Ich muß . . . ja, die Idee ist famos, und da Sie schon da sind, ist nichts einfacher, als daß Sie darauf eingehen. Eine göttliche Hand muß Sie hergeführt haben. Haben Sie zufällig etwas für den heutigen Abend vor? Und wenn auch: ich entführe Sie. Lassen Sie sich entführen, stellen Sie keine Fragen, leisten Sie keinen Widerstand – überlassen Sie sich der Vorsehung, und rufen Sie meinen Diener. Sie sind ein ganz einziger, ein deliziöser Mensch . . . ich bete Sie an . . .«

Man schickt mich also hinunter, ich gehorche. Ich rufe, man kommt.

»Geh er nach Hause zu diesem Herrn,« befiehlt sie dem Diener, »und sage er, daß der Herr diesen Abend nicht nach Hause kommt . . .« Dann flüstert sie ihm noch was zu, und der Diener geht. Ich will etwas sagen, aber die Oper beginnt, und man heißt mich still sein. Man hört zu oder tut so. Kurz vor Schluß des ersten Aktes überreicht man Frau von T*** ein Billett, mit den Worten, daß alles bereit sei. Sie fächelt, nimmt meine Hand, wir gehen hinunter, sie läßt mich in den Wagen steigen, gibt ihre Befehle, und ich bin schon die Stadt draußen, bevor ich nur die Frage anbringen kann, was man mit mir da anfängt.

Jedesmal, wenn ich fragte, kam ein Lachen als Antwort. Hätte ich nicht genau gewußt, daß sie eine Frau von der großen Leidenschaft war und gerade jetzt eine allgemein bekannte starke Neigung für jemanden hatte – sie mußte wissen, daß ich davon wußte –, so hätte ich an mein Glück zu glauben versucht sein können. Auch sie wußte ganz genau, wie es mit mir stand, denn die Komtesse war, wie ich schon sagte, ihre intime Freundin. Ich enthielt mich aber aller schmeichelhaften Gedanken und wartete was kommen würde. Es ging dahin wie der Blitz. Die Geschichte schien mir nun doch ernster. Ich fragte eindringlicher, wie weit mich der Spaß bringen solle.

»Er wird Sie an einen sehr hübschen Ort bringen. Wissen Sie wohin? Sie ahnen es nicht . . . Nämlich zu meinem Gatten. Kennen Sie ihn?«

»Nein, ich kenne ihn nicht.«

»Macht nichts, dafür kenn ich ihn ein bißchen. Sie werden ganz zufrieden sein. Man söhnt uns nämlich aus. Das läuft seit sechs Monaten, und seit einem Jahre schreiben wir uns wieder. Ich denke, es ist doch nett von mir, daß ich ihn besuche, nicht?«

»Ja. Aber, ich bitte, was soll ich dabei? Was soll ich dabei gut sein?«

»Das sind meine Sachen. Wissen Sie: ich fürchte mich vor der Langeweile dieses Tete-à-tete. Sie sind liebenswürdig, und mir ist viel leichter, weil ich Sie mit habe.«

»Ausgerechnet am Tage der Aussöhnung mich vorzustellen, das kommt mir doch etwas bizarr vor. Sie machen mich da glauben, daß ich ohne Folgen bin, wenn man das mit fünfundzwanzig Jahren sein kann, Und dann; diese unangenehme Situation eines ersten Wiedersehens . . . ich sehe wirklich für keinen von uns dreien etwas Lustiges in der Geschichte, die Sie da einfädeln.«

»Ich bitte: keine Moral! Sie verfehlen den Gegenstand Ihrer Aufgabe. Sie sollen mich amüsieren, mich zerstreuen, aber nicht mir predigen.«

Als ich sie so entschlossen sah, wollte ich es mindestens ebensosehr sein. Also lachte ich über mich. Wir wurden sehr lustig, und schließlich fand ich, daß sie recht hatte.

Wir hatten schon zweimal Pferde gewechselt. Die mysteriöse Fackel der Nacht leuchtete auf einem reinen Himmel eines sehr wollüstigen Dämmerns. Wir kamen dem Ort näher, wo das Tete-à-tete sein Ende haben sollte. Von Zeit zu Zeit hieß man mich die schöne Landschaft bewundern, die Ruhe des Abends und die rührende Stille der Natur. Um das alles gemeinsam zu bewundern, neigten wir uns natürlich an das gleiche Fenster, und da brachte eine Bewegung des Wagens ihr Gesicht an das meine. Da drückte sie mir auf einmal die Hand, und ich hatte durch den allermerkwürdigsten Zufall der Welt Frau von T*** in meinen Armen. Ich wußte nicht, was wir in dieser Stellung zu sehen und zu bewundern suchten. Sicher ist, daß es mir vor den Augen flimmerte, als man sich heftig von mir losriß und in den Fond des Wagens zurückfallen ließ. Nach einigem Schweigen:

»Sie wollen mich wohl von der Unvorsichtigkeit meines . . . Vorhabens überzeugen, das ist wohl Ihre Absicht, nicht?«

Die Frage überraschte mich.

»Absicht . . . mit Ihnen . . . Sie sehen mehr als . . . es war ein Zufall, eine Überraschung . . . ist das so Schlimmes?«

»Es scheint, Sie haben mit diesem Zufall gerechnet.«

Ohne daß wir es merkten, waren wir am Schlosse vorgefahren. Alles war hell erleuchtet, verhieß Lustigkeit und Freude, außer das Gesicht des Schloßherrn, das so etwas sich Sträubendes hatte. Er zeigte es ganz deutlich, daß es nur Familiengründe waren, die eine Aussöhnung bedürftig machten. Die Wohlerzogenheit brachte ihn aber doch bis an das Portal. Ich werde vorgestellt, reiche die Hand und bin, von meiner gerade beendigten Rolle träumend, ganz gegenwärtig und zukunftswartend. Ich werde durch ebenso prächtige wie geschmackvolle Räume geführt: der raffinierte Luxus ist die Liebhaberei des Schloßherrn. Er suchte gesunkene Kräfte der Natur durch die Bilder der Wollust wiederzugewinnen. Ich wußte nichts zu sagen und rettete mich in die Bewunderung, Die Göttin beeilt sich, die Honneurs des Tempels zu machen und dafür die Komplimente zu empfangen.

»Da sehen Sie gar nichts,« sagt sie, »ich muß Sie in das Zimmer des Herrn fuhren.«

»Eh, Madame, das hab ich vor fünf Jahren ganz ausräumen lassen, es ist nichts mehr zu sehen.«

»Ah?« sagt sie, während sie an was ganz anderes denkt.

Ich wollte herauslachen, als ich sie so vortrefflich auf dem Laufenden in ihrem Hause sah. Wird sie ihm nicht beim Souper Rindsbrust anbieten und Monsieur wird sagen: Madame, seit drei Jahren esse ich nur mehr Hühnerfleisch –? Und sie wird sagen: Ah? und an was ganz anderes denken. Man kann sich eine Unterhaltung ausmalen, die zwischen drei Leuten statthat, die ganz erstaunt sind, sich beieinander zu sehen.

Das Souper war zu Ende. Ich dachte, daß wir nun zu Bett gehen würden, aber ich dachte nur für den Gatten richtig. Während man in den Salon ging, sagte er:

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Madame, daß Sie die Vorsicht hatten, Herrn Dämon mitzubringen. Sie haben sich gedacht, daß ich nicht fürs lange Aufbleiben bin, und Sie haben ganz richtig gedacht, denn ich ziehe mich zurück.« Darauf wandte er sich zu mir und sagte etwas ironisch: »Sie werden mich schon entschuldigen und es wohl übernehmen, meinen Frieden mit Madame zu machen.« Und damit verließ er uns.

Wir sahen einander an, und um sich von den Gedanken zu bringen, die ihr dieser Rückzug ihres Gatten machte, schlug mir Frau von T*** einen Gang auf die Terrasse vor, währenddem die Leute abendessen würden. Die Nacht war ganz wundervoll: sie ließ den Gegenständen gerade so viel von ihren Formen, daß sie der Phantasie noch mehr Weite gab. Der Schloßgarten fiel in Terrassen zur Seine hinunter ab, zerbröckelte unten in kleine pittoreske Inselchen, was einen charmanten Anblick bot.

Wir promenierten auf der obersten weitesten Terrasse, unter dichten Bäumen. Man hatte den anfängtlich persiflierenden Ton aufgegeben und machte einander nun Konfidenzen. Konfidenzen ziehen einander an, also machte ich auch welche, und sie wurden beiderseits immer intimer, interessanter. Wir schritten lange auf und ab. Erst hatte sie mir ihren Arm gegeben, dann hatte sich, ich weiß nicht wie, dieser Arm so geschlungen, daß ihn meine Hand halten mußte, daß er nicht zur Erde sinke. Die Stellung war angenehm, aber auf die Dauer ermüdend, und wir hatten uns einander noch manches zu sagen. Da war eine Moosbank, auf die man sich niederließ, ohne die Verschlingung aufzugeben. Es war in dieser Position, daß wir anfingen, das Lob des Vertrauens zu singen, seiner Charme und seiner Süßigkeit.

»Wer«, sagt sie, »könnte sich auch sorgloser dieses Vertrauens freuen, wo ich doch genau weiß, wie starke und welche Bande Sie fesseln, so daß man nichts neben Ihnen zu befürchten hat.«

Vielleicht wollte sie widersprochen sein, aber ich tat's nicht. Wir sagten und versicherten einander also gegenseitig, wie es unmöglich sei, daß wir jemals etwas anderes für einander sein könnten als das, was wir eben jetzt wären.

»Und doch besorgte ich, daß die Überraschung, der Zufall von vorhin im Wagen Sie erschreckt hätte.«

»Ach, ich bin nicht so leicht alarmiert.«

»Und doch fürchte ich, daß er Sie etwas scheu gemacht hat.«

»Aber nein, gar nicht! Soll ich Sie vom Gegenteil überzeugen?«

»Sie könnten es.«

»Und wie?«

»Sie erraten es nicht?«

»Sie müssen mich aufklären.«

»Ja, aber ich muß sicher sein, daß Sie mir verzeihen.«

»Also ja, und?«

»Geben Sie mir den Kuß, der Sie vorhin überrascht hat, aus freien Stücken wieder.«

»Aber gerne. Sie würden zu eingebildet werden, wenn ich ihn verweigerte. Sie würden etwa gar meinen, daß ich Angst vor Ihnen habe.«

Also: ich sollte mir nur ja keine Illusionen machen. Ich bekam den Kuß.

Es ist mit den Küssen wie mit den Konfidenzen: sie ziehen einander an, sie mehren sich, erhitzen sich, die einen an den andern. Der erste Kuß war kaum gegeben, als ihm schon ein zweiter folgte, und noch einer, sie drängten sich in die Unterhaltung, sie ersetzten sie, gerade für ein bißchen Aufseufzen ließen sie noch Platz. Die Stille kam, man hörte sie – man hört manchmal die Stille – und sie erschreckte. Wir standen ohne ein Wort auf und gingen ein Stück.

»Wir müssen hinein,« sagte sie, »die Abendluft ist nicht gut für Sie.«

»Ich glaube, sie schadet Ihnen weniger,« sagte ich.

»Ja . . . mir weniger als einer andern . . . aber, gehen wir doch hinein.«

»Sie nehmen Rücksicht auf mich . . . Sie . . . Sie wollen mich vor der Gefahr schützen, welche die Eindrücke einer solchen Promenade für mich allein haben kann, vor den fatalen Folgen?«

»Sie geben meinen Gründen sehr viel Delikatesse . . . Aber gehen wir hinein, ich verlange es.«

(Das sind so Worte, die man Zweien hingehen lassen muß, die sich größte Mühe geben, so gut als es geht, was anderes zu sagen als was sie zu sagen haben.) Wir schlugen also den Weg zum Schloß ein.

Ich weiß nicht, ich wußte es wenigstens nicht, ob dieser Entschluß sie etwas kostete, ob es wirklicher Wille mit Gründen war, oder ob sie den Verdruß teilte, den ich empfand, als ich eine Sache, die so angenehm angefangen hatte, so enden sah. Aber ganz instinktiv wurden unsere Schritte langsamer, und wir gingen traurig, einer mit dem andern unzufrieden und mit sich selber. Wir wußten uns nicht aus. Keiner von uns hatte ein Recht, zu verlangen, zu begehren: nicht einmal das Hilfsmittel eines Vorwurfes hatten wir. So blieb alles in uns eingesperrt und gezwungen, Daß einen doch ein Streit erleichtert hätte! Aber woher einen nehmen? So waren wir schweigend damit beschäftigt, uns der Pflicht zu unterwerfen, die wir uns so ungeschickt auferlegt hatten.

Wir waren am Portal, als endlich Frau von T*** sprach:

»Ich bin gar nicht zufrieden mit Ihnen . . . Nach dem Vertrauen, das ich Ihnen bewiesen habe, ist es schlecht von Ihnen, mir keins zu schenken: Sie haben mir die ganze Zeit über nicht ein Wort von der Komtesse gesagt. Es ist doch so süß, von dem zu sprechen, das man liebt! Und ich hätte Ihnen mit Interesse zugehört. Das ist das Geringste, was ich tun kann, nachdem ich es beinah riskierte, ihr Sie zu rauben.«

»Ich kann Ihnen denselben Vorwurf machen. Statt mich zum Vertrauten Ihrer ehelichen Aussöhnung zu machen, hätten Sie mir von einem Gegenstande Ihrer Neigung erzählen können, von einem . . .«

»Dämon, reden Sie nicht weiter. Vergessen Sie nicht, daß ein bloßer Verdacht uns verletzt. So wenig Sie auch die Frauen kennen, müssen Sie doch wissen, daß man warten muß, was sie einem beichten, und nicht . . . Aber, wie weit sind Sie mit der Komtesse? Macht man Sie glücklich? Ich fürchte wirklich das Gegenteil, und das tut mir so leid. Ich interessiere mich so sehr für Sie! Ja, ich interessiere mich für Sie, . . . mehr als Sie vielleicht denken.«

»Weshalb, Gnädige, wollen Sie mit der Menge, die es amüsiert, zu übertreiben und zu vergrößern, glauben, daß ich ein Verhältnis mit der Komtesse habe?«

»Gott, ersparen Sie sich das. Ich weiß doch alles ganz genau. Die Komtesse tut viel weniger geheimnisvoll ab Sie. Frauen von ihrer Art sind sehr freigebig mit den Geheimnissen ihrer Anbeter, besonders wenn eine Diskretion wie die Ihre ihre Triumphe geheim hält. Ich nenne sie durchaus nicht kokett, aber eine Prüde hat nicht weniger Eitelkeit als eine Kokette. Aufrichtig: sind Sie nicht oft das Opfer gerade solcher Frauen? – So reden Sie doch!«

»Gnädige Frau wollten doch hinein . . . . . die Luft . . . . .«

»Ist jetzt wieder ganz angenehm.«

Sie hatte wieder meinen Arm genommen und wir promenierten, ohne daß ich mich kümmerte wohin. Was sie mir von ihrem Geliebten sagen wollte, den ich ihr erriet, was sie von meiner Geliebten sagte, die Reise da heraus, die Szene im Wagen, auf der Bank, Situation, Zeit, alles das verwirrte mich, Verlangen, Eitelkeit, Reflexion wechselten beständig in mir ab. Außerdem war ich zu aufgeregt, um mir einen Plan zu machen, bestimmte Entschlüsse zu fassen. Und sie sprach währenddem immer fort und immer von der Komtesse, und mein Schweigen bestätigte ihr natürlich, was sie mir zu sagen sich gefiel. Einiges, was ihr so entschlüpfte, brachte mich wieder zu mir.

»Wie ist sie doch schlau,« sagte sie, »und mit solcher Grazie! Eine Perfidie wird in ihren Händen eine entzückende Sache. Eine Untreue, das ist bei ihr wie etwas, das vernünftigerweise sein muß, gar nicht so Aufgehen, Hingeben. Immer liebenswürdig, selten zärtlich, niemals wahr, verliebt aus Charakteranlage, prüde aus System, lebhaft, klug, gewandt, oft ganz dumm tuend, sensibel, kokett, gescheut – ein Proteus der Formen, eine Grazie der Manieren. Was hab ich sie schon Leute herrichten sehen! Übrigens unter uns, sie hat einen ganzen Hofstaat von Düpierten um sich. Wie hat sie sich doch über den Baron lustig gemacht! Und was Streiche dem Marquis gespielt, Gott . . .! Als sie Sie zum Liebhaber nahm, war es, um zwei etwas zu ruchlose Rivalen zu zerstreuen, die schon auf dem Punkt waren, einen Eklat zu machen. Sie hat sie zu viel Schule reiten lassen, das gab ihnen Gelegenheit, sie zu beobachten. Und wie es beinah zum Klappen kam, da wurden Sie auf die Szene gebracht, und ihr wäret alle vier zufrieden. Ach! Was nicht alles eine geschickte Frau über die Männer vermag! Und wie glücklich man ist, wenn man bei diesem Spiel alles so tut, als ob und doch nicht so viel tut!« Frau von T*** begleitete diese letzten Worte mit einem sehr intelligenten Seufzer; er sollte entscheidend wirken. Es war der coup de maître.

Ich fühlte, daß man mir eine Binde von den Augen nehmen wollte und ich sah die nicht, die man mir anlegte. Ich war von der Wahrheit des Portraits frappiert. Meine Geliebte kam mir als die falscheste aller Frauen vor, und ich bildete mir ein, in ihr das sensibelste Wesen zu umarmen. Ich seufzte auch, ohne zu wissen, an welche Adresse, ohne herauszukriegen, ob aus Bedauern oder aus Hoffnung. Man schien verstimmt darüber, sich zu weit haben gehen zu lassen im Bericht über eine Frau, der verdächtig erscheinen konnte, da er von einer Frau kam.

Ich begriff gar nichts. Wir verfolgten die große Straße des Sentiments und stiegen darauf so hoch, daß uns das Ende dieser Reise zu erkennen unmöglich war. Nach vielem fast methodischen Drumherumgehen und Ausweichen machte man mich am Ende einer Terrasse auf einen Pavillon aufmerksam, einen Zeugen vieler süßer Augenblicke. Man detaillierte mir seinen Plan, seine Möblierung. Wie schade, keinen Schlüssel zu haben! Plaudernd kamen wir näher. Er war offen. Es fehlte ihm nichts als die Helle des Tages. Aber die Dunkelheit gab ihm auch seine Reize. Außerdem wußte ich, wie charmant der Gegenstand war, der ihn verschönen sollte.

Wir schauerten, als wir eintraten: es war ein Sanktuarium, und das der Liebe! Und der Gott ergriff uns, unsere Knie wichen. Und blieb uns keine Kraft sonst als die der Gott gibt. Verschlungen sanken wir wortlos auf ein Kanapee. Der Mond ging unter und sein letzter Strahl nahm den Schleier einer Scham hinweg, die, glaube ich, nicht am Platze und lästig war. Alles zerging in der Dunkelheit. Die Hand, die mich zurückstoßen wollte, fühlte mein Herz schlagen, man wollte von mir weg und fiel weich zurück. Unsere Seelen trafen sich, vermehrten sich, aus jedem unserer Küsse entstand eine neue Seele . . . Als die Trunkenheit unserer Sinne uns wieder uns selbst gegeben hatte, konnten wir den Gebrauch der Stimme nicht wiederfinden und wir unterhielten uns in der Stille in der Sprache des Gedankens. Sie drückte sich in meine Arme, verbarg ihr Gesicht an meiner Brust, stöhnte, beruhigte sich bei meiner Liebkosung. Sie betrübte sich, tröstete sich und verlangte Liebe für alles, was ihr die Liebe geraubt hatte.



Diese Liebe, die sie anders erschreckt hätte, beruhigte sie jetzt. Wenn man auf der einen Seite das geben will, was man sich nehmen ließ, so will man von der andern das empfangen, was man gestohlen hat, und hier und dort beeilt man sich, einen zweiten Sieg davonzutragen, zur Versicherung seiner ersten Eroberung.

Alles das war ein bißchen rasch gekommen. Wir fühlten unsern Fehler. Wir nahmen im Detail vor, was uns entgangen war. In der Hitze ist man nicht delikat, Man läuft Sturm auf den Genuß und überrennt alles Köstliche, das vor ihm liegt. Man zerhaut einen Knoten, man zerreißt eine Spitze. Überall markiert die Wollust ihren Weg, und bald gleicht das Ideal einem Opfer.

Ruhiger kam uns die Luft, reiner, frischer vor. Wir hatten vorher gar nicht den Fluß gehört, dessen leises Rauschen neben dem Pavillon die Stille der Nacht brach. Die Dunkelheit ließ nichts unterscheiden, aber durch den transparenten Crêpe einer schönen Sommernacht machte unsere Phantasie aus einer Insel vor dem Pavillon im Fluß einen Zauberort. Der Fluß war voller Amoretten, und die Wälder von Knidos waren nicht so von Liebespaaren bevölkert als wir auf dem andern Ufer sahen. Liebespaare waren überall und keins glücklicher als wir. Was war uns Amor und Psyche! Ich so jung wie jener, sie so reizend wie diese! Und jeder Augenblick bot mir eine neue Schönheit. Die Leuchte der Liebe gab den Augen meiner Seele Licht, und der ruhigste der Sinne bestätigte mein Glück. Ist die Angst gebannt, so suchen die Liebkosungen die Liebkosungen. Sie nennen sich viel zärtlicher: man will nicht mehr, daß eine Gunst geraubt werde. Raffinement. Die Weigerung ist ganz furchtsam, scheu nur, und nichts als eine zärtliche Sorge. Man hat Verlangen, man will nicht, es ist die Unterwürfigkeit, die gefällt . . . das Verlangen schmeichelt . . . Erregung . . . und man betet an . . . man wird nicht nachgeben . . . man hat nachgegeben.

»Ach!« sagte sie, »wir wollen von da fort. Da will man immer wieder und wieder und hat keine Kraft zu widerstehen. Komm.«

Wir traten hinaus. Sie sah sich ein paarmal um: eine Flamme schien über dem Pavillon zu glänzen. »Du hast ihn für mich eingeweiht,« sagte sie. »Wer wird es jemals da verstehen, mir so zu gefallen wie du? Ach! wie du lieben kannst! Wie ist sie glücklich! . . .« »Wer denn?« fragte ich erstaunt. Wir kamen an der Moosbank vorbei und blieben unwillkürlich stehen, in dieser stummen Bewegtheit, die so viel bedeutet, – Dann: »Wie viel Raum zwischen hier und woher wir kommen. Ich bin so voll Glück, daß ich kaum denken kann, daß ich Ihnen widerstanden habe.« Ich fühlte nicht gleich alles das, was diese Worte Verpflichtendes einschlossen und wofür mich ihr Sinn engagierte. Ich sagte: »Soll ich hier alle die Reize sich verflüchten sehen, von denen ich da unten voll war? Soll diese Bank immer mein Verhängnis sein?« – »Gibt es das, wenn ich mit dir bin?« – »Ja doch, wenn ich hier so unglücklich sein soll wie dort glücklich. Die wahre Liebe vermehrt die Pfänder; sie glaubt, nichts bekommen zu haben, solange ihr noch etwas zu verlangen bleibt.« – »Noch . . . Nein, ich kann's nicht erlauben . . . Nein, niemals . . .« Und dies alles in einem Ton, der nicht befolgt, dem nicht gehorcht sein wollte. Was ich also ganz vollendet interpretierte.

Ich bitte den Leser, sich zu erinnern, daß ich kaum fünfundzwanzig Jahr alt war, und daß, was man in dem Alter tut, niemanden verpflichtet, Unsere Konversation änderte den Gegenstand, sie wurde weniger seriös. Man riskierte sogar einen Scherz über die Vergnügen der Liebe, analysierte sie, indem man die Moral von ihr trennte, sie auf das Einfache reduzierte und bewies, daß sie eben ein Vergnügen sei daß es – philosophisch gesprochen – wirkliche Verpflichtungen nur mit der Öffentlichkeit gebe, indem man sie ihre Nase hineinstecken ließe und mit ihr einige Indiskretionen begehe. »Was für eine herrliche Nacht«, sagte sie, »haben wir verbracht, bloß von diesem Vergnügen verlockt, unserm Führer, unserer Entschuldigung. Zwängen uns Gründe, uns morgen zu trennen, unser Glück, von dem keiner weiß, ließe uns zum Beispiel kein Band aufknüpfen. Einiges Bedauern, das eine angenehme Erinnerung gut machte . . . und dann, au fait, Vergnügen, Lust, Genuß ohne alle diese Längen über die Zeit, die Unruhe und die Tyrannei der üblichen Verfahren.«

Wir sind so sehr Maschinen – und ich erröte –, daß ich trotz aller Delikatesse vorher jetzt zumindest halb auf diese Grundsätze einging, die ich sublim fand, ich fühlte schon eine sehr nahe Disposition für die Liebe zur Freiheit.

»Die schöne Nacht, die schöne Gegend, acht Jahre ist's her, daß ich sie verließ, und alles ist mir wie neu. Wir werden niemals das Kabinett im Pavillon vergessen, nicht wahr? Das Schloß hat ein noch hübscheres, aber man kann Ihnen nichts zeigen: Sie sind wie ein Kind, das alles anrühren will, was es sieht, und alles zerbricht, was es anrührt.« Eine plötzliche Neugierde, die mich überkam, ließ mich ihr versprechen, sehr brav zu sein, und nur das zu tun, was sie wollte und erlaubte. Aber Frau von T*** gab dem Gespräch eine andere Richtung.

»Diese Nacht«, sagte sie, »wäre vollkommen schön, hätte ich mir nicht einen Vorwurf zu machen. Ich ärgere mich über das, was ich Ihnen über die Komtesse gesagte habe. Nicht daß ich mich über Sie beklagen will, Sie waren so – dezent als es möglich war. Das Neue reizt, Sie haben mich hübsch gefunden und ich glaube gern, daß Sie in gutem Glauben gehandelt haben. Aber die Gewohnheit zu zerstören, dazu braucht es lange, und ich fühle, daß ich nicht damit an ein Ende komme. Mir fehlt das Zeug dazu. Und dann: ich habe alles verbraucht, was ich habe. Was können Sie noch von mir hoffen? Was verlangen? Und was tut man mit einer Frau ohne Verlangen und ohne Hoffnung? Ich habe Ihnen alles gegeben: vielleicht verzeihen Sie mir einen Tag des Rausches, nachher, wenn das Überlegen kommt . . . Übrigens, wie haben Sie meinen Mann gefunden? Recht langweilig, nicht wahr? Ach ja, die Ehe ist nichts Lustiges. Unsere Freundschaft dürfte ihm etwas verdächtig vorgekommen sein. Wir dürfen deshalb die erste Reise nicht zu lang werden lassen, er dürfte sonst doch vielleicht ganz schlechter Laune werden. Wenn Gesellschaft kommt, später . . . Aber Sie werden auch etwas zu tun haben . . . Erinnern Sie sich an das Gesicht, das er gestern machte, als er uns verließ?« Sie bemerkte den Eindruck, den ihre letzten Worte auf mich machten, und sprach schnell weiter: »Ach ja, er war viel lustiger, damals, als er sich das Kabinett einrichten ließ, von dem ich Ihnen erzählte. Das war vor meiner Verheiratung, es war neben meinem Schlafzimmer, und es war für mich niemals etwas anderes als ein Beweis . . . für die künstlichen Hilfsmittel, die Herr von T*** zur Befestigung seiner Gefühle brauchte und für den geringen Schwung, den ich seiner Seele gab.«

Immer wieder kam sie so auf das Kabinett zurück und reizte meine Neugierde.

»Es war neben Ihrem Schlafzimmer und es wäre ein Vergnügen, Sie zu rächen, wenn ich es sein könnte, der Sie die einsamen Stunden vergessen macht und die Enttäuschungen und . . .«

Sie erfaßte mit einer prompten Intelligenz, was ich sagen wollte, und sagte, mehr überrascht als beleidigt: »Wenn Sie mir versprechen, brav zu sein . . .«

Ich muß zugeben, daß ich mich noch nicht in der rechten Verfassung fühlte, die heiligen Orte zu besuchen, aber ich war so neugierig. Es war nicht mehr Frau von T***, die ich verlangte, es war dieses Kabinett. Wir waren ins Schloß gegangen. Die Lampen auf den Stiegen und Korridoren waren ausgelöscht, wir irrten in einem Labyrinth. Die Schloßherrin selber fand sich nicht gleich zurecht. Endlich kamen wir an die Türe zu ihren Gemächern, die jenes Kabinett einschlossen. – »Wohin führen Sie mich?« fragte ich, »soll ich rufen?« – »Sie erlauben doch . . .« – »Alles! Alles!« Brav zu sein, diesen meinen Schwur hatte man natürlich in der Hoffnung entgegengenommen, daß ich eines Meineids fähig sei. Wir machten leise die Tür auf und fanden zwei Frauen eingeschlafen im Vorraum, die eine jung, die andere älter. Die letzte war die Vertraute und wurde aufgeweckt. Man sagte ihr etwas ins Ohr, und alsbald verschwand sie durch eine unsichtbare Tür in der Holzverkleidung. Ich bot mich für die Dienste der jungen an, die schlief, und man nahm sie an. Frau von T*** legte alles Überflüssige ab. Ein einfaches Band hielt das Haar. Sie steckte eine Rose hinein, die ich im Garten gepflückt hatte und zerstreut in der Hand hielt. Ein offenes Kleid ersetzte die Toilette von vorhin. Ich fand sie schöner als je. Eine kleine Müdigkeit hatte ihre Augenlider schwerer gemacht und das gab ihrem Blick etwas süß Schmachtendes. Ihre Lippen waren noch lebhafter rot, was das Email ihrer Zähne hob und das Lächeln noch sinnlicher machte. Verführerischer war sie, als sie sich meine Phantasie in den zärtlichsten Momenten gedacht hatte. Da öffnete sich die Tür an der Wand, die Vertraute zeigte sich für einen Augenblick und verschwand.

Bevor wir in das Kabinett traten, sagte sie ganz ernst zu mir: »Sie haben niemals den Ort gesehen, wo wir jetzt hingehen, wissen auch nichts von ihm, merken Sie sich das und machen Sie keine Dummheiten. Im übrigen bin ich beruhigt.«

»Ich bin die Diskretion selber, man verdankt ihr so viele glückliche Stunden.«

Alles das war wie eine Einführung, eine Einweihung in ein Geheimnis. An der Hand führte sie mich durch einen dunklen kleinen Korridor. Mir schlug das Herz wie einem jungen Proselyten, den man zur Feier der großen Mysterien führt. – »Aber Ihre Komtesse,« sagte sie und blieb stehen . . . Ich wollte antworten, die Tür ging auf, und was ich sah, machte mich sprachlos. Ich fing an, an Zauberei zu glauben. Die Tür schloß sich wieder und ich sah nicht mehr, wo ich hereingekommen war. Ich sah nun ein luftiges Boskett, einen weiten Raum geschlossen von bemaltem Glas. Ein sanftes Licht machte manches deutlicher, ein anderes in Dämmer verschwimmen, woher das Licht kam, das sah man nicht. Hier und da kleine silberne Räucherpfannen, deren Duft berauschte. Die Seite, an der wir hereingekommen waren, bildete einen Portikus aus Laubengängen, Gegenüber war ein Amor, der Kränze verteilte, vor der Statuette ein Altar, auf dem eine Flamme brannte, und Kränze und Guirlanden und ein Becken war da. An der linken Wand ging es in eine dunkle Grotte. Der Gartengott wachte am Eingang. Der Boden war mit einem dicken grünen Teppich bedeckt, auf dem es sich ging wie auf weichem Rasen. Rechts stand eine baldachinüberdeckte Estrade mit einer Unzahl von Kissen, auf die sich die Herrin dieses Ortes noncholant niederließ. Ich kniete vor ihr hin, sie neigte sich zu mir, drückte mich in ihre Arme und alsbald sah ich diese Insel bevölkert mit glücklichen Paaren.

Das Verlangen wurde stärker, da es sich im Bilde auf den Glaswänden sah. – »Soll ich ohne Kranz bleiben?« fragte ich. – »Und Ihre Schwüre?« sagte die Dame und erhob sich. – »Ach, ich war ein Sterblicher, als ich sie leistete. Sie haben mich zu einem Gotte gemacht, und Sie anbeten, das ist mein einziger Schwur.« – »Kommen Sie, das Dunkel des Mysteriums soll unsere Schwäche verbergen . . .«, und sie ging zur Grotte. Kaum waren wir eingetreten, als uns, ich weiß nicht welche geschickt gehandhabte Feder vorwärts schob und uns gleichzeitig auf einen Berg von Kissen fallen ließ. Dunkel und Schweigen waren in diesem Heiligtume. Unser Seufzen redete, sagte alles, was wir fühlten, gesteigert fühlten . . . Wir verließen die Grotte. Die Szene war geändert. An Stelle des Altars und der Amorstatue war die des Gartengottes. (Dieselbe Feder, die uns so merkwürdig in die Grotte geschnellt hatte, hatte diese Änderung verursacht.) Wir hatten diesem neuen Gotte unsern Dank zu sagen. Er konnte in meinen Augen lesen, daß ich noch seiner Gunst würdig war.

»Nun,« sagte nach einer Weile meine schöne Dame und hob kaum die wollustfeuchten Augen – »werden Sie die Komtesse jemals so lieben wie mich?«

»Ich vergaß ganz,« sagte ich, »daß ich je wieder zur Erde zurück muß.« Sie lächelte, gab ein Zeichen, und alles verschwand. »Gehen Sie schnell,« sagte im Eintreten die vertraute Kammerzofe, »es wird Tag und man hört schon Geräusch im Schloß.«

Alles entschwand mir mit der Schnelligkeit, wie das Aufwachen einen Traum zerstört, und ich fand mich auf dem Korridor, ehe ich wieder meine Besinnung hatte. Ich wollte auf mein Zimmer. Aber wo ist das? Alles Fragen hätte mich verraten, wäre eine Indiskretion gewesen. Das Klügste schien mir, wieder in den Garten hinunter zu gehen, wo ich bleiben konnte, bis ein Morgenspaziergang wahrscheinlich wurde. Die frische Luft beruhigte mich nach und nach und tat mir sehr wohl. Statt einer verzauberten künstlischen sah ich die naive Natur. Ich fühlte die Wirklichkeit wieder, mein Denken ordnete sich, ich atmete auf. Ich hatte nichts Wichtigeres als mich zu fragen, ob ich der Geliebte der Dame sei, die ich gerade verlassen hatte, und ich war sehr überrascht, darauf keine Antwort zu finden. Wer mir gestern gesagt hätte, daß ich mich das heute fragen würde! Ich, der ich zu wissen glaubte, daß sie sterblich und seit zwei Monaten in den Marquis *** verliebt ist! Ich, der ich mich so verliebt in die Komtesse wähnte, daß mir jede Untreue unmöglich vorkam! Und nun Frau von T***. . . ist es denn wirklich wahr? Hat sie mit dem Marquis gebrochen? Was für ein Abenteuer und eine Nacht! Und ich fragte mich, ob ich nicht noch immer träumte. Ich hatte mich auf eine Bank gesetzt und überließ mich diesen Gedanken. Zweifel und Sicherheit und wieder Zweifel. Ich vernahm neben mir Geräusch. Ich schaute auf, rieb mir die Augen . . . ich konnte es nicht glauben . . . es war der Marquis.

»Du hast mich nicht so früh am Morgen erwartet, nicht wahr? Also wie ist es gegangen, wie war's?«

»Du wußtest also um mein Hiersein?« fragte ich erstaunt.

»Aber natürlich. Man ließ es mir gestern sagen, als du abfuhrst. Hast du deine Rolle gut gespielt? Der Gatte muß deine Ankunft recht lächerlich gefunden haben, wie es übrigens im Programm stand. Wann schickt man dich wieder heim? Ich habe für alles gesorgt. Ich hab dir einen guten Wagen mitgebracht, du brauchst nur deine Befehle zu geben. Bin zu Gegendiensten immer bereit. Frau von T*** brauchte einen Stallmeister, und der warst du und hast sie auf der Reise hübsch amüsiert. Das ist alles, was sie wollte, und meine Erkenntlichkeit . . .«

»Nein, nein, ist gar nicht nötig. Ich tat es mit Vergnügen. Und Frau von T*** wird dir sagen können, daß ich mehr tat, als wofür du mir je erkenntlich sein könntest.«

Der Marquis begann mir das Mysterium der Nacht zu entschleiern und mir den Schlüssel dazu zu geben. Ich war im Augenblick in meiner Rolle. Jedes Wort war am rechten Platz, ich hätte laut auflachen mögen. Alles, was da geschehen war, nicht sehr komisch zu finden, wäre schwierig gewesen.

»Aber weshalb so früh?« fragte ich den Marquis. »Es wäre vielleicht klüger gewesen . . .«

Alles ist ganz genau besprochen und bestimmt. Es gibt keine Überraschungen in der Sache. Es ist abgemacht, daß mich ein Zufall hierher führt. Ich komme angeblich von einer Gesellschaft in der Umgebung. Hat dich denn Frau von T*** nicht unterrichtet? Dieser Mangel an Vertrauen ist nicht hübsch von ihr, nach allem, was du für uns getan hast.«

»Sie wird gewiß ihre Gründe gehabt haben, und vielleicht hätte ich anders auch meine Rolle nicht so gut gespielt.«

»War lustig, nicht? Erzähl mir doch im Detail, mein Lieber . . .«

»Ach, einen Augenblick! Ich wußte ja nicht, daß es eine Komödie sei, und wenn ich auch schon in dem Stücke eine Rolle spiele . . .«

»Den Helden hast du nicht gespielt, allerdings.«

»Weißt du, für einen guten Schauspieler gibt es keine schlechten Rollen.«

»Ich verstehe, du hast dich gut aus der Affäre gezogen.«

»Ganz wunderbar!«

»Und Frau von T***?«

»Sublim! Sie spielt einfach alles.«

»Verstehst du, wie man diese Frau fesseln konnte? Es hat mir eine Heidenmühe gekostet. Aber ich hab sie so weit gebracht, daß sie vielleicht die Frau in Paris ist, auf deren Treue man sich am meisten verlassen kann, ja ich möchte sagen, durchaus verlassen.«

»Das hast du ganz richtig herausbekommen.«

»Ja, das ist mein spezielles Talent. Ihre ganze Unbeständigkeit war nichts weiter als Frivolität und Laune. Aber man mußte sich eben der Seele bemächtigen !«

»Das ist es!«

»Nicht war? Du hast keine Ahnung, wie sie an mir hängt! Und sie ist doch reizend, nicht? Unter uns: sie hat nur einen Fehler; die Natur, die ihr alles gab, versagte ihr diese göttliche Flamme, die das höchste gibt. Sie erregt alles, läßt alles fühlen, aber sie bleibt kalt, ist Marmor.«

»Ich muß dir wohl glauben, denn ich, ich kann natürlich nicht . . . Aber weißt du, daß du diese Frau kennst, als ob du ihr Gatte wärst? Es ist täuschend, und wenn ich nicht gestern mit dem wirklichen Gatten soupiert hätte . . .«

»Wie war er übrigens?«

»Man war niemals mehr Ehemann.«

»Es ist doch ein famoses Abenteuer. Aber ich finde, du lachst nicht genug darüber. Empfindest du denn nicht all das Komischie, das dir passiert ist? Ja, das Welttheater bietet merkwürdige Stücke und so unterhaltend! Aber gehen wir hinein. Ich muß Frau von T*** sehen. Sie muß schon auf sein. Sie weiß, daß ich früh komme. Anständigerweise muß man mit dem Gatten anfangen. Komm zu dir hinauf, ich will etwas Puder auflegen. Also er hat dich richtig für den Liebhaber gehalten?«

»Du wirst meine Erfolge nach dem Empfang beurteilen, den man mir bereiten wird. Es ist neun Uhr. Gehen wir zum Herrn Gatten.«

Ich hatte Gründe, mein Appartement zu meiden. Ich hatte ja keine Ahnung, wo es war, und das durfte der Marquis natürlich nicht merken. Der Zufall führte uns daran vorbei. Die Tür stand offen, mein Diener schlief in einem Lehnstuhl. Eine Kerze brannte neben ihm zu Ende. Er wachte bei unserm Eintritt auf und ganz verschlafen reicht er dem Marquis meinen andern Anzug, macht ihm einige Vorhaltungen über sein spätes Kommen. Ich stand auf Nadeln. Aber der Marquis merkte nichts und lachte nur über den verschlafenen Burschen. Ich gab dem meine Befehle für die Abreise, und wir begaben uns zum Gatten, Man kann sich denken, wer nett empfangen wurde. Ich war es nicht, und das war auch ganz in der Ordnung. Der Marquis wurde wiederholt inständig zum Bleiben eingeladen, und der gute Gemahl wollte ihn zu seiner Gattin führen, damit sie ihm auch noch zurede. Mir erklärte man, daß man es nicht wage, mich zurückhalten zu wollen, ich sähe zu schlecht aus und es bekomme mir wohl die Landluft nicht gut. Man riet mir schleunige Rückkehr nach Paris. Der Marquis bot mir seinen Wagen an, ich akzeptierte, alles ging famos und alle waren zufrieden. Ich wollte aber doch noch einmal Frau von T*** sehen. Ein Vergnügen, das ich mir nicht versagen konnte. Meine Ungeduld teilte mein Freund, ohne daß er bei mir die Ursache auch nur ahnte. Als wir Herrn von T*** verlassen hatten, sagte er:

»Er ist doch sehr nett, Wenn man ihm vorher gesagt hätte, was er zu antworten habe, er hätte es nicht besser sagen können. Alles wohl betrachtet, bin ich sehr mit ihm zufrieden. Es wird ein angenehmes Haus sein, und du wirst zugeben, daß er, um die Honneurs des Hauses zu machen, keinen bessern wählen konnte als seine Frau.« Niemand war von dieser Wahrheit überzeugter als ich.

»Weißt du, mein Lieber, nun ist es wichtig, daß das Geheimnis bewahrt bleibe. Aber wir zählten auf dich, es kann nicht in bessern Händen sein.«

Man meldete, daß wir bei der gnädigen Frau eintreten könnten.

»Hier«, sagte mein Marquis, »sind Ihre beiden letzten Freunde.«

»Ich fürchtete schon,« wandte sich Frau von T*** an mich, »Sie würden abreisen, bevor ich aufgestanden und ich danke Ihnen, daß Sie gefühlt haben, wie wirklich peinlich mir das gewesen wäre.« Und sie sah uns aufmerksam an, den einen und den andern. Aber die Sicherheit des Marquis gab ihr bald auch die ihre wieder. Und der Marquis machte weiter Witze auf meine Kosten. Und sie lachte mit mir darüber, soviel als zu meinem Troste ihr nötig schien, ohne sich in meinen Augen zu degradieren. Sprach zärtlich zu ihm, lieb und ganz dezent zu mir. Scherzte, aber machte keine Späße.

»Er hat«, meinte der Marquis, »seine Rolle so gut zu Ende geführt, wie er sie begonnen hat.« Worauf sie ganz ernst sagte: »Ich war des Erfolges in allem sicher, was man ihm anvertraut.«

Der Marquis erzählte unsern Besuch beim Herrn Gemahl. Sie sah mich an, gab mir recht und lächelte nicht.

»Was mich anlangt,« erklärte der Marquis, der nicht aufhörte, »so bin ich einfach entzückt. Wir haben uns einen Freund gewonnen, Gnädige. Und ich wiederhole dir, unsere Erkenntlichkeit . . .«

»Lassen wir das,« sagte Frau von T***, »und glauben Sie mir, daß ich durchaus fühle, was ich ihm schulde.«

Man meldete uns Herrn von T***, und wir begaben uns in die nötige Situation. Herr von T*** hat sich über mich lustig gemacht und mich weggeschickt, mein Freund düpierte ihn und machte sich über mich lustig, und ich, ich gab es ihm wieder, Frau von T*** bewundernd, die mit uns allen spielte, ohne auch nur das Geringste von ihrer Würde zu verlieren.

Ich genoß noch eine Weile die Szene mit uns Vieren und zog mich dann zurück. Frau von T*** tat, als ob sie mir noch einen Auftrag mitzugeben hätte und kam mir nach.

»Adieu! Ich danke Ihnen viel Vergnügen, aber ich habe es Ihnen mit einem schönen Traum bezahlt. Jetzt ruft Sie Ihre Liebe wieder. Wenn ich ihr etwas genommen habe, so gebe ich Sie Ihrer Geliebten zärtlicher, aufmerksamer und erregter zurück, nicht wahr? Nochmals Adieu! Sie sind reizend . . . Und bringen Sie mich nicht mit der Komtesse auseinander.«

Ein Händedruck und sie geht.

Ich stieg in den Wagen und suchte auf der Fahrt die Moral dieses ganzen Abenteuers, aber . . ich? fand keine.




DER KLEINEN SELINDE ENTSCHULDIGUNGEN

Vertraut auf euer Herze, ihr Mädchen, nicht zu viel?
Flieht Amors lose Scherze, gefährlich ist sein Spiel.
Er kennt die Schäferstunden, sucht stets Gelegenheit,
Und, wenn er sie gefunden, führt euch der Kühne weit.

Möcht euch mein Beispiel lehren! In sichre Ruh gesenkt,
Das Herze voll Schimären, wie sie die Jugend denkt,
Lag ich in dieser Grotte – da, Freundinnen, beschlich
Geleitet von dem Gotte, Tityr, sein Liebling, mich

Gefühl in jedem Blicke begrüßte mich der Hirt
Und dankte dem Geschicke, das ihn hierher geführt.
Er sprach so süß und rührend, er fächelte so fein,
Er scherzte so verführend, und ach! . . . ich war allein.

Ich horchte nun und fühlte . . ., sah nicht des Amors List,
Der mir die Hände hielte, bis mich sein Freund geküßt.
Nun dies ist wahr; ich habe den Kuß ihm nicht versagt,
Doch, der verwegne Knabe, er nahm ihn ungefragt.

Ein Trupp von Amoretten, dem Amor Winke gab,
Flog jetzt nach Florenz Beeten und pflückte Blumen ab
Und brachte sie dem Hirten, er las die schönsten aus.
Und wand von Ros' und Myrten den allerliebsten Strauß.

»Wie hold würd' ich ihn preisen, Selinde, ließest du
»Mich seinen Platz ihm weisen!« Ich gab es gerne zu.
Ihr selbst, die jedem Flehen ein mildes Herze raubt,
Wenn ihr den Strauß gesehen, ihr hättet es erlaubt.

Man denke, wie dem Losen . . . und mir das Herze schlug,
Als er die vollen Rosen an meinen Busen trug!
Er tändelte, verweilte, mißbrauchte die Geduld,
Doch, daß Tityr nicht eilte, war ja nicht meine Schuld!

Wie wohlerfahren stellte der Schelm sich dabei an!
So gut sie standen, fehlte noch immer was daran.
Und, oh der Ungeschickte! Das währte, bis er mir
Die Bänder ganz verrückte . . . wie lachte da Tityr!

Ich schmälte zwar und deckte sogleich die freie Brust,
Doch diese Sorge neckte nur mehr noch jede Lust.
Ach, Mädchen, in Gefahren hat Rufen oft geschützt,
Doch, da wir einsam waren, was hätt' es mir genützt?

Die Liebesgötter hüpften nun von Begierden heiß
Auf jede Huld, und schlüpften sogar . . . wohin man weiß . . .
Ich könnt es nicht verhindern. Wer bändigt einen Schwarm
Von so verwegnen Kindern? Kein schwacher Mädchenarm.

Was soll ich mehr erzählen? Vom kühnen Frevler ward,
Den Sieg nicht zu verfehlen, hier keine Müh gespart.
Doch ließ, zum großen Glücke, Mama sich nahe sehn –
Nur wenig Augenblicke: Was müßt ich euch gestehn!





DER ABBÉ DE POUPONVILLE

Der Abbé de Pouponville war Poupon in allem. Er kam hinter einer Kulisse zur Welt als das Kind einer Pouponne der Oper und des göttlichen Chevalier de Muscoloris, Herr auf Pomador, Ambresée und andern Örtern. Er zeigte früh, was er werden sollte. Er war kam zwei Monate alt, als man bereits in seinen kindlichen Gesten einen außerordentlich guten Geschmack bemerkte, er war so nett, so zierlich, daß er das Entzücken seiner Amme war. Wenn er weinte, geschah es mit unendlicher Liebenswürdigkeit, wenn er schrie, so war es eine Melodie, die einem ans Herz ging. Eine Sündflut von Pralinés und Bonbons überschwemmte ihn, er wurde geherzt, geküßt, gehätschelt, geschleckt, beinah aufgefressen. Mit zehn Jahren begannen sich seine kostbaren Qualitäten zu entwickeln. Was eine Lebhaftigkeit! Was ein Mund zu süßem Lächeln! Und die Augen! Er machte seine Studien mit unglaublicher Raschheit: die Lektüre der Angola, des Bijoux indiscrets, des Sopha, der Matinées de Cythère und anderer orthodoxer Bücher brachte ihm soviel Theologie bei, als er zu seinen Triumphen im Bett nötig hatte. Solcherweise war er bald imstande, alle Frauen zu kriegen, die er wollte, und auch die, die er nicht wollte. Mit einem Spitzenkragen von der besten Modistin, einem wundervollen Teint, einem Flötenorgan, einem frischen Lippeninkarnat, einem nach allen Regeln der Mode applizierten Schönheitspflästerchen unter dem linken Auge – welche Tugend könnte einem Sturm mit solchen Waffen standhalten?

Wenn der Abbé de Pouponville nach einem galanten Tete-à-tete auf die Kanzel stieg, sah er aus wie ein adonisierter Cherubim. Den Text wählte er in den wollüstigen Gegenden des Hohen Liedes, was eine köstliche Predigt verhieß. Alle Damen von Welt liefen zu ihm. Die Moral, die er ihnen debitierte, war die der Dichter und Romanciers mit einer leichten Nuance von Geistigkeit pikant zubereitet. Er malte alles en miniature, auch die Sünde und die Hölle. Und so sagten also auch alle die kleinen verliebten Frauen beim Hinausgehen: dieser Pouponville predigt doch wundervoll! Dieses Organ! Und diese Gesten! und wie er fein lächelt und wie elegant seine Persiflage ist, gerade wie sich das auch vor der guten Gesellschaft gehört. Und wie er beschreibt! Ganz weg ist man davon! Wenn er alle Tage predigte, die Theater wären leer. Ich habe wirklich von der Oper nicht so viel wie von diesem reizenden Pouponville!

Von ihm haben unsere jungen Abbés die kühnen Manieren angenommen, die sie auszeichnen, wie sich das Haar zwei- und dreifach zu locken, ein ambriertes Taschentuch mindestens zweimal in Gesellschaft fallen zu lassen, um die Eile zu genießen, mit der es die Damen aufheben wollen, und dieses gewisse halbverschleierte, verliebte Anschauen der Damen, um sich damit ihre Aufmerksamkeit zu sichern.

Mit einem Wort, er war würdig, allen Elegants jeder Gattung als Muster zu dienen. Aber das Predigen wurde ihm verhängnisvoll. Ein Zugwind – eine Türe war schlecht geschlossen – nahm ihm auf einmal die Stimme. Eine Falte, die er auf seinem Spitzenkragen bemerkte, verursachte ihm Vapeurs, die ihn todkrank machten. Er fiel in eine Ohnmacht. Um ihn wieder zu sich zu bringen, beging man die Gemeinheit, ihm Eau de la Reine zu reichen, das nicht von der kleinen Verkäuferin war, der einzigen, die das richtige gute hatte. Und um sein Unglück voll zu machen, fühlte ihm ein Trottel von Arzt den Puls, der angezogen war, wie man es vielleicht zu Hippokrates' oder Gallienus' Zeiten sein konnte: schwarzes Habit und ohne Spitzen! Diesen Zug letzter Verkommenheit und Niedertracht konnte er nicht vertragen: es hob sich ihm das Herz, und der Abbé de Pouponville hauchte seine elegante Seele aus, nachdem er vorher noch gefragt hatte, ob man ihm seine gestickten Schuhe und den neuen Gürtel mit den Goldeicheln gebracht habe. Man sezierte ihn und fand weder Groß- noch Kleinhirn. An deren Stelle ein mäßiges Quantum einer schneeigen Substanz, die bei leisester Berührung hinschmolz. Seine Nerven waren von bisher ganz unerhörter Feinheit, Spinnwebe waren Schiffstaue daneben. Sein Herz war außerordentlich klein, die Aorta unglaublich eng. Die Anatomen schrieben diesem Umstand die wundervolle Leichtigkeit zu, mit der Abbé de Pouponville fast in jedem Augenblick vergehen, hinsterben, verschmachten und Vapeurs bekommen konnte. Sein Blut ähnelte dem Rosenwasser, und sein Fleisch war zart und delikat wie das der Zephyre.

Er hatte testamentarisch angeordnet, daß man seinen Sarg in parfümierte Watte einwickele, was zu tun man nicht verfehlte. Einer seiner Adepten ließ ihm aus Dankbarkeit ein Mausoleum errichten: ein Toilettetisch, reich garniert mit Kerzen, Spiegeln, Büchschen, Bijoux, Pasten, Parfümen, Schminken, Schwämmen und Riechsalzen.




DER JUNGE HAHN

In einem kleinen Hühnerstaate
Lebt' einst ein Hahn, der sich durch manche Gasconade
– Und wo sind die nicht angebracht! –
Durch seinen leeren Kopf und seine dünne Wade
Als Liebesheld berühmt gemacht.
Er war der Neid der andern Hähne,
Der Wunsch – so sagt er selbst – so mancher jungen Schöne,
Die allerkeuscheste, die tugendhaftste Henne
Könnt auch für ihn zu keusch, zu tugendhaft nicht sein.
Die Männer sperrten ihre Weiber
Vor diesem schönen Herzensräuber,
Die Mütter ihre Töchter ein.
»Fort,« schrien sie, »fort!« sobald sie ihn von weitem sahn,
»Ins Hühnerhaus hinein! Dort kommt der junge Hahn!«
Einst hob er an zu andern Hähnen:
»Noch keine war so keusch vor allen euren Schönen,
»Die ich unüberwindlich fand:
»Ich sage nur ein Wort, und meinen Wunsch zu krönen,
»Tut keine einz'ge Widerstand.
»Vor mir versperren zwar die Mütter ihre Töchter,
»Um meinetwillen setzt man jungen Weibern Wächter,
Ich lache ihrer Wachsamkeit –
»Mich kann sie nicht an meinen Siegen hindern.
»Ein kluger Kopf wie ich find't doch Gelegenheit,
»Und unter uns: Von euern schönsten Kindern
»Ist mehr als eins die Frucht von meiner Zärtlichkeit.«
Zwei ältre Hähne, die trotz seiner Dreistigkeit
Doch klüglich ein Bedenken trugen,
Dem jungen Herrn so auf sein Wort zu traun,
Entschlossen sich das Ding zu untersuchen,
Und unser Held war – ein Kapaun.



DER WEISSE GEIST

Auf einem Schlosse bei Gemünde,
Der Herr davon war gleich verreist,
Erschien des Abends dem Gesinde
Sehr oft ein langer weißer Geist.
Der Geist, der seiner Miene wegen
Bei Geistern selbst Im Ansehn war,
Erschien mit einem bloßen Degen
In einem fürstlichen Talar.
Das Haus, das bei gemeinem Jammer
Nur für die Frau in Ängsten stand.
Indem der Geist vor ihrer Kammer
Gemeiniglich zuletzt verschwand,
Das Haus fing an sich zu betrüben:
Es ist der Herr, der Peter spricht.
Der Herr hat gestern uns geschrieben,
Sprach Jakob, Geister schreiben nicht.
Der Herr kam endlich selbst zurücke,
Der Geist erschien nicht mehr so frei,
Doch jedes schwur, zu seinem Glücke,
Nunmehr, daß es nicht richtig sei.
Ein Mädchen, das erst abgezogen,
Die war es, die es mir erzählt,
Ja, sprach sie, hab ich Sie belogen,
So werd ich wie die Frau gequält!



DIE BEJAHRTE FRAU

Die Natur wird wirklich schwächer!
Welcher Mann leert jetzt die Becher,
Die ein Weib vor diesem trank?
Zehnmal sieht man sie jetzt schlingen.
Um ein Gläschen zu bezwingen,
Das ein Knabe sonst bezwang.

Später, sollte man es glauben?
Später reifen Nüss' und Trauben,
Ei, wie ist das Obst jetzt klein!
Als mein Mann mich kennen lernte,
Hatten wir noch vor der Ernte
Schon den schönsten reifen Wein.

Denk ich an die Zeit zurücke,
Als ich niedlich, blond und dicke,
Nur das schöne Lottchen hieß –
Was für treffliche Melonen
Kriegt ich damals von Personen,
Die ich doch nur schmachten ließ!

Zufall! was vor fünfzig Jahren
Noch für junge Burschen waren,
Rot und kräftig von Gesicht!
Suchten sie mit uns die Schatten,
Was sie doch für Waden hatten!
Fähndrichs haben sie jetzt nicht!



DIE KLEINE JUNGFER

Zart an Jahren, schwarz von Haaren
Dank ich, wer mich grüßt,
Rot von Wangen, schlank von Gliedern,
Fertig Küsse zu erwidern,
Werd ich nicht geküßt!

Meiner Tante küßt Argante,
Küßt Jesmin die Hand,
Mir, wenn sie mich zehnmal grüßen,
Würdigt keiner sie zu küssen,
Welcher Unverstand!

Heißt's bei manchen gleich: Mein Hannchen,
Sind Sie doch recht schön!
Sehn sie doch kaum Julchen kommen,
Als sie, von mir eingenommen,
Flüchtig von mir gehn.

Was zu machen? drüber lachen,
Wird das klügste sein.
Werd ich nur erst größer werden,
Will ich mich auch stolz gebärden,
Manchen soll's gereun!



DÄMON

Die schönste Schäferin von Auge, Brust und Haar,
Die braune Doris, die des Dämons Schöne war,
Die führte Dämon jüngst durch ihres Vaters Flur,
Wo er bei jedem Baum ihr neue Treue schwur.
Sieh, fing sie lispelnd an, den kleinen Mandelbaum,
Er schießt gewaltig auf, ich kenn ihn öfters kaum,
Ich hab ihn selbst gepflanzt, mein allerliebstes Licht,
– Hier drückte sie ihn sanft – gefällt er dir denn nicht?
Der Schäfer, dessen Blut in jähe Wallung kam,
Errötete hier ganz, vor Zärtlichkeit und Scham.
Ach, Engel, Kind und Herz, versetzte Dämon drauf,
Von deiner schönen Hand, was schösse da nicht auf?




DER DOKTOR FAUST

Sie verfolgen mich, Miß, ich weiß nicht, wie lange schon, um eine unbedeutende Schrift, die weder Ihrer noch meiner wert ist. Sie bestehen darauf, sie zu sehen, ob ich Ihnen gleich sagte, daß ich darin etwas Ihnen Ähnliches hinzustellen den Versuch gemacht habe, und gleichwohl wollen Sie nicht, daß das, was man für Sie macht, etwas von Ihnen habe, so besorgt sind Sie, man möchte ein mehr – schmeichelndes als getroffenes Porträt liefern. Welchem Maler muß das nicht in Verlegenheit setzen? Um Ihnen aber Ihr zu weit getriebenes lobscheues Wesen abzugewöhnen, muß ich Ihnen eine Geschichte erzählen, worin Sie sich allenthalben finden werden, ohne das Mindeste dagegen einwenden zu können. Und diese Geschichte geht so.

Königin Elisabeth – ein Ureltervater Ihrer gnädigen Mama stand bei ihr als Großadmiral von Irland – war eine gar vortreffliche Fürstin in Hinsicht auf ihre Klugheit, Gelehrsamkeit und Prachtliebe – lauter schöne Eigenschaften. Sie war aber auch neidisch wie ein Hund, eifersüchtig und grausam, und dieses drei verdarb alles.


Nicht grausam im Verstande unsrer Schönen,
Die ob der Liebesqual den süßen Buhlen höhnen –
Der Grausamkeit in diesem Sinn
Oblag sie nicht, die Königin.
Und die Geschichte zweifelt hier mit Fug,
Ob Ihre zücht'ge Majestät, die Hymens Macht
So übermütig Schnippchen schlug,
Aus purer Keuschheit so gedacht,
Ob nicht vielleicht aus Unbehagen –
Von ihrer Jungfernschaft läßt sich nur so viel sagen
Sie war im ganzen eine sonderbare Magd.


Dem sei nun wie Immer, Fama, die Verkünderin Im guten und bösen, hatte ihren höchst merkwürdigen Charakter bis ins innerste Deutschland hineintrompetet. Auf einen dieser Trompetenstöße hin hatte ein hochgelahrter Doktor dieses Landes Postpferde genommen, um sich an ihren Hof zu begeben. Es war dies der weltberühmte Schwarzkünstler Doktor Faust. Er wollte sich selbst unterrichten, ob diese vielbesprochene Elisabeth so sehr Engel von der einen Seite sei als Teufel man sie von der andern malte. Und hierin konnte er der gültigste Richter sein, denn ihm war nicht unbekannt, was droben in den Sternen vorging, und Satan gehorchte ihm wie ein Hund.

Er hatte einen vollen Vorratskorb mit unzähligen kleinen Kunststücken und Hokuspokusstreichen ohne Ende, die weder nützten noch schadeten. So konnte er zum Beispiel, wenn er wollte, machen, daß einer Herzogin um ihres Kutschers willen der Kopf drehend ward, und ein Erzbischof den Tag über für seine Köchin Lieder dichtete, die er ihr des Nachts als Ständchen sang. Auch war er der erste, der in England den Brauch einführte, das an gewissen Tagen des Jahres die Jungfern Rosmarin, Saublumen und Schnepfenknochen sich unters Kopfkissen legen, damit sie des Nachts den sehen möchten, durch den sie es nicht mehr sein würden.

Entzückt durch all die Schnurren, die man von ihm erzählte, verlangte ihn die Königin zu sehen und war alsbald sehr für ihn eingenommen, Sie glaubte fest, mehr Geist zu haben als die ganze Welt, und hatte darin nicht unrecht, auch schmeichelte sie sich, die Schönste in ihrem Reiche zu sein, und darin irrte sie gewaltig.

Eines Tages hatte sie sich wegen eines Abgeordnetenempfanges sehr geputzt und zog sich nach beendeter Zeremonie in ihr Kabinett zurück, wohin sie den Doktor rufen ließ. Nachdem sie sich eine Zeitlang in drei großen Spiegeln bewundert hatte, schien sie mit sich sehr zufrieden.


Ihr Angesicht sah man Auroren ähnlich glühn,
Beschneit von Lilien und Jasmin,
Gold zaubert Schönheit hin,
Wo keine blüht. Ihr Vertügädchen wies
Den schönsten Fuß herauf vom Escarpin
Und saß sie da, den Kopf zurückgebogen, ließ
Die schönste Brust sich sehn. Ihr Kragen schien
Wie ungefähr verschoben, zahllos blitzte
Auf weißen Händen Demant und Rubin.


Also traf sie der Doktor Faust. Es gab keinen schlaueren Höfling, Er ließ die Gelegenheit, der darin so schwachen Königin den Hof zu machen, nicht vorbeigehen. Er wählte die Stimme der verstummten Esther, taumelte drei Schritte zurück, als wollte er in Ohnmacht fallen. Die Königin fragte, ob ihm nicht wohl wäre. Das nicht, antwortete er, allein die Herrlichkeit des Ahasverus hat mich geblendet, Sie, die das Alte und Neue Testament auf den Nagel hersagen konnte, wie die Nonne den Psalter, fand die Anspielung passend und sinnreich, weil sie nun aber gerade ihren Szepter nicht bei sich hatte, um ihn dessen Spitze zum Zeichen der Gnade küssen zu lassen, so begnügte sie sich damit, einen Rubin von ihrer Elfenbeinhand zu ziehen, womit sich der Doktor denn auch begnügte. So findet Ihr uns also genügend erträglich für eine Königin, sagte sie, indem sie den Mund spitzte und die Brust vorschob.

Er wollte des Teufels sein, sagte der Doktor (was er doch schon längst mit Haut und Haaren war), wofern er je nicht nur eine Königin, sondern überhaupt irgendein Weib gesehen habe, das ihr gleich käme, glaube sogar nicht, daß es eine je gäbe. Ach, mein Freund Faust, sagte sie darauf, wenn jene berühmten Schönheiten verwichener Jahrhunderte wiederkehren könnten, so würde man leicht sehen, daß Ihr uns geschmeichelt habt. Verlangt Eure Majestät sie zu sehen? fragte der Doktor. Höchstdieselben dürfen nur befehlen, und es soll Euch gleich leichter ums Herz sein.

Unser Doktor wurde natürlich beim Wort genommen, entweder weil sie Lust hatte, von seiner magischen Wissenschaft eine Probe zu sehen, oder weil sie eine schon lang gehabte Neugier befriedigen wollte.

Denken Sie übrigens nicht, mein Fräulein, daß das, was ich erzählen werde, ein von mir erfundenes Märchen sei. Es ist ein wahres Faktum, das man in den Papieren eines damaligen Schöngeistes, des Ritters Sidney, finden kann, der so eine Art Favorit der Königin war und dieses ganze Abenteuer nebst andern Begebenheiten seines Lebens genau aufgeschrieben hat. Ich habe die historische Tatsache von Ihrem Großonkel, dem verstorbenen Herzog von Ormond. Er hat sie mir oft erzählt.

Es heißt also in den genannten Papieren, der deutsche Doktor habe die Königin ersucht, sich in eine an dies Gemach stoßende Galerie zu begeben, einstweilen er sein Buch, seinen Zauberstab und seinen schwarzen Talar holen wollte. Mit all den Sachen kam er alsbald zurück. An jedem Ende der Galerie befand sich eine Tür; durch die eine sollten die Personen, die Ihre Majestät zu sehen verlangte, hereinkommen, und durch die andere wieder hinausgehen. Außer der Königin durften nur noch zwei Personen dem Schauspiele beiwohnen, der eine war der Graf Essex und der andere der genannte Sidney.

Die Königin saß gegen die Mitte der Galerie, neben ihrem Armstuhl standen zur Rechten und Linken ihre beiden Günstlinge, um welche sowohl als um ihre Gebieterin der Doktor Faust mit allen hierbei gebräuchlichen Umständen und Zeremonien geheimnisvolle Zirkel zu ziehen nicht verfehlte. Gegenüber zog er einen Zauberkreis, in den er sich selbst stellte, in der Mitte hatte er Platz zum Durchgang der beschworenen Damen gelassen.

Hierauf bat er die Königin ehrfurchtsvoll, aber inständig, solange die Geister in der Galerie sein würden, sich ja kein Wort entschlüpfen zu lassen und vor allen Dingen, sich nicht zu entsetzen, was sie auch sehen möchte. Das letzte war eine ganz überflüssige Mahnung, denn die gute Dame fürchtete weder Gott noch den Teufel. Nun fragte er sie, was für eine verstorbene Schöne sie zuerst zu sehen wünschte.

Fangen wir mit der schönen Helena an, sagte sie, der Zeitfolge wegen. Hierauf sagte der Zauberer, dessen Gesicht ein wenig verändert schien, nur: Haltet Euch gut! Ritter Sidney gesteht in seinem Bericht, daß ihm beim Beginn der Zauberei das Herz ein wenig gepocht, daß der tapfere Graf Essex totenblaß geworden sei, daß aber bei der Königin sich nicht die mindeste Furcht geäußert habe, Faust schritt nun zum Werke.


Nachdem nun der Oremus viel
Gebetet worden, und Possenspiel
Gar viel getrieben und Zauberwesen,
Des, wie wir in den Märchen lesen,
Fausts ehrenfeste Kollegen pflegen,
Schrie er, wie in der Höllenkluft
Die Furien, laut durch die Luft:
»Du Tochter der Leda, auf, erschein,
Ganz wie du warst in Fleisch und Bein,
Als Venus dich dem Paris pries,
Er sie die schönste Göttin hieß
Und ihr den goldnen Apfel ließ!«


Nach solcher Beschwörung hütete sich die schöne Helena, lang auf sich warten zu lassen. Erschien alsbald am Ende der Galerie, ohne daß man wahrgenommen hatte, wie sie da hereingekommen war. Sie war griechisch angezogen und, wie Ritter Sidney berichtet, nicht im mindesten verschieden von unsern Operngöttinnen. Ihr Kopfputz bestand aus einer großen Menge Straußenfedern, aus denen eine famose Ägrette ragte. Das Haar fiel vorne bis an den Gürtel und hinten den ganzen Rücken hinunter. Ihr Gürtelschmuck schlug ihr beim Gehen sehr anmutig ums Knie. Die Schleppe, mindestens vier Ellen eines reichen korinthischen Brokates, segelte auf lakedämonisch mächtig hinten nach.

Die schöne Helena stand eine Weile vor der Gesellschaft still, und nachdem sie sich, um besser von ihr gesehen zu werden, mit dem Gesicht zur Königin gedreht hatte, nahm sie mit einem gewissen sauersüßen Lächeln Abschied von ihr und ging zur andern Tür hinaus.

Sobald sie verschwunden war, begann die Königin: Wie? Das war die schöne Helena? Es ist ja nicht viel an meiner Schönheit, aber ich will lieber tot sein, als, sofern es möglich wäre, meine Figur mit der ihrigen zu tauschen. Habe ich's Ihrer Majestät nicht gesagt? antwortete der Doktor, und dabei erschien sie noch im höchsten Glanz ihrer Schönheit. – Ich finde immerhin, sagte der Graf Essex, daß sie ganz schöne Augen hat. – Die hat sie, sagte Sidney, sie sind groß, wohlgeformt, schwarz und feurig, und doch sagt ihr Blick gar nichts.

Die Königin, die sich an diesem Tage das Gesicht rot geschminkt hatte, daß sie wie ein Zinshahn aussah, fragte, wie man Helenas Porzellanlärvchen fände. – 's ist von Porzellan, sagte der Graf. – Höchstens Fayence, sagte Elisabeth. Vielleicht war's zu ihrer Zeit Mode, aber man wird mir zugeben, daß es in keinem Jahrhundert erlaubt ist, Füße zu haben wie die ihrigen. Ihr Kleid war nicht übel, und ich weiß nicht, ob ich es nicht statt dieser albernen Vertügadins in Mode bringen soll, mit denen die Damen bei manchen Gelegenheiten nicht wissen was anfangen, und in denen man bei gewissen andern Gelegenheiten nicht weiß, was man mit den Damen anfangen soll. – Ihr Kostüm, das ging, meinte Graf Essex, aber die Figur war wirklich nicht viel wert, welcher Bemerkung Sidney zustimmte.

Nach also geschehner gelinder Kritik der Helena und ihrer Gebrechen, verlangte die Königin die Mariamne zu sehen, deren die Geschichte so rühmlich gedenke. Doktor Faust gehorchte. Da er es aber nicht für schicklich hielt, eine Prinzessin, die den alleinigen Gott gekannt hatte, so zu beschwören wie eine blinde Heidin, so tat er es auf eine andere Art: wandte sich viermal gegen Osten, dreimal gegen Mittag, zweimal gegen Abend und einmal gegen Mitternacht, hierauf sagte er auf hebräisch, jedoch sehr höflich: Mariamne, Tochter des Hyrkanes, zeigt Euch, wenn es Euch gefällt, in der Kleidung, die Ihr am Laubhüttenfeste zu tragen pfleget. Kaum war das letzte Wort heraus, so erschien des Herodes Gemahlin und näherte sich feierlich. In der Mitte der Galerie hielt sie, wie Helena.

Was ihre Toilette anlangt, so schien sie über ihre ganze Person eine Würde zu verbreiten, die sie sehr respektabel machte. Sie trug sich etwa so, wie man sich den Hohenpriester der Juden vorstellt, nur daß man keinen Bart an ihr erblickte, und statt jener halbmondförmigen Tiara der Hohenpriester floß ein Gazeschleier vom Haupte nieder, der gegen den Gürtel etwas gerafft weit hinter ihr herschwamm. Nachdem sie eine ziemliche Weile vor der Gesellschaft stillgestanden hatte, ging sie ihres Weges, ohne vor der stolzen Elisabeth die mindeste Verbeugung gemacht zu haben.

Ist's möglich, rief die Königin, daß die berühmte Mariamne so ausgesehen hat? So ein langer, hagerer Ölgötze ist sie gewesen? Und galt auch Jahrhunderte als ein Wunder! – Bei meiner Ehre, sagte Essex, an Herodes' Stelle hätte ich mich nie mit einer so wilden Merkatze überworfen, wenn sie mir gleich ihre Liebesgunst verweigert. – Und doch, meinte Sidney, hab ich in ihrem Blick ein gewisses Schmachten bemerkt, das ans Herz greift. Dann war auch viel Hoheit und Natur in ihrem Gang. – Diese Hoheit, erklärte Essex, ist nichts als Unverschämtheit und Dünkel. Die Königin billigte diese Kritik durchaus und verurteilte diese arme Prinzessin besonders noch wegen der Verachtung und des Abscheus, den sie gegen ihren Gatten geäußert, und wegen des Widerstandes, den sie den feurigsten Ausbrüchen seiner Zärtlichkeit entgegengesetzt hätte, der Grund, den sie dafür angegeben: es geschähe, weil er ihr ganzes Haus erdrosselt habe, sei gar nicht hinlänglich, um die Erfüllung der ehelichen Pflichten zu verweigern, und wenn er sie auch zwanzigmal des Tages gefordert hätte, und schloß, sie hätte es schon bloß wegen dieses Widerstandes verdient, daß Herodes ihr den Kopf abgehauen.

Der deutsche Doktor wollte seine Gelehrtheit zeigen und versicherte, Herodes habe nicht dieserhalben sich die keusche Mariamne vom Halse geschafft, und alle Historiker hätten sich in dem Motiv geirrt, sondern eine gewisse Salome, des Königs Schwester, habe Ihrem Bruder getratscht, sie habe bei dem Opfer, dem sie samt der Königin anwohnte, eigenöhrig gehört, wie Mariamne zu Gott Abraham, Isaak und Jakob gebetet habe: er möchte sie doch von ihrem alten Hahnrei von Mann erlösen. So der Doktor. Und wenn man auch der Anekdote nicht viel Glauben gab, so gefiel sie doch den Herrschaften wegen ihrer Neuheit.

Gleich darauf befahl die Königin die Kleopatra und das mit einem Tone und einer Miene, als ließe sie ihre Kammerjungfer rufen. Faustus sandte sofort und vor ihren Augen ein Teufelchen kuriermäßig ab, daß die Ägypterin herbringen sollte.

Vielleicht, verehrte Miß, möchten Sie gerne die Art wissen, auf welche die Stafette abgefertigt wurde. Nämlich so. Faust tat weiter nichts, als daß er seine große gefütterte Mütze abnahm, diese durch drei Schläge mit dem Zauberstab in den schönsten kleinen Zelter verwandelte, hierauf das eine Ende seines Zaubersteckens der Stute in den Hintern steckte und auf das andere Ende blies – und husch! fuhr der Zelter hin wie ein Blitz und war in sieben Minuten mit der berühmten Kleopatra wieder da, die langsam am Ende der Galerie abstieg. Die Königin rechnete fest darauf, daß diesmal ihre Neugier besser auf die Kosten kommen würde, als bei den Reizen der zwei andern. Wir werden gleich sehen, ob sie richtig gerechnet hat.

Die Ägypterin, die von dem ihr gesandten Rosse die Ursache ihrer Reise und die Geringschätzung erfahren hatte, mit der man die schöne Helena und die unglückliche Mariamne aufgenommen, hatte große Zurüstungen gemacht. Sobald sie erschien, duftete die ganze Galerie nach den Spezereien Arabiens. Denn sie hatte sich reichlich damit bestrichen und beräuchert, einmal weil sie doch schon eine geraume Zeit verstorben war und dann um wenigstens ihr Andenken in gutem Geruch zu hinterlassen. Sie trug den Busen recht entblößt und hatte ihre Röcke mittels einer Spange von Rubinen und großen Diamanten hoch übers linke Knie hinaufgeschürzt. Was an ihrem Körper nicht entblößt war, das konnte man ganz bequem und deutlich durch die durchsichtige Gaze ihres Kleides sehen. In diesem ebenso leichten wie galanten Aufzug tat sie's in der Mitte der Galerie wie ihre Vorgängerinnen.

Kaum war sie draußen, so fiel man über ihre Person und ihren Staat her. Die Königin Elisabeth schrie wie eine Besessene, man möchte ihr doch angezündetes Papier vorhalten, denn die Salbe, mit der sich jene Mumie eingerieben, habe ihr Vapeurs verursacht. Sie fand sie noch unerträglicher als die Frau des Herodes und die Tochter der Leda, hielt sich sehr darüber auf, daß sie sich dianenhaft aufgeschürzt hatte, um das häßlichste Bein von der Welt zu zeigen, und sagte, sie hätte besser daran getan, wenn sie in einem Hermelinpelz erschienen wäre als in dem dünnen Sommerkleidchen, worin sie dem Auge Reize dargelegt hätte, geschaffen, um ewig verborgen zu bleiben.

Wahrhaftig, meinte der Graf, ein so stattliches Gebäu von einem Körper verdient es, sich fast ganz in naturalibus zu zeigen. Ich gebe zu, daß sie noch ganz jugendlich aussieht und für eine Ägypterin eine ziemlich weiße Haut hat, aber das ist doch nicht viel. Und Ritter Sidney fand, daß Kleopatra zu viel Bauch und zu wenig Popo habe und er den Antonius nicht verstünde.

Hierauf sprach der Doktor: Da diese berühmten Ausländerinnen nicht nach Eurem Geschmack sind, Madame, so wollen wir nicht weiter außer Euren Staaten suchen. Vielleicht liefert England, das stets so vollkommene Schönheiten hervorgebracht hat, Euch durch die Erscheinung der schönen und unglücklichen Rosamund einen Gegenstand, der Eurer Aufmerksamkeit würdig ist. Vermutlich ist Ihrer königlichen Hoheit, die alles weiß, die Geschichte der Dame nicht unbekannt. Ich habe so eine Ahnung davon, sagte die Königin, aber da meine weitläufigen Beschäftigungen sie mir beinahe gänzlich aus dem Gedächtnis gebracht haben, wird es mir nicht unlieb sein, wenn man mir das Abenteuer wiederholt.

Vor drei Tagen, begann der Ritter Sidney, las ich diese Stelle in dem Leben Heinrichs des Zweiten, eines Eurer berühmtesten Vorgänger. Dieser große König hatte das verliebteste Herz von der Welt, aber auch das unbeständigste. Gleichwohl besaß es eine gewisse Johanna Shoar schon seit ein paar Jahren. Sie war schön, aber doch lange nicht genug, um einen solchen Flattergeist zu fesseln, und so war dazumal auch alle Welt fest davon überzeugt, daß diese Johanna durch pure Hexerei ihn in sich verliebt gemacht hatte und ihre Eroberung zu halten wüßte. Das muß Faustus wissen, der sich auf den magischen Rummel versteht. Kurz und gut, der Dame Johanna Zauber, wenn sie ja einen benützt, wurde auf folgende Art gebrochen. Der König verirrte sich eines Tages auf der Jagd in einem wilden Wald.


Er gab die Sporen kreuz und quer
Und ritt auf alle Seiten,
Konnts Ende nichts erreichen.


Endlich kam er an einen Bach, dessen Wasser schön und klar war, ritt das Rinnsal eine Zeitlang nach und dies führte ihn an einen Ort, wo sich der Bach zu einem Becken breitete. Ein kühler grüner Rasen umfaßte es, große Bäume schatteten es ein. Wie nun meist dergleichen Plätze für Abenteur sind, so auch hier. König Heinrich fand Weiberkleider am Fuße eines Baumes. Dies veranlaßte ihn, vom Pferd zu steigen, und sein Herz schlug schon etwas stärker, kaum war er ein paar Schritte weiter gegangen, so sah er die, denen die Kleider gehörten. Es waren zwei Mädchen, die sich bis an den Hals im Wasser befanden und die beide einen starken Schrei ausstießen, als sie einen Mann gerade auf sich zukommen sahen. Das Gesicht der Jüngsten warf ihn in ein solches Staunen, daß er eine Zeitlang ganz unbeweglich blieb und stand wie ein Stein. Obgleich die andere ohne alles Besinnen aus dem Wasser gesprungen und nach ihren Kleidern gerannt war, so hatte er das doch gar nicht bemerkt. Ihre Gefährtin, der ebenso ängstlich zumute war, hielt es nicht für ratsam, ihr zu folgen. Sie war in der schrecklichsten Verlegenheit. Als sie aber merkte, daß es dem König nicht besser ging, faßte sie wieder etwas Mut und sagte zu ihm, sie schlösse aus seinem Aussehen, das er ein Edelmann sein müsse, und so bäte sie ihn demütig, ihr einen Wunsch zu gewähren. So war es Sitte zu jenen Zeiten. Der König schwur, ihr nichts abzuschlagen, was sie auch verlangte, und war es auch die Hälfte seines Reiches. Bei diesen Worten erschrak die Schöne und wollte schon aus dem Wasser steigen, um dem König ihre Reverenz zu machen, aber sie unterdrückte doch noch rechtzeitig diese ehrerbietige Regung und bat sich die Gunst aus, daß er so lange sich abseits zu begeben die Güte haben möge, bis sie aus dem Wasser gestiegen sei und sich angekleidet habe. Er gehorchte wie ein Kind, so kühn er sonst auch war. Begab sich also abseits, doch nicht gesonnen, völlig Wort zu halten. Sobald er sich von einigem Buschwerk bedeckt sah, gab er seinem Rosse einen Gertenstreich, daß es durch den Wald galoppierte, und Seine Majestät kroch auf allen Vieren wieder dem Orte zu, von dem sie gekommen war. Er bog die Zweige, die ihm die Aussicht benahmen, leise weg, und gerade in dem Augenblick stieg die schöne Unbekannte ganz ungeniert aus dem Bade, da sie von einem fahrenden Ritter, der noch dazu der König war, keine Arglist befürchtete. Gott weiß, wie dieser Fürst, der schon sterblich sich verliebt hatte, bevor er von ihr sozusagen nichts weiter als das Nasenspitzel gesehen, durch Betrachtung all der übrigen bloß daliegenden Reize vollends in Glut geriet. Die Geschichte meldet, ob er gleich auf allen Vieren gekauert, hätte er dennoch gern drei ganze Tage ungegessen und ungetrunken dagelegen, so sehr behagte ihm, was er erblickte. Aber so viel Zeit ließ man ihm nicht. Schnell war die Kleine angezogen. Ihr Anbeter kam auf einem kleinen Umweg zu ihr. Und das erste, was er tat, war, daß er sich ihr zu Füßen warf und schwur, er bete sie an, ohne zu fragen, wer sie sei. Ehrfurcht, Schreck, Scham, was alles sich der reizenden Fremden bemächtigte, würden die Reize einer jeden anderen in Unordnung gebracht haben, bei ihr wurden sie –

Faßt Euch kürzer, Herr Ritter, unterbrach ihn hier die Königin. So kurz als Madame befehlen, erwiderte er. Man vernahm Pferdegetrampel. Es waren einige aus des Königs Gefolge, die ihn suchten und seinen Gaul am Zügel wiederbrachten. Der König schwang sich darauf, nachdem er erfahren hatte, das seine neue Liebe Rosamund hieß und die Tochter eine Barones sei, dessen Schloß nur fünfzig Schritte weiter lag.

Sehr kühl gegen Johanna kam der König heim. Sie merkte es bald, aber ihn kümmerte es wenig. Er ging öfter auf die Jagd und kam von jeder kälter zurück. Johanna schickte ihm Spione nach. Einer brachte ihr die Kundschaft, man habe den König vor einem Mädchen kniend im Walde gesehen, und es wäre die und die. Bei dieser Entdeckung spie Fräulein Johanna, die, mit Respekt gegen Ihre Majestät gesagt, das boshafteste Luder des Reiches war, Feuer und Flamme, putzte den König herunter wie einen Lakai, und da sie ihn scharf unter der Fuchtel hatte, brachte sie es durch Drohungen und Spektakeln endlich dahin, daß die arme Rosamund in eine alte Burg eingesperrt wurde, die Rosamunds Gefängnis heißt bis auf den heutigen Tag. In diesem Kerker ließ diese niederträchtige Johanna ihre Nebenbuhlerin nach ein paar Jahren umbringen. Es war, während der König Heinrich in Frankreich reiste.



Das ist ein höchst klägliches Ende, sagte die Königin. Und das traurigste dabei ist, sagte Faust, daß sie starb, ohne daß der so verliebte König ein Abenteuer, das so zärtlich begonnen, auf eine andere Art hatte zu Ende bringen können. Nach einem gewissen Kopfschütteln und nach einem kleinen Lächeln des Unglaubens äußerte die gute Elisabeth lebhafte Ungeduld, die zu sehen, deren Geschichte man soeben im Abriß erzählt hatte. In diesem Verlangen, bemerkte der Doktor, liegt ein geheimer Instinkt, denn zufolge der Tradition und einigen alten Nachrichten soll die schöne Rosamund viel von Ihro Majestät Wesen gehabt und Ihro Majestät sehr geglichen haben, so wenigstens, wie die Sudelei eines Kopisten dem Originale.

Zeigt sie uns, sagte die Königin. Und wenn sie da ist, Ritter Sidney, befehl ich Euch, sie sehr genau Euch anzuschauen, damit Ihr, falls wir finden, daß es der Mühe lohnt, ein treffendes Gemälde von ihr geben könnt. Der Doktor beschwor und Rosamund erschien, da ihre Grabstätte nur dreißig Meilen von London entfernt war, in ein paar Sekunden. Schon bei der Gallerietür machte sie allseits den besten Eindruck. Und je näher sie kam, desto glänzender erschienen ihre Reize, und als sie ganz nah war, billigte jeder den Geschmack des zweiten Heinrich.

Der Doktor hatte ihr weiter kein Kostüm gegeben, als das sie beim Heraussteigen aus dem Bade hatte; ein ganz kurzes seidenes Röckchen wie ein Höschen. Sie stand länger still als die Vorigen und drehte sich ein paarmal holdselig blickend zum Ritter Sidney hin, als wüßte sie um den dem Ritter erteilten Befehl. Der Ritter sah ganz albern aus. Schließlich mußte sie doch von der Gesellschaft Abschied nehmen, und kaum war sie weg, so rief Elisabeth: Mon Dieu, was für ein niedliches entzückendes Geschöpf! Im ganzen Leben habe ich so was nicht gesehen! Was ein Wuchs! Und was ein unaffektierter Adel in ihren Zügen! Und dieser Teint! Und zu der Ähnlichkeit mit mir, was sagt Ihr dazu, Essex?

Der Graf war so in seinen Gedanken, daß er nicht laut, aber für sich hin sagte: Wollte Gott, du glichest ihr, Babette, meine Königin und meine Geliebte, das beste Pferd aus meinem Stall gäb ich darum! Und glichst du ihr auch nur wie die Sudelei eines Kopisten dem Originale! Und laut zu Ihrer Majestät: Majestät ihr ähnlich? Höchstselben dürften nur im gleichen Kostüm die Gallerie auf und ab gehen, und ich will ein Hund sein, wenn unser Zauberer selber sich nicht irren sollte. Während all dem Gerede brachte der Poet Sidney mit dem Crayon in der Hand der schönen Rosamunde Porträt ins Reine. Man befahl ihm, vorzulesen, und er begann:


Heb an mein Lied, entflamme meine Seele,
Die Königin befiehlt's, nimm das Palet und male hier
Das schönste Weib im reizendsten Modelle!
Verzögre nicht, mit hellen Farben mir
Die Zauberin jetzt hinzumalen
Rings eingehüllet in die Strahlen.
Von tausend Sonnen! Mal den kleinsten Zug
Des feurigsten Gesangs der Pierinnen
Würdig! Fern von Schmeichelei und Lug!
Die Häßlichkeit nur kann durch Flitterstaat gewinnen!
Nur male uns das Urbild wahr und treu
Mit jeder süßen Zauberei
Der gütigen Natur, die keinen Prunk und Staat
Bedarf, kein falsches Inkarnat,
Mal sie, so wie sie ist: auf diesem Erdenrund
Die Reizendste, in allem Zauberglanze,
Die Schöpfung rings um sie im Tanze,
Die Charitinnen gleiche Rosamund!


Das heißt sehr ehrlich dichten und wie ein Mann, der für Verse und Romane ein Gewissen hat. Und er fuhr solchermaßen fort:

Sie, all der ersten Jugend reizende Gespielen
Und alle Grazien, die lachend um sie spielen,
Umwebten so ihr köstliches Gesicht,
Und alle Kinder Florens, von dem Schwarm der Schmetterlinge nicht
Beraubt der Unschuld, wenn im buhlerischen Tanz
Er sie umschwebt, und aller Glanz
Des Lenzes, der im sanften Westen weht.
Wenn er nach Sturm und Wetter über Fluren geht,
Ihr Mund für ihre Perlenzähne
So ganz geschaffen, er die Krone ihrer Schöne
Oh! ihn zu küssen! Sterblicher, wenn einst nach Qualen,
Dir ihre Augen süße Liebe strahlen,
Die Augen, die die Seele dir entrücken,
Die, auch wenn sie nur leicht auf dich herniederblicken,
Den Pfeil der Liebe dir ins Herze drücken.
Und ihre Nase, Hebens Nase gleich,
Und ihre Füße, allen Zaubers reich,
Verrieten selbst verdeckter Schönheit Wonne,
Aus ihrem Wüchse strahlte Majestät der Sonne
Die ganze reizend köstliche Gestalt
War Diademe wert, entzückte.
Sie liebte, wer sie nur erblickte,
Und unterlag mit Lust der siegenden Gewalt.


Kurz, wenn man sie vom Scheitel bis zur Ferse untersuchte, so waren Sie es, schöne Daphne, verehrte Miß, die der ritterliche Dichter auf das Canevas malte. Wenigstens würde ich darauf geschworen haben, so sehr paßt die Beschreibung auf Sie, den Busen ausgenommen, den Herr Sidney vergessen hat, und das wäre wahrhaftig kein Artikel, den man überspringen dürfte, wenn man Sie zu kopieren sich die Freiheit nehmen wollte. Ein bißchen von der Form, ein bißchen von dem Schimmer, und ein bißchen von der Position, die die Natur schon dem Wenigen gegeben hat, was Sie davon sehen lassen, würde wonnigliche Vorstellungen genug erwecken, um ihn ohne die mindeste Übertreibung in Vers oder Prosa zu schildern, daß dem Leser oder Hörer ganz siedend heiß davon wird. Übrigens finde ich auch ungenügend, was Herr Sidney vom Munde gesagt hat, er hat ja förmlich Angst ihn anzurühren. Daß er um der schönsten Zähne der Welt willen gemacht ist, das ist ja wahr, aber nicht alles. Er hat eben Ihre Lippen nicht gekannt.

Aber wir wollen wieder in die Gallerie gehen. Da beratschlagt man, wen man nach der Rosamund zitieren soll. Der Doktor Faust meinte, man sollte nach diesem Erfolg in England bleiben und bringt jene berühmte Gräfin von Salisbury in Vorschlag, die Anlaß war, daß der Hosenbandorden eingeführt wurde, oder jene gewisse flamländische Schöne, die eines anderen Ordens Ursache war, des Goldenen Vließes. Die Königin aber erklärte, sie müsse vor allen Dingen die Rosamund noch einmal sehen. Der Doktor war sehr dagegen, erklärte, es wäre gegen alle Regeln der Zauberei und er hetze zudem die erstbeschworenen Damen gegen ihn auf, die sich entrüsten würden über das zweimalige Zitieren der letzten. Aber er mochte vorbringen, was er wollte, die Königin befahl, und er mußte nachgeben. Er erklärte also, wenn ja Rosamund wiederkäme, so würde das weder zu der Tür geschehen, wo sie das erstemal hereingekommen, noch zu der, durch die sie hinausgegangen, und es möge sich überhaupt jeder wohl in acht nehmen, denn er stünde für nichts. Die Königin kannte, wie gesagt, keine Furcht und die beiden Kavaliere waren die Gespenster bereits gewohnt. So machten die Worte des Doktors keinen Eindruck.

Indessen hat er sein Werk begonnen. So sauer war ihm noch nie eine Beschwörung geworden. Nachdem er etwas gemurmelt und dazu Gesichter geschnitten und Verrenkungen gemacht hatte, die weder schön noch anständig waren, legte er sein Zauberbuch mitten in der Galerie auf den Boden, sprang mit einem Fuß dreimal darauf und stellte sich dann auf den Kopf, daß die Beine aus dem Talar in die Höhe stachen. Da er aber noch immer nichts erscheinen sah, nahm er zu der letzten und kräftigsten Beschwörung seine Zuflucht. Er sprang dreimal hinter sich, steckte den kleinen Finger der rechten Hand ins linke Ohr, haute sich dreimal klatschend mit der linken Hand auf den Hintern und brüllte dreimal: Rosamund! Bei dem letzten magischen Klatscher schmiß ein heftiger Windstoß einen Fensterflügel auf und durch die Öffnung trat die reizende Rosamund mitten in die Galerie, gerade als ob sie aus einer Berline stiege.

Der Doktor war ganz in Schweiß gebadet. Während er sich abtrocknete, gab die Königin alle Vernunft auf und dem Drange nach, das Mädchen zu umarmen, ging also mit offenen Armen auf sie zu und sagte höchst unbesonnen: Meine süße Rosamund, das ist nett von Ihnen!

Kaum waren diese Worte gesagt, so krachte ein Donnerschlag, daß der Palast bebte. Ein dicker schwarzer Dampf erfüllte die Galerie, und viele neugeborene Blitze zuckten den Herrschaften rechts und links um die Ohren. Nachdem die Finsternis allmählich gesunken war, sah man den Doktor Faustus daliegen, alle Viere in die Höh streckend, schäumend wie ein Wildschwein, Mütze auf der einen, Stab auf der andern Seite, den magischen Koran zwischen den Beinen. Aber niemand kam bei diesem Abenteuer mit dem bloßen Schrecken davon, Graf Essex hatte durch die Blitzerei den rechten Augenbrauen eingebüßt, Sidney den linken Schnurbart. Ob die Königin auch was abbekommen, weiß man nicht, aber unser Gewährsmann sagt in seiner Historie, der Kragen der Königin habe nach Schwefel gestunken und der Saum ihres Vertügadins nach Pastetenfett, das ins Feuer getropft ist, so daß einem elend zumute wurde, wenn man sich ihr näherte.

Sie können sich denken, schöne Daphne, verehrte Miß, daß nach einer solchen Niederlage unter unseren Neugierigen das Verlangen, die Gräfin Salisbury zu sehen, bis auf ein andermal verschoben wurde. Ich finde in der Lebensgeschichte des Ritters Sidney nicht, daß auch später jemals die Rede davon gewesen ist.

Ich meinerseits schmeichle mir, daß diese lange Rapsodie Sie dermaßen wird ermüdet haben, daß Sie nie mehr auf die Idee kommen werden, mich um meine Schande dadurch zu bitten, daß Sie mich nötigen, Ihnen wieder dergleichen Geschichten zu erzählen.




BOUDOIRS

Madame de ** hat kein besonderes Winterboudoir oder besser; sie hat es überall, in einer Fensternische, in einer Garderobe, auf einer Stiege, es ist ihr egal, denn sie ist, was man eine Femme forte nennt, eine Frau mit einem heißen Herzen, einer brennenden Seele. Ihr Boudoir im Sommer ist in einem versteckten Winkel ihres Parkes, ganz überzogen mit Glyzinien. Sie hat einen bronzenen Gartengott hineingestellt und setzt ihm jedesmal einen Kranz aufs Haupt, so oft er Zeuge ihres Glückes war. Aber sie merkte bald, daß die blühende Wand um ihr Boudoir durch so reichliches Kränzebinden arg degarniert würde, also weiht sie dem Gotte jetzt jedesmal nur mehr ein Blatt.

Ich kenne auch das Boudoir der Marquise ***. Sie hat sich da als Dejanira malen lassen, in den Armen des Herkules. Ihre eine Hand beschäftigt sich mit dem körpermächtigen Helden, die andere winkt den fünfzig Danaiden zu, sich zurückzuziehen. Ihre stolze Miene sagt, sie würde sie ersetzen.

Auch die etwas dicke Komtesse * hat sich in ihrem Boudoir malen lassen: als Venus bei der Toilette, umgeben von Plutus, Adonis und Mars, überhaupt von allen ihren Anbetern. Sie sehen ganz zufrieden aus, die Göttin nicht. Sie wendet sich lebhaft zu Merkur, der die Züge des Chevalier ** hat und gerade mit einigen Billetdoux eintritt.

Die Baronin von *** hat kein anderes Boudoir als ihre Galerie. Man weiß, daß sie beim Absterben des berühmten Marschalls * siebzehn Tage Trauer getragen hat, in Erinnerung an ebensoviele zärtliche Komplimente, die der Marschall in Zeit von zwölf Stunden machte. Sie hat auch über ihrem Sofa die Büste dieses vielseitigen Helden anbringen lassen, auf eine Uhr montiert, wo ein Amor mit dem Pfeil auf die fünf deutet. Darum steht in Goldbuchstaben: Ein schönes Beispiel. Die Dame zeigte das einmal einem Gascogner, wobei sie, mit einer Träne im Auge, das Lob des verblichenen so tapferen Militärs sang. Der Herr versuchte sie zu trösten, versprach den bedauerten Helden zu übertreffen. Die Dame verteidigte aber tapfer den Ruhm des Verblichenen und wollte den frechen Stolz bestrafen. Auf der Stelle natürlich siegte sie, aber sie siegte so gut, daß sie darüber zu erröten Anlaß hatte, und ersparte dem prahlerischen Gascogner kein schlimmes Wort. Der aber sagte ganz unverschämt: »Madame, als sich der Marschall so gut aufführte, waren Sie vierzehn Jahre alt. Versuchen Sie es, die Reize jener Zeit zurückzugewinnen und Sie sollten, sandis! sehen, was für ein Mann der Chevalier de Ventillac ist! Auch der beste Jagdhund versagt auf einen ungünstigen Terrain.«



DIE SCHWIERIGE DAME

Eines Morgens besuchte ich eine sehr junge Frau, die an einen sehr alten Mann verheiratet war. – »Sie kommen mir sehr à propos,« sagte sie, »ich bin gerade dabei, meine Schokolade zu nehmen. Herr von N. . ., mein Mann ist aufs Land gefahren. Nein, nein, sagen Sie nichts. Sie mögen Abmachungen haben oder nicht, Sie dinieren mit mir und leisten mir den Tag Gesellschaft.« Ich nahm an, aber meine Aufgabe war nicht leicht. Die Dame gehört zu jenen Frauen, die sehr embarrassiert wären, sollten sie das sagen, was ihnen Vergnügen macht, zu jenen Frauen, die im selben Augenblick wollen und nicht wollen, die sprechen, bevor sie denken, und immer vergessen, was sie sagen wollen.

Nach der Schokolade erklärte sie mir, daß sie an ihre Toilette ginge, wie sie sah, daß ich mich anschickte, sie zu begleiten: – »Wohin denn? Bilden Sie sich am Ende ein, daß ich mich in Ihrer Gegenwart anziehen werde? Wenn das mein Mann erführe! Und auch wenn er es nicht erführe! Da, lesen Sie was, amüsieren Sie sich, in spätestens einer Stunde bin ich fertig.« Als ich sah, daß mein Bitten weiter keinen Erfolg hatte, nahm ich ein Buch und machte mir's bequem. Kaum hatte ich zehn Zeilen gelesen, als man mir meldet, daß Madame mich verlange. – »Ich hab' mir's überlegt,« sagte sie, indem sie mich neben ihrem Toilettetisch Platz nehmen hieß, »meine Mädchen sind ja dabei, also kann ich Sie ja hereinlassen, aber wenn ich je erfahre, daß Sie indiskret wären . . .« – »Aber, Gnädige, wie können Sie so was glauben!«

Sie wurde frisiert. Ihr Busen war leicht entblößt. Ich erhob mich und küßte ihn im Spiegel. – »Was machen Sie da?« – »Ich amüsiere mich mit einem Spiegelbild.« – »Lassen Sie das sein,« sagte sie und legte die Hand auf den Spiegel, »das schickt sich nicht.« – »Selbst den Schein meines Glücks rauben Sie mir, Madame. Aber ich will ihn mir stehlen,« und ich zog einen Taschenspiegel hervor. »Dieser Spiegel gehört mir, und ich kann, meine ich, ohne Sie zu beleidigen, darin anschauen, was er mir zeigt.« Und ich holte ihr Bild aus dem Toilettespiegel in meinen kleinen Spiegel. Die Mädchen mußten laut lachen, was Madame irritierte, sie hieß sie gehen, und wir waren allein. Ich steckte meinen Spiegel wieder in die Tasche, denn ich dachte mich nun wohl besser an seinen Gegenstand selbst zu halten. Es wurde mir schwer genug gemacht. Die kleinste Kühnheit veranlaßte sie, ihrer Zofe zu läuten, die mir einmal ein Glas Wasser bringen mußte, dann wieder . . . Es blieb nichts übrig, als mit Worten es zu versuchen und die andern Attacken aufzugeben. So sprachen wir von den Frauen, kamen dabei auf die Männer, auf ihren Mann, über dessen Alter und Gebrechlichkeit man sehr artig und ohne Übertreibungen reden konnte. – »Lassen Sie meinen Mann in Ruh',« sagte sie in diesem gewissen seriösen Ton, den die Frauen so gut treffen, – »Aber ich bin weit davon, Gnädige, ich übertrage auf ihn allen Respekt, den ich Ihnen schulde und reserviere für Sie nur die Liebe . . .« – »Sie verlieren wohl den Verstand? Wie? Sie respektieren mich nicht?« – »Die Respekte sind verschieden, für den so, für den so, den man für Ämter und Würden hat, der ist Pflicht, den man für andere hat, ist Höflichkeit, aber der Respekt für eine Frau wie Sie, das ist ein Kultus, ein Dienst, zu dem uns die Liebe zwingt!«

Nach dem Diner, dem der Champagner nicht fehlte, begab man sich in das Boudoir, wo die Dame auf einem Kanapee es sich bequem machte. Ich sah die »Mémoires turcs« und begann daraus etwas vorzulesen, die Stellen waren der Dame aber zu langweilig, ich blätterte nach kühneren, fand sie und las. Sie tat als ob sie schliefe. Aber ich kam um nichts weiter.

Es war nur billig, daß sie ihre bisherige Impertinenz mit Zärtlichkeit kompensierte. Also hoffte ich auf den Abend, die Nacht. Wichtig war nur, wie unbemerkt zu ihr kommen. Frau von N . . . zeigte mir eine kleine Tür, durch die man über eine kleine Treppe in einen unteren Saal käme, dessen Fenster sich auf die Straße öffnen. – »Ich werde aber das Fenster aufmachen,« sagte sie, »Sie können ganz leicht hereinsteigen, kommen Sie um elf Uhr.« Ich war pünktlich. Sie ließ mich lange warten. – »Lieber,« sagte sie leise, »ich habe viel nachgedacht darüber, aber ich kann nicht, es geht nicht. Wenn mein Mann zurückkommt, denken Sie! – Ich wünschte sie zum Teufel, und als sie mir gute Nacht sagte, ging ich wütend davon. Da rief sie mich wieder, – »Gehen Sie nicht fort, steigen Sie herein, mein Mann wäre schon zurück, wenn er die Absicht hatte, meine Mädchen schlafen weit von mir weg, mein Zimmer ist hell, wir lassen die Jalousien oben, damit wir zur Zeit sehen, wenn Sie fort müssen, kommen Sie schnell.«

Ich stieg eiligst hinauf, in der Angst, daß ihr wieder was anderes einfiele. Sie hatte die Tür zu ihrem Zimmer offen gelassen, als sie hinunter kam, ich ging hinter ihr die Treppe hinauf, hielt sie bei der Hand, da warf sie sich mitten auf der Treppe plötzlich in meine Arme und rief: »Mein Mann ist in meinem Zimmer!« Eiligst kehrten wir wieder um. Sie zitterte, ich sagte kein Wort, schließlich war sie bereit, mit mir zum Fenster hinauszuspringen, ich hatte gelauscht aber nichts oben gehört, ich stieg ein paar Stufen hinauf, um mir Gewißheit zu verschaffen, und als ich auf einem Sofa Kleider liegen sah, war es mir klar, daß sie die für ihren Mann gehalten hatte. Aber als ich sie nun hinauf haben wollte, gab es eine neue Szene: sie hätte sich nicht getäuscht, sie habe bestimmt ihren Mann in Hauskleid und Nachtmütze auf dem Sofa gesehen, und sie kenne ihren Mann doch schließlich besser als ich. Es kostete mir tausend Mühen, sie davon abzubringen. – »Dann war es mindestens eine Warnung,« sagte sie, »vielleicht kommt mein Mann diese Nacht, ach Gott, ich bin so verstimmt, traurig, lassen Sie mich!«

Es war den Verstand zu verlieren mit dieser Frau, und wäre sie nicht so schön gewesen, hätte mich nichts gehalten, davonzulaufen. Bon gré mal gré brachte ich sie endlich in ihr Zimmer, da hatte sie noch die Unmenschlichkeit oder vielmehr den Wahnsinn, nach Papieren sehen zu wollen, die ihr ein Verwandter zur Aufbewahrung gegeben hatte, nachsehen, ob nichts davon fehlt. Ich nahm mir die Freiheit, ihr vorzustellen, daß die Kassette ja da und wohl verschlossen sei. Die Antwort darauf war, daß man seine Pflichten nie genau genug nehmen könne – ein Ausspruch so à propos, daß ich laut auflachen wollte. Darauf änderte sie den Ton und fing schließlich zu weinen an, über die Untreue, die sie an einem Mann begehe, den sie anbete. Ich wollte ihre Klage aufhalten, umsonst, was ich auch anstellte, es führte zu nichts. Da nahm ich wütend, außer mir sozusagen, meinen Hut, fest entschlossen, sie nie mehr wiedersehen zu wollen. Nun wieder sollte ich bleiben, aber ich ging. Ich hatte genug.





DIE VERFÜHRUNG

Die Gräfin

Ach, Sie sind es Montade . . .


Montade

Wer sonst, Madame?


Die Gräfin

Es ist wahr: Sie machen sich nicht mehr so selten. Aber Säe müssen zugeben, daß ich es nicht gewohnt bin, Sie so früh schon bei mir zu sehen.



Montade

Gebe ich zu, Madame, Sie haben eben nur die Gewohnheiten, die Ihnen Vergnügen machen, und wissen danach die Leute zu behandeln – man kann schon nicht besser. Sie sperren sich allein ein, während alle Welt draußen im Bois ist.


Die Gräfin

Sie rechneten also damit, mich nicht zu treffen? Sehr freundlich von Ihnen.


Montade

Mein Gott, Gnädige, das wäre nur ein Malheur mehr gewesen und kein neues. Es ist mir schon öfter passiert, daß ich vor ihrer Tür wieder umkehren mußte. Und heute –


Die Gräfin

Eine Laune, die mir manchmal kommt, was ich gar nicht beklage. Ich empfinde es manchmal sehr angenehm, mich aus der Gesellschaft zurückzuziehen, nicht alles mitzumachen. Es ist wie Atemschöpfen, und die meisten Frauen versagen sich das.


Montade

Die meisten Frauen werden Ihnen, Madame, antworten, daß Sie sich sehr vieles versagen, was sie sich gestatten, und so werden wohl auf beiden Seiten Fehler gemacht.


Die Gräfin

Das weiß ich nicht. Aber wenn es so ist, dann soll jedes die seinen behalten. Ich zweifle stark, ob ich bei einem Tausch gewinnen würde.

Montade

Ihre Fehler –


Die Gräfin

Sind?


Montade

Daß Sie sich so zurückziehen, zum Beispiel. Überlassen Sie das andern, denen das besser steht als Ihnen.


Die Gräfin

Das versteh' ich nicht.


Montade

Es gibt noch vieles, das Sie wissen sollten und das man Sie nie lehren wird.


Die Gräfin

Und das nicht zu wissen, glaube ich, mir ganz gut bekommt.


Montade

Das sollten Sie nicht sagen.

Die Gräfin

Weshalb?


Montade

Nun eben, weil Sie nichts davon wissen.


Die Gräfin

Es gibt so vieles im Leben, das man nicht weiß, weil man es nicht wissen will oder darf. So kann man doch ein Urteil darüber haben, nicht?


Montade

Wer hat Ihnen diese Wissenschaft beigebracht, Madame? Ihre Gouvernante?


Die Gräfin

Aber meine Vernunft!


Montade

Aber ja, wenn das Gefühl nichts sagt, dann denkt die Vernunft so von selber.


Die Gräfin

Ich versteh' mich auf das Gefühl und seine Sprache nicht recht, und so stelle ich sie lieber zu den Dingen, die man ganz gut entbehren kann.

Montade

Und was dann?


Die Gräfin

Nun, man ist dann weniger sensibel und ruhiger, ja, ja, man hat seine Ruhe.


Montade

Ruhe! Mein Gott, glauben Sie wirklich, daß man sich dabei besser befindet? Da kommt doch immer gleich die Langeweile dazu und diese unsagbare Traurigkeit, die das Herz . . . Das Herz will bewegt sein, Madame, Dazu ist es da. Wir müssen spüren, daß wir leben, und an den Neigungen unseres Herzens spüren, daß wir leben, liebend leben.


Die Gräfin

Was für Geschichten Sie mir erzählen, Montade! Die Liebe macht das Leben doch nicht glücklich, im Gegenteil! Was man liebt – wie lange liebt man's? Wie lange bleibt es so, daß man es liebt? Was braucht es, um alles zu ändern? Ein Nichts. Und nachher? Ekel, Bedauern, unnütze Vorwürfe, die einen nur erinnern, daß man gelitten hat und den Schmerz nur vermehren . . . Wenn schon unser Herz ein Attachement haben muß, wie Sie meinen, so schon nicht an aufregenden Sachen, die nicht dauern, auf die man nicht zählen kann. Sehen Sie, wie ich es mache. Ich liebe mein Haus, meine Musik, die gute Verständigung, die zwischen mir und meinem Manne ist, Alles das fehlt mir nie.


Montade

Ich verstehe, daß Sie Ihre Talente lieben, Madame, und daß die Ihnen nie fehlen werden, so wenig wie die Zuneigung Ihres Gatten, über den Sie ganz beruhigt sein können. Es braucht doch nicht viel, um Sie bis zum Wahnsinn zu lieben! Und Sie sind nur allzusehr dazu geschaffen, sich einen Mann auf alle Arten zu unterwerfen und ihn sich treu zu machen.


Die Gräfin

Sehen Sie, Montade, jetzt reden Sie sehr vernünftig. Schade, daß mein Mann nicht da ist, daß er es hört.


Montade

Hörte er, was Sie sagen, Madame, so hätte er wohl Grund, unbändig stolz zu sein. Aber er braucht ja gar keine neuen Proben Ihrer Liebe und keine neuen Zeugen, die ihm sein Glück bestätigen, was er übrigens schon selber tut.


Die Gräfin

Wie? Mein Mann spricht von meiner Liebe zu ihm?


Montade

Können Sie wirklich glauben, daß er diese Liebe versteckt, die ihm doch ein Ruhm ist? Was kann dem Stolz mehr schmeicheln als eine solche Liebe! Was kann stolz machen, wenn man es nicht ist, als eine solche Liebe! Sehen Sie doch; Ein Kind, das gerade aus dem Kloster kommt, wird vor den Altar gebracht, und da ist ein Fremder, der es vielleicht nie gesehen hat, der kraft der Familienautorität glaubt, sich dieses Kindes wie eines dargebrachten Opfers bemächtigen und es mit sich nehmen zu können, trotz aller Tränen und Ängste. Und von nun ab ist dieses Kind einem absoluten Herrn ausgeliefert, der nach nichts fragt und ihm die Perle seiner Schönheit ungestraft raubt, den Schatz ihres Herzens, das einzige Gut des Kindes! Und Sie verlangen, Madame, daß ein Mann, dem es bei all dieser Barbarei gelungen ist, daß das Kind ihn liebt, Sie verlangen, daß der sich nicht seines Triumphes und seines Glückes rühmen soll? wo er doch selber darüber ganz erstaunt ist!


Die Gräfin

Pfui, Montade, erinnern Sie mich nicht an diese traurigen Sachen, die man besser vergißt.


Montade

Das nennt man eine Heirat, Madame, und was Ich sagte, dürfte die Geschichte der Ihren sein.


Die Gräfin

Ja, aber lassen wir's.


Montade

Ich hab es Ihnen ja nur erzählt, um zu beweisen, daß ich recht habe, da ich sagte, daß ein Gatte stolzgebläht sein muß, ob er will oder nicht, wenn er sieht, daß man so schnell seine Gewalttätigkeit vergessen hat, und er sich erinnert, wie wenig es ihn gekostet hat, sich in den Besitz, zum Beispiel Ihrer Person zu bringen . . . Heute kann er ganz schamlos sagen, daß er sie besitzt, als ob er sich das mit Sorgen und Kümmern und Mühen verdient hätte . . . ja, er kann sogar sagen, daß Sie ihn lieben.


Die Gräfin

Wenn Sie da die Wahrheit sagen, so erstaunt es mich. Ich hätte meinen Gatten für aufmerksamer und diskreter gehalten, weil . . . nun ja, weil ich seine Frau auf Befehl der Familie geworden bin. Aber ich glaube das nicht, oder vielmehr: man wird ihm das nicht so glauben.


Montade

Aber man glaubt es doch, ich kann es Ihnen versichern.


Die Gräfin

Ja, ja, man tut so, aber worüber und wovon wären die Leute überzeugt?


Montade

Überzeugt? Aber von allem! Es wäre gar nicht nötig, daß es Ihr Gatte sagt, wie Sie ihn lieben. Was, wollen Sie, soll man von einer Frau von zwanzig Jahren denken, die seit zwei Jahren verheiratet und hübsch wie Sie ist, und von der besten Gesellschaft Frankreichs begehrt, und die unsichtbar bleibt, sich kaum einmal im Theater, auf der Promenade zeigt, sich nichts aus den Menschen im allgemeinen und aus ihnen im besonderen zu machen scheint, die alldem dies vorzieht, ihre Tage allein zu verbringen auf einem Sofa, und da mehr liegend als sitzend, denn bitte, Sie liegen auf einem Sofa, Madame.


Die Gräfin

Ja, und ganz bequem und um es noch bequemer zu haben, geben Sie mir bitte noch das Kissen da hierher . . . Danke . . . Und da ist auch noch Platz für Sie. Setzen Sie sich auch auf das Sofa, da unten bitte . . . Haben Sie keine Angst, meine Füße werden Sie schon nicht berühren.


Montade

Ja, Sie geben fürchterlich darauf acht, daß Sie mich nicht berühren.


Die Gräfin

Also, Montade, ich gelte als eine ungewöhnliche Frau.


Montade

Für eine Frau, die in ihren Gatten verliebt ist, und das ist in der Tat ungewöhnlich. Sie müssen doch zugeben: eine Frau wie Sie muß lieben. Nun weiß man von niemandem, Sie leben zurückgezogen, allein lieber als anders. Was hält Sie da? Was beschäftigt Sie da? Man sucht und sucht und findet nichts sonst als Ihren Gatten.


Die Gräfin

Wenigstens hat man den Geist, meinen Geschmack an dieser Art zu leben, der ehelichen Liebe zuzuschreiben, da man doch weiß, daß es auch noch andere und ganz gute Gründe gibt, die mich so leben lassen.


Montade

Andere Gründe? Gibt es nicht.


Die Gräfin

Aber tausend! Und die nur wir wissen und die ihr anderen Männer nicht beachtet.


Montade

Aber nein, Madame, es gibt keine.


Die Gräfin

Mein Gott, leben wir nicht unter dem Gesetz als Gatten? Ist er nicht unser Herr? Sollte der Mann, von dem das Glück unseres Lebens abhängt, weder zu fürchten noch zu menagieren sein? Es gibt für eine Frau nichts Wichtigeres, als sich darin zu üben, dem Manne zu gefallen, von dem ihr Los abhängt, koste es, was es wolle. Ich gebe zu, um dahin zu gelangen, darf man sich nicht zu oft fühlen, nicht zu oft auf sich hören, muß sogar oft recht taub und dumm sein und sich manches versagen, aber . . .


Montade

Ich höre alles das zum erstenmal In meinem Leben, Madame.


Die Gräfin

Weil Sie nur Närrinnen sehen und diese sind es, die Sie brauchen.


Montade

Ehrlich: Glauben Sie wirklich etwas von dem, was Sie sagen?


Die Gräfin

Warum nicht?


Montade

Ganz offen: Glauben Sie wirklich, daß die Frauen dazu da sind, sich unter das Joch und das Gesetz eines Gatten zu beugen, den ihnen der Zufall gegeben hat?


Die Gräfin

Ich sage nicht, daß sie dazu da sind, ich sage bloß, daß es so Brauch ist.


Montade

Brauch! Brauch! Und ist es der Brauch selber, der Ihnen alle Vorteile gibt, wenn sie Ihnen die besten Grundsätze nicht geben. Man kann doch nicht leugnen, daß die Frauen alle Macht über den Mann haben und alle Mittel vom Mann noch dazu bekommen, ihn und seinen Stolz zu behandeln wie es ihnen, den Frauen, beliebt Die Männer sind Sklaven, Madame, und kennen kein anderes Gesetz als das der Liebe und der Schönheit . . . Mehr noch: Sind diese Männer' Ihre Gatten, so sagt ihnen alles, daß sie nicht den Gatten markieren dürfen, daß sie einen Titel vergessen machen müssen, der sie nur an den ersten Affront erinnert, den sie Ihnen zugefügt haben. Alles lehrt und läßt die Männer fühlen, daß ihr Glück von dem Ihren abhängt, daß Sie deren Quelle und Bewegung sind. Ach, Sie wissen das besser, als irgendeine! Wissen ganz gut, ob es möglich ist, einem Mann eine Liebe zu geben, die alles andere ausschließt, ob es wahr ist, daß man so etwas fühlt Urteilen Säe selbst aus Ihrer Situation, ob eine Frau wie Säe ein Recht darauf hat, sich nach der Stimme hinzuwenden, die Sie ruft: zu wählen.


Die Gräfin

Ah! da macht mein Strumpf eine Falte . . .


Montade

Darf ich?


Die Gräfin

. . .


Montade

Erst küß ich den kleinen Fuß.


Die Gräfin

Aber . . . aber . . . hören Sie doch schon auf!


Montade

Das ist doch, glaub ich, der geringste Lohn für all die guten Lehren, die Ich Ihnen gebe.


Die Gräfin

Die guten Lehren kommen mir etwas lebhaft vor und Ich weiß wirklich nicht, warum ich sie dulde.


Montade

Ich weiß es: Weil sie Sie nicht überzeugen. Das gleitet an Ihnen herunter und macht gar keinen Eindruck, Man wagt es nicht, alles zu sagen, wenn man wie ich weiß, daß nichts Sie aus Ihrem Gleichgewicht bringen kann.


Die Gräfin

Man muß seine Gefühle im Zaume halten, sie nur dauernden Affektionen hingeben und kein Vergnügen suchen, dessen bösen Umschlag man zu befürchten hat.


Montade

Ja, und zu diesem Behufe ist es sehr klug und vorsichtig, sich bei lebendigem Leib zu opfern, die schönste Jugend in ewigen Kämpfen mit sich hinzubringen, in Langeweile oder in wirklichem Schmerz, den man da erfindet: das ist in der Tat mehr wert, als den natürlichen Neigungen, die man fühlt, nachzugeben, sich der Liebe hinzugeben, wenn man weiß, daß sie enden oder sich ändern kann. Es ist sicher viel klüger, das Leid von vornherein auf sich zu nehmen, indem man sich alles versagt, als daß man sich in der Hingabe der möglichen Gefahr aussetzte, daß man eines Tages davon leiden könnte.


Die Gräfin

Sie machen sich lustig. Aber es hat vielleicht doch mehr Sinn als Sie denken, und an meiner Stelle müßten Sie es genau so machen, Sie würden leiden, weil Sie sagen, daß man leidet, und würden dableiben.


Montade

An Ihrer Stelle, gnädige Frau? Ich erlaube mir, das zu bezweifeln. Entweder Hab ich ein heißes junges Herz wie alle Welt oder ein kaltes eisiges wie das Ihre. In diesem letzten Fall täte ich alles wie Sie; ich verbrächte meine Tage auf einem Sofa,- ich täte sogar mehr: ich versuchte, darauf zu schlafen, um mich weniger zu langweilen, Aber wenn ich mich jung fühlte, lebendig, reizvoll, so würde es mir, glaube ich, Vergnügen machen, das zu zeigen, vielleicht sogar zu fühlen, daß man das liebt. Und fände ich einen Würdigen, der mich noch mehr Geschmack daran finden ließe, so würde ich mich dem nicht widersetzen. Wo das alles hinführt? Einen zu erregen, um selbst erregt zu werden, was nicht weniger angenehm ist, mich fähig fühlen, das ganze Glück eines Mannes zu bedeuten, wo ich dabei keine weitere Mühe habe, als mich dem Vergnügen hinzugeben.


Die Gräfin

Ach! Was reden Sie da, Montade!


Montade

Ich sage, was ich an Ihrer Stelle täte, was alle Frauen tun, was Sie früher oder später tun werden, gnädige Frau, wenn sie es nicht vorziehen, an der Langeweile zu sterben.


Die Gräfin

Wenn alles das auch richtig wäre, so ist doch die Meinung, die ich von den Männern im allgemeinen habe, eine so schlechte, daß ich es für das größte Malheur der Frauen halte, wenn sie eine Schwäche für die Männer haben.


Montade

Ich will die Männer nicht verteidigen, ich kenne sie, sie haben Fehler, die sie mich selber hassen machen, aber alle sind doch nicht gleich, nicht? Es gibt doch auch Ausnahmen.


Die Gräfin

Aber wie soll man die herauskennen?


Montade

Man studiert, man probiert.


Die Gräfin

Und irrt sich doch. Die Männer treffen es so leicht, das zu scheinen, wie sie nicht sind und für lange. Sie haben ein Ziel mit uns und wollen es erreichen, sie brauchen alle Mittel dazu, sehr liebenswürdige, angenehme, die unserm Geschmack, unseren Schwächen entgegenkommen. Will es das Unglück, daß sie ihr Ziel erreichen, so ist alles für sie erledigt, und sie sind nicht wiederzuerkennen: Erst waren es unterwürfige treue Sklaven, jetzt sind es eifersüchtige und untreue Herren, ja eifersüchtig und untreu oft zu gleicher Zeit. Ja, Tyrannen, die uns, scheint es, deshalb nur noch halten, um uns für das Verbrechen zu bestrafen, sie geliebt zu haben.


Montade

Ich will ja die Männer nicht rechtfertigen, Madame. Aber man muß doch nicht einseitig sein. Den Umschlag, den Sie finden, dieser Wechsel, dessen Sie sie für fähig halten, ist nicht so sehr die Schuld der Männer wie man denkt. Diese Grausamkeit, die Sie bei den meisten Männern nach dem Vergnügen wahr» zunehmen meinen, wäre doch für sie selber ein fürchterlicher und peinigender Zustand. Man kann doch nicht annehmen, daß sie sich den mit Absicht wählen, daß sie dafür freiwillig das frühere Vergnügen hingeben. Nichts ist doch natürlicher, als daß man sich das Vergnügen, die Lust, die Liebe zu erhalten sucht – was anderes? Und wenn wirklich etwas passiert, das von der Liebe abbringt, so tun mir die Männer leid, und man muß es ihnen manchmal sogar verzeihen, daß sie so verändert scheinen. Und was verursacht oft eine solche Veränderung? Eine merkliche Abkühlung der Geliebten, eine gewisse Gleichgültigkeit – ist das nicht genug, um die Schwachen unter uns zu veranlassen, sich mit dem Erreichten zufriedenzugeben und auf das Erhalten dieses Erreichten zu verzichten?


Die Gräfin

Die Männer, von denen Sie sprechen, sind immer ein Unglück für die Frauen, die sie lieben, aber es sind diejenigen, die ich noch am ehesten entschuldige. Es gibt noch andere, die die Frauen viel bedauernswerter machen, und die sind es, denen man nicht verzeihen kann.


Montade

Ich verstehe, Madame: es ist die Geschichte der Ariadne, die aber doch von Bacchus getröstet wurde, Übrigens heißt das, der einen wie der andern Partei den Prozeß machen: wenn ein Mann eine Frau vernachlässigt oder sie verläßt, so ist es oft doch nur um einer andern willen, die es ihn bereuen läßt. Der einen wurde unrecht getan, und die andere rächt sie, und der arme Mann spielt dabei eine ziemlich traurige und dumme Rolle. Bedenken Sie, gnädige Frau, daß es in unserem und Ihrem Interesse liegt, diejenigen gut zu kennen, die wir heben, und daß das Risiko ganz gleich groß ist, ja für uns sogar noch größer ist, denn wir suchen immer und überall die Schönheit: überall liebt man sie und überall setzt sie sich der Gefahr aus, überfallen zu werden, und wir, wir sind dem doch nie ausgesetzt.


Die Gräfin

Nein, gewiß nicht, Weil Sie uns in diese Gefahr bringen, Montade, sagen Sie die Wahrheit: Wie viele Frauen haben Sie in Ihrem Leben so überfallen? So jung Sie auch sind, Sie haben so etwas . . . oder ich täusche mich sehr.


Montade

Ich habe niemals jemanden überfallen . . . Und wenn ich es wagte, so machte ich es sehr schlecht . . . Ich liebe zu sehr . . . Und Schüchternheit ist von der starken Liebe unzertrennlich . . . Das ist die Qual der zarten Seelen. Niemals fühle ich das stärker . . . niemals . . . ich schwöre es!


Die Gräfin

Wie, Sie lieben, Montade, Sie? Ist das zu glauben? Ich kann es mir nicht vorstellen. Und wer ist diese arme unglückliche Frau, die Sie heute lieben und morgen vielleicht verlassen? Wenn ich sie kennte, gäbe ich ihr einen guten Rat.


Montade

Beruhigen Sie sich, Madame, Sie kennen sie nicht, und ich werde Ihnen nie ihren Namen sagen.


Die Gräfin

Nie?


Montade

Nein, niemals.


Die Gräfin

Um so besser. Ich werde diese Schmerzen also nicht kennen, wenn die Unbeständigkeit über Sie kommt.


Montade

Ja, ebenso wie sie die Freuden Ihrer Ruhe nicht kennen wird.

Die Gräfin

Das ist es ja gerade, was mich ärgert. Ich möchte es ihr sagen und sie selbst als Zeuge für ihren Zustand und den meinen anrufen. Ich interessiere mich lebhafter für diese Frau als für Sie, Montade, nehmen Sie es mir nicht übel.


Montade

Ich nehme es Ihnen nicht übel. Diese Herzensgüte, die Sie zeigen, genügt mir, und mehr werden Sie nicht erfahren, ich werde kein Wort mehr darüber sagen.


Die Gräfin

Warum denn? Was riskieren Sie dabei, mir ihren Namen zu nennen, wenn sie Sie liebt?


Montade

Ja, das ist es eben. Weiß man denn je, ob man wirklich geliebt wird? Vielleicht bin ich es gar nicht, und was Sie mir eben sagten, macht mir Angst. Wären Sie wirklich imstande, mich durch die Ratschläge, die Sie dieser Dame geben würden, die mich liebt, zu verraten? Gott soll mich davor bewahren, Ihnen jemals diese grausame Genugtuung zu geben.

Die Gräfin

Noch etwas, Montade. Ist es wirklich wahr, daß ich die Dame Ihres Herzens nicht kenne? Antworten Sie aufrichtig. Es würde mich rühren, und könnte mich mehr als Sie denken an Sie attachieren.


Montade

Ich muß es nochmals wiederholen; Sie kennen sie nicht. Sie kennen ihren Wert nicht, es ist ein Engel auf Erden, eines Gottes würdig, ein Herz, das selbst noch nicht gefühlt hat, seit zwei Monaten hat mich diese unglückliche Leidenschaft, ich quäle mich und schweige, früher oder später hoffe ich sie loszuwerden. Urteilen Sie selbst, wie es um mich steht, ich habe es nicht einmal gewagt, ihr meinen Zustand zu entdecken.


Die Gräfin

Was? Sie sind einer solchen Liebe fähig und wagen es nicht, sie zu gestehen?


Montade

Nein, ich wage es nicht. Ich habe zu sehr Angst, ihr damit zu mißfallen – lieber sterben. Auf diese Weise habe ich wenigstens das Vergnügen, sie zu sehen. Und das ist viel. Wenn ich ihr mein Herz eröffnete, würde sie sich vielleicht beleidigt fühlen und mich nicht wiedersehen wollen, und was würde dann aus mir!


Die Gräfin

Montade, mich rührt Ihr Zustand! Nein, wenn Sie so lieben können, sind Sie keines schlechten Dienstes wert! Ich werde Ihre Freundin, wirklich Ihre Freundin. Sagen Sie mir, wen Sie lieben. Ist sie Ihrer Liebe würdig, so verdient sie, es zu wissen, ich will, daß sie es weiß, und wenn ich selbst ihr es sagen muß und ihr den Wert eines solchen Geliebten preisen.


Montade

Betrügen Sie mich auch nicht, Gräfin? Sprechen Sie wirklich die Wahrheit?


Die Gräfin

Wirklich die Wahrheit.


Montade

Geben Sie mir die Hand . . .



Die Gräfin

. . . was soll es . . .?


Montade

Nun geben Sie mir die andere.


Die Gräfin

Was machen Sie?


Montade

Fühlen Sie meinen Puls?


Die Gräfin

Himmel, wie er schlägt!


Montade

Er nennt sie Ihnen, die Dame . . . er hat mehr Courage als ich!


Die Gräfin

Montade!


Montade

Das ist mein Zustand seit einer Stunde.


Die Gräfin

Und wie ist mir erst! . . . ach! . . . ich ersticke . . . ich weiß nicht, was ich sage.


Montade

Wie Sie mich ansehen! Was für Augen! Sie erregen und beängstigen mich! Ihr Blick macht mich zittern . . . Ihr Fuß berührt mich . . . darf ich ihn küssen . . .? Ah! Welche Last ist von mir genommen!


Die Gräfin

Was soll das heißen?


Montade

Ja, ja, für ewig!


Die Gräfin

Wie, Sie erkühnen sich, eine Frau wie mich zu lieben? . . . Warum sagten Sie es mir?


Montade

Da ich es Ihnen einmal sagte, werde ich es noch öfter sagen, und Sie müssen sich schon entschließen.


Die Gräfin

Nein, ich kann nicht. Warum behielten Sie dies unglückselige Geheimnis nicht für sich? Warum es mir sagen?


Montade

Warum haben Sie mich dazu gezwungen?


Die Gräfin

Ach! Konnte ich denken, daß ich . . .?


Montade

Ja, ja, Sie dachten es und wußten es, Sie konnten doch nicht daran zweifeln: es ist schon lange her, daß es Ihnen mein Kommen verrät.


Die Gräfin

Wie sollte es das? Muß man denn immer denken, daß die Liebe allein die Menschen bestimmt, daß es kein reines und aufrichtiges Gefühl gibt? Sollte ich Sie wirklich einer zärtlichen, von aller Liebe freien Freundschaft für unfähig halten?

Montade

Eine reine Freundschaft, Gräfin? Mein Gott, es gibt keinen Mann auf Erden, der dazu stark genug wäre. Man sucht es sich doch nicht aus, wie man Sie liebt, wenn man bei Ihnen ist, wenn Ihre Gegenwart einen hinreißt. Seit zwei, drei Monaten füllen Sie jeden Augenblick meines Lebens. Seit dieser Zeit, glaube ich, habe ich sonst nichts gedacht, als Sie, immer nur gelebt, um an Sie zu denken, von Ihnen zu träumen, ein Mittel zu finden, es Ihnen zu sagen . . . Wie oft habe ich diesen Augenblick herbeigesehnt! . . . Wie oft habe ich mich davon überzeugt, daß Sie ihn zu vermeiden suchen, und wenn ich alle Hindernisse hinweggeräumt hatte, die Sie umgeben, so blieben Sie doch unüberwindbar für mich! Ich war von diesem Gedanken ganz erfüllt, als ich Sie auf diesem Sofa liegend fand . . . Ich fand mich allein ohne Zeugen, mit Ihnen, Ich brannte danach, zu sprechen und Ihnen mein Herz zu eröffnen. Aber Ihre Augen, die ich anbete, machten mich so ängstlich und respektvoll, daß diese Unterredung geendet hätte wie so manche andere, wenn Sie mir nicht selbst nach und nach das Geheimnis entlockt hätten. Ich bin nicht schuld daran, wenn Sie es nun wissen: gegen meinen Willen habe ich es Ihnen entdeckt. Es wäre ungerecht von Ihnen, wenn Sie sich darüber beklagten.


Die Gräfin

Lassen Sie . . . machen Sie mir die Vorwürfe, die ich verdiene, ich mache mär selbst genug, arme Frau, die ich bin, arme gefallene Frau. Trösten Sie sich, Montade, Sie haben allen Vorteil, mir bleibt nichts als die Schande, unterlegen zu sein, da ich Ihnen das Geheimnis nicht entlocken konnte, ohne mich selbst zu verraten . . . Ich bin ganz . . . ganz . . . Ich weiß nicht, was ich sage und tue . . . oder vielmehr, was ich tun sollte . . . Ich . . . ich fühle Dinge, an die ich nie zu denken wagte . . . Wie bin ich unglücklich, daß ich Sie kenne, daß ich mich nicht verteidigen kann! Ja, ja, Sie hatten ganz recht, mein zurückgezogenes Leben zu mißbilligen . . . Sie, der ohne es zu wissen, die einzige Ursache davon war . . . Sie, für den ich fast alle Tage zu Hause blieb . . . und warum? Sie herbeizuwünschen, auf Sie zu warten und zu seufzen . . . Unglückliches Weib, das ich bin . . . so viel ich auch darüber nachdachte und mich beobachtete, seitdem Sie zu uns kamen, es ließ mich nicht Sie durchschauen. Ich hatte auch nicht den Mut, dieses tête-à-tête zu vermeiden . . . Und wie oft habe ich es erzitternd herbeigesehnt! Ich wollte mich bis zum Schluß beherrschen und verstellen, aber Sie haben mich verführt und in diese Sache hineingelockt, und ich konnte nicht mehr . . . Montade, nutzen Sie das nicht aus, Jetzt können Sie zufrieden sein. Gehen wir nicht weiter. Seien wir anständig bis zur Schwäche. Wir wollen uns nicht mehr sehen . . . oder doch nur selten, und nicht allein. Vermeiden wir alles, was mich schwach machen könnte und mich einem Unglück aussetzt . . . der Gedanke daran allein erfüllt mich mit Entsetzen.


Montade

Je mehr Sie in die Irre gehen, desto sicherer gehe ich: da ist es gut, miteinander zu gehen und sich an der Hand zu führen. Man unterstützt sich und führt sich gegenseitig. Was fürchten Sie, jetzt, da wir uns das Geheimnis unserer Herzen gesagt haben, da wir nur mehr beide dasselbe sehen? Wie schön ist es, ohne Furcht zu handeln, Gedanken und Gefühle auszutauschen, die aus derselben Liebe kommen – von jetzt ab ist doch jede Gefahr vorüber –, die Dornet! sind alle entfernt, und wir können die Rosen pflücken . . . Was sagen Sie? Habe ich unrecht?

Die Gräfin

Ich weiß nicht.


Montade

Wie, Sie wissen nicht, daß wir vereint sind?


Die Gräfin

Auf wie lange?


Montade

Die Frage kränkt mich – in zehn Jahren werden Sie mich dafür um Verzeihung bitten.


Die Gräfin

. . .


Montade

Pardon, Madame, weshalb wird Ihre Freundschaft so unhöflich?


Die Gräfin

Wieso?


Montade

Sie haben versprochen, mit Ihrem Fuß schön bei sich zu bleiben, daß er mich nicht berührt, und jetzt – liegt er auf meinem Schenkel . . .


Die Gräfin

Dann bitte ich um Verzeihung. Ich habe nicht darauf geachtet. Ich werde es nicht mehr tun.


Montade

Aber ich will, daß er da bleibt, um Sie dafür zu strafen.


Die Gräfin

Also gebe ich ihn Ihnen wieder, unter der Bedingung, daß Sie ihn nicht berühren, oder ich ziehe ihn gleich wieder zurück.


Montade

Nein, ich will ihn nur ansehen, weil er schön ist und klein und zierlich.


Die Gräfin

Ja . . .


Montade

Er macht den Schuh, der ihn bekleidet, zum Kunstwerk. Ach, wie dieser kleine Pantoffel mich entzückte, als er herunterfiel!


Die Gräfin

Sie sind verrückt!


Montade

Wenn Sie wüßten, wie köstlich mir das Geräusch Ihres Pantoffels ist, wenn Sie über das Parkett schreiten, könnten Sie die Wirkung beurteilen, die es auf mich machte, als er zu Boden fiel. Das fühlt man so, es läßt sich nicht erklären.


Die Gräfin

Wie glücklich Sie sind, Montade, Sie können lachen und scherzen! Lehren Sie mich, wie man den Geist frei behält, wenn man in einem Zustande ist, wie jetzt ich.


Montade

Sonderbar, Wenn ich diesen Schuh berühre, oder ihn an Ihren Fuß ziehe oder abnehme, so habe ich das Gefühl, als ob ich unbedachterweise Samt berührte, oder einen Pfirsich pflücke . . .

Die Gräfin

Ziehen Sie mir den Schuh also schnell wieder an, Sie kennen unsere Bedingungen.


Montade

Ihr weißer Strumpf scheint mir ebenso schön wie der Schuh zu sein . . . Bitte, rühren Sie sich nicht . . . Ihre weißen Jupons verbergen ihn mir zu sehr. Ich mag mich noch so sehr anstrengen, ich sehe nur bis an den Rand da, das ist nicht hübsch von Ihnen!


Die Gräfin

Ich bin gar nicht zum Scherzen aufgelegt, sprechen wir von etwas anderem . . . Montade, was machen Sie heute? Gehen Sie in Gesellschaft? Oder werden Sie mit uns zu Abend essen?


Montade

Ich werde mehr tun. Ich werde den Rest des Tages Sie nicht verlassen. Und dann habe ich gestern abend bei Ihnen gespeist.


Die Gräfin

Was macht das? Mein Mann hat Sie gern und möchte Sie jeden Tag sehen.

Montade

Also ja, unter einer Bedingung: Sie haben vorhin welche gemacht, ich möchte jetzt auch welche machen . . . wenn Sie mich den weißen Strumpf betrachten lassen, den ich kaum gesehen habe.


Die Gräfin

Sie sind närrisch, Montade. Rühren Sie mich, bitte, nicht an, ich verbiete es Ihnen.


Montade

Entschädigen Sie mich wenigstens mit einem lieben Blick . . . Ich werde nicht daran rühren, ich verspreche es Ihnen . . . Ist dieses Opfer nichts wert? Was ich von Ihnen verlange, ist doch nicht viel. Nur daß ich diesen weißen Strumpf sehen darf . . . Er ist vom reinsten Weiß, und ich vergöttere weiße Strümpfe an . . . schönen . . . Zeigen Sie ihn mir selbst . . . Lassen Sie doch diesen kleinen Fuß hier bei mir . . . er ist so wohl da . . . und heben Sie selbst Ihre Röcke etwas in die Höhe . . . sehen Sie, ich halte meine beiden Hände an meinen Kopf . . .


Die Gräfin

Mein Gott . . . Also Sie wollen meine Beine sehen . . . Ist es jetzt genug?


Montade

Ich sehe ja fast nichts . . . Nur ein Stückchen Strumpf . . . Bitte, noch ein wenig hinauf . . .


Die Gräfin

Sie sind verrückt . . . so?


Montade

Noch mehr . . . Ich habe mir doch die Hände gebunden! Mehr . . . bis zum Strumpfband . . . Ich möchte wissen, was es für eine Farbe hat.


Die Gräfin

Nein, das geht zu weit, hören Sie auf!


Montade

Wenn es Ihnen ebensoviel Freude macht wie mir, wir würden besser enden, vorausgesetzt, daß wir überhaupt zum Ende kommen könnten. Wann werden wir wieder einen solchen Augenblick für uns haben? Wie vergeudet man doch die Zeit, wenn man sie nicht zu nutzen weiß, wie sie kommt. Geben Sie mir wenigstens die Hand, die kleinen Finger, ich will sie halten und küssen.


Die Gräfin

Lassen Sie, Montade,. ich bin ganz aus dem Gleichgewicht . . . haben Sie doch Mitleid, lassen Sie mich, lassen Sie meine Hand . . . also ja, sie gehört Ihnen auf ewig – aber mehr kann ich jetzt nichts . . . Wenn es wahr ist, daß Sie mich lieben, Montade, so respektieren Sie mich. Die Liebe, die ich für Sie empfinde, ist die reinste von der Welt und die zärtlichste . . . Sie werden sie sich besser erhalten, wenn Sie sie nicht verletzen.


Montade

Entziehen Sie mir wenigstens Ihre Augen nicht und auch nicht den schönen Mund, der mich so entzückt und mir mein Glück verspricht . . . Geben Sie mir diesen Mund . . . Ja . . . geben Sie ihn mir . . . Ich will ein heißes Feuer darauf legen. Damit du weißt, wie wahnsinnig ich dich liebe. Jetzt mach was du willst, ich halte dich, ich küsse dich, ich bin rasend in dich . . . und du wehrst dich, kratzt meine Hand . . .


Die Gräfin

Was fällt Ihnen denn ein, mein Herr, wer gab Ihnen denn ein Recht auf mich, ich habe noch genug Ehre und Tugend, mich dem nicht auszusetzen. Ich hasse Sie ebenso sehr wie ich Sie geliebt habe. Gehen Sie, ich will Sie nie mehr sehen. Ich glaubte, Sie hätten Ehre und Schamgefühl und wären meines Herzens würdig, aber Sie haben mich ganz unwürdig betrogen, ich werde mich für den Rest meines Lebens dafür bestrafen. Ewig werden Sie für mich ein Gegenstand des Entsetzens sein . . . Gehen Sie, gehen Sie!


Montade

Gut, ich gehe, Sie sollen mich niemals wiedersehen . . . man kann sein Los nicht ändern . . . das meine war, Sie zu lieben, ohne es Ihnen zu sagen, oder es Ihnen sagen und Sie dadurch beleidigen. Ich fühlte das, als ich mein Geheimnis nicht verraten wollte . . . warum haben Sie es mir herausgelockt? Warum vertrauten Sie mir das Herz an, das mich so trunken machte vor Glut, daß ich gegen Sie so wurde? Zu Ihren Füßen liege ich, nicht um Gnade zu bitten, denn wer imstande ist, Sie zu beleidigen, verdient keine. Aber hören Sie mich an . . . Nur ein Wort. Wenn ich gehen muß, so verlange ich von Ihnen wenigstens das eine, daß Sie mich nicht im Zorn wegschicken – das wäre zu viel.


Die Gräfin

Aber Sie verdienen meinen Zorn.


Montade

Ich verdiene doch vielmehr Ihr Mitleid, wenn ich mich schon von Ihnen trennen muß.


Die Gräfin

Lassen Sie mich jetzt . . . Ich fühle mich nicht wohl . . . Gehen Sie schon, oder ich muß meine Leute rufen. Gehen Säe, ich sage Ihnen doch, gehen Sie! Alles was Sie mir noch sagen, macht mir angst und bang. Wenn jetzt mein Mann hereinkäme – ich glaube, ich würde tot umfallen. Also lassen Sie mich schon.


Montade

Für immer?


Die Gräfin

Ach!


Montade

Erlauben Sie, daß ich noch einmal wiederkomme, bevor ich sterbe.


Die Gräfin

Ich weiß nicht mehr, wo ich bin.


Montade

Sie sind allein, Komtesse, allein mit dem unglücklichsten und leidenschaftlichsten Geliebten der Welt . . .


Die Gräfin

. . .


Montade

Werden Sie mich noch einmal sehen, darf ich wiederkommen?


Die Gräfin

Ich bin jetzt außerstande, es zu erlauben oder zu verbieten . . .


Montade

Also ich darf nicht bald wiederkommen?


Die Gräfin

Was soll ich Ihnen sagen?


Montade

Wenn meine Gegenwart Ihnen so lästig ist, werde ich doch nicht die Unverschämtheit haben, zum Souper wiederzukommen.


Die Gräfin

Nach der Unverschämtheit von soeben wird Ihnen die andere nicht so schwer werden. Aber nun gehen Sie, damit mein Mann Sie hier nicht findet. Und kommen Sie in einer Stunde wieder, wenn Sie durchaus wollen.


Montade

Ich will es nur, wenn Sie es wünschen.


Die Gräfin

Wenn ich es wünsche? Der schlechte Mensch zweifelt noch daran! Wenn eine Frau soweit gegangen ist, einem Manne ihre Liebe zu verraten, so ist alles gesagt und alles getan – sie hat ihre Rechte verwirkt . . . Ich habe kein Recht mehr, auf Sie böse zu sein . . . Ich bin nur mehr auf mein Herz gestellt . . . Aber gehen Sie jetzt und kommen Sie bald wieder. Bis dahin will ich mit mir allein sein. Ich muß mit mir allein sein und zu mir kommen, wenn ich es kann . . . Ich höre was . . . Es kommt wer . . . Ja wirklich . . . Sehen Sie schnell, wer es ist.


Montade

Herrgott, Ihr Mann! . . .


Die Gräfin

Mein Mann . . . ich bin verloren. Er wird Verdacht schöpfen . . . Setz dich da in den Stuhl und rühr dich nicht. Nimm ein Buch und lies mir laut vor.