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Helene Böhlau – Halbtier!

Roman

Helene Böhlau, Halbtier!, Egon Fleischel & Co., Berlin, 1903


1.

Fernes Gewittergrollen verliert sich im lauten Treiben des Menschenstroms, der die schwülen Straßen füllt.

Über dem ganzen überspannten, überbürdeten Menschentum lastet die große Sonnenhitze und die Enge der Gassen, die Höhe der Häuser.

All diese Menschen sind so eingezwängt, wenn sie 's auch nicht klar wissen.

Die Enge der Herzen, die Enge der Köpfe und Gesinnungen, der Höfe und Gänge, die Enge der Stuben, der ganze Brodel in dem sie leben, alles lastet und drückt und macht sie stöhnen und stimmt sie unbewußt sehnsuchtsvoll, unbewußt unzufrieden.

Da kam der erste große, freie Donnerschlag.
Oho!

Darauf ein verdächtiges Schauerlüftchen, das den fettigen, feuchten Straßengesichtern den Staub entgegenbläst.

Alles wirbelt.

Das, was einst lebte und nun als ekler Staub geduldig liegt, beginnt zu tanzen – tanzt und fährt den Lebenden widrig in die Augen und bedrängt sie. Es kommt ein Hasten in die stumpfsinnige Menge, so ein gesundes natürliches Hasten, das der Herdentiere.

Wie sie laufen, als ob sie aus Zucker wären und die schweren frischen Regentropfen an ihnen lecken und auflösen würden.

Und wie wohl thun diese schweren Tropfen! Auf den glutheißen Steinen geben sie dunkle, thalergroße Flecken und dem aufgehäuften Staub lassen sie lebendigen Erdgeruch aufsteigen.

Blitz und Donner und die schweren gesegneten Tropfen! Wenn die in den Städtequalm hineinfahren, das ist etwas! Ein Hochgefühl zum aufjauchzen!

Nur immer ärger! immer toller!

Die braunen Güsse, die durch die Rinnen jagen, die braunen Teiche und Tümpel auf Schritt und Tritt, in denen die Tropfen aufspringen und hüpfen und spritzen!

Das ist lustig.

Und die staubkrustigen Bäume mit dem früh hinsterbenden Laub, wenn in sie die Regenflut rauscht, wenn die nicht wissen, wohin mit dem Überschwall von Frische – da lacht einem das Herz.

Nur immer ärger – immer toller, wenn auch ein paar Äste daran glauben müssen!

Und die Straßen so rein gefegt vom Gesindel!

Das thut wohl!

Da sind sie einmal verscheucht, die Alltagsgesichter!

Hei – wie das schön ist! So sauber, so morgenfrisch!

Wenn sie sich doch so bald nicht wieder herauswagen wollten!

Aber die kommen wieder; ganz gewiß, – das weiß man schon.


* * *


Auf einem alten merkwürdigen Platz, hinter der griechischen Kirche, haben sie eine Fleischbank abgetragen, um eine große Markthalle zu bauen und sind dabei auf menschliche Gebeine gestoßen, – auf eine so große Anzahl von Gebeinen, daß es den Leuten angst und bange wurde.

Auf so etwas waren sie jahraus, jahrein getreten, bei ihren Einkäufen, ihren Spaziergängen und bei manchem Stelldichein.

Gerade an der Straßenecke, in dem dunkeln Winkel, der abends so ungestört, so einladend war, auf dem so viel Generationen heimliche Küsse getauscht haben, hat so ein Großer, Langer gelegen, kaum einen halben Meter unter den Pflastersteinen, so gut noch beisammen, so langgestreckt, und die hohlen Augen gen Himmel gerichtet.

Auf solch einem Grausen hatten die Pärchen also immer gestanden.

Hunderte hatten tagsüber den Platz umlagert und auf das Schauerhandwerk der Arbeiter geschaut.

Die Knochen wurden aus dem dunkelbraunen Sand herausgewühlt und in große Kisten gelegt.

Ein fideler Kapuziner, der zur Beaufsichtigung der Angelegenheit beigegeben war, hatte hin und wieder den Deckel einer Kiste gehoben und schmunzelnd Umschau über seine Schutzbefohlenen, gehalten.

Es waren halt auch Kapuziner gewesen, diese braunen Knochen. Der Kapuziner hatte daher etwas ganz Kollegialisches im Verkehr mit Ihnen.

»Wir sind vom selben Orden. Ich kenne eure Schliche, Fratres.«

Er wog einen Schädel in der Hand – und schmunzelte. Er wog einen Schenkelknochen und schmunzelte, nahm es, Gott Lob, von der leichten Seite.

Und das alte Bahrtuch, das über jede der großen Kisten gebreitet war, deckte er allemal vorsorglich darüber, wenn wieder ein Schupp Knochen eingeschüttet war.

Ehre, wem Ehre gebührt.

Dabei schmunzelte er nicht, das nahm er ernst.

Die Schulbuben waren wie versessen auf das seltene Schauspiel, und auch die alten Weiber hatten gestanden und gestanden ohne Aufhören. Was thut nicht so ein altes Weib, wenns was zu sehen giebt. Da haben sie Kräfte wie Dämonen.

Die Schulbuben hatten sich um die uralten Sarghenkel gerauft, die hin und wieder zu Tage gefördert wurden, verrostet und wie in eine Schicht von Kies eingebacken.

Es waren Altertümer – wirkliche Altertümer, die Jahrhunderte bei den Toten gelegen – also ganz echt, wahre Schätze.

Über diesen Haufen neugieriger Lebewesen, die sich um die armen Knochen drängten, war das Hochgewitter hereingebrochen.

Der erste, große, freie Donnerschlag hatte auch sie überrumpelt, und der mächtige Regenguß sprühte die Menge an und vertrieb sie.

Sie waren wie weggewaschen, – auch der Kapuziner und der pflichtgetreue Schutzmann; nur die Knochen unter den zerrissenen triefenden Bahrtüchern blieben über der aufgewühlten Erde, die im Nu zu einem braunen Tümpel umgestaltet war.


* * *


Ein Schädel war vom Regenstrom aus dem Sande frei gespült.

Er lag mitten im Wassertümpel. Seine Glatze schaute ein wenig darüber hinaus. Die Wellchen spülten um die kleine beinerne Insel.

Aus dem Fenster eines großen Zinshauses schaute ein Mädchen auf den eirunden gelblich bräunlichen Fleck.

›Ein Stein‹ dachte sie – ›oder?‹

Schon lange hatte sie sich am Fenster aufgehalten und hinausgesehen, bald halb knieend, auf dem Stuhl, bald im Stuhl lehnend, die jungen Hände um das Knie gefaltet; bald hatte sie mit den Finger n am Fensterglas leise geklimpert oder eine Lockenspitze zwischen die Zähne genommen und daran geknabbert.

Der kleine feste Kopf mit dem dunkeln Geschau, prächtig frei auf dem schlanken Hals sitzend, war unverwandt auf das geschäftige Wühlen der Arbeiter gerichtet.

Wenn sie da unten wieder einen Fund gethan, ist sie immer mit ganzer Seele dabei gewesen. ›So etwas! – so ein Glück, die grausliche Geschichte vor dem Fenster zu haben! Wie gut, daß sie hier gemietet hatten!‹

Sie sah so befriedigt aus. Über ihr, am weißen, verwaschenen Fenstervorhang, hängt ein fünffaches Kißchen, eins über dem andern, aus gelbem Atlas, ein Riechkißchen mit Irispulver gefüllt, und dieser trockene Duft berührt mit jedem Atemzug ihre Geruchs­nerven.

Das Zimmer, in dem sie sich aufhält, paßt nicht gerade gut zu der verwöhnten hingerekelten Gestalt des jungen Geschöpfes.

Es hat etwas Spießbürgerliches, etwas Verbrauchtes, etwas, aus dem sie herausgewachsen ist.

Es sind da auch zwei Seelen in dem einem Raum zu spüren. Zwei grundverschiedene Seelen, mit grundverschiedenen Angewohnheiten.

Das eine schmale Bett mit einem roten, altertümlichen Stück Damastseide zugedeckt, das nach einer Altarverkleidung aussieht; das andere Bett ganz unbedeckt und unsäglich sorgfältig hergerichtet, kein Fältchen, keine Unebenheit. Über diesem Bett hängen Photographien von Familiengliedern Freundinnen.

Ganze Regimenter Kotillonsträußchen sind zu Sternen und Rosetten geordnet, japanische Papierfächer und allerhand Krimskrams, alles wohl abgestäubt.

An der Wand des Bettes mit der geflickten Purpurdecke ist nichts dergleichen zu sehen; nur ein paar unaufgezogene Originalphotographien nach alten Meistern sind hier mit gelben Zeichenstiften fest gemacht.

Die tiefen, vornehmen Töne unterbrechen das Banale der Wand.


* * *


Die Thür zum Nebenzimmer wird geöffnet und eine weinerliche Stimme sagt:

»Hast du denn garnichts weiter zu thun?«

Die Stimme gehört einer langen schlanken Frau mit kleinem Kopf und feiner Gestalt.

»Ach – das ist doch zu arg!«

Jetzt wendete sich das Mädchen um. Sie schien zuerst nicht gehört zu haben.

»Mama?« antwortete sie.

»Thust du denn auch gar nichts?« – dieselbe weinerliche Stimme.

»Was soll ich denn thun?«

»Siehst du denn nicht, wie ich mich plage?«

»Ach Mama.«

Es lag so etwas in dieser gedehnten müden Antwort, als wollte sie sagen: Laß doch! Ich weiß wirklich nicht, was ich thun soll. Du plagst dich doch auf alle Fälle!

»Nun, und Marie, weiß die es etwa nicht?«

»Ja wohl, gescheidter wär's aber, ihr ließt das Mädel mehr arbeiten, ihr verderbt jedes Mädchen.«

»Werden etwa alle Tage Kapuziner hier ausgegraben?«

»Das fehlte auch noch! Wie kannst du da nur immer zusehn? Ich bin froh, wenn ich nichts davon gewahr werde.«

»Laß mich doch!«

»Frau Doktor!« rief dreimal hinter einander die ungebildete überlaute Stimme des Dienstmädchens vor der Thür.

Und, als hätte ihr Vorgesetzter gerufen, war Frau Doktor Frey hastig zum Zimmer hinausgeschlüpft.

Die junge Isolde seufzte, dehnte sich und hockte sich wieder am Fenster zurecht.

Der Regen hatte nachgelassen. Der Tümpel auf dem Totenfeld war fast eingekrochen. Schimmernde Wasserblasen saßen im Sande und platzten und ließen einen feinen schwarzen Ring zurück, aus winzigen Kohlen- und Holzteilchen gebildet.

Auch der ganze Tümpel hatte die verschiedenen Stadien seines Einkriechens mit schwarzen Linien bezeichnet – tripp, trapp, troll.

Hier hatte er ein wenig gezögert, hier wieder, hier wieder. Es war wie eine feine Linienarbeit.

Die kleine beinerne Insel, um die die Wellchen des Tümpels gespült hatten, der Schädel, lag jetzt ganz frei; auch um die Stirn saß das schwarze Linienwerk in perlmutterschimmernden Bläschen und leichtem Wasserschaum.

Das alles sah das junge Mädchen. Sie hatte aus einem Schubfach ein Opernglas genommen und hielt es auf den Schädel gerichtet.

Dann ging sie im Zimmer auf und nieder, ganz nachdenklich und nahm dann wieder das Opernglas.

Die Dämmerung brach herein und am Himmel drohten schwarzblaue Wolken zu neuem Regenguß.

Es kam ein Nachtrab.

Vielleicht erst jetzt das Wahre! Auch der Wind hatte sich wieder erhoben. Die Leute rannten schon mit aufgespannten Regenschirmen.

Des Mädchens ganzes Benehmen wurde ein unruhiges; etwas Unschlüssiges lag in ihren Bewegungen.

Sie wanderte weiter im Zimmer auf und ab.

Jetzt öffnete sie den Schrank, griff nach dem Hut, band ein Schleierchen vor, vorsichtig huschte sie aus dem Zimmer; draußen nahm sie ihren Regenmantel um, ging dann zur Korridorthür hinaus, und unter dem Regenschirm gerad über das aufgewühlte nasse Erdreich. Mit einem leichten blitzschnellen Niedertauchen hatte sie etwas ergriffen und schüttelte sich vor innerem Ekel.

Sie schaute sich ängstlich um und vor der Hausthür blieb sie wieder aufatmend stehn.

Wie ihr das Herz schlug!

Aber, was sie wollte, hatte sie. Und etwas später wäre sie von den Arbeitern überrascht worden.

Sie hörte sie kommen, auch der Kapuziner war unter ihnen.

Sie murmelten und lachten; der Kapuziner hatte etwas Drolliges gesagt, wie es schien. Sie waren alle sehr guter Laune, denn sie hatten während des Regens im nächsten Gasthaus eins getrunken.

Durch die enge Jungfernturmgasse, die auf den Platz mündet, kam ein Leichenwagen gefahren, und stand bald vor dem kleinen Totenfeld.

Isolde hielt den Schädel unter dem Regenmantel verborgen.

Unausgesetzt dieses Ekelgefühl und das Grausen – auch ein Gefühl der Schuld, so geheimnisvoll anziehend, wie aus einer andern Welt.

Die Kisten wurden von den Arbeitern gelupft und in den Wagen geschoben.

»Fahrt hin, ihr nassen Deiwel,« sagt einer.

»Herrschaft, seid's ihr schwer!« ein anderer. »Die haben sich zu guter Letzt noch tüchtig eins angedudelt.«

Isolde drückte sich voller Grauen eng an die Hausthür an und erst als der gefüllte Leichenwagen dumpf davon rollte, trat sie ein.

»Du bleibst eben bei mir«, sagte sie warm und trug ihren sonderbaren Schatz die Treppe hinauf.

Oben angekommen, warf sie Hut und Mantel ab und ging mit dem Schädel in der Hand in die Küche.

Die Magd kreischte auf. Sie kreischte, ohne Aufzuhören. Isolde kehrte sich nicht daran und hielt den Schädel unter den Strahl der Wasserleitung.

»Das erfrischt,« sagte sie gutmütig.

Frau Doktor Frey bügelte mit ihrer ältesten Tochter im Nebenraum.

Auf das Geschrei des Dienstmädchens kamen sie herbei.

»Isolde!« schrie auch Frau Doktor Frey außer sich.

Isoldes Schwester verbarg das Gesicht in der Schürze, und wagte gar nicht aufzusehen.

»Schön ist er doch!« meinte Isolde gemütsruhig. Sie hob den Schädel mit beiden Händen hoch.

»Daß du mir jetzt mit dem Ekel gehst! In der Küche so 'ne Schmutzerei! – Pfui Tausend!«

»Wir haben ja doch alle so einen unter dem Gesicht – was ist da weiter?«

Sie ließ sich nicht irre machen, besprühte den Schädel von neuem unter dem Wasserstrahl.

»Ide göh doch – ich bitt' dich – mir wird ganz schlecht.«

Das war so eine weiche, weiche Stimme und diese Stimme kam aus einem Geschöpf, das wie von Sammetschimmer umgeben war – dazu rötlich blonde Haare, eine ganze Symphonie von Weichheit.

»Sammtaff'« hatte Isolde ihre Schwester Marie getauft und titulierte sie jetzt so.

Jetzt ging sie und nahm den Schädel mit sich.

»So was!« sagte die Köchin und schüttete einen Eimer voll Schmutzwasser in den Ausguß.

»Mi beutelts ganz, der soll doch net etwa im Hause bleiben? Saftig. – Dös möcht feierlich werden.« –


* * *


Isolde hatte ihre Thüre geschlossen und war eifrig dabei, ein kleines hölzernes Postamentchen, ihrem Bett zu Füßen, an die Wand zu nageln.

Sie schlug den Nagel mit dem Absatz ihres Hausschuhs ein, so fest wie es mit diesem Werkzeug gehen mochte. Zuerst hatte sie den Rücken ihrer Hausbürste benutzt, als sie aber die Nägelmale in dem polierten Holz merkwürdiger Weise wahrnahm, war sie bedächtig genug gewesen, nach etwas Anderem Umschau zu halten.

Auf das Postamentchen wurde der Schädel gesetzt.

Und wie er seinen Platz eingenommen hatte und mit seinen hohlen Augen geheimnisvoll grinsend über das purpurne Bett hinwegsah, geschah etwas ganz Wunderliches: des Schriftstellers Heinrich Ewald Frey's Tochter, Isolde, im glücklichen, zu allen Überschwenglichkeiten geneigten Alter von siebzehn Jahren, fiel auf die Kniee, reckte die Hände zum Schädel auf und sagte mit heißen Thränen in den Augen: »Du Mensch aller Menschen!«

Über ihr zartes Gesicht mit den tiefen dunkeln Augen ging etwas Verzücktes, etwas Überirdisches, etwas Bräutliches, eine wundervolle Verliebtheit, wie sie in manchen siebzehnjährigen Naturen zu Tage tritt, die nicht wissen, wo ein und aus mit der Fülle ihres Wesens.

Und diese süße Liebeswonne schüttete sie über das braune, grinsende Knochengehäuse aus, wie eine Nonne über eine heilige Reliquie.

Sie sah aber einen eleganten jungen Mann vor sich, mit französisch zugestutztem Spitzbart, einer schönen Stirn, in die das kurzgeschorne Haar in scharfem Winkel hineingewachsen war; einen jungen Mann, der sich im Hochsommer in weißen Flanell zu kleiden liebte.

Ja, es war da etwas, eine Ähnlichkeit in der Kopfform, die ihr verliebter Blick vom Fenster aus entdeckt hatte.

Wie sie das große Geheimnis bewegte!

Und dieser Schädel war so neutral. Sie vergab sich nichts. Ihm gegenüber gingen die Dinge in einer andern Sphäre vor sich, in einer Sphäre, in der alles Eins geworden, alles zusammengeflossen ist.

Sie empfand etwas so Beruhigendes und konnte sich gehen lassen.


* * *


Die verriegelte Thür wurde kräftig zu öffnen versucht.

»Déesse!« rief eine heftige Stimme. »Sapperlot!«

Wie aus tiefem Schlaf erwacht sagte sie »Papa?«

»Seid ihr denn alle des Kuckucks! Ihr wißt doch, daß ich in einer Stunde . . . .«

Da war schon die Thür aufgeriegelt und ein großer blonder Mann mit rötlichem Gesicht, vollem lockigen Haar, das aber auf dem Wirbel einem Glätzchen gewichen war, trat ein.

Eine markige Persönlichkeit.

»Weibergegacker! – Draußen laufen sie wie die Hühner umeinand'! Und was machst du denn hier, Déesse? Mein Handkofferl sollt doch gepackt sein?

Ich werd euch mal Beine machen! Fertig sollt's sein und die Mutter bügelt noch an den Stärkhemden. Zum Teufel, – ich will gar keine Stärkhemden! – Touristenhemden will ich.«

Das kam alles herausgepoltert. Das ganze Zimmer war voller Lärm und Spektakel, als wäre ein Bergstrom hereingebrochen.

Das war Doktor Heinrich Ewald Frey, Schriftsteller und Allerweltsmann, Vereinsmann, Redner, voraussichtlicher Reichstagsabgeordneter und so weiter.

»Na also, packen wir,« sagte das schöne rassige Geschöpf in aller Ruhe.

»Na also? – Großartig! Was soll denn das ›Na also‹? Fertig hätt's sein sollen. Thu net so großartig, Déesse!« Dabei kniff er sie in die zarte Wange »Götterköpfchen verdammtes!«

»Wo hast du denn dein Kofferl, Pa?«

»Hab's denn ich?«

Frau Doktor Frey trat herein und trug das Kofferchen in der Hand.

Auf ihrer Stirn glänzten seine Schweißtropfen.

»Hättest du mir's nur gesagt, Heinrich! Gestern abend sollte doch nichts daraus werden bei schlechtem Wetter?«

»Schlechtem Wetter? Ist denn das schlechtes Wetter, wann das Barometer gestiegen ist wie noch nie? Schau doch erst nach, eh du denkst.

Meine Stiefel!«

»Na, ich meine, wenn es gießt,« sagte Frau Doktor Frey zaghaft.

»Ja, wenn du anfängst zu denken!« donnerte er. »Meine Stiefel und die beiden rohseidenen Hemden.«

»Heut machst du dich ja fein,« sagte Isolde.

»Paar Berliner Schriftsteller! Solchen Gockeln muß man . . . . den Kofferschlüssel! Herr Gott noch einmal!

Wo ist denn die Marie?«

»Du hast ja dein' Schlüssel an die Uhrkett' gehängt für alle Fäll',« sagte Isolde.

»Vorlauter Schnabel!« Der Vater blinzelte ihr zu. »Wo ist Marie?«

»Marie bügelt die Stärkwäsch,« sagte die Mutter.

»Wenn der Vater abreist, hat sie dabei zu sein; wär' net übel! Wenn wir die Idee der Familie nicht aufrecht erhalten, wer soll's denn thun? Eins da, das andre dort, der Vater reist ab – kein Hahn kräht danach – das ist ja – weiß Gott – großstädtisch!

Meinen Rucksack! Marie!« donnerte er aber­mals.

Frau Doktor Frey war schon vordem aus dem Zimmer gegangen, um Marie zu holen.

Jetzt traten sie miteinander ein.

»Marie, dein Vater reist ab,« sagte er mächtig.

»Ja Papa. Auf wie lang denn?«

»Drei bis acht Tag‹ denk ich; wenn wir das Kaisergebirg mitnehmen, acht Tag.«

»Du Glücklicher!« sagte Marie aufatmend.

»Hat sich was ›Glücklicher‹! Wenn ich mich net zeig – Teufel auch – die tanzten mir bald auf der Nasen. –

Was ist denn das?« rief er ganz perplex.

Seine Blicke hatten den Schädel gestreift.

Frau Doktor Frey und Marie bemerkten ihn auch erst jetzt.

»Jesses! über das Mädchen!« rief die Mutter.

»'nen Kapuziner, Déesse, dumme Gans, was bedeutet denn das?«

Das Mädchen war errötet bis in die Stirn­haare.

»Zu allererst kommt es bei dem Weib darauf an, daß die Lebensfreudigkeit gewahrt wird,« predigte Doktor Heinrich Ewald Frey wieder mächtig. »Das ist notwendig, daß das Weib lebensfreudig bleibt.«

Ein strafender Blick streifte Frau Doktor Frey.

»Das Weib soll auch religiös sein. Ein Schädel hat immer etwas mit Religion zu thun. – Wenn du dir den Schädel nicht aus Verschrobenheit, aus unverstandenem Pessimismus heraufgeholt hast, mag er bleiben.«

Marie war erblaßt.

»Ide!« sagte sie zu ihrer Schwester leise, »der soll doch net bleiben?«

»Papachen,« begann Frau Doktor Frey sanft und freundlich. »Eh‹ du gehst, – – Karl kann sich nicht auf der Schule halten, – ich glaub' mal nicht. Ich war auch heut beim Direktor. Er kommt auch dies Jahr nicht fort.«

»Es muß sich eben ein Hilfslehrer finden, um ihn wieder flott zu machen. Emil hat's auch geleistet. Verpimple ihn nur recht! – Was nutzt es denn, wenn du bis in die Nacht hinein mit ihm über seinen Arbeiten hockst? Dazu gehört 'was mehr als so ein Hennenhirn.«

In das verarbeitete Gesicht mit den schönen Formen stieg eine flüchtige Röte auf.

»Darum eben müssen wir sorgen, daß sich jemand findet.«

»Ich werde am Kegelabend mal mit dem Direktor reden. – Weiber sollen die Hände aus dem Spiel lassen! Möcht' wissen, ob hinter mir immer ein Unterrock gestanden hat. Du mit deinen paar lateinischen Brocken – daß i net lach! Laß den, Jungen in Ruh!«

»Hättest du mich gewähren lassen,« sagte die Frau klagend, »wär Isolde jetzt wenigstens eine Person, die etwas leisten könnte. Sie würde sich ihr Brot bald selbst verdienen,« – Frau Doktor Frey sprach weinerlich – »wär' jetzt schon bald staatlich angestellte Lehrerin.«

»Götterköpfchen. – verdammtes,« lachte Doktor Frey – »Déesse! Lehrerin! daß i net lach! Die soll heiraten, Weib sein! Gar noch, daß ich meine Bamsen zu so 'was auf die Welt gesetzt hätt'.

Ja wohl, Lehrerin oder Gott weiß was noch!

Das Weib ist eben Weib. Wenns net Weib genug ist, um nur Weib zu sein, soll man's tot schlagen!«

»Aber was soll ich denn mit Karl machen?« fragte Frau Doktor Frey wieder.

»Siehst du net, daß augenblicklich die unpassendste Zeit für dein Gegraunz ist? Willst du mir alle Bamsen gerad jetzt auf den Buckel hängen? Sapperlot, höchste Eisenbahn!«

Er fuhr mit den Annen in die Träger des Rucksackes, griff nach dem Köfferchen – und war mit viel Geräusch und Gepolter zur Thür hinaus.

Tiefe Stille, als hätte sich ein Sturm gelegt.

»Weißt du, wie wir vor drei Jahren in Kramsach waren?«

Marie schaute sehnsüchtig zum Fenster hinaus, dem Vater nach.

»Alle von unsern Bekannten gehen aufs Land.«

»Ja, mein Gott,« sagte die Mutter, »daß trägts uns heuer nicht. Daß die Buben auch gar so viel kosten.«

»Ja, wenns nur ein grünes Fleckchen war, auf das man schaute!«

Das war wieder die weiche, weiche Stimme.

»Gehen wir heut wenigstens durch den englischen Garten?«

»Ja, wenn ich nicht auf Karl warten müßt. Wo bleibt der denn nur? der hat ja noch die schwere Menge zu thun!«


* * *


Karl kam erst spät heim. Sie hatten lange mit dem Abendessen auf ihn gewartet.

Er war bei Emil gewesen, der auswärts wohnte und Emil hatte gerade einige Kameraden auf der Bude gehabt.

Die Mutter seufzte, sie dachte sich ihr Teil.

»Das solltest du doch nicht, bevor du deine Arbeiten gemacht hast, zu Emil gehen. Die setzen dir Gott weiß was in den Kopf, Karl. Studenten sind kein Verkehr für dich.«

»Mama,« sagte der Bub, »red' doch net.«

Er sprach nachlässig, schläfrig. Seine Backen sind außerordentlich ausgebildet und engen ihm die Mundwinkel ein, so daß der Mund etwas sonderbar Säuglinghaftes an sich hat, trotz einer gewissen bräunlichen Färbung, die ihn umgiebt und die mit einigen Härchen bepflanzt ist.

»Mulier taceat, in ecclesia,« sagt der Bursche und schiebt ein großes Stück Butterbrot mit Wurst zwischen die Lippen.

»Was hat er gesagt?« fragt Isolde.

»Das Weib schweige . . . . und so weiter,« übersetzt der liebenswürdige Bruder patzig.

»Zur Mutter hast du das gesagt?« fragt Isolde ganz bleich.

»Bäh!« macht der Bruder. Und im Nu hat er von Isoldes Hand eine so derbe Ohrfeige, daß seine etwas gelbe Wange stark gerötet ist.

»Mama, wie kannst du dir das von dem Flegel gefallen lassen?«

Karl stürzt wutbleich auf Isolde, die weiß sich aber zu wehren.

»Laß ihn doch,« ruft Frau Doktor Frey, »erbittere ihn nicht. Du weißt, er muß heut abend noch arbeiten.«

»Ja wohl, ich soll mich schließlich von dem Bengel wiederhauen lassen! Jetzt müßte noch Emil kommen, der Großhirnmensch, der vor lauter Intelligenz nächstens durch das Examen purzeln wird.«

»Bst – bst!« machte die Mutter, »Friede – Friede – Bedenke, daß du ein Mädchen bist.«

»Was soll man da bedenken? Daß i net lach!« sagte sie ganz wie ihr Vater.


* * *


Am Abend, beim Ausziehen, als sie sich in ihrem Zimmer eingeschlossen hatten und die Mutter noch neben Karl in der Wohnstube saß, um den schläfrigen Burschen beim Arbeiten zu überwachen, gab es eine sonderbare Szene zwischen den Schwestern.

»Ide göh«, sagte Marie, »thu' mir die große Lieb – schaff' den da fort. Ich kann net schlafen, glaub mir. Ich mein, er lebt und wenn wir die Augen zumachen fliegt er im Zimmer 'rum und poltert an die Wand.«

Sie hatte ihren Kopf an Isoldes Wange gelehnt.

Da gewahrte sie, daß Isolde heiße Thränen weinte.

»Na, was denn?«

»Sammtaff, lieber,« bat Isolde, laß ihn mir! Es geschieht dir ja nichts. Er thut ja nichts – und mich freut's so.«

»Wie kann denn dich das freuen,« fragte Marie ganz betreten.

Isolde aber weinte so wild und schluchzend. »Ich möcht nur wissen, was man vom Leben hat – so was Fad's! Bei uns is man so wie so geschlenkt. Es könnte ganz anders sein. – Weißt du was ich glaub? – Mama is dumm!«

Isolde schluchzte herzzerreißend. »Ide, Mama ist ein Engel! – thu keine Sünd.«

»Ja, eben ein Engel. Wer sagt dir denn, daß ein Engel net dumm ist! Weißt du, es ist komisch, aber manchmal kommt es so: da möcht ich den Leuten ins Gesicht schlagen.

Alle kriechen sie – alle – wenn man's auch gar nicht merkt. Keins sagt und thut was es will!

Wir bilden uns nur ein, daß die Leut' auf zwei Beinen gehn. Auf vieren gehen sie, – sie kriechen alle.

Mama liegt glatt auf dem Leib – überhaupt fast alle Frauenzimmer – du auch – du erst recht! Und die Männer erst! O Gott! – und wie!

Und was sie im Grund genommen für philiströse, heuchlerische Institutsvorsteher sind, wenigstens uns gegenüber.

Dann möcht ich noch auf jeden blank gewichsten Cylinder spucken, mitten darauf, wenn unter den Fenstern so einer vorübergeht – mitten auf die kleine, blankgebürstete Sonne, die oben spiegelt. So eine dumme, steife, kleinliche Sonne.

Ach, wie mich das alles aufbringt.

Und das Häßliche, mit dem man sich umgiebt!

Und das nennt man Leben! Schau her, so ein Gelump wie da herumsteht!

Alles zum Fenster naus! Zum Kämmen ein widerlich riechender Kautschukkamm. – Ah! – die riechen alle und machen elektrische Funken! Pfui! – Gold muß es sein oder Elfenbein – dann!

Aber was ist das hier – von allem das Geringste, das Schäbigste. Talmi und unechte Spitzen!

So gemein! – so gemein! so gemein!«

Sie schluchzte.

»Was ich anfasse, soll schön sein, eine Freude – ein Glück!

Ich will Hemden mit echten Spitzen – echte Spitzen – reines Gold! Elfenbein! – auch Perlmutter!

Das ist's! Das sind Dinge, die man in die Hand nehmen darf – nichts Andres!

Ach, wie man lebt, wie ein Schwein!«

Sie schluchzt und schluchzt.

»Nackt müßte man gehen dürfen und es müßte keine Schande sein.

Nackte, schöne Menschen. Gold, Elfenbein und Perlmutter! – das wär' eine Welt! – Und dann – immer Seelenräusche.

So, wie meine Seelenräusche! So herrlich!

– und eine Liebe dazu.

Seelenräusche und ganz wenig Sachen; aber alles schön zum anfassen, edel bis in den Kern.

Etwa keine japanische Holzpuderbüchse!

Aber wir leben im Schmutz.

Unter ekelhaften Lumpen kriecht das alles wie Gewürm, wie Mehlwürmer in der Kleie –

Und alle riechen mufflich – und sind mufflich durch und durch!

Oder, wenn man all das Herrliche, das, was sein müßte, nicht haben kann – dann gar nichts – aber auch gar nichts!

Die Haare mit den Fingern kämmen, ein Strohfack – eine wollene Decke – ein grobes Hemd – einen Strick um den Leib – das ist auch eine Welt! –

Aber nicht so wie wir!

Pfui der Plunder!

So ein Nähtischchen, so ein Ferkel von einem Nähtischchen!

So ein Tier von einer Bettvorlage!

Pfui! Pfui! Pfui! Pfui!«

Sie war vollkommen außer sich.

Marie hatte die größte Not die heftige jüngere Schwester zu beruhigen.

Sie kroch zu ihr ins Bett und hielt Isolde an sich gedrückt und vergaß ganz, daß der Schädel grinsend auf sie beide herab blickte.

Isolde schlief in den weichen, süßen Armen ein, ohne in ihr Nachtkleid geschlüpft zu sein, Hals und Arme entblößt. –

Und Marie schlich leise und scheu mit klopfendem Herzen und einem Grausen über den ganzen Leib nach ihrem schneeweißen Bettchen.

Sie fühlte wie der Schädel ihr spöttisch nachsah und sie wagte nicht sich umzuschauen.

Lange konnte sie keinen Schlaf finden und als sie endlich schlief, träumten ihr häßliche Dinge.

Der Schädel lebte wirklich und hatte es immer auf sie abgesehn, so schauerlich zudringlich.

Sie wachte ein paar Mal vor lauter Angst und Schrecken auf, hielt atemlos die Arme auf die Brust gepreßt, lag wie eine Statue so still und ließ alles Grauen, über sich hingehen, ohne sich zu wehren.

Für sie war mit dem Schädel ein nie gekannter böser, banger Geist ins Haus gekommen.



2.

Acht Tage war der Vater schon auswärts.

Die Zurückgebliebenen hatten in dieser Zeit auch eine Art Sommerfrische durchgemacht, wenigstens eine Änderung ihrer Lebensweise. Mit dem Vater zugleich schien allerhand verschwunden zu sein.

Der sogenannte Salon und des Vaters Arbeitszimmer waren sofort, nachdem beide Räume sich einer gründlichen unerbittlichen Reinigung hatten unterwerfen müssen, abgeschlossen worden, und machten jetzt den Eindruck von Kirchen, so still und fast feierlich war es darin, und man lebte in den Schlaf­stuben.

Das Mittag- und Abendessen hatten ihre Hauptbestandteile eingebüßt. Gerichte, die wenig kosteten und sich leicht herstellen ließen, waren an der Tagesordnung, Kartoffeln und Häring oder Reisbrei. Nur Karl erhielt seine Kotelette die wurde aber der Einfachheit halber gleich fix und fertig aus dem Gasthaus gegenüber geholt, in dem Arbeiter und arme Studenten ihre billigen Mahlzeiten hielten.

Am Abend gab es Rettig und Butterbrot und Karl bekam seine Wurst.

Mama ging den ganzen Tag in der Nacht­jacke. Sie saß mit Marie und Isolde die meiste Zeit über einem Riesenkorb mit zerrissener Wäsche gebeugt.

Zwei Tage hatten sie auch die Schneiderin im Haus und holten zwei Koteletten.

Mama wollte in dieser Zeit helle Sommerkleider für ihre jungen Mädchen aus dem Wirtschaftsgeld herauspressen und war wie ein Jäger auf die Pirsch ausgezogen, um in allen erdenklichen Restegeschäften, die Stoffe zu diesen Kleidern zu erlisten.

Und sie hatte auch etwas erbeutet; hübsche Muhadjierstoffe, den Meter zu vierzig Pfen­nige.

Wie sie zu Hause damit ankam! Aufgeregt wie ein Wilderer, der mit Lebensgefahr einen Rehbock erlegt hat und heimgeschleppt bringt.

Isolde hatte eine glänzende Idee, wie diese Kleider gemacht werden sollten. Anders als andere Leute sie gemacht hätten, ganz etwas Apartes.

»Bleib mir mit deinen glänzenden Ideen vom Leibe,« sagte die Mutter bei solchen Anlässen gewöhnlich.

Aber diesmal hatte Isolde durchgesetzt was sie wünschte.

Sie bekamen lange Gewänder vom Hals an herabfallend, nur um die Mitte mit einem Seidenband lose gehalten, die Ärmel leicht und duftig wie Blütenkelche.

Und die Mutter schaffte ihnen noch braunlederne feine Halbschuhe an, statt daß sie sich selbst ein Sommermäntelchen gekauft hätte. Ihr altes ging immer noch ganz leidlich.

Die Kleider waren für beide Mädchen ein Ereignis, ein so viel versprechendes Ereignis. Die duftigen weißen Wolken mit den rosigen Streifchen trugen wie Zauberwolken alles Glück der Welt in sich.

Wie Heiligtümer wurden sie in den Schrank geschlossen und die Mädchen warteten nun der Dinge, die da kommen sollten.

Ganz umsonst konnten doch solche Kleider nicht im Schranke hängen!

Wegen des Schädels hatte es in dieser Zeit noch manchen Strauß gesetzt; aber er blieb auf seinem Postament. Und im Grund war es nur Mariens weicher Liebenswürdigkeit zu danken, daß Isolde ihn behalten hatte.

Marie hatte, so schwer es ihr geworden, klein beigegeben. Ihre behagliche Stube, ihr schneeweißes Bettchen aber waren ihr durch diesen Gast fremd und untraulich geworden, ihre Nächte wurden von schweren Träumen geplagt.

In Mariens weicher Seele hatten sich das Bild des Schädels und trübe Vorstellungen, die sein Anblick schuf, tief eingegraben.

Nie hatte sie noch an den Tod gedacht und jetzt war sie beim Dunkelwerden von bangen schreckhaften Todesahnungen ganz umgeben.

Es stand ihr zum ersten Mal greifbar vor der Seele, daß alle Menschen sterben müssen – das schauerliche Ende des wunderschönen Lebens – daß auch Mama sterben mußte!

Bei dem Anblick des Schädels konnte sie unmöglich ihre Phantasie auf das ewige Leben richten, trotzdem sie in der Schule gelernt hatte, daß es ein ewiges Leben gab.

Nein, der Schädel predigt ihr nur von dem in die Erde kommen, von dem zu Erde werden lieber Menschen. Arme – arme Mama!

Sie weinte oft nachts.

Hätte sie aber gewußt, weshalb Isolde den Schädel aufgestellt hatte, ihre weiche Seele wäre erschauert und sie hätte das große Opfer nicht gebracht. Wenn der Schädel wirklich in irgendetwas an Henry Mengersen erinnerte, von dem Isolde ihr gesprochen hatte, nein, dann gewiß nicht.

Marie ahnte aber von Isoldens Geheimnis nichts.


* * *


Es mußte gut zwei Uhr nachts sein. Alle schliefen, die laue Sommerluft drang durch die offenen Fenster. Da klang die Glocke kräftig und anhaltend. Jemand mußte von der Straße aus auf das Läutwerk gedrückt haben.

»Da schellen sie schon wieder, die Studenten unten,« meinte Marie ganz schlaftrunken.

»Der Vater?« Isolde saß aufrecht, aus dem Schlaf gescheucht, im Bett.

Auf dem Gang hörten sie schlürfende Schritte und sahen einen Schein durch das Glasfen­ster ihrer Thür.

»Es ist doch der Vater,« meinte Marie. »Mama schließt die Thür auf.«

Mama wollte nicht, daß die Mädchen die Hausthür öffneten, wenn der Vater spät heimkehrte. Sie sollten ruhig in den Betten bleiben und schlafen.

So blieben sie ruhig liegen. Ehe die Mutter die zwei Treppen herabgekommen war, klingelte es noch einmal schrill und anhaltend, als stände ein auf Leben und Tod Verfolgter unten, der sich retten wollte.

»So macht's Pa nachts doch immer,« sagte Isolde.


* * *


»Sapperlot noch einmal! Liegt ihr denn alle miteinander auf beiden Ohren?«

Das war die Begrüßung, die Doktor Frey fürs erste seiner Frau zu Teil werden ließ, als diese die Thür geöffnet hatte.

»Da bist du ja«, sagte Mama. »Weshalb hast du denn aber nicht geschrieben?«

»Daß i net lach! Liebesbriefe etwa? He Alte?«

Ohne seine Antwort zu beachten, sagte sie: »Du hättest dann auf den schwarzen Kaffee nicht zu warten brauchen.«

»Sput dich halt.«

Sie nahm ihm das Köfferchen ab und trug es ihm nach.

»Geh in dein Zimmer, Heinrich!« – Da war sie schon dabei, die Küchenlampe anzuzünden.

»Natürlich,« rief Doktor Frey und rumorte mit aller Gewalt an der Thür, »den Schlüssel verschleppt!«

»Bst!« machte Mama. »Du weckst sie ja! Hier ist der Schlüssel,« flüsterte sie, reckte sich und langte auf den Schrank, der neben der Arbeitsstubenthür stand. »Hier.«

Doktor Frey hielt die Lampe, aber hielt sie bedenklich schief.

Die Frau streifte ihn mit einem einzigen langen Blick, wie ein Heizer etwa auf das Ventil seiner Dampfmaschine schaut, mit unendlicher Sachkenntnis.

Sie nahm Lampe und Schlüssel ihrem Mann aus den Händen und schloß die Thür auf.

»Der Kaffee kommt sofort.«

»Schlafen die Bamsen?« fragte er ihr nach.

Sie hörte ihn nicht mehr.

Kaum aber brannte die Spiritusmaschine unter dem kleinen Schnellkocher, war er ihr auch schon nachgekommen und stand in der Küche.

Sie schaute erstaunt auf.

Seine Gewohnheit war das nicht.

»Na?«

Er schaute blinzelnd auf sie.

»Ein zartes Negligé thut oft viel größre Wunder!« deklamierte er mit mächtiger Stimme.

»Bst,« machte sie.

Sie stand in der Nachtjacke und in einem grauen Flanellrock vor ihm, die bloßen Füße in Bambuschen.

»Allerliebst,« meinte er.

Er blinzelte weiter.

»Wäret ihr alle noch bei einander bis heut?« Sie schüttete den gemahlenen Kaffee in den Trichter.

»Unterschiedlich – aber sehr unterschiedlich.«

»Wie?« fragte sie.

»Unterschiedlich!« rief er mit donnernder Stimme.

»Was soll denn das heißen, Heinrich?« mahnte sie mit sanftem Vorwurf.

»Schlafen die Bamsen?«

»Natürlich.«

»Was sagst du's denn net früher. Weißt du wo wir waren?«

»Nein.«

»Heiliger Strohsack,« seufzte er tief auf. »Ja – nein – nein – ja! – wie eine Maschine.

Ein Mann wie ich kommt nach Haus, – Gott sei's geklagt, ein Mann, den sie die Tage her geradezu gefeiert haben, ein Mann, den sie auf Händen tragen, auf den sie, weiß Gott, hören und sich nicht Watte in die Ohren stopfen, wenn er redet; – ein Prophet – ein – ein – ein – – – und hier! . . . . .

Ich sag dir's,« donnerte er – denn er war in Begeisterung. Er fühlte und sah und empfand sich und seine eigene Größe.

»Stell dir einen in einem herrlichen Tempel vor. Licht, Glanz – Musik – schöne Weiber!

Er ist der Mittelpunkt. Lebensfreudigkeit, – Lebenshöhe – und der Erdboden thut sich auf und er rutscht ganz sachte, ohne sich weh zu thun in ein schwarzes Loch.

Da sitzt er nun!« –

Doktor Frey seufzte tief auf und rieb sich die Nase.

»So kommt einer nach Hause!«

Mama maß ihn wieder mit demselben sachkundigen Blick.

Frau Doktor Frey hatte sich angewöhnt, auf das, was ihr Mann zwischen zwei und drei und vier Uhr nachts aussprach, nicht besonders zu achten.

Sie goß jetzt den Kaffee über. Es duftete anregend und appetitlich.

»So komm, trink jetzt,« sagte sie, stellte Kännchen, Tasse und Zuckerdose auf ein Tablette und ging ihrem Gatten damit voraus.

Ihre Handlungsweise war die einer Person, die ihrer Natur und der Erfahrung nach durchaus so handeln muß, wie sie handelt.

Es gab da keinen Ausweg mehr. Aber Doktor Frey mochte heute außerordentlich aufgebracht und unangenehm berührt sein.

Er schlug die Küchenthür Mama vor der Nase zu, daß es durchs Haus dröhnte.

Sie beachtete es nicht, öffnete, als wäre nichts geschehen, die Thüre wieder, trat gleich hinter ihm drein ins Arbeitszimmer und goß ihm den Kaffee ein.

»Trink nun,« sagte sie noch einmal.

»Weißt du, laß dich wenden!« schrie er, »an dem Muster hätt' ich mich endlich satt gesehn!«

Von zwei bis vier Uhr nachts aber war sie undurchdringlich, unbezwinglich, unverletzbar, zu seinem allergrößten Ärger.

Er wußte sich nichts Schlimmeres, denn in dieser Stunde war sie ihm über. Was hatte er ihr in den letzten Jahren in diesen späten Stunden nicht alles angethan! – nicht alles gesagt – und hatte doch die Fessel nicht abschütteln können.

Wie eine Zwangsjacke empfand er sie, eine elende verächtliche Jacke – aber er konnte sich doch nicht bewegen, wie er wollte.

Sie hatte sich selbst so ganz verloren, daß sie an sich nichts mehr zu schützen und zu wahren fand. Es war da nichts Heiliges mehr. Und darin lag ihre Kraft und ihre Macht.

Nur auf eins hielt sie. Die Mädchen durften zu dieser Stunde dem Vater nicht vor die Augen kommen.

Aber heute war er auf die Bamsen ganz versessen.

»Sapperlot,« rief er mit einem Mal mächtig, »wenn der Vater acht Tag' net daheim war, wer hat das Recht ihm seine Bamsen vorzuenthalten?«

Er trat zum Korridor hinaus und rief donnernd: »Marie! Isolde!«

Hoch aufgerichtet stand er wie ein Streiter Gottes, die Brust geschwellt, die Augen mit Mannesmut auf seine Frau gerichtet.

Ein ganz klein wenig hielt er sich am Thürpfosten.

Er hatte heut etwas mehr, als die gewöhnliche Bettschwere, mit heimgebracht – etwas mächtig Heiteres.

Unmöglich konnte er sich so zur Ruhe legen, denn er kam von seinem eigenen Triumphzug. Es war ihm vortrefflich ergangen.

Marie und Isolde traten ein, trugen auch, wie die Mutter, Flanellröcke und Nachtjäckchen.

»Ah! Spießbürger!« rief Doktor Frey. »Ist das 'ne Zucht! So wie die Alten sungen, zwitschern die Jungen.

Déesse! daß i net lach! In a Nachtjacken un' Flanellhansel! Schamt's euch net, Bamsen?«

Die Mädchen sahen verdutzt und verlegen auf ihren Vater.

Sie waren trotz ihrer spießbürgerlichen Morgentoilette herrlich anzusehn in ihrer scheuen Jugendlichkeit, die kleinen rosigen Häupter mit den köstlichen lockigen Haarschöpfen, die eine dunkel, die andre goldig leuchtend, und die jungen vollen Glieder, in weicher Schläfrigkeit.

Mit ihnen schien ein süßer Jugendduft ins Zimmer gekommen zu sein, als wären sie aus einem wundervollen Sommergarten, in dem die Linden, Reseden, Levkojen und Lilien in voller Blüte stehen, hier eingetreten, und hatten einen Hauch dieser Wohlgerüche mitgebracht.

Der Anblick seiner prächtigen Mädchen wirkte auf den Vater unbedingt besänftigend.

»Bamsen!« rief er, er hatte sich jetzt an das Fenster zurückgezogen und hielt sich ein wenig an's Fensterbrett gestützt.

»Bamsen, ich bring' euch was mit heim. Freut euch, Mädels!«

Noch nie hatten die Mädchen ihre Mutter gesehn wie eben jetzt – so alt – so müde – so gleichgültig.

Ihr war soeben ihr letztes Privilegium genommen.

Bisher hatte er noch nie gewagt die Mädchen wirklich zu rufen. Ein Blick von ihr hatte immer in diesem einen Fall genügt, ein »Bst«.

›Ah so die schlafen, die Bamsen.‹

Sie hatte die Mädchen vor diesen nächtlichen Eindrücken behüten wollen, für immer.

Nun war es geschehn.

Und was war denn geschehn? Er erzählte ihnen harmlos von einer schönen Frau, die am Starnbergersee wohnt, und deren Gast er jetzt drei Tage gewesen. Einer der Berliner Schriftsteller hatte ihn dort eingeführt.

»Und euch hat sie eingeladen. He? Was? Na, was sagt ihr?

Übermorgen schon.«

»Wer ist sie denn?« fragte Marie leise.

»Ja wohl, nur immer vorsichtig Philisterseelchen!« Doktor Frey lachte laut auf.

»Die Frau eines Gesandten ist sie. Genügt das den gnädigsten Bamsen? Steinreich! Ein Weib, sag' ich!« Doktor Frey berührte seine Lippen mit den Fingerspitzen und schickte einen Kuß zur Decke.

»Ein Weib!« – Er war verzückt. »Ein Götterbild!

Gott, noch einmal, was man sonst so »Weib« nennt! daß i net lach!

Was für grundgütiges Gansvolk muß unsere edle Weiblichkeit doch sein, daß ich mein Lebtag nichts Ähnlichem begegnet bin!

Da scharren sie so einen armen Teufel ein, ohne daß er ein allereinziges Mal das gesehn hat, was der liebe Herr Gott doch für ihn bestimmte, das Weib in seiner Vollkommenheit, das vollkommene Weib!

Und durch eure Spießbürgerlichkeit kommt der Mann um sein bestes Teil, das ihm doch von Rechtswegen zukäme.

Nicht einmal rechte Weiber können diese Weiber sein!

Ja, was seid ihr denn eigentlich, wenn man fragen darf?«

Er schwankte ein paar Schritte auf seine Frau zu.

»Nichtskönnerinnen ihr! Kinder auf die Welt setzen, Gott seis geklagt und herum nörgeln und duddeln, vom Manne Kleider und Hüte erlisten, dem Manne auf dem Geldbeutel liegen, dem Manne auf die Finger passen. Wehmutsspritzen, Geldausgeberinnen! Hemmschuh für alles Große. Blutige Thränen könnt' einer weinen!«

Er wischte sich über die Augen. Es war da auch etwas zum Fortwischen.

Frau Doktor Frey hörte ihren Gatten ruhig poltern und verzog keine Miene.

»Aber das grüne Holz!« donnerte er. »Ist denn da gar nichts zu machen? Eben so verstockt? kein Hauch von Schalkhaftigkeit? das trottet alles so schwer!

Herr Gott, so ein armer Teufel! Was hat er denn eigentlich auf dieser Welt!«

Doktor Frey war wieder bis zu Thränen gerührt.

»Also ihr seid eingeladen, Bamsen! in ein Feenreich – sperrt Maul und Ohren auf – und lernt dort was!

Ich bring euch übermorgen hin. Basta!

Übrigens traf ich dort den faden Bengel, den Mengersen. Der hatte sich natürlich herangemacht, so eine feine Nase! Modelliert das Prachtweib. Wird aber nichts draus.«

Isolde war zusammengezuckt.

Sie stand ganz bleich.

Das war ein Wunder, die Hand Gottes griff hier an!

Zuerst daß sie diesen Schädel finden mußte – und nun! –

Marie fragte zaghaft. »Und geht Mama nicht mit?«

»Das ist nix für Mama. – Nicht Alte?«

Er wartete ihre Antwort gar nicht ab, sondern predigte weiter.

Die Morgendämmerung brach herein, fahl und kalt und beleuchtet das übernächtige müde Gesicht einer alternden Frau, das gerötete eines in jeder Fiber bebenden Mannes, der tagelang seine Nerven durch alle möglichen belebenden und anreizenden Einflüsse in Aufruhr gebracht hatte – und zwei süße junge Gesichter, die nicht recht wußten, wohin schauen.

Ihre Mutter war ihnen so unheimlich, wie der Vater. Dies nächtliche Zusammensein berührte sie bang.

Sie hatten schon immer allerhand im Halbschlaf gehört. Thüren werfen, die laute Donnerstimme des Vaters; aber es war sie nichts angegangen.

Isolde hatte bei dem Anblick der Mutter ein dumpfes, unklares Bild, als ertappte und belauschte sie ein Nachttier auf seinen Gängen, ein Tier, das Nachts sehen kann, das Nachts sein eigentliches Leben lebt, das Nachts kämpft und leidet, das, wenn alles schläft, geheimnisvoll lebt.

Sie fühlte ein so sonderbares, nebelhaftes Grauen vor Vater und Mutter! Was für zwei fremde Menschen waren das eigentlich?

Das war auch nicht das geschäftige Mama­chen, das den ganzen Tag so eifrig unbedacht herum wirtschaftete, mit dem Dienstmädchen schalt, immer im Trab war, sparte und zankte und wegarbeitete was ihr unter die Hände kam.

Um diese Stunde schien alles Mütterliche von ihr abgefallen zu sein. Da war nur das Weib geblieben, das eigentlich nicht mehr Weib war, etwas Aufgebrauchtes, Zurückgestoßenes, Geduldetes; aber etwas, ohne das der Mann nicht mehr auskam.

Isoldens dumpfe Gefühle wurden ihr nicht zu Gedanken, nahmen die klare Form nicht an, aber beängstigten sie.

Es war da etwas Schreckliches.

Sie hätte sich an die Brust der Mutter werfen und weinen mögen – aber – das Geheimnisvolle, Nachttierhafte, das sie in der Mutter empfand, hielt sie davon ab.

Der aromatische Geruch des starken Moccakaffees lag in der Zimmerluft.

Was Mama nachts für vortrefflichen Kaffee macht! Auch das beängstigte jetzt Isolde und Thränen rannen über ihre Wangen.

»Da haben wir die Bescherung!« sagte der Vater, der sich von seiner Stütze, die er am Fensterbrett gefunden hatte, nicht recht fort traute.

»Die Bamsen sind, mit deiner Hilfe, Alte, die fertigen Zierpuppen geworden.

Ein nettes Heim, das so ein Mann doch hat!

Bring euch das Beste, was ich bringen kann, 'was für die Jugend! Lebensfreude! Heiterkeit! Die Gesellschaft einer schönen, vornehmen Frau, eines Weibes von Gottes Gnaden – und die Einladung in ihr Haus – ein Haus! Ja, so was saht ihr noch nie, Bamsen! – Und Heulerei, Spießbürgern!

Daß i net lach!

Habt ihr denn 'was anzuziehen, Mädels?« rief er mit heiterer Donnerstimme.

Sein Geist bewegte sich schon wieder in angenehmen Regionen.

Er hielt sich nie lange bei einem Ärger auf. Der Dichter verstand es, einen Schwall von unwirschen Redensarten, Kränkungen, sehr bedenklichen Offenheiten über die Seinen zu ergießen – dann aber, ›Schwamm drüber‹! War seine Lust am Kränken vorbei, mußte den Andern die Lust, sich beleidigt zu fühlen, auch vergangen sein. Das konnte er auf den Tod nicht leiden, das Nachbrummen.

»Na, also, wie steht's?« fragte er Mama, »sind Kleider da?«

»Ich denk' schon.«

»Natürlich! Weibsen! Kleider! Dazu ist immer Geld da. Und mir wird vorgejammert. Zu nix ist Geld da, zu rein gar nichts; nirgends schaut was 'raus – aber Kleider!« Er machte sich von seiner Stütze los und ging leicht schwankend durch die Stube nach dem Schlafzimmer.

Mama war mit ein paar Schritten voraus und öffnete ihm hilfreich die Thür.


* * *


Die Mädchen suchten ihre Stube wieder auf. Als Marie über die Schwelle trat, schrie sie laut auf.

Der erste Strahl der Morgensonne lag dem Schädel auf der Stirn. Die leuchtete hell auf. Es war, als erhellte es das ganze Zimmer.

»Ide, der Schädel lebt!«

»Ja, er lebt!« jubelte Isolde auf und bedeckte ihre Schwester mit heißen, leidenschaftlichen Küssen.

Marie war so erregt von allem, so überwacht, daß sie in Thränen ausbrach.

»Ich weiß net, Ide,« schluchzte sie, wie es bei uns ist!« Sie weinte herzbrechend. »Deck' wenigstens dem Schädel ein Tüchel über!«



3.

Die beiden Mädchen fitzen ihrem Vater gegenüber in Mrs. Wendlands Landauer, Kutscher und Diener in vornehmer Livree.

Das leichte Gefährt rollt die Landstraße am Starnbergersee entlang.

»Bamsen, ich sag' euch, daß ihr mir keine Schande macht. Schaut net so, als wär euch die Butter vom Brot gefallen.«

Der Dichter trägt einen hellgrauen Sommeranzug, graue Kniehosen und schwarze Strümpfe mit Halbschuhen.

Er ist vollkommen der elegante Tourist. Seine mächtige blonde Persönlichkeit nimmt sich vortrefflich aus.

Die Kinder konnten sich nicht erinnern, jemals mit ihrem Vater einen Ausflug gemacht zu haben, und wußten sich jetzt nicht recht in ihre Lage zu schicken.

Er liebte Familiensimpelei nicht und war als Ehemann Junggeselle geblieben. Als Schriftsteller brauchte er unendlich viel Anregung, auf die die Seinigen keinen Anspruch machen konnten. So war es gekommen, daß er in gewisser Weise ein Leben für sich führte und zwar ein Leben, das sich um eine Kaste höher abspielte.

Die beiden Mädchen sitzen wortlos. Aus der dumpfen Stadt in die schöne, reiche Sommernatur gekommen zu sein, thut ihnen weh und wohl, der weiche Seewind, die mächtigen Massen tiefdunkeln Laubes, das die Luft einzuengen scheint und der Duft nach blühendem Gras – wie bedrängt sie das alles! Das sollte man immer haben können! Arme junge Menschen, denen die Natur fremd bleiben muß.

Sie biegen jetzt in einen vortrefflich gehaltenen Kiesweg ein, der durch dichten Buchenwald eine Anhöhe hinanführt und kommen bald an ein schönes weitgeöffnetes Gitterthor aus kunstvoll geschmiedetem Eisen.

Da fährt der Wagen ein, im großen Bogen um einen köstlichen Rasenplatz, auf dessen saftigem Grün Centifolienrosenbüsche wuchern. Sie stehen jetzt in voller Blüte. Tausende von Rosenblüten, alle dasselbe zarte Rosa, und ein so süßer Duft, daß einem Stadtkinde die Thränen in die Augen kommen konnten. So etwas heimlich Ländliches; paradisisch Zartes liegt in den kunstlos, kunstvoll zerstreuten rosenbedeckten Büschen.

Ein Springbrunnen plätschert in einer stillen grünen Ecke, keine Paradefontaine im Centrum des Cirkels – nein, abseits wie ein verträumter Geigenspieler, der sich selbst zu eigner Lust in einer verlorenen Ecke ein Ständchen bringt.

Den beiden Mädchen schlägt das Herz. Wie eine breite laue Welle süß duftender Vornehmheit geht es über sie hin.

Der Wagen hält vor der Villa, der Diener öffnete den Schlag. Alles, worauf ihr Auge auch fällt, ist wie in einer andern Welt, alles sagt ihnen etwas von einem geheimnisvollen Leben, das sie nicht kennen.

Ihr Vater hilft ihnen aus dem Wagen – ja, war denn das ihr Vater? Er hat einen Ausdruck, den sie an ihm nicht für möglich gehalten hätten, so gentlemanlike, eine so ritter­liche Bewegung des Arms, die ihnen gilt! Sie wurden unbeschreiblich verlegen.

Der Diener führte sie eine breite, steinerne Treppe hinan. Vorsaal und Treppenhaus ganz in Weiß und Gold gehalten.

Eine große Schale vor einem hohen Spiegel mit Centifolien und Reseda, die den Raum mit ihrem Sommerduft erfüllen.

Marie und Isolde wünschten sich weit fort.

Es war ihnen die Atmosphäre so kühl, als schlüge im Hause kein Herz!

Der Diener öffnete die Thürflügel. Isolden ist dieser Diener merkwürdiger als alles. Er war, kam es ihr vor, da und zugleich nicht da. So wesenlos ist ihr noch nie ein Mensch erschienen. Alles Menschliche hatte er, Gott weiß wo, gelassen.

Auf seinem Gesicht lag die Vornehmheit des Hauses versteinert.

Sie gingen durch ein hohes helles Vorzimmer und schauten nicht recht um sich. Die Thür nach einem andern Raum stand geöffnet. Sie traten ein und befanden sich einer Gesellschaft von verschiedenen Personen gegenüber.

Der Theetisch war gedeckt, Gäste waren um ihn versammelt. Ein leichtes Aroma von Cigaretten und Rosen. Es schienen den beiden Mädchen auf den ersten Blick viel mehr Personen gegenwärtig zu sein, als es in Wirklichkeit waren.

Eine Dame hob sich ein wenig aus ihrem Lehnsessel, beugte sich vor, streckte den Arm aus. Gelblich indische Seide floß faltig schlank an ihr herab. Ein liebenswürdiges Lächeln ging über das schmale, von glatt anliegendem schwarzen Haar eingerahmte Gesicht.

»Wie gut, daß Sie sind gekommen, lieber Dichter,« sagte die Dame. »Nun, und Ihre jungen Mädchen – wir wollen sehn.«

Sie gab jedem der Mädchen die Hand.

Tiefe schwarze, feuchte Sammtaugen fühlten sie auf sich gerichtet, kühl, vornehm, freundlich.

»Kommen Sie, nehmen Sie Platz, lieber Dichter.«

Isolde sah weltenweit von sich entfernt Henry Mengersen im weißen Flanellanzug.

Sie empfand, wie er hier heimisch war.

Ein tödlicher Schreck, ein banges Schamgefühl überwältigte sie, als sie an den Schädel daheim dachte. Die süße mystische Liebeswonne, die bräutlich nonnenhafte Seligkeit, wie erschien ihr das alles jetzt! Den Schädel hatte sie geliebkost ja! Die beiden Stirnen hatten dieselbe Form – gewiß. Sie hatte vor ihm wie im Gebet versunken gelegen. Es war ihr so natürlich erschienen. So ein thörichtes Geschöpf wie sie war! –

Henry Mengersen wurde den beiden Mädchen vorgestellt. Er erinnerte sich Isoldens. Sie hatten sich in einer Gesellschaft bei Freyschen Freunden getroffen. Er reichte ihr die Hand und begrüßte sie als alte Bekannte.

Außerdem war ein ältlicher, norddeutscher Baron da, ein jovialer Herr und eine noch junge schlanke Frau mit kleinem Kopf und kräftig voller Gestalt, einem etwas ernsten Kinder­gesicht, großen Augen, kleiner Nase, hübsch geformtem Mund. Sie schien eine angenehme Person zu sein. Ihr weiches, braunes Haar trug sie in einem nicht geschickt arrangierten Knoten.

Zuguterletzt rekelte sich ein, zweifels­ohne, hochmoderner Schriftsteller in seinem Stuhl. Er rekelte sich, weil das seiner Lebensan­schauung wahrscheinlich entsprach.

»Grüß Gott, Übermensch!« sagte er und schüttelte Doktor Frey kollegialisch, aber auf eine etwas schlottrige Weise die Hand.

Ein tadelloser, aber ein wenig zu weiter, Salonanzug bedeckte seine gelenke, feingliederige, mit zartem Fett ausgepolsterte Gestalt. Die breite, gestärkte Hemdenbrust stand in weitem Bogen aus der tief ausgeschnittenen Weste heraus. Es war alles nicht so recht niet- und nagelfest an ihm.

Doktor Frey aber schien mit allen, die am Tisch saßen, bekannt und vertraut. Er hatte etwas so leicht-beweglich Mächtiges, wie eine gut geschmierte große Maschine.

Als er sich niedersetzte, sagte er, jovial und wie im Prophetenton, eine seiner Sentenzen: »Wir müssen alle wahr sein, wahr bis zum Äußersten – wahr und lebensfreudig – dann wird die Welt bald ein anderes Gesicht bekommen.«

Jede seiner Bewegungen zeugte davon, daß er sich hier sicher und wohl fühlte, daß er sich seines Werts bewußt, daß er ein berühmter Mann war.

Als Marie und Isolde in den eigentümlichen englischen Stühlen Platz nahmen, empfanden sie ein lebendiges Behagen, wie sich das glatte zarte Holz an den Körper schmiegte. Unwillkürlich strich Isolde wie liebkosend über die Armlehne auf der ihre Hand ruhte. Sie fühlte sich so geborgen.

Wie robust lebte es sich daheim, wie häßlich und grob.

Ihren Vater ließ sie nicht aus den Augen. Er war hier wie ein anderer Mensch. Wie zu einem Heiligen neigte sich die schöne Frau zu ihm und fragte ihn, ob er Rum oder Citrone in den Thee wünsche. Eigenhändig reichte sie ihm das Gewünschte und er schaute wie ein Halbgott um sich.

Isolden war etwas wie Weinen und Lachen nah. Ein erschrecklich verquicktes Ding von einem Gefühl. Sie dachte an die Mutter daheim. Der Thee war so duftend, die Tassen so zart, alles Gerät auf dem Tisch als stammte es aus einer vollkommeneren Welt.

Die Mädchen saßen ganz still in ihren hell grauen Lodenkostümen, wie zwei graugefiederte Tauben.

Sie dachten beide an ihre Kleider, die sie im Köfferchen mitgebracht hatten und fühlten eine wahre Sehnsucht danach.

Mrs. Wendland fuhr im leichten Plaudern fort, in dem sie, durch das Eintreten der neuen Gäste, unterbrochen worden war. »Lu,« wendete sie sich an die junge Frau, »man hat mich gefragt, was ich habe an dir? Was hast du an ihr? Ich habe gesagt: das, was du hast an mir, hab' ich an ihr. Ich bin wärmer als du, sie ist wärmer als ich. Es ist immer die Wärme.

Und weißt du, wer hat gefragt?

Dieser Öfling!« Mrs. Wendland blickte auf den kleinen dicken Baron.

Die junge Frau sah groß auf und lachte.

»Ja,« sagte sie, »ich stehe nicht in Gnaden bei dem Baron.«

»Verehrteste!« der kleine dicke Baron machte eine wahrhaft entsetzte Bewegung und steckte seinen goldnen Kneifer auf die Nase. »Verzeihung, gnädigste Frau, da muß ich allerdings einen absolut anderen Zusammenhang . . . . .«

»Mußt dich nicht bemühen, lieber Freund.«

Mrs. Wendland stand vor dem Kamin, ihre hohe schlanke Gestalt nachlässig hingelehnt.

Sie schaute mit unergründlichen Augen auf die Gesellschaft. Über ihr lag eine eigentüm­liche Ruhe, wie sie gewöhnlichen Menschen nicht eigen ist. »Merkwürdigerweise,« fuhr sie fort, »sagte Lu dasselbe von dir, lieber Baron: Wie kannst du verkehren mit diesen dummen Baron?«

»Mary!« rief die junge Frau ganz entsetzt.

Mrs. Wendland aber erzählte ruhig weiter: »Ich habe gesagt: Es ist ein alter Liebhaber von mich und ich frag' ihn: Wo kaufst du das beste Kaiseröl und ob er seine Leute auch Werktags Wein giebt – solche Dinge – aber das ist das Gemütliche nicht wahr, Baron?«

»Du bist heut ja wieder von fabelhafter Freimütigkeit!«

Die junge Frau war tief errötet und etwas nervös geworden.

»Und schließlich, ist denn diese Freimütigkeit so notwendig?«

»Meine liebe Lu, Freimütigkeit ist nie unnötig. Denke, was für ein schönes Wort: Frei! – Mutig! – Zum Beispiel: Ich habe das Unglück, unter deutschen Frauen zu leben. Ich weiß nicht, womit ich das verdient habe. Die, mit denen ich muß leben, die werd' ich nicht in ihrem Dunkel sitzen lassen. Alle deutsche Frauen sind Kühen,« sagte sie aufseufzend.

»Das gehört eigentlich wieder unter vier Augen,« meinte Frau Lu.

»Mit deinen, ›unter vier Augen‹!« Mrs. Wendland lächelte.

»Was man unter vier Augen sagt, ist so gut, als ob man gar nichts sagt – außer in Liebesdingen – ja dann – natürlich. Aber alles andre ist gut, wenn man aller Welt es sagt. Es wird bekannt. Ich sage alles, was ich denke.«

Der moderne Schriftsteller hatte eine zarte Applaudierbewegung mit den Spitzen seiner Finger gemacht, als Mrs. Wendland die eigentümliche Bemerkung über die deutschen Frauen vorbrachte. Mrs. Wendland hatte dies bemerkt.

»Und was soll ich von den deutschen Männern sagen, wenn ich muß sehen so etwas?«

Sie umgab den Schriftsteller wahrhaft mit der ruhigen Macht ihres Blickes. »Wenn ich sage, die deutschen Frauen sind Kühen, so ist das etwas Trauriges und ein schlechtes Zeichen für den deutschen Mann.

Wenn ich bin freimütig und sage, was Frau Lu von meinem guten Baron gesagt hat, so will ich, daß sie nicht soll erschrecken. Sie soll ganz ihr selbst bleiben – ganz ruhig in ihre Seele, nicht aus der Contenance kommen. Eine Frau, die gethan und gelebt hat, wie Frau Lu, die so gehandelt hat, muß souverain sein. Lu hat nie zu die Kühen gehört – nie. Lu nie.«

Das sagte Mrs. Wendland sehr bestimmt.

»Sie ist Ausnahme, first class.

Wenn ich denke an Lu, denke ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz mit tausend Rosen überdeckt, so ganz überdeckt von Rosen – ein Golgatha, ganz in Rosen.

Niemand sieht, daß sie genagelt ist – aber sie ist's, mit Händen und Füßen, weil sie eine so glückliche Ehe hat, so ein Wunder von einer Ehe. Eine wirklich glückliche Ehe! – Nicht, was man so nennt glückliche Ehe, das ist eine Futterehe, was man im allgemeinen nennt »glücklich«.

Aber Lus Ehe ist in Wahrheit glücklich – und das ist ein großes Unglück.«

Mrs. Wendland ging auf ihre Freundin zu, strich ihr über das Haar. »Arme Lu!«

Frau Lu schlang die Arme um sie und sagte: »Aber wie viel besser es ihm jetzt geht! – Und er arbeitet! Wenn Gott nur einmal ein bissel neutral bleibt.«

»Übrigens, mir fällt ein,« sagte Mrs. Wendland – »etwas ganz anders: Gestern geh' ich meinen Spaziergang außerhalb meinem Park und begegne einer deutschen Familie – zwei Männern, Kindern und eine Frau.

Die Kinder liefen voraus und die Frau war zurückgeblieben. Sie hatte 'was an die Füße und war so eine dicke Bürgerin.

›Schau,‹ sagt die eine Mann zu seinem Begleiter, ›wie deine Alte nachhatscht.‹ –

›Na, alter Kachelofen,‹ ruft ihr der Ehemann zu, ›mach voran!‹

Und die Frau schaut auf mich und lacht so gutmütig und sagt:

›So san die Mannersleut!‹

So sind sie alle, da liegt das ganze »Deutsch« darin.

Lieber will ich ein Pferd sein, als eine deutsche Frau!«

»Nun, ich dächte, eine schöne Frau darf doch auch in Deutschland reden, wie es ihr gefällt,« sagt der moderne Schriftsteller, und um seine Lippen spielte ein Lächeln, wie er es in der Ge wohnheit hatte, wenn er eine Frau über irgend einen Gegenstand sprechen hörte, auch wenn dieser Gegenstand ihre eigene Persönlichkeit und ihr eigenes Geschlecht gewesen wäre, – ein so nachsichtiges, gnädiges Lächeln.

»O ja, eine schöne Frau kann auch in Deutschland manches thun; aber das liegt auf einem ganz anderen Gebiet.

Ich bewundere die deutsche Frau, daß ihr nicht die Geduld ausging.

Ich würde eine Bombe nehmen und auf die Schlafrock von meinem Mann werfen und auf die Schlafrock von alle Männer, die schreiben und philosophieren und sprechen von die Frau.

Mitten in ihr Dunkel würde ich werfen.«

»Oho! Hochverehrte,« rief Doktor Frey mächtig. »Deutsche Liebe! Deutsches Weib! Minnesang! Sie thun uns bitter unrecht!«

»Da kommen Sie mit die Mittelalter! – Natürlich, das thun alle deutschen Männer, wenn sie von die Frau reden. Ein deutscher Mann sieht die Frau immer im Mittelalter, auch in solch einem Kostüm. Ich glaube, wenn er von die deutsche Frau spricht, denkt er an eine aus Holz geschnitzte, nie an die lebendige, so wie auf den Titeln von allen deutschen Familienzeitungen zu sehn ist, so kinderlich. Das Naivste, was es in dieser Beziehung giebt, ist der deutsche Mann.

Deutsche Liebe! Ich mache zwei Kreuze davor, damit man sich in acht nimmt.

Ich will eine lange Geschichte erzählen: ich liebe sehr Geschichten zu erzählen,« sagte sie träumerisch.

»Es hat sich eine Ausländerin verheiratet. Sie hat einen deutschen Baron geheiratet.«

Mrs. Wendland sah mit ihren tiefen ruhigen Augen, geradaus über die Gesellschaft hinweg.

Wie vornehm kühl stand sie da als wenn alles auf der Welt sie nichts anginge; auch das Alter nichts. Denn sie war nicht mehr jung.

Wie floß aber die gelbe indische Seide an ihrer schlanken Gestalt herab.

Diese Frau hatte sich in Nichts nachgegeben, das sah man.

Sie hatte ihr Leben mit sich selbst durchdrungen.

»Und dieser Baron ist so ein deutscher Lebemann,« fuhr sie fort. »Er hatte gelebt und geliebt, wie man sagt.

Er war ein schöner Mann und hatte ein Schloß und Wald und Jagd und war ein große Jäger. Er hatte genug von die Frauen und deshalb heiratete er.

Und wie ich sagte: Er heiratete eine junge Ausländerin – schön – klug und sie hatte nicht gelebt und geliebt, wie man sagt, und liebte ihren Mann mit solch einer schönen jungen Liebe und solch einem Verlangen nach Liebe. Und er hatte nicht ein Verlangen nach Liebe und kümmerte sich wenig um sie.

Sie aber war traurig darüber und er ging alle Morgen auf die Jagd.

Im Winter, vor Sonnenaufgang stand er leise auf und ließ sie in Thränen verliebt allein. Da sann sie, wie sie ihn halten könne.

Und einmal war es auch, da wußte sie schon, daß er wieder gehen würde. Draußen lag leichter Schnee über der Welt und der Mond schien helle.

Da war sie es, die aufstand, viel, viel leiser als er, so zart, wie eine Hauch und sie legte ihre Nachtkleider ab und schlüpfte nur in eine weiche Pelz – dann schlich sie fort – und zum Schloß hinaus.

Und unter einer einsamen Linde warf sie ihre Pelz ab und stand in ihre große Schönheit im Mondschein.

Da legte sie sich in den Weißen, unberührten Schnee und der Schnee trug die Linien von ihre zarte Gestalt. Dann hob sie sich wieder und schlüpfte in ihr Pelz und eilte schnell in das Schloß zurück, in ihr Schlafzimmer – leise – wie ein Hauch.

Und als der Baron erwachte und sie wollte verlassen, um zur Jagd zu gehen – da sagte sie: ›O denke, es ist ein edles Wild bis nah vors Schloß gewesen, ich habe seine Spur gesehen unter der Linde.‹

Da lachte er und glaubte nicht.

›O geh, sagte sie, du wirst es sehn, daß ich wahr sagte.‹

Und er ging.

Und als er wiederkam? Da verließ er ihr, denke ich, nicht mehr.

Und meine Geschichte heißt: Die Wildspur.

Das ist was ich nenn ›Frau‹ und ›Liebe‹, so süß und klug. O, es gehört mehr Weisheit und Seele – und Geist dazu, als zu eine Eisenbahn baun.«

»Eine Geschichte für junge Damen,« sagte der moderne Schriftsteller lächelnd und verbeugte sich leicht, zu Marie und Isolde gewendet.

»Gewiß für junge Damen,« sagte die schöne Frau. »Oder meinen Sie für alte?«

Die kleine Geschichte hatte sie mit solch einer freimütigen Schönheit erzählt, daß es über alle wie ein Hauch von Poesie ging.

Doktor Frey erhob sich, goß ein zierliches Kristallglas voll Wein, ließ sich vor Mrs. Wendland auf ein Knie nieder und sagte indem er das Glas an die Lippen führte: »Dem wundervollsten Weib!«

»O, Sie sind ein deutscher Dichter! Sie sind ein Freiheitsmensch, ich weiß.

Es ist sehr nötig hier.«

Die beiden jungen Männer, der Schriftsteller und Henry Mengersen verhielten sich bisher passiv. Der Schriftsteller hatte den Blick selten von Mrs. Wendland gekehrt.

»Kann so bleiben,« murmelte er ein paarmal vor sich hin, »kann so bleiben.«

Henry Mengersen war, wie es schien, ein wenig verstimmt.

Mrs. Wendland hatte Doktor Frey und seine beiden Mädchen veranlaßt, mit ihr auf den Balkon hinauszutreten.

»Alles angeweiblicht – für Weiber!« – sagte Henry Mengersen zum Baron gewendet. »Jawohl, Eisenbahnen bauen! O teure Mistreß, versuchen Sie's mal.«

»Na,« meinte der Baron, »Sie Tiger, das sagt man doch bloß. Und übrigens, ich habe nichts gegen das Ewig-Weibliche hier um diesen Tisch. Reizende Kerlchen – was?«

Er zwinkerte und deutete mit diesem Zwinkern auf die verlassenen Plätze der beiden Mädchen.

»Nicht übel, die eine ist mir schon bekannt, ein sonderbares Huhn.«


* * *


Zum Souper kleideten sich die beiden Mädchen in ihre duftigen langen Gewänder und es fiel ihnen wie ein Stein vom Herzen, als sie sich so schön sahen. Die Vornehmheit bedrückte sie nun nicht mehr.


* * *


Spät am Abend sprach Mrs. Wendland den Wunsch aus, daß Henry Mengersen sie alle miteinander in sein Atelier führen möchte.

Auf eine kühle Art zeigte er sich bereit dazu.

Isolden schlug das Herz.

Und während die anderen im Salon noch eifrig plauderten, stand sie allein draußen auf der Terrasse und sah in die Sommernacht hinaus.


* * *


Zwei Jahre mochten es her sein, da hatte sie in einer Münchener Kunstausstellung, kaum fünfzehnjährig, vor einer Reihe Radierungen gestanden – und das Kind hatte geschaut und geschaut, die Zeit war ihr vergangen, ohne daß sie es empfand.

Die Leute hatten über das kleine weltvergessene Mädchen gelächelt.

Sie aber hatte eine neue Welt gesehen und gefühlt.

Da war eine Landstraße gewesen, eine lang gestreckte Landstraße, links und rechts mit jungen Obstbäumen besetzt und diese Straße führte geraden Wegs hinein in einen dunkeln, drohenden schweren Gewitterhimmel.

Niemand ging diese Straße. Sie aber ging sie. Sie ging im Geist auf dieser Straße.

Eine große tote Stille – kein Blatt rührt sich – kein Laut – und auch die ungeheure Wolkenmasse stand unbeweglich, ein großes, düstres Geheimnis.

Und diesem drohenden, düsteren Unbekannten lief sie entgegen. Sie ging nicht, sie lief.

Sie war ganz entrückt.

Und dann ein andres Blatt:

Auf hohen Gebirgsgipfeln mitten in der Gletscherwelt, im ewigen Schnee, kämpften zwei Titanen unter schwerem Himmel. Der ewige Schnee stiebt um sie her. Eisklötze fliegen. Der Grund ist zerwühlt, zerstampft, zerklüftet und zerrissen von der Gewalt der Hufe.

Um was kämpfen sie? Um ein armes Häs­ chen, das tot und winzig im Schnee liegt, das der eine erbeutet hat und der andere ihm nicht gönnt.

Da mußte das Kind lachen.

Und weiter:

Auf einem Bild sah sie ein Liebespaar. Rosen und Nacht. Es war alles so verstohlen. Sie begriff.

Es war da ein Duft von Jasmin in der Luft – und das Geheimnis, das große Geheimnis.

In der Schule steckten sie die Köpfe immer zusammen, das Eine, nur das Eine ließ ihnen keine Ruh; es sprühte ihnen im Blute, es stieg ihnen zu Kopfe, es nahm ihnen den Atem. Und dann war es so widerwärtig – die anderen konnte man darum hassen, daß sie davon tuschelten. Und im Umsehen waren sie wieder dabei – sie mit.

Eine zeigte eine Stelle im Religionsbuche, ohne ein Wort zu sagen.

Eine errötete. Und alle schauten und machten lange Hälse und wollten es sehen – lesen – genießen – davor erschauern – sie mit.

Wie unanständige Kobolde, ganz elementar, ganz naiv. –

Ja, und dieses Bild! da war das Geheimnis.

Sie war aber wie reingespült davon.

Eine süße, ungeheure Melodie hörte sie. Sie fühlte etwas so Großes, so Einziges, etwas zum Hinsterben. Von dem Tuscheln, Schauern, dem naiv frechen Treiben der unanständigen Kobolde, die die Leute Backfische nennen, war sie von jener Stunde an getrennt.

Auf dem nächsten Bild dasselbe Liebespaar.

Ja, sie erkannte sie beide wieder. Ein Kind war geboren. Das Weib lag langgestreckt und tot. Es stand da eine Wasserschale und Tücher lagen da. Sie sah das Weib mit Schauern. Es war eben geschehen.

Der Mann kniete und hielt den Kopf des toten Weibes in seinen Händen und seinen Kopf hatte er ganz vergraben.

Hinter beiden aber stand der Tod, riesig wie eine mächtige Wand, wie ein Fels und auf seinem Arm lag das eben geborene tote Kind, gleich einer welken Blüte, die zufällig ein Sturmstoß auf den Arm des Todes geweht hat, so hing es formlos zusammengefallen.

Das junge Ding vor dem Bild war erschüttert, wie vor nichts noch auf der Welt.

Ganz verschüchtert stand sie vor etwas Schrecklichem. Und dazu das Geheimnisvolle, das Unenthüllte – das auch sie selbst anging.

Sie fühlte sich vor diesem Bilde bang dämmernd als Weib und fühlte dies mit tiefem leidenschaftlichen Erschauern.

Sie gehörte zu denen – zu denen, die so namenlos, geheimnisvoll leiden müssen, zu denen, neben deren Liebe der Tod steht, so, wie sie es eben gesehen: der riesige, ernste, feierliche Tod.

O, so lieben! Welches Geheimnis!

Liebe und Tod! O, so in den Untergang hinein lieben!

Sie fühlte sich stolz, mächtig – und freute sich, daß sie ein Weib war.

Es war als ob ihre Füße den Erdboden nicht berührten.

Ja, das ist das Größte auf Erden: Weib sein! Sich opfern!

Mit solchen Gefühlen ging sie damals nach Hause.

Von da an liebte sie Henry Mengersen, noch ehe sie ihn gesehen. Sie liebte ihn, wie sie seine Kunst liebte.

Und als sie ihn gesehen von Angesicht zu Angesicht, liebte sie ihn kaum mehr als vordem. Nein, durchaus nicht mehr.

Der Schädel, dessen Stirn die wunderliche Ähnlichkeit zeigte, war ihr vom Schicksal gegeben worden als ein Symbol, das sie anbeten durfte, leidenschaftlich, ahnungsvoll, wie eine Nonne eine Relique anbetet.


* * *


Und nun sollte sie in das Heiligtum treten und seine Werke in dem Raum sehen, in dem sie geschaffen wurden.



4.

Sie gingen alle mit einander. – Mondschein – Centifolienduft; – der Springbrunnen spielt wie ein in sich selbst versunkener Spielmann in seiner grünen Ecke.

Vom See kam eine feuchtweiche Luft. Das Mondlicht durchfloß die zarten Gewänder der Mädchen, löste sie wie zu einem leichten, weißlichen Nebel auf. Isolde segnete ihre Mutter für diese Kleider.

Mrs. Wendland wurde von Doktor Frey geführt. Er führte sie so vorsichtig wie ein höheres Wesen, von dem er befürchtete, daß die bloße Berührung mit dem Erdboden es beschädigen könnte. An jedem Schritt, jeder Bewegung sah man, daß er vor urwüchsiger, ganz naiver Wonne und Befriedigung nicht ein und aus wußte.

Marie sah im Geist daheim die Mutter sitzen, wie sie mit ihrem Bengel die Schularbeiten machte, und Marie erschrak, wenn sie daran dachte, daß auf die Mutter auch nur ein Tropfen jener Zartheit, Besorglichkeit fallen könnte, mit der der Vater Mrs. Wendland umgab.

Wie würde der Mutter bei so etwas wohl zu Mute sein?

Würde sie darüber lachen oder weinen?

Marie konnte sich das gar nicht vorstellen. Vor ihrem Vater aber fürchtete sie sich, als wäre er sein eigenes Gespenst. Sie mochte gar nicht hinsehn.

Sie schämte sich.

Wer war nun der Rechte, der zu Hause oder der hier?

Gern wäre sie der Mutter um den Hals gefallen und hätte bitterlich um das geweint, um das, was sie lang und unklar empfand.

Sie gingen jetzt durch hohen Buchenwald. Der Mondschein flimmerte durch die dichten Zweige. Der Weg führt sanft abwärts.

Sie waren auch alle ganz schön im Sommerzauber drin. Ein jeder spann und sann. Wenig­stens gingen sie ziemlich schweigsam durch diese laue, flimmernde Nacht.

Henry Mengersens Atelier lag unten am See. Er hatte sich schon seit Jahren ein kleines Landhaus hier gemietet, das er in den Sommermonaten bewohnte. Das Atelier groß und kahl; die kleinen Abteilungen des Riesenfen­sters standen zum Teil offen. Das Mondlicht strömte herein. Es lag etwas Kühles, Klares in diesem Raum, als Henry Mengersen die Schraube zum elektrischen Licht aufgedreht hatte und alles bis in den letzten Winkel bestrahlt war.

Hier empfand man nichts Weiches, nichts Ungeordnetes, nichts Beengendes, eine pein­liche Ordnung und Sauberkeit.

Wem die Augen über Henry Mengersens Toilette noch nicht aufgegangen waren, dem gingen sie hier auf. Sie war von jener vornehmen, absoluten, eleganten Reinheit und Neuheit, die ein Deutscher schwer erreicht.

Auch Henry Mengersen war Mischling. Seine Mutter stammte aus einer schwedischen Familie.

Die Art, sich zu kleiden, hob ihn über das Gewöhnliche, erleichterte ihm vieles im Verkehr mit den Menschen, wirkte auf gewisse Naturen immer verblüffend, ließ ihn über der Situation stehen und zwar, ohne daß er sich irgendwie dabei hätte anstrengen müssen. Was ein armer tapferer Kerl mit schlecht sitzendem Rock und mit an den Knien ausgearbeiteten Beinkleidern mit Ausbietung aller Kräfte und allen Mutes nicht erreichte, das fiel ihm zu. – Er gebrauchte, um das alles zu erreichen, nur etwas mehr Zeit zu seiner Toilette. Für Frauen war er unwiderstehlich.

Diese jungen, naiven, deutschen Frauen – wie ennuyierten sie ihn seit Jahren schon!

Er verkehrte jetzt allerdings meist nur mit Ausländerinnen, oder wenigstens mit deutschen Damen aus den höchsten Kreisen.

Das war zu ertragen. Eine Frau, wie Mrs. Wendland, schien ihm wirklich erträglich, und auch ein Haus, wie Mrs. Wendland es führte – die ganze Art von Mrs. Wendland stieß ihn nicht ab, trotzdem sie ihre großen Schwächen hatte.

Man konnte mit ihr reden und leben, ohne jemals von Naivitäten belästigt zu werden. –

Mrs. Wendlands Ansicht war:

»Wissen Sie, Henry, man kann thun was man wünscht bei uns. Man muß nur immer in seine Rang bleiben.«


* * *


Im Atelier hing keine Studie, nichts von seiner oder irgend eines andern Hand.

Große, bequeme, helle Eichenholzschränke standen längs der einen Wand, ein breiter Arbeitstisch nahe dem mächtigen Fenster.

Mengersen ging in den Nebenraum, in das Bildhaueratelier, und bat seine Gäste, einen Augenblick auf ihn zu warten.

In dies zweite Atelier ließ er ungern jemanden eintreten.

Es währte nicht lange, da kam er mit einer kleinen Marmortafel wieder und stellte diese auf eine Staffelei, rückte sie behutsam, blickte prüfend zur Lichtkrone und trat dann zurück.

Ein Relief. Mrs. Wendlands Kopf, leicht gelblich getönt, ein Sphynxkopf.

»Also ein Raubtier,« sagte Mrs. Wendland eigentümlich lächelnd.

Sie hatte recht, ein Raubtierkopf, so schön er war. Die Augen hatten etwas Packendes, Zugreifendes. Um den Mund lag ein rätselhafter, urweltlicher Zug: »Das Tier.«

Hier war es geprägt, das Halbtier Weib.

»O, Henry Mengersen,« sagte Mrs. Wendland ruhig, »weil ich bin ganz offen, offen, wie Sie sonst niemanden kennen, weil ich nichts verstecke, nichts Böses und nichts Gutes, machen Sie ein Rätseltier aus mich. – Sonderbar!«

Da lächelte Henry Mengersen überlegen wie ein Richter, vor dem sich einer so eben selbst überführt hat.

»O, ich verstehe,« sagte Mrs. Wendland gleichgültig, »so meine ich nicht. Meine Offenheit ist nicht die Offenheit von ein Tier. Sie irren. Halten Sie mich für naiv? Dann verzeihen Sie, ich muß lachen. Sie verstehen doch, was ein Kunstwerk ist? Raubtiere sind wir alle. Aber Sie meinen damit nicht das: Ich weiß, ich bin Herrn Mengersen ein Dorn, trotzdem er sehr liebenswürdig zu mir ist, weil ich ein wirklicher Mensch bin, lebe wie er lebt und bin so klug wie er ist. Wenn sich Herr Mengersen auch als Raubtier ausmeißelt, bin ich zufrieden.

Ich bestelle mir noch ein Raubtier, es müssen zwei sein.

Und Henry Mengersen ist kein schlechtes Raubtier.«

»Eine sehr selbstbewußte Dame, die gute Mrs. Wendland!«

Der moderne Schriftsteller wendete sich flüsternd an Doktor Frey.

Sie gingen mit einander im weiten Atelierraum auf und nieder.

Doktor Frey führte seine zusammengelegten Fingerspitzen zum Munde, machte eine Geste der Verzückung.

»Götterweib!« kam es inbrünstig, unhörbar von seinen Lippen.

»Nee!« dieser Meinung war der moderne Schriftsteller nicht, Hühner und Weiber nur ganz frisch, »Hautgoût! Brr! Künstliches Hautgoût, Fin de siècle – Hautgoût als Parfum für die weibliche Jugend – famos! Schreibe selbst solches Zeug. Verdammt raffiniert so was! Geist beim Weib höchst verdächtig! Hat die gute Dame Kinder gehabt? Geist beim Weib einfach pathologisch. Übermensch, was ist denn dir in die Krone gefahren? Warst doch sonst nicht so? Die Millionen etwa? Nee – nee – da laß ich mir nix vormachen.«


* * *


Mengersen hatte eine Mappe auf den Tisch gelegt, neue Reproduktionen.

Er sprach mit dem Baron darüber, war mit irgend etwas zufrieden oder unzufrieden. Sie sprachen kühl hin und her über Geschäftliches und so weiter.

Mengersen legte einige Blätter auf den Tisch und zufällig vor Isolden hin.

Und es waren jene Blätter.


* * *


Mrs. Wendland und Doktor Frey standen am geöffneten Fenster. Der temperamentvolle Prophet und möglicher Weise baldige Reichstagsabgeordnete und so weiter, sprach auf die schöne Frau mächtig ein.

Mrs. Wendland schaute gelassen auf ihn hin. Sie trug, wie stets, wenn sie ihr weißes Hauskleid abgelegt hatte, eine schwarze Toilette und machte einen äußerst vornehmen, in sich zusammengefaßten Eindruck.

Das Porträt, das ihr guter Freund, ohne ihr Wissen, von ihr vollendet hatte, mochte sie seltsam berührt und verletzt haben.

Sie hatte sich ihm offen gegeben. Sie hatte ihm den Genuß geboten, das Weib auf seiner höchsten Stufe, wie sie meinte, das hochent­wickelte Weib, ganz kennen zu lernen.

Sie war rückhaltlos zu ihm gewesen, voll­kommen wahr, im Vertrauen, wie es ein großer freier Mensch zum andern hat – und er hatte das Tier in ihr erkannt – nur das Tier – das brutale Tier.

Sie hatte im Verkehr mit ihm über das »Tier« Mengersen hinweggesehn und hatte in ihm den Gott gehätschelt, angebetet und geliebt.

Mit ihrer heitern Weisheit und Welterfahrung hatte sie ihm etwas schenken wollen – und er? –

»Man ist einsam, ungeheuer einsam!« sagte sie wehmütig.

Doktor Frey wußte nicht, auf was sich dieser Ausspruch beziehen mochte und blickte etwas verblüfft auf sie.

»Bitte, fahren Sie fort,« sagte Mrs. Wendland leicht lächelnd. Der berühmte Schriftsteller mochte ihr irgend etwas vorgetragen haben, was sie überhört hatte.


* * *


Herr Goldschmitt, der moderne Schriftsteller, machte sich an das schöne blonde Mädchen, an Isoldens Schwester heran und unterhielt sich mit ihr einigermaßen von oben herab; aber durchaus angenehm berührt. Jung, rosig, blond, sanft und diese weiche, hilflose Stimme – köstlich!«

Er fühlte sich wie eingelullt von ihrer ausgeprägten, gesunden, molligen Weiblichkeit.

Sie hatte aber trotzdem etwas Träumerisches, Verschlossenes. Kühles.

›Etwas hartmäulig noch‹, dachte der Schriftsteller in seiner Pferdesprache, die er mit Vorliebe bei Beurteilung von Frauen anzuwenden liebte.

Übrigens wußte er weder von Frauen, noch von Pferden etwas Nennenswertes.


* * *


Isolde aber stand im Bann von Henry Mengersens großer Begabung. Sie sog das, was sie sah, in ihre Seele ein. In seiner nächsten Nähe schlug ein kristallreines Herz zum Zerspringen vor Seligkeit und Anbetung.

Die junge Nonne lag wieder in Verzückung vor der schönen Erscheinung seiner Kunst.

Wie Gottes Sohn empfand sie ihn.

Und ob er schön und elegant, oder häßlich und verschabt war, was ging das sie an.

Wie einen Teppich hätte sie sich vor seine Füße breiten mögen.

Sie war in diesem Augenblick eigenartig schön. Die hingerissene junge Seele durchleuchtete sie.

Henry Mengersen kam zum Entschluß, sich mit dem kleinen verrückten Käfer etwas abzugeben.

Er war, wie gesagt, kein Freund der »höheren Tochter«, hie und da aber fand sich doch ein Exemplar, das man sich einmal betrachten konnte. .


* * *


Als sie wieder nach Mrs. Wendlands Villa zurückgingen, bot er ihr den Arm.

Der Mond war untergegangen und der Weg durch den Buchenwald dunkel.

Mrs. Wendland ging mit Frau Lu.

Sie schwiegen beide das längste Stück des Weges.

Endlich sagte sie: »Lu, was ist mit dir? Du bist so still. Ich weiß nicht wie du mich heut vorkommst? Es ist mir, wie wenn man denkt, es ist warm und hat seine Wintermantel ausgezogen und es ist kalt. Sag mir, ist was mit dir?«

»Du weißt ja, ich kann nicht von ihm fort sein.«

Die junge Frau schien erregt und bedrückt.

»Wenn ich du war, ich würde auch nicht einen Schritt von ihm gehn. Wenn man so etwas hat in seinem Leben wie du gefunden, muß man es halten mit den Armen, den Händen, den Zähnen. Weißt du Lu, ich möchte mit deinem Mann in ein Kloster gehn.«

»Das ist. ja lieb von dir,« meinte Frau Lu lachend.

»Nein, im Ernst. Es würde eine wunderschöne Zeit, auch für ihn. Bei ihm fühlt man sich nicht degradiert, wie bei die andern Männer, kann mit ihm verkehren wie mit Gott Vater, so ganz sans gêne

»Ja, wahrhaftig,« sagte Frau Lu, »das ist ja auch so. Weißt du, es ist, als wenn ein guter, großer Geist neben mir herginge, in meinem Haus wohnte und mich liebte. Wenn du wüßtest, wie gut er ist, wie reich unser Leben ist. Wie schön es bei uns ist!«

»Und«, sagte Mrs. Wendland lächelnd, »wie ich mirs verderbe.«

»Ja, ja – aber wenn du an meiner Stelle wärst.«

»Ich? Nun, wenn ich mich in deinen Mann verliebte, würde er es besser haben als bei dir. Glaubst du, ich würde ihn mit meiner Angst um ihn, immer wie mit Salz die Nerven bestreuen? Wie du? Bei mir könnte er alles thun, was ihm beliebt, krank sein, gesund sein, arbeiten, auch ruhig sterben, wenn es sein soll. In nichts redete ich ihm drein.«

»Du bist kostbar,« lachte Frau Lu leicht.

»Und ich habe das Interesse für diese Alltagsmänner ganz verloren. Mögen sie nun ein Genie sein wie Henry oder nicht. In sich, in ihrem Charakter sind sie so schlecht gezogen, so nicht fertig geworden. Für uns Frauen ist es immer eine Kränkung, gleich, ob sie sind brennend zu uns oder kalt.

Wir haben immer das Brutale. Sie sind alle wie die ganz reichen Leute, die den Armen zu Weihnachten bescheren. Sie selbst gehen in Kleidern von Worth, wo ist jede Naht ein Kunstwerk. Für ihre Mitmenschen aber lassen sie aus grobem häßlichen Stoff Röcke nähen von plumper Façon ohne Sinn und Verstand.

Sie geben so für das allergröbste Bedürfnis der Natur – und damit basta.

Und dieser schreckliche Jüngling, dieser Herr Goldschmitt! Statt eine Seele oder ein Herz hat er ein kleines Ferkel in sich, glaub ich.«


* * *


Inzwischen ging Isolde an Mengersens Arm zaghaft und in höchster Erregung. Sie wollte etwas sagen und fand kein Wort.

Er schwieg auch, um zu sehen, was die Kleine vor hätte. Ihm schwante etwas, schon bei der ersten Bekanntschaft mit ihr.

»Sie sind so glücklich,« sagte Isolde nach langem leidenschaftlichem Kampf mit sich selbst.

»So? Bin ich? – Und weshalb mein Fräulein?«

Das klang banal, so gar nicht als sagte es Henry Mengersen. Aber das war ja kindisch von ihr, zu erwarten, daß er wie ein Gott sprechen würde.

Natürlich, er war so durch und durch Gentleman; wenn sie daran dachte, wie er sich kleidete, wie er sich betrug, wie er verwöhnt war, konnte er ja gar nicht anders antworten.

Oder konnte er es? Sie wußte selbst nicht, was sie eigentlich verlangte. Es war doch ganz das Richtige. Man sprach so. Und was sie gesagt hatte, war dumm und lächerlich.

Sie errötete tief.

»Nun und weshalb bin ich so glücklich?« fragte er noch einmal zugänglicher. Es war doch eine gewisse Neugier in ihm wie das Hühnchen mit ihm anzubinden gedachte.

Isolde sagte irgend etwas, stockend, abgebrochen, hastig. Sie wußte kaum was. – So etwas: ›daß er könnte, was er wollte.‹

›Oho‹, dachte Mengersen, ›die kapert so. Was sind diese jüngsten weiblichen Raubtiere doch schon gerieben und schlau! Einer »höheren Tochter« kommt darin nichts gleich. Was für ein Lärvchen hat das Ding und dahinter schon die volle Gier nach anständiger Versorgung. Was ist gegen so ein Hühnchen der schlaueste Börsianer! . . .

Ja wohl, mein Fräulein, sie kommen ganz an den Rechten.‹

Er lächelte.

»Also eine Kunstenthusiastin; sehen Sie mal an! Malen wohl selbst, Porzellan – ›Schmücke dein Heim!‹ Natürlich!«

»Nein, ich kann gar nichts,« sagte Isolde.

»Aber man hat Ihnen gesagt, daß es sich nett macht, wenn eine gebildete junge Dame über Kunst spricht, nicht wahr?«

»Man hat mir gar nichts gesagt.«

»Nun, die Tochter eines berühmten Schriftstellers aus einem schöngeistigen Haus ist doch in dieser Beziehung mit allen Hunden gehetzt.«

»Wie denn?« fragte Isolde.

»Der Herr Papa wird Sie doch in so manches eingeführt haben?«

»Papa?« wiederholte Isolde erstaunt.

»Na, oder Mama denn.«

»Mama!« sie lachte etwas. »Ach Mama« – ein Seufzer. Allerlei Bilder gingen ihr durch den Kopf.

Henry Mengersen war ein wenig aus dem Concept gebracht. »Meine Sachen gefallen Ihnen also?«

»Unaussprechlich«, sagte das Kind Isolde mit einer Inbrunst und Wärme, als antwortete sie ihrem Richter auf eine Frage um Leben und Tod.


* * *


Zwei Tage später.

Der Vater hatte Marie nach Hause gebracht, kam aber selbst jeden Tag nach Starnberg hinausgefahren.

Der Familie Frey stand ein Todesfall bevor.

Die Mutter war zu einem schwer erkrankten Bruder nach Berlin gerufen worden, der mit der Familie seiner Schwester sein Lebtag kaum in Beziehung gestanden hatte.

Vor Jahresfrist ungefähr hatte Mama ihm eine Photographie ihrer beiden Mädels geschickt und darauf einen warmen verwandtschaftlichen Brief erhalten.

Der Onkel schrieb, daß er sich die beiden schönen Nichten nächstens einmal einladen würde.

Diese Einladung war nicht erfolgt. Und die nächste Nachricht war eine Depesche, die Mama schleunigst an das Sterbebett ihres seit Jahren ihr fremd gewordenen Bruders rief.

Doktor Frey war gehobener Stimmung. Er wußte zwar von feinem Schwager Apotheker nicht viel mehr, als daß dieser wie ein altbürgerlicher Junggeselle gelebt hatte, bescheiden, aber solid.

Angenehm war es auf jeden Fall, daß er seine Schwester bedenken würde. Darauf war eigentlich mit Sicherheit zu schließen. Doktor Frey hoffte, daß es etwas ausgeben würde.


* * *


Henry Mengersen wandelte auf der Terasse vor Mrs. Wendlands Speisezimmer, schaute den blauen Wölkchen seiner Cigarrette nach und ließ die Blicke über den See hinschweifen, der bleich wie eine metallene Scheibe ausgebreitet lag und den weißgrauen Himmel wiederspiegelte.

Nahe dem Hause ging Isolde. Sie hatte die Arme auf den Rücken zusammengelegt, stieß mit dem Fuß nach kleinen Steinen und glaubte sich unbeobachtet.

Henry Mengersen blieb jetzt stehen und sah auf das Mädchen.

Es freute ihn, zu sehen, wie harmlos das Ding sich bewegte.

Ihre junge Schönheit beschäftigte seine Sinne angenehm.

Welch verhaltene frische Kraft lag in den Gliedern. – Und welche Vornehmheit in der ganzen kleinen Bestie! –

In ihr war das Stilvolle; das würde sich später erst recht entwickeln. Wie selten traf man doch solch ein Weib! Mrs. Wendland mußte in ihrer ersten Jugend ähnlich gewesen sein.

Mrs. Wendlands Sohn war gestern spät abends angekommen, ein achtzehnjähriges Bürschchen, junger Kosmopolit.

Sie hatte ihn aus irgend einem Grunde nach Wien gesteckt und er war eben auf dem Weg, in Paris seine Studien fortzusetzen.

»Köstlich, den über Weiber reden zu hören, diesen Fratz!«

Henry Mengersen lächelte in der Erinnerung daran.

›Aber ich bitt' Sie, Henry, man kommt doch nie über diesen lendemain hinaus,‹ hatte er zu ihm gesagt.

›Immer dieselbe Situation. Ihren Kopf an meinem Busen und ich grinse über sie hinweg.

Die Psyche des Weibes giebt mir nichts Neues mehr, Henry, es hat mir noch keine »nein« gesagt. Eine einzige – und ich wäre dieser Frau dankbar.‹

– Teure Mistreß, da hast du dir ja etwas Famoses »ausgebrütet«.

Henry Mengersen amüsierte sich, seine Gedanken spazieren zu lassen.

Er entsann sich eines Ausspruchs Mrs. Wendlands: »Mir geht es so wohl, Henry; wenn ich wieder zur Erde komme, werde ich wieder als unabhänglige Witwe geboren. Ich bin ein freier Mensch. Leider mein einzigen Tyrannen hab ich mir selbst ausgebrütet.«

Damit meinte sie also dieses Söhnchen. – Alle Achtung!

Und sie glaubt sich von diesem Söhnchen angebetet. ›Menschen untereinander‹ – dachte Henry Mengersen. ›Jetzt sitzt er bei seiner Mama. Was sie wohl miteinander reden? Natürlich durchschaut er sie. Sie ihn? – No! Mütter sehen nun einmal ihre Söhne immer wie in der zweiten Stunde nach der Geburt.‹

Henry Mengersen warf seine Cigarrette fort und drehte sich eine neue. Es lag eine so köstliche Stimmung in der Luft. Ein feuchtwarmer Wind wehte vom See. Man war wie eingehüllt in solche Luft. Es dachte sich so leicht und angenehm in dieser Atmosphäre, so kühl objektiv.

Isolde war inzwischen langsam dem Walde zugegangen.

»Weißt du, mein Schatz, weshalb nicht? Wenn ich ein weniger vorsichtiger Mann wäre – aber deine Basen, Väter, Onkels und Mütter – nee – weißt du!« und Arthur Wendland trat auf die Terrasse. Ein fabelhaftes Männchen. Gegen ihn schien Mengersen fast philiströs in seiner ganzen Erscheinung. Da war Rasse bis in das Taschentuch, übertriebene Rasse.

›Mein Mann und ich waren eine gute Mischung,‹ hatte Mistreß Wendland gesagt.

»Was Mama für eine sonderbare Frau ist!« Arthur warf sich in einen der indischen Lehnsessel. »Ich soll offen zu ihr sein, sie will ein wenig »Mama« spielen. Wozu man nicht alles herhalten muß! Ich bin Mama übrigens dankbar; in allem, was sie thut, ist sie chick. Ich hatte mir das früher als höchst ennuyant vorgestellt, Mamas Eingriffe in das Leben eines jungen Mannes. Mama ist Gottlob aber eine Dame von Welt, man kann mit ihr reden!«

»Ja, Sie werden von Ihrer Mutter nicht geniert, junger Mann,« sagte Mengersen.

»Wir sahen die kleine Person, die Isolde da unten gehen, Mama und ich. Mama sagt: Sie ist first class. Ich sagte: für ein ›Nein‹ ruiniert man sich mit hundert ›Ja‹.«

Nach diesem Ausspruch dehnte sich der kleine Arthur Wendland in seinem Stuhl. »Man sollte etwas Boot fahren,« sagte er, erhob sich und schickte sich an zu gehen. »Würden Sie geneigt dazu sein, Henry?«

»Augenblicklich nicht, ich fühle mich hier sehr angenehm.«


* * *


Etwas später hatte Henry Mengersen ein Gespräch mit Mrs. Wendland.

»Nun, Henry, wie gefällt Ihnen mein einziger Sohn? – eine nette Karikatur? Vor der Hand Snob. Aber er wird mir einmal danken, daß ich ihn habe par force über die schlimmsten Jahre gebracht. Sie sind ein sehr kluger Mann, aber die Klugheit von einer Frau, wissen Sie, das ist etwas ganz anderes. Ich habe ihn jetzt hier, weil er sich soll in Isold verlieben. Sie ist ein sehr herbes Mädchen und es ist jetzt Zeit, daß er eine unglückliche Liebe bekommt. Heiraten, mon Dieu, so einen Unsinn wird er in Ewigkeit nicht denken – und Isold wird ebenso wenig einen andern Unsinn denken.

Sie verstehen?«

»A la bonheur!« sagte Henry Mengersen. »O, liebe Mistreß Wendland.«

›Sonderbar, Frauen kennen einander nie‹, denkt er, ›haben nicht das geringste Urteil, wenn es sich um eine ihres Geschlechts handelt‹.

»Also Fräulein Isolde ist so außerordentlich herb?« fragt er belustigt.

»Und rein, wie eine junge Quelle,« sagt Mrs. Wendland.

»Wir können über das alles reden; Sie werden sich in Isolde nicht verlieben. Sie ist arm, Sie wissen und aus einem anständigen Haus. Sie werden Sie so wenig heiraten, wie ich den Baron.

Was soll ich mit dem fremden Mann in mein Haus?

Und so ist mit Isolde, was sollen Sie mit das kleine Mädchen? Sie wär auf alle Fälle schade vor Sie.

Was werden Sie einmal Ihrer Frau geben?

Vom ganzen Souper haben Sie nur noch den Dessert.

Bei Ihnen möchte ich nicht oft soupieren, Henry.

Und ob der Dessen gut geraten ist?

Doch bei einem Halb-Deutschen – sehr fraglich.

Ich hab etwas von Ihr Dessert gekostet – damals war es ganz gut – aber kein Meisterwerk; aber auch von Ihr Dessert haben seitdem viele gegessen.«

So sprach Mrs. Wendland zu Henry Mengersen, der einmal wie berauscht von ihr gewesen war, in einer Zeit, in der sie sich beide geliebt hatten.

Ja, sie war souverain.

Und das mochte es sein, was ihn noch immer an sie kettete?

Sie war so überraschend.

Ein für ihn bequemerer Übergang von Liebe zu Freundschaft ließ sich nicht denken.

Sie hatte ihn geleitet, wie mit Feenhänden.

Ja, er mußte es sich selbst sagen: dieser Übergang gehörte zu seinen angenehmsten Erfahrungen. Er wünschte allen Frauen, daß sie dies so vorzüglich verstehen möchten. Und heute sagte er irgend etwas Derartiges zu Mrs. Wendland und führte ihre gepflegte zarte Hand an seine Lippen.

Sie lächelte gedankenvoll.

»Ja, es war Ihnen sehr bequem, Henry, und deshalb lassen Sie es gelten.

Aber daß ich eine große Künstlerin bin, verstehen Sie nicht. Dazu sind Sie zu philiströs. An eurer Kunst hängt ein großes Stück Philistertum. Es muß alles gezahlt werden mit Gold und Diplomen und so weiter. – – Doch, lassen wir das!«

»Ewig schade, daß Sie ein Weib geworden sind, Mary!«

Henry Mengersen schnippte die Asche von seiner Cigarrette mit dem kleinen Finger über die Balustrade.

»Du weißt wohl nicht, mein Freund, wie grob du bist?« entgegnete sie liebenswürdig. »Jeder Geist an einem Weib ist Verschwendung! Es ist was ich sage: Ihr habt die deutschen Frauen zu Kühen gemacht. Eine Kuh bekommt ihr Junges ohne Geist und ist dazu ein sehr nützliches Tier.

Weshalb soll eine Frau dazu Geist haben, was ohne Geist zu thun ist!«

»Ach! Ach! Ach! Ach!« rief Henry Mengersen und hielt scherzhaft beide Hände auf die Ohren, die eine nur andeutungsweise, denn seine Cigarrette brannte noch.

»Verehrteste, teuerste, liebste Mary, verschonen Sie einen Armen, der das Unglück hat, »Mann« zu sein und etwas zu leisten!«

»Lassen Sie Ihre Ironie, Henry, – gehen Sie ein wenig spazieren. Zu Abend speisen wir auf der Veranda unten. Sie kommen doch?«

Henry Mengersen küßte ihr die Hand.

›Ennuyant‹, dachte er. ›Wenn sie das doch lassen wollte!‹

Dann schlenderte er dem Walde zu, denselben Weg, den Isolde gegangen war. Über ihm rauschten die Buchenkronen im ersten Abendlüftchen. Was war das? Er blieb stehen.

Eine junge Stimme schmetterte ungeschult und laut aus dem Walde heraus – so frisch – so falsch die Töne, so aus der ersten Jugendkraft heraus.

Henry Mengersen lächelte.

»Das junge Tier, das durch den Wald läuft in Liebessehnsucht. O, gute Mistreß, hören Sie nur diese Stimme, meine sinnlich übersinn­liche Mistreß! Lehren Sie mich doch diese Stimme verstehn.«

Henry Mengersen stand noch immer und horchte. Es war, als hielten die ungezügelten Laute ihn im Bann.

Isoldes Gestalt stand ihm vor Augen.

›So etwas will eben leben‹, dachte er, ›keine Ahnung von Wohllaut!‹

Daß ein Weib je solch lebendige Frische in sich haben kann! Wie ein Bergstrom lärmt sie!‹

Er horchte – horchte. – »Nein unerhört! Eine nackte Stimme!«

Es war ihm, als sähe er auch das Mädchen wie eine griechische Nixe nackt im Walde laufen und schreiend singen, Liebesklage und Wonne, ein wildes, ursprüngliches Durcheinander.

Da hatte er die geheimste Weiboffenbarung!

In seinen kühlen, beobachtenden Augen glimmte es.

Er war unbedingt erregt; als Mann und als Künstler erregt. Er empfand das wilde, verlangende Geschöpf so deutlich, diese jauchzende Naturkraft.

In ihm war ein neues Werk entstanden. Nach einer matten, schaffensunlustigen Zeit, die er­ste lebendige Stunde.

Vorsichtig wie ein Jäger, schlich er näher. Er wollte, mußte sie sehen, wie sie saß, stand oder was sie that während dieses tollen, lärmenden Gesanges.

– Und da sah er sie vor sich in ihrem grauen Lodenkleid; die Arme über den Kopf gefaltet, stand sie an einen Buchenstamm gelehnt und wie hypnotisiert von ihren eigenen Tönen.

In nächster Nähe gellten sie ihm schrill in die Ohren.

Ja, das war etwas Urweltliches; und so etwas lief in modernen Kleidern umher, ließ sich höhere Tochter nennen, benahm sich ganz ehrbar, wie andere auch. – Wie sie dastand! – Die verkörperte Liebes- und Lebenssehnsucht. So, in dieser Gefühlssituation hatte er das Weib noch nie gesehn. Das war ihm neu.


* * *


Er war selbst überrascht, als er ihren Namen rief, wie ihm der Name »Isolde« laut über die Lippen kam.

Da zerriß der Gesang wie mit einem Sprung. Als hätte eine Kugel sie getroffen, zuckte sie zusammen.

Er sah in ein ganz erbleichtes, starres Angesicht. Kein Wort kam von ihren Lippen, kein Lächeln. – Sie schaute fassungslos.

Und er?

Als wäre er mit einem leichtsinnigen Sprung mitten in einen Wasserstrudel hineingesprungen.

»Isolde!« Was war ihm eingefallen! Dieser verhexte Name! Einen andern hätte er nie gerufen. Aber: »Isolde! – Isolde!«

Wie einen Liebeswonneschrei, solch einen Namen zu tragen!

»Isolde!« sagte er noch einmal; aber tonlos.

Da kam Bewegung in sie.

Aus ihren Augen leuchtete ein ganz seliger Glanz – etwas so traumhaft Seliges. Wie von etwas ganz Unfaßbarem aus dem Schlaf geweckt, stand sie vor ihm; hilflos, rührend, wie vernichtet – und wieder wie eben erst zum Leben erwacht.

Nie hatte er solch eine träumerische Verwirrung auf einem Gesicht gesehen.

Ja, und er, der so vielfach Gelangweilte, Abgekühlte war selbst erregt und verwirrt.

Was hatte er da angerichtet!

Da stand sie und bot ihm ihre Liebe auf eine so süße, kinderhafte Art, so unverhüllt, so durchsichtig, so widerstandslos. . . .

Ja, da war etwas was ihn ergriff.

Er mußte den Arm um ihre Schulter legen, mußte sie an sich ziehen. »Das ist doch nicht möglich?« sagte sie bebend.

Und ein Thränenstrom brach aus ihren Augen, so heftig, – so glückselig wild.

Im Nu war der Regenschauer über ihr Gesicht hingegangen und sie sah ihn mit leuchtenden Augen fragend an.

Der große, forschende Blick irritierte ihn wie ein Sonnenstrahl. Ihr Kopf ruhte jetzt an seiner Brust. Da mußte er an Arthur Wendland denken:

›Ihren Kopf an meiner Brust und ich grinse über sie hinweg.‹

Ihm war zu Mute wie einem reichen, satten Menschen, dem ein anderer mit fanatischer Wonne sein einziges Besitztum, nach dem er gar kein besonderes Verlangen trägt, zu Füßen legt.

Er fühlte sich unendlich belastet. Dieses zitternde vor Seligkeit hinsterbende Geschöpf im Arme, das von ihm alles forderte, das ihm unbewußt alles bot, bedrängte ihn.

Was sollte er thun?

Sie war sein, das fühlte er. Sie hatte sich ihm auf Gnade und Ungnade ergeben.

Sie glaubte an ihn.

Jetzt sah sie zu ihm auf.

Diese Augen – diese fordernden, glaubenden Augen!

»Daß du mich liebst!« sagte sie tief träumend wie von Glück übergossen.

Er drückte sie fester, inniger an sich. ›Armes Ding‹, dachte er, ›müßte ich jetzt nicht der Vorsichtige, Bedenkliche sein, wärst du was du bist – einfach ein verliebtes Mädel . . .‹

Er schloß sie fest, fest an sich. Sie erschauerte tief. Er empfand es. Er drückte einen Kuß auf ihre halb geöffneten Lippen.

Sie schloß die Augen.

»Du, Mensch aller Menschen!« flüsterte sie wie damals als sie vor dem Schädel lag.

»Wie, mein Herz?«

Sie antwortete nicht. Sie war wie erstarrt.

Mit einem Mal kam Leben in sie. Sie hob den Kopf, machte sich zaghaft und rührend sanft aus seinen Armen los und erzählte ihm von ihm selbst – von jenem Tag als sie zuerst seine Kunst verstanden hatte.

»Ja,« sagte sie, es war als wäre das alles mein eigen, von mir selbst geschaffen, was du schaffst – mehr könnte ich es nicht lieben, mehr könnte es mir auch nicht sein: So wie ich dich versteht dich kein Mensch. Weißt du, ich bin gar nichts. Ich kann nichts; – ich weiß nichts – man hat mich nichts gelehrt. Aber deine Kunst wohnt seit jenem Tag in mir. Sie ist mein Bestes, mein Einziges, das Gute in mir. Weißt du, ich sehe die Welt, wie du sie siehst.

Ich thue alles mit dir.

Und deshalb liebe ich dich auch so sehr,« sagte sie einfach.

Er hatte da ein wunderbares Abenteuer.

Wie sie sich selbst betrog! Liebte seine Kunst! Er lächelte, nahm ihr Köpfchen und strich mit der Hand über das lockige Haar.

»So ein krauses Köpfchen.«

Sie sah ihn ernst an. »Was ich dir sage, ist was ich weiß.«

Ihre Augen hatten etwas unergründlich, leidenschaftlich Ernstes.

Da kam ihm ein Gedanke. »Isolde,« – sagte er und wieder goß dieser Name seinen Zauber über ihn. »Sag mir, willst du mir etwas zu Liebe thun?«

»Ja,« sagte sie.

Er blickte sie forschend an. »Du standest vorhin so an dem Baum, die Hände über dem Kopf und sangst. Willst du mir so ein einziges Mal stehen, daß ich dich zeichnen kann?«

»Ja,« sagte sie. »Sogleich wenn du willst.«

Sie war ganz bereit.

Da schloß er sie wieder in die Arme, fest, innig, ganz gerührt. – Und er flüsterte ihr ein paar Worte ins Ohr.

Sie lag einen Augenblick darauf matt, wie verwundet, schwer in seinem Arm.

Es war ihm, als sei sie nicht bei Bewußtsein.

»Isolde,« flüsterte er.

Sie hob sich, sah ihn ruhig ernst an und sagte: »Ja wenn ich dir wahrhaftig damit helfen kann.«

Jetzt reichte sie ihm die Hand. Sie sagte nichts; aber er fühlte, er sollte jetzt gehen.

Es war etwas Ermattetes in ihr. Er war besorgt, sie könnte sich nicht auf den Füßen halten, aber sie stand ruhig und bleich und sah ihn an.

»Du kommst also zu mir, Isolde, in der ersten Stunde, in der es uns möglich ist.«

Ihre Augen sagten es ihm zu. Sonst war sie ganz unbeweglich.

Er ging, und zwar in wunderlicher Erregung; machte einen weiten Gang um ruhig zu werden.

Hier hieß es, Vernunft beieinander halten. Das war ja eine ganz gefährliche Geschichte, die in den Rahmen seiner gewohnten Liebesabenteuer nicht passen wollte.

›Sie wird doch nicht!‹ dachte er erschreckt, als er sich das erste Wiederbegegnen mit Isolde in der Gesellschaft ausmalte. ›Sie wird in ihrer Naivität sich doch nicht als Braut betrachten! So eine höhere Tochter in ihrer Weltfremdheit weiß nichts als Verlobung und Heirat und Heirat und Verlobung. Wie ihr das beibringen!«

Zuerst meinte er, er wollte sich an diesem Abend zurückziehen, um sie nicht in Versuchung zu führen, ihn und sich zu kompromittieren. Dann verwarf er diesen Plan. Es war besser sie im Auge zu behalten. Und so geschah es.

Er behielt sie im Auge und sah an diesem Abend ein stilles, rührend schönes Kind, das in seinem duftigen Kleid einer großen, weißen, träumerischen Blume glich.

Er sah, wie sich Arthur Wendland um sie bemühte – und wie sie nichts bemerkte, nichts sah und verstand, was um sie hervorging.

Schon bei seinem: »Guten Abend, Fräulein Isolde,« war er fürs erste wenigstens über ihr Betragen beruhigt.

An diesem Abend wurde verabredet, daß alle miteinander Frau Lu am nächsten Morgen nach Hause begleiten und erst am Abend zurückkehren sollten.

Als Henry Mengersen zu später Stunde seine ausführliche und sorgsame Nachttoilette machte, mochte seine Phantasie genug Beschäftigung haben.

Ob er wohl eine Ahnung davon hatte, welch süßes, reines, ganz entflammtes Herz heut an seiner Brust geschlagen?



5.

Der Morgen, an dem Frau Lu nach Hause begleitet werden sollte, war unsäglich taufrisch und wollte ein Sommertag von Gottes Gnade werden.

Blaue, weite Schatten, breite Lichtflächen, kühle Nebel, über dem Wasser schimmerndes Aufleuchten.

Die stille Frau Lu mit dem ernsten Kinder­gesicht, den schönen Augen, dem kleinen Kopf und der vollen, schlanken Gestalt, schien allen in diesen Tagen nicht viel näher getreten zu sein.

Und doch empfanden sie die Anwesenheit dieser Frau, wie man etwa eine blühende Reseda im Zimmer empfindet.

Bei einer Gelegenheit sagte Mrs. Wendland zu ihr:

»Eine berühmte Frau und ist wie nicht da! Wenn du dich nicht selbst in Szene setzt, – Lu, wer wird dich in Szene setzen?«

Mrs. Wendland wurde oft ungeduldig über sie.

»Man darf sie nicht aus ihrem Haus nehmen, sie ist wie ein Fisch. Sie schwimmt nur in der Liebe von ihre Leute.«

Doktor Frey dagegen hob gerade das zurückhaltende, sich selbst verschweigende Wesen seiner Kollegin lobend hervor.

»Sie ist wenigstens nicht aufdringlich,« sagte er. »Mir sind schriftstellernde Frauen wie jedem zuwider; aber sie behelligt einen Gottlob nicht, und ihre Leistungen – ausnahmsweise alle Achtung!«

Mrs. Wendland äußerte sich ein andres Mal wieder über ihre Freundin: »Sie ist eine Nachtigall. Im Dunkeln schlägt eine wehe selige Stimme, so wie das Herz der Nacht. Und man lauscht, und wer versteht, legt die Hände auf seine Brust und sagt: O du großes Leid! Alle tragen dich und wissen nicht – leiden und verstehen nicht, wie sehr sie leiden – und dieser unscheinbare Vogel weiß.

Zwischen einem Mann und seinem Leid steht seine nützliche Kraft; die läßt es nicht so nah zu ihm.

Zwischen einer Frau und dem Leid steht nichts.

Eine arme nackte Frauenseele wird nie so erstaunt fragen wie ein Mann: Wie ist das Böse in die Welt gekommen? Sie sieht und fühlt die Welt ganz anders.«

Mrs. Wendland hatte Lu Geber vor einem Jahre aufgesucht, nachdem sie ihr mit ein paar liebenswürdigen Zeilen gesagt hatte, wie sehr sie von ihr verstanden würde.

Und Mrs. Wendland hatte es nicht bereut, ihrem Impuls nachgegeben zu haben. Sie hatte in Lu und deren Mann Freunde gewonnen und zwar so eigenartige Freunde, wie es ihr Trieb nach Eigenartigem nur wünschen konnte. Beide waren Menschen, über die man sehr viel redete und die viel mißverstanden wurden. Nachdem mit großen Schwierigkeiten Helwig Gebers erste Ehe getrennt worden war, hatte er die junge Schriftstellerin geheiratet, die er schon kannte, als sie fast noch Kind war.

In seinem Hause war sie jahrelang ein- und ausgegangen. Er hatte das begabte, junge, wildaufgewachsene Ding arbeiten und denken, ungenutzte Kräfte brauchen gelehrt und hatte Verehrung und Unterwürfigkeit von dem ungezügelten Charakter des Mädchens dafür eingetauscht, hatte einen Kameraden in ihr gefunden, der wie ein treuer Hund zu ihm stand, immer bereit, ihn zu verteidigen, das Leben für ihn zu lassen. Sie hatte einen Gott in ihm gefunden, von dem sie alles hoffte, an den sie glaubte, zu dem sie heranwuchs. Sie wollte ihm ebenbürtig werden.

Ihre ganze Jugend war eine große Herzens erregung gewesen. Jahrelang hatte es gewährt, bis sie wußte, daß sie ihn liebte.

Und wie ein Todesurteil war dies Bewußtsein über sie gekommen. Sie waren einander unentbehrlich geworden – und mußten sich trennen – und wollten sich trennen.

Da, – wie ein Wunder trat ein fremder Wille dazwischen.

Sie war es, die eigne Frau, die in Trennung und Auflösung hinein das Wort vom Einanderangehören sprach.

Sie hatte dem Manne schon in den ersten Jahren ihrer Ehe Scheidung angetragen und jetzt bot sie ihm wieder ruhig Scheidung an – und Verbindung mit der, die er liebte.

Eine Wundermähr in all die Todestraurigkeit hinein.

Zwei, die sich aufgaben, stehen schon bereit, den Tod im Herzen – und eine Stimme kommt und spricht: »Bleibt beieinander. – Ihr – ihr dürft es und ihr könnt es. Ich wirke das Wunder.« Sie glaubten nicht, konnten nicht glauben.

Wozu die Qual des Aufschubs?

Und die Stimme kam wieder, ruhig, eindringlich, überzeugend, bis sie glaubten – und mit einer großen Lebenswonne glaubten.

– Alles, was niedergehalten war, erwachte – alle Sinne thaten die Augen auf.

Die Liebe, die wie ein unaussprechliches Geheimnis geschwiegen hatte, jauchzte in beider Herzen – und die Dankbarkeit der Freigelassenen, der Sklaven die Herren wurden.

Und die Stimme kam wieder und wieder, fe­stigte den Glauben, die Liebe und die Hoffnung.

Und es verging eine gute Zeit.

Die Stimme versprach und hielt die Hoffnung am Leben.

Aber die gottgesandte Stimme hatte etwas so Spielerisches, Gedankenloses bekommen.

Ja – ja – und: Ja – ja – ja – und, dabei blieb es.

Es geschah nichts.

Dann kam eine Zeit, da wurde die Stimme spöttisch, so von oben herab, spielte wie ein Raubtier mit seinem Opfer – und gellte von hartem Spott.

Ein Lachen kam in die Summe, in der Machtbewußtsein und böses Gewissen wie mit scharfen, mißgestimmten, schrillen Glöckchen klangen – eine Stimme, die aus einem heiligen Gelübde einen tollen Scherz machen wollte.

Und so riß sie Jahr und Jahre zwei unglückliche Menschen an tausend gemarterten Nerven, tanzte wie mit scharfen Füßen über mattes, müdgearbeitetes Hirn.

Dann kam eine Zeit, in der die Stimme tödlich wurde, wie eine Peitsche sausend und zischend, auf das Höchste peinigend.

Da fand sich ein Ausweg. – Unter andern Gesetzen Scheidung und Ehe.

Rettung! Rettung für alle, auch für die arme, peinigende, selbstgepeinigte Stimme.


* * *


Über die aber, die sich mit letzter Kraft gerettet hatten, fielen die Menschen her.

Der Lauf der Welt ist so. Die Massen wollen nicht Zuschauer einer Rettung sein. Sie wollen Untergang. Rettung befriedigt sie nicht; langweilt, enttäuscht und empört.

Und die Zuschauer rächen sich, fallen selbst über die Geretteten her, um, was noch am Leben blieb, ihrerseits zu zerreißen. Eine Sturmflut böser Nachrede, Verläumdung, Haß, Vernichtung ging über die Geretteten hin und warf sie krank und matt gehetzt ans Ufer.

Sie waren auch jetzt nicht untergegangen. Sie lebten. Ihre Liebe lebte.

Mächtiger als alles waren sie gewesen.

Gebrochen an Leib und Seele – – aber ohne Reue! Im tiefsten Herzen unsagbar glücklich! Jubelnd vor Wonne, daß sie beieinander geblieben waren.

Lachen konnten sie über das was die Welt »Liebe« nennt, diese kleine civilisierte Liebe! Dies Hündchen mit der Steuermarke um den Hals.

Sie hatten die löwenstarke Liebe kennen gelernt, die königliche, über die nichts auf Erden Macht hat. Die noch nie eine Kette litt! Die noch immer entkam. –

Krank, sterbenskrank lagen sie einsam, arm im Krankenhaus einer großen Stadt, dem Tode nahe.

Kein Mensch kannte sie. Niemand fragte nach ihnen. Niemand half ihnen. Und wer etwa von ihnen wußte, verachtete sie.

Sie hatte sich an sein Bett tragen lassen und er hielt ihre Hand in der seinen. – Beide totkrank.

»Was sind wir doch für glückliche Menschen!« sagte er.

Das war die feierliche Stunde der Erlösung, die Stunde des Triumphes.

Von da an gesundeten sie.

Aber ihr Leben bisher war wie ein Leben auf der Folter gewesen. Die zertretnen Herzen mußten erst wieder heilen und heilten langsam. Oft schien es, daß es nicht zur Heilung käme – aber sie heilten.

Und nun waren sie wie Menschen, die, schon einmal gestorben, wiedergekehrt sind.

Sie hatten sich immer an den Händen gehalten, und das hatte sie gerettet.

Jetzt gingen sie wieder unter den andern und es war, als ahnten diese, das etwas Königliches in beiden lebte.

Sie fanden Freunde und man kam ihnen entgegen.

Und nun endlich, nach Jahren, lebten sie in einem kleinen Haus für sich, das in einem wunderschönen Garten stand.

Viele lebten auch wie sie und schöner und reicher. Aber die beiden kamen doch aus einer andern Welt, ihre Liebe war eine andre Liebe, ihr Verstehen ein andres Verstehen.

Sie waren die Wiedergekehrten und sie hatten aus dem Jenseits etwas mit herübergebracht.

Sie waren die schon einmal Gestorbenen.

Und zu diesem ganz in Laub vergrabenen Heim begleitete Mrs. Wendland mit ihren Gä­sten, Frau Lu.

Eine köstliche Fahrt über den See. Dann eine Wanderung, ein wundervoll sommerlicher Gang durch stille Buchenwälder.

In einem kleinen Nest wurde von Mrs. Wendlands Diener serviert, genau so erhaben und feierlich in dem Bauernwirtsgarten wie daheim.

Es machte den Eindruck als ignorierte der ausgezeichnete Mann einfach den Wechsel der Umgebung. Unnahbar für alles, nur für die Würde des Hauses nicht, manöverierte er mit der ländlichen Suppenschüssel auf eine großartige Weise.

Von da fuhren sie am Nachmittag mit der Bahn bis zu einem Vorort Münchens, mitten im Wald gelegen, am steilen Ufer der Isar.

Das ferne München lag in einer leuchtenden Dunstwolke. Und dieser Dunstwolke zu rauscht die Isar, einen lebendigen, starken Gebirgshauch mit sich führend.

So nah einer Großstadt war kein frischeres, ursprünglicheres Fleckchen Land zu finden, um ein stilles, in die Natur eingewachsenes Heim zu gründen.

Nur wenige, durch bequeme Wege abgeteilte Waldparzellen, hatten ihre Eigentümer schon gefunden. Hie und da lugte aus dichtem Buchengrün ein rotes Dach.

Henry Mengersen kannte die Gegend noch nicht und war von der Eigenartigkeit der Landschaft ganz überrascht.

»Jetzt werden wir dem guten Philosophen über den Hals kommen,« sagte Mrs. Wendland. »Ist ihm sehr recht, er lebt zu bequem.«

»Nein – nein, er weiß schon,« sagte Frau Lu.

»Natürlich diese beide sind immer unter ein ander einverstanden. Wir wollten ihn doch überraschen.«

Mitten auf dem breiten Waldweg kam ein winziges, drei Spann hohes Bürschchen in einem roten, faltigen Kittel gewackelt.

»Brüderchen!« rief Frau Lu.

Da waren sie beieinander.

In Frau Lus Kleid wühlte sich der runde, blonde Kopf des festen Bürschchens ein.

Hinter ihm drein kam ein nettes, freundliches Dienstmädchen gelaufen. Das Bürschchen war ihr offenbar entwischt. Es zappelte und wühlte mit dem Köpfchen und hing an seiner glücklichen Mutter.

»Brüderchen!« in ihrer Stimme klang eine so unmittelbare Seligkeit, so etwas urkräftig Warmes, – Frohes.

»Wie gehts dem Herrn?« fragte sie das Mädchen.

»Ganz wohl, gnädige Frau haben schon Besuch bekommen. Es sind mehrere Herrschaften da.«

»Natürlich,« sagte Mrs. Wendland, »man kann nie zu euch kommen, ohne so und so viele Zeugen.

Da wird wohl die Oriflamme sein mit ihrer Governeß?

Ist die Komtesse gekommen?«

»Ja, und das andere Fräulein ist auch dabei.«

»Dann ist der biologische Mensch auch nicht weit.« Mrs. Wendland war ärgerlich.

»Ist Herr Meyer auch gekommen?« fragte Frau Lu lachend.

»Ja, auch,« das Mädchen lächelte bescheiden, wie es sich ein bessrer Dienstbote erlauben darf.

»Dann,« sagte Mrs. Wendland, »sind auch die Adepten da!«

Ja, die Adepten waren auch da: ein Professor mit Frau und Kindern, eben die Adepten.

»Lu,« sagte Mrs. Wendland, »ihr solltet nicht mit allen diesen Leuten verkehren! Ich habe immer gesagt, ihr solltet nicht.«

Mrs. Wendland ging mit Isolde und Frau Lu, die ihr Bübchen trug, voraus.

»Das sind Leute, die es nicht zu euch wohl meinen können. Dein guter Mann sagt ihnen alles Beste und Höchste, was er weiß. Sie verstehen nicht – und dann kommen die Geschichten.«

»Die Adepten sind ganz harmlose Leute,« meinte Frau Lu. »Ja, aber was thut das, ich weiß, es ist nicht gut.«

»Ich sage dir, die Oriflamme wird so lang mit deinem guten Mann kokettieren, bis sie finden wird, daß sie sich kompromittiert hat, dann werden die beiden Vestalinen, die Flamme und die Governeß, Lärm schlagen. Du und dein Mann seid viel zu harmlos für solche Menschen.

So eine Jungfrau ist jeden Augenblick bei ihr ›j'y pense‹. Spricht er von ein Stuhlbein sie versteht von ihr Bein und ist empört –

O, diese älteren Jungfrauen mit ihr ›j'y pense‹

Jetzt traten sie durch eine grüne Gartenthür mit grünüberwachsenem Bogen.

Frau Lu begrüßte hier als Wirtin ihre Begleiter, Doktor Frey, Henry Mengersen, auch Isolde, die während des ganzen Wegs sehr stille war und gern zurückgeblieben wäre, wenn sie es hätte möglich machen können.

Sie war den ganzen Weg nicht von Mrs. Wendlands Seite gegangen.

»Wie schön!« sagte Isolde. »Wie ent­zückend!«

Es war das erste Mal, daß sie heute lebendig wurde.

Frau Lus Garten war wohl eigenartig genug. Ein Stück Wald, kräftige kleine Tannen und hin und wieder ein schöner hoher Baum. Der Waldboden: Heide, die sich schon zum Blühen anschickte. Und mitten in diesem Heideboden Rosenstöcke, Levkojen, Feuerlilien. Neben einer kleinen dichten runden Tanne ein blühender Mohnbusch, von dem großblumigen, mächtigen.

Um die hohen Tannenstämme schlangen sich Clematis mit tausend kleinen und großen violetten Blüten, Kresse, Reseda, Verbenen – es war ein entzückendes Durcheinander und wahre, wirkliche Waldluft, harzig und würzig.

Aus der Thür des dunkeln, norwegischen Blockhauses tritt ein schlanker Mann im blauen Anzug. Etwas Ruhig-Gutes liegt in seiner Haltung und seinem Blick.

Frau Lu eilt auf ihn zu. Sie hält noch immer das Bübchen im Arm.

Er giebt ihr die Hand und sieht sie an und klopft dem Bübchen auf die Wange.

Sie haben kein Wort miteinander geredet – aber sie haben sich wieder. Sie sind beruhigt. – Es ist nun gut. – Sie ist wieder da. Das liegt in seinen Augen, noch als er die Fremden begrüßt.

Und sie, sie ist eine ganz andere Person ge worden. Die Augen strahlen. Es ist etwas Leichtes, Heimisches in ihre Bewegungen gekommen. Sie sieht viel jünger aus. Es ist als wenn sie einen tiefen Atemzug gethan hätte. Da ist sie wieder in der Atmosphäre, in der es sich so tief, so rein atmen läßt.

». . . Ich habe alles zum Thee mitgebracht, du brauchst dich gar nicht zu bemühen, Lu,« sagt Mrs. Wendland und giebt dem Diener einen Wink; der schließt sich dem Mädchen an.

»Ja,« sagt Frau Lu, »wie lieb von dir.«


* * *


Unter einer großen Buche im Garten wurde der Thee serviert. Der Dichter, Reichstags­abgeordnete und Prophet Frey und Henry Mengersen kommen hier mit einer Reihe Leuten zusammen, die ihnen in ihrem Wesen und ihren Zielen vollkommen fremd waren.

Mit Helwig Geber war für sie ein Verständnis möglich, trotzdem er im Gespräch weder auf Kunst noch Politik besonders einging. Er lebte in einer Welt, die andre kaum streiften. Philosoph so durch und durch, so ganz und gar, daß es ihm schwer fiel, von etwas anderem zu reden.

Fand sich ein Mensch, von dem auch nur ein Funken Verständnis zu erhoffen war, so gab er sich dem offenherzig hin, war unermüdlich darin, zu überzeugen und grundehrlich wie ein Kind.

»Sehen Sie, wie wunderbar das ist,« sagte er dann und wollte, der andre sollte auch empfinden, was er empfand.

Er arbeitete an einem Werk, für das gewissermaßen dies kleine Haus, in dem die beiden lebten, der Tempel war.

Das Werk ihres Mannes, war Frau Lus Lebenshoffnung, auch ihre Lebensfreude, wie es die seine wohl sein mochte.

An Erfolg dachten sie beide nicht; aber es sollte sich etwas gestalten, etwas Neues, Einfaches, Großes, und mochten noch Jahre hingehen, mit forschen, vergleichen, prüfen.

Das Werk wuchs. Kamen wieder und immer wieder lange Krankheitszeiten, so mußten sie ertragen werden, bis er endlich wieder mit Hoffnung an die Arbeit gehen konnte.

Frau Lu wäre es lieber gewesen, er hätte nie mit einem Menschen über das gesprochen, was ihn unablässig beschäftigte; trotzdem er Anhänger gefunden hatte, prächtige Menschen, fand sich auch viel sonderbares Volk, dessen Neugierde durch die Eigenartigkeit des sich geistig hingebenden, schönen Mannes, erregt wurde, die, Verständnis heuchelnd, eine Weile sich zu ihm hielten um dann, als sie alles gründlich mißverstanden und mißdeutet hatten, abzufallen mit Geschrei und Klatsch.

Das Paar hatte schon manches derartiges erlebt.

Frau Lu war es müde, diese Leute bei sich zu empfangen, von denen sie nichts hoffte und hinter denen sie auch nichts suchte.

Die Komtesse kam abends hin und wieder allein, ohne ihre Begleiterin, dann löste ein Zufall ihr das mächtige Haar, sie hörte knieend zu, was ihr philosophischer Freund sprach, grub seinen Namen mit einem feinen Messerchen in die Tische ein, that unbeschreiblich hilfreich, war hingebend, fast demütig.

Sie hatte etwas so vestalisch, keusch Kokettes. Eine ganz eigentümliche Mischung.

Jetzt, als sie alle um den großen Theetisch unter der Buche saßen, hörte sie überhaupt schmelzend, schmachtend auf alles, was gesprochen wurde.

Der Professor mit Frau und Kindern waren auch insgesamt komische Käuze. Sie sprachen mit Vorliebe über das, was man essen sollte, um seine geistigen Fähigkeiten zu entwickeln. Sie waren beide Theosophen und machten sich mit tausend Dingen das Leben sauer.

Frau Professor hatte heute zum Beispiel ganz auffallend zerstochene und geschwollene Hände, weil sie die Mücken nicht hatte verscheuchen wollen in dem Gedanken, keinem lebenden Wesen zu schaden.

Sie war eine liebliche, bleiche, dunkelhaarige Frau. In ihren Augen lag viel Ernst und Aufrichtigkeit.

Sie hatten jetzt gerade eine Zeit, in der sie nur Früchte aßen und lobten diese Art sich zu ernähren ganz außerordentlich. Der Frau jedoch schien sie miserabel zu bekommen. Die größte Marter aber, die sie sich auferlegt hatten, das waren ihre beiden Buben, in denen sie mit klarer, sicherer Voraussicht schon jetzt künftige Adepten ahnten.

Aus welchem Grund das Ehepaar annahm, daß diese zwei allerliebsten, dicken Bürschchen, die augenblicklich in einem abgelegenen Teil des Gartens, unter Aufsicht des netten Dienstmädchens dem »Brüderchen« Gesellschaft leisteten, so außerordentliche Fähigkeiten in sich verschlossen hielten, ist nie bekannt geworden.

Sie hatten eben einfach innerlich geschaut, daß diese beiden Knaben wiedergeboren waren als Adepten, daß sie schon keimende Adepten seien.

Auch in »Brüderchen« ahnten sie so etwas und redeten jetzt wieder Frau Lu zu: das wunderbar schauende Kind, »weihevoller« zu erziehen. Das heißt, es schon jetzt als vollgiltigen Menschen zu behandeln.

Sie selbst thaten das bei ihren Rangen und wären entsetzt gewesen, hätten sie gesehen, daß das nette Dienstmädchen beiden ein paar Tüchtige auswischte, als sie die Adepten dabei ertappte und wie sie darauf bestanden, dem Brüderchen Erde in sein kleines Maul zu stopfen.

Die Eltern hörten aus der Entfernung das Geschrei mit Beunruhigung. Die Frau stand auf, um nachzusehen, was Atman und Mitra, so heißen beide, betroffen haben mochte.

Sie kamen tief erregt wie von einer Heiligtumsschändung zurück und sprachen einige ernste Worte mit Frau Lu, die ihrerseits meinte, ein paar wohlgemeinte Klapse schadeten selbst Adepten nichts.

Die Eltern von Atman und Mitra waren nicht angenehm berührt.

»Na, hören Sie mal,« sagte Doktor Frey, Ihre Bamsen thun sich aber leicht!«

Mrs. Wendlands Diener ging ab und zu mit Thee und köstlichen englischen Kuchen. Es war, seinem Betragen nach, anzunehmen, daß er wiederum nicht wußte, wo er sich befand. Der Wechsel der Umgebung hatte für ihn nicht das geringste zu bedeuten. Er blieb überall der, der er war.

Den Adepten kam jetzt in den Sinn, sich an Frau Lus schönsten Clematis zu vergreifen.

Frau Lu sprang auf um zu retten was zu retten war.

»Lassen Sie! lassen Sie!« bat die zarte Frau, die Mutter der Adepten mit dem tiefen, treuherzigen Blick, »erschrecken Sie sie nicht.«

»Ja, um Himmels Willen!« Frau Lu schaute ganz entsetzt und ratlos.

»Wir sagen den Kindern alles zu einer bestimmten Stunde, meine Frau notiert sich ihre Versehen,« begann der Professor, »und dann teilen wir Atman und Mitra unser Urteil vollkommen leidenschaftslos mit, oder wir setzen uns in Rapport mit ihnen, wenn sie schlafen.«

»Na, dann vergessen Sie's nur auch mit den Clematis nicht und versuchen Sie mal jetzt, zu einer Ausnahmsstunde, es ihnen begreiflich zu machen, daß sie die Blumen in Ruh lassen sollen.«

Frau Lu war etwas ungeduldig; aber doch sehr belustigt.

»Ja, das werde ich,« sagte der Professor ruhig.

»Lassen Sie mich, liebster Herr Professor,« bat die Komtesse flehend, »ich bitte Sie.«

»Nun, versuchen Sie's, Komtesse. Ruhig sich konzentrieren. Sie müssen sich ein »Blank« schaffen, eine absolut stille Flache in der Seele. Sie wissen ja.«

Die Komtesse saß schon und konzentrierte sich.

»Lassen wir jetzt unsere liebe Freundin,« sagte der Professor.

Die Komtesse versank buchstäblich in sich selbst, erhob sich dann in ihrer ganzen imposanten Länge, schritt mit starren Augen auf die Adepten zu, die sich um die abgerissenen Blüten und Ranken rauften, und wollte sie stumm beeinflussen.

Sie stand mit dem geradesten aristokratischen Rückgrat vor Atman und Mitra, die Augen unbeweglich, einen ungeheueren Frieden auf dem Gesicht. Das erschreckte aber die Adepten; sie starrten ihrerseits auf die merkwürdige Erscheinung und Atman fing zu heulen an.

Da machte sich ungeheißen noch eine Gestalt auf, Herr Meyer, der »biologische Mensch«, wie er hier genannt wurde, und ging eben so konzentriert, mit einem ebenso ungeheueren Frieden auf dem Gesicht auf die Adepten zu, um sie mit zu beeinflussen, und um seiner verehrten Freundin und Schwester im Geiste beizustehn.

Das begab sich alles gewissermaßen ganz unauffällig, hatte auch ganz wenig Erfolg.

Herr Meyer, die Komtesse und das Professorenpaar übten sich immer in solchen Dingen. Sie waren ihnen ganz alltäglich.

Sie sprachen untereinander von schwarzer und weißer Magie, wie andre Leute von Konzert und Gott weiß von was und waren sich absolut nicht mehr bewußt, daß ihre Gespräche doch nicht ganz unauffällig waren. Sie dilettierten in allen möglichen occulten Dingen und befanden sich sehr wohl dabei.

Jetzt wollten sie ein vegetarisches Speisehaus ins Leben rufen und warben auf das eifrigste bei Mrs. Wendland dafür, die ihrerseits sehr kühl war und sagte: »Weshalb? Man kocht Gemüse sehr schlecht in Deutschland, weshalb wollen Sie die armen Leute krank machen?«

Die Komtesse hatte sich seit geraumer Zeit damit beschäftigt, ein Armband aus Grashalmen zu flechten, jetzt bat sie um Gebers Hand und streifte es ihm über. Sie sagte gar nichts dabei, that es gewissermaßen mystisch, vestalisch, spielerisch und hielt seine Hand merkwürdig lang in der ihrigen.

»Was für eine eigentümliche Hand; ich muß ihre Linien einmal prüfen.«

Er entzog ihr die Hand und führte das Armband im Scherz an seine Lippen.

»Unverschämt,« dachte die Governeß. »Natürlich, jede Gelegenheit nimmt so ein Mann, so ein ›brute‹ wahr.« Alle Männer erschienen ihr gleichmäßig sehr verdächtig. Das Weib hielt sie für unsäglich rein. Aber jetzt hatte sie ihn einmal wieder, diesen Philosophen: Auf den harmlosen Scherz der Komtesse diese Plumpheit! Seinen Blick hatte sie dabei sehr wohl verstanden, – o, sie durchschaute!


* * *


Die Theosophen verabschiedeten sich heute früher als sonst. Sie wollten etwas miteinander bei der Komtesse lesen.

Frau Lu fiel ein Stein vom Herzen, als sie gingen. Sie sagte auch etwas derartiges.

Ihr Mann verwies es ihr leicht.

»Es nimmt sich alles Menschliche sonderbar und lächerlich aus, wenn man nicht selbst darin steckt. Das, was die wollen, ist besser als alles andre.«

»Sie wollen ja gar nichts,« sagte Frau Lu, »sie spielen.«

»Mögen sie spielen, wenn es sie freut, die kleine Frau hat sich doch ihre Pfoten zerstechen lassen. Sie hat wirklich versucht, wie es thut, das »Sichselbstaufgeben«, das »Tat, vam asi« der alten Inder, das »das bist du«! Der kleine Zug ist rührend in unserer Welt, dies gut sein wollen.«

Mrs. Wendland reichte ihrem Freund über den Tisch hinüber die Hand. »Danke Ihnen,« sagte sie, »Sie haben recht.«

In diesem blumenreichen Garten, in dem sich Reseda-, Rosen-, Verbenenduft mit abendlichem Waldesodem mischten, war eine ganz eigentümliche Stimmung über die Gäste gekommen. Frau Lus guter Philosoph hatte diese Stimmung gebracht.

Sie sprachen über Dinge, über die moderne Menschen selten nachdenken, und hörten auf einen Mann, der anders dachte als andere, tiefer, einfacher und sich nicht scheute, seine Gedanken auszusprechen. Ja, er hatte den Mut, sich zu geben wie er war.

Henry Mengersen ließ diesen Abend auf sich wirken. Er war zu sehr Künstler, als daß er den Eindruck einer in sich ausgeglichenen Persönlichkeit nicht empfunden hätte, trotzdem er, seiner Natur nach, weder Frau Lu, noch deren Mann je näher treten konnte.

Er sah auf Isolde. Isolde hörte mit großen Augen zu. Sie war bleich. In der Abenddämmerung hatte die weiße, zarte Gestalt, etwas so Unbestimmtes, Weiches.

Henry Mengersen empfand etwas Scheues, Schuldbewußtes in ihr.

Und wie er so auf sie blickte, zieht ein leichtes Lächeln um seine Lippen, ein verächtliches Lächeln.

Ihm ist's, als fühlte und sähe er die Gedanken unter der jungen Stirn; ihm ist's, als fühlte er die erregten, verlangenden Blutwellen in ihren Gliedern.

Sie muß wie im Fieber sein! Ihre Nerven müssen zittern und beben – ein Schauer nach dem andern muß sie durchfahren.

Er hat als Künstler und Mensch über das Problem »Weib« nachgesonnen, als Künstler hat er es auf seine Weise gelöst.

Er ist müde und gelangweilt vom Weib.

›Entsetzlich,‹ denkt Henry Mengersen und sieht wieder auf Isolde, ›das Weibliche in der Natur! Dies blinde, Sich-ins-Elend-stürzen­wollen, dies Gedankenlose, Nie-die-Folgen-überschauende. Egoistisch wie der Mann, aber so unsäglich dumpf, unbewußt, so instinktiv, so elementar.

Wie unangenehm großgezogen ist es in ihnen dies langweilige, aufdringliche Sich-opfern-wollen, die Bestimmung erfüllen wollen.

Wie sie sich hindrängen, wie eine dumpfe Herde – ekelhaft!

Das Weib hat die Natur überboten, sich selbst unterboten. Die Natur hat es dem Unsteten, dem Dulden näher gestellt als den Mann – und es hat seinen Vorteil darin gefunden! Es ist sich selbst zur Ware geworden. Das was es leiden muß, ist ihm vorteilhaft. Es schachert mit seinem Leiden! Widerlich!

Ein Tier, das gejagt wurde wie das Weib gejagt wird, dem wüchse irgend etwas, ein Horn, ein Giftzahn – dem Weib wuchs nichts. Es wurde zahm und zahmer, widerlich zahm, das Haustier im vollsten Sinne!

Wäre Fräulein Isolde Ladenmädel, würde ich sie zu meiner Geliebten machen. Weshalb nicht? – und sie davonjagen, wenn sie mir unbequem würde – vielleicht zu kunstsinnig – kunstsinnige Weiber! – gräßlich! –

Wie selten hat ein Künstler die Freude am schönen Weib.

Hier wär sie, die Freude.

Schade!‹

Henry Mengersen blies gedankenvoll die blauen Wölkchen seiner Cigarrette von sich.

Isolde hatte des geliebten Mannes Blicke wohl empfunden.

Ja, er hatte recht. Sie erschauerte, im Gefühl ihm anzugehören. Sie war ganz in sich verstummt.

Das große Geheimnis des Weibes, wie sie es damals verstanden hatte, als sie zum ersten Mal seine Kunst ganz in sich aufnahm, lag über ihr.

Ja, das ist das Größte auf Erden, ein Weib sein – sich opfern.

Henry Mengersen hatte ganz recht mit dem, was er vom Weib dachte.

Das aber wußte er nicht, daß unter den Frauen auch freie Geschöpfe leben, freier als je ein Mann frei ist, mächtige Seelen, Seelen, die dem großen Zug der Natur, die in ihre Geschöpfe nur den Trieb zum Fressen legt, entgegenstehen, die der Natur zum Trotz sind, wie sie sind, lieben, wie sie lieben – und sich grenzenlos opfern, als stammten sie aus einer Welt mit anderen Gesetzen.



6.

Ein uraltes Märchen giebt es:

Eine reine Jungfrau wollte sich für ihren Herrn opfern, auf daß er von der Miselsucht genesen sollte.

Lebend wollte sie sich für ihn das Herz aus der Brust schneiden lassen.

Und als er durch die Thürspalte blickte, da ersah er sie bloß, wie sie zur Welt geboren war, nackt in ihrer großen Schönheit, wie sie geduldig dem Arzt die Brust bot, damit er schneiden sollte und ihren Herrn retten.

Da erbarmte sich seine Seele.


* * *


In dem stillen, hohen Raum stand sie, wie die im uralten Märchen, die ihren Herrn retten und sich für ihn das Herz lebend aus der Brust schneiden lassen wollte, da stand sie nackt, wie sie zur Welt geboren war, in ihrer großen Schönheit.

Sie hatte ihrem Herrn versprochen, ihm einen Wunsch zu erfüllen.

Henry Mengersen saß ganz versunken und entrückt über seiner Zeichnung.

Große Stille im Raum.

Draußen Juliwärme, Julisonne, ungeheure Laubmassen, schneeweißleuchtende, ziehende Wolken auf tiefblauer Wolkenbahn.

Sommerliches Treiben, Sommerlaute, Sommerdüfte, Sommerblumen, der Glanz von einem weiten, ruhigen Wasserspiegel – heiliger, warmer Sommerzauber.

Drinnen, in dem stillen Raum, der ganz in seine Arbeit versunkene Mann, arbeitend wie an einer Offenbarung.  

Etwas Ersehntes, etwas Notwendiges war es, was ihm da geschah.

Keine Minute, keine Sekunde verlieren!

Wie eine hellleuchtende Blume steht sie regungslos und totenbleich.

Er hat hin und wieder auf den Lippen zu sagen: sie soll ruhen.

Er will sie aus ihrer Stellung erlösen – aber er wagt es nicht.

Was denn? – Was kann die nächste Minute bringen?

War er seiner sicher?

War er ihrer sicher?

Er arbeitet ohne Zeitmaß – heftig, widerstandslos.

Ungespaltenen Willen für seine Arbeit!

Die wundervollen Formen ohne Nebeneindrücke!

Er stellt sich kühl vor, daß sie ein bezahltes Modell sei – und es gelingt ihm.

Jetzt erst kann er ganz in sich selbst versinken.

Wie einfach ist alles zugegangen!

Ihr leises Kommen, – ein so rührendes Anschmiegen.

Er hat sie auf die Stirn geküßt.

Vorsichtig war er gewesen vom ersten Augenblick an.

Dann hat sie still und ernst die Kleider abgelegt.

Ja, und da war ihm das aus dem Märchen vom armen Heinrich gekommen.

Märchenhaft, weltfremd, jede Bewegung von ihr wie tief träumend und der große reine Ernst wie bei einem heiligen Opfer.

Wundervolle Rosen standen in einem weiten Korbe, die hatte er vor ihr ausschütten wollen.

Er wagte es aber nicht.

Den Kopf nicht verlieren!

Von vollendeter, junger Schönheit war ihr Körper. Ein Geschenk, eine herrliche Erfahrung.

›Dem Schöpfer Dank, daß das Mädchen so leichtsinnig war, daß sie ihrer großen Schönheit froh werden wollte, und daß sie ihn gewinnen wollte – alles beiseite werfend.

Unerhört raffiniert ist ein kluges Weib, das auf Beute ausgeht.

Diese rührende Gestalt, dieser Ausdruck des völlig bleichen Gesichts!‹

Als Künstler nahm er das Eigentümliche ihres Wesens bereitwillig auf, als Mensch fühlte er sich davon fast abgestoßen. Er sah als Mensch tiefer.

Er empfand das Märchenhafte.

Aber welchen Wert hatte das?

Kann ein Weib, das so rücksichtslos wirbt und auf sein Ziel losgeht, wahr sein?

Wie steht das in Einklang mit solcher Reinheit der Bewegung, solcher Unantastbarkeit? . . .

Lächerlich!

Nicht verblüffen lassen!

Du kluges, schlaues Weibchen.

Er blickte über alles Äußere hinweg, in die eitle, beutegierige Weibesseele hinein.


* * *


Im alten Märchen heißt es:

»Da erbarmte sich seine Seele.«

Henry Mengersen war ein kluger Mensch. Was die Natur etwa versäumt hatte in seinem Charakter praktisch einzurichten, dem hatte er nachgeholfen.

Sein Empfinden als Mensch ist vortrefflich geschieden von seinem Künstlerempfinden. Seine große Kühle und Vorsicht ist ganz etwas für sich. Als Künstler kann er leidenschaftlich, warm, groß sein. Er ist sich dessen auch vollkommen bewußt. Er hat sehr viel über sich selbst nachgedacht, beurteilt und behandelt sich gewissermaßen wie ein Kunstwerk.

Er hat sich zur Kunst trainiert, wie andere es zu irgend einem Sport thun, genau so kühl und berechnend. Er will sich seine Kunst intakt halten, seine Person, seine Toilette. Alle diese Dinge behandelt er auf das Sorgfältigste. –

Und was im geringsten auf eins dieser Dinge störend einwirkt, den belehrt er.

Er hat gefunden, daß die kühle Belehrung eine ganz außerordentliche Waffe sei – eine verblüffende Waffe. – Kühl, ganz kühl belehren.

Es giebt für den andern in gewissen Momenten nichts Beschämenderes.

Ja und während der Arbeit, als er nicht wußte, wie jetzt enden, wie ein ruhiges Ausklingen des sonderbaren Abenteuers möglich sei, so daß er sich nicht den geringsten Vorwurf zu machen hätte, sonderte sich in ihm schon der Belehrungsstoff ab – wie das Gift in einem Giftzahn.

Der tödliche Biß aber erfolgte nicht.

Es war nicht nötig.

Unauffällig, still, ernst, wie sie gekommen, ging sie wieder.

Er wollte sprechen, war verwirrt, etwas verlegen, ja, er war dabei, aus Verlegenheit zärtlich zu werden.

Er sprach etwas ungeschickt von Dank. Da sah er, wie sie den Finger flehend auf ihren Mund legte und ihn dabei anblickte.

Dann sah er die Gestalt in dem weißen Kleid durch den Garten gehen, ruhig und langsam, nicht scheu und eilig.

Nicht ein Wort hatte sie bei ihm gesprochen, stumm war sie gekommen, stumm gegangen.


* * *


Als er an diesem Abend zu Mrs. Wendland kam, war Isolde nach München abgereist.


* * *


Mama hielt sich noch bei dem schwer erkrankten Bruder in Berlin auf und Isolde fand die Schwester ganz allein daheim. Der Vater hatte seinen Kegelabend.

»Wo kommst denn du her?« sagte Marie ganz erstaunt, als sie ihrer Schwester öffnete.

In dem dunkeln Korridor war es ganz beklommen.

Nach der herrlichen, weichen Seeluft drängt es sich hier wie erstickend in die Lungen.

»Ist was geschehn?« fragte Marie, »was fällt dir denn ein? Jesus, statt froh zu sein, kommt die Suse hier an! Willst du was?«

»Ich will heim,« sagte Isolde.

»Bist du triste?« fragte Marie weich.

Da schlang Isolde ihre Arme um die blonde Schwester und gab sich wie ein krankes, abgemattetes Kind.

Marie war so lieb zu ihr, goß ihr Thee auf, deckte den Tisch zum Abendessen.

Isolde ging bei allem, was Marie that, ihr nach wie ein Kind seiner Mutter.

»Ist dir doch was?« wiederholte Marie hin und wieder ihre Frage.

Zu ihrer Schwester sammtner Weichheit war Isolde von Kindheit an geflüchtet, wenn sie seelisch fror, wie in einen Sonnenstrahl hinein.

Marie war es so gewöhnt, Isoldens unruhiges, flackerndes Gemüt in ihre stille Natur aufzunehmen.

Sie machten beide nicht viel Worte, aber das Zueinanderschlüpfen der jungen Geschöpfe, die gegenseitige Wärme das war so gut.

Marie wollte ihr Bettzeug holen, um bei Isolde zu schlafen. Sie hatte ihr Lager in einem andern Zimmer aufgeschlagen, des Schädels wegen. Von seinem Postament hatte sie ihn nicht nehmen wollen und hätte auch nicht gewußt, wohin damit. Und allein mit ihm im selben Zimmer – nicht um die Welt!

»Geh, bleib nur wo du bist,« sagte Isolde, dann ging sie schlafen.

Sie legte sich mit großen Augen nieder, ließ daß Licht brennen und starrte vor sich hin.

Was für ein Weh stieg in ihrer Brust auf – so fremd, so nagend.

Sie verstand es nicht.

War das Reue?

War das entsetzlich, was sie gethan?

Es nagte – nagte – nagte.

Aber weshalb sie so fremd, so geheimnisvoll litt, verstand sie doch nicht.

Ein Erstarren ging durch ihre Glieder und durch ihre Seele – ein schreckliches, tötliches Erstarren.

War das Zweifel?

War das . . . . . .

Sie fand keine Worte, keine Gedanken – aber sie litt.

Sie fühlt, als grübe ein Messer in ihrer Brust und suchte nach ihrem Herzen.

»Du Mensch aller Menschen hast es verlangt!« und wie damals legte sie die Hände wie im Gebet zusammen und blickte auf den Schädel. »Du hast es verlangt, weil ich dein bin, weil du mein bist und weil ich dir helfen soll.«

Sie flüsterte wie in großer Schmerzensnot.

»Du wirst kommen – und du wirst mich nicht wieder verlassen!«

›Also doch ein wohlberechneter Heiratsplan sehr – sehr schlau,‹ würde der Schädel denken, hätte er das Glück, Henry Mengersens Hirn in seiner Höhle zu haben.

Eine ungeheure Sehnsucht erfüllte sie.

»Hätte er mich doch geküßt – geküßt!« ein tiefer Seufzer wie ein Schrei. Sie erzitterte durch alle Nerven. Dann ein Aufschluchzen.

»Nun weiß ich, wie ich bin! Er ist besser. Alles hat er – alles kann er. Was für ein Mensch ist er! – und auch besser als ich!«

Ein zorniges empörtes Gefühl.

Stundenlang tobte es in ihr auf und nieder. Ruhelos, friedlos – und so unsagbar weh!

Dann kam ein dumpfer Schlaf, und dumpfe, tiefe Träume.

Sie stand auf einer Bühne und sollte singen und wußte nichts von dem, was sie singen sollte und hatte nie ein Wort davon gehört.

Im Hemd stand sie vor allen Leuten, als müßte es so sein – und doch war etwas versteckt, dumpf Schmachvolles dabei – als müßte es doch wieder nicht so sein. Und Heinrich Mengersen ging an ihr vorüber in seinem weißen Flanellanzug, so unantastbar vollendet gekleidet – und lächelte nachsichtig – da wachte sie auf.

Ihr Herz schlug – und es war ihr, als hätte das Lächeln sie gebrandmarkt, ja, als hätte er in Wirklichkeit so gelächelt.

Sie hob die Hände zum Schädel auf. »Du liebst mich – ich bin dir das Liebste auf der Welt – wie du mir. Dann ist alles gut. Du hättest ja sonst auch nicht bitten können.«

Das fremde, geheimnisvolle Weh lag dennoch auf ihrer Seele und über ihrem Körper, wie etwas, was sie ersticken wollte.


* * *


Am Morgen trat Marie ein mit einem Korb voll der herrlichsten Rosen.

Das war genau so ein Korb, wie er bei ihm gestanden hatte.

»Du, das ist für dich gekommen, « sagte Marie. »Von wem wohl?«

Isolde saß auf ihrem Bettrand, bleich, mit selig gespannten Zügen. Und ihr war, als flöge ein mächtiger, grauer, weicher Vogel, der sich mit ausgebreiteten Flügeln an sie angedrängt hatte, von ihr ab. Sie konnte nicht sprechen. Sie blickte nur mit großen, weitgeöffneten Augen.

»Ein Briefel ist nicht dabei, garnichts; – ich hab schon geschaut. Der Dienstmann hat's für Fräulein ›Isolde Frey‹ gebracht. ›Isolde‹ hat er gesagt. – Für dich. – Von wem nur?«

Jetzt hatte Isolde den Korb auf dem Schoß, ihre beiden Hände lagen wie zitternd liebkosend über den Rosen. Sie saß regungslos.

»Rosen,« sagte sie langsam. »Rosen!«

»Das sind mindestens für fünfzig Mark welche,« meinte Marie, »so ein Haufen! Herr Gott, Isolde, von wem nur? Du weißt's!«

Isolde schüttelte wie geistesabwesend den Kopf.

Wie ein weicher, warmer Wind zog Frieden über sie hin.

»Nun ist alles gut.«

Aus den taufrischen Rosen stieg Seligkeit auf und Hoffnung und ihr eigenes Selbst ganz reingebadet, schön, und ohne jede Schmach – – und gut.

Den ganzen Vormittag machte Isolde sich mit den Rosen zu thun. Gläser und Vasen füllte sie damit und stellte sie so und so, und schaute sie an und nahm diese und steckte sie zu jener und sagte: »Wenn sie doch nicht welken würden. Weißt du, Marie, wenn die immer blieben, Winter und Sommer, dann sähe unser Zimmer wie ein Garten aus.«

Die Rosen hatten alle Qual von ihr genommen.


* * *


Dieser Morgen, der Isolden die Rosen gab, brachte der Familie Frey einen höchst merk würdigen Tag. Kein Familienglied vergaß ihn je.

Um halb zwei Uhr saßen Doktor Frey, Karl, Marie und Isolde bei Tisch.

Das Mädchen brachte die Zweiuhrpost: Die Probenummer einer neuen Zeitschrift, einen Geschäftsbrief, eine Rechnung, die Ankündigung eines neuen Tabakladens in der Nachbarschaft und einen Brief von Frau Doktor Frey.

Dieser Brief war es, den der Doktor vor allem zuerst ergriff.

Marie hatte in diesen Tagen im stillen die Bemerkung gemacht, daß kein Bräutigam auf die Briefe seiner Braut so erpicht sein konnte, wie der Vater auf Mamas Briefe.

Zu jeder Tageszeit, wenn er heim kam, das erste: »Ist Nachricht von Mama da?« –

›Das, wenn die Mutter wüßt',‹ dachte Marie manchmal.

Und wenn er einen solchen Brief öffnete, mit welcher Hast!

Und heute? Was war denn das?

Kaum, daß er in den Brief gesehn, lief Doktor Frey ganz blaurot an. Ein Stöhnen folgte.

Isolde bemerkte es zuerst und fuhr entsetzt auf.
»Vater!«

Die Augen waren ihm aus den Höhlen getreten. Er sah mit einem mal erdrückend groß und schwer aus.

Die drei Kinder hatten mit den Suppenlöffeln innegehalten und starrten auf ihn.

Er stöhnte wieder und wieder, als könne er keine Luft bekommen. Seine Farbe wurde beängstigend.

Mit einemmal erhob er sich und ging schwerfällig im Zimmer auf und nieder, griff nach seinem Taschentuch und fuhr sich über die Stirn.

»Vater?« fragte Marie ängstlich. Da stellte er sich vor sie hin. Sein Blick war immer noch starr.

»Schwär reich!« kam es undeutlich, fremd, heiser heraus.

Seine Kehle war ihm wie zugeschnürt.

So sieht das Glück aus!

Die Kinder starrten.

Sie wußten nicht mehr, was sie sagen und denken sollten. Seine Seele und sein Körper waren wie von einem Krampf gepackt.

Er war wie ein Tier, das in ein Riesenfaß Wein oder Syrup gestürzt ist. Es muß im Überfluß mit dem Erstickungstod kämpfen.

»Ist denn der Onkel tot?« fragte Isolde.

»Mausetot,« sagte Doktor Frey.

Da kam es wie ein Luftstrom über ihn und er konnte wieder atmen.

Er wurde wieder er selbst.

Der tödliche Geldblutdurst, der wie ein häßlicher Krampf ihn überfallen hatte, ließ einen freien Augenblick jetzt wieder in ihm aufkommen.

»Ja, da bin ich nun ein schwerreicher Mann!« sagte er mit der bekannten und berühmten Doktor Frey'schen Prophetenstimme. »Mama hat geerbt.«


* * *


»Na, Alte, nun hast du einen reichen Mann!«

So empfing Doktor Frey scherzend seine Gattin, als sie nach dem Begräbnis ihres Bruders nach München zurückkehrte. Er trug eine Trauerbinde.

Die Mädchen hatte er ins allererste Konfektionsgeschäft geschickt und ihnen Trauerkleider machen lassen, aus dem »ff« wie er sagte.

Und wie die beiden im Zimmer geschäftig hin- und wiedergingen, um für Mama den Kaffeetisch zu richten, war in dem einfachen Raum mit seinen altmodischen, verbrauchten Möbeln ein zartes Rauschen und Knistern, so eine intime flüsternde Harmonie zu spüren, die die Bewegungen der beiden jungen Geschöpfe umgab.

Doktor Frey wanderte im Zimmer auf und ab und lauschte andächtig auf das süße, seidige, zarte Schürfen, das von den beiden Bumsen ausging.

»Frou-Frou,« sagte er.

Wie geschmeidig sahen die jungen Körper in den stumpfen seidenunterfütterten schwarzen Kleidern aus.

Donnerstag! das war 'was andres, als was die Alte mit der »Störminna« fertig bekam! Er fühlte sich gehoben und war stolz auf seine Vaterschaft.

Zwei gute Partien im Haus!

»Ja, Bamsen,« sagte er, »heute seid ihr eigentlich erst geboren. Ein guter Schneider ist halt doch mehr wert als die beste Mutter.«

Er sprach im Prophetenton und schien großartiger Laune zu sein, dampfte und schnob Lebensfreudigkeit von sich, wie eine Lokomotive. Etwas Mächtiges war in ihm; der Raum, in dem er sich befand, schien unbedingt zu eng für ihn und seine kraftvolle Freudigkeit zu sein.

»Na, Alte, nun hat die Sache ein andres Gesicht bekommen!«

Triumphierend, wie ein Eroberer, schaute er auf seine Frau, die, ermüdet von der Reise, still auf ihrem gewohnten Platz saß.

Ihr Trauerkleid war in keinem ersten Geschäft gemacht. Es war ihr etwas hergerichtetes, altes schwarzes Sonntagskleid, und ein geschmackloser Trauerhut, mit steifem, grauschwarzem Schleier, der sicher aus einem Ausverkauf stammte, lag neben ihr auf dem Sofa.

»Hennenhirn!« sagte Doktor Frey und befühlte den starkgeleimten schwarzen Krepp.

»Daß i net lach!« sagte er.

Zum Begräbnis seines Schwagers war der Dichter nicht nach Berlin gereist. Darin hatte er etwas Goethisches. Durch und durch Optimist, ließ er, wenn es irgend anging, nichts, was diesen Optimismus unangenehm berühren oder in Frage stellen konnte, an ihn heran, denn nichts auf der Welt muß so vorsichtig behandelt werden wie ein guter Optimismus. Mama sprach im wehleidigen Ton vom Hinscheiden ihres Bruders.

»Die Sterbesakramente hat er empfangen, Gott sei gelobt, mehrmals sogar.«

Sie sprach in dem leierigen Ton, den manche Weiber annehmen, sobald von einem Sterbefall die Rede ist.

»Sonst ist er recht ergeben hingegangen. Ganz dem seligen Vater glich er im Tod – du mein Gott, wie die Zeit vergeht! Und ausgestanden hat er ganz erschrecklich.«

»Verschon' uns. Alte,« sagte Doktor Frey und klopfte sie auf die Schulter. Er war sehr gnädiger Stimmung und schenkte seiner Frau eigenhändig, zum größten Erstaunen der Kinder, die zweite Tasse Kaffee ein, stellte sich aber so ungeschickt an, daß er den meisten Kaffee auf das Tischtuch brachte.

Marie wollte etwas des großen Fleckes halber thun.

Die Mutter wehrte ihr aber.

Es war, als ob ihr dieser Fleck wohlthäte, als ob sie ihn gern sähe, als sollte alles so bleiben, wie es war, wie er es zu thun für gut befunden hatte.

In Mamas Benehmen lag etwas verschämt Verlegnes. Tausendmal getreten und einmal dann in die Wangen gekniffen – ihr war das Weinen nah.

»Ja, – so viel Geld!« sagte sie gedankenlos »– so viel Geld! – Und was in den Häusern steckt!« da kam sie wieder zu sich.

Später, als sie mit ihrem Mann allein im Zimmer war, nahm sie ihn beiseite und faßte ihn zaghaft am Ärmel seines Flausrocks, um ihm etwas zu sagen.

Es wurde ihr, so schien es, nicht leicht sich zusammenzufassen.

»Ein komischer Mensch,« sagte sie.

»Wer denn?«

»Der selige Bruder. – Weißt du, was er sagte, daß er Marie und Isolde extra bedacht hat? ›Deine Mädel sollen gute Partien werden, die sind viel zu schön, um arm zu sein‹. Na ja, das ist ja zu verstehen. Dann aber sagte er, was ich sehr sonderbar fand bei einem so ordentlichen Menschen, wie mein seliger Bruder war.

Ich hab das Weib so oft in seiner Erniedrigung gesehn, daß mir's wohl thut, wenn ich zwei schöne Mädel sicher auf die Füße stellen kann.«

»Na, da wird er wohl so arg ordentlich net gewesen sein,« sagte Doktor Frey ungeduldig.

»So ein Ausdruck von einem ordentlichen Menschen!« meinte Mama. »Wieso denn erniedrigt? Was wird er denn gethan haben, anderes als andre Männer? – Da müßten ja alle . . . . . . « Mama hatte sich unbedingt in ihrem Gedankengang verwirrt.  »Ich meine,« sagte sie, »es ist doch alles ganz gesetzlich und in Ordnung, wie es ist. Gott verzeih mir, – ein Verbrecher wird er doch nicht gewesen sein?«

»I bewahre, mach dir deshalb keine Sorge.«

»Ich hab's eben nicht verstanden. Ich weiß schon, es giebt etwas wie liederliche Mädchen,« sie errötete; »aber das ist gesetzlich, nicht wahr, das muß doch so sein?

Weißt du, dir kann ich's ja sagen, daß ich davon überhaupt etwas weiß.«

»Ungeniert,« sagte Doktor Frey lachend.

»Meint er denn die?« fragte Mama.

»Wie gesagt, mach dir deshalb keine Gedanken. In seinen alten Tagen wird er etwas bedenklicher Natur geworden sein – ein Schwärmer, so etwas.

Sancta Simplicitas.

So eine Henne lebt doch wie mit ausgeschnittenem Hirn. Daß i net lach!

Sucht das Weib in seiner Erniedrigung und kann's net finden!

Na, hochentwickelte deutsche Hausfrau, mach' dir halt keine Sorgen.«

»Der selige Bruder wird sich eben reichlich seine Gedanken gemacht haben, als es zu Ende ging. Ein reputierlicher Mensch ist er ja sicher gewesen, wie sie es von jeher in der Familie waren und was soll er denn groß anderes gethan haben als andre anständige Männer? Wenn es auf den Tod hinausgeht, werden die Leut' halt ängstlich!«



7.

Doktor Frey reiste Tags darauf mit Isolden, seinem Liebling, nach Berlin ab, um in Mamas Namen manches zu erledigen.

Isolde war schweren Herzens gegangen. Ihre Rosen blühten noch in den Gläsern.

Mittlerweile geschahen Wunder und Zeichen in der Frey'schen Wohnung.

Mama hatte im Koupé wahrhaft kühne Pläne geschmiedet; auch Mama waren die Flügel gewachsen. Mama, die in ihrer langen Ehe nie aus der Bedrängnis gekommen war, aus Bedrängnissen, die von Kind zu Kind, von Jahr zu Jahr gewachsen waren, Mama wollte jetzt ihres Glückes froh werden.

Es war ihr Geld – ja – das war es doch? Der Bruder hatte es ihr vermacht – doch ihr?

Nun konnte sie einmal alles nach eigenem Gutdünken thun. Wie gut, daß er jetzt nicht daheim war.

In ihrem Hirn hatten sich, so lang sie dachte, die schwierigsten Probleme gewälzt: ›Fett oder Schmalz? Was giebt mehr aus? Wie dehn' ich's am besten? Heut nehm' ich um ein Bröckel weniger, dann reicht der Rest morgen noch halbwegs – und übermorgen – da schöpf' ich's von der Suppe.‹

Und die unheimlichen Kunststücke mit Fleisch und Butter, daß alles ausreiche. – Und das Hangen und Bangen in den letzten Tagen des Monats, wenn das Geld trotz alles Quälens und Marterns nirgends mehr langte; – und die ewige Unzufriedenheit, daß nichts gut genug war – und das Schuldbewußtsein, die Angst, wenn sie antreten mußte, um das Wirtschaftsgeld zu erbitten – auch wenn es pünktlich um die vorgesetzte Stunde war – er war doch immer entrüstet. Wie eine Verbrecherin, eine Geldfortschlepperin hatte sie vor ihm stehen müssen – ein Mal wie das andre Mal.

Da konnte sie sich bis aufs Blut gepeinigt haben und wie ein Raubtier hinter allem drein gewesen sein. Das war alles gleich – immer dieselbe Operation.

Ach, wie sie alles dessen müde geworden war – schon längst – längst müde, wie ausgesogen.

Als junges Mädchen hatte sie recht gern gelesen, hatte sich Gedichte abgeschrieben und schöne Aussprüche. Davon war nie mehr die Rede gewesen.

Nach jeder Wäsche Gebirge morschen Leinenzeugs und von früh morgens an das Sinnen und Kämpfen, daß es zum Mittagessen lange, und daß mit den lächerlichsten Mitteln etwas Anständiges auf den Tisch komme.

Kaum war gegessen, hieß es: »Und was zum Abendessen für all' die Leut?«

Und wie das Geld unter den Fingern fortglitt! – Immer derselbe Schreck – immer dieselbe Aufregung. Plötzlich waren von allen Seiten die Rechnungen wie losgelassen.

Das Mädchen brachte sie kühl mit heim, vom Bäcker, vom Metzger, von Gott weiß wem!

Der Mama gab eine jede solche Rechnung einen Stoß in die Nerven. Woher nehmen? – Wie kann denn das wieder zusammenkommen!

Diese Hetz bis aufs Blut, bis ins innerste Mark.

Und dann die Jahre, als die Kinder kamen.

Welche Sorgen!

Und immer so hilflos und trostlos, wie ein bis zu Todesmattigkeit getriebenes Tier.

Das ohne Kraft und Mut sein. Das Überbürdete!

Und die ganze entsetzliche Qual immer wieder gleichmäßig von Anfang bis zu Ende.

Nach jeder Geburt die ungeheure Arbeitsanhäufung, der sie widerstandslos matt in größter Schwäche gegenüberstand!

Wie oft hatte sie sich gewunden vor aufgeregter, entsetzlicher Übermüdung, in Verzweiflung sich in die Finger gebissen, vor Ratlosigkeit geweint! – Und das alles Tag für Tag – nie ein Aufatmen, nie, daß die Seele sich ihrer selbst einmal bewußt geworden wäre – nie eine Erholung – nie eine Anerkennung.

Geistig wie tot und körperlich zerschunden. Und so Jahre lang, Jahre lang . . . .

Ein Tier! ein armes, armes Tier!

Drei Kinder waren ihr gestorben nach langer Krankheit. Alle Qual umsonst. Für den Tod hatte sie sie geboren.

Wie gut war es ihr, als sich so eine schwere Dumpfheit über sie gelegt hatte – wie gut war das, als fast nichts mehr weh that!

Die ersten Jahre hatte sie nach Anerkennung gedürstet wie verschmachtet; dann war es ihr gleichgültig geworden. Um aber diese Gleichgültigkeit zu kaufen, hatte sie alles hergeben müssen was Leben heißt, was Denken heißt, was Menschsein heißt.


* * *


Jetzt aber gedachte sie es sich Wohl sein zu lassen.

Ja und sie begann mit Trotz, der halb mit bösem Gewissen versetzt war dieses Sich-wohl-sein-lassen zu genießen.

»Und ich thu es eben! – Ich thu es!«

Sie that es.

Ihre Speisekammer ließ sie weißen und ging in den Konsumverein mit ihrem alten, etwas fettigen Büchlein, um sich Vorräte zu kaufen. – Vorräte!

Ihr Herz, ihre Nerven erzitterten vor Erregung.

Sie wählte und wählte, von diesem und jenem – vom Besten – und sann wie ein Kind:

»Was noch? Was noch?«

Und dann kam eine ganze Ladung ins Haus, als wollte sie ein Wirtshaus eröffnen.

Ganz allein saß sie lange Zeit mitten unter ihren Schätzen und ein Friede kam über sie, wie aus einer andern Welt; oder als wäre sie nach schwerer langer Wanderung endlich in ein Obdach gekommen. Ganz erschöpft so im Gefühl der Sicherheit sitzt sie und hört den schweren, stechenden, klatschenden Regen, dem sie so lang ausgesetzt war. Sie hört ihn – und hört ihn – und denkt wie es gewesen und fühlt ihre schwere Mattigkeit und daß sie nun . . . . . .

Und jetzt nimmt das müde, arme kindliche Weib ihr Büchel vom Konsumverein und berechnet, wie viel das, was sie geholt hat, zu Neujahr an Zinsen – Steuern nennt sie's – geben wird.

Und da ergiebt es fast zwanzig Mark.

»Das hat einmal ausgegeben!« Da lächelt sie – lächelt – lächelt.

Ja, und die Geschichte mit dem Konsumverein macht ihr mehr Eindruck, als die ganze Erbschaft und das ganze Ertragnis der fabelhaften Berliner Häuser.

Hier ist es ihr nah getreten, hier ist ihr Glück ihr begreiflich geworden.

Und sie sitzt und träumt sich in ihre eignen Gefühle hinein und wundert sich.

Ja, da hat sie doch eigentlich recht schwer und unglücklich gelebt – recht unglücklich! War ihr denn das nie recht ins Bewußtsein gekommen?

Sehr deutlich nie.

Alles dumpf, ganz dumpf.

Aber eben das Dumpfe, das ist das Schreckliche, das Menschabgewandte.

So einsam wie in ihrer seelenertötenden langen Ehe, so ohne jedes Verständnis, ohne jeden mitempfindenden Blick auf ihre große Weibesqual und Arbeit und Mühseligkeit – so einsam war sie auch jetzt in ihrer Befriedigung.

Einsam, ganz für sich – in sich selbst verkrochen – eine kleine, bange, dumpfe, unendlich schmerzvolle Welt für sich.

Isolde hatte damals das Nachttierhafte in ihrer Mutter gespürt, das Nachttier, dessen Dasein allen ein Rätsel ist, dessen Dasein niemand kennt, und das selbst die Tageswelt nicht kennt.


* * *


Von einem fieberhaften Eifer war Mama jetzt besessen, das zu thun, was sie thun wollte.

Es mußte durchaus geschehen sein, ehe er zurückkam.

Die alten abgenutzten Küchenmöbel ließ sie himmelblau streichen, die ganze Küche rosig tünchen.

All' ihre innersten, tiefsten Herzenswünsche erhoben froh ihre Häupter.

Die Flickwäsche gab sie aus dem Haus und handelte um jedes Stück mit der Flickerin auf Tod und Leben.

Den Salon ließ sie mit einer weiß und goldigen Tapete neu herrichten. Die Thüren wurden auch in Weiß und Gold gestrichen.

Die Leute sollten Augen machen!

An die alten Vorhänge setzte sie neue Spitzen. Bis tief in die Nacht hinein arbeitete sie daran mit ihrer Maschine. Ihre Pulse flogen bei dieser Arbeit und sie war vor Anstrengung ganz außer sich.

Am andern Morgen wurden die Vorhänge aufgemacht, nicht vom Tapezier. Sie selbst stand auf der Leiter.

Auf den Gedanken, einen Tapezier zu holen, wäre das an Plage gewöhnte Weib nie gekommen.

Jeden Nachmittag kam sie mit Marie hochbeladen aus der Stadt wie im Rausch, ganz aufgeregt. Da hatten sie alles Denkbare gekauft, was Mama seit Jahren sich ersehnt hatte.

Bar gezahlt wurde nichts; alles auf Rechnung.

Er brachte erst den Reichtum mit heim.

Ob Mama sich vorstellte, daß dieser Reichtum etwa wie ein Kohlenwagen vor der Thüre abgeladen werden würde?

Jedenfalls dachte sie: ›Um Gottes Willen, wohin damit?«

Sie wußte schon von Banken etwas, aber Steuern und Zinsen und all dergleichen ging, wie gesagt, bös bei ihr durcheinander.

Sie hatte auch nichts damit zu thun, so etwas besorgte er, – und von höheren Dingen sprach er nun einmal nicht mit ihr.


* * *


Unter den Kostbarkeiten, die Mama und Marie fieberhaft erstanden, waren ganz sonderbare Dinge. Die unglaublichsten Bürsten und Bürstchen, allerlei ganz außerordentlich pfiffige Einrichtungen zum Putzen von den verschiedensten Gegenständen, spitze Pinsel und stumpfe Pinsel, allerlei geheimnisvolles Küchenhandwerkszeug, das hatte sie sich alles immer gewünscht und nie war sie zum Besitz gekommen.

In der Küche sah es aus, wie in einem Arsenal, als wollte sie gegen den Hunger der ganzen Welt zu Felde ziehen. In dieser Küche hatte sie so namenlos gelitten!

Hier konzentrierte sich alles.

Die Schneiderin saß auch im Haus, wie eine Henne auf Eiern, Tag für Tag. Mamas und der Mädchen alte Kleider wurden hergerichtet.

Wertvolle Besätze und Gott weiß was kaufte sie, um den alten schlecht sitzenden Plunder wieder aufzustutzen. . . . . .

Die alte Geschichte vom Hirtenjungen, was der thät, wenn er König würde.

Mama und Marie kehrten jeden Nachmittag nach den Besorgungen bei dem Konditor ein, und Mama verdarb sich regelmäßig den Magen und hatte an Migräne greulich zu leiden.

Die beiden Söhne profitierten auch am Freudenrausch und der ganz naiven Art, Einkäufe ohne Geld zu machen.


* * *


Tief in der Nacht erscholl ein Läuten durch das stille Haus. ›Der Vater!‹ dachte Marie und ebenso dachte es die Mutter. Beide waren außerordentlich erregt und konnten nirgends ein Streichholz finden.

Inzwischen läutete es auf eine unaufhörliche, nervenerregende Weise.

»Um Gotteswillen, was ist geschehen!« Das sagte die Mama wohl zwanzig Mal, während sie im Dunkeln tappte und suchte und die Läuterei kein Ende nahm.

»Vielleicht ist alles wieder aus! Du lieber Himmel!

So kann es nur läuten, wenn ein Unglück geschehen ist, so läutet kein vernünftiger Mensch!«

Sie tappten und tappten.

Endlich!

Wie im Fieber, zähneklappernd, mit angstvollem Herzschlag huschte Mama in Nacht­jacke, Bambuschen und grauem Flanellrock die Treppe hinab.

Bebend, mit zitternden Gliedern, schloß sie auf, öffnete die Thür, – da fiel ihr Lateinschüler und Sorgensohn Karl ihr in die Arme, mit dem Kopf voran, total bezecht.

»Herr des Himmels!«

Mit Karl war garnichts anzufangen. Er benahm sich störrisch und lärmend wie ein Ferkel, das nicht will, was es soll. Dabei schien der dicke Knabe schwerer und plumper zu sein, als man es sich hätte von ihm vorstellen können.

Mama mußte ihn unten an der Hausthür lehnen lassen.

Zwei Stufen auf einmal nehmend, stürzte sie hinauf, um Marie zu holen.

»Daß nur derweilen niemand kommt!«

Dann versuchten sie es mit vereinten Kräften.

»Na, Alte,« brummte Karl, als Mama ihn unter den Arm zu packen versuchte, »vorsichtig, vorsichtig!«

Marie wagte es gar nicht, ihn anzufassen. Sie hatte einen grenzenlosen Ekel vor ihm. Sie weinte.

»So nimm ihn doch,« sagte Mama.

»Hennenhirn!« brummte der dicke Knabe, ganz wie der Vater, nur war diese junge Prophetenstimmen noch rund und etwas schleimig – hatte keine Ecken und Auswüchse.

»Weibsvolk, albernes!«

Marie weinte bitterlich.

»Dös, wenn der Vater wüßt', wie ihr euch anstellt!«

»Karl!« wimmerte Mama weinerlich.

Karl that einen scharfen, kurzen Schmatz mit den Lippen. Sein Mund spitzte sich. Darauf täschelte er seiner Schwester ins Gesicht.

Die schrie schluchzend auf.

Karls stierende Augen richteten sich verdutzt auf sie.

Marie war ganz auseinander. Die beiden Frauen schleiften ihn wie eine tote Masse die Treppe hinauf.

»Wenn ihn nur kein Lehrer gesehn hat!« wimmerte Mama.

»Recht geschäh's ihm!« meinte Marie; »das, wenn der Vater erfährt!«

Mama gedachte einer Nacht im vorigen Jahr, als er ihr schon einmal so nach Hause gekommen.

Sie war eben dabei gewesen, ihrem Mann den schwarzen Kaffee zu kochen und bebte in Todesangst, daß Karl noch nicht daheim war.

Da kam er, das heißt, er versuchte zu kommen. Und wie heute war sie die Treppe hinuntergelaufen und hatte sich dann den Vater zu Hilfe holen müssen.

Sie hatte gefürchtet, der würde ihn kurz und klein hauen.

Merkwürdigerweise nichts davon.

Im Benehmen ihres Mannes hatte sie, zu ihrem höchsten Erstaunen, eine gewisse Rührung konstatieren müssen.

Nie hatte sie ihn so sorgsam gesehn, bei keiner der vielen Krankheiten im Haus war er so hülfreich gewesen, so sachverständig.

Wie er ihr zur Hand ging, wie behutsam er Karl ins Bett half.

So viel Gemüt wie damals, hatte er bei keinem Familienereignis entfaltet.

Mama war es auch vorgekommen, als behandelte er Karln Tags darauf mit einer kameradschaftlichen Schonung und Diskretion.

Damals zog er ihn auch bei einer Angelegenheit mit in den Familienrat.

Es handelte sich darum, ob Isolde doch nicht noch zur Lehrerin ausgebildet werden solle.

Den Familienrat pflogen Papa, der älteste Sohn und Karl, der kurz vordem die erste Weihe als vollwichtiger männlicher Mann empfangen hatte.

Alle drei beschlossen einmütig, daß Isolde kein Blaustrumpf werden dürfe, trotzdem die Familie so gut wie kein Vermögen besaß und jeder nach dem Tod des Vaters auf sich selbst angewiesen war.

All' dies kam Mama wieder lebendig in die Erinnerung, als sie mit Marie ihren dicken Sprößling die Treppe hinaufbugsierte.

Oben angekommen, machte sie sich daran, Karl einen schwarzen Kaffee zu kochen.

Inzwischen beängstigte dieser im Zimmer seine Schwester Marie, die auf ihn Acht haben sollte, daß er mit der Lampe nichts anrichte.

Und wie ein heiliges Vermächtnis seiner Ahnen und Vorgänger, war diesem angehenden Jüngling in seiner Beneblung und Hilflosigkeit die Weibverachtung als das Nächstliegende erschienen. Die Schwester hatte in dieser Stunde etwas vor ihm voraus; das paßte ihm nicht. Er fühlte den dunkeln Trieb, die Hand gegen sie zu erheben, als sie ihm irgend etwas wehrte, – und machte Anstalt dazu.

Da schrie sie auf, warf sich vor einen Stuhl nieder, preßte ihren Kopf in das Polster und schluchzte angstvoll.

»Dumme Gans,« sagte Karl. »Ich, wenn jetzt ein Madel hab, – beim ersten Mucks – raus damit! – Giebt ihrer genug, – Gott Lob!«

Marie fürchtete sich vor ihm. Sie fürchtete, daß er sie anrühren könnte. Ihr war zu Mute, als wäre sie mit einer tollen Bestie im Zimmer.

»Mutter! Mutter!« schrie sie jetzt laut.

Da kam Mama hereingestürzt.

»Was ist denn?«

Karl lachte auf.

»So 'ne affektierte Gans!«

Die Mutter trat auf ihn zu mit der völlig gleichgültigen, abgestorbenen Miene, die sie zum großen Ärger ihres Gatten so unübertrefflich anzunehmen wußte.

Vor dieser Miene duckte sich auch Karl. Damit wußte er nichts zu machen, die verstand er nicht.

Da war sie auch ihm über.

»Vorsichtig, Alte, vorsichtig!« lallte er und ließ sich auf Vaters breiten Arbeitsstuhl niederdrücken.


* * *


Diesen Abend kroch Marie in Mutters Bett. Sie war ganz außer sich.

Das mußte man Mama lassen, ihre beiden Mädels hatte sie zu behüten verstanden. Sie waren gerade so weltfremd, wie andere höhere Töchter auch.

Die kleine geheimnisvolle Welt im eigenen Hause kannten sie so wenig wie die große draußen.

Vor der kleinen, wie vor der großen Welt, hatte Mama sich wie mit ausgebreiteten Röcken gestellt.

Ob sie dachte, daß sie einmal recht überrascht werden sollten? Oder was sie dachte?

Kurzum, es war ihr einziges: »Daß die Mädels nur nichts erfahren!«

Vor ihren Töchtern schwieg sie wie das Grab. Wenn ihr das Leben das Herz abdrückte, keine Offenheit den Töchtern gegenüber.

Wie gern hätte sie manchmal den müden, dumpfen Kopf an Mariens Schulter gelegt, um da Verständnis und Trost zu finden.

Wie vor einem Unrecht aber war sie jedesmal zurückgeschreckt.

Nein, das Kunststück wollte sie auch fertig bringen, wie andere Mütter, ihre Mädels sollten »von nichts« etwas wissen; darein setzte sie gewissermaßen ihren Stolz.

Sie hatte auch »von nichts« etwas gewußt.

Dann waren die Überraschungen gekommen!

Weshalb das so sein mußte, wußte Mama nicht. Es war hübsch so – und anständig. Alle Mädchen aus gutem Haus mußten so ins Leben hinausgehen.

Und dafür hatte sie das große Opfer gebracht, daß sie den Kindern fremd geblieben war, fremd in ihrem dumpfen, schweren Leid. Wenn sie dennnoch etwas wußten – sie war unschuldig daran, das konnte sie mit bestem Gewissen sagen.

Ihre Mädchen hatte sie gut erzogen?

So lag auch heute Marie stumm am Halse der Mutter und weinte, und Mama klopfte ihr den Rücken und murmelte, wie sie es bei ihren kleinen Kindern gethan hatte, um sie zu beruhigen. »No – no – no – no – no!«


* * *


Mrs. Wendland hatte von dem großen Umschwung der Verhältnisse ihres Freundes Doktor Frey gehört. Sie wußte auch von dem Glück der beiden Mädchen, daß sie im Besondern von ihrem Onkel bedacht worden waren. Die Besitzerin einer Summe von dreimalhunderttausend Mark konnte sich schon sehen lassen. Die Mädchen würden jetzt die Auswahl haben.

Mrs. Wendland hatte wirklich eine Freude über diese Nachricht gehabt.

Sie hatte sich im stillen immer gedacht: ›Was sollen diese beiden Kinder mit ihrer großen Schönheit? Dummheiten – Dinge werden geschehen.

Für arme Mädchen ist es viel besser, wenn sie nicht sind schön.‹

Sie hatte über Freys Glückswechsel auch zu Henry Mengersen gesprochen, der ihr wenige Tage darauf mitteilte, daß er eins dieser Mädchen zu heiraten beabsichtige.

Mrs. Wendland war nicht ohne Erstaunen.

»Sehr einfach,« sagte Mengersen, »ich habe mir alles überlegt: Meine künftige Frau muß wohlhabend sein, jung, schön, anspruchslos. Diese Dinge trifft man selten beisammen. Hier ist dies der Fall. Bitte, dich zu überzeugen.«

»Ich halte Isolde durchaus nicht für anspruchslos, lieber Henry,« sagte Mistreß Wendland. »Isolde ist ein Rassegeschöpf, die sind an und für sich . . . .«

»Die andere aber halte ich für vollkommen anspruchslos,« unterbrach Henry Mengersen. »Die ist ganz, was ich suche.«

»Die andre?« fragte Mrs. Wendland verwundert.  

»Und weshalb nicht?« meinte er scharf und dachte: ›Hat Isolde geplaudert?‹

Mrs. Wendland blickte gedankenvoll vor sich hin.

»Isolde ist bei weitem interessanter.«

»Mag sein. Beste Mary, – eine interessante Frau? Dazu kunstsinnig, mitempfindend, nachempfindend – Gott weiß, was noch! Alle Achtung – Nein – nicht um die Welt! Und außerdem ist Fräulein Isolde auch in anderer Beziehung nicht mein Geschmack. So etwas heiratet man nicht. Sie ist herb, wie eine junge Quelle? Nicht wahr?« Er lächelte fein und kühl. »Und ich behaupte, sie ist ein kleiner, frecher Dachs, dem es recht gut thun wird, wenn sie sieht, daß man ihre Schwester ihr vorzieht. Ich glaube, diese Erfahrung ist außerordentlich wichtig für das Mädchen.«

Mrs. Wendland lächelte: »Also aus erzieherischen Gründen wollen Sie Marie die Resten von Ihr Dessert geben und nicht Isolden? Sie werden ein ganz reizender Ehemann werden. Cold as charity – kalt wie die Barmherzigkeit, man sagt. O, ich möchte mich nicht mit Ihnen heiraten, lieber Henry. Mich friert, holen Sie mir, meinen kleinen Shawl, bitte.

Ach und nun werden Sie also philiströs; ein Mann, was hat gelebt, wie du, ist so komisch als tugendhafte Ehemann zu denken!

Nun, also heiraten Sie sich die kleine Frey.

Sie machen immerhin ein ganz gutes Geschäft.«

Henry Mengersen dachte: ›O, meine gute Mistreß, – also doch nicht ganz angenehm überrascht?‹

»Und Sie sind der erste, der sich von dem neuen Geld der Freys kaufen läßt?« fragte sie und beugte sich in ihrem Lehnsessel vor mit einem amüsierten Ausdruck. »Und Sie wollen die kleine Mary wieder eingeladen sehn bei mir? Sie brauchen gar nichts zu sagen, ich weiß schon.«

Henry Mengersen küßte ihre Hand.

»Du bist schon ganz in der philiströsen Maske eines keuschen würdigen, deutschen Bräutigams, mit seinem gut bürgerlich schlechten Gewissen. – Du bist mir nun langweilig!

Nicht deshalb, wie du denkst. O, nein, gar nicht deshalb! Sie brauchen nicht zu lächeln, Henry.

Nein, weil nun eine große, langweilige Lügengeschichte angeht, wie bei allen Männern. Bei dich lächelt es mich noch mehr, als bei den andern, weil ich dich kenne, wie mein Taschentuch!

Für Sie, Henry, wünschte ich, Sie hätten Isolde gewählt. Vor ihr hätten Sie müssen doch ein wenig gêne haben. Sie könnten mit ihr nicht so ganz sans façon sein.

Doch deshalb nehmen Sie sie ja nicht. Nun, ich wünsche Glück zu dieser Dudelsackehe.

Kommen Sie heut abend zum Thee, Henry, wir trinken auf der Veranda.«


* * *


Marie Frey verlebte bei Mrs. Wendland traumhafte Tage.

Sie war es gewohnt, von Studenten und den Brüdern ihrer Freundinnen verehrt zu werden; aber dieser Herr Mengersen war doch ganz etwas andres.

Sie traute der Sache nicht recht. Es kam ihr alles zu unwahrscheinlich vor.

Aber Henry Mengersen verstand sich darauf, sie zu überzeugen, trotzdem ihm eigentlich solch' eine weltfremde, höhere Tochter ein sehr unheimliches Ding war.

Er überschüttete sie mit Zartheit.

Ein Bouquet, ganz aus Moosrosenknospen, was mußte das solch' einem Geschöpf nicht alles sagen! Und was sagte es ihr nicht alles!

Henry Mengersen konnte sich viel Müh und Geist sparen.

Ein Garnichts, zarte Farben, zarte Formen thaten mehr für ihn, als er je für sich hätte thun können; dazu seine tadellose Wäsche, die vornehme Reinheit seiner Person, das imponierend elegant sitzende Schuhwerk.

Er mußte auf so ein Ding wirken, ohne daß er sich im geringsten anzustrengen brauchte. Dazu sein Ruhm und die Art, wie man ihm begegnete.

Nie hatte das blonde Mädchen einen vertrauenerweckenderen Menschen gesehn.

Die instinktive Sorge, daß der Mann brutal, roh in seiner Übermacht ihr gegenübertreten könnte, kam hier nicht auf. Die weltfremden Sinne waren noch so kindlich, so ganz vom Äußeren hingenommen. Wie Blasphemie wäre ihr ein Zweifel an diesem Menschen erschienen. Ja, es gab Augenblicke, da schämte sie sich ihrer selbst, ihrer Plumpheit, wie sie ihre Ungewandtheit nannte, ihrer Hände. Man sah ihnen das fleißige Schaffen im Hause an. Es waren reine, junge, kräftige Mädchenhände, aber nicht blütenweiß und die Nägel waren kurz gehalten.

Sie konnte ihre Hand garnicht neben der seinigen sehn. Wie hoch stand dieser Mann über ihr!

Und als er sie mit weicher Stimme bat, sein Weib zu werden, war es ihr zu Mute, als tanzten Erde und Himmel durcheinander. Ein ganzes Chaos von Glück, Stolz, Überraschung und Verwirrung.

Sie hatte ihrer Mutter und niemandem sonst ein Wort über Henry Mengersen geschrieben, auch Isolden nicht, – und nun war sie Braut, die Braut eines Mannes, zu dem sie nie die Augen erhoben hätte.



8.

Isolde erfuhr die Verlobung ihrer Schwester unvorbereitet.

Sie kam von Berlin zurück, eingehüllt in ihre große, tiefe Liebe wie in eine Wolke von Sehnsucht.

Die Mutter empfing Vater und Tochter freudestrahlend, wie es die Tradition will, und verkündete ihnen die Nachricht schon auf der Treppe.

Mit einer plumpen, die Kniee zusammenbrechenden Wucht, wie ein großes Raubtier auf sein Opfer, sprang die Verzweiflung auf Isolde.

Nicht Zeit zu einem Schrei!

Da war's geschehn.

Da hatte sie ihr Teil.

Sie wollte sich an ihren Vater halten um nicht zu fallen.

Ihr kam es aber vor, als griff sie in die Luft.

Und die Mutter war auch nichts als ein Gespenst – ein Nichts.

Da war kein Körper, der irgend etwas galt.

Ihre Hände hielten sich zwar, – aber sie fiel doch. Ihre Seele fiel und hörte gar nicht auf zu fallen in Dunkelheit hinein – endlos – endlos.

Und zu derselben Zeit, in der sie so tief und endlos fiel, fühlte sie, wie sie in das Zimmer trat und hörte sprechen und sah dies und das.

Ein dumpfes Rauschen umgab sie. Wie aus weiter Ferne hörte sie den Vater ungeduldig schelten.

»Was zum Teufel ist denn das?«

Doktor Frey stand mitten in dem weiß und goldenen Salon mit den frisch gewaschenen mit neuen Spitzen besetzten Vorhängen.

»Das ist die reinste Verrücktheit!«

Er sperrte, ganz verblüfft Augen und Mund auf.

»Stellst du dir vor, Alte, ich laß mein gutes Geld von dir zum Fenster hinauswerfen? Läßt die gekündigte Wohnung neu herrichten! Daß i net lach!«

Er war in großer Wut.

»Gekündigt hast du?« – fragte Mama ganz betreten und zittrig. »I du meine Güte, davon weiß ich ja garnichts!«

Doktor Frey riß die Thür zum andern Zimmer auf, um zu sehn, wie es dort stand.

»So – na! – Merkwürdig!«

Er war einigermaßen beruhigt.

»Freilich ist gekündigt. Glaubst du etwa, ich bleib' in dem Loch? Und was ist denn noch geschehn, wenn ich bitten darf?«

Nun kam ein Sündenregister.

Doktor Frey ging erregt im Zimmer auf und nieder.

»Daß i net lach! Daß i net lach! Das war auch besonders nötig, daß eine von den Bamsen sofort an den Esel, den Mengersen . . . Nun, ich werd' euch auf die Finger passen, ihr! Das ist ja ein reizendes Willkommen!«


* * *


Als Isolde endlich allein in ihrem Zimmer war, schloß sie die Thür und warf sich auf den Fußboden.

Draußen schalt der Vater weiter und die Mutter weinte einmal laut auf.

Langgestreckt lag Isolde; – ein Schwindel erfaßte sie.

So tief, so tief, so dunkel und sie mitten darin!

Heute sollte sie ihn noch sehen und auch die Schwester – da griff sie mit den Armen in die Luft, da wollte sie wieder etwas fassen.

Auf den Boden warf sie sich vor ihr Bett und biß in den Fuß des Bettes, und verbiß sich darin, wie ein wundes Tier, das mit dem Tode kämpft.

Ihre Augen fielen auf das Konsol mit dem Schädel darauf. Da hockte sie sich zurecht, die Arme um die Kniee, und starrte dem Schädel in Verzweiflung in die leeren Augenhöhlen und starrte und vergaß die Zeit.

Sie wollte denken – aber es ging nicht. Es war ja auch alles ganz gleich. Sie fing an zu singen, einen leierigen Gassenhauer.

Wie mit einem Messer schnitt sie dies Singen; – dann sang sie weiter übermütig lustig.

Wie that das?


* * *


Am Abend kamen sie wirklich beide. Er hatte seine Braut nach München begleitet. Isolde trat ihm ruhig entgegen; es gelang ihr ohne Mühe, weil doch alles eins war. Das eine that so weh, wie das andere.

Marie war hingebend weich und selig.

Henry Mengersen schien der Situation völlig gewachsen zu sein. Er hatte allerdings erwartet, daß Isolde sich mit »Kopfschmerzen« entschuldigt haben würde.

Nun war sie doch da, eine freche, kleine Be­stie – und hatte einen ruhigen, undurchdringlichen Gesichtsausdruck.

Er aber war gerüstet auf alle Fälle; umsonst hatte er sich nicht einen Giftzahn wachsen lassen. Von einem Mädchen, das sich erniedrigt hatte wie Isolde – und vergeblich erniedrigt, stand alles zu erwarten. Er hatte sie in der Hand, da war ihm andres schon geglückt. Die Ruhe war nur Maske. O, er ließ sich nicht täuschen; er kannte diese Sorte.

Ein unpassendes Wort seiner Braut gegenüber, und Isolde würde ihn kennen lernen.


* * *


Durch einen Zufall standen sie beide in des Vaters Arbeitszimmer allein am Fenster.

Die Hängelampe warf ihren Schein grell in die Mitte des Zimmers und um diesen Lichtkern war eine weiche Dämmerung.

Isolde sah ihm ruhig in die Augen.

»Eine Bitte, Fräulein Isolde,« sagte er eisig; »über das, was zwischen uns vorgegangen ist, kein Wort – nicht wahr? Es gilt das Lebensglück Ihrer Schwester. Sie verstehen mich doch? Und was mich betrifft, seien Sie meiner ganz sicher – ich bin Gentleman. Ich darf mich ja Ihnen gegenüber aussprechen.«

Aber wie er mit sicherem, vornehmem Blick den ihren streifen wollte, fuhr er leise zurück. Nicht mehr Isolde, das rührende, liebende Mädchen, – ein vornehmes, ruhiges Weib stand ihm da gegenüber. Und aus ihrem Mund tönten ruhige Worte:

»Ich empfand Ihre Kunst – ich liebte sie – ich that es. Ich will es auf offenem Markt sagen.

Sehen Sie darin etwas Schlechtes? Ich habe mir nicht denken können, daß ein großer Künstler schmutzig ist. – Ist es so – so gehören Sie zum Haufen.«

Isolde wendete ihm den Rücken.

Henry Mengersen war zum ersten Mal in seinem Leben verblüfft.


* * *


Doktor Frey hatte Champagner auffahren lassen und es wurde eine Verlobung nach allen Regeln der Kunst gefeiert.

Doktor Frey war schließlich beim Sekt mit Mengersen ganz einverstanden.

Mein Gott, ist es der eine nicht, ist es der andere, im Grund gleichgültig, wen so ein Mädel kriegt. Dem Weib gegenüber ist so ziemlich einer wie der andere.

Eine Gans, so ein Mädel! – könnte jetzt das schönste Leben haben und giebt ihr gutes Geld und ihre Schönheit einem Esel in die Hand, der sie doch nur auslacht.

Doktor Frey war ganz gerührt. Auf seine »Bamsen« hielt er etwas. Er reichte Mengersen die Hand über den Tisch, hob sein Glas und sagte weinselig:

»Daß du sie mir gut in Obacht nimmst, mein herrliches Kind!«

Mengersen schüttelte würdig die Rechte seines künftigen Schwiegervaters und küßte seiner Braut ritterlich und zart die Hand.


* * *


Diese Nacht lag Isolde still wie eine Tote in ihrem Bett.

Maries ruhige, sanfte Atemzüge berührten hin und wieder ihr Bewußtsein.

Marie war so selig müde gewesen am Abend und wie ein Kind entschlummert. Das große Glücksgefühl ermattete sie. Sie trug wahrhaft daran wie an einer Last. Nun war ihr Schlaf tief und ruhig.

Isolde lag auch in ihrem tiefen Weh wie in einem schweren Schlaf, in einer großen Betäubung.

Der Mond schien ins Zimmer, der Schädel schimmerte. Die Augenhöhlen glichen zwei dunkeln, runden, tiefen Flecken.

Und in diese leeren Augenhöhlen mußte Isolde unverwandt sehen. Das war ganz was sie brauchte.

Dieser leere Blick ohne Trost! Wohl that er ihr!

Es war ihr als wäre etwas Reines, Gutes in dieser Leerheit.

So tödlich war sie verwundet worden! Seele und Körper zugleich.

Auch ihre Seele lag ganz still und unbeweglich.

Und von einem beschimpfenden Schlag war sie so verwundet –

Der, den sie über alles liebte, den sie wie einen Gott in Anbetung liebte, hatte ihr den Schlag ins Gesicht versetzt.

Des feinen, klugen, großen Henry Mengersens Roheit hatte die allerzartesten Fäden ihres Daseins unheilbar verletzt und zerrissen.

Das war Isolde nicht mehr, das heißempfindende Kind, das Glück und Leid mit übersprudelnder Lebenskraft faßte und das Leben wie einen großen, blühenden Rosenstrauch an die Brust drücken wollte, ganz in Blüten versinkend.

Auf alles, was sie sah und was sie fühlte, starrte sie mit einem grenzenlosen Ekel. Gab es denn gar keine Möglichkeit zu zeigen, daß man rein ist!

Konnte sie denn nicht einfach sagen: »Da bin ich – da!« –

Ihr junges Menschentum war noch so ganz in sich zusammengefaßt, so einfach, so rein aus Gottes Hand hervorgegangen.

Das dumme, dumpfe, ins Ekelhafte gesteigerte Weibgefühl haftete an ihr noch nicht, das Gefühl, ein Wesen zweiter Ordnung zu sein – ein Wesen, das nicht Mensch, sondern Weib ist, ein Wesen, das nicht wie ein Mensch fühlen und handeln kann, das nur geschlechtlich ist.

Welcher Ekel faßte sie, welche Scham!

Welchen Blick that sie da!

Ja, sie hatte ihn geliebt! ja! ja! ja! Sie hatte ihm das Schönste gegeben, das Einzige, ihre Schönheit, die sie selbst liebte, die sie kannte und die sie selig und froh gemacht hatte. Seiner heiligen, großen Kunst hatte sie sich geben wollen, als Mensch – und als Weib.

Wahrhaftig nicht nur als Weib – und auch als Weib; – ja, sie hatte sich gesehnt, daß er sie küssen sollte, – heiß, hinsterbend gesehnt.

Er hatte ihr ja gesagt, daß er sie liebte, – oder hatte er nicht?

Gleichgültig, jetzt ganz gleichgültig!

Und doch und doch – welche Leere!

Alles erloschen! – einsam – verlassen – verstoßen – getreten – mißkannt – mißachtet – das Ärmste auf Erden!

Und beschmutzt – ihre reine, frohe Seele! Sie wußte, daß ihre Seele den Körper umhüllt hatte. Ihre Seele hatte nichts mit Schmutz zu thun.

Wie ein Sturm ging es durch ihren Körper. Glaubte er, daß sie mit einem Wort erinnern würde? Glaubte er – das?

Wie konnte er so schmutzig sein – – so dumm?

Ach, ein Ekel, eine unsäglich Qual packte sie, wie sie mit einem Blick überschaute. Das Weib ist nicht Mensch, nur Weib für ihn – etwas Geistloses – ohne Feinheit – ohne Freiheit – etwas so Brutales – das nur Körper ist! –

Zum Sterben! – ein Ekel zum Sterben!

Als sie ihm von seiner Kunst gesprochen, wie sie ihn in ihr Herz hatte sehen lassen – und die große Liebe gestand zu dem, was er schuf – da hatte er so sonderbar gelächelt.

Pfui! pfui! pfui! es war ihm gewesen, als hätte ein Tier ihm das gesagt – ein freches, dummes Tier.

Grad so komisch und lächerlich war's ihm gewesen. Sie durchschaute jetzt alles – alles mit einem Male, wie hellsehend.

Das, was sie ihm gab, hatte er auf seine Weise geschätzt.

– Und da dachte sie in fieberhafter Angst über »das Weib« nach.

Eine so heiße, heiße, brennende Angst stieg in ihr auf.

Was war denn das?

Alles, was je gedacht, war vom Manne gedacht worden; alles, was je gethan, war vom Manne gethan worden.

Nie war ihr das noch klar geworden, – ganz neu starrte sie das an.

Das Weib und das Tier haben nichts gethan und nichts gedacht, von dem man weiß.

Bis in den innersten Grund ihrer Seele erschrak sie.

Da lag sie wie gebrandmarkt.

Hatte er nicht recht?

Lächerlich war es, wenn sie von Kunst zu ihm sprach; was hatte sie damit zu thun? Was ging sie die Kunst an?

Freilich mußte er lachen!

Ihr war, als sollte sie ersticken.

Und da fühlte sie die ganze Verachtung, die auf dem Weibe liegt. Wie einen schweren, bleiernen Druck empfand sie diese große Verachtung, die Stolz und Freudigkeit nimmt.

Was war sie? – Zu wem gehörte sie? Sie hatte wahrhaftig kein Recht, stolz und froh zu sein.

Ein dumpfes Stöhnen entrang sich ihr, ein erstickter Schrei, als wäre sie geschlagen.

Und sie hatte geglaubt wie ein Mensch zum Menschen sein zu dürfen.

Was hatte denn Mrs. Wendland gesagt? – Da fiel ihr allerhand ein, was sie damals garnicht verstanden.

Die also auch, die kannte all' die Gedanken, die so neu, so schmählich über sie jetzt herfielen. Nach dem, was die gesagt hatte, müßte die ja auch leiden.

Fühlten alle Weiber, wie sie jetzt fühlt? Und war denn das möglich, daß sie noch nie etwas derartiges empfunden hatte?

Und ihre Mutter? – und – ihre Freundinnen?

Ja, was war denn das?

Wußten denn die Weiber garnichts davon, wie verachtet sie sind?

Ihr zarter Körper wurde von einer tödlichen Erregung gemartert.

Da lag sie, getreten, beschimpft, beschmutzt, vereinsamt und gehörte zu der verachteten, dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.

Da lösten sich Thränen aus ihren Augen, brennende, schmerzhafte Thränen, die wie Blutstropfen aus einer Wunde flossen.



9.

Isolde geht an einem blütenschweren Maienmorgen in ihrem Atelier gedankenvoll auf und nieder.

Das Atelier liegt in einem Garten still versteckt, ebenerdig.

Frischer, herber Laubgeruch strömt zu den Atelierfenstern herein, die in der großen Glasfläche weit geöffnet stehn.

Der blaue, leuchtende Himmel schaut durch das Oberlicht zu ihr nieder.

Schwalben ziehen ihre schrillen Sommertönchen im schnellen Flug wie feine, glitzernde Fäden über den blauen Ätherraum hin. Sie weben im Kreuz- und Querflug ein Netz von diesen süßen, spitzen Lauten. Ein Zug Tauben fliegt über das gläserne, kuppelförmige Dach. Die Flügelschwingungen hören sich so fein, so fließend an, so durchdringend frei, ohne jede Erdenschwere.

Isolde ist ganz in sich selbst versunken. Sie bewegt sich in dem starken, mächtigen Licht, in dem großen, kahlen Raum wie im Freien.

In ihrer Hand hält sie achtlos den Grab­stichel.

Auf einem kleinen Tisch liegen zwei geöffnete Briefe.

Gipsabgüsse stehen längs der Wände, Abgüsse nach der Natur, Glieder, Häupter, Totenmasken.

Der Schädel, der Isolden durch fünf Jahre begleitet hat, ist das einzige im Raum, was gewissermaßen als Schmuck auffällt. Er trägt eine schimmernde Narrenkappe aus einem alten, köstlichen Goldstoff und darüber einen braunen Lorbeerkranz.

Sonst im ganzen Atelier kein Schmuck, weder ein Teppich, noch sonst ein Luxusgegenstand.

Unter der Kuppel, jetzt ganz von Licht übergossen, ein wunderlich fremdartiges Werk, eine sitzende Buddhastatue aus fleckenlosem Marmor:

Isoldens Werk.

Um den Sockel der meterhohen Gestalt stehen diese Worte:

 

Inbrünstig bin ich gewesen,
Inbrünstig wie noch kein Andrer.
Rauhsinnig bin ich gewesen,
Rauhsinnig wie noch kein Andrer.
Wehmütig bin ich gewesen,
Wehmütig wie noch kein Andrer.
Abgelöst bin ich gewesen.
Abgelöst wie noch kein Andrer.


Und diesen Spruch einzugraben, war Isoldens Morgenwerk. Ja, und es war ihr gewesen, als läge in dem sonst geneigten Buddhahaupte der große Friede, – der große Friede der Erkenntnis, der vornehme, ganz von mächtigem Menschengeist durchdrungene und gehaltene Friede, nicht der demütige, unselbständige.

Wie ein Jubel, wie eine erstickende Seligkeit war es über sie gekommen. Es schien ihr gelungen, was sie gewollt hatte.

In dem Buddhahaupte lag das Königliche, das ganz Souveräne, die große, seltene Menschenmajestät, die noch über dem Menschenschmerz steht, der das Größte auf Erden und über der Erde ist.

Du ungeheurer Todesschmerz, Leidens- und Lebensschmerz, du bist zu besiegen!

In Isoldens Augen waren heiße Thränen gestiegen. In Wahrheit, ihr erschien das Haupt das zu sein, was es sein sollte, wie sie es in langer leidenschaftlicher Hingebung ersehnt hatte.

Schien es ihr nur so – oder war es wirklich so?

Im Augenblick – jetzt in dieser Stunde war es so.

Sie glaubte, wenn sie auch im voraus wußte, daß sie wieder zweifeln würde.

Sie ging wie über der Erde schwebend in ihrem lichtvollen Raum auf und nieder.

Keine Schwere!

Und es hob sie, daß das Werk für diese beiden Menschen bestimmt sei – für ihre liebsten Menschen auf Erden. Für ihn und sie! Daß sie das ihnen geben durfte und konnte.

Was waren ihr in diesen Jahren Helwig und Lu Geber geworden.

O, ihr lieben, wahren, einfachen Menschen! dachte sie.

Und wie würde Lu sich freuen, wie würde es ihr warm ans Herz greifen, wenn sie die schönen, stillen Züge ihres Mannes und seine Seele im Buddhahaupte wiedererkennen würde?

Was alles hatte Isolde ihm zu danken! was für schöne, tiefe Stunden hatten sie zu dreien miteinander erlebt!

›O, ihr weltentrückten Menschen!‹ dachte Isolde, ›in eurem schönen, stillen Heim – auf eurer Insel der Seligen – mitten in der schmutzigen Welt!‹

Wie liebte sie diese beiden! Bei ihnen hatte sie menschenwürdig fühlen und denken gelernt.

Was mit ihnen zusammenhing, war so zweifelsohne!

Daß es etwas so Wahres gab, wie diese Leute!

Wie freute sie sich, beide in ihr Atelier zu führen und zu sagen: »Das danke ich euch! Dir danke ich es, du weiser, guter, abgeklärter Mann, der du so anders bist als andre, von niemandem draußen in der Welt verstanden, du stiller Großer du!«


* * *


Isolde ist schöner geworden, vornehm, streng im Stil. Sie neigt zu der Art Erscheinungen, wie Mrs. Wendland in ihrer ersten Jugend einst gewesen sein mochte, schlank, bleich, das mächtige, lockige Haar wie eine dunkle Wolke über der Stirn, tiefe Augen, über denen es wie ein Schleier liegt.

Ihre Art sich zu kleiden, ist völlig ungesucht; doch was diesen Körper berührt, wird vornehm.

Isolde ist heute in Feierstimmung. Sie denkt heut nicht mehr daran, etwas zu thun. Sie hört jetzt auf die Schwalben, die hoch oben am blauen Firmament mit ihren seidenen Tönen wie mit Fäden weben und wirken.

Da steht ihre Schwester Marie geistig ihr vor Augen.

Was für ein kleines Gesicht hat der arme Sammtaffe bekommen.

Das Sammtige, Volle ist von ihr geschwunden.

Isolde sieht sie vor sich, wie sie oben in Mengersens Sommervilla, die er sich in der Nachbarschaft von Gebers gebaut, in dem schönen Waldgarten mit einander spazieren gingen, hoch über dem Ufer der Isar.

Marie war damals Mutter ihres ersten Kindes, dessen Geburt ihr fast das Leben gekostet hatte. Seelisch und körperlich konnte sie sich davon lange nicht erholen. Ihr Kind gedieh, aber sie selbst hatte etwas wie vom Frost Getroffenes, etwas Mattes, Stilles, Banges.

Das Kind mochte ein halbes Jahr alt sein, als sie damals mit einander unter den dichtbelaubten Bäumen gingen. Da hatte sich Marie mit einemmal an Isolde geklammert und ihr etwas zugeflüstert, ein Geständnis – ein so banges, schweres, daß sie wieder der Qual und dem Tod entgegenginge, und Isolde war von den fassungslosen, verzweifelten Thränen der Schwester naß am Hals geworden.

Die beiden jungen Geschöpfe hingen an einander und wagten sich nicht in die Augen zu sehen.

Marie weinte trostlos und Isolde wußte nicht, was sie sagen und fühlen sollte.

Es war so peinlich.

»Ide,« schluchzte Marie, »er kann mich doch gar nicht lieb haben! Wie kann er denn? Er weiß ja wie es war, wie entsetzlich! – er weiß doch alles.

Ide, wenn das Liebe ist!«

Marie schrie wie entsetzt auf und warf sich ins Gras, und lag mit dem Gesicht an die Erde gedrückt, hörte und fühlte und sah nichts vor Weinen.

Isolde kniete neben ihr.

»Sterben, zu Tode gerissen und gemartert werden – alles, wenn es sein muß! alle Qual – alle Todesangst – und alles – alles – alles! – aber Ide, – er ist ja nicht mein Freund!«

Diese arme wehe Stimme! Isolde hörte sie jetzt noch mit voller Deutlichkeit.

»Nichts bin ich ihm! Gar nichts! das, was ich ihm bin, haß' ich!

Ich weiß, ich bin dumm – ich weiß! – aber, wenn er mit mir spräche, ich würde es doch verstehen, schon weil ich ihn so lieb hab'. –

Ide, glaub mir, ich würde klug aus Liebe. – Ganz gewiß – ich weiß.

Was er Schönes hat, verschweigt er vor mir. Nichts was er denkt, sagt er mir. Wir sind ganz getrennt.«

Sie klagt rührend in die Erde hinein.

Das alles hörte und sah Isolde im Geiste wieder vor sich, so lebhaft, so ergreifend, wie eben erst geschehen.

Sie sah sich selbst, wie sie unbeweglich neben ihrer Schwester kniete.

Und was Marie sprach, schluchzte sie immer noch wie in die Erde hinein: »Ein ganz einsamer Mensch ist nicht einsam, aber ich bin so einsam!

Glaubst du, daß er Mitleid mit mir hat?

Nein sag ich dir! Gar nicht – keine Spur.

Es muß halt so sein, denkt er. Das ist ganz in der Ordnung so. Dafür ist sie eine Frau. Er denkt ich brauche nichts andres – essen, trinken – und sein Weib sein.

Ach was sich so ein Mann denkt – so ein fremder Mann. Und dann glaubt er, daß er unsinnig geduldig zu mir ist, wenn er mich einmal anhört. Aber seinem Gesicht seh ich's an. – Er ist immer schon mit allem fertig. Einfach meint er, das gehört so mit dazu, daß ich klage.

Siehst du, daß ich nun wieder Mutter werde: das ist so eine Schmach – so ein Elend für Leib und Seele.

Ein Wort, wenn er mir aus seiner Seele gäbe – dann trüg' ich alles – alles – auch den Tod – auch alles Leidenmüssen.

Die Hände würde ich ihm küssen, wenn er mit mir sprechen würde, wie mit einem Freund. Alles ertrüg' ich – alles.

Nein, – und ich hab's mal versucht – mehrmals. – Nie mehr Ide – nie mehr!

Wenn er nicht selbst kommt – ich kann nicht wieder kommen –«

Ihr Körper war von wilden, leidenschaftlichen Thränenfluten erschüttert und gepeinigt.

»Siehst du Ide – die Mutter – der Mutter ists gerade so gegangen! Du hast mal gesagt, du glaubst sie wäre dumm –

Ach Ide – nein! Dumm nicht – verprügelt – abgestorben. – Geschlagen hat er sie nicht aber doch verprügelt – mit Worten – mit Gedanken. So eine ewige Mißachtung ist wie ein grauer Regentag. Dabei stirbt die Seele.

Ich fühl's – ich werde wie Mama. Was er nur glaubt das ich bin? Ob er glaubt, daß ich mich wohl fühle? Ob er überhaupt einmal über mich nachdenkt? – – – Ich weiß nicht!«

Sie war ratlos.

Isolde kniete damals in wahrer Todesangst neben ihr und hielt ihre festgeballte kleine Hand in der ihren.

Und wie Isolde ihre von Weinen ganz ent stellte Schwester ins Haus zurückgeführt hatte, kam Mengersen eben aus seinem Atelier.

Er trug, wie immer im Haus, einen weißen Flanellanzug.

Man sah ihm an, er hatte mit Glück gear­beitet und befand sich geistig und körperlich außerordentlich wohl, blies behaglich die blauen Wölkchen seiner Cigarette in die Luft, da bemerkte er die beiden Schwestern.

»Was ist geschehn, Marie?« fragte er kurz. »Hast du dich wieder gehen lassen? Du sollst ja nicht, bedenke doch deine Lage, und verschone mich etwas, wenn es dir möglich ist, mit diesen Launen. Ein wenig kannst du dich ja wohl zusammennehmen.«

Er war unangenehm berührt. Isoldens Besuche bei ihrer Schwester mochten ihm auch fatal sein. Sie fühlte, daß sie ihn irritierte.

Ihm gegenüber hatte sich bei ihr ein ganz sonderbarer Ton herausgebildet, der ihrer Natur fremd war, eine leichte, kühle Ironie.

Dem Schädel, ihrem einstigen Symbol, hatte sie nicht ohne Sinn eine goldne Narrenkappe aufgesetzt und nicht umsonst den Lorbeerkranz.

Henry Mengersens Kunst war und blieb ihr das Anbetungswürdige, das Große, das sie liebte. Die Liebe zu diesem Inbegriff von Kunst hatte sie zur Künstlerin gemacht. Eine Anerkennung von ihm war ihr heute noch von höchstem Wert und er konnte sie ihr auch nicht versagen. Sie hatte es erreicht: Er anerkannte ihr Talent und ihren Fleiß und das Ziel, das sie wollte.

Wie hatte sie diese Jahre gearbeitet! Als sollte sie sich mit der Arbeit rein waschen von aller Schmach, die ihrer Seele anhaftete.

Nur das konnte heilen und reinigen. Und hätte er ihr zu Füßen gelegen und um Verzeihung gefleht – nichts – nichts hätte das geholfen.

Aber, daß er sie anerkennen müßte!

Asketisch hatte sie diese Jahre gelebt, als gäbe es für sie keine Jugend, keine Schönheit und keinen Reichtum.

Daheim, in dem luxuriös ausgestatteten Haus ihrer Eltern, in der Leopoldstraße, bewohnte sie ein kleines, unscheinbares Zimmer, schlief auf einem harten Feldbett, Winter und Sommer bei offenem Fenster, badete täglich kalt, litt nichts Weichliches – nichts Zärtliches in ihrer Umgebung; bei Wetter und Wind machte sie weite Gänge.

In ihr war das Gefühl lebendig: die Schmach abwaschen! die Schmach, die er ihr angethan, rein werden, stark werden, arbeiten, erreichen, Mensch werden.

Daß sie so schön war, freute sie.

Wie sie ihre eigne Schönheit verstand und liebte!

Und sie wurde reiner und reiner. Ihre Seele wußte nichts mehr von Schmach – von eigner Schmach.

Ein solches Gefühl von Starksein, von Schönsein, von Können, von Macht erfüllte sie jetzt oft.

›Ja, das glaub ich,‹ dachte sie hin und wieder. ›Ihr möchtet mich einfangen, einkasteln. Einer möchte mich selbst besitzen, meine Schönheit, mein Vermögen und damit schalten und walten nach Gutdünken.

Daß i net lach!‹

Das alles ging ihr jetzt durch den Sinn, als sie in ihrem hohen, weiten Atelier auf- und niederwandelte.

Was war aus ihr geworden in diesen Jahren – etwas so Freies.

So, wie in eine andre Luft, war sie gekommen.

Zum ersticken, wenn sie an ihre Schwester dachte, an ihre Mutter.

Die Nacht, in der sie still wie eine Tote in ihrem Bett gelegen hatte, war unvergessen, war eingebrannt in ihr Bewußtsein.

In ihrem innersten Sein bedeutete es nichts, daß es ihr selbst wohl erging.

Sie gehörte doch zu denen, die tief unter dem Begriff Mensch stehen, zu den Körpern ohne Geisteskraft, die beschimpft, mißachtet, ohne Menschenwürde leben, zu der dumpfen, gedankenlosen Hälfte der Menschheit, die nicht das Recht hat, voll Mensch zu sein.

Sie stand jetzt vor dem Tisch, auf welchem die zwei Briefe lagen, einer, der heute gekommen war und ein anderer, der seit drei Wochen hier schon gelegen hatte.

Sie nahm den älteren Brief in die Hand und las ihn wieder.

Von ihrer Schwester Marie aus Berlin ist er, die schreibt ihr nach der Geburt eines Kindes.

Ein wirrer, mit Bleistift gekritzelter Brief:

 

»Ide, Todesqual, vierundzwanzig Stunden lang – wie jedes Mal, von Anfang bis zu Ende entsetzlich.

Nur mein Wille, meine armen Kinder nicht zu verlassen, erhielt mich am Leben. Nicht chloroformiert, weil Kind sonst absterben – – schon angegriffen.

Sonst alles in Ordnung. Henry an Vater
geschrieben. Denk an mich.

Einsam! Einsam!

Weißt noch?

Ade.«

 

O ja, sie wußte!

Sie wußte auch, was Henry, Schwager »Weißröckchen«, wie sie ihn nannte, geschrieben hatte:

»Alles vortrefflich! Das kleine Ungeheuer ist, was man so einen »prächtigen Jungen« nennt! Schwere Entbindung, wie wir das nun einmal in der Gewohnheit haben. Marie befindet sich nach ihren Strapazen jetzt mehr als gut. Der Arzt ist außerordentlich zufrieden. Nicht die geringste Ursache zu Besorgnis.«

Und der heutige Brief. Isolde hatte ihn schon mehrmals gelesen. Sie überflog jetzt noch einmal diese und jene Stelle:

»Mein Mann reist jetzt, weil er ästhetisch gequält ist. Der Herr Wöchner leidet schmerzlich darunter, daß ich meine Mutterpflichten an dem Jüngsten erfülle, – noch schmerzlicher aber darunter, daß ihm jetzt so viel unpoetische Dinge unverhüllt entgegentreten.

Dieser Realität- und Wahrheitfanatiker kann nämlich absolut nicht die Wirklichkeit vertragen.

Und da ich noch vollkommen erschöpft bin, sehr wenig außer Bett sein darf, so kann ich mich nicht mehr als gnädig verhüllende Wolken zwischen ihn und die Wirklichkeit schieben.

Körperschwäche und Ammendienst halten mich von allem zurück. Die einzige Person, die um mich besorgt war, mußte leider sehr bald zurück. Sie war anderweitig engagiert. Die biß für mich etwas Ruhe heraus.

Schade, daß du wegen der armen Mama nicht zu mir kommen durftest. Welcher Trost wäre mir das gewesen!

Seitdem die Wartfrau fort ist, werde ich wieder als »Nützlichkeitstier« von allen behandelt. Wenn ich mich auch kaum bewegen kann vor Schwäche, muß ich doch mindestens ein Kind warten und häufig noch eins dazu beaufsichtigen.

Dann kommt der Gatte und schimpft, daß immer Kinder bei mir sind und klagt den Himmel an, daß er Familienvater ist, dann versuche ich einige seiner Schmerzen zu lindern, bis die meinen zu stark werden. So vergehn im Wechsel meiner Pein die Tage. Ich halte mich an meinen alten Trost: die Zeit steht nicht still. Also muß ein Wechsel kommen.

Henry hat recht, – so komisch es klingt – eine Frau, die ein Kind erwartet, sollte nicht im Hause bleiben. Er ist so sehr empfindlich darin. Es beleidigt seinen Schönheitssinn, mich in diesem Zustand zu sehn. Es ist ihm unerträglich. Ich weiß das. Zuerst erschien es mir ein grausamer Wahnsinn, wie er es sagte; – mir war, als thäte sich ein Abgrund vor mir auf.

Er sprach es so ganz naiv aus, als Künstler, weißt du.

Aber wie alles nun einmal ist, hat er von seinem Standpunkt ganz recht.

Wundert mich, daß es nicht ein solches Gesetz giebt. Für die Frau wäre es im Grunde auch besser.

Meine Ide, schreib mir doch recht bald einen lieben, langen Brief.

Mich verlangt stürmisch danach, denn ganz inwendig sitzt bei mir etwas Heißes – Feuchtes. Das sollst du fortwischen, du hast den Zauber der Liebe, du kannst es.

Vergiß mich ja nicht, Ide! Von dir kommt mein Leben. Was meine Seele auf Erden hat, hat sie von dir! Einzig von dir. Mit dir wachs' ich und denk' ich. Du hältst mich. Laß mich nicht ganz fallen.«



10.

Als Isolde spät abends in dieser Maienzeit mit dem letzten Zug aus Ludwigshöhe nach Haus zurückgekehrt war, befand sie sich in einer wunderlichen Stimmung.

Sie hatte heut ein Stück aus dem Werke ihres guten Freundes gehört.

Das war nicht die Arbeit eines modernen Menschen. So mochte Angelus Silesius gearbeitet haben.

Das war die Offenbarung eines Menschen, der wie die Natur schafft, ohne Eitelkeit, ohne Ehrgeiz, ohne Hast. Das, was er erkannt hat, legt er nieder in einer Form, die mit dem Inhalt in eins wächst, ein ganzes Leben der Erkenntnis.

Wie schön war es da oben gewesen, auf der Insel der Seligen!

Wie glücklich hatten sie zusammengesessen! Lu in ihrer rührend überirdischen Liebe die Hand ihres Mannes haltend, als er las. Dann war sie leise zu Isolde gegangen und hatte deren Kopf an ihre Brust gedrückt.

Wie konnte diese Frau schön sein, wenn es ihr in ihrer großen Liebe wohl auf Erden wurde.

Jede Bewegung von einer süßen, tiefen Zärtlichkeit; in jeder Silbe Wonne und lebendiger Frieden.

Isolde hatte daran gedacht, daß Mrs. Wendland einmal sagte: »Wenn ich die Lu mir vorstelle, seh ich, daß sie genagelt ist an ein Kreuz, mit tausend Rosen überdeckt, ein Golgatha, ganz in Rosen.«

Isolden erschien es immer, als würde der Haushalt da oben in Ludwigshohe von einem großen Kinde geführt.

Nachdem sie so weltentrückt bei einander ge sessen und eine Stunde erlebt hatten, wie sie schöner und reiner auf Erden nicht zu denken ist – Isoldes Buddha hatte auf sie niedergeblickt und wie ein Licht im Zimmer geleuchtet – da war Frau Lu mit einer Schüssel voll Schlagsahne aufgetaucht und einer Kanne holländischen Kakao. Schlagsahne und Kakao gab es da oben immer in der größten Seligkeit und auch wenn sie Kummer hatten. Es war eine ganz naive Art zu leben, die von Frau Lu ausging. Ihren Mann behandelte sie auch so naiv mütterlich: jedenfalls für sie die bequemste Form, ihre strahlende Wärme auf ihn zu richten.

Er wendete sich auch in allem an sie wie an eine Mutter.

Von ihrer Arbeit stand sie auf, kam ganz unvermittelt herein zu ihm und fragte: »Bist du auch wirklich gut zu mir? Hast du mich lieb? Wird alles gut?«

»Es ist alles gut,« sagte er dann.

»Verzeih,« sie durfte nicht fragen. »Ist dir auch ein bisserl wohl? Und das wollte ich noch fragen: Nach dem Bad fühlst du dich doch etwa wie nach einem Spaziergang? – so wie neu? Was?

Weißt du, du mußt mir das immer sagen, dann bin ich nachher viel froher.«

Sie lebte immer in der großen Sehnsucht nach Sonne, nach Sorglosigkeit.

Isolde kam so warmen, weichen Herzens von ihren Freunden zurück, so erfüllt von allem Guten.

Dazu heute der milde duftende Maiabend. Schwere bange Wolken am Himmel, Sternaufflimmern und ein Rauschen der neuen Laubmassen.

Sie fuhr in offener Droschke vom Bahnhof nach Hause.

Mama schlief schon, der Vater war auswärts.

Isolde seufzte auf. Seit Mama die Sorgen losgeworden, war sie immer leidend und oft weinerlicher, kleinmütiger Stimmung. Isolde hatte es nicht leicht mit ihr.

Mama war eine so unbewegliche müde Seele geworden, die sich wie ein Bleigewicht an eine junge Kraft hing. Der Vater lebte, wie er es von je her gethan hatte, nur andern Stils jetzt.

Er hatte sein Heim in Berlin, wie in München, und genoß den Umschwung der Vermögensverhältnisse seiner Frau auf das Energischste.

Der Frau selbst waren die Fähigkeiten, zu genießen, abgestorben, so gar der gute Appetit. Mama war meist leidend und mußte knappe Diät halten.

Die Kräfte aufgebraucht, die Sinne stumpf, so stand sie dem Schicksal gegenüber, wie der Mann ohne Löffel, wenn es Brei regnet. Das war, wenn auch unbewußt, der Grund eines tief innerlichen Mißmutes.

Isolde trat in ihr stilles, ganz von lauem Maienduft erfülltes Zimmer. Vom englischen Garten brachte die feuchte Nachtluft ganze Wolken frischen Laubatems. Sie legte die Hände übers Haupt. Wie empfand sie heute das Frühjahr so stark! Es war etwas Beseligtes in ihr und in vieler Beseligung eine so wehe, weiche Sehnsucht. Sehnsucht nach Liebe, nach zärtlichen Händen, anschmiegen, Eins-werden mit dem andern. Sie wollte tief, tief lieben; nur nicht etwas Halbes!

Ein arbeitendes Weib ohne Liebe! O, nein! Sie lächelte. Nein, sie wollte das ganze Leben haben, das volle, das bis an den Rand volle.

Sie sah ihr Gesicht im Spiegel. Wie beruhigend, welcher Trost, daß sie schön war. Jetzt sollte der kommen, der sie lieben würde – den sie lieben würde. Sie war bereit.

Sie stand fest, da wo sie wollte. Nein, von hier verdrängte sie nichts mehr.

Jetzt konnte sie lieben! Wie jung sie war! Solch eine Jugend, die schwer an all dem trug, was sie besaß, wie eine beladene Biene, die aus Blumenkelchen kommt. So viel Macht und Willen – und ihr Können! – und die göttlichen selbständigen Stunden! Diese Seelenräusche, die einsamen, in denen ihre Seele untertauchte und badete, und denen sie glückselig und stark entstieg.

Ein Jubel in ihr!

Sie hielt immer noch die Hände über dem Haupt gefaltet.

Ja, jetzt durfte er kommen, der, den sie lieben würde, – jetzt!

Ihr Leben sollte reich und schön werden.

Da kam ihr die Erinnerung, wie sie als Kind vor Henry Mengersens Radierungen gestanden, zum ersten Mal vom großen Geheimnis der Liebe rein berührt, nach jenem frühlingshaften Koboldstreiben unter den Schulmädchen; und wie sie nach Haus gelaufen war, das arme junge Herz zerspringend voll von dem Gefühl: das Herrlichste auf Erden ist Weib sein! – sich opfern!

»Ja, ja,« sagte sie leise, »nur anders. Noch größer muß das Opfer sein. Menschlicher, schöner, bewußter.«

Da lag ein Brief, den sie übersehen hatte.

Sie nahm ihn, schaute auf die Adresse. Eine fremde Hand. Eine Bangigkeit stieg ihr wie von diesem Briefe auf – etwas sie Überschauerndes, Sonderbares.

So erregt war sie in diesen dunkeln Frühlingsstunden!

Eine Frauenschrift – eine gelenke Schrift ohne Charakter, mit blaßbrauner, gewässerter Tinte geschrieben.

»Ein Bettelbrief,« sagte sie sich und öffnete ihn:

»Liebes, hochgeehrtes Fräulein!« las sie.

»Verzeihen Sie einer Ihnen ganz Unbekannten, daß sie sich an Sie wendet. Eine feine junge Dame, wie Sie, lebt so anders wie unsereins und wird sich sehr verwundern. Mißachten Sie mich nicht, ich bitt' Sie recht herzlich darum. Ich steh ganz allein und, liebes Fräulein, ich bitt Sie noch einmal recht herzlich, sein Sie so gut und denken Sie nicht schlecht von mir. Ich bin ein armes Mädchen. Es ist mir immer schlecht und knapp im Leben gegangen. Ich bin. Ladnerin und auch Buchhalterin bisher gewesen und kenne Sie auch, gnädiges Fräulein. Sie haben manchmal unser Geschäft besucht.

Ich bin in Hoffnung, damit ich's nur gesagt hab. Ich hab keinen Pfennig Geld in der Hand und meine Entbindung kann ich jede Stunde erwarten. Glauben Sie mir, nur in der größten Not und Angst wend ich mich an Sie. Die Hebamme, wo ich seit ein paar Tagen wohne, will mich nicht behalten, weil ich ganz mittellos bin. Sie will mich in die Anstalt in der Sonnenstraße schaffen.

Du lieber, guter, barmherziger Gott! Haben Sie Mitleid mit mir!

Ich weiß nicht aus und ein vor Angst. Ich bin guter Leute Kind. Die Eltern sind gestorben. Retten Sie mich, gutes, liebes Fräulein, daß mir das nicht geschieht. Ich stürb vor Scham. Thun Sie was für mich! Der Vater von meinem Kind will nichts mehr von mir wissen. Er hat jetzt eine Andre.

Ach daß er's zuläßt, daß ich dort nieder kommen soll! so nackt und bloß vor aller Augen. Die Hebamme sagt, der Kopf wird einem verdeckt! – Es ist doch auch sein Kind, er hat mich doch einmal gemocht.

Liebes, gutes, barmherziges Fräulein, thun Sie was für mich! Ich bitt Sie so sehr ich kann, mit aufgehobenenen Händen. Gott lohns Ihnen, liebes Fräulein.«

Hier folgte die Adresse der Hebamme und als Nachschrift stand: »Fragen Sie nur nach dem blonden Mädchen aus Aussee.«

Ja, von diesem Brief stieg es bang und schwer auf. Als wenn zwei arme, zitternde Hände sie faßten und zur Thüre drängten, so empfand sie's: »Geh – geh – ach geh doch!«

Sie fühlte sich wie nicht allein in ihrem Zimmer. Das, was aus dem Briefe aufgestiegen, erfüllte es ganz und gar, war leibhaftig da, so weh, so hilflos, hilfesuchend.

Und sie ging.

Da stand sie im Vorhaus, warf im gehen ihren leichten Abendmantel um. Ihr Käppchen stülpte sie auf.

Unter den hohen, flüsternden Pappeln der Leopoldstraße schaute sie noch einmal zum Hause zurück und bemerkte in dem Zimmer ihres Bruders Licht. Der war merkwürdiger Weise schon um diese Zeit zurückgekehrt. Die Fensterflügel standen offen.

Er hatte die Hausthür wohl gehen hören, war ans Fenster getreten und mußte sie bemerkt haben, denn er bog sich hinaus und schaute ihr nach, rief ihren Namen mit einer ganz sonderbaren Betonung, die sie lächeln machte. Jetzt beschleunigte sie ihre Schritte, denn sie fürchtete, er könnte auf den Gedanken kommen, ihr zu folgen.

Am Odeonsplatz nahm sie eine Droschke und fuhr durch die stillen, nächtlichen Straßen; im langsamen Trab ging es vorwärts. Ihr Herz klopfte der fremden Not entgegen.

Vor einem Hause in der Buttermelcher­straße ließ sie halten. Die rote Laterne einer Hebamme leuchtete dort.

Auf Isoldens Läuten öffnete sich die Hausthür und eine starke Person in einem verschabten Prinzeßmorgenkleid, das sie mit einer ordinären Petroleumlampe beleuchtete, trat halbwegs auf die Straße hinaus.

Isolde fragte nach dem Mädchen.

Die Augen der Frau bohrten sich in Isoldens Erscheinung ein, als wollten sie mit einem Blick durchschauen, wie das vornehme, junge Mädchen mit der armen Ladnerin zusammenhing. Was wollte die denn jetzt?

»Wohnt nicht mehr hier?« fragte Isolde enttäuscht.

»Ich habe sie heut in die Sonnenstraße gebracht, gnädiges Fräulein. Da ist sie wohl aufgehoben, besser dran als bei mir. Sehn Sie, unsereins muß oft mehr herhalten als recht ist. Die jungen Mädchen, – wie das so ist, – sparen thuns net, mit ei'mal stehns vor der Be scherung. Da soll die Hebamme herhalten. Wenns irgend angeht, hat er sich bei Zeiten gedrückt. Wissens Fräulein – verzeihens; wir sind doch auch net da, um alles auszubaden. Für solche ist eben die Anstalt in der Sonnenstraße. Möcht wissen für wen sonsten, wenn net für die!«

Die Frau war noch in dem Eifer, den sie angewandt haben mochte, um das unglückliche Mädchen loszuwerden und anzubringen.

»Ich zahl für sie,« sagte Isolde. »Holen Sie sie wieder zu sich. Benutzen Sie gleich meine Droschke. Fahren Sie sofort.«

Isolde war es, als wenn wieder zwei arme, arme Hände sich an sie legten und sie rührend drängten.

»Ein paar Stunden, wanns früher gekommen waren. Jetzt glaub i net. – I mein mal net.«

»Ich zahl für sie,« wiederholte Isolde noch einmal. »Mein Name ist Isolde Frey.«

Da stutzte die Frau eigentümlich.

»Erlaubens, Frey? wenn ich recht gehört habe?«

»Ja, Frey, Leopoldstraße.«

Die Frau schaute Isolden ganz perplex an, schloß die Hausthür, die noch ein wenig offen stand, stellte die Lampe auf den Fußboden neben sich hin und sagte: »Also vom Herrn Bruder geschickt?«

»Von meinem Bruder?« fragte Isolde verständnislos.

»Herr Studiosus Karl Frey?« fragte die Frau noch einmal.

»Das ist mein Bruder.«

»No also! Und der ist auch der Vater von dem Mädchen seinem Kind. So weit als ich die Kleine kenne, ist sie ganz a sauberes Madel, das was auf sich hält. Also da hat er doch noch ein Einsehn gehabt. Ja, die ganz jungen Herren die sind a Kreuz für'n Mädel.«

»Isolde war in der größten Verwirrung. »Ich fahr zu ihr, ich bring sie!« sagte sie heftig. »Kommen Sie nach.« Sie drückte der Hebamme zehn Mark in die Hand. »Alles wird gezahlt.«


* * *


Als Isolde mit zitternder Hand nach der Klingel an dein eisernen Gitterthore des roten Hauses in der Sonnenstraße suchte, schlug ihr das Herz zum zerspringen. Sie war wie im Fieber.

»Unmöglich!« sagte sie immer von neuem leise vor sich hin. – »Unmöglich – unmöglich!«

Ein Grausen vor ihrem Bruder stieg in ihr auf.

Dies blonde, joviale Gesicht – das breite Lächeln, die Wohlbehäbigkeit, die Überhebung in jedem Wort, die herablassende Höflichkeit gegen die Mutter und sie selbst!

Und nichts hatte man diesem Gesicht angesehen, diesem breiten, frechen Gesicht. So behaglich wie immer hatte er dieser Tage ausgesehn, dieselben dummen, faden Witze, dasselbe rekeln und dehnen daheim.

Und feine plumpen Fäuste hatten sich von solch' einem armen, unseligen Herzen losgemacht und seine plumpen Füße waren über ein Menschenwesen hingegangen, das sich ihm in Liebe gegeben hatte!

Als die Thüre geöffnet wurde, konnte Isolde nicht sogleich zu Worte kommen. Dann erfuhr sie das »zu spät«.

»Die müssens schon jetzt hierlassen.«

Isolde stand ratlos.

Die Thüre wurde geschlossen.

Isolde zahlte dem Kutscher. Sie wollte nach Hause gehen. Ja, sie mußte gehen, ihre eigenen Füße gebrauchen, um weiter zu kommen.

Das Kind ihres Bruders wurde da drin in dem Haus geboren von einem armen, ganz verlassenen, preisgegebenen Geschöpf. Weil sie arm war, mußte sie alles über sich ergehen lassen, was an Entsetzen auszudenken ist; weil man ihr Barmherzigkeit erwies, mußte sie mit dem Einzigen, was sie hatte, mit der Scham ihrer armen Seele überzahlen.

Ihre Schmerzen, ihre Todesnot wurden kühl beobachtet, notiert, vielleicht belächelt. Welche Einsamkeit!

Das hatte ihr Bruder der angethan, die er geliebt! die ihm jetzt sein Kind gebar.

In Isoldens Seele wurde etwas starr. In ihren Schläfen hämmerte es vor Empörung. Sie ging, als berührte sie den Boden nicht.

Jeder Blick, den sie heute ins Leben that, in das, was die Menschen »Leben« nennen: Ekel!

Eine Welt für Bestien, für Raubtiere, die einander würgen und die dann fragen: »Wie ist das Böse nur auf unsre gute Welt gekommen!«

Da dachte sie an ihren Freund, der seine Lebenskraft gab, um diesen wunderlichen stumpfen Hirnen die Sinne zu öffnen, dadurch daß er das Wunder und Geheimnis enthüllte, wie das Gute auf diese Welt des Fressens und Gefressenwerdens gekommen ist. Ein Wunder ohne gleichen!


* * *


Am andern Morgen, nach einer schlaflosen Nacht, wurde Isolde zur Mutter gerufen, die sich nicht wohl befand.

Es gab da zu trösten und zu ermutigen.

Die Mutter litt oft an einer plötzlichen nervösen Herzschwäche und war dann in tausend Ängsten um ihr Leben.

»Fühl nur, Isolde, wie der Puls wieder geht, fühl!«

»Garnicht so übel, was willst du denn, wie soll er denn gehn?«

»Meinst du?« fragte Mama aufatmend, »mir war, als wenn er ganz aussetzen thät. Geh bitt', reib mich mal ein bissel in der Herzgegend. Nimm aber Öl an die Finger. – Und dann die Hände – auch reiben – da zuckts und druckts bis in die Fingerspitzen. Ah – ah.« Mama stöhnte.

Isolde rieb und tröstete.

»Die Angst! die Angst! – ach Isolde! So was kannst du dir nicht vorstellen, wie das ist!

Geh, gieb mir mein Brompulverl.«

»'s ist ja keins mehr da, du weißt ja.«

»Dann laß es in der Apotheke schnell machen: aber schnell ein bissel.«

Isolde ging, um es einem der Mädchen zu übergeben. Auf dem Vorsaal hörte sie im Speisezimmer ihren Bruder schelten.

Das Zimmermädchen, das den Theetisch zu besorgen hatte, kam aus der Thür.

»Der Lachsschinken für den jungen Herrn ist net vom Dallmeier geholt,« sagte sie.

Da that sich die Thür auf und Karl erschien auf der Schwelle. Er hatte Isolde gehört. »Möchte wissen,« rief er, »wie oft ichs noch wiederholen muß, daß ich keinen andern Schinken mag. Ich dächte Isolde, du thätest dir auch kein Bein ausreißen, wenn du den Dienstboten ein bissel besser auf die Finger passen thät'st!«

Isolde starrte den kauenden Bruder wie eine unbegreifliche Erscheinung an. Er wollte eben die Thüre wieder schließen. »Übrigens wo warst du gestern Abend?« fragte er barsch.

Isolde wendete ihm den Rücken. Karl schloß die Thüre heftig. Als Isolde endlich von allem, was diesen Morgen sie bedrängt und aufgehalten hatte, frei gekommen und bereit war, dahin zu gehen wohin es sie wie mit Händen zog, hörte sie ihren Bruder behaglich mit dem Vater lachen und plaudern.

Die Stunde nach dem Morgenthee verbrachten Vater und Sohn gewöhnlich im Frühstückszimmer, Zeitung lesend und rauchend. Isolden grauste es vor der vollen männlichen, sorglosen Stimme ihres Bruders, in der so viel Wohlbefinden lag.

Die behagliche Stimme verfolgte sie noch auf der Straße und trieb sie wie mit einer Peitsche an.


* * *


Und jetzt stand sie wieder vor dem stattlichen roten Haus und drückte wieder bang in schwerer Erregung auf die Klingel.

Sie that ihre Frage und bekam etwas zur Antwort, etwas, das ihr das Blut wie einen Strahl zum Herzen trieb, und die Augen verdunkelte.

Sie hatten das Mädchen auf die Anatomie gebracht.

»Wie?« fragte Isolde verwirrt. »Ich will hin,« sagte sie.

»Heut könnens auch hin,« meinte die Person, die geöffnet hatte. »Aber ich möchts Ihna net raten.«


* * *


In einem öden, breiten Gang, wie sie offiziellen Gebäuden eigen sind, stand sie, bis eine Art Hausmeister sie in den Saal führte.

Ein kahler Raum, die untere Hälfte der Fen­sterscheiben mit weißer Ölfarbe verstrichen.

Die Wände grauweiß, lange graue Tische, grauer Steinboden – dort um den Tisch, da standen sie dicht gedrängt.

Da lag ihres Bruders Weib nackt vor kalten Blicken. Neben der Mutter, ihres Bruders Kind, wie eine welke Blütenknospe, formlos, schlaff. Isolde drückte sich an die graue Wand und starrte auf die Gruppe junger Männer in weißen Röcken und auf den langgestreckten, nackten, zermarterten Leib.

Ein weißes, starres Gesicht mit geschlossenen Augen, die Stirn von blonden Löckchen umrahmt, lag wie im tiefen, reinen Schlaf, einen wehen, eisernen Schmerzenszug um die blauen Lippen.

Isolde starrte auf diesen Zug. Der Brief des armen Dings knisterte noch in ihrer Tasche. Sie faßte danach. Sie hielt ihn fest in der Hand, wie ein wichtiges Dokument.

Da fuhr ein furchtbarer Schnitt über Brust und Leib des toten Weibes. Das stille reine Gesicht mit den schweren, starren Augenlidern lag teilnahmlos, voll rührender Hoheit über all dem Entsetzen, dem blutigen Gräßlichen, was da geschah.

Da traf Isoldens Ohr ein Lachen, ein so widerlicher Witz. Der krallte sich in ihre Seele ein und haftet da, ein Witz, so voller Weib-Verachtung.

Das jammervoll zerrissene, zermarterte Geschöpf hatte dazu herausgefordert. Der zu Tode gepeinigte Körper predigte vom Leiden des Weibes, von seinem Opfer.

Die Weißbeschürzten fühlten sich im Besitz strotzender Kräfte, strammer Jugend. Da lag der ganze Jammer des Weibes vor ihnen, war ihnen preisgegeben; und das stille Gesicht in seiner Hoheit, das die Welt und den Schmerz überwunden, was wollte das? Was sagte das?

›Du Schmerzenshoheit, du Todeshoheit!‹ dachte Isolde, ›wie stehst du doch über allem, bist größer als alles!‹

Sie hätte sterben mögen vor Ekel und Entsetzen, wäre dies stille Gesicht nicht gewesen.

Der zerrissene, unverhüllte Körper, der hier vor frechen kalten Blicken lag, war das Weib, dem alles ohne Scheu geboten werden konnte, das Weib, das nie zur Menschenwürde noch gelangt war.

Etwas wie fanatischer Jubel regte sich in Isolde, weil sie zu den Niederen, den Erniedrigten gehörte.

Die Witze galten ihr! Sie teilte sich darein mit dem zerfetzten Leib dort!

Aber das stille, unberührte Antlitz mit dem furchtbar starren Zug leuchtete wie ein Licht unter den gemeinen, rohen, lebendigen Gesichtern.

Ihres Bruders kauendes Gesicht wurde überstrahlt wie von einer Sonne.

Da war etwas in dem Totenantlitz, etwas Sieghaftes. Und dies Sieghafte fühlte sie in sich selbst.

Sie preßte die Hände an ihre Brust.

Wie ein Schatten, wie in sich selbst verkrochen, stand sie ganz entrückt.

Es war ihr, als hörte sie ihren eignen Namen da an dem Tische mit Entrüstung aussprechen. ›Es wird mich einer oder der andre wohl kennen,‹ dachte sie kühl.

Ja, da ist etwas groß geworden im Weibe, – unüberwindlich, groß durch Schmach. Mitten in dem dummen, albernen, unentwickelten ist eine Kraft gewachsen, die Kraft, die durch Leiden, Verachtung, Verstoßung wächst.

Hellsehend überschaut Isolde das rechtlose, zum Halbtier herabgedrückte, geistberaubte, schmerzbeladne Weibtum dieser Welt.

Das lallende, unbewußte, demütige, dumme, niedere, das alles hinnimmt ohne Gegenwehr wie der blutige Leichnam dort.

Aber das heilige Weibantlitz, das unerschütterliche in diesem Antlitz, das war das Begei­sternde – das Lebendige, die große Hoffnung.

Als vier Fäuste den Leichnam achtlos, ohne jede Barmherzigkeit, die der junge, schmerzzermarterte, verlassene Leib als heiliges Recht hätte verlangen dürfen, in eine Kiste warfen, wie etwas völlig Abgethanes und das Kind auf den Körper der Mutter fallen ließen, und der flache Kistendeckel, der zum Sarg der Aller-Allerärmsten gehört und den sie den »Nasentetscher« nennen, darüber gelegt wurde, da war die Tragödie zu Ende.

In Isolden stieg einen Augenblick der Gedanke auf, daß sie einen menschenwürdigen Sarg für den armen toten Leib besorgen wollte.

Aber nein, daran nicht rühren! Sie ging, die ganze Seele voller Weltliebe, bereit sich zu opfern, – bereit, mit ihrem Leben einzustehen gegen die ganze Welt.

Und draußen war voller Frühling, Werdelust und Werdekraft in der warmen, sonnendurchströmten Luft.

Sie atmete tief, tief auf und ging an den gedankenlosen, hetzenden Menschen wie an Larven vorüber. Bis in die kleinste Faser war sie jetzt lebendig und wach, sich ihrer selbst bewußt, ihr Wille so mächtig. Alle Alltagsgesichter, die ihr begegneten, waren ihr wie durchsichtig, das dumpfe Befangensein in diesen Köpfen fühlte sie. Wie Tote erschienen sie ihr alle, im Gegensatz zu sich selbst.

Sie aber lebte!


* * *


Sie blieb über Mittag in ihrem Atelier. Unmöglich hätte sie heut ihrem Bruder gegenübersitzen können.

In dem großen, weiten Atelier wanderte sie auf und nieder, durchmaß breite Strecken in diesem stundenlangen, unaufhörlichen Sich-hin-und-her-bewegen.

Über ihr webten und wirkten wieder die Schwalben mit ihren seidenen Tönen Fäden über den blauen Himmelsraum.

Wie sie ihr zu Herzen drangen, diese Sommerlaute!

Und immer dieses starke, weite, alles überwindende Lebendig-sein! Dieser große Wille, dies Sich-opfern-wollen!


* * *


Erst am Abend wagte sie sich zaghaft nach Haus.

Im Wohnzimmer traf sie auf ihren Vater. Noch immer war er eine stattliche Persönlichkeit, mit einer Weltzufriedenheit im Auge jetzt, ein zufriedener Prophet.

Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand weich auf die Schulter.

»Déesse! Extravaganzen! Du bist – da – heut gesehen worden, bestes Kind!«

Isolde blickte ihren Vater mit großen Augen an.

»Karin ist es mitgeteilt worden. Déesse! – Kind!«

Eine Würde sondergleichen ging von der mächtigen Persönlichkeit aus.

Isolde erwiderte mit keinem Wort.

Der Vater schwieg auch.

Seine volle, lebendige Hand lag noch immer auf Isoldens Schulter.

»Sag mal, Kind,« begann er wieder, »was ging das dich eigentlich an? Wie kommst du darauf? Weißt du, Déesse, das ist im vollen Sinn eine Taktlosigkeit! Mir vollkommen unverständlich, wie du darauf gekommen bist. Spionierst du vielleicht? Kontrolierst du vielleicht auch . . . . .« Doktor Frey sprach nicht aus.

»Weißt du, mein Kind, Karl ist ein junger Mann – kein Pensionsmädel, braucht keine Governeß.

Hat der arme Junge Unglück gehabt – laß deine Finger davon. Laß ihn! Karl ist wild über dein Betragen. Meinst du denn, daß es ihm angenehm war von deiner Anwesenheit – dort – zu hören? Junge Leute untereinander! Teufel auch! Davon verstehst du nichts. – Was für ein Gesicht soll er denn machen, wenn das von dir erzählt wird?«

»Ja, – weißt du, Isolde, das ist denn doch zu toll!« das war Karl, der das sagte. Er stand in der Thür, voll, breit, schwerfällig, empört. Die Weste stand ihm offen. Sein Gesicht war stark gerötet. »Fahr du nur so fort mit deinen Überspanntheiten, du verrücktes Huhn, das wird noch gut werden, du kannst so bleiben! Heirat endlich, damit man Ruh hat!« Er trat in das Zimmer zurück, aus dem er gekommen war und warf die Thür mit voller Gewalt ins Schloß.

»Ein ander Mal laß ihn ungeschoren,« sagte Doktor Frey. »Kein Mensch hätte von der Af­faire gehört. Nicht eine Stunde wär der Frieden gestört, – und nun! Du weißt, daß ich Ärger im Haus nicht ertragen kann.«

Mama machte die Thür vorsichtig auf. »Ach Gott – was ist denn?«

Isolde steht bleich, in sich zusammengefaßt, wie eine Weltdame, die in einer leichten Unterhaltung gestört wird.

»Garnichts, liebe Mama. Nicht der Rede wert – etwas ganz Alltägliches.«



11.

Sie hatte so in sich selbst verschlossen gelebt – in ihrer Arbeit.

Sie hatte gewissermaßen nicht für ihre eigene Person erstrebt, was sie nun anfing, zu besitzen.

Das Weib in ihr war es, was sich mühte, was rang, was ein Ziel verfolgte, was tief erregt bei jedem Mißlingen verzweifelte, was aufjauchzte bei jedem Gelingen.

Sie wollte den Begriff Weib in sich selbst umwerten, umgestalten. Erlöser-Seligkeit und Schmerzen standen ihrer Seele nach.

Weltfremd, jahrelang nur von einem fanatischen Arbeitsgeist besessen, war ihr vieles jetzt so neu.

Wie mit wunden Nerven hatte sie seit jener Nacht vor fünf Jahren das Weib-sein empfunden. Das Geschöpf zweiter Klasse sein, das Ausgeschlossen-sein von allem geistig Lebendigen, das Stehengebliebene, Unentwickelte – nur Körperliche.

Es war so etwas Trauriges – um das Weib . . .

Sie arbeitete fanatisch, sprach aber zu keinem von ihrer Arbeit – kein Wort über Kunst! Taktlos – albern von einem Weib. Wozu? Einfach lächerlich!

Wo sie hinblickte, traf sie auf eine schmähliche Kränkung.

Jedes Buch, das sie aufschlug, bestätigte was sie empfand.

Begeisterte sie sich an einem großen Geist der Vergangenheit, mußte sie vergessen und darüber hinwegsehen, daß dieser Geist nicht über die Erde gegangen war, ohne daß er dem Weib ein neues Schandmal aufgedrückt hatte. – Wie ein Fluch traf sie es, als sie auch durchschaut hatte, daß Buddha, der Wundervolle, der Tiefste der Tiefen, der Welterlöser, Leidensüberwinder, das Weib ausgeschlossen hatte – ausgeschlossen aus ihrem ureigensten Reich der Leidensüberwindung und Erkenntnis des Leidens.

Wohin sie sah, Schmach!

Sie litt unter der scharfen Einsicht in ihrer Lage – der Lage des Weibes.

Wie ein leidenschaftlicher – verzweifelter Fanatismus ergriff sie es oft.

Ihre Seele war so eine freie und frohe. Stolz, ausgelassen, freiheitstrunken wäre sie gern gewesen – wenn sie nicht immer alles gesehen und durchschaut hätte.

Wie Peitschenhiebe fuhr es oft über sie hin.

Sie konnte nicht so dumpf leben wie die andern – so breit, behaglich, angebetet und verachtet. Das stille, starre Totengesicht mit dem Zug der Weltüberwindung, der Schmerzüberwindung verließ sie jetzt seit Wochen nicht. – Sie wollte und mußte dies Antlitz in sich schaffen. –

Sie wollte etwas bilden. – Das Antlitz des Weibes.

In dieser Zeit hörte sie zum ersten Mal mit Bewußtsein von der unglaublich wunderlich­sten Sklavenbewegung.

Das Weib begann zu revoltieren, das Weib, das, so lang es Menschen auf Erden giebt, sich geduckt hatte. Das unüberschaubare Zeiten sich hatte treten und mißhandeln lassen, das wie ein hungriges Raubtier seit Jahrtausenden was es wollte, erlistet und erschlichen hatte.

In einer kleinen Provinzstadt, in einer Kochschule war ein sonniger Saal mit Tannenguirlanden und frischen Laubgewinden, Blumensträußen und Fähnchen dekoriert. Da kamen die Frauen zusammen.

Isolde trat etwas spät, von der Reise ermüdet, in den Saal ein, als schon alle versammelt waren.

Eine heiße, sonnige Luft.

Das welkende Laub strömte betäubend duftend seine Säfte aus. So etwas Mattes, wie Herbstgeruch in der schwülen Luft.

Kleiderstoffe, ein ganzes Feld von Hüten aller Arten und Formen. –

Häßlich, wie jede Menschenansammlung, eine Anhäufung von Lappen, die alles Mensch­liche versteckt, etwas Formloses, Totes, Trocknes.

Diese vielen Frauen, in ihren vielen Kleidern, bedrückten und verstimmten Isolde.

Aus all dem Wust die kleinen, welken, dummen, vom Leben angekränkelten Mondchen, die menschlichen Gesichter.

Was für ein Angefaultes, Angefressenes ist so eine Menschenmenge! – so etwas Trauriges, Schauriges, kümmerlich Verdecktes.

Vor weißverhangenen, sonnenbeschienenen Vorhängen saßen die Frauen vom Vorstand, kräftige Matronen; ein schmaler, langer Tisch vor ihnen. Die weißen, blendenden Vorhänge hinter ihnen ließen sie wie kompakte, schwarze Schatten erscheinen.

Die Versammlung wurde in würdiger Form geleitet.

Ein Präsident konnte den Reichstag nicht vortrefflicher eröffnen.

Aus der Menge erhob sich hin und wieder aufgefordert eine und sprach, mit einem befangenen Stimmchen, von ungeheuren Dingen, unter denen die Menschheit seufzt.

Sie faßte diese Dinge bei einem kleinen Zipfel und zeigte ihn wie ein winziges Pröbchen von einem ganz wunderbaren, riesigen Stoff, in den ungeheure Gestalten, geheimnisvolle, mächtige Muster eingewirkt sind.


* * *


Isolde kannte ein altes Kloster in Südtirol, das hoch auf einem Felsen liegt, ein Kloster zur ewigen Anbetung.

Sie hatte einen Winter mit ihrer Mutter in Südtirol zugebracht und am Allerseelentag war sie zu diesem Kloster in der Dämmerung hinaufgestiegen.

Weißverhangener Himmel, als wollte schon Schnee kommen; Regen rieselte, und Nebel stiegen dicht aus dem Thal auf und schieden das Kloster zur ewigen Anbetung von aller Welt ab, so daß es von keinem Auge mehr gesehen wurde. Geheimnisvoll, wie eine Gralsburg, schimmerte, wenn der Nebel ein wenig riß, ein Turm, eine Fensterreihe, wie mitten aus Wolken.

Eine unsagbare Einsamkeit war da oben – eine herzbeklemmende, bange Einsamkeit.

Und hoch vom Felsen, aus der kleinen, im tiefen Nebel verborgenen uralten Kloster­kirche heraus kamen zwei Stimmchen, wie im unendlichen Raume schwebend – so traurig, so weltverlassen. So körperlos mystisch, so übermenschlich weh sangen die Stimmchen am Allerseelentag vom Tod und vom Leiden der Welt.

Dieselben Stimmchen, im Raume schwebend, drangen jetzt wieder zu ihr, rührend, weltfremd, schmerzbeladen, ihre Seele bedrängend. Dazu parlamentarische Würde und Sicherheit, ein ganz wunderliches Gemisch. So etwas Strammes, als hätten die mächtigen dunkeln Schatten der Frauen am Vorstandstisch, vor dem grellen Hintergrund, Boden unter den Füßen und könnten auf eignem Grund sich regen, so etwas Gesetzmäßiges, Wichtiges, als wären die Gesetze schon da, um besser, menschenwürdiger zu leben.

Dazu der Saal mit den Guirlanden und Fähnchen! so unbeholfen sicher. Ein ganz eigner banger Eindruck.

In Isoldens Seele war das reine Totenangesicht wie eingebrannt. Das Gesicht, das mit seinem Ausdruck des Großgewordenen durch Leiden, wie eine Sonne alle lebendigen, befriedigten Gesichter überstrahlte. Es wurde ihr hier schwerer an dies Gesicht zu glauben, als irgendwo sonst.

Und doch – in den weltfremden, weltverlassenen Stimmchen, zitterten Laute, so rührend und lallend sie auch klangen, in denen das ganz Tiefe, das große Wollen lag – das Wollen, das sich Bahn bricht, sei es wie es sei.


* * *


Isolde träumte, während die kompakten Schatten Bericht erstatteten, was in Sache der Frauen in diesem Jahr geschehen und nicht geschehen war. Gut bürgerliche Vereinsbefriedigung lag währenddem über ihnen.

Isolde träumte, daß sie aufgestanden und an den Tisch vor den gelben Sonnenhintergrund getreten wäre und in die Blendung hinein und zu den mächtigen, dunkeln Schatten gesprochen hätte:

»Würdige Frauen, laßt doch eure Barmherzigkeit jung sein! Jung und stark.

Laßt sie nicht alte ausgekrochne, ausgeschlichne Geleise schleichen.

Thut doch etwas ganz Erstaunliches! Etwas, worüber die Welt in Lachen ausbricht, in Zorn und Wut. Weil ihr zu trotten versucht, wie der Mann trottet, so schwer und bedächtig – glaubt ihr, ihr habt es schon erreicht, was ihr wollt – oder werdet's erreichen? – O weh, etwas Altes!«

Aber das klagende Stimmchen im Raum ist noch so jung.

»Ich beschwöre euch, thut etwas Königliches, etwas Freies! Nichts Althergebrachtes. Nichts Kluges – nichts Vernünftiges – laßt die That der Frau wie eine lang verschüttete, eingeengte Quelle mächtig rücksichtslos hervorsprudeln – thut etwas, das davon zeugt, daß ihr den großen Willen habt, den weltüberwindenden Willen. Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken. Bereitet dem jungen starken Weib ein Nest.

Ein eignes Nest mitten in der harten, frechen Welt. Baut eine uneinnehmbare Veste aus eurem Willen. Ohne daß ein Funke von Verachtung in eurem Blick aufsteigt, laßt in unangetasteter Reinheit das junge Weib ein Kind ihr eigen nennen dürfen. – Ein Kind und Arbeit! Gebt ihnen Arbeit, bei der ihnen die Seele weit wird, und ein Kind, das ihnen das Herz froh macht. Seht ihr – ich gebe euch den großen Willen – nehmt ihn!

Laßt sie nicht in der Arbeit, nach einem Kind hungernd, wie ein Raubtier verlangen.

Macht etwas Ganzes aus ihr!

Breitet eure großen Flügel aus wie Glucken und laßt ihnen nichts geschehn!

Schützt sie, und sie sind geschützt, sagt, sie sind ehrbar – und sie sind ehrbar.

Schlagt ihn, er hat keinen Freund!

Aber hat er einen Freund, wer will den Menschen dann berühren? Wer kann ihm ernstlich schaden?

Des Menschen Wille schafft die Welt! Weshalb dem jungen Weib nicht ein Nest, worin es werden kann, was es werden will und werden muß, wenn es einmal mit beiden Lungen frei atmen kann, wie ein Geschöpf Gottes und beides hat, ein Kind und Arbeit. Und aus diesem kleinen Nest wird eine neue starke Menschheit kommen – allen zum Trotz, die eine Menschheit von Sklaven und Haustieren wollen.

Achtung wird das Weib unter der Sonne genießen.

Lachen und jubeln wirds!

Die ungeheure Gesetzeslast und die Mißachtung hat die Frau mit einem leichten Fußtritt bei Seite geschoben wie durch ein Wunder, und wieder wie durch ein Wunder ist sie nun frei geworden – und sieht, daß sie nie gefangen war.

Streicht ihr über die verwirrten Augen mit sanften, klugen, wollenden Mutterhänden! und breitet die großen Flügel aus wie Glucken.«

So hatte Isolde, im Stuhl zurückgelehnt, thöricht geträumt, gerade als die würdigen Frauen am Vorstandstisch die Frage aufwarfen: »Soll die Frau den Titel des Mannes führen oder nicht?«

Und dann kam wieder eine andre sehr vernünftige, untadelhafte Frage – sehr korrekt.

Isolden war es zu Mute, als müßte draußen ein dunkles, starkes Gewitter ausbrechen.

Es schien aber helle, grelle Julisonne, kein Wölkchen am Himmel. Schwüle, erdrückende Schwüle im Saal. Die Laubguirlanden strömten ihre Säfte aus.

Es duftete nach sterbendem Laub und heißen Körpern, eine einschläfernde Atmosphäre.

Und doch stieg aus dieser drückenden Atmosphäre etwas Starkes, Lebendiges auf. Für eine feine Seele voller Weltliebe war es auch zu spüren.

Aber was ein Sturm sein sollte, war noch ein kleiner, spitzer Luftzug wie aus einer Fensterritze.



12.

Es war in diesem selben Jahr, Weihnachts-Heiligerabend. –

Der Zusammenschlag aller Herzen, alter und junger, trauriger und fröhlicher, durchzieht wie ein mächtiger Strom die Stadt, liegt wie ein leuchtender Nebel über den Häusern, klingt von den Türmen in vollen, schweren Tönen, hallt in den Schritten der Menschen, die durch die Straßen eilen.

Weihnacht! Weihnacht! Weihnacht!

Der großen Weihnachtsstimmung kann kein Herz entfliehen und wenn es sich in seinem Weh bis in den dumpfsten, tiefsten Keller vergrübe. Es müßte mit hinein in den Zusammenschlag.

Da fühlt ihr's einmal: das »All-Eine«. Das Zusammenfließen der Seelen, das Empfinden, Früchte an einem Baum zu sein.

In allen Heimstätten, feiern sie Weihnachten.

Aus den Fenstern der Häuser an der Leopoldstraße strahlt es festlich in die Nacht hinaus, glänzen die lichtvollen Weihnachtsbäume wie Sterneninseln.

Draußen leichter, schon hart getretener Schnee und doch ein milder Winterabend, zwischen Gefrieren und Tauen. Die hohen, kahlen Pappeln ragen schattenhaft zart in den blanken Sternenhimmel hinein.

Stadtgeräusche klingen heut anders als sonst, so scheint es jedem. Die Pferdebahn kommt so eilig, weihnachtlich daher. Die Droschken fahren, als führen sie irgend eine Überraschung zu irgend einem Ziel.

Ja, lebendiger ist alles, als sonst und heimlicher.

Einer scheint dem andern noch bekannt. Man freut sich mit denen, die sich freuen können und freuen. Das fremde Leid greift zum Herzen und nicht nur an die Nerven, und auch nicht nur zum Herzen, nein, bis in den Geldbeutel hinein, der tiefer und unzugänglicher beim menschlichen Geschöpf sitzt als Herz und Nieren.

Ja, ein schöner Abend, ein sehr merkwürdiger Abend, der Abend der Weihnachts-Heiligennacht.

Bei Doktor Freys waren sie auch in Feststimmung und Festerwartung.

Die Mutter, Isolde und Bruder Karl sitzen im Salon und warten auf den Vater, um im Speisezimmer den Weihnachtsbaum anzuzünden und dann während des Lichterglanzes ein kleines, festliches Abendessen miteinander zu verzehren – und Frau Doktor Frey ihr Haferschleimsüppchen.

Um den Weihnachtsbaum stehen von Tüchern verdeckte Tische mit Geschenken.

Es ist alles bereit. –

Das Hasten und Eilen des ganzen Tages ist einer leichten Abgespanntheit gewichen. – Der große schöne Baum hell erleuchtet. Tannennadelduft mischt sich mit dem frühlingszarten Atem von Maiglöckchen, Hyazinthen und Tulpen, die in einer schönen Schale, wie ein ganzes Blumenbeet, auf dem großen Tisch im Salon unter der Hängelampe stehen und ihr zu früh erwecktes Leben in die heiße Zimmerluft ausströmen, statt in hellen Maiensonnenschein hinein.

Isolde geht ab und zu in das Weihnachtszimmer, schlingt noch ein paar glänzende Fäden über einen Tannenstrauß mit Rosen, oder ordnet etwas an den Geschenken. Die Ausschmückung des Zimmers zu Weihnachten ist immer ihr Werk gewesen.

Wie fremd sind sich doch die drei wartenden Menschen in dem Salon – komisch fremd.

Mutter, Sohn und Tochter. Fremd wie sich nur Familienglieder sein können. Wie kennen sie jede Äußerlichkeit aneinander, jede Angewohnheit!

Sie kennen sich bis zum Überdruß, das heißt: jedes die Larve des andern.

So sitzen sie und hängen ihren Gedanken nach.

Was weiß Mama von dem inneren Leben ihrer Tochter und Isolde von Mamas innerem Leben?

Sie sieht Mama sitzen in ihrem schwarzseidenen Kleid. So fein ist die Gestalt, das müde Gesicht mit dem leidenden etwas stumpfen Ausdruck. In Mamas Gesicht ist etwas Ausgelöschtes.

Wer hat das ausgelöscht?

Das Leben?

Jedenfalls. Mama wird doch schon alt; noch nicht gar so alt– – nein. Sie ist aber wie mitten im Leben eingeschlafen. Gerade als es anfing gut zu werden.

Isolde denkt, wie Mama sich früher geplagt hat, eigentlich so stumpf wie eine Magd, die fürs Leben gekauft ist, der der Herr kein freundliches Wort zu geben braucht. Er ist ihrer sicher.

Sie kann sich nicht eines besonders liebenswürdigen Ausdruckes erinnern, den der Vater je an Mama gewendet hätte.

›Na Alte‹, so ganz gedankenlos hingesagt – das hört sie in der Erinnerung, so ein klein wenig Ironie dabei – so von oben herab.

Mamas Heirat war eine Liebesheirat gewesen, gegen den Willen ihrer Eltern.

»Ah« – Isolde dehnte sich im Stuhl und streckte die Hände von sich. ›Triste! . . . Gott behüte einem vor so etwas.‹

Mama ist ein Kind geblieben, ein armes unwissendes Kind: – müde gearbeitet, ohne Liebe, ohne Sonne.

Isolde hat das Gefühl, sie möchte zu ihr hingehen und sie küssen und streicheln; dann fängt aber Mama immer zu klagen an um alles Mögliche – und auch darum, daß sie zu nichts Appetit hat und nichts vertragen kann.

Isolde weiß das schon.

Es ist für Mama nicht gut, zärtlich mit ihr zu sein. Sie kann damit nichts mehr anfangen.

Isolde denkt daran, wie Papa vor Jahren Mrs. Wendland den Hof gemacht hat. Er hat immer irgend eine Flamme gehabt.

Komisch, wie eigentlich Mama sich damit abgefunden hat. Sie weiß von Mamas Art zu denken und zu fühlen gar nichts. Und jetzt ist's mit Papa auch nicht so ganz geheuer. Er ist gar zu vortrefflicher Laune.

Isolde erinnert sich daran, wie damals Papa sich vor Mrs. Wendlands Thür in einen Gentleman verwandelt hatte und wie Marie und sie selbst darüber entsetzt waren.

Ja, das war sehr sonderbar gewesen, unvergeßlich sonderbar. Sie hatten jetzt fast immer einen wohlsoignierten, blühenden, jovialen Papa, gutgekleidet, jugendlich, von bester Gesundheit und vortrefflich im Betragen.

Allerdings hatten sie dies Vergnügen nicht allzu oft, denn er hielt sich viel in Berlin auf und auch in München war er, wie immer, der Vielbegehrte.

Aber merkwürdig daß er heut nicht kam, heut am Weihnachts-Heiligenabend.

Mama saß ganz still wie vor sich hinbrütend. Ungeduldig hatte Isolde Mama überhaupt nie gesehen, und eigentlich kannte sie Mama zumeist nur wartend, – auf den Vater wartend. Auch nachts wartete sie – lang, lang, das wußte Isolde ja. Mama wartete von jeher nachts und schlief nicht eher ein, bis der Vater kam.

Was mochte wohl Mama ihr Lebtag diese vielen, vielen Stunden gedacht haben?

Schrecklich.

Wie in sich verschlossen sie doch war. Ganz geheimnisvoll – Nachttier-haft, rührend ihre eignen dunkeln Wege gehend. Wie sah Mamas Leben aus, wenn man es mit ihren eignen Augen betrachtete?

Isolde konnte die Blicke von Mama gar nicht weg wenden.

Karl hob sich aus seinem Fauteuil, in den er sich hineingerekelt hatte – zog seine Uhr – »Neune schon!«

Seine Stimme war erregt. Karl hatte auch heute Abend außer der Familienfeier etwas vor.

Natürlich.

Er ging ein paar Mal im Salon auf und nieder, griff nach der Abendzeitung zum so und so vieltem Mal und versank wieder in dem weichen, bequemen Polster, die Hand in seinem dicken Haarschopf vergraben, die Blicke gedankenlos über das Zeitungsblatt hinschweifend. Mit der Spitze seines Fußes klopfte er ungeduldig im Takt auf das Parkett.

So ein harter trockner Ton.

Isolde wurde ganz nervös davon.

Mama sagt: »Heut kommt Papa aber spät. Das Abendessen wird uns verderben.«

Dann saßen alle drei wieder ganz still eine lange Zeit.

»Karl, klopf nicht so mit dem Fuß auf,« bat Isolde.

Draußen an der Hausthür schellte es auf eine eigentümliche Weise.

»Das ist Papa nicht.« sagt Isolde.

Alle drei schauen wie erschreckt, wie unangenehm berührt.

»Nein, das ist Papa nicht,« sagt Mama auch. »Bewahre.«

»Na, und dreiviertel auf zehn wär's jetzt glücklich.« Karl war sehr ungeduldig geworden.


* * *


Da that sich die Thür auf. Das Zimmermädchen erschien in blendend weißer, festtäglicher Schürze. »Nun,« – Isolde wollte weiter fragen, da sah sie in ein paar wirre entsetzte Augen, in ein erdfahles Gesicht.

Sie fragten jetzt alle drei beunruhigt: »Nun? Was denn? Was ist denn?«

Das starre, erdfahle Gesicht über der weißen Schürze veränderte sich nicht. Die Lippen bewegten sich, um zu sprechen, brachten aber keinen Ton hervor.

»Nun,« fragte Karl, »was ist denn eigentlich los?«

Und da kam es – in abgerissenen, unklaren Worten:

Dem Herrn war was passiert.

Alle drei hatten sich von den Stühlen erhoben und standen und starrten im ersten Augenblick.

Das Hirn will das Schwere nicht ins Bewußtsein aufnehmen, das Leben soll behaglich sein, gleichmäßig. Nur keinen Schreck, keine schlimmen Überraschungen, das empört, das lähmt.

Da drangen Geräusche bis in den Salon, ungeschickte, schwere, fremde Schritte.

Karl stürzte zur Thür.

Bebend, flüsternd sagte Isolde etwas und faßte heftig nach der Hand des Mädchens.

Die starrte ohne Erwiederung – aber der Druck ihrer Hand sagte alles.

Da wendete Isolde ihre Blicke auf die Mutter. Die stand noch unbeweglich – nach irgend einem Halt mit ratlosen Augen suchend.

Isolde trat zu ihr, schlang den Arm um ihre Schultern, um sie zu stützen.

Karl hatte das Zimmer verlassen.

Die Thür war angelehnt geblieben, die Schritte draußen drangen jetzt deutlicher schwer in den Salon.

»Soll der Herr in sein Schlafzimmer gebracht werden?« fragte das Mädchen.

Mama ging jetzt, auf Isolde gestützt, zur Thür hinaus. Es lag etwas Hausfrauliches in der Art, wie sie das that, etwas Geschäftiges – ihre alte Weise. Es gab für sie zu thun. Es mußte für einen Gast gesorgt werden.

Drei Männer hatten Doktor Frey aus der Droschke die Treppe heraufgebracht. Ein Droschkenkutscher, ein Dienstmann und ein Herr hielten den schlaff herabhängenden Arm des Toten gefaßt.

Die Hand des Toten hielt ein mit weißem Wollpelz überzogenes Schäfchen mit rotem Halsband, ein Spielzeug, umklammert.

»Er soll in sein Schlafzimmer gebracht werden,« sagte Mama langsam, völlig klanglos.

Karl stand verblüfft, der Schreck und der Schmerz ließen seine Züge merkwürdig dumm und ratlos im Ausdruck erscheinen.

Die drei Männer folgten Frau Doktor Frey und Isolde.

Jetzt hatte auch Karl seinen Vater mit angefaßt und blickte in das bläuliche, schlappe Gesicht und auf den haltlosen Körper, der einer großen, schweren Masse glich.

Der Droschkenkutscher sagte etwas, um seine Teilnahme auszudrücken, etwas von einem »bösen heiligen Christ« – das klang schaurig, wie die Stimme aus einem alten Märchen.

Mamas in sich gekehrtes Benehmen stach wunderlich gegen das Betragen aller übrigen Personen ab.

Das Hausgesinde war so außer sich, daß ein lautes Schluchzen und Heulen den Raum erfüllte.

Karl hatte das Dumme, Ratlose, Verblüffte in den Zügen.

Isolde war vor Entsetzen ganz überwältigt, wich keinen Schritt von ihrer Mutter – nicht mehr sie zu stützen, um von ihr gestützt zu werden. Und da war über Mama wieder das Nachttierhafte, Geheimnisvolle gekommen, vor dem Isolde vor Jahren sich so gefürchtet hatte.

Wie oft hatte Mama in der langen Ehe ihren Mann tief in der Nacht empfangen, wenn er zu ihr zurückgekehrt war, ohne daß ihr von seiner Seele, seinem Wesen auch nur ein Teilchen mehr gehört hätte, als jetzt. Sein Körper war zu ihr zurückgekehrt – sein für sie toter Körper, nicht anders als heute – nein – nicht anders.

Ihre Ruhe war die Ruhe langen, stummen Leidens, einer langen, schweren Erfahrung.

Sie hatten ihn auf sein Bett ausgestreckt und der Herr, der sich als Arzt vorstellte, versuchte das weiße Wollschaf aus der Hand des Toten zu lösen. Es war ein so ganz unmöglicher Anblick, die gelbe Totenhand um das lächerliche Ding geklammert zu sehn; so leidenschaftlich geklammert. wie der Mensch die lächerlichen Dinge des Lebens umklammert hält.

Es gelang ihm nicht Doktor Frey von diesem komisch grausigen Anhängsel zu befreien.

»Lassen Sie doch,« sagte Mama. Sie hatte den Blick nicht von dieser gelben, armen Hand mit ihrem Spielzeug gewendet.

Jetzt sprach der Arzt mit Karl, gewisser­maßen als mit dem männlichen Oberhaupt der Familie. Er bot seine weitere Hilfe an und that allerhand geflüsterte Fragen. Dann ging er, ein Mann in Amt und Würden, der augenblickliche Beistand der schwer getroffenen Familie.

Isolde lag erschüttert in einem Stuhl, das Gesicht in die Hände vergraben.

Karl ging im Zimmer hin und her und schaffte den Rock des Vaters, den dieser vor dem Ausgehen über den Stuhl vor dem Bett geworfen hatte, stumpf und unbewußt beiseite. Darauf goß er ein halbgefülltes Wasserglas gedankenlos ins Waschbecken. Er machte, wie es schien, Ordnung. Seine Züge verloren für keinen Augenblick das Verblüffte.

Mama kniete neben der Leiche ihres Mannes nieder, nahm die schwere Hand des Toten sanft in die Höhe und versuchte den starren Fingern das Spielzeug zu nehmen. Durch einen Zufall wohl, gelang es ihr leicht. Isolde schaute entsetzt ihrem Thun zu, auch Karl.

Jetzt legte sie die Hand still behutsam zurück und blickte auf.

Ihre beiden Kinder sahen in ein bleiches, rührendes Gesicht, auf das der Schmerz oder sonst ein Gefühl, einen Jugendhauch gelegt hatte.

Es war der Ausdruck einer weltfremden Nonne, die von Dingen sprechen sollte, die ihr nicht über die Lippen wollten, von sündhaften, schweren Dingen. Die Lippen regten sich wohl schon, – die Worte fehlten noch. Wie hilfe­suchend blickte sie auf Karl und Isolde.

»Laßt es ihn nicht entgelten,« sagte sie leise bittend, – »der Vater hatte da was Liebes. Es ist da auch ein Bübchen.«

Sie zeigte auf das kleine Schäfchen wie zur Erläuterung.

So kniete Mama vor ihren Kindern. Die Hände legten sich ihr bei ihrer großen Bitte wie zum Gebet zusammen.

Isolde stürzte mit einem Strom von Thränen zu ihr hin und schlang die Arme um sie und erstickte Mama fast mit ihrer Liebe.

Nun kannte sie Mama. Da lag die arme Seele vor ihr, geläutert wie reines Gold – ganz ausgeglüht. – Weltfremd.

Ihr Lebtag bedrückt und mißachtet, haftete nichts an dieser Seele von Wissen und Macht, nichts, wovon sie irgend eine Ehre hätte; – aber stärker schien da etwas zu sein, als alles Starke auf Erden: das große Welt- und Schmerzüberwindende lag in ihr. Es war in ihr etwas geworden, durch Bedrückung und Mißachtung, etwas so Junges in dieser alten Welt, in der alle Kräfte beladen und ausgenutzt sind, etwas so Unbelastetes.

Isolde hing schluchzend wie in einer erlösenden, seligen Extase an Mama. Ihre Seele verschmolz mit Mamas Seele.

Das war so rein und stark, was sie da in Mama verstand und empfand, so vornehm.

Nichts Größeres auf Erden als Weib sein!

Sie empfand die Kraft ihrer armen Mama, als könne solche Kraft, die alte, müde Menschheit, wenn sie sich frei und bewußt über sie ergösse, erlösen und verjüngen; die Kraft, die in ihrer unscheinbaren, gedrückten Mama verschüttet und begraben war.



13.

Ein dumpfer, bedrückter Winter folgte jenem Weihnachts-Heiligenabend, an dem die Lichter am Baum nicht entzündet wurden.

Der Tod hatte die Lebendigen angestarrt und wie vom Frost gerührt schienen sie eine Zeit lang welk und schlapp geblieben zu sein, bis neuer Lebenssaft ausstieg, neue Triebe die welken, verkümmerten überwuchert hatten. Dann wurde es wieder, als wäre nichts geschehn.

Henry Mengersen zog dieses Frühjahr von Berlin mit Frau und Kindern hinaus in seine Villa nach Ludwigshöhe. Mama freute sich, Tochter und Enkelchen so in nächster Nähe zu wissen.

Marie stand ihr so viel näher als Isolde. Marie war das Weib, das die Wege ging, die sie selbst gegangen war.

Sie konnte Maries Leben mitleben. Marie brauchte garnichts zu sagen. »Das ist nu ma' so, ja, siehst du – das ist nu ma' so.« Das konnte sie immer von Mama hören, wenn sie nur den Mund aufthat, um Mama etwas zu klagen oder zu erzählen.

Mama wußte alles immer schon im voraus.

Sie sah gewissermaßen behaglich zu, wie Marie das Martyrium des jungen Weibes trug, die Extasen des jungen Weibes.

Die Extasen hatten bei Mama nie eine große Rolle gespielt.

Schwere Entbindungen, lange, qualvolle Schwächezustände, kranke Kinder, Geld­sorgen, große Müdigkeit – weiter war ihr nicht viel in der Erinnerung hängen geblieben.

Viel geduldiger als Marie war sie gewesen, dessen entsann sie sich – und das sagte sie auch Marien oftmals – und das kam davon, daß Marie doch nicht so selbstlos war, wie eine Frau sein müßte. Marie war eben auch Papas Tochter. Beide Töchter hatten leider etwas so Aufrührerisches, wenn gleich Marie nicht annähernd wie ihre jüngere Schwester. Aber heute noch konnte Marie ganz verzweifelt Mama um den Hals fallen, solcher Dinge halber, deretwegen eine Frau gar kein Wort verlieren darf, die sich von selbst verstehn. Die Frau hat sich eben nach dem Mann zu richten, und wie der ist, so ist er, und was der thut, das thut er.

Dafür ist er das Haupt der Familie.

Ja und das sagte denn Mama ihr tüchtig.

Das aber war gleichgiltig, Marie nahm nichts an und wenn Mama noch so recht hatte.

In Marie blieb etwas so Wehes, etwas so Sehnsüchtiges. Eine Mutter von fünf Kindern, die Geschichten machte mit Idealen und so etwas!

Nein, Mama hatte auch mit Marie viel Sorge.

Da lobte sie sich Henry Mengersens Schwägerin, Pauline, die in Ludwigshöhe mit Mann und Kindern neben Henry wohnte. Das war eine Frau nach ihrem Sinn. Wenn eine von Mamas Töchtern so geworden wär'. So drall und fidel wie die Frau war! Und so eine bekommt ihre Kinder wie nichts. Frisch vordem, frisch nachdem. Und diese prächtigen Ammen und Wartefrauen und Kinderfrauen, die sie hatte, – ein ganzes Regiment Weiber war da immer im Haus. Und diese Wäsche! Und wie im Hause gegessen wurde! Ja, die verstand was aus sich zu machen. Vor der hatte der Mann auch Respekt.

Ach ja, Mama hatte es nicht leicht mit ihren Töchtern.


* * *


Dies Jahr gab es einen warmen, schönen April.

Es hatte sich oben in Ludwigshöhe in einer Nacht über die Wälder wie zarter, grüner Nebel niedergelassen. Der war wie von den Wäldern eingesogen worden, hatte sich schmeichelnd um die rötlichen, knospenden Buchenkronen gelegt und war daran haften geblieben in Millionen zarter grüner Blättertröpfchen.

Ein Leuchten ging von diesem jungen Grün aus, ein durchsichtiges, unsäglich zartes Schimmern, das die Seelen wie in ein grünes, helles Bad tauchen ließ, die armen, rußigen Winterseelen. Und der blaue Maienhimmel dazu, der endlich als helle Sonnenbahn hervorgebrochen war.

Ja, es wurde da oben jetzt schön. Die prächtigen Waldgärten mit ihrem knospenden Buchenlaube, der feuchtbraunen Blätterdecke unter den Bäumen, aus der das frische Leben in tausendfältiger Gestalt brach. Hier ein Himmelsschlüssel, ein zerschlissenes dürres Eichenblatt um den Stengel, dort hebt eine Familie blauer Leberblumen ein ganzes Stück Laubdecke in die Höhe. Wie ein blauer Blick schaut es aus dem Erdreich.

In Gebers Garten blüht es wie jedes Jahr auch heuer an allen Ecken und Enden.

Sie waren die ersten Ansiedler hier oben gewesen. Bei ihnen hatte sich schon so mancher Obstbaum heimisch eingewurzelt und blühte zwischen den kleinen Tannen und zarten Birken und Buchen. –

Frau Lu hatte so ein paar liebe rosige Kerlchen, gefüllte Kirschbäume gepflanzt, die blühten, als wollten sie sich in ungezählten tausend und abertausend rosigen Blumen­büscheln auflösen; und Apfelbäume, die ihre ersten Knospen jugendsicher trugen.

Aus dem grünen Gras schauten weiße Narzissen und allerhand altmodische Bauernblumen, blaue Träubchen und Goldlack.

Henry Mengersens und seines Bruders Garten haben diesen intimen Reiz nicht, den Frau Lu ihrem Stück Land gegeben hatte; aber in ihrer Art sind sie prächtige Besitztümer, groß und schattig.

Isolde war, weil Marie es brennend wünschte, auf einige Tage hinauf zu ihr nach Ludwigshöhe gekommen.

Sie hatte da oben, wenn sie ihre Schwester zu besuchen kam, ein kleines Zimmer in dem Gartenhäuschen einer Nachbarvilla als Absteigequartier.

Henry Mengersens Gastfreundschaft anzunehmen vermied sie, wenn es sich thun ließ.

Es war da auch etwas, was sie in seinem Hause bedrückte und erregte. Sie kannte das unermüdliche Werben ihrer Schwester um sein Sich-geistig-ihr-mitteilen auf die Länge nicht ertragen.

Quälend war es Isolden von jeher gewesen, Marie im Atelier zu beobachten, wenn Henry einem Gast eine neue Arbeit zeigte. Marie ließ es sich bei solchen Gelegenheiten nicht nehmen, ein wenig die Sachverständige zu spielen.

»Henry rück es doch so – siehst du, hier fällt das Licht nicht gut darauf. – – Und das ist von allem mein Liebling, da liegt etwas darin was einem zu Herzen geht. –

Ich hab dir doch gesagt daß die Leiste zu dem rohen Eichenholz nicht hübsch aussieht – nun findet es Isolde auch – siehst du.«

Sie rückte etwas an einer Staffelei – sie machte ihn aufmerksam, dies oder jenes zu zeigen.

Und jedesmal traf sie derselbe spöttische Blick, sie kühl in ihre Grenzen zurückweisend.

Über Maries Gesicht ging dann der tief wehe Zug, so gekränkt, so überaus demütig.

Isolde wußte sich bei einer solchen Scene kaum zu beherrschen. Ein Gefühl von Haß gegen ihn stieg in ihr auf und zu gleicher Zeit etwas wie Verachtung gegen ihre Schwester, Verachtung und Mitleid.

In den letzten zwei Jahren hatte Isolde bemerkt, daß Marie schwerfälliger in der Art sich auszudrücken geworden war, auch ihr gegenüber. Bis dahin war in Marie ein leidenschaftlicher Zug gewesen, mit der Schwester weiter leben zu wollen. Jetzt stand sie Isolde eigentümlich fremd gegenüber; oder kam es ihr nur so vor? Marie fragte nicht recht was Isolde getrieben, unterhielt sie von Dienstbotenmisere, von Kinderwäsche, klagte endlos über ihr letztes Wochenbett und lobte ihre Schwägerin Pauline, von der sie das letzte Mal gepflegt worden war.

Henry hatte immer gewünscht, daß Marie sich ihrer Schwägerin anschließen möchte, war aber auf Abneigung von Maries Seite gestoßen.

Jetzt war das anders geworden. Marie hatte von ihrer Schwägerin, wie es schien, mancherlei profitiert. Man aß dies Jahr ganz vortrefflich bei Mengersens. Paulinens Hand war überall zu spüren, ein barscherer Ton schien auch in den Verkehr mit den Kindern gekommen zu sein, die Leibwäsche des Kleinen hingegen war um vieles feiner und luxuriöser geworden.


* * *


Kurz ehe das jüngste Kind bei Mengersens geboren worden war, hatte es eine wunder­liche Szene zwischen Mann und Frau gegeben.

Marie, in der Empfindlichkeit ihres Zustandes, war bei einem abweisenden Blick Mengersens nicht demütig, traurig verstummt, sondern in lautes unaufhaltsames Weinen ausgebrochen, war ihrem Gatten zu Füßen gefallen, hatte verzweifelt seine Hände gefaßt und diese Hände heftig geküßt und dabei geschluchzt: »Verstoß mich nicht, – ich bin doch auch ein Mensch!« Und das hatte sie wie sinnlos immer von neuem wiederholt.

Henry Mengersen war diese Szene unbeschreiblich peinlich gewesen.

Was wollten sie denn?

Dieses ewigen ungeschickten Einmischens von ihr in seine eigensten Angelegenheiten war er unendlich überdrüssig geworden.

Sie hatte etwas von einer Fliege an sich, die Geduld und Beharrlichkeit einer Fliege.

Henry Mengersen wußte gar nicht, was er ihr antworten sollte. Er wollte sie nicht erregen, aber er wollte auch nicht schweigen:

»Marie,« sprach er, »was willst du eigentlich? Hast du etwas zu klagen, – so sag's. – Aber dies ewige Nörgeln!«

Er ging heftig im Zimmer auf und nieder und sagte mit unterdrückter Erregung: »Wenn ich offen sein soll, mir ist in einer Künstlerehe, und in einer Ehe überhaupt, der weibliche Abklatsch vom Mann in der Seele zuwider – einfach unerträglich! Bin ich nicht so weit Herr im Hause, daß ich mir gestatten darf, einer Idiosynkrasie, die ich nun einmal habe, auszuweichen? Weshalb ist es denn durchaus nötig, daß du dasselbe, was ich sage, noch einmal verdünnt nachsprichst? Darauf kommt es ja doch hinaus. Sag mal, findest du das so durchaus notwendig, daß du deshalb wieder und wieder kommst und mich peinigst? Ihr habt nun einmal, wie soll ich sagen, – die tierischen Funktionen im Leben zu erfüllen. – Nun, so erfüllt sie.

Jeder das Seine.

Sag doch, was hast du geleistet, das dir das Recht gäbe, mitzureden oder mitzuhandeln? Das was ich errungen habe, rechnest du dir das etwa mit an? Meinst du, man teilt sich in so etwas, wie in eine Torte oder wie in ein Vermögen?

Bitte, mach dir das einmal klar. Die Frauen berühmter Männer versäumen es gewöhnlich, darüber nachzudenken.

Du hast deine Kinder, bist dabei, sie so ziemlich gedankenlos zu erziehen, du stehst deinem Hausstand erträglich vor, läßt mich bei jeder Gelegenheit aber unter deinen Nachlässigkeiten leiden. Erfülle deine Pflichten und laß alles Übrige auf sich beruhen. Nimm dir ein Beispiel an Paulinen, die ist wie eine Frau sein soll. Haben wir uns nun endlich einmal verstanden, Marie?«

Er sah in ein bleiches, thränenloses Gesicht.

»Ja.« sagte sie.

In diesem Augenblick klammerte sich ihre verachtete Seele an die Liebe zu ihren Kindern, und diese Liebe wurde zu einer Extase, die jede Marter des Herzens überwuchs.


* * *


Von diesem Tage an warb sie nicht wieder um die geistige Zugehörigkeit zu ihrem berühmten Gatten. Er hatte von diesem Tag an Ruhe vor »der Fliege«, hatte von diesem Tag an sich eines tadellosen Hauswesens zu erfreuen.

Der Einfluß der Schwägerin Pauline begann zu regieren.

Henry Mengersen lernte jetzt das breite, behagliche Weibtum in seinem Hause kennen, das wie eine Walze alles niederdrückt, was ihm nicht paßt. Aber vorzügliche Mahlzeiten gab es, tadellose Wäsche, geputzte Kinder, ein schwerfälliger Ernst – und das Kleinste war zur Wichtigkeit erhoben.

Ein zarter, zudringlicher Geist, der mit erhobenen Händen unermüdlich gefleht hatte: ›Nimm mich mit, laß mich nicht verschmachten‹, war ver stummt. Diese arme, bittende Seele drängte sich nicht mehr an ihn heran. Ob er das wohl bemerkte?

Den ganz kleinen Kindern vertraute Marie sich an, nahm sie auf den Schoß und klagte es ihnen leise in die Öhrchen, was ihr gethan worden war.

Auch Isolden sagte sie kein Wort. Die fühlte nur eine große Müdigkeit und Stumpfheit in ihrer Schwester, ähnlich der Müdigkeit und Stumpfheit, die sie in Mama empfand. ›Triste‹! dachte Isolde wieder, ›Triste! Gott bewahr einen vor so etwas.‹

Sie war dieses Frühjahr selbst so schwer gestimmt, so schwer wie noch nie.

Es war doch der Tod des Vaters und der Tod selbst, der ihr das Leben so bedeutungslos, so unnötig erscheinen ließ.

Und was für ein Leben lebte sie denn eigentlich selbst? Es spielte sich in ihrem stillen, hohen Atelier ab; da lebte sie – ja – das nannte sie »Leben«, was sie da that.

Zu einer rechten Liebe hatte sie es seit der leidenschaftlichen Anbetung Henrys nicht wieder gebracht, hatte kein einziges Mal warm wieder als Weib empfunden, so viel sie auch begehrt wurde.

Ihr lieber Freund, Lus »Guter« ja, der liebte ihre Seele, dem gegenüber durfte sie sich ganz geben wie sie sich selbst empfand. Ein wunderbares Verhältnis, das sie zu diesem seltnen Mann hatte, so wohlthätig bis in die innersten Nerven.

An dieser Freundschaft war sie gesundet. Bei ihm fühlte sie sich als freies, vollgültiges Geschöpf.

Hier wagte sie zu hoffen, daß sie in ihrer Kunst nach Großem streben dürfe.

»Schaff dir deine Welt; wie du sie schaffst, so ist sie. Sie ist nur in dir selbst, in deiner Vorstellung. Schaff sie dir und glaub an deine Welt!«

Ja, sie hatte an ihre Welt geglaubt.

Wie sie gearbeitet hatte! Ernst und glühend, um die Seele von Schmach zu reinigen.

Henry Mengersen hatte ihr von ihr selbst ein so tief gemeines Bild gezeigt. Ihre junge, heilige Liebe zu ihm, ihr großes Opfer hatte er wie etwas Schmutziges mit dem Fuß beiseite geschoben, so wenig Umstände mit ihr gemacht, wie mit der gemeinsten Straßendirne. Er hatte sie mit seiner Beschimpfung vergiftet, daß sie bis heute nicht wieder gesund hatte werden können, wie andere Leute, die ihre Jugend gedankenlos genießen. Ein tiefer, ungestillter Haß gegen Mengersen war im Grund ihrer Seele.

Jahrelang hatte sie es mit angesehn, wie er ihrer Schwester, seinem Weibe, dasselbe that wie ihr einst, wie er Maries Seele verleugnete und danach schlug, wie nach einem zudringlichen Tier. Er der hochentwickelte Geistesmensch konnte es nicht ertragen, neben sich ein Geschöpf zu dulden, dessen Seele leben wollte. Weil das Geschöpf Weib war, konnte er es nicht ertragen.

Unter solcher Mißachtung leben müssen, fühlen müssen, Kinder gebären müssen!

Ja, schaff dir deine Welt und glaub an deine Welt.

›Und so schuf ich sie mir!‹ dachte Isolde, ›eine so feine Welt! Und meine lieben Nächsten schufen sich die Gegenvorstellung zu meiner Welt. So ziehen die Träume der Menschen gegeneinander zu Felde und vernichten sich gegeneinander. Nur die Träume der Menschen! – und doch welches Leid – welche Qual!‹

Auf Isolde wirkte in diesem Frühjahr alles so schwer und trostlos.

Sie zweifelte an sich.

Stand das, was sie in ihrer Kunst erreicht hatte, irgendwie mit dem großen Fleiß, ihrer großen Hingebung in Einklang?

War es doch nur das elende Mittelmäßige?

Weshalb sollte gerade sie etwas Außer­ordentliches leisten?

Seltenheiten, so viel sie wußte, nur in ganz wenigen Ausnahmefällen, hatte das Weib mehr als Mittelmäßiges geleistet.

Nun, und weshalb sie? – Und wenn auch sie – so war sie eben eine armselige Ausnahme im günstigsten Falle.

Das Widerlichste, das Unerfreulichste auf Erden ist das Mittelmäßige.

Ja, sollte man nicht das Weib mit Feuer und Schwert verfolgen, wenn es die ungeschickte, unbegabte Hand an die Kunst legt?

Isolde empfand den großen Fluch, der auf dem Weibe liegt; erdrückend, atemberaubend.

Nein, es war keine Freude mit klaren Sinnen, geistig so unheimisch auf Erden zu leben.

Das, was sie in jener Nacht empfunden, was ihr den Jugendmut genommen, hatte sich ihr ins Bewußtsein wie eingegraben, daß sie zu der Hälfte der Menschheit gehört, die von allem Geistigen auf Erden ausgeschlossen ist, zu der verdummten, stehengebliebenen, unentwickelten Hälfte der Menschheit, die nur Körper ist, – die nur Körper sein soll, für die Geist etwas Krankhaftes, Widernatürliches, Unanständiges ist, zu der Hälfte der Menschheit, die sie die zarte nennen – und die im Grunde, die robuste, die ungegliederte ist, die allem Feinen, allem Lebensprühenden, Lebenswerten, allem was Geist und Erkenntnis ist, fremd, feindlich, dumm gegenübersteht.


* * *


Isolde machte in dieser Zeit weite Spaziergänge in der Umgegend, währenddem sie dumpf und doch leidenschaftlich vor sich hinbrütete.

Henry Mengersen schien von diesem einsamen Umherschweifen seiner jungen Schwägerin nicht angenehm berührt zu sein.

Er untersagt es ihr.

Sie standen miteinander in seinem Atelier, als er das that.

Es war in diesen langen Jahren keinmal vorgekommen, daß sie ihm Zeit gelassen hatte, sich ihr gegenüber mit ihrer Person zu beschäftigen.

Er hatte ihre Nähe nicht wieder empfunden, seit sie, wie im uralten Märchen, in ihrer großen Schönheit nackt, wie sie zur Welt geboren war, vor ihm gestanden hatte, wie die, die ihre Brust geduldig dem Messer bot, damit ihr Herr genesen sollte.

Nicht um einen Schritt hatte er ihr sich wieder nähern können, als Künstler wohl – und oft – nie als Mensch.

Isolde blickte ihn daher jetzt mit kalten, erstaunten Augen an. Sie würdigte ihn keiner Antwort und verließ das Atelier.


* * *


An diesem Abend fand sie in ihrem Zimmer, als sie spät in der Nacht aus dem Haus ihrer Schwester kam und sich schlafen legen wollte – es waren Gäste bei Mengersens gewesen – ein kleines Paket und einen Brief.

Henry Mengersen schrieb ihr:

»Verzeih, Isolde,« – sie nannten sich ›du‹ auf Mariens ausdrückliche Bitte – »mich beunruhigen deine weiten, einsamen Spaziergänge. Du gestattest mir leider keinen Einfluß auf dich, sonst würde ich dich ersuchen, diese Gänge einzustellen. Ich bitte dich, führe wenigstens dies kleine Ding mit dir, zu deiner Sicherheit. Verstehst du damit umzugehen? Es ist geladen!

Sei vorsichtig!

Schwager Henry.«


Isolde löste das Paket und nahm aus dem Kästchen einen kleinen, zierlichen Revolver.

›Sonderbar,‹ dachte sie.

Und aus diesem »Sonderbar« spann sich eine lange, lange Kette von Gedanken und Gefühlen.

Eine schwere, drückende Kette.

Auf die Kniee war Isolde wie von einer Last niedergezogen; den Kopf an den Tischrand gestützt, so blieb sie lange unbeweglich, den kleinen glatten Revolver zwischen den Fingern. Die Thür ihres ebenerdigen Gartenzimmers stand noch weit offen.

Die herbe, frische Luft, die die schäumende Isar mit sich bringt, drang zu ihr ein.

Da draußen reckte und streckte sich jedes Blättchen, ungeheure Massen zarter, grüner Lebewesen. Es lag ein Werden, ein mächtiges Gedeihen, ein Sich-ausbreiten-wollen im Dunkel.

Die Luft war wie berauscht von all dem jungen Atem, den sie in sich trug.

Isolde schluchzte wild und bitterlich auf.

Was hatte sie im Leben?

Wen hatte sie im Leben?

War denn das, was sie lebte, das Leben? Das wirkliche, wahrhaftige, lebendige Leben?

»Ah – einsam!« Sie reckte die Arme, als wäre sie ans Kreuz geschlagen – und blieb so lange, lange Zeit wie im Schmerz erstarrt.

Über ihr Gesicht rannen langsam Thränen.

Die Seele war von der großen Sehnsucht des Lebens, nach Glück, gepackt. Die jungen, starken Sinne wollten in Daseinsjubel ausbrechen – und hatten nichts, um in Jubel ausbrechen zu können – nichts – gar nichts – auch gar nichts!

Das, was ihr allein lebenswert erschienen war, ihre Kunst, schrumpfte zusammen, zu einem Unsinn, einer Besessenheit, zu einem Unglück.

›Und alles ist wie ein Weinen im Wald‹, klang es ihr durch das Bewußtsein.

Was konnte sie denn? – so ein Tappen im Dunkeln. Es wurde ja doch nichts.

Gegen das was sie wollte – was hatte sie erreicht?

Ja, wäre sie ein Mann! Da lohnte es sich, für die Kunst zu leben und zu sterben, sich martern zu lassen.

Da lag die große, glänzende Vergangenheit des Mannes über seinem Wollen wie eine Sonne, die ihm leuchtete, ihm Leben gab und Mut machte, die ihm alles verhieß.

Aber sie als Weib! Da lag die tote, leblose Vergangenheit des Weibes über ihr wie eine tote, dunkle Masse und drückt und erstickte und machte jede Bewegung schwer, über jeder Hoffnung lag sie, über jeder Freudigkeit – ah – das war etwas Trostloses, da wurde man so müde – so müde. Da sanken die Hände herab in Trostlosigkeit wie vor Unmöglichem.

Und wie war sie trotzdem immer tapfer gewesen!

Aber heute nicht mehr – nein, heute nicht mehr.

Die Arme, die sie wie ans Kreuz geschlagen gehalten hatte, sanken herab.

Nein, heute war sie ganz fertig. Sie hielt noch immer den kleinen glatten Revolver in der Hand. Er war warm geworden von dem Lebensfieber, das in ihr tobte.

Da ging sie nun über die Erde und hatte nichts und hatte niemanden.

Wenn Lus »Guter«, ihr geliebter Freund, noch einmal auf der Welt zu finden wäre – ja – dann!

O, wie geborgen wäre sie dann. – Du glückselige Lu!

Ja, so eine Insel der Seligen, – so geliebt werden – so lieben! Wie ein guter Geist ging er neben Lu her.

Jetzt stellte sie sich vor, wie er sagte: »Du gewinnst in dem Maße, wie du verlierst. Sei selbstlos aus Selbstsucht. Du tauschest den Himmel ein für die Erde, – für den sterblichen Menschen die ewige Gottheit.

Sei selbstlos gegen deinen Nächsten, sei selbstlos gegen Fernstehende, sei selbstlos gegen die ganze Menschheit, gegen alle Wesen, gegen die ganze Welt.

Das ist Erlösung!

Gieb das ›Ich‹ auf und du bist das ›All‹.«

Was für eine Welt war das, in der die beiden lebten? Welch' eine gesegnete, reine; und Lu pflanzte Blumen in diese Welt.

In Lus Augen aber stand immer: »Wirst du mein Lieber, dein Werk vollenden? Wirst du mir auch bleiben? Was kann ich thun, um dich zu halten? Wie soll ich's ertragen, wenn du mir genommen wirst? Was kann ich thun, ich Arme? Ich möchte mich wie einen Teppich zu deinen Füßen legen, wenn es dir hülfe.«

Isolde kannte Lus schmerzvolle Liebe, die den Tod jede Stunde neben dem Liebsten stehen sieht. Es ist leidvoll zu lieben. Aber es ist Leben! Schweres, banges Leben.

Und Isolde lebte nicht!

Leben kann man nur im andern. Sich ganz fühlen kann man nur im andern. Im Zusammenfließen mit einem andern. – Aber wer lebt dann?

Ah – was für ein Schatten sie ist.

Wieder breitet sie die Hände aus, als wäre sie ans Kreuz genagelt. Ihr Gesicht trägt einen bitter wehen Ausdruck.

Welches Unglück ist über sie gekommen!

Ja, davon hat sie doch keine Ahnung gehabt, daß sie so sehr unglücklich war, so ohne Boden für ihre Füße, ohne Halt für ihre Seele – so ein ganz unsäglich verlassenes Geschöpf.

Draußen im Dunkeln das Junge – Neue – Wiedergeborene!

Der Jubel und Atem des Werdens. –

Ja – und auch sie will ihren großen Frühling haben!

Und mit ausgebreiteten Armen kniet sie leidenschaftlich, trotzig, verzweifelt.

Mit dem jungen Laubatem, der zur offnen Thür hereinquoll, kam die heiße, seelenüberquellende Sehnsucht nach einem Kinde über sie mit Frühlingsgewalt.

Sie sehnte sich nach Leben von ihrem Leben, nach dem süßen Körper von ihrem Körper – nach dem Ende der großen Einsamkeit, nach dem Wesen von ihrem Wesen, nach der Verkörperung einer großen Liebe, nach einer so all-einigen Liebe, so eng aneinandergedrängt, so trostreich – so zwei-eins wie Mutter und Kind sind.

Und da war es ihr, als wenn sie sich ganz in Frühlingsthränen auflöste; hingestreckt auf den Teppich, das Gesicht in die Hände vergraben, weinte sie. Und sie wußte von sich nichts mehr, als daß sie weinte – weinte – weinte, wie bewußtlos weinte.

Das war ein warmer Regen sondergleichen, der von der Seele barmherzig alles fortspülen und forttauen wollte, ein so junger, mächtiger Regen, der alles verschleiert.

Da war es ihr – o Wunder, als legten sich zwei trostreiche Arme um ihren bebenden Körper.

Wie denn? Was denn?

Herr Gott! Wer auf der Welt! Wen hatte sie? Wer kam da? Wer war da? – – Ohne Schritte?

Ein Entsetzen durchrann sie.

Ein Schrei stockte ihr in der Kehle.

Ein Schwindeln des Bewußtseins. – Schwindel.

Noch lag sie wie gelähmt, ohne sich regen zu können, das Gesicht in die Hände vergraben. Da fühlte sie sich berührt, so wild, so leidenschaftlich, so brutal, und jetzt riß es sie in die Höhe.

»Isolde!« Eine, erregte Stimme – die sie schon einmal gehört hatte – schon einmal.

Stumm, mit fliegendem Atem, außer sich rang sie mit Henry Mengersen, Auge in Auge, Körper an Körper – wie ineinander verschmelzend.

Waren das Henry Mengersens kühle Augen? diese gierigen Raubtierblicke?

War er irre?

»Isolde, armes, schönes Ding!« keuchte er. »Ich weiß, nach was dich verlangt.

Ein hysterischer, kleiner Anfall – was? Sind wir so weit?

Das ist kein Leben, wie du es führst, so ein Rassetier wie du bist.

Damals – ließ ich dich gehn. – Verzeih! Welch ein Narr ich war!

Herr Gott, was bist du gegen diese Hühner um mich her?

Du Dämon, du kühler, brennender!

Du verstehst dich darauf, Feuer zu schüren, du, mit deinem göttlichen Körper!«

Er hielt sie an sich gedrückt – brutal, heftig, wie ein Opfer.

»Und du liebst mich noch! – Du wirst mich lieben. Du wirst alles genießen, alle Zärtlichkeit der Welt.

Was für ein Leben führst du denn, das dich so auf die Erde wirft, wie eine Bacchantin und gekreuzigt stehen läßt, wie eine Märtyrin, du dummes Schätzchen!«

Er drang auf sie ein, unwiderstehlich durch Entsetzen ihre Kräfte lähmend.

»Weißt du auch, was dein Haß bedeutet – weißt du's? Du? Du – du? Du Märtyrerin, sehnsuchtsvolle, du hast geschmachtet! Geschmachtet! Geschmachtet – und dich selbst betrogen. Du haßt mich, weil ich dich gehen ließ damals, weil ich auf deine Künste nicht hereinfiel – tolles Geschöpf.«

Mit einem wilden Ruck hatte Isolde sich ihm entwunden, war auf etwas losgestürzt. »Wie einen Hund!« schrie sie.

Ein scharfer, kurzer Knall – ein schwerer Fall.

Isolde hatte ihren Schwager Henry Mengersen, den großen Künstler, erschossen.


* * *


Tiefe, tiefe Stille lag über der Welt.

Die heilige Stunde, die mit Mensch und Tier nichts zu schaffen hat, nur mit der stummen Erde, die vorweltliche Dämmerstunde, in der die einsame Seele vor der großen Stille erschauert, vor der Stille ohne den Menschen, die Stunde in der die Erde Ruhe hat vor dem gierigen Volk mit seinem Jagen und Hetzen, und Fressen und Wüten, seinem Weisethun und Sich-wichtigmachen, seiner Qual und Todesfurcht, seinem Elend, – die heilige Stunde, in der der einsam wache Mensch einmal nicht Herdentier ist, sondern ein Großes, jetzt stilles, von Lebensruhe nur noch vibrierendes Stück Natur.

Und in dieser heiligen Stunde steht Isolde erstarrt vor der Leiche ihres Schwagers.

Mörderin!

Das Wort schreckt sie nicht.

Sie ist ruhig.

Der Anblick schreckt sie auch nicht. Ganz wunderlich fühlt sie sich, als wäre sie so gesund wie noch nie.

Sonderbar.

Das ist das hervorstechendste Gefühl.

Gesund, – stark, – ruhig.

Sie hat Gericht gehalten.

Tief ernst ist sie.

Sie empfindet sich nicht als kleines Lebewesen, als ein Tropfen im Nichts.

Sie steht hier vor dem Toten als der Begriff Weib.

Sie hat einen großen Künstler, einen Gei­stesmenschen, einen schöpferischen Menschen brutal getötet.

Das beunruhigt sie nicht.

Sie steht hier als eine, die die Hälfte der Menschheit in sich faßt, die Hälfte der Lebenden und Toten, die Hälfte des Riesenreiches der Toten, in das das kleine Häuflein Lebender unausgesetzt hineinschmilzt.

Sie steht hier als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des geistberaubten, unentwickelten Geschöpfes, dem alles geboten werden darf, das alles hinnimmt, waffenlos und rechtlos jeder Erniedrigung gegenüber. Was sie jetzt gethan, wiegt keinen Hauch gegen das, was sie empfindet und überschaut. Es ist nicht der Rede wert, was sie that.

Ja, so empfindet sie.

Ihre Seele ist ruhig und vornehm und gelassen. Sie überschaut alles, weiß, was sie zu thun hat – ist mit allem einverstanden.

Sie will noch einmal der Sonne entgegen wandern und will die Sonne noch einmal aufgehen sehn.

Das denkt sie.

Den kleinen, zierlichen Revolver steckt sie zu sich und verläßt ihr Zimmer ohne zurückzukommen. Henry Mengersen liegt, wie ein Baum gefällt, der Länge nach im Zimmer. Er liegt auf dem Gesicht, die Arme weit von sich gestreckt.

Er ist sehr schnell gestorben – ein paar heftige Zuckungen, denen Isolde regungslos vor Entsetzen zugesehen hatte.

Ihr Hirn arbeitet jetzt ruhig und sicher. Keine Empörung ist in ihr, kein Sträuben.

Am Garten ihrer Freunde will sie noch einmal vorübergehen. Dahin zieht sie's jetzt unwiderstehlich.

Ein Wunder auch dies! so kommt es ihr vor – da steht Frau Lu am Gartenzaun, mit dem Rücken gegen die stille Waldstraße.

Sie steht im langen, weißen Nachtgewand mit bloßen Füßen.

Wie es scheint, blickt sie auf ihre Blütenbäume, die in dieser weißlichen Dämmerung unsäglich feinfarbig sich von der Luft abheben, ganz anders als am Tage, als schliefen auch sie und träumten.

Fledermäuschen schwirren – und lassen hin und wieder sonderbar glucksende Tönchen hören.

Es ist so still – so still – leises Vogelgezwitscher. Das Licht ist gleichmäßig, von keinem Punkte ausgehend.

Eine Ruhe sondergleichen. Isolde bleibt jetzt stehen und blickt auf die Weiße, regungslose Gestalt.

›Was hat sie wohl aus dem Schlafe gescheucht? Was thut sie? Was denkt sie?

Steht sie hier, um mir Lebwohl zu sagen?

Fühlt sie mit? Weiß sie?‹

Leise kommt Isolde näher. ›Lu« ruft sie. »Weshalb bist du denn schon auf?«

»Isolde, du!«

Ein verweintes, überwachtes Gesicht wendet sich Isolden zu, dann gehen die beiden Frauen eng aneinanderangeschmiegt in dem von weißem Dämmerlicht übergossenen Garten auf und nieder. – Lu zaghaft; ihren bloßen Füßen thun die harten, kühlen Kiesel weh.

Wie still ists auf der Insel der Seligen mit ihren schlafenden Frühlingsblumen, ihren Buchenbäumen und Büschen, die alle das junge Laub wie einen zarten Schleier tragen! Lu flü­stert mit von Weinen erstickter Stimme:

»Isolde, bitte Gott, daß du nie einen Menschen liebst.«

»Nein,« sagte Isolde, »das werd' ich auch nicht.«

»Mein ›Guter‹ sagt: laß deine Liebe wie Schnee sein; selbst kühl, alles wärmend, was sie berührt. Das ist erlöste Liebe. –

Du lieber Gott, da müßte man ganz anders werden. Mich hat heut wieder ein Schrecktraum aus dem Bett getrieben. Die Todesfurcht für ihn. Man lebt doch wie vor einer Hinrichtung.«

»Ja,« sagt Isolde mit eigentümlicher Betonung.

»Du bist heut so sonderbar,« sagt Frau Lu. »Nein – du. Weshalb giebst du dich dem Schicksal nicht hin? Weshalb sträubst du dich wie ein Tier? Das ist unvornehm von dir – nein – im Ernst, das ist deiner nicht würdig.

Du lebst neben diesem großen, guten Menschen und jammerst immer.

Und daß sein Werk vielleicht nicht vollendet wird, deshalb quälst du dich. Du bist eitel!

Das Werk ist in ihm vollendet.

Du bist doch noch Herdentier, Lu. Nein, du mußt ganz anders werden. Ja, werde du wie Schnee; gewiß, so sollst du auch lieben.

Man kann nicht wie Schnee verliebt sein – aber lieben – und du liebst ja.

Lu und eins – kümmere dich nicht so viel um ihn – er ist sich ja selbst genug; beunruhige ihn nicht.

Du bist so begabt, eine von den ungeheuer wenigen Frauen, die ihre Begabung kennen.«

Isolde schlang leidenschaftlich die Arme um ihre Freundin und drückte sie an sich. »Lu arbeite! Arbeite dich zu Tode meinetwegen, Lu. Verzehre deine Kräfte in deiner Arbeit, aber nicht in Liebe und Angst. Sei ein geistiges Geschöpf. –

Gieb mir deine Hand und schwöre mir, die Jahre, die du über die Erde zu gehen hast, willst du ehrlich thun was du kannst,« sagte sie warm.

»Zieh die Liebe in dir nicht so unselig groß. Siehst du, wir Frauen neigen dazu, alles in die Liebe zu legen.

Wir haben die Liebe zu einer Art Untier gezogen, zu einer Bestie. Sie hat unsern Geist gefressen. Wir haben uns an ihr arm und dumm gefüttert.

Gieb mir deine Hand und schwöre mir, daß du ehrlich thun willst was du kannst mit ganzer Kraft!«

»Ja,« sagte Lu – »wie du.«

»Ja, wie ich. Ich thue was ich kann.«

Auf ihrem Gesicht lag eine große Ehrlichkeit und Weltentrücktheit.

Sie war von einer Schönheit, die Frau Lu ganz eigen berührte.

»Du herrliches Kind,« sagte sie.

»Sag das noch einmal,« bat Isolde.

»Weshalb?«

»Weil ich mich ganz voll davon trinken will,« antwortete Isolde heftig. »Weißt du, und deinem Guten gieb du einen Kuß, wenn er heut Morgen hier hinaus in den schönen Garten kommt, einen Kuß von mir auf seine Stirn und sag' ihm: jeder Gedanke von ihm soll gesegnet sein. Und danke ihm für alles, was er mir gesagt hat und was er an mir gethan hat.

Und sag' ihm, ich geh jetzt, ganz reingebadet – ganz frei und erlöst und sehe die Sonne aufgehn!

Ade!«

Frau Lu sah ihr verwundert nach, wie sie mit leichten, fliegenden Schritten den stillen Weg entlang ging und ihren Blicken entschwand.


* * *


Isolde ging in einer wundervollen Extase, in einem ihrer heißgeliebten Seelenräusche, in dem wundervollsten Seelenrausch, den sie je empfunden, durch die weiße Morgenstille.

Jetzt stand sie und lauschte.

Sie lauschte auf die Bewegungen ihrer eigenen Seele.

Es hatte sie ein fremdes, unerträgliches Weh durchzittert, ein Weh, wie es der betäubte Totkranke empfindet, wenn er das Messer des Arztes fühlt, den schneidenden Schmerz wie aus der Ferne, durch die Narkose hindurch, fremd und wie mit ihr unzusammenhängend.

Wem galt es? Ihr? War's ihr eignes Weh? Und weshalb?

Isolde begann zu laufen.

›Das muß man abschütteln mit aller Kraft, – sonst frißt sich's ein.‹

Und sie lief einen stillen Wiesenweg entlang, lief und lief.

Das Herz schlug ihr, die Pulse klopften und ihre Seele lief auch durch ungemessne Räume – körperlos.

Also dem Tod lief sie zu?

Ja, und mit ausgebreiteten Armen.

Nein, sie kroch ihm nicht entgegen.

Gottlob! Das fühlt sie mit Jubel, sie kroch nicht!

Dann hatte sie doch etwas im Leben erreicht. Dann war sie doch etwas.

Und da war es wieder das wunderbare Gefühl. Sie empfand sich wieder als der Begriff des ewig bedrückten Weibes, des geistberaubten Weibes, der Sklavin aller Völker.

Und da brach ein Jubel in ihr auf.

»Und habt ihr eine Welt auf mich geworfen – ich breche durch! Und habt ihr mich verschüttet mit Schutt von Jahrtausenden – ich breche durch!«

Da mußte sie aufschreien im Kraftgefühl.

Dann barg sie ihr Gesicht in einen vollen, jungen Buchenbusch, der am Wege herrlich enthaltet stand, weich und grün, feucht und flaumig.

Sie kühlte ihr junges Gesicht in seinem duftenden Laub. Sie wühlte es ganz darin ein, Wie in die Freuden der Erde.

»Wie in die Freuden der Erde!« Das sagte sie weich und innig. Dann warf sie sich nieder und küßte den Boden auf dem sie stand.

»Ich komme wieder!« rief sie laut. »Ich komme wieder!«

Und wie im Gebet preßte sie die Hände ineinander.

Ja, sie wollte wiederkommen – und sie mußte wiederkommen. Das war ihr fester, großer Wille, ihr heiliger Entschluß.

Es gab hier eine Welt dumpfer, dummer, matter Seelen, Halbtierseelen! Sie wollte einen tiefen Todesschlaf halten, der die Kräfte stählte; dann wollte sie wiederkehren, stark und rein und gut – und mächtig – alles vermögend, mit der Kraft zu erlösen.

So stand sie unerschütterlich, Herrin über Leben und Tod – in der Wonne ihrer großen Kräfte schon entrückt – und wartete auf die Sonne.