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Clara Blüthgen – Für alle Ewigkeit

Novelette

Aus: Die flammende Venus, Erotische Novellen, ausgewählt von Reinhold Eichacker Universal Verlag, München 1919


Du bist nun tot. Einer unter vielen. Ich darf nicht einmal um dich weinen und jammern, sondern muß die Zähne zusammenbeißen und stark sein. So verlangt es der Trauerkodex, den diese Zeit in ihrer furchtbaren Tragik aufgestellt hat.

Anfangs traf es mich wie ein dumpfer Keulenschlag, der betäubt, alles vernichtet, was gewesen, und was kommen wird. Ich konnte nicht weinen, ich lag da, wie zerschmettert. Wielange, weiß ich nicht. Dann richtete ich mich auf. Ein seltsames Gefühl: ich hatte Hunger. Man brachte mir zu essen, und ich aß, schämte mich dabei, daß ich essen konnte, das war das einzige, was ich deutlich empfand.

Dann ging ich durch deine Zimmer, die nun nicht mehr deine waren. Aber der Hauch deiner Persönlichkeit hing noch an jedem Dinge, ein Geruch nach Juchten und türkischen Zigaretten, und noch etwas Unnennbares, das nur dir eigen war. Von jeher hatte ich eine Abneigung gegen Zigarettengeruch – man nannte sie den einzigen Schattenfleck in meiner sonst so sonnigen Ehe – jetzt ließ er mir jeden Nerv in Sehnsucht erzittern. Dort auf dem Rauchtischchen im Aschbecher noch eine halb ausgerauchte – hastig ausgedrückt, als der Abschied kam. Auf dem Ruhebett das Seidenkissen noch mit dem Abdruck deines feinen länglichen Kopfes – eine Matrize, die man nur auszugießen brauchte, um dich wiederzuhaben! Alles war geblieben, unberührt, wie es war, wie in dem Sterbezimmer eines ganz Großen: Bismarck, Goethe – –

Die Gewißheit deines Todes fiel über mich, grauenvoll, herzbeklemmend. Sie legte sich mir auf die Brust, daß ich nicht weinen konn­te, nur hilflos, sehnsüchtig stammeln: Michael! – –

Und dann war dein Tod ruchbar geworden, und die ganze Marterzeremonie, die man »Teilnahme« nennt, setzte ein. Ich ließ sie alle abweisen, die mitfühlenden Herzen, allein wollte ich sein, allein –

Bei einigen gelang es, bei anderen nicht. Sie schoben die Dienstboten einfach beiseite, ihre Teilnahme für die Witwe war nicht zu beschwichtigen. Und alle sagten sie mir dasselbe, ein bißchen im Ausdruck variiert, daß mein Mann den Heldentod gestorben sei, daß dieses Opfer fürs Vaterland mich trösten müsse, und daß ich mich nun fassen möge, stark und stolz sein, wie es einer echten deutschen Frau zieme – –

Eine einzige war nicht unter den Besuchern. Die einzige, die ich nicht hätte abweisen lassen. Sie hatte mir gar nicht besonders nahegestanden, aber jetzt bangte ich mich in einer unklaren Verzagtheit nach ihr. Warum sie nicht kam? Gerade sie nicht? Das Herz begann mir leise zu zittern, als ob dort ein Nerv in Unordnung gekommen wäre. Und dieses Zittern ging weiter, in meine Knie, meine Hände, ich fühlte es in den Augenlidern und merkte, daß das Haar auf meiner Stirn sich bewegte, wie in einem Windzuge. Was war das? Nervosität? Oder nur das Verlangen nach irgend etwas Sympathischem, Lebendigem?

Ich mußte mich setzen, aber das Zittern rann weiter durch meinen Körper – – So elend war ich, daß man mich zu Bette bringen, mir Brom geben mußte.

Am anderen Tage ging ich daran, Ordnung zu machen. Nicht so brutal, daß ich nun deine Zimmer auf den Kopf gestellt hätte. Nein, alles sollte bleiben, wie es war, ein Heiligtum der Erinnerung. Nur an deinen Schreibtisch mußte ich mich wagen, irgend etwas Geschäftliches könnte zu erledigen sein. Im Augenblick des Abschieds hattest du mir noch den Schlüssel gegeben, mit einem Zettelchen daran. Darauf stand: Für alle Fälle!

Langsam, zögernd nahm ich Kasten um Ka­sten vor – deine geliebte Schrift, die eigentlich gar nicht zu dir paßt, nicht schroff und herrenhaft ist wie du, sondern weich, flüssig, fast eine Frauenschrift. Es gibt doch nichts Lebendigers als solch Schriftzeichen. Mag der Leib unter der fremden Scholle modern, der Geist in irgendeinem Jenseits weilen, um das unsere Sehnsucht flügelmatt irrt, die Schrift bleibt, sie lebt körperlich.

Ich drückte meine Augen auf die Züge, alltägliche Geschäftspapiere, die Sehnsucht quoll heiß und bezwingend in mir hoch und damit das erste Schluchzen. Wärst du bei mir, du Einer, du Meiner! Michael!

Und weiter durchsuchte ich alle Kasten – vielleicht, daß ich noch ein letztes Wort fände, das nur mir gehörte, ein Vermächtnis. Nichts, nichts. Alle Papiere wohlgeordnet, übersichtlich, Kante auf Kante gelegt. So ordnet nur ein Pedant seine Sachen. – Oder Einer, der weiß, daß er nicht wiederkehrt, – Einer, der mit etwas aufräumen möchte, auch nicht den klein­sten Anhalt zurückzulassen. – –

Ein Gefühl plötzlichen Verarmens kam über mich – daneben etwas von einer grausamen Enttäuschung, eine Angst, die nicht auf ihre Rechnung kam. Wie ein Dienstmädchen, das die Briefe der Herrschaft durchstöbert, griff ich nach dem Papierkorb. Hätten sich ein paar zerrissene Fetzen darin gefunden, ich hätte sie mit aller Mühe zusammengesetzt. Deine Löschmappe: das letzte Blatt war vorsichtig heruntergerissen – ah – es hätte ja zum Verräter werden können. So sorgsam gingest du zu Werke!

Wieder fühlte ich das Zittern im Herzen, und von da aus durch den ganzen Körper.

Und plötzlich zerriß etwas in mir. Von überall kamen sie hergeflattert, kleine Erinnerungsfetzen, die das Unterbewußtsein bisher festgehalten hatte. Allerlei Nichtse, denen ich keine Bedeutung beigelegt hatte. Meist besondere Freundlichkeiten von dir, Aufmerksamkeiten und Rücksichten, die übergroß waren, Geschenke, die mich bedrückten. O, diese übertriebene Zärtlichkeit, wenn du mich hattest warten lassen, diese überschwenglichen Sträuße, die du mitbrachtest, um mich zu versöhnen. Einmal die Nadel mit der auserlesenen Perle, die ich durch nichts verdient hatte. Diese neuesten Bücher, diese seltenen Früchte, die nicht in die Jahreszeit gehörten – – Und hin und wieder eine Ungeduld im Gespräch, ein scheuer Blick nach der Uhr – ein Aufhorchen, als wenn du irgendeine Meldung erwartetest. Als letztes noch der letzte Hauch eines Parfüms, das man nicht nennen konnte. Wie ein Blitz schlug es da ein, wie Marlene einmal lachend gestanden, sie mische ihr Parfüm selbst, sie wolle ihren eigenen ganz bestimmten Dunstkreis haben. – –

Ich merkte, wie eine große Kälte durch mich hindurchging. An deinem Schreibtisch sitzend, auf deiner unberührten Löschunterlage schrieb ich eine hastige Karte an Marlene, sie möge zu mir kommen, es verlange mich gerade nach ihr.

Postwendend kam die sehr verbindliche Antwort ihres Mannes, Marlene sei leider vor ein paar Tagen zu ihrer Mutter gereist, wenn er selbst mir aber mit irgend etwas dienen könne –

Ein Faden des Gewebes schlingt sich in den anderen. Gewißheit haben, Gewißheit! – –

Die Gewißheit kam. Und nun ist sie doch furchtbar. O, warum hatte dich deine Pedanterie so ganz verlassen, Michael –

Zehn Tage, nachdem ich von deinem Tode wußte, kamen deine Sachen, der Wäschesack, der schwere eisenbeschlagene Offizierskoffer.

Ich ließ sie in dein Arbeitszimmer schaffen und wartete bis zum Abend. Als das ganze Haus still war, drehte ich das Licht an und verschloß die Türe. –

O, Michael – man kann ja von euch nicht verlangen, daß ihr rosa und blaue Seidenbänder mit ins Feld nehmt, um die Briefe der Frau und der Freundin säuberlich zu scheiden, daß du sie aber, so wie sie gerade kamen, in einen Packen zusammenbandest – das mußtest du mir nicht antun, »für alle Fälle« mußtest du das vermeiden.

Sieh, Michael, nun weiß ich nicht mehr, was von dir ihr, was mir gehört. Alles ist durcheinander gequirlt zu einer widerwärtigen Masse, alles, was du mir hinterläßt, ist nichts als das Bewußtsein einer ganz banalen Ehe zu dreien. Was vor dem gewesen und wenn’s innig und rein war, wird von dieser Gewißheit verschlungen.

Es war nicht angenehm, aber es mußte sein. Zuerst habe ich die Briefe sortiert: hier Marlene, hier ich, dann sie nach dem Datum geordnet, zuletzt sie gelesen, einen nach den anderen.

Als ich damit zu Ende war, mußte ich lachen. In beiden Serien dasselbe: dieselben Glossen über Gefahr und Krieg, dieselben Hinweise auf gesandte Liebesgaben, dieselbe Angst, dasselbe Zittern des Herzens um den geliebten Mann, dieselbe Hoffnung auf ein Wiedersehen, einen Wiederbesitz – und dieselben Erinnerungen. Und da wir beide derselben gesellschaftlichen Oberschicht angehören, gleiche Bildung, gleiche Erziehung besitzen, auch dieselbe Ausdrucksweise. Nur daß bei Marlene alles unter der Frische des Neuerlebten erscheint, bei mir durch die Gewöhnung einer vierjährigen Ehe etwas abgeblaßt; dort ein Schmetterling, der seine Schwingen in der Sonne reckt – hier ein gespießter, unter der Glasscheibe des Kastens. Im Grunde doch dasselbe. Lohnte es da, daß du mir untreu wurdest, Michael? Auch der Schmetterlingsstaub der anderen würde sich bald verwischt haben. Schneller vielleicht als bei mir. Warum also? – –

Heute sage ich’s ruhig, wie man eine Bilanz zieht. Vor Tagen, als ich die Entdeckung machte, in ohnmächtiger Empörung. Ich hätte meine Trauerkleider abstreifen, den schwarzen Flor an meinem Haupte zerreißen mögen: Seht her, ich trauere nicht, ich habe kein Recht zu trauern – –

Nein, ich bin’s nicht, die zu trauern hat, wenn auch im anderen Sinne nicht, denn ich bin die Überlegene. Vor der Welt gehörst du mir, einzig mir. Vor der Welt – wie hochmütig ich sonst die Achseln gezuckt habe bei dem Wort. Und doch ist’s eine Macht, im Augenblick wohl die stärkste, die mich oben hält. Mir gehört das Mitleid der Welt, sie drängt es mir auf bis zur Überwindung. Es ist lästig, aber es ist zugleich eine Anerkennung: mir gehört er, einzig mir! Auf mich wirft die Glorie deines Heldentodes einen Abglanz. Wirst du als einer der Tapfersten genannt, gedenkt man meiner. Klingen dereinst die Friedensglocken – ich darf meinen Kopf stolz tragen: Meiner war unter den Helden!

Sie aber steht beiseite. Nichts von dir gehört mehr ihr. Sie muß ihre gewohnten Modekleider weiter tragen, darf nicht in Schwarz gehen, – dir zu Ehren. Wenn ihr Mann von dir spricht und deine Heldentaten rühmt, so hat sie leichthin zu sagen, sie habe das dem »guten Gesellschafter« kaum zugetraut – damit nur beileibe kein nachträglicher Verdacht auftaucht. Fragt man sie, ob sie auch einen Nahestehenden im Kriege verloren habe, so muß sie, gleichmütig erwidern: »Gott sei Dank, nein, ich habe keinen dabei.« – Wieder und wieder, bis ans Ende muß sie dich verleugnen. – –

Und noch eins, Michael. Ich gehöre dir und du gehörst mir. Mir allein für jetzt und alle Zeiten.

Sieh, dieser furchtbare Krieg wird enden. Irgend einmal werden die Friedensglocken läuten, ein Jubel, ein Rausch wird durch die deutschen Lande gehen, Blut, Tränen und Gräber werden wie ein altes Märchen sein, das keinem mehr das Herz aufrührt. Die Pflugschar des Landmannes wird über die Schlachtfelder gehen und alle Schrecken unterpflügen, und neue Saat und neue Ernte wird daraus kommen. Wenn der Flockentanz über die Erde wirbelt, werden wieder helle Fenster und glänzende Festsäle locken, und alles Gräßliche wird weit dahinten liegen, als sei es nie gewesen.

Und wieder wird der Frühling kommen, mit lichtem Birkengrün und blühenden Wiesen, und junger Vögel zwitschernder Brut. Kinder werden Schlüsselblumen und Anemonen pflücken und junge Geschöpfe zum erstenmal erstaunt die Augen aufschlagen. Ihre Mütter denken nicht mehr an das Grauen des Krieges, und auch bei ihren Vätern blaßt die Erinnerung nach und nach, im Ewigkeitswahn ihrer Liebe –

Und so wieder Wiesengrün und Ernte und der Tanz wirbelnder Flocken, und so immer von neuem.

Glaube es, Michael: ich bin jung, und mein Blut ist rot und lebendig. Wäre zwischen dir und mir alles gewesen, wie die Welt es glaubt, so würde auch für mich die Zeit gekommen sein, wo das große Neu- und Jungwerden auch mich gefaßt hätte, wo über dein Grab allmählich Gras gewachsen wäre. Und daraus für mich vielleicht ein neues Glück.

Nun ich aber weiß, daß du mir untreu warst, ist mir’s, als müßte ich auch im Tode dich immer wieder erkämpfen, damit du mir ganz gehörtest. Was du mir angetan, hat mich wie mit einem siebenfachen Schwert durchbohrt. Es hat mich aber auch an dich geschmiedet, unlöslich, deshalb gehöre ich dir für alle Ewigkeit. Und mein Trauerschleier soll wehen wie eine Siegesfahne!