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Helene Böhlau – Der Rangierbahnhof

Roman

Helene Böhlau, Der Rangierbahnhof, Egon Fleischel & Co., Berlin, 1904


I.

Im letzten Winkel des Reichs – dort, wo aus dem bayrischen Algäu die niedrigen Pässe nach Vorarlberg führen, liegt lautlose Dämmerung. Gewaltige Schneemassen bedecken das Hochthal und mitten drin liegt in einer erstarrten Welt, von Schnee halb begraben, ein warmes Nest, das einsame Gehöft Rohrmoos.

Über der weitausgedehnten Felsenmasse, die das Hochthal östlich begrenzt, schimmert der erste Tagesschein, der verkündet, daß hier über die Herrgottswände, die wie ein leichter, grauer Schatten aus dem Dämmerlicht sich abheben, die Sonne, wenn ihre Stunde gekommen ist, schauen wird. Erde und Himmel weiß, die ganze Atmosphäre wie aus zarten Eiskristallen gewoben.

Die unabsehbaren Schneemassen, die festgewurzelte Kälte, die eisige Dämmerung, all' diese kalten lebensfeindlichen Mächte umgeben das warme Nest mit solch unheimlicher Gewalt, als gelte es, diesen Unterschlupf von allerlei pulsierenden Leben aufzusaugen, jeden Tropfen, der sich dort birgt, zu erstarren. Alles aber, was sich auf dem dämmerigen Hof regt, atmet einen Überfluß von Wärme und Leben.

Aus den eisüberzogenen Stallfenstern fällt der rotgelbe Schein der Laternen, bei deren Licht schon seit Stunden in den Ställen und draußen auf dem zertretenen, strohuntermischten Schnee hantiert wird.

Wird eine Thür geöffnet, so quillt warmer Dampf in die Kalte hinaus und mit ihm die Brummchöre des Viehs.

Auf der Miststatt dampft es. Die Pfosten, welche das Erzeugnis des ansehnlichen Rohrmooser Viehstandes umgeben, sind durch diese warmen Dämpfe, die die großen Schneehauben auf ihnen tauen ließen, mit fußdicken bräunlichen Eiskrusten überzogen, die in sonderbaren Zapfen herunterhängen. Aus der großen Futterscheune duftet es nach gut eingebrachtem Heu und der Geruch kräftiger Sommertage strömt in den starren Wintermorgen hinaus. Die Mägde und Knechte laufen über den Hof, blasen in die Hände und strömen auch warmen Dunst und Dampf aus, der sich ihnen als weißer Reif an Haar und Mütze festsetzt.

Alles was lebt, dampft auf Rohrmoos; die Pferde, die ein Knecht anschirrt, blasen ganze Wolken aus ihren Nüstern, hüllen sich damit gegenseitig ein, so daß ihnen Mähnen, Köpfe und Leiber wie in wogendem Nebel stecken.

An den großen, verdeckten Milchgefäßen, die aus den Ställen in die Molkerei geschafft werden, dampft das feuchtwarme Holz; jeder feuchte Strohhalm, der von den Knechten und Mägden aus den Ställen hinaus in den Schnee verschleppt wird, läßt ein Weilchen eine zierlich sich ringelnde Dunstsäule wie ein kleines Opfer emporsteigen.

Alles lebt der großen meilenweiten Schneewucht zum Trotz doppelt mächtig.

In der einfachen Stube des Wohnhauses sitzen vier Personen bei der Lampe, deren Schein jetzt schon von der Tagesdämmerung geschwächt wird, die weißbläulich zu den breiten Fenstern des Zimmers eindringt.

Schinken, Eier, frische Butter, Schwarzbrot und eine summende, brodelnde Kaffeemaschine stehen auf dem weißgedeckten Frühstückstisch und vier Personen sitzen daran. Ludwig Gastelmeier, einst Pächter, jetzt Besitzer von Rohrmoos, schaut nachdenklich vor sich hin, während er mit einem Fidibus die Pfeife anzündet.

Er ist ein gedrungener Mann, der in einer mächtigen braungehäckelten Weste steckt. Man denkt unwillkürlich bei seinem Anblick an allerlei Strapazen und Hantierungen, wie sie zu landwirtschaftlichem Betriebe gehören.

Sein Sohn Friedrich, der neben der Mutter und einem jungen, blonden Frauenzimmer sitzt, gleicht ihm. Er ist einen guten Kopf kleiner als der Vater, doch auch breit, gedrungen gebaut. Die Augen sind die Augen des Alten, nur hat sich eine fleischigere Nase zwischen dieselben geschoben, so daß sie nicht so nah zu einander haben rücken können, wie die des Vaters.

Der Mund hat dieselbe feuchte Frische, die auf den Lippen des Alten liegt, und die dem Gesicht ein merkwürdig lebensvolles Ansehen giebt.

Niemand spricht etwas Zusammenhängendes. Ein Räuspern, eine kurze Frage, eine kurze Antwort, das Einschenken des Kaffees in die großen, weiten Tassen unterbricht die Stille.

Der Sohn ist offenbar im Reiseanzug.

Sein Pelz hängt an der Wand zwischen einer Auswahl stark angerauchter Pfeifen, zwischen Bastbündeln, Hirschgeweihen, Leinwandsäckchen mit Sämereien, was alles im behaglichen Durcheinander sich darstellt.

»Da waren wir denn so weit,« brummt der Alte, die Pfeife zwischen den Zähnen – »werden auch gleich die Sonne haben. Allons! mit der Lampe fort!«

»Siehst du,« fährt er nach einer Pause fort und bläst aus der Pfeife ein hellblaues, besonders kräftiges Gewölk, »siehst du, – da ist sie!«

Der Sohn steht jetzt neben ihm.

Die weißen, eisigen Nebel wogen mächtig an der langen Herrgottswand hin; ein goldpurpurner Funken glüht zwischen der Wand und dem leuchtenden weißen Himmel, der Schnee verliert das tote weiß und schimmert rosig golden. Da war sie hervorgesprungen, die Sonne. Mit ihr zugleich hüpfen tiefblaue Riesenschatten ins Land hinein.

Die große beschneite Tanne, die ihre Zweige von dem Schnee beschwert an sich gedrückt hatte, wie ein Soldat die Arme, wenn der Vorgesetzte an ihm vorübergeht, wirft einen hellblauen spitzen Schatten dem Hause zu, und dieser Schatten sieht aus wie der Geist der weißeingehüllten und beschwerten Tanne, der von ihr abgesprungen ist und sich aus irgend einem Grunde in den Schnee gelegt hat.

»So, da ist sie schon wieder in den Nebel gekrochen,« sagt der alte Gastelmeier, »der gefällt's auf Rohrmoos nicht – kann's ihr nicht verdenken. Da hat sie gesehen, wie das bißchen Altstall da drüben stand und eine Käserei, daß Gott erbarm! – da machten wir's eine Zeitlang damit, es blieb beim alten – dann wurde gebaut. Sie bekam einen Viehstand zu sehen im Lauf von zwanzig Jahren, wie hier herum keinen zweiten.

Sie kennt den alten Gastelmeier, hat ihn hier dreißig Jahre jeden Morgen gesehen, hat gesehen, wie er es sich sauer werden ließ, hat dann später die Frau gesehen, wie sie sich plagen mußte.

Sie hat auch gesehen, daß die beiden Leute einen Sohn hatten, und wird gedacht haben: Der kann lachen, die beiden Alten arbeiten für ihn wie die Pferde, der sitzt einmal warm hier. Aber prost Mahlzeit! Der läßt den Alten jetzt wieder einmal im Stich.«

Der Sohn hatte den Vater ruhig zu Ende sprechen lassen. Das war die Rede, die kam so oder so in allerlei Form jedesmal vor dem Abschied, gerade als wenn der Vater sie sich ausgedacht und einstudiert hätte. Immer fing er an, daß man meinen konnte, diesmal kommt er auf etwas anderes; – aber zuletzt da kam das »Prost Mahlzeit« – das Ende – die Unzufriedenheit, der Stachel, der im Herzen saß.

Auf des Sohnes treuherzigem Gesicht lag ein Ausdruck der Niedergeschlagenheit.

»'s ist auch so gut, Onkel,« sagte das junge, blonde Frauenzimmer. »Er thut halt, was er mag – und daß er's thun kann, das habt doch Ihr gemacht!« Dabei legte sie die Hand auf die Schulter der Mutter, die, über ihren Strickstrumpf gebeugt, während der Rede des Vaters Thränen vergossen hatte.

»Du thust dir jetzt leicht, Onkel, wenn du glaubst, der Friedel könnte ebensogut hier bleiben wie dort, als wenn ein Mensch thun könnte, was er nicht will. – Dich hätten's seiner Zeit in München in die Akademie stecken sollen – Jesus!«

»O, du!« sagte der stramme Alte. – »Nickel, was weiß denn du!«

»Daß man seine Leut' in Ruh lassen soll – was kannst denn du jetzt machen? – Schimpfen? – Das wär net übel und die Frau zum Weinen bringen. – Und alles ist so weit gut. – Er macht sein' Sach' brav und was er wollte, hat er erreicht – gerad' wie du.«

»So?« – der Alte schwieg und erwiderte nichts; er war aber nicht mehr schlecht gelaunt. Sie verstand es mit ihm. Er schaute auch mit einem Blick auf sie, als wollte er sagen: Laß nur, wann du so red'st laßt man sich's schon gefallen. – »Du Almkuh,« sagte er.

»Die Weibsleut' in der Stadt, die könnten mir passen,« fuhr er fort. »O du grundgütiger Esel!« Mit diesen Worten faßte er seinen Sohn an beiden Schultern und schaute ihn mit den scharfen kristallhellen Augen an. »Ein junges Weib, das im Juni und Juli beim Kuß nicht nach Erdbeeren und Erdgeruch duftet, nach frischem Laub und Heu – und Winters nicht nach Schnee und Luft und Kälte – – pfui Teufel – so ein, so ein muffiges, ungelüftetes Weib, das bring du mir einmal nicht! – Das wenigstens nicht! – Da, schau sie dir an – du Narr – so auf die Art!«

Er zeigte auf das Mädchen. Sie stand jetzt aufgerichtet vor dem Kaffeetisch, groß und kräftig, rosig, blond und ruhig.

»Keinen Stadtschmutzfink – keinen Stubenrauch, keinen solchen parfümierten Scharwenzel, wenn ich bitten darf.«

»Du bist ein schöner Bursch und die Mädel laufen dir nach, Junge – das thun sie einmal nicht anders. Denk daran: ein Kuß der nach Erdbeeren schmeckt, nach Erdgeruch und Sonne und frischer Luft – das ist was der Alte von Liebessachen versteht.« –

Der Sohn schaute lächelnd auf das Mädchen, das so gleichmütig dastand und die Hand der Frau gefaßt hielt.

»Ja, sieh sie dir nur an,« meinte der Alte.

Da lachte das Mädchen. »Friedel, nu schau, der möcht' mich dir anpreisen! – Ja, du,« wendete sie sich zu ihrem Onkel, »so eine Almkuh, wie du sagst, die ist nicht jedermanns Geschmack. Laß ihn nur – der geht seinen Weg auch ohne dich und ohne uns.«

Die Mutter war, während ihr Mann mit dem Jungen sprach, den eigenen Gedanken gefolgt. Sie hatte gedacht, daß er in diesem Zimmer geboren war, an die Jahre, während denen sein Bett neben dem ihren gestanden hatte. Sie empfand in der Erinnerung den weichen frischen Körper und wie er zu ihr jeden Morgen ins Bett gekrochen war, wie sie ganz eins sich mit ihm gefühlt hatte, wie er sie geliebt hatte, wie sie sein alles gewesen, – wie alles dahingeht.

Sie dachte daran, wie so nach und nach und doch fast mit einemmal seine Schultern mager, seine Beine lang und dünn wurden, nur das Hälschen blieb weich wie ein Maulwurfsfellchen, noch lange Zeit. Wie er ihr fremd wurde, auch nach und nach, und doch in der Erinnerung wie mit einemmal; wie sie den geliebkosten Körper gar nicht mehr kannte, gar keinen Teil mehr an ihm hatte, wie seine Augen ihr fremd wurden und auch sein Herz.

Und wie er ganz aus dem Hause kam, nur hin und wieder heimkehrte, immer ein andrer mit neuen Erlebnissen – immer derselbe, ihr Friedel, ihr lieber kleiner Friedel, den sie zaghaft an das Herz drückte. Sie wußte nicht mehr, was an ihm ihr eigen war und wußte nur das eine: sie liebte ihn und hätte ihn mit Freuden überschütten mögen. Sie war stolz auf ihn; aber was ihn so recht freute, so recht glücklich machte, das wußte sie nicht und konnte es sich nicht vorstellen.

»Friedel,« sagte die Frau mit einer eigentümlich befangenen, fast schüchternen Stimme, die mit ihrer kräftigen starken Erscheinung nicht in Einklang stand, »du gehst deine eigenen Wege, Gott giebt ja manchen Menschen eine Gabe, von der man nicht weiß, woher sie gekommen ist und wohin sie geht. Die schönen Arbeiten, die du mir in München gemacht, und all die Blättchen, die du früher zusammengekritzelt hast, hab' ich immer gut aufgehoben und meine Freud' dran g'habt; aber wenn es auch seine Richtigkeit hat«, fuhr sie bewegt fort, »wie weit so einem Talent zu trauen ist, weiß man doch nicht.

Siehst du, wenn du einmal fühlen solltest, daß du dich trotz allem getäuscht hast, komm zurück – ohne Scham. Erinnerst du dich, wie du als kleiner Bub' dich auf der Tanne vor unsrem Hause verstiegen hattest und nicht weiter konntest und wie du nicht um Hilfe rufen wolltest und uns nach dir suchen ließest, bis der Vater dich endlich entdeckte und dich ganz armselig wie du warst, herunterholte?« –

So etwas Ähnliches sagte auch sie jedesmal beim Abschied.

»Mutter, bis jetzt, so Gott will, hab' ich mich nicht verstiegen,« sagte er, und er gab ihr die kräftige Hand und küßte sie auf den Mund, und die Frau schlang die Arme ihm um die Schultern.

Der Vater trat an ihn heran und klopfte ihn auf den Rücken. »Laß ihn nun, Alte, 's ist Zeit. Wir müssen jetzt wieder allein miteinander auskommen.«

Anna war in ihren Pelz gekrochen und hatte den Kopf knapp mit einem weißen Tuch umhüllt. In ihrem Gesicht allein war keine Unruhe und Erregung zu bemerken. »Nun, Friedel, wären wir so weit, der Schlitten ist vor der Thür und dein Koffer ist auch schon aufgebunden,« sagte sie.

»Dann geh. – Mach's gut,« sagte der Alte. Anna öffnete die Thüre und ging voraus. Es lag in dem Wesen des Mädchens etwas Beruhigendes und Wohlthuendes.

Sie trug ein altes Pelzchen mit dunkelviolettem Wollstoff überzogen. Es sah aus wie ein Erbstück, das man ihr gegeben hatte, als sie groß genug gewesen war, und in das sie unbedenklich Winter für Winter schlüpfte, ohne irgendwelche andere Anforderungen an das Pelzchen zu stellen, als daß es seine Pflicht, sie warm zu halten, erfüllte. Sie stieg in den Schlitten, während Friedel noch den letzten Händedruck mit den Eltern tauschte.

Der alte Gastelmeier hielt seine Pfeife fest zwischen den Zähnen, schüttelte den Kopf kaum merklich und schaute dem Sohn scheinbar teilnahmlos nach.

Die Leute vom Hof standen ebenfalls ruhig und schweigend.

Abschied ist immer eine böse Sache. In einem großen Bogen fuhr der Schlitten jetzt um die Dungstatt und an dem mit mächtigen Eiszapfen behangenen strohumbundenen Brunnen vorüber, auf dessen Knauf mitten im Schnee ein Tannenbäumchen mit bunten Netzen, Rosen und Bändern behangen, gesteckt war, der einzige bunte Fleck rundum.

»Sieh, der Weihnachtsbaum,« sagte das Mädchen und berührte die Schulter des Geführten. Er sollte noch einen Blick darauf werfen.

Der alte Sepp vorn auf einem Heubund machte jetzt einen gewaltigen Buckel, schnalzte mit der Zunge, und wie ein Vogel fuhr der Schlitten die im Sonnenlicht leuchtende Schneebahn hinaus über die Hochebene hin.

In Rohrmoos ging ein jedes wieder an sein Tagewerk.

Der Schlitten aber fuhr jetzt thalab unter einzelnstehenden schneegebeugten Edeltannen hin, zwischen den hohen weißen Dämmen, die der mächtige Schneebrecher von Rohrmoos aufgeschichtet hatte.

Die knorrigen Latschkiefern, das Unterholz, das Eichengestrüppe, die niedern Nadelbäumchen, waren so vergraben unter der schimmernden Last, daß man nicht ahnen konnte, was unter dem Schnee für sonderbare Gestalten steckten. Es war, als hockten überschneite Bärenfamilien in den tollsten Sprüngen erfroren unter dem Schnee, oder närrische Kerle, die miteinander schwatzten, zu einander gebeugt, oder tanzende Hexen, springende Schweine, zusammengekauerte Gestalten aller Art. Eine ganze Rätselwelt, von den weißen leuchtenden Massen überdeckt.

Die Luft war still, kein Windchen regte sich. Wenn der alte Sepp durch die heilige Stille die Peitsche schwang, rieselte der Kristallstaub von den Bäumen.

Der junge Mann saß schweigend und ruhig um sich schauend in den Schlitten zurückgelehnt. Der Druck des Abschiednehmens war von ihm gewichen und er ließ es sich wohl sein.

Das Stück Heimat, das da neben ihm saß, schien weder hindernd noch quälend auf sein Gemüt zu wirken.

Des Mädchens Blicke waren hin und wieder auf ihn gerichtet, aber nicht dringlich, nicht mit der Aufforderung, irgend etwas zu thun oder zu lassen.

»Sieh, daß du deine Strümpf' ein bisserl in Ordnung hältst,« sagte sie nach langem Schweigen.

»Wie denn in Ordnung?«

»Wirst schon wissen, was ich meine.« Sie lächelte gut und heiter. »Das stellt sich so ein Mensch nicht vor, was für Not man mit ihm hat.«

»Große Not!« sagte er behaglich lachend. »Was du Not nennst!«

Sie lächelte ein wenig traurig – wie in Gedanken.

Dann waren sie wieder still miteinander und der Schlitten flog immer weiter, weiter wie ein Vogel.

Sie war eine gute Begleiterin, sie störte ihn wirklich nicht, und er hatte nicht das Gefühl, sie unterhalten zu müssen.

Es giebt Leute, die das Leben ihres Nebenmenschen als den Hauptstrom betrachten und sich selbst nur als Bächlein, das dem Strome nichts entzieht, sondern ihm seine eigenen Wellen leise, unmerklich zuträgt. Und so ein Strom bemerkt es kaum, verfolgt seinen Lauf gedankenlos weiter. Möglich, daß er, wenn die stillen Wellen, die ihn stärken, einmal ausbleiben, den Verlust bemerken wird.

»Sag' einmal, Anne, du könntest doch bald einmal wieder in die Stadt kommen?«

»Ja, wie soll ich denn abkommen?« Und nach einer Pause fragte sie weiter: »Aber du, mit deiner Wohnung, wie ist denn das – gehst du denn doch wieder in die alte?«

»Ich denk' schon.«

»Nein, du mußt dir eine andere nehmen, sei nicht so faul, Friedel. In der Salzstraße stecken zu bleiben – wie kannst du nur! Wie wir bei dir waren, verging mir Hören und Sehen!«

»Da solltest du einmal nachts dasein. Das ist, wenn man nicht wie ein Bär schläft, zum aus der Haut fahren. Mir, gottlob, macht's nichts – nur ein paarmal – da wurde ich aber wütend. – Wie du gelacht haben würdest, wenn du mich hättest sehen können! Stell dir vor, ich konnte nicht einschlafen und hörte die ganze Geschichte, alles, was sie da treiben – was man sonst so verschläft. – Ein solcher Bahnhof in der Nacht ist die Hölle! – Stockdunkel – und aus der Dunkelheit Töne und ein Würgen und Arbeiten, ein Rasseln und Wüten, Schreien und Pfeifen. Und in einem fort – in einem fort. Nie fängt's an und nie hört's auf. Sie werden nie fertig. Es hat so etwas Verzweifeltes – und immer wie in höchster Not – die Rufe klingen wie Unglücksschreie, das Rasseln, als wenn etwas Entsetzliches geschehen wäre. Das Puffen und Stoßen, als wenn etwas Lebendiges zerquetscht würde. – Man stellt sich die gräßlichsten Dinge vor und alles klingt wie ewige Aufregung, ewiges Überangestrengt­sein – erbarmungslos und sinnlos. Als wenn Wahnsinnige toben und schieben und poltern und puffen und heulen und schreien und brausen und pfeifen. – Man kommt in eine Spannung, in eine Wut! Es ist, als wenn man das fürchterlichste Fieber hätte – und die draußen wüten fort – wüten fort ohne Ende. Jetzt hat's geklappt, gerollt, gepufft, sich eingehängt, gerade als wenn's fertig und zufrieden wär – Gott bewahre – es geht von neuem los! – Da kommt wieder etwas Neues angewütet, angebraust, angeheult. Große Geschichte, dachte ich das erste Mal – das werden wir gleich haben – verstopfte mir die Ohren. Prost Mahlzeit! Und dann wie ein Narr wickelte ich mir die Hosen um den Kopf, so fest und so dick wie's ging. Wie ein Warenballen! Und heiß! Aber durch jede Ritze drang das Gewüte – scheußlich! Das war die erste Nacht – damals wollte ich natürlich gleich ausziehen; aber da lachte meine Hauswirtin und ihre Tochter, und beide sagten: »Ja, die erste Nacht! Das hat aber gar nichts auf sich. Wir haben uns ganz daran gewöhnt. Es ist noch besser als manches andre. – Und schließlich hört man's gar nicht mehr, da kommt's einem vor wie die größte Stille.«

»Das war das lange Mädel, die das gesagt hat – die wir bei dir sahen?« fragte Anna.

»Jawohl, die Fanny.«

»Und du bist geblieben?«

»Du weißt's ja.«

»Und hast dann geschlafen?«

»Für gewöhnlich, ja. Manchmal nicht, dann hab' ich gehörig geflucht.«

»Aber bist geblieben?«

»Weshalb fragst du denn?«

»Ja, weil ich nicht begreife, wie man in einem solchen Höllenlärm bleiben kann, ohne Grund.«

»Der Grund war, daß ich faul bin. Außerdem thaten die Leute mir leid. – So fortgehen! – Und sie versorgten mich auch gut.«

»So! Du, sei nicht bös auf mich,« sagte das Mädchen langsam und bedächtig und sah ihm gerade in die Augen. »Ist das lange Mädel dein Schatz?«

»Du bist einzig!«

»Weshalb nicht,« sagte sie einfach. »Gefallen thät' sie mir nicht; aber Geheimnisse haben wir doch nie vor einander gehabt.«

»Übrigens ist sie nicht mein Schatz. Sie möchte wohl. – Weißt du, die Frauenzimmer. – Wenn ich dich und die Mutter nicht kennen würde . . . was man so von Frauenzimmern zu sehen bekommt – Gott weiß – wie soll ich sagen . . .« Er schwieg und sie blickte mit Aufmerksamkeit auf ihn. »Weißt du, man sagt doch so: das Weib soll rein sein.«

»Ja, sie sollen alle gut sein, die Weiber und die Männer – sie sollten – sie sind aber beide gute oder böse Menschen, oder reine oder schmutzige Menschen – so.«

»Ja – na. – Was sagst du dazu, wenn ein junges Frauenzimmer einen anredet, wie soll ich sagen . . . als wenn sie verliebt wäre – so – weißt du?«

»Wie denn, da wispert sie dich auf der Straße an – oder wie?«

»Jawohl. Nennst du das rein?«

»Wenn du so irgend etwas herausgreifst – wie soll ich's da wissen. Da müßt' ich erst das Mädel kennen und genau erfahren, wie es gekommen ist, daß sie dich so anspricht. Sie thut es doch nicht so aus heiler Haut, wenn es auch so aussieht, da ist eine lange Geschichte – vielleicht eine traurige Geschichte. Aber zieh weg aus der Salzstraße. Gar, wenn du weißt, daß das lange Mädel dein Schatz sein möchte. Da blieb' ich doch nicht, wenn ich wüßte, ein Mann will mein Schatz sein, und ich mag nicht. Schau, Ihr thut Euch leicht.«

Sie sprach ruhig und gerade heraus.

»Ja, ja, 's ist schon recht, ich zieh' aus,« antwortete er und lachte gutmütig. »Wenn ich aber wirklich einmal einen Schatz habe, muß ich's dir doch sagen.«

»Abgemacht.«

Er reichte ihr die breite feste Hand hin.

»Und umgekehrt?« fragte er.

Da schüttelte sie den Kopf. »Beicht' du nur, von mir erfährst du doch nichts.«

So fuhren sie hin durch die schneeglitzernde Pracht.

»Höre, Anna, fühlst du dich nicht verdammt einsam da oben?«

»Einsam kann man sich überall fühlen. Weißt du, wenn man zufrieden ist, fühlt man sich nicht einsam.«

»Stimmt,« sagte er.

»Das aber könntest du thun, schreiben, wenn es dir gerade paßt – alles – auch das Kleinste. Wir leben immer mit dir fort da oben, und die langen Abende – weißt du – die Mutter sagt dann: Wo er wohl jetzt ist, was er wohl thut? So etwas. Du mußt halt so ein bissel deutlicher schreiben und dabei an uns oben denken und an die stillen Abende auf Rohrmoos.« Er versprach es.

»Du,« sagte sie nach einer Weile. »Damals, wie wir bei dir in München waren, hat mir's nicht besonders gefallen, wie die Männer mit den Frauen und Mädchen sprechen.«

»Wieso denn?«

»Unnatürlich.«

»So.«

»Jawohl.«

»Es ist so etwas dabei, als wenn sie einen nicht für voll ansähen.«

»Thun sie auch nicht.«

»Und das sagst du so –«

»Kann ich was dafür?«

»Und dann wieder diese Höflichkeit und das Gethu – man kommt sich ganz albern dabei vor. Ich hätt' ihnen ins Gesicht lachen können und ich hätte es ihnen auch sagen mögen.«

»Hättest du's doch gethan.«

»Ja wie denn? Ich dachte immer, daß sich die Mädchen nicht dagegen wehren! aber wie sollten sie denn? Eine allein? die hätten sie doch nur ausgelacht. – Du, lern's nur nicht etwa so.«

»Sie wollen's ja aber.«

»Ah, geh. Die dümmsten Gäns' vielleicht. Wegen denen müssen wir andern doch net . . .«

»Das ist nun einmal so,« antwortete er wieder ruhig und behaglich.

»Du läßt dir auch ein bisserl viel gefallen, dünkt mich,« begann sie nach einer Weile wieder.

»Oho,« sagte er.

»Ja, du bist eben bequem.«

»Du meinst, ich hab' gern meine Ruh'? Stimmt – aber mit dem ›Gefallenlassen‹, – nein, da irrst du dich!«

»Mit deinem Namen das Gethu, das läßt du dir doch ruhig gefallen . . . ›Bastelmeier‹, weshalb nennen sie dich denn so? und dann ›Wastelmeier‹ und ›Büchselmeier‹ und was alles hängen sie dir an – und ›Comme il faut-Meier‹ – ›Speckmeier‹!«

»So – na, große Geschichte – das hat alles seine Bedeutung – was ist da weiter – man muß Spaß verstehen. Büchselmeier, das kommt davon, du weißt ja – ich lieb' mein' Sach' bei einander. Das Herumfahrenlassen, das kann ich nicht leiden. Ordnung muß sein. Ich geb' zu, es giebt reichlich Büchsen und Büchsel bei mir und allerlei Dinge, die meines Dafürhaltens ein ordentlicher Mensch besitzen muß. Auch die übrigen Namen haben alle ihre Geschichte; aber weshalb denn nicht? – Speckmeier, zum Beispiel. Der Schlankeste bin ich nicht – und wenn sie's aussprechen, was 'mal ist, da kann ich nicht Lärm schlagen.«

»Du bist aber nicht fett,« sagte sie.

Weißt du, die Rasse ist gut, die beiden Alten machen mir nicht gerade Furcht, einmal auseinander zu fließen; aber man merkt mir's schon an, daß ich net stürmisch bin.«

»Das bist du nicht,« bestätigte sie.

»Na, vielleicht 'mal in der Liebe – Herrgott noch einmal, bis jetzt bin ich soweit verschont geblieben. Unberufen! Greulich, daß ein jeder es ausprobieren muß – also – abwarten.«

Sie lächelte.

»Du kommst mir oft jünger vor, als ich bin,« sagte sie.

»Das ist viel gesagt. Dümmer meinst du wohl – danke.«

»Du weißt's schon, wie ich's meine.«

So fuhren die beiden jungen Leute plaudernd miteinander hin, dem Ziele zu.

»Gottlob,« sagte er, »daß es außer meiner Mutter für mich noch ein Weib giebt und dazu ein junges Weib, mit dem man reden kann, ohne Furcht vor den verdammten Liebesgeschichten. Daß das euch Weibern so in den Gliedern steckt! Es ist wirklich greulich.«

Sie errötete bis unter die Haarwurzeln.

»Also abgemacht,« sagte er, als er nach kurzem Auf- und Niedergehen auf dem Perron der kleinen Station in ein leeres Coupé zweiter Klasse stieg. »Wenn ich einen Schatz hab', bist du die erste, die's erfährt, und gefällt er dir nicht, verabschieden wir ihn.«

»Die Abmachung möcht' ihr nicht gefallen, wenn sie's wüßte,« sagte das junge Mädchen.

»I was? Übrigens sei ruhig, du sagtest vorhin mit den Strümpfen – ich paß schon auf.«

»Du hast diesmal zwei einzelne mitgebracht.«

»Teufel auch. Da sind die Waschweiber schuld daran. Ich werd' ihnen schon auf die Finger sehen. Verlaß dich drauf.«

Da lachte sie über ihn. Der Zug kam in Bewegung; es keuchte, dampfte, brauste, pfiff, dröhnte, läutete.

Die Beschreibung vom Rangierbahnhof kam ihr in den Sinn und sie rief: »Du, mit der Salzstraßen, daß du mir das nicht versäumst!«

»Gleich wird's gemacht!« rief er ihr noch von weitem zu – und dann »Grüße, Grüße an die Alten oben« – und fort war er.

Das junge Mädchen sah dem Zuge nach, die Augen wurden ihr trüb. – Zwei Thränen rollten die frischen, von der Kälte geröteten Wangen herab.

»Der thut sich leicht,« seufzte sie erregt. »Das hätt' er jetzt sehen sollen! Herr du mein Gott!«

Sie wischte sich die Thränen weg und ging festen Schrittes zum Schlitten.

»Sepp,« sagte sie. »Besorg, was du zu besorgen hast und komm mir nach.«

Der Alte nickte und das Mädchen ging vorwärts, leichtfüßig, als wög' das Herz ihr nach dem Abschied kein Quentchen, und sie trug doch schwer daran – Abschiedsschmerz ist keine leichte Sache. Das hätte ihr aber einer jetzt ansehen sollen!

»Mit dir, du dummer Bub, werd' ich wohl fertig werden!« sagte sie im schnellen Gehen vor sich hin. »Wär' nicht übel.« Und da klang ein Jodler durch die frische Kälte in die Einsamkeit hinaus – so ein Jodler, der alles, was das eingeengte Menschenherz beschwert, wie auf großen Flügeln über die stillen Berge und Thäler trägt.



II.

Wir treffen den Friedel Gastelmeier in München wieder. Seinen Handkoffer hat er dem Portier auf dem Zentralbahnhof übergeben und jetzt schlendert er in die Stadt hinein. Es ist bei ihm abgemachte Sache. Das alte Quartier in der Salzstraße nimmt er nicht wieder – kehrt überhaupt gar nicht mehr dahin zurück. Weshalb soll er sich der peinlichen Geschichte aussetzen, von den beiden Frauenzimmern sich zu verabschieden? Und fort muß er, da ist nichts zu machen. Er hat's ihr versprochen. Und wahrhaftig, sie hat recht. Er hat sich dort verhätscheln lassen, es ist ihm vortrefflich ergangen – sie haben ihm alles an den Augen abgesehen. Er hat für die Bequemlichkeit den verfluchten Lärm in Kauf genommen – und noch etwas. Er war so ein schlauer Vogel gewesen, der es verstanden hatte, die Lockspeise zu fressen, ohne sich in der Schlinge zu fangen.

»Na ja! Was soll man machen bei diesem Menschenhandel? Übers Ohr hauen, wie das bei jedem Handel üblich ist. Scheußlich, wie man in so etwas hineinkommt,« philosophierte er und schlenderte weiter. »Na ja, entweder man läßt sich ausnützen oder man nützt aus. Es ist da gar nichts zu machen. – Und diesmal soll mich der Teufel holen, wenn ich irgendwohin gehe, wo eine Tochter im Haus ist. Aber wie sie das alles durchschaut hat, sie, die nie von da oben herabkommt. In Liebessachen haben die Weiber Eingebungen.«

So kam er in Café Luitpold an, hatte vorher noch einen Dienstmann in die Salzstraße geschickt, um die übrigen Sachen holen zu lassen, die er als vorsichtiger Mann wohlverpackt hinterlassen hatte. Im Café Luitpold wurde er an seinem Stammtisch von einigen Kollegen begrüßt.

»Speckmeier! Comme il faut-Meier! Büchselmeier, grüß Gott!«

»Da wären wir wieder.« Damit rückte er seinen Stuhl und faßte wohlgemut Posto.

Er stand trotz »Speck- und Büchselmeier« in gutem Ansehen bei seinen Kameraden, die ihn für einen tüchtigen Kerl in jeder Beziehung hielten, und seine kleinen Eigenheiten waren auch ein Vorzug, besonders weil er durchaus Spaß verstand. Er war ein prächtiger Kerl, darin stimmten sie alle überein. Für einen Künstler etwas pedantisch, daher »Büchselmeier«, aber gegen seine Künstlerschaft war eigentlich nichts einzuwenden. Er arbeitete simpel vor sich hin, ohne viel Aufhebens. – Und was er fertig brachte, hatte auch so etwas Simples, Gutes. Er war Landschafter, malte fleißig und verkaufte sogar, und das will viel sagen.

Nur in einem, da verstand er keinen Spaß. Friedrich Gastelmeier, der brave Bursche, hatte mit seinen achtundzwanzig Jahren es zu einer behaglichen Körperfülle gebracht – das war Thatsache, damit hatte er sich abgefunden. Er fand auch, daß diese Fülle ihn nicht übel kleidete, und hatte recht; aber eine andre Thatsache die nahm er nicht so kühl und einfach hin, es hatte sich bei ihm frühzeitig ein ganz ansehnliches Glätzchen eingestellt. Davon wollte er nichts wissen. Er gebrauchte allerhand Haarmittel. Man erzählte sich, daß er auch schon bei einem Haardoktor gewesen sei – alles vergeblich; die Fläschchen, die seine Haarmittel enthielten, standen jedoch nicht mit den übrigen auf seinem Waschtisch aufgepflanzt. Er hielt sie verschlossen, denn er schämte sich ihrer. Was mit dem Glätzchen zusammenhing, war sein wunder Punkt. Das hatten die Kollegen längst weg, denn sie hatten einst auch begonnen, das Glätzchen spaßhaft zu nehmen, waren aber bei Freund Gastelmeier übel angekommen, der sein Glätzchen verteidigte wie eine Löwin ihr Junges. Es war in dieser Beziehung die größte Vorsicht geboten.

Und sie waren vorsichtig, nachdem sie in seinen Seelenzustand Einblick genommen hatten. Diesen guten Menschen zu kränken, kam ihnen nicht bei, und sie machten unter der Hand Fremde, die in ihrem Kreise auftauchten, auf Gastelmeiers Eigentümlichkeit aufmerksam, um seine empfindliche Herzensstelle vor unberufenen Fingern zu behüten. Dem kleinen Gastelmeier erging es allenthalben gut, denn er war gern gesehen.

Heute teilte er seinen Kollegen mit, daß er nicht in sein altes Quartier zurückkehren werde, bat zu gleicher Zeit die Kellnerin um die »Neuesten Nachrichten« und war bald in die Inserate vertieft.

»Büchselmeier, aber nun suche dir die Bude einmal möglichst nahe bei deinem Atelier, sei so gut. Das ist ja ein Unsinn, wie du dir die Sache eingerichtet hast,« sagte einer. »Also Schelling- – Barer- – Blütenstraße – so etwas.«

»Gieb einmal her.« Gastelmeiers Gegenüber streckte die Hand nach der Zeitung aus und nahm sie an sich. »So, jetzt paß auf. Werden wir gleich haben.«

Inzwischen nahm Gastelmeier die Einladung eines seiner Kollegen, bis sich etwas Passendes gefunden, bei ihm auf der Stube zu wohnen, dankend an.

Sie suchten jetzt in den Inseraten und es fand sich etwas.

»Da gehst du hin – zuallererst. – Hör' mal: ›Zu vermieten!‹ – also: ›Es wird vermietet‹ – noch einmal! Unpraktische Leute! – Also: ›Es wird vermietet – ein Zimmer. Südseite, auf längere oder auch kürzere Zeit, nach Belieben. Schaut ganz ins Grüne‹ – in dieser Jahreszeit nicht übel – ›ist originell möbliert‹.

– Weiter: ›Preis nach den Verhältnissen des Mieters‹. Was sagst du dazu? Sollte man es nicht mit dieser komischen Heiligen versuchen – riesig unpraktisch!«

»Das hat eine alte poetische Jungfer geschrieben,« sagte Büchselmeier. »Da wäre man ja auch vor einer Tochter sicher.«

»Möglich,« sagte einer.

»Na, wollen sehen,« meinte Gastelmeier. Und so ging er noch diesen Tag in der letzten hellen Nachmittagsstunde in die Blütenstraße, um besagtes Zimmer in Augenschein zu nehmen.

Drei Treppen hoch stieg er im Rückgebäude, das frei und luftig in einem Garten lag.

»Drei Treppen – Rückgebäude – na« – brummte er zweifelhaft. Das war nicht so ganz, was er wollte, aber still, ja das schien es zu sein. Etwas steile Stufen. – In der Stadt liebte er seine Bequemlichkeit. Es waren im Haus meist Ateliers, nur im dritten Stock schien eine Familienwohnung zu sein. Da ließ sich vielleicht mit der Zeit etwas machen. Er könnte auch sein Atelier hierher verlegen. »Wollen sehen.« So stieg er Stufe für Stufe gemächlich hinan und schellte endlich. Es war eine Klingel, die kaum einen Laut von sich gab, als wäre sie heiser oder als hätte man ihr etwas umgewickelt, um ihren Klang zu dämpfen.

Dieser Umstand fiel Gastelmeier auf, besonders da er dreimal sich bemerklich zu machen suchte – ohne Erfolg.

»Schließlich liegt da wer krank. Prost Mahlzeit! Mach, daß du fortkommst, Alter. Sonderbares Volk – erst ein Inserat, darauf umwickeln sie das Läutwerk. Dös is nix.«

Mit dieser tiefsinnigen Bemerkung wollte er eben sich anschicken, die Treppe unverrichteter Sache wieder hinabzusteigen, da that sich ganz unvermutet die Thüre auf und eine schmächtige Person in mittleren Jahren, mit unruhigen Augen, in einem schwarzen engen Gewand, stand vor ihm.

»Was wünschen Sie, mein Herr,« sagte sie auf eine Weise, der er im stillen die Bezeichnung »madamig« gab. Trotzdem sie eng und schmächtig gekleidet war, sah er sie im Geiste vor sich in weiter Krinoline mit einem Kleide, das aus lauter Garnierungen bestand, einem hohen Federhut mit Fächer und einem türkischen Shawl.

Eine so gekleidete gezierte Dame hatte er als Kind in einem Bilderbuche kennen gelernt, und die Stallmagd hatte ihm gesagt, daß das eine »Madame« sei. Seitdem wußte er, was eine »Madame« war – und die da vor ihm stand, war eine »Madame«. Das stand fest.

Sie hatte übrigens ein eigentümlich vergeistertes, wenn nicht gar vergeistigtes Gesicht und sah gescheit und aufgeregt aus.

›Diese Person kocht schlecht,‹ dachte Speckmeier, ›und nährt sich schlecht. Das werden die alten Fräulein wohl so an sich haben.‹

»Mein Fräulein, Sie haben ein Inserat . . .«

»Jawohl, mein Herr,« unterbrach sie ihn mit Grandezza. »Bitte, treten Sie ein.«

»Ich erlaube mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Ihr Läutwerk nicht in Ordnung ist. Da Sie Mieter erwarten, scheint mir das nicht ganz praktisch zu sein,« sagte er, während er der Dame durch einen dunkeln Korridor folgte, und bekam zur Antwort, daß es allerdings in Ordnung sei.

»Wir dämpfen die Glocke etwas ab,« sagte die Dame. »Das Leben bringt genug Lärm und Unruhe mit sich.«

»So,« sagte Gastelmeier und dachte bei sich: ›Was hat denn so ein altes Fräulein unter Lärm und Unruhe zu leiden, wenn es im Garten, dritten Stock im Hinterhaus, wohnt, und nicht einen Rangierbahnhof gegenüber hat.‹

Die unruhigen großen Augen der Dame aber sprachen auch nicht von Ruhe und Behagen.

›So ältliche Fräulein, die machen immer Geschichten und geben keine Ruhe und könnten es so gut haben,‹ philosophierte er weiter in dem Thema, über das er nicht viel Erfahrung besaß. Bisher hatte er sich um ältliche Fräulein herzlich wenig Sorge gemacht.

»Bitte treten Sie ein, das ist das Zimmer.«

Er war bereit, einzutreten; aber die Thüre zeigte sich verschlossen.

»Herrgott, wer wird nun den Schlüssel haben?« sagte die Dame ziemlich fassungslos, als wenn dieser Schlüssel unwiederbringlich in einen Abgrund gestürzt wäre.

»Emil,« rief sie laut und so, als hätte sie schon hunderttausendmal auf die gleiche Art »Emil« gerufen.

›Sie hat einen Emil,‹ dachte Gastelmeier ohne weitere Kritik.

Aber Emil kam nicht.

»Bitte,« sagte die Dame wieder sehr fein, und diesmal sollte es bedeuten, daß er etwas zu warten habe.

Sie verschwand in der gegenüberliegenden Thüre und kam eine geraume Weile nicht wieder. Endlich öffnete sich dieselbe Thüre, der vergeistigte Kopf kam zum Vorschein – und: »Bitte,« sagte die Dame so ausdrucksvoll, daß Gastelmeier nicht in Zweifel war, daß er in die eben geöffnete Thüre einzutreten habe.

In dem Zimmer saß Emil, ein dicker Bursche von sechzehn bis siebzehn Jahren; nachlässig hockte er auf einem alten Lehnstuhl und hielt die Zeitung in die Hand.

»Emil, besinn dich doch!« sagte die Dame ganz verängstigt und erregt.

Emil hatte sich bei dem Eintreten des Fremden erhoben.

»Mama,« sagte er, »den hast du – da weiß ich nix.«

›Mama‹ – das verwunderte Gastelmeier doch einigermaßen. Diese Unbefangenheit des alten Fräuleins!

Der dicke blonde Knabe ließ sich, nachdem er seiner Meinung nach genug gestanden hatte, seufzend wieder nieder und sagte: »Erwin oder Olly könnten ihn auch etwa haben.«

›Auch noch einen Erwin und eine Olly!‹

Schließlich kam es Gastelmeier vor, als wenn es mit dem alten Fräulein eine noch nicht völlig ausgemachte Sache sei. Weshalb sollten es nicht auch ganz geordnete Verhältnisse sein, in die er da geraten war; was man so geordnete Verhältnisse in einem gewissen Sinne nennt.

Die Dame aber bekam deshalb nichts Frauenhafteres für ihn. Sie fuhr immer noch herum und suchte nach dem Schlüssel, zog Schubfächer auf, in denen es nicht besonders einladend aussah.

Aus einer Kommode hingen einige Bänder heraus und ein wirrer Klumpen, den allerhand Fäden und Schnürchen und Läppchen und Schnitzel gebildet hatten. Gewiß ein sehr nützlicher Klumpen, denn es war so ziemlich alles darin zu finden, was ein Frauenzimmer zu Flickereien brauchen konnte. Gastelmeier vertiefte sich in diesen Anblick und dachte dabei an das Heiligtum, das seiner Mutter Nähwerkzeuge und Materialien miteinander darstellten, und es wurde ihm klar, daß das bewußte Inserat in den »Neuesten Nachrichten« nicht das rechte für ihn sei.

Doch als er sagen wollte, daß sich die gnädige Frau nicht weiter bemühen solle, er käme ein andermal wieder, da fand sich der Schlüssel. Sie hatte ihn in der Tasche. »Siehst du,« sagte Emil, der in aller Gemütlichkeit sitzen geblieben war, weise, während seine Mutter zum größten Ärger Gastelmeiers der Schlüsseljagd oblag.

›Schöne Zucht das,‹ dachte er.

»Das ist das Leben!« sagte sie. »Sie werden es auch noch kennen lernen, Herr . . .«

»Gastelmeier, mein Name ist Gastelmeier. Verzeihen gnädige Frau, daß ich versäumte . . .«

»Sie sind Geschäftsmann?« fragte die Dame.

»Kunstmaler, wie wir hier in München so schön sagen.«

Ein »Bravo!« war ihre Antwort.

›Das scheint ihr besondere Freude zu machen,‹ dachte er.

»Nun kommen Sie – bitte.«

Jetzt wurde das Zimmer wirklich gezeigt und es war, mit seinem Blick in einen Garten, nicht übel. Südseite allerdings nicht. Es lag nach Westen. Originell eingerichtet, wie es im Inserat hieß: das stimmte. Es war etwas Angenehmes in dem Raum zu spüren, etwas, das auf verfeinerten Lebensgenuß hindeutete. Da hing allerhand und lag allerhand, was in gewöhnlichen »möblierten Zimmern« nicht hängt und liegt. Die Möbel standen so gewissermaßen unternehmend da, meist an Stellen, die wahrhaft kühn gewählt waren. Das Zimmer hatte das, was Gastelmeier in seinem Atelier gern zu stande gebracht hätte, was ihm aber nie geglückt war und was er als vernünftiger Mann längst aufgegeben hatte.

Aber er war sich seiner Sache ganz sicher. Hier blieb er nicht. Die Leute waren ihm nicht behaglich. Eine Frau darf nicht wie ein altes Fräulein aussehen, war seine Ansicht. Eine Frau muß gemütlich aussehen. Man muß sich bei ihrem Anblick allerlei Angenehmes, Seelenberuhigendes vorstellen können, gut zubereitete Lieblingsspeisen, einen appetitlichen Wäscheschrank, liebevoll sauber gehaltene Betten, ungezählte Gutenachtküsse, die sie ihren Kindern gegeben und von ihnen bekommen hat, so viel Pflege und Liebe, die sie ihr Lebtag ausgeteilt hat: das muß alles so von ihr ausstrahlen, wie das Licht vom Monde. Er dachte an seine Mutter, an die einfache Frau.

In seiner Kindheit hatte er das Gefühl gehabt, als hätten die Mütter und der brennende Christbaum etwas gemein miteinander. Und das hatte er nicht vergessen. Von einer Frau verlangte er – was er selbst nicht in Worte fassen konnte, was ihm aber im Gefühl fest und klar lag. Er, der simple Mensch, war ein Schwärmer in Bezug auf die Frauen und war darum immer enttäuscht von ihnen.

Er hatte sich länger im Zimmer verweilt, als es unbedingt nötig gewesen wäre, entschuldigte sich, machte einige nichtssagende, unbestimmte Redensarten und empfahl sich. Ehe er die Thüre hinter sich schloß, fragte er noch nach dem Preis der Wohnung und wußte selbst nicht, weshalb er das that, denn er war fest entschlossen, nicht zurückzukommen.

»Den Preis?« Die unruhigen Augen sahen ihn fragend an, als wollten sie diesen Preis von ihm selbst erfahren. »Da hab' ich wirklich noch nicht nachgedacht. Ja, ich weiß nicht, die Stube ist hübsch, – was giebt man denn so?«

Sie sprach wie von etwas, was sie gar nichts anging und unter ihrer Würde lag. Er lächelte und sagte: »Na, ich denke, das wird sich schon finden.«

Die Thür schloß sich und er hörte noch, wie die seltsame Vermieterin nach »Emil« rief.

›Der wird hören!‹ dachte Gastelmeier – ›diesen dicken bequemen Frosch haben Sie sich nett gezogen, verehrte Dame.‹ Er stieg die Treppe weiter hinab. Jede Etage hatte eine Thüre, von der aus drei schmale Stufen direkt auf die Haupttreppe mündeten. In der ersten Etage ging es hinter dieser Thüre sehr munter zu. Lachende Mädchenstimmen.

›Auch ein Atelier,‹ denkt Gastelmeier und steht gerade vor der Thüre.

Die thut sich auf – und Gastelmeier weiß nicht wie ihm geschieht.

›Auch ein Atelier,‹ war für eine Weile sein letzter klarer Gedanke gewesen. Etwas ist aus der Thüre gestürzt, die Stufen herabgestolpert, über ihn hingefallen. Er hat sich kaum auf den Beinen halten können, ist gegen das Geländer gepreßt, ein paar Stufen hinabgewankt mitsamt seiner Last, die auf ihn gefallen ist.

»Tante Rebella, Tante Rebella, ums Himmels willen!« ruft es aus verschiedenen Kehlen. Köpfe zeigen sich an der Thüre. Jetzt kann Gastelmeier auch wieder um sich schauen. Er ist nicht mehr beschwert. Neben ihm steht ein Mädchen, das aus dunkeln Augen ihn entsetzt anstarrt. Sie steht noch nicht wieder fest auf den Füßen – der eine hat sich ihr im Kleide verwickelt und sie hat ihn noch nicht wieder freibekommen. Aber in ihrer Rechten hoch erhoben hält sie eine große Palette voller Farben, von der im Fall ein Stück abgebrochen ist mitsamt den Farben – und das Stück liegt oder klebt vielmehr auf Gastelmeiers Schulter. Auch hat die Palette seine Wange gestreift.

»Mein Gott,« sagt das Mädchen. Thränen stehen ihr in den Augen. Sie ist dunkelrot vor Schreck.

Eins der Mädel kommt jetzt aus der Thürs und nimmt ihr die Palette aus der Hand.

»Tante Rebella hat sich doch nichts gethan!« rufen die andern.

»I bewahre,« sagt das Mädel, die ihr die Palette abgenommen und die Kameradin auf die Füße gebracht hat.

Gastelmeier hat seine fünf Sinne noch nicht wieder recht beisammen – auch er fühlt sich, gottlob, trotz aller Verwirrung unzerbrochen.

»Das war nun so ein Eisenbahnzusammenstoß, mein Fräulein. Aber mir scheint wir sind mit heiler Haut davongekommen.«

»Ja, wir,« meinte das junge Mädchen zaghaft, aber Ihr Rock. Sehen Sie nur,« – dabei zeigte sie mit bedenklichem Ausdruck auf das abgebrochene Stück Palette, das noch auf Gastelmeiers Schulter klebte, und entfernte es vorsichtig mit spitzen Fingern.

»Ich glaube,« sagte sie, »Sie müssen zu uns mit hinaufkommen, die Flecken werden Ihnen dann ganz gut abgewaschen.«

»Das Gescheiteste wär' es,« sagte eine von den Malerinnen, die da herumstanden.

Und so stiegen sie miteinander die steilen Stufen hinauf, die Gastelmeier eben fest entschlossen gewesen war, nicht wieder zu ersteigen.

Sie schwiegen beide.

›Rebella heißt sie,‹ dachte er, ›also die Olly ist's nicht – die Schwester von Emil. Also auch eine Rebella giebt's da oben!‹ Denn daß sie zu der Inseratenfamilie gehörte, war ihm eine ausgemachte Sache. Sie standen jetzt vor der Thüre, die sich vor kurzem hinter Gastelmeier geschlossen hatte, und Rebella bearbeitete diese Thüre energisch mit einer zarten, aber festen kleinen Faust. »Mama liebt die Klingelei nicht,« sagte sie zur Erklärung.

Das wußte er bereits.

Jetzt hatte er aber Muße, die kleine Hexe zu betrachten; weder Mama noch Emil erschienen, und die Trommelversuche wurden eine geraume Zeit lang fortgesetzt.

Rebella war eine liebliche und zugleich eigentümliche Erscheinung. Blütenjung – zierlich – fast schmächtig – ein feines blasses Gesicht, dunkles lockiges Haar, das nachlässig in einen Knoten geschlungen war, und dunkle, heiße lebhafte Augen, sie erinnerten ihn ein wenig an die der Mutter – deren Augen aber waren blau und nicht warm, nur unruhig. Ihre Gesichtsform fiel ihm besonders auf. Breite Stirn und dazu ein zierliches ausgeprägtes Kinn, – so daß die Konturen sich von der Stirn gegen das Kinn hin schnell rundeten.

Ein Goethescher Vers fiel ihm ein:

Voll Locken kraus ein Haupt so rund.

›Der alte Goethe hat für alles gesorgt, auch für diesen kleinen Balg.‹

Er kannte auch die Fortsetzung des Verses, denn er stand mit seinem Goethe auf einem guten Fuß; aber hier wendete er seine Kenntnis nicht weiter an. Sie war ihm zu unfrisiert, und außerdem hatten ihre Löckchen mit der Palette nähere Bekanntschaft gemacht. Oben auf dem Scheitel waren sie ihr farbig zusammengeklebt, zwar nur ein paar Flöckchen – und an der zierlichen Nasenspitze saß ihr ein gelber Fleck, als hätte sie unvorsichtig an einer Lilie gerochen. Er fühlte sich gewissermaßen gezwungen, die kleine Schweigsame aufmerksam zu betrachten, nicht nur weil er müßig dastand. Sie hatte etwas nicht Alltägliches, etwas Überraschendes, gehörte zu den Rassemenschen mit den beweglichen Nasenflügeln, den elastischen Muskeln, dem zarten festen Knochenbau.

Die Thüre wurde geöffnet, natürlich von Madame, nicht von Emil, der saß jedenfalls über seiner Zeitung.

»Mein Gott, laßt ihr mich lange klopfen,« sagte das Mädchen mit etwas erregter Stimme.

»Und Sie, mein Herr?« fragte die Öffnende.

»Ich hatte das Glück, von Ihrer Fräulein Tochter die Treppe hinabgeworfen zu werden.«

Ein unruhiger, vollkommen fassungsloser Blick heftete sich auf die Tochter.

»Olly!«

Also war es doch Olly!

»Ja,« sagte sie, »ich bin auf dem Treppenabsatz vor der Thüre hinuntergestolpert und habe ihn mit hinabgerissen.«

»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau, es ist ihr nichts geschehen. Sie hat den Moment sehr klug gewählt.«

»Ja, aber der Herr ist mit Farbe vollgeschmiert und die Palette ist mir zerbrochen.«

Diese beiden Unglücksfälle berichtete das Mädchen auf eine trockene sachgemäße Weise, so daß Gastelmeier, der einigermaßen empfindlicher Natur war, sich nicht besonders geschmeichelt fühlte.

Der Herr ist vollgeschmiert, die Palette zerbrochen. Das ärgerte ihn wirklich.

Jetzt sagte die Dame, daß dieser Vorfall kein gutes Zeichen sei für die Mieter eines Zimmers.

»Oho,« meinte Gastelmeier.

»Sie haben das Zimmer gemietet?« sagte das junge Mädchen wieder trocken. »So, dann wundert mich nichts, bei uns gehts immer schief.«

»Emil!« rief sie jetzt – und o Wunder, Emil kam auf den ersten Ruf.

»Führe den Herrn in sein Zimmer und bringe dann alles, um die Ölflecken auszuwaschen.« Auf Emils verwunderte Augen hin berichtete das junge Mädchen mit Gleichgültigkeit den Vorfall noch einmal in aller Kürze.

›In sein Zimmer‹ – hatte sie gesagt. Sie hielt ihn also schon für den rechtmäßigen Eigentümer. Höchst unangenehm. Emil, der dicke Bursche, flüsterte ihr etwas zu und kicherte dabei wie ein Schulbube, der heimlich einen Streich erzählt.

»So«, sagte das Mädchen und wendete sich an Gastelmeier. »Das war also ein Mißverständnis; ich glaubte, Sie wären der Mieter unsres Zimmers. Verzeihung.«

Sie sah ihn mit den dunkeln großen Augen einfach und vornehm an, daß es ihm nicht recht geheuer zu Mute wurde und er nicht wußte, was er des Zimmers wegen sagen sollte. Und es war ihm, als wenn der Teufel seine Zunge einstweilen in Beschlag genommen hätte, als wenn sie ganz ohne sein eigenes Dazuthun die bedenkliche Unterhaltung führte.

»Doch, mein Fräulein,« sagte seine Zunge aus eigenem Antrieb, »es war allerdings mein Vorhaben, das Zimmer zu mieten, wenn sie keinen besseren Mieter dafür wissen.«

Ohne sein eigenes Zuthun drückte sich diese Zunge sehr fad und vorlaut aus, kam ihm zuvor und hatte ihn nun gehörig hineingeritten. Das war ja so gut wie gemietet. Teufel auch!

Jetzt standen sie in »seinem« Zimmer. Emil kam mit einem alten Brötchen und einer Flasche Terpentin, die Mutter war nach einem Lappen fortgestürzt und nach geraumer Zeit waren die drei Personen, die Mutter, Emil und Olly, genannt Tante Rebella, mit seiner Person und ihren Flecken beschäftigt.

»Ruhig Blut,« sagte Emil einmal übers andre. »Erst mit dem alten Brötchen ordentlich abschaben und trocken reiben, dann erst mit dem Lappen, sonst verschmiert ihr's.«

Er machte bei dieser Prozedur einen recht vertrauenerweckenden Eindruck. »Ruhig Blut, ruhig Blut!« aber mußte er einmal übers andre sagen, denn dem Temperament der beiden Damen schien das Terpentinöl und der Lappen weit mehr zuzusagen als das trockene Brötchen. Während dieser Prozedur fühlte sich Gastelmeier immer mehr und mehr zur Familie gehörig. Er erfuhr ihren Namen. Sie hießen Kovalski. Das heißt: Frau und Tochter und Emilie hießen so, der Sohn aus erster Ehe trug den Namen Oel. Der zweite Gatte der Dame war ein polnischer Maler gewesen, der kurz nach der Geburt des dicken Emil das Zeitliche gesegnet hatte. Olly war zwanzig und der Jüngste wurde siebzehn.

Gastelmeier mußte sogar den Rock ausziehen, weil Emil versicherte, anders wäre es gar nicht möglich.

»Gnädige Frau,« unterbrach jener das eifrige Treiben. »Nun erbarmen Sie sich auch der Haare und des Näschens Ihrer Fräulein Tochter.«

Mit demselben Lappen wie er wurde nun auch die Übelthäterin gerieben und geputzt. Und die Verbindung zwischen Gastelmeier und Kovalskis ward immer enger. Es schien in Bezug auf das Zimmer anständigerweise gar nicht mehr zu entrinnen möglich zu sein.

»Verzeihen Sie,« sagte Gastelmeier zu Fräulein Olly, während er von Emils kurzen derben Fäusten bearbeitet wurde. »Als wir auf dem Treppenabsatz vorhin vom Schicksal durcheinander geschüttelt wurden,« – seine Zunge, so kam es ihm vor, sprach immer noch aus eigenem Antriebe – »rief man Sie Rebella und wenn ich nicht irre, Tante Rebella?«

Da hielt Emil plötzlich mit dem Reiben inne, schlug sich mit der Hand auf seinen kleinen fetten Schenkel und rief im schnellsten Tempo: »Verflucht! verflucht! verflucht!« als ob er sich außerordentlich amüsiere.

Gastelmeier sah sich erstaunt nach dem Gefühlsausbruch hinter seiner Schulter um und blickte in ein Gesicht, das einem wohlgenährten kleinen Faun anzugehören schien.

»Weshalb amüsieren Sie sich denn so?« fragte er den ausgelassenen Jüngling. Es wurde ihm unter Emils Händen unbehaglich.

»Ich dachte mir nur so, « antwortete Emil und sah unglaublich spöttisch aus.

»Das ist einmal Emils Art so,« sagte resigniert die Mutter.

›Eine sonderbare Art,‹ dachte Gastelmeier.

»Emil,« sagte das junge Mädchen, »sei nicht albern und betrag' dich vernünftig.«

»Betrag' du dich,« war die Antwort.

»Du hast wieder so ein Gesicht gemacht, daß man glaubt, du mokierst dich über die ganze Welt,« fuhr sie fort, ohne sich im geringsten um die Anwesenheit des Mieters zu kümmern. »Du wirst einmal von irgend wem eine Ohrfeige bekommen.«

»So,« war die gemütliche Antwort.

»Noch viel schlimmer,« sagte sie, »die Menschen werden dich nicht leiden können.«

»Die Menschen? Pfeif' ich drauf!«

»Du sagst mir, weshalb du das Gesicht gemacht hast.«

»Eben so.«

»Nein, ich will's wissen.« Sie sprach fest und ruhig. »Glaubst du, ich lasse mir irgend etwas bieten? – Du?!«

»Einfach – ich stellte mir vor, wer in unserm Haus ist oder bleibt, wird mit der Zeit schon erfahren, weshalb du Tante Rebella genannt wirst.«

»Weiter war's wieder nichts?« fragte sie ruhig.

»Nein.«

»Tant de bruit pour une omelette,« sagte sie auf eine vornehm kühle Weise.

›Sonderbar,‹ dachte Gastelmeier, ›daß bei diesem energischen Verfahren der eigentümliche Jüngling seine Eigenheiten so gut konservieren konnte.‹

Zur Erklärung dieses Umstandes erfuhr er bald darauf, daß Rebella zwei Jahre bei einer Tante verlebt hatte und seit kurzem zurückgekehrt sei. Während ihrer Abwesenheit war Emil ins Kraut geschossen.

Gastelmeier lernte auch noch in dieser Stunde Erwin kennen, den Sohn aus der Oelschen Ehe. Dieser stellte sich ihm als Schriftsteller vor und er stellte sich nicht nur vor, sondern produzierte sich gewissermaßen damit, daß er vor seinem Eintritt ins Zimmer laut nach Olly und Mama rief, und gleich darauf, ohne deren Antwort abzuwarten, in die Thüre polterte: »Da haben wir die Bescherung, hat mir auch dieser Esel den Roman zurückgeschickt – hab' ich's nicht gesagt? Aber da hieß es immer: Schick' nur – schick' nur –«

Nach diesem Monolog trat ein langer sparriger Mensch von sechs- bis siebenundzwanzig Jahren, aufgeregt, rot im Gesicht, ins Zimmer, sah einen Fremden, war außerordentlich verblüfft, sah seine Mutter, die ein wahrhaft tragisches Gesicht aufgesetzt hatte und bleich und nervös sich auf einen Stuhl niederließ.

Emils altkluges: »Verflucht! – verflucht! – verflucht!« ertönte.

»Um Gottes willen, Erwin, quäl' dich nicht so,« sagte die Dame in nervöser Erregung und fügte noch allerlei hinzu, ohne so recht selbst zu wissen, was sie sprach, entschuldigte sich vor Gastelmeier und stellte diesem schließlich ihren Sohn vor, der weise in Gegenwart des Fremden seinen Ärger zu unterdrücken suchte.

Er hatte einen gut geschnittenen Kopf, war völlig bartlos, hatte ein stark vorgeschobenes Kinn, so daß die Lippen seines kleinen Mundes wie gespannt zwischen Wangen und Kinn lagen. Seine Bewegungen waren eckig und hastig. »So geht's mein Herr,« sagte er in scherzhaftem Ton. »Sie haben soeben den Dichter auf dornenvollem Pfad gesehen. Er hat auch seine guten Stunden.«

Das kam etwas geschraubt heraus, als sagte es ein schon berühmter Mensch.

Gastelmeier war jetzt so weit wieder äußerlich hergestellt, daß er dieser gewaltsam unterdrückten Familienszene entfliehen konnte; aber mit dem Bewußtsein, unabweisbar der rechtmäßige Herr des »originell möblierten Zimmers« geworden zu sein.

Die Mutter des geprüften Schriftstellers befand sich in hochgradiger Aufregung. Mit schwacher Stimme wandte sie sich an den sich Empfehlenden:

»Mein Herr, glauben Sie mir, Mutter von drei Kunstbeflissenen zu sein, ist keine Kleinigkeit. Dazu gehören Nerven – Nerven – und wieder Nerven –«

»Mami,« sagte das junge Mädchen, welches bisher scheinbar teilnahmlos dem ganzen Vorgang gefolgt war: »Ihr erwartet eben alle zu viel. Arbeiten auf Tod und Leben. – Das ist's – weiter nichts fürs erste,« und die dunkeln Augen leuchteten von einem innern Feuer. Gastelmeier blickte gespannt auf das Mädchen. Sie war in diesem Augenblick voll Schönheit und Entschlossenheit.

Die Leute beängstigten ihn und thaten ihm leid, und um sie ein wenig auf andre Gedanken zu bringen, erzählte er ihnen von seiner vorigen Wohnung, beschrieb ihnen den nächtlichen Rangierbahnhof, die Unruhe, den Lärm, der ihn eigentlich gar nicht so sehr gestört hatte, das Gewühle und Gewürge und wie sie nie fertig werden, in aller Ewigkeit nicht, auch wenn es manchmal so scheint, als wäre alles zufriedengestellt und eingehakt; wie es immer von neuem, immer von neuem angeht, unaufhörlich. Er erzählte es so, wie er es Annele auf der Fahrt von Rohrmoos nach der Station beschrieben hatte, und fügte hinzu, daß ihm deshalb ein Zimmer, das in einen stillen Garten blicke, im Rückgebäude läge, so behage; er brachte sich selbst auf diese Weise in eine künstliche Zufriedenheit mit seinem unfreiwillig erworbenen Besitztum.

Als er gerade inmitten seiner eifrigsten Rangierbahnhofsbeschreibung war, ließ Emil sein altkluges: »Verflucht! verflucht! verflucht! verflucht!« los und schnitt ein so sonderbar ironisches Gesicht, daß es Gastelmeier außerordentlich unbehaglich wurde und er herzlich gern einige väterlich gemeinte Worte an den Jüngling gerichtet hätte, wenn es ihm nicht geratener erschienen wäre, die Familie mit nichts zu beunruhigen. Sie kam ihm vor wie der verwunschene Teich, vor dem die Buben gewarnt werden, damit sie nicht etwa mit Steinen hineinwerfen, weil es sonst im See wild zu tosen und zu toben beginnt auf eine Weise, die keinem Sterblichen gut thut. Aber er hätte doch gern gewußt, weshalb Emil, bei der Beschreibung, die er der Familie zuliebe gemacht, seine ironische Maske aufgesetzt hatte.

Frau Kovalski lud ihn zum Familienthee ein, der seit geraumer Zeit im Wohnzimmer stand und ihr Plötzlich wieder in die Erinnerung gekommen war. Man hatte ihn über den verschiedenen rasch aufeinander folgenden Ungücksfällen vergessen. Olly war ja vorhin so übereilig aus der Atelierthüre gestürzt, weil sie die Theestunde um ein Beträchtliches versäumt hatte – und die Versäumnis durch ein paar Sprünge gut machen wollte. Eile aber ist des Teufels Werk.

Gastelmeier lehnte dankend den Mitgenuß des Thees, der jedenfalls stark gezogen hatte, ab und verabschiedete sich endgültig. Er hätte schon heute Nacht in dem originell eingerichteten Zimmer schlafen können. Dieser Gedanke aber hatte etwas so Befremdliches für ihn, daß er sich durchaus nicht auf ihn einließ.



III.

Friedrich Gastelmeier schwieg wohlweislich darüber, wie er zu dem »originell möblierten« Zimmer eigentlich gekommen war, als er an jenem Abend mit seinen Kollegen zusammentraf. Andern Tags zog er aber mit Sack und Pack in seine neue Wohnung.

Das Läutwerk war auch an diesem Tage, an dem sie doch seine Ankunft bestimmt zu erwarten hatten, vollständig heiser, so daß wieder eine geraume Zeit verging, bis sie ihn samt dem schimpfenden Dienstmann, der den Koffer trug, einließen. Er wie der Dienstmann hatten längere Zeit vor dem Öffnen und zwischen den verschiedensten Läutversuchen gehört, wie jemand immer an der Thüre herumwirtschaftete, und als schließlich geöffnet wurde, war es Emil, der öffnete. Gleich darauf hörte Gastelmeier die nervöse Stimme der Mutter aus einem der Wohnräume: »Emil!«

Emil bewegte sich bedächtig bis in das Wohnzimmer und Gastelmeier konnte hören, wie er in die Nebenstube hineinsagte: »Ruhig Blut, 's ist nur der Maler.« Und ein befriedigtes »So« konnte er auch hören, dann kam Emil wieder. Noch ehe Gastelmeier bis in sein Zimmer gelangt war und den Dienstmann verabschiedet hatte, läutete es wieder unterdrückt und heiser.

»Verflucht! verflucht!« murmelte Emil, das weitere »verflucht« schenkte er sich dieses Mal zu Gunsten eines »Bst!« als der Dienstmann Miene machte, sich in Bewegung zu setzen – »Bst!« Er schlich an die Thüre, schielte vorsichtig durch die Ritzen und das Guckloch, welches mit einem durchbrochenen Messingblättchen überdeckt war.

Der Dienstmann begriff die Situation augenscheinlich und schmunzelte, auch Gastelmeier stand und rührte sich nicht, war aber von dem Empfang beim Einzug in seine neue Wohnung nicht besonders erbaut.

Das war nichts für Comme il faut-Meier. Die heisere Klingel wurde wütend und wütender. Niemand regte sich. Die drei verharrten so steif wie gefrorene Schellfische. Emil suchte die andern mit seinem Blick zu beschwören, ruhig zu bleiben, bis das heisere Läutwerk sich ausgetobt hätte, und es gelang ihm.

Nachdem der Störenfried draußen sich endlich genug gethan und zuletzt noch in seiner Wut der Thüre einen tüchtigen Tritt versetzt hatte, sagte der Dienstmann: »Dös wär g'schehn, 's könnt halt der Metzger g'wesen sein mit san Kälbergriff.« Damit ging er.

Die vergeistigte Dame rief wieder nach Emil, und Emil schlug sich auf die kurzen strammen Schenkel und murmelte: »Mistjauche – nichts als Mistjauche.«

Dieser etwas eigentümlich gewählte Ausdruck kam ihm, wie es schien, aus tiefster Seele. Gastelmeier hörte es noch gerade, ehe er die Thüre des originell möblierten Zimmers hinter sich schloß. Darauf begann er sich einzurichten mit nicht ganz leichtem Herzen.

Ruhig ging es in diesem Hause nicht zu – da war etwas – etwas, was er selbst noch nicht klar im Bewußtsein hatte, etwas Beängstigendes, Quälendes, und das lag in der Luft, die ganze Wohnung war voll davon. Es war ihm nicht behaglich und er packte nur das Notwendigste von seinen Sachen aus, um in kürzester Frist wieder auszuziehen.

Nachmittags um sechs Uhr ließ er sich durch die Aufwärterin bei seiner Hauswirtin melden, um ihr den offiziellen Besuch zu machen, den er ihr schuldig zu sein glaubte. Er traf die Dame und Emil wieder, die übrigen waren nicht daheim. Emil saß verdrossen am Tisch und zeichnete. Die Lampe hatte er sich nahegerückt, sie war bedeckt mit einem Lampenschirm, der in sinnreicher Weise aus einer alten Zeitung irgendwie zusammengesteckt war. Emil machte einen Buckel und sah unbeschreiblich schlaff und unlustig aus. Die Mama saß auf dem Sofa und hatte ihr Kopfrissen aus dem Bett sich hinter den Rücken gestopft. Sie erhob sich matt.

»Sie sind leidend, gnädige Frau?« sagte Gastelmeier.

»Sie waren Zeuge gestern von einer der tausend Aufregungen,« erwiderte sie matt, doch in verbindlichem Ton. »Es ist immer, als schlüge der Blitz neben uns ein, man kommt mit dem Leben davon, aber wenn die Sache sich fortwährend wiederholt, besteht man schließlich nur noch aus alterierten Nerven. Nun, Sie werden es selbst wissen, da auch Sie Künstler sind.«

Gastelmeier wußte nicht recht, wovon die Dame sprach, schließlich fiel ihm die Geschichte mit dem Roman ein.

»Das werden Sie doch nicht so tragisch nehmen, gnädige Frau. Um Gottes willen, wenn alle Romane, die von jungen Leuten geschrieben werden, auch gedruckt würden – davor möge uns der Himmel bewahren!«

»Ja, wenn das Leben aber davon abhängt,« sagte die Dame und blickte trüb vor sich hin.

»Das sollte es freilich nicht,« erwiderte Gastelmeier, »das Leben – von einem Roman!«

Sie versicherte müde und abgespannt, daß dies bei ihrem Sohne Erwin der Fall sei. »Er ist, wie wir alle, auf sein Talent angewiesen,« sagte sie wehmütig.

Worin das Talent der Dame bestand, war Gastelmeier nicht klar. Er hatte das Bedürfnis, gegen diese mit Kissen gestützte leibhaftige Nervosität kräftig vorzugehen; aber er bezwang sich.

Emil hatte längst aufgehört zu zeichnen und räkelte sich im Stuhl. Er befand sich in den schönsten Flegeljahren und genoß die Freiheiten dieses Alters, wie es schien, aufs ausgiebigste. Gastelmeier schaute mit einem Blick auf seine Zeichnung und bemerkte, daß der junge Mann die eigene kleine fette Faust als Modell vor sich gehabt habe. Sie war sechs- bis siebenmal in verschiedenen Wendungen nebeneinander auf dem Papier zu sehen.

»Aha!« sagte Gastelmeier. Emil nahm keine Notiz davon.

»Emil,« sagte die Mama, »Olly kommt gleich, sei fleißig.« Emil ächzte, machte wieder die Modellfaust und begann lässig und aufs höchste gelangweilt weiter zu arbeiten.

»Ist das Ihre eigene Idee?« fragte Gastelmeier und zeigte auf die Faust.

»Ne,« sagte Emil, »Olly.«

Gastelmeier wußte nicht mehr recht, was er weiter sagen sollte. Die Leute waren verstimmt und einsilbig. Er suchte nach einem Unterhaltungsstoff.

»Emil«, sagte die Dame, »weißt du, wo Erwin hin ist? – Er hat den ganzen Tag Kopfschmerz gehabt, der arme Junge. Er ist immer aufs tiefste von einem Mißerfolg erschüttert,« wendete sie sich an Gastelmeier.

»Auf'n Friedhof wird er 'gangen sein,« sagte Emil mürrisch.

Die Dame seufzte und sagte nach einer Weile: »Sehen Sie, mein Herr, eine Seele von einem Menschen, ein echter Dichter – man muß ihn gewähren lassen. Wenn es so im Leben, wie es oft der Fall ist, drunter und drüber geht, da macht er sich in der Dämmerung, nun schon seit seiner Kindheit, auf und geht auf den Friedhof und schaut sich die ausgestellten Leichen an. Das ist so sein Mittel – da wird er ruhig. Es ist ja in München nun einmal so gebräuchlich, daß die Leichen offen ausgestellt sind. In den anderen Städten, wo wir gelebt haben, war das nicht so, aber ihm thut's wohl. Es hat eben alles auch sein Gutes. Mich brächte keiner hin,« schloß die Dame und wickelte sich fester in ihren Shawl.

Draußen pochte es jetzt energisch. »Olly,« sagte Emil.

Es war Olly. Sie kam lebendig und frisch herein, etwas hastig. Sie kam vom Aktzeichnen und wollte Thee trinken. Im ersten Augenblick bemerkte sie Gastelmeier nicht und dann begrüßte sie ihn so einfach und gleichmütig, als wäre er längst hier Familienmitglied.

Gastelmeier fand, daß sie nicht besonders viel Federlesens machte. Ehe sie sich ihren Thee einschenkte, beugte sie sich über Emils Zeichnung, nahm ihm den Bleistift aus der Hand und, ohne etwas zu sagen, packte sie die Modellfaust, rückte sie wie es ihr paßte, und über Emils Schulter hinweg arbeitete sie mit festen sichern Strichen in seine Zeichnung hinein. Sie hatte ihr Käppchen noch auf und an der linken Hand noch den Handschuh. Sie war kalt und frisch und strömte Schneeluft aus.

»Olly, du sollst nicht so eisig ins Zimmer kommen, du kältest es ganz aus.«

Olly hörte, wie es schien, nicht. Die feste kleine Hand korrigierte eifrig weiter.

»Und bei dem Wetter! Du wirst dich selbst wieder einmal erkälten, dann haben wir's.« Die Dame seufzte.

Gastelmeier empfand auch den Strom von Frische, der von Olly ausging, und er dachte unwillkürlich an die Abschiedsworte seines Vaters. Er schaute ihr zu, wie sie arbeitete, ganz versunken und in der unbequemen Stellung über Emils Kopf hinweg. Der hatte es ihr allerdings leicht gemacht; den dicken Kopf mit dem dichten blonden Haarfilz auf die Tischkante gelegt, so daß er nicht sehen konnte, wie seine Zeichnung sich unter Ollys flinken Händen veränderte, so hockte er vor ihr.

Gastelmeier schaute ihr unverwandt zu. Das war Talent – das saß. Und sie zeichnete und zeichnete und vergaß alles um sich her, den dicken Kopf und den Thee, und den Fremden.

»Emil,« rief sie mit einmal heftig: »Sieh her!«

Emil grunzte und beguckte sich die Sache.

»Weshalb hattest du denn so gepatzt? Faul – faul – faul! Das ist's. Wie sitzt du denn? Wie kann ein Mensch so arbeiten? Mama, du hast ihn wieder krumm wie einen Engerling dahängen lassen.«

›Engerling ist gut,‹ dachte Gastelmeier. Er ist wirklich so ein weißer, dicker Bursche ohne Glieder; es hängt alles an ihm herab, die Arme, die Beine, der Kopf. Zu seiner Verwunderung sagte jetzt auch Emil: »Bravo! – Engerling! Sehr gut! Faltiger Elefant – Wachskerzen – Spitaler – und so weiter. Du hättest Unteroffizier werden sollen.«

»Ja, ich wollte,« sagte sie, »es käm' einer über dich, so ein rechter Teufel.«

Olly schenkte sich Thee ein, setzte sich auf die äußerste Stuhlkante und nahm sich ein Brötchen. Das Mädchen war von einer unglaublichen Lebendigkeit im Blick und in der Bewegung. Sie schien immer vollkommen munter und aufgeweckt zu sein. Gastelmeier sah sie sich mit Vergnügen an.

»So ein Pferd,« sagte Emil zu ihr.

»Bitte, antwortete sie ihm kühl, »wen meintest du?«

»Na – das ist auch gerecht. Die schimpft, wie's ihr paßt, sie selber will aber mit Sammetpfoten angefaßt werden.«

»Allerdings,« sagte Olly. »Das will ich auch!«

»Na, ja – ich meine ja auch mit dem Pferde nur: am Morgen rennst du um acht Uhr ins Atelier und bleibst bis Mittag, dann geht's wieder los und dazwischen galloppierst du mit Kreuz- und Seitensprüngen wie in der Manege dann läufst du zum Aktzeichnen und« – nun wandte er sich an Gastelmeier – »wenn sie heimkommt, ist sie so fidel wie der Teufel und ich muß es ausbaden. Dann kommt sie über mich.«

Gastelmeier erfuhr auf seine Frage, daß Olly ihren Bruder für die Akademie vorbereite – aus Ersparnis. »Es ist kein Eifer in ihm,« schloß sie ihre Mitteilung.

Gastelmeier fragte, weshalb er gerade die Malerei zum Beruf gewählt habe.

»Künstler ist das einzig Menschenwürdige,« sagte die Dame zum erstenmal etwas lebhafter.

Emil räusperte sich: »Maler? – ebenso, wie einer Jurist wird.«

»Emil, ums Himmels willen, das ist doch nicht so bei dir?« rief Olly.

»Wer hat's denn behauptet?« meinte Emil gemütsruhig.

»Weshalb sagst du's dann?«

»Eben so.«

»Ja, was sollte mein Sohn denn wählen?« setzte die Mutter wieder ein. »Die Künstlerschaft liegt ihm im Blute. Für was andres hat er auch keine Begabung. Aus dem Gymnasium haben wir ihn genommen so bald als thunlich. Er braucht nicht zu dienen, er ist nicht deutscher Unterthan.«

»Brillant fürs Leben gestellt,« sagte Emil trocken und altklug und setzte seine ironische Maske auf.

»Mein zweiter Gatte war Maler, wie Sie wissen?«

»Ja, Sie sagten es schon, gnädige Frau.«

»Kennen Sie sein Schicksal?« fragte sie. »Wissen Sie, daß er zweiundzwanzig Jahre in den sibirischen Bergwerken gewesen ist?« Das sagte sie gewissermaßen mit Genugthuung, wobei sie den Kopf hob, als wollte sie sich die Überraschung beschauen, die ihre Worte dem Fremden verursachten.

Gastelmeier, der mit dem Schicksal eines nach Sibirien Verbannten keine feste Vorstellung verband, entsprach nur ungenügend der Erwartung.

»Mistjauche,« brummte Emil. »Um nichts besser als Mistjauche sind die Menschen.« Er war aufgestanden und ging mit kurzen strammen Schrittchen im Zimmer auf und nieder.

Die Thüre that sich auf und Erwin, der Sohn aus Oelscher Ehe trat ein. Er sah auffallend elend und hager aus, etwa wie ein Mensch, der vom Zahnausziehen kommt. Es thut nicht mehr weh, aber es hat weh gethan. Man sieht's ihm noch an.

»Bist du ruhiger mein Sohn?« sagte die Mama zärtlich. »Wir leiden beide immer gleich – das muß dich trösten. Jedes Ja im Leben ist ein Glück und jedes Nein ein Unglück. O – die zartbesaiteten Naturen!«

»Erwin,« sagte Emil, »wir sprachen eben von Papa.«

Erwin setzte sich und schwieg.

»Ja, meinen zweiten Gatten hat das Schicksal schwer getroffen; als junger Mensch von zwanzig Jahren ist er als politischer Verbrecher in die Bergwerke gekommen, nach einem von den vielen polnischen Aufständen – wohin doch gleich zuerst?« Die Dame hatte den Namen vergessen.

»Nach Semiretschinsk,« sagte Emil ungeduldig. »Herrgott, Mama, weißt du denn das noch immer nicht?«

»Und, denken Sie sich, Papa hat,« fuhr er fort, »ehe er nach Semiretschinsk kam, ganz genau geträumt, wie es dort aussah – ein langes Blockhaus und noch ein elendes Haus und ein ewig langer Zaun und eine verkrüppelte Birke und ein niedriger Schuppen und nichts weiter. Weit und breit Schnee, nur Schnee und Schnee, und der Himmel auch schneeweiß. Und wie sie dahin gekommen sind, hat er's nach seinem Traume erkannt und hat laut aufgeweint.« Das erzählte Emil lebhaft, viel lebhafter, als es Gastelmeier ihm hätte zutrauen können.

»Später ist er dann,« fuhr die Dame zu erzählen fort, »von da weggekommen nach . . .« Hier fehlte die nähere Bezeichnung wieder.

Aber Emil half auch diesmal, gewissermaßen entrüstet, aus. »Nach Werchne Kolimsk,« sagte er und ging an ein kleines Pult, in dem alles, im Gegensatz zu den übrigen Dingen im Zimmer, ziemlich ordentlich lag. Aus diesem Pult nahm er eine Landkarte, schob Tassen und Teller auf dem Tisch eifrig beiseite und breitete die Karte aus.

»Hier war Papa, « sagte er, »neun und ein halbes Jahr lang, dann kam er dahin – später hierher.« Emil zeigte alle Orte auf der Karte »Zweiundzwanzig Jahre lang hat's gedauert, dann haben sie ihn freigelassen und er konnte endlich nach Deutschland ziehen, wohin er unterwegs war, als man ihn gefangen nahm. Denken Sie sich, damals begleitete ihn bereits ein Empfehlungsbrief an einen bekannten Münchener Maler; diesen Brief hat er zweiundzwanzig Jahre aufgehoben und hat ihn dann dem Sohn des Malers übergeben, der Vater war inzwischen gestorben. Papa hatte früher schon gemalt und ist hier als älterer Mann noch auf die Akademie gegangen. Er hatte nur wenig Geld und war krank; aber er hat doch mit seiner Malerei verdient. Sehen Sie, da ist etwas von Papa.« Emil ging wieder an sein Pultchen und brachte eine Mappe mit Skizzen. »Das sind Bilder aus dem Elend,« sagte er eifrig. »Das sind alles Gefangene und Verbannte mit Ketten, wie sie im Schnee stehen. Das hier ist ein Grenzstein, da nehmen sie Abschied voneinander. Die einen gehen dahin, die andern dorthin – sie werfen sich auf den Schnee und weinen und schreien und jammern.«

Emil war ganz bewegt. Das Skizzenbuch war sein Eigentum. Olly blickte hinein und sagte: »Schade, das Papa sich nicht hat besser ausbilden können, er hätte etwas erreicht. In den Figuren liegt Talent.«

»Geh',« sagte Emil. »Wie er's gemacht hat, so hat er's gemacht, da ist nichts zu kritisieren.«

»Mein Sohn Emil,« sagte die Mutter, auch jetzt mit matter Stimme, »hängt mit Zärtlichkeit an seinem Vater, obgleich er ihn nie gekannt hat.«

»I wo, kannte oder nicht kannte, meinen Vater, den kenn' ich,« platzte er patzig heraus in seinem Eifer. »Du kanntest ihn doch und weißt nicht einmal, wo er im Elend gesteckt hat. Jedesmal muß ich dir's sagen. Also wo hat er gesteckt? Zuerst in –? Na?«

Emil schaute fragend nach seiner Mutter, klopfte mit dem Bleistift auf den Tisch und wartete auf die Antwort.

»Wieder nicht,« sagte er. »Nun erfährst du's aber so bald nicht wieder von mir.« Er klappte das Skizzenheft zu und schloß es wieder ein. »Geld hat er keines gehabt,« fuhr der dicke Bursche fort, »und krank ist er gewesen. Hätte er Mama nicht gefunden, wär's ihm noch übler gegangen. Aber in seiner langen Krankheit ist auch Mamas Geld weniger geworden, von tausend Geschichten – Mistjauche! Wenn die Menschen nicht so elend gewesen wären und ihm nicht bei jeder Gelegenheit mehr abgenommen hätten, als recht war, säßen wir jetzt anders da.«

»Jawohl,« sagte Olly wieder und schaute entrüstet auf ihren Bruder; »Geld! Geld! und Wohlleben, wie euch und besonders dir das im Blut steckt! Gottlob, das kein Geld da ist, sonst würdest du verfaulen bei lebendigem Leibe. Wir sollen arbeiten. Arbeiten auf Leben und Tod – das ist's!« Diese Beteuerungsformel schien das junge Geschöpf zu lieben. Sie bediente sich ihrer bei jeder Gelegenheit. »Und die Menschen! Schimpf nur nicht immer auf die Menschen. Bist du etwa keiner? Wie ich das nicht hören kann! Das ist entsetzlich grün von dir. Woher meinst du denn, daß sie so abscheulich sind? Weil es Papa schlecht ging und uns auch nicht besonders? Natürlich deshalb. Sie sollen dir etwas ins Haus tragen, du willst gehätschelt und gefüttert werden. Wofür denn? Ja, das werden sie aber bleiben lassen. Mit Recht. Ich gerade finde, daß die Menschen gut sind; viel besser, als sie zu sein brauchten. Meinst du etwa, die Natur wäre nicht grausam? Du? Eins frißt das andre immerzu und überall. Und es giebt doch Menschen, die wollen wenigstens die andern nicht fressen. Das ist erschrecklich viel – und denke doch, wie's ihnen geht. Gefragt wird keins, ob es leben will oder nicht – und dann kommt es in das Elend hinein, so dumm, so hilflos und arm, und muß mit allen Kräften arbeiten, um nicht zu verhungern, und die Krankheiten und die Kälte, der Winter und, daß er sündigen muß und gestraft wird, und tausend Nöte und Qualen – und das Blindsein und das Alter und der Tod – was für gräßliches Zeug! Und es giebt doch Menschen, die über alles hinaus gut sind. Was meinst du, ein Gott hat es leicht, gut sein, aber ein Mensch – Emil, weißt du, ein Mensch!«

Das sagte sie so liebevoll und faßte in ihrem Eifer die Hand ihres Bruders, gewissermaßen, um ihn auch körperlich zu sich hinüberzuziehen.

»Ihr seid wieder von dem bißchen Pech mit Erwin ganz zusammengekrochen. – Herrgott, wie man so wenig frei sein kann! Und dich, du dicker Sack, geht's doch gar nichts an, dächt' ich.«

»Oho,« sagte Emil. »Sack ist wieder gut.«

»Jesus,« meinte Olly, »wenn ein Künstler nicht Zigeuner ist! Ihr seid alle wie Kaufleute. Ist kein Geschäft gemacht, laßt ihr die Köpfe hängen. – Sie sind aber doch bei so einer Art Zigeuner,« wendete sie sich jetzt zum erstenmal an Gastelmeier, der ganz versunken dem jungen Geschöpf zugehört hatte.

»I wo, bei Zigeunern,« sagte Emil pfiffig und setzte die schlimmste Maske auf, deren sein bewegliches fleischiges Gesicht fähig war.

»Doch,« sagte Olly streng.

»Behüte,« antwortete der Bruder. »Ganz wo anders.«

»Wo denn also?« fragte Gastelmeier, amüsiert über das wunderliche Geschwisterpaar.

»Wissen Sie noch, weshalb Sie aus Ihrer früheren Wohnung ausgezogen sind?«

»Jawohl,« sagte Gastelmeier, »ich habe es Ihnen ja, dächt' ich, erzählt.«

»Wegen des Rangierbahnhofs; weil Sie dem Rangierbahnhof gegenüber wohnten, wegen der schauderhaften Unruhe – gelt? Wegen des ewigen Getriebs und Gezerrs, des ganzen Spektakels?«

»Ja,« sagte Gastelmeier.

»Also. Und der Unterschied hier, der ist? Na? Drin statt draußen. – Das hab' ich gleich gestern, als Sie's erzählten, gedacht.«

»So,« sagte Gastelmeier, der nicht recht wußte, was er von all diesen Dingen eigentlich denken sollte. Es war ihm unbehaglich zu Mute und doch blieb er sitzen und betrachtete mit Wohlgefallen das lebhafte junge Mädchen, das jetzt wieder eifrig an der Faust korrigierte. Diese Art Mädel war ihm noch nie vorgekommen.

Das heisere Läutwerk erklang von neuem. Auf alle Gesichter trat Spannung.

»Verflucht! verflucht! verflucht!« brummte Emil und schlug sich auf die kleinen strammen Schenkel.

Man ließ es zweimal läuten. Olly sagte: »Das ist Tante Zänglein.«

»Ihre Stunde ist's allerdings,« meinte die Mama »Geh', mach auf, Emil.« Sie erhob sich nicht selbst. Erwins zurückgeschickter Roman hatte sie zu sehr angegriffen; ihre Schwäche aber kam Emils Erziehung, wie es schien, zu gute. Er ging brummend hinaus.

Draußen erhob sich kurz darauf ein munteres Altweiberlachen und eine scharfe, junge Männerstimme redete drein.

»Da bringt sie den sparrigen Kerl wieder mit,« sagte Olly.

»O Gott!« seufzte die Mama.

Die Thüre ging auf und ein flinkes, zierliches Persönchen trat ein, ein allerliebstes altes Weibchen, gefolgt von einem baumlangen Burschen im Lodenrock. Er sah wie ein Bergfex aus, trotzdem er die vollständige Montur, Kniehosen, Nagelschuhe, nicht trug und auch nicht in bloßen Knieen ging. Er hatte ein hageres, langes, von der Natur nicht recht zusammengestelltes Gesicht, und eine vorstehende, sehr bewegliche Unterlippe.

»Fräulein Zänglein, unsre Tante,« stellte die Frau des Hauses die Eingetretene vor, »und: Herr Kaufmann, ein Kollege meines Sohnes.«

»Tantes Erbschleicher,« brummte Emil Gastelmeier ins Ohr. Er bezeigte Gastelmeier überhaupt einiges Vertrauen, das hatte die Geschichte mit dem Rangierbahnhofe schon bewiesen. Ein solcher Bursch wie Emil ist für gewöhnlich wortkarg und steckt voll verschluckter und zu spät ausgebrüteter Bemerkungen.

»Gu'n Tag, Genie!« sagte der sparrige Mensch zu Erwin gewendet, während er sich auf einen Stuhl niederließ. »Wie steht's mit unserm Roman? He?«

Die Dame machte eine abwehrende Handbewegung, die so viel heißen sollte als: ›Schonen Sie ihn. Es ist nichts damit!‹

Erwin Oel bestätigte ebenfalls stumm diese mimische Mitteilung.

»Donnerwetter!« rief der junge Waldmensch teilnahmsvoll, »ist das eine Zucht! Das Beste, was hervorgebracht wird, das stecken die Herren natürlich in den Papierkorb. Ehe etwas nicht altbacken genug ist für ihre schwachen Mägen, verdauen sie's nicht. Immer gefälligst nach alten Mustern. Nur nichts Neues!« Er zog ein schiefes Maul, als ob es ihm eine schwere, unsichtbare Tabakspfeife herunterzöge, und schob die Unterlippe sonderbar vor.

›Aha!‹ dachte Gastelmeier. ›Erwin Oel ist also einer von den Neuesten.‹ Gastelmeier gehörte, wie schon gesagt, zu denen, die still vor sich hin arbeiten, ohne Schlagworte und Geschrei.

Als wollte sie seine Gedanken bestätigen, nahm die vergeistigte Dame das Wort: »Es ist wirklich eine wertvolle Arbeit, gewissermaßen eine Prophetie, ein Ruf an die Menschheit zur Umkehr.«

Gastelmeier schaute sich Erwin Oel mit erneutem Interesse an, wie demnach einer aussieht, der einen Ruf an die Menschheit ergehen läßt. – Ein grüner Junge! In Gastelmeier siedete es, diese Mutter war ein Verhängnis für ihre Kinder. Er konnte etwas Verrücktes an einem Weibe nicht leiden. Die jungen Hühner, die hier so verschroben ausgebrütet wurden, thaten ihm leid. »Na!« sagte er zu Emil, »seid Ihr denn so modern?«

Emil zuckte auf eine schändlich blasierte Weise die Achseln, setzte sein ironisches Gesicht auf und brummte etwas, was so viel heißen sollte wie: Mistjauche! Wenn's aber noch etwas Erträglicheres giebt, so ist's das Moderne. »Übrigens,« sagte er laut, »was heißt modern?«

»Sagen Sie einmal, mein Sohn, wie alt sind Sie eigentlich?«

Emil lachte wie ein Faun; sein »Verflucht! Verflucht! Verflucht!« kam an die Reihe und er schlug sich aufs Schenkelchen.

›Ist das eine Zucht!‹ dachte jetzt Gastelmeier ganz wütend.

»Die spinnen,« sagte ein Stimmchen neben ihm, und als er sich nach der Urheberin des Stimmchens umdrehte, sah er in ein paar schelmisch blickende Altweiberäuglein. Tante Zänglein hatte sich leise wie ein Fledermäuschen zu ihm hin gemacht. Sie hatte auch ein Gesichtchen wie eine Fledermaus, so zierlich und niedlich, und die blinkenden kleinen sternenklaren Augen. »Die spinnen,« sagte sie noch einmal.

»Herr Gastelmeier,« rief der sparrige Jüngling, »ich hab' Sie mit meinem alten Schatz aus Salzburg noch nicht bekannt gemacht!«

»Sie ungezogener Mensch, Sie,« lachte das alte Weibchen.

Wie sie aber zu lachen verstand! Mein Gott, die kleine Alte lachte gern und schien jeden Windhauch zu benützen, um ihre Lachglöckchen klingen zu lassen so auch jetzt. Gastelmeier sah sich das kleine, alte Fräulein näher an. Es war allerliebst gekleidet, mit Geschmack und Wohlgefallen an netten Dingen. Gastelmeiers Herz hatte sie gleich gewonnen.

»Ah, das sind Leut',« sagte sie. »Jetzt haben sie sich gestern geärgert, mein Gott, es verlohnt sich nicht der Mühe; heute sind sie alle außer Rand und Band. Aber, was sagen Sie, nicht wahr, den Erwin nähmen auch Sie nicht mit nach Italien? Ich geh' nämlich nächster Zeit hin,« fuhr sie lebhaft fort. »Irgend wen muß ich mitnehmen. I wo, so allein geh' ich nicht wieder, wie's letzte Mal; aber so eine Trauerweiden, wie den Erwin und dazu so ein Pulverfaß von Revolutionär, wie er ist – so etwas möcht' ich net mitnehmen. Deshalb sind sie alle bös. Der lange Bursch da soll mit.« Sie zwinkerte nach ihrem Begleiter hin, der mit Erwin, Olly und deren Mutter in ein hitziges Gespräch über Kunstfragen geraten war. »Mein Gott, so ein alt's Weiberl muß halt nehmen, was sich bietet. Und was Junges muß es sein. Wissen Sie, Altes hab' ich selbst genug. Und außerdem: er ist ein armer Teufel. Ich wohne hier gerade gegenüber in der Schellingstraße. Mein Garten geht denen hier bis unter die Fenster. Das sind Leut',« beteuerte sie noch einmal und zwinkerte mit den Äugelchen. »Mir macht's eine Hexenfreud', zuzuschauen, wie geschickt die sich das Leben verderben. So ein Unsinn. Nein! Gott steh' ihnen bei! Ich hab mir das meine hübsch eingerichtet, wissen Sie, so ganz nach meinem Gusto. Das können die hier nicht leiden. Jetzt hören Sie nur, was sie wieder haben, über was sie da wieder in Eifer geraten. Hören Sie nur!«

Die kleine Alte setzte sich in Positur, als wenn sie in Gemächlichkeit ein Schauspiel betrachten wollte.

Sie hatten sich alle während des wütend-litterarischen Gesprächs erhitzt. Naturalismus, modern, altbacken, neue Werte und so weiter. Das alles war wie Schneebälle bei einer Schneeballschlacht hin- und hergeflogen mit schwindelerregender Schnelligkeit. Erwin Oels nicht anzubringender Roman schien immer noch die Ursache dieser Erhitzung zu sein.

»Klimpern gehört zum Handwerk,« sagte das Altchen vergnügt und behaglich. Sie amüsierte sich.

Die Frau vom Hause, ihr Erwin und der sparrige Mensch waren über den Roman eines bekannten Schriftstellers hergefallen, der sie alle drei entrüstete. Gastelmeier kannte ihn auch, es war nichts Erwähnenswertes daran; aber der Autor war berühmt. Eine höchst einfache Thatsache, die aber die drei Eifrigen in die größte Wut versetzte, so daß sie nach allen Regeln der Kunst zuerst das Machwerk gründlich abschlachteten, und, als da nichts mehr zu thun übrig blieb, ihr großer Zorn aber noch nicht gestillt war, sich über den Autor selbst hermachten.

Erwins Kollege hatte das aufgebracht. Sie begannen den Autor selbst zu schlachten. Und dieser Autor war ein wohlbeleibter, soignierter Lebemann, ein vornehmer Mensch, dem es im Leben vortrefflich erging. Das amüsierte die drei außerordentlich. Sie zerteilten ihn in Stücke und bestimmten diese zu verschiedenen Gerichten. Emil lachte aus vollem Halse, auch Olly amüsierte sich. »Er verdient's nicht anders, wahrhaftig, er verdient's nicht anders,« sagte sie.

»Aber die Augen, seine Fischaugen, was machen wir mit denen?« rief Emil strahlend.

»Solche Fischaugen sind zu nichts zu brauchen, das ist Abfall!«

»Bravo!« sagt die Dame des Hauses und konnte sich vor Lachen kaum aufrecht erhalten.

Gastelmeier war entrüstet. So ein fanatisches Weib! Er konnte auch den Witz von der Sache nicht einsehen. Eine Roheit – nichts andres! Und Olly, das junge Mädel, lachte mit. Er wendete sich zu ihr und fragte: »Weshalb lachen Sie eigentlich?«

»Weil es komisch ist,« bekam er zur Antwort.

»Komisch? – Na!« sagte Gastelmeier.

»Ein Mensch, der so schreibt, verdient's nicht anders. In der Kunst sollte streng gerichtet werden, strenger als bei einem Verbrechen,« sagte sie fest und mit leuchtenden Augen.

»Die Olly ist ein recht gutes Mädchen,« wisperte das Altweiberstimmchen wieder neben ihm, »aber spinnen thut sie auch. Kunstfexen sind sie eben alle miteinander. Jammerschade. Und ich seh' schon, mein Kraftmensch ist auch net viel besser. So dummes Zeug aufzubringen. Na, wart', den lang' ich mir, den nehm' ich mir 'mal auf die Seite und mach' ihm die Sache klar, dann sollen Sie sehen, der wird so zahm, daß er aus der Hand frißt. – Jodeln sollen Sie ihn aber einmal hören. – Herr Kaufmann, jodeln Sie doch einmal.«

»Ja, mein Schatz,« sagte er, »zu Befehl!« machte wieder ein schiefes Maul, schob die Unterlippe vor und sammelte sich, wie es schien. Darauf begann er zu jodeln, das die Scheiben klirrten. Er jodelte vortrefflich, ganz ausnahmsweise gut – fabelhaft.

»Sehen Sie,« wisperte das alte Weibchen, »das ist mein Genuß. Das ist für mich schöner als der schönste Gesang. Das ist eine Kraft, an der man sich aufrichten kann.« Sie zwinkerte mit den Äuglein. »Dessentwegen, wegen dem Jodeln, nehm' ich ihn mit.«

Gastelmeier fand an dem alten, kleinen Fräulein immer mehr Gefallen, aber das reizende Geschöpf, die Olly, hatte ihn verstimmt. Freilich mußte er immer auf sie schauen. Er verstand sie nicht. Olly war eine neue Welt für ihn.

Wie sie soweit friedlich bei einander saßen. geschah mit einemmal ein Krach, ein Donner, ein Geklirr und Gepolter, daß alle zusammenfuhren.

»Jesses Maria!« rief das alte Weibchen entsetzt. «Was ist denn das? Wer fehlt denn hier? – Emil.«

Diese praktische, wie es schien, vielgeübte Umschau hatte das alte Weibchen mit großer Geistesgegenwart sofort unternommen. Emil fehlte wirklich.

»Ach Gott!« rief die jetzt ganz entgeisterte Madame, »er hat nach Butter gesucht und hat den ganzen Rauchfang über dem Herd heruntergerissen. Großer, allmächtiger Gott! – mit allen Sachen. Was andres kann es nicht sein!«

»I wo,« sagte der sparrige Jüngling, dem die Erklärung unglaublich vorzukommen schien.

»Hab' ich's nicht immer gesagt, das kommt von der Fexerei,« rief Tante Zänglein. »So ein unsinniges, altmodisches, modernes Ding über einem Herd zu haben, das kann auch nur Euch passieren. Die ganze Simpeln hing an einem Draht.«

Während dies und noch verschiedenes andre geäußert wurde, stürzte die ganze Gesellschaft hinaus, durch den Korridor in die Küche. Dort fand man ein Bild der Zerstörung vor, das jeder Beschreibung spottete. Es war wirklich der künstliche Rauchfang, den irgend ein mittelalterlich gesinnter Stilbaufex über dem modernen Sparherde sinnreich angebracht hatte, herabgestürzt. Der Rauchfang hatte sich über den Herd gestülpt und alles, was auf dem Herd war, überdeckt – und da war etwas, man roch es noch, etwas Gebratenes, Gezwiebeltes, und alles, was auf dem Bord des Rauchfangs stand, war mit heruntergepoltert und lag zerbrochen und zerquetscht umher. Was irgend an der Wand hing, war herabgestreift, ein Chaos, und Emil war nicht zu bemerken.

Die entsetzte Mutter lehnte, unfähig, irgend etwas Vernünftiges zu thun oder zu sagen, an dem Thürpfosten.

Olly rief: »Emil!«

»Der Emil wird doch nicht drunter gekommen sein?« meint Tante Zänglein.

»I wo,« sagte der sparrige Jüngling und rüttelte mit Erwin, Gastelmeier und Olly an dem Unglücksrauchfang; aber es war keine Möglichkeit, ihn in die Höhe zu bringen. Es war alles mit beul Herd fest verkeilt.

»Da hat er sich über Euer Abendbrot gestülpt,« sagte Tante Zänglein und schnüffelte mit dem Naschen, »vorhin roch es so gut nach Zwiebel. Was hattet Ihr denn Feines? Das geht ja hoch her!«

»Lieber Himmel, « sagte Frau Kovalski tragisch. »Das waren die Beefsteaks, die sollten uns wieder etwas zu Kräften bringen, die sind nun auch verloren! Wo ist denn Franziska hingelaufen? Weshalb hat sie sie nicht vordem aufgetragen?«

»Ja, als ob man bei Euch irgend etwas vorher wissen könnte!« sagte Tante Zänglein.

Olly rief: »Gottlob, daß Emil wenigstens nicht drunter ist.«

»Guck, Guck, der hat sich aus dem Staub gemacht, der Lump,« lachte Tante Zänglein. Sie war längst wieder dabei, sich zu vergnügen. Die Hausfrau aber schien mehr Mühe als andre Sterbliche zu gebrauchen, ihre fünf Sinne in einem solchen Fall wieder beisammen zu bekommen. Sie war ganz auseinander und es arbeitete in ihrem Gesicht, als wollte ein Thränenstrom hervorbrechen.

Was war denn aber das? Ein sonderbares Zischen und Wüten, ganz am Ende des Korridors. das man in der Aufregung erst jetzt bemerkte. Alle spitzten die Ohren.

Mitten zwischen diesen Geräuschen, die mit dem Lärm, den ausströmender Dampf zu machen pflegt, eine große Ähnlichkeit hatten, rief jetzt Emils Stimme: »Erwin, du Esel! Erwin!« Das klang wütend und angstvoll und wie in höchster Gefahr.

»Allmächtiger, mein Bad!« schrie Erwin. »Das hab' ich vergessen!«

Jetzt stürzte er durch den engen Korridor und alle ihm nach an die zweite Unglücksstelle. Die sah auch nicht übel aus. Der Badeofen, zum Zerplatzen überheizt, daß der Dampf wütend aus den Ventilen zischte. Und der Krahn fürs kalte Wasser offen, das mit Vehemenz in eine Badewanne stürzte, die ihren Überschwall über die Diele laufen ließ.

»Erwin, der Krahn geht nicht zu!« jammerte Emil mit wütender, weinerlicher Stimme.

»Wo ist denn die Zange, ohne die Zange geht's ja nicht mehr!« rief Erwin.

»Ja, wo hast's denn?« gab Emil zurück. »Wegen der ist ja schon der Rauchfang herunter. Wer zum Teufel hat sie denn wieder verschleppt!«

Erwin stand ratlos und unbeweglich.

Emil arbeitete immer noch mit seinen kleinen festen Fäusten daran, den Krahn umzudrehen, und war in heißen Dampf eingehüllt wie ein Posaunenengel in Wolken. Da schob endlich der Kraftmensch die verzweifelte Gesellschaft auseinander und würgte in den Dampfwolken herum und wie es schien, mit Erfolg, denn das Hineinschieben des Wassers in die überrinnende Badewanne hörte auf. Er brachte dann die Geschichte soweit in Ordnung, daß wenigstens einer weiteren Überschwemmung und einer Dampfkesselexplosion vorgebeugt war.

»Herr, mein Gott! Dieser unselige Roman!« rief Frau Kovalski. Sie war nun von dem drohenden Weinkrampf, der sich bei dem Anblick der Küchenverwüstung angekündigt hatte, wirklich gepackt und suchte an Erwin Halt, der selber fassungslos dastand.

»Ein Unglück bringt zehn andre mit sich,« schluchzte sie.

Tante Zänglein amüsierte sich schon wieder. »Das kommt wirklich alles vom Roman,« sagte sie eifrig zu Gastelmeier und zwinkerte pfiffig mit den Äuglein. »Ich kenn' das schon. Nach so einem Mißerfolg sind sie gedankenlos wie die Hühner . . .

Gastelmeier ging heute ganz überwältigt zu Bette und mit dem festen Entschluß, so bald als thunlich sich aus dem Staub zu machen. Da war ihm sein veritabler Rangierbahnhof mit der guten Verpflegung doch lieber als dieser, der auf geistigem Gebiet verzehnfachten Spektakel machte. Da war gar kein Zweifel, von hier mußte und wollte er fort.



IV.

Fastnachtsdienstag in München.

Die Narrenwelle, die das Lebensmeer jedes Jahr breit über die Stadt hinspülen läßt, spült auch dieses Jahr bei schneidendem Märzwind durch die Straßen und führt allerlei wunderlich aufgeputztes, aufgeregtes Volk mit sich, dem der eisige Wind um die Nase streicht, oder die leichenhaft starren Larven lüftet, die bunten Lumpen um den Kopf schlägt und den Spaß im Freien einigermaßen verdirbt. Trotzdem war den ganzen Tag ein Gelauf und Gerenne gewesen. Der Humor war von der Kälte etwas ungelenk und frostig geworden, mußte erst die starren Glieder recken, und von dieser Anstrengung wurde er dann etwas grob und unerfreulich. Es war notwendig, daß man ihn zum Auftauen brachte. Das fühlten alle und deshalb war ein gewaltiges Drängen nach den Cafés und Wirtshäusern und Bierkellern.

Es war auch schon längst dunkel auf den Straßen, und die Verkappten, Vermummten und Ausstaffierten drängten zum Licht wie die Mückenschwärme. Sie wollten sich sehen lassen und wollten sehen. Und was draußen in der Kälte und dem schneidenden Wind eingefroren war, das begann in den heißen, mit Tabaksrauch und Menschendunst erfüllten Räumen sich auszubreiten: das wurde kühn und unternehmend.

In den hellen reichen Räumen des Café Luitpold sitzen an den runden Marmortischen Pärchen aller Art und schaulustige Leute, die den Menschenstrom an sich vorüberrauschen lassen, der durch das Café flutet, zur einen Thüre herein, zur andern wieder hinaus. In einer Ecke haben drei Personen Platz gefunden, ein junger Mann, dem die ganz naive Verliebtheit unbefangen aus den Augen sieht. Ein armer verliebter Mensch, ein Mensch, der uns nicht unbekannt ist, den wir bisher als sehr vernünftig und respektabel kennen lernten, als durchaus comme il faut. Comme il faut-Meier! Seine beiden Nachbarinnen tragen schwarzseidene Lärvchen. Die eine ist in einem braunen, soliden Wollenkleid gekommen, die andre in einem schwarzseidenen Fähnchen, das so reizvoll und eigenartig die junge Gestalt umschließt, so reizvoll, das Gastelmeier das Persönchen wie durch einen leichten Nebel sieht. Es ist ihm selbst nicht recht geheuer. Er wird ihn nicht los, diesen Anblick, ob er ihn vor Augen hat oder nicht. Der arme Gastelmeier ist bisher so gut durchs Leben gekommen und es scheint ihm auch, daß er jetzt noch gut damit auskommt, sogar besonders gut. Sein Lebtag war es ihm klar, daß es mit dem Verlieben eine faule Geschichte ist. Jetzt denkt er nicht daran.

»Da ist niemand, der mich kennt, ich thu' das Maskerl einen Moment ab,« sagt das junge Geschöpf im schwarzseidenen Fähnchen. Gastelmeier blickt traumverloren auf sie, er will den ersten Blick in das enthüllte Gesicht thun.

Sie knüpft an ihrem Lärvchen. Es hängt ihr noch mit dem einen Gummiband, an dem das Knöpfchen ist, im Haar fest. Das Gesicht ist frei. Lebensvolle, brennende Augen schauen in das Getümmel, ganz versunken und benommen.

Im Januar war es, als Gastelmeier nach jenem etwas lebhaften Abend fest entschlossen war, den geistigen Rangierbahnhof so bald als thunlich zu verlassen, und jetzt ist's März und er steckt immer noch dort. Er ist Hausfreund geworden. Das Mädel ist ihm anvertraut.

Seine Kameraden haben die Sache längst durchschaut, haben anfangs geschwiegen, später gelächelt, noch später, zu spät, freundschaftlich gewarnt, dann wieder gelächelt und die Achseln gezuckt. Dem Gastelmeier war nicht mehr zu helfen, er hatte sich fürs erste in der Schlinge gefangen.

»Schau, Friedel, mich kennt erst recht kein Mensch hier, da thu' ich's auch ab. Mich erstickt's halt.«

»Wenn du meinst,« sagte Gastelmeier, und das zweite Lärvchen fiel auch.

Das war die Anna aus Rohrmoos. Gastelmeier aber sah nicht nach ihr. Seine Blicke hingen wie gebannt an dem eigenartig schönen Geschöpf neben ihm, das nur Augen für das Treiben um sich her zu haben schien. Anne sah mit einem langen Blick auf ihren guten Kameraden, mit so einem klaren, festen Blick, in dem deutlich das Bewußtsein zu lesen stand: ›Für dich ist da alles zu Ende.‹

Die rosigen Wangen wurden bleicher, und sie sah nun auch auf das schöne Mädchen.

›So großartig brauchst dich auch nicht zu verhalten, daß du ihn da sitzen läßt, wie einen Narren, du,‹ dachte Anne. Er vergab sich etwas in ihren Augen, daß er sich so verliebt zeigte. ›Ihr thuts euch leicht, ihr Mannsleut,‹ dachte sie wieder und lächelte. Ein Seufzer –

Jetzt, da niemand auf sie achtete und sie so einsam und verlassen neben dem Kameraden saß, den sie ihr Lebtag als von sich untrennbar betrachtet hatte – als einen, dem sie nie einen Namen gegeben hatte, der für das elternlose Mädchen, Bruder und Freund war, an den alle schönen Erinnerungen sich knüpften, da konnten ihre Gedanken in dem engen erstickenden Saal nicht mehr bleiben. Sie flogen hinaus in die stille Nacht, weit über die Stadt hinaus in das stille, dunkle Rohrmoos. Da würde es ihr wohler – und weher.

Jetzt kannte sie die Einsamkeit mit einemmal. Die schwere herzbedrückende Einsamkeit. Sie fürchtete sich, in ihr altes Heim zurückzukehren, und hier wollte sie auch fort, je eher je lieber – das – nein – das that bis in den Grund der Seele weh, das mit anzusehen – das war menschenunmöglich. Es war ihr gerade, als wenn ihr jemand alle Lichter, die ihre Welt erleuchteten, vor den Augen ausbliese. Es wurde dunkler und dunkler und öder und öder und für immer und ewig. Unter dem runden Marmortisch faltete sie die Hände und saß still und gebeugt, vom Unglück getroffen da.

Einem übermütigen Menschen, der an ihrem Stuhl vorüberging, gefiel das blonde Mädchen und in der Maskenlaune legte er den Arm um ihre Schulter und versuchte sie zu küssen.

Da sprang sie mit einem Schreckenslaut auf und sah ganz entsetzt um sich her. »Herr, mein Gott!« rief sie.

Der Übermütige lachte laut und verschwand mit einem Satz in der Menge, denn Gastelmeier setzte ein sehr würdiges und ernstes Gesicht auf.

»Ach du, gehen wir,« sagte Anna.

»Deswegen?« flüsterte ihr Gastelmeier lächelnd zu. – »Wart' nur, ich paß' besser auf dich auf.«

Gleich darauf sprach er mit Olly, die von einem wahren Eifer belebt war, alles zu sehen und alles zu hören was es irgend gab.

»Sehen Sie dahin, ach, sehen Sie dahin – Herr Gastelmeier, bitte!« So rief sie alle Augenblicke. Nun sagte sie: »Wie gut von Ihnen, daß Sie mich mitgenommen haben! Sagen Sie selbst, wann sieht ein Mädchen, wie die Menschen sich eigentlich bewegen; an den Modellen doch wohl nicht?«

»Ist Ihnen denn das wirklich so eine Freude?« sagte Gastelmeier.

»Freude? – Nein, Freude nicht. Notwendigkeit! Glauben Sie mir, ich bin nach solchen Dingen verschmachtet.«

»So ein kleines vergnügungssüchtiges Fräulein!«

Da wurde das schöne Mädchen ganz erregt, die dunkeln Augen strahlten. Man fühlte, sie konnte nicht recht zu Worte kommen.

»Nein –!« sagte sie – »da haben Sie mich mißverstanden. In Ihrem Sinne macht mir's kein Vergnügen, – anders! Ich sehe die Dinge und lerne und lerne, wissen Sie, so mit ganzer Seele! Ich fühle dann: so kann man etwas leisten, so mitten im Leben, nie wie bei uns Frauen, wir stehen immer abseits. Was kann man da . . . Ich will sehen, wie die Menschen leben. Verstehen Sie mich doch.« Sie legte im Eifer ihre Hand auf die seine, wie um an seinem Verständnis zu rütteln. »Ist denn das so schwer zu begreifen? Ich bin Künstler wie Sie Künstler sind. Und Sie glauben nicht, wie eine Frau nach dem Leben und der Wahrheit haschen muß. Sie bekommt nie die Wahrheit zu sehen!«

Olly machte Aufsehen. Allerlei Masken sammelten sich um den Tisch und banden mit ihr an. Gastelmeier wollte bei jeder Gelegenheit ritterlich seiner Dame beistehen.

»Lassen Sie, lassen Sie!« bat sie und legte ihre Hand auf seinen Arm, gewissermaßen, um ihn zu verhindern, aufzustehen. Dann plauderte und lachte sie weiter mit den andern und ging auf alle Scherze ein.

Ein Paar ließ sich neben ihr nieder, wie es schien, ein Akademiker als Köchin verkleidet und ein zweiter als Gerichtsvollzieher. Der letztere fragte sie, wer sie sei.

»Ein Malermadel,« antwortete sie.

»Das Madel von ein Maler, oder malst selbst?«

»Ich mal' schon selbst.«

»Da ist net viel bei dir zu holen! Malermadl? A verschmierte Leinwand, an Zahnbürschtel, wanns eins hast, a Malschürzen und a schlecht's Gwandl – dein best's hast' an, net?«

»Geltens,« sagte Olly mit lachenden, strahlenden Augen. »Morgen kommt schon einer zu uns, wenn auch du net.« Sie wandte sich vom Pseudo-Gerichtsvollzieher lachend zu Gastelmeier. »Es kommt wirklich einer, komisch.« Gastelmeier sah sie ganz verblüfft an.

»So,« sagte die Maske. »Da nimm dich in acht, daß er dich nicht mitnimmt, du mit deinen unsinnigen Augen, wann ich kam', das wär' das erste.«

»Geltens,« sagte Olly wieder, »das sollte dir aber net übel bekommen.«

»Sehr einfach,« meinte die Maske zu seinem Genossen gewendet, »da müssen wir zu diesem kleinen Teufel unsern dressierten Löwen mitbringen.« Darüber lachte Olly wieder unbändig. Sie lachte über alles.

»Lassen Sie doch diese Leute,« flüsterte Gastelmeier ihr erregt zu. – »Schließlich, angenehm kann es Ihnen doch nicht sein, wenn der Kerl zudringlich wird.«

»Aber gleichgültig. Sehen Sie nur, der eine sieht ganz wie eine Gans aus, wenn er die Augen so verliebt verdreht. Nicht hier ist Maskerade, sondern die ganze Zeit draußen ist Maskerade. Heut sind die Leute, wie es ihnen bequem ist und paßt, und das sind erst Bewegungen, was man hier sieht, alles andre ist Marionette. Wie ich Ihnen danke, daß Sie mich mitgenommen haben!«

»Ich glaube, Fräulein Olly,« sagte Gastelmeier unwirsch, »Sie studierten noch, wenn so ein Kerl Ihnen einen Kuß geben würde?«

»Freilich!« sagte sie. »Mich ginge der Kuß ja nichts an.«

»Na,« meinte Gastelmeier, der am liebsten das Mädchen am Arm genommen und aus dem Saal geführt hätte.

»Hat Sie ein Hund schon geküßt?« fragte Olly, »so was man von einem Hund küssen nennt. Das ist unangenehm und man sieht zu daß es nicht geschieht.« Ihre Augen hatten schon wieder etwas in der Menge entdeckt, was ihre Aufmerksamkeit ganz in Anspruch nahm. »Nein,« sagte sie wie zu sich selbst, wie soll man Künstler sein, wenn man das Leben nicht kennt!«

Gastelmeier wendete sich an Anne und sagte leise: »Denk' nicht schlecht von ihr. Du solltest sie einmal zu Hause sehen, so ein braves Mädel. Sie ist nicht wie die meisten andern, und sie malt wirklich brillant, da könnte sich jeder Mann freuen, wenn er's so fertig brächte. Aber weißt du: – es ist doch schad' an einem Mädel.«

»Schad'?« fragte Annele. »Ich mein', ich versteh' sie, besser als du sogar. Das ist nicht schad'. Sie ist ein mutiges Mädchen.«

Das sagte Annele und das Herz that ihr dabei weh, als wollte es zerbrechen – aber sie mußte es sagen.

»Du, das wundert mich von dir. Ich dachte, die Art müßte dir mißfallen,« erwiderte er darauf.

Annele brach das Gespräch ab und schaute in das Getümmel hinein, als wenn sie etwas sähe; sie sah aber nichts, was um sie vorging, nur immer die eine einzige Öde, in der sie von nun an? wie es ihr schien, für immer zu leben hätte.

»Wie ist denn das mit dem Gerichtsvollzieher?« fragte sie nach einer Weile leise.

»Was meinst du denn?« flüsterte Gastelmeier.

»Sie sagte doch, es käme morgen einer zu ihnen. War das ein Spaß?«

»Unmöglich,« meinte Gastelmeier; bei sich aber dachte er: »Weshalb nicht. Bei uns geschieht ja allerlei derartiges.«

»Fräulein Olly,« wendete er sich wieder leise an diese, die eben eine Pause im Plaudern gemacht hatte, »was war denn das vorhin mit dem Gerichtsvollzieher?«

»Was denn? – Daß morgen einer zu uns kommt? – Im Ernst. Er holt nur ein paar Sachen,« sagte Olly seelenruhig. »Wegen der Metzgerrechnung. Der Mensch will nicht länger warten.«

»Ach so,« meinte Gastelmeier mit nicht ganz natürlicher Seelenruhe.

›Diese vollkommene Wurschtigkeit‹ wie er in seinem Innern sich ausdrückte, ärgerte ihn und doch hatte er wieder ein sonderbares Gefühl der Bewunderung, wenn er an den Riesenfleiß des Mädchens dachte – und an Erwin, den guten Jungen, der wie ein Rasender weiter komponierte an Dingen, die ihm nie ein Buchhändler abnehmen würde, der Rufe aller Art an die Menschheit zur Umkehr in petto hatte, der sich in Romanen empörte, empörte über Dinge, mit denen alle Welt zufrieden war; und mit all dem Fleiß und all dem Hetzen konnten sie nicht ihr ruhiges Stückchen Brot verdienen und zogen wie in eine Glückseligkeit in dieses fruchtlose Treiben auch noch Emil, den armen Burschen, mit hinein. Ollys Talent war auch durchaus nicht brav und den Menschen wohlgefällig. Es war eigenartig, nicht einschmeichelnd.

›Armes Ding,‹ dachte Gastelmeier. Er hätte das schöne, zarte Geschöpf in seine Arme nehmen und sie aus dem seelenverzehrenden Treiben hinaustragen mögen. Er fühlte sich so ganz als den typisch starken Mann und sah in ihr das typisch schwache Weib. Wohin sollte der jetzige Zustand führen? Er sah sie in Not und Elend, den zarten Körper gebrochen von Überarbeitung, Hunger und Elend – und er konnte sie sich doch nicht mutlos vorstellen, und nicht ohne Feuer und Lebenskraft. Er sah sie in allen Lagen und er konnte sie sich nicht gedankenlos und nicht schlecht vorstellen und auch nicht verzagt. Noch nie hatte ein Weib ihn so erregt, noch nie hatte er über ein Weib so nachgedacht, das Geistige so empfunden. Bisher hatte nur Frische der Jugend auf ihn gewirkt. Aber hier – ja, die Jugend liebte er auch hier; aber dieser junge, schöne Körper schien die leichte Hülle von etwas ihm Unbekanntem zu sein, das hier für ihn zum erstenmal das Körperliche durchleuchtete.

Ja, zum erstenmal. Bisher waren für ihn alle Weiber Körper mit etwas Herz gewesen, mit so viel Herz, als gerade notwendig – und dies Herz war ihm als etwas unsäglich Langweiliges erschienen. Und nur das ganz junge Weib war für ihn Weib; wo er diese Jugend nicht mehr antraf, war für ihn auch das Weib nicht mehr vorhanden, etwas Andres war an dessen Stelle getreten, etwas Unerfreuliches. Seine Mutter hatte er geliebt, weil sie eben seine Mutter war. Annele war ihm lieb, weil sie zu ihm gehörte. Ein fremdes Volk waren sie ihm alle gewesen, eine unter ihm stehende Menschenkaste, etwas, was ihn vorderhand gottlob nichts anging, von dem er sich aber Ideale zu machen liebte, an die er selbst nicht recht glaubte. Und das Ideal, das er sich gemacht hatte, pfropfte er allen auf, mit denen er in Berührung kam. Auch hier bei Olly wollte er es versuchen, aber er wußte nicht recht damit fertig zu werden. Die Pflanze war ihm zu fremd.

Übrigens hatte er sich diesen Abend anders vorgestellt. Das Mädchen hatte nur Augen für das, was um sie her vorging, und er hätte sich gerade vor Annele gern zeigen wollen. Daß Olly ihm soweit gut gesinnt war, wußte er, und so ein Abend war eigentlich die Gelegenheit, seinem freundlichen Verhältnis zu ihr eine etwas andre Richtung zu geben, eine Richtung, die er sehnlichst herbeiwünschte. Als sie bei einander saßen und der Strom immer neuer Masken sich an ihnen vorüberwälzte, wendete sich Olly zu ihm, nachdem sie längere Zeit stillgesessen, und sagte: »Ich habe eine große Bitte an Sie, Herr Gastelmeier.«

»Nun?« fragte Gastelmeier gespannt. Er war wie elektrisch geladen, jede Verbindung mit Olly ließ ihn Funken sprühen, die ihm das Herz für einen Augenblick erleichterten.

»Führen Sie uns in die Zentralsäle. Ich muß das auch sehen.«

Da war es ihm aber, als habe er einen Schlag ins Gesicht bekommen. Das hätte sein Ideal, das er sich vom Weibe gemacht hatte, nie gesagt. Sein Ideal hätte überhaupt nichts davon gewußt, daß Zentralsäle existieren, wenigstens von jenen Faschingsbällen hätte es nichts gewußt, und hätte es etwas gewußt, so hätte es dies doch nie und nimmermehr einem männlichen Wesen eingestanden.

Aber Olly kümmerte sich um sein Ideal, wie es schien, nicht im geringsten. »Kommen Sie,« sagte sie eifrig.

»Nein, Fräulein Olly, das geht nicht,« antwortete er, nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte, »und ich muß mich wundern, wie Sie überhaupt auf diese Idee kommen.« Er setzte eine gewissermaßen väterlich würdige Miene auf.

»Sie sind etwas begriffsstutzig, mein Herr!« sagte Olly komisch und ungeduldig. »Ich möchte wissen, wie oft ich es Ihnen erklären muß.«

»Ach so,« meinte Gastelmeier, der die Künstlerschaft Ollys immer vergaß; daß ein Weib noch etwas andres als Weib sein könnte, war ihm noch zu neu. Diesmal sah er es, mochte es nun sein wie es wollte, für seine Pflicht an, Ollys Wunsch nicht zu erfüllen. Das war ja überhaupt kein Wunsch, der zu berücksichtigen wäre. Ins Gesicht hätte er sich schlagen müssen, wenn er ein junges, unschuldiges Mädchen aus anständiger Familie zu einem solchen Ball hätte führen wollen, er, Gastelmeier!

Aber bleibe einer seiner Würde treu, der in einen Strudel gerissen ist, und so ein echter, rechter Liebesstrudel ist in dieser Beziehung gefährlicher als irgend ein Sturm oder Wasserwirbel.

Im Lauf einer halben Stunde befanden sie sich alle drei einmütig miteinander auf dem Weg nach den Zentralsälen. Die Mädchen hatten Lärvchen und Kapuzen wieder aufgesetzt, – den Ausschlag zu diesem Entschluß hatte Annele gegeben, Gastelmeiers gutes, einfaches Annele. »Gehen wir doch,« hatte sie gesagt, »wenn sie es will, weshalb denn nicht – wenn sie's zu ihrer Malerei braucht? Ich kann mich nicht anders ausdrücken,« fuhr sie ruhig und bedächtig fort, »wenn ich eine Kuh malen könnte, würde ich sie auch nicht während der Stallfütterung malen, sondern wenn sie auf der Weide ist.«

»So,« sagte Gastelmeier, »die Weiber halten immer zu einander.«

»Was anders wie im Luitpold wird's ja doch wohl auch nicht sein,« sagte sie. »Rechte Kälber sind's. Jedes macht so seine Sprünge. Ein bissel Freiheit – dann ist's bei Mensch und Vieh das Gleiche.«

Olly und Annerl fanden sich ganz gut zu einander. Und Annerl war tapfer. Gerade weil Olly es war, durch die ihr so weh geschah, gerade deshalb mußte sie ihr beistehen.

»Ich halt' mich fest an dir,« sagte Annerl zu Gastelmeier, als sie die steile, steinerne Treppe zu den Zentralsälen hinausstiegen.

»Thu das nur, und Sie auch, Fräulein Olly.«

Die ganze Treppe entlang standen trübselig alte verdorrte Tannen, die hatten schon den ganzen Winter als Schmuck gedient und verloren jetzt die braunen Nadeln. In den Korridoren, wo die Menschen eng an den Zweigen vorüberstreiften, waren die trockenen Bäume zu Besen geworden. Zwischen diesem elenden Festschmuck drängte die Menschenmenge ein und aus, Männer und Frauen, lauter junge Frauen in meist schwarzen, eleganten Kleidern mit bloßen Armen und Schultern. Fast alle hatten ihr schwarzseidenes Lärvchen vor und eine sonderbare kapuzenhafte Kopfbedeckung. Unsre drei hatten schon genug derlei Gestalten im Café Luitpold gesehen.

Annele hielt sich eng an Gastelmeier fest. »Nicht du, du nimmst mir's net übel, wenn ich mich fest halt'?« sagte sie noch einmal. Und es lag etwas in dieser Frage, das jedem andern aufgefallen wäre, nur Gastelmeier nicht, der beunruhigt und erregt mit seinen beiden Schutzbefohlenen vorwärts strebte.

»Also ihr wollt wirklich?« fragte er noch einmal.

Annele antwortete nicht, aber Olly sagte ruhig und bestimmt: »Ja.«

Jetzt traten sie ein. Es war gerade Tanzpause und die Paare gingen, wie auf jedem andern Ball, in langem Zug durch den Saal und plauderten. Auch hier waren die Wände mit hohen, verdorrten, zum Teil kahlen Tannen jämmerlich verunziert. Annele hielt Gastelmeier weniger fest. Es war so wie überall, sogar in Obersdorf im großen Wirtssaal: wenn sie da im Winter ein paarmal tanzen ließen, war's auch nicht anders. Die Frauenzimmer hier hingen sich zwar etwas sehr zuthunlich den Herren an den Arm; das hatten sie im »Luitpold« auch gethan. Ihre Toilette war freilich anders wie die der Honoratiorendamen in Obersdorf. Wie ihnen alles saß und stand, welche Grazie, welche Vornehmheit, oder doch so etwas Ähnliches wie Vornehmheit! Anna mußte einigen von ihnen ganz bewundernd nachblicken. Andre sahen wieder unerfreulich aus, in lumpigen, kurz geschürzten Maskenkleidern.

Alle drei waren ganz ruhig mit einander gegangen. Jetzt kam ihnen ein armseliger Bürgersmann entgegen, ein krank und verkommen aussehender Mensch, ein Handwerker im Sonntagsstaat; der ging auf Olly zu, hob ihr den Schleier vom Lärvchen und wollte ihr einen dürren Tannenzweig, den er zwischen den Fingern hielt, in den Mund schieben: »Da friß!« sagte er.

Gastelmeier riß das Mädchen näher an sich.

»Gelt, das magst net!« rief der armselige Mensch und wollte vor Lachen platzen. »Brauchen S' denn alle zwei? Vergunnen S' mir net den Käfer?«

Gastelmeier zog seine beiden Mädchen mit sich. Da begann die Musik, einen Walzer, und der Tanz ging los. Die Paare schmiegten sich zärtlich aneinander.

»Ist das ein schwüles Treiben hier,« sagte Annele.

»Wollt ihr was trinken?« fragte Gastelmeier.

»Hier nicht um die Welt,« erwiderte sie. »Sie auch nicht?«

Olly schüttelte den Kopf. Sie hatte nicht Zeit zum Antworten, sie schaute angestrengt, sprach nichts und sah nur – ganz versunken.

Bevor eine Quadrille begann, standen sie alle drei in einer ziemlich stillen Ecke, die aber bald von allerlei Pärchen so überschwemmt war, daß sie sich in der größten Enge befanden. Olly hatte für einen Augenblick Gastelmeiers Arm losgelassen. Das hatte ein sehr erhitzter Herr, dem der Cylinder fast im Nacken saß, benützt, sie mit affektierter Höflichkeit und einem lächerlich tiefen Bückling zum Tanz zu holen.

»Mignon,« sagte er, wie zu einer Katze, und auch er versuchte das Schleierchen über Ollys Lippen zu lüften. Da legte Olly den Arm in den seinen und ließ sich zum Tanz führen.

Annele hatte es früher als Gastelmeier gesehen und stieß einen kleinen Schreckenslaut aus.

»Ist das die soeur?« fragte der Herr und neigte sich vertraulich zu Olly, spitzte die Finger und warf Annele eine Kußhand zu – zum Trost gewissermaßen.

Er hatte aufgeworfene Lippen, glänzend braune Knopfaugen, und war sehr echauffiert. Er führte Olly an ihren Platz und die Musik begann.

War der Walzer schon zärtlicher Natur gewesen, so war es die Quadrille erst recht. Die Pärchen drückten und küßten sich untereinander, daß es nur so eine Art hatte, und in weiße Schultern und Arme wurde gekniffen, daß die roten Male zu sehen waren.

Olly gegenüber biß ein junges Ding mit den glänzend weißen Perlenzähnchen ihren Tänzer in die fette Wange – Olly schüttelte sich vor Ekel.

»Rühren Sie mich nicht an,« flüsterte sie ihrem Tänzer empört zu, als auch er Miene machte, vertraulich zu werden, und »rühren Sie mich nicht an,« flüsterte sie wild und zornig wieder und wieder.

Das schien den feinen Herrn außerordentlich zu amüsieren, er that wenigstens so, behandelte seine Dame mit affektierter Höflichkeit und Hochachtung. – Und Olly sah die erhitzten Gesichter, die sinnlich stieren Augen, die leidenschaftlichen Bewegungen, hörte das Johlen und Aufkreischen; zuletzt sah sie eine unglaubliche Umwandlung, es war ihr, als sei sie nicht mehr unter Menschen, sondern unter einer Horde wilder, wütender Affen.

Kaum war sie frei, so bahnte sie sich den Weg zu Gastelmeier und Annele. Und als sie vor Gastelmeier stand, war dessen gutmütiges, rosiges Gesicht fahl und er sah sie mit einem starren Ausdruck an.

»Hat er Sie geküßt?« fragte Annele. Olly schüttelte den Kopf.

»Das hätte er gebüßt,« sagte ihr Beschützer verbissen.

Olly zitterte vor Erschöpfung, ihr schwindelte und sie faßte Anneles Arm, denn Gastelmeier machte keinerlei Miene, ihr den seinigen zu bieten.

»Ich glaub', du meinst schon wieder, sie hätt's zum Vergnügen gethan?« sagte Annele. »Net wahr?«

»Auf so komplizierte Geschichten,« sagte Gastelmeier kühl, »bin ich nicht eingerichtet.«

Olly hob jetzt den Kopf, sie hatte bisher auf Gastelmeier scheinbar nicht geachtet und war ganz befangen gewesen.

»Ihnen ist es unangenehm, daß ich da mitgetanzt habe,« sagte sie ruhig, »und Sie haben mir Ihren Arm deshalb nicht gegeben? – Sagen Sie 'mal, haben Sie Freunde, die hier öfters die Zeit verbringen?«

Gastelmeier that, als überhörte er die Frage.

»Sagen Sie's doch,« wiederholte sie.

»Freunde? Jawohl!« erwiderte er kurz.

»Denen geben Sie dann auch nicht die Hand?«

»Mein Gott,« sagte Gastelmeier. »Das ist natürlich etwas andres.«

»Natürlich,« sagte Olly. »Kommen die Freunde zu ihrem Vergnügen hierher?«

»Jedenfalls.«

»Und oft?«

»Oho, was ist denn das für ein Verhör?«

»Ich möchte wissen, wie oft etwa,« fuhr sie ruhig zu fragen fort.

»Wenn es ihnen paßt und sie nichts andres zu thun haben, kommen sie in der Faschingszeit wahrscheinlich oft hierher,« erwiderte er.

»Womöglich alle Abende so lang es dauert – jahrelang?«

»Meinetwegen,« sagte Gastelmeier, »was geht's mich an?«

»Die Hand würde ich ihnen dann allerdings nicht geben, und ihre Kleider würden mich ekeln, und sie selbst würde ich verachten – wissen Sie, verachten – das ist's.«

»I wo,« sagte Gastelmeier. »Es können die besten Burschen sein; danach darf man nicht gehen bei einem Manne.«

»Auch dann nicht, wenn sie sich hier wirklich und wahrhaftig vergnügen, wenn sie sich hier im Schmutz gewälzt haben, auch dann nicht? – Und wenn es ein Mädchen auch nur gesehen hat, ohne jeden andern Anteil der Seele als Ekel und Verachtung, dann glauben Sie, sie sei schmutzig geworden, es sei etwas hängen geblieben? Sie wagen es, ihr die Hand zu entziehen? Ich habe es wohl bemerkt.«

Olly hatte bebend gesprochen. »Gehen Sie – gehen Sie – so einen ungerechten Schutz brauch' ich nicht. Ich bin mir wahrlich Schutz genug. Was ich sehen wollte, hab' ich gesehen. Wissen Sie, wir Frauen werden, wenn wir Figurenmaler sind, leicht süß – ein Wunder!« – Sie zuckte die Achsel. »Wir anständigen Frauen bekommen das Leben so süß vorgemalt – so süß und harmlos. Es ist alles so wunderbar in Ordnung, es sind alles solche würdevolle Mustermänner, so vortreffliche Verlobte und Ehemänner, sanft wie die Lämmer. Wir bekommen die Leute nur immer zu sehen, wie der Director seine Schüler beim Examen. Meinetwegen – aber in der Kunst will ich nicht süß werden. Ich will nicht. Wahrheit will ich! Und wenn Sie mich drum verachten, verachten Sie mich! Und wenn Sie Ihren Arm einziehen, ziehen Sie ihn ein! Ich brauch' ihn nicht!«

Damit war sie auf und davon gegangen durch das Gedräng – und im Gedräng verschwunden. Gastelmeier und Annele eilten ihr nach.

»Da durch die Thür ist sie 'nausgeschossen,« rief Annele. Sie bahnten sich durch die tanzenden Paare den Weg und standen draußen, vor der steilen, steinernen Treppe.

»Da ist sie nicht mehr!« sagte Annele.

»In der Garderobe,« meinte Gastelmeier ganz fassungslos.

»I wo, die ist fort!« erklärte Annele bestimmt. »Gehn wir g'schwind in die Garderob' und holen wir die Sachen!«

Gastelmeier stürzte fort und kam bald mit den Sachen für alle drei zurück.

»Die hast du wenigstens schnell derwischt,« meinte sie, und nun liefen sie miteinander die steile, mit Straßenschmutz bedeckte Treppe hinab, an den vertrockneten Bäumen vorüber, hinaus ins Freie.

Gastelmeier nahm einen Wagen, half Annele hinein, gab den Kutscher Anweisung, und nun ging's vorwärts, während jedes der zwei zu einem Fenster hinausschaute. So mußten sie das schöne gekränkte Geschöpf auf seinem Heimweg einholen und entdecken. Der eisige Märzwind hatte Schnee gebracht und spielte mit den Flocken, trieb sie vor sich her, wehte sie von den Dächern herab, türmte sie an den Straßenecken auf, klebte sie an die Häuserwände wie eine dichte Decke und trieb tausenderlei Unfug mit seinem Spielzeug. Und in dieses Treiben war das arme, zarte Ding hineingeraten.

»Nicht zu schnell fahren,« rief Annele dem Kutscher zu, »damit wir sie nicht übersehen.«

»Sie wird doch auch den Weg nach Hause zu gegangen sein?« fragte Gastelmeier schüchtern.

»Freilich,« sagte Annele. Und als sie über den Odeonsplatz fuhren, sah sie einen kleinen, schwarzen Schatten an dem Hofgartenthor.

»Da ist sie!« rief sie dem Kutscher zu, und kaum daß sie gehalten hatten, sprang sie hinaus.

»Gelt, du bleibst drin, sonst erschrickt sie,« flüsterte sie ihm zu und stapfte gleich darauf durch den Schnee.

Der kleine Schatten verschwand nicht.

»Da haben wir Sie doch eingeholt,« sagte Annele und legte ihr den Mantel um die Schulter, Sie fühlte dabei, wie der zarte Körper zitterte.

Olly sprach kein Wort. Die beiden Mädchen gingen miteinander dem Wagen zu und auf diesem Weg sagte Annele zu ihrer Begleiterin: »Seien Sie nicht bös auf ihn. Feuer im Herzen, Rauch im Kopf. So steht's glaub' ich, mit ihm.«

Olly erwiderte nichts, aber sie zuckte leicht zusammen. Von Mama und Tante Zänglein hatte sie schon manche Anspielung hören müssen. Sie hatten ihr von Gastelmeiers soliden Verhältnissen gesprochen, von dem Glück für die Familie. Die Mama hatte bei diesen Andeutungen gestrahlt. Sie hatten Olly damit gereizt und erregt. ›Geld ins Haus! Geld ins Haus! Das ist's im Grunde doch, was sie alle wollen. Das allein!‹ hatte sie zornig gedacht. ›Wie wenig ernst ist es ihnen allen mit der Kunst, und Mama am wenigsten, trotz ihrer vielen Worte, trotzdem sie uns hineingesetzt hat!‹ – ›Und, du wirst ruhig bei ihm Künstlerin bleiben dürfen – das ist auch zu bedenken,‹ hatten sie ihr gesagt. ›Geld ist genug dazu da, Verliebtheit auch. So etwas trifft sich nicht leicht wieder.‹ Das war Tante Zängleins Stimme, die das gesagt hatte.

Als sie in den Wagen stieg, half ihr eine Hand, die sie zart und schüchtern berührte, so zart und vorsichtig, als wenn sie eine Puppe oder ein Heiligtum wäre, und der zarte Griff dieser Hand that ihr wohl, trotzdem sie noch voller Zorn war. Sie fühlte sich mit einemmal so geborgen wie nie in ihrem Leben.

»Bring' sie nur hinauf,« sagte Annele, als der Wagen in der Blütenstraße hielt. »Mich führt der Kutscher ganz sicher nach Haus.«

Und als die Hausthüre hinter den zweien sich geschlossen hatte, fuhr die dritte einsam dahin mit einem Herzen, das zum zerspringen voll Leid war, und ging dann eine finstere Treppe hinauf und in das Gaststübchen ihrer alten Tante, bei der sie die letzten Faschingstage einlogiert war, und in diesem Stübchen verbrachte sie eine bittere, schwere Nacht.


* * *


Eine Nacht, anders wie jede andere Nacht ihres Lebens, verbrachte auch Olly, eine Nacht des Überlegens und Forschens, des Erwägens. Das kam diesem Kopf befremdlich vor, über Lebensfragen zu brüten.

»Er versteht mich nicht,« sagte sie sich und lag mit weit offenen Augen im Bette. »Aber er ist gut und hat mich lieb. Es scheint, die Menschen verstehen einander überhaupt gar nicht. Mama – versteht die mich etwa, oder Erwin oder Emil? Tante Zänglein? Das darf man scheint's nicht erwarten, das Verstehen. – Möchte wissen, wer einander versteht.«

Seine Stimme hatte sie von Anfang an gern gehabt. Und wie er sie heute angefaßt hatte, und ihr in den Wagen zu helfen, das hat ihr tiefen Eindruck gemacht, wie zart, wie freundlich, wie . . . ja, wie denn? Niemand hatte sie noch so berührt, da lag alles darin in dieser Berührung, auch die Bitte um Verzeihung und eine große Liebe, und daß sie für ihn etwas Wertvolles sei, – ja, ganz wie sie zuerst gedacht hatte, daß sie für ihn ein Heiligtum sei. Wie ihr das den ganzen Körper wie mit Wohlbehagen durchrieselte: Jemandes Heiligtum sein!

Er würde auf den Knieen vor ihr liegen – nein – das würde er nicht thun – gewiß nicht. Wie lächerlich müßte das auch aussehen! Sie würde ihm dann gerade auf sein Glatze sehen.

Als er mit ihr die Treppe hinaufgegangen war, hatte er ihr mit einemmal beide Hände geküßt, mitten auf der Treppe. So ein verliebter Mann ist komisch. – Aber das mißfiel ihr nicht an ihm. Es war so angenehm komisch. Sie sah ihm gern zu.

»Ja, wenn er mich bei meiner Arbeit läßt, wenn es so bleibt, wie es ist – beinah so – dann . . . ja dann. Von daheim fort? – O ja, weshalb nicht?« dachte sie.

Sie fühlte, daß es ihr nicht schwer wäre. Sie würden miteinander nach Paris reisen, und sie würde eine Zeit lang dort lernen. – Herrgott, das hatte sie immer so brennend gewünscht. Dort konnte sie finden, was ihr noch fehlte. Schade, daß die zu Hause es gar zu gern wollten – schade.

Weshalb dies schade sei, war ihr nicht ganz klar, aber es war schade. Es war ihr, als wenn ein Reiz fehlte, und sie suchte diesen Mangel darin, daß sie mit ihrem »Ja« Wünsche der Familie erfüllte, die ihr selbst nicht aus der Seele gesprochen waren. Wo etwas herausschaut – das ist immer das beste. Geld ins Haus! Das lag verdeckt von großen Worten über allem, was sie leisteten und thaten. Das war die Triebfeder für das hetzende Treiben im ganzen Haus, der Grund des litterarischen Martyriums von Erwin, der Grund, weshalb Emil mit in das Elend gezogen wurde, weshalb die Mutter Olly ihr Lebtag gesteigert und zum Fleiß angefeuert hatte. Noch immer das leichteste, nobelste Mittel, Geld zu verdienen, sah die Mama in der Kunst. Der Gelderwerb war's; sie hofften, mit all der Qual Geld zu verdienen!

Das hatte Olly schon längst herausgefühlt, das war's, was sie empörte, was sie den Ihrigen entfremdete. Ihr war karg leben kein quälender Gedanke, – gar nicht. Den Ihrigen war er entsetzlich.

Sie sah das strahlende Gesicht der Mutter bei einer gewissen Nachricht und fühlte einen zornigen Ärger.



V.

Alles war nun schon vorüber, alles Erwarten, unendliche Naivetäten und Thorheiten, ein gut Teil Kämpfe, Enttäuschungen, Braut- und Bräutigamsstimmung. Sie hatten im Mai, zur größten Zufriedenheit der Familie in der Blütenstraße, geheiratet – und nun war es schon Weihnachten, der Sommer war vorüber und mit dieser Wandlung waren allerhand menschliche Wandlungen vorgegangen.

Wie einen Traum hatte sie Verliebtheit, Verlobung und die Hochzeit über sich ergehen lassen. Es hatten ihr Betrachtungen gefehlt, die ein ganz in gesunden Verhältnissen stehendes Mädchen gemacht haben würde, es hatten ihr auch die süßbräutlichen dämmerhaften Gefühle gefehlt. Sie hatte bisher eine Sehnsucht nach Liebe kaum empfunden. Ihre Seele war immer ausgefüllt gewesen, so ganz und voll ausgefüllt. Diese »Liebesgeschichte«, wie sie sich in ihren Gedanken ausdrückte, war eigentlich etwas Unnötiges. Sie fand kaum Platz in ihr.

Während der ganzen Zeit ihrer Verlobung war sie einen Druck, der über ihrem Gemüt lag, nie ganz losgeworden, so einen etwas bangen Druck, wie sie ihn früher wohl ähnlich nach einem übereilten Kauf empfunden hatte. Dies Gefühl war ihr bekannt genug, denn so lange sie denken konnte, war jedesmal, sowie sie Geld hatte, etwas gekauft worden, für das sie eigentlich keine Verwendung fand.

Während der Zeit ihrer Verlobung hatte sie auch öfter einen Traum gehabt, den sie hin und wieder träumte, immer, wenn ein Besitz sie bedrückte: Räume voll Sachen, voll lauter Sachen und Lumpen. Alles vollgepfropft, von oben bis unten – beängstigende Massen, und alles ihr gehörig, und sie sollte es unterbringen und ordnen. Die Sachen quollen und quollen und wurden mehr und mehr. Sie wußte sich nicht zu raten und zu helfen. Die Lumpenmassen wuchsen um sie her und verbauten ihr Licht und Luft, es wurde enger und enger, sie erdrückten sie.

Das war ein Traum, der die kleine Tagesempfindung ins riesenhafte verzerrte. Und sie erwachte nach diesem Traum immer seelenbedrückt und erschüttert von einem unbestimmten Grauen. Es fiel ihr auf, daß sie diesen Traum während ihrer Verlobungszeit öfters hatte; aber sie dachte nicht darüber nach. Sie war eben noch gar nicht dahingekommen, über das Leben nachzudenken. Es kam, wie es ihr schien, alles von selbst, und machte sich alles von selbst, es lebte sich von selbst. Ihre Gedanken gehörten alle ihrer Kunst; da waren sie geschäftig wie die Ameisen, da bauten und bohrten sie und arbeiteten und kämpften. – Um das Leben? Hatte sie diese Verlobung erstrebt? Nie! Und sie hatte sich gemacht.

Es waren alle möglichen Annehmlichkeiten gekommen. Olly war mit einemmal wie in eine leichtere heitere Luft versetzt. Blumen – überall Blumen für sie. – Jedermann war mit ihr, als wäre sie neugeboren, ganz anders als mit der unverlobten Olly. Man hörte mehr auf sie. Auf ihre Wünsche wurde Rücksicht genommen, so wie früher, wenn sie ihren Namenstag hatte. Und er? Daß ein Mensch so ununterbrochen gut und glückselig sein konnte, so ein Mensch mit einer Glatze! – und wegen ihr! – Großer Gott, wegen ihr?

Sie träumte das Leben. Es war noch kein Leben aus Fleisch und Blut. Während der ganzen Verlobungszeit blieb sie bei ihren festen Arbeitsstunden und duldete auch nicht, daß Gastelmeier früher aus seinem Atelier kam, um ganz still und artig hinter ihrem Stuhl zu sitzen und ihr bei der Arbeit zuzuschauen. Sie wollte das nicht.

»Keine Eingriffe, nein, nein, keine Eingriffe in mein Recht!« sagte sie ihm dann lachend. »Du weißt es ja – die Bedingung: wir heiraten einander – du weißt doch unter welcher Bedingung?« Dann sah sie fragend und gespannt auf ihn. »Daß ich bei dir arbeiten darf?«

Sie wollte ihre Antwort.

Und er schloß sie in seine Arme und bedeckte sie mit Küssen. »Freilich, freilich, mein Schatz,« sagte er und dachte wohlgelaunt und leichten Herzens: »Laß nur erst einmal alles kommen, was kommen wird.«

Er dachte an ihr erstes Kindchen und sah ein Bild vor sich, so unbeschreiblich entzückend für ihn, daß er das Mädchen gar nicht aus den Armen ließ. Er sah im Geiste, wie warm, wie mütterlich diese jungen, dunkeln Augen einmal glänzen würden. Er wollte ein Heim haben! ein Heim! so warm, so sicher – so ganz nach seinem Sinn. Er wollte sie verpflanzen, dieses blumenhafte Wesen. Sie sollte gedeihen in einer besseren Luft, in gesunden Verhältnissen, bei ihm, im Schutz seiner Liebe.

Er wollte sie einer verzehrenden Zukunft entreißen. Er dachte: ›Wenn ich sie nicht heiratete – was würde wohl aus ihr? Fände sich einer, der den Mut hätte, sich mit diesen Leuten, dem Mädel zulieb, zu verschwägern? Und wenn sich keiner fände, würde wirklich diese Kunst sie beglücken können, diese wütende Kunst, wie sie sie auffaßt, die keinen Frieden und kein Genügen kennt? Und wenn die Arbeit mit dem Erfolg in keinem Einklang stünde? Würdest du die Kraft haben, armes Geschöpfchen?‹ dachte er zärtlich, ›und Entbehrung und ewige Kargheit?‹

Er hielt sie immer noch an seinem Herzen und streichelte ihr, ganz gerührt über sich und sie und alles, den krausen Kopf. O, sie sollte es gut haben und er wollte es gut haben. Die zu Hause sollten wahrlich nicht recht behalten mit ihrer Unzufriedenheit. Wenn ihm Annele nicht beigestanden hätte, er wäre mit seinem guten Alten wegen dieser Verlobung in Unfrieden gekommen.

So aber war der alte Frieden halbwegs erhalten geblieben.


* * *


Am Hochzeitstag während der Trauungsrede – als ihr der Geistliche mit ernsten, schweren Worten kam, mit Worten, die so schroff und fest wie Felsen standen, so düster und fremd, die sie mit dem heitern, harmlosen Wesen, das die ganze Sache bisher für sie gehabt hatte, gar nicht in Einklang bringen konnte – da war sie innerlich erstarrt vor Schreck und Grauen. Was hatte sie eigentlich gethan? Was für ein furchtbarer Schritt war das? Weshalb hatte man nicht früher mit ihr so gesprochen, als es noch Zeit war? Weshalb nicht? –

Eine unnennbare nervöse Angst hatte sie gepackt. Ihr schwindelte; durch den weißen, duftigen Schleier, der ihr halb übers Gesicht fiel, sah sie wie durch einen weißen Nebel die Gestalten der Hochzeitsgäste, sah ihre Mutter fassungslos in Thränen aufgelöst, so haltlos wie immer; das verblüffte Gesicht Emils – und Erwins Gesicht, dieses kraftlose Gesicht, und Tante Zänglein, die sich immer amüsierte – und die fremden Verwandten.

Kühle Gesichter. – Annele war die einzige, die sie nicht sehen konnte. Da war kein Gesicht, das ihr gesagt hätte: Komm her zu mir, ich will dich erquicken, ich will dir helfen, – keins.

Der Mann neben ihr? Das war ja das Schreckliche! Wie standen sie zu einander? Unzertrennlich! – Er gehörte zu ihr für ewig und sie zu ihm – und noch nie war er ihr so fremd erschienen. Sie erschauerte und zitterte und wollte sich stützen, – aber nicht auf ihn, auf sich selbst – und sie hielt sich fest und krampfhaft mit eigenen Kräften. »Nein, ich will mein eigen sein,« flüsterte sie unhörbar, unbewußt – und er zog sie zu sich heran, weil er mit Schrecken ihre tiefe Blässe gewahrte, und wieder war es die sanfte, liebevolle Art sie zu halten, die ihr dabei Trost gewährte. Aber er hielt sie nun doch als sein Eigentum, so oder so.

Eine unnennbare Furcht hatte sich ihrer bemächtigt, eine Furcht vor allem, was kommen sollte – und ein Zorn darüber, wie man sie hatte hinleben lassen bisher, wahrhaftig ohne ein einziges vernünftiges Wort! Nie den Kern berührt, immer gedankenlos! Und nun kamen diese Gedanken, diese nie berührten Gedanken, diese dunkeln Ahnungen, diese Furcht, dieses Bangen, durch düstere fremde Worte geweckt. Auf Orgeltönen kamen sie heran, schwer, mächtig, erdrückend, in wüstem Durcheinander – und schwollen an wie Wasserwogen, und stiegen ihr bis ans Herz und höher und höher, bis zum Ersticken.

Dann war Stille. – Die Feier war zu Ende, Küsse und Thränen, feierliche, sachgemäße und gerührte Gesichter, ein Weinkrampf der Mama, so ein Durcheinander von unklaren Äußerungen aufgeregter Gefühle – und sie hing am Arm ihres Mannes, der diesen Arm fest an sich gedrückt hielt. Es war alles wie ein wirrer Traum, so bang, so wesenlos.

Sie aber wollte eine Gewißheit, eine einzige Gewißheit in diesem Gefühlsüberschwall, und sie neigte sich zum Ohr des tiefbewegten Mannes und flüsterte ihm erregt zu: »Eins sag mir – nur das eine: Läßt du mich arbeiten? Bleibt's dabei?« Sie fragte so angstvoll.

»Olly,« hatte er ganz erstaunt geflüstert, »Kind! Weißt du jetzt nichts andres; weißt du wirklich jetzt nichts andres?«

»Nein, antworte,« bat sie flehentlich.

»Arbeite,« sagte er, »so viel du willst, weshalb nicht?«

Es war nicht, was sie hören wollte. Das rechte Wort war es nicht. Aber was war das rechte Wort? Sie hätte es selbst nicht gewußt. Sie wollte Lebensklarheit – und Lebensklarheit war ihr nur das eine, ihre Kunst. Ein Weg, den sie gehen konnte, der sie ihrer Kunst näher und näher führte – und was hatte sie gethan! – Hindernisse über Hindernisse sich selbst aufgetürmt, in einem Rausch des Wohlbehagens. Es hatte ihr das »Geliebtsein« wohlgethan. Die herbe Luft um sie her war mit einemmal frühlingsweich geworden; ihr war zu Mute gewesen, als wäre sie durch seine Liebe etwas Besseres geworden, etwas Zarteres, und das alles ohne daß sie selbst diese Liebe recht erwidert hatte. Sie hatte sie geduldet, sie war ihr angenehm.

Und nun, welche Verantwortung, welcher Schritt! Wie ein Schleier war es ihr von den Augen gefallen. Dumpf, in Gedanken versunken, saß sie damals neben ihm im Wagen, der sie von der Kirche in die Blütenstraße zu den Gästen zurückführte – dumpf und grübelnd ohne jenes bräutlich-süße Glück, das ihr junger Gatte in ihrem Schweigen vermutete und anbetete.

Die sonderbare Frage nach der Trauung lag ihm aber trotzdem schwer im Sinn. ›Was sollte das sein!‹ dachte er bei sich. ›Weshalb fragte sie gerade das und nichts andres? Was dachte sie sich wohl dabei?‹ Forschend blickte er auf das schöne, bleiche Geschöpf neben sich, das in seinem weißen Kleide, wie es ihm schien, scheu und zaghaft in den Wagenkissen lehnte.

Er selbst hatte ihr den Stoff zu diesem weißen Kleide geschenkt und sie, die kleine Person, hatte ihn sich selbst zugeschnitten, diesen kostbaren Stoff! Und die flinken, verwegenen Hände hatten etwas zu stande gebracht, was so wenig einem ehrbaren steif-jungfräulichen, weiß-atlassenen Brautkleide gleichsah – etwas so wunderlich Reizvolles, etwas so leichtmütig Lebensfrohes, was sich dem jungen Körper wie zu ihm gehörig anschmiegte: weite Ärmel, die im Rücken zurückgenommen waren, die Taille lose wie nur umgesteckt, aber das Ganze von einer reizenden Eleganz und Lebensfreudigkeit – alles, nur kein Brautkleid. Und wie es genäht war! Annele hatte sich darüber etwas ausgelassen. Kein Mensch außer Olly hätte es tragen können. Tante Zänglein hatte sich über den »Lumpen,« als sie es liegen sah, totlachen wollen, wie es Olly aber trug, sagte sie: »Alle Achtung! Aber – aber – aber – aber.« Weiter hatte sich Tante Zänglein über diesen Fall nicht vernehmen lassen. Sie hatte bedeutungsvoll das Näschen kraus gezogen, mit den Äuglein gezwinkert, wie sie es immer that, wenn etwas sie alterierte und zugleich amüsierte.

Später aber hatte sie sich doch nicht enthalten können, ihrem Freund Gastelmeier bei Gelegenheit zu sagen: »Haben Sie sich Olgas Brautkleid angeschaut? Da steht eine ganze Geschichte darin und darum und daran. Lesen Sie nur: – künstlerisch. Wenn's gut geht wird's ein sehr lustiger Haushalt! – und eine Frau, ein Engel von einer Frau, leichtlebig, lieb, voller Einfälle, ganz köstlich! Wenns Ihnen glückt, verliebt, und wie verliebt! Ja, solche Frauen, wenn s' erst erwacht sind, verstehen Sie? Aber, aber – Temperament ist in dem Kleid, sind Sie dem gewachsen? Glückssehnsucht zum Närrischwerden – künstlerisch – das ist das erste. All diese lustigen Dinge miteinander verbrennen die Suppe, und Gott gnade der ganzen Geschichte! – So geht's wenn's lustig geht und Geld da ist; aber der Himmel behüt' Sie, wenn's nicht lustig geht. Wissen Sie, ich habe schon manche Brautkleider gesehen.« Sie zwinkerte mit dem Äugelchen und zog das Näschen kraus. – »Aber so eins!«

Gastelmeier hatte noch nie so ein allerliebstes altes Geschöpfchen gekannt. Er ließ sie immer plaudern, ohne sie ernst zu nehmen. Ihr langer Reisegefährte, der mit ihr nach Italien gehen sollte, um ihr vorzujodeln, nannte sie das alte Nixerl. Das gefiel Gastelmeier.


* * *


Damals, als Olly in ihrem Mädchenstübchen das Brautkleid ablegte, um sich für die Hochzeitsreise anzukleiden, hatte sie die Thüre hinter sich geschlossen. Es war in der Stunde der ersten Mai-Abenddämmerung. Ganz gelassen rückte sie ihren Toilettenspiegel zur Hand, ließ sich auf einen Stuhl davor nieder und nahm langsam Kranz und Schleier aus dem Haar. Ein Spitzenkragen lag reich gefaltet um ihren Hals und ließ den Ansatz dieses schönen Hälschens frei. Sie faltete die Hände ineinander und sah ihr Spiegelbild an. Das Licht war weich und golden.

»Doch ein herrliches Geschöpf!« sagte sie und war im eigenen Anblick ganz versunken. »Schade – das ist's – schade.« Sie träumte und grübelte und sah unverwandt sich selbst im Spiegel an. Sie hatte das früher oft schon gethan und immer in aller Gemächlichkeit, einfach ohne alles Verstecken. Sie liebte ihr Gesicht, ihre Gestalt, ihre Hände. – Es war ihr das alles sympathisch und sie hatte sich dankbar ihrer Schönheit gefreut. Diese Schönheit war ihr Eigentum. Sie kannte sie und wußte sie zu beurteilen. Wie ein Kunstwerk betrachtete sie sich selbst. Für dieses Gesicht hatte sie in stillen Stunden alles Glück der Erde zusammengeträumt.

Ruhm – das war das erste. Wie sie danach dürstete! Wie würden diese Augen blicken, dann, wenn das Große geschehen sein würde, wenn Ruhm und Ehre ihr erst zugefallen waren! Ruhm, das was man Ruhm nennt: von den Menschen gekannt und bewundert zu sein! Den einzigen Lohn für das heiße Streben! Und weshalb nicht? Was waren sie alle, die mit ihr arbeiteten, die mit ihr begonnen hatten, gegen sie! Sie war ihnen allen voraus, weit voraus. Aber man lebt wie im Traum, die Dinge verwandeln sich einem vor den Augen wie im Traum – und wie in einem solchen Traum war es geschehen, daß sie neugierig und leichtsinnig hatte versuchen wollen, wie das Geliebtwerden der armen Seele thut – das Geliebtwerden! Und so war sie dumpf diesem Wunsche gefolgt, Schritt für Schritt, und es war alles in schönster Ordnung vor sich gegangen und doch alles im tiefsten Traum.

Die dumpfen Orgeltöne, die schwerwiegenden Worte brausten ihr immer noch im Kopfe. Die Verantwortung lag auf ihr, die war nicht abzuschütteln – der nüchterne Mann mit der Glatze, den glückstrahlenden Augen, den fidelen Bewegungen, der war nicht mehr von ihr fortzudenken. Sie war nicht mehr allein. Schrecklich! Wie es sie durchrieselte!

Sie schaute unverwandt ihr Spiegelbild an. Wie blaß sie war! Einen gespannten Zug um die Lippen, die Augen so weich und groß, wie nach Hilfe ausschauend. Sie beobachtete diesen Ausdruck wie etwas Fremdes.

Wie unverantwortlich hatte sie gehandelt, wie thöricht! Welche Last hatte sie auf sich genommen, und weshalb?

Es war der Herzenszug nach Zärtlichkeit gewesen, der sie dazu getrieben – auch dumpf – kaum bewußt.

Sie liebte eine süße ruhige Zärtlichkeit. Niemand von den Ihrigen hatte es verstanden, ihr die zu gewähren. Hätte sie jemand zu Hause in der Dämmerstunde an sich gezogen und sie zart geliebkost, wie man ein Kätzchen auf den Schoß nimmt und streichelt, dann wäre das Sonderbare nicht geschehen – vielleicht nicht geschehen, daß des kleinen Mannes weicher Händedruck, das Von-ihm-berührt-werden, als wäre sie ein Heiligtum, ihr das Herz geschmolzen hätte.

Aber diese Heiligtumszärtlichkeit hatte sie an ihm während ihres Brautstandes vermißt, diese schützende schirmende Zärtlichkeit. Heiße Küsse, stürmische Liebe, das war es nicht, wonach ihr Herz verlangte, nein, jener weiche Hauch der Zärtlichkeit, der fast geistig ist, der Leib und Seele verklärt, das war es.

»Unbegreiflich!« sagte sie zu sich selbst. Und jetzt sah sie ein Aufleuchten in ihren Augen. Das innere Seelenfeuer, das sie wohl kannte, bei dessen Flackern sie sich glücklich, groß und stark gefühlt hatte. Durch alles und über alles hinaus ans Ziel! Ist die Last des Lebens größer geworden, dann soll es auch die Anstrengung werden, der Kampf auf Leben und Tod.

»Es nützt dir nichts, du guter Mensch, sagte sie, »daß wir jetzt nicht nach Paris gehen? du willst eine echte rechte Hochzeitsreise, und fürchtest dich, daß eine gewisse Olly . . . Jawohl, Wir kennen dich! Das mit Paris versprachst du – und hast's gebrochen, das heißt, du hast's verschoben, du kluger Mensch!« Sie lächelte. »Das hilft dir alles nichts. Nach Paris kommen wir noch, und glaub' ja nicht, daß ich von meinem eigensten Weg abweiche – nein, nein, mein Junge!«

Da stand sie auf und legte langsam Stück für Stück ihres Brautschmuckes ab. Lächelnd sah sie die zusammengeheftete Taille an, die großen weiten Stiche. »Stimmt,« sagte sie, »leichtsinnig zusammengeflickt. Riesig leichtsinnig!« – Sie legte die Taille achtlos beiseite. »Aber schlecht bin ich nicht,« sagte sie nach einer Weile ernst, »was ich thun kann, thue ich. Du weißt nicht, was du dir geheiratet hast, du guter Mensch; aber so schlimm, wie's werden könnte, soll's weiß Gott nicht werden, das schwör' Ich dir, hier mit mir allein schwör' Ich dir das.«

Das sagte sie ernst und rückte ihren Spiegel beiseite, um in den engen Zimmer mehr Platz zum Ankleiden zu bekommen.


* * *


Wie schon gesagt, feierliche und thörichte Stunden, Stimmungen aller Art, zärtliche und wehmütige Flitterwochenstimmungen, Verdruß und Versöhnung, auch Langeweile und Kummer, alles, was ein junges Paar in der ersten Zeit der Ehe durchzuleben hat, lag mit dem ersten Sommer ihrer Ehe hinter ihnen.

Sie hatten Erlebnisse aller Art hinter sich. Gastelmeier meinte, in sechs Jahren sei bei ihm bisher nicht so viel passiert, wie in den sechs Monaten seit seiner Verheiratung, lächerlich viel!

Auf der Hochzeitsreise hatte er sich vorgestellt, daß er nach Herzenslust bummeln würde und sie mit ihm; er hatte sich aber geirrt. Sie hatte angestrengt gearbeitet von früh bis zum Abend, Tag für Tag, unermüdlich. Sie waren miteinander am Morgen mit ihren Malgerätschaften ausgerückt und er hatte zum erstenmal im Leben Gelegenheit, den bedürfnislosen, unzerreißbaren Fleiß gewisser Frauennaturen zu beobachten, ihr Nicht-rechts-und-links-schauen bei der Arbeit. Freilich, lieber hätte er diese Beobachtung nicht gerade jetzt an seinem eigenen jungen Weibe gemacht, Unendlich viel lieber wäre er mit ihr bergauf und bergab vogelfrei in die schöne Welt gezogen; aber da war etwas, das seinen Willen brach, etwas Unbezwingliches. Ein paarmal hatte er es durchgesetzt: sie waren miteinander gewandert, aber es war nicht die rechte Freudigkeit dabei gewesen. Sie war auch nicht besonders gut zu Fuß, ermüdete schnell und schien bei allem, was sie sah, präoccupiert zu sein. Sie genoß die Natur nicht naiv und einfach, verarbeitete im Geiste immer was sie sah und war immer von dem Triebe erregt, wie sie wiedergeben würde, was sie sah. Sie kannte kein Ausspannen, kein Vergessen. Wenn ein Weib sich einer Sache wirklich hingiebt, giebt sie sich grenzenlos hin. Das liegt in der Natur des Weibes: sie giebt sich der Kunst hin, wie sie sich der Liebe hingiebt, auf Tod und Leben!

Er hatte es sich nicht vorstellen können, daß Olly diese Arbeitskraft hatte, und doch, wenn er sah, wie sie vorgeschritten war in ihrer Kunst bei ihrer rührenden Jugend, so mußte er an heiße Arbeitsstunden, an einen heiligen Eifer glauben. Wie hatte er selbst mit zwanzig Jahren sich behaglich an das Studieren gemacht! Was war er mit zwanzig Jahren gewesen, was hatte er gekonnt? Mein Gott, wenn er sich mit Olly verglich! Er hatte arbeiten, aber auch das Leben genießen wollen. Das ganze Leben lag damals vor ihm. Er konnte wie ein Verschwender damit umgehen und hatte es gründlich gethan – und hier bei diesem jungen Weib war ihm zu Mute, als arbeite sie wie ein zum Tode Verurteilter, der ein großes Werk noch zu guter Letzt mit Hangen und Bangen zu stande bringen will. Ja, so war es; er hatte diesen peinigenden Eindruck von ihrer Art zu arbeiten. Dabei war sie liebenswürdig, geduldig, war sein süßes, kleines Weib. Er fühlte sich in keiner Weise enttäuscht. Er hatte ihr nichts vorzuwerfen. – Doch! Sie war ihm gewissermaßen fremd geblieben. Er gewöhnte sich nicht an sie. Sie erregte ihn. Sie war das Weib nicht, das in der Person ihres Mannes aufgeht.

In der ersten Zeit ihrer Ehe sagte er manchmal zu ihr: »Wenn ich dich doch einmal ganz hätte – deine ganze Seele und deine Gedanken! Du bist nicht wie eine verheiratete Frau, sondern wie ein leichtsinniges Mädchen, die im Arme des einen an den andern denkt. Dieser andre ist deine Kunst.«

»Du wußtest es ja,« erwiderte sie ihm darauf. – –

In München hatten sie sich ein Nest eingerichtet, ein Atelier und ein paar Zimmerchen. Sie wollten beide in demselben Atelier arbeiten so lange, bis einmal die Einnahmen reichlicher flössen. Vor der Hochzeit war das Nötigste besorgt worden, aber erst nach ihrer Zurückkunft von der Reise machten sie sich daran, das neue Heim behaglich auszustaffieren. Olly schien dies wirklich Vergnügen zu machen. Sie stöberte alle möglichen Dinge auf, die andre Leute nie finden, zahlte auch nicht unvernünftig, und Gastelmeier war glückselig, wie klug sie sich der Sache annahm; aber eilig geschah alles, sie wirtschaftete von früh bis abends, rannte zu den Antiquaren, es war kein Halten. Es läutete alle Nasenlang, und Dienstmänner brachten etwas angeschleppt; es polterte, hämmerte unaufhörlich, als wäre kein Augenblick Zeit zu verlieren.

»Sag einmal, mein Schatz, weshalb denn so eilig?« fragte Gastelmeier.

»Ja, was meinst du, wieviel Zeit soll ich damit verlieren?« antwortete sie.

Als aber alles soweit fertig schien und Gastelmeier ganz bereit war, nun behaglich aufzuatmen, kam er nicht dazu. Er hatte auf vollkommene Windstille gerechnet und wollte es sich nun in seinen vier Wänden wirklich gemütlich machen; aber, was es nur war, mit diesem »sich gemütlich machen« schien er immer noch warten zu müssen.

Sie hatten noch kein einziges Mal, so lange sie nun daheim waren, etwas wirklich Vernünftiges gegessen. – Während der Wirtschaftstage schien dies Gastelmeier ganz erklärlich, trotzdem er sich nicht gerade wohl dabei befand. Er war in seinem Restaurant, in dem er als Junggeselle gespeist hatte, verwöhnt worden. Man hatte für ihn und einige seiner Kollegen täglich ein bestimmtes Fleischstück auf eine besondere Weise als Vorspeise, wie er es daheim gewöhnt war, zubereitet. Er war etwas Gourmet auf seine Weise und hatte sich mit der Wirtin auf guten Fuß zu setzen gewußt, so daß er wirklich wohlversorgt gewesen und gut gediehen war. Seine Zunge war außerordentlich empfindlich und bei dem geringsten Versehen hatte er sich dort ganz gehörig beklagt. Dieser Mittagstisch, dem er präsidierte, hatte während seines Regiments einen guten Ruf erlangt.

Olly in ihrer Bedürfnislosigkeit hatte die Küchenfrage sehr naiv genommen. Zu Hause war sie auch an nichts besonders Ausgeklügeltes und Wohlzubereitetes gewöhnt. Sie hatten es über so eine Art »Schlangenfraß«, wie sie in München sagen, nie hinausgebracht, eine Art, sich zu nähren, wie sie in den Familien üblich ist, in denen die Frau keinen Sinn für Küche und Haushaltung hat. Die meisten Menschen können bei einem so gleichgiltigen, langweiligen, seelenlosen Sich-voll-füllen-müssen gedeihen; aber junge Männer, die beim Eintritt in die Ehe sich zu solch einer traurigen Ernährungsweise verurteilt sehen, werden mißmutig, ärgerlich, unritterlich, die Lebensfreudigkeit wird ihnen ausgeblasen. Sie haben das bessere Leben in den Restaurants während ihres Junggesellentums kennen gelernt und können vergleichen.

Olly hatte sich eine Köchin gemietet, ohne viel Federlesens zu machen. Sie ahnte gar nicht, welch wichtiges Geschöpf die Köchin im Grunde ist. Die Köchin aber ahnte sehr bald, daß das Schicksal sie wohl gebettet hatte, daß sie Herrin auf ihrem Gebiet war, und daß das kleine Wesen neben ihr im Haushalt nicht viel zu bedeuten hatte.

Olly arbeitete von früh bis zum Abend, nachmittags besuchte sie einen Aktkursus, zwischendurch griff sie pflichttreu im Haushalt mit zu, – aber wie im Dunkeln und ganz planlos. Sie versuchte zum Abendessen etwas zu kochen, weil die Köchin um diese Stunde gewöhnlich ihren eigenen Interessen nachging. Sie hatte eine Idee, sie wollte ein Gericht zu stande bringen, das ihr vorschwebte. Da fehlten die Eier. – Mein Gott und die Köchin war nicht da! – Sie kam auf etwas andres, da fehlte das Mehl.

Sie war müde, abgearbeitet. Es hätte alles behaglich für sie besorgt sein müssen, nun mußte sie selbst sorgen. Und sie wußte sich nicht zu helfen, es wirbelte ihr im Kopf; was sie anfaßte war nicht in Ordnung. Sie begann zu kochen mit dem, was sie vorfand, ein Phantasiegericht, das sich zuerst ganz gut anließ, schließlich verkleisterte oder zusammenrann und eine Ähnlichkeit mit Palettenschäbs bekam, der von allen übriggebliebenen Farben, wenn sie auf der Palette zusammengekratzt werden, sich bildet; trotz aller schönen Couleuren, aus denen er besteht, immer ein unerfreuliches, schmutziggraues Gemenge.

Ganz so ließen sich ihre Milch-, Fleisch-, Mehl-, Kartoffel-, und Gemüsegehäcksel an, die sie in Abwesenheit ihrer leichtsinnigen Köchin bereitete und die sie manchmal in Schreck und Beschämung, nachdem sie traurige Erfahrungen damit gemacht hatte, von der Pfanne ab ins Feuer schob, wo ihr Gericht als trauriger Klumpen verkohlte, während ihr Gatte im Zimmer auf und nieder ging, und sie einen höhnisch prüfenden Blick der Köchin aushalten mußte, der ihr den Mut benahm, die pflichtvergessene Person auszuschelten. Sie sagte dann nur zaghaft im Gefühl ihrer Unsicherheit: »Ach, bitte, wären Sie so gut und liefen schnell zum Metzger, aber bitte recht schnell!« Sie wagte sich dann nicht ins Zimmer hinein, bis irgend etwas Eßbares im Hause war. Und dabei war sie so müde.

Von ihrem dreizehnten Jahre an hatte sie angestrengte Arbeit gekannt. Von dieser Zeit an hatte man sie studieren lassen; ein Freund ihres Vaters, ein bekannter Maler, der das Talent des Kindes entdeckt, hatte sie selbst ausgebildet. So war ihr das Leben des jungen Mädchens völlig fremd geblieben. In ihrem Gefühlsleben war sie Kind geblieben und Künstler geworden, rein und leidenschaftlich.

Das Leben und seine Anforderungen verwirrten sie; sie hatte in nichts einen Überblick, denn sie trug die Dinge, die außerhalb ihrer Kunst standen, nicht mit sich in den Gedanken. Sie sprangen immer wie aus einem Nebel hervor, wenn sie dicht vor ihnen stand, und erschreckten sie. Da war das Mittagessen, das immer herankam, wie ein Schreckgespenst. ›Herr Gott, schon so spät!‹ – Was war geschehen, was nicht geschehen, was hatte sie mit der Köchin ausgemacht, was nicht? Was gab's? Wie hatte sie's gemacht? Was hatte sie alles vergessen? Da war ja noch so gut wie gar nichts! Was nun? Hundert Fragen und jede Frage ein Schreck – und mitten aus der Arbeit herausgerissen! Und ihr Mann? Hatte er nicht schon nach der Uhr gesehen? Weshalb hatte er nichts gesagt? Sie fragte ihn: Weshalb sagtest du nicht, daß es schon so spät ist?«

»Weil ich das unsinnige Auffahren nicht leiden kann.« Er war böse. Und alles in Unordnung.

Die Wäsche! Das Wirtschaftsbuch, das Zimmer reinigen! Das Geldausgeben! Die Zeiteinteilung! Das Heizen! Die unendlich vielen Mahlzeiten! All' das waren Gespenster, die aus dem Nebel sprangen und sie immer von neuem entsetzten.

Und wie sie sich mühte und quälte! Dabei malte sie ihr erstes Bild nach einem bezahlten Modell, rannte abends in den Aktkursus und war voller Hangen und Bangen, träumte von Ruhm und Glück und ging wie in der Luft vor innerer glückseliger Arbeitserregung. Emil, ihren Bruder, unterrichtete sie auch noch und ließ ihn nicht aus den Augen. Sie war die Peitsche für seine Faulheit und ermüdete nicht und blieb bei Laune und betete, daß es Gott ihr doch erleichtern möchte mit Emil, daß er Eifer und Pflichtgefühl in ihm erwecken möchte, ihm so viel Kraft geben möge, daß wenigstens etwas zustande käme.

Ja, das waren bewegte Zeiten und kein Wunder, daß Gastelmeier nach Ruhe ausschaute.


* * *


Und da war etwas, das in Ollys Seele als unsägliche Bangigkeit aufstieg, das wie eine dunkle Furcht nachts über ihr lag, wie ein geheimnisvolles Grauen, das sie sich aus den Gedanken fortarbeitete am Tag, das sie im Gebet zu ihrem Gott trieb. »Mein Gott, mein Gott! Nein – nein, noch nicht!«

Und heiße Thränen flössen deshalb, heiße, versteckte Thränen. Niemand sollte fragen dürfen.

– Schweigen, schweigen. –

Sie arbeitete doppelt angestrengt. – ›Wie ein zum Tode Verurteilter,‹ dachte Gastelmeier wieder. Ja, sie arbeitete in Angst und Bangen. Gastelmeier selbst mußte sich gestehen, vortrefflich, überraschend. Aber er gestand es sich schweren Herzens, halb unwillig, und Olly empfand, daß er nicht mit ihr lebte. Das freilich hatte sie noch nie von einem Menschen verlangt. Ihr Glück, ihr eigentliches Leben lag in der Zukunft. Dann, wenn der Ruhm kam, dann, dann – dann wollte sie leben.

– Aber jetzt – da war nur ein Gedanke und der erdrückte ihr die Seele. Sie fürchtete – glaubte – ahnte und es wurde ihr mehr und mehr zur Gewißheit.


* * *


Und es kam ein Abend, da saßen sie miteinander im noch nicht erhellten Zimmer. Das Feuer knisterte im Ofen. Draußen schneite es, und sie hockte zusammengekauert in der Sofaecke. Sie war aus der Stadt gekommen durch Schneegestöber, aus dem Aktkursus. Wie atemlos sie gearbeitet hatte – und wie müde sie war! Kalt, durch und durch kalt, die Füße naß, und sie hatte nicht die Kraft Strümpfe und Schuhe zu wechseln. Sie fühlte sich krank und ganz unter dem Druck einer Bangigkeit, die sie nicht bezwingen konnte. Gastelmeier saß am Fenster.

»Olly, hast du deine Schuhe gewechselt?« fragte er.

»Nein.«

»Weshalb nicht?«

»Ich bin so müde,« sagte sie und fing zu weinen an.

Da war er bei ihr. »Was ist denn, mein armes Kind?« fragte er und kniete vor ihr nieder.

Ja, jetzt kniete er, wie sie es sich einmal vorgestellt hatte, und sie sah gerade auf seine Glatze, die im Dämmerlicht glänzte; das kam ihr komisch und öde und langweilig vor – trostlos mit einemmal.

Er faßte ihre Füße an. »Wie naß!« sagte er. »Komm, ich zieh' dir deine Schuhe aus.«

Sie rührte sich nicht und er knöpfte ungeschickt die Stiefelettchen auf, zog ihr die nassen Strümpfe von den Füßen und befühlte die eiskalten Füße. Er rieb sie, holte eine Decke und wickelte die Füßchen hinein. »Komm, leg dich doch bequemer,« sagte er.

Er blieb vor ihr knieen und streichelte sie, und es war, als wenn er sprechen wollte. Er sagte aber nichts und es verging eine Weile, während der es ganz still im Zimmer war, nur das Steinkohlenfeuer knisterte leise. Endlich schien er zu dem, was er sagen wollte, gekommen zu sein. Er bog sich ganz über sie hin, ganz zu ihrem Ohr. »Olly, kleine Frau,« sagte er, »verschweigst du mir etwas – etwas – Olly, etwas?«

Er war sehr bewegt und hielt sie wie damals so liebevoll und zart, als wäre sie ein Heiligtum. Er flüsterte ihr wieder ins Ohr. Da brach ein Thränenstrom aus Ollys Augen, so gewaltsam und heiß und schmerzvoll, und er bekam keine Antwort; ihr ganzer Körper war erschüttert, und er faßte ihre Hände und fragte noch einmal dieselbe Frage und bekam eine stumme Antwort, die ihn ganz verwandelte.

»Olly,« rief er glückselig, »nun wird alles gut!« Erstrahlte, wie das gewöhnlich ist bei dem ersten Wunder, und hielt sie in seinen Armen an sich gedrückt, ohne darauf zu achten, daß das Geschöpf, das ihn eben mit einem Kopfnicken so beglückt hatte, sich in Jammer und Angst und Lebensverwirrung Leib und Seele zerquälte.

Wie sollte es werden? Sie fühlte sich so hilflos, so machtlos. Die schweren, erdrückenden Worte am Traualtar brausten ihr wieder wie Orgeltöne durch den Kopf. Es überstieg alles ihre Kräfte. Jetzt schon! – Das Leben drängte sich so übermächtig ein und trieb sie in die Enge, sie aus ihrem Paradies, aus der Luft, in der sie allein leben konnte. Sie sah nur Unglück und Trostlosigkeit, Kampf und Qual – und Gastelmeier war glückselig, schwatzte auf sie ein und war kreuzfidel. Sie wendete sich ab. Er that ihr leid und kam ihr so komisch vor. Er mißfiel ihr. Dann dachte sie wieder: ›Er ist ein armer Mensch.‹

Sie dachte das alles in einer unsinnigen Erregung. Und diese selbe Nacht erkrankte sie schwer.



VI.

Die Seele des Geschöpfchens, das sich dem irdischen Jammerthale hatte zuwenden wollen, war zurückgeschauert und vor ihrer Erdenwanderung behütet worden.

Olly lag krank und matt in ihren Kissen. In der ersten Zeit hatte sie das dumpfe, drückende Gefühl, als hätte sie das Dasein dem Geschöpfchem nicht gegönnt. – Sie war dabei, sich in schmerzliche, nutzlose Gefühle krankhaft hineinzurütteln. Aber nein, nein, das sollte nicht Macht über sie bekommen. Die Gedanken wurden wieder frei und ruhig. Es war gut so.

Es stand ihr klar vor der Seele, wie sie von der bangen Erwartung zu Boden gedrückt war, wie sie sich so schwach, so hilflos, so unfähig gefühlt hatte, wie ihr die Anforderungen des Lebens wie Wasserwogen über den Kopf zusammenzustürzen gedroht hätten. Sie empfand, wie alles elendes Stückwerk geworden wäre – alles.

Jetzt hatte ihr das Schicksal Zeit gegönnt. Wie wollte sie diese ausnützen! Ehrlich und ernst in allen Dingen, und er sollte auch nicht so viel Grund haben, über sie zu klagen, nein, sie wollte lernen. Und ihre Arbeit? Welches Feuer, welche Freudigkeit, welche Sehnsucht lebte doch in ihr! Sie war so ganz erfüllt und ganz Ungeduld, wieder zu beginnen. Er, der gute Mensch war niedergedrückt, er hatte sich so gefreut, und konnte sich nicht genug thun, zu trösten und immer wieder zu trösten, war voller Aufmerksamkeit und Rücksicht und Zartheit. Olly nahm den Trost wortlos hin, sie fühlte, er konnte sie nicht verstehen, wenn sie ihm sagen würde, wie sie empfand. Weshalb sollte er sie denn auch verstehen? sie verlangte das von keinem Menschen. Sie war noch immer ganz davon überzeugt, daß einer den andern eben nicht versteht, daß jeder Mensch im Grunde einsam lebt. So litt sie nicht unter diesem Schweigen und Verschweigen.

Sie gehörte noch nicht zu den Unverstandenen, die sich herumquälen und die nörgeln, weil sie wollen, daß andre vollkommen die Wichtigkeit ihrer Seelenzustände mit empfinden. Sie war noch kein so armseliges Töpfchen, das glaubt, die ganze Welt müsse es beschauen wie einen speienden Krater, und das enttäuscht und wütend ist, wenn es ganz unbemerkt über seinem Feuerchen zischt und brodelt. Oder sie war wie ein Bach, der noch nie über seine Ufer getreten ist.

In ihrem Verschweigen aber lag noch etwas andres: Sie hatte das bestimmte Gefühl, daß, wenn sie ihm alles sagen wollte, er sie für schlecht halten würde und sie ihm nicht begreiflich machen könnte, daß dem nicht so sei.

Annele war während Ollys Kranksein gekommen, um die Wirtschaft zu führen. Gastelmeier hatte sie darum gebeten. Es war behaglich und friedlich, als wäre ein guter Geist im Haus. Gastelmeier wurde wieder ganz vergnügt, es schmeckte ihm gut. Annele kochte heimatliche Gerichte. Gastelmeier sprach mit ihr wie mit einem guten Freund er schüttete ihr sein Herz aus. Er sprach über Olly, wie es so oft unbehaglich bei ihnen sei, wie sie für nichts als für ihre Malerei Sinn habe und eigentlich gar nicht andres verstände.

»Und siehst du, Annele, ich hab' auch geglaubt, daß sie jetzt viel trauriger sein würde.«

Annele hatte ihn ruhig und ernst angehört. Sie standen miteinander im Atelier in der Dämmerstunde. Ollys Staffelei war beiseite geschoben und Gastelmeier hatte eine seiner simpeln kleinen Landschaften auf der seinigen stehen, eine jener Landschaften, die er immer ungefähr ähnlich wiederholte und für die er immer Abnehmer fand.

»Friedel,« sagte Annele. «Wie hast du dir denn nur alles gedacht, was meinst denn? Was für ein Wunder soll eigentlich ein Frauenzimmer sein?«

»Na, wie denn?« fragte er. »Was verlang' ich denn? Ein Wunder?«

»Du hast ja gewußt, daß sie Malerin ist und du warst selbst ganz erstaunt darüber, was sie konnte. Du, mit zwanzig Jahren, warst denn du so weit?«

»I wo,« sagte Gastelmeier. »Olly ist fleißig wie eine Verzweifelte. Wahrhaftig, man kommt außer Atem, wenn man ihr nur zuschaut.«

»Wenn du mit zwanzig Jahren so weit wie Olly hättest sein sollen,« unterbrach sie ihn, »und dann noch eine gute Köchin und ein Haus in Ordnung halten – und denk' doch – in allen Stücken fix und fertig – stell' dir's vor. Und jetzt jammerst du noch, daß sie nicht traurig genug ist! Geh mir! Überleg doch. Kinder giebt's genug, aber net viel Eltern. Mein Gott, was wärt denn Ihr für Eltern fürs erste?

»Friedel, sei vernünftig!« fuhr Annele fort, »schau, uns oben in Rohrmoos wär's hart, wenn du net glücklich wärst, aber ein bissel Klugheit gehört dazu, ganz aus heiler Haut kann eins net glücklich sein.«

»Jetzt kommt's wieder drauf hinaus, daß du mich für einen Esel hältst,« sagte Gastelmeier.

»Ah geh!« meinte Annele; »aber ich weiß schon, über uns denkt Ihr Mannsleut einfach nicht nach. Ein Frauenzimmer muß immer etwas Fertiges sein, weißt du; daß es halt nach und nach wird, wie Ihr auch, fällt Euch net ein.«

»Was du da sagst, ist so ohne nicht,« war Gastelmeiers Antwort. »Du bist ein gescheites Mädel, Annele, aber ich mein' schon, ernst bist du geworden, du bist der Fratz von ehedem nicht mehr.«

»Du, Friedel, ein Fratz war ich nie. Ich bin immer sehr ruhig gewesen, soviel ich weiß.«

»Ruhig, ja, aber heiterer, so wie die schönen stillen Tage in Rohrmoos.«

Gerade so wahrscheinlich,« sagte sie, »denn ich bin ein Stück von Rohrmoos geworden. Man wird so, wie die Umgebung ist, in der man lebt.«

»Mein Gott,« sagte Gastelmeier, »da werde ich mit der Zeit ein kleiner Privatrangierbahnhof werden.« Er erzählte Annele, wie Emil, sein Schwager, Ollys Familie getauft hatte, und fragte sie, ob sie sich erinnerte, wie er ihr den Rangierbahnhof, neben dem er gewohnt, damals beschrieben habe.

»Ja, sagte sie ernst. »Ich selbst hab' dich damals gebeten, fortzuziehen.«

»Jawohl. Siehst du, so einen kleinen Rangierbahnhof machen wir uns hier wieder zurecht, so einen Ableger von dem aus der Blütenstraße. Bei uns giebt es, gerade wie in der Blütenstraße, immer etwas zu bereden und zu rangieren. Da gehen wir im Zimmer auf und ab, gerade wie die seelenvolle Mama und ihr Erwin und Emil und Olly früher daheim – und rangieren. Das heißt: bereden und beschließen, das Leben von vorn anzufangen, oder wir bereden und rangieren eine wundervolle Zeiteinteilung, die nie eingehalten wird; immer fassen wir allerhand Entschlüsse und beschließen, alles anders zu machen wie bisher, und sind ganz gerührt und voller Hoffnung, wollen zu allererst immer die Köchin fortschicken. Von allen Dingen aber geschieht nichts, als daß wir eben rangieren – immer wieder rangieren – und weißt du, ganz wie in der Blütenstraße. Ich kann es schon ganz gut – scheußlich!

»Weißt du, wenn wir Geld genug hätten und die arme Olly könnte im langen weißen Kleid hier stehen und malen und ich könnte ihr den Arm geben und sie zur Zeit zu Tische führen und der Diener stände da und riß die Flügelthüren vor uns auf – Olly könnte wie so ein schöner Engel ganz im Jenseits leben, weißt du, so wie es sich eigentlich für so ein Geschöpf gehört – Herr Gott im Himmel, das wäre mit ihr ein Leben! Du ahnst gar nicht, wie reizend sie ist.

»Weißt du, zwei so lange weiße Kleider hat sie sich machen lassen, sie wollte daheim immer weiß gehen. Haben wir aber wegen diesen Kleidern rangiert! Sie kam nie damit zu stande. Sie waren immer beide schmutzig. Die Köchin wusch sie ihr nie zur Zeit und benahm sich überhaupt immer, als wäre es eine Frechheit von uns, zu verlangen, daß die langen Kleider gebügelt und gewaschen sein sollten. Sie that es einfach nicht, vergaß es absichtlich. Dann haben wir versucht, sie bei einer Wäscherin waschen zu lassen, das wurde riesig teuer; dann sind wir noch auf chemische Wäsche gekommen, das erst! Es ging auf keine Weise. Jetzt liegen sie irgendwo. Ich hätte es ihr gar zu gern gegönnt, daß es uns gelungen wäre. Wenn sie so neben mir im Atelier stand, so weiß und zart, und arbeitete, weißt du, mit einem Eifer, da war mir's immer zu Mute, als sollte ich aufstehen und ihr den Kleidersaum küssen oder die Lockenspitzchen. Es hat mir gar keine Ruhe gelassen, es war etwas zu ungewohnt Süßes.«

Annele hörte ihm still zu, dann sagte sie: »Was ich Euch helfen kann, das thu' ich gem. Eh' ich geh', muß ich Euch wenigstens eine andre Köchin finden.«

»Ans Gehen denkst du doch noch nicht, Annele?«

»Bald,« sagte sie. »Sie brauchen mich oben.« Ein leichter Seufzer bewegte ihre Brust, so ein Seufzer, der aus einem starken, stillen, wehen Herzen kommt.

»Schade,« sagte Gastelmeier, »schade.«


* * *


Annele hatte wirklich die kleine Wirtschaft der beiden in eine einfache, gute Ordnung gebracht, ganz still und unmerklich, hatte eine neue Köchin eingesetzt, Olly Ausgabebücher eingerichtet, ihren Wäscheschrank aufgeräumt, die Speisekammer bequem hergerichtet, die Schlüssel für die verschiedenen Schränke mit kleinen Etiketten versehen und an einen Ring angereiht. Sie hatte ihr eine Tafel zum Wäscheaufschreiben auf den Schreibtisch gelegt, den Griffel daran gebunden. Ja, sie hatte ihr einen Speisezettel für den ganzen Monat gemacht, den sie immer nur bis auf einige Änderungen umzukehren brauchte, und sie hatte der Köchin ausführlich Anweisungen gegeben. Olly war ihr so dankbar und versprach ihr, alles heilig zu halten.

»Thu' das, Olly,« hatte das Mädchen zu ihr gesagt. »Mach' ihn glücklich. Er ist ein guter, guter Mensch.« Sie hatte das so weich und ernst gesagt, daß Olly ihr unwillkürlich in die Augen blickte; die waren aber ruhig und klar, wenn auch keine frohen Augen. Sie waren so verständig.

Und erst in der Einsamkeit, als sie im fortrollenden Coupé saß, wurden diese verständigen Augen unverständig, wie das arme Herz es wollte, und weinten heiße Thränen unter fremden Leuten.


* * *


Es schien wirklich, als wäre ein guter Geist im Hause gewesen und hätte Segen gebracht. Es war etwas mehr Frieden, alles ging glatter und ruhiger. Olly war gut und liebenswürdig wie ein Kind. Wie sie zum erstenmal wieder an ihre Staffelei trat und ihr Modell in die Stellung gebracht hatte, wie vor einigen Wochen, hatte sie die Augen voller Thränen. Sie wußte selbst nicht, weshalb eigentlich, sie war so froh, wieder zu beginnen, so ergriffen, und das Gefühl, mit ganzer Kraft weiter gehen zu dürfen, dem Ziele zu, erschütterte sie. Doch fühlte sie sich noch immer nicht recht wohl.

So kam Weihnachten heran. Sie hatte eine Woche vor Weihnachten ihre Arbeit wieder begonnen, und in dieser Woche war ein Porträt, vielmehr eine Studie von ihr, in den Kunstverein geschickt, zum erstenmal – Tante Zänglein hatte ihr dazu Modell gesessen. Ein altes Weibchen im dämmerigen Zimmer am Fenster. Tante Zänglein kehrte dem Fenster dem Rücken zu und das Licht floß an ihr gewissermaßen vorüber, sie nur streifend. Das Gesicht lag zu ihrem großen Ärger ganz im Schatten.

Außerdem waren noch ein paar kleinere Arbeiten von Olly hingeschickt, die sie auf der Reise im Freien gemacht hatte und von denen ihr alter Lehrer gewünscht hatte, daß sie sich ausstellen sollte. Er war sehr zufrieden damit gewesen.

Olly war die ganze Zeit über in innerster Aufregung. Es war das erste Mal – die erste Verbindung zwischen ihr und der Welt. Sie wollte diese Erregung nicht zeigen, aber sie klopfte ihr in den Adern, sie ließ ihr keine Ruhe, sie fand keinen Frieden bei der Arbeit. Sie war ganz ruhelos und machte sich allerlei im Hause zu thun.

Gastelmeier beobachtete sie und sagte sich: ›Jetzt hat sie Angst und quälte sich, das arme Ding.‹ Zu ihr sagte er: »Weißt du, stell' dir nur net vor, daß mit dieser Ausstellern jetzt irgend etwas herauskommt, das ist grenzenlos wurscht, ob da einer davon kräht oder nicht kräht, ob er gut kräht oder schlecht kräht.«

»Gewiß,« sagte Olly, aber sie sagte es nur. Sie haßte sich selbst, daß sie so albern war. Sie fühlte sich unsinnig erregt.

»Erzähl' mir, was deine Freunde von den Sachen meinen,« sagte sie einmal wieder.

»Weißt du, wenn wir zusammenkommen, simpeln wir grundsätzlich nicht Kunst,« antwortete ihr Gastelmeier. »Und ehe sie sich um die Arbeit von einem Frauenzimmer kümmern, ja, das stellst du dir ganz anders vor. Wenn einer überhaupt was sagt, ist's höchstens: »Gastelmeier, die Dinger von deiner Frau sind net übel – das ist viel, sehr viel sogar! – Ich glaub' nicht, daß das einer sagt, aber möglich ist's.«


* * *


Olly ging am Morgen des heiligen Abends mit Emil aus. Sie wollten miteinander einen Weihnachtskarpfen kaufen – und sie ging hauptsächlich, um sich zu zerstreuen. Sie kauften einen wundervollen Goldkarpfen, groß und schwer, und trugen ihn in einem Marktnetz nach Hause, denn sie hatten nicht gewollt, daß der Fischer vor ihren Augen das Tier tötete. Emil trug ihn und der Karpfen schluckte hin und wieder ganz gewaltig, immer unvermutet. Gewöhnlich lag er still und gekrümmt in seinem Netz.

Auf dein Marienplatz standen die Weihnachtsbäume aufgereiht, ein ganzer Wald. Weihnachtsduft, eilende Menschen, Schnee auf den Dächern.

»Olly. jetzt machst du auch Geschichten, zu Weihnachten auszustellen, das hättest du auch nicht gebraucht; aber du bist wenigstens nicht wie Erwin und Mama,« sagte Emil auf seine brummige Weise. »Heut' sind sie daheim wie des Kuckucks, seit sie am Morgen in den ›Neuesten‹ über dich das gelesen haben. Gottlob, daß du nicht wie die andern bist. Dir scheint's wenigstens Wurscht zu sein.«

»Was denn?« sagte Olly wie erstickt. Sie hatte heute nach der Zeitung gefragt, aber ihr Mann hatte ihr gesagt, daß sie nicht gekommen wäre. Er wußte also – er hatte es ihr verheimlicht. – Da war es gekommen.

»Weißt du's gar net?« fragte Emil und sah seine Schwester an, der die Qual, die sie litt, in den Augen geschrieben stand. »I wo, du wirst wohl außer dir sein, wegen so einer Lumperei! – Gar net.«

Olly war stehen geblieben, ihr schwindelte, sie sagte kein Wort, sie fragte nicht, sie ging unwillkürlich weiter. Weshalb sollte sie fragen?

Wie ihr auf einmal die Kälte bis ins innerste Mark ging! Wie trostlos war alles – so winterlich, so tot, das Hetzen der Leute, der Lärm auf der Straße – alles häßlich! Und wie sie fror!

Am Karlsthor sagte sie, nachdem sie bisher ganz stumm gegangen war: »Wir wollen einen Wagen nehmen.«

»Meinetwegen, wenn du so üppig sein willst.« Und sie stiegen mit ihrem Fisch ein.

»Deine Lippen sind ganz weiß,« sagte Emil.

»Albern.«

»Doch.«

»Nein,« sagte Olly, »es ist mir ganz gleichgiltig. Mögen sie sagen, was sie wollen, meinetwegen. Häßlich ist's oft genug, was ich mache, abstoßend, aber es lebt – ja es lebt eben, – da mögen sie sagen, was sie wollen.«

»›Affektiert‹, ›gemacht‹ sagen sie,« brummte Emil.

Da fuhr Olly auf, und dicke Thränen standen ihr in den Augen. »Das ist's nicht!« rief sie. »Sie werden es schon sehen! das, das ist's nicht! Aber die Gänse im Atelier haben es auch gelesen. Die werden eine Freude haben – die . . .! Die gönnen's mir.«

»Verflucht! Verflucht! Verflucht! Verflucht!« platzte jetzt Emil heraus und er schlug sich mit der einen Hand aufs Schenkelchen, mit der andern hielt er den Fisch im Netz? fest. Er dachte, daß Gastelmeier nicht sehr erbaut sein würde, daß er Olly die Geschichte verraten hatte – und die Gänse im Atelier ärgerten auch ihn.

»Weißt du, ein andermal gelingt's besser. Na – na – ich meine, gelingt's besser, du weißt schon, dem Esel, der kritisiert hat! Es kommt vielleicht ein andrer dran. Erwin hat heute Morgen in der ersten Wut hinstürzen wollen, ich weiß nicht, er wollte Skandal machen. Mama wollte auch hin, sie wollte auch Skandal machen. Sie waren ganz desperat – verrückt. Ich habe immer dazwischen schreien müssen. Sie sind übrigens nicht dort gewesen. Sie wußten nicht wohin – und so aufs Geratewohl auf die Straße laufen. Na – und Tante Zänglein kam auch dazu und hat sich über die ganze Wirtschaft wieder einmal amüsiert und sagte immer: ›Das kommt davon, weshalb hat sie mein Gesicht nicht mit gemacht! Das ist freilich gesucht, einen Menschen zu malen und mein Gesicht ins Dunkel zu stecken, gerade als wenn ich mich schämte, mein Gesicht sehen zu lassen. Ein nettes Porträt ohne Gesicht. Meine Bekannten, denen ich gesagt hatte, ich wäre auf der Kunstausstellung zu sehen, haben sich auch gar nicht genug verwundern können!‹ – Tante Zänglein war ganz aufgebracht.«

Emil erzählte die komische Seite von der Geschichte. Er wußte, wie sehr Olly das Komische liebte. Aber ist einmal die Wunde geschlagen, so ist sie geschlagen, da ist nichts zu machen; auch wenn man den Schmerz verbeißt und lächelt – er ist einmal da und die Bewegungen sind schmerzbeladen und es ist nicht wie sonst.

Es war nicht gut zu machen, das fühlte auch Emil, als er seine Schwester ansah. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! Verflucht!« Sie sah so elend aus, so zart, so arm. Erwin und Mama hatten ihm eigentlich noch nie recht leid gethan, wenn sie bei einem Mißerfolg Geschrei machten, aber hier, das stumme Weh, ging ihm zu Herzen.

»Na da halt Ruh',« sagte er zu seinem Fisch, weil er sonst nichts zu sagen wußte.

Daheim erzählte er Gastelmeier, was er angerichtet, und er zeigte ihm auch den Fisch.

»Da weiß sie's also, und grad zu Weihnachten! Verflucht! Verflucht!«

Er hatte diesen schönen Gefühlsausdruck Emil unwillkürlich abgelernt und gebrauchte ihn im selben Augenblick, als auch Emil sich wieder seiner bedienen wollte. Beide sahen sich verständnisvoll an. Diese Schwäger kamen überhaupt gut miteinander aus.

»Wir reden nicht mehr davon, wenn sie nicht anfängt,« sagte Gastelmeier.

Sie fing nicht an, benahm sich, als wäre nichts geschehen. Den Fisch ließen sie in einem großen Wasserschaff schwimmen, in dem es ihm sehr wohl zu sein schien. Auch sah er wunderhübsch darin aus.

Als die Köchin ihn abschlachten wollte, verbot Olly dies. »Nein, er soll leben,« sagte sie.

»Na und?« fragte die Köchin und lachte und dachte bei sich: ›Die spinnt einmal wieder!‹

»Nimm grüne Heringe, das sind auch Fische,« sagte Emil, der in der Küche gerade beim Karpfen war.

»Also bringen Sie grüne Heringe,« sagte Olly.

»Da heißt's aber laufen, Köchin,« meinte Emil, »die kriegt man später nicht mehr, ich weiß schon, wir haben sie immer gewollt, aber nie bekommen. Laufen Sie schnell!« Er spritzte sie mit dem Karpfenwasser gewissermaßen zur Küche hinaus.

Emil war sehr familiär und flegelhaft mit jeder Köchin, die sie daheim gehabt hatten. Das machte, er war immer der Kamerad der Köchin gewesen, er als der Wirtschaftlichste im Haus, und dann sah er in den Köchinnen Geschöpfe, die zu seinem Gaudium da waren. Er spielte ihnen allerhand Streiche, spritzte sie mit Wasser, warf ihnen die Asche in die Küche, die Kohlen die Treppe herab, wenn sie den Kohlenkasten den halben Tag vor der Korridor­thüre stehen ließen, schrieb ihnen Ungezogenheiten mit Kreide auf den Küchentisch, rahmte langbewährte Eierflecken auf Töpfen und Tassen mit Tinte ein und schrieb das Datum, an dem so ein Fleck entstanden war, darunter. Oder er legte einen großen Zettel unter schlecht abgewaschene Tassen, Schüsseln oder Töpfe und schrieb darauf: »Diese Töpfe sind ungebraucht!!!« Darunter schrieb er: »Reinlichkeit!!« dick unterstrichen, und: »Lassen Sie den Zettel liegen, den brauch' ich doch noch ein paarmal.«

Er war der Gefürchtete bei den Köchinnen gewesen, ohne ihn wäre die Wirtschaft in der Blütenstraße völlig in sich zusammengefallen.

Auch jetzt brachte die Köchin richtig die grünen Heringe zum heiligen Abend. Sie war aber sehr schlechter Laune. »Was ist das für ein Weihnacht,« sagte sie zur Köchin von der untern Etage. »Meine Gnädige scheint an nix zu glauben Backen hat s' net lassen, für die ganze Weihnachten net. Grüne Heringe haben wir am Abend, sonst nix.« Einen Weihnachtsbaum hatten sie, den zählte die Köchin nicht mit und Olly putzte ihn am Nachmittag still und gleichgiltig auf.

Ja, wenn man den Schmerz verbeißt, den eine Wunde uns macht und wenn man auch lächelt und spricht, die Bewegungen bleiben gehemmt und schmerzen fast und es ist nicht wie sonst. Welche Mühe hatte sie, das Bäumchen zu putzen, wie schwer wurde es ihr, wie lang dauerte es – und wie müde – wie müde! Es lag ihr wie Blei in den Gliedern.

Eine Redensart ihrer Mutter kam ihr nicht aus dem Kopf. Jedes Nein ist Unglück, jedes Ja ist Glück. Sie hatte das nie leiden können. Doch war es so. Wie hatte sie dieses Niedergedrücktsein, dieses Verzweifeltsein daheim gehaßt, wie erbärmlich war's ihr erschienen! Nun lag es auch ihr in den Gliedern – wie ein Fluch.

So ein böser Anfang zum Ruhm. Wie hatte sie sich immer frei und stolz gefühlt, so unantastbar! Mißerfolge, mein Gott, die waren natürlich. Sie hatte immer damit gerechnet. Sie hatte die andern verurteilt, die sich einen vorübergehenden Erfolg oder Mißerfolg so zu Herzen nahmen, daß sie blind und taub für alles um sich her wurden, und nun war sie gerade so, beim erstenmal gleich! Sie war wie in einen grauen Nebel geraten. Jawohl, über etwas von oben herab urteilen und selbst darin stecken, das sind zweierlei Dinge. – Sie schämte sich ihrer Härte, wenn sie an früher dachte. Alle ihre Gedanken kamen ihr wie gebrandmarkt vor. Es waren die Gedanken einer Blamierten. Alles war ihr an sich selbst reizlos geworden, armselig, bedeutungslos, nicht berechtigt zu existieren. Und warum? Weil irgend ein Unbekannter über ihre Sachen etwas Ungünstiges geschrieben hatte, was sie noch nicht einmal recht wußte. Wie und was er geschrieben, war ihr gleich. Und ein erfolgloser Künstler, der niemand hat, der an ihn glaubt, als sich selbst, was ist das für eine armselige Kreatur; einer, der auf schlechte Kritiken schimpft, sich reinwaschen will, erklären will, wie recht er hat, wie vortrefflich alles ist, was er schafft, und wie dumm die sind, die es nicht begreifen!

So etwas werden zu können!

Nein, jeden Schlag stumm hinnehmen, nie klagen, nie sich verteidigen – nicht einmal an sich selbst stumm glauben wollte sie, um sicher zu sein, nie eine Taktlosigkeit zu begehen, wie die daheim. Totschlagen lassen wollte sie sich Seele und Körper ohne zu zucken.

Der Fluch der Kunst, der die Schwachen beugt, lag auf ihr. Ja, sie steckte plötzlich wie mitten im grauen Nebel, und dieser umgab nicht nur sie. Von ihr aus verbreitete er sich im ganzen Haus, löschte die Weihnachtsfreude aus, legte sich dem ehrlichen Gastelmeier wie eine schwere Last auf's Herz. Es waren die ersten Weihnachten, die er nicht daheim in Rohrmoos feierte.

Weihnachten auf Rohrmoos! In der Heiligenabenddämmerung stieg ihm das sehnsuchtsvolle Bild auf. Welch ein Treiben – welch ein Duft! Weihnachtskuchen! Weihnachtsbier! Weihnachtskarpfen! Weihnachtsgebäck aller Art, feines und grobes, alles in Haufen, alles Duft ausströmend, das Rennen und Laufen auf dem Hof, das hurtige Arbeiten in den von Laternen erhellten Ställen, um fertig zu werden und das Feiertagsgewand anzulegen! – Und im Wohnzimmer die gute Mutter, mit der großen, weißen Schürze, die den Leuten die Bescherung herrichtete und in wollenen Socken, Joppen, Röcken, Pfefferkuchen und Nüssen und Äpfeln fast begraben war, und Annele, die jetzt auch gerade den Christbaum putzt, zufällig zur selben Zeit wie Olly. Er wußte das, die Zeiteinteilung am heiligen Abend war unverrückbar, ein Jahr wie das andre, – und der Vater, der sich an seinem Sekretär mit den Geldpäckchen zu schaffen machte, auf jedes ein Siegel drückte und den Namen des Empfängers mit der steifen, ungeübten Schrift darauf schrieb. Das war ein Weihnachten! – Draußen der tiefe, weiße Schnee und die stillen Berge, drinnen im Haus die rührige Festfreude. – Und hier bei ihm? Wenn alles noch so gewesen wäre, wie vor wenigen Wochen, so hätte er sich auf nächste Weihnachten gefreut und mit diesen vorlieb genommen; aber so wie es jetzt war, kam es ihm trübselig vor.

Der Arzt hatte nicht erlaubt, daß er mit Olly nach Rohrmoos reiste. Hätten sie nur nicht gefragt! Das arme, stille, gedrückte Geschöpf am Christbaum war denn das Olly – seine liebreizende Olly?

Er sah ihr bange zu. Sollte er mit ihr von der dummen Geschichte reden, die sie sich so sehr zu Herzen nahm? Er wagte es nicht, er hatte Furcht davor und meinte auch, daß es besser sei, zu schweigen, als daran zu rühren. So standen sie, sich gegenseitig ganz fremd, vor dem Christbaum und schauten ihn sich miteinander an. Er war nur mit blaßrosa Rosen besteckt, sehr schön, aber kein eigentlicher Weihnachtsbaum. Gastelmeier hatte noch nie so einen gesehen.

»Du hast ja gar nichts daran gehängt, Olly. Annele machte immer bunte Netze und steckte allerlei hinein, und es hing alles dick voll Gebäck, das die Mutter mit uralten Holzförmchen selbst gebacken hatte.«

Olly sah ihn ganz verwundert an. Sie fühlte sich auch etwas gekränkt, daß er ihren Weihnachtsbaum nicht schön zu finden schien; so hatte sie ihn Jahr für Jahr als ganz kleines Mädel daheim aufgeputzt und hatte früher gemeint, daß es so etwas Schönes wie ihren Baum nicht mehr geben könnte, einen Busch so voll Rosen, wie man ihn nur im Traume sehen konnte. Aber das war ganz gleichgiltig jetzt. Sie fühlte es nur so nebenbei. Es kam ihr vor, als hätte sie gar keine Berechtigung mehr zu fühlen, als wäre sie vernichtet. Und geradeso nebenbei dachte sie, daß er auch seinen Weihnachtsbaum liebe, wie er ihn gewohnt war, und es that ihr leid, daß sie ihn nicht darum gefragt hatte.

Aber wie dumpf war alles, was sie dachte. – So also stellte sie sich an, wenn ihr etwas in die Quere gegangen war? So? Schlimmer als die andern! Ja, aber es war ihr nicht irgend etwas Beliebiges in die Quere gegangen, sondern sie war mit dem ersten Schritt ins wahre, einzige Leben in einen Abgrund gestürzt und lag nun tief unten, wie zerschmettert. Wie sie so ins Maßlose hineinfühlte! Sie empfand das selbst; aber sie war nun einmal fortgerissen.

Gastelmeier hing seinen sehnsüchtigen und trüben Gedanken weiter nach. Der Arzt hatte mit ihm über Olly gesprochen. Er hatte gefragt, an was Ollys Vater gestorben sei: »Wie jeder dritte Pole wohl an der Schwindsucht,« hatte er geantwortet, so – er hörte sich noch, es lag darin die ganze Gleichgiltigkeit, die er für Ollys Familie hatte. An was er gestorben war, wußte er nicht. Es war ihm, dem Arzte gegenüber unangenehm, daß er sich so hatte gehen lassen, und er hatte von der Thüre aus in Ollys Zimmer, wo diese im Bette lag hineingerufen: »Olly, an was ist dein Vater eigentlich gestorben?«

»Bst,« hatte der Arzt gemacht, um ihn zurückzuhalten. Es war zu spät. Wie dumm, sie an so etwas zu erinnern!

Olly aber antwortete ruhig und matt, er hörte sie noch, wie sie es sagte: »Papa starb an einer Kehlkopfkrankheit.«

Sie hatte es so leise gesagt, daß es nur Gastelmeier hatte hören können. Das referierte er dem Arzt: »An einer Kehlkopfkrankheit.«

»So – so,« hatte der gesagt und war, nachdem er noch einige Anordnungen gegeben, fortgegangen.

Wie kam er jetzt darauf, ganz unvermittelt? Er hatte sich damals dumm benommen, das war ihm fatal, jetzt noch – und was war es denn weiter? Eine Gedankenlosigkeit! Außerdem war etwas Trübseliges in dieser Erinnerung, in Ollys Stimme, in allem. Wie sie das so gesagt hatte, – selbst krank. Es wollten keine frohen Gedanken kommen, so eine bleierne Stimmung, keine Freudigkeit, nicht einmal zu Weihnachten, und sie liebten sich – und es hätte so schön sein können!

Aus der Küche kamen auch keine verlockenden festlichen Gerüche. »Karpfen haben wir doch?« sagte Gastelmeier und sog einen sonderbaren unvermuteten Duft ein, der mit der Köchin eben ins Zimmer gekommen war.

»Der Fisch ist so schön,« sagte Olly befangen, »ich wollte nicht – draußen im Wasser schwimmt er. – Grüne Heringe sind auch Fische. Nicht wahr, Sie backen sie gut?« wendete sie sich fragend und bittend an die Köchin.

»Na,« sagte Gastelmeier, »das ist auch das erste Mal! Diese Aussicht hatte ihm vollends alle Laune verdorben und noch eine andre: Die vergeistigte Mama, Erwin, Emil, Tante Zänglein und der lange, sparrige Mensch kamen natürlich, um Weihnacht mitzufeiern, um die grünen Heringe mit essen zu helfen, der ganze Rangierbahnhof. Das war ein Weihnachten, ohne Saft und Kraft, ganz ohne Herz!

Und sie kamen, so gedrückt und wehleidig. Es war das erste Mal, daß sie wieder seit Ollys Krankheit alle beisammen waren. Die vergeistigte Madame erschien ganz in der Rolle der mitfühlenden Mutter. Sie hatte jetzt zwei, um die sie hangen und bangen konnte. Erwin hatte ihr kürzlich erst wieder den Genuß bereitet, nach Herzenslust jammern und die Nerven strapazieren zu können. Es gelang ihm so gut wie nichts oder wenigstens sehr wenig. Sie führte, während der Weihnachtsbaum brannte, mit Erwin und dem sparrigen Menschen ein litterarisches Gespräch und so hörten und sahen sie nichts.«

»Na, komm,« sagte Tante Zänglein zu Olly. »Du Pechprinzeß, fällt denn bei Euch keines einmal aus der Rolle – erst das eine, dann das andre, in etwas sollte der Mensch doch Glück haben. – Da hast du wenigstens etwas für den Ärger,« und sie gab Olly ein kleines Päckchen in die Hand; darauf stand in der zierlicher Schrift des Weibchens: »Für das Porträt ohne Gesicht.« Und wie es nun kam!? Von diesen Augenblick an schlug Ollys Stimmung um.

»Kein Glück?« sagte sie lächelnd, »Tante Zänglein, so? Denkst du, daß ich mich quäle? – gar nicht. – Kein Glück? Glück sage ich dir, die Hülle und Fülle, wart' nur! Aber kein so miserables Glück wird es sein, da einmal, dort einmal – so im großen Zug, verstehst du? Mit einem Schlag ist mir's, als würde es so, wie ich will. Arbeiten – und dann der Lohn, und einen Lohn, wie ich ihn mir denke. Am Arbeiten soll's nicht fehlen! Und wenn ich dann bin, wo ich sein will, dann heißt es sich oben halten,« lachte sie, »und jemand haben, den man liebt!« Das war die alte Olly, das freie, stolze Mädchen, das an sich und seine Schönheit und seine Kraft und sein Können glaubte. – »Weißt du, Tante Zänglein, wie ich arbeiten kann? Herrgott, wenn du das wüßtest!«

»Schau,« sagte das kleine Weibchen, »so eine Frau, so ein Mädel! Das ist einmal etwas! So gefällst du mir. Endlich eine! Die Trübsal spritzen, das sind scheußliche Leute, denen glückt auch nichts.«

Wie umgewandelt war die Stimmung mit einemmal. Olly wurde so übermütig, daß die andern auch aufschauten. Gastelmeier war vergnügt, so konnte sich sein Weihnachten im eigenen Heim doch auch sehen lassen und brauchte sich nicht zu verkriechen vor dem, was er »Weihnachten« nannte.

Die grünen Heringe schmeckten ganz gut; Gastelmeier spendierte ein paar Flaschen guten Weißwein, den er von daheim geschickt bekommen hatte, und der Rangierbahnhof feierte wirklich Weihnachten und hielt einmal Ruhe.

Und draußen in der Küche schwamm der Goldkarpfen, das schöne Weihnachtstier, und freute sich seines Lebens im Wasserschaff.

»Ich danke dir, kleine Olly,« sagte Gastelmeier zärtlich, und umarmte seine junge Frau in ganz fideler Stimmung.

»Ist nichts zu danken,« erwiderte sie ihm ehrlich. »Ich kann nichts dafür.«

»Desto besser,« meinte er.

»Mimm, mein armes Jüngelchen,« so nannte sie ihn, und sie drückte ihr Gesicht an seinen Hals, »es ist ein großes Unglück für dich, daß du mich geheiratet hast.«

»Dummes Zeug!« sagte er.

»Ganz gewiß – du thust mir leid.« Sie sagte das zärtlich und wie überlegen zu ihm, so einfach, daß es ihm einen wunderlichen Eindruck machte. Es war, als wenn wieder eine dunkle Wolke über die Sonne, die eben erst aus dem Nebel gekrochen, hingezogen wäre.

»Du bist so heiß und so erregt, Olly,« sagte er besorgt.

»Ein bissel erkältet.«

Das hatte die vergeistigte Madame aufgefangen. »Olly, dein Hals,« sagte sie wie außer sich, »du sprichst ja wieder ganz heiser! Wo hast du dir das geholt?«

Die Vergeistigte war jetzt in ihr Fahrwasser hineingekommen und so ängstlich und aufgeregt, wie nur zu wünschen. Sie machte ein großes Aufheben von Ollys Heiserkeit.

»Ihr sollt sehen, das wird sie diesen Winter nicht wieder los, das ist die alte Halsgeschichte. Und bei dem dummen Fischkauf hat sie sich das geholt. Und nicht einmal zu essen bekommen haben wir ihn! Was soll der Fisch draußen im Wasser?«

»Leben, nur leben,« sagte Olly ruhig.



VII.

Dritter Weihnachtsfeiertag. Olly ist nicht wohl, die Erkältung vom heiligen Abend hat sich gesteigert; aber unbekümmert darum, arbeitet sie im Atelier. Sie hat ein Modell. Ein vierschrötiges Bauermädchen hält das Kinn in die Hand, den Arm auf das Knie gestützt, und blickt vor sich hin, so schläfrig und stumpf wie nur ein Modell, das stundenlang sich schon ruhig hält, blicken kann.

Auf Ollys Bild sitzt ein Mädchen unter einem Apfelbaum, der hie und da noch blüht. Es ist schon zu Ende mit der Blütenzeit. Das Laub ist ausgebrochen und die abgeblühten Blumenblätter geben den Zweigen etwas Bräunliches, Verblichenes. Olly hat von ihrer Reise Studien zu diesem Baume mitgebracht und auch die Idee zu dem Bilde. Ein blasser, nebliger Maiabend, feucht und kühl. Der Baum steht auf dem Felde, auf dem das Mädchen hart gearbeitet hat. Hecken, Wiesenfläche, Weiden, Abendnebel. Das Mädchen sitzt müd und matt gearbeitet. Es ist, als hörte sie auf einen Vogel, der im Baum singt, oder auf von fern herüberklingende Abendglocken. In der Haltung soll sich die Ermattung eines kräftigen Menschen und ein stilles Beobachten und Umsichschauen ausprägen, so ein schläfriges, gleichgültiges, zufriedenes Beobachten von irgend etwas, ein Sichausspannen nach der Arbeit.

Und Olly war glücklich, das Modell zu dem Bilde gefunden zu haben. Die starken Glieder des Mädchens sanken, wenn es eine Weile gesessen hatte, so zusammen, als hätte es die härteste Arbeit hinter sich. Sie bekamen trotz ihrer Kraft etwas Weiches, Unbehilfliches, wie es die Glieder eines schläfrigen Kindes haben.

Gastelmeier kam nach Haufe. Olly winkte ihn zu sich heran und flüsterte ihm zu: »Mimm, es liegt eine Poesie in ihr!«

»Na, weißt du,« sagte Gastelmeier, »ich bin nu mal für diese Art muffliche Poesie nicht besonders eingenommen. – Aber ganz gut – sehr gut. Na ja! Übrigens, es hat wirklich einer, wie ich dir's vorher gesagt habe, mich wegen deines Bildes angesprochen. Wenn du dich's erinnerst? ›Gastelmeier, die Dinger von deiner Frau sind net übel.‹ Weißt du noch?« Olly nickte, ganz in ihre Arbeit vertieft. »Grad' von dem ist's das reine Wunder, du kannst dir's hoch anrechnen. Es ist der Köppert!«

»Ach nein!« rief Olly, wie von einem märchenhaften Glück ganz überwältigt, und legte ihre Palette aus der Hand.

»Na, er hat es halt, wie er so ist, auf seine Weise in den Bart gebrummt. Das wär' mir übrigens nicht der Rechte.«

»Wie kannst du das sagen, Mimm!«

»Kennst du ihn?« fragte er.

»Persönlich nicht; aber seine Arbeiten. Solang ich weiß, waren die immer das, was ich liebe. Eigentlich der Einzige in Deutschland, der ganz das ist, was ich fürs Beste halte.« Olly war tief erregt, ihre Wangen glühten. »Mimm, ist es auch wahrhaftig wahr?« fragte sie noch einmal und sah gespannt auf ihn. »War's Spaß?«

»Nein, Herrgott noch einmal! Was ist denn da so Extras dran? Er hat's einfach gesagt.«

»Siehst du, er ist der Einzige, der das Leben so ganz nimmt, wie es ist – so nur die Wahrheit, ohne alles Dazuthun, und so tief. Wie habe ich den Menschen immer beneidet!« Sie fiel Ihrem Mann mit einer heftigen Bewegung um den Hals. »Also er hat's wirklich gesagt?« Sie mußte husten und richtete sich auf. »Neulich war ich in der Pinakothek bei den alten Sachen. Wie hab' ich sie – viele davon – immer angebetet, was hab' ich da für Stunden verlebt und wie thu' ich's noch! Aber weißt du, bei den wundervollen braunen Schwarten war mir's auf einmal, als ich an Köpperts einfache Menschen mit dem alltäglichen tiefen Menschenausdruck, an seine matte Sonne, an seine graue Luft dachte, als wenn ich in einem engen, vornehmen Zimmer atmen müßte, darin eingesperrt wär' – und Köppert, der hatte die reine frische Luft und die Freiheit.«

»Olly,« sagte Gastelmeier, »mußt du denn immer gleich oben hinaus? Du armes Hascherl machst dich krank.«

»I, wo! Daß du ihn nicht so verstehst, wie ich ihn verstehe, Mimm, wie schade!«

»Weißt du, liebes Kind, ich bin etwas ruhiger und vernünftiger in dieser Beziehung als du. Er selbst wird sich einfach mit der Zeit ändern. Was er jetzt ist, bleibt er nicht.«

»Doch – doch, Mimm, so wahr ich lebe – du mußt ihn um Gottes willen nicht unter die gemachten Leute zählen, die modern sein wollen und gar nicht wissen, um was es sich handelt, die die Mode mitmachen und die Mode wechseln. Daß ich dir das sagen muß! Er ist goldecht.«

»Von dem Götzendienst wüßt' ich ja gar nichts.«

»Mimm, ärgere mich nicht.«

»Ärgern?« lachte er. »Aber du hast mich nicht ausreden lassen. Er kommt heute Nachmittag und will uns besuchen und sich deine Sachen ansehen.«

Olly erschrak offenbar, sie griff nach der Palette und war ganz verwirrt. Sie schwieg, wollte wieder zu arbeiten anfangen – die Hand zitterte ihr. Gastelmeier sah auf sie hin. Sie legte die Palette wieder nieder. »Jetzt geht's nicht,« sagte sie.

»Es ist auch hohe Zeit zum Essen,« meinte Gastelmeier seelenruhig.

»Das ist doch net möglich, « sagte sie.

»Wo ist denn deine Uhr, Olly? Die sollte doch immer neben dir liegen, damit du zeitig vor dem Essen aufhörst.«

»Wo ist sie denn?« fragte Olly geistesabwesend. »Gar net aufgezogen, ich weiß. Sie ist hinters Bett gefallen – vor ein Paar Tagen.«

»Da hast du sie liegen lassen?«

Weil ich keinen Stock hatte, sie liegt ganz zu hinterst.«

»Das ist ja recht nett.«

»Mimm, brumme nicht,« bat sie.

Gastelmeier ahnte und wußte, daß es mit dem Essen noch einige Zeit dauern werde. Er warf sich auf seine Chaiselongue und nahm ein Buch zur Hand. Olly schickte das Modell fort, rief nach heißem Wasser und Seife zum Pinselwaschen, und als die Köchin damit hereinkam, sagte sie: »Bitte, eilen Sie sich doch heute etwas mit dem Essen; was giebt's denn eigentlich? Bitte, recht rasch.«

›Eine nette Hausfrau,‹ dachte Gastelmeier, der zugehört hatte. Er fühlte sich nicht besonders guter Laune, war hungrig, hatte Appetit auf etwas Extras und wußte im voraus, daß dieser Appetit unbefriedigt bleiben würde.

Als endlich das Essen aufgetragen wurde und die Köchin die Liebenswürdigkeit hatte, dieses Geschäft in der schmutzigen Küchenschürze zu besorgen, hob Gastelmeier den Deckel von einer Schüssel: »Wissen möcht' i, was 's heut für ein Schlangenfraß ist!« sagte er gereizt. Olly achtete nicht darauf. »Na, was für ein Schlangenfraß ist's denn?« fragte er noch einmal.

»Weiß net, Mimm.« Sie war immer noch in einer wunderlichen Erregung und rührte vom Essen kaum etwas an. »Mimm, wann kommt er den?«

»Herrgott noch einmal! – Da ist ja eine nette Bombe ins Haus gefallen! Olly, nimm dich zusammen. Diese ewigen Aufregereien, wohin sollen die führen? Du ißt nix. Und mit so einem Husten. Heiser bist du! Ins Bett gehörst du! Weißt du, ich bestell' ihn ab – der kann auch ein andermal kommen.«

»Nein – nein,« sagte sie erregt. »Wenn nun einmal ein Glück kommt! Mimm, wie kannst du? Das thust du nicht!« Sie stand auf und sah ihn angstvoll an.

»Das ist ja zum Teufel holen, Kleine, so ein Lärm um nix. Mag er kommen. – Aber sag einmal, ist denn der Karpf noch immer draußen im Wasserschaff? Wie lang soll er denn eigentlich dableiben? Ich dächte, der thäte besser daran, statt dieses scheußlichen Hammelfleisches zu uns hübsch blau gesotten hereinzukommen.« Gastelmeier lief das Wasser im Munde zusammen, während er sich seinen Karpfen, wie er ihn liebte, vorstellte. «Zum Beispiel: von mir gar net zu reden, dir thäte so ein Stück Karpfen jetzt wirklich gut.«

»Nein, nein, Mimm,« protestierte sie, »damit wird's nichts; ich weiß schon, du willst ihm ans Leben – das leid' ich aber nicht. Er ist schon ganz zahm.«

»So. – Meinst du, daß er dann weniger gut schmeckt?«

»Ja, – ich könnte keinen Bissen von ihm essen.«

»Mir aber macht seine Zahmheit nichts aus – liebe Olly, ich dächte, unser Menu wär' nicht so reichhaltig, daß wir es mit anzusehen brauchten, wie das beste Stück vom ganzen Jahr sinn- und zwecklos sich in der Küche amüsiert.«

»Du Raubtier,« sagte Olly.

»Ach was, Raubtier bei der Esserei! Du kannst darauf schwören, wenn's niemand thut, koch' ich mir den frechen Burschen selbst.«

»Mimm – nein!« sagte Olly, legte ihren Kopf an seinen Hals und streichelte ihm die Glatze, den wunden Punkt seiner Persönlichkeit. Das liebte sie zu thun, er aber liebte es durchaus nicht. – »Laß ihn mir. Du, laß den Karpfen in Ruh!«

»Ja, wenn du dafür sorgst, daß ich was Anständiges zu essen bekomme; nach noch so einem Schlangenfraß, wie wir heut' einen hatten, geht's ihm sicher ans Leben.«

»Beim ersten? – Beim dritten, Mimm! Drei müssen es immer sein, bei allen Dingen.«

»Meinetwegen, aber dann auch auf die Minute, also morgen, übermorgen und noch einmal – dann.«

Die Köchin kam herein. »Sie müssen jetzt sehr gut kochen,« sagte Olly. »Wenn dreimal so schlechtes Essen ist wie heute, dann will der Herr sich den Karpfen selbst kochen. Also bitte, passen Sie auf. Sehr gut muß alles sein. Hören Sie?«

»Jawohl,« sagte die Köchin und lachte. Sie amüsierte sich köstlich hier im Haus. Auch diese Köchin that wieder vollkommen, was ihr beliebte. –

Nach Tische legte Gastelmeier sich zu einem Nach Mittagsschläfchen hin. Olly warnte ihn und sagte: »Thu's nicht, Mimm, du wirst zu fett.«

»Was geht's dich an?« erwiderte er, »da werd' ich wenigstens vom Schlafen fett – vom Essen schwerlich.«

»Ja, willst du denn durchaus fett werden?«

»Ja,« brüllte Gastelmeier im tiefsten Brustton. »Ich will mein Behagen! –«

»Die Speckseiten mit sich herumtragen, als wenn das Behagen wäre!«

»Freilich ist's das!«

»Aber ich will keinen fetten Mann!«

Sie nahm ihn an einen Fuß und wollte ihn vom Sofa herunterziehen.

»Verdammte Kröte!« schrie er. »Halt' Ruh!«

Sie wirtschaftete mit ihm herum, versuchte auf alle Art ihn vom Sofa zu werfen, hustete dabei und ihre Stimme hatte einen eigentümlich heiseren Klang. Ihre Wangen glühten.

»Du bist ja krank, Olly. halt' Ruh!« sagte er. Sie war aber wie ein Kind, zudringlich und ausgelassen und riß und zerrte an ihm herum. »Du Faß!« sagte sie.

»Pfui, Olly!«

»Meinst du etwa nicht?«

Es war ihm schändlich unbequem, diese Unvernunft nach Tische; aber dieses reizende, mädchenhafte Frauchen sein eigen! Sie kam auf die tollsten Ideen und schmatzte und spektakelte mit ihm. »Pfui, deine Stimme,« sagte er, »heiser wie ein Rabe!«

»Wirklich?« meinte sie ganz betreten. »Mimm, ist's so schlimm? Kann ich mich sehen lassen?«

»Aha! Soll ich ihn abbestellen?«

»Nein, nein, Mimm! Das Glück muß man halten. Aber dumm ist's, Mimm, daß ich so eine Stimme heute haben muß – so dumm. In allen Dingen Unglück! Immer dasselbe. Das war von jeher so; immer, wenn ich mich freute, kam etwas dazwischen, immer ein Schnupfen, eine Heiserkeit oder so was. – Giebt's denn nichts dafür?«

»Ja, halt' Ruh! das ist das beste.«

»Nein, nein, dann rostet die Stimme ein – und ich kann auch gar nicht!«

»Herrgott, so ein Frauenzimmer!«

»Wart, Mimm, ich weiß was!« Fort war sie und kam mit einer Palette und Pinseln wieder. Sie stellte sich hinter ihn. ›So, sie scheint wieder arbeiten zu wollen und hat sich ausgetobt,‹ dachte Gastelmeier und reckte sich behaglich zurecht. Da fühlte er auf seiner Glatze ein eigentümliches, ganz angenehmes Streichen und Kitzeln. Was aber wäre ihm auf seiner Platte angenehm gewesen, außer ein neuer Haarwuchs? »Olly, was treibst du?« fragte er.

»Ich mal' dir Haare,« sagte sie, »wunderbare Haare!«

Jetzt riß ihm die Geduld. »Der ist nichts heilig,« brummte er, stand auf und ging aus dem Zimmer; Olly aber lief ihm nach. Er wollte sich grollend auf sein Bett legen. Sie ließ ihm aber keine Ruhe. »Lieber, lieber Mimm, sei wieder gut.« Sie schmeichelte so lange und bat und versprach, bis er ihr endlich verzieh.

»Aber Mimm, es sind noch von den Haaren welche oben!«

»Olly!« fuhr er sie böse an.

»Mimm, er ist doch eigentlich der einzige Mensch in München, der ein Gesicht hat.«

»Wer?«

»Köppert!«

»So, und was hab' ich denn da gefälligst,« fragte Gastelmeier, »wenn nur er ein Gesicht hat?«

»Eine Kartoffel, Mimm.«

»Räum' etwas auf,« sagte er, »und geh nun.« Jetzt war er wirklich böse. Diesmal aber bemerkte sie es nicht. Sie dachte daran, sich umzukleiden. Das erschien ihr aber dumm und weibisch und sie wollte wahr sein, nicht für ihn vorbereitet. Sie war dessen auch sicher, daß sie nichts trug, was sie nicht kleidete. Etwas was nicht zu ihr gehörte, konnte sie nicht einen Tag an sich dulden. Alles mußte leicht sein, anschmiegend, so eine Art Haut.


* * *


Und Köppert kam um vier Uhr, pünktlich wie er gesagt hatte. Als er eingetreten war und beide begrüßt hatte, sagte er: »Gastelmeier, was meinst du, darf ich meinen Hund mit hereinnehmen, den Astralhund?«

»Freilich!«

Er ging hinaus mit großen, leichten Schritten und kam mit seinem Hund, einer gelben, struppigen istrischen Bracke, wieder herein. Der Hund schaute auf ihn hin mit so einem großen Blick, in dem eine tiefe Freundschaft lag. Sie schienen im besten Einvernehmen miteinander zu sein.

»Astralhund?« fragte Olly lächelnd und strich dem Hund über den Rücken.

»Schauen Sie uns an«, sagte Köppert.

Es war etwas Ähnliches zwischen den beiden. Beide hager, energisch, aufmerksam; auch er hatte den Blick, den die Bracken haben.

»Verstehen Sie's?«

»Ja, ich weiß nicht,« sagte Olly. »Ein Astralkörper; soll das nicht so unser zweiter Körper sein, der überall mit uns geht?«

»Stimmt,« sagte Köppert. – »Kusch, drück' dich.«

Sie kamen bald miteinander tief ins Gespräch. Köppert ließ sich Ollys Arbeiten zeigen und lobte vieles. Von einem Kopfe sagte er: »Reife gute Arbeit – und wie alt können Sie denn sein? Zwanzig, zweiundzwanzig?«

»Und ich alter Mensch bin sechsunddreißig und halte den Kopf net besser machen können. Bei wem haben Sie gelernt?«

Olly sagte es. Sie war so glückselig. Jetzt kam es ja, das Glück. Von wem auf der Welt wäre sie lieber gelobt worden als gerade von Köppert. Und so wahr und ehrlich, wie er es that! Sie durfte ihm glauben. Sie selbst sprach wenig, das Wenige aber ganz verklärt.

»Sie sind etwas heiser,« sagte Köppert.

»Leider.« Sie wurde dunkelrot, es bedrückte und beschämte sie, diese Stimme. Mit einmal war's ihr wie ein Unglück, das sie so gehemmt sprach. Sie fühlte sich gequält, krank mitten in ihrem Jubel.

Köppert merkte ihre Verstimmung. »Ro­heit,« sagte er, »ich habe Sie jetzt darin erinnert. Na, so etwas vergeht. Sie sind ein ganz glückliches Geschöpf, sehe ich, ein gutes Talent, einen guten Mann – und ganz jung.« Für sich dachte er: und so ein rührendes Hühnchen, so ein hübscher netter Kerl.

Sie waren im besten Gespräch, da klingelte es. Ollys Mutter, Erwin und Emil kamen. Über Ollys Gesicht ging es wie ein Schatten. Die Stunde war gestört.

Die Neuangekommenen kannten Köppert dem Namen nach sehr wohl. Seine Werke waren schon oft bei ihnen Gegenstand schöngeistiger Unterhaltung gewesen. Sie hatten ihn schon nach allen Richtungen hin kritisiert, waren seinetwegen öfters hart aneinander gekommen, denn ihre Hauptleidenschaft war nun eben, litterarisch und künstlerisch zu kannegießern. Frau Kovalski war hochbefriedigt bei ihrem Schwiegersohne einen so interessanten Mann zu treffen. Und sie stellte sich mit ihm sogleich auf einen gewissermaßen kollegialischen Fuß, sprach mit ihm in Kunstausdrücken – die neuen Worte, Freilicht, Impressionist und so weiter, schwirrten auf Köppert zu, wie Fliegen, deren er sich vorderhand nicht erwehren konnte. Sie wollte ihm imponieren und außerdem betrachtete sie ihn als einen der Ihrigen. Sie hatte sogar das dunkle Gefühl, als hätte sie ihn gewissermaßen mit »creieren« helfen. Alles, was Kunst war, und was sich gar moderne Kunst nannte, war ihr Departement. Von alledem wußte er aber nichts und dachte nur: ›Was ist denn das für ein Huhn!‹

Sie fingen jetzt im Chor an, über die Verfolgung, die die moderne Kunst zu erdulden habe, zu lamentieren, alle drei – Emil auch mit. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! – Die Menschen sind Mistjauche! – um nichts besser als Mistjauche!«

»Erlauben Sie!« sagte Köppert und wendete sich nach beharrlichem Stillschweigen an die Mutter des vorlauten Jünglings, »erstens kenne ich eine moderne Kunst gar nicht. Ich weiß nicht, was Sie darunter verstehen. Zweitens: ein Mensch, wie ich, versteht von Kunst überhaupt nichts; Sie können mich totschlagen, ich wüßte nichts darüber zu sagen. Ich bin erstaunt, was Sie alles wissen, gnädige Frau. Und drittens! Was ist das für ein ungebackenes Brötchen, was da hinten sitzt und mitspricht?«

»Wie denn?« fragte sie.

»Das halbgebackene Brot da, an einer Seite angebrannt und an der andern noch Teig.«

Die vergeistigte Dame, Erwin und Emil schauten ganz verblüfft drein, es ergab sich aber, daß Köppert Emil meinte.

»Wie alt sind Sie, mein Sohn?« fragte er.

»Er ist siebzehn, mein Herr,« erwiderte die Dame, »für sein Alter merkwürdig entwickelt.«

»O weh!« sagte Köppert. »Das ist ein Zeichen der Zeit. Wer sagt das doch: die Kinder sind erst jetzt erfunden worden? Früher wußte man gar nichts von ihnen, man hörte sie unter Erwachsenen nicht. Wie lange zählt Ihr Herr Sohn schon unter die Menschen und thut so ausgezeichnete Aussprüche? Und ist Weltverächter? Verzeihen Sie, gnädige Frau, die Freiheit, die ich mir nehme. Bei solcher Gelegenheit setze ich nämlich wie der Uhu mein Federohr auf. Warten Sie, mein Söhnchen,« fuhr er fort, »wie wär's, wenn Sie ein bisset unter meine Fuchtel kämen? Was wollen wir denn werden?«

»Maler,« antwortete Emil kleinlaut.

»So. Proste Mahlzeit, und werden vorerst Kunstmäcen und Kunstkritiker? O, du heiliges unausgebackenes Brot! Weiß Gott, ich würde die Knute einführen!«

»Köppert, Köppert!« sagte Gastelmeier wie ermahnend.

Da lachte Köppert kurz auf. »Nun werde ich mich heute Abend wieder ohrfeigen können; so eine Art Teufel sollte immer die Hände gebunden haben. – Ein Uhu mit dem Federohr!« – Dabei flocht er seine mageren, energischen Finger ineinander.

»Nein, Sie sollen reden,« sagte Ollys leises, heiseres Stimmchen.

»So,« lachte Köppert wieder; »aber ganz manierlich und liebenswürdig. Haben Sie sich nicht über mich geärgert?«

»Nein,« erwiderte Olly.

»Bravo.«

»Sie sind also gegen die Erziehung, die die Kinder wie Menschen behandelt? Mensch zum Menschen?« fragte die vergeistigte Dame höflich und gewählt, wie man einen groben, berühmten Mann immer fragen muß.

»Was Menschen?« fuhr Köppert wieder auf. »Sind's denn Menschen? Gefälligst? Einen Menschen, der noch keiner ist, als Menschen behandeln, ist das Mittel, daß er nie einer wird. Punktum – totschießen!«

»Ja freilich,« sagte die vergeistigte Dame. Es wurde ihr schwer, der sprunghaften, zerstückten Unterhaltung des vielbesprochenen Köppert zu folgen. Er sprach undeutlich und murmelte alles in den dichten Schnurrbart hinein; so ging ihr zum Glück das meiste verloren, sie kam aber auch nicht zur Erkenntnis, daß Köppert sehr wenig Neigung hatte, sich mit ihr schöngeistig zu unterhalten. Sie ließ ihn nicht los.

Endlich wendete er sich von ihr ab und Olly zu, und die beiden sprachen miteinander leise und für die andern undeutlich. Er sprach mit ihr von ihrer Kunst, und ihre Augen strahlten in einem fieberhaften, seligen Feuer. Er bog sich zu ihr hin, um ihr das Sprechen zu erleichtern.

Es war die Stunde, in der zum erstenmal ein Mensch mit ihr sprach, von dem sie fühlte, daß er sie verstand. Weshalb eigentlich? Sie wußte es selbst nicht zu sagen. Seine Worte waren für sie lebendig und in ihren Worten, diesen armen, heisern Worten, lag auch ein Leben, das er in ihr erweckt hatte. Sie sprach zum erstenmal nicht ins Leere hinein. So war es: sie fühlte, daß sie bisher das, was ihr am heiligsten war, immer ins Leere gesprochen hatte, wie in eine große Einsamkeit hinein. Und jetzt auf einmal ein Wiederhall – zum erstenmal. Früher hatte sie gedacht: die Menschen sind eben einsam, jeder ist im Grunde einsam – und nun doch nicht, nicht alle, nicht immer. Und war sie denn immer wirklich einsam gewesen? Bewahre. Nur bis zu einem Punkt ihrer Seele war nie ein Menschenwort gedrungen. Und dann war es auch der Erfolg, daß er sie gelobt hatte, – die Anerkennung. Hätte er sie getadelt, wäre sie wie vernichtet gewesen, so erschien es ihr; aber jetzt, welches Leben, welche Lebenshoffnung! Wie eine weite Sonnenbahn lag mit einemmal alles vor ihr. Das war eine Stunde!

Sie sah zwar so alltäglich aus, wie irgend eine andre. Emil saß da und brummte; er war wütend auf Köppert. Erwin und die Mutter führten ein litterarisches Gespräch trotzig allein. Es war ihnen unmöglich, wenn sie in Gesellschaft saßen, sich nicht schöngeistig zu bethätigen. Sie thaten dann gewissermaßen, als wären sie nicht Mutter und Sohn, sie thaten fremd miteinander.

Gastelmeier setzte seinen Gästen Wein vor, nahm sein Cigarrenetui aus der Brusttasche und reichte es Köppert. »Bitte, Köppert, bediene dich, kuhwarme Cigarren.«

»So ein Mensch!« sagte Köppert zu Gastelmeier, »wo nimmst du eigentlich den Mut zu dergleichen her? Und außerdem?« Er blinzelte auf Olly hin. »Natürlich, ein Ehemann – eine Rothaut.«

Das Mädchen kam in das dämmerige Zimmer hereingeschlichen und meldete den Doktor an.

»Kommt der denn immer noch zu euch?« fragte Frau Kovalski.

»Er hat mich heute auf der Straße nach Olly gefragt, da habe ich ihm von ihrer Heiserkeit gesagt und so weiter, daß sie bei ihrem Fieber arbeitet,« sagte Gastelmeier.

Der alte Doktor trat ein. »Nun, Frauchen,« begrüßte er Olly. Gastelmeier rückte ihm einen Stuhl zurecht.

Olly war tief erregt. Das Glück, das Köppert ihr gebracht hatte, ließ ihr das Blut durch die Adern stürmen; ihr war, als wenn von den Füßen her Flammen durch ihren ganzen Körper schlügen, freudige, erregte Flammen. Da war nun das Glück und es schien ihr, als wäre es nicht leicht zu ertragen. Es beengte ihr die Brust, trieb ihr das Blut zu Kopf. Sie war so beunruhigt und wendete sich wieder zu Köppert und sagte: »War es Ihnen auch so, als der erste Mensch, wissen Sie, einer, dem Sie ganz vertrauen, Ihnen sagte, daß – –. Sie haben mir doch gesagt, daß meine Arbeiten gut sind?« unterbrach sie sich und schaute mit großen Augen auf ihn.

»Ja, gut – mehr als das,« antwortete Köppert und blickte teilnahmvoll auf sie hin.

»War es Ihnen da auch so – beinah qualvoll glückselig zu Mute?«

»I wo,« sagte Köppert, »lassen Sie die Esel reden, was sie wollen, einen wie den andern! Was geht Sie das eigentlich an? Aber lassen Sie's gut sein, ich versteh' schon, wir sind nun einmal solche Narren, daß wir uns von andern das Lebenslicht anbrennen und ausblasen lassen. Wenn uns die verdammte Kunst hat, gehören wir den andern, nicht mehr uns selbst, – die können machen mit uns, was sie wollen; das ist so eine Einrichtung. – Aber das darf nicht sein! So ein Hunde- und Sklavenleben! Ich habe die Frechheit, an mich selbst zu glauben, ich bin mir selbst die Hauptsache. Da sagt doch, was Ihr wollt – Ihr –! Denken Sie so. Einfach: die andern gehen Sie nichts an. So allein ist die Kunst gesund, und wie kann man sonst ein anständiger Kerl bleiben? Auf sich selbst hören, auf niemand anders, das ist die einzige Rettung.«

»Ja,« erwiderte Olly treuherzig; »aber zwischen dieses ruhige Überlegen kommen Stürme und werfen alles durcheinander.«

»Stürme im Waschbecken,« brummte Köppert. »Wir nehmen uns viel zu wichtig. Übersetzen wir uns in Raupen und Insekten. – Was sind wir denn anders? Stellen Sie sich so ein Insekt vor – und den Summs darin – komisch! Und was meinen Sie – der da oben«, Köppert zwinkerte zur Decke hinauf, »kennt sich zwischen einer Handvoll Räupchen und einer Handvoll Leut' längst net mehr recht aus.«

Olly sah ihn ernst an. »Ja, wahrscheinlich ist es gut, so zu denken,« sagte sie; »aber man müßte es erst lernen.«

Sie hatten beide leise miteinander gesprochen. Köppert immer noch zu ihr hingeneigt, damit sie sich beim Sprechen nicht anstrengen sollte.

»Nun, Frauchen,« sagte der Doktor, »wir haben auch ein Wort miteinander zu reden.« Er bot ihr wie im Scherz seinen Arm und sie gingen miteinander in das Nebenzimmer.


* * *


Köppert und der Arzt verabschiedeten sich miteinander.

Der Arzt sagte vorher zu Olly: »Frauchen, morgen, wenn Sie hübsch ruhig sind, muß ich schon noch einmal kommen – was? Wir müssen das Hälschen uns ordentlich ansehen.« Dann gingen sie.

»So eine Art Seelchen hat der Gastelmeier erwischt,« sagte Köppert zum Arzt, als sie in die Winterkälte hinaustraten, »ich habe seine Frau zum erstenmal heut gesehen.«

»Frau?« erwiderte der alte Doktor, der mit Köppert gut bekannt war, »›Frau‹ ist das nicht – das hat nichts von ›Frau‹.«

»Ein armes Seelchen,« meinte Köppert. »Wie kommt der Gastelmeier eigentlich zu ihr und sie zu ihm?«

»Sie ist Todeskandidatin,« sagte der Arzt trocken.

»Wie, das Seelchen?« fragte Köppert.

»Im Vertrauen, ja. Es ist mir herausgerutscht – die oben wissen von gar nichts noch – also unter uns. Mir ist's schon längst klar; eine abschließende Untersuchung ist zwar noch nicht vorgenommen, aber es wird nicht viel anders aussehen, als ich jetzt annehmen muß.«

»So ein ahnungsloses Geschöpf,« sagte Köppert.

»Soll's auch bleiben, so lange als möglich. Die wird ihrem Mann noch genug zu raten aufgeben – Herrgott noch einmal! Ich habe das Gesicht gesehen, als es vor ein paar Wochen hieß, sie brauchte vorderhand nicht mehr zu befürchten, Mutter zu werden, – das heißt, ich sagte damals nicht ›befürchten‹, sondern teilte es ihr schonend mit, wie man das so nennt. Dies Gesicht! Die vollkommene Erlösung! Nur einen Augenblick war der Ausdruck ganz klar. Ich habe ihn nie ähnlich bei einer Frau gesehen. Sie hat nichts als ihre verdammte Kunst im Kopf. Es hat ihr davor gegraut, daß sie ihre Kraft nicht mehr für sich ganz allein haben sollt' – und nun – daß wird eine nette Geschichte werden. Mir thut der Mann leid. – Also ganz unter uns.«

Sie trennten sich und jeder ging seines Weges.

Oben bei Gastelmeiers wurde indes von Köppert gesprochen.

»Originell, sehr originell,« sagte Frau Kovalski, »aber etwas abspringend und spricht so undeutlich.«

»Ein frecher Mensch,« sagte Emil. Sie sagten alle etwas. Olly schwieg. Für sie war er ein gottgesandter Mensch. ›Ihren Messias‹ hatte Mimm ihn vorher spottend genannt. Ja, ihr Messias. Mimm hatte ganz recht gehabt. Sie hatte jetzt jemand, für den sie arbeitete. Der Ruhm, der gestaltlose Ruhm, hatte fürs erste Köpperts Gesicht bekommen.

Ehe ihre Mutter und die Brüder sich heute verabschiedeten, nahm Olly Emil beiseite und sagte: »Morgen wollen wir beide miteinander den Karpfen in die Isar tragen. Komm so früh du kannst. Wenn wir's nicht thun, holt Mimm ihn doch.«

»Du sollst ja aber nicht ausgehen,« sagte Emil.

»I wo! Weißt du, wir fahren. Du besorgst die Droschke und wir stecken den Karpfen wieder in sein Netz. Du mußt kommen, wenn Mimm zu seinen Schülern geht, von neun bis zehn.«

»Na, mir ist's recht. Ich könnte ihn ja auch allein fortbringen.«

»Nein, ich will mit, ich will's sehen.«


* * *


Und wie die beiden es verabredet hatten, so geschah es. Es war ein sonnenklarer, windiger Januartag, kristallhell, da fuhren sie mit ihrem Fisch der Isar zu. Niemand wußte davon. Olly hatte auch die Köchin aus dem Hause geschickt, damit sie den Karpfen in aller Ruhe aus dem Schaff in sein Netz stecken konnten. Jetzt hielt sie ihn unter ihrem Wintermantel verborgen. Wie fest und gesund er war und wie er schnickte! Im Wagen gab sie ihn Emil wieder zu halten. Sie fuhren bis über die Maximiliansbrücke, stiegen dann aus und bogen in die Isaranlagen ein.

Es war bitterkalt und der Wind schneidig. Olly schüttelte sich vor Frost – die Zähne klapperten ihr. »Wie du frierst,« sagte Emil. »Es war am Ende doch dumm, daß wir gegangen sind. Ich lauf' voraus und steck' ihn rasch ins Wasser.«

»Nein, laß mich's sehen.«

So gingen sie miteinander weiter. Olly war plötzlich müde. Sie kamen nur langsam vorwärts. »Ich weiß nicht, was mir ist,« meinte sie. »Es ist wieder die bleierne Müdigkeit. So mit einemmal.«

»Na, das kam ja immer schon früher,« sagte Emil, »das hat wohl nichts zu sagen. Komm nur.«

Jetzt standen sie miteinander unten an der Isar. Die floß so klar und durchsichtig und eisigkalt vor ihren Füßen hin und der Wind strich darüber und drang ihnen durch die Kleider. Der Fisch schnickte ganz gewaltig, es war, als wenn er die Freiheit witterte.

»Ob's ihm nun gerade hier in der Isar behagt?« sagte Emil. »Ich glaube, da unten fließt das Wasser ruhiger, da kann er sich besser aufhalten, das ist so wie eine Art Teich. Weißt du, ein Karpf liebt das Ruhige und Sumpfige.«

Sie gingen miteinander dem Wind entgegen. Olly war ganz kraftlos und hielt sich an Emils Rockärmel. Emil wirtschaftete im Netz mit beiden Händen an dem Karpfen herum. »Jetzt haben wir ihn,« sagte er. Der Karpfen glänzte in der Sonne und unter dem blauen Himmel wie ein großes Stück Gold.

»Jetzt! Paß auf!« Emil bog sich weit vor und Olly sah, wie der Fisch wie ein Pfeil, goldglänzend, in das Wasser schoß. Ein kleiner Wirbel – ein Huschen – ein glänzender Streif – und er war verschwunden.

»Da fährt er hin,« sagte Emil.

»Der ist nun frei,« meinte Olly, »und gesund.«

»Jawohl,« bestätigte Emil, »dem fehlt nix.«

Jetzt mußte der Weg wieder erstiegen werden. »Verflucht! Verflucht! Verflucht! Du bist aber nett müde.«

Sie kamen gar nicht vorwärts. »Wir müssen uns ein bißchen setzen,« sagte sie. »Ich weiß nicht, was ist denn das nur?«

So brauchten sie längere Zeit. Olly konnte kaum sprechen vor Heiserkeit. Und Emil lief jetzt nach einer Droschke voraus. ›Was ist denn mit ihr?‹ dachte er unterwegs.

Als sie miteinander in der Droschke sagen, wurde Olly von einem inneren Frost geschüttelt, und Emil schaute ihr ganz verblüfft zu. ›Das ist eine dumme Geschichte,‹ dachte er.

Daheim legte sie sich auf ihr Sofa, Wangen und Kopf glühten. Emil blieb bei ihr, trotzdem sie immer von neuem sagte: »So geh doch, dummer Junge. Du mußt an deine Arbeit – Faulpelz! Nun wärst du wieder einmal froh, für drei Pfennig Ursach zu haben zum Bummeln.«

»Nein, nein, wir hätten nicht gehen sollen, Olly,« meinte Emil ganz bedrückt. »Ich wollte, Mimm hätte den Karpfen im Magen. Das wär' besser gewesen. Du kannst das Sentimentale doch nicht leiden. Die Karpfengeschichte ist aber schändlich sentimental.«

»Nein,« sagte Olly. »Gar nicht.«

An diesem selben Tage kam der Doktor, wie er gesagt hatte, und nahm die erste eingehende Untersuchung vor. Gastelmeier stand betroffen dabei. Als er Olly unter den Händen des Arztes sah, so hilflos unter einer fremden Macht – da legte sich es ihm wie eine dunkle Wolke über die Seele Was war denn das? Es drängte sich etwas bei ihnen ein, etwas Dunkles, Unerwartetes, etwas, auf das nicht gerechnet war.

Der Arzt sagte, daß alles, was jetzt nicht so ganz in Ordnung sei, sich geben werde. Er sprach von Ruhe und Pflege, schimpfte über den Unsinn, daß Olly bei dem Winde heute ausgefahren war. Sie sollte jetzt daheim bleiben wochenlang, jedenfalls ohne ärztliche Erlaubnis nicht ausgehen.

»Na, was ist's denn?« fragte Gastelmeier hart, um seine Sorge zu verbergen.

»Was wird's denn sein?« sagte der Arzt. »Wir haben da ein sehr zartes Frauchen, das eine Weile noch gepflegt werden muß. Wenn sie vernünftig ist, macht sich alles gut.« Er hieß Olly sich ruhig auf das Sofa legen. Emil breitete ihr eine Decke über die Kniee. »So, mein Kind, so werden Sie jetzt ganz ruhig und friedlich bleiben. Sie haben Fieber und ich sollte Sie eigentlich zu Bett schicken; aber ich weiß, wir haben es mit einem unruhigen Geist zu thun.«

Olly äußerte sich in keiner Weise. Sie lag still und matt da und schien sich nach der Anstrengung des Tages doch recht unwohl zu fühlen. In der Dämmerstunde aber kam Köppert unerwartet. Als das Mädchen ihn meldete, flog es wie ein Sonnenstrahl über Ollys Gesicht, und auch Gastelmeier kam er wie gerufen.

Olly wollte sich erheben, aber Köppert ging auf sie zu und drückte sie zart und freundlich, wie ein krankes Kind in die Kissen zurück, so einfach und natürlich und ohne ein Wort dabei zu sagen. Er legte ihr auch die Decke wieder über die Kniee – geschickt und sorgsam. Es war keine Spur von Fremdheit bei ihm zu spüren: dann setzte er sich neben Ollys Lager und erzählte dies und jenes, und kam auch wieder auf ihre Bilder zu sprechen und machte ihr allerlei Vorschläge. Er sprach zu ihr wie zu seinesgleichen, ohne alles Gönnertum, wie der Künstler zum Künstler.

»Sonderbar,« sagte Olly, »weshalb sind Sie so gut zu mir? Halten Sie mich wirklich für etwas – etwas – ich weiß nicht – darf ich's nennen?«

»Ja,« sagte Köppert.

»Für ein Talent?« Wie klang die arme Stimme tonlos, zaghaft und heiser. »Ja,« sagte Köppert.

»Und deshalb sind Sie wieder gekommen, um es mir noch einmal zu sagen?« »Na ja.«

»Nun heißt es rasch gesund werden!« sagte sie, und die Augen leuchteten ihr in einem fieberhaften Glück.

»Ruhig – ruhig! Sie wissen doch noch. Erinnern Sie sich – ›Insekt‹. Erinnern Sie sich's?«

»Ja, ja.« flüsterte Olly. »Man muß es erst lernen, so zu denken.«

Köppert wohnte bei seiner alten Mutter und hatte ihr, auf die Frage, wohin er ginge, gesagt: »Zu einem armen Seelchen.«

›Na, was das nun heißen soll? Da wird er wieder so etwas aufgetrieben haben,‹ hatte die alte Frau gedacht, ›irgend einen Unsinns.‹



VIII.

In einer Nacht erwachte Olly in tiefer Dunkelheit. Sie hatten ihr das Bett auf dem Schlafsofa im geheizten Zimmer gemacht. Es war eine ungewohnte Art zu liegen für sie und ein ungewohnter Raum. Sie erwachte vollkommen verwirrt und wußte sich nicht zurechtzufinden. Wo lag sie? In welchem Zimmer? Sie starrte vor sich hin, ratlos und angstvoll, wollte nach den Streichhölzern an ihrem Bett suchen, kam nicht damit zurecht. Das Blut stieg ihr zu Kopf, das Herz schlug ihr, Hände und Füße brannten. Im Hals empfand sie, was sie schon lange empfunden, – etwas Fremdes.

Es war da etwas, was nicht sein sollte, etwas Unerträgliches, ein Körper, ein Splitter, etwas, das heraus mußte, etwas, das ihr Angst machte. Es war ihr, als müßte sie in dieser Verwirrung ersticken. Sie ertastete die Wand und mit einem Ruck war alles in Ordnung.

Jetzt sah sie auch die Fenster. Es schimmerte von draußen ein kaum merkliches, mattes Licht herein. Sie atmete auf; aber die Last, die sich während der Verwirrung ihr auf die Brust gewälzt hatte, blieb. Die dunkeln Gedanken kamen, die Gedanken, die vom Licht verscheucht werden, die aber in der Nacht sich wie Raubvögel auf die stürzen, die der Schlaf flieht. Mit ihren großen, dunkeln Flügeln kommen sie herangeflogen, mächtig, lautlos, und senken sich auf die arme Seele nieder, die sich wie ein Hase zusammenduckt, wenn der Uhu über ihm ist.

So kauern tausend und abertausend armer Seelen schlaflos in dunkler Nacht, und irgend ein Entsetzen hat die Krallen in sie eingedrückt und schlägt mit den Riesenflügeln brausend und betäubend über ihnen. Und Scharen solcher urweltlicher Riesennachtvögel giebt es. Scharen, die seit Anbeginn nachts ihre Jagd auf die Menschen machen.

Sie zögern mit dem Todesstreich. Die Herzensangst, die sie unter sich zappeln fühlen, macht ihnen Spaß. Sie weiden sich an der Todesangst ihrer Opfer – und sie vergnügen sich daran, bis das Tageslicht sie verscheucht. Aber sie kommen wieder und immer wieder.

Über der kleinen, armen Hasenseele in der dunkeln Stube schwebte jetzt der grauenhafteste Unhold und quälte sein Opfer.

»Mimm!« rief Olly in Todesangst, mit einer ganz herzzerrissenen Stimme und so heiser und krank und zitternd. »Mimm!« noch einmal. Er hörte nicht. Er lag in der Nebenstube und schlief so fest.

»Mimm!« klang es wieder, und jetzt mit einer Bangigkeit, daß sie sich selbst vor ihrer Stimme fürchtete.

»Was denn, Olly?« rief er schlaftrunken.

»Bitte, Mimm, bring' Licht.«

Es dauerte eine geraume Weile, bis er in seinem grauen, steifen Schlafrock und mit einem Licht eintrat. »Was ist denn los, Olly?«

Sie lag stumm da, ohne zu antworten. Der Mann im Schlafrock fühlte ein Paar große, ängstliche Augen auf sich gerichtet. Was fällt ihr denn nur ein? Es war das erste Mal in seinem Leben, daß seine Nachtruhe durch die Qual, eines andern gestört wurde. Das war unbequem. Aber er nahm sich zusammen und sprach sehr freundlich und schläfrig mit ihr.

»Na, was ist denn, mein Herzblatt?«

»Mimm,« sagte sie, »Mimm.« Weiter kam sie nicht. Aber er sah, wie ihr zwei große Thränen über die Wangen rollten. »Mimm, ich bring's zu nichts – es wird nichts mit allem.«

›Herrgott, in deine Hände!‹ dachte Gastelmeier. ›Jetzt fängt das Rangieren auch nachts an. Natürlich nachts, das ist ja das Eigentliche. – Himmlische Christine!‹

Er stand stumm da, denn außer zu diesem eben berichteten Gedankengang war er zu nichts fähig. Sie that ihm sehr leid, daß sie nicht schlafen konnte und sich, wie es schien, nicht wohl fühlte; aber was sollte er dabei thun?

»Mimm, ich bin sehr krank.«

»Dummes Zeug,« sagte er. »Bis heute ist dir das doch nicht eingefallen, nun mit einemmal. Dieser verdammte Mensch, der Doktor, das haben wir von seiner Untersucherei.«

»Ja, mit dem Hals. – Papa ist auch daran gestorben,« sagte Olly eigentümlich kühl.

»Na, und da meinst du, weil du ein bisserl Halsschmerz hast, es geht auch gleich zu Ende. Du kleiner Narr.« Er tätschelte ihr die Wange; aber es war ihm nicht behaglich zu Mute. »Ist es dir denn sehr schlecht?« fragte er.

»Nein, nur so angst.«

»Unsinn.«

»Mimm, ob du eine Ahnung hast, was mir meine Arbeit ist?« fragte sie.

»Das dächt' ich, müßt' ich wissen, du.«

»Du weißt nichts. Ich möchte noch ein paar Jahre leben.«

»Na, das wirst du ja doch auch,« lachte er.

»Hast du gehört, was Köppert von mir sagt?«

»Das läßt dich nicht schlafen, du Eitelkeit?«

»Nein,« sagte sie.

»Schäm dich.«

»Wenn ich einmal berühmt bin, werd' ich unendlich geduldig sein – aber bis dahin –«

»Werden wir rangieren,« fügte Gastelmeier hinzu.

»Was meinst du damit?«

»Gar nichts.«

»Ach, Wimm!«

»Geh, schlaf nun.« Er wollte sich wieder aufmachen, in sein Zimmer zu gehen.

»Bleib noch,« bat Olly angstvoll.

»Was ist denn nur?« fragte er. »Das kannst du mir ja, dächt' ich, alles morgen sagen.«

Wieder sah er Thränen über ihre Wangen rollen. Er war zu barsch gewesen. Aber das mußte sie sich abgewöhnen. Wahrhaftig, er kam sich wie eine Kindermuhme vor. Das war nichts für ihn. Nachts auch so eine Wirtschaft, und wenn er sich nicht etwas auf die Hinterbeine stellte, gewöhnt sie sich womöglich diese nächtlichen Unterhaltungen an. »Also schlaf jetzt.« sagte er kurz.

»Mimm, weißt du noch, als du mir damals in den Wagen halfst, war deine kleine dicke Pfote so sanft und sorgsam. Lach' mich nicht aus; – aber damals hast du eigentlich mein Herz gewonnen.«

»So,« sagte Gastelmeier. Er wußte nicht recht, was er darauf erwidern sollte. Er war riesig schläfrig. »Weißt du, Olly, das ist wirklich nur möglich in der allerersten Verliebtheit.«

»Schade,« sagte sie, »es war so hübsch. Sag wenigstens noch etwas Gutes.«

»Na, was denn?«

»Irgend etwas. Sag, daß alles gut wird.«

»Na ja, es ist ja schon alles gut.« Er klopfte ihr auf die Wange und wollte nun endlich gehen.

»Laß das Licht hier brennen,« bat sie ihn.

»Mach's aber aus, Olly, vergiß nicht.«

»Ich vergeß nicht. Morgen möcht' ich aber ein Nachtlicht haben.«

»Dann besorg's dir, mein Kind.« Damit schlürfte er ab. Sie hörte das Bett krachen, als er sich schwer und halb schon wieder im Schlaf hineinwarf. Sie aber stand auf und holte aus einem Schiebkasten, den sie behutsam aufzog, ein Spiegelchen und schaute mit blinzelnden Augen und geöffnetem Mund den armen Hals an, in dem das Fremde steckte. ›Damit geht's nicht,‹ dachte sie. ›Er hat ja auch ein Extraspiegelchen gehabt.‹

Matt und müde legte sie sich wieder und schaute ins Licht – und wagte nicht, es zu löschen, weil sie sich vor der Dunkelheit fürchtete und vor neuer Angst und Qual.

Aber endlich wurden die Augen wieder schwer, das Unbehagen dumpfer. Sie löschte das Licht mit den Fingerspitzen, um sich nicht bewegen zu müssen und schlief ein, so schnell, daß der uralte Vogel, der die schlaflosen Kranken nachts besucht und ängstigt, nicht Zeit hatte, sich auf sie niederzulassen.


* * *


Am andern Morgen kleidete sie sich hastig an und blieb den ganzen Vormittag stumm über ihrer Arbeit. Sie arbeitete mit heißen Wangen und feuchter Stirn. Ihre Hand war nicht sicher, sie zitterte, und es machte ihr Mühe, die Palette zu halten. Das war die ganze letzte Zeit schon so gewesen, heute aber war es bedeutungsvoller als sonst. Sie fühlte es mehr, sie war darauf aufmerksam gemacht worden. Dennoch arbeitete sie anhaltender als sonst. Es war aber kein frohes Arbeiten wie früher, sondern ein Kampf gegen einen Riesen, der unsichtbar, wie im grauen Nebel steckte, dessen Faust aber schwer auf ihr lag.

Sie hatte seit ihrer Krankheit schon öfters während des Malens eine sonderbare Schwäche gefühlt. Die Haut wurde feucht, wie übergossen. Jeder Lufthauch machte sie dann erschauern, durch das geschlossene Atelierfenster schien ihr ein eisiger Zug zu dringen. Und sie hatte sich nicht anders helfen können, als damit, daß sie sich umzog und hastig einfeuerte. Heute kam es wieder schlimmer als je. Die Arbeitswut und der Eifer aber, der sie gepackt hatte, war stärker als alles. Sie stemmte sich gegen die Schwäche, gegen die feuchte Kälte. Sie fühlte bei jeder Bewegung, wie ihr das Leinen an der Haut klebte. Das Haar lag ihr auch feucht auf der Stirn; aber sie hielt nicht inne, biß die Zähne aufeinander und arbeitete weiter.

Und während sie arbeitete, hörte sie Köppert sprechen, so deutlich, als wäre er im Zimmer. Er sprach von ihrer Arbeit. Er lobte, er sagte alles noch einmal, was er ihr schon gesagt hatte. Das Bild hatte ihm gefallen. Die Haltung des Mädchens hielt er für vollkommen gut, die sprach aus, was sie aussprechen sollte: das Dumpfe, das Müd-gearbeitete, das Ausruhen, das Menschliche, das Einfache. Er hatte es ganz verstanden.

Und wie sie das Menschliche, das Einfache, das Tiefwahre liebte! Mit welcher Leidenschaftlichkeit, mit welchem Jubel gab sie es wieder! Und mit welchem Jubel fühlte sie sich verstanden, – und von dem verstanden, der ihr der Meister war, der sie durch seine Werke diesen tiefinnerlichen Weg hatte finden lassen!

»So redet doch von Schönheit, redet doch und sucht sie über den Menschen und über den Wolken und stolpert darüber. Und überall ist sie – und so rührend und so geheimnisvoll, so ganz fürs Herz! – Ja man sieht einen Menschen und denkt gar nichts dabei. Von dem, was schön ist, ist er weit entfernt. Und mit einemmal, wenn man sich in ihn hineindenkt, ist er so schön, so, unnachahmlich, so voller Ausdruck, so ganz Mensch, ganz Geschichte seines Daseins.«

So hatte er gesprochen. Und sie dachte jedes seiner Worte wieder zu erhaschen. Sie tauchten vor ihr auf wie die frühen Sterne am dämmerigen Abendhimmel, ein Stern nach dem andern. – Einer – dann noch einer, dann wieder einer. Und mehr und mehr. Den Worten nachjagen, die ein Mensch gesprochen, mit einer Wonne nachjagen, daß ihrer keins verloren ging – ja, das war Leben. Und zum allererstenmal!

Hatte sie sich je aus innigstem Bedürfnis ein Wort zurückgerufen, das irgend ein Mensch gesprochen? Nie. Und jetzt mit welcher Lust, welcher Tollheit, als wenn es Perlen wären, die ihr davonrollen wollten. Und sie wurde nicht müde und arbeitete dabei mit einer Hast, einer Inbrunst, einem Jubel. – Wie unheimlich! Es rann ihr über die Stirn ein Tropfen an der Schläfe herab, so, als wäre sie in Sommerhitze einen Berg hinaufgeklommen – und es war Winter, und im Atelier war's kühl. Das innere Feuer ließ nach, und wie ein krankes Kind, das vom Spiel ermüdet ist, legte sie sich nieder, das Gesicht in die Arme vergraben.

»Soll ich gehen?« fragte das Modell.

»Nein, bleiben.« Und es dauert nicht lange, da war sie wieder an der Arbeit, hatte sich aber ein dickes Tuch umgelegt und es wie eine Kapuze über den Kopf gezogen.

Am Nachmittag kam Köppert wieder. Er traf sie noch bei der Arbeit. Sie hatte sie nur unterbrochen, um hastig zu Mittag zu essen.

»Nun, gottlob! sagte Gastelmeier, »nun wird ja wohl endlich Ruhe werden.« Und es wurde Ruhe. Köppert bestand darauf, daß Olly sich auf das Sofa legte, und er und Gastelmeier setzten sich zu ihr.

Wie sie geborgen war, und wie in einer Festfreude! Das Glück kam wahr und wahrhaftig!

»Deine Frau ist zu fleißig, Gastelmeier.«

»Jawohl,« sagte der arme, geprüfte Ehemann. »Da ist eine Lokomotive eher aufzuhalten, als so ein Frauenzimmer. Das versuch mal einer.«

»Was – soll denn so ein Hühnchen, so schwer –«

»I wo, Hühnchen,« unterbrach ihm Gastelmeier. »Nein, wahrhaftig, Köppert, red' gefälligst von den Frauenzimmern gar nicht mit. Wart' erst!«

»O du!« sagte Olly zu ihrem Mann, »was weißt denn du, kleiner Mimm.«

»Ich? na, weißt du, Olly – reden wir nicht davon.«

»Ich weiß, ich bin eine ungemütliche Person,« sagte Olly, und strich Mimm über den Rockärmel. »Mimm müßte eine ganz andre haben, er ist so gemütlich. – Herrgott und daß ich jetzt krank bin! Weshalb hat mich das nun gerad' getroffen, gerad' jetzt!«

»Sagen Sie 'mal, « fragte Köppert, »haben Sie jemals gehört, daß einer sagt, wenn etwas Gutes kommt: Herrgott, weshalb trifft mich's gerade? Haben Sie das?«

»Nein,« sagte Olly, »nie!«

»Aber wenn etwas Böses kommt sagt's jeder – Weshalb trifft mich's nun gerade? Verstehen Sie? ich meine – –«

»Das wär' so eine Frage für deine Mama, Olly,« warf Gastelmeier dazwischen, »die würde disputieren, Herr, du meine Güte, ich hör' sie ordentlich: Kant sagt – und so weiter.«

»Gut, das niemand da ist, verzeihen Sie, jemand, der nichts andres weiß, als: Kant sagt – Schopenhauer sagt und so weiter. – Zum aus der Haut fahren! Zum Beispiel, Kant ist einfach ein Julklapp, man muß ihn nur kennen, diesen Menschen,« sagte Köppert.

»Oho!« sagte Gastelmeier, etwas von oben herab. Er kannte seinen Goethe, wie wir wissen, und von Schopenhauer wußte er, wie alle gebildeten Leute, daß er in einem Kapitel riesig über die Weiber losgezogen war. »Wieso ist Kant ein Julklapp? Weißt du, Köppert, es giebt Dinge, an die wagt man sich meines Dafürhaltens nicht so ohne weiteres heran.«

»Möcht' wissen, weshalb nicht, Kant ist und bleibt ein Julklapp, da hilft ihm gar nichts. Jeder halbwegs Vernünftige muß das einsehen.«

»Wissen Sie,« wendete er sich an Olly, die nicht recht verstand, was er mit dem Wort sagen wollte, »die Weihnachtsgeschichte? – Julklapp – das ist ein Gebrauch so im Norden droben – irgendwo. Es wird eine große Kiste zum Fenster hereingeschoben, die wird mit unsinniger Müh' aufgemacht, da ist ein Sack in der Kiste, und in dem Sack wieder ein Sack, und in dem Sack wieder ein Sack – und so fort bis in die Unendlichkeit; – und im letzten Sack ist ein Bündel, und in dem Bündel wieder ein Bündel, und im letzten Bündel Lappen, und in den Lappen Papiere, und in den Papieren wieder Papiere, und in den Papieren eine Schachtel, und in der Schachtel Schachteln, immer eine kleiner als die andre, und in dem allerallerletzten Schächtelchen : Na? – was ist da drinn gefälligst? Gar nichts – so ein Zettelchen, und da steht was drauf – und man denkt Gott weiß was – und was ist's? – ›Grüß Gott!‹ – so etwas, was jeder schon weiß. – So ist Kant, genau so. Kennen Sie Kant?«

»Nein« sagte Olly und lachte.

»Na also? Es ist mein voller Ernst. Wenn ich nur von den sogenannten großen Tieren nichts mehr zu hören brauchte! Die verdummen schließlich mit ihrem bißchen Weisheit die ganze Welt. Kein Mensch denkt mehr, sondern jeder sagt: Kant sagt – Schopenhauer sagt und so weiter – die reine Pest! Die paar Firmenschilder, die sich die Menschheit angeheftet, damit soll der ganze Sums gemacht sein. Die sollen alles thun – und zum Dahinterverkriechen sind sie auch famos. Schade, daß ihr keine Freßgenies gehabt habt, die Jahrtausende vordem euch schon alles vorgekaut haben. Das möcht' euch passen? He? Proste Mahlzeit, die würde gefälligst niemand zitieren. Selber essen macht fett.«

»Gewiß,« sagte Olly lachend.

»Jetzt möcht' ich wirklich wissen,« fuhr Köppert riesig lebhaft fort, «sowie einer im lieben Deutschland für drei Pfennig Bildung, das heißt, so viel wie nötig Firmenschilder ausgehängt hat, daß man möglichst von seiner Person nichts mehr zu sehen bekommt; ob der noch ein vernünftiges, nicht gestohlenes Wort spricht? – Gott bewahre. Wenn er spazieren geht, und er will irgend jemand mitteilen, daß er sich von dem Anblick der Natur angenehm gekitzelt fühlt, so wett' ich daß er sagt: Sieh' mal so etwas – der reine Millet, oder der reine Dagnan-Bouveret, oder der reine Böcklin! – Er wird irgendwen citieren – einen Namen, versteht sich –«

»Nu, sag 'mal, Köppert,« fragte Gastelmeier, »weshalb eigentlich hast du dich jetzt ereifert? Kein Mensch hat irgend etwas gesagt.«

»Nein,« erwiderte Köppert, »niemand. Aber sieh dich gefälligst einmal im Zimmer um, eine gewisse kleine Person hat ihren Spaß daran gehabt – sieh doch. Als ob es nichts wäre, wenn so ein Seelchen zum Lachen kommt. Oder etwa nicht?« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Meinst du, es ist verdienstlicher, eine Kanone abzuschießen? Oder es ist verdienstlicher, eine Vorlesung zu halten, oder vor fünfhundert Eseln das hohe C zu singen, oder auf dem Seil zu tanzen? Was ist eigentlich vernünftiger? Weißt du, Gastelmeier, wenn du deine Frau vergnügen willst, sei kein zu großer Biedermann. Das ist nichts für die Weiber!«

»Oho,« meinte Gastelmeier, »ich sagte dir schon, Köppert, was weißt denn du von den Weibern? Heirate eine, wenn du's wissen willst – vorher red' net.«

»Weiß er's denn?« fragte Köppert und kniff die Augen zusammen.

»Er weiß gar nichts,« lachte Olly. »›Die Weiber‹, das ist überhaupt ein sehr komischer Sammelname,« fuhr sie fort. »Wer ›die‹ Weiber sehr gut zu kennen glaubt, kennt ›das‹ Weib gewiß nicht. – Jawohl, Mimm. Und wissen Sie, noch etwas –«

»Na?« sagte Köppert.

»Es giebt jetzt etwas, das hat es so noch nie gegeben, so wie ich's meine: – das moderne Weib, und das ist immer in der Einzahl. Verstehen Sie?«

»Nein – nein, das hab' ich noch nicht verstanden.« Er fuhr sich mit seinem energisch geformten Zeigefinger über die Stirn bis zur Nasenwurzel. »Sie sollen es mir auch nicht erklären – nicht viel reden. Passen Sie auf, ob ich's hab'. Natürlich ist's das Weib, das die Hände nach Dingen ausstreckt, die wir Scheusäler ihm jahrtausendelang vorenthalten haben.«

Er murmelte immer, man verstand ihn nicht leicht, dazu sprach er undeutlich aus.

»So, was sich ›moderne Frau‹ nennt, meinen Sie? Sie sagten doch ›moderne Frau‹? – Da, stell' ich mir vor, ist ein Hunger, ein Verschmachten nach: sagen wir ganz trocken – sie will Selbständigkeit und Heraustreten aus den Massen. Da kocht es in den kleinen Töpfchen, als brodelte Genie darin, mag auch hie und da vorhanden sein; weshalb nicht? Im ganzen aber wirft die Natur Blasen auf, es will etwas werden. Natürlich kocht es überall. Wir Mannsbilder werden Gott weiß was, Maler, Mediziner, alles Mögliche. Da giebt es keine Hindernisse, da ist Windstille, alles in Ordnung.«

Köppert fuhr sich wieder über die Stirn bis zur Nasenwurzel; man hätte meinen sollen, er hätte sich schon im Lauf der Jahre eine förmliche Rinne gegraben. »Das Weib aber, das Weib in der Einzahl.« murmelte er, »da ist die Sache anders. Es greift nach etwas, zitternd vor Kraft und Wollen. Es ist eine Heldin, es kämpft und hat keinen Boden unter den Füßen, muß erst jede Handbreit Boden erkämpfen. Das ist eine Unmöglichkeit, scheint es, aber sie macht's möglich, natürlich mit wunderlichen Sprüngen. Lacht nur über sie. Sie rechnet auch mit dem Lachen. Aber aufhalten! Teufel auch, das kann sie nicht vertragen. Sie will eben vorwärts. Punktum. Ist das so ungefähr der Sums? Sie wird ein Dämon, wenn sie aufgehalten wird!«

»Wahrhaftig,« sagte Olly. »Und wissen Sie noch etwas. Sie hat Durst nach Ruhm. Ich kann es nicht anders sagen. Es graut ihr davor, wie ein Hund zu sterben. Tausende von Männern haben Ruhm errungen; sie will die Wonne auch haben, und ihr Ruhmdurst ist fürs erste größer als eurer. Sie will's natürlich für sich erreichen; aber doch nicht nur für sich. So, wissen Sie, als wollte sie sagen: Mit dem, was ich erreicht habe, adle ich euch alle. Ihr hättet es auch gekonnt, viele von euch, – und besser.

Verstehen Sie mich auch?« fragte sie heiser. Und wunderlicherweise standen ihr Thränen in den Augen.

Sie war vom Sofa aufgestanden und ging im Zimmer auf und nieder. »Ja,« sagte sie mit zitternder Stimme, »alles Aufhalten ist Qual. Sie haben ganz recht. – Und krank sein! Wissen Sie, krank sein, das ist's.«

»Und so was,« meinte Gastelmeier im Scherz, »so was hat man geheiratet. Ja, siehst du, Köppert.«

»Armer Mimm,« sagte Olly erregt und mit glühenden Wangen. »Du bist an etwas Schönes gekommen.«

»Ruhig, ruhig,« brummte Köppert. »Insekt – einfach Insekt – erinnern Sie sich's noch? Der da oben kennt sich längst nicht mehr zwischen einer handvoll Leuten und einer handvoll Räupchen aus. Also wozu der Sums? Na, wozu? Trauerspiele aufführen hat keinen Sinn, absolut nicht. Hören wir endlich damit auf, dem Schicksal immer wieder den Gefallen zu thun. Nicht wahr? Na, also.« Er fuhr sich durch den Haarschopf. »Neulich ging ich nachts an der Türkenkasern' vorüber, da standen zwei besoffene Kerle, der eine drosch auf den andern, hob den Arm um auszuholen und brummte: ›Sag du noch einmal Lallenstedt – du!‹ Na, und der andre sagte: Lallenstedt' ganz gehorsam. Bums, da hatte er's. – ›Sag noch einmal Lallenstedt, du!‹ ›Na – Lallenstedt‹ sagte der andre. Bums, da hatte er's wieder. Und noch einmal, und so ging's fort, es war immer dasselbe, gerad' wie zwischen uns und dem Schicksal. Es will, wir sollen ›Lallenstedt‹ sagen – und wir sagen ›Lallenstedt,‹ so oft es von uns verlangt wird, und werden jedesmal gehauen. Weshalb machen wir ihm eigentlich immer den Spaß? Wenn wir 's Maul hielten, würde es schon mürb werden und uns in Ruhe lassen. Maul halten, das ist auch eine Art Erlösungswerk für die Menschheit.«

»Ich versteh' Sie,« sagte Olly immer noch tief erregt. »Aber Sie sind gesund. Sie haben gut reden.«

»Und was denn! Sie werden auch wieder gesund,« sagte Köppert.

»Vielleicht – vielleicht auch nicht. Weshalb soll mich gerade das Böse nicht treffen? Sagten Sie's nicht?«

»So, das hab' ich dumm gemacht, so ein Schafskopf,« erwiderte Köppert und schlug sich vor die Stirn. »Aber wie Sie auch auf alles hereinfallen!« Das unregelmäßige Gesicht mit den gescheiten Zügen nahm einen wunderlich weichen, jungen Ausdruck an. »So ein Teufel! Komme her, um Sie auf frohe Gedanken zu bringen, und hetze Sie, Gott weiß wie.«

»Na, Kinder, gebt Ruh jetzt,« sagte Gastelmeier.

»Gefühlsflohjagd!« brummte Köppert vor sich hin und war mit seinen Gedanken irgendwo.

»Weißt du, Köppert,« sagte Gastelmeier, als Olly in das Nebenzimmer gegangen war, »meine Frau ist jetzt in einer unglaublichen Stimmung, ich versteh' gar nicht, was ist denn eigentlich los?

»Olly!« rief er. Sie kam.

»Denk' dir, was sie mit einem Weihnachtskarpfen gemacht hat. Weißt du's? Erst für teures Geld gekauft und dann in die Isar gelassen!«

»Marlitt?« fragte Köppert freundlich schlau lächelnd und kniff dabei die Augen zusammen. »Das ist Marlitt, so etwas. Herr Gott, wozu? Machen Sie damit die Welt besser? Einfach Gefühlsflohjagd. Macht euch doch das Leben nicht so unsinnig schwer, Insekten! Gnädige Frau, der Karpfen ist zum essen da. Punktum. Nächsten Sommer wollten wir miteinander fischen gehen. Das Raubtier in uns muß hin und wieder etwas zu thun bekommen, das Altjüngferliche in uns muß fort. Das setzt sich sonst an und frißt sich ein. So wird nie ein gewiegtes Huhn aus uns. Wissen Sie, wie ein schöner, strammer, lebenslustiger Karpfen sich erwischen läßt?«

»Nein,« sagte Olly.

»Also, so ein Karpfen ist auch ein gewiegtes Huhn. An einem warmen, trüben Tag wirft man die Angel aus. Ein Teich; breite grüne Blätterflaten schwimmen drauf, welche die Süßlichkeitspoeten uns eben so verekelt haben, daß ein anständiger Mensch sie nicht mehr zu nennen wagt. Na also Seerosen.« Köppert fuhr sich zum Zeitvertreib einmal wieder durch den Haarschopf. »Die sind gut für den Karpfen, wie ein Dach liegen sie über dem Wasser und halten die Sonne ab. Er ist Sybarit. Jetzt kommt er, frisch und vergnügt und denkt sich irgend was. Er bummelt oder Gott weiß, was er treiben will. Er ist im schönsten Lebensalter, übermütig, unternehmend, ein Prachtkerl! Jetzt merkt er was. ›Halt still,‹ denkt er, ›was ist denn das? – Aha!‹ Nun schaut er sich die Geschichte an und streicht unter den großen Blättern hin und her. Er traut nicht und möchte doch. Er ist riesig aufgeregt und tanzt und schnalzt und fährt mit dem Schnäuzchen an die Luft. Und immer die netten Schnalztöne. So ein Prachtkerl, frisch wie's Leben! Er wird ganz des Kuckucks – und überlegt. Er hat gerade einen Appetit auf so etwas und ist so fidel, so zufrieden. Ein Frühstückchen konnte nicht schaden. Es ist ihm immer vortrefflich ergangen. Schließlich, wie das Ding sich so durchaus vertrauenswürdig verhält, meinte er, daß man es versuchen sollte. Er schnappt und der Haken sitzt fest. Das hat er nun davon.

»Und jetzt geht der Tanz los. ›Pfui Teufel!‹ denkt er und stürzt wie ein Pfeil mitsamt den Haken in die Tiefe und vergräbt sich in den Schlamm. Die Verzweiflung hat ihn mit einem Schlag gepackt. Er wühlte sich so tief hinein als er kann. Das kennt man schon, er macht's immer so. Die Angel ist darauf eingerichtet. Im Schlamm hält er sich ganz still und geduldig und verbeißt den Schmerz. Denn der oben zuckt und zerrt und quält ihn auf alle Art. Er soll bald heraus. Aber er liegt wie ein Held und rührt sich nicht. Der Übermut ist ihm freilich vergangen; aber ein Stück Kraft und Seelenstärke ist in ihm, um die man ihn beneiden könnte. Das geht unbegreiflich lang so fort. Der oben immer gezuckt und gezerrt und der unten immer ganz still abgewartet und ausgehalten und den Schmerz verbissen.

»Jetzt mit einemmal thut er einen Schlag auf Tod und Leben, einen Riesenschlag. Er ist ganz Muskel, ganz Willen, ganz Verzweiflung. Auf diesen Schlag hat, der oben immer ganz kühl gewartet. Der kennt das schon. Sie nennen den klugen verzweifelten Streich den Karpfenschlag. Oft genug gelingt's auch, die Schnur reißt und er hat sich frei gemacht. Gelingt's nicht, reißt die Schnur nicht, so war's umsonst, dann ist er mit einemmal ganz geduldig und weise und läßt sich Heraufziehen wie ein Lamm. Er hat dann alles aufgegeben und fügt sich. – Um nichts schlechter macht er's wie die großartigste Menschenseele. Alle Hochachtung!«

Olly hatte Köppert gespannt zugehört. »Nun freut mich's erst recht,« meinte sie, »daß ich meinen dicken Freund in Freiheit gesetzt habe trotz dem Karpfenschlag geschehen noch unerwartete Dinge für alle Geschöpfe. Daß wir Sie kennen lernten, war auch unerwartet.«

»Olly ist köstlich!« rief Gastelmeier. »Ja, Köppert, du weißt nicht, wir müssen uns nächstens so eine Art Tempel für dich einrichten. Du hast hier eine fanatische Anhängerin.«

»Und wenn Sie wüßten wie ich Sie beneide, sagte Olly. »Sie stehen so kühl da, als wenn nichts auf der Welt Ihnen etwas anhaben könnte – und so gesund wie Sie aussehen, so fest und leicht. Sie sind gewiß sehr stark.«

»Weshalb nicht? Glauben Sie, ich war in Ihrem Alter so weit wie Sie? Ich bin ein alter Kerl jetzt. – Schauen Sie – Eselsfarbe. Wir gewiegten Hühner bummeln kolossal.«

»Ja, aber Sie leben! Sie schauen ganz anders ins Leben hinein. Das merk' ich.«

»Na, warten Sie wir gehen nächstes Frühjahr miteinander Karpfen fischen. Sie sollen das alles selbst erleben, wie er so frisch und seelenvergnügt und jung daherkommt, das Schnäuzchen reckt – die netten Schnalztöne – und wie er sich endlich im Haken fängt, wie er verzweifelt in den Schlamm stürzt und sich vergräbt, den Schmerz verbeißt, die brave Heldenseele, wie er gequält wird, und dann – den Karpfenschlag – die Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung. – Großartig! Das müssen Sie selbst erleben.«

Da sah Köppert in ein Paar große, zornige, thränenerfüllte Augen. »Selbst erleben – ich fürchte auch,« sagte Olly zitternd erregt. »Glauben Sie, daß es mich nach dieser Hoffnungslosigkeit und Weisheit und Ergebung verlangt? – Glauben Sie?«

Sie schluchzte auf. Er sah einen Augenblick in ein ganz verzweifeltes Gesicht. Dann stürzte sie fort und warf die Thüre hinter sich zu.

Und im andern Zimmer lag sie auf den Knieen und weinte wild und zornig und verzweifelt.



IX.

Zwei Tage waren vergangen und Köppert war nicht in der Dämmerstunde gekommen. Sie hatte auf ihn gewartet von Minute zu Minute, gewartet, wie sie nie irgend etwas zuvor erwartet hatte. Den ersten Tag hatte sie bis zu der Stunde, die ihn bringen sollte, krampfhaft gearbeitet. Den zweiten Tag war ihr das nicht möglich gewesen. Sie ließ das Modell zu Mittag gehen und hockte sich mit einem Buch in ihre Sofaecke.

Sie fühlte sich nicht wohl, eine elende Schwäche lag über ihr und die Erwartung wie ein Fieber, das ihr jeden Nerv zittern und beben ließ. Kommt er? Kommt er nicht? Das war alles, was ihre Gedanken beschäftigte. Nicht einen Augenblick wurde sie frei von der Qual.

Mimm kam von Zeit zu Zeit aus dem Atelier von seiner Arbeit, um nach ihr zu sehen. Er fragte sie jedesmal, wie es ihr ginge, und machte so ein komisches Gesicht dazu. Es war ihm ganz neu, sich um jemand zu sorgen, und sein Kommen that Olly jedesmal weh. Es war ihr immer, als risse er sie aus einem tiefen Schlaf. Sie bebte in jedem Empfinden und blieb ganz stumm, um dem armen Mimm nicht gereizt zu antworten.

Statt Köppert kam am zweiten Nachmittag in der Dämmerstunde der Arzt. Auch er scheuchte sie aus einem tiefen, traumähnlichen Zustand auf. Sie hatte im Geist fortwährend mit Köppert gesprochen. Was hatte sie ihm alles erzählt? Sie hatte ihm ihr Kranksein geklagt; aber nicht verzweifelt, nicht bang – ganz kühl. Es war nichts Erschreckendes, wenn sie mit ihm darüber sprach. Sie hatte ihm von ihrer Arbeit vorgeplaudert und von Mimm und von ihrer Kindheit. Kleine Geschichten, die sie wahrscheinlich nie gewagt hätte, ihm wirklich zu erzählen.

Da war eine, über die lachten sie in Ollys Vorstellung beide miteinander. Als sie bei ihrer alten Tante wohnte und zu Weihnachten und Ostern nach Hause reiste, fuhr sie jedesmal derselbe alte Kutscher nach der Bahn und brachte nach einiger Zeit seine Rechnung, auf der stand regelmäßig zu lesen: ›Eine Furie nach der Bahn‹.

Sie erzählte ihm von ihrer Verlobung, von daheim. Wie in einem Bilderbuch blätterte sie in ihrem Leben – und alles sollte er erfahren, mitsehen. Es war ein sonderbares, fieberhaftes, inniges Sich-mitteilen.

Vom Arzt wurde sie daraus aufgescheucht.

»Ich weiß schon,« sagte Olly zu ihm in ihrer erregten Weise. »Mit mir steht's schlecht.«

»Oho« lachte der alte Doktor behaglich.

»Doch. Lassen Sie's nur. Jetzt kommen eine Menge schöne Redensarten, ich weiß schon. Wenn man so etwas im Hals hat wie ich, das ist immer eine dumme Geschichte. – Wie war's mit Papa? – Ganz dasselbe.«

Sie sagte das lauernd, bis aufs äußerste gespannt, aber äußerlich vollkommen kühl und wie im Scherz. Es war ihr eben eingefallen, im Augenblick erst, es so zu machen.

»Was, dumme Geschichte!« sagte der Doktor. »Wenn Sie sich gut halten und alle Vorschriften befolgen und vernünftig sind, da macht sich alles –«

»Ja, aber es ist doch wie bei Papa,« erwiderte sie, wieder ruhig und sachgemäß und als wäre für sie kein Zweifel mehr.

»Na, und warum? Das war' net übel, wenn alles so ausgehen müßte wie bei Ihrem Herrn Papa.«

»So, also es ist dasselbe?« sagte sie überwältigt – fassungslos. Ihre Stimme konnte den Gefühlsausdruck nicht verbergen und die Frage klang schreiend heiser. Es kamen Töne, über die sie keine Macht hatte.

Sie war vom Sofa aufgestanden und starrte den Arzt an. Die Hände hielt sie ineinandergepreßt.

»Frauchen! Ruhig Blut,« brummte der Doktor und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist denn nu? Na? – Gar nichts. So jung wie Sie sind. Und ich sag's ja, wenn Sie vernünftig sind und sich gut halten und mir folgen – Sie sollen sehen.«

Olly hatte sich wieder in ihre Sofaecke gekauert und schüttelte zu allem, was der Doktor ihr zum Trost vorbrachte, den Kopf.

»Außerdem,« sagte sie, nachdem sie eine Weile stumm dagesessen hatte, »bin ich nicht vernünftig. Damit rechnen Sie bei mir nicht. Wie lange denken Sie, daß ich noch arbeiten kann?« Sie fragte es mit zuckendem Mund. In ihren Augen lag ein unbändiger, verzweiflungsvoller Trotz.

»Sie sollen vernünftig und maßvoll arbeiten, mein Kind. Haben Sie je einen Menschen gesehen, der gewußt hätte, wie lange er noch arbeiten oder sonst irgend etwas thun darf? – Wie?«

»Redensarten sind auch eine Medizin, lieber Doktor; aber bitte, geben Sie mir die nicht.« Ihr Gesicht war ganz von Thränen überflutet, und sie faßte die Hände des alten Herrn.

»Also: die Hauptsache ist, sich ruhig halten. Vergessen Sie das nicht. Sind Sie denn so ganz allein? Wo ist denn Ihr Mann?«

»Im Atelier,« sagte sie. »Er arbeitet!« Das war wieder so ein heiserer Aufschrei. »Er arbeitet.«

»Ruhig, ruhig, mein Kind,« sagte der Arzt wieder. »Gut, Sie halten es für Redensart, dafür kann ich nichts; aber ich sag's Ihnen, allein in Ihrer Gemütsruhe und Heiterkeit liegt Ihre Heilung. Sie haben den guten, lieben Mann, die vergnügte Seele, lassen Sie sich von dem helfen und helfen Sie ihm.«

Sie blickte vor sich hin, wie in einen gleichmäßigen dichten Nebel, der mit einem Schlag ihr alles Leben überdeckt hatte. Der Arzt sprach lange noch auf sie ein. Sie hörte nicht mehr auf ihn.

»Leben Sie wohl einstweilen, kleine Frau, ich schicke Ihnen Ihren Mann.«

Olly rührte sich nicht. Sie hatte ganz mechanisch dem Arzt die Hand gereicht. Jetzt blieb sie eine ganze Weile allein. Sie dachte an den Karpfen. – Wie der Angelhaken festsitzt, wie der Karpfen sich in den Schlamm vergräbt. – Ja – tief hinein. Über ihm der Schlamm und über dem Schlamm das Wasser – so schwer liegt das Unglück, das ihn traf, über ihm. Über dem Wasser scheint die helle Sonne, die geht ihn nichts an.

Als Gastelmeier zu ihr hereinkam, war er sehr freundlich und sehr bewegt. ›Ähnlich wie! nach der Trauung‹ dachte Olly. Sie beobachtete ihn ganz kühl. Niemand ging sie eigentlich mehr etwas an. Sie mußte mit sich allein fertig werden. Der Karpfen saß unten im Schlamm, mußte tausend Schmerzen verbeißen, der oben riß an ihm und quälte ihn und zuckte an der Schnur. Die übrigen Karpfen schwammen lustig und guter Dinge weiter und ließen sich's wohl sein. Der im Schlamm war ein ganz andres Tier als die Kameraden geworden. Sie verstanden ihn nicht mehr – und er verstand sie nicht mehr.

In dieser Nacht schlief sie keinen Augenblick, rief aber auch nicht nach Mimm. Wozu?

Sie starrte in gleichmäßigen, dicken Nebel, der sich ihr noch mit keiner Gestalt belebte. Er war so dicht, daß sie die Hand nicht vor den Augen sehen konnte. Der Nebel aber war die vollkommene Hoffnungslosigkeit, die mit einemmal über sie hergefallen war. Die hatte etwas Einschläferndes, etwas Erstarrendes; ohne den wahren Schlaf zu bringen, brachte sie so ein dumpfes, lebenabgewandtes Brüten.

Am andern Morgen kam Mimm und fragte, wie sie geschlafen hätte.

»Ganz gut,« sagte sie. Da freute er sich.

Sie hatte, wie es ihr schien, gar nicht das Bedürfnis, sich mitzuteilen. Darüber verwunderte sie sich selbst. Es war gut so – ganz gleichgiltig im Grund. ›Ob das anhalten würde?‹ fragte sie sich.

Sie arbeitete und es ging sogar etwas besser wie gestern. ›Wenigstens,‹ dachte sie, ›werde ich zu den Menschen gehören, die krank fortarbeiten.‹ Sie dachte an allerlei Leute, von denen sie wußte, daß sie berühmt wurden, trotzdem sie krank waren.

Das war ein Trost – mehr als Trost, das war ein Anfeuern der Kräfte, das hatte etwas Begeisterndes. Ja, sie wollte kämpfen und sie arbeitete bis zur Atemlosigkeit. Und heute – ganz unverhofft kam Köppert. ›Weshalb eigentlich sollte er kommen?‹ hatte sie tagsüber gedacht. Dreimal war er dagewesen, unverhofft, dann war er weggeblieben, wahrscheinlich für immer. Sie hatte ihm außerdem eine Szene gemacht. Wahrscheinlich fürchtete er sich vor ihr. Kein Wunder. Das seelenverzehrende Warten war wie von ihr genommen. Aus dem dichten Nebel, der sie seit gestern umgab, war bisher nichts aufgetaucht als ein: sie wollte arbeiten, arbeiten, vor allen Dingen arbeiten.

Als das Mädchen aber Herrn Köppert meldete, konnte sie sich vor freudigem Schreck nicht auf den Füßen halten. Es durchzitterte ihr den ganzen Körper.

»Mimm,« rief sie, »Herr Köppert kommt!«

»Was?« rief Gastelmeier aus dem Nebenzimmer. Da war Köppert aber schon eingetreten.

Sie streckte ihm beide Hände entgegen. Das war ihre Art nicht, die Leute zu empfangen. Aber hier war es ganz natürlich. Es war eben der Gruß für Köppert, für niemand sonst. Sie begrüßte ihn so unverstellt glückselig, wie ihn bisher eigentlich nur sein Hund begrüßt hatte.

›Armes Seelchen!‹ dachte er und faßte die schlanken, heißen Hände so zart an und führte das bewegte, kranke Geschöpf zu einem Platz zum Ruhen und fühlte, wie er ihr wohlthat. Er hatte sein Lebtag viel mit Tieren sich zu thun gemacht und verstand sich daher auf unverstellte Gefühlsausbrüche. Seine jüngeren Brüder, wie er sie nannte, hatten ihn nie in Ungewißheit gelassen. Das Seelchen hatte eine helle Freude, wenn er kam.

»Wissen Sie,« sagte ihm Olly, »daß ich sehr krank bin?«

»Nein,« sagte er. »Was heißt sehr krank? Wir sind alle sehr krank. Das Leben ist eine lange Krankheit. Wir glauben nur, daß wir gesund sind.«

»Bitte,« sagte Olly, »mit mir müssen Sie wenigstens ganz einfach sprechen. Ich weiß, es wird jeder reden, als wenn gar nichts wäre, – thun Sie das nicht.«

Gastelmeier trat ein: »Grüß Gott, Köppert.«

»Ach, Mimm,« sagte sie, »Mimm!« – und lachte.

Sie saßen nun wieder alle drei bei einander und es kam eine ruhige, gute Stimmung. Emil fand sich auch ein.

»Ah, das einseitig gebackene Brötchen,« sagte Köppert lachend, als er eintrat.

»Lassen Sie ihn, er ist so gut,« meinte Olly, »nur so ein Faulpelz, denken Sie, gesund und kräftig; aber ohne allen Eifer. Ich weiß nicht, sollte es noch kommen? Sie glauben nicht, wie mir's am Herzen liegt. Was soll aus ihm werden?«

»Na, er ist ein bißchen schwammig,« sagte Köppert. »Hat er Knochen?«

»Ich glaube nicht viele,« meinte Olly.

»Sehnen natürlich auch nicht?«

»Die gar nicht.«

»Dann lassen Sie ihn ums Himmels willen nicht Maler werden. Er sieht aus, als wenn er gegen ein Sinekurchen nicht abgeneigt wär'. Das möcht' ihm passen. Er schriebe dann alle Tage oder alle vierzehn Tage zwei Zeilen, die von der bösen Welt handeln.«

»Freilich,« meinte Olly, »und sagte dazu: Verflucht! – Verflucht! – Verflucht!«

»Zu sonst was hat er nicht Lust?«

»Zu gar nichts, Maler will er werden, weil er meint, er kann dann so daherhocken mit dem Bleistift in der Hand – und das bißchen Essen würde schon von irgendwoher kommen.«

»Geht er kneipen?«

»Bewahre, er denkt, das kostet Geld. Nicht leichtsinnig sein! Je weniger du brauchst, um so weniger mußt du dich anstrengen. Wenn Sie wüßten, er hat mich schon manchmal bis zur Tobsucht gebracht – aber er ist so gut.«

Emil besorgte das Abendessen, trieb draußen die Köchin an auf seine Weise, spritzte sie mit Wasser zur Küche hinaus und zur Treppe hinab, wenn sie etwas holen sollte und drohte ihr die Haare mit Asche zu bewerfen, wenn sie nicht zur Zeit fertig wäre. In das Zimmer kam er möglichst wenig, denn er hatte einen großartigen Ärger auf Köppert.

Den ganzen Abend lag ein ruhiges Behagen über der Gesellschaft. Das Abendessen war gut und pünktlich besorgt.

»Schau, schau,« sagte Gastelmeier. »Emil! Na, Olly, dein Bruder, wie kommt denn der mit unserm Drachen aus, und wir net?«

»Das versteht er,« sagte Olly – »und wie!«

Sie war so friedlich, so gleichmäßig gestimmt. Köppert erzählte allerhand Jagd- und Tiergeschichten, lebendig und frisch, und sie hörte andächtig zu, wie ein Kind, dem Märchen erzählt werden. Die ganze Welt war für sie nicht mehr vorhanden, nur einzig die kluge Stimme. Gastelmeier begleitete Köppert diesen Abend, sie wollten noch ein Glas Bier miteinander trinken. Emil ging nach Hause. Das Mädchen machte das Bett auf dem Schlafsofa zurecht – und Olly blieb ganz allein.

Sie wanderte im Zimmer auf und nieder. Nach dem muntern Reden, der leichten Stimmung schien ihr die Einsamkeit ganz eigentümlich bedrückend. Der dicke Nebel der Hoffnungslosigkeit lag mit einemmal wieder über ihr. Das Fieber, das jeden Abend sich einstellte, brannte ihr wieder in Füßen und Händen – und mehr als das brannte die Sehnsucht nach Köppert in ihrer Seele. Er hatte alles mit sich genommen, ihre Ruhe, ihre Fassung, ihr Vertrauen auf eine Arbeitskraft, die Krankheit und Schwäche überwindet – alles. Es war ihr zu Mute, als sollte sie ohne ihn verschmachten, als hätte er ihr auch Luft und Licht mitgenommen.

Ganz atemlos lehnte sie sich an den großen, weißen Kachelofen und preßte den Kopf mit beiden Händen. Es war ihr zu Mute, als stände ihr ganzes Wesen in Flammen. Und wie war es gekommen, wie denn? – »Herrgott – ich liebe ihn!« sagte sie heftig. Dann war sie ganz still und bewegungslos.

Wie eingebrannt war Köpperts Bild in ihrer Seele. Das unregelmäßige Gesicht, die lebendigen grauen Augen, in denen unversteckt die Gefühle zu lesen waren, die leichte, sehnige Gestalt. Man sah an jeder Bewegung, daß er gescheit war. Der Körper war ihm von seinem geistigen Wesen kräftig durchdrungen. Ja, sie hatte schon früher gesagt, als sie ihn nur vom Sehen kannte: »Er ist der einzige Mensch hier, der ein Gesicht hat.«

Jetzt sah sie ihn vor sich, so ganz wie er war. Sie sog durstig seine Züge, seine Stimme ein. Sie hielt ihn an den Händen und es war, als wenn sie zu ihm sagte: »Verlaß mich nicht, bleib.« Das erschütterte sie bis ins Tiefste. – Und Mimm? Sie konnte kaum atmen. Wie unnobel – wie scheußlich, sich von Mimm füttern zu lassen. Mimm zu quälen, ihn schlecht zu versorgen, seine Liebhabereien nicht zu beachten, seinen Lieblingsspeisen nicht nachzufragen, alles von ihm anzunehmen, ihn gleichgiltig beiseite lassen, immer nur an sich denken – einem andern mit jedem Gedanken nachhängen! – War das nicht gemeine Betrügerei?

Das war ein elendes Geschäft, was Mimm gemacht hatte. Sie hatte es bisher nie so gefühlt! aber mit einemmal übersah sie, daß er gar kein Behagen an ihrer Seite gefunden. Wie rührend war es, daß er sich heute Abend über Emils gutgelungenes Nachtessen so gefreut hatte – und wie liebenswürdig war er in dem ganzen Durcheinander, das sie ihm gebracht! Was für Sorgen hatte er sich aufgeladen – und für wen?

Olly brannte in Fieber und Erregung. Sie sollte fort von Mimm gehen – irgendwohin und arbeiten, nichts als arbeiten, das wäre das einzige – das rechte. Entweder: an sich selbst denken und für sich selbst leben – oder: an andre denken und für andre leben. So eine gemeine Seele, die betrügt! Sie hatte nie darüber nachgedacht, heute zum allererstenmal. Ja, sie hatte mit Mimm einen ganz betrügerischen Handel geschlossen. Alles genommen und nichts gegeben – gar nichts gegeben, sondern nur immer von neuem genommen und genommen, mit einer Roheit und Gedankenlosigkeit – die hätte sie nie in sich gesucht. Mit welcher Angst, mit welcher Verzweiflung hatte sie gefürchtet, Mutter zu werden. Sie hatte nur und einzig an sich dabei gedacht, nicht an Mimm und nicht an das Kindchen. Sie hatte sich immer noch für ihren eigenen Herrn gehalten, und das war sie nicht mehr. Ihre Arbeit, der Weg zum Ruhm war ihr die Hauptsache. Mimm war das sehr gleichgiltig, der wollte eine gute Frau und die hatte er nicht.

Und nun? Jetzt gerade hörte diese Blindheit auf, jetzt, wo sie jede Kraft, jeden Hauch von Kraft an ihre Kunst wenden wollte, jetzt, wo sie jede Minute ausnützen wollte, drängten sich tausend Dinge ein.

So stand sie mit gefalteten Händen und mit gesenktem Kopf ganz fassungslos, ganz erdrückt. Der Nebel, der über sie gefallen war, der dichte, trostlose Nebel, belebte sich nun mit Gestalten, die sie bis aufs Blut ängstigten. Ihre Arbeit, der lange Weg zum Ruhm, die unerfüllten Pflichten, der falsche Handel, den sie unbewußt eingegangen – und Köppert – und Mimm – und das Kranksein – und das frühe Sterben, das gestaltlos, aber grauenhaft unsichtbar in dem schweren Nebel lauert.

»Das ist zuviel, Herr, mein Gott!« jammerte sie auf. Und durch allen Jammer hindurch und über allen peinigenden Gedanken und Erkenntnissen, die Sehnsucht nach Köppert. Sie sah ihn immer vor sich und immer streckte sie beide Hände nach ihm aus. Er war der Einzige, der sie retten konnte, der Einzige, der ihr Ruhe gab. Er war das Leben – und sie wollte leben!

Trotzig sprang sie auf und ging durchs Zimmer, und die bittere, verzehrende Lebenssehnsucht derer, die um das Leben betrogen sind, wühlte ihr im Herzen. – Wenn sie dachte, daß sie ihn nicht mehr sehen und hören sollte – nie mehr! Und auch die Arbeit aufgeben, und das heiße, lebendige Streben – und nur den Kaufpreis abverdienen, den Mimm für sie gegeben, da fuhr eine solche verzweiflungvolle Empörung durch ihr ganzes Wesen, daß sie an ihren Haaren riß, das Taschentuch, das naß von Thränen war, in Streifen riß, sich auf den Boden niederwarf und heißer schluchzte und schrie. Worte fand sie nicht mehr, Gedanken auch nicht – nur eine fieberhafte Empörung, eine sinnlose Wut, wie ein wildes Tier, das gegen seine Käfigstäbe schlägt.

Und dann kam wieder der bittere Kampf, das Mitleiden, das sie Mimms wegen fühlte, das Bewußtsein des Betrugs, ja Betrugs, wie sollte man es anders nennen, und das drückte sich ihr wie ein Brandmal in die Seele.

Mimm kam spät nach Hause und fand seine Frau in einem Zustand der tiefsten Erschöpfung. Sie kauerte noch auf dem Boden, als er eintrat.

»Olly!« rief er ganz bestürzt und kniete zu ihr nieder und richtete sie auf – und da fühlte sie wieder ›die sorgsame Pforte‹, die ihr Herz gewonnen hatte. Und da sie in ihrer Erregtheit wie ein Mensch ohne Haut war, dem alles die innersten Nerven trifft, wurde sie davon so bewegt, daß sie von neuem in heiße Thränen ausbrach und sich bitterlich vor Mimm anklagte, ganz vernichtet, und vor ihm demütigte.

Mimm war ganz glücklich und freudig erregt, wie es eine kindliche Seele ist, die an eines Menschen plötzliche Umkehr glaubt. Er tröstete sie und suchte sie zu beruhigen. »Siehst du, Ollychen, nun wird alles gut,« sagte er einmal übers andremal.

Das ärgerte sie aber und sie sagte bitter: »Du meinst also, daß ich das Malen lasse?«

»Na – na, bewahre, einschränken, ein bissel einschränken. Das wird dir nur gut sein.«

Seine Ruhe und Zufriedenheit quälte sie. Nach der hastigen, stundenlangen Erregung schüttelte sie jetzt das Fieber. Mimm half ihr beim Entkleiden und behandelte sie so sorgsam wie ein kleines Kind; aber das Herz war ihm schwer. Was der Doktor ihm von Ollys Gesundheitszustand gesagt hatte, lag düster auf ihm. Es war so etwas Feierliches, Trauriges, Unbegreifliches. Eine ganz gesunde, frische Frau würde er nie wieder an ihr haben, so eine Häuslichkeit, von der er geträumt hatte, war für immer verloren. Wenn sich die arme Olly auch Mühe geben würde, wie könnte es denn werden? Eine Frau muß gesund sein, das ist das erste. Und das wütende Arbeiten, wobei sie nicht hörte und sah!

Wie rührend, wie gut sie eben war, sie wollte das beste, wie ihn das beglückt hatte! Jetzt lag sie in ihren Kissen, lieblich, aber wie eine Pflanze, die mitten im Aufblühen vom Frost berührt ist. Die Kraft, die Strammheit war hin, etwas Leidendes, Mattes war über sie gekommen, unmerklich fast; aber es war da. Die glänzenden, verweinten Augen schauten so unstet, so ohne Ermüdung. Gastelmeier atmete schwer auf. Er dachte an den Abschied von daheim, Weihnachten vor einem Jahr, an das, was sein Alter daheim von Liebessachen verstand, und es wurde ihm schwer und schwerer ums Herz.

Olly klagte wegen allerlei Beschwerden. Sie fühlte sich sehr unwohl, war so beunruhigt und gequält; und immer hatte sie es mit dem Karpfen zu thun, der sich mit seiner Qual in den Schlamm verkrochen hat.

»Laß das doch,« sagte Gastelmeier, dem es dabei nicht wohl zu Mute wurde. Da schwieg sie.

»Geh schlafen, Mimm,« sagte sie nach einer Weile.

Sie lag ruhig, mit offenen Augen, und wußte nun schon, was ihr die Nacht bevorstand. Qualen! Die Wiederholung alles dessen, was sie eben erst durchkämpft hatte.

Die großen Riesenvögel schlugen schon mit den Fittichen. Lautlos und mächtig schwebten sie über ihr. Sie kämpften noch miteinander, wer auf die arme Hasenseele sich herabstürzen sollte.

Der Riesendämon war schon mit den Krallen auf ihrer Brust, und wollte den gemächlichen Tanz beginnen, da gesellte sich zu ihm ein zweiter, der die bittere Erkenntnis, vom Leben betrogen zu sein, brachte, und noch einer, der mit seinen Klauen die Stelle aufriß, wo der verzehrende Ehrgeiz saß, und wieder einer, der an versäumte Pflichten mahnte.

Es war eine ganze Schar, die auf sie herabstürzte, Riesenunholde, daß man meinen sollte, sie wären erschaffen, um auf irgend einem gewaltigen Stern gewaltige Kreaturen zu quälen und zu bekämpfen, und hätten sich auf unsre kleine Erde nur verirrt, um nun ihre dämonischen Kräfte an uns lächerlich kleinen Seelchen zu verschwenden.

Olly lag wie erstarrt, ließ alles über sich ergehen. Durch das entsetzliche Chaos aber, dem sie preisgegeben war, sah ein unregelmäßiges, gescheites Gesicht auf sie nieder, ein Gesicht, das sie Zug für Zug mit aller Kraft festzuhalten suchte, auf das sie hinblickte wie auf eine Seligkeit, mitten im Elend. Das Gesicht war ihr Halt, ihre Rettung. Es strahlte von ihm Kraft aus zum Widerstehen, Kraft zu siegen und zu überwinden. Und dieses Himmelsgeschenk, das wie ein Licht über all dem Überwältigenden, Unheimlichen, das sie umgab, aufstieg, sollte sie von sich weisen? So sinnlos so unfrei – so niedrig! Nein danken –! danken! danken!

Es wurde ihr licht. Gott hatte ihn geschickt, ihr gutes Schicksal. Sie sollte nicht ganz verzweifeln.

Und sie streckte ihm wieder die Arme entgegen in ihrer Not, und wie hellsehend, als schaute und fühlte sie ein wirkliches Begebnis, empfand sie, wie er diese hilfesuchenden Hände hielt und sie selbst an sich zog. Und sie schmiegte sich fest – fest an seine Brust, und er sprach zu ihr als Mensch zum Menschen. Da war es ihr wohl, und als der erste blasse Schimmer des Morgens am Fenster aufdämmerte, kam auch der Schlaf, der langersehnte.


* * *


Das Leben spann sich weiter.

In dem jungen Haushalt war die Freudigkeit ausgelöscht. Der Arzt kam alle zwei, drei Tage und schaute nach seiner Patientin. Sie war den ganzen Winter über nicht aus dem Haus gekommen. Gastelmeier hatte unruhige Nächte nach freudlosen Tagen kennen gelernt.

Eine ungeheure Enttäuschung lag über ihm und es war ihm nicht wohl in seiner Haut. Die Eindrücke, die Olly ihm nachts brachte, lagen wie Zentnerschwere über ihm. Sie litt oft an qualvollem Luftmangel, Beängstigungen kamen über sie, die Todesangst in ihrer furchtbarsten Gestalt; dann hielt sie den armen Mimm umklammert und wand sich in seinen Armen und mit weit aufgerissenen Augen schaute sie ihn an – und er mußte aushalten und den Jammer ansehen und anhören.

»Mimm, mein Bild!« rang es sich mühselig in solchen Stunden von ihren Lippen.

»Na, laß doch, laß doch!« sagte er dann.

»Ja, laß doch, laß doch!« flüsterte sie heiser, erstickt, voller Trotz und Verzweiflung.

»Ach, Mimm, du Armer!«

Er fand das rechte Wort nie.


* * *


Olly arbeitete an einem Bilde, das zur internationalen Ausstellung fertig werden sollte. Das Mädchen unter dem verblühten Apfelbaum hatte sie verkauft. Reproduktionen waren danach gemacht, es war besprochen worden. Köppert hatte die erste Besprechung ins Haus gebracht.

Gastelmeier erinnerte sich, wie er sie ihr damals in die Hand drückte, so von ungefähr, ohne ein Wort zu sagen; aber mit einem Ausdruck von froher Teilnahme. Er erinnerte sich, wie Olly las, wie das Gesicht aufstrahlte, – wie sie Köppert anblickte mit großen, ausdrucksvollen Augen. Köppert, nicht ihn, hatte sie angesehen. Er erinnerte sich, wie sie mit einemmal auflebte. Ein Wunder! Die Krankheit war wie von ihr fortgeweht. Sie lebte auf, sie war die alte Olly.

Ein glücklicher Tag! Wie entzückend sie aussah! Übermütig, vom Glück berauscht.

Und Köppert, der gute, wunderliche Mensch! Er hatte ihn immer für einen sonderbaren Kauz gehalten und für einen Biedermann durch und durch, hatte einen gehörigen Respekt vor ihm gehabt, vor seinem Können; aber er war ihm ein ungemütlicher Bursche geblieben, borstig, streitsüchtig, selbstbewußt – nun hatte er ihn ganz anders kennen gelernt.

Weiß Gott, das brachte Mimm nicht fertig so ganz einzugehen auf die Wünsche des kranken Geschöpfchens, so sich ihr widmen! Fabelhaft, wie Köppert ihr, wenn er neben ihr vor der Staffelei stand, mit ein paar Worten helfen konnte! Immer traf er den Nagel auf den Kopf. Und wie sie ihn verstand! So eine Art, zu arbeiten und zu lehren, hatte Gastelmeier noch nicht gesehen. Was er vom Lehren wußte, war ein beschwerliches Kriechen, fortwährendes Mißverstandenwerden, gleichgiltiges Eingreifen. Die beiden arbeiten mit einer Spannung, einem vollkommenen Wachsein, so nervös wie zwei Vollblutpferde. Und wie kam sie vorwärts! Ganz erstaunlich.

»Halt sie doch lieber zurück, sie übernimmt sich,« hatte Gastelmeier ihm ein paarmal gesagt.

»Weshalb?« hatte Köppert gefragt. Und in diesem ›weshalb‹ lag alles. Es lag ihr Todesurteil darin und zugleich: ›Glaubst du's ihr nicht?‹

Rührend war es anzusehen, wie Olly sich in dieser Zeit der Wirtschaft auf ihre Weise annahm, kindisch und unbeholfen zwar; aber sie zeigte den besten Willen. Sie verstand, so eine Art kleine Kuchen aus Eierschaum zu backen; auf einen Bogen Papier wurde der Schaum getropft und im Ofenrohr gebacken. Dieses Backwerk richtete sie im Zimmer mit der größten Umständlichkeit her. Ein einziges Mal brachte sie es wirklich zu stande und war ganz glücklich darüber und sagte im Eifer: »Nicht wahr, Mimm, das gefällt dir, so magst du's? Alles im Haus gebacken, das ist so behaglich. So warst du's auch daheim gewöhnt, alter Mimm.«

Mimm fürchtete die Fassung zu verlieren, nickte Olly zu und ging zur Thüre hinaus, so ein trauriges, fades Eierschaumküchlein, das Symbol seiner Enttäuschung, noch zwischen den Zähnen. Sie hatte ihm eins nach dem andern in den Mund gestopft. Er griff nach Hut und Überzieher, es litt ihn nicht mehr im Hause.

Was hatte er für ein Heim, so etwas Lächerliches, Verrücktes, Trostloses!


* * *


Im ganzen und großen ging es aber ganz leidlich und besser als vordem.

In der Küche wirtschaftete seit Wochen schon Emil auf seine vortreffliche Weise; er nahm auch das Haushaltungsbuch an sich und führte es pflichttreu. Er wohnte dann ganz bei seiner Schwester, damit diese seine Zeichenstudien besser überwachen konnte, und saß, wenn er nicht draußen in der Küche sein Wesen trieb, in Ollys Wohnzimmer und zeichnete muffig und unzufrieden. Wenn Olly matt, mit fliegendem Atem, im vollen Fieber aus dem Atelier kam und gearbeitet hatte bis auf die letzten Kräfte und sich nun niederlegen mußte, da ruhten ihre Blicke auf Emil, der in seinem behaglichen Fett so träg und indolent dasaß, und eine wahre Wut packte sie da. Einmal erfaßte der Zorn sie dermaßen, daß sie wankend, mit Thränen in den Augen, aufstand und Emil eine unvermutete Ohrfeige gab.

»Prost,« sagte Emil und guckte ganz verblüfft auf. »Na, weißt, Olly, mit deinen Kräften steht's gottlob net übel.«

Da stand sie ganz beschämt vor seiner Gutmütigkeit. »Wärst du doch nicht so faul,« sagte sie heiser. Zu gleicher Zeit aber fühlte sie mit einer jammervollen Verzweiflung, daß Emil sie schon aufgegeben hatte. Sie gehörte nicht mehr zu den Lebenden. Sie durfte beleidigen und beleidigte nicht mehr. Eine Röte schoß ihr ins Gesicht, gleich darauf wurde sie bleich und wankend, das Haar feucht, eine schreckliche Schwäche überkam sie.

Emil schaute auf sie hin, legte ihr den Arm um die Schultern und führte sie zum Sofa, kauerte vor sie nieder und sie fühlte ein verhaltenes Zucken. Er weinte, versteckt an ihrer Brust, wie um eine Tote.

Sie ließ ihn weinen, ohne sich zu rühren, ein entsetzliches Grausen durchrieselte sie. War es denn so nah?

Nein, nein, es war ja erst der erste Anfang der Krankheit. Man sah sie ihr noch kaum an. Sie war nicht abgemagert. Ja, Qual war da; – aber doch, – es war erst der Anfang. – Der Anfang von was? – Von entsetzlichen Dingen – und dann – und dann? –

Es war ihr, als schnürte sich ihr die Brust zusammen. »Wann kommt Köppert?« fragte sie. »Ist es noch nicht so weit?«



X.

Ein feuchtes, rauhes Frühjahr ist gekommen und von den knospenden, regentriefenden Bäumen herab, unter grauem Himmel, tönt das Amsellied, diese Seelentönchen, die Erinnerung und Sehnsucht bringen, die am Herzen rütteln und den Kinderseelen Frühlingswonne schaffen. Diese urweltlichen Stimmchen, die uns erfassen und uns in das Neuerwachen mit hineinreißen, auch dann, wenn wir todmatt sind, wenn wir der Weltverjüngung entfliehen möchten, weil nur der Jammer in uns wieder jung wird. Das Frühlingsamsellied unter grauem Himmel von knospenden, regentriefenden Bäumen herab, reißt erbarmungslos alles, was lebt, was Ohren zu hören und ein Herz hat, mitzuempfinden, in den Verjüngungsstrom hinein. Denen aber, die um ihr Leben betrogen sind, thut es weh zum Aufschreien.

Olly hat mit Mimm und Emil in den Isarauen die erste Ausfahrt gemacht. Aufs äußerste erschöpft, ist sie daheim wieder angelangt, liegt auf dem Sofa und sieht mit großen Augen starr vor sich hin.

Emil deckt den Theetisch, stellt einen großen Strauß Himmelsschlüssel darauf und scheint die erste Ausfahrt feiern zu wollen.

Mimm setzt sich auch zum Thee; aber die Feier will nicht in Gang kommen. Olly liegt teilnahmslos, und nur durch ein Zeichen giebt sie zu verstehen, daß man ihr Ruhe lassen soll.

Der junge Duft der frischen Himmelsschlüssel dringt kaum merklich durchs Zimmer. Sie empfindet ihn und er thut ihr weh, weh, wie alles und jedes.

Mimm macht sich zum Ausgehen fertig. Ehe er geht, streicht er Olly über das Haar. – »Geht's denn besser?«

Wie dies unnötige Fragen ihr an der Seele reißt! – Jetzt ist sie allein. Sie regt sich nicht. In ihr kämpft und bebt es; der große Frühlingsschmerz liegt über ihr, der in den Verlorenen, in denen, die das Leben ausgestoßen hat, wühlt und zerrt.

Es schellt. – Emil kommt ins Zimmer geschlichen. »Olly, Köppert ist da. Willst du ihn sehen?« Sie nickt.

»Darf ich?« fragt Köppert, ehe er eintritt.

Ein heiseres, kaum hörbares »Ja«.

Er setzt sich ihrem Sofa gegenüber. Beide sind still. Ollys Augen ruhen auf ihm. »Mir ist bang,« sagte sie völlig stimmlos. Es klingt gleichgiltig und ohne Ausdruck.

Köppert kann nicht ruhig bleiben. Er ist bleicher geworden, seine hagere Gestalt dehnt und dreht sich gewissermaßen. Diese ausdruckslose Verzweiflung hat es ihm angethan. »Ich habe Ihnen da was mitgebracht,« sagte er – »ein Seelchen – etwas, was Sie nicht kennen – wetten? –« Er zieht ein Pappschächtelchen aus seiner Tasche, hält es vorsichtig in der Hand. In die Pappe sind Löcher gebort.

»Lebendig?« fragt Olly. Er nickt.

»Ein Vogel?«

»Beinah. Passen Sie auf, ob Sie's kennen.« Vorsichtig öffnet er die Schachtel und nimmt ein in ein Leinwandläppchen gewickeltes graues Wesen heraus.

»Ein Fledermäuschen«, flüsterte Olly.

»Jawohl. Zusammengelegt wie ein Regenschirm. Sehen Sie sich's nur an.« Er hält es auf der flachen Hand und zeigt ihr's hin. »Jeder Esel meint, er kennt so ein Seelchen in- und auswendig. Gott bewahre, das könnt' jeder sagen. Der kleine, zart pulsierende Schatten mit dem wundervollen Elfengesichtchen, schauen Sie nur – die Edelsteinaugen! Diese Zartheit im Näschen und im Schnäuzchen, die winzigen Zähne und die großartigen Riesenohren! Nicht? – schaut sie nicht aus wie eine kleine Pfründnerin in der Haube? Nicht wahr neu? Das kannten wir noch nicht?« Er lachte etwas auf.

Es reckte die Flügel ein wenig. Olly befühlte es. »Ein Hauch,« meinte sie.

»Nun, und wie steht's mit der Kunst?« sagte Köppert. »Ich meine: wir, wir Neuen, wie soll ich sagen, wir kennen das Fledermäuschen! Zum Beispiel: Sie und ich etwa – wir durchgeglühten Seelen. Wir malen's, wollen's wenigstens malen, bis in die feinsten Geheimnisse, wie es pulsiert. Es sieht nicht aus wie eine Fledermaus, sagen die andern, die eine Fledermaus höchstens aus Bilderbüchern kennen, eher wie ein zusammengeklappter Regenschirm. – Affektiert. – Wo sieht's so aus? Niemals. – Jawohl, kennt ihr's denn? – Wer wird eine Fledermaus nicht kennen? sagen sie. Punktum. – Ich aber sage: Die Fledermaus ist ihnen ganz Geheimnis. Gerad' wie der Mensch auch. Sagen Sie selbst, wann steht je einer so niederträchtig superklar da, wie die Leute ihn gemalt haben wollen und wie sie ihn gemalt bekommen? Immer geheimnisvoll. – Lichter, Schatten, Fleisch, Fett, alles unbestimmt ineinander zitternd – dort wieder wie in Fels gehauen, hier wie im Nebel, jetzt strahlend, jetzt verschwommen – auf- und niederwogend. Grau. Blendend. In allen Farben. Fahl. Eine wilde Jagd.

»Jetzt schauen wir ganz ruhig und warten's ab, und – halt still – haben's – aber in einem Moment, der so intim, so erhascht, so überrumpelt ist, daß die andern ihn überhaupt nie gesehen haben, so wenig, wie sie das Fledermäuschen je sahen, darum sag' ich: Wir erfassen das Fledermäuschen, wir lehren euch die wunderliche Erde wie neu kennen, an der ihr vorbeilauft und davon redet, als kenntet ihr sie.

»Darf ichs zum Fenster hinausthun?«

Er hatte das Tierchen, während er sprach, immer zart in den hohlen Händen gehalten, damit sie sich das Köpfchen beschauen konnte. Er öffnete das Fenster ein wenig. Das Tierchen saß ihm auf der Hand, krabbelte hin und her, ganz vertraulich. ›Schlimm hast du's nicht mit mir gemacht,‹ dachte es vielleicht. Ein pfeifendes, piependes Tönchen und fort war es.

»Auch ein Frühlingsbote,« sagte er und schloß das Fenster. «Es ist mir ins Atelier geflogen. Übrigens, weil wir gerad' dabei sind. Es ist fabelhaft, was für Fortschritte Sie gemacht haben, seit wir uns kennen – rein fabelhaft! Ja, mir hat's was Unbegreifliches. Offen gesagt: ich hab's einem Weibe nicht zugetraut. Eine Feuerseele! Sie werden eine große Künstlerin. Sie sind eine. Bei uns ist keine Schmeichelei. Sie dringen riesig fein ein – so was ich sagte – in die Geheimnisse, die andre nicht sehen.«

Er hatte nicht auf Olly geschaut, als er sprach, sondern irgendwohin, nach der Decke oder auf den Fußboden, wie das seine Art war, wenn er etwas Gutes zu sagen hatte. Jetzt hob er den Blick und sah ein Gesicht vor sich voller Glückseligkeit. Das arme, schmerzbeladene, kranke Gesicht von vorher war mit einem Schlag verändert. Hoffnungslosigkeit, verbissene Qual, fortwährendes gehetztes Überangestrengtsein, alles hatte sich verkrochen, wie die Nacht vor der Sonne.

Das Glück war da, rein und groß. Sie hob die Hände und faßte die seinigen und sagte wie er vorhin, aber bebend vor Bewegung: »Auch ein Frühlingsbote! Wie soll ich Ihnen danken!«

Köppert wußte wieder nicht, was er sagen sollte, fuhr sich durch den Haarschopf, zog die Schultern in die Höhe. »Mir danken? – oho – hoho –.«

Er war ganz erschüttert, daß sie in ihrem Elend so ungeheuer glücklich war. Und er brummte allerlei zerhacktes Zeug vor sich hin, aus dem kein Mensch klug werden konnte. Und es war ihm, als sähe er es, wie eine Riesenfaust über den Berg griff und roh und gleichgültig das herrliche Geschöpf mit der Feuerseele zerquetschte vor seinen Augen. ›Und so scheußlich muß sie mir zu Grunde gehen!‹

Er wendete sich ab, reckte und streckte sich, machte die sonderbarsten Grimassen – und atmete tief auf, um die Brust frei zu bekommen.

»Wie Sie turnen?« sagte Olly tonlos und mühselig und lächelte ihn immer noch strahlend an. Da machte der unruhige Geist noch einen letzten energischen Schlenker mit dem Arm. »Diese Hühner, die Weiber,« sagte er. »Sie wissen ja, wie ich denke. Ewig kleinlich, am Geringfügigsten kleben, engherzig, schlau, berechnend. Ah! – nie ein reines Feuer, was ihnen einmal durch die Seele führe und alles niederbrennte, alle Lumperei, – nie und nimmer! Eine ewige Dumpfheit.«

»Ich weiß schon, ich weiß schon, ereifern Sie sich nicht,« wehrte er ab, als Olly sprechen wollte. »Sie – Sie – na – Ausnahmsweib. Einfach guter Kamerad mit einer Heldenseele. Anfangs glaubte ich Dämon.« Er lehnte sich wieder in den Stuhl zurück. »Gottlob, nein.« Er fuhr sich über den Haarschopf. »Ja,« sagte er, »so wundervoll zu einem Weibe stehen, so ganz simpel – Mensch zum Menschen – und nicht Raubtier. Diese Hühner, sie könnten's haben, wenn sie wollten, weshalb nicht? Aber nein! Mit dem bißchen Weib-sein muß herumgeprahlt werden, als wenn sie ein Königreich an den Mann zu bringen hätten.«

Er schaute wieder zur Decke, denn er stand wahrscheinlich im Begriff, etwas Sonderbares zu sagen. »So einen Kameraden zu haben, wie ich jetzt,« murmelte er, »ja, das könnt' ein jeder wollen, wär' net übel – das ist für Auserwählte. Verstehen Sie, das ist eine Belohnung, die eben nicht für jeden ist.«

Er hatte die Beine übereinander geschlagen, bewegte die Fußspitze hin und her und betrachtete diese sehr aufmerksam.

»Ich hab' einmal die ganze Nacht auf einem Stoppelfeld zugebracht. Wissen Sie – das ist sehr leicht gesagt. Teuflisch! eine Art Lager, um tobsüchtig zu werden. Glauben Sie, daß es möglich ist, die Stacheln mit so 65 Kilo niederzudrücken? Kein Gedanke, diese vegetabilischen Borsten stehen kerzengerade und bohren und kratzen und stechen – sind einfach unbezwinglich, rauh, roh, rapauzig wie 's Leben – und eine lange Nacht und immer von einer Seite zur andern.«

»Als Soldat?« fragte Olly.

»Als ganz gewöhnlicher Mensch,« erwiderte er. »So um fünf Uhr morgens, da war's genug. Ich kann etwas vertragen eigentlich. Endlich nervös wie ein Vollblutpferd, einfach wütend. Ich geh' hinunter zum Strand, es war an der See. Ein grauer Morgen – riesig fein. Ich warf die Kleider ab – und nun hinein – ganz langsam. – Nach den rapauzigen Borsten diese Weichheit! Herrgott noch einmal! Dabei war's kalt; aber eine Weichheit! – weich wie mit Mutterhänden strich mir's am Körper hin – so wie Mutterhände eigentlich sein sollten!« Er reckte sich wie im Ärger – »ja – sollten!«

»So ist mir's nach den Borsten, auf denen man sich sein Lebtag zu wälzen hat, wenn wir beide miteinander sind. Eine Weichheit! Da ist nichts, was sticht und reibt. Ich vergesse, daß ich Raubtier bin – keine Reue, keine Wut – ganz einfach Kameradschaft. Worte!« brummte er, »das ist auch nicht das rechte Wort,« und er schaute immer noch nach seiner Fußspitze.

Ollys Blick aber hatte aufmerksam und tiefbewegt an ihm gehangen. »Ach, geben Sie mir die Hand,« sagte sie.

Und er faßte ihre beiden heißen, durchsichtigen Hände und sah ihr gerade in die Augen.

»Weshalb sagen Sie das zu mir? Um mich glücklich zu machen?«

»Man sagt einander viel zu wenig Gutes,« meinte er.

Sie hatte etwas ganz Verklärtes. Ein Friede lag über dem Gesicht, der Köppert seltsam berührte, und sie behielt seine Hand in den ihrigen.

»Ich danke Ihnen,« sagte sie leise. »Ist das eine wunderbare Sache, daß Sie zu uns gekommen sind! Mimm sagte den ersten Tag, als Sie kamen: ›Dein Messias kommt‹. Ihre Werke waren mir Offenbarungen – das wissen Sie. – Und nun – nun!« Sie konnte nicht weiter sprechen, sah ihn aber an mit einem Ausdruck, als läge sie vor ihm auf den Knieen und küßte ihm die Hände.

Sie waren beide jetzt still. Emil brachte die Lampe herein. »Er ist so gut,« flüsterte sie.

»Jawohl,« sagte Köppert, »er hat so etwas wie Herz. Deshalb ist er aber doch faul und ein halbgebackenes Brötchen, wenn er über Dinge spricht, die ihn nichts angehen.« Er lachte Emil zu.

»Oho,« sagte Emil, schlug sich aufs Knie und ging wieder zur Thür hinaus.

»Morgen kommt der Doktor, um wieder eine Untersuchung zu machen. Gott weiß, was er da findet! Kommen Sie, bitte, nachmittags.« Sie sagte das bebend. Köppert mußte sich ganz zu ihr hinneigen, um sie zu verstehen.

Sie machte eine Pause, dann fuhr sie fort: »Es wär' gut, wenn Sie kämen. Mimm verliert immer ganz den Kopf. Und Mama! – mein Gott, wenn Mama doch nicht käme! Aber sie sind immer alle da, – die beste ist noch Tante Zänglein, aber die ist so ein kleiner Irrwisch. Sie schaut sich alles an – ich weiß nicht wie – so kühl. Ich bin grenzenlos allein, wenn sie alle aufgeregt sind. Niemand denkt an mich, jedes an sich. Wie man das spürt, wenn man so krank ist! Diese Einsamkeit! Emil – Emil ist gut. Also Sie kommen?«

Als Köppert ging, dankte sie ihm noch einmal mit einem Ausdruck, den er sein Lebtag nicht vergessen sollte.

Sie war wieder allein und lag still und unbeweglich wie vordem, ehe Köppert gekommen war; aber den großen Frühlingsschmerz hatte er von ihr genommen und ihr etwas dafür gegeben: Herzensfrieden und das sichere warme Sommerglück der Gegenwart. Die Sehnsucht, das Werdenwollen, das Quälen und Ringen und Kämpfen, das die Freude an dem, was schon ist, erstickt, hatte er ihr zurückgedämmt, und sie sah, vielleicht auch nur auf Augenblicke, daß schon etwas geworden war, von den Dingen, die sie so heiß erstrebte.

Gastelmeier kam zurück, »Nun, wie geht's Frauchen?« fragte er.

Da schlang sie den Arm um seinen Hals und sagte tonlos und heiser: »Mimm, hörst du, Köppert ist mein Kamerad. Er hat's mir eben gesagt.«

»Na, Köppert ist ein riesig guter Mensch,« erwiderte Mimm.


* * *


Was war alles geschehen und durchgekämpft, als Köppert am andern Tag kam!

Er versuchte zu klingeln. Die Klingel gab keinen Laut von sich. Sie hatte ihn gebeten zu kommen und er war gekommen und ging nicht wieder. Sollte sie umsonst warten?

Er klopft. Niemand hört. Er lauscht, klopft wieder – da – in der Küche wurde geklappt und gewirtschaftet. Er klopft von neuem. Jetzt kommt jemand. Die Köchin öffnet und schaut ihn verblüfft an.

»Was soll das?« fragt er.

»I mein' schon, Herr Köppert, daß Sie heut' net herein können. Die Nacht ist's so viel schlimm gegangen. Der Doktor hat sie schneiden müssen – ja. Weiß net, was das noch werden mag. An silberns Röhrel hat er ihr in 'n Hals gesteckt. Reden kann s'nimmer. Der Emil sagt: ›Dauern kann s' noch lang‹. Aber i mein' schon, a Freud' wird s' nimmer viel dran hab'n.«

Köppert stand regungslos.

»I mein' schon,« fing die Köchin wieder an und sah auf den hageren, starren Menschen.

»Gehen Sie, sagen Sie, daß ich da bin.«

Er dachte an ihre rührenden, hilfesuchenden Worte.

»Ja, aber,« meinte die Köchin, »drinnen sind s' ganz auseinand.«

»Gehen Sie.«

Als er in das ihm so bekannte Zimmer trat, in dem sein Kamerad ihn seit Monaten ehrlich beglückt empfangen hatte, war es ihm zu Mute, als öffnete er die Thüre zu einem Garten, den er am Abend unberührt und voller Blüten und Kräuter verlassen hatte – und am Morgen ist alles zertreten und zerstampft, als hätten Dämonen darin gehaust.

Bleich trat er ein; die hagere Gestalt wie zugespitzt von innerer Erregung, die sehnigen Hände ineinandergekrampft, die Augen spähend. Zerstörung wohin er sieht. Die Anmut des Raumes fortgewischt. Jeder Stuhl, der im Weg steht, zeugt von verzweifelten, vom Unglück gepackten Menschen. Eine riesige Unordnung im Zimmer – Sachen, Sachen und wieder Sachen, sinnlos hingeworfene Sachen.

Gastelmeier steht am Fenster, starrt auf die Straße hinaus, dreht sich nicht um, als er die Thür gehen hört. Ollys Mutter sitzt auf dem Sofa. Sie sieht zerzaust aus, so unmütterlich wie möglich, keine Trostbringerin, eine Trostbettlerin; neben ihr Erwin zusammengekauert.

Wie sitzen diese Leute da!

Auf dem Sofa, auf dem irgendwer die Nacht geschlafen haben muß, liegt noch das Bettlaken ausgebreitet. Auf der Erde steht ein Waschgeschirr, auf einem Stuhl das Frühstückszeug noch. Eine Tasse ist umgestürzt, der Inhalt hat sich auf den Fußboden ergossen: auf allen Gegenständen Staub, vor dem Ofen Asche und Kohlen durcheinander. Dort Verbandzeug, auf dem Tisch eine Schale mit blutigem Wasser, blutbefleckte Tücher, Wasser, Flaschen.

Köppert errötet, es thut ihm weh. – Wenn das Seelchen das wüßte! Seine Augen bohren sich wahrhaft in die nervös verzauste Mutter. ›Auf, alte Närrin!‹ sagen diese heftigen Blicke. ›Was bist du denn? Erwirb dir endlich das Recht zu leben – greif an! Was gehen deine Nerven dich an, laß sie meinetwegen an dir herumhängen – aber thu deine Pflicht!‹

Er war sinnlos wütend, Köppert. Wie zugespitzt er aussah! Er hatte den Sumpf, aus dem das Seelchen stammte, längst kennen gelernt, dieses Volk, das die schwachen, erbärmlichen Arme nach der Kunst ausstreckte, die Kunst als noblen Broterwerb betrachtete, diese frivolen Schwächlinge, die nicht wußten, wie sie mit dem Leben auch nur auf die elendste Weise fertig werden sollten, und mit dem Martyrium der Kunst spielten. Aus diesem Sumpf, der nur Blasen aufwirft, war dennoch eine Heldenseele aufgestiegen, eine Prachtseele, die bis zum Tod voller Schaffenskraft und Feuer war, die alles überwand. Und diese Seele lag jetzt verstümmelt, blutend zugerichtet, aufgegeben, und die Blasen machten sich wichtig und bliesen sich auf bis zum Platzen.

Die ihm so verhaßte Dame wollte ihn wehmutsvoll anreden und begann etwas Hochtrabendes. Er wendete sich ab. »Nun – nun – nun,« sagte er zu Gastelmeier und rührte ihn an der Schulter an.

»Das ist ein Leben. Wenn du wüßtest,« murmelte der, »eine Hölle!«

»Thun Sie die Tücher fort – und die Wasserschale,« sagte Köppert ruhig zu Frau Kovalski.

»Wozu?« sagte Gastelmeier, »laßt nur alles stehen und liegen, wie es liegt in diesem Unglückshaus; überhaupt, wozu hier etwas anrühren?«

»Verlier den Kopf nicht,« sagte Köppert, »armer Kerl.«

»Ja, das ist's, was ich vom Leben erhofft habe!«

Gastelmeier preßte den Kopf an die Glasscheibe. Er stand verzweifelt und verbittert da. Seiner behaglichen Person ging's schlecht, ihm war alles verpfuscht, ihm geschah das Entsetzliche – über sich selbst kam er nicht hinaus, und sein Schmerz war daher bitter, bitter wie Galle und von dem Mitleid für andre unverdünnt. Freilich hatte er Mitleid mit der Armen – aber daß er Mitleid haben mußte, das war's was ihm weher that, als das Mitleiden selbst. Er sah drollig aus. Seine Beinkleider hatten eine Art und Weise zu sitzen, die durchaus nicht zu der verzweifelten Stimmung paßte. Der Sitzteil dieser weiten Beinkleider hatte die Eigentümlichkeit, wie eine Art Schmetterlingsnetz an seiner geknickten Gestalt herabzuhängen.

»Diese Hölle heut Nacht, Köppert, so etwas geht über die Kräfte, die einem Menschen zur Verfügung gestellt sind.« Er murmelte unverständlich. Beide Hände hatte er in den Hosenlaschen. Er sah wie breitgedrückt vom Schicksal aus.

»Es ist Hoffnung, daß sie noch leben kann, aber Köppert – siehst du – ganz ohne Stimme – weißt du? – und gesund? – Nie wieder eine gesunde Frau.«

Die Augen standen ihm voll Thränen, er hatte schon viel geweint und schnüffelte etwas. »Seit wir verheiratet sind, eine ewige Unruhe – nie Frieden. So reizend, so lieb, wie sie war – und doch nicht, wie es hätte sein können. Und nun – das!«

Er mußte sprechen. Er konnte seine Gedanken nicht mehr zurückhalten und ging neben dem langen, hageren Köppert, der seinen eigenen Gedanken, wie es schien, nachging, auf und nieder.

»Wenn ich denke, ich zog damals wegen dem Rangierbahnhof aus der Salzstraße; – aber was ist ein Rangierbahnhof gegen das Leben, wenn nicht alles ist, wie es sein sollte! Siehst du, Köppert – und es war nicht alles, wie es sein sollte,« sagte er in seiner Bewegung wieder, »es war nicht alles, wie es sein sollte. Schon in der Blütenstraße fing's an. Da rangierten sie und kamen mit nichts zurecht. Ich weiß nicht, wie sie's machten. Es war ein ewiges, geistiges Gepolter im Haus, ein ewiges Rasseln und Schnaufen und Würgen, keine Seelenruhe. Sie waren immer geheizt wie die Lokomotiven. Siehst du, – die Kunst, – Köppert, ich hab' immer gemeint, daß sie etwas ganz Harmloses wäre, eine stille Beschäftigung, – aber das ist sie ja gar nicht – oder sie ist's nicht mehr, ich weiß nicht. Eine lärmende Maschine, die Unfrieden und Unbehagen ins Haus bringt. Und wenn das Haus nicht groß genug ist und die Kräfte, die die Maschine leiten, nicht stark genug und nicht geübt genug – und die Maschine kommt ins Nennen – und die Schrauben halten nicht, wie sie sollten – so rennt sie alles über den Haufen und wütet das ganze Haus zusammen. Es gehört Riesenkraft dazu, um mit dieser Teufelsmaschine jetzt auszukommen. Die Schwachen sollten sich nicht daran vergreifen.«

In Gastelmeiers Hirn hatte sich der Vergleich, den Emil einmal gebraucht hatte, mit der Zeit eingeätzt. Er hatte im flüsternden Ton unaufhaltsam gesprochen, hatte nicht auf seine Schwiegermutter und den Schwager geachtet und nicht auf Köppert; es war ihm gleichgiltig, wer zugegen war. Was er sagte, mußte er sagen – und er hätte so viel mehr sagen können. – Aber schon das Wenige war eine Erleichterung. »Und,« fuhr er fort, wobei wieder zwei große Thränen über die behaglichen Wangen liefen, »was ist hier rangiert worden – hier – Köppert, – bei aller Liebe! Glaub mir, rangiert von früh bis in die Nacht – und nachts – nachts! Diese Nächte! Da hat Olly die Teufelsmaschine geheizt und überheizt. Sie wollte ans Ziel, sie mußte auf Leben und Tod! Das mit anzusehen! Wahrhaftig, ich habe nicht geglaubt, daß man mit einer Frau so etwas erleben kann. Man hält die Frauen auch für so harmlos?! Ich wenigstens that das; – aber sie sind es nicht.«

»Nein,« sagte Köppert, »das sind sie nicht. Wo liegt deine Frau?«

»Ja, wirklich, – ich weiß nicht, ob du sie sehen kannst, sie liegt natürlich zu Bett,« sagte Gastelmeier unsicher. »Ich weiß nicht.«

»Sag's ihr, daß ich da bin. Wer ist bei ihr?« fragte Köppert.

»Jetzt Emil, später bekommen wir ein Rotekreuzschwester. Weißt du, da sind Dinge mit dem Verband zu machen.« Er ging ungeschickt vorsichtig in seinen weiten, gestickten Hausschuhen voraus in das Nebenzimmer.

Als Köppert bei Olly in Gastelmeiers Begleitung eintrat, stand Emil, der neben ihrem Bett gesessen hatte, auf und flüsterte seinem Schwager ins Ohr: »Komm, es ist gut, wenn Köppert mit ihr spricht.«

»Jawohl,« sagte Gastelmeier.

Köppert sah, daß zwei bleiche Hände sich ihm entgegenstreckten – hilfesuchend, als läge der arme Kamerad nicht in seinem Kissen, sondern als triebe er in einem reißenden Strome von ihm ab.

Er faßte die hilfesuchenden Hände. Da machte sie die eine Hand los und zeigte nach ihrem Hals. Die Augen bohrten sich verzweifelnd in Köpperts Augen. Sie wollte sprechen. Es war, als packte den ganzen Körper ein Krampf. Solch eine Unruhe! Solch ein Verlangen! Sie wollte sich mitteilen. Sie mußte sich mitteilen, es war so unendlich viel geschehen. Sie war nun ganz zum Krüppel geworden – stumm – zerschnitten! Und das Leben-wollen! Und der Lebensjammer!

»Ruhig – ruhig,« sagte Köppert und legte den Arm um ihre Schulter. Sie lag etwas aufgerichtet.

So hielt er sie. Das that ihr wohl – für einen Augenblick. Dann zog der Jammer wieder über das Gesicht wie ein Regenschauer.

»Ich weiß alles, was Sie denken,« sagte Köppert. »Sehen Sie mir nur in die Augen.«

Und sie sah ihn folgsam an, starr unverwandt, und er hielt ihren Blick aus und las den ganzen bittern Kampf, das ganze Elend, wie in den Augen eines sterbenden Tieres.

Eine große, stumme Beichte. Ihr Körper zitterte, ihre Brust hob sich im Kampf. So saßen sie lange unverändert.

Jetzt kamen die heißen, heißen Thränen, das ganze Gesicht war gebadet. Und er hielt sie und hörte die stumme ernste Beichte weiter. Sein Gesicht war so gespannt, er war so ganz ihr hingegeben, daß sie in Wahrheit mit ihm zu sprechen glauben konnte. Ihr Jammer floß wortlos ganz in seine Seele über und er fühlte jeden Schauer, der sie durchfuhr.

Ganz offen und ehrlich und ohne alles Mitsich-selbst-Verstecken-spielen . . . das war das Weib, das er liebte.

Zermartert, seelisch und körperlich, zu Tode verwundet, ganz aufgegeben und aus dem Leben gestoßen, so lag sie in seinen Armen – und nicht einmal sein eigen. Armselig und stumm wie ein sterbendes Tier. So mußte er lieben lernen.

Raffiniert! Teuflisch! Wenn er das hinsterbende, junge Weib nicht hätte in ihrer Angst und Qual stützen und halten müssen, er wäre aufgesprungen und hätte die Hände ineinander gekämpft, wäre im Zimmer hin- und hergerast im lächerlichen Kampf gegen das Schicksal. Das Schicksal und er hätten es genau miteinander gemacht wie die beiden Kerle an der Türkenkaserne in München: ›Sag Lallenstedt.‹ – ›Lallenstedt‹ – darauf prompt der Schlag. Köppert aber sagte nicht Lallenstedt, trotz aller Aufforderungen des Schicksals nicht, und hielt seinen armen Kameraden behutsam, stützte ihn, damit er besser aufrecht sitzen konnte. Er verbiß seine Qual.

»Ich weiß alles – ich weiß alles – alles,« flüsterte er ihr wieder zu in einem Ton, als spräche er mit seinem totkranken treuen Hund, von dem er keine Antwort erwarten dürfte und den er mit jedem Hauch seiner Stimme trösten wollte. So innig, so naiv – so ganz ihm zugewendet, wie der Mensch zum Menschen den Ton kaum stimmen kann. »Du willst leben – du willst es haben, wie die andern – und besser – jawohl besser – größer und weiter! Du dachtest dir dein Leben wundervoll? Nicht wahr?«

Sie hörte mit großen Augen zu. Er hatte gefühlt, wie sie bei der Anrede zusammengeschreckt war und wie ein reiner Glücksstrahl über ihr Gesicht huschte, für einen Augenblick die Todesbangigkeit verscheuchte.

Dies »Du«! Dies Einander-nah-gerückt-sein!

Jetzt hingen ihre Blicke an ihm wie gebannt.

»Du meinst, es ist jetzt alles aus, kommst dir entsetzlich betrogen vor? Sehr begreiflich. Von solchen Gedanken läßt du dich zerreißen?«

»Ja – ja,« sagten die armen Augen.

»Hör' mich,« sagte er leise, »vielleicht hast du mehr gelebt, als irgend eine andre, und lebst mehr, als irgend eine. Denke – allein seit wir uns kennen: Da ist so ein Mensch gekommen, Tag für Tag, der hat vor dir ausgepackt, was er nur auszupacken hatte, und wie haben wir einander verstanden! Meinst du, so etwas giebt es oft in dieser Welt, da laufen sie aneinander vorüber wie die Tiere, brummen sich etwas zu vom Futter, vom Wetter, von ihrem Befinden! von den besten Weideplätzen – und aus ist's. Wir aber! Denk' doch!

»Und wie verstehen wir uns in Dingen, für die man eigentlich keinen Gefährten findet! Und denk', wie du gewachsen bist. Ich sag' dir's. Erstaunlich. Du bist eine riesig feine Kreatur. Künstler durch und durch. Stell' dir vor, wie sie würgen und hetzen und wie steifleinen es ist, was die meisten zuwege bringen. Denk' nur. Und wie wundervoll wir miteinander gearbeitet haben. Denk' an all das und daß du einen Kameraden hast, – wenn du alles wüßtest! – dem du außer seiner Arbeit das erste menschliche Gut bist. Stell' dir den rapauzigen Waldmenschen vor – und wie gut er's mit dir meint. Na, als wenn das alles nichts wäre.«

Er sprach weiter und weiter. Mit jedem Wort wollte er ihr Trost bringen, vergaß sich selbst, wie eine Mutter, die ihr krankes Kind einwiegen will, der eigenen Müdigkeit vergißt. Er sprach ganz einfach ohne alle Sprünge und Sonderbarkeiten und dachte nur einzig: Sie soll in ihrem Jammer die weiche Hand spüren.

Und sie spürte sie. Mit großen Augen nahm sie seine Worte auf, wie eine verdurstete Pflanze den Regen. Sie fühlte sich sicher bei ihm; wie oft hatte er schon Qual und Jammer von ihr verscheucht, nur damit, daß er da war und mit ihr von Gott weiß was sprach! Und heute, wo er mit seiner heilenden Hand die furchtbare Wunde berührte!

Sie machte ihre Hand jetzt langsam von ihm los und zeigte nach dem Tisch vor ihrem Bett. Da hatte Emil weiße Zettel hingelegt und einen wundervoll gespitzten Bleistift. Köppert reichte ihr, was sie verlangte, und gab ihr auch den Pappdeckel, der als Schreibunterlage nebenbei lag.

Olly hielt die matte Hand lange ruhig, dann schrieb sie mit zitternden Fingern: »Weißt du so noch, mein Kamerad, der Karpfenschlag? Heute nacht und heute morgen – das war mein Karpfenschlag – tief im tiefsten Grund und Schlamm – ganz einsam – vielleicht kommt auch bei mir nun die Weisheit, und daß ich geduldig werde.« –

Köppert nahm ihr den Zettel aus der Hand und las ihn und in den Augen standen ihm die nicht mehr zurückzuhaltenden Thränen. Und er fiel vor ihrem Bett auf die Kniee und küßte ihr die Hände und preßte sie wieder und wieder an die Lippen. Dabei konnte er nicht Herr seiner Thränen werden.

»So ein Esel,« sagte er, »so ein großer Esel!« Und verbarg seinen Kopf in den Kissen. Aber er riß sich aus der Qual und sagte: Wenn du so gut und klug bist, wird alles gut werden.«

Sie schüttelte den Kopf und nahm wieder den Stift in die Hand und schrieb kaum leserlich: »Keine Hoffnung wecken – um Gotteswillen nicht.«

Er las, legte beide Zettel in seine Brieftasche »Nein,« sagte er, »keine Hoffnung und keine Hoffnungslosigkeit. Wir wollen uns an die Gegenwart halten.«

Er setzte sich wieder zu ihr und sie gab ihm beide Hände.

Es wird dämmerig. Der Fensterflügel steht ein wenig geöffnet und unter dem feuchten, grauen Himmel klingt draußen, aus einem Garten herauf, das Amsellied, das die Herzen in den großen Verjüngungsstrom einzutauchen ladet. Sie hören es beide – halten sich an den Händen und hängen mit den Blicken fest aneinander.

Jetzt kritzelte sie wieder auf einen Zettel: »Ein Glück ohne Reu' – alles durch dich, mein Kamerad.«

Er strich ihr über die Hand. Sie solle ruhig, ganz ruhig sein. Die Amsel draußen brach ab – setzte wieder an – die urweltlichen Tönchen wurden leise, wie träumerisch, schwollen an, sehnsüchtiger, banger – seelenbeklemmend. Das wonnevolle Frühlingsweh lag über der Erde.

Die beiden im stillen Zimmer hielten einander immer noch bei den Händen, und sie suchte seine Blicke. Sie lebte von seinen Blicken.

Dann kritzelte sie wieder; aber die eine Hand des Kameraden behielt sie in der ihren und klammerte sich fest daran, während sie schrieb – so fest und bang, als fürchtete sie, daß er gehen würde.

Ja – und er fühlte auch, er durfte nicht gehen. Er mußte nun bleiben. Sei es, wie es wolle. Er dachte, dachte dumpf, wie er es am besten einrichten könnte, er wollte mit Mimm sprechen. Er durfte sie jetzt nicht verlassen. Inzwischen kritzelte sie, langsam, immer ausruhend.

Wenn er nicht bei ihr wäre, wie würde sie nach seinem Trost suchen in ihrer Seeleneinsamkeit! Sie fürchtete sich ohne ihn. Es grauste ihr bei dem Gedanken, daß er gehen würde. Das wußte er – er mußte bleiben.

Sie kritzelte langsam, langsam – draußen das Amsellied.

Sie schaute ihn an, er solle den Zettel lesen.

»Nehmt das Entsetzen von mir, die schwere, nasse Erde – den engen Sarg – das Grausen – die tote Einsamkeit. Begrabt mich nicht!!! Das Feuer ist besser. Verbrennt all das, was so viel sein wollte – so viel! Das unbeschreiblich Lebendige – das Ruhmsüchtige – das Thörichte, das was so gern – so unaussprechlich gern gelebt hätte.«

Er hat gelesen und sieht sie an, treu und fest. Sie kann sich auf ihn verlassen.

Jetzt greift sie nach einem Fläschchen, das neben ihr steht.

»Willst du einnehmen?«

Sie nickt.

»Soll ich's dir geben? Hast du kein Löffelchen?«

Sie hat es schon aus dem Fläschchen getrunken. Jetzt liegt sie still. Köppert wundert sich, daß niemand kommt. Aber es ist gut so.

Die Dämmerung sinkt tiefer und tiefer. Olly wird unruhig, wirft sich hin und her, ihr Blick wird so bang, so unendlich bang. Sie fühlt sich gequält.

Dann wird sie ruhig und der Ausdruck, wie es ihm scheint, fast heiter. Wieder greift sie nach dem Stift und er reicht ihr einen Zettel hin. Sie kritzelt im Halblicht: »Und weißt du – selbst nach dem Karpfenschlag, mein Kamerad, auch wenn der Karpfen ganz ergeben ist, kann doch noch Unverhofftes geschehen. Unser dicker Freund, der Goldkarpfen, hatte alles aufgegeben, seinen Karpfenschlag gemacht – war geduldig geworden – und die Freiheit kam! Ich seh' ihn noch – wie ein Goldstreif, husch, ins freie Wasser – fort war er, und froh und gesund.«

Er liest den Zettel, legt ihn zu den andern in die Brieftasche – und wendet sich ab. Die Thür öffnet sich, Emil kommt leise herein und bringt Licht.

Er schleicht an Ollys Bett. »Ollychen, was hast du denn?« fragt er sonderbar und stellt die verhängte Lampe auf den Tisch.

»Ollychen?« Er fragt ganz ruhig und doch angstvoll.

Jetzt blickt Köppert auf sie hin. Es ist eine Veränderung mit ihr vorgegangen. Die Augen sind halb geschlossen, es liegt etwas Schweres auf ihr – wie eine ungeheure Schläfrigkeit.

»Ollychen, was hast du denn?« fragte Emil wieder.

Sie winkt schwer mit der Hand.

Auf ihrem Bette liegt noch das Fläschchen. Emil greift danach. Er hält es – hält es und schaut – darauf hin. »Es wird ihr doch nicht schaden,« sagte er flüsternd. »Sie hat da aus dem falschen Fläschchen genommen und gewiß wieder getrunken. Das macht sie immer mit aller Medizin. Ihr Schlafmittel – und – ist leer.«

Er giebt Köppert das Fläschchen. Der sieht kühl darauf hin – dann mit einem langen Blick auf seinen Kameraden – und beugt sich über sie und sieht in das Gesicht, über dem der schwere, tiefe Schlaf schon liegt – und sieht auf das, was das Schicksal ihm bisher an Menschenglück geboten – in welcher Gestalt!

Mit Qual beladen – und doch – wochen-, monatelang hatte ihm die Glücksflamme gebrannt. Immer gefährdet, erstickt zu werden, wie eine Flamme, über die giftige Nebel sich legen. Aber sie hatte gebrannt. Es war das echte Feuer gewesen.

Die Riesenfaust hatte über den Berg gelangt und drückte den göttlichen Funken aus. Da war nichts zu machen.

Er erhob sich aus der tiefgebückten Stellung. Und noch ein langer, tiefer Blick auf das Gesicht in den weißen Kissen, für ihn das Gesicht der Gesichter.

In den tiefen Schlaf hat sie das Bild vom geretteten Goldkarpfen mitgenommen, den huschenden Goldstreifen im freien Wasser. Die unverhoffte Freiheit – die Hoffnung. Das war gut so – –

›Merkwürdig, barmherzig!‹, dachte er.

»Ich werde zum Arzt gehen,« sagte Köppert, und ging leise hinaus.

Da saß Freund Gastelmeier vor dem Tisch, die Arme aufgestützt, den Kopf in den Armen vergraben und war eingeschlafen.

Köppert schlich an ihm vorüber.


* * *


Es war alles vorbei, der Tod und das erste Entsetzen, die schreckliche Kiste mit dem Zinnsarg, die Reise – alles.

Über Ollys armen Mimm waren die Wogen zusammengeschlagen, und Köppert saß zu Hause mit seiner Mutter – allein. Die alte Frau strickte.

»Ich erfahr' da,« sagte sie, »du bist bei einer Verbrennung mit dabei gewesen? Durch fremde Leute natürlich erfahr' ich's.«

Köppert saß müde gearbeitet, stumm, und schnitzelte gedankenlos an einem Stückchen Holz. Das fahle, starke Haar, das sein Kamerad geliebt hatte, das unregelmäßige Gesicht, die klugen grauen Augen, die feste leichte Gestalt – die Arbeitskraft von früh bis abend – alles wie zuvor – aber eine Verdrossenheit – eine so schwere Verdrossenheit.

»Du,« sagte die alte Frau, weil sie keine Antwort bekam, noch einmal, »wie war's denn? Es soll ja greulich sein.«

»Gar nicht,« sagte er kurz.

»Du sollst ja alles gemacht haben, alles, und wie sie die Kiste zum Bahnhof gebracht haben. Also eine wirkliche Kiste, – da warst du auch dabei. Wie kommst du denn dazu?«

»Einfach« . . . Er sprach nicht aus, ging im Zimmer auf und nieder, fuhr sich durch den Haarschopf und zuckte mit den Schultern.

»Wie ist es denn?« fragte die alte Frau weiter und strickte, »wie ist denn das mit der Asche? – Wie sieht denn das aus? – Du –? Du erzählst einem auch gar nichts.«

»Wie das aussieht?« fuhr Köppert auf und stand vor seiner Mutter, die Finger ineinander gekämpft, grau, hager, so zugespitzt, sonderbar, so in sich selbst verkrochen.

Die alte Frau strickte weiter, zählte ab und merkte nicht auf ihren Sohn. »Ja, wie ist's denn?« fragte sie noch einmal behaglich unter dem Zählen und steckte sich eine Stricknadel durch die Haube. »Ist's denn eine Blechbüchse – ich hab' so gehört. Wie eine Blechbüchse?«

»Nun ja, Mutter – eine Blechbüchse – verlötet – ganz wie Bohnen – das ist das Ende.«


* * *


Im letzten Winkel des Reiches, dort, wo aus dem bayrischen Algäu die niedrigen Pässe nach Vorarlberg führen, liegt ein Hochthal. Die goldene Frühlingsabendstunde leuchtet darüber hin. Die Herrgottswände strahlen das Licht der untergehenden Sonne zurück. Frühlingswonne in jedem Gras, in jedem Kraut, in jeder Blume, im Moos, in jedem Laut, in jedem Duft. Wie Dankopfer steigt der Odem des neuen Lebens zum Himmel. Die Luft sonnendurchleuchtet. Alles strahlend, funkelnd, jauchzend – lebendig.

Daseinswonne für jede Kreatur. Der Winter vergessen, der Tod vergessen! Leben über Leben?

Es quillt, es strömt, es sproßt und breitet sich aus. Die Gebirgswässer sprudeln und tosen. Die grünen, schwerbelaubten Wipfel wiegen die neue Last. Die schwarze Erde schickt ungezählte bunte, duftende Gestalten zum Tageslicht. Die Welt ist neu – das Leben ist neu. Jeder Atemzug Gesundheit und Freude.

Am Weg, der zum einsamen Gehöft Rohrmoos führt, steht ein Mädchen, blond, rosig – ernst, aber als wären Frühlingskräfte auch über sie ausgegossen. Sie erwartet jemanden. – Den Weg herauf muß er kommen. – Und er kommt. –

Endlich.

Sie hat lange gewartet, lang ausgeschaut. Zwei Wanderer sind an der Wegbiegung aufgetaucht. Jetzt geht sie ihnen langsam und ruhig entgegen.

»Friedel,« sagt sie im warmen Herzenston, als sie bei ihm ist. Helle Thränen stehen ihr in den Augen.

Der Mann findet kein Willkommenswort, er reicht ihr stumm die Hand.

»Friedel,« sagte sie wieder. »Friedel,« so tröstend, so warm: er ist ja heimgekommen!

Jetzt hebt er den Kopf und faßt seinen Begleiter bei der Hand und sagt: »Emil bleibt ganz bei uns oben, der hat auch die Kunst über Bord geworfen.«

Das Mädchen drückt auch diesem die Hand.

Und sie gehen alle drei wortlos durch die lebensmächtigen Frühlingsgewalten, die alle gesunden Kreaturen Winter und Tod vergessen lassen.