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Paul Bliss – Die heilige Frau

Erzählung

Aus: Jugend, Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1. Jahrgang, Nr. 13, S. 201 ff..



»Natürlich, Mädel, wirst Du mitfahren,« sagte die Mutter, »hast ja so gut wie gar nichts vom Leben«.

Aber Else schwieg und sah nachdenklich zum Fenster hinaus. Nun begann die Nachbarin von neuem.

»Immer kommen Sie man mit, Fräulein Else, Sie werden sich schon amüsiren; wir fahren nach dem Grunewald und da ist immer was los.«

Auch jetzt noch sagte Else nichts. Aber die Mutter winkte der Nachbarin zu, sie könne darauf rechnen, dass Else mitmache, damit war diese zufrieden und ging.

Als die Beiden allein waren, trat die alte Frau zu ihrer Tochter hin, streichelte zärtlich das blonde Haar ihres Lieblings und fragte: »Warum willst Du denn nicht mitfahren, mein Kind?«

Else sah der Mutter in's Gesicht. »Wenn du es gern hast, Mutterchen, fahre ich natürlich mit.«

»Aber, Mädel, ich hab' doch nichts davon, Deinetwegen habe ich doch nur zugeredet, damit Du auch mal 'ne kleine Abwechselung hast. Du kannst doch nicht alle Tage hinter Deiner Nähmaschine sitzen, siehst so schon ganz blass aus. Was soll denn das werden, wenn Du Dir nicht einmal diese kleine Erholung gönnen willst!«

Else schwieg. Die Augen waren voll Thränen und um den Mund kam ein Zug von bitterm Weh, dann sagte sie: »Ich werde mitfahren, Mutter.« Und dann umfasste sie die alte Frau und küsste sie heiss und innig. Dann ging sie in ihre Kammer, um sich fertig zu machen.

Voll Betrübniss sah die Mutter ihr nach. Das arme Mädel, dachte sie, wahrhaftig, es war schrecklich, alle Tage, vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht, sass sie und stichelte, und dabei für so ein bischen Geld, aber es ging doch nicht anders, die kleine Pension aus der Wittwenkasse reichte doch nicht für den Unterhalt von zwei Menschen, wenngleich man schon mehr als eingeschränkt lebte, zum Gott-Erbarmen war es.

Nach einigen Minuten kam Else wieder; sie hatte ihr Sonntagskleid angezogen, ein helles Mantelet umgenommen und den neuen schwarzen Tüllhut aufgesetzt, – alles war nur einfach und schlicht, aber es war kleidsam und geschmackvoll.

Die Mutter lächelte stolz. »Gut siehst Du aus, mein Kind, und wer es nicht weiss, wie knapp es uns geht, der kann es Dir weiss Gott nicht ansehen. Na, nun geh 'rüber zur Frau Schwarz und amüsirt euch gut. Ich werde aufbleiben, bis Du zurück bist.« Sie gab der Tochter einen Kuss und begleitete sie an die Thür, dann ging sie zurück in ihren Krankenstuhl.

Eine Viertelstunde später fuhr Else mit der Familie Schwarz ab; sie kannte alle Fahrgenossen, die im Kremser sassen, es waren Bekannte und Verwandte der Nachbarin, kleine Leute, Handwerker und Subalternbeamte mit ihren Frauen und Kindern, aber es waren brave und redliche Menschen.

So fuhren sie durch die Strassen, plaudernd und lachend, als man aber im Thiergarten war, wurde gesungen, laut und fröhlich, aus voller Kehle.

Es war ein Frühlingstag voll Lust und Sonnenschein, ein Singen und Klingen ging durch den Wald, die Bäume und Sträucher im ersten herrlichen Grün, auf den Rasenmatten tausende von Gänseblümchen und an den Haselsträuchern lange Kätzchen.

Else sass da wie im Traum und sah in die lachende Sonnenwelt, – so neu war ihr das alles, so ganz ungekannt, nie war sie hinausgekommen, nie hatte sie sich Zeit genommen, weil sie arbeiten musste, immer nur arbeiten und verdienen, und nun auf einmal sah sie die grosse Herrlichkeit eines solchen Frühlingsmorgens, und nun erfasste sie eine Sehnsucht nach Einsamkeit, eine Sehnsucht nach dem Glück, das sie sich erträumt hatte in ihren schlaflosen Nächten, wenn sie an ihre Zukunft dachte, – eine Sehnsucht nach Liebe, nach heisser inniger Liebe, von der sie noch nichts wusste, trotz ihrer zweiundzwanzig Jahre.

So kamen sie nach dem Grunewald. Im Hundekehlen-Restaurant wurde Halt gemacht. Dort assen sie zu Mittag. Und dann ging es zu Fuss weiter.

Um fünf Uhr waren sie in Halensee. Die Alten blieben im Garten. Die Jugend wollte tanzen. Auch Else wurde mit in den Saal gezogen.

Zum ersten Mal sah sie das; wohl hatte sie schon viel davon erzählen hören, nun aber fand sie es doch ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatte. Still, fast ängstlich, stand sie in einer Ecke, ihr Herz pochte, ihr Blut jagte durch die Adern, hochroth war sie im Gesicht, – Herrgott, was war dies hier! – sie fühlte, wie ein Schauer sie durchrieselte, wie die Angst sie erzittern machte, als sie alle diese Pärchen sah, – eng aneinandergeschmiegt, mit gluthrothen Gesichtern, mit liebeheischenden Blicken, so jagten sie alle durch den übervollen Saal dahin – – – krampfhaft klammerte sie sich an einen Stuhl und starrte angstvoll in den Trubel. Mit einmal stand ein Herr vor ihr. Gross, breitschulterig, mit gesundem Gesicht und dunklem Schnurrbart. Er machte eine Verbeugung und sagte: »Darf ich bitten, mein Fräulein!«

Sie antwortete nichts, denn sie war wie erstarrt, hörte nichts, sah nichts und wusste von nichts, Alles um sie herum wirbelte bunt durcheinander, nur sein Gesicht starrte sie an, sein gesundes, männlich schönes Gesicht.

Dann wiederholte er seine Frage noch einmal, und da sie nicht ablehnte, nahm er sie in seinen Arm und zog sie in den Strudel der Tanzenden hinein. Er hielt ihren schlanken Leib fest umfasst und eng an sich gepresst, er fühlte ihren heissen Athem, hörte ihr Herz pochen und sah erstaunt und begehrlich in ihr glühendes Gesicht, – sie aber merkte nichts von alledem, sie flog durch den Saal und um sie herum wirbelte Alles durcheinander, summend und surrend, sie war wie betäubt, und als der Tanz zu Ende war, sank sie schlaff hin auf ihren Stuhl.

Lächelnd stand er neben ihr und unterhielt sie. Sie antwortete auch, aber sie wusste nicht, was sie ihm antwortete. Von nun an wich er nicht von ihrer Seite. Jeden Tanz nahm er nur mit ihr, und je öfter er sie im Arm hielt, desto begehrlicher wurden seine Blicke. Gerade ihre Verwirrung fesselte ihn, denn er merkte bald, dass sie noch nicht verdorben war. Nach ihrem Namen fragte er nicht. Von einem Freund, der sie beobachtet, hatte er alles erfahren, auch dass sie für ein Geschäft in der Holzmarktstrasse feine Wäsche nähte, wusste er schon. Damit war er vorerst zufrieden. Er ging mit Methode vor, wenn er ein kleines Mädchen erobern wollte. Nach einer Stunde nahm man Abschied.

Als Else spät Abends heimkam, sagte, sie der Mutter nur flüchtig »Guten Abend« und »Gute Nacht« und entschuldigte sich mit Kopfschmerz. Und erst als sie im Bett lag, fand sie all' ihre Kraft wieder. Nun stürmte alles, was sie heute durchlebt hatte, auf sie ein, nun erst dachte sie über Alles klar nach, aber immer durch Waldesgrün und Sonnenschein, durch all' den bunten Trubel des schönen Tages sah sie ein Gesicht mit männlich ernsten, schönen Zügen und hörte sie eine Stimme, die sie zittern und beben machte . . . .

Am nächsten Tage, als sie eben ihre Arbeit abgeliefert hatte und aus dem Geschäft kam, trat er ihr entgegen.

Zufällig, sagte er, käme er desselben Weges, und ob er sie begleiten dürfe?

Da sie nicht nein sagte, ging er an ihrer Seite; sie plauderten vom gestrigen Tage und von vielem Anderen noch. Er lachte und scherzte, und bald lachte sie auch. Dann lud er sie auf ein halbes Stündchen zum Spaziergang. So wurden sie bekannt.

Langsam gingen sie durch den Park. Die Sonne schien. Die Bäume grünten. Die Blumen blühten. Und die Vögel sangen und sangen. Am Wasser blühten die Weiden.

Und er sprach immerzu, und lachte und scherzte, und sie ward gesprächiger und heiterer, und lachte mit ihm um die Wette.

Von da an trafen sie sich fast jeden Tag.

Er immer der Galante, – ein Sträusschen für sie, und liebenswürdiger von Mal zu Mal, aber nie aufdringlich. Und sie immer zutraulicher und lustiger, denn das nie gekannte Gefühl der Glückseligkeit erfasste sie mehr und mehr.

Nach zehn Tagen trafen sie sich zum ersten Mal Abends.

Es war Vollmond. Eine heilige Stille ringsumher. Und der blaue Flieder blühte. Ganze Wogen von süssem Duft zogen heran. Im Unterholz schlug eine Nachtigall.

Und sie sassen auf einer Bank, ganz nahe bei einander, und er hatte ihre Hände erfasst und sie innig gedrückt, und sie sass da wie traumverloren und sah in die stille Nacht.

Minutenlang so – – – aber mit einmal hatte er sie im Arm und drückte sie an sich und presste ihr Küsse auf, heisse wilde Küsse, auf Mund und auf Augen, immerzu, immerzu.

Traumverloren, selig lag sie an seiner Brust.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Und von da an trafen sie sich nur noch Abends.

Es war eine wonnevolle Zeit für sie. Was sie seit Jahren heiss ersehnt, nun endlich hatte sie es gefunden – Liebe, Liebe.

Die Tage schwanden ihr dahin. Ihre Arbeit that sie im Traum; nur den Abend sehnte sie herbei.

Nach wiederum zehn Tagen war er zärtlicher, liebevoller als sonst, und er nahm sie in seine Arme, presste sie an sich und unter glühenden Küssen hauchte er ihr in's Ohr: »Kann ich denn nie einmal mit Dir, allein sein, ganz allein?«

Ein Schauer durchrieselte sie, aber sie schwieg.

Doch er liess nicht nach mit Bitten und Drängen, und er wurde zärtlicher und stürmischer, und er flehte und beschwor sie, und küsste sie wilder und wilder. Sie aber, mit einmal, sprang auf, – drei Worte nur –. »Ich schreibe Dir« – dann entfloh sie. Lächelnd sah er ihr nach, siegessicher.

Eine Nacht durchlebte sie, wie noch nie. Angst, Scham, Reue und zurückgehaltene Leidenschaft machten sie erbeben. Wie im Fieber lag sie. Die Schläfen hämmerten und das Herz schlug zum Zerspringen. Und sie umklammerte den Bettpfosten und drückte das heisse Gesicht in die Kissen und schluchzte und schluchzte.

Zwei Tage lief sie herum, immer in höchster Aufregung und immer mit blutendem Herzen. Aber sie schrieb ihm nicht und Abends zum Stelldichein ging sie auch nicht. Sie schämte sich.

Am dritten Tag kam die Nachbarin und lud sie wieder zu einer Landpartie für den nächsten Tag. Diesmal wollte auch die alte Mutter mit, denn jetzt fühlte sie sich besser.

Da mit einmal durchzuckte es Else – dann also wäre sie morgen allein zu Hause, auch die Nachbarsleute wären ja dann nicht daheim, – dann, dann – – – –

Am selben Tag noch schrieb sie ihm, dass er morgen um Fünf kommen möge – sie wäre mutterseelenallein. Dann warf sie den Brief in den Kasten.

Jetzt athmete sie auf, jetzt war sie frei, – länger konnte sie diese fiebernde Ungeduld nicht mehr ertragen, – mochte es nun geschehen!

So fuhr am andern Tage die Mutter mit den Nachbarsleuten fort. Else blieb zu Hause, sie schützte Unwohlsein vor.

Als sie allein war, überfiel sie wieder die grausige Angst, und sie rannte durch die Zimmer und warf sich in's Sopha und schluchzte, mitten durch aber zog es wie ein Freudeleuchten, das jäh aufflammte für einen Augenblick und sie erbeben liess vor heisser Glückseligkeit. Und je näher es auf fünf ging, desto fieberhafter wurde ihre Erregung.

Endlich! Die Uhr tickte fünfmal. Jetzt konnte er jeden Augenblick kommen. Sie blieb auf dem Corridor und sah durch das Guckloch, um ihn sogleich, ohne Aufsehen zu erregen, herein zu lassen. Athemlos stand sie da und wartete.

Aber Minute auf Minute verrann und er kam nicht, bald war es ein Viertel nach Fünf, und er kam noch immer nicht.

Wie gehetzt lief sie umher, athemlos vor Angst und wusste sich keinen Rath.

Und es wurde Sechs, und er kam noch immer nicht.

Nun sank sie zusammen wie gebrochen, – er kam überhaupt nicht! – Das fühlte sie jetzt. Und nun kam ein anderes Gefühl über sie. Sie hasste ihn, hasste ihn wüthend, denn er hatte sie genarrt. Eine wahnsinnige Wuth ergriff sie.

Mit der letzten Kraft schleppte sie sich in ihre Kammer und warf sich hin auf ihr Lager, und nun überliess sie sich ihren Schmerzen. Und sie schluchzte laut auf, und krallte die Nägel sich in das Fleisch ihrer Arme, und biss in ohnmächtiger Wuth auf die Bettdecke los, und jammerte und weinte – warum, warum hatte er ihr das gethan!

Und dann mit einmal hatte sie das Gefühl der grenzenlosen Einsamkeit, – sie war verlassen, ausgeschlossen von allen Freuden dieser Welt, – und sie sehnte sich doch so heiss nach wilder Liebe, ach, wenn er jetzt doch hier wäre! Alles, Alles sollte geschehen, was er befahl, denn er war der Herr, und sie war ihm ja unterthan, – Alles, Alles sollte geschehen! so bat und flehte sie in wahnsinniger Angst und sehnender Erregung.

Da drang Musik an ihr Ohr – ein Leiermann war im Hof –! ›Nur einmal blüht im Jahr der Mai, nur einmal im Leben die Liebe‹ – und da überkam sie eine tiefe Wehmuth, und voll stiller Traurigkeit liess sie den Kopf in die Kissen sinken und weinte bitterlich        . . . . .

Als am Abend die Mutter heimkam, fand sie Else im Fieber liegen, mit unheimlich glänzenden Augen und unter wirren zusammenhanglosen Worten. Und als der Arzt sie untersucht hatte, konstatirte er ein schweres Nervenfieber. –

Nach acht Tagen bekam Elsens Liebhaber den bewussten Brief. Das dünne Couvertchen war im Briefkasten in den Umschlag einer an den Seiten offenen Zeitung gerathen und hatte die Reise nach Nordfrankreich mitgemacht, erst jetzt kam es an seine Adresse.

Eine Stunde später erkundigte sich der junge Mann beim Portier des Hauses, in dem Else wohnte, nach dem kleinen Mädchen, und da erfuhr er, dass sie todtkrank im Hospital läge. »Schade,« sagte er im Fortgehen, »unglücklicher Zufall, – war ein ganz patentes Mädel.« Damit war die Sache für ihn abgethan. – – –

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

Zwei Jahre später.

Else ist die Frau des Arztes geworden, der sie im Krankenhaus behandelt hat. Er hatte das einfache schlichte Mädchen liebgewonnen und lebt nun schon seit zwei Jahren mit ihr in der glücklichsten Ehe.

Und sie ist ihm eine treue hingebende Gattin geworden, die in der Ehe das Glück ihres Daseins gefunden hat. Sie ist das Muster einer Frau, rein, keusch und voll hehrer grosser Tugend, all' der Schmutz der kleinlichen Welt ist für sie nicht da. Sie ist die aufopferndste Mutter ihrem kleinen Knaben, den sie für das Hohe, für das Erhabene dereinst erziehen will; sie ist die umsichtige Hausfrau, die mit Argusaugen über den tugendhaften Lebenswandel ihres Gesindes und ihrer Untergebenen wacht, und die unerbittlich und unnachsichtig jedes Vergehen gegen die gute Sitte rügt und straft.

Man nennt sie allgemein die heilige Frau, und man begegnet ihr allerorten mit der grössten Hochachtung.

Einmal entdeckte sie den Fehltritt ihrer Näherin, der sie mit Rath und That stets zur Seite gestanden war, und nun verurtheilte sie das arme Ding Knall und Fall, und wollte ihr Alles entziehen.

Aber ihr Mann sprach dagegen: »Du bist zu hart, Else, Du darfst nicht vergessen, welcher Gefahr solche armen Mädchen ausgesetzt sind; sie stehen allein da, haben nichts von ihrem Leben, von ihrer Jugend, tagtäglich nur arbeiten und verdienen, und sie sind doch auch jung; wenn so ein armes Mädel rein bleibt, dann ist's oft nur ein Zufall. Und darum sei milder und verdamme sie nicht.«

Diese Worte trafen sie wie ein Schlag.

Sie ging in ihr Zimmer und versank in Nachdenken. – – –

Draussen war es Frühling. Die Sonne schien. Die Bäume grünten. Der Flieder blühte und duftete. Und die Vögel sangen und sangen.

Ein Leiermann spielte. »Nur einmal blüht im Jahr der Mai.«

Blitzhell stand das Bild aus der Vergangenheit vor ihr.

– – – – Und von dem Tage an wurde sie milder.



Paul Bliss – Die heilige Frau

Paul Bliss – Die heilige Frau

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