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Helene Böhlau – Salin Kaliske

Novelle

Aus: Helene Böhlau, Salin Kaliske, Novellen, J. G. Cotta'sche Buchhandlung, Stuttgart u. Berlin, 1902


Es war vor langer Zeit, an einem Karfreitagabend, die Frühlingssonne glänzte rötlich auf den Firsten hoher Häuser, und mancher, der durch die schon dämmerigen, belebten Gassen Prags ging, sah wohl auf in das Stück schimmernden Himmel hinein, das zwischen den Dächern auf die Straße herunterleuchtete. Die Glocken klangen hoch über allem Getreibe, die Kirchenthüren waren weit geöffnet, und durch die Stadtthore drängten sich die Leute, Männer und Frauen, Buben und Mädchen. Viele von ihnen trugen große Zweige blühender Weide. Sie kamen alle von draußen. Vor dem Thore war der Frühling erwacht, sie hatten sich darob wieder aufs neue gewundert und hatten ihn doch so oft schon kommen sehen.

Mitten durch die heitere Menge ging ein kleiner Bube, unscheinbar und gewöhnlich wie andere auch; nur finster sah er aus, und seine Hände hatte er in die Seitentaschen des Wamses gesteckt.

»Der macht Fäuste,« sagte ein Mädchen, das mit einer Gespielin an ihm vorüberschlenderte.

Der Junge aber kam vom Grabe seiner Eltern. Beide waren in Zeit von drei Tagen verstorben an einem bösen Fieber, das sie plötzlich befallen hatte. Sie waren fast die einzigen gewesen, die davon heimgesucht wurden; darum hatten die Nachbarn die Köpfe geschüttelt, als sie hörten, was dem Michael und der Josepha widerfahren, und hatten so manches gesprochen. Einige unter ihnen gingen, nachdem die Leichen aus dem Hause getragen worden waren, aus Neugierde in die Wohnung der Verstorbenen. Zum Begräbnis war niemand mitgezogen, sie wußten wohl, warum nicht. Die Kirche hatte die beiden Toten verstoßen, sie waren nicht in geweihter Erde begraben worden.

Ihr Heil aber hatten sie selbst verscherzt und nicht auf den Rat von Freund und Nachbar gehört. Nun war es zu spät.

Man hatte es den beiden wohl kaum angesehen, daß sie von jedermann gemieden und nicht geachtet wurden. Sie waren stattlich einhergegangen, nur hatte die Frau ein eigenes, scheues Wesen gehabt.

Der Michael Kaliske war ein Jude gewesen und von seinen Genossen einst wohl gelitten, Josepha ein schönes Mädchen und eine gute Katholikin. Sie stand ganz allein und hatte nur einen Bruder, der war geistlichen Standes.

Nun begab es sich, daß Michael und Josepha sich begegneten und einander lieb gewannen. Sie liebten sich über alle Maßen, doch ihres verschiedenen Glaubens halber konnten sie sich nicht heiraten.

Endlich beschloß Michael, dem Mädchen zuliebe sich von seinem Glauben loszusagen und den Josephas anzunehmen.

Aber Josephas Bruder, der über sie zu bestimmen hatte, trat dazwischen und sagte, daß er es nie und nimmermehr zugeben werde, daß seine Schwester den Juden heirate; auch wenn Michael sich taufen ließe. Michael war vermutlich nicht so willfährig gewesen, wie es der Geistliche gewünscht hatte.

Der Bruder hatte gar viele hohe Freunde, denn er war ein gewandter Mann: da mochten die beiden nun zusehen, wie sie zu einander gelangen konnten. Sie überzeugten sich bald, daß alles Bemühen nutzlos sein würde, und so beschlossen sie, Josepha schweren Herzens, auf den Segen der Kirche zu verzichten. Michael hatte sich schon von dem Glauben seiner Väter losgesagt und war deshalb von seiner Gemeinde verstoßen worden. So zogen sie zusammen in ein ärmliches Haus an der Stadtmauer und wurden von aller Welt scheel angesehen. Sie liebten sich aber sehr und dienten Gott auf eine demütige Weise. Es war beiden, da sie von aller Welt so ganz verlassen waren, als wären sie ihm näher gerückt. Sie fühlten Gottes Schutz. Die beiden Leute hatten ihre eigenen Gedanken, die ihnen die Verhältnisse aufdrängten, in die das Leben sie gebracht hatte.

Als ihnen später ein Sohn geboren wurde, waren sie sehr glücklich, und die Frau hätte gern einmal einer Nachbarin vertraut, wie wohl und gut es ihnen jetzt ginge. Sie mußte es aber für sich behalten, es frug sie niemand danach. Das war ihr ein rechter Kummer.

Sie nannten ihren Sohn Salin, Salin Kaliske; er wuchs und wurde kräftig, war frisch und wohlgebaut und der Vater meinte, er wäre auch ein kluges Kind. Die Nachbarn sahen Josepha und dem Knaben oft nach, wenn sie über die Straße gingen.

Michael Kaliskes Haus war an einen alten Turm angebaut; es lehnte sich an ihn wie an seinen Halt. Es war ein gar verwittertes altes Haus. Hinter demselben, in dem Winkel, den es mit dem Turme bildete, lag ein kleiner Garten, der war von Epheu überwuchert und im Winter wie im Sommer gleich grün, nur daß zur Sommerzeit ein wilder Rosenstrauch darin blühte, den Michael von draußen vor dem Thore mitgebracht hatte. In dem Garten saß Josepha oft mit dem kleinen Salin, und Michael sah von seinem Werkstattfenster – er war Holzschnitzer – zu beiden hinunter. Doch hatte Josepha einen stillen Schmerz, der ihr oft in den Augen zu lesen war, wenn sie auf ihren Sohn niederblickte.

Ehe sie es sich versahen, war aus dem kleinen Kinde ein Knabe geworden mit eigenem Willen, und Josepha hatte von seinen ersten Tagen an gedacht: »Ach, daß er der heiligen Taufe nicht teilhaftig werden soll!« Dieser Gedanke quälte sie mehr und mehr, je älter der Junge wurde. Er war auch noch nie in einem Gotteshause gewesen. Gegen ihren Mann ließ sie ihren Kummer nicht laut werden.

Michael hatte einen gar besonnenen Geist, der sich mit dem Leben gut abfand und sich durch nichts leicht aus der Fassung bringen ließ. Er befand sich recht wohl, und die Vereinsamung und Mißachtung, in die sie sich begeben hatten, trübte den Frieden seiner Seele nicht. Er war auch trotzig und dachte: »Gut, wollt ihr mich nicht, ich brauch' euch nicht.« So ahnte er nicht, wie sehr seine Frau an den heiligen Gesetzen hing, von denen sie sich losgesagt hatten, und wie tief sie der Verlust derselben im Grund ihres Gemütes bekümmerte.


* * *


Es war der Abend vor Salin Kaliskes achtem Geburtstage. Michael war mit seinen Schnitzwaren ausgegangen, um sie zum Verkauf zu bieten. Josepha ging ruhigen, heiteren Gesichtes bald hier, bald dort hin und nahm aus dem Schranke Salins und ihre Feierkleider; bei allem, was sie that, bewegten sich ihre Lippen zum leisen Gebete. Endlich rief sie Salin, der im Garten spielte, zu sich herauf und trat ihm mit Thränen im Auge entgegen: »Ach, Salin,« sagte sie, »mein Kind, Gott wolle dich um deiner Mutter Unrecht nicht strafen.« Indem sie das sagte, weinte sie so heftig, daß der Knabe den Arm um ihren Hals schlang und jammernd rief: »Meine gute Mutter.«

Da trocknete sie die Thränen und sagte: »Es ist schon spät.« Daraus entkleidete sie das Kind, badete es und zog sich und ihm die Feiertagskleider an. Salin verwunderte sich und frug: »Ei, Mutter, was thust du? Ich denke, ich soll zu Bette, und du fängst wieder von neuem an!«

»Ja, mein Kind,« erwiderte ihm Josepha, »komm mit mir und folge deiner Mutter; ich kann dir nicht sagen, was wir thun wollen, denn du verstehst mich nicht. Wir gehen jetzt ganz nah zum Herrgott, das ist etwas sehr Heiliges; sei nur gut.«

Beide gingen schweigend zum Hause hinaus. Schon schien der Mond, und die kalte Herbstluft strich durch die Gassen. Die Mutter zog Salin dicht an sich heran, so daß er ganz geschützt ging. Manchmal fühlte er, wie sie seine Hand drückte.

Endlich traten sie durch eine hohe Pforte in eine dämmerige, wie es ihm schien, unendlich große Kirche ein. Gewaltig klang die Orgel durch den hohen Raum und umbrauste die mächtigen Pfeiler.

»Wo sind wir, Mutter, wo sind wir, laß uns doch fort von hier!« rief der Knabe und klammerte sich an der Mutter Kleid. »Bei Gott sind wir,« sagte sie, weinte wieder und zog das Kind an ihre Seite. Sie zitterte am ganzen Körper und weinte und weinte, daß die heißen Thränen ihr die Wangen hinabliefen. Dann stand sie auf und drückte sich mit dem Knaben an der Hand längs den Pfeilern hin im tiefsten Schatten. Salins Herz klopfte laut; der Ort war ihm unheimlich. »Ach, Salin, was dein Herz klopft,« sagte Josepha; sie hatte es gefühlt. Hin und wieder brannte ein Licht an den Säulen, wo ein Weihwasserkessel hing oder ein Gnadenbild stand; dort sah man Gestalten vorübergehen, die sich beugten, wieder erhoben und weiter schritten.

Jetzt blieb Josepha stehen, ängstlich lauschte sie und blickte scheu um sich; aber nirgends hörte sie etwas. Die Orgel war verstummt, Josepha betete ein Paternoster und ein Ave, gebot dem Knaben, ihr es nachsprechen, aber leise. Darauf tauchte sie die Hand in ein Weihwasserbecken, vor dem sie stand, hieß Salin die Hände falten und besprengte sein Haar und feuchtete seine Stirn mit dem geweihten Wasser. Dann sprach sie folgende Worte: »In Gottes Namen und in seines Sohnes Namen taufe ich dich. – Die heilige Jungfrau möge dich beschützen. – Deiner armen Mutter möge ihr Unrecht vergeben werden. – Mache ihn glücklich, Herr Gott!«

Alles war still umher, Mutter und Sohn hielten sich fest umschlungen. Josepha freute sich erst jetzt ihres Kindes aus tiefstem Herzen.

»Was willst du hier, Josepha?« sagte jemand langsam und ruhig.

Josepha sprang auf, sie war bei Salin niedergekniet. Ein Schrei entfuhr ihren Lippen. Sie preßte Salin hart an sich und rief mit angstvoller Stimme: »Laß uns, laß uns, thu uns nichts. Ach, warum kamst du?«

»Geh von hier,« sagte der Mann, ein Geistlicher, »du gehörst nicht hierher.«

»Ich will hier sein,« erwiderte Josepha, »und du wirst mich nicht vertreiben, nein, du nicht!«

Da streckte der Mann die Hand nach ihr aus und griff sie am Arm, als wollte er sie mit fortziehen. Salin stand aber mit funkelnden Augen, und als er sah, wie der Fremde gegen seine Mutter Gewalt brauchte, sprang er auf ihn zu, klammerte sich an seinen Arm und rief: »Wenn du ihr etwas thust! Meine Mutter gehört hierher; so gut wie andere, die hier im Dunkeln umherlaufen, wird sie wohl auch sein, du Greulicher, du –«

Als er sie noch immer nicht losließ, biß ihn Salin in die Hand, daß der Mann zusammenfuhr und Josepha frei ließ.

»Salin, was thust du, laß den Mann los,« hatte die Mutter inzwischen gerufen.

»Ist das dein Sohn?« frug der Geistliche, schüttelte das Kind von sich ab und wandte beiden den Rücken.

Josepha ging mit dem Knaben langsam zur Kirche hinaus. Ach, es war ihr das alles zu tief ins Herz gedrungen, und eine gar zu lange Zeit hindurch wurde sie nicht wieder froh. Auch Michael, dem sie es erzählte, konnte sie nicht trösten. Es lag so schwer auf ihrem Gemüte. Ach, es wurde nie wieder ganz frei, denn der Tod kam und nahm beide mit sich, den Michael und die Josepha. Den kleinen Buben Salin Kaliske ließ er allein zurück, und darum ging der so finster auf der Straße – denn er kam vom Grabe seiner Eltern, die einsam vor der Kirchhofsmauer lagen.

Er war nicht mit hinausgegangen, als beide in die Erde gelegt wurden. Eine Nachbarsfrau hatte ihn zurückgehalten. An dem schönen Abend vor Karfreitag war er zum erstenmal an den Gräbern gewesen. Ein alter Mann, den er kannte, hatte ihm den Rosenstrauch aus dem Garten ausgraben müssen, den hatte er mitgenommen und auf das kahle Grab gepflanzt. Seine Hände waren noch erdig, als er zurückging. Das war ihm unbehaglich. Er kannte das Gefühl, und er hatte sich immer sehr davor gehütet. – Er hatte das von der Mutter, die immer ein Schauer überlief, wenn ihr bei der Arbeit im Gärtchen die Erde an den Fingern trocken wurde. Er ging seines Weges, ohne rechts und links zu sehen, und verbarg sorgfältig seine erdigen Hände, die ihn fast schmerzten. Geradenwegs wollte er nach Hause gehen, der führte ihn aber an einer Kirche vorüber und er dachte: »Ob es wohl die ist, in der ich mit der Mutter war?« Er trat ein, ging eine Weile darin umher und machte große Augen. Da gewahrte er einen Mann, der vor einem Marienbild kniete und zu dem Bilde sprach, wie das Salin bei der Mutter oft gesehen, die in ihrer Kammer so ein Bildnis stehen hatte, das ihr von Michael kunstreich geschnitzt worden war. Er blieb stehen und schaute den Mann an, trat auch leise immer näher, ob er wohl hören könnte, was der Fremde dem Bilde zu sagen habe; aber er verstand kein Wort, soviel er auch lauschte und so nahe er schlich; es waren ihm fremde Laute, das ärgerte ihn und er wandte sich in Ungeduld ab. Im Weggehen sagte er: »Das ist ja gar nichts, was du da sprichst.«

Da fuhr der Fremde in die Höhe und sah den kleinen Knaben dicht neben sich stehen. Er schien darüber verwirrt und fuhr das Kind hart an. Salin verstand nun mit einemmal gar wohl, was der Fremde sprach. So sprach er: »Sag mir, Bube, was soll das sein, andächtige Leute zu stören mit Narrenspossen? Du bist ein kleiner Unverschämter.«

Salin ward rot und verlegen, wagte nicht davonzulaufen und blickte zur Erde. Der Fremde sprach freundlicher: »Sag mir, Kind, wer sind deine Eltern?«

»Tot sind sie,« antwortete Salin. »Das konntet Ihr auch wissen,« und seine Augen füllten sich mit Thränen.

»Du armer Bursche,« begann der Mann wieder, nahm aus seinem Wams ein Silberstück und reichte es Salin. Der streckte aber nicht die Hände danach aus, sondern verbarg sie nach wie vor in seinen Seitentaschen.

»Willst du es nicht? Warum zeigst du deine Hände nicht, hast du vielleicht etwas Schlimmes daran?«

»Ja, sie sind voll Erde.«

»Du kleiner Narr,« rief der Fremde lachend. »Sag mir, wünschest du etwas, ich will es dir thun.«

»Ja,« sprach Salin, »hebt mich zu dem Brunnen an der Ecke, ich möchte mir die Hände waschen und reiche nicht hinauf.«

Der Mann ging mit ihm und hob den Jungen zu dem fließenden Wasser des Brunnens empor; der wusch sich eifrig seine Hände und der Fremde trocknete sie mit seiner Schärpe ab, die reich gestickt und von gutem Stoffe war, wie seine ganze Kleidung. Dann trennten sich beide und jeder ging seines Weges. Als Salin nach Hause kam, hörte er in seiner Eltern Zimmer heftiges Reden. Er öffnete die Thüre und sah einige Nachbarsleute. Die Männer saßen auf der Bank, die rings um den großen Ofen ging. Die Weiber standen an dem offenen Schrank. Auf der Diele lagen der Mutter Kleider und noch allerlei, was Josepha wohl bewahrt hatte. Als Salin eintrat, frug er: »Was thut ihr da?«

Sie antworteten: »Wir beraten, was mit dir und den Sachen da werden soll.«

Er ging aber auf ein junges putzsüchtiges Weib zu, das seiner Mutter goldgewirktes Käppchen und ihre breite silberne Kette angelegt hatte. Das Käppchen hielt sie eben vor sich hin, sie hatte es abgenommen, als das Kind eintrat. Jetzt nahm Salin es ihr aus den Händen.

»Das ist der Mutter und nicht dir,« sagte er ruhig und legte es wieder in den Schrank. Da wurde das junge Weib feuerrot und löste auch die Kette vom Halse, die fiel klirrend zu Boden.

»Du Affe,« sagte ihr Mann und trat zu ihr heran, »was rührtest du auch daran.« Darauf begann sie zu weinen und ging zur Thür hinaus.

Der alte Mann trat hervor, der Salin schon den Rosenstock ausgegraben hatte, und sagte: »Sie haben beschlossen, da sie dich nicht in ihrer Mitte verkommen lassen wollen, daß du jemand übergeben werden sollst mit all dem wenigen, was deine Eltern dir hinterließen, und mich haben sie dazu gewählt, ist dir das recht?«

»Nein,« sagte Salin. »Aber hebt mich bis an das Kreuz über der Thür.« Der Alte that es, und der Knabe griff an das Holzkreuz, als wollte er es herabnehmen. Da öffnete sich ein Thürchen zu einem kleinen Schranke, der in die Mauer eingelassen war, und Salin nahm einen Brief und ein Beutelchen mit Geld heraus und machte ein gar wichtiges Gesicht, daß eine der Frauen lächelnd auf ihn hinwies.

»Das that der Vater für mich hinein, als er krank wurde.«

Ein Mann, der des Lesens kundig war, öffnete den Brief und las den anderen vor, daß Michael Kaliske denjenigen, der nach seinem Tode, wenn das Kind einmal allein stehe, den Brief zu Händen bekäme, bäte, doch um Gottes willen seinen Sohn Salin Kaliske nach Ostrowo in Polen zu seiner Schwägerin Barbara Kaliske zu senden. Das Geld zur Reise sei in dem Beutelchen gespart.

Allen war das recht, und bei nächster Gelegenheit sollte Salin nach Ostrowo gebracht werden. Bis dahin aber kam er unter die Obhut des alten Mannes, der sich seiner annehmen wollte.


* * *


Kasimir Jaskulek, der Alte, war Türmer, und der kleine Salin, den er mit samt dem geringen Erlös der Habseligkeiten Michaels und Josephas aufgenommen hatte, erstaunte, wie weit und groß die Welt war, als er vom Turme ausschaute. Kasimir Jaskulek winkte nachlässig mit der Hand über das Geländer hinaus nach der großen Moldaubrücke, nach fernen Wäldern, ziehenden Wolken und zeigte Salin die wimmelnden Menschen. Alles, was er sah, erschien dem Jungen gleich nah und alles war gleich unerreichbar. Das verwirrte ihn.

»Sieh,« sagte der Alte einmal schmunzelnd, »das ist alles mein eigen, was da rings zu sehen ist.«

»Alles?« frug Salin, »das glaub' ich nicht, vielleicht etwas, ganz wenig?«

»Nein, das glaub nur,« beteuerte der Alte, und das Kind sah ihn verwundert an.

»Sieh,« sagte Kasimir nach einer Weile und lehnte sich über des Turmes Brüstung, »dort das Haus mit dem großen, breiten Schornstein und der Wetterfahne darauf, du wirst es sehen, wenn du nur immer geradeaus blickst.« Salin sah nach der Richtung, die ihm der Alte angab, und fand das Haus.

»Ich hab' es,« rief er, »hier, siehst du?« –

»Ja so,« sagte Jaskulek und schnalzte mit der Zunge. »Da wohnt die fette Ursula, eine Base von mir, einer Hochwürden Köchin, die baut Kohlköpfe hinter dem Haus im Garten, die außerordentlich saftig sind und so groß, wie die Turmknöpfe; aber glaubst du, daß sie mir einen davon zukommen ließ?«

Salin schaute erstaunt zu dem glänzenden Turmknopf in die Höhe, der noch wohl vierzig Fuß über ihnen leuchtete.

»Jaskulek,« sagte er, »ich glaube, du lügst. Warum nimmst du nicht davon, wenn sie so gut sind und so sehr groß. Sie werden doch auch dein sein, wenn dir alles gehört.« Jetzt lächelte Salin schlau. »Oder ist nur dein, was du siehst? Den Kohl kannst du nicht sehen, weil er hinter dem Hause ist.«

»O du Narr,« rief Jaskulek, »glaubst du denn alles? Man vergißt auch immer, wie dumm sie sind, die Kinder. – Verstehst du denn keinen Spaß – der Tausend, bist du ein Kerl!«

Mit diesen Worten stieg er die glattgetretenen Sprossen einer Leiter hinauf, die zum Glockenstuhle führte. Es war gerade die Zeit zum Abendläuten, und so läutete er nach gewohnter Weise.

Salin Kaliske saß noch ein Weilchen nachdenklich auf einem Haufen zerbröckelten Schiefers, den Jaskulek sorgsam zusammengetragen hatte, als die Dachdecker dagewesen waren. Der Alte sammelte alles, was sich sammeln ließ; zum Glück hatte er auf dem Turme nicht viel Gelegenheit dazu; aber immer brachte er, wenn er von seinen Gängen zurückkehrte, etwas mit heim, was er unterwegs gefunden. Besonders erfreute ihn ein altes Hufeisen, ein Schuhnagel, und alle zwei, drei Jahre trug er einen bestimmten Kasten voll davon zu einem bestimmten Grobschmied.

Salin saß also nachdenklich auf dem Haufen Schiefers. Es war ihm recht beklommen ums Herz. Denn in dem Stündchen der Dämmerung überkam ihn jedesmal die Sehnsucht nach seiner Mutter. Es wurde ihm immer trauriger und banger zu Mute. Jaskulek kam die Leiter wieder herabgestiegen.

»Komm mit, Salin,« sagte er und nahm den Jungen an der Hand. Sie gingen in die Turmstube. Dort hingen in einer Ecke Bindfäden, kurze und lange, und Jaskulek wählte einige und nahm sein Messer, auch ein Stück Holz. Mit diesen Gerätschaften gingen sie auf den Kirchboden. Der Alte setzte sich dort an eine Dachluke, durch welche die Abendsonne breit und flimmernd hereinschien; eifrig begann er zu schnitzen, die mitgebrachten Fäden zu drehen und ineinander zu knüpfen. Dann befestigte er das Geschlinge vor der Dachluke. »So, wir sind fertig, Salin,« sagte er. »Thue nun einmal dein Fingerchen hier in die weite Schlinge und rühre ganz leicht an den Faden; du wirst sehen, was da geschieht.«

Zaghaft steckte Salin seine Hand in die Schlinge und that, wie ihm Jaskulek geheißen hatte. Da sprang ein Holzpflöckchen ab, welches die Bindfäden straff gehalten hatte, und Salins Hand war gefangen. Freilich löste er sich schnell und schluckte mit der befreiten Hand in der Luft.

»So leicht wird es denen nicht werden, die morgen in die Schlinge geraten,« sagte Jaskulek und streute ein paar Brotkrumen vor die Dachluke. »Das ist für die Tauben.«

»Warum denn das jetzt, wo sie nicht da sind?« »Nun, du wirst es ja sehen, Salin.« Am anderen Morgen, als der Junge in der Turmstube erwachte, suchte er nach Jaskulek und konnte ihn nicht finden.

»Der wird auf dem Kirchboden sein,« dachte er und ging die Stiege herab. Richtig, da war er und machte sich an der Dachluke zu schaffen, in die er am vergangenen Abend die Schlingen gehängt hatte. Salin schlich näher und sah, wie der Alte einer Taube, die zitternd in der Schlinge zuckte, den Faden fester zog, in dem sie das Köpfchen verwickelt hatte, bis ihr der letzte Atem ausging.

»Das ist ja eine von den Tauben, die auf dem Kirchdach sitzen,« rief Salin erregt und that den Händen Jaskuleks Einhalt.

»Nun, was schadet das,« sagte dieser, »es gibt ihrer genug.«

»Sie ist so schön. Schau nur, wie ihr das Köpfchen herunterhängt. Warum hast du das gethan?« Salins Stimme zitterte, als er das sagte.

»Ach was,« fuhr Jaskulek auf, löste die schöne graublaue Taube aus der Schlinge, nahm sie an den Flügeln und ging mit ihr davon. Der Junge folgte ihm langsam und sah, wie der Alte mit der Taube in das Turmzimmer ging und die Thür hinter sich zufallen ließ. Salin blieb draußen und wagte nicht hineinzugehen. Nach und nach aber ging die Thür von selbst wieder knarrend auf und er sah, wie Jaskulek im Gemach stand, die Taube säuberlich rupfte, sie zubereitete und mit Speck umwickelte, den er aus dem alten Schranke nahm, wie er das Feuer anfachte, den sauberen Braten an den Spieß steckte und zu drehen begann. Es duftete und brotzelte gar lieblich. Gedankenlos lehnte sich Salin an das Turmgeländer und hörte, wie Kasimir behaglich ein Lied summte.

»Ei, Salin, so komm doch und hilf mir,« rief plötzlich Jaskulek. »Siehst du nicht, wie ich mich abmühe?« Salin trat in das Gemach, mit ihm aber fuhr ein Windstoß herein und zerstreute die Federn, die auf dem Herde geschichtet lagen. Der Wind trieb sie in das Feuer, und es roch brenzlich. Da sammelte der Junge die schönsten, die auf den Boden gefallen waren, that sie in sein Wams und ging wieder an das Turmgeländer, von wo aus er sie mit großem Wohlgefallen, eine nach der anderen, auf die Straße niederstiegen ließ. Dann suchte er sich die beiden Flügel, band sie an ein Fädchen, ließ sie im Winde flattern und schwenkte sie hin und her – ließ sie nach einem Weilchen auch vom Geländer herabstiegen und blickte ihnen nach. Dies sah ein Nachbar, der lang aufgeschossene Sohn einer armen Witwe, der um Tagelohn arbeitete und ein kümmerliches Leben führte; der hielt sich zu seiner Freude ein paar Tauben, und wie die Federn vom Turme flogen, ging er gerade vorüber.

»Ei, was der alte Turm sich mausert,« sagte er zu einem Gesellen, der mit ihm ging, und bückte sich eine der Federn aufzuheben, da war es ihm, als erkenne er die seiner graublauen Taube, die sich täglich mit den anderen auf dem Kirchdach sonnte.

»Sieh nur,« sagte er erregt zu seinem Kameraden und nahm die Flügel auf, »da hat der Türmer meine Taube gerupft – du kennst ihn nicht, ich sage dir aber, das ist er im stande, das ist ihm zuzutrauen.«

»Das wäre!« rief der andere Geselle; »aber du wirst wohl das Maul nicht aufthun; ich möchte dich hören, wenn du den wohlgenährten Jaskulek zur Rede stellst.«

»Weiß Gott,« rief der lang Aufgeschossene und riß die verbundenen Federn auseinander. »Weiß Gott, er hat sie mir gerupft. Ich gehe hinauf zu ihm, das wirst du sehen.«

»Ja, geh nur,« höhnte ihn der andere, »geh nur! Hier ist die Thür!«

»Ich gehe, warte unten!« Und der Bursche ging, wendete sich noch einmal zögernd um und stieg dann langsam die Treppe hinauf. Oben angekommen, blieb er zaghaft in der Thür stehen, die zum Turmzimmer führte, und sah, wie Jaskulek mit Eifer die Taube, die im besten Braten war, am Spieße drehte, ohne seiner gewahr zu werden. »Turmwächter,« begann er endlich mit heiserer, gedrückter Stimme: »Ihr macht es Euch recht bequem, armer Leute Tauben zu braten.«

»Was ist das, was soll das sein?« ließ ihn Jaskulek hart an, nahm aber, als er ihn erkannte, erschreckt und verwirrt seine Kappe ab und stülpte sie wieder auf.

»Da hat mir der Bursche die Federn heruntergezettelt – Ah, du –.« Er trat auf Salin zu, doch vor Ärger blieb ihm, was er sagen wollte, im Halse stecken. Er hob ein Stück Holz, das auf der Erde lag, gegen Salin auf, der sich ängstlich mit vorgestreckten Händen in eine Ecke gedrückt hatte. »Über die Schande, über die Schande für mich armen alten Mann!« rief der Türmer laut, »und das verdank' ich dir, du – du Unglück! Geh, pack dich, – pack dich! geh, oder ich –« und er machte eine drohende Bewegung mit dem Holzscheite, das er immer noch in der Hand schwang – »geh, geh nur, geh nur gleich,« rief er wieder erregt und trieb Salin vor sich her bis an die Thür zur Turmtreppe. Der Junge sprang wie nicht klug die Stufen hinab, denn der Alte ängstigte ihn nicht wenig. Als er aber tief unten auf der Turmtreppe stand, das Lärmen aufgehört hatte und nur noch sein Herz von der ausgestandenen Furcht hämmerte, da blickte er nach dem Glockenstuhl in die Höhe. Er war noch nie bis ganz hinauf gekommen und hatte Jaskulek so oft gebeten, ihm die Leiter anzulegen. Der hatte ihn immer auf kommende Tage vertröstet, und nun ging er und dachte nicht daran, zurückzukehren, und unbewußt schlich sich das Gefühl, welches der unaufhaltsame Wechsel der Begebenheiten mit sich bringt, in sein Herz, und er begann zu weinen.

So trennten sich Salin Kaliske und Kasimir Jaskulek und sahen sich nicht wieder.


* * *


Salin eilte jetzt mit großer Hast durch die Straßen, wohin, wußte er nicht; aber er lief in die Kreuz und Quer, ohne zu ruhen. Als er durch eine Gasse ging, trat aus einem dumpfen Waffenladen der Fremde, der Salin zum Brunnen emporgehoben hatte. Er sah ihn auf sich zukommen, verbarg sich aber hinter einem Eckpfeiler und ließ den Fremden, ohne zu wissen, was er that, an sich vorübergehen. Der bog in eine andere Straße ein. Salin sah ihm sehnsüchtig nach und stand nun ganz allein. Da begann es zu läuten, und er sagte zu sich: »Das wird Jaskulek sein. Es wundert mich nur, daß er in seiner Bosheit nicht vergessen hat, zu läuten – es klingt auch danach, wie er darauf loszieht – der.«

Nun machte Salin sich wieder ans Laufen; den ganzen Tag fand er keine Ruhe; oft kam er wieder und wieder an denselben Fleck, den er eben verlassen hatte. Ihn hungerte, und er war sehr ermattet. Da kam er abends spät an seiner Eltern Haus. Er versuchte, ob die Thür wohl aufging; aber sie war verschlossen, wie auch die Holzläden vor den Fenstern. Es sah gar trübselig aus, da, wo sonst am Abend ein trauliches Licht gebrannt hatte. So ging er in den Garten und schlüpfte durch das mit Epheu überwachsene Fenster, das keines Ladens bedurfte, und durch das er so oft aus kindlicher Freude am Absonderlichen in das Haus gedrungen war. Auch heute nahm er diesen Weg; aber wie anders betrat er die altbekannten Räume. So müde und hungrig war er, daß ihn keine Trauer überkam. Wie er es sonst gewohnt war, ging er in das Schlafzimmer, da hing noch an einem Nagel seiner Mutter Arbeitskleid, nach dem niemand Verlangen getragen hatte. Das nahm er herab und breitete es auf den Fleck, wo sonst sein Lager stand, doch wußte er es nicht, daß er also that und sich sein gewohntes Eckchen aufsuchte, denn seine Sinne waren von großer Müdigkeit verwirrt, und er schlief fest und ruhig auf seiner Mutter Kleid.

Als er am anderen Morgen erwachte, war es noch sehr früh, der Hunger aber ließ ihn nicht mehr schlafen. Er stand auf, schlüpfte wieder durchs Fenster und lief die Straße auf und nieder, denn es war kalt, und seine Glieder waren halb erstarrt. Die Läden wurden geöffnet, und die Bäcker legten ihre duftenden Brötchen vor die Fenster. Bei diesem Anblick konnte Salin nicht widerstehen. Er griff zu, erfaßte eines derselben und lief damit davon, so schnell er konnte. – Ein gar gelenker Bube war er, und in seinem Herzen sah es bei diesem Diebstahl ganz friedlich aus. Er brauchte notwendig Nahrung und nahm sie. Sie bot sich ihm dar in verlockender Gestalt, und ihr Anblick erfreute ihn, wie es die Strahlen der Aprilsonne thaten, die über die Häuser in die dämmerigen Straßen hinabschienen. Seine Mutter hatte ihn zwar gelehrt: »Du sollst nicht stehlen,« unter einem Dieb aber stellte er sich etwas ganz anderes vor: einen bei Nacht und Nebel schleichenden Mann; und wunderlicherweise dachte er sich diesen mit einer hohen, spitzen Mütze. Gott weiß, wie er zu dieser Vorstellung gelangt war. Im stillen sagte er sich, daß ihn die Bäcker prügeln würden, wenn sie ihn erwischten. Sie erschienen ihm insgesamt als seine Feinde, und das verstärkte noch sein freudiges Gefühl, sie überlistet zu haben. Er freute sich, indem er das warme Brot aß, am Vollgefühl seiner Kraft.

Nun trieb er sich den Tag in den Straßen umher, ging hinaus vor das Thor, denn er hatte Furcht, Jaskulek oder einem Nachbar zu begegnen, und draußen vergnügte er sich, legte sich ins Gras unter einen Baum und schaute vor sich hin in den schönen prächtigen Frühlingstag hinein, bis er einschlief. Erst am Nachmittag erwachte er.

Da trieb es ihn in die Stadt zurück, und er ging trübselig durch die Gassen und kam sich sehr verlassen vor, so daß ihm das Weinen nahe war. Als er so seines Weges ging und nicht wußte, wo ein und aus, schaute er sich um, zu sehen, wo er eigentlich wäre; da stand er vor dem kleinen Waffenladen, aus dem er gestern den Fremden hatte heraustreten sehen. Traurig setzte er sich nieder auf die Stufen, die zu dem Laden führten, um auszuruhen.

So hatte er eine Zeitlang gesessen, als er wieder den Fremden auf sich zukommen sah; der schritt die Stufen hinan, um zu dem Waffenschmied zu gehen. Da gewahrte er den Knaben und sagte: »Mein Junge, finden wir uns endlich doch wieder! Um deinetwillen allein habe ich hier noch verweilt. Willst du mit mir gehen?«

Salin sah den Fremden verwundert an und sagte leise: »Ja, der alte Jaskulek hat mich davongejagt; ich weiß nicht, zu wem ich gehen soll.«

Da schaute der Fremde lächelnd auf ihn nieder. «Wie heißt du?« frug er.

»Salin Kaliske.«

»Salin, Salin Kaliske,« wiederholte der Mann, als wollte er den Namen auswendig lernen – »Salin Kaliske.«

»Und du?« frug Salin.

Der Fremde lachte und sagte: »Michael Madry.«

»Michael hieß auch mein Vater,« erwiderte das Kind schnell, »ich gehe mit dir.«

»Gut, so komm mit in den Laden.« Beide traten ein und gehörten von jetzt an für eine lange Zeit zu einander. Ein schmächtiges Männlein kam ihnen entgegen und verbeugte sich ehrfurchtsvoll. Der Laden war dumpf und voller Eisen, Waffen aller Art, Stangen und Werkzeuge. Das Licht fiel durch kleine, grünliche Fensterscheiben in den dunklen Raum und gab ihm ein unheimliches Ansehen. Salin wich nicht von der Seite seines Beschützers. Der zog seinen Beutel und zählte dem Männlein eine beträchtliche Summe Geldes auf.

»Hier, Meister,« sagte er, »doch müßt Ihr mir an der Scheide noch eine Änderung machen.« Er zog ein Messer mit prächtig gearbeitetem Griff aus seinem Gürtel und wies dem Händler ein Ringlein, das nicht an der rechten Stelle saß. »Heut abend noch,« fügte er hinzu, »müßt Ihr mir es schicken, denn morgen mit dem frühesten reise ich.«

Jetzt trat er mit Salin wieder zur Thür hinaus, faßte ihn an der Hand und ließ ihn nicht los, als wäre ihm mit dem Jungen eine seltene Gabe zu teil geworden.

»Du mußt nun auch ein gutes, tüchtiges Kleid haben,« sagte Madry, und sie gingen zusammen in ein hohes Haus. Dort wohnte ein Schneider, der sprang eilfertig von seinem Sitze und zeigte auf Madrys Begehren allerhand zierliche Wämslein, die er gefertigt hatte. Keines von allen war dem Fremden recht, obgleich sie Salin sehr behagten. Endlich fand sich eines aus Hirschleder, ein weniges mit rotem Sammet verbrämt. »Das ist das richtige,« sagte Madry, »nehmt es, Meister, und trennt den Sammet ab, dergleichen paßt für uns nicht.«

Was Madry wünschte, geschah unter Salins heimlichem Bedauern, und der Schneidermeister zog, als er fertig war, Salin das Wams gleich über, damit er anständig neben seinem Beschützer einhergehen konnte. So zogen sie wohlversorgt in die Herberge, in welcher Madry wohnte. Dort wurden eiligst Anstalten zur Abreise getroffen.

Madry verkehrte mit einem vertrauten Diener in einer Salin unverständlichen Sprache. Bald aber erfuhr Salin, daß sie polnisch redeten, und Madry sagte, diese schöne Sprache solle ihm vertraut werden. Das begriff Salin nicht recht.

Am frühen Morgen brachen sie auf. Madry hob den Knaben zu sich auf sein Pferd und hieß ihn, sich an den Mähnen festhalten, da er Salins Angst bemerkte.

»Ei, Salin, nur nicht ängstlich. Du mußt die Pferde lieben lernen, es sind gar kluge Tiere.« Indem er das sagte, bog er sich über Salin hin und klopfte seinen mächtigen Grauschimmel, der mutig mit dem Kopfe schüttelte und aus dem Wirtshausthore hinaustrabte. Durch die stillen Straßen ging es; der verschlafene Wirt, der ihnen Hilfe geleistet hatte, sah ihnen noch eine Weile nach und ging dann schlurfend in das Haus zurück. So ritten sie zum Thore hinaus, aus Salins Vaterstadt. –

Die Reiter streiften an Dörfern und Höfen vorbei und über unwirtliche Heiden hin. Oft ruhten sie nachts in elenden Herbergen. In ganz einsamen Gegenden mußten sie ihren Schutz im Walde suchen. Es war empfindlich kalt, denn die ersten Tage des Mai waren rauh. Salin aber hatte an allem eine große Lust. Er half das Holz mit schichten, um im Walde ein Feuer zu nähren, ließ sich von Madry zum Pferde emporheben und streichelte dem Tiere die schöne lange Mähne, liebkoste es dabei mit polnischen Schmeichelnamen, die er sich von Madry hatte lehren lassen, da dieser ihm befohlen, nur polnisch mit dem Tiere zu reden. Madry begann auch schon auf dem weiten Ritte, Salin gleichsam zum Zeitvertreib Wörter aus seiner Sprache zu lehren, die Salin ihm wieder und wieder nachsprechen mußte und nach denen er ihn dann frug.

Salin war gut aufgehoben in der Obhut dieses Mannes, und Gott mag wissen, wie es dem durch den Kopf gefahren war, sich des Jungen anzunehmen und seinetwegen länger, als er vorgehabt, in Prag zu bleiben; aber er hatte den kleinen Verlassenen, nachdem er ihn zum erstenmal gesehen, nicht wieder aus den Gedanken los werden können und vergnügte sich jetzt damit, für ihn zu sorgen. Des Nachts sah er nach dem Schlafenden, hüllte ihn fester ein und schien seine Freude an dieser väterlichen Sorge zu finden.

Jeden Abend, ehe er sich niederlegte, mochte es auf freiem Felde oder unter Dach und Fach sein, kniete Michael Madry nieder und sprach mit dem Knaben ein Paternoster. Nach dem Schlusse des Gebets aber wiederholte er immer dieselben Worte und ließ sie auch Salin nachsprechen.

»Herr Gott,« so sprach er, »räche mich an meinen Feinden und laß sie des ungerechten Gutes nicht froh werden!« Der Diener Josky hielt dabei andächtig seine Mütze zwischen den Fingern und sagte mit gedrückter Stimme: »Amen, ja, das möge geschehen!« Salin aber verstand nicht, was es zu bedeuten habe.

Schon waren sie manchen Tag unterwegs, denn langsam kamen sie nur vorwärts, da die Wege immer ungangbarer wurden. Die Reise begann für Salin beschwerlich zu werden und sein Freund hatte gar viel zu thun, ihn zu trösten, was ihm nicht immer gelang, denn die feuchten Wälder und die grauen Frühlingsnebel, die aus den weiten Sümpfen aufstiegen, waren gar trübseliger Natur und auf den öden Steppen, die sie durchritten, hob sich oft vor ihnen ein Krähenschwarm vom Grunde und flog kreischend über sie hin. Krähen aber bringen Unglück, so hatte Salin gehört, darum fürchtete er sich vor ihnen. –

Heut aber achtete Madry nicht auf die Klagen seines Gefährten, nicht auf die Schritte seines Pferdes, nicht auf den Regen, der oft, vom Winde gepeitscht, hinter ihnen herfuhr. Sie waren die Nacht in einer einsamen Herberge untergekommen. Madry hatte sich gar wild auf seinem Lager umhergeworfen. Die Luft in der Wirtsstube war dumpf und heiß gewesen und kein Schlaf wollte ihn zur Ruhe kommen lassen. Von der Unruhe Madrys war auch Salin erwacht und frug: »Was ist dir, Madry?«

»O Salin,« hatte der, gesagt, »du weißt nicht, was mich plagt. Soll ich vorüberreiten oder nicht?« Damit warf sich der Mann wieder hart auf sein Lager zurück.

Salin hörte ihn noch laut stöhnen, beruhigte sich aber und war bald wieder sanft eingeschlafen. Madry aber lag mit offenen Augen die ganze Nacht und mußte wohl Schweres leiden.

Sie konnten erst gegen Mittag aufbrechen, denn es war ein unwirsches Wetter und stürmte gewaltig. In der räucherigen, schmutzigen Herberge war es auch unerfreulich. Sie hatten am Kamin gesessen und sich gewärmt für den langen Ritt, der vor ihnen lag; aber der Wind war durch den Schlot gefahren und hatte Ruß und Rauch in das niedere Gemach getrieben. Als endlich Regen und Sturm nachließen, da hatte Josky schon die Pferde gezäumt, und der Ritt war vorsichtig weiter gegangen, aber schweigend und trübselig. Salin wagte nicht zu fragen, was Madry so schwer bekümmere, und Madry redete kein Wort. Sie ritten durch Kiefernwald und Heide; alles triefte vor Nässe; die starren Zweige, die Luft, der Boden waren in tropfenden Nebel gehüllt.

Gegen Abend kamen sie aus dem Walde; vor ihnen lag auf freiem Platze ein gewaltiges Herrenhaus, ein viereckiger, massiver Bau, ohne jede Gliederung. Um das Herrenhaus herum lagen die Hütten der Leibeigenen verstreut. Der Sturm fuhr darüber hin, und die Tannen schüttelten ihre nassen, wuchtigen Wipfel. Das Haus lag stumm und einsam da, kein Licht schimmerte aus den Fenstern; nur ein kleiner Anbau, der sich an das Hauptgebäude lehnte, war matt erleuchtet.

Madry und Josky hielten ihre Pferde an. Niemand sprach, und Madry schien ganz versunken und erstarrt zu sein. Josky stieg vom Pferde, näherte sich seinem Herrn und küßte ihm tief aufstöhnend den Saum des Wamses.

»O Herr,« rief er laut, »o Herr!« und seine Stimme war von Schluchzen und Seufzen ganz erstickt.

»Still!« sagte Madry und bog sich zu Salin nieder. »Das war meine Heimat, Salin,« sagte er.

»Wir gehen hinein!« rief er Josky an und sprang aus dem Sattel. Josky hob Salin herab, führte die Pferde tiefer in den Wald zurück, band sie an einen Baum und ging darauf vor Michael und Salin her, dem Hause zu. Alles geschah, ohne daß jemand ein Wort redete.

Das große Thor, an dem sie hinschlichen, war fest geschlossen. Josky huschte daran vorüber, immer vor ihnen her und blieb endlich vor einem kleinen Pförtchen stehen, drückte auf das Schloß, hob eine Klappe, unter der ein Riegel versteckt war, und die Thür ging auf. Vorsichtig lugte Josky durch die Spalte, geräuschlos und behutsam traten alle drei über die Schwelle, durchschritten einen dunkeln Gang und waren im Schloßhof. Nur in dem Wächterhaus brannte Licht, und wüster Lärm drang ihnen daraus entgegen.

»Rasch, rasch,« flüsterte Madry.

Sie schlichen an der Mauer des Herrenhauses hin, immer weiter, fast rings um den mächtigen Bau herum. Vor einer kleinen, engen Thür in einem ganz entlegenen Winkel, der von Strauchwerk halb verdeckt war, machte Madry halt, nestelte an seinem Wams und zog ein Lederbeutelchen hervor, welches er an einer Schnur um den Hals trug. Das verbarg einen zierlich gearbeiteten Schlüssel, den hielt er am äußersten Ende vorsichtig mit den Fingerspitzen, als könnte er ihm unter der Hand zerbrechen. Die Wolken zogen über den Mond und ließen ihn wieder frei. Der Lärm der betrunkenen Knechte im Thorwarthaus drang in abgerissenen Lauten zu ihnen herüber.

»Herr,« sagte Josky zu Madry, »die machen sich gute Tage, ehe der neue Schloßherr kommt.«

»Wer ist der Schloßherr?« frug Salin leise, aber Madry schwieg.

»Hier steht der Schloßherr« – und Josky zeigte ehrerbietig auf Madry – »aber sie haben es meinem Herrn genommen und haben es einem gegeben, der bei Hofe ist. Das ist ein Nimmersatt, der soll es nicht haben.«

»Er soll es auch nicht haben,« sagte Madry, »bei Gott, er soll nicht!«

Er wandte sich zum Pförtchen und tappte mit der Hand am Holzwerk hin und her, bis der Schlüssel faßte. Die Thür ging auf, und sie traten in tiefe Dunkelheit. Madry verschloß von innen wieder sorgfältig und tastete nach Salin, drückte ihn fest an sich, und nun ging es durch dunkle Gänge, Trepplein auf und nieder; es wollte kein Ende nehmen. An verschiedene verschlossene Thüren kamen sie, die Madry zu öffnen verstand; aber seine Hände zitterten und legten sich starr und kalt um Satins Handgelenk, dem es in der dunkeln fremden Umgebung vor seinem Freunde graute. Endlich schien der schlimme Weg ein Ende zu nehmen. Sie traten in ein hohes Gemach, in das der Mond durch ein einziges hochgelegenes Fenster schien; aber es ließ sich noch nichts unterscheiden, nur so viel nahm Salin wahr, daß es kein leerer Raum sei, denn verschiedentlich geformte Gegenstände hoben sich von der Dunkelheit noch dunkler ab. Josky suchte in seinem Wams, holte daraus Stahl und Stein hervor, schob einen Laden vor das Fenster und zündete die Wachskerzen an, die auf einem mächtigen Leuchter steckten. Da erstaunte Salin über das prächtige Gemach und wußte nicht, wie er sich benehmen sollte. Unschlüssig stand er an einem reichgeschnitzten Tisch und fuhr mit dem Finger an dessen Rande hin und her. Madry aber hatte sich auf einen hohen Lehnsessel niedergelassen, der am Kamin stand, und war mit geschlossenen Augen zurückgesunken. Es war Totenstille im Zimmer, und Salin stand wie festgebannt.

»Komm her,« rief Madry, ohne sich umzuwenden. Salin kam, Madry bog sich zu ihm nieder, hob ihn auf seine Kniee und drückte Salins Kopf an die Brust, dann schloß er die Augen wieder.

»Salin,« sagte Madry mit leiser Stimme, »vor vielen, vielen Jahren saß mein Vater hier wie ich in diesem Stuhl und hielt mich, wie ich dich halte.«

»Das ist lange her, Madry?«

»Ja, recht lange, mein Salin, und siehst du, alles war mein, sie haben mich von hier vertrieben, – mir schlimm mitgespielt – doch das verstehst du nicht. Hier bin ich schon so manche Nacht gewesen und habe gesonnen, wie ich wieder zu meinem Eigentum gelangen könnte. – Ach, Salin,« stöhnte er tief auf, »heut bin ich zum letztenmal hier.«

»Mein Madry,« rief Salin laut und bedeckte die Hände seines Freundes mit Küssen. »Sie werden dich schon einmal wieder in dein Haus lassen.«

»Mit dem Hause ist es vorbei, Salin,« sagte Madry ernst. »Sieh nur die schönen Sachen, der geschnitzte Stuhl, sieh hier das Wappen daran, den Löwenkopf mit dem offenen Rachen. Ich habe es so oft angesehen – ach, so oft, mein Salin, – daß mir das Herz brechen möchte, wenn ich daran denke; aber so geht es, – da sitzt so eine dumme kleine Vorstellung in unserem Herzen, und da hängt sich unbemerkt etwas Großes daran, etwas so lächerlich Großes – und wenn es Zeit ist, wenn es sein soll, bringt es uns zur Verzweiflung. – Ein Tropfen, und alles quillt über. Sieh hier die Bücher; habe so manchen Abend darüber gesessen! Geh, setz dich dort in die Ecke und nimm das Buch, es sind ganz wunderliche Bilder darin.«

Madry warf sich vor dem Lehnstuhl nieder und verbarg sein Gesicht. Kein Ton war im Zimmer zu hören, nur hin und wieder das Umwenden eines Blattes. Josky kam hereingeschlichen, setzte sich geräuschlos, bescheiden nächst der Thür nieder und wandte kein Auge von seinem Herrn.

Was mußte in Madrys Seele vorgehen, daß die Zeit verstrich, ohne daß er sich regte, daß seine Augenlider das Auf- und Zugehen versäumten, und seine Finger sich so eisenfest an den alten Stuhl klammerten!

»Nun sind wir zu Ende,« stöhnte er aus tiefgequälter Brust und stand schwerfällig auf.

Salin sah ihn an und schrie laut: »Madry, was willst du thun?«

Madry blickte auf ihn. »Salin, ich thue dir nichts. Komm, du weißt noch nicht, was für schwere Stunden es auf der Welt geben kann.« Er faßte Salins Hand. Seine Züge waren aber ruhig und ernst. Er ging auf und nieder, dann ergriff er einen Tisch und rückte ihn in die Mitte des Zimmers. Josky sprang zu und half. »Herr, was wollt Ihr thun?« flüsterte er.

Der aber achtete nicht auf ihn und häufte auf den Tisch, was er irgend Bewegliches im Zimmer fand. Josky und Salin standen ihm bei, sie rissen die schweren Gewebe von der Wand los, und alles wurde übereinandergeschichtet und türmte sich immer höher auf.

»Nun sind wir fertig, geht nach der Thür!« Madry nahm die Kerze, brachte die Flamme bald hier, bald dort mit den Geweben in Berührung und bald zuckten Flämmchen an allen Enden. Er ging mit dem Leuchter zur Thür, nahm Salin bei der Hand und sah sich noch einmal um.

»Das brennt, ja, das wird brennen,« murmelte Josky, »und kommt es erst an die hölzerne Decke, so ist es auch im Dachraum.«

»Josky, führe ihn,« sagte Madry und ließ Salins Hand los, ging vor den beiden her und leuchtete durch die Gänge. Wieder ging es Trepplein auf und nieder, in die Kreuz und Quer, bis sie draußen vor dem Pförtchen standen. Madry warf den Leuchter ins Gebüsch.

»So lob' ich mir's,« sagte Josky, »so benimmt sich der Herr die Sehnsucht, denn wo bald nichts mehr sein wird, läßt sie von selbst nach, und seinen Feinden versalzt er es gehörig. – Ein Jammer ist es aber um die Pracht.«

Sie strichen wieder, wie sie gekommen, am Herrenhause hin. Die Wolken zogen immer noch über den Mond, verdeckten ihn und ließen ihn wieder frei. Nun schlichen sie den Wall entlang. Kein Lärm drang mehr aus der Thorwartswohnung, und sie schlüpften durch das Pförtchen, das Madry hinter sich schloß. Sie eilten vorwärts, es stürmte stark – und bald lag das mächtige dunkle Haus hinter ihnen.

Madry schritt voraus, ohne sich umzuschauen. Salin und Josky bemerkten aber, noch ehe sie den Waldrand erreicht hatten, wie sich ein roter, wogender Dunst auf einem Teile des Daches lagerte.

»Salin,« sagte Madry, als sie bei den Pferden standen, die Josky bemüht war loszubinden, »das habe ich gethan.« Er wies nach dem feurigen Dunst. Plötzlich zuckte ein Schein auf, daraus hob sich eine Flamme, eine mächtige, auflodernde Flamme. Jetzt bestiegen sie ihre Pferde. Josky nahm Salin vor sich auf das seinige, so ritten sie in die dunkle Wildnis hinein. Der Sturm erhob sich und sauste in den Kronen der Kiefern, daß diese ächzten, und ein Knistern, ein Sausen, ein zuckendes Leuchten und ferner Lärm begleiteten sie eine Strecke weit hinein in das nächtliche Land; aber immer vorwärts ging es, hastig weiter. Als sie aus dem Walde auf freie Heide kamen, war der Himmel über den Kiefern blutrot.

Madry hielt sein Pferd an; »komm zu mir, Salin,« rief er. Der sprang von Joskys Tier und ließ sich zu Madry emporheben. Darauf ritten sie weiter. »Siehst du, wie es brennt?« Salin blickte um sich. »Komm – komm!« Und im Fluge ging es hin, und fort und fort, stundenlang. Dem Knaben liefen die Thränen über die Wangen, er biß die Zähne zusammen und konnte sich kaum mehr halten. Der Feuerschein wurde schwächer und schwächer, nur manchmal zuckte er noch matt am Horizonte auf, dann verlosch er ganz. Sie waren weit geritten. Am anderen Morgen, nachdem sie während der letzten Nachtstunden in einem einsamen Bauernhof untergekommen waren, brachen sie wieder auf.

Am Abend lag vor ihnen ein Heidefleck, rings von Kiefernwald umgeben. Auf dem freien Platze standen Hütten, wie sie Salin auf dem langen Ritt schon häufig gesehen hatte; aus rohen Stämmen waren sie zusammengefügt, mit weit überhängenden Dächern, die einen einzigen Raum zum Unterschlupf für Mensch und Vieh bedeckten. Die Hütten, die jetzt vor ihren Augen lagen, waren aber nicht einzeln auf dem Grund verstreut, wie sie es oft getroffen hatten, sondern dicht aneinandergedrängt und mit einem Erdwall umgeben. Aus den Schornsteinen stieg Rauch empor. Madry hielt sein Pferd an und sprach: »Hier ist unsere Heimat, Walka-žycia, Salin« (das ist zu deutsch: Kampf ums Leben). Madry wußte wohl, warum er seine Heimat so benannt hatte. Ödes unwirtliches Land ringsumher und starrer Kiefernwald.

Madry begann wieder: »Josky, halt! Ehe wir einreiten, schwöre, über das, was uns begegnet ist, zu schweigen. – Daß du es mit deinem Leben bezahlst, wenn du schwätzt, das weißt du.«

»Herr, ich schweige,« erwiderte Josky und legte die Hand aufs Herz.

»Und du, Salin,« fuhr Madry fort, »gib mir die Hand darauf.«

»Mein Madry, ich schweige,« dabei sah Salin seinen Freund ernst und wichtig an.

Madry gebot Josky abzusteigen und Salin auf das Pferd zu heben, damit der Schützling einen würdigen Einzug halten könne. So ritten sie durch Felder, denen der Wald hatte weichen müssen, doch alles sah öde und noch winterlich aus. Als sie in die Nähe der Häuser kamen, hatte einer den Gebieter von ferne erkannt, und die Bewohner der Hütten zusammengerufen, den Herrn zu bewillkommnen. Sie waren gerade alle vollzählig beieinander, denn es war Feiertag und niemand zur Arbeit ausgezogen.

In Walka-žycia wurde Holzhandel getrieben. Die Leute schafften das gefällte Holz im Winter an die Weichsel, auf der die Stämme zu Flößen verbunden, und auf Flöße geladen im Frühjahr nach Danzig geschifft wurden.

Männer und Frauen, alte und junge brachten Madry bis an seine Behausung. Das war ein Gebäude ganz wie die übrigen, nur höher und größer, mit roher Schnitzerei auf der fast ungehobelten, mit roter Erde bestrichenen Thür versehen.

Jetzt trat Madry mit Salin in einen großen Raum, der vom Rauche, welcher einem mächtigen Herde entstieg, geschwärzt war. Als einziger Reichtum in der düsteren Halle erschienen die prächtigen Bärenfelle, die rings auf den Bänken und auf dem Erdboden lagen. Dies alles machte Salin einen gar wunderlichen Eindruck.

Eine alte stattliche Frau kam hinter dem Herde vor. Sie schien sehr erregt über die plötzliche Ankunft des Herrn. In aller Eile hatte sie das Feuer hoch aufgeschürt, damit es gastlich leuchtete. Jetzt begrüßte sie Madry mit Thränen im Auge und küßte den Saum seines Wamses.

»Hier, Anna,« sagte Michael Madry, »bringe ich dir einen Buben, nimm ihn in deine Obhut und meine es gut mit ihm, so gut, wie du es mit mir meintest. Ich war auch solch ein Bürschchen, wie der, als ich unter deine Pflege kam.« – »O, kleiner, Herr, viel kleiner,« fiel die Alte ihm ins Wort. »Und Ihr wißt doch noch, wie ich gleich am zweiten Tag, den ich bei der gnädigsten Frau Mutter im Dienst stand, den Krug des seligen Herrn zerbrach in tausend Stücke. Es war ein prächtiger Krug, junger Herr, wie man so leicht keinen wieder zu sehen bekommt« – das sagte sie zu Salin gewandt. »Die Scherben klirren mir noch jetzt manchmal im Traum, und habe ich das gehört, dann gibt's allemal einen bösen Tag. Gott behüt einen! Wie die Zeit vergeht! – Wie man alt wird und so viel vergangene Dinge in seinem alten Kopfe mit sich herumträgt!« Und sie beugte sich nieder und küßte aufs neue Madrys Kleidersaum. »Schaff uns zu essen,« unterbrach sie der. Die Alte ging, und bald drehte sie den Spieß, an dem ein Stück Wildbraten schmorte, das ein Knecht ihr zum Fenster hereingereicht hatte; denn das Haus war durch die lange Abwesenheit des Herrn arm an Vorräten geworden. Eine Kanne braunes Bier setzte sie auf den Tisch, das war von den Flößern aus Danzig mit heimgebracht worden. Beide thaten sich gütlich an dem heimatlichen Mahle. Als Salin sich ermüdet in einem Winkel der Halle zur Ruhe legte, da war ihm das Herz schwer. Eine große Sehnsucht nach seiner Mutter überkam ihn, und er weinte sich in den Schlaf.


* * *


Madry begann seinen Schützling zuerst in der Landessprache zu unterrichten; er sprach mit ihm, wenn sie miteinander hinaus in den Wald gingen, um nach den Arbeitern zu sehen, bei den Mahlzeiten, überall, wo ihnen das Leben auffällig entgegentrat.

»Wie nennst du das Feuer, Madry?« frug der Junge einmal, als sie abends zusammen am Herde saßen, und er zum Zeitvertreib, wie er es von daheim gewöhnt war, an einem Holzpflöckchen schnitzte.

»Warum fragst du danach,« sagte Madry und sah den Knaben scharf an. »Denkst du noch an dein Versprechen?«

»Ich schweige schon,« erwiderte Salin; »aber wie lange es wohl gebrannt haben mag – weißt du das?«

»Still, Salin,« fuhr Madry auf – »kein Wort!« und er ging erregt auf und nieder. »Wenn du so unbesonnen redest, kann es mich ums Leben bringen. O die verfluchten Schwätzer, der Josky und du.«

»Mein Madry, ich schweige,« rief der Knabe und drückte seine Lippen auf dessen Hand.

»Und schwätzest jetzt, wo hinter der Thür, hinter dem Herde, in jeder Ecke einer stehen könnte und hören, was du sprichst!« Dabei sah Madry unruhig umher.

»Ich schweige, sage ich dir, und wenn ich das sage, mußt du mir glauben.«

Inzwischen war eine zahme Krähe, die in der Hütte ihr Wesen trieb, auf Salins Schulter geflogen und drückte schmeichelnd ihren dicken Kopf an seine weiche Wange. Salin sah wohlgefällig auf das Tier und freute sich, wie es ihn am Ohrläppchen zupfte. »Ei, ei, altes Musterchen, was sagst du mir ins Ohr?«

Madry schaute dem Knaben zu.

»Bin ich dir lieb,« frug er, »kannst du mir etwas zuliebe thun?«

»Das glaub' ich wohl,« erwiderte der, schielte aber nach der Krähe, und um seine Mundwinkel zuckte es, denn sie kitzelte ihn am Ohre.

»Könntest du mich je verraten? mich verlassen?«

»O, was sprichst du, Michael Madry. Nie könnte ich dich verlassen!« Indem er das sagte, hatte er die Krähe herabgenommen und hielt sie mit beiden Händen an seine Wange.

»Du Plappermaul,« fuhr Madry fort.

»Ich plappere nicht,« rief Salin.

»Ist das wahr, dann nimm deine Krähe und reiße ihr den Kopf ab!« – Das sagte Madry ruhig und erhob sich. – »Ich bin mein Lebtag belogen worden.«

»Madry,« schrie Salin laut. »Madry!« der blickte unverwandt auf ihn hin.

Der Knabe sah ihn an, drückte die Krähe mit einer Hand fest an sein Knie und mit der anderen riß er ihr am Kopfe. Sie sträubte sich und zerkratzte ihm die Finger; aber er ruhte nicht, bis sie ganz tot war, und mit wunderlichem Eifer war er bei der Sache. Als er sie schlaff und leblos in den Händen hielt, schien es ihm, als lebe sie noch, und er trennte ihr mit seinem Messer den Kopf vom Rumpfe. »Sie ist tot, Madry.« Er legte sie vor ihn hin auf den Herd.

»Du hattest sie lieb,« rief dieser und drückte ihn hastig an sich. – »Ich glaube dir, mein Salin, was du auch sagen wirst.«

Der suchte, ohne ein Wort zu reden, sein Lager auf. Madry hörte ihn dort noch lange sich bewegen, und er selbst ging nicht eher zur Ruhe, bis das Kind fest schlief. Als er zum letztenmal zu ihm trat, hatte Salin ein friedliches Gesicht gehabt; die Seele war ihm vom Schlaf beruhigt worden.

Nachdem er aber für seinen Freund ein Opfer gebracht, schien die Liebe zu ihm gewachsen zu sein.

Er duldete nicht mehr, daß Josky ihm irgend eine Handreichung that. Kam Madry von der Jagd oder einem weiten Ritt zurück, so wartete Salin, und war es bis spät in die Nacht hinein, bei der alten Anna am Herde, bis sein Herr zurückkehrte, um ihm die schweren Reiterstiefel auszuziehen und ihm bei dem Abendmahl zu Diensten zu sein. Wenn er so des Abends bei der Alten saß, schnitzelte er, und es erregte die Bewunderung der Frau, wenn unter seinen Händen etwas entstand, das annähernd einem Vogel glich oder irgend einem Getier. Aufmerksam hörte Salin ihr zu, wenn sie von früheren, besseren Zeiten redete. – Das that sie von Herzen gerne, und wenn sie davon sprechen wollte, fachte sie ihre Lampe an, indem sie mit einem Häkchen den Docht höherzog. Es war, als müßte die Flamme dann auch heller brennen, wenn ihr die alten Augen leuchteten von der Erinnerung an vergangenes Wohlleben. So hörte Salin manches über Michael Madry, was die Alte erfahren und sich erlauscht hatte: wie er fälschlich wegen Verrats angeklagt sei, wie seine Güter eingezogen worden seien und er sich mit genauer Not das ärmliche Gut hier erhalten habe, das ein mißachtetes Stück Land sei, auf welches niemand Wert lege. Der selige Herr sei auch nur ein paarmal in seinem langen Leben zur Jagd hierhergekommen. – An diese immer wiederholten Hauptthatsachen schloß die Alte unendliche Erlebnisse und Betrachtungen an; Salin bekam viel Neues zu hören.


* * *


Die Jahre vergingen, ein Tag wie der andere. In Walka-žycia zogen sie am frühen Morgen hinaus in den Wald; oder sie streiften unter der Obhut Joskys in der Nachbarschaft umher, sahen zu, wo ein günstiger Handel zu schließen sei, und ließen sich oft wochenlang nicht blicken. Die Zurückbleibenden hatten reichlich mit der Feldarbeit zu thun, die aber nur einen spärlichen Ertrag lieferte; denn der Heideboden war karg, und sie hatten viel vergebliche Mühe. So verging die Zeit in größter Einförmigkeit. Salin wurde ein schlankes Bürschchen; doch ist er nie so recht bei Lust gewesen, wie es seine Jahre wohl mit sich bringen sollten, hatte keine besondere Freude an der Jagd, lebte ruhig vor sich hin und blieb ein Träumer.

Seinem Freund Madry war er ganz ergeben und lernte durch diesen das Leid kennen, ja, den bitteren Kummer; denn Michael Madry zeigte gar oft, daß ihm das zaghafte Wesen Salins zuwider sei. Die Leute in Walka-žycia nannten ihn »das Jüdchen« und achteten seiner nicht groß, nur Josky hatte eine Liebe zu ihm gefaßt, verschaffte ihm manchmal gutes tadelloses Holz zum Schnitzen und bewunderte Salins Kunstfertigkeit, der unermüdlich Dinge, die ihn umgaben, nachzubilden versuchte. Salin hatte einst ein mutig springendes Rößlein mit erhobenem Halse zu stande gebracht. Das hatte Joskys Bewunderung in so hohem Grade erregt, daß er den Knaben von da an fast wie ein höheres Wesen verehrte. Das Rößlein aber hatte er von Salin geschenkt bekommen. – Was Salin besonders bekümmerte, war, daß er gar wohl fühlte, wie Madry des Lebens in Walka-žycia mit der Zeit müde geworden war. Oft saß er in sich versunken am Herde, starrte vor sich hin, stöhnte und seufzte. Der gute Bursche verließ ihn nie in solchen bösen Stunden, trotzdem Madry nicht nach ihm verlangte und ihn kaum beachtete.

»Madry,« sagte Salin einst, erhob sich und trat zu ihm – »Madry, was kann ich für dich thun?«

»Nu,« erwiderte Michael und sah ihn lächelnd von oben bis unten an, »was willst du thun? so ein zaghaftes Bürschchen.«

Da blickte ihn dieser traurig an. »Was würde es dir helfen, wenn ich Kräfte hätte wie ein Riese und den höchsten Mut; was kann dir ein einziger sein, gegen viele Mächtige? Siehst du, Madry, ich habe Gott um etwas gebeten: ich habe gebeten, er möchte es mir gewähren, daß ich dir mein Glück schenken darf; ich muß ja meinen Teil mitbekommen haben, wie alle anderen auch, und ich brauche es nicht, mein Madry, nein, bei Gott, ich brauche es nicht. Mein Glücksteil wird dir zugelegt werden, daran zweifle ich nicht – du sollst es sehen. Mir ist, als wäre es schon von mir genommen, denn ich fühle so großen Schmerz um dich, daß mir die ganze Welt verändert scheint.«

Madry sah ihn erstaunt an. »Salin, träumst du? Ja, ja, du hast ganz recht, mich frißt die Sehnsucht, und ich möchte Tag und Nacht das öde Nest verfluchen.« Er seufzte tief auf. »Ich fühle Kraft in mir, sitze hier und – ach, Salin, das verstehst du nicht.«

»Madry,« fuhr Salin erregt fort, »Josky klagt sehr darüber, daß du damals deiner Väter Haus niedergebrannt hast. Er läßt es sich nicht ausreden, daß bald bessere Zeiten für dich kommen werden. Er weiß es, denn er sieht und hört viel –«

Salin wollte fortfahren, aber Madry war aufgesprungen und schrie ihn an: »Kann man euch beiden denn nicht die verfluchte Geschichte aus dem Hirn treiben? was habt ihr euch damit zu plagen! Du sollst sehen, Josky, der Schwätzer, wird mich noch verraten, wenn alles auf dem besten Wege ist.«

»Du irrst dich, Madry; Josky ist dir sehr ergeben und trauert mit dir.«

»Was hilft mir das?« Damit stand Madry auf und ging zur Thür hinaus.


* * *


Es war Salin schon längst aufgefallen, daß Madry seine Leute weit mehr gewähren ließ als sonst, daß er auf ihr Thun und Treiben wenig acht hatte und daß in Walka-žycia ein unordentliches Wesen recht offenkundig sich breit machte.

Es lebte ein Mann da, den sie Prilisewsky nannten, der war einmal aus Danzig wieder heimgekommen und hatte für seinen Haushalt einige Fäßlein Branntwein erhandelt, den verschenkte er so unter der Hand in seinem Hause. Er und sein Weib schienen sonderlich gastfreundlich geworden zu sein, ihre Stube war immer bis spät in die Nacht hinein besetzt. Früher hatte Madry es durchaus nicht geduldet, daß ein Branntweinausschank in Walka-žycia errichtet wurde, und die Leute konnten sich daher nur eine Güte thun, so oft sie in das nächste Dorf kamen, in dem sich eine Schenke befand.

Jetzt aber that er, als bemerke er nichts; er war von einem großen Trübsinn befangen, dachte und sah im Geiste andere Dinge, als die um ihn her vorgingen. So begab es sich, daß Prilisewsky ganz offen seinem Handel ob lag, und wenn ein Wanderer spät in der Nacht an dem Erdwall von Walka-žycia vorüberging, was wohl selten genug geschah, denn es lag von dem Verkehr abseits und rings umher war nichts als Sand und Sumpf und Kiefern, da hörte er wilden Lärm, wo sonst um die Nachtstunde lautlose Stille geherrscht hatte.

Noch ein anderes war Salin aufgefallen. Er bemerkte einst, wie zwei leicht ausritten, und als sie wieder heimkamen, hing dem einen ein fetter Hammel über dem Sattel und der zweite, der ihm folgte, hatte ein gar wohlgefülltes Felleisen auf sein Tier geschnallt, aus dem ein hübsches Endlein schönen roten Stoffes hervorsah. Salin stand damals in der Nähe, als beide abstiegen, und fragte sie: »Ihr scheint Geld zu haben?« Da hatten ihn die beiden Gesellen über die Achsel angesehen und gelacht. Salin war das sehr wunderlich vorgekommen; er bat Madry, doch Josky den Schlüssel zum Thore zu geben, der erhielt ihn aber nicht. Madry schenkte der Erzählung Salins keine weitere Beachtung und sagte gähnend darauf: »Ei, laß sie doch, Salin, es ist unverbesserliches Volk; – wir wollen zufrieden sein, wenn sie ihre Arbeit thun.«

Von da an aber sah Salin Kaliske, wie es durch das Thor, das sonst wohl verschlossen gehalten worden war, ohne weiteres aus- und einzog. Zuerst huschten sie vorsichtig durch und scheu wieder herein; doch bald ritt man ganz offenkundig in dunkler Abendstunde ab und kehrte erst nach Tagen wieder mit allerlei beladen heim, und der Schlüssel wurde auf- und zugedreht mit so viel Geräusch, als schlösse ein prahlerischer Reicher seine Geldkiste. Madry aber wollte nichts bemerken, er wurde immer gleichgültiger. Josky war schon seit Monaten von Walka-žycia entfernt gewesen. Er zog mit einigen Gesellen im Lande umher und kaufte Holz auf. An der Weichsel hielten sie ein großes Lager und sammelten Vorräte, denn Madry hatte den Befehl gegeben, daß im Frühjahr eine größere Ladung als sonst den Fluß hinabgehen sollte. Als die Zeit kam, daß die Flöße gebaut werden sollten, machte er sich selbst auf, um nachzusehen. Salin blieb allein in Walka-žycia zurück und mußte viel Hohn und Spott ausstehen. In seiner Einfalt hatte er geglaubt, die Leute wieder auf ruhigere Wege führen zu können, und versucht, einigen von ihnen ins Gewissen zu reden. Das war ihm aber übel bekommen, und er hatte sich still in seinen Winkel am Herde zurückgezogen und alles bei seiner Schnitzarbeit auch bald vergessen und verziehen, was ihm die Leute von Walka-žycia zugefügt. Doch als Madry zurückkam, war Salin voller Freude. Er erschien ihm heiterer und sie saßen des Abends beisammen. Madry erzählte, wie geschäftig es an der Weichsel zugehe, und daß es eine Freude sei, wie sich alles rege.

»Verfluchte Kerle, die Flößer, glücklich und zufrieden ist so einer bei seiner schweren Arbeit, vergnügt sich in jedem freien Augenblick, und nichts auf der Welt fehlt ihm, wenn er am Feuer sein Abendessen bereitet hat und sich in einem Schuppen zur Ruhe legt, gleichmütig einschläft, dem nächsten arbeitsvollen Tag ruhig entgegensieht und sich über Zeit und Stunde keine Sorgen macht. Da kommt sich einer recht erbärmlich vor, der in Unlust und Unthätigkeit zu Hause sitzt – aber was hilft's!«

So sprach Madry, stützte seinen Kopf in die Hände und starrte vor sich hin. Salin nahm seine Arbeit zur Hand und schnitzelte und schabte gedankenlos daran herum. Es war eine Art Wappen mit einem recht schön ausgeführten Löwenkopf, der als ein solcher auf den ersten Blick zu erkennen war, und ähnelte dem Wappen, welches Madry ihm vor Jahren in dem geheimnisvollen Zimmer jenes einsamen Herrenhauses gezeigt hatte. Es mußte sich ihm wunderlich eingeprägt haben, daß er nach so vielen Jahren etwas ähnliches zu stande bringen konnte. Oft hatte er damit begonnen und in seiner Einsamkeit geschnitzelt, bis er es endlich zu etwas brachte, das einigermaßen an das Vorbild erinnerte.

»Sieh, Madry,« sagte er, stand auf und hielt es ihm entgegen, daß das Licht des Herdfeuers rötlich darauf glänzte.

Madry bemerkte nichts. Geduldig hielt es der Bursche noch eine Weile und begann endlich zaghaft: »Madry, ob es dem alten wohl gleicht?«

»Was, welchem alten?« frug Madry und sah auf das Schnitzwerk. Da fuhr es über das Gesicht des Mannes. Mit einem Griff riß er die Schnitzerei Salin aus der Hand und schleuderte sie in das Herdfeuer, das knisterte und stiebte. Salin war sehr betroffen. »Du sollst mich nicht daran erinnern,« rief Madry erregt, stöhnte auf und ging zur Thür hinaus. Salin aber blickte in das Feuer und sah, wie hin und wieder ein spitzes Flämmchen an dem Wappen in die Höhe zuckte.


* * *


Es war Sommer, die Luft um Walka-žycia war schwer vom Kieferndufte, den die glühende Sonne aus dem Walde sog. Die braune Heide brannte, und der Wind fuhr über die blühenden Gräser. Vor dem Erdwall von Walka-žycia war munteres Leben. Sie brannten Holzkohlen; zwei mächtige Meiler dampften und rußige Gestalten gingen durch das Thor aus und ein. Prilisewsky war mit seinem Branntweinfäßchen bei der Hand; so ging es laut und lustig zu. Madry kam hin und wieder und sah nach, wie es die Leute trieben, ließ diesen und jenen hart an und gab Befehle, denen man es anhörte, daß sie aus einem zerstreuten, unachtsamen Geiste kamen. Die Leute fühlten das, waren lässig in ihrer Arbeit und brannten ihre Kohlen nach eigenem Gutdünken, und Madry ließ sie gewähren.

Vom Walde her sahen sie in früher Abendstunde Josky mit seinen Gesellen heimkommen. Er kam wieder einmal nach langer Abwesenheit von Danzig. Etliche machten sich auf, ihm entgegenzugehen und den wohlbepackten Wagen in Augenschein zu nehmen. Es war große Freude; jeder versprach sich einen lustigen Abend. Was die Gemüter, zumeist die der Weiber, sehr bewegte, war, daß Josky sich eine Frau mitgebracht hatte, die zog an seiner Seite durch das Thor ein und ging mit ihm sogleich zu Madrys Haus. Vor der Thür blieb sie stehen, während Josky bei seinem Herrn eintrat, um sich zu melden und von allem zu berichten.

Die Leute von Walka-žycia waren beiden von ferne gefolgt und standen jetzt neugierig und verwandten kein Auge von der jungen Gestalt, die wartend an den Pfosten gelehnt stand und gelassen um sich schaute. Sie war eine feine, zierliche Person, hatte um ihr schwarzes, dichtes Haar das rote Tuch auf eine eigentümliche Weise geschlungen, anders als die Frauen am Orte zu thun pflegten. Sie hatte mandelförmig geschnittene Augen und eine braune Gesichtsfarbe. »Ei, wie das lange währt,« sagte sie zu einem jungen Burschen, der ihr am nächsten stand, und grüßte ihn freundlich mit einem leichten Kopfnicken, der wußte aber nicht, was er beginnen sollte, ob mit ihr reden oder nicht. Er wurde verlegen und schaute sich nach den anderen um, die alle auf ihn sahen. In dem Augenblick trat Josky aus der Thür. Sie lachte hell auf, als sie ihn gewahr wurde, und sagte vernehmlich, immer noch lachend: »Du, das sind wunderliche Leute hier. Ich habe einen angeredet, aber er konnte nichts erwidern. Sie schauen einen auch so dumm an.«

Beide gingen an den Häusern hin, gefolgt von den anderen.

Josky hatte bis jetzt seine Wohnstätte immer in der Nähe seines Herrn gehabt, des Nachts hatte er hinter dem Herd, auf der Thürschwelle gelegen, wo ihn der Schlaf gerade überkam; doch besaß er eine eigene Hütte, und nach dieser führte er sein junges Weib.

Vor der Hütte stand eine herrliche alte Kiefer, die jetzt von der untergehenden Sonne beleuchtet war. Beide wollten eintreten. Josky rüttelte an der Thür, konnte sie aber nicht öffnen. Er rüttelte und zerrte, fuhr sich über seinen schwarzen Haarschopf und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Aller Augen richteten sich auf ihn, und die Weiber machten bedenkliche Gesichter. Es war kein gutes Zeichen für das junge Paar, daß der Eingang ihnen verwehrt wurde. Josky schaute ärgerlich um sich und begann von neuem an der Thür zu rütteln, so kräftig, daß sie aufsprang und mit Gepolter aus den Angeln fiel. Da bückte er sich fluchend und hob sie wieder in die Höhe. Doch keiner von denen, die um ihn herstanden, gaffend und neugierig, bewegte sich, ihm zu helfen. Das war ihre Art so; sie dachten gar nicht daran, sondern schienen zu glauben, man gäbe ihnen ein Schauspiel. Einer hatte anfangs vor, ihm beizuspringen, er trat wenigstens aus der Reihe der Zuschauer und ging auf den Arbeitenden zu, blieb aber halbwegs stehen und folgte neugierig und angelegentlichst Joskys Bewegungen, wie er die Thür wieder einzurichten bestrebt war. Das war nicht leicht: war sie oben im Haken, so war sie es unten nicht, und so umgekehrt. – Die zierliche Frau war mit einem Kasten, der mit allerlei Gerät und Gepäck vor Joskys Hütte abgeladen worden war, an ihrem Manne vorbei ins Haus geschlüpft. Während er sich mit der Thür abplagte, wirtschaftete sie eifrig und hantierte in den: dämmerigen Raum. Sie hatte ihr rotes Tuch abgelegt. Das Haar fiel ihr in einem langen Zopf über die Schulter. Mit einem bunten Stück Zeug in der Hand trat sie an das Fenster, schüttelte den Lappen in sehr auffälliger Weise, fuhr mit der Hand darüber, und es schimmerte wie Sammet und war reich mit Goldfäden durchzogen. Doch wie sie noch redeten, fuhr es plötzlich allen, die neugierig umherstanden, durch die Glieder, und man sah sich verwundert an. Dem Josky glitt die Thür aus den Händen, gerade in die Angel hinein, und er stand und blickte scheu um sich. – Aus seiner Hütte klang helle Musik, so lieblich drang sie in aller Herzen und doch erschreckend fast, so neu, so unvermutet, so wundersam.

Da trat Joskys Frau auf die Schwelle, spielte auf einer Geige und fühlte den Bogen mit Kraft und Lust. Er legte ihr die Hand auf die Schulter und sagte: »Horpyna, wozu das?«

Sie aber ging an ihm vorüber, sah ihn lachend an mit blitzenden Augen und ging weiter, immer geigend, trat unter den alten Kiefernbaum, über den die letzten Sonnenstrahlen glitten, geigte und schien keine Menschenseele zu sehen. Es ging ihr aber ganz wunderlich von den Händen, und die Weisen klangen bald traurig, bald fröhlich, daß es denen, die rings im Kreise umherstanden, zu Mute wurde, als müßten sie lachen und weinen, wie die Fremde es wollte.

Jetzt ließ sie die Hand mit dem Bogen sinken und schaute um sich, und niemand wagte zu sprechen und seine Meinung zu sagen.

»Ist das dein Herr?« frug Horpyna und blickte auf Madry, der schon die ganze Zeit über mit Salin abseits von den anderen gestanden hatte, – »dein trübseliger Herr, Josky?«

»Ja, Horpyna, aber komm!«

Es ging ein Gemurmel durch die Zuhörer, und wer ihr nahe stand, trat noch einen Schritt näher, und alle wollten noch hören. Da begann sie zu singen wie ein Vogel und dazwischen fuhr sie hin und wieder leise über die Geige wie im Traum. Denen von Walka-žycia wurde es wunderlich ums Herz. Josky aber stand in Horpynas Nähe und verfolgte sie unruhig mit den Augen, trat ein paarmal hart auf, murmelte unwillig vor sich hin und schien sehr ungeduldig.

»Nun ist's genug,« rief er endlich, »dumme Singerei das! Nun ist's genug!« rief er noch einmal heftig; als sie aber immer weiter sang, legte er ihr die Hand auf den Mund, daß ihr die Töne erstickt wurden. Sie aber blickte ihn bös an und suchte mit aller Kraft von ihm loszukommen.

»Hört nicht auf sie,« schrie er laut, »sie verdreht euch die Köpfe, hört nicht auf sie!« und er umfaßte sie, zog sie in seine Hütte und schloß die Thür.

Da lachten sie hinter ihm her. Noch lange blieben sie stehen und schwatzten und lauschten, ob noch etwas zu hören sei. Die Nacht sank herab und die starre, schwarze Krone der Kiefer zeichnete sich scharf am klaren Sternenhimmel ab.


* * *


Am anderen Morgen kam Josky niedergeschlagen zu Madry, um mit ihm abzurechnen.

»Ei, Josky,« sagte sein Herr, »wen hast du mitgebracht?«

»Ach,« begann schluchzend Horpynas Gatte, »sie ist sehr zornig und will auf und davon und redet kein Wort.«

»Weil du grob warst,« erwiderte Madry.

»Da seh' ein anderer zu,« fuhr Josky auf, »wenn sie es mit dem verfluchten Singen dahin bringt, daß ihr jeder Narr nachläuft. Sonst ist sie gut; – helf mir Gott. – Herr, befehlt ihr, daß sie bleibt,« bat der Mann demütig und küßte Madrys Kleidersaum.

»Sie bleibt, beruhige dich,« lächelte Madry, dann setzte er sich. Josky stand mit der Mütze in der Hand vor ihm. Sie rechneten miteinander, und Madry trug die Zahlen in sein Buch ein.

Josky hatte vielerlei zu berichten, er schlug seine alte Ledertasche, in der er Quittungen, Kaufverträge verwahrte, oftmals zu und in einem Weilchen, wenn ihm noch etwas einfiel, wieder auf.

Er war lange auswärts gewesen. »Ich habe so manches gehört und gesehen,« sagte er flüsternd, als Madry sein Buch zugeklappt hatte. »Mich will's bedünken, als könnte bald einmal alles auf dem Kopfe stehen. Sie legen es von oben her geradezu darauf an, soviel so ein armer Kerl, wie ich, davon verstehen kann. Wollte Gott, ein Herrenhaus stände noch,« sagte er seufzend – »jetzt kommt die Zeit. – O Herr, wenn ich achtzig Jahre alt würde, in Eure Seele hinein reute es mich bis an den letzten Tag.«

»Schwatz nicht,« sagte Madry ruhig; »aber recht wäre mir es schon, du wärest achtzig Jahre, und die Zeit hätte dir das, was geschehen ist, endlich aus dem Kopfe getrieben. Jetzt bist du ein verliebter Narr, plauderst wohl gar in einer guten Stunde deinem Weibe davon.«

»Herr,« sagte Josky, »vertraut mir doch! Aber mit meinem Weibe ist das ein böser Handel!« Er stöhnte tief auf. »Wie die liebe Sonne war sie mit mir und sah nach keinen anderen; – jetzt ist's aus. Sie spricht nicht mit mir, seit gestern abend keinmal. – Ein dummes Wort so aufzunehmen! – Ach, Herr, es ist eine Not, und die Heiligen mögen einen davor bewahren.«

»Geh, Josky, geh,« sagte Madry und lachte.

»Herr, mir ist das Leben ganz verbittert. Was aus der Erde für Kummer aufsteigt! Man kann sich dessen nicht versehen.«

Josky ging langsam, trübselig zur Thür hinaus.

»Seh' einer den Josky an,« sagte Madry, und Salin erschien es, als habe er seinen Freund lange nicht bei so gutem Humor gesehen.

Später am Tage gingen Madry und Salin an Joskys Hütte vorüber, um nach den Meilern zu sehen, da kam ihnen Horpyna entgegen. Sie sah sehr schön und fröhlich aus, und ihre mandelförmigen Augen blitzten, als sie beide anschaute. Madry trat auf sie zu, da grüßte sie ehrfürchtig und blieb stehen.

»Horpyna,« sagte Madry, »deinen Gesang und dein Spiel habe ich gehört, du verstehst deine Sache.«

»Es ist meine Freude, Herr,« sagte sie, »und wollten die Heiligen, daß es Euch behagte, es wäre mein Glück.«

»Ei, Horpyna,« erwiderte Madry lächelnd, »du verstehst dich aufs Reden – hast du Josky verziehen?«

»Nein, Herr,« und sie schüttelte den Kopf. »Horpyna verzeiht so leicht nicht,« dabei leuchteten ihr die Augen auf.

»Was du für wunderliche Augen hast, Horpyna?«

»Das sind die Augen meines Volkes, Herr, keine absonderlichen Augen.«

»Welches Volkes?«

»Ei, Herr, des Volkes, das solche Augen hat.«

»Wann wirst du wieder singen?«

»Wenn Ihr es befehlt, Herr,« und sie beugte sich zu Madrys Hand und küßte sie.

»Daß Ihr traurig seid, bekümmert mich. Ich sah Euch gestern stehen mit diesem da,« und sie wies auf Salin. »Ich sah es Eurem Wesen an, daß es Euch nicht wohl ist.«

»Horpyna,« sagte Madry, »wann wirst du singen?«

»Sobald Ihr wollt, Herr.« Sie blickte wieder mit seltsamem Ausdrucke zu ihm auf.

Madry grüßte und ging mit Salin weiter.

»Was für ein wunderliches Weib das ist,« begann Salin. »Wie eine Fackel ist sie, die hell aufflammt und raucht und zuckt und schneller brennen möchte.«

»Ja, ja, Salin,« erwiderte Madry nach einer Weile, und sie gingen dem Thore zu.

Josky stand bei den Meilern, zankte mit den Leuten und war sehr erbost über einen jungen Burschen, der irgend etwas versehen hatte.


* * *


Am Abend saßen Madry und Salin in der dämmerigen Halle. Die Öllampe hing über Salins Arbeitstisch und leuchtete ihm beim Schnitzen. Er war gar eifrig, denn er hatte den Vorsatz gefaßt, im Laufe des Sommers und künftigen Winters einen gehörigen Vorrat zu fertigen, dann mit seinen Arbeiten die nächste Weichselfahrt mitzumachen und sie in Danzig zu verkaufen.

Wie sie so beisammen saßen – Madry schlug in seinem Rechnungsbuch nach – that sich die Thür langsam auf, die Mondstrahlen flossen über den Estrich hin, und der Nachtwind ließ die Thür leise knarren. Der warme Kiefernduft strömte mit dem Luftzug herein.

Beide blickten auf. – Horpyna trat herein mit der Geige, schloß die Thür hinter sich und blieb auf der Schwelle stehen.

Ohne ein Wort zu reden nahm sie den Bogen zur Hand, fuhr über die Saiten und begann leise. »Ein trauriges Lied, Herr,« sagte sie und spielte, ohne aufzublicken. Es klang klagend, und wer es hörte, dem wurde aller Schmerz im Herzen lebendig.

Madry stand auf, trat zu ihr und sagte: »Du hast selbst noch keinen Schmerz gefühlt, sonst müßtest du dich hüten, in anderer Herzen die Erinnerung daran zu wecken.«

»Doch, Herr,« sagte Horpyna ruhig, »alle sind mir gestorben, und ich bin in der Fremde, – glaubt nicht, daß ich Josky verziehen habe.«

Salin hatte, während sie geigte, seinen Kopf in die Hände gestützt. Er spürte eine große Sehnsucht, wußte aber nicht wonach. Na gedachte er seiner Vaterstadt Prag, sah das alte Häuschen an der Stadtmauer und hörte seiner Eltern Stimmen.

»Sing ein Lied, Horpyna!« bat Madry.

»Wollt Ihr nicht lieber eine Geschichte hören, die sie sich bei uns erzählen?«

»Nur zu, Horpyna.«

»Sie hat einen wunderlichen Namen, ›die boshafte Dirne‹ ist sie benannt worden.« – Horpyna ging auf den Herd zu und setzte sich auf den Rand. Neugierig sah sie in der dämmerigen Halle umher, atmete tief auf und blickte durchdringend auf Madry, der sich ihr gegenüber niedergelassen hatte, dann begann sie in erzählendem Tone:

»In einem einsamen Dörfchen, da wohnte im letzten Hause ein Mütterchen mit ihrem Enkelkind, das war eine hübsche Dirne, klein und fein, aber so boshaft, daß sie keiner Menschenseele gut war und zu niemand sagte: grüß Gott, oder: vergelt's Gott.

Sonntags, wenn die Leute ihren Kirchgang hielten, setzte sie sich hinter die Hecke am Weg und wünschte jedem aus Herzensgründe etwas Böses an den Hals, doch war es ihr selbst nicht wohl dabei. Da begab es sich einmal, daß ein Fremder vorüberkam, der schaute sie an, reichte ihr die Hand und sagte: ›Grüß Gott, Maiken,‹ und ging vorüber. Da erschrak sie sehr und vergaß, ihm etwas Böses zu wünschen, und als sie es doch noch thun wollte, konnte sie es nicht mehr. Das ging ihr so zu Herzen, daß sie nicht aufhörte, sich darüber zu kränken, und legte sich hin und starb.«

»Nun weiter?« frug Madry.

»Weiter nichts, das ist zu Ende, Herr,« sagte Horpyna und erhob sich. Sie schüttelte den Kopf und flocht den Zopf, der sich ein wenig gelöst hatte, wieder zusammen. »So gleich zu sterben, das verstehen die meisten nicht.«

»Sag mir, Horpyna,« frug Madry und faßte sie bei der Hand – »was soll es mit der Geschichte?« Er blickte ihr fest in die Augen.

»Was weiß ich's, Herr? Wollt Ihr noch das Lied hören?«

Sie hub mit ihrer Vogelstimme an:


»Durch das Birkenwäldchen,
Durch das Kiefernwäldchen
Kam die junge Maid geschlichen.
Durch das Birkenwäldchen,
Durch das Kiefernwäldchen
Bis zum grünen Thor von Mattwais Hofe.«


Plötzlich brach sie ab. »Ich muß gehen, Herr,« sagte sie leise, nahm ihre Geige und schlüpfte durch die Thür. Die ließ sie offen stehen und die Mondstrahlen flossen wieder über den Estrich hin. Der Nachtwind ließ die Thür knarren, und der warme Kiefernduft strömte herein. Madry trat auf die Schwelle und blickte Horpyna nach, wie sie die Häuser entlangeilte.

»Verdammte Hexe!« sagte er, setzte sich an den Tisch nieder und schaute vor sich hin, wie ein Träumer.

»Madry,« begann Salin, »laß sie nicht wieder herein; es ist nicht gut. Ich wollte, sie wäre nie gekommen.«

Madry sah ihn erstaunt an. »Warum nicht, Salin, ist das Leben hier nicht öde genug?«

»Madry, ist dir Josky nicht von jeher treu gewesen? Er liebt sein Weib und ist bekümmert ihretwegen; du bist ihr lieb geworden, dennoch bitte ich dich, laß sie – mir liegt es schwer auf dem Herzen.«

»Ja, dann muß ich sie wohl lassen, denn du kennst das Leben und hast deine Erfahrungen,« sagte Madry lachend.

Madry erhob sich und ging zur Thür hinaus.

Als Josky am anderen Morgen zu seinem Herrn kam und von ihm Befehl erteilt haben wollte, wo die Kohlen unterzubringen seien, die heute fertig geworden, ging Salin hinaus, denn es kränkte ihn in tiefster Seele, daß sein Herr ruhig und ganz wie sonst mit Josky sprach und ihn nach seinem Weibe fragte, als wisse er nichts von ihr. Er konnte sich nicht entschließen, mit Madry zu reden, und vermied ihn, wo es nur ging.

Als die Sonne noch hoch am Himmel stand, wandelte Salin zum Thore hinaus, dem Walde zu. Die Welt erschien ihm nicht so klar und verständlich wie sonst. Er dachte über seinen Freund Madry nach, und es war ihm, als wäre der ihm fremd geworden. – Es wollte ihn bedünken, als hätten sie noch nichts miteinander erlebt, als wären die Tage in Walka-žycia wie im Traum dahingeschwunden. Was sollte er von Madry denken?

Bisher aber hatte er so wenig über ihn nachgedacht, wie über die Luft, die er einatmete. Jetzt wollte Salin das Bild seines Freundes in dem eigenen Innern gestalten, und konnte es nicht. Soviel er dachte und dachte, er wurde immer verwirrter, und die ganze Welt lag geheimnisvoll und beängstigend um ihn her. Er setzte sich unter eine Kiefer am Waldrands und schien sich zum erstenmal bewußt zu sein, daß er lebe. Das hatte er bis jetzt so hingenommen. Beklommen blickte er auf das einsame Walka-žycia und auf das Dach des Hauses, in dem er so still gelebt. Wieder dachte er an Madry, da wurde ihm das Herz schwer. Er wußte auch nicht mehr, ob er ihn liebe. In dieser Stunde that sich vor ihm die Welt auf, bisher ihm unbekannt, jetzt undeutlich auf und nieder wogend. Er starrte vor sich hin, warf sich auf den Boden, preßte die Hände vor die Augen und stöhnte laut. So lag er lange, richtete sich wieder auf und ging langsam am Waldrande hin. Die Sonne sank, und er blickte ihr nach, bis sie hinter den Bäumen verschwunden war, dann sah er die Dämmerung kommen, sah die Umgebung, den Wald, die Heide, das Dorf immer unbestimmter werden, sah, wie alles ineinander verschwamm, und es war ihm, als hätte er es noch nie in dieser Stimmung gesehen. Als es schon spät und längst dunkel war, schritt er langsam nach Walka-žycia zurück. Josky war noch draußen vor dem Erdwall beschäftigt; die letzten Kohlen sollten hereingeschafft werden. Salin aber ging an ihm vorüber, ohne mit ihm zu reden.

Als er bei Madry eintrat, war Horpyna wieder da. Madry saß auf seinem Platz am Herd; sie hatte das Köpfchen auf die hohe Lehne seines Stuhles gelegt und hielt die Geige nachlässig in der Hand.

Sie achteten beide nicht darauf, daß Salin eintrat. Der ging ruhig an seinen Arbeitstisch, zog die brennende Lampe nieder, nahm den Haken, um den Docht höher zu ziehen, damit das Flämmchen heller leuchtete, setzte sich nieder und begann zu schnitzen.

Madry und Horpyna redeten leise miteinander. Salin mußte unverwandt zu ihnen hinblicken. Horpyna fuhr mit ihrer kleinen braunen Hand über die Saiten hin, daß sie leise klangen.

»Mir ist das Herz so schwer,« sagte sie.

»Herr, ich werde Euch verlassen müssen. Daß ich Euch vom ersten Augenblick so gut war!« – und sie schlang ihren Arm um seinen Hals. »Glaubt nicht, daß ich Josky je verzeihe.« Da bog sich Madry zu ihr nieder und küßte sie wieder.

Es war still in dem dämmerigen Raume, die Ampel brannte wieder trübe, da mit einemmal entglitt Madry die Geige, die er Horpyna aus der Hand genommen, und fiel dröhnend und klirrend zu Boden. In demselben Augenblick that sich die Thür auf und Josky trat ein. Er blieb festgebannt stehen, das Thürschloß in der Hand. »O Herr!« sagte er ruhig. Salin aber ging der Blick, mit dem er auf Madry sah, durch und durch. Nur einen Augenblick währte es, da war Josky wieder hinausgegangen und hatte die Thür leise hinter sich geschlossen. Horpyna sprang auf und eilte ihm nach.

»Was will die mit ihm?« frug Salin.

»Gott weiß,« erwiderte Madry, »es wird ihr schon gelingen, was sie will.«

»Sie wird ihn belügen,« sagte Salin.

Madry saß den ganzen Abend bis spät in die Nacht hinein wie im Traum versunken oder ging hastig auf und nieder. Salin hatte sich hingelegt, schloß aber kein Auge und sah, wie sein Herr unstet sich umhertrieb, wie er die halbvollendete Schnitzerei angelegentlich betrachtete und sie wieder achtlos beiseite legte, wie er den Docht der Ampel öfter, als es nötig war, höher zog, wie er sich dann wieder in den hohen Lehnstuhl am Herde warf, mit der Hand durch die Haare fuhr und vor sich hinstarrte. Als er endlich gegen Morgen sein Lager aufsuchte und an Salin vorüberschritt, richtete sich dieser in die Höhe. »Weiß der Teufel, Salin,« sagte Madry, »Josky hat mich gut in den Händen.«

»Du meinst, er werde nun nicht mehr schweigen und bei der nächsten Gelegenheit verraten, wer vor Jahren den Brand gelegt hat? Ist es das, was dich plagt?«

»Ja, was sonst? was fragst du? das liegt, dächt' ich, klar genug!« erwiderte Madry unwirsch.

»Vielleicht wird er es nicht thun, wer kann es wissen. Mich bedünkt, er wird es nicht thun. Du hast ihn schwer gekränkt, aber er verrät dich nicht; nein, wenn du dich über weiter nichts – darüber sei ruhig. Ich kenne Josky.«


* * *


Am anderen Morgen um die gewohnte Stunde trat Josky ein, blieb, die Mütze in der Hand, wie immer an der Thür stehen und erwartete die Befehle seines Herrn; der sagte: »Sattle die Pferde, wir reiten in einer halben Stunde. – Geh, Salin, und hilf.«

Salin ging mit Josky hinaus, und während sie miteinander die Pferde aus dem Stalle führten, sie striegelten und aufzäumten, redete keiner von ihnen ein Wort.

Endlich sah Salin zu Josky auf und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Herr, ich bin ein armer Kerl,« sagte dieser und seufzte tief. – »Es läßt sich gar nichts darüber sagen, ich bin auch nur ein dummer Bauer.« Er preßte das Gesicht in die Mähne seines Pferdes und schlug mit der stachen Hand auf den glänzenden Rücken des Tieres.


* * *


Der Morgen war hell und frisch heraufgezogen. Madry, Salin und Josky ritten dem Walde zu. Es hieß, daß sie mehrere Tage auswärts bleiben würden. Madry sprach von einem weiten Ritt nach einem entfernten Dorfe, in dem man Holzhandel trieb. Jeder von den drei Reitern hatte einen Quersack hinter sich an den Sattel geschnallt und war auch sonst wohl ausgerüstet. Jeder trug einen weiten mit Pelz verbrämten Kaftan, die hohe Mütze, den breiten Gürtel aus Ziegenleder und tüchtige Reiterstiefel; in dem Gürtel hatten sie ihre Pistolen stecken. So trabten sie in den frischen Morgen hinein, daß ihnen die Haarschöpfe im Winde flogen. Eine geraume Zeit ging es schweigend durch den noch dämmerigen Wald. Dann glänzte der volle Tag über den Kiefern. Zitternde Lichter schimmerten auf dem Waldboden. Salins Herz aber wurde leichter, als er sein Pferd, dem der Weg leicht unter den Füßen dahinwich, so behaglich unter sich traben fühlte. Der Tag war sommerlich und die Luft wie vom zartesten Golde durchdrungen.

Als endlich der Wald sich allmählich lichtete, dann ein Ende nahm, lag die Heide in glühender Mittagshitze vor ihnen. Sie sahen die zitternde Luft auf der unendlichen wogenden Grasfläche liegen, die sich in sonniger Ferne verlor, und den Himmel sich blau darüber wölben. Kein Laut war zu hören als das Knistern der harten Halme unter den Pferdehufen und das Rascheln der Grasblüten, die an den Knieen und Leibern der Pferde hinstrichen. Die Luft war von dem scharfen Gezirpe der Grillen erfüllt.

Salin fühlte sich von der Tagesmitte, die Kraft und Leben ausströmt, wunderlich berührt. Es wollte ihm der gestrige Abend wie Traum und Einbildung erscheinen. Was sich ihm im Herzen verworren geregt hatte, wagte nicht wieder lebendig zu werden.

Madry und Josky ritten schweigend nebeneinander her.

Die Hitze wurde immer größer und Salin, der des langen Reitens nicht gewohnt war, begann zu ermatten, auch Josky blickte ungeduldig umher, hieb mit der Peitsche heftig in das hohe Gras, strich seinem Tiere über den feuchten Hals und sagte mürrisch zu Salin: »Die Tiere werden zu Grunde gehen, es ist eine verdammte Glut,« und fuhr sich über die heiße Stirn.

Madry hielt sein Pferd an, hob sich in den Steigbügeln und schaute um sich. Josky, der jeder Bewegung Madrys mit den Augen folgte, wollte absteigen.

»Bleib,« rief Madry scharf.

»Allmächtiger Gott!« stieß Salin hervor, als sein Blick auf seinen Freund fiel.

Madrys Hand suchte hastig im Gürtel; so standen sich die drei Reiter in heißester Mittagsglut, auf weiter Ebene, schweigend gegenüber.

Da richtete Madry den Blick scharf auf Josky und begann: »Du wirst mich verraten, Bursche!«

»Nein, Herr, das werd' ich nicht!«

»Du wirst es, so wahr, als wir uns jetzt gegenüber stehen,« sagte Madry ruhig, zog aus dem Gürtel die Pistole und richtete sie auf den armen Josky; der wurde aschfahl, zuckte zurück, reckte die Arme vor und schrie auf.

»Ich kann dir nicht helfen, Josky,« sagte Madry dumpf und drückte los. Der Schuß drang durch die heiße Luft, und Josky stürzte lautlos von seinem Pferde, das sich aufbäumte und in die Ebene hinausjagte.

Salin bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen.

»Komm zu dir, Salin!« rief Madry, der vom Pferde gesprungen war, und schüttelte ihn am Arm.

»Ja,« sagte Kaliske, rührte sich aber nicht und blickte starr vor sich hin. Dann sprach er: »Mir rinnt es so vor den Augen« – doch wußte er nicht, was er sprach.

»Das ist der Schreck und die brennende Sonne, Junge, was wird es sonst sein. Reib dir die Augen.«

Der arme Josky lag im hohen Gras, der Tod hatte das Gesicht des Burschen wunderlich verzerrt, es sah fast aus, als versuche er zu pfeifen.

Salin beugte sich zu Josky nieder.

»Schrecklich, wie das über ihn gekommen ist.« Er zog den Kaftan des Toten zurecht und deckte die Mütze über das jämmerlich verzogene Gesicht.

»Eil dich, Salin,« sagte Madry, »wir dürfen keine Zeit verlieren.« Salin aber starrte ihn an, fuhr sich durch das Haar und stöhnte laut auf.

Madry hatte von Salins und seinem Quersack zwei kurze Beile abgeschnallt, ohne die sie nie über Land ritten. Das eine gab er Salin in die Hände und sagte: »Hilf mir.«

»Was soll ich helfen?« frug der Bursche verwirrt.

Madry antwortete nicht, nahm das Beil, begann eine harte Erdscholle loszuschlagen und warf sie dann hinter sich.

Salin sah dem Thun zu – fuhr sich über die Stirn, faßte sein Beil wieder, das ihm aus der Hand geglitten war, und schlug mit Madry zusammen die Schollen los. Das ging schnell genug und sie hatten bald ein längliches, von Gras befreites Stück Erde vor sich, lang genug für Josky. Nun begann aber die schwere Arbeit, eine Grube auszuhöhlen. Die Sonne brannte ihnen sengend auf die Scheitel herab; aber unermüdlich schlugen beide die harten Knollen los, und Salin scharrte mit den Händen nach und schichtete die Erde am Rande zuhauf. Der Schweiß rann ihm von der Stirn; aber er ruhte nicht, sah nicht einmal auf Madry und wagte nicht nach der Stelle hinzublicken, wo der Tote lag. Die Höhlung wurde immer tiefer.

»Es ist genug,« sagte Madry.

Salin war aber dunkelrot und er wankte. Sein ganzer Körper zitterte von der Anstrengung.

»Was soll das sein, Bursche?« stieß Madry hervor, war mit einem Sprung bei ihm und rüttelte ihn an der Schulter.

»Es ist nichts,« doch fuhr Salin zusammen, als Madry ihn berührte, und sagte: »Nur rasch, daß die Sache ein Ende hat!«

Sie wandten sich zu dem Toten, hoben ihn und legten ihn in die Grube. Salin drehte dabei seinen Kopf zur Seite, er wollte des Toten verzerrtes Gesicht nicht sehen.

Als sie die Erdschollen über den armen Josky geworfen hatten, fielen Salin die Arme schlaff herab.

»Madry,« hub er an und schaute finster auf ihn hin, »das Herz im Leibe möchte sich einem umwenden. Was hast du gethan!« Er trat auf ihn zu, legte seine beiden Arme auf Madrys Schulter und blickte ihn wieder verwirrt an. »Durch dich kam das über ihn, und du stehst vor mir, hier in der Sonne!«

»Komm, komm, Salin,« sagte Madry ruhig, »es ist geschehen und mußte geschehen.« – Er schwang sich auf sein Pferd. »Hier liegt deine Feldflasche, nimm einen Schluck, der wird dir wohlthun.« Salin bückte sich und hob sie auf.

»Sie ist ausgelaufen.«

»Nimm einen Schluck aus meiner, es ist nicht mehr viel darin,« damit reichte er ihm die Flasche.

»Ich brauche nichts, laß es gut sein.« Salin bestieg sein Pferd, ohne einen Blick auf seinen Begleiter zu werfen, und wieder ging es im Galopp über die Ebene. –

Josky lag einsam unter seiner Erddecke, und Jahre mochten vergehen, ehe ein menschlicher Fuß über sein Grab dahinschritt. Er konnte lange Ruhe und Frieden haben.

Salin fühlte sich schwer krank an Leib und Seele, willenlos hing er auf seinem Tiere, verworrene Bilder zogen ihm durch das Hirn. – Er ritt hinter Madry her und empfand ein Grauen vor diesem Menschen und vor der ganzen Welt. Da Madrys Bild in seiner Seele so völlig zerstört war, daß er es nicht wieder erkannte, war ihm auch alles übrige unverständlich geworden, und dunkle Gefühle, die über ihn hereinbrachen, peinigten ihn sehr. Ein Unbehagen lief durch seinen Körper, ein wunderliches, von den Händen ausgehendes Ziehen und Spannen. Er kannte das. – Er erinnerte sich, wie Madry ihn einst zum Brunnen gehoben und wie das Wasser ihn von dem peinigenden Gefühle befreit hatte – dann sah er seine Mutter vor sich, wie sie im Gärtchen arbeitete und plötzlich erschauerte; das war es: beim Graben war ihr die Erde an den Fingern trocken geworden und er sah, wie sie zum Wasserkübel eilte und sich mit großem Eifer abwusch.

Das Ziehen und Spannen in den Fingern wurde ihm unerträglich, und es überkam ihn ein mächtiges Verlangen, seine Hände abzuspülen; auch war es ihm, als müsse alles Entsetzliche verschwinden, alles Verworrene sich lösen, sobald er den ziehenden quälenden Schmerz stillen könnte. Das Verlangen wurde immer brennender, nahm ihm jeden anderen Gedanken und trieb ihm stürmend das Blut durch die Adern. Jetzt sah er, wie Madry seine Branntweinflasche an den Mund führte. Im Augenblick war er neben ihm, griff wild danach, entriß sie ihm und schüttete den Inhalt sich auf die Hände. Das peinigende Gefühl, das ihn fast sinnlos gemacht hatte, ließ nach, und er atmete auf.

Madry sah ihn erstaunt an. »Was soll das bedeuten, Salin? Ich bin am Verdursten, und du?« –

Madry aber konnte nicht ausreden. Salin achtete nicht auf ihn und gab seinem Pferde die Sporen, daß es wie toll dahinflog, und jetzt erst, nach der Befriedigung des peinigenden Verlangens, empfand seine Seele ganz klar und erschreckend eine tiefe Scheu vor Madry und einen großen Jammer. Jetzt erst gestaltete sich das eben Erlebte zum wirklichen Ereignis. Es wurde ihm, als erweiterte sich sein Geist auf eine nie geahnte Weise. Er begriff das Furchtbare. Die ganze Gewalt der Sünde lag auf ihm und schien ihm zu groß für diese Welt zu sein. Er dachte an Horpyna, daß ihretwegen Josky hatte sterben müssen. Er sah, wie erbärmlich Madry sich selbst zu betrügen getrachtet und Josky lügnerisch beschuldigt hatte. Das empörte ihn mehr als das Verbrechen selbst. Er fühlte etwas, als wäre ihm das Herz verwundet, als erkenne er die eigene Seele nicht mehr, so schien diese ihm von dem großen Jammer fremd geworden zu sein. Madry war ihm lieb gewesen, sein Ein und Alles. –

Immer weiter ging es durch das hohe, versengte Gras, und Salin blickte nicht einmal hinter sich. Der Eindruck, den Joskys Tod auf ihn gemacht, bewegte sich verwirrend und stürmte durch des Armen Kopf und Herzen. Das Geschehene trennte sich von der ganzen übrigen Welt und stand allein und ohne Verbindung mit allem Erlebten ihm vor Augen. Es wuchs zusehends an Furchtbarkeit und wurde eine eigene Welt, voller Schrecken und Elend. Und der, der das Unerhörte hervorgerufen, ritt ruhig seines Weges und es geschah ihm nichts. – Die Sonnenstrahlen, die ihn trafen, wurden nicht zu Flammen; die Erde trug ihn, und sein Roß ließ sich ruhig von ihm leiten, sprengte nicht wild in die Weite hinein, um ihn in rasendem Laufe abzuschleudern.

Nachdem sie gegen zwei Stunden geritten, sahen sie einige zerstreute Häuser liegen. Ein hoher, breitästiger Laubbaum beschattete eines derselben. Das war eine große Seltenheit in der Gegend. Als sie sich dem Hause näherten, klangen ihnen wirrer Gesang und schrille Geigentöne entgegen. Rings standen breiträderige Wagen und Karren. Die Pferde waren teils unter dem weitvorspringenden Dache an eine Raufe gebunden, teils im Schatten der breiten Linde untergebracht, über den ganzen Platz war Stroh und Heu verstreut. Die Wagendeichseln versperrten hier und dort den Weg.

»Heda!« rief Madry einem Manne zu, der eben in der Thür sichtbar wurde und jetzt heraustrat. Es war der Wirt, ein hagerer Jude in schmierigem Kaftan, der gar flink und höflich wurde, sobald er die Reiter mit schlauem Blick gemustert hatte.

Beide stiegen ab und übergaben einem jungen Burschen ihre Tiere. Dann gingen sie dem Hause zu. Der Wirt war ihnen vorausgeeilt und empfing sie in der Thür mit zwei Gläsern Branntwein, überreichte diese mit devotester Verbeugung und süßem Lächeln. Madry stürzte das seine in einem Zug hinunter.

»Ja, ja, Euer Gnaden, so alt die Welt ist, solch einen Branntwein gab es noch nicht. Wohl bekomm' es Euer Gnaden!«

»Was ist denn bei Euch los, hier geht's ja hoch her?« frug Madry.

»Das hat sich zusammengefunden, Euer Gnaden,« erwiderte der Jude und klappte zusammen wie ein Taschenmesser. »Es war Jahrmarkt im Städtchen, da ist es Brauch, solange die Welt steht, daß die Leute, die der Weg bei uns vorbeiführt, einkehren und sich lustig machen.«

»So, so,« unterbrach ihn Madry. »Bring uns, was du Genießbares im Hause hast.« – Jetzt traten beide in den Raum ein, in dem die Leute sich in ihrer Weise vergnügten. Als sie die Thür öffneten, quoll ihnen dichter Staub entgegen. Alles war in Bewegung, nichts schien festzustehen. Durch die kleinen, trüben Fenster warf die tiefstehende Sonne zwei breite flimmernde Strahlen in den dämmerigen Raum. Und aus dem Dunkel tauchten in das Lichte hinein immer neue Gestalten; rote Kopftücher glühten feuerfarben, wilde Haarschöpfe, braune Gesichter, Arme in faltig weißen Ärmeln huschten aufleuchtend durcheinander.

»Verflucht,« brummte Madry vor sich hin, »dergleichen hat man lange nicht gesehen.«

Bald saßen sie in einer Ecke am wackligen Tisch, und trotzdem es Salin fast die Kehle zuschnürte, aß und trank er und begriff nicht, daß er es mit Lust und Eifer thun konnte; aber er sprach kein Wort.

»Wir müssen miteinander über die Sache reden, du wirst bald anders darüber denken,« sagte Madry ruhig, stand aber auf und verschwand in dem Getreibe.

Salin Kaliske blieb sitzen, stemmte die Arme auf den Tisch und schloß die Augen. Das Getümmel um ihn her beunruhigte ihn, es erschien ihm leblos, trotz allen Bewegens und Lärmens. Sein Kopf war sehr verworren. Sein ganzes Empfinden war dumpf und betäubt. – Das Elend der Welt lag über ihm.

Als er die Augen wieder öffnete, sah er vor sich auf dem Stuhle, den Madry eben verlassen hatte, zwei Mädchen mit glühenden Gesichtern sitzen, die hielten sich umschlungen und flüsterten und kicherten miteinander.

»So sieht der also aus,« sagte die eine, als er aufblickte, stemmte den vollen Arm in die Seite und bog sich weit über zu Salin, daß der ihr gerade in die lachenden Augen sehen mußte.

Salin war ganz verblüfft und konnte nicht zu Worte kommen.

Da kicherte eine: »Der ist nicht von hier, das ist doch klar, nicht, Masche? Komm, tanz mit uns.«

»Das versteh' ich nicht, sucht euch einen andern. Bei uns tanzt man nicht. Die Frauen bei uns sind fast alle alt, nur Horpyna –«

»Das muß hübsch sein; wer ist Horpyna?« frugen die Mädchen wie aus einem Munde, »dein Schatz wohl? Die erfährt's nicht,« und sie lachten wieder.

»Nein, nein, nein!« rief Salin laut.

Die Mädchen sahen sich erstaunt an. »Der will wohl ein Junker sein? Wo ist deine Horpyna? Die sieht's ja nicht.«

»Laßt mich in Frieden, verdammtes Volk.« –

»Nur nicht so grob, tanz mit uns, wir wollen dich's lehren.«

»So laßt ihn doch,« sagte eine dritte, die dazu gekommen war und den anderen über die Schulter sah.

»Nein, seht nur die an,« fuhr die eine der beiden Mädchen auf, »weil die ein seidenes Kopftüchlein hat und ein goldenes Kettchen zweimal um den Hals, dünkt sie sich was. Nun, mag sie's haben, wir streiten uns nicht mit ihr um den Gesellen, da gibt es bessere in jeder Ecke, komm, Masche!« Damit gingen die beiden, schlangen die Arme einander um die Schultern und waren im Gedränge verschwunden. Die neu Dazugekommene blieb stehen mit untergeschlagenen Armen. Salin sah sie verwundert an.

»Was sind das für Mädchen?« frug er.

»Was weiß ich's.« Sie zuckte die Achseln.

»Komm, setz dich!«

Das Mädchen setzte sich und blickte in das Gedränge. Salin Kaliske aber sah sie immer noch an.

»Du hast ein gar hübsches Gesicht,« begann er nach einer Weile.

Das Mädchen schaute sich um und lächelte.

»So, du kannst schmeicheln?«

Salin sprach weiter: »Es ist etwas Herrliches, will mich bedünken, um so ein Gesicht.«

Da sah sie ihn wieder an und schüttelte den Kopf.

»Du bist ein wunderlicher Gesell.« Sie stand langsam auf.

»Du gehst?« frug Salin.

»Ja, ich muß nach den Gästen sehen.« Sie ging. Es wurde dunkel. Sie brachten Lichter, Kienfackeln wurden an den Ofen gesteckt. Das Toben und Lärmen wurde toller und wüster. Die Geigen schwirrten, die Tanzenden flogen auf und nieder. Die Männer schlugen auf den Tischen den Takt zur Musik. Ein Huhn war unter die Tänzer geraten. Irgend ein trunkener Bursch hatte wohl das Seinige dazu gethan und sich großen Spaß davon versprochen. Das arme Tier flog wie geblendet über Tisch und Bänke, auf die Köpfe schreiender Dirnen und Burschen. Sie hieben mit Schemeln, warfen mit Gläsern. Salin aber war es zu Mute, als sollte ihm der Kopf springen. – Er sah Madry am Ofen stehen, wie er dem Gewirre zuschaute und ein Glas Branntwein an die Lippen setzte. Er schwatzte mit einem Bauern und lachte laut. Salin aber rann ein Schauer durch und durch. Er ging zur Thür hinaus, ohne einen Blick weiter auf Madry zu werfen.

Draußen auf dem Hof stand die Wirtstochter und sprach mit einem alten Bauern, der eben seine Pferde anschirrte. Salin blieb an der Hausthür stehen. Wie sie an ihm vorüberschritt, rührte er sie leise an die Schulter.

»Ihr seid es,« sagte das Mädchen.

»Sag mir,« frug Salin, »wo hinaus führt der Weg zum Städtchen, dem nächsten, meine ich.«

»Wollt Ihr dahin?« frug sie. »Der Mann dort,« sie zeigte auf den, mit welchem sie eben gesprochen hatte, »fährt ein gutes Stück denselben Weg, geht dem nur nach; aber wie ist mir denn, Ihr kamt ja mit einem andern und zu Pferde, nicht?«

»Ich geh' allein weiter,« erwiderte Salin. »Du irrst dich, ich kenne keinen Menschen weit und breit, weiß nicht ein noch aus. Fragt einer nach mir, so sag ihm nicht, daß du mich gehen sahst. Wüßtest du, wie mir's um das Herz ist!« und er faßte ihre beiden Hände.

»Gott mag Euch helfen, wenn es Euch schlecht gegangen ist. – Geht nur, von mir erfährt es niemand. – Lebt wohl!«

Salin schnallte eilig den Quersack von seinem Pferde, warf ihn über die Schulter und ging dem Wagen nach. Bald hatte er den Mann eingeholt und schritt neben den sich mühselig drehenden Rädern einher. Weg und Welt lagen tief in Finsternis um ihn her, und ihm war zu Mute, als führte ihn die fremde Straße geradeaus in den Tod, denn der schien ihm jetzt das einzige Sichere und Glaubhafte, was er im Leben vor sich sah.

Wie er nun eine gute Weile neben dem Wagen einhergegangen war, rief ihn der Bauer an, der obenauf saß: »He, junger Bursch, fahr mit!«

Er hielt die Pferde an und Salin schwang sich neben den Alten, der auf einem der Getreidesäcke saß, mit denen der Wagen beladen war.

»Nun, wo hinaus?« frug der Mann unsern Freund.

»Ich denke heute noch nach dem Städtchen zu kommen,« erwiderte Salin.

»Heut wohl nicht mehr,« sagte der Mann lachend. – »Noch volle sechs Meilen dahin, das will etwas heißen, und Ihr seht mir nicht danach aus; – ich sah Euch nebenher schlendern, so kommt man nicht weit. Fahrt mit mir und seht morgen zu, wie Ihr weiter kommt.«

Salin bedankte sich, nahm seinen Quersack ab, stützte den Kopf in die Hände und schwere Müdigkeit rann ihm durch die Glieder.

»Geht, legt Euch, Bursche,« begann der Alte wieder nach einiger Zeit, »Ihr scheint mir Schlaf vonnöten zu haben.«

Salin streckte sich aus. Wie er auf den Säcken lag und hinauf in den Himmel schaute, kam ihm der so wunderherrlich vor, wie noch nie; er war aber todmüde und schlief fest ein.


* * *


Als er wieder erwachte, war es heller Morgen. Die Sonne leuchtete schon in vollster Pracht. Er lag auf den Getreidesäcken, auf die er in der Nacht hingesunken war; aber der Wagen stand still, die Pferde waren ausgespannt, und über sich sah er das breite, vorspringende Dach eines geräumigen Hauses. Er schaute sich um, da war ein großer schöner Apfelbaum, der seine Zweige über das Dach breitete, und den Stamm konnte er fast mit den Händen greifen. Der Morgenwind fuhr durch die Blätter, und zwei reife Äpfel fielen herab und kollerten leise über den Erdboden hin. Weiter sah er grüne, wohlbewässerte Wiesen und gelbe Kornfelder. Das alles erstaunte ihn und erschien ihm sehr schön, er war von dem neuen Eindrucke ganz befangen. – Da mit einemmal ging es ihm wie ein Erstarren durch die Glieder. Er sah vor sich hin und ließ den Jammer über die letzten Erlebnisse über sich kommen, ohne sich zu sträuben.

Endlich erhob er sich langsam, stieg vom Wagen und stand unschlüssig, was er beginnen sollte.

Da trat der Hofbesitzer aus dem Haus, der Mann, der ihn gestern hatte aufsteigen lassen.

»He, junger Bursche,« rief er Salin zu. »Ihr habt einen gesunden Schlaf, wirklich, einen sehr gesunden Schlaf, das muß ich sagen. – He, Piotruska, Julian, Marek, da ist er!« Hinter dem Hause kamen dreie hervor. Zwei junge Bursche und eine behäbige Bäuerin. Der Bauer ging auf Salin zu, und die drei anderen standen von ferne. Die Bäuerin stemmte den Arm in die Seite, die Burschen streckten die Köpfe vor.

»Tretet ein,« sagte der Mann und führte Salin in das Haus, nötigte ihn, am Ofen niederzusitzen, und die Bäuerin brachte ihm eine große Schüssel Sauermilch mit einer dicken gelben Rahmhaut, stellte sie vor ihn hin und forderte ihn auf, zu essen.

»Nun, wie steht es,« fragte der Alte, »treibt Ihr einen Handel, wollt Ihr in Geschäften in das Städtchen?«

»Das nicht, Pan.« Salin blickte verwirrt und scheu auf den Mann.

»Bonkiewicz,« sagte dieser, »heiße ich.«

»Das nicht, Pan Bonkiewicz,« begann Salin wieder, wie in Gedanken versunken.

»Nun, was wollt Ihr dort?«

»Ich?« frug Salin, »das mögen die Heiligen wissen.« – Er stützte den Kopf in die Hände und schwieg. Der Alte ließ sich neben ihm auf der Ofenbank nieder, die Bäuerin brachte Gläser und Branntwein, stellte alles auf den Tisch und schaute sich nach den Söhnen um; die hockten auf der Bank unter dem Fenster und starrten mit weitoffenen Augen auf Salin.

»Fort, ihr Schlingel!« rief die Frau, »nur zu, was faulenzt ihr, immer los; glaubt ihr, das Heu wende sich von selbst?« – Die beiden schoben sich zur Thür hinaus und stießen einander, daß der eine mit dem Kopf an den Thürpfosten krachte, im Augenblick hatte dieser den Bruder schon am Schopf und rüttelte ihn aus Leibeskräften.

»Ihr Tölpel,« fuhr die Mutter dazwischen, und schob sie vollends zur Thür hinaus. Dann setzte sie sich zu ihrem Mann und schlug die Arme übereinander.

»Pan Bonkiewicz,« begann Salin, »ich verstehe das Holzschnitzen und suche einen Mann, der dergleichen gebrauchen kann. Vielleicht träfe es sich, daß ich im Städtchen einen solchen fände?«

»Ei ja doch,« rief die Bäuerin Piotruska – »das trifft sich. – Der Bruder!« Sie wies auf ihren Mann. »Nicht? der Bruder könnte ihn schon gebrauchen.« –

»Vielleicht,« erwiderte Bonkiewicz, »warum nicht, wenn er seine Sache versteht. Ihr müßt es versuchen, ob Ihr bei ihm ankommt. Er wohnt dort unten im Städtchen, Ihr werdet ihn schon erfragen. Sie nennen ihn Andruska Bonkiewicz, denn er ist von Gestalt klein und schmächtig, nennt ihn aber Andrei, Pan Andrei, das ist ihm lieber.«

»Er ist ein sehr geschickter Mann, der Bruder,« begann Piotruska wieder, »über fünf Jahre war er in Warschau und hat dort für einen großen Herrn gearbeitet. – Nun, Ihr werdet es ja sehen.«

»Ich will zu ihm,« sagte Salin, »denn ich weiß auf der Welt nicht, wohin. Ich dank' Euch für die Auskunft.«

Er erhob sich, um zu gehen und nahm seinen Quersack über die Schulter, dann wandte er sich zur Bäuerin.

»Ich hätte eine Bitte,« sagte er und blickte scheu zu der stattlichen Frau auf. »Hier der Pelzrock paßt nicht recht zur Wanderung und nicht, wenn ich Euren Bruder Bonkiewicz um Arbeit bitten will. – Der stammt aus anderer Zeit. Ich hatte einen Herrn, mit dem ich ausritt. – Gebt mir einen leinenen Kittel, wie ihn die Söhne trugen, ich lasse Euch den Pelz dafür, der ist noch gut und tüchtig.«

Piotruska ging auf den Handel ein, und Salin zog den Leinwandkittel von Marek über und verabschiedete sich von den freundlichen Wirten.

Wie er hinter dem Hause hinging, um auf die Straße, die nach dem Städtchen führte, zu gelangen, kam er an einer Wiese vorüber, auf der die Söhne Julian und Marek arbeiteten; da ging es hoch her, die Burschen warfen sich mit Heu, vergnügten sich außerordentlich, schrieen und lachten.

Wie die beiden Kaliskes ansichtig wurden, brachen sie in ein schallendes Gelächter aus.

»Schau nur hier,« rief Julian, »was der Murrkopf davonträgt, Mareks Sonntagskittel. – Ei, daß dich!« und sie gingen auf Salin los. »Wie kamst du zu dem Kittel?«

»Eure Mutter weiß Bescheid darüber,« antwortete Salin mit großer Ruhe – »fragt sie.«

Die Burschen schwiegen und sahen einander an.

»Daß ihr so vergnügt und heiter sein könnt, verstehe ich nicht,« sagte Salin. »Es geschehen so erschreckliche Dinge auf der Welt – man sollte sein Lebtag nicht lachen – glaubt mir. Ihr thut mir leid, denn ihr werdet auch bald aufhören müssen zu lachen.«

»Der ist im Kopfe nicht recht,« sagte Marek, sah seinen Bruder an und sperrte das Maul auf.

Salin seufzte. »Werdet es noch erfahren,« sagte er gemessen, wie es seine Art war, wandte den beiden den Rücken und ging seines Weges.


* * *


Gegen Abend kam er in die Nähe des Städtchens. Er war den Tag über in schwere Gedanken versunken vorwärts gegangen und hatte nicht rechts noch links geschaut.

Jetzt sah er in der Ferne auf der weiten Ebene ein paar Türme aufsteigen, dann ein Häuflein Häuser, und hier und da schimmerte in der Abendsonne ein Giebel. Er kam seinem Ziele näher, doch schlug ihm das Herz nicht vor Erwartung, noch auch vor Sorge, wie es ihm ergehen könnte; denn das künftige Leben lag so fremd vor ihm, daß er sich kein Bild davon machen konnte. Jetzt sah er das offene Thor, ein spitzes Türmchen über dem Bogen.

Die Sonne sank, und brauner Dunst lag auf der Ebene. Die Türme ragten gewaltig in den Abendhimmel hinein, die grauen Mauern stiegen fest und sicher vom Grunde auf. Die hohen dunkeln Häuser schauten eng aneinander gedrängt darüber hin in die Heide hinaus. Salin blieb stehen, sah auf das düstere Städtchen, das ihm so fremd erschien, scheute sich weiter zu gehen, ließ sich ermüdet auf einen Erdhaufen nieder und sah vor sich hin.

Wie er so dasaß, trafen aus der Ferne verworrene Laute an sein Ohr. Auf der dämmerigen Landstraße wurde es allmählich lebendig, und immer näher und immer deutlicher vernahm er das Murmeln und Lärmen eines heranziehenden Schwarmes. Jetzt kamen die ersten an ihm vorüber, eifrig schwatzend; andere folgten und wieder andere, Männer, Weiber, Kinder, alles bunt durcheinander, schreiend, lärmend, alle erregt und vergnügt, wie es schien.

Wie sie so an Salin vorüberschritten, ganz unbekümmert um ihn, und wie auch nicht einer der munteren Leute ihn zu bemerken schien, da wurde es ihm doppelt schwer ums Herz. Er fühlte, wie alle diese Menschen zu einander gehörten, und wie sie miteinander ausgezogen waren, gemeinschaftlich Vergnügliches erlebt hatten und nun befriedigt jeder seinem sicheren Heim zuzog und nur er war allein!

Sollte er sich zwischen jene drängen? Wen sollte er anreden? Wo fände er wohl Entgegenkommen? Wer würde ihn recht verstehen und wer teil an ihm nehmen? Wahrhaftig, er kam sich sehr verlassen vor und wie ausgestoßen aus jeder Gemeinschaft. Die letzten aus dem Haufen waren längst vorüber. Er wagte nicht nachzugehen, saß und sagte zu sich: »Kein Mensch auf Erden weiß von dir. Lebst du oder lebst du nicht?« Es war ihm zu Mute, als müsse er sterben, als käme der Tod auf ihn zugeschritten. Er saß da und starrte in die Dunkelheit, den Tod zu erwarten.

Der Mond stieg am Horizonte empor, und wie Salin aufblickte, sah er aus der Dämmerung ein Weib, gebückt und alt, geradeswegs auf sich zukommen, langsam und schlürfend. Dicht vor Salin blieb sie stehen und stöhnte tief auf, dann setzte sie sich und stützte den Kopf auf beide Arme. So saßen die beiden eine gute Weile einträchtiglich beisammen. Das behagte Salin wenig, er wußte nicht recht, was er thun sollte, und machte Miene, zu gehen.

»Bleibt nur,« sagte die Alte, ohne aufzusehen. »Bleibt nur,« und dann: »was sitzt Ihr denn hier? Ihr waret doch eben recht lustig, dacht' ich – wie geht's Euch?«

»Schlecht, Mütterchen,« erwiderte Salin.

»Glaub's schon,« sagte die Alte wieder, »glaub's schon. Habt Ihr es auch mit angesehen?«

»Was denn, Mütterchen?«

Aber die Alte schwieg.

»Sie haben mir den Sohn hinausgeführt und draußen gehenkt. Mich wundert, daß Ihr es nicht mit angesehen habt. Es sind doch alle mitgegangen.« Das sagte sie nach einer Weile langsam und tonlos. – »Ihr seid wohl fremd?«

»Die Leute gingen hier an mir vorüber,« sagte Salin.

»Ja, ja, da kamen sie her,« und sie nickte mit dem Kopfe. »Euch würde es schlecht zu Mute sein, wenn Ihr an meiner Stelle wäret,« fuhr sie fort und lachte kurz auf. »Den Sohn haben sie mir gehenkt. Es war der einzige Sohn. – Gestohlen hat er. – Ich hab' mein Lebtag Kummer um ihn gehabt – zuletzt keinen frohen Tag mehr. Aber im Grunde war er doch gut – ach, du lieber Gott!« Sie nickte leise vor sich hin. – »Vielleicht besser als die anderen, die ihn gehenkt haben. –«

»Wer so hineingesehen hat, wie ein bös Ding aus dem anderen kommt, ohne daß man Einhalt thun kann – dem will sich oft vor Angst der Hals zuschnüren. – Das ist sein Hund,« und sie strich dem Tiere, das neben ihr lag und leise winselte, über den breiten Kopf.

Dabei schluchzte sie laut auf und konnte nicht recht zu Worte kommen. »Nicht wahr, du hast ihn lieb?« Sie fuhr ihm wieder sanft über den Kopf, »und da mein' ich, so ganz schlecht ist er doch nicht, sonst wäre ihm das Vieh nicht so zugethan gewesen, das ist mein Glaube – du bist mein Trost, daß ich ihn wiedersehe.«

»Nun hängt er da oben zwischen Himmel und Erde. – Ach du! ach du!« schrie das Weib auf, daß es Salin durch und durch ging.

»So ein Jammer!« begann sie wieder, »ich war nicht dabei – ich hätte wohl dabei sein sollen; aber ich brachte es nicht über mich, da ist er allein gestorben. – Ach du Herr Gott!« und sie faßte Salins Hand und drückte sie heftig: »Sagt mir, die Kranken und Schwachen sollte man glücklich preisen. Ich bin mein Lebtag gesund und stark gewesen, nur darum, um das Elend auf mich nehmen zu können. – Was ist Euch denn geschehen, Ihr seid noch so jung?«

»Ach, Mütterchen,« sagte Salin, »mir scheint die Welt voll Sünde und Jammer zu sein. Mich bedünkt, die ruhigen Tage sind nur die Boten, welche die bösen uns anmelden. – Ich bin auch nicht so jung, wie Ihr es meint, ich habe schon viel erlebt.«

»So, so,« erwiderte die Alte in Gedanken versunken. – »Ich hab' auch mancherlei erlebt. – Ich hab' ihn gewärmt und gepflegt und war besorgt um ihn; solange er lebte, hab' ich jede Stunde an ihn gedacht. Nun ist er doch trotz aller Not für Erde und Himmel verdorben, und wie ich alles ruhig mitansehen mußte – wie sie ihn zu guter Letzt dahin geführt haben!«

Sie wies mit dem Arm geradeaus.

»Da hat man etwas erlebt und möchte dem Tod auf Schritt und Tritt nachgehen. – Mir wär's auch gleich, wenn er nur nicht in der Nacht und im Winde hängen müßte! Ich seh' ihn immer vor Augen und werde wohl darüber keine Ruh' mehr finden.« –

Salin erhob sich: »Mütterchen,« sagte er, »man muß schweigen; ich glaube nicht, daß man über so etwas reden darf. Wir müssen jede Stunde gewärtig sein, daß das Herz uns zertreten und zerrissen wird. Kommt Ihr mit nach der Stadt?«

»Nicht doch, ich bleibe hier, ich kann ihn doch nicht ganz verlassen, was denkst du denn?« Und die Alte rückte sich auf dem Erdhaufen zurecht.

»Soll ich bei Euch bleiben?« frug Salin.

»Nein,« erwiderte sie, »geht, mir ist es gleich, ob Ihr geht oder bleibt.«

»Morgen frag' ich nach Euch, Mütterchen.«

»Morgen geh' ich von hier, bemüht Euch nicht, bin morgen nicht mehr hier. Lebt wohl.«

»Lebt wohl,« sagte Salin seufzend, warf seinen Quersack über die Schulter und ging dem Thore zu.

Wie er in das Städtchen kam, waren die Straßen schon leer, und aus den kleinen Fenstern schimmerte hier und da Licht. An dem Brunnen traf er schwatzende Mägde und frug diese nach dem Holzschnitzer Bonkiewicz.

»Ach, Andruska meint Ihr,« und sie wiesen ihn nach dessen Wohnung.

Vor einem Häuschen mit spitzem Giebel blieb er stehen. »Das wird es sein,« sagte er und lehnte sich ein Weilchen an den Thürpfosten, öffnete dann und rief in dem dunkeln, engen Flur den Namen des Holzschnitzers. Eine schmale Thür ging auf, und ein Lichtschimmer drang heraus.

»Wer da?« frug eine eigentümliche sanfte Stimme.

»Ein Holzschnitzer, Pan Andrei Bonkiewicz,« erwiderte Salin und trat vor.

»Ei, das wäre!« rief der Mann, »nur herein.« Salin stand vor dem kleinen Meister.

»Also ein Holzschnitzer?« sagte dieser noch einmal und sah zu Salin auf. Dann trat er an seinen Arbeitstisch und rückte die Lampe so, daß er das Gesicht des Ankömmlings besser erkennen konnte. »Setzt Euch.« Er wies auf die Bank am Ofen. Salin legte seinen Quersack ab. »Wo standet Ihr bis jetzt in Arbeit?« begann der Meister.

»Ich?« frug Salin. »Bei niemand noch, Andrei Bonkiewicz. Ich habe geschnitzt, wie es mir in die Hände kam, versucht es doch, ob Ihr mich brauchen könnt, mancherlei hab' ich schon fertig gebracht.«

»Wollen sehen, wie heißt Ihr?«

»Salin Kaliske.«

»So, so, – Ihr werdet hungrig sein.« Der Alte ging an einen Schrank, holte Brot, Branntwein und einen Teller mit Speck, setzte alles vor Salin hin und forderte ihn auf, zu essen.

Der langte zu und sagte dabei: »Ich komme von Bonkiewicz, dem Hofbesitzer, Eurem Bruder, der läßt Euch grüßen. Sie haben mich dort freundlich aufgenommen und hierher gewiesen.«

»Von dem Bruder?« wiederholte Meister Andrei, »von Piotruska – und den Söhnen? Ei, – wie sich das alles trifft!« und er schüttelte freundlich und verwundert mit dem Kopfe. »Nun, bleibt nur heut nacht bei mir – morgen wollen wir weiter sehen; geht, legt Euch jetzt zur Ruhe, ich weck' Euch morgen beizeiten.« Salin erhob sich, Andruska Bonkiewicz nahm eine Laterne von der Wand, zündete sie an und leuchtete seinem Gaste. Eine kleine wackelige Treppe stiegen sie hinauf und traten in ein Kämmerchen, da lag allerlei Holz aufgeschichtet, und in einer Ecke war eine Streu bereitet. An der Wand hing an einem Nagel eine grobe wollene Decke, die nahm Bonkiewicz herab und breitete sie über das Stroh hin. Salin hatte währenddem ein armlanges, sauber geschältes Stück Lindenholz vom Boden aufgenommen und betrachtete es angelegentlich.

»Meister,« sagte er, »so ein Holz! Das muß eine Freude sein, daraus zu schnitzen, so gutes hab' ich mein Lebtag noch nicht in den Händen gehabt.«

»Seht,« fuhr der Holzschnitzer erregt auf – »da habt Ihr gleich mein bestes Stück erwischt, – das muß ich sagen: das ist ein Holz; meine liebe Not habe ich gehabt, ehe ich es bekam.« Er fuhr liebkosend über den glatten, weißen Stamm. »Ein prächtiges Stück Birnbaum hab' ich noch.«

Er hob den Kasten in die Höhe, unter dem es lag, und sie betasteten es beide. Der Alte konnte nicht aufhören, es zu preisen, darauf bedeckte er es wieder behutsam.

»Wollen sehen, was sich daraus machen läßt. Ein wahrer Schatz ist es, und ich gedenke die Füllung an der Vorderseite der Truhe, Ihr werdet sie morgen sehen, davon zu machen. – Schlaft wohl. Ich wecke beizeiten.« Damit ging der Alte zur Thür hinaus.

Salin legte sich nieder und löschte die Laterne; aber er fand keine Ruhe, unaufhörlich mußte er an das alte Weib vor dem Thore denken.

Er sah sie sitzen, vor Schmerz und Jammer in sich zusammengekrochen, und was über sie gekommen war, erschien ihm unglaublich.

Jetzt sitzt sie draußen in Nacht und Einsamkeit und starrt unverwandt in die Dunkelheit hinein, dahinaus, wo sie ihren Sohn, den einzigen, am Galgen hängend weiß.

Solche Vorstellungen gingen durch Salins Seele. Er fühlte das, was er dachte, übermächtig; er sah, wie das Weib mit ihrem Kinde spielte und lachte, und sah sie in demselben Augenblick draußen vor dem Thore sitzen, um ihren jämmerlich gestorbenen Sohn nicht zu verlassen. – Da empörte sich ihm sein innerstes Wesen. – Glück, Behagen und unfaßliches Elend sah er grausam gegeneinander gestellt. Das, was ihm selbst widerfahren, reihte sich ihm natürlich in die Ereignisse ein und er empfand nicht mehr den eigenen Schmerz, sondern die ungezählten Schmerzen, die über der Welt liegen und über Tausende herfallen. Alles wankte und wogte um ihn her. – Leichtbeweglich erschienen ihm Glück und Frieden; aber gewaltig, zerschmetternd, übermächtig das hereinbrechende Unglück.

Die Dunkelheit lag schwer auf ihm, und er ersehnte den Morgen. – Ermattet und abgehetzt schlief er endlich ein. Mit dem Frühesten weckte ihn Andruska Bonkiewicz. Die helle Sonne schien durch das grünliche, bleigefaßte Fensterchen in die Kammer, und Salin atmete auf nach der bänglichen Nacht.

Wie er mit dem alten Holzschnitzer unten in der engen Werkstatt saß, ein gutes Messer in der Hand hatte und ein Stück feinfaseriges Holz, und die Probe seiner Kunst ablegen sollte – da wurde ihm das Herz leichter. Er sah und dachte nichts anderes, als daß er den guten Bonkiewicz in Erstaunen setzen wolle. Ihm war die Aufgabe geworden, ein feines, zierlich geformtes Knäufchen, das zu einem Schranke gehörte, auf das genaueste nachzubilden. Das that er mit dem größten Eifer, kaum daß er bei der Arbeit ein Wort sprach; doch dachte er, wenn ihm ein Schnitt wohl gut gelungen und er ein Stück vorwärts gekommen war: »Wollten die Heiligen, daß ich hier bleiben könnte, mein Lebtag ruhig schnitzen, hübsche Dinge erfinden dürfte und mich um nichts weiter auf der Welt zu kümmern brauchte. Da müßte es sich doch leben lassen!«

Weil er mit Lust arbeitete, ging es ihm gut von der Hand. Der Meister war zufrieden, lobte den Knauf, stellte ihn neben den seinigen und klopfte Salin auf die Schulter. »Bleibt hier, Salin Kaliske,« sagte er, »wir werden miteinander auskommen.« – So blieb er. – Die beiden saßen Tag für Tag miteinander in der Werkstatt. Bonkiewicz gab Salin Arbeiten zum Schnitzen und lehrte ihn eine Frucht, eine Blume oder ein Tier der Natur nachzuzeichnen.

Andruska hatte seine Freude an dem Burschen, und wenn sie so still bei einander saßen und munter arbeiteten, da stand der kleine Meister wohl auf, dehnte sich und ging ein paarmal in dem engen Raum auf und nieder.

»Wenn das nicht eine wahre Lust ist, wie man so sieht, daß man vorwärts kommt,« sagte er dann wohl. »Ich könnte mir nichts Besseres wünschen. – Seht, Salin Kaliske, Ihr könnt von Glück sagen; wenn anderen vom Leben übel mitgespielt wird und sie nichts weiter thun können als grübeln, der Sache aber doch nicht auf den Grund kommen, dann setzt Ihr Euch hin und schnitzt, nehmt ein Stück Holz zur Hand und findet Ruh' und Frieden, wenn Ihr daraus ein Säulchen mit sinnreichem Blätterschmuck, an der Krönung vielleicht, mit vier kleinen Tierköpfen, zu stande bringt und es da einfügt, wohin es so recht paßt. – Vielleicht, daß es den Pfosten eines Schränkleins bildet – oder was Ihr sonst wollt. Wenn Ihr dabei seid, es zu vollenden, oder erst in Kopf und Gemüt es Euch bedenkt, dann mag auch geschehen sein, was da will – Ihr vergeht die ganze Welt.«

Salin hörte dem guten Andruska Bonkiewicz andächtig zu und sagte darauf: »Meister, Ihr habt recht, ich meine jetzt fast, außer uns beiden gibt es gar niemanden mehr auf der Welt.«

»Du vergißt die Bäckerin,« erwiderte der Holzschnitzer.

»Ja, die Bäckerin, das will ich meinen, die gehört zu uns.«

Die Bäckerin, von der die beiden sprachen, wohnte Bonkiewicz schräg gegenüber, sie war eine prächtige alte Frau und seit langen Jahren Bonkiewicz' gute Freundin. Sie kam täglich, sah nach, was im Hause gebraucht wurde, und sorgte für den Haushalt des kleinen Meisters. Er gab ihr sein Geld in Verwahrung und glaubte fest, daß er ohne sie verhungern und verkommen würde.

Jeden Sonntag nach der letzten Messe, in die Salin den Meister begleitete, gingen sie miteinander zur Bäckerin, die kochte ihnen das Abendessen: Buchweizengrütze und Speck. – Der kleine Brotladen war dann geschlossen, und die dreie saßen behaglich am warmen Backofen bei einander und besprachen allerlei. Sie erkundigte sich oft nach den Arbeiten der beiden und bekam dann von Bonkiewicz die ausführlichsten Beschreibungen: – wie diese Leiste aus Ahorn und jene aus Eiche gewählt wäre – und warum. Besonders aber lag ihm in letzter Zeit ein Kruzifix am Herzen, an dem er mit wahrer Inbrunst arbeitete. Es war klein, die Figur des Heilands kaum drei Zoll hoch. Der Alte schnitzte es sich selbst zur eigenen Freude und Erbauung, wie er sagte, und sprach gern davon. Schon viele Christusbilder hatte er an Kirchen und Klöster verkauft, große und kleine, nun hatte er das Bedürfnis, eines für sich zu besitzen, und zwar ein gutes, wohl ausgearbeitetes.

Die Bäckerin hatte Wohlgefallen an Salin, und da sie nur Lob über ihn zu hören bekam, wurde er ihr immer lieber.

»Sagt mir doch einmal, Salin,« frug sie eines Abends, als er allein bei ihr war, »Ihr seid doch ein junger Gesell; aber Ihr lebt wie ein Alter, guckt nie aus der Werkstatt heraus, seid mit Bonkiewicz kaum zweimal vor das Thor gegangen, was soll mir das heißen? Zum Tanz ins Wirtshaus geht Ihr auch nicht, da möchte man fast glauben, daß es Euch übel ergangen ist. Ich möchte wetten, irgend eine Dirne hat Euch ein Herzeleid angethan, und Ihr seid Narr genug, Euch darüber zu grämen.«

»Nicht doch, Bäckerin,« erwiderte Salin, »das ist's nicht, was mir das Leben verleidet hat.« Er stand auf, lehnte sich an den Backofen und sah vor sich hin. »Aber mir ist es nicht gut ergangen, und es wird so sein, daß ich nur von außen jung bin.«

»Ach, was wird es gewesen sein, wenn Euch nicht die Liebe den Kopf verdreht hat. In Euern Jahren, meine ich, geht nichts anderes so tief. – Nicht? Gesteht es nur.«

»Nein, Bäckerin,« sagte Salin, sah sie ernst an und begann zögernd: »Seht, ich habe meinen Freund auf eine schreckliche Weise verloren. Alles, was ich bis jetzt erlebt habe, hat mir gezeigt, daß es auf der Welt so viel Jammer und Not gibt, daß mir angst geworden ist und ich Gott danke, bei Bonkiewicz zu sein; ich will nichts weiter und habe an nichts anderem meine Freude. Dem Meister geht es gerade so, und den schätzt Ihr doch sehr.«

»Das wäre mir, jetzt in Euern Jahren wie ein alter Pater zu sprechen – geht – das gefällt mir nicht. Ich bin eine alte Frau, mir ist der Mann gestorben, als seine Zeit gekommen war. Die Tochter auch, als ich eben dachte, mich recht an ihr zu freuen. Da stand ich einsam. Wohin ich sah, schien mir die Welt voller Schmerzen. Das Gefühl verging, ich trieb mein Geschäft weiter und hatte zum erstenmal wieder eine rechte Herzensfreude, wie ich zufällig zu einer Sorte Mehl kam, die mir noch nicht vorgekommen war, und durch die der Teig mit einemmal ein ganz anderes Ansehen bekam – ganz anders, sag' ich Euch. – Ich hab' es dem Bonkiewicz oft erzählt, wie stolz ich war, wenn sich die Leute über die hübschen Brote verwunderten.

»Von da an war es mir, als wäre ich nach langer Blindheit wieder sehend geworden; ich freute mich wieder an so mancherlei, hielt mein Häuschen in Ordnung, hatte mein Vergnügen an den Nachbarskindern – dann lernte ich den guten Bonkiewicz kennen. Seht, so bin ich wieder ganz munter geworden, was ich doch eine Zeitlang gar nicht für möglich gehalten hätte.

»Mit dem Gemüte ist es wie mit den Jahreszeiten, es muß ein Wechsel sein, das hat der Herrgott so eingerichtet; geht das nicht vor sich, wie es soll, so gibt's Mißwachs, Krankheit und ein böses Jahr – merkt Euch das, Salin Kaliske, Ihr seid mir nicht auf dem rechten Wege.«

Ein Jahr war vergangen; der Meister und sein Geselle arbeiteten schon seit sechs Monaten an einem großen, geschnitzten Schrank und thaten das, so drückte sich die Bäckerin aus, wie die Verrückten. Sie ärgerte sich, daß die beiden sich so ganz eingesponnen hatten. Der Schrank war aber ein wahres Wunderwerk: Thüren und Thürchen, Schubfächer aller Art und alles überreich verziert mit Figurenwerk und Blätterschmuck. Er war für einen Handelsherrn in Warschau bestimmt, für den Bonkiewicz schon viel gearbeitet und der sich des Holzschnitzers angenommen, als dieser sich, wie wir schon wissen, fünf Jahre lang in jener Stadt aufgehalten hatte.

Salin hatte es in seiner Kunst in kurzer Zeit weit gebracht, denn seine Begabung war groß. Bonkiewicz war sehr stolz und wollte etwas Außerordentliches aus ihm machen.

Darüber sprach er einmal mit der Bäckerin und lobte seinen Gesellen über die Maßen. Dem guten Alten traten dabei die Thränen in die Augen. »Ach, Ihr wißt es nicht, was er für ein lieber Bursch ist, so still und ernst, man glaubt mit seinesgleichen zusammen zu sein. Immer wieder bin ich erstaunt, wenn ich von der Arbeit aufschaue und sehe, was für ein junges Blut er ist.«

»Das muß wahr sein,« fuhr die Bäckerin auf, »schickt ihn in die Welt, hier wird nichts aus ihm, das bringt keine Kräfte, wenn ein Zwanzigjähriger ernst ist wie ein Alter.«

»Ach, Ihr meint,« begann Bonkiewicz zaghaft, »daß ich mich von meinem Gesellen trennen soll? – Daraus wird nichts!«

»Ja, Meister, das mein' ich, der Kaliske ist zu wunderlich, hat kein Fünkchen Leben in sich. – Was ihm begegnet ist, weiß ich nicht, er rückt nicht damit heraus. Er mag ja allerlei erfahren haben; aber das hat ihn so in die Enge getrieben, wie es ein gesunder Mensch nicht leiden soll; schickt ihn hinaus, er ist klug und geschickt und wird sein Glück machen.«

»Bäckerin,« sagte der gute Andruska seufzend, »das muß man sich überlegen. Ihr könnt recht haben; aber so geht es: Kaum daß man sich mit solch einem Burschen eingelassen und ihn lieb gewonnen hat, muß er auch wieder auf und davon. – Man bleibt da einsam und verlassen sitzen – und hat das Nachsehen. – Ja, Bäckerin, ich will es mir überlegen.« Der kleine Meister stand auf und ging langsam zur Thür hinaus.


* * *


Die Bäckerin behielt recht. Eines Tages zog Salin Kaliske mit seinem Meister Andruska Bonkiewicz wieder dem Thore des Städtchens zu. Man sah es beiden an, daß ihnen das Herz schwer war. Salin hatte wieder den Quersack über dem Rücken und die Leute sahen ihnen nach, und zwei Mägde sagten zueinander: »Seht, da bringt Andruska seinen Gesellen hinaus, den hat man doch kaum zu sehen bekommen. – Wie lange mag es denn her sein, daß er kam – ein Jahr etwa?«

Wie sie draußen vor dem Städtchen waren, da legte Andruska die Hand auf des Gesellen Schulter, sah ihn schmerzlich an und sagte: »Was hülfe es mir, wenn ich dich noch ein paar Schritte weiter brächte; der Abschied ist gekommen, mögen dich die Heiligen behüten!« Die Stimme zitterte ihm, und er fuhr sich hart über die Augen: »Nun, in Krakau wirst du ja Arbeit und gute Aufnahme finden; aber bis dahin, – was kann nicht alles über einen Menschen kommen. Mir will es immer noch nicht zu Kopfe, daß ich meinen lieben Gefährten verlieren soll.« Der gute Alte faßte Salins beide Hände und drückte sie. »Und die Bäckerin, die Bäckerin!«

Salin standen die Thränen im Auge. Er küßte die Hände seines guten Meisters. »Ach, Andruska Bonkiewicz,« rief er schluchzend. »Ach, Andruska Bonkiewicz!«

»Nun geh, geh nur.« Der Holzschnitzer schob ihn fast von sich fort. Salin ging und der kleine Alte blieb stehen und sah ihm nach.

Als Salin aber zwanzig Schritt gegangen war, wandte er wieder um, lief auf den Zurückgebliebenen zu und sagte, indem er des Meisters Hand an die Lippen preßte: »Seht, mein Friede ist schon dahin, die Angst vor dem Leben packt mich wieder; ach, könnt' ich bei Euch bleiben!«

»Du, o du,« erwiderte das Meisterlein – »willst du mir denn das Herz brechen – ach, du weißt ja nicht, wie lieb du mir bist.«

Er machte sich von dem Burschen los und ging stracks dem Thore zu. Salin sah ihn hineingehen, sah, wie er sich noch ein einzigmal umwandte, dann verschwand er in der Straße und Salin war wieder einsam in der Welt. Er blieb noch eine Weile stehen und sah vor sich hin, dann kniete er nieder, nahm den Quersack ab, legte ihn auf den Boden und suchte und tastete darin nach etwas. Jetzt hatte er es. Eine kleine Ledertasche zog er daraus hervor, band sie auf und hielt das Bild des Gekreuzigten in den Händen, dasselbe, das der Meister geschnitzt hatte sich selbst zur Freude und Erbauung; das hatte er am letzten Abend seinem Gesellen gegeben, damit dieser es mit auf die Wanderung nehmen möchte. – Der sah es jetzt lange an, fuhr mit der Hand darüber hin, legte es wieder sorgfältig in die Ledertasche, verbarg diese zu unterst in dem Quersack, warf ihn wieder über die Schulter und ging seines Weges.


* * *


In Krakau finden wir Kaliske wieder. Bei einem Meister ist er dort untergekommen, der wohnt in einer schmutzigen, finsteren Gasse.

Er hat nach langer mühseliger Wanderung nicht gefunden, was er suchte. Sein neuer Herr hat nicht jene Liebe zur Arbeit, die den guten Bonkiewicz ganz belebte. Er ist auch emsig, thut aber, was er thut, des Gewinnes wegen, und Salin mußte erfahren, daß auch die geliebte Holzschnitzkunst nicht unbedingt Glück und Frieden mit sich bringe, denn in der Werkstatt war Tag für Tag mürrisches Wesen bei dem Herrn und den Gesellen zu Hause, so daß Salin sich nicht wohl fühlte und ihm das Schnitzen nicht recht von der Hand ging. Es war ihm, als wäre er um seinen still gehüteten Schatz gekommen, wie er sah, daß das, was mitten in den beängstigenden Erfahrungen des Lebens ihn beglückt und erheitert hatte, bei anderen seine Kraft verlor. So kam es, daß Salin mißtrauisch sein Messer ans Holz setzte und schnitzte; ihm war, als könne auch die Freude an seiner Kunst ihm unversehens entwischen. Da wurde es ihm angst und bange und er grübelte, wurde trübselig und krank an Leib und Seele. Dazu kam, daß er sich mit niemand über den Abschied von seinem Herrn aussprechen konnte. Der Mord des armen Josky aber und alles, was damit zusammenhing, ließ ihn immer von neuem das Leben wie mit Grauen und Sünde überdeckt erscheinen. – Er hatte auch nichts Absonderliches wieder erlebt, seitdem er das arme Weib vor dem Thore des Städtchens getroffen. Durch den Abschied vom guten Bonkiewicz aber war ihm das Herz auf eine neue Art schmerzlich berührt worden und er ahnte die Fülle der Leiden, die über ein Geschöpf kommen kann.

In der Krakauer Werkstatt stand ein deutscher Gesell in Arbeit, der war gleich von vornherein unserem Helden widerwärtig: ein grober Mensch, dem nichts recht war. Er sprach geläufig polnisch, aber hart und auf eine Salin ärgerliche Weise. Mit diesem schlief er in einer elenden Kammer, die hoch unter dem Dache lag. Täglich, gleich nach Feierabend, machte sich der Geselle auf, ging zum Hause hinaus und kam spät in der Nacht, oder bei Anbruch der Morgendämmerung heim, polterte die Treppe hinauf und warf sich auf sein Lager. Widerwillig weckte des Morgens auf des Meisters Befehl Salin den verschlafenen Kameraden zur Arbeitszeit und mußte dafür alle die Grobheiten über sich ergehen lassen, die dem Burschen zu jeder Zeit zu Gebote standen. Salin aber ließ sich nicht mit ihm ein, trotzdem sie stündlich bei einander sein mußten. Die Scherze und Neckereien, die der Deutsche in der Werkstatt mit ihm trieb, nahm er gelassen auf, aber sie glitten nicht an ihm ab, sondern ließen einen inneren Groll gegen den Gesellen in Salins Herzen wachsen. Dieser Mensch trug dazu bei, daß Salin nach kurzer Zeit sich entschloß, Krakau wieder zu verlassen und weiter zu wandern. Allmählich war ihm ein Gedanke aufgestiegen, der ihm zum erstenmal nach langer Zeit wieder etwas als wünschenswert erscheinen ließ.

Er wollte zurück in seine Heimat nach Prag, und so beschwerlich und lang man ihm die Reise schilderte, um so mächtiger wurde in ihm der Wunsch, dahin zu gelangen. Das Haus seiner Eltern stand ihm vor der Seele, als hätte er es eben erst verlassen, und eine große Sehnsucht ergriff ihn, es wieder zu sehen. Er malte sich aus, wie er vielleicht darin wohnen und auf eigene Hand schnitzen könne. Das verlockte ihn sehr; kaum konnte er den Tag erwarten, an dem er Krakau und seinen Meister zu verlassen gedachte.


* * *


Die letzte Nacht, die er unter dem unfreundlichen Dache zubringen wollte, war da. Seinen Abschied hatte er schon genommen, der Quersack hing wohlgepackt neben ihm, und er selbst war bereit, am Morgen mit der Sonne aufzubrechen.

Ruhig lag er auf seinem Lager mit geschlossenen Augen, ohne zu schlafen.

Da that sich die Thür auf, er sah seinen Schlafkameraden eintreten und hörte, wie dieser sich aus das Bett warf, daß es krachte.

Der Mond schien hell in das kleine Fensterchen; aber Salin konnte nicht schlafen. Er träumte wachend, wie er in Prag arbeiten und sparen wollte, bis er das Haus seiner Eltern kaufen könnte, um als Meister darin zu schalten und zu walten.

Da hörte er, wie der Geselle sich erhob und leise herangeschlichen kam. Salin blinzelte mit den Augen und sah, daß der Schleichende sich über ihn herbog mit angehaltenem Atem, dann den Quersack in die Höhe nahm und darin wühlte.

Als Salin den Burschen eine Weile beobachtet hatte und sich bewußt wurde, was er beabsichtigte, regte sich in ihm Widerwille und Wut. Er sprang auf, packte den Dieb an den Schultern und rüttelte ihn.

»Ei, du Spitzbube du!« rief er. Der Geselle aber war nicht faul, fuhr über Salin her wie das Wetter, warf ihn zurück auf das Lager und würgte ihn an der Gurgel, daß ihm die Luft ausging. Mit raschem Griff faßte Salin nach dem Gürtel, zog sein Messer und stieß es dem Gegner in die Brust; der schrie wild auf und fiel taumelnd gegen den Bettpfosten.

Salin erfaßte ein Grauen. Er beugte sich über den Burschen her, der lag aber unbeweglich ausgestreckt. Unverwandt starrte Salin auf ihn hin, schüttelte düster den Kopf, nahm seinen Quersack in die Höh', warf sich diesen über die Schultern und ging sachte und langsam die Treppe hinab.

Es war still im Haus geblieben, denn die Kammer lag einsam. Salin kam unbemerkt aus der Thür und trat in die finstere enge Gasse; aber auf dem Herzen lag es ihm so schwer, daß er kaum atmen konnte.

Die Stadtthore waren noch geschlossen; er trieb sich verworrenen Sinnes und voll dumpfer Angst umher. Die Gewalt des Schicksals lag wieder auf ihm und die ganze Welt schien ihm von verderbenbringenden Mächten erfüllt zu sein und Friede und Ruhe waren ihm von neuem entflohen.

In einem dunkeln Winkel, auf der Thürschwelle eines Hauses, das an die Stadtmauer angebaut war, nahe dem Thore, setzte er sich nieder, nahm aus seinem Quersack das kleine Christusbild des Meisters Bonkiewicz, wickelte es sorgfältig aus dem schützenden Ledertäschchen und hielt es nachdenklich in den Händen.

Der Morgen dämmerte, die Zeit mußte bald kommen, in der das Thor geöffnet wurde. Sorge, daß man entdecken könnte, was er gethan, fühlte er nicht.

Er saß versunken in den Anblick des Gekreuzigten. Die Thore wurden geöffnet. Er bemerkte das erst, als er immer mehr Leute an sich vorübergehen sah. Da packte er eilig seines Meisters Geschenk wieder in den Quersack –, machte sich rasch auf und dankte den Heiligen, als er im Freien war; aber es wurde ihm darum nicht leichter ums Herz; er trat seine Wanderung ganz ohne Hoffnung an. Das Ziel lockte ihn kaum mehr. Die Mühen der Wanderung schienen ihm zu groß gegen das, was er zu erreichen hoffte. Der Wind, der ihm entgegenwehte, schien nur Widerwärtiges und Elend und Qual über die Erde zu treiben.


* * *


Salin kam unangefochten nach Prag. Er hatte Zeit und Weg und Beschwerden überwunden. An einem Herbstabend zog er ein. Es wurde gerade das Ave geläutet, und er dachte: »Ob das wohl Jaskulek noch sein könnte, der da läutet?«

Er trat in ein Wirtshaus und verlangte Abendessen und Nachtlager. Auf dem Wege durch Böhmen hatte er mit Behagen seine Muttersprache wieder gehört und sie gesprochen. Er hatte sie nie verlernt, da Madry sie gewandt und gern sprach.

Aber hier in der Heimat stimmte der Klang der altvertrauten Laute ihn wehmütig und ernst.

Am anderen Morgen ging er durch die Gassen und Straßen, neugierig den Leuten ins Gesicht schauend, ob nicht einer ihm bekannt erscheinen wolle. Da war aber niemand, der anders als gleichgültig und fremd an ihm vorübergegangen wäre.

Die Stadt, die Häuser, die Brunnen, das alles war ihm noch wohlvertraut. Jetzt stand er vor Jaskuleks Turm und sah hinauf. Eine Alte ging vorüber. »Sagt, Mütterchen,« frug er, »wohnt da oben noch der alte Kasimir Jaskulek?«

»Gestorben,« sagte die Alte, »vier Jahre sind es her, am St. Martinstag.«

Er ging weiter und kam an seiner Eltern Haus. Das stand noch, wie er es verlassen hatte. Ihm war es, als müßte er auf der Schwelle hinsinken und weinen. Seine Mutter und seinen Vater sah er vor sich, und es erfaßte ihn eine große Sehnsucht nach den beiden. Er lehnte sich an die Thür, um seiner Heimat recht nahe zu sein. Da kam es ihm wieder in den Sinn, in dem Häuschen nachzufragen, ob nicht etwa eine Kammer für ihn zu haben sei. – Er trat ein.

Eine ältliche Frau mit frischem Gesicht stand in dem Vorhaus am Herd und scheuerte einen Holzkübel. Salin grüßte sie und frug, in der offenen Thür stehend: »Sagt mir, könnte ich hier eine Kammer mieten – vielleicht, daß Ihr eine zu vergeben habt?«

Die Frau sah ihn von oben bis unten an, trocknete die Hände an der Schürze und sagte: »Ja, das ginge wohl, vor kurzem hat ein Bäckergeselle hier gewohnt. – Was treibt Ihr?«

»Ich bin Holzschnitzer,« erwiderte Salin.

»So, so, nun, kommt mit.« Sie ging vor ihm her und führte ihn in die frühere Werkstatt seines Vaters Michael. »Seht, ob es Euch gefällt.«

»Mir ist's recht,« sagte Salin. »Ich will meine Sachen aus dem Wirtshaus holen.« Im Hinausgehen sprachen sie noch über den Preis und wurden leicht handelseinig.

Am Abend desselben Tages zog Salin mit seinem Quersack in das Vaterhaus ein. Er hatte sich den Tag über bemüht, einen Kunstschnitzer zu finden, der seine Dienste brauchen konnte, und es war ihm gelungen. Dann ging er wohlgemut die altbekannte Gasse an der Stadtmauer hin und noch ein Weilchen vor seiner wiedererrungenen Heimat auf und nieder. Wie vor Jahren war auch jetzt das schmale Fensterchen über der Thür erhellt, und er träumte, daß seine Mutter am Herde säße beim Scheine der trüben Öllampe, die von der Decke niederhing, daß sie ihm sein Abendessen vorsetzen und mit ihm plaudern werde, und er hörte ihre Stimme und sah sie leibhaftig vor sich.

Mit einemmal besann er sich und merkte, daß er einer Schildwache gleich vor dem Häuschen auf und nieder ging. Er fuhr sich über die Stirn, schritt die drei ausgetretenen Stufen, die zur Hausthür führten, hinan und öffnete. Da saß, statt seiner Mutter, die behäbige Wirtin in dem dämmerigen Vorhaus am Herde. Sie spann.

»Kommt Ihr endlich?« sagte sie. »Ich glaubte schon, Ihr hättet Euch anders besonnen. Es ist alles bereit für Euch. Dem Bäckergesellen hat es hier wohl behagt. Er war ein recht pünktlicher Mensch und hat sich mit uns gut vertragen.«

»Frau Wirtin, damit soll es auch bei mir keine Not haben,« sagte Salin bescheiden.

»Hier ist ein Lämpchen.« Sie erhob sich, nahm vom Herdrand eine kleine zinnerne Lampe, zog den Docht zurecht und zündete sie an.

»Löscht sie bald. – Ich sehe es dort an dem Fensterchen in Eurer Thür, wenn es bei Euch zu lange hell ist – das lieb' ich nicht.«

»Ach ja,« sagte Salin, »das Fensterchen.«

»Man kann mit dem Feuer nicht vorsichtig genug sein,« fuhr die Frau fort. »Bei mir werdet Ihr heut noch lange Licht sehen, das ist ausnahmsweise; die Tochter ist zu einer großen Hochzeit geladen mit der Muhme – da heißt es warten. Schlaft wohl.«

»Gute Nacht,« erwiderte Salin, nahm das Lämpchen und ging mit dem Quersack auf der Schulter in seine Kammer; da war ihm das Lager zurecht gemacht. Er setzte sich auf die Ofenbank, kramte seinen Sack aus, nahm das Christusbild und lehnte es auf den Sims. Dann löschte er das Lämpchen und legte sich nieder. Durch das runde Fensterchen, das in der Thür eingelassen war, schimmerte das Licht von der Öllampe über dem Herde und warf einen runden Schein auf die gegenüberliegende Mauer, der wie ein Mond in der Dunkelheit glänzte. Salin hörte das Schnurren des Spinnrades, denn die Glasscheibe war halb aus der Öffnung gebrochen; das war sie schon zu seiner Kinderzeit gewesen und er dachte daran, wie er sich einst auf einen Stuhl gestellt hatte, um durch das Thürfensterchen die Mutter zu sehen, wenn sie spann oder am Herde zu thun hatte.

Das kam ihm so lebendig in Erinnerung, daß er sich erhob, zur Thür schlich und seiner Frau Wirtin zusah, wie dieselbe behaglich ihr Rädchen drehte, sich manchmal auf dem Stuhl zurechtrückte, wie sie nach einer Weile im Spinnen innehielt, sich zurücklehnte und die Augen schloß. Der Kopf sank ihr auf die Brust herab, und Salin hörte sie laut atmen. Die Lampe brannte trüber und qualmte. Auf dem Herde knisterte halbverkohltes Holz, das langsam schwelte. In dem alten Gebälk klopfte der Holzwurm, hielt plötzlich inne und begann wieder.

An Salin zog das Leben vorüber und hing sich ihm schwer an das Herz. Alles Denken beängstigte ihn, und indem er es wieder in sich aufleben ließ, blickte er unverwandt auf die friedlich schlafende Frau.

Jetzt klopfte es an der Hausthür. Die Frau fuhr auf und dehnte sich.

»Gleich, gleich,« rief sie, zog den Docht der Lampe höher und schob den großen Holzriegel an der Thür auf. Salin sah zwei Frauen eintreten. Es war dämmerig an der Thür und er konnte nichts recht erkennen.

»Hier bring' ich sie Euch,« sagte die eine, die hatte eine helle Stimme. »Ihr hättet alles mit ansehen müssen, es war eine Pracht; die Leute übertreiben es, sie haben es sich wieder etwas kosten lassen. – Laßt es Euch nur von Wlasta erzählen. – Morgen komme ich wieder, ich wollte nur ein Wörtchen zu Euch sagen, denn mein Mann wartet draußen.« Damit war sie rasch zur Thür hinaus, die hinter ihr hart in das Schloß fiel. Die Wirtin schob den Riegel wieder vor.

Mittlerweile war die andere an den Herd getreten und hatte sich auf die Armlehne des hohen Stuhles niedergesetzt und blickte wie träumend in das verglimmende Feuer.

Salin beobachtete das alles. Als sie den Mantel abgethan, der sie ganz verhüllte, hatte ihn ihre schöne Gestalt wie Zauber und Wunder berührt.

»Nun,« sagte die Mutter und klopfte dem Mädchen auf die Schulter, »wir sind wohl noch mitten darin?«

»Ach,« erwiderte die Gefragte und schlang den Arm lebhaft um ihre Mutter. »Es war schön! Mein Leben könnte ich um so einen lustigen Abend hingeben.«

»Nicht so schwatzen,« sagte die Frau.

»Ach, Mutter, wenn man doch immer jung bleiben könnte, es ist doch herrlich!«

»Ja, ja,« murmelte die Alte und strich der Tochter über das braunrötliche Haar, das im Lichte wie Purpur schimmerte. »Sag einmal, wie war es denn mit dem Kleid, Wlasta, haben sie die seidenen Schnüre auch bemerkt. – Ich wette, sie haben sie gar nicht gesehen, und du hast dich umsonst abgemüht, du eitle Dirne.«

»Mutter,« sagte erregt das schöne Mädchen, »was denkt Ihr denn, sie haben es wohl bemerkt – aber was hilft's, es ist doch alles nur Armseligkeit. – Hattest du die anderen gesehen. Reich zu sein,« – seufzte sie.

»Such dir einen reichen Mann,« erwiderte lachend die Behäbige.

Salin sah, wie die Tochter vor sich hinlächelte.

»Das wäre – der Vetter sagte mir dasselbe heute; aber das hat gute Weile.«

Nachdenklich stand das Mädchen am Herde und flocht sich das Haar auf, und wie sie an dem Zopf wie an einer rötlich schimmernden Schlange mit den feinen Händen hinunterglitt und die Augen sich zur Erde senkten – da erschien sie Salin so schön, wie der Reichtum selbst, nach dem ihr Herz so großes Verlangen trug.

»Wir haben einen Neuen im Haus,« sagte die Mutter, die von einem Schranke den Schlüssel abzog, und sie deutete nach Salins Kammer, der vom Fenster wegfuhr.

»Wie ist das gekommen?« frug das Mädchen.

Salin wagte aber nicht weiter zu lauschen. Der Lichtschein, der auf die Wand fiel, erlosch. Er hörte eine Thür gehen, und dann wurde alles still und dunkel.

Aber was war mit ihm vorgegangen? Ohne daß er es gewahrte, sank alles Grauen und alle Verwirrung, die über ihn gekommen waren, in nichts zusammen. Sein Herz wurde ihm so leicht, als wäre er neu geboren, und er lag friedlich auf seinem Lager, schlief sanft ein, und im Übergang vom Wachen zum Schlafe bewegte sich die junge Gestalt am Herde anmutig vor seiner Seele. Er sah das lange Haar rötlich schimmern, sah die Händchen an dem festen Zopfe auf und nieder fahren und es behagte ihm, bei dem lieblichen Spiele, das sich um ihn her regte, sich unmerklich in Bewußtlosigkeit gleiten zu lassen.


* * *


Seit Tagen schon schneite es unaufhörlich, als sollte die Welt in Schnee begraben werden. Salin saß in seiner Kammer, hatte seinen Arbeitstisch an das Fenster gerückt, hielt aber das Schnitzmesser achtlos in der Hand und sah geradeaus in das dichte Flockengewirbel hinein.

Da ging die Thür auf, die schöne Wlasta brachte ihm das Öllämpchen, hielt die Hand schützend um das Flämmchen und ging behutsam, damit es nicht verlösche. – »Ach, Wlasta!« sagte Salin und stand rasch auf. »Ich bringe das Licht, Salin Kaliske,« und sie setzte es auf den Tisch. »Die Mutter ist zur Muhme gegangen. Angst und bange könnt' es einem werden bei dem Schneien! Vielleicht hört es gar nicht wieder auf.«

»Wer weiß, Wlasta, mir wäre es recht. Mein Lebtag ist mir nichts so schön erschienen, wie der diesjährige Schnee. Sieh, die ganze Welt wird begraben, wir brauchen sie ja nicht.«

Er faßte ihre Hand.

»Wohl brauchen wir die Welt,« sagte das Mädchen, »meinst du, ich möchte glücklich sein, ohne daß die Freundschaft es weiß.«

»Ich aber brauche keine Menschenseele als dich, einzig und allein dich!« rief Salin. »Fällt es mir doch wie ein Stein vom Herzen, wenn die Mutter zum Hause hinaus ist und ich, an meiner Schnitzbank arbeitend, denke, du sitzest am Herde und niemand ist außer uns im ganzen Haus – ach, es ist närrisch, daß du nicht so fühlst.«

»Du bist ein Träumer, Salin, und wenn du mir nicht so lieb wärest, ich glaube, ich lachte über dich.«

Er nahm ihr Köpfchen zwischen beide Hände und sah sie lächelnd an.

»Sieh, was ich für dich habe, mein Herz.« Von seinem Arbeitstische hob er ein Tuch, darunter stand ein feingeschnitztes Kästchen und lag ein Kruzifix, vielleicht drei Schuh lang, das er nach dem Vorbilde arbeitete, welches er von Bonkiewicz erhalten. Es war noch nicht vollendet. Salin aber nahm das Kästchen sorglich in die Hand. »Das ist für dich,« sagte er und gab es ihr.

Sie nahm es zaghaft in die Höhe.

»Ach, Salin,« begann sie erstaunt, »wie das kunstvoll ist und so reich und prächtig, viel zu schön für mich.«

»Kennst du die Art Blätter, Wlasta, die über das Ganze hinranken?« frug er.

»Nein, hast du sie ausgesonnen?«

»Mistelzweige sind es,« sagte Salin und fuhr mit der Hand über den Deckel, um ein Stäubchen fortzuwischen. »Das sind Zauberblätter. Ja, ja – dir schnitz' ich lauter zauberhafte Dinge.«

»Ach sieh, die Vögel, die durch das Geranke schlüpfen, tragen Krönlein,« rief das Mädchen mit heller, erregter Stimme. »Und oben als Knauf sitzt ein Frosch und spielt die Geige. Nein, Salin, wie geschickt du bist! Die Mutter wird sich freuen. Die meint, du könntest noch einmal ein berühmter Meister werden.«

»So, hat sie das gesagt?« erwiderte er. »Sie kann recht haben, ich glaub' es selbst. Ich glaube alles, sage ich dir, seit ich weiß, daß du mich liebst. Wie einen Narren kannst du mich belügen. Aber« – und er faßte heftig ihre beiden Arme, daß das Kästchen ihr fast entglitten wäre, sah sie starr an und sagte dumpf: »wenn du es thätest – wenn du es thätest!« – »So schweig doch, Salin.« Sie machte sich von ihm los, »gar nicht leiden kann ich's, wenn du so redest.«

»Es ist wahr, du hast recht; aber sieh, ich bin einer, der erstaunt ist, daß es auf der Welt Glück gibt, und solches Glück! Erst hatte ich dir das Christusbild schenken wollen,« begann er, indem er das Tuch wieder über das Kruzifix breitete. »Aber es ging nicht, – jedesmal, wenn ich mich in die böse Welt, für die der Heiland gestorben ist, versenken wollte, da dachte ich an dich und fühlte nichts als Seligkeit.«

Sie lachte hell auf. Ein Windstoß fuhr gegen das Fenster und trieb den Schnee sprühend über die Scheiben hin. Jetzt ging die Thür, die Mutter kam zurück.

»Ei du mein Gott, über den Schnee,« rief sie noch ganz außer Atem, als ihr Wlasta mit dem Kästchen in der Hand entgegensprang.

»Da, sieh doch,« und sie hielt es der durchkälteten, weißverschneiten Frau hin.

»Erst den Mantel, nur Geduld,« rief diese. Wlasta nahm ihr den Mantel von den Schultern.

»So, nun sieh. Das hat mir Salin Kaliske geschnitzt.«

»Das läßt sich sehen, der Tausend – das hat er dir geschenkt?«

»Ja, Mutter, drinnen ist er,« und sie wies nach Salins Thür. »Sieh nur den Frosch mit der Geige, und wie die Vögel mit den Krönlein durch das Laub schlüpfen. – Das ist ein Wunderwerk.« Heftig fiel sie der Mutter um den Hals, daß diese sich kaum ihrer erwehren konnte.

»Ach, Mutter, Mutter!« flüsterte sie leise und bewegt.

»Ja, es ist ein guter, geschickter Bursch, der Salin. – Geh aber jetzt und besorg das Abendbrot.«


* * *


Da war es einmal, vielleicht am anderen Tag, daß Salin am Feierabend aus seines Meisters Werkstatt trat. Der Schnee fiel wieder vom Himmel, die Luft war still, die Gassen leer, und die wenigen, die kamen und gingen, huschten unhörbar vorüber und wurden von dem wogenden Gewebe, das sich in dem Luftraum bewegte, verhüllt, daß Freund und Feind aneinander vorübergehen konnten, ohne sich gewahr zu werden.

Heilig und frisch lag die Welt, schneeweiß bedeckt vor Salins Augen, als er aus der Werkstatt trat. Er breitete die Arme aus und sog wie verdurstet die erfrischende Schneeluft ein. Er dachte: »Jetzt sitzt sie zu Hause und wartet auf dich.« Er glaubte sie aufblicken zu sehen, so wie sie immer that, wenn er eintrat, und es rann ihm wie Feuer durch die Glieder. Er erschrak, eilte durch das Schneegewirbel, lief und sah und hörte nichts; sie war neben ihm, in ihm, über ihm, er hätte die ganze Nacht nur so fortrennen können. Schweratmend stand er endlich auf einem kleinen Platz vor einer Kirche stille.

Es schneite noch immer, und die erleuchteten Fenster der Häuser ringsumher schimmerten durch den Flockentanz. Das war Jaskuleks Turm, vor dem er stand, er lehnte sich an die Mauer und sah vor sich hin und fuhr sich über die Stirn: »Das ist Glück,« murmelte er, – »das ist Seligkeit – das ist göttliches Erbarmen – das ist – das ist« – und wieder fuhr er sich über die Stirn. Da kam es ihm in den Sinn, wie hoch und gewaltig der Turm in den wogenden Schnee hineinrage, und wie einsam es da oben sei, über den Häusern, mitten im Himmel. – Hinauf mußte er, so war es ihm. Er stand nahe an der ihm bekannten Thür. Wie trunken schlüpfte er hinein, tastete sich die dunkle Stiege hinauf, immer höher.

Jetzt trat er auf den Gang, der rings um den Turm führte; scharf fuhr ihm die Luft in das Gesicht, und um ihn her wirbelte unabsehbar der Schnee. Die ganze Luft bewegte sich und lebte. – Er empfand die Einsamkeit, in die er sich begeben hatte, kräftig, als wäre er in eine andere Welt geraten, sah auf das Treiben unter sich herab und dachte: »da oben über euch allen steht einer, der sich vor Glück nicht zu lassen weiß. Über euch allen, über euren Häusern, über der Erde, der ganzen Erde steht das Glück. Seht nur hinauf, wie eine Sonne leuchtet es hier vom Turme herab, durch den Schnee, über die Stadt – ihr könnt es nicht sehen. – So geht es. – Mir ging es auch so, ich ahnte nicht, daß es solches Glück gäbe. – O mein Gott, mein Gott.« Er stand und hielt die Hände vor das Gesicht.

»Wer hier oben jetzt wohl Turmwächter ist?« Er tappte vorsichtig durch den Schnee, bis an eines der erleuchteten Turmfensterchen und schaute hinein. Die kleine Öllampe hing wie zu Jaskuleks Zeiten von der Decke herab, flackerte und qualmte. Auf der Ofenbank lag im Schafspelz der Wächter.

»Schlaf du,« sagte Salin hastig, schüttelte sich den Schnee von den Schultern, tappte wieder zurück, die düstere Treppe hinab und war, wie von einem Traum erwacht, wieder auf der Straße, ging seines Weges mit klopfendem Herzen und eilte, denn es ging heim zu ihr.


* * *


Als er eintrat ins alte Häuschen, saß sie allein am Herd und hob das Köpfchen. Die Augen leuchteten ihr auf. Da stürzte er auf sie zu, schloß sie in seine Arme und küßte ihr Mund und Stirn und Wangen und das schöne glänzende Haar. »Wlasta!« rief er laut. »Ich bin durch die Straßen wie toll gerannt und war auf Jaskuleks Turm. Alles ängstigt und verwirrt: das Elend der Welt wie ihr Glück. Woher kommt alles und wohin führt es! So hör doch.« Er faßte sie hart am Arm. – »Angst und bange müßte es dir werden, hörst du, – so geliebt zu sein – so geliebt,« flüsterte er.

»Du, Salin,« sagte sie, lächelte scheu und faßte seine beiden Hände. »Sag es doch meiner Mutter, daß du mich liebst; warum willst du das nicht? Thue es, ich bitte dich.«

»Um mich her ist alles versunken. – Deiner Mutter soll ich es sagen? Jetzt? – Das kann ich nicht – nein, das nicht.«

»Gut,« fuhr er auf, »ich will es ihr sagen. – Doch sag du es ihr lieber, dann weiß es die Muhme, dann wissen sie es alle – sag es ihr.« Er erhob sich von den Knieen und lehnte sich finster an den Herd.

»Aber Salin, das muß so sein,« begann das Mädchen, ihm die Hand auf die Schulter legend, »und sie wird es wohl auch schon wissen. Sag es ihr. Ich finde keine Ruh', wenn du es nicht thust. Sieh doch, du bist ihr so lieb – es wird ihr schon recht sein.«

»Herr Gott, wie klingt das alles,« rief Salin und lachte auf. »Ich mag und will und kann nicht reden. Warum liegen uns so unerhörte Dinge im Herzen, die es gar nicht vertragen, daß man von ihnen spricht wie über Alltägliches. – Nein, ich rede nicht mit ihr, mag daraus werden, was da will.«

»Salin, wie meinst du das?« sagte Wlasta lachend.

»Ich?« frug Salin heftig. »Daß du es dir nicht einfallen läßt, zu sagen, es wäre eine gang und gäbe Sache, daß zwei sich lieben.« Er nahm ihr Köpfchen zwischen seine Hände und sah ihr in die Augen. »Wenn du aber behauptest, daß es nicht neu ist, nicht ganz unerhört, daß die Leute sich erzählen, es wäre schon dagewesen, einmal, zweimal, tausendmal, bring' ich dich um – ich – du, glaub es nur, ich ertrage das nicht.«

»Rede nicht so närrisch, Salin,« rief sie verwirrt und fiel ihm um den Hals. »Denke doch an deine Mutter, die hat auch nach der ganzen Welt nichts gefragt und ist von den Leuten mißachtet worden und war unglücklich ihr Lebtag.«

»Unglücklich,« rief Salin laut. »Bist du von Sinnen, die war nicht unglücklich, ganz glückselig war sie. – Daß ich dir das alles erst sagen muß,« rief er erregt.

Draußen stampfte sich jemand den Schnee von den Füßen. Die Thür ging auf, und die Mutter trat ein.

»Da kommst du endlich,« rief Wlasta und lachte.

»Morgen halte dich nur bereit,« begann eifrig die Frau und schüttelte den Mantel am Herde. »Morgen gehen wir zum Vetter, dort haben sie vornehmen Besuch bekommen, du weißt ja wen,« und sie klopfte die Tochter leicht auf die Schulter. »Der Vetter läßt dich ganz besonders bitten, zu kommen. Ein ganz prächtiger Mensch, wie der sich herausgemacht hat, kaum, daß man ihn wieder erkennt. Der Tausend, du wirst Augen machen.«

»Wer denn, wer ist das denn?« frug Salin.

»Der Freund vom Vetter ist es, der nach Wien ging,« erwiderte die Frau, und ohne ihn anzusehen, legte sie ein Scheit Holz auf das niedergebrannte Feuer. »Nicht wahr, wir kennen ihn,« sagte sie und nickte der Tochter verständnisvoll lächelnd zu.

»Du kennst ihn?« flüsterte Salin.

»Ich war noch ein Kind, als er aus Prag ging.«

»Nun, was will er denn hier, was sollst du bei den Verwandten? Bleib doch zu Hause; was hast du davon?« sagte Salin.

»Nein, laß nur, ich gehe,« flüsterte sie und faßte heimlich schmeichelnd seine Hand. »Siehst du, den ganzen Winter habe ich keine Menschenseele zu sehen bekommen, und es wird morgen sicher lustig werden. Er weiß tausend Geschichten, und ich will dir dann auch wiedererzählen – das wird hübsch – übermorgen abend.«

»Geh nur,« erwiderte Salin. – »Ja, warum solltest du nicht gehen!«

»Was habt ihr?« frug die Wirtin, die schon eine Weile nach den beiden gesehen hatte.

»Nichts, Mutter; Salin Kaliske frug, ob ich den schon kenne – den Nikolaus.«

»Nun, das hatte er ja schon gehört,« und die Alte blickte Salin fremd an, daß dieser nicht wußte, was er davon halten sollte, denn sie war bisher immer freundlich gegen ihn gewesen.

Schwer aber lag es ihm auf der Seele, daß seine liebe Wlasta gar nicht zu wissen schien, wie glückselig die Liebe macht; wie die Welt mit all ihrem Elend versinkt, wenn Liebe über das Herz kommt. Die Kraft, die ihn durch die dämmerigen Straßen, durch den Schnee auf Jaskuleks Turm getrieben, die da oben sein Herz bewegt hatte, wie kein Unglück, kein Jammer es bis jetzt vermochte, und durch die er das Leben in einem anderen Lichte sah als bisher; die ihm die ganze Welt heiligte, die seinem Geiste unendliche Räume öffnete, in denen er sich in nicht geahnter Seligkeit bewegte, dieselbe Kraft riß ein anderes Herz nicht aus den alltäglichen, engen Schranken.


* * *


Es war schon spät in der Nacht, die Frauen waren noch nicht zurück. – Salin saß am Herde und wartete. Seine Gedanken waren ganz bei Wlasta. Immer von neuem sah er, wie sie ihm noch einmal zunickte, als sie mit der Mutter zur Thür hinausging. Die Zeit verging, tief erregt war sein Geist von dem wunderlichen Beginnen, unaufhörlich, ganz willenlos die Einsamkeit und Stille im alten Häuschen mit der geliebten Gestalt und ihrer lustigen Stimme zu beleben; aber sehnsuchtsvoll starrte er nach der Thür und fuhr auf, wenn er Schritte zu hören glaubte.

»Wir werden es ja erleben, daß sie kommt,« murmelte er vor sich hin und lächelte über sich selbst.

»O, Herr Gott,« rief er, »solch Glück, wohin soll das führen? Führt es, wie alles andere, in das Elend, das wäre so grausam, daß du, Gott, nicht ruhen könntest, so laut würde das Jammern werden; käme es nur, um wieder zu gehen, dann schwände die Sonne und jede Freude mit ihm; käme es aber, um zu bleiben, wer wollte das ertragen, so brennendes Feuer ein Leben lang?«

Salin sprang wieder auf, stellte sich an den Herd und schaute in die Flammen. »Es wird betrüglich sein,« murmelte er. »Am Ende ist es nichts – gar nichts, – wer weiß das – ja, wer weiß das – dem ist nichts auf Erden zu vergleichen. Und höher, höher, höher steigt es nicht. Da erbarme sich einer!« Jetzt fuhr er zusammen, er hörte Schritte. Sie waren es, Wlasta und die Mutter.

Er stürzte auf die Thür zu und öffnete. Die Wirtin ging an Salin vorbei, ohne ihn weiter zu beachten, nahm die Haube mit dem goldgewirkten Einsatz ab, die schöne Feiertagshaube, und verschloß sie in den Schrank. »Ihr seid noch auf?« sagte sie. Wlasta stand am Herd, sah in Gedanken auf ihren Fuß, den sie achtlos, kaum merklich, hin und her bewegte, und Salin konnte keinen Blick von ihr erhaschen.

»Daß ich es nur gleich sage,« begann die Alte. »Ihr könnt nicht mehr hier wohnen bleiben. – Es geht nicht, und einen Gefallen thätet Ihr mir, wenn Ihr bald gingt.« Sie ging auf Salin zu und legte ihm vertraulich die Hand auf die Schulter. Der stand, ohne sich zu rühren, und sah die Frau ruhig an.

»Nun?« sagte die erregt.

Salin Kaliske aber sah starr auf Wlasta, die schaute nicht auf. Ihre Wangen waren purpurrot, und die Augen standen ihr voller Thränen, als sie endlich den Blick voll erhob und schnell wieder zur Seite sah.

»Was ist das?« rief Salin laut und stürzte auf Wlasta zu. »Bei allen Heiligen, was ist das?« Er riß sie an sich. »Fort soll ich? wohin? warum? rede doch,« schrie er laut. Er ließ sie los, faßte sie an den Schultern und sah ihr verwirrt in die Augen.

Wlasta blickte ängstlich auf die Mutter. »Was soll das heißen,« fuhr diese auf und legte ihre Hand auf Salins Arm. »Was soll das heißen?«

»Die ist mein, Frau Wirtin, ganz mein. – Sprich doch, Wlasta, ist es nicht so?« sagte er gefaßter.

»Ach, Mutter, Mutter!« schluchzte das Mädchen laut auf.

Da stemmte die kleine Frau den Arm in die Seite und fuhr auf: »So, bringt mir das Mädchen zum Weinen, verdreht ihr doch den Kopf noch mehr. – Geht, geht, laßt sie in Ruh'. Was glaubt Ihr denn, Ihr hergelaufener Habenichts, Ihr, glaubt Ihr, wir wüßten nicht, woher Ihr stammt? Glaubt Ihr, es drängt uns, zu solcher Verwandtschaft zu kommen? – Sagt doch, was Ihr glaubt!«

»Ich glaube, Frau Wirtin,« erwiderte Salin und hielt Wlastas Hände in den seinigen, »daß mich Wlasta nicht lassen wird. Ich glaube, daß Ihr nicht recht bei Sinnen seid. Ihr wußtet es ja längst, wer ich bin, und Ihr wußtet es auch, daß ich Wlasta liebe, daß wir uns lieben. Ihr wußtet es,« wiederholte er ruhig, als die Frau Miene machte, ihn zu unterbrechen. – »Was soll das nur alles?«

Wlasta hatte sich von ihm losgemacht, war auf den großen Lehnstuhl niedergesunken und bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen.

Salin trat zu ihr und sprach: »Warum ereifern wir uns? Ich habe Euch wohl mißverstanden, verzeiht mir,« wandte er sich an die Wirtin, »ich habe es nicht über mich bringen können, Euch von Wlasta zu sprechen.«

»Nein, seht mir den an,« sagte die Frau auflachend. »So ein ausgemachter Narr, der – nicht wahr, Ihr wolltet mich mit dem Glücke, daß Ihr Euch zu meiner Tochter herablaßt, nicht übermütig machen – nicht wahr?«

»Wlasta,« sagte Salin und bog sich über das Mädchen hin, die immer noch ihr Gesicht in den Händen verbarg.

»Geht doch, Salin,« flüsterte Wlasta.

»Ach, wüßtest du es erst!«

»Was soll ich wissen, was?« frug er leise und heftig, warf sich vor dem Mädchen auf die Kniee und löste ihr die Hände vom Gesicht, konnte aber dennoch keinen Blick von ihr erhaschen. Wie gebannt schlug sie die Augen nieder.

»Was soll ich wissen?« frug er noch einmal.

»Der Vetter,« begann sie stockend und wandte ihr Köpfchen von Salin ab.

»Daß Ihr es nur wißt,« unterbrach die Frau, »ich habe dem Vetter mein Wort gegeben, daß Ihr geht.«

»Wir dürfen nichts gegen ihn thun,« ergänzte Wlasta scheu. »Er ist reich.«

»Wlasta!« stieß Salin hervor – dann sagte er gelassen: »Ich verstehe. – Sage mir, soll ich gehen?« Sie antwortete nicht und blickte nicht auf, schlang emsig Knoten in die Schnur, die ihr vom Kleide niederhing.

Salin kniete vor ihr.

»Wlasta, jetzt rede du – soll ich gehen?« frug er noch einmal ruhig.

Wlasta sah erstaunt auf ihn. »Salin,« jammerte sie leise, »du liebst mich nicht – du bist schlecht, siehst du nicht, wie es mir jetzt zu Mute ist?« Sie brach in Thränen aus.

»Laß das. Soll ich gehen?« frug er zum drittenmal und preßte ihre Hand so fest in der seinigen, daß Wlasta sie freizumachen suchte. Er sah das Mädchen durchdringend an – da nickte sie.


* * *


Salin aber erhob sich, ging an der Alten vorüber in seine Kammer und ließ die Thür hinter sich zufallen, tappte im Dunkel auf seinem Arbeitstisch umher, stieß an ein Stück Holz, das fiel polternd auf die Diele. Die Thür öffnete sich wieder, die Wirtin trat ein, brachte Licht und setzte es auf die Ofenbank nieder.

»Ich danke Euch,« sagte sie und blieb im Zurückgehen auf der Schwelle stehen. »Ihr seid ein vernünftiger Mensch, daß Ihr die Sache so gut aufgenommen habt. Ihr hättet mich schön in Ungelegenheit bringen können, wenn Ihr Lärm gemacht hättet. Wenn der Vetter sich einmal etwas in den Kopf setzt, da ist nichts mehr zu machen, und umsonst ist der Nikolaus auch nicht aus Wien gekommen. – Es ist schlimm, wenn man so abhängig ist, wie unsereins.«

Salin achtete nicht auf die Frau, nahm seinen Quersack von der Wand, warf und schob sein Arbeitsgerät hinein.

»So zu beeilen braucht Ihr Euch nicht, morgen ist noch reichlich und überreichlich Zeit,« begann sie und sah ihm erstaunt zu.

Er hörte und sah sie nicht, nahm sein Feiertagswams aus dem Schrank und preßte es zu den Geräten in den Sack hinein.

»Narrheit!« sagte die Frau und ging aus der Thür.

Er aber raffte das letzte eifrig zusammen. Da blickte er auf seine Schnitzbank, dort lag noch das Christusbild, das er für Wlasta bestimmt hatte. Er stürzte darauf los, drückte es an die Brust und stöhnte laut auf. Regungslos starrte er dann vor sich hin.

»Wir wissen es nun, wir wissen es nun,« murmelte er – dann preßte er wieder das Holzkreuz mit dem Heiland an sich.

»Du bist es, der mich versteht – du bist es, du. Verstanden hast du,« flüsterte er leidenschaftlich, »daß es zu viel Elend gibt, das brachte dich in den Tod – ich erkenne dich. Ein Jammer ist eure Welt, ein Jammer – ein Jammer.« Er drückte seine Stirn fest an die Tischkante, ließ das Kreuz aus den Händen fahren, daß es an ihm niederglitt, sprang auf, nahm aus seiner ledernen Tasche ein paar Münzen, warf sie auf den Tisch, daß einige klingend herabrollten, steckte das Christusbild, so gut es gehen wollte, in den Quersack, nahm ihn über die Schulter und ging aus seiner Kammer. Die Thür blieb offen stehen. Wlasta saß noch immer am Herde und die Mutter stand vor ihr, hielt ihr die Hände hin und sprach leise in sie hinein. Salin eilte an den beiden vorüber, ohne nach ihnen zu blicken.

»Salin, Salin,« rief Wlasta laut und sprang auf.

Der aber war zur Thür hinaus, sah und hörte nichts mehr.


* * *


Über die spitzen Giebeldächer fuhr der Tauwind und trieb dunkle Wolken über den Mond.

Ruhig schritt Salin mit seinem Quersack auf dem Rücken den altbekannten Weg an den dunkeln Nachbarhäusern vorüber und an der Stadtmauer hin. Das war derselbe Salin Kaliske noch, der vor Jahren, als kleiner Bube, von aller Welt verlassen, vom Grabe seiner Eltern kam und düster, die Fäuste in den Taschen, die Straße hinunterschlenderte, dem verödeten Vaterhause zu.

Von Jaskuleks Turm herab schimmerte das Licht des Wächters und leuchtete durch den Nebel in die Nacht hinaus.

Einsam und still waren die Straßen.

In einer Schmiede, an der er vorüberkam, wurde gehämmert und gelärmt. Durch den offenen, weiten Thürbogen sah er in dem dämmerigen Raum das Eisen auf dem Amboß glühen, und die Funken stoben von der Feuerstelle zum Schornstein hinaus, in die schwere, düstere Luft hinein.

Salin sah es, ging weiter, kam an das Thor, da hatte sich eben ein Frachtwagen verfahren. Es zankten sich etliche Knechte; andere liefen mit Laternen zwischen den Pferden hin und her. Daß Thor war offen und Salin stand draußen auf der Landstraße; das war dasselbe Thor, durch welches er einst mit Madry hinauszog.

Unter großen, breitästigen kahlen Bäumen ging er dahin. Der Mond schaute durch die Wolken, fahle Lichter und tiefe Schatten fielen über den Weg. Er rückte den Quersack auf der Schulter zurecht, und schritt aus, als wollte er erst in Tagen wieder stille stehen.

Als er aus dem Schutz der Bäume ins Freie trat, da fegte der Wind über die Schneefelder. Die dunkeln Wolkenschatten jagten über die weiße Fläche hin, und er ließ sich vom Winde treiben, immer weiter, immer vorwärts. In der Luft kämpfte und brauste es. An düsteren Kiefernbäumen kam er vorüber, die Äste ächzten unter der tauenden Schneemasse, und der Wind fuhr ihnen in die starren Nadeln.

Salin sah, wie in der Ferne Himmel und Erde ineinander rannen, wie im Osten sich dunkler Wald aus wogendem Nebel hob. Dann verschwand wieder alles ins Unbestimmte, und er wanderte in die dunkle Unendlichkeit hinein.

Am Wege lag eine Schenke, da war noch Licht. Salin trat ein. Fuhrleute saßen um einen Tisch und zechten. Die Öllampe flackerte und leuchtete kümmerlich. Er ließ sich ermüdet an einem leeren Tische nieder und stützte die Arme auf. Der Wirt setzte ein Glas Branntwein vor ihn hin. In langsamen Zügen trank er und ruhte sich aus. Dann nahm er seinen Quersack mit dem Kreuz wieder auf und ging, ohne zu grüßen, nach der Thür.

Da stieß einer der Fuhrleute seinen Nachbar an, deutete auf Salin, auf das Kreuz, dessen Arme aus dem Quersack sahen, und sagte: »Seht da, was der trägt. Meiner Seel', wie sieht der denn aus? wie ein wandelnder Galgen; ich möcht' es beschwören, wie ein wandelnder Galgen.« – Die anderen lachten.

Salin ging hinaus und ließ sich vom Winde weiter treiben. Längst lag die Schenke hinter ihm. Der Himmel wurde heller und fahler. Der Schnee hauchte ihn kälter an. Die erste Morgendämmerung brach herein.

Wie er so ging, als könnte ihn auf der Welt nichts aufhalten, sah er am Wege im Schnee eine Krähe mit gesträubten Federn sitzen, die streckte den Kopf in die Höhe, sperrte den Schnabel weit auf und klappte ängstlich mit den Flügeln. Salin blieb stehen, sah, wie es den Vogel plagte und würgte, wie ihm die starren Federn zitterten, und wie er heiser aufschreiend zusammmenzuckte und dann krepiert im Schnee lag. Er sah es und ging weiter.

Der Morgen kam. Der Wind legte sich. Grau und bleiern lag der Himmel über der Erde. Wie es heller wurde, sah Salin einen Mann mit einem Karren vor sich hergehen. Er überholte ihn und ging ein paar Schritte neben ihm her. Es war ein alter Bauer, der mühselig eine Last hinter sich herzog. Salin blieb stehen und wies nach einem Häuflein Häuser, die abseits von der Landstraße an einem Gehölze lagen.

»Kann man dort unterkommen?« frug er.

»Ei ja, eine Schenke ist da,« erwiderte der Mann.

»Ist es ein Dorf?« frug Salin wieder.

»Ja, ein Dorf.«

»Dann kommt wieder eins, nicht? und wieder eins,« sprach er weiter, »und eine Stadt und Länder und immer mehr und mehr – überall Menschen, überall Menschen und allen geht es wie mir, nur wissen sie es nicht. Ein Jahrhundert nach dem anderen zieht herauf und verschwindet wieder, und um die Welt, solange sie steht, rollen die Gedanken und überfluten das Geschlecht, das gerade seine Reise macht. Das muß über sich ergehen lassen, was kommt – darbt und quält sich und hofft und hofft und hofft. Jeder glaubt, entfliehen zu können, jeder glaubt, zu lenken, gar weise sich mit der Welt abzufinden, und wird vom Strome mit Millionen anderen getrieben, unaufhaltsam durch kurze Freude, durch ein Meer von Qual. Denselben Weg, den schon Ungezählte vor ihm zurücklegten – zum selben Ende! Wer das erfaßt hat, dem schwinden die eigenen Schmerzen, der steht mitten darin und erstaunt nicht mehr.«

»Ich verstehe Euch nicht,« sagte der Alte. »Was tragt Ihr da?«

Salin blieb stehen, löste den Sack vom Rücken und holte das Christusbild behutsam heraus. Dann hielt er es mit erhobenem Arm gegen die Sonne.

Der alte Bauer nahm andächtig sein Käppchen ab, schlug das Kreuz und sagte ehrfürchtig: »Es ist der Erlöser.«

Auch Salin sah ernst in das Angesicht des Gekreuzigten. »Erlöser!« sagte er, »hast du die Welt erlöst? – Überall ist Qual!«

»Ist das der Weg zum Dorfe?« frug er den Bauer und nahm das Kruzifix sorglich in den Arm.

»Ja, geradeaus müßt Ihr gehen.«

»Lebt wohl.«


* * *


Die Leute im Böhmerwalde erzählen sich: »Wenn du von Hindelang an der Ostrach hingehst, da liegen ein wenig seitab von der Landstraße, mitten auf einer Wiese, die Trümmer von einem Häuschen. Nur der Herd steht noch aufrecht, und um ihn her liegen morsche Bretter und Balken, und ein Fliederbusch hat sich eingenistet, der grünt und blüht. Es führt kein Weg und kein Steg dahin. Es ist noch nicht lang her, da hat dort ein Alter gewohnt, der war ein Bildschnitzer, wie keiner weit und breit im Lande, und es ging einem ordentlich durch die Seele, wenn man bei ihm, in seiner Werkstatt, in das Antlitz des Gekreuzigten sah. Wenn er aber schnitzte, so that er es nicht wie die anderen, sondern war mit Leib und Seele dabei und grübelte über sich und die Welt nach und dachte: »Es ist alles anders, wie die Leute sagen und schreiben, und bös ist nicht bös und gut ist nicht gut; was um uns ist, ist nichts – und was wir nicht kennen, das ist die Welt.«

Und als die Jahre hingingen, da vergaß er sein Handwerk und vernachlässigte Haus und Garten, verkehrte mit keiner Menschenseele, zündete kein Feuer mehr an, die Scheiben fielen aus den Fenstern, die Esse bröckelte ab und das Haus wurde morsch in allen Fugen, daß es kaum mehr zusammenhielt.

Und in der Neujahrsnacht, wie der Alte gerade gestorben war, da gab es einen Sturm, der rüttelte am Haus, daß es in sich zusammenstürzte.

Den Alten haben sie begraben, aber das Haus haben sie stehen und liegen lassen, weil es niemand wollte.