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Margarete Böhme – Tagebuch einer Verlorenen

Roman – Tagebuch

Margarete Böhme, Tagebuch einer Verlorenen – Von einer Toten, F. Fontane & Co., Berlin, 1907


Vorwort

Als das vorliegende Tagebuch in meine Hände gelangte, war es meine Absicht, den Inhalt nach einiger Zeit zu einem Roman zu verarbeiten.

Auf Anraten meines Verlegers, des Herrn Fontane, stand ich später von diesem Vorhaben ab, und zog es vor, die Aufzeichnungen nach der erforderlichen Überarbeitung im Original der Öffentlichkeit zu übergeben. Die einzelnen Umgestaltungen mußten mit Rücksicht auf die verschiedenen in dem Buch benannten Personen vorgenommen werden und bestehen im wesentlichen in Namensänderungen. Einige Streichungen von Stellen, die sich absolut nicht für die Veröffentlichung eigneten, waren ebenfalls nicht zu vermeiden.

Nichts liegt mir ferner, als die Absicht, mit der Herausgabe dieser Tagebuchblätter die pikante Literatur um ein Buch zu bereichern. – Die schlichten Aufzeichnungen erheben keinen Anspruch auf künstlerische oder literarische Wertschätzung; sie sind nichts und wollen nichts sein als ein authentischer Beitrag zu einer brennenden sozialen Frage unserer Tage. Beredter und überzeugender als die glänzendsten Schilderungen aus berufener Schriftstellerfeder, sprechen sie zu uns und werfen ihre grellen Schlaglichter in die Welt der bürgerlichen Toten, der Ausgestoßenen und Parias der Gesellschaft.

Wenn die Lektüre dieser Blätter hier und da jemand zum Nachdenken anregt, wenn sich der Leser dabei vergegenwärtigt, daß kein Mensch, und stünde er noch so fest und hoch, mächtiger als sein Fatum ist, daß weder Wohlhabenheit noch Bildung, noch geachtete bürgerliche Stellung Tod und Unglück Schach bieten, und unseren eigenen jugendlichen Angehörigen sicheren Schutz vor einem ähnlichen Schicksal wie das der armen Thymian gewähren, – wenn er daraus die Schlußfolgerung zieht, daß man nicht konsequent in gedankenloser Gleichgültigkeit oder mit liebloser Verachtung an jenen Unglücklichen vorübergehen, sondern die Augen offen halten soll, um zu schauen, und Laster und Unglück zu trennen – dann ist der Zweck dieser Veröffentlichung erreicht. Dann hatte Thymian nicht umsonst ihres verfehlten Lebens Daten fixiert . . . Vielleicht war dann ihr Leben nicht einmal ein »verlorenes«.


Margarete Böhme .




Tante Lehnsmann brachte mir gestern das Tagebuch als verspätetes Konfirmationsgeschenk. Es sei so sinnig für ein junges Mädchen, sagte sie. Und so billig, dachte ich. Aber nun es einmal da ist, will ich es auch benutzen. Vielleicht entdecke ich dabei noch schriftstellerisches Talent in mir.

Viel passiert zwar nicht in unserem gottvergessenen Nest. Und was passiert, ist kaum des Aufnotierens wert. Aber ich will denken, ich wäre eine berühmte Persönlichkeit und schriebe meine Memoiren. Dabei ist ja wohl dann das Unwesentlichste wichtig.

Also zuerst Vorstellung: Ich heiße Thymian Frauke Katharine Gotteball und bin die Tochter des Apothekers Ludwig Erhard Gotteball in G . . . . ., einem kleinen, propren Städtchen von 2000 Einwohnern in der Marsch. Die Straßen sind alle schnurgerade und sehr sauber. Gras wächst nicht zwischen den Steinen und die Hühner laufen auch nicht auf dem Pflaster umher. Die Häuser sehen alle so geleckt und glatt aus wie Männer, die eben vom Barbier den Bart abgenommen bekommen haben. Verflucht langweilig ist es in G . . . . . Wenn ein Wagen durch die Straßen fährt, läuft alles an die Fenster. Des Abends sitzen die Leute auf Bänken vor der Türe und schwatzen mit den Nachbarn über andere Nachbarn. Und wenn die andern Nachbarn dann dazu kommen, reden sie wieder über andere Nachbarn. Denn »Nachbar« ist hier alles. Auch diejenigen, die an zwei verschiedenen Zipfeln des Städtchens wohnen.

Den verrückten Namen hat meine Mutter für mich ausgesucht. Ich hab' mich oft darüber ärgern müssen. Die Kinder sagen, er riecht nach Apotheke. Und die Jungen sagen noch etwas viel Schrecklicheres, was ich aber nicht niederschreiben mag.

Meine Mutter war immer kränklich, solange ich denken kann. Ich habe sie nie lachen hören. Wenn sie lächelte, sah sie eigentlich noch viel trauriger aus, als wenn sie ernst war. Wenn ich früher auf dem Marktplatz mit den Kindern spielte und sie am Fenster saß, fürchtete ich mich ordentlich, hinzusehen. Warum, weiß ich nicht. Es gab mir immer einen Stich, wenn ich ihr liebes, blasses, wehmütiges Gesichtchen da sah.

Als ich zehn Jahre alt war, wurde Mutter so krank, daß der Doktor sie nach Davos schickte. Ein ganzes Jahr blieb sie da. Erst fehlte sie mir sehr, aber nachher vergaß ich sie beinahe. Es war während der Zeit sehr lustig bei uns. Vater hatte viel Besuch eingeladen. Die Verwandten kamen auch zuweilen, aber die sind weniger amüsant.

Wir haben viele Verwandte. Mutters Geschwister wohnen alle auf Höfen in der Nordmarsch. Nur mein Onkel Henning und meine Tante Wiebke, Mutters Schwester, wohnen hier. Da ist dann noch Tante Frauke, die mit dem Lehnsmann Pohns verheiratet ist. Sie ist so geizig, daß sie sich vor lauter Geiz beinahe selber auffrißt. Dann Mutters Bruder, Ratmann Thomsen, dann noch ein anderer Bruder, Dirk Thomsen. Dann noch ein Schwager, Hinnerk Larsen, dessen Frau, auch eine Schwester von Mutter, an der Schwindsucht starb. Und noch viele andere. Vater hat nur eine Schwester, Tante Frieda, unverheiratet und bucklig und hier ansässig. Diese kann ich am wenigsten leiden. Sie findet immer was auszustellen an mir. Bald bin ich ihr zu geputzt, bald zu schlappig angezogen. Am liebsten sähe sie es, wenn ich nachmittags immer bei ihr in ihrem Altjungfernkäfig hockte. Aber ich puste ihr was. Vater kann sie auch nicht ausstehen. Die beiden schimpfen sich oft. Ich verstehe nicht, warum Vater ihr nicht längst das Haus verboten hat, wo sie doch immer so eklig gegen ihn ist. Unser Provisor, Herr Meinert, nennt sie »Richter Lynch«. – Wenn er sie vom Apothekenfenster aus mit ihrem großen Brotbeutel von Pompadour am Arm über den Marktplatz gehen sieht, schreit er schon ins Haus: Richter Lynch kommt. Worauf ich mich aus dem Staube mache. Und Vater manchmal auch.

In der Zeit, da Mutter in Davos war, spielte einmal eine Theatergesellschaft im Deutschen Haus. Ich durfte jeden Abend mit Vater oder Meinert hingehen. Einmal spielten sie »Therese Krones«, – das ist ein wundervolles Stück, aber sehr traurig. Ach und die Therese Krones spielte! – Einfach göttlich. Heute weiß ich ja, daß sie sich geschminkt hatte, aber damals war ich paff von soviel Schönheit. Ich war aber damals ja noch ein Kind.

An dem Abend, als Therese Krones gespielt wurde, hatte Vater die Schauspieler zum Abendessen eingeladen. Ich durfte mit am Tisch sitzen. Wir aßen in der besten Stube, und es gab Rotwein und Sekt, und ich bekam von allem ab. Die Schauspielerinnen sangen lustige Lieder und ich wurde auch immer lustiger. Es war riesig fidel. Zuletzt sprang ich auf den Tisch und brüllte immerfort: »Ich bin 'n Pudding! Ich bin 'n Pudding. Schneidet mich an und eßt mich! Ich bin 'n Pudding!« »Ja, du bist 'n schöner Pudding! Wird sich schon früh genug einer finden, der dich anschneidet!« sagte Meinert, worüber die anderen lachten. Nachher wurde es immer toller. Die Stühle wurden aus der Reihe gerückt und da nicht mehr genug Stühle um den Tisch standen, setzten die Damen sich den Herren auf den Schoß. Therese Krones saß auf Vaters Knien.

Da auf einmal, gerade wie es am schönsten ist, wird die Tür aufgerissen und wer steht da? Tante Frieda! In ihrem alten, langen, verschossenen Regenmantel, den sie, wie man gleich merkt, über ihr Nachthemd gezogen hatte. Der Teufel mag wissen, wer ihr die Chose verraten hatte. Sie war ganz gelb vor Wut und schrie mit überschnappender Stimme wie 'ne heisere Krähe: »Das ist ja hübsch! A ja! A ja! Gut zufrieden! Ich hab dir nix zu sagen, Ludwig! Aber daß dir dein eigenes, leibliches Kind nicht zu gut ist für solche – – du – du –« Und sie spuckte aus vor Gift, weil ihr die Luft ausging. »Komm, Thymian! Du bleibst die Nacht bei mir! Pfui, Mädchen, schämst du dich nicht, so unanständig dazustehen, mitten auf dem Tisch –« Und sie wollte mich beim Schlafittchen packen, aber ich, schnell wie der Wind, retiriere und über Gläser und Flaschen und Dessertteller weg aufs Sofa. Und da mit einem Satz rittlings auf Meinerts Schulter, der flog empor und unter lautem Bravo und Hallo mit mir an Tante Frieda vorbei und zur Tür hinaus, die Treppe hinauf. Tante Frieda hinterher: »Geben Sie das Kind her, Sie Liederjahn. Vors Gericht bringen sollte man euch! Thymian, sofort herunter! Schäme dich, Mädchen, schäme dich. Wenn deine arme Stackels Mutter das wüßte . . .« So schimpfte sie hinter uns her, die Treppen hinauf, und ich streckte die Zunge nach ihr aus und rief in meiner Beschwipstheit: »Richter Lynch! Richter Lynch! Olle dämliche Richter Lynch . . .«

Bums, da hatte sie mich beim Fuß! Aber weil Meinert rasch die Tür von seiner Stube aufriß, erwischte sie bloß meinen linken Lackschuh, und Meinert schlug die Tür rasch hinter uns zu. Dann saßen wir im Dunkeln auf seinem Bettrand und lachten – –, ich auf seinem Schoß, und während Richter Lynch draußen tumultierte und sich vor Wut anscheinend die Kleider zerriß, küßte mich Meinert. Das tut er überhaupt gern. Wenn meine Freundinnen und ich früher Schokolade von ihm haben wollten, mußten wir ihm immer 'n Kuß dafür geben.

Wir warteten eine ganze Zeit, aber Tante Frieda lärmte immer toller. Mit ihrem Regenschirm ballerte sie gegen die Tür, daß es weit zu hören war. »Machen Sie auf, Sie Lumpenhund! Oder ich hol die Polizei!« –

»Aber Fräulein Gotteball, regen Sie sich doch nicht so auf!« rief Meinert. »Das ist ja alles man Spaß! Thymi fürchtet sich bloß vor Ihnen –«

Dann kam Vater und wir hörten, daß er mit Richter Lynch zankte. Nachher sagte Vater, Meinert solle aufmachen, und seinetwegen möge Tante Frieda ihren Willen haben, und mich die Nacht bei sich behalten. Ich war sehr bös, aber es half nichts, Meinert schloß auf und ich mußte mit Tante Frieda gehen. Sie sagte kein Wort, aber sie hielt mich fest an der Hand und ich fühlte, wie ihre Hand flog. In ihrem Schlafzimmer wusch sie mich gründlich, und ich mußte mit Anatherin gurgeln und dann half sie mir beim Ausziehen und legte mich in ihr Bett, denn sie wollte die Nacht auf dem Sofa schlafen. Sie flog vor Kälte, denn sie hatte wirklich nur ihr Nachthemd und ihren Unterrock unter dem Mantel an.

Ich machte gleich die Augen zu und tat, als ob ich sehr müde sei, denn ich fürchtete, daß sie doch noch losziehen würde. Es ging aber gut. »Gute Nacht, Thymian!« sagte sie, und da sie ein bißchen fromm ist, kniete sie neben dem Bett und betete mit merkwürdig inniger Betonung:


Breit aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude
Und nimm dein Küchlein ein.
Will Satan es verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzbar sein . . . .


* * *


Ja, es war eine tolle Nacht und ist mir noch so im Gedächtnis, als ob es gestern erst gewesen sei, obgleich schon vier Jahre seitdem verflossen sind.

Im Mai kam Mutter aus Davos zurück. Eine Krankenschwester brachte sie nach Hause und blieb auch bei ihr. Sie war sehr krank, ging nur vom Bett auf die Chaiselongue und von der Chaiselongue ins Bett. Es war plötzlich im Hause so still wie in der Kirche. Ich mußte mich zuweilen auf einen Schemel neben sie setzen, und dann strich sie mit der schmalen kleinen mageren Hand über mein Haar und sagte: »Meine süße kleine Thymi, meine arme kleine Deern, was soll aus dir werden! Wenn ich dich doch wenigstens hätte großziehen dürfen.« Ich wußte nicht recht, was ich dazu sagen sollte. Mir war sehr beklommen und traurig zumute.

Eines Nachts wurde ich geweckt. Als ich die Augen aufmachte, stand die Krankenschwester vor meinem Bett.

»Zieh dich an, kleine Thymian, und komm mit herüber,« sagte sie. »Deine liebe Mutter will in den Himmel gehen und möchte dir gern Adieu sagen.« Ich fing laut an zu weinen, aber die Schwester sagte, ich dürfe nicht weinen und der lieben Mutter den Abschied schwer machen; denn für sie sei es eine große Gnade und Freude, daß sie nach langem Leiden nun in das schöne Paradies dürfe. Da hielt ich das Schluchzen zurück, denn ich hatte riesig viel Respekt vor der Schwester.

In Mutters Schlafzimmer waren Tante Frieda und der Pastor, und auf dem Tisch neben dem Bett brannten Wachskerzen, denn Mutter hatte in der Nacht das Abendmahl bekommen. Vater war nebenan im Wohnzimmer. Man sah Mutter kaum im Bett, so weiß und klein war ihr Gesicht. Mir war sehr bange. Sie röchelte so entsetzlich.

Als sie mich sah, wurde sie sehr unruhig. Sie griff mit beiden Händen nach mir und ich mußte mich über sie neigen und sie auf beide Wangen küssen und sie hielt mein Angesicht mit ihren feuchten, kalten Händen fest und seufzte immerzu und sprach, aber ich konnte nicht richtig verstehen, was sie sagte. Ich glaube, sie sagte, daß sie mich so furchtbar gern mitnehmen möchte. Und dann küßte sie mich wieder und schrie auf und röchelte so jämmerlich, es war geradezu entsetzlich. Der Pastor sagte: »Wir wollen Ihr Kind der Treue unseres Heilands empfehlen, liebe Frau Gotteball. Wir wollen beten.« Aber Mutter hörte nicht, sie weinte so furchtbar und ich auch. Da hörte ich, wie die Schwester leise zum Pastor sagte: »Das Kind muß hinaus. Es ist eine Quälerei für die arme Frau, sie kommt nicht eher zur Ruhe.« – Und dann küßte Mutter mich noch 'mal und dann kam wieder ein Anfall, und da nahm Schwester Anna mich an der Hand und führte mich hinaus. Ich konnte lange nicht wieder einschlafen, aber schließlich schlief ich doch ein. Am andern Morgen kam die Schwester wieder zu mir und sagte, daß Mutter in der Nacht zum lieben Gott gegangen sei.

Das war am Dienstag, und am Sonntag wurde Mutter begraben. Es waren gräßliche Tage. Mutter lag in der besten Stube. Mich graulte vor ihr, wie sie so steif und eiskalt dalag, und es zog mich auch wieder zu ihr hin. Am Sonntag war sehr schönes Wetter. Als ich gleich nach Mittag vor der Tür stand, kamen Fite Raasch und Lide Peters und fragten, ob ich nicht ein bißchen mit ihnen Marmel spielen wollte, nur ein Pott, und das tat ich denn. Wir gingen unter die Linden, gerade vor unserm Haus, und ich gewann Fite Raasch im Handumdrehen zwanzig Marmeln ab. Wie ich sie einraffen wollte, nahm er mir zwei weg und lief davon. Ich ihm nach, Lide auch, und plötzlich, ich weiß nicht, wie es kam, spielten wir Greif und schrien und lachten laut, und ich hatte im Augenblick alle Traurigkeit vergessen und würde auch erst noch nicht daran gedacht haben, wenn Tante Frieda nicht plötzlich gekommen wäre. Sie hat wirklich ein Talent, immer gerade dann wie ein deus ex machina vor einem aufzusteigen, wenn man sie am wenigsten gern haben möchte.

»Thymian!« rief sie entrüstet, »Mädchen, bist du denn so gottvergessen herzlos, daß du dich nicht mal heute ruhig verhalten kannst, am Begräbnistag deiner Mutter?«

Da fing ich bitterlich an zu weinen, denn ich sah ein, daß ich wirklich sehr schlecht gewesen war. Tante Frieda streichelte mir die Wangen und seufzte.

»Armer lüttjer Stackel! Du ahnst in deiner Dummheit nicht, was sie dir heute hinaustragen,« sagte sie und dabei liefen ihr die hellen Tränen aus den Augen.

Um vier Uhr brachten wir Mutter nach dem Kirchhof. Der Pastor wandte sich in seiner Rede auch an mich und ermahnte mich, immer gut zu bleiben und es nie zu vergessen, daß Mutters letzter Gedanke ein Gebet für mich gewesen sei. Viel hörte ich nicht, mir wurde auf einmal ganz schwarz vor den Augen und dann weiß ich nichts mehr, als daß ich erst im Wagen wieder zu mir kam. Ich war nämlich auf dem Kirchhof ohnmächtig geworden. –

Die erste Zeit nach Mutters Beerdigung war sehr traurig. Das Haus kam mir so furchtbar groß vor, es war mir, als sei ein Loch im Hause, es war doch ganz anders als damals, wie Mutter in Davos war. Oft ging ich heimlich nach dem Kirchhof und setzte mich auf Mutters Grabhügel. Auf den weißen verwurstelten Kranzschleifen stand »Auf Wiedersehen« gedruckt. – Der Pastor sagt ja auch immer, daß man sich im Himmel mal wiedersieht, aber ich konnte mir damals gar nicht vorstellen, daß man jemand, der da tief in der schwarzen, klebrigen Erde eingescharrt ist, noch mal wiedersehen kann. – So vieles, an das ich vor Mutters Tod gar nicht gedacht hatte, fiel mir wieder ein. Wie oft sie mich früher auf den Schoß genommen und lieb gehalten hatte. Eine große Sehnsucht nach ihren Küssen überkam mich. Ich fühlte mich so sehr einsam und verlassen mit einemmal.

Am Abend war es schön auf dem Kirchhof. Die Linden blühten, und die Narzissen dufteten. Wenn ich die Augen zumachte, träumte mir, daß Mutter in einem weißen Kleid an mich heranschwebte und mich küßte. Manchmal sah ich sie so deutlich, daß ich die Arme ausstreckte, um sie festzuhalten.

Einmal holte Vater mich um 10 Uhr abends vom Kirchhof. Er war sehr bestürzt, schien mir.

»Aber Thymi, mein kleiner Engel, das ahnte ich ja gar nicht, daß du dich hier auf dem Kirchhof umhertreibst und dich grämst,« sagte er. »Tante Frieda verriet es mir heute. Das darfst du nicht, mein Liebling. Du mußt dich jetzt beruhigen. Wir müssen ja alle mal sterben, aber bis es soweit ist, müssen wir das schöne Leben genießen. Ich nehme dich zum Herbst mit nach Hamburg zum Zirkus Renz und kauf dir eine Puppe, so groß wie ein Kind. Versprich mir, daß du nicht wieder heimlich nach dem Kirchhof gehst.«

Ich versprach es und ging vorläufig auch nicht wieder hin. Dann kam allmählich alles ins alte Gleis . . . Tante Frieda inspizierte alle Naselang unser Haus und schimpfte und kalfaktorte und giftete sich – wie gewöhnlich. Sie hätte gern gesehen, wenn Vater eine ältere Dame als Respektsperson ins Haus genommen hätte. Vater wollte aber nicht, er sagte, Mutters lange Krankheit hätte so viel gekostet, und er müsse erst mal wieder zu Atem kommen. Wir wurden auch sehr gut mit unseren zwei Mädchen fertig. Die Köchin war auch schon eine ältere Person und schon sieben Jahre bei uns. Als Stubenmädchen hatten wir damals Lene Hannemann, eine Tochter vom Fischer Hannemann aus der Wiedemanngasse. Lene war erst siebzehn Jahre und ein sehr nettes, hübsches Mädchen. Sie konnte so schön mit mir spielen. Leider kam sie im September mit einem großen Krach weg. Weshalb, weiß ich nicht, es würde mich auch weiter nicht interessiert haben, wenn sich nicht unmittelbar daran für mich ein Ereignis geknüpft hätte.

Also eines Tages erschien Frau Hannemann bei uns, machte einen Höllenlärm und schrie, Lene soll sofort ihre Sachen packen und mitkommen. Auf der Hinterdiele lief Vater ihr in den Weg, und da stellte sie ihn und schimpfte greulich und fuchtelte ihm immer mit der eisernen Fischwage vor den Augen, daß ich heil bange war, sie könnt' ihn hauen. Sie sprach so rasch, daß ich nur ein paar Worte verstand, und die waren nicht die feinsten. Vater rief, sie solle sich zum Teufel scheren, aber sie spektakelte fort und lief in die Küche und brüllte laut: »So'n verfluchten Kirl! Sin Stackels Fru is noch nich richtig kold in de Grund, un nu will so'n Beest all son junge Deern angahn. – Man schull det Aas verraftig bi de Been in 'ne Rökerkammer uphangen.« Mir war richtig unheimlich, ich dachte, Frau Hannemann war verrückt geworden; ich war froh, als sie mit Lene aus dem Hause war.

Zwei Tage danach, wie ich aus der Schule kam, saß die halbe Verwandtschaftsklerisei um den runden Tisch im Wohnzimmer und trank Kaffee. Onkel Henning und Tante Wiebke, Lehnsmann Pohns und Tante Frauke und natürlich die unvermeidliche Tante Frieda. Vater sah sehr rot und alteriert aus.

»Ja, nun komm man her, Thymi,« sagt er, »hier ist großer Familienrat deinetwegen abgehalten. Die Tanten und Onkeln meinen partout, du müßtest nach T . . . . . in Pension. Was meinst du dazu? Willst du das?«

»Thymi hat gar nichts zu meinen und zu wollen, sondern nur zu sollen und zu gehorchen, und als ordentliches Kind das zu tun, was wir Erwachsene zu ihrem Besten anordnen,« sagte Tante Frieda mit ihrer harten, spitzen Stimme.

»Du altes Aas,« dachte ich bei mir, sagte aber natürlich nichts.

»Jawoll, jawoll, nur zu gehorchen,« päppelte Onkel Henning nach, und die Tanten nickten dazu wie porzellanene Pagoden . . .

Ich merkte wohl, Vater war es lange nicht recht, aber er ist viel zu gut, und er kann nicht gegen Tante Frieda mit ihrem Maulwerk an. So wurde denn beschlossen, daß ich am 1. Oktober nach T . . . . . sollte. Als die Sippschaft fort war, tröstete Vater mich und sagte, er tät mich doch bald wieder heim holen und er würde mich jeden Monat einmal besuchen und mir jedesmal etwas Schönes mitbringen.

Vater hat mich sehr lieb.


* * *


Ich dachte erst, ich würde gar nichts zu schreiben haben, aber nun ich einmal im Gang bin, sehe ich, daß ich doch eine Menge erzählen kann. Wenn ich alles, was ich in T . . . . . erlebte, niederschreiben wollte, würde ich ja das halbe Buch ausfüllen. Ich werde mich deshalb nur an die Hauptsachen halten.

Zuerst kam ich zum Pastor Flau. Da waren noch zwei Schulmädchen mehr in Pension. Die Lebensführung im pastorlichen Haushalt machte seinem Namen alle Ehre: sie war mehr als flau. Frau Pastorin hatte fünf kleine Kinder und kein Dienstmädchen, dafür aber drei Haushaltselevinnen, die jede 350 Mark zubezahlten. Diese drei Mädel hatten jede ihre bestimmte Arbeit oder »Woche«, wie sie sagten. Eine besorgte die Küche, eine machte die Zimmer, eine hatte die Kinderstube zu beaufsichtigen. Jede Woche wechselten sie ihre Beschäftigung ab. Wenn dann das Jahr um war, hatten sie alles gelernt: Kochen, Haushalt, Kinderhüten, und der Frau Pastorn war ihre Arbeit umsonst getan und verdiente sie ausgerechnet noch 1000 Mark dazu. Sie selbst, die Frau Pastorn, schrieb in ihrer freien Zeit Romane. Sie sagte, es sei der schönste Traum ihres Lebens, mal in der Gartenlaube herauszukommen.

Es gab die ganze Woche mittags Gehacktes, Sonntags Braten, Montags Frikandellen, Dienstags Klopse, Mittwochs falscher Hase, Donnerstags aufgebratene Scheiben vom falschen Hasen, Freitags Haschee, Sonnabends Ragout von Suppenfleisch oder, wenn es gut ging, gefüllten Sellerie oder verlorene Vögel, nämlich Gehacktes in Kohlblätter gewickelt und gebraten. Einmal, als der Generalsuperintendent zu Tisch da war, gab es Frikandellen als Zwischengang. Und der alte Herr lobte diese Frikandellen über alle Maßen und bat sich das Rezept aus. Na – wir dachten unser Teil. Uns wurde schlimm, wenn wir sie sahen. Vater kam jeden ersten Sonntag im Monat und brachte mir viel Schokolade mit. Und fast jedesmal bekam ich ein Zehnmarkstück als Taschengeld. Da aß ich mich in der Konditorei an Crêmeschnittchen satt, wenn ich mittags hungrig vom Tisch aufstand. Zuweilen besuchte Meinert mich auch. Nach einem Jahr wurden Flaus versetzt. Ich kam dann zu zwei alten Fräuleins, die Pensionärinnen hielten. Im ganzen waren wir sieben Mädchen da. Die andern waren Nordmarscher Hofbesitzertöchter, wir waren fast alle ungefähr gleich alt und gingen natürlich alle in Fräulein Lundbergs höhere Töchterschule. Insofern war es in der neuen Pension netter, als die Kost dort besser war und nebenan ein Gymnasialprofessor wohnte, der auch Pensionäre hielt und zwar Knaben, wodurch wir etwas Unterhaltung hatten. Unsere Pensionsmütter, die Fräulein Saß, lebten in Feindschaft mit Professors wegen der Hühner. Professors Hühner kamen nämlich immer in Saß' Garten und zerkratzten die Spargelbeete und wühlten die Blumenrabatten um. Die Fräulein Saß verlangten, Professors sollten ihre Hühner aufschütten, aber Professors behaupteten, es wären andere Hühner, ihre Hühner täten so etwas nicht. Nun waren aber sonst gar keine Hühner in der Nachbarschaft da. Die Fräulein Saß und Professors wechselten wegen der Hühner Dutzende von beleidigenden Briefen, und es war eine Seltenheit, wenn Professors Hühner nicht unser Tischgespräch beherrschten.

Trotzdem es uns streng verboten war, mit Professors Pensionären zu reden, lernten wir sie doch kennen, und zwar in der Mittagsstunde, wenn die alten Damen schliefen und wir uns unten im Garten in der Laube aufhielten, während die Jungen nebenan auf dem Turnplatz waren. Sie kletterten dann über die Planke und kamen zu uns oder saßen auf dem höchsten Turnreck, wo sie uns auch sehen und mit uns sprechen konnten. Die meisten von ihnen waren Nordmarscher und Nordschleswiger und einige kannte ich von meinen Besuchen bei unseren Verwandten her. Auch ein Vetter von meiner besten Freundin Anni Meier, die auch bei Saß' in Pension war, Boy Detlefs, war bei Professors. Die beiden wollen sich heiraten, wenn Boy erst Doktor ist, er will nämlich Medizin studieren. Damals ging er noch in Sekunda. Dann war auch ein richtiger Graf da, Casimir Osdorff mit zwei f, das ist nämlich feudaler, sagt er. Es existiert auch noch eine Familie Osdorf mit einem f, aber das ist nur ein kleiner ordinärer Adel und zählt nicht, sagt Osdorff.

Wir hatten jede unseren speziellen Freund, und Osdorff war meiner. Er ist nicht gerade hübsch. Seine Unterlippe hängt ein wenig vor, sein Gesicht ist ein wenig gedunsen und seine hellgrauen Augen sehen immer aus, als ob er schläft. Anni nennt seine Augen »Schellfischaugen«. So ist er noch heute. Boy Detlefs behauptet, Osdorff wäre dumm wie Stroh und faul wie Ruß. Was mir so sehr an ihm gefiel, und noch heute gefällt, sind seine Stiefel und seine Hände. Ich habe nie zuvor so wunderbare Stiefel und so entzückende Hände gesehen. Die Stiefel sitzen wie an den Füßen gewachsen, glatt und blank wie Aalhaut, und die Hände sind weiß und samtweich, und die Nägel sind so schön rosenrot mit schneeweißem Rand wie bei einer sehr feinen Dame.

Casimir Osdorff ist das zweitjüngste von sechs Kindern, und seine Mutter ist Witwe. Viel Vermögen ist nicht da. Der älteste Sohn bekommt das Gut und da dieses überschuldet ist, bleibt für die anderen nicht viel übrig. Nach seinem Abiturium sollte er eigentlich Forstwissenschaft studieren. Er hatte noch nicht sein Einjährigenzeugnis.

Osdorff machte gar kein Hehl daraus, daß ihm das Lernen zuwider war. Er sagt, die heutigen gesellschaftlichen Verhältnisse wären oberfaul, und der Staat würde über kurz zugrunde gehen, wenn nicht eine kräftige Reaktion ans Ruder käme. Anstatt daß so viele Millionen für allerhand Dummereien zum Fenster hinausgeworfen würden und die Regierung mit dem Mob kokettiere, indem sie allerlei Wohlfahrtsbestrebungen sanktioniere, müsse ein Ehrenunterstützungsfonds für unbemittelte Edelleute gegründet werden. Dieser Fonds müsse dazu dienen, daß die Zinsen an alle richtig feudalen unvermögenden Adligen derartig verteilt würden, daß ihnen dadurch ein standesgemäßes Auskommen ohne Arbeit ermöglicht werde und die Edelsten des Reiches nicht gezwungen wären, sich in niederem Broterwerb mit dem Bürgervolk zu liieren. Dieses wäre nur für den Staat von Vorteil, indem der Adel dadurch gekräftigt würde. Denn es gäbe nur drei berechtigte Stände: Adel, Geistlichkeit und Proletariat. Die Übergangslagen, der sogenannte breite Mittelstand, sei der Krebsschaden eines feudalen Staatswesens. Der Adel sei da zum Befehlen und das Proletariat zum Arbeiten und Dienen, und die Geistlichkeit für die Aufrechterhaltung der Ordnung. Die Bourgeoisie sei der Nährboden aller Revolution. Es sei eine Schande, daß ein junger, hochbegabter Mann aus altem, edlem Geschlecht, wie er, ein Osdorff mit zwei f, mit Bauernjungen und Bürgersöhnen dieselbe Schulbank drücken und sich von bürgerlichen Lehrern Anschnauzereien gefallen lassen müsse. Er entwickelte mir oft stundenlang seine Ansichten, die ich keineswegs unterschreiben möchte, die ich aber teilweise sehr merkwürdig und interessant fand.

Die anderen Mädchen wollten ihre Freunde alle heiraten, aber Osdorff sagte mir gleich im Anfang, daß er mich nicht heiraten könne. Vor Jahren, erzählte er mir, habe er sich in die entfernte Verwandte einer angeheirateten Cousine verliebt. Als besonnener Mann sei er aber nicht gleich mit einer Erklärung losgerückt, sondern hatte sich vorher erst gründlich erkundigt und ihren Stammbaum beaugenscheinigt. Und da hatte es sich herausgestellt, daß ihre Urgroßmutter mütterlicherseits eine sächsische Geheimratstochter namens Düppel gewesen war. Niemals hätte er es sich verziehen, wenn er durch ein leichtfertig gegebenes Ehrenwort seiner Familie eine solche Schmach zugefügt hätte. Es sei sein Stolz und seine Ehre, sein Wappenschild blank zu halten, und diese Urgroßmutter Düppel wäre ein furchtbarer Fleck gewesen. Ich muß sagen, seine Aufrichtigkeit berührte mich sympathisch. Sonst gefällt mir, wie gesagt, nichts an ihm wie die Nägel und die Hände.

In Fräulein Lundbergs Schule schnitt ich soweit ganz gut ab. Ich war gerade ein halbes Jahr in der ersten Klasse, als der große Kladderadatsch kam, der meinem Aufenthalt in T . . . . .ein vorzeitiges Ende bereitete. Das kam nämlich so. In T . . . . . wurde eine große Hochzeit gefeiert, zu der Fräulein Saß und auch Professors eingeladen waren. Wochenlang hatten die Fräuleins überlegt, ob sie Professors wegen ablehnen sollten oder nicht. Die Hühnerfeindschaft war so groß, daß sie stark dreiviertel geneigt waren, eine Absage zu schicken, aber schließlich entschlossen sie sich doch, hinzugehen und Professors wie Luft zu behandeln.

Wir hatten für den Hochzeitstag mit Professors Jungen einen Ausflug nach dem Grünen Baum verabredet. Das heißt nur Anni Meier, Lina Schütt und ich, Boy Detlefs, Heite Butenschön und Osdorff. Die anderen Mädchen waren alle jittig. Der »Grüne Baum« ist ein einsames Wirtshaus, eine Stunde Wegs von T . . . . ., und ist berühmt wegen der feinen Grogs, die es da gibt.

Wir gingen gegen fünf Uhr nachmittags weg und bummelten langsam die Chaussee hinaus, so daß es schon fast sieben war, als wir im »Grünen Baum« anlangten. Dort eingekehrt, bestellten wir uns sechs Grogs und stießen an, und tranken aus. Das Zeug brannte wie Feuer auf der Zunge, ich kann nicht sagen, daß ich etwas Feines daran finden konnte, aber Boy sagt, wir müssen anstandshalber noch eine Runde nehmen, sonst sehe es zu lumpig aus, und auf einem Bein könne man überhaupt auch nicht stehen. Ich dachte: denn man zu . . . halt den Atem an und trink es wie Medizin . . . . . . Aber es war sonderbar, ob die Wirtin nun das zweite Mal besseren Rum genommen und mehr Zucker hineingetan, das zweite Glas schmeckte viel besser, man wurde so schön warm danach und so lustig. Nachher tranken wir noch ein Glas, »weil's so schöne ging«, sagte Boy Detlefs, und wir wurden immer ausgelassener und lachten wie toll. Dann ließ Boy Detlefs eine Bowle kommen und sagte, wir feierten seine und Annis Verlobung, und da gabs ein Hallo, und dann tranken wir alle miteinander du und du. Zuletzt wurde mir übel von dem heißen starken Zeug und die anderen mochten auch nicht mehr. Um viertel nach neun brachen wir auf, aber es wurde beinahe zehn, ehe wir fortkamen. Wie ich aus der warmen Stube hinaus in die Luft trat, drehte sich alles vor meinen Augen, und es war gut, daß Boy Detlefs hinter mir stand und mich festhielt, sonst wäre ich umgepurzelt.

»Ja, Thymian, das ist recht, bleib man bei uns und halt dich lieber an Menschen, als an den ollen Kretin,« sagte er, »der Osdorff hat heute abend genug mit all seinen f'en zu schleppen. Er hat heute davon vier, zwei f'n im Namen und zwei in seinem Kopf, nämlich 'n Affen . . .« Und während er meine Hand festhielt, bumste er Osdorff, der tatsächlich erbarmungswürdig aussah, auf den Schädel und schrie: Wie klingt das hohl! Wie klingt das hohl! Darüber mußten wir lachen. Aber Anni kam wie ein Stoßvogel von hinten und haute mich auf die Hand, die Boy festhielt, und rief: ich solle mich fortscheren, ich hätte mit ihrem Bräutigam nichts zu schaffen. Da nahm Boy sie in den anderen Arm und dann trollten wir ab, indem wir bunte Reihe bildeten und die Chaussee sperrten.

Aber als wir an die Luft kamen, wurde uns recht schlecht. Anni jammerte laut, sie konnte nicht gehen, ich schleppte mich auch nur mit Mühe und Not fort, und Lina Schütt hinkte wie 'ne angeschossene Krähe, aber die Jungen, das heißt Boy Detlefs und Butenschön, hielten uns fest und bugsierten uns weiter. Da auf einmal gab es einen Knacks in der Reihe. Osdorff, der an einem Ende ging und von Lina untergefaßt wurde, war vornübergefallen und riß Lina mit und um ein Haar wären wir alle gestürzt. Aber während Boy und Butenschön sich um die beiden, die sich im Chausseeschmutz wälzten, bemühten, taumelten Anni und ich seitwärts nach dem Graben. Ich setzte mich auf einen Chausseestein und Anni warf sich auf den Bauch ins nasse Gras und fing laut an zu schreien, sie müsse sterben und sie gehe keinen Schritt weiter, es sei schon einerlei, wo sie verende, es wäre doch gleich vorbei mit ihr. Niemand hörte auf sie, denn Boy und Butenschön hatten genug mit Osdorff und Lina zu tun und es gelang ihnen nur, Lina auf die Beine zu bringen, aber fort konnte die auch nicht mehr. Die beiden Jungen beratschlagten, was sie tun sollten und kamen endlich zu dem Schluß, daß sie nach T . . . . . laufen und einen Wagen holen wollten, damit wir alle noch vor Toresschluß in die Kajüte kommen konnten. Dann rannten sie fort und wir blieben an der Chaussee zurück.

Lina und Anni heulten um die Wette, Osdorff grunzte wie ein Schwein im Chausseepatsch, und die Mädchen fingen an zu würgen und sich zu erbrechen. Das ekelte mich so, daß mir beinahe auch schlimm geworden wäre, und deshalb schleppte ich mich etwas weiter fort, aber die Füße waren mir so schwer, daß ich mich bald wieder am Graben hinsetzte. Ich merkte wohl, daß ich ebenso wie die andern total betrunken war, aber ich wußte, sah und hörte alles. Weil mir der Kopf so weh tat, streckte ich mich lang im Gras aus und blinzelte in die Luft. Der Mond spiegelte sich in den Regenpfützen der Chaussee, und Millionen Sterne standen am Himmel. Wie ich so hinauf sah, war es mir, als wären die Sterne lauter helle Menschenaugen, und als gehörten zwei davon, zwei goldne, klare, meiner lieben toten Mutter. Da machte ich die Augen zu, denn ich konnte diese beiden Sterne nicht ansehen. Mir war plötzlich sehr weh ums Herz. Ich schämte mich so fürchterlich. Es ist gewiß nichts Feines, wenn Schulmädchen sich vollsaufen und wie das liebe Vieh am Wege liegen bleiben. Aber wer konnte auch wissen, daß das Deibelszeug so nachwirkt. – Damals, an dem Therese Krones-Abend, war es doch viel netter. Das habe ich jetzt heraus, daß ein Sektrausch ein viel feineres Ding ist, als ein ordinärer Rumaffe, das ist ungefähr ein Unterschied wie zwischen einem Rassehund und einem ekligen, kläffigen Dorfköter. Nach einer Weile kam ein Wagen. Als die Leute das Jammern von Anni und Lina hörten, hielten sie an und kletterten ab. Es war ein Schlachter, der mit einigen Viehkommissären über Land gefahren war, und diese Menschen sammelten nun, unter lautem Gelächter, Osdorff und die Mädchen auf den Wagen. Um nicht allein zurückzubleiben, kletterte ich auch hinauf, aber ganz allein, denn mit mir wurde es schon allmählich besser. Was wir da auf dem Wege nach T . . . . . für Witze und rohe Späße über die höheren Töchter und den gelehrten Jungen anhören mußten, das geht schon auf keine Kuhhaut mehr. Es war das reine Fegefeuer. Anni und Lina waren noch nicht in der Verfassung, alles zu verstehen, aber ich hab' auf diesem Wege meine Sünden an dem Abend abgebüßt, das kann ich mit gutem Gewissen behaupten.

Um nur nichts zu hören, stopfte ich mir die Finger in die Ohren, so entsetzlich war das. In T . . . . . luden uns die Kerle vor dem Schlächterladen ab, und die Frau Schlächtermeister kam mit der Lampe heraus, und die Dienstmädchen und Gesellen ebenfalls, und das Lachen und Witzereißen ging von vorne los. Wie Osdorff nach Hause gekommen ist, weiß ich nicht. Fräulein Saß' Mädchen brachte Lina und Anni zu Bett und für Lina mußte der Doktor geholt werden. Ich suchte es zu verhindern, aber Lina war wie verrückt und wollte partout sterben, gerade wie vorher Anni.

Na, am anderen Morgen war die Stadt natürlich voll von unserem Abenteuer. Fräulein Lundberg schickte uns nachmittags aus der Schule nach Hause, weil eine Untersuchung eingeleitet werden sollte. Das Resultat dieser Untersuchung aber war, daß wir alle drei geschaßt wurden. Fräulein Lundberg behauptete, ein solcher Fall von unmoralischem Lebenswandel wäre in den Annalen ihrer Schule noch nicht verzeichnet, und unser Beispiel würde verderblich auf unsere Mitschülerinnen wirken; es sei eine Existenzbedingung ihrer Schule, daß sie sich alle schlimmen Elemente fernhalten müsse. Anni und Lina heulten wie die Schloßhunde, und Anni war so gemein, alle Schuld auf mich schieben zu wollen, womit sie aber nicht durchkam.

Was die Jungen anbelangte, so teilte Osdorff unser Schicksal, er wurde mit Schimpf und Schande relegiert – trotz seiner zwei f'n. Boy Detlefs und Butenschön kamen mit einem Verweis davon, was ich nun sehr ungerecht fand, denn es lag doch kein anderer Milderungsgrund für ihr Verhalten vor, als daß sie ihren Affen besser zu tragen verstanden, wie der arme Osdorff. Einige böse Zungen behaupteten, der Direktor hätte gegen Boy nicht so hart sein dürfen, weil Frau Detlefs der Frau Direktor jeden Sonnabend drei Kopp Butter und ein Stieg Eier umsonst brachte. Ob's wahr ist, weiß ich nicht.

Die anderen Mädchen weinten Tag und Nacht, weil sie Furcht vor ihren Eltern hatten. Ich gar nicht. Ich wußte, daß Vater mir nichts tun würde. Nur vor Tante Friedas bösen Augen hatte ich ein bißchen Angst.

Vater holte mich am anderen Abend ab. Er war gar nicht böse und schimpfte nur auf Fräulein Lundberg, es sei von der ollen Schachtel eine Kleinlichkeit und Engherzigkeit über alle Maßen, einen solchen Kinderstreich gleich so schwarz anzustreichen, sagte er, und er freute sich, daß ich nun wieder nach Hause komme. Er hätte mich doch sehr entbehrt. Ich freute mich auch.

Zu Hause hatten sie die Türe bekränzt und ein Transparent »Willkommen« angebracht:. Ich war so gerührt, daß ich vor Freude weinte.

Im Hause hatte sich wenig verändert, nur daß statt der ollen Köchin eine Wirtschafterin im Hause war, eine ganz hübsche, aber sehr dicke Person. Fräulein Reinhard hieß sie. Als wir zu Abend gegessen und die Reinhard hinaus und Meinert wieder in der Apotheke war, setzte Vater sich zu mir aufs Sofa und unterhielt sich mit mir ganz vernünftig, wie mit einer erwachsenen Dame. Es sei ein Elend mit den Wirtschafterinnen, erzählte er mir, die Reinhard wäre nun die vierte in zwei Jahren. Er sei sehr froh, wenn ich mal erst so weit wäre und den Haushalt führen könnte, daß man das fremde Pack nicht mehr brauche. Dann nahm er meinen Kopf in seine linke Hand und sah mich lange an und strich mit der rechten Hand über meine schwarzen Zöpfe und sagte, ich sei hübsch geworden, bildhübsch, und wenn ich mal erwachsen wäre, täte er mit mir in Bäder reisen, damit ich Bekanntschaften mache; es wäre ein Jammer, wenn ich hier in dem Drecknest versauere und einen der dämlichen Philister heiraten müsse.

»Weißt du, wem du ähnlich siehst, Thymi?« sagte Vater. Ich schüttelte den Kopf.

»Der Mutter schlägst du nicht nach. Die hatte ein kleines, pusseliges Gesichtchen, aber eine Schönheit war sie nie. Von mir hast du die Schönheit auch nicht geerbt. Aber frage mal Tante Frieda nach dem Bild deiner Urgroßmutter Madame Claire Gotteball – es muß irgendwo in der Rumpelkammer bei ihr stehen – du wirst da verwandte Züge finden. Sie war eine Französin und muß eine pikante Schönheit gewesen sein. –

»Was ist das, eine ›pikante‹ Schönheit,« fragte ich. Vater lachte.

»Das kann ich dir nicht so bedeuten, Thymi. Eine ›pikante‹ Schönheit ist eine Schönheit, die den Männern gefällt. Nun weißt du es.«

Ja, nun wußte ich es, aber ich war nicht viel klüger dadurch geworden.

Von nun an ging alles seinen gewohnten Gang. Ich ging das letzte halbe Jahr bis zu meiner Konfirmation wieder bei Fräulein Vieterich in die Schule. Eines Tages hatte ich eine große Überraschung. Ich hatte eine Besorgung bei Tante Wiebke Henning zu machen und an der Ecke der Bismarckstraße begegnet mir – – Casimir Osdorff. Ich traute meinen Augen nicht, aber er war es, in Lebensgröße. Und es ging alles mit rechten Dingen zu. Er ist bei Doktor Bauer in Pension und soll dort zum Einjährigen gepreßt werden. Doktor Bauer war zurzeit Hauslehrer beim Grafen von und zu Ypsilon, der in Berlin ein großes Tier und Casimirs Vormund ist. Osdorff jammerte, daß er hier in G. mit noch »gemischteren Elementen« in Berührung käme als in T. Ich tröstete ihn, und wir verabredeten uns, öfter zusammen zu kommen. Ich habe hier seit meiner Rückkehr keine richtigen Freundinnen. Anni Meier ist nach Wandsbek und Lina Schütt nach Kiel in Pension gekommen. Da ist es doch ganz nett, daß ich wenigstens noch einen Freund habe, mit dem ich mal plaudern kann.

In dem letzten Jahre bis zu meiner Konfirmation passierte nichts Besonderes. Mit unserer Wirtschafterin stehe ich mich ganz gut, sie ist gefällig und freundlich. Wenn sie nur nicht so schrecklich gefräßig wäre! Ich kann die Menschen nicht leiden, die immer essen. Es ist unglaublich, was sie bei Tisch für Portionen verschlingt. In der Zwischenzeit schnuckert sie immer noch aus den Taschen. Unausstehlich!


* * *


Jeden Mittwoch und Sonnabend ging ich zur Konfirmationsstunde. Zuerst waren mir diese Stunden beim alten Pfarrer greulich, später ging ich gern hin.

Ich war bisher nicht fromm gewesen. Aber der alte Pfarrer hat eine merkwürdig innige Art, einem zu Herzen zu sprechen. Wenn die Stunden aus waren, um sechs, dämmerte es schon, und ich machte dann oft einen Umweg, um über das Gehörte nachzudenken. Es machte einen so tiefen Eindruck auf mich, von der Liebe zu hören, die alle Schuld auslischt und die gnädig alle Gebrechen und Sünden der Menschheit mit ihren sanften Fittichen zudeckt. Ich mußte dann immer an unser schimpfliches Abenteuer vom Grünen Baum und die schreckliche Heimfahrt mit den Viehmenschen denken. Wenn Vater in seiner großen Herzensgüte es auch als Kinderstreich hinstellt, – ich fühle doch, daß es etwas Häßliches war, und ich kann nicht den Gedanken los werden, daß Mutter mich damals gesehen hat und traurig über mich war. Ich besuchte in dieser Zeit auch wieder öfters Mutters Grab, und mir war jedesmal sehr fromm und traurig zumute. Ich nahm mir vor, auch nach meiner Einsegnung jeden Sonntag zur Kirche zu gehen und ein braver, guter Mensch zu werden. Der Pfarrer ist ein reizender alter Herr. Er hat so etwas Liebreiches, Sanftes, Natürlich-Menschliches, gar nichts Gesalbtes, und mir war es manchmal so, als ob er sich an mich immer mit besonderer Innigkeit wandte.

An meinem Konfirmationstag war die ganze Nordmarscher Verwandtschaft da. Sie kamen schon morgens, um mit zur Kirche zu gehen. Ich wurde beim Ankleiden ohnmächtig, ich glaube vor lauter Aufregung, aber ich kam bald wieder zu mir. Vater wollte mir ein Glas Kognak geben, aber ich konnte es nicht trinken. Seit jenem Abend im Grünen Baum habe ich einen entsetzlichen Widerwillen vor Spirituosen.

Es war eine herrliche Feier, der Herr Pfarrer sprach so wunderschöne Worte. Ich saß da wie im Traum, es war mir, als ob die Klänge der Orgel meine Seele aufhöben und sie zu einer anderen Welt emportrügen, und als ob ich da oben Mutter begegnete. Wie wir dann niederknieten und unter dem Geläut der Glocken unser Glaubensbekenntnis ablegten, schluchzte ich laut auf, so überwältigt war ich. Nachher bekamen wir jede unseren Bibelspruch. Der meine lautete: Unser Wandel aber sei im Himmel, von dannen wir warten unseres Heilandes Jesu Christi. – Die Orgel spielte weich und leise, während wir eingesegnet wurden. Nach Schluß der Feier gingen wir zum ersten heiligen Abendmahl. Ich war so tief bewegt wie nie zuvor in meinem Leben, und Vater standen auch Tränen in den Augen, als er mich nach der Feier umarmte und küßte. Dann drängte sich die ganze Sippe um mich herum und beglückwünschte mich, die Onkel und Tanten, die Vettern und Cousinen, ich kam mir wirklich sehr erhaben vor, als Mittelpunkt des ganzen Um und Dran.

Wir aßen im Saal, der nur bei besonderen Gelegenheiten benutzt wird, zu Mittag, und hatten für den Tag eine Kochfrau und einen Aufwärter. Bei Tisch hielt Onkel Lehnsmann eine Rede, in der er meinen Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt feierte. Sonst ging es sehr still während des Essens zu, fast wollte mir scheinen, ein wenig bedrückt, wie bei einer Leichenfeier. Die Reinhard ließ sich nur wenig blicken. Als wir aus der Kirche nach Hause kamen, sah sie ganz verweint aus, was ich darauf schob, daß sie auch gerührt war und ihr hoch anrechnete. Nach Tisch gingen die Herren ins Wohnzimmer, um zu rauchen, und die Frauen tranken in der besten Stube, wo mein Geschenktisch stand, Kaffee.

Ich hatte viele und hübsche Geschenke bekommen. Von Vater eine lange goldene Kette mit einer kleinen Uhr und einen Diamantring, von Tante Frieda einen Schmuck in altertümlicher Goldschmiedekunst, der ein Familienerbstück ist, dann noch zwei Armbänder, drei goldene Ringe, drei Broschen, einen Schmuck in Silberfiligranarbeit, viele Bücher, Blumen und Kleinigkeiten.

Wie ich anscheinend ganz vertieft an meinem Tisch stehe und in Geroks Palmblätter lese, höre ich, wie Tante Frieda und Tante Frauke miteinander tuscheln und fange auch glücklich ein paar Worte auf. »Ich wollte, daß Ludwig bald eine brave, tüchtige Frau bekäme,« sagte Tante Frieda, »es wäre ein wahrer Segen für ihn und für Thymi und für uns alle . . .« Tante Frauke, die ganz rot war, seufzte und sagte ». . . ja, es ist ein Skandal für die Familie . . . Meine arme Schwester würde sich im Grabe umdrehen, wenn sie wüßte – –«. Weiter verstand ich nichts. Ich kann mir nur denken, daß sie wieder mein Abenteuer in T. durchhechelten, denn sonst wüßte ich nicht, weshalb Mutter sich im Grabe umdrehen sollte. Schön finde ich es nun auch nicht gerade, daß das just an meinem Konfirmationstag wieder aufs Tapet gebracht werden mußte, und daß Tante Frieda Vater deshalb verkuppeln will, ist geradezu lachhaft. Gegen sechs Uhr fuhren die Verwandten weg und auch Tante Frieda empfahl sich.

Um halb sieben, als alle fort waren, kam Meinert und rief mich in die Apotheke.

»Da ist noch jemand, der dir gratulieren will, Thymi,« rief er und lachte.

Ich ging hinüber und fand Osdorff. Der arme Kerl, er hatte mir auch einen Strauß geschickt, den hungert er sich nun von seinem bißchen Taschengeld ab . . . Vater lud ihn ein, drüben ein Glas Wein mit uns zu trinken, nachher kam Meinert auch noch 'rüber und dann wurde es noch recht gemütlich.

Osdorff tut mir wirklich leid. Er ist wieder durchs Einjährigen-Examen gerasselt. Nun soll er es zum Herbst machen und dann noch ein Jahr bei Doktor Bauer bleiben. Was dann aus ihm wird, weiß er selbst noch nicht.

Nun sind schon fünf Wochen seit meiner Konfirmation verstrichen, und Tante Frauke brachte mir dies Buch zum Einschreiben. Ich bin neugierig, ob ich etwas erlebe, was sich des Einschreibens lohnt. Tante Frieda will partout, ich soll in die Pension, aber ich will nicht, und Vater steht zu mir . . .


* * *


Vor vierzehn Tagen schrieb ich das Letzte in mein Tagebuch, nun habe ich endlich mal wieder was zu schreiben. Viel besonderes ist es zwar nicht, aber in meinem ereignisarmen Leben muß ich jede Gelegenheit zum Schreiben benutzen, sonst wird das Buch ja mein Tag nicht voll.

Also Fräulein Reinhard ist fort. – Ich wußte gar nicht, daß sie weg will. Eines Vormittags komme ich in ihre Stube und sehe, daß sie dabei ist, ihre Siebensachen zu packen und dabei heult sie, daß sie kaum sprechen kann, als ich sie frage, warum sie denn so schnurstracks abreisen will. Ich krieg auch keine rechte Antwort; sie weint wie ein kleines Kind und schluchzt zum Gotterbarmen. Ich bin ein merkwürdiger Mensch in der Art: ich kann nicht gut jemand weinen sehen. Dann steigt's mir gleich wie ein Knäuel in den Hals und ehe ich michs versehe, heule ich mit. Da die Reinhard nun nichts mehr sagte, lief ich zu Vater, der im Wohnzimmer die Zeitung las und fragte ihn, warum die Reinhard fortgeht.

»Sie ist krank. Ich kann das ewige Stöhnen und Lamentieren nicht leiden,« sagte Vater.

»O,« sagte ich ganz verblüfft, »davon hab' ich noch gar nichts gemerkt. – Was fehlt ihr denn?«

»Laß mich in Ruhe mit deiner ewigen Fragerei,« rief Vater so unwirsch, wie ich ihn sonst gar nicht kenne, worauf ich in die Apotheke ging, denn darin bin ich auch komisch, ich muß immer den Dingen auf den Grund gehen, und die arme Kreatur, die Reinhard, tat mir furchtbar leid. Meinert mischte gerade ein Pulver, dabei darf man ihn nicht stören, ich setzte mich auf den Ladentisch und wartete, bis er fertig war.

»Wissen Sie, daß die Reinhard fortgeht?« frage ich.

»Ja,« sagte er.

»Was fehlt ihr?« frage ich.

»Sie leidet am Magen,« sagt er, und ich sehe deutlich, daß es unter seinem dünnen roten Schnurrbart zuckt, als ob er lachen möchte.

»Ach so,« sage ich, erleichtert, daß es nichts Schlimmes ist. »Das kommt jedenfalls von ihrem vielen Essen. Sie schnuckert ja den lieben langen Tag aus der Tasche.«

»Ganz recht, Thymi, es kommt vom Naschen,« ruft Meinert und platzt aus zu lachen. Und er lacht und lacht und hält sich den Bauch und kann nicht aufhören. »Merk dir das, Thymi,« schreit er, »man muß immer zu essen aufhören, wenn's am besten schmeckt. Sonst wird man magenkrank, wie Mamsell Reinhard.«

Ich ließ ihn lachen, denn ich ärgerte mich, und schlug die Tür hinter mir zu. Die arme Reinhard tat mir doch leid, wenn sie auch nur Magendrücken von der vielen Schokolade, die sie ißt, hat. Und lächerlich ist das auch nicht. Solche Magenschmerzen können furchtbar sein, ich hab' auch mal welche gehabt, als ich abends zuviel Gurkensalat gegessen hatte.

Nun ist Fräulein Reinhard fort und wir haben noch keine neue. Vater sucht eine im »Daheim«. Hoffentlich kriegen wir eine nette.


* * *


Wir haben eine sehr nette bekommen. Eine ganz reizende, liebe, nette, junge Person. Sie ist vierundzwanzig Jahre alt und eine Waise. In Naumburg an der Saale geboren. Sie heißt Elisabeth Woyens und ist sehr hübsch. Besonders ihr blondes Haar finde ich reizend. Es ist so lang, daß sie darauf sitzen kann, wenn es aufgelöst ist, gewöhnlich trägt sie es in zwei Zöpfen um den Kopf gesteckt. Und eine Taille hat sie – zum Umspannen dünn. Ich habe mich gleich mit ihr angefreundet. Nun ist es erst hübsch im Hause. Abends gehen wir beide, wenn schönes Wetter ist, immer spazieren, zuweilen auch nach dem Kirchhof, oder die Allee an der Stadt entlang. Wir haben mit Himbeerlimonade du und du getrunken und sie hat mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählt. Ihre Eltern hat sie verloren, als sie noch nicht sieben Jahre alt war; sie sind beide nacheinander am Typhus gestorben und Geschwister hat sie nicht. Dann ist sie bei einem Pastor erzogen, aber der hatte selber acht Kinder und konnte sie nicht länger behalten als wie Kostgeld für sie bezahlt wurde, und ihr kleines Kapital reichte nur aus bis zu ihrer Konfirmation und nachher noch ein Jahr fürs Kochenlernen in einer Haushaltungsschule; dann mußte sie gleich eine Stellung annehmen. Seitdem ist sie immer bei fremden Leuten in Stellung gewesen, und in den meisten Familien war sie nicht auf Rosen gebettet. Auch eine unglückliche Liebe hat sie gehabt, ganz romantisch ist das. Es war der Sohn einer alten Dame, bei der sie als Stütze engagiert war, und der damals, als sie sich kennen lernten, Theologie studierte und nur in den Ferien nach Hause kam. Als die alte Dame merkte, wie die beiden miteinander standen, mußte Elisabeth schleunigst aus dem Hause und dann kam sie zu einem Kolonialwarenhändler, wo kein Dienstmädchen war und sie alle Arbeit allein tun mußte. Aber sie und Johannes, so hieß der junge Mann, korrespondierten doch noch, und wenn er in den Ferien kam, trafen sie einander und wollten sich ganz sicher heiraten. Darüber verging Jahr um Jahr, Johannes machte sein Examen und bekam eine Vikarstelle, und Elisabeth dachte nun ganz gewiß, daß sie bald heiraten würden. Aber es kam anders. Seine Mutter starb, und es stellte sich heraus, daß sie gar kein Vermögen besaß, sondern nur ihre Pension und Verwandtenunterstützung gehabt hatte. An einem Tage, nachdem Johannes als Pastor einer kleinen Stadt in Westfalen gewählt war, schrieb er Elisabeth, daß sie einander nicht heiraten könnten, weil sie beide arm wären und man mit achthundert Talern keinen standesgemäßen Haushalt führen könnte. Die arme Elisabeth weinte sehr, wie sie mir das erzählte. Ich finde es merkwürdig, daß ein Pastor soviel aufs Geld gibt, ich dachte früher immer, solche Leute wären mit ihren Gedanken und Idealen stets im Himmel, aber es scheint doch, daß solch ein Geistlicher ein Mensch wie alle anderen ist, und manchmal, wie das Beispiel lehrt, nicht einmal einer von der besten Nummer. Denn das ist meiner Ansicht nach doch kein edler Charakterzug, ein junges Mädchen beinahe vier Jahre lang hinzuhalten und ihr dann die Karre vor die Tür zu schieben, weil sie kein Geld hat. Gott sei Dank hat Elisabeth es ziemlich überwunden, sie ist sehr munter und lustig.

Wenn wir abends spazieren gehen, gesellt Osdorff sich öfters zu uns. Elisabeth muß immer über ihn lachen, sie sagt, er kommt ihr zu ulkig vor mit seinem übergeschnappten Standesdünkel. Es ist wahr, es ist auch wirklich lächerlich, wie er sich immer hat, und ich glaube, Boy Detlefs hatte so unrecht nicht, als er ihn als halben Kretin hinstellte. Aber trotzdem seh ich ihn gern kommen. Vater hat nichts dagegen, daß er uns besucht. Manchmal ist er abends auch bei uns im Garten. Das habe ich noch nicht aufgeschrieben, daß wir einen sehr schönen, großen Garten haben, mit prachtvollen alten, dickstämmigen Birnbäumen, und sehr vielen Blumen, großem Rasen und einer reizenden, heimlichen Pfeifenkrautlaube. Casimir Osdorff hat Blumen auch gern, und wenn wir abends beim Gießen sind, vergißt er zuweilen seine gräfliche Würde und die zwei f'n soweit, daß er höchst eigenhändig Wasser pumpt und mit begießen hilft, so'n Spaß macht ihm das. Neulich war er ganz selig, da hatte er einen halb ausgegangenen Rosenbusch entdeckt, den er begoß und um den herum er die Erde auflockerte und nachher hat sich der Rosenstock wieder erholt. Osdorff sagt, er möchte wohl Gärtner sein, aber nur für sich, nicht für andere, denn das wäre natürlich mit seinem Stand unvereinbar, und dann entwickelte er wieder seine wunderlichen sozialen Ideen, und Vater und Elisabeth fragten ihn dies und jenes und so weiter und sahen einander an und lachten, und Osdorff redete sich immer mehr in Eifer und merkte gar nicht, daß wir ihn aufzogen.

An schönen Sommerabenden sitzen wir oft in der Laube. Wir haben eine Hängelampe drin, die aber schlecht brennt, so daß trotz ihres Lichts immer eine trauliche Halbdämmerung in dem grünen Bienenkorb herrscht. Vater und Elisabeth plaudern miteinander und ich sitze manchmal eine Stunde lang, mit um den Knien geschlungenen Händen, und vergesse alles und gehe ganz auf in der traumhaften Schönheit der tiefen, feierlichen Abendstille, die dann über dem Garten liegt. Wenn die Wolken so über den dunkelblauen Himmelsgrund und über die blitzgoldene Mondsichel gehen, nichts sich regt, die Bäume groß und dunkel und still dastehen und die Lilien wie weiße Altarkerzen durch den nebelhaften Dämmerungsschleier leuchten und ihr Duft so merkwürdig verwirrend und herzaufwühlend wie Weihrauch emporsteigt und die Luft erfüllt, steigt eine seltsame Traurigkeit über mich hin, ein zwiespältiges Empfinden von Sehnsucht und Wehmut. Ich muß dann wieder an Mutter denken, die hier auch einstmals saß und den Duft der Lilien einatmete und die Wolken ziehen sah, und die jetzt schon länger als drei Jahre tief unten in der kalten, schwarzen Kirchhoferde begraben liegt. Wie seltsam ist das, daß wir Menschen wie die Blumen leben und verwelken und zu Erde werden, wie die abgewehten Herbstblätter. Nur daß die Blumen immer wieder kommen und die Toten nie wiederkehren. In solchen Stunden ist mir das Herz schwer vor Sehnsucht nach etwas Unbekanntem, nach einem Glück, von dem ich nur einen vagen, umrißlosen Begriff habe, und zugleich geht wie ein Schatten eine Ahnung durch meine Seele, daß diese traumhaft stillen, duftgesättigten Sommerabende im Garten meines Vaterhauses einst wie ein verlorenes Paradies hinter mir liegen werden. Ich weiß gar nicht, wie das ist. Immer wenn ich so etwas Schönes, Stilles, Ruhiges auf mich einwirken lasse und mir im Grunde so recht wohl ums Herz ist, schwillt im selben Augenblick etwas so Trauriges, Wehmutvolles in mir an. Gestern abend auch. Da legt Elisabeth ihren Arm plötzlich um meinen Hals. »Wovon träumst du, Thymi?« fragte sie. Und als ich aufsah, bemerkte ich erst, daß wir allein waren.

»Ich träume vom Glück,« sagte ich. »Ich möchte so gern einmal, sehr, sehr glücklich werden. Sag mal, Elisabeth, was hältst du eigentlich für das größte Glück auf der Welt?«

»Ja, das kommt darauf an,« sagte sie. »Ich glaube, die Begriffe von Glück wechseln mit den Jahren. Als Kind war meine größte Sehnsucht eine Puppe, die Papa und Mama sagen konnte. Als ich verliebt war, hatte ich natürlich keinen sehnsüchtigeren Wunsch als bald zu heiraten. Und nun – – nun wäre ich vollauf zufrieden, wenn der liebe Gott mir ein eigenes Heim bescherte,« setzte sie träumerisch hinzu, »einen eigenen Herdwinkel, von dem mich niemand mehr verjagen kann . . . am allerliebsten möchte ich ein so ganz kleines, friedliches Heim wie Tante Frieda – –«

»So 'ne Altjungferkabuse?« rief ich erstaunt. »Herrgott, ich kann mir nicht denken, daß es ein Glück geben kann, wenn kein Mann dabei ist – –«

»Ja, wenn man so jung ist, wie du, meint man das,« sagte sie nachdenklich. »Aber wenn man älter wird, sieht man ein, daß die Männer einen auch nicht selig machen. Wenn heute ein Mann um mich anhielte, den ich nicht liebe, aber achte und der mir ein Heim bietet, dann würde ich nicht nein sagen. Aber noch lieber wäre es mir, wenn ich zum Beispiel in der Lotterie gewönne und mir dann ein Heim ohne einen ungeliebten Mann gründen könnte. Verstehst du, Thymi?«

»Vollkommen,« sagte ich, »und es ist ganz meine Ansicht. Ich werde auch nur einen Mann heiraten, den ich liebe, und das muß ein sehr idealer Mann sein, ein durchaus fehlerfreier Mensch –«

»Un Chevalier sans peur et sans reproche,« scherzte Elisabeth. »Vielleicht bin ich noch hier, wenn du Bräutigamschau hältst und dann helfe ich dir suchen.«

»Nein, den suche ich mir allein, Elisabeth,« sagte ich.


* * *


Tante Frieda kalfaktort nach wie vor in unserem Haushalt herum. Elisabeth war ihr von Anfang an zu jung für uns, und sie sagte ihr das schon am ersten Tage gerade vor den Kopf. »Ein junges, hübsches, alleinstehendes Mädchen sollte sich immer in den Schutz einer Familie begeben,« sagte sie in ihrer bissigen Weise. »Wissen Sie, Fräulein, daß das Haus eines unverheirateten Mannes ein heißer Boden für ein schutzloses Mädchen ist? Sehen Sie sich man vor, daß Sie nicht in Anfechtung kommen – – –«

Elisabeth war ganz erschrocken, aber ich beruhigte sie und sagte, sie sollte sich nichts dabei denken. Tante Frieda wäre ein bißchen verrückt. Nun scheint Tante Frieda sich allmählich an Elisabeth gewöhnt zu haben, denn sie ist sehr nett zu ihr und ladet sie oft zu sich ein, wie Elisabeth überhaupt bei allen Leuten, die sie kennen, sehr beliebt ist, auch bei unseren Verwandten. Wir beide werden auch hin und wieder zum Kaffee eingeladen. Vorgestern waren wir bei Tante Wiebke, der Frau Senator Henning, da war großer Kaffeeklatsch, zweiundzwanzig Damen; Elisabeth ging Tante beim Servieren zur Hand, und ich hörte, wie die älteren Damen sie sehr wohlwollend kritisierten.

»Eine reizende Person, so bescheiden –« sagte Frau Senator Jens. »Und so tüchtig und gebildet,« sagte Frau Doktor Henning, Tante Wiebkes Schwägerin, »sie spricht fließend französisch und spielt allerliebst Klavier und alle Handarbeit kann sie.« – »Sogar schneidern,« setzte Tante Frieda hinzu, »Thymians Bluse aus lauter Einsätzen und Spitzen hat sie ganz allein genäht –« »Ach, nicht möglich.« »Ich habe sie auch schon im stillen bewundert und dachte, sie wäre aus Hamburg.« »Nein, solche Perle.« »Ja, da hat mein Bruder in den Glückstopf gegriffen, als er die kriegte,« raunte und murmelte es von allen Seiten, und dann wurde die Bluse besehen und bewundert, und Elisabeth bekam auch noch ein paar laute Lobpreisungen ab.

Die Damen hatten alle eine Handarbeit mitgebracht, und wenn eine Pause im Gespräch eintrat, häkelten und strickten und stichelten sie drauf los, als ob der Deibel dahinter wäre. Kuchen gab es en masse, ich zählte vierundzwanzig Körbe mit verschiedenem Backwerk und nach dem Kaffee gab es Schokolade mit Windbeuteln und Schlagsahne, und ich habe bei einer Dame vier Tassen Kaffee und fünf Tassen Schokolade und sechs Windbeutel gezählt, die sie vertilgte, dazu unzählbares anderes Gebäck, wenn die kein Magendrücken gekriegt hat, weiß ich es nicht. Geklatscht wird gar nicht, denn es hat vor Jahren hier mal eine eklige Geschichte gegeben. Da hatten sie eine Frau, die angeblich ihren Mann hinterging, heruntergehobelt und nichts davon gewußt, daß eine, die dabei war, mit der betreffenden bekannt war. Die hat es der Beklatschten nachher wiedererzählt und diese hat alle Damen, die über sie gesprochen haben, beim Schiedsmann verklagt. Da hat es Heulen und Zähneklappern gegeben, und seitdem wird über niemand mehr geschimpft beim Kaffeeklatsch. Allerlei Tagesneuigkeiten wurden durchgehechelt. Vor allem die Geschichte vom alten Hinze. Das war ein alter Schuster von siebzig Jahren, der unten am Tiefschiff wohnt, und niemals einer Fliege etwas zuleide getan hat. Von seiner Stallmauer war ein kleines Stück abgebröckelt, und da sie eben dabei sind, ein neues Posthaus hinter seinem Garten zu bauen, und dort Tausende von Ziegelsteinen liegen, dachte er sich nichts dabei und holte sich ein paar zur Reparatur und dachte nicht daran, daß die Steine dem Fiskus gehören. Irgend ein Lumpenhund von Aufseher zeigte es an, und vorige Woche wurde der arme alte Mann wegen Diebstahl zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Er wäre gewiß nicht zu sitzen gekommen, der Kaiser hätte ihn sicher begnadigt. Aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen, und hing sich abends in seiner Werkstatt auf; als sie ihn andern Morgens fanden, war er schon tot. Es ist furchtbar traurig, daß so etwas passieren kann. Mich dünkt, es müsse noch ein besonderer Gesetzesparagraph gemacht werden, der doch einen Unterschied zwischen Nehmen und Stehlen setzt, denn das war doch nur genommen und nicht gestohlen. Sehr feinfühlig scheinen die Leute, die die Gesetze schreiben, nicht zu sein, sonst würden sie solchen Fall wie diesen in Betracht gezogen haben, und dann lebte der alte brave Schuster Hinze heute noch.


* * *


Wenn man hinter der Portiere in der besten Stube sitzt, kann man alles hören, was im Wohnzimmer, und wenn man in diesem am Guckfenster steht, kann man alles hören, was in der besten Stube gesprochen wird. Seit ein paar Tagen hab' ich das heraus. Ich wollte mir aus der besten Stube ein Buch holen und hörte nebenan Tante Frieda mit Vater plaudern. Für gewöhnlich hypnotisiert, mich Tante Friedas holde Stimme nicht besonders, aber ich fing ein paar Brocken auf, die mich interessierten, und da horchte ich.

»Ich weiß nicht, was du willst,« sagte Tante Frieda, »sie ist ein braves, tüchtiges Mädchen aus anständiger Familie mit tadelloser Vergangenheit und Thymi ist ihr auch sehr zugetan. Es ist das allerbeste, du heiratest sie, dann ist dir geholfen, und Thymi hat dann auch Anhalt und alle Schwätzerei hat ein Ende . . .«

»Aha,« dachte ich, »Vater soll Elisabeth heiraten. Na, meinswegen. Wenn sie ihn will.« – Dann sprach Vater: Er dächte gar nicht daran, noch mal zu heiraten, er hätte gerade genug gehabt von der Ehekrüppelei all die Jahre mit der siechen Frau. Außerdem sei sie ihm auch zu jung. Da könnte er gewärtig sein, daß ihm noch ein halbes Dutzend Kinder ins Haus geschneit kämen. Das könnte er schon mir gegenüber nicht verantworten. Und wenn er schon überhaupt noch mal heirate – vielleicht in späteren Jahren, wenn ich versorgt sei, eine ältere –, käme nur eine sehr vermögende Frau in Betracht. Die Apotheke sei zu stark belastet. Soweit hörte ich. Nachher interessierte mich das Gespräch nicht mehr.

Ich machte mir meine eigenen Gedanken über das Gehörte und freute mich königlich, daß ich mehr weiß als sie denken. Übrigens dünkt mich Tante Friedas Idee gar nicht mal so übel. Elisabeth wünscht sich nichts anderes, als ein eigenes Heim. Das können wir ihr bieten. Und dann haben wir sie fest, so müssen wir uns fürchten, daß sie uns mal weggeht. Ich habe mirs vorgenommen, Vaters Bedenken zu zerstreuen und ein bißchen die Vorsehung zu spielen. Wenn sie wirklich noch ein halbes Dutzend Kinder kriegten, sehe ich doch nicht ein, was mich das angeht. Zu hüten werde ich sie wohl nicht brauchen und im übrigen habe ich kleine Kinder furchtbar gern. Ich will aber doch lieber noch nichts verlauten lassen und nur heimlich beobachten und Schutzengel spielen. Ach ja, das ist reizend, ich will sie beide glücklich machen. Ich habe sie beide so schrecklich lieb, und es würde uns gar nicht schwer fallen, zu Elisabeth Mama zu sagen. Aber auch nur Mama – denn eine Mutter hat man nur einmal. Und die meine ist beim lieben Gott – – –


* * *


Ein paarmal habe ich einen Anlauf genommen, Vater ein wenig Mut zu machen und ihm zu sagen, er soll nur sein Heil bei Elisabeth versuchen und ich hätte gar nichts dagegen einzuwenden, wenn er sie heiratet. Doch ich kam nie dazu, ich genierte mich immer ein bißchen. Im stillen beobachtete ich die beiden jeden Tag, und es scheint mir fast, als bändle sich doch allmählich zwischen ihnen etwas an. Elisabeth hat ihre Frisur geändert, sie trägt das schwere blonde Haar nicht mehr hochgesteckt, sondern in einem tiefen Knoten im Nacken, was ihr entzückend steht und sie viel jünger macht. Ich bemerke oft, daß Vater sie ganz sonderbar ansieht, seine Augen flimmern dann so komisch und auf seinen Wangen stehen zwei brennende Flecken, und Elisabeth wird dann jedesmal auch glühend rot. Ich glaube, so fängt die Liebe an. Es ist mir wirklich sehr interessant, das zu beobachten, und ich will alles genau aufschreiben, damit ich weiß, wie's gemacht wird, wenn ich mal selbst verliebt bin. Es wäre auch zu komisch, wenn Vater sich nicht in sie verschösse, wo sie doch so reizend und ich selber ganz weg von ihr bin. Elisabeth brauchte doch auch nicht so furchtbar schüchtern zu sein, manchmal kommt es mir so vor, als ob sie sich wahrhaftig ein wenig vor Vater fürchtet. In der letzten Zeit ist mir das besonders aufgefallen; das ist drollig! Sie ist doch schon vierundzwanzig Jahre alt. Ich neckte sie einmal damit; da wurde sie ganz rot und dann ganz böse, das heißt, was bei ihr böse ist. Zum ordentlich Wütendwerden ist sie ja viel zu sanft. Ganz sicher ist es, daß sie jedes Alleinsein mit Vater vermeidet. Wie dumm! Er muß sich doch aussprechen! Vor acht Tagen wachte ich von einem Geräusch auf. Wie ich aufsehe, steht eine weiße Gestalt vor meinem Bett, ich wollte schreien, dann aber merkte ich, daß Elisabeth es ist. Sie zitterte am ganzen Körper und konnte kaum sprechen, »Darf ich die Nacht bei dir bleiben, Thymi?« fragte sie. Ach und wie gern! Mit beiden Armen hab' ich sie in mein Bett gezogen. »Was hast du denn, Mutzi?« sagte ich, denn sie zitterte noch immer wie Espenlaub. »Ich fürchte mich drüben,« sagt sie, »es ist so unheimlich! Mir war's grad so, als ob jemand in meinem Zimmer wär'.« Ich küßte sie und schmiegte mich fest an sie, es war so mollig, sie bei mir zu haben, und nebenbei kam ich mir sehr wichtig vor, daß meine zukünftige Mama bei mir Schutz suchte.

Am andern Tag kam eine Einladung von Onkel Dirk für Vater und mich, und ich soll ein paar Tage dableiben. Als Vater den Brief vorlas, sah Elisabeth plötzlich sehr unglücklich aus. »Dann bleibe ich nicht bei euch,« sagte sie, »ich suche mir eine andere Stellung.« Na, das finde ich nun gerade nicht schön, einem gleich so vor die Füße zu springen. Ich sagte ihr das auch. »Komm doch mit, wenn du nicht ohne mich hier sein magst,« sagte ich. Zu Onkel Dirks Geburtstag bin ich nämlich jedes Jahr draußen. Da wischte sie sich die Tränen aus den Augen und sagte, sie will dann mitgehen, wenn Vater es erlaubt, und so ist sie denn am Mittwoch vor acht Tagen mit uns hinausgefahren. Onkel Dirk holte uns mit seinem Wagen ab.

Ich bin sehr gern mal eine Woche draußen. Unser Land hat ja weiter keine großen Schönheiten, keine Berge, keine Wälder, aber es hat doch seinen besonderen Reiz! Die Höfe liegen wie große Bauminseln im grünen Land und wenn die Abendnebel in weißen, schaumigen Wolken über die Fennen ziehen, sehen sie wie richtige Inseln in einem weiten, wallenden, brodelnden Wasser aus. Abends liegt auch so ein tiefer, satter Frieden über der Landschaft. Wenn die untergehende Sonne rot und rund am Horizont steht, und die Nebel aufsteigen wie Schleier, und sie einhüllen und hier und da ein verschlafenes Rind aufbrüllt oder ein Pferd wiehert, und alles so weit und still daliegt ringsum, habe ich dieselbe Empfindung wie Sommerabends in unserem Garten.

Auf Onkel Dirks Geburtstag ging es nun eben nicht still zu. Die halbe Marsch war zusammengetrommelt. Vor kurzem ist Onkel Dirk in den Landtag gewählt, und deshalb kamen noch mehr Menschen als sonst zum Gratulieren. Es wurde sehr viel Rumpunsch getrunken, ich habe aber nichts getrunken, ich hab noch immer einen merkwürdigen Abscheu gegen das süße, starke Zeug; und viele Reden wurden geschwungen. Nachher wurde im Pesel auch noch getanzt, und Vater tanzte einen Walzer mit Tante Trina, Dirk Thomsens Frau, dann einen Galopp mit Tante Frauke und dann einen Walzer mit Elisabeth. Nachher sah ich, daß Elisabeth mich suchte, aber ich versteckte mich, warum weiß ich nicht. Es war sehr heiß im Pesel, trotzdem es schon Anfang Oktober ist. Ich sah, daß Elisabeth hinausging und bemerkte, daß Vater ihr nachging. Da lief ich durch die Wohnstube von hinten herum hinter beiden her. Elisabeth ging durch die Haustür in den Garten und Vater hinterher, und ich über die Stachelbeerbüsche, die den Weg einsäumen, wieder Vater nach. »Nun geht's los,« dachte ich, und freute mich auf die Liebeserklärung, die ich anhören wollte.

Leider konnte ich, ohne gesehen zu werden, nicht ganz mitgehen, sie standen immerhin einige Schritte von mir ab, und Vater redete so leise auf Elisabeth ein, daß ich nichts verstehen konnte. Elisabeth rief nur »Herr Gotteball!« Es klang fast drohend wie ein Hilfeschrei und dann noch mal energischer: »Herr Gotteball!« Und dann sah es aus, als ob sie sich losriß und wie der Sturm den Gartenweg hinauf ins Haus und Vater langsam hinterdrein. Ich war sehr enttäuscht und sehr ungehalten auf Elisabeth, die mit ihrer Schafigkeit alles verdorben hatte. Ich konnte mir nicht helfen, als wir allein nachher in unserm Schlafzimmer waren, sagte ich ihr meine Meinung und fragte sie, ob Vater ihr vielleicht nicht gut genug sei und mich dünkte, wir böten ihr doch ein ganz hübsches Heim. Da küßte sie mich und sie war ganz blaß und aufgeregt, merkte ich. »Ach Kind – was weißt du –,« sagte sie, »dein Vater denkt nicht daran, mich zu heiraten.« »Doch,« sagte ich, »ich hab's ja selber gehört, daß er es zu Tante Frieda sagte.« Da stutzte sie. »Wirklich?« »Ja, wirklich,« sagte ich, und dachte erst nachher daran, daß es eigentlich gelogen war. Ach was – das kommt ja später alles von selbst. Die Hauptsache ist, daß sie einander lieben.

Am nächsten Morgen fuhr Vater wieder nach Haus und an dem folgenden Tag telegraphiert Vater, Elisabeth möchte kommen, weil das Mädchen erkrankt war und sie niemand hatten, der ihnen Essen kochte. Elisabeth hätte gern gesehen, wenn ich mit heimgefahren wäre, aber ich wollte nicht, weil wir den Nachmittag zu Pohns sollten, was immer ein Hauptulk ist. Deshalb mußte Onkel Dirk sie allein zurückfahren.

Die Pohns sind nämlich zu spaßige Menschen. Sie haben Geld wie Heu und keine Kinder und sind dabei so furchtbar geizig.

Sie schlafen keine Nacht zusammen wie andere Eheleute, nein, Gott bewahre, die erste Hälfte von der Nacht schläft Onkel, und Tante sitzt im Wohnzimmer, wo der Geldschrank steht, und die zweite Hälfte von der Nacht schläft Tante, und dann wacht Onkel, denn sie sind so schrecklich bange vor Einbrechern. Die andere Nacht geht's umgekehrt, und so alle Nächte, die ganzen Jahre. Im höchsten Sommer essen sie Schmalz auf Brot und verkaufen die Butter. Ich war einmal in den Hundstagen da, da gab es Specksuppe, das heißt eine wässerige, salzige Brühe und geilfetter Speck dazu, weil das am besten »vorsteht«. Abends hatten sie zur Feier des Tages ein Stück trockenen Hofkäse auf dem Tisch, und als ein Nachbar hereinkam, versteckte Tante den Käse unter ihrer Schürze, damit der Mann nicht sehen sollte, wie üppig sie lebten. Es ist zum Schießen. Als Onkel vor einigen Jahren im Flensburger Krankenhaus operiert wurde und Tante ihn besuchte, ist sie spät abends im strömenden Regen den weiten unbekannten Weg vom Bahnhof dahin zu Fuß getappst, weil ihr der Groschen für die Pferdebahn zu schade war. Darüber ließen sich lustige Bücher schreiben.

Einmal kamen wir um die Schlachtzeit unverhofft dort an, als Mutter noch lebte; sie hockten bis an den Hals in frischem Fleisch, denn sie hatten zwei Ochsen und ein Schwein geschlachtet: aber wer meint, daß wir einen frischen Braten aufgetischt gekriegt hätten, der schneidet sich, Gott behüte! Ein Stück brandsalziges überjähriges Pökelfleisch wurde gekocht und uns serviert, dazu knüppelhartes Schwarzbrot und bittere Butter. Tante sagte mal: »Andere Leute fressen alles auf und hängen alles am Staat, aber wir sind für das Bare. Immer sünig an der Tuhn lang, aber einen ordentlichen Schapp voll Geld, das ist das Wahre.«

Mein Vetter Jakob Thomsen fuhr mich und unseren Vetter Lude Levsen hinaus, Pohns wußten nicht, daß wir kamen, und Tante war zur Stadt mit ihrem Gebiß, an dem etwas kaput war. Onkel Lehnsmann rieb sich die Hände und sagte: »Aber Kinner, Kinner! Ihr hättet uns doch eine kleine Hand schreiben können. Nun weiß ich nicht, womit ich euch bewirten soll, denn Tante hat den Speisekammerschlüssel mitgenommen.« Ich platzte beinahe vor Lachen, aber Jakob hielt sich ernst und sagte: »Vielleicht paßt ein anderer Schlüssel in die Speisekammer, ich hab' meinen Schlüsselbund von zu Hause zufällig in der Tasche.« »Ach nein! Ach nein!« sagte Onkel beklommen. Nachher gingen Onkel und Lude und ich in den Appelgarten. Da es kein reichliches Obstjahr ist, hing nicht viel auf den Bäumen, nur ein mittelgroßer Birnbaum hatte ziemlich viel auf, handgroße Kerle, aber Onkel suchte unsere Aufmerksamkeit davon abzulenken und sagte, es wären Maulzieher, aber ich glaubte ihm nicht und pflückte eine ab und biß hinein. – Onkel zuckte ordentlich zusammen vor Schreck! – Ach, und es war eine so kostbare Frucht, zuckersüß und saftig und wie Lude Levsen das hörte, riß er eine ganze Masse ab und steckte mir und sich die Taschen voll.

»Ach Gott, ach Gott,« jammerte Onkel, »was soll Tante sagen, die Birnen sollten ja Dienstag zu Markt und verkauft werden!«

»Erst wir und dann andere,« sagte Lude und wir putzten was das Zeug hielt drauf los, und ein paar Gravensteiner Äpfel erwischten wir auch noch.

Unterdessen war Jakob an der Speisekammertür gewesen, und – der Kuckuck mag wissen wie – aber es war ihm geglückt, sie aufzuschließen. Nachher kam jemand und wollte den Lehnsmann sprechen, und da liefen wir alle drei in die Speisekammer, die Töpfe und Kruken zu untersuchen. Zuerst fielen uns zwei Gläser mit eingemachten Quitten und Hagebutten in die Hände. Sie waren nach meinem Geschmack zu sauer, Jakob ist sonst kein Freund von solchen Sachen und Lude ißt eigentlich niemals Kompott, aber aus Ulk aßen wir, was wir konnten, so daß nur noch in jedem Glas ein paar drin blieben. Sonst war nicht viel Leckeres zu holen, erst ganz zu allerletzt entdeckten wir einen Topf mit saurem Aal, der wurde im Triumph ausgesponnen und in eine Assiette geleert und hineingetragen. Als Onkel das sah, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und fing laut an zu lamentieren:

»Kinner, Kinner! Was soll Tante sagen! Die ganzen Aale, die der alte Inger Peters mir als Präsent gebracht hat. Tante hat sie eingekocht und sie so sünig1 aufgehoben für besondere Fälle, wenn mal Krankheit kommt oder so was –«

»Ach was,« sagten wir und futterten drauf los, und als Onkel sah, daß wir nicht geneigt waren, etwas übrig zu lassen, holte er sich rasch auch Messer und Gabel und haute mit hinein.

»Der Aal will schwimmen, Onkel,« sagte Jakob, »hast du nicht ein Glas Wein im Keller?«

»Tante hat die Schlüssel,« sagte Onkel.

Da stand Jakob auf, ging hinaus und schickte den Knecht ins Dorf und ließ zwei Flaschen Wein holen, auf Onkel Lehnsmanns Rechnung und als wir die aushatten, machten wir rasch, daß wir wegkamen, denn wären wir von Tante Frauke überrumpelt worden, hätte es Spektakel gegeben. Es war ein ulkiger Nachmittag. Ich habe Tränen gelacht.


* * *


Ich bin lange nicht mehr zum Einschreiben gekommen. Hier passiert ja auch so wenig. Ich fürchte, mit der Heiraterei von Vater und Elisabeth wird es nichts; ich will mich auch nicht mehr darum bekümmern, wenn sie ihn nicht will, soll sie's bleiben lassen. Ich glaube, er will sie auch nicht, manchmal kommt es mir vor, als ob er sie nicht einmal recht leiden kann.

Elisabeth ist manchmal sehr still und gedrückt. Ich glaube, sie trauert doch noch immer ein bißchen ihrem ungetreuen Pastor nach. Sie ist auch so sehr blaß, will es aber nicht wissen. Wenn ich sie frage, ob ihr etwas fehlt, wird sie rot und sagt: »Nein, nein.« Gelungen ist das mit ihr. Zu Weihnachten hat sie mir einen entzückenden Schlafrock aus rosa Flanell mit einer kleinen Schleppe gemacht, und mein braunes Samtkleid, das nach ihrer Angabe gearbeitet ist, erregt auf der Eisbahn allgemeines Aufsehen. Sie hat riesig viel Schick und Geschmack. Sie läuft auch sehr gut Schlittschuh, und der neue junge Doktor, der jetzt hier wohnt, macht sich gern an sie heran, vielleicht kriegt sie den. Es wäre schade, wenn wir sie verlören, aber ich gönne ihr doch, daß sie glücklich wird.

Osdorff ist auch immer auf der Eisbahn und läuft viel mit ihr. Mich dünkt, er wird immer dümmer, trotzdem er sein Einjährigenzeugnis jetzt mit knapper Not erlangt hat. Es wird auch Zeit; im April wird er einundzwanzig. –

Osdorff mag so schrecklich gern frisieren und hat auch riesig viel Geschick dazu. Ich kann ihm keine größere Freude machen, als wenn ich ihm erlaube, mich zu frisieren. Dann kämmt und bürstet, brennt und toupiert er mein langes schwarzes Haar und macht die kunstvollsten Frisuren. Bald scheitelt er es und kämmt es tief über die Ohren und macht eine Nackenhaarschlinge, bald stellt er es hoch, er macht wirklich großartige Frisuren. Elisabeth hat er auch lange gequält, sie frisieren zu dürfen, und weil ich mitbettelte, hat sie einmal nachgegeben. Da hat er ihr das helle Haar wie eine Krone aufgesteckt, aber direkt wie eine Krone, sie sah ordentlich königlich damit aus.

Osdorff verkehrt jetzt auch in hiesigen Familien, sie sind arg hinter ihm her, weil er ein Graf ist. Sie kennen alle seine Liebhaberei und zum Harmonieball sind eine ganze Masse Damen zu Konrad Lütte gegangen, wo Osdorff eingeladen war, und haben sich von ihm frisieren lassen. Er soll seine Sache so gut gemacht haben, wie ein Pariser Friseur. Die Damen waren voll Lob für ihn und nannten ihn ein Genie. Darüber muß ich lachen – der arme Osdorff und ein Genie – daß sich Gott erbarme!


* * *


Vorige Woche ist Osdorff zur Stellung gewesen und zum Militärdienst untauglich befunden. Er war einfach selig und sagte, es täte ihm nur leid, daß er so zu dem verfluchten Examen gebüffelt hätte. Er soll nur noch ein Jahr hierbleiben und dann als Volontär auf ein Gut und Landwirtschaft studieren. Das ist auch was für das Faultier. Lieber sollten sie ihn einem Friseur in die Lehre geben, das ist das einzige, wozu er Lust und Talent hat. Aber natürlich, ein Osdorff mit zwei f'n! . . .

Hier im Hause ist nicht alles, wie es sein soll. Es scheint mir wirklich so, als ob Vater Elisabeth nicht recht ausstehen kann, und sie grämt sich darüber, wahrscheinlich, weil sie denkt, daß er ihr kündigt, was sie aber nicht zu befürchten braucht, solange ich noch da bin. Vater tut ja doch alles, was ich will. Ich weiß nicht, was er an Elisabeth auszusetzen findet. Zuerst machte er ihr doch immer so verliebte Augen.

Vor einigen Tagen kam ich mittags in ihr Zimmerchen, da lag sie langenwegs in ihrem Bett und weinte . . . schluchzte – – Ich weiß nicht, wie das war, aber mir war die Brust plötzlich wie zugeschnürt, eine entsetzliche Angst kam über mich.

»Elisabeth,« sagte ich leise und strich über ihr Haar. Da sah sie mich mit ihren nassen Augen so seltsam an, ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll. Mein Herz zitterte, und die Tränen schossen mir in die Augen. »Was ist dir, Elisabeth?« sagte ich. »Ich habe solche Angst,« sagte sie – – »Wovor?« »Ich weiß nicht,« sagte sie und drückte beide Hände gegen die Brust. »Eine so schreckliche, entsetzliche Angst« . . . Ich suchte sie zu beruhigen, aber mir war selbst schwül zumute. Ich glaube, Elisabeth ist nicht gesund. Irgend etwas steckt ihr in den Gliedern, vielleicht ein Nervenfieber. Sie sieht furchtbar miserabel aus.


* * *


Beinahe drei Monate sind vergangen, seitdem ich zuletzt einschrieb. Ich wollte es schon viel früher tun, aber ich konnte nicht, es war mir nicht möglich, meine Gedanken zu fassen. Etwas Furchtbares, Entsetzliches ist über uns gekommen. Ich weiß nicht, wie mir ist; ich gehe manchmal wie in einem Traume umher und weiß nicht, ob ich lebe oder schlafe, und dann wieder ist mir, als sei ich plötzlich viele Jahre älter geworden. Während ich hier sitze und schreibe, steigt mir wieder das Wasser in die Augen und meine Wangen brennen, und ich schäme mich und bin traurig bis ins Herz – – Alles kann ich nicht niederschreiben, aber ich will versuchen, meine Gedanken zu sammeln und wenigstens das wichtigste festzuhalten.

Wie ich das letzte Mal einschrieb, war es mir schon aufgefallen, daß Elisabeth immer sehr verstimmt schien und recht schlecht aussah. Manchmal gelang es mir, sie aufzuheitern, aber nachher wurde sie dann immer desto stiller.

An Mutters Todestag, am 21. Mai, gingen wir abends mit Kränzen und Blumen auf den Kirchhof, das heißt, Elisabeth und ich. Es war ein schöner, stiller Abend. Die Narzissen rochen wieder so intensiv, und der Himmel stand hoch und hellblau, von feinen, dunstgrauen Wolken wie mit einem leichten Hauch umzogen über uns. Elisabeth setzte sich auf die kleine Bank hinter dem Grabkreuz, und ich ordnete die Blumen. Ich gehe nicht mehr so oft auf den Kirchhof, aber jedesmal, wenn ich an Mutters Grab stehe, kommt doch noch immer ein wehes Gefühl in mir auf, auch an jenem Tage.

»Ist es nicht schrecklich, so jung sterben zu müssen, Elisabeth?« sagte ich. »Mutter war erst einunddreißig Jahre alt, ich denke es mir fürchterlich, so früh sterben zu müssen. . . .«

Elisabeth hielt die Hände im Schoß gefaltet und lehnte den Kopf an das schwarze Marmorkreuz und sah nach oben. »Gar nicht fürchterlich ist das,« sagte sie. »Im Gegenteil, die Toten soll man beneiden, nicht betrauern. Da unten in der kühlen Erde liegt sich's gut. Wer es erst so weit gebracht hat – nur der Sprung hinunter ist schwer – aber auch das wird überwunden – – Nur die Zähne zusammengebissen und die Augen zu –«

»Was redest du da, Elisabeth?« fragte ich erstaunt. Da fuhr sie zusammen, als hätte ich sie aus dem Schlaf geweckt. »Nichts –,« sagte sie verstört und stand auf.

Genau acht Tage später sagte Elisabeth nach dem Vesperkaffee, daß sie einen Sprung zu Tante Frieda gehe; ich las gerade einen sehr spannenden Roman aus dem Englischen und mochte nicht gleich mitgehen.

»Ich komme nachher nach,« sagte ich. »Adieu, kleine Thymian,« sagte sie und gab mir ihre Hand, und es fiel mir auf, daß sie eiskalt war. Dann küßte sie mich rasch und ging hinaus. Ich sah ihr nach, wie sie über den Marktplatz ging, der schwarze Tüllhut mit den La France-Rosen und das kleine schwarze Tuchbolero standen ihr so entzückend, und ich freute mich noch darüber, wie elegant sie immer aussieht in ihren einfachen Sachen. An der Itzstraßenecke begegnete ihr der Doktor Möller, der deckelte tief und sah ihr nach. »Haha,« dachte ich bei mir, denn ich meinte sicher, daß sich mit den beiden was anspinnte, wo er ihr immer auf der Eisbahn diesen Winter schon den Hof machte.

Um halb acht machte ich mich auf den Weg zu Tante Frieda, erfuhr dort aber zu meiner Verwunderung, daß Elisabeth da überhaupt nicht gewesen war, ich wußte mir keinen rechten Reim darauf zu machen, denn es war nicht Elisabeths Mode, daß sie mich belog. Anstandshalber hielt ich mich ein halbes Stündchen bei Tante Frieda auf und segelte dann weiter. Weil es ein prachtvoller, warmer Abend war, bummelte ich noch ein bißchen durch die Anlagen und setzte mich ein paar Minuten auf eine Bank nieder.

Wie ich da sitze, kommt der Polizist Hahnhaus in voller Karriere daher, sieht mich, stutzt und kommt auf mich zu.

»Ach, Fräulein Gotteball,« sagte er, »unten an der Schleuse ist ein Unglück passiert. Da hat sich eine Frauensperson ertränkt und der Nachtwächter Hinz, der sie aufgefischt hat, meint, es wäre Ihre Haushälterin. Sie müssen sie ja kennen, wollen Sie rasch mal mit die paar Schritte hinuntergehen, vielleicht rekognoszieren Sie sie.« Ich sagte gar nichts, der Mund war mir wie zugestopft, aber wie ich mechanisch hinter Hahnhaus herlief, hatte ich gar kein Wirklichkeitsgefühl, es ist mir nur so gewesen, als ob ich träumte und nichts hat mir so fern gelegen, als der Gedanke, es könne sich wirklich um Elisabeth handeln. Unten an der Schleuse standen aber fünf Menschen und ein dunkler langer Körper lag auf der Erde und daneben kniete Doktor Möller, den ich vorher über den Marktplatz hatte gehen sehen. Ich lief rasch hinunter. Den Augenblick, den ich dann durchlebte, kann ich nicht beschreiben. Es war Elisabeth . . . Ich kannte sie an ihren Kleidern, die wie ein nasses Tuch um ihre Glieder klebten; ihr Gesicht hätte ich vielleicht nicht erkannt, es sah entsetzlich aus, grünschmutzig, die Augen starr aufgerissen, wie versteinert im Todeskampf, die Züge verzerrt, der Mund offen. Das aufgelöste Haar hing in langen, nassen, klumpigen Strähnen über ihre Schultern; nie in meinem Leben vergesse ich den Anblick! Ich konnte gar nichts sagen, meine Knie schütterten, ich schrie laut auf und sah und hörte nichts mehr.

Wie aus weiter Ferne hörte ich eine bekannte Stimme als ich wieder zur Besinnung kam.

»Bringen Sie sie meinethalben ins Armenhaus. Keinesfalls kann man Herrn Gotteball zumuten, die Leiche bis zur Beerdigung im Haus zu behalten.« –

Sie sprengten mir Wasser ins Gesicht, aber ich glitt wieder in meine Bewußtlosigkeit zurück, und als ich zu mir kam, konnte ich mich erst gar nicht besinnen, was geschehen war. Die Tote lag noch auf demselben Fleck, aber die Polizei hatte Mühe, die Leute fern zu halten, die herbeikamen, denn die Kunde von dem Ereignis hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Doktor Möller half mir aufstehen.

»Herrgott, war das eine Ohnmacht,« sagte er und dann faßte Meinert mich unter, um mich nach Hause zu bringen. Da kam mir erst wieder das Bewußtsein.

»Elisabeth soll nicht ins Armenhaus, sie gehört zu uns,« schrie ich. Aber sie hörten nicht auf mich und Meinert zog mich mit fort. – Die ganze Stadt war in Aufruhr, vor allen Türen standen Leute und an den Straßenecken Gruppen von Menschen, und Meinert drückte meinen Arm und sagte, ich solle nicht heulen und Aufsehen machen, es gäbe ohnehin genug Getratsch.

Ich kann nicht viel mehr darüber schreiben. Die Erinnerung regt mich noch so entsetzlich auf, daß meine Hände beim Schreiben zittern. Vater war kreideweiß bis in die Lippen.

»Grauenhaft, grauenhaft,« sagte er einmal über das andere.

Ich riegelte mich in meiner Stube ein und warf mich aufs Bett und weinte. Aber bei alledem war's mir noch immer so, als sei das alles nicht in Wahrheit passiert, als würde Elisabeth im nächsten Augenblick bei uns eintreten und sich an mein Bett setzen und als würde dann alles gut sein. Nach einer Weile wurde die Tür aufgemacht und Vater kam herein, im Paletot, und er sagte, er wollte mir rasch Adieu sagen, er hätte eine Depesche bekommen und er müsse geschäftlich ein paar Tage nach Hamburg. Er hatte es sehr eilig und ich war auch nicht zum Sprechen aufgelegt. Nachher ging ich noch runter. Im Eßzimmer stand der Abendbrottisch, aber nur Meinert und der Lehrling hatten gegessen, die übrigen drei Gedecke lagen unberührt – auch für Elisabeth war noch mit gedeckt. – –

Ich wußte vor Angst und Pein nicht, was ich machen sollte. Lief ins Wohnzimmer ans Fenster und sah, daß der Marktplatz voller Menschen war. Einige standen vor unserem Haus und gafften hinauf, und jemand stieß Schimpfworte aus. Ich glaube, es war die Frau vom Fischer Hannemann. . . . »So 'n Aas . . . So 'n Aas,« schrie sie immerfort. »An Galli un Rad schölln sie em bringen –«

Um elf Uhr ging ich wieder nach oben in mein Zimmerchen und legte mich nieder, aber ich konnte nicht einschlafen. Es war so lummerig warm, und Angst und Entsetzen saßen mir wie ein Gespenst auf der Brust. Immer stand mir das fürchterliche Bild der Ertrunkenen vor Augen. Meine arme, gute Elisabeth! Jetzt weiß ich eigentlich erst, wie lieb ich sie hatte. Es war so dunkel, ich fürchtete mich, Licht anzumachen und zog das Deckbett über das Gesicht und schluchzte mich endlich in den Schlaf. Aber ich kann nur ganz kurze Zeit geschlafen haben, denn ich wurde wach, als es ein Uhr schlug, und sofort sah ich wieder das grauenhafte Bild vor mir. Ich zitterte an allen Gliedern vor Angst und wagte mich nicht zu rühren. Es war mir, als wüchse mir das Herz in der Brust und würde groß und schwer wie ein Mühlstein. . . . »Warum hat sie das getan,« dachte ich wieder und immer wieder, und eine dunkle Ahnung von etwas Furchtbarem, das geschehen war, ging durch meine Seele.

Mit einem Mal fing es an zu grollen, als ob fernher ein wildes Tier brüllte. Ich kann nicht beschreiben, was ich in diesen Nachtstunden ausgestanden habe. Nun wurde es plötzlich hell, ich fuhr empor und sah die ganze Stube in blauem Feuer und in der Ecke stand Elisabeth im weißen Nachtkleid mit dem gräßlichen, grünlichen, entstellten Gesicht und den langen nassen Haaren und den aufgerissenen Augen. Ich stieß einen furchtbaren durchdringenden Schrei aus, und das Feuer erlosch, aber die Gestalt blieb in der Ecke und starrte mich an, und ich schrie – und schrie – ich glaube, ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich die Nacht hätte allein zubringen müssen.

»Was ist denn los, Thymian? Warum schreien Sie denn?« rief Meinert hinter der Tür, und als ich nicht aufhörte zu schreien, machte er die Tür auf und trat ein und beugte sich über mich. Ich klammerte mich mit beiden Armen an ihn fest und konnte zuerst kein Wort hervorbringen und zeigte nur nach der Ecke, wo das Gespenst stand, und stammelte von dem, was ich gesehen hatte.

»Ja,« sagte er und lachte, »es ist Gewitter. Und dem Gespenst in der Ecke wollen wir gleich den Hals umdrehen. Guck mal her, Thymi« – und da ging er hin und griff die weiße Gestalt an und da sah ich, daß es das Handtuch war, das ich im Spiegel gesehen hatte, aber nach Lachen war mir nicht zumute, und ich bat Meinert flehentlich, nicht fortzugehen, weil ich mich totängstigte. Er setzte sich bei mir auf den Bettrand und legte den Arm um mich und die warme Nähe eines Menschen tat mir wohl und beruhigte mich.

»Warum hat sie das getan, Herr Meinert? Warum hat sie es nur getan?« sagte ich. »Sagen Sie mir alles, wenn Sie es wissen.«

Er streichelte mir mit der rechten Hand die Wangen und küßte mich und obgleich es sich nicht schickt, ließ ich es geschehen, ich war so verwirrt und durcheinander, daß ich an nichts dachte, als an das Furchtbare.

»Ja, Thymi, weißt du das wirklich nicht,« sagte er, und ich fand nichts darin, daß er mich plötzlich wieder duzte. Seit meiner Konfirmation nannte er mich sonst Sie.

»Ein so großes, gescheites Mädel. Bist sonst so helle und hast Augen und siehst nichts? Das überspannte Frauenzimmer hatte ein Verhältnis mit deinem Vater und bildete sich ein, daß er sie heiraten werde. Und weil er dies nicht wollte und es bei ihr brannte, geht sie in ihrer Übergesottenheit hin und ersäuft sich.«

»Weshalb wollte Vater sie nicht heiraten und wieso brannte es bei ihr?« fragte ich.

»Gott, bist du dumm, Thymi,« sagte Meinert und seufzte. Und dann erzählte er mir, daß die Elisabeth in anderen Umständen gewesen sei. Und ich dürfte deshalb nicht schlecht vom Vater denken. Es sei einmal so, daß ein gesunder Mann in seinen Jahren die Frauen brauchte, ebenso wie die Frauen die Männer brauchten, das sei eine Einrichtung der Natur, die sich nicht verleugnen lasse. Vater benehme sich sehr nobel gegen die Frauenzimmer, bezahle ihnen das Wochenbett und tausend Mark Schmerzensgeld und sorge für das Kind bis zu der Konfirmation. Wenn aber Vater solch eine Person heiratet, hätte ich den Schaden davon. Denn dann wäre jedes Kind mit mir gleichberechtigt und die Erbschaft würde nachher für mich wässerig. So kriege er solch einen Balg für fünfzig Taler jährlich in Hamburg unter. Der Reinhard ihr Junge sei gleich gestorben, und die tausend Mark bekam sie doch. Die hätte ein feines Geschäft dabei gemacht. »Der brauchten wir nur mit dem Finger zu winken, da käme sie wieder zu uns,« sagte er roh, »aber wir mögen sie nicht mehr. Sie ist uns zu fett. Die ist wieder putzmunter und fidel. Mit der Elisabeth war das von vornherein schwer. Ich hätte mich nicht an sie herangewagt und habe auch deinen Vater gewarnt. Die Sorte spekuliert nur auf die Versorgung.« –

»Nein, das hat sie nicht getan. Aber Elisabeth war ein anständiges Mädchen,« schrie ich und stieß Meinerts Hand, die immerfort über meine Wangen strich, fort; denn seine Berührung verursachte mir plötzlich Ekel und Grauen.

»Ja, dann will ich man gehen,« sagte er und stand auf. Als er schon an der Tür war, überfiel mich wieder die Angst, ich fing an zu weinen und da kehrte er um und setzte sich wieder auf mein Bett und nahm meinen Kopf in seine beiden Hände und beugte sich tief über mich, so daß ich trotz der Dunkelheit gerade in seine flimmernden blauen Augen sehen mußte. Ich weiß nicht, wie mir war. Ich wußte damals auch nicht, wofür und vor was ich mich eigentlich so grenzenlos fürchtete. Mein Herz klopfte vor Angst, mir graute vor Meinert und doch ging ein seltsames Zucken und Beben durch meinen Körper, irgendein fremdes, rätselhaftes Empfinden, das ich nie vordem kannte. Ich duldete seine Küsse und duldete es, daß er mich fester und fester an sich drückte. Ich war wie betäubt. Ich wollte mich aus seiner Umklammerung befreien und ihn abschütteln, aber ich hatte nicht die Kraft dazu – – –

Im Morgengrauen schlief ich ein und erwachte erst spät am anderen Vormittag. Zuerst meinte ich, ich hätte alles geträumt, aber nach und nach kam mir das Bewußtsein der Wirklichkeit. Da drückte ich den Kopf in die Kissen und weinte, denn ich schämte mich so sehr und fürchtete mich, Meinert anzusehen und mit ihm zu sprechen. Wie ich noch vor mich hinschluchzte, ging die Tür und Meinert kam herein. Er sprach sehr gut, sehr zärtlich zu mir und sagte, ich wäre nun seine Geliebte, und wir würden niemand unser Geheimnis merken lassen. Er hebe mich ja seit meiner Kindheit. – Vielleicht würden wir uns noch mal heiraten. Vorläufig sei es so viel schöner. Ich antwortete nichts; konnte nichts antworten. – –

Zwei Tage später ist Elisabeth vom Armenhaus aus beerdigt. Ganz in der Stille, frühmorgens haben sie sie hingebracht, damit möglichst wenig Leute davon gewahr werden und kein Auflauf entstehen sollte. Mitten zwischen den Armen-Leute-Gräbern liegt ihr Hügel. Ich habe Blumen und Efeu darauf gepflanzt und besuche sie oft.

Arme, arme Elisabeth . . .

Mir ist so schwer ums Herz. Ich bin so unglücklich. Ich möchte immerzu weinen . . .

Morgen mehr – –


* * *


Ach Gott, ist das Haus öde, seitdem Elisabeth tot ist. Wir haben jetzt eine Witwe als Haushälterin, eine schmeichlerische, behäbige Person mit einem glatten, weißen Gesicht und schwarzem Haar. Frau Lene Peters heißt sie. Sie spricht sehr langsam und zieht die Worte am Ende in die Länge, als ob sie singen wollte. Ich kann sie nicht leiden, obwohl sie immer sehr nett zu mir ist und sehr mütterlich tut. Es liegt etwas Falsches in ihrem Wesen. Sie ist immer so um Vater herum, wenn er sich an der vergreift, ist's kein Wunder, sie macht es ihm leicht. Ins Wasser geht die nicht, davor ist mir nicht bange.

Früher habe ich auf so etwas gar nicht geachtet, aber jetzt sehe ich mit zwei Augen, was um mich vorgeht.

Manchmal ergreift mich ein fürchterlicher Widerwille vor mir selber und vor meiner ganzen Umgebung. Zwischen Vater und mir steht eine unsichtbare Wand. Er fühlt sie nicht, aber ich: Elisabeths Schatten geht zwischen uns um. Ich weiß, ich habe kein Recht, Vater, der mich unendlich liebt, zu verdammen, aber in den schrecklichen Stunden ist etwas in mir untergegangen: Die Achtung und das Vertrauen zu meinem Vater.

Sonst habe ich gewiß kein Recht, mich auf das hohe Pferd zu setzen. – Herrgott, bin ich elend seit jener Nacht . . . Ich möchte am liebsten fort. Ich hasse Meinert. Und doch gehöre ich ihm fort und fort an. Oft riegele ich mich abends in meinem Zimmerchen ein. Aber es ist wie behext. Mitten aus dem Schlafe wache ich auf von seinem leisen Anpochen, und wenn ich gleich mit zusammengebissenen Zähnen erst still liegen bleibe und mich nicht rühre, eine geheimnisvolle Macht, die stärker als mein Wille ist, treibt mich schließlich doch auf und zur Tür, daß ich öffne.

Ich bin ganz verändert seit jener verhängnisvollen Nacht. Zuweilen meine ich, die Leute könnten mir ansehen, was mit mir ist, ich mag niemand mehr gerade in die Augen blicken. Besonders vor Tante Friedas scharfen Augen fürchte ich mich. Sie guckt mich oft so verdächtig an, daß ich manchmal denke, sie ahnt etwas: aber ich selber sehe die Leute auch anders an als früher.

Ich kann zum Beispiel nicht mehr unbefangen mit Osdorff verkehren. Ich muß immer seine Hände betrachten, diese weichen, weißen, schönen Hände, die mir früher schon so gut gefielen. Nur daß mir heute ganz merkwürdige Empfindungen kamen, während ich auf sie hinsehe. Ich spüre zuweilen ein heftiges Verlangen, mich von diesen schönen, glatten, weißen Händen schlagen zu lassen. Einmal wurde der Wunsch so stark in mir, daß ich es ihm sagte.

»Schlagen Sie mich,« sagte ich, »kratzen, kneifen Sie mich, Osdorff. Ich möchte mir Schmerzen von Ihren Händen bereiten lassen.« Er sah mich verwundert an. Unsere Blicke begegneten einander. In seine matten Augen trat ein seltsames Flimmern. Dasselbe Flimmern, das ich zum erstenmal in jener unheimlichen Nacht nach Elisabeths Tod in Meinerts Augen bemerkte.

»Ach Unsinn – wo werde ich Ihnen weh tun, Thymian. Schöne Mädchen sind da, um geliebt zu werden, gekost, gestreichelt. Ich bin doch kein Rüpel. . . .« Dabei fuhr er mir mit der samtweichen Hand ganz sachte und langsam über die Wangen. Ich schloß die Augen, um sein Gesicht nicht zu sehen, dieses blödsinnig dumme Gesicht mit den hellgrauen Schellfischaugen. Aber die Hände, die Hände – sie machen mich ganz verrückt –

Seitdem nennen wir uns du und treffen uns oft an einsamen Orten.

Trotz seiner Geistesarmut und seinem Kretingesicht liebe ich ihn – so – ich weiß nicht wie, so wie ich als kleines Kind die Puppe im hellblauen Seidenkleid, die Vater mal von der Reise mitgebracht hatte, liebte. Ich liebe ihn wie eine Sache, an die man sich gewöhnt hat, wie einen Gebrauchsgegenstand, von dem man sich nicht trennen mag. Wir haben uns gelobt, ewig treue Freunde zu bleiben, wohin uns das Schicksal auch verschlägt. Seine Hände liebe ich immer noch wahnsinnig – o Gott.


* * *


Wieder mal was Neues zu registrieren.

Vater heiratet wieder. Und wen? Madame Lene Peters.

Donnerwetter, die hat's verstanden. Ich habe ordentlich ein bißchen Respekt vor ihrer Klugheit, oder vielleicht vor ihrer Verschlagenheit.

Vorigen Sonntag Vormittag sagte Vater es mir.

Mir schien, er war etwas bedrückt. Es könnte nicht so weitergehen, sagte er, die Wirtschaft mit den Haushälterinnen. Eine Frau müsse wieder ins Haus. Da er keine Lust habe, erst lange auf Brautschau zu gehen, nähme er die erste »beste«, nämlich die Peters, die ja eine sehr nette, resolute, propre und sparsame Frau sei. Ob ich etwas dagegen habe? – –

»Nein,« sagte ich und wurde totenblaß, denn das Blut rann mir eiskalt zum Herzen. – Ich dachte an Elisabeth, die ihr junges Leben hingeben mußte, um dieser falschen, ordinären Person, die sicher früher mal Dienstmädchen war, den Platz zu räumen. Freilich ist Lene Peters schlauer als die arme, arglose Elisabeth es war. Sie will erst den standesamtlichen Zivilversorgungsschein. –

»Du sollst nicht darunter leiden, mein Herzenskind,« sagte Vater, der mein Erblassen wohl falsch deutete. Dein Vermögen ist dir sichergestellt und du brauchst dir nichts von ihr befehlen zu lassen. Sie hat dir gar nichts zu sagen. Wenn mal was vorfällt, sollst du dich nur an mich wenden. – Nächsten Sommer fahren wir beide, du und ich – nach Sylt oder Zoppot. Du sollst die Welt kennen lernen und bewundert werden, mein Einziges.«

Ich antwortete nicht und hielt still wie ein Schlachtlamm, als er mich küßte.

Am andern Tag wurde das Aufgebot bestellt. Samstag über drei Wochen wollen sie sich trauen lassen. Meinetwegen, mir ist alles egal. Ich wünsche ihnen Glück.


* * *


Also nun ist Lene Frau Apotheker Gotteball. Ich komme leidlich gut mit ihr aus. Mutter sage ich natürlich nicht zu ihr, anstandshalber tue ich mir Zwang an und nenne sie Tante.

Übrigens scheint es mit der Heirat doch pressiert zu haben. Meinert meint es wenigstens. Ich verstehe nur nicht, wie sie es angestellt hat, durchzusetzen, was keiner andern vor ihr gelungen ist. Sie ist unwissend und dumm wie eine Gans, und ihre Schönheit kann sie auch tragen, trotz ihres glatten Gesichts und ihrer molligen quabbeligen Formenfülle. Meinert sagt, sie hätte einen Kapitän heiraten müssen. Warum, fragte ich. Nun, meint er, der hätte dann wenigstens einen »Meerbusen« vor Augen gehabt. Ich mußte über den dummen Witz lachen, obwohl mir jetzt gar nicht der Sinn nach Lachen und Lustigsein steht.

Ich weiß nicht, mir ist so dumm zumute. So dumpf und benommen. Ich habe oft Herzklopfen. Meinert hat mir Digitalistropfen gegeben, aber die nützen auch nichts. Der moralische Widerwille, den ich seit Monaten vor mir selber empfinde, wächst sich manchmal zum physischen Ekel aus.

Ich sage Meinert nichts davon. Eher noch Osdorff. Neulich Abend bekam ich solchen Ekel vor Salzgurken, die auf dem Tisch standen, wie ich sie ansah, verwandelten sie sich vor meinen Augen in lauter grüne, widerliche Schlangen. Die ganze Nacht ringelte und wurmte das grüne Zeug vor meinen Augen herum. Es ist ja gräßlich. Mir ist so bange, ich weiß nicht vor was.


* * *


Lieber Gott im Himmel!! Als ich das Tagebuch zu schreiben anfing, hätte ich nicht daran gedacht, daß ich so viel erleben würde. Eigentlich viel Gutes und Erfreuliches habe ich bisher nicht zu berichten gehabt. Es lohnte sich deshalb eigentlich nicht, es aufzuschreiben. Aber es ist mir ordentlich eine Erleichterung, wenn ich einmal mein Herz so recht von inwendig heraus ausschütten kann; es ist mir dann gerade so, als ob ich zu einer vertrauten Freundin spräche. –

Also mir ist schon lange nicht wohl, und eine heimliche Angst war in mir vor unbekannter Gefahr, die mir drohte. Manchmal schloß ich mich ein und weinte, ich weiß nicht weshalb, vor lauter innerer Traurigkeit und Bedrücktheit, und dann wurde mir etwas leichter.

Die Lene sah mich zuweilen argwöhnisch an und stellte einmal allerhand verfängliche Fragen, ob ich wüßte, so und so . . . nein, das mag ich nicht alles niederschreiben. Ich wurde dunkelrot und dann wieder kreideweiß, und die Lene wurde auch grünweiß vor Wut und plötzlich, ehe ich mich versah, wirft sie mir rechts und links ein paar Ohrfeigen an den Kopf, daß mir Hören und Sehen vergeht und ich laut aufschreie. Da kommt Vater hereingestürzt, und als er sieht, daß die Lene mich haut, packt er sie am Arm, reißt sie zurück und schmeißt sie gegen die Wand und stößt mit dem Fuß nach ihr, und will sie schlagen, aber ich warf mich dazwischen und die Lene heult laut und schreit alles heraus . . . . Sie hätte es schon lange an meiner Wäsche gemerkt und ich täte Schande übers Haus bringen. Es sei kein gutes Haar an mir, ich taugte in meiner Haut nichts, und sie bereute es, in solche Familie hineingeheiratet zu haben. Vater solle sich nur seine hoffnungsvolle Tochter einpökeln. – Da ist er wieder auf sie zugestürzt – ich lief hinaus und schlug die Tür hinter mir ins Schloß und rannte die Treppe hinauf in meine Kammer und schloß auch da die Tür zu und warf mich aufs Bett und starrte mit heißen Backen und trockenen Augen geradeaus zur Decke.

Und es war mir so weh, so – ich weiß nicht wie, und mein Kopf glühte und hämmerte, als ob Feuer darin wäre. Ich konnte auch nicht richtig denken und überlegen, die Gedanken rasten wie Räder immer um die eine Frage herum: was soll nun werden? Soll ich es Elisabeth nachmachen und ins Wasser gehen, oder soll ich Meinert bitten, daß er mir Gift gibt? Oder soll ich mich unter den Zug werfen und mich totfahren lassen? Denn daß ich mich vor der Welt aus dem Staube machen muß, steht so fest bei mir, wie Amen in der Bibel.

Ich blieb den ganzen Abend oben und wollte nicht herunter, aber nachher kam Vater und bat, ich möchte aufmachen, und seine Stimme klang so merkwürdig zitternd und weinerlich, daß ich mich nach einer Weile hinschlich und öffnete. Mit meinen brennendheißen Augen sah ich, wie elend und verfallen Vater aussah, und plötzlich liege ich in seinen Armen und weine, und er weint auch und küßt mich und wir konnten beide vor Schluchzen kein Wort sprechen.

»Kind, Kind! mein armes, kleines Mädchen! Sag mir nur das eine: hat das Weib recht? War es Meinert?« stieß Vater heraus. Ich nickte. Vater stöhnte. »O Gott, o Gott,« sagte er einmal über das andere. Und dann wieder: »Versprich mir nur, daß du keine Dummheit machst, mein armer Engel. Ich werde mit Meinert sprechen, es wird schon alles ins Lot kommen.« Ich mußte ihm in die Hand versprechen, daß ich mir kein Leid antue. Dafür bat ich mir aus, daß sie mich den andern Tag in Ruhe ließen und mir das Essen auf mein Zimmer gebracht würde. Vater versprach alles.

Nachher kam Meinert. Er sah bitterböse aus und war wütend. »Hättest du mir gleich gesagt, was los ist, wäre es gar nicht so weit gekommen,« schrie er, »ich hätte dir ein paar Tropfen eingegeben, und dann wäre alles in Ordnung. Nun haben wir die Bescherung. Dein Vater heult wie ein altes Weib, und deine Stiefmutter blökt das Haus zusammen, morgen weiß es die ganze Stadt. Die Frieda Gotteball, das buckelige Aas, sitzt unten in der Wohnstube und kriegt alles haarklein von dem Mensch vorgebetet.«

Tante Frieda! Meine letzte Kraft brach zusammen. Ich sah die strengen durchbohrenden Augen des alten Weibleins auf mich gerichtet und mein Herz fing an vor Furcht, Scham und Schreck zu erstarren. »Gib mir Gift,« sagte ich. Er lachte kurz auf. »Papperlapapp – Gift. Das soll was sein. Mir bleibt nichts übrig, als dich zu heiraten. Wenn dein Vater mich zum Teilhaber macht, soll's mir recht sein, sonst danke ich für Obst.« Er lief hinaus und ich lag da, und durch meinen Körper liefen eisige Schauer. Ich dachte, daß ich Meinert heiraten sollte, und plötzlich, ich weiß nicht wie, kam es an mich heran und in mich hinein und stand das Eine still und fest in mir: lieber tot. Lieber ins Wasser oder unter die Zugräder, als Meinerts Frau werden. Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann nicht. – – –

Ich weiß nicht wie es ist, aber es ist so, daß sich alles in mir und in meinem Empfinden plötzlich gewendet hat. Denn mit einem Male weiß ich: ich hasse Meinert. Mich ekelt vor ihm. Er ist schlecht. Wenn ich an ihn denke, ist es mir, als ob ein ekles Gewürm an meinem Körper emporkriecht. Wenn ich denke, daß mein ganzes Leben an diesen Menschen gekettet sein soll, daß ich verurteilt bin, nicht nur ferner, sondern für alle Zeit, bis an mein Ende ihm als Eigentum anzugehören, wird es mir schwarz vor den Augen. Nein, ich will nicht, ich will nicht, ich will nicht – – –

Morgen mehr. –


* * *


Tante Frieda konnte das Geheimnis natürlich nicht für sich behalten und zwei Tage nach jener schrecklichen Entdeckung, die mich selber wie ein Dieb in der Nacht traf, kam sie mit den Verwandten an, mit Lehnsmann Pohns und Tante Frauke, Onkel Dirk Thomsen und Tante Trine. Und alle saßen zusammen in der guten Stube und hielten Familienrat, was mit mir geschehen sollte. Genau wie damals, bevor ich nach T. kam.

Ich war oben in meiner Stube, aber während ich da am Fenster hockte, kribbelte es mich plötzlich, hinunterzugehen und zu hören, was verhandelt wurde. Ich schlich mich deshalb leise die Treppe hinunter ins Wohnzimmer und horchte durch das offene Guckfenster, was sie sprachen. Zuweilen schob ich ganz vorsichtig die Gardine etwas zurück, um zu sehen, und kein Wort entging mir.

Sie waren sehr erregt und sprachen heftig durcheinander. Tante Frieda hatte nicht mal abgelegt, in Hut und Jacke saß sie am Tisch mit hochrotem, verstörtem Gesicht. Ich hörte, daß die Rede davon war, ich sollte Meinert heiraten. Vater sagte, Meinert sollte sein Kompagnon werden und es sei schon alles in Ordnung, die liebe Familie brauche sich gar nicht erst groß aufzuregen. Das standesamtliche Aufgebot werde in den nächsten Tagen bestellt werden. Die Lene heulte und rief, dadurch würden ihre Kinder benachteiligt, und so bleibe nichts für sie übrig und sie könnte wieder dienen gehen und ihre Kinder ins Armenhaus bringen, wenn Vater mal stürbe. Vater rief ihr zu, sie solle das Maul halten, und Onkel Dirk und Lehnsmann Pohns sagten laut, dies sei der einzig richtige Ausweg aus dem Dilemma, es sei zwar eine fürchterliche Schande für die Familie, aber nicht das erste- und nicht das letztemal, daß so etwas passierte. Mitten in die Rederei schoß Tante Friedas Stimme wie eine eiskalte Wasserspritze. »Will denn die Thymi überhaupt den Meinert heiraten?« Zwei Sekunden lang blieb es still im Zimmer, dann erhob sich ein lautes Durcheinander von Stimmen, die alle schrien, das sei doch selbstverständlich und ich müsse einfach, und die Lene überkreischte alle: »Wär ja noch mal schöner, wenn die sich aufsetzte, nachdem sie – – – Die soll froh sein, wenn sie unter die Haube kommt – – –« Und dann, ich weiß nicht wie, war plötzlich Streit im Gange. Tante Frieda überschrie jetzt alle andern. »Ich weiß noch lange nicht, ob es gut getan ist, das Kind Hals über Kopf dem Schuft, dem Meinert, anzukuppeln. Kommt noch sehr darauf an, was für ein Unglück leichter zu tragen ist, der Makel auf dem Namen oder ein ganzes Menschenleben Eheelend . . .«

»Du bist übergeschnappt, Frieda,« rief Tante Frauke erregt, »sie kann doch nicht so laufen bleiben. Und wie sie sich das Bett macht, muß sie drin liegen. Wenn sie sich mit Meinert abgegeben hat, muß sie ihn heiraten.«

»Das ist auch meine Meinung,« sagte Vater, »die Heirat ist die beste Lösung.«

»Die Heirat mit solchem Menschen?« rief Tante Frieda, »solch ein Schuft, der die Einfalt und Unwissenheit von einem unmündigen Kind benutzt, und sie unglücklich macht . . . Und daß du als Vater nicht einsiehst, was du deinem Kind mit dieser Heirat anhängst. Bist du ein Vater? Ein elender Schuft bist du auch, wie dein Genosse. Ja, das bist du,« schrie sie und schlug mit der Faust auf den Tisch, »bist du ein Mann, der ein Kind und noch dazu ein Mädchen erziehen konnte? Du – du!! Hab ich's nicht immer gesagt und dich beinahe fußfällig gebeten, das Mädchen nach der Einsegnung aus dem Hause in Pension zu geben? Du bist schuld. Über dich sitzen wir hier zu Gericht und nicht über das unglückliche, verführte Kind, daß du's weißt. Wie ein Rabenvater hast du an deiner Tochter gehandelt, als du sie hier behieltest.«

»Ich?« rief Vater. »Ich habe mein Kind abgöttisch geliebt, Frieda. Mich trifft kein Vorwurf.«

»Ja, ja, das ist noch lange keine Liebe, daß man einem Kind allen Willen tut und Ja und Amen zu allem sagt, was es in seiner Dummheit sinnt und anstellt. Hier in dies Haus gehört eben kein heranwachsendes Mädchen. Die Apotheke ist schon lange verrufen. Hier ist, seitdem deine arme erste Frau tot ist, kein anständiges Haus und kein geregeltes Familienleben mehr. Ein Bordell ist hier und eine Hurenwirtschaft – ja – ja – ja . . . Die einzige anständige Person, die hier in den Jahren schaltete, war das arme Mädel, die du auch auf dem Gewissen hast – du Erzhalunke du –«

»Die einzige,« kreischte Lene. »Bin ich vielleicht keine anständige Person, bin ich vielleicht auch so eine . . .«

»Ich habe keine andere Bezeichnung für dich,« rief Tante Frieda. Da flog die Lene vom Stuhl auf und auf Tante Frieda zu und griff ihr mit beiden Händen an den Kopf und schrie immerfort: »Bin ich eine? Du buckliges Nickel! Widerrufst du und tust Abbitte oder ich dreh dir dein vermeckertes Zifferblatt auf die Kehrseite . . .«

Und Tante Frieda nicht faul, fährt ihr mit spitzen Fingern in die Augen, daß die Lene aufpiepste und alle sprangen auf und kreischten und heulten, und Lehnsmann Pohns nahm seinen dicken Spazierknüppel, den er immer zwischen den Knien hält und schlug über den Tisch weg nach den beiden Weibern, die sich prügelten, und traf dabei die Hängelampe, und die Glocke und der Zylinder gingen in hundertundzwanzig Splitter. Da ließen die Weiber voneinander ab, und Tante Frieda strich ihre zerzausten Haare zurecht und die Lene lief nach draußen, wahrscheinlich um ihre Augen, die Tante Frieda nicht schlecht zugerichtet hatte, zu kühlen. Gleich darauf kam Meinert herein, ich verstand nicht gleich, was mit ihm verhandelt wurde, die Frauen schwatzten noch immer aufgeregt durcheinander. Ich glaube, es war die Rede davon, daß er Teilhaber der Apotheke werden sollte und Lehnsmann Pohns und Onkel Dirk haben doch große Hypotheken darauf und müssen erst einwilligen. Es schien, als ob sie Bedenken hätten und Tante Frieda bestand darauf, ich solle erst gefragt werden, ob ich Meinert auch heiraten wolle.

Ich schob das Vorhängelchen am Guckfenster ein klein wenig beiseite und sah gerade in Meinerts blasses, höhnisches Gesicht, das mir nie vorher so fratzenhaft widerwärtig erschienen war, als in dem Augenblick.

»Ja, verehrte Herren,« sagte er und rieb seine mageren knochigen Hände. »Wenn die Sachen so liegen, wollen wir doch lieber von der Geschichte absehen. Es ist doch wahrhaftig nicht so aufzufassen, als ob ich hier der bittende Teil bin. Im Gegenteil. Ich leugne nichts ab. Ich habe ein kleines Techtel-Mechtel mit der Thymian gehabt. Gut. Die Folgen machen sich bemerkbar. Bon. Weil sie die Tochter meines Chefs und meines besten Freundes ist, stehe ich nicht an, meine Pflicht zu tun und sie zu heiraten. Ich bin eben Gentleman. Sonst – wenn das nicht wäre, wenn ich krittelig sein wollte, hätte ich Gründe genug zur Retirade. Die Thymian ist ein Racker . . . hat Temperament, die Kleine. Mit dem jungen Grafen Osdorff geht sie auch . . . Wer will mir denn beweisen, daß ich gerade . . .«

Ich stopfte mir die Ohren zu. Meine Beine zitterten. Es wurde mir schwarz vor den Augen. In meinem Gehirn klopfte es wie in einer Grobschmiede.

So lief ich hinaus und holte meinen Hut und rannte aus dem Hause, ohne zu wissen, wo ich eigentlich hin wollte. Immer weiter, wohin mich meine Füße trugen, geradeaus nach dem Wiesengraben und von da hinunter zur Schleuse. Ich wollte denselben Weg gehen, den Elisabeth vor mir gegangen war, aber wie ich mich dann über das Geländer beugte und das schwarze, unruhige, kreisende Wasser erblickte, packte mich ein fürchterliches Grauen. Ich klammerte mich fest an die eiserne Stange und machte einen Anlauf, um mich überzuschwingen, aber meine Füße waren schwer wie Blei. So starrte ich nur immerfort hinunter und wünschte mich tief unten in dem schwarzen Schlund und hatte doch ein so entsetzliches Grauen vor dem Tod, der da unten saß und mich anglotzte. »Nur die Zähne zusammengebissen und die Augen zu,« hörte ich Elisabeth sagen und es fiel mir ein, daß ich in letzter Zeit alles durchgemacht hatte, was sie durchmachte: die Angst, die Qual, das unbewußte Anringen gegen eine unbekannte Gefahr, die auf ihr Opfer lauert.

»Geh, mach!« sagte eine Stimme in mir, »sei nicht so elend feige.« Und ich raffte mich wieder auf, um hineinzuspringen und wieder hielt eine geheimnisvolle Schwerkraft meine Füße an der Erde, und bei aller Qual war ein Lebensdrang in mir, der mächtig aufwallte und mit seinem heißen Strom die eisigen Schauer des Sterbenwollens überflutete und auslöschte.

Eine Verzweiflung war in mir, in meinem Gehirn rannten die Gedanken wie wild geworden durcheinander, ein rasender Schmerz brannte in allen meinen Gliedern. Ich wünschte mir nur eins: Bewußtlos werden und nicht mehr aufwachen.

Wie lange ich dagestanden habe, weiß ich nicht. Auf einmal nannte jemand meinen Namen, ich drehte mich um und sah in Tante Friedas blasses, trauriges Gesicht und in ihre nassen Augen, und ihr Gesicht kam mir merkwürdig verändert vor. Gar nicht mehr so spitz und grämlich verkniffen wie sonst.

»Thymian! Komm, mein armes Kind,« sagte sie, »komm heim zu mir« –

Sie nahm meine Hand in ihren Arm und ich folgte ihr wie im Traum, mich widerspruchslos ihrem Willen unterordnend. Ich habe sie vorher nie so sprechen hören. Ich habe nie geahnt, daß ihre Stimme so warm und so weich und innig klingen könnte. Ich hatte sie immer nur keifen und schelten hören, und nun, wo ich soviel verbrochen hatte, und wie eine arme Sünderin neben ihr herging, floß ihr Mund über von sanften, zärtlichen, tröstenden Worten. Und es war mir plötzlich, als hätte ich diesem wunderlichen alten Weibchen ein ganzes Teil abzubitten, als wäre ich in meiner kindischen Torheit alle die früheren Jahre blind gewesen und hätte nicht gesehen, welch ein treues, gutes Herz sich unter dem Geschnörkel ihres absonderlichen Wesens und ihren vielen kauzigen Eigenschaften verbirgt.

Oben in ihrem Wohnzimmerchen war es dunkel, als wir hinaufkamen, ich setzte mich aufs Sofa und legte die Arme auf den Tisch und den Kopf in die Hände, und Tante Frieda strich mit der Hand über mein Haar und sagte wieder leise: »Armes Kind! Armes, unglückliches Kind! Was haben sie aus dir gemacht . . .«

»Ich bin ja schlecht, Tante Frieda,« sagte ich, »es wäre am besten, wenn ich tot wäre.«

»Nein, Thymian,« sagte sie ernst. »Die Toten können nichts gut machen, und du hast viel zu tun, um deine Schuld gut zu machen. Du sollst an dir arbeiten, daß du trotz allem und allem ein tüchtiges, braves Mädchen wirst.«

»Aber ich heirate Meinert nicht,« rief ich, »eher geh' ich ins Wasser.« Sie nickte. »Das hab' ich mir gedacht, und ich kann dir nicht unrecht geben. Sei still, Liebes. Ich will mit Vater reden. Wir wollen ihn hierherkommen lassen. Wir wollen sehen, was zu machen ist.«

Sie sprach eine lange Weile zu mir; ich habe nicht alles behalten, was sie redete, aber es waren gute, liebe, freundliche Worte, kein Schelten, keine Vorwürfe, keine bissigen Anspielungen. Zuletzt erzählte sie mir von der schönen Frau Claire Gotteball, meiner Urgroßmutter, die der Urgroßvater als blutarmes Mädchen von Paris mitgebracht hatte. Als sie vier Jahre verheiratet waren, hat sie ihn und ihre zwei Kinder verlassen und ist mit einem reichen Kaufmann nach Indien gegangen, und nie wieder ist Kunde von ihr gekommen. Ihr Name ist in der Familiengeschichte der Gotteballs gestrichen, aber ein paar verspritzte Tropfen des leichtsinnigen, französischen Kokottenblutes haben sich in der nachfolgenden Generation erhalten und machen, wie ein vererbter Fluch, sich immer wieder geltend.

»Die Sünden der Väter rächen sich bis ins dritte und vierte Glied,« murmelte Tante Frieda, »das ist wahr . . . ja, das ist wahr . . .«


* * *


Nachher kam Vater. Sehr niedergedrückt und geschlagen. Das Haus war ihm auch eine Hölle. Die Lene zeterte, und Meinert war höhnisch und verbissen.

Vater und Tante Frieda unterhandelten in halblautem Ton miteinander. Ich schlief darüber vor Müdigkeit auf dem Sofa ein.

Als ich aufwachte, erfuhr ich, was sie abgemacht hatten. Ich soll nach Hamburg. In den nächsten Tagen will Vater mich hinbringen. Ich soll bei einer Frau bleiben, bis alles überstanden ist, und dann soll ich irgendwo auswärts bei einer Familie in Pension kommen.

Mir ist alles so furchtbar gleichgültig, was wird. Ich habe vorhin an Osdorff geschrieben. Ich möchte ihn so gern noch mal vor meiner Abreise sprechen. In ein paar Monaten kommt er auch fort.

Mir ist hundemiserabel zumute. Ich bin noch bei Tante Frieda. Meine Sachen sind alle hierhergebracht. Nach Hause geh' ich vor unserer Abreise nicht mehr. Ich fürchte mich, Meinert zu begegnen.

Ich hasse ihn so unsagbar.


* * *


Nun bin ich schon fünf Wochen in Hamburg. Frau Rammigen heißt die Hebamme, bei der ich wohne. Sie bewohnt ein Häuschen ganz allein an der Eimsbüttler Chaussee, mit einem Gärtchen dahinter. Mit mir zusammen ist noch eine Dame hier, die schon im nächsten Monat ihrer Niederkunft entgegensieht. Frau Liesmann heißt sie, sagt sie. Ich glaube aber nicht, daß sie verheiratet ist, sonst war sie wohl nicht hier. Sie ist aus Hannover. Ein schönes Weib mit goldrotem Haar und milchweißer, hier und da von ein paar blassen Sommersprossen durchsetzter Haut. Wir gehen oft zusammen spazieren, weil wir uns ja beide so sehr langweilen.

Was soll man auch den ganzen lieben langen Tag machen!

»Frau« Liesmann ist vierundzwanzig Jahre alt. Gott, hat die elegante Toiletten! Ich möchte auch so schöne Sachen haben. Die ersten Gelenke ihrer sämtlichen Finger sind dicht mit Brillanten garniert.

Neulich war ein Herr hier und besuchte sie. Ihr »Mann«, sagte sie. Ist aber natürlich nicht wahr. Er hatte ein Taschentuch hier liegen lassen, das ich fand, und das mit den Initialen V. v. V. gezeichnet war. Ihr Mann müßte doch Liesmann heißen. Sie waren sehr zärtlich zusammen. Einen Abend hatten sie mich mit ins Theater genommen und nachher speisten wir bei Ehmke am Gänsemarkt. Er war ja sehr nett, aber ich kam mir doch recht überflüssig vor bei den beiden, die sich gar nicht genierten, und sich in meiner Gegenwart küßten, daß es eine Art hatte. Dann machte der Herr einige Bemerkungen und Anspielungen, die ich sehr taktlos fand. Ich war direkt verletzt dadurch. Das merkte der Herr V. v. V., alias Liesmann, wohl, denn er lachte und klopfte mir auf die Wange und sagte lachend: »Nur nichts übel nehmen, Kindlein. Ist ja alles menschlich. Und schön ist's doch – – das Leben auf der Landstraße.« Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. Wie wir aber nachher nach Hause gingen, die beiden Arm in Arm, und ich daneben, kam ich mir doch recht einsam und verlassen vor. Wenn ich darüber nachdenke, meine ich, in meinem Schicksal wäre noch etwas Besonderes, was es erst recht düster und trostlos macht. Ich weiß auch, was es ist. Das ist es, daß kein Zweiter da ist, der mit mir leidet und um dessentwillen ich leide. Wenn ich nur sagen könnte, ich hätte einen Menschen unendlich lieb gehabt, und mich ihm hingegeben, und ich müßte dafür büßen, dann wäre das alles nicht so furchtbar. Aber so . . . Manchmal ist mir, als ob das alles nur in meiner Phantasie wäre, und als ob ich gar nicht – – – lieber Gott! – –

Frau Rammigen ist eine sehr nette Frau, aber nicht viel zu Hause. Heute ist Frau Liesmann nach St. Pauli zu einer Schneiderin, ich mochte nicht mit, weil mir so müde ist. Da habe ich mir das Buch hervorgeholt und schreibe.


* * *


Sie heißt doch in Wirklichkeit Frau Liesmann. Wir haben uns angefreundet und du und du getrunken und nennen uns Thymian und Konni (sie heißt nämlich Konstanze mit Vornamen). Konni hat mir ihren ganzen Lebenslauf erzählt. Sie ist bei ihrer Großmutter, einer Wäscherin in Hannover, erzogen und wurde mit siebzehn Jahren an einen Witmann mit drei Göhren verheiratet. Drei Monate hielt sie es bei ihm aus, dann ist sie durchgebrannt. Seitdem hat sie viele Schätze gehabt und war auch mal eine Zeitlang am Theater. Jetzt hat sie den Herrn V. v. V., der heißt Viktor von Vohsen, ein reicher Fabrikbesitzer, der ganz für sie sorgt. Sie sagt, sie freut sich unbändig, daß sie ein Kind von ihm kriegt, weil sie ihn damit fest hat und den Männern sonst doch nicht zu trauen ist. Ich fragte sie, ob sie ihn sehr liebte. Da lachte sie und meinte, das sei doch Nebensache. (Er ist nämlich ganz und gar nicht hübsch!) Wenn man so viel geliebt habe, wie sie, sei man allmählich »durch«, die Hauptsache sei, daß man seine Existenz sichere. Auf Schönheit lege sie gar keinen Wert, nur auf Schick. Schick müsse so ein Mann sein, auf der Straße, im Hause, im Bett. Und Schneid müsse er haben. Das übrige sei Nonsens. Ich mußte dabei an Osdorffs tadellose Stiefel und an seine gepflegten Hände denken. Ich glaube, Konni Liesmann hat recht.

Man sieht mir noch gar nichts an. Es macht mir Spaß, wie sich die Männer die Hälse nach mir verdrehen. Das habe ich daheim gar nicht so bemerkt. Wenn Konni und ich mittags am Jungfernstieg spazieren gehen, steigen uns immer ein paar nach. Ein paarmal wurden wir schon angeredet. Konni sagt, ich sei bildschön und wenn ich klug wäre, könne ich noch mal mein Glück machen. Wir haben abgemacht, uns oft zu schreiben. Konni sagt, man kann nie wissen, wie man einander noch mal gebraucht.

Osdorff hat mir neulich geschrieben. Er ist in der Nähe von Hamburg auf dem Gut des Grafen Sch . . . und will mich nächstens besuchen, worauf ich mich sehr freue.


* * *


Vor vier Tagen hat die Konni Liesmann einen kleinen Jungen gekriegt. Um 11 Uhr abends fing sie an zu stöhnen, und es hielt die ganze Nacht an, das Seufzen und Aufschreien und Jammern, bis um 8 Uhr morgens das Kind kam. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugemacht, da wir Wand an Wand schlafen und ich durch die dünne Bretterwand alles mit anhörte. Ich hatte mir nicht gedacht, daß es so schrecklich ist, aber jetzt habe ich mit einem Male eine Höllenangst.

Wenn ich doch nur erst alles überstanden hätte!

Ich muß immer das kleine Kind betrachten. Es sieht zu drollig aus. Etwas unappetitlich, trotz seiner spitzenbesetzten Jüpchen und Steckkissen. Ich möchte es nicht küssen, aber die Konni küßt es wie wahnsinnig. Gestern kam der Herr V. v. V. Er brachte der Konni eine große, mattgoldene Spange mit Brillanten mit, die sie sich schon lange gewünscht hatte. Die Konni schimpfte, daß er nicht zärtlich genug mit dem Kindchen sei, und bei der Gelegenheit erfuhr ich, daß Herr V. v. V. verheiratet und Vater von drei Kindern ist. Merkwürdig! Mit einem verheirateten Mann hätte ich mich an Konnis Stelle doch nicht abgegeben. Überhaupt stößt es mich ab, daß sie immer bloß von Geld spricht und von Versorgung und Geschenken.

Während ich dies schreibe, steht die Tür zu Konnis Stube offen. Sie ruft, was ich schreibe. Ich sage ihr: In mein Tagebuch. Da lacht sie laut und will es absolut lesen. Fällt mir natürlich nicht im Traum ein. Sie lacht noch immer. Alle Schmerzen sind vergessen. Sie ist kreuzfidel zuwege. »Na, wenn ich ein Tagebuch geschrieben hätte – –« und sie schreit vor Lachen, »das wäre interessant, Thymian. Da drin hätte was gestanden, das darfst du glauben – –!«


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Die Konni ist mit dem Kindchen und einer Amme, die Frau Rammigen für sie besorgt hat, gestern abgereist. Nun ist es recht einsam und traurig hier für mich, ich hatte mich so an die Frau gewöhnt, sie war so unterhaltend und so lustig. Sie hat mich eingeladen, sie in Hannover zu besuchen, aber daraus wird wohl fürs erste nichts. Herr v. Vohsen war letzten Sonntag hier und schenkte mir eine goldene Brosche als Andenken an »seine Frau« (als ob ich nicht alles wüßte) und weil ich ihr so oft Gesellschaft geleistet und ihr die Grillen vertrieben hätte. Ein mattgoldener Korb mit Vergißmeinnicht aus Türkisen, sehr reizend, ich freute mich sehr darüber. Das Kindchen war mittlerweile auch recht niedlich und lieb geworden, ich habe es ein paarmal wickeln und beim Baden helfen dürfen.

Osdorff war vorige Woche auch hier. Ich freute mich, ihn wiederzusehen. Ich hänge wirklich an ihm, obgleich ich ihn weder als Mann noch als Mensch ernst nehme. Es klingt brutal, aber ich möchte fast behaupten, ich liebe ihn, wie man einen Hund liebt, an den man sich gewöhnt hat. Und dann kann man sich auch – abgesehen von seinem dummen Gesicht – mit ihm sehen lassen; er sieht riesig elegant aus. Konni schüttelte freilich den Kopf, als ich ihn ihr als meinen Freund vorstellte und nachher sagte sie, sie an meiner Stelle würde ihn abwimmeln. Solch ein Mensch sei wie ein Block am Fuß, man käme nicht hoch mit ihm. Na, die Konni kannte eben die Verhältnisse nicht. Der arme Kerl, der Osdorff, würde mich nie am »Hochkommen« hindern. Auf dem Gute gefällt es ihm ganz und gar nicht, er muß da früh aufstehen, mit auf dem Feld sein und auch im Bureau mitarbeiten. Und mit der Arbeit hat mein Osdorff sich nun einmal den Magen verdorben. Lange hält er es da nicht aus, sagt er. Es tut ihm jetzt leid, daß er nicht die diplomatische Karriere eingeschlagen hat, sagt er. Ach Herrjeses.


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Sind das trostlose Tage, Wochen, Monate. Das Weihnachtsfest war geradezu schrecklich, obgleich Vater mir eine Menge Sachen schenkte, und Tante Frieda mir einen langen, lieben Brief schrieb. Konni Liesmann sandte mir eine große Marzipantorte und einen Korb mit reizenden Babysachen, alles in rosa Seide, entzückend. Das war wirklich sehr aufmerksam. Zuerst freute ich mich darüber und wurde nicht müde, die mausigen, zuckerigen Sächelchen zu betrachten, es war mir so, als wären das alles Weihnachtspuppensachen. Aber auf einmal fiel es mir ein, daß die Jüpchen und Hemdchen und Mützchen für ein lebendiges Kind bestimmt sind, und daß dieses Kind das meine sein soll. Es ist eigentümlich, ich kann mich noch gar nicht in diese Tatsache hineindenken. Ich mußte weinen. Meine Tränen fielen auf die duftigen Gegenstände. – Ich bin sehr unglücklich. – – –

Silvester war ich ganz allein im Hause. Frau Rammigen war bei Bekannten. Das Dienstmädchen heulte, weil sie meinetwegen heimbleiben sollte. Da sagte ich ihr, sie sollte nur gehen, ich bliebe ganz gern allein, und das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Aber es war doch schrecklich, diese Stille und Einsamkeit in der letzten Nacht des Jahres. Ich ging immer auf und ab im Zimmer, und die Erlebnisse des letzten Jahres huschten wie Spukgebilde an meinen Augen vorüber. Immer sah ich Elisabeth, wie sie auf dem Rasen lag, mit dem verzerrten, toten Gesicht. Und ich dachte wieder zurück an meine liebe Mutter, die so schwer starb, weil sie mich schutzlos zurücklassen mußte, und ich begriff, weshalb sie meinetwegen gar nicht zum Sterben kommen konnte. Ich glaube, die Schatten der kommenden Ereignisse haben damals an ihrem Bett gestanden, und sie hat mit dem Seherblick der Weltscheidenden gewußt, was kommen mußte. Sie haben doch so für mich gebetet, sie und der Pastor, warum hat der liebe Gott diese frommen Bitten nicht erhört und alles anders gefügt? Ich glaube nicht mehr an den lieben Gott. –

Es wäre wohl das beste für mich, wenn ich im Wochenbett stürbe. Doch wünsche ich es nicht. Mir ist so bange vor dem Tod, vor dem Versinken in die ewige Nacht und das ewige Nichts.

Ich möchte gerne leben und glücklich sein. Ob es für mich noch ein Glück in der Welt gibt? Ich glaube doch. Ich bin jung, ich bin schön. Die Welt ist groß und das Leben lang. Man muß nur wollen. Ich denke manchmal, wie das Glück wohl ausschaut. Ich glaube, es sieht aus wie ein schöner, starker Mann, mit weichen Händen und einer schönen, weichen Stimme und mit klugen, klaren, milden Augen. So wünsche ich mir einen Mann. Und etwas Geld muß auch dabei sein, damit ich mich schön anziehn und für ihn schmücken kann. Wenn ich solchem Mann begegne, dann gebe ich mich ihm hin – skrupellos, auch ohne standesamtlichen Zivilversorgungsschein. Denn die Ehe reizt mich gar nicht. So ein zwangsweises Nebeneinanderherleben finde ich furchtbar langweilig, geist- und gefühltötend . . .


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Geliebtes Tagebuch – treueste Freundin und Trösterin meiner Schmerzenszeit – – ich hätte dir vieles anzuvertrauen, aber ich mag nicht viel schreiben, ich bin zu müde. Osdorff ist vom Gut des Grafen Sch . . . ausgerissen, weil diese »scheußliche Arbeit« ihn krank macht, wie er sagte. Sechs Tage trieb er sich in Hamburg umher, weil er sich nicht nach Hause traute und er Angst vor seinem Vormund hat. Ich habe ihm mein ganzes Geld gegeben. Der arme Kerl hatte nämlich nur drei Mark im Portemonnaie und ich hatte noch fünfundvierzig. Dafür haben wir einmal im Alsterpavillon gesessen, wo der Kellner mich »gnädige Frau« anredete und alle uns sehr respektvoll behandelten. Osdorff sieht wirklich gräflich aus, bei all seiner Dummheit. Als das Geld alle war, ist er doch fort, das heißt, er hat telegraphiert, sie sollen ihm Reisegeld schicken, und da ist einer gekommen und hat ihn wieder nach Sch . . . zurückgebracht, aber der Graf hat gesagt, er wollte den Faulenzer und Tagedieb nicht mehr, und da ist er nach Berlin gekommen. Vorige Woche schrieb er mir, daß sein Onkel ihn bei einem Diplomaten in der Wilhelmstraße in die Lehre gegeben hat, er muß sich da im Bureau beschäftigen, Briefe kopieren und so kleine Sachen, die nicht viel Verstand erfordern, machen. »Anstrengende, geistige Arbeit« nennt er das . . . Na also –!


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Nun ist alles überstanden. Vor fünf Wochen wurde das Kindchen geboren. Es war sehr schlimm, aber nun bin ich wieder ganz gut, nur etwas sehr bleich und mager.

Ein Mädchen ist's. Erika Susanne ist es getauft. Jetzt begreife ich, wie lieb die Konni Liesmann ihres hatte, denn ich habe meines ebenso lieb und hätte es am liebsten den ganzen Tag im Arm gehalten und es geherzt und geküßt auf sein rosiges Mündchen und seine blauen Äugelchen und seine Fäustchen gestreichelt.

Am zehnten Tag kamen Tante Frieda und Vater und blieben acht Tage bei mir. Und während der Zeit rückte Frau Rammigen mit einem mir sehr komisch erscheinenden Ansinnen heraus.

In derselben Nacht nämlich, wo Klein-Erika geboren wurde, hat sie bei einer sehr reichen Familie ein Kindchen geholt, auch ein Mädelchen, das aber schon am nächsten Morgen starb. Die Leute wären sehr unglücklich darüber, weil sie schon zwanzig Jahre verheiratet waren und keine Kinder hatten und sich nun so sehr auf dieses Kind gefreut hatten. Da erzählte Frau Rammigen von mir und Klein-Erikachen, und die Leute meinten daraufhin, ob wir nicht geneigt wären, ihnen das Kindchen zu schenken oder zu verkaufen. Sie wollten es adoptieren und es ganz als eigen erziehen und behalten.

Ich lachte Frau Rammigen aus und sagte, daß ich meinen süßen kleinen Schatz nicht um ein Haus voll Geld verkaufe, aber Vater und Tante Frieda waren anderer Ansicht. Sie sagten, es sei ein großes Glück für das Kind und für alle Beteiligten, daß sich eine solche Gelegenheit böte, das Kleine unterzubringen. Ich weinte und schrie und bettelte, aber es hörte kein Mensch auf mich, und sie machten hinter meinem Rücken alles mit Konsul Peters – so heißt die Familie – ab, und fünf Tage später wurde das Kindchen abgeholt.

Es war ein schrecklicher Abschied. Ich weiß gar nicht, wie es war . . . Just so, als ob mir ein Stück vom Herzen abgerissen würde. Ich warf mich platt auf die Erde und schrie vor Verzweiflung. Vater suchte mir zuzureden und Tante Frieda nahm wieder ihren strengen Ton an und sagte, ich sollte Gott auf den Knien für seine Gnade danken, anstatt mich wie eine Verrückte zu benehmen. Der alte Herr Peters streichelte mir aber übers Haar und versprach mir, ich solle hin und wieder Nachricht bekommen, wie's Erikachen geht. Eigentlich hätten sie das nicht nötig, weil Vater in meinem Namen auf alle Rechte an das Kind verzichtet hat, aber Herr Peters versprach es. Zuletzt wurde ich vor Aufregung ohnmächtig, und als ich wieder zu mir kam, waren sie mit meinem Kindchen fort.

Ich kann mich noch nicht darin finden. Mir ist, als wäre ich sehr arm geworden. Zuerst habe ich Tag und Nacht geweint. Nun bin ich etwas ruhiger. – –

Und jetzt weiß ich, daß ich ein Ziel habe, nach dem ich streben muß. Ich muß reich werden, um wieder mein Kind erlangen zu können. Mit Geld kann man alles machen. Wenn ich reich heiraten kann, tu ich's. Ich will reich werden und dann will ich mal sehen, ob man mir mein Kindchen, das ich unter Schmerzen zur Welt gebracht habe, für das ich so viel leiden mußte, vorenthalten kann. – –

Vorläufig kann ich gar nichts machen.

Sie haben bestimmt, daß ich in eine Pastorenfamilie auf dem Lande in Pension komme. Im Holsteinischen. Tante Frieda hat die Stelle ausfindig gemacht. Sie ist mir jetzt fast so unsympathisch wie früher mit ihren ewigen Ermahnungen und Bußreden. Mir ist gar nicht wie einer büßenden Magdalena zu Sinn. Lieber Himmel, ich habe mich versehen und hab dafür leiden müssen. Damit könnte die Sache nach meiner Ansicht als erledigt angesehen werden. Ich bin froh, daß sie wieder fort sind.


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Ich hätte mir früher auch nicht träumen lassen, daß die Eintragung in Tante Pohns Konfirmationsgeschenk einmal meine einzige Erholung und Freude sein würde. Und daß ich mir diese Freude auch noch sozusagen stehlen muß.

Sieben Monate sind seit meiner letzten Aufzeichnung vergangen. Sieben Monate bin ich jetzt in der Zwangserziehung, resp. Besserungsanstalt des Herrn Pastor Daub und seiner Gattin Ulrike, geborene von Schmidt, in G . . . bei Lübeck. Es sind pflichteifrige Leute, das kann man nicht anders sagen. Sie bessern gewaltig an mir herum, ob sie mich aber in Wirklichkeit »besser machen«, ist eine zweite Frage. Mir kommt es umgekehrt vor, als sei die Atmosphäre der Gottesfurcht, der Sittenstrenge und Enthaltsamkeit im Pastorat gewimmelt voll von Bakterien der Tücke, Heuchelei, Habsucht, Grausamkeit und Hinterlist, die man gegen seinen Willen einatmet und in sich aufnimmt.

Wie ich vorhin mein Buch durchblätterte, fiel mir gerade die Stelle ins Auge, wo ich mir so schön gelobte, fromm zu sein, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen und ganz nach Gottes Wort zu leben. Nun, wenn einer systematisch darauf ausgeht, jemand anders alles, was Religion heißt, gründlich zu versäuern, ihm alles Kirchliche zu verwidern, ihm Abscheu und Ekel gegen alles, was mit dem Christentum zusammenhängt, einzutrichtern, so soll er diesen jemand hierherschicken, in das Pastorat zu G . . . . . . bei Pastor Daub und seiner Ulrike, die schaffen's. Fromm sind sie, das muß ihnen ihr Feind lassen.

Um sechs Uhr morgens wird aufgestanden und gearbeitet, aber feste gearbeitet. Lang stehen und sich besinnen gibts hier nicht. Wenn dann um halb acht der Magen schief hängt, werden wir zur Andacht gerufen. Da stehen wir alle gerade auf nebeneinander um den Tisch und hören zu, wie der Pastor aus einer Postille eine Morgenandacht liest und dann noch etliche erbauliche Ermahnungen daran knüpft. Das heißt, in Wirklichkeit hört natürlich kein Mensch zu, wir senken nur die Nasen und wenn er »Amen« sagt, schnellen alle gesenkten Nasen auf und man sieht's jedem an, daß er heimlich »Gott sei Dank« sagt.

Die Daubs haben drei nichtsnutzige Jungens im Alter von sechs bis zwölf Jahren und eine Nichte von einundzwanzig, die mit dem Vikar verlobt ist, ein hochmütiges, vor lauter Moral stumpfsinnig gewordenes Frauenzimmer, das zu dem hageren, halb versimpelten Vikar und zu dem Daubschen Ehepaar wie ein Zweigroschenbrot zum andern paßt. Dann sind noch zwei Dienstmädchen und ein Knecht da, die jeden Monatsersten wechseln, weil es niemand bei Frau Ulrike und ihrem gottgefälligen Wandel aushalten kann. Es ist nämlich heidenmäßig viel zu tun in dem großen Haus mit dem großen Garten und dem landwirtschaftlichen Betrieb. Also morgens gibts die erste Andacht, mittags folgt die zweite Auflage und abends vorm Schlafengehen wird der dritte – und Hauptgang des Seelendiners serviert. Dann werden auch noch drei Gesangsverse gesungen und als Dessert wird eine Generalbußrede auf die Sünden des verflossenen Tages gehalten.

Frau Pastorin sagt bei jedem zehnten Wort »Mit Gott«. »Mit Gott« schlug sie neulich dem Stubenmädchen auf den Mund, daß die Nase blutete und zwei Vorderzähne wackelten, »mit Gott« hat sie schon ungezählte Straf- und Sühnegelder beim Schiedsmann und Amtsgericht für Dienstbotenmißhandlungen und Beleidigungen berappen müssen. Ich habe nie zuvor so unflätig schimpfen hören, als wie die Frau Pastorin es tut, wenn sie wütend ist, und sie wird sehr leicht wütend. Schwein, Biest, Luder, Sau, Schuft, Aas, das sind nur so kleine Kostproben ihres Konversationstons im Verkehr mit den Leuten. Wo sie hinschlägt, wächst kein Gras und ihre Hand sitzt sehr lose. Mich hat sie noch nicht geschlagen, dagegen sind aus der Blütenlese ihrer Schimpfwortplantage auch schon manche Rosen und Röslein auf mich niedergeregnet. Ich bin so etwas wie das schwarze Schaf im Hause. Alle – mit Ausnahme der Dienstboten – nehmen eine feierliche, ernste, strenge Miene an, wenn sie zu mir sprechen. Ich bekomme jeden Tag mein Extrafutter von frommen Reden und Ermahnungen. Zu gottvoll war Fräulein Tony, die Nichte, in der ersten Zeit. Sie blickte immer zur Seite, wenn ich sie um etwas fragte, oder sie notgedrungen das Wort an mich richten mußte, als wenn ihr jungfräuliches Schamgefühl erzitterte, wenn sie »so eine« ansehen mußte. Auch der Herr Vikar Schaffesky (ich sage Schafskopf) tut immer ganz wunderlich zu mir, und ich mußte und muß noch manche Anspielung von »Verlorenen« und »Verworfenen« und »Geächteten« anhören. Na – mich läßt das ziemlich kalt. Gewissermaßen kann man es ja den Leuten nicht verdenken, da ich hier doch in den moralischen Drill gegeben bin, und sie wahrscheinlich nur ihre Pflicht zu erfüllen meinen, wenn sie mich recht kurz und streng halten.

Was mich nur so maßlos empört, ist die Tatsache, daß ich hier auch nicht die geringste persönliche Freiheit genieße, sondern wie eine schwere Verbrecherin auf Schritt und Tritt bewacht und beobachtet werde. Es liegt etwas furchtbar Demütigendes, Peinigendes darin. Zum Beispiel erhalte ich keinen Brief, der nicht in Pastors Studierstube erbrochen und gelesen würde. Zwei Briefe, einen von Osdorff und einen von Konni haben sie mir unterschlagen. Zum Glück wurde ich es gewahr. Seitdem lasse ich sie nach Lübeck postlagernd schreiben und die Schusterfrau nebenan, die die Botengänge macht, bringt sie mir heimlich mit. Umgekehrt kommt auch kein Brief von mir fort, der nicht erst die Zensur der Studierstube passiert hat. An Osdorff und Konni kritzle ich ab und zu ein paar Zeilen mit Blei und schicke sie unfrankiert ab, denn ich habe, seitdem ich hier bin, keinen Pfennig zur Verfügung. Einmal gelang es mir, einen solchen unfrankierten Brief an Vater wegzuschmuggeln (zu Hause ist unterdessen ein Junge angekommen). Aber Vater antwortet mir nicht direkt, sondern schrieb an Pastors, daß ich mich beschwert hätte, was mir eine tüchtige Pauke eintrug. Seitdem bekomme ich jeden Sonntag eine Mark Taschengeld, aber ich muß am Samstag über jeden verwandten Pfennig Rechenschaft ablegen. Es ist ein entsetzliches Leben. Vater wagt offenbar nicht, mich hier wegzunehmen, weil er Tante Frieda fürchtet. Ich kann es Vater nicht verzeihen, daß er Meinert trotz allem Vorgefallenen noch behält.

Ich werde nie wieder nach Hause zurückkehren. Ich hasse Meinert wie die Pest. Meine Seele ist voll Bitterkeit und Groll. Die Menschen hier im Hause hasse ich alle, nur die Dienstboten nicht, die halten zu mir, aber es sind eben zu oft fremde Gesichter da. Heute sind Pastors zu einer Hochzeit, Fräulein Toni liegt zu Bett mit Zahnschmerzen und Schafskopf ist verreist.

Ich bin ein paar Stunden bei Frau Klock und schreibe hier. Ihr Mann ist Schuster. Sie verdient noch nebenbei durch Botengänge. Sie ist eine sehr propre, fleißige, freundliche Frau und mir sehr zugetan.

Was mich besonders zu ihr hinzieht, ist ihr kleines, acht Monate altes Mädchen. Es ist zu herzig und genau so alt wie Erika. Ich halte es zu gern auf dem Schoß und spiele mit ihm. Es kräht und lacht und möchte etwas sagen. Zu niedlich. Wenn ich doch Erikachen mal sehen dürfte. Ich habe so viel Sehnsucht. Es ist zu traurig . . .


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Wenn man nicht gerade als aktive oder vielmehr passive Person mitten drin wäre, in dem Familienidyll unseres Pastorats, sondern als unbeteiligter Zuschauer abseits stände und mit den Augen eines lachenden Philosophen beobachten und allerhand interessante Parallelen zwischen Worten und Werken, zwischen Theorie und Praxis, hochtönender Morallehre und ihren Nutzanwendungen ziehen könnte, müßte es ganz erheiternd sein, hier eine Zeitlang zu verweilen.

Es kann nichts Komischeres geben als die Kontraste zwischen dem Gequassel und den Salbadereien dieser frommen, augenverdrehenden Menschen und der Art ihrer Anschauungen, ihrer Lebensführung, und ihrem Verhalten untereinander und dem lieben Nächsten gegenüber.

Ich habe schon lange gemerkt, daß der Pastor und seine liebe Gattin gar nicht sehr idyllisch miteinander leben. Sie zanken sich oft wie die Spatzen, freilich immer nur, wenn sie sich allein glauben, aber ich konnte nie dahinter kommen, um was es sich handelt. Frau Klock erzählte mir dieser Tage, der Pastor hätte ein kleines Verhältnis mit einer hübschen Bauernfrau im Dorf, und die Pastorin hat Wind davon bekommen, und im vorigen Jahr ist sie mit dem jüngsten Jungen sechs Wochen fort und hat gewartet, daß ihr Mann sie wieder holen sollte. Der war aber froh, daß er sie los war, und nachher ist sie von selber wiedergekommen. Na, es ist ja nicht hübsch, wenn ein Mann seine Frau betrügt, aber dieser alten Gans mit ihrer scharfen Zunge, ihrem Geiz und ihrer Brutalität gönne ich es, wenn sie sich mal tüchtig ärgern muß.

Soviel steht fest: Ich werde nie mehr mit einem Fuß die Kirche betreten, wenn ich hier weg bin. Nie mehr! Die Kirche ist mir zu sehr verleidet.

Früher durfte ich Sonntags so lange schlafen wie ich wollte, und es stand in meinem Belieben, ob ich in die Kirche gehen wollte oder nicht. Da bin ich gern und oft hineingegangen. Jetzt muß ich Sonntags eine Stunde früher aufstehen, um mit meiner Arbeit zeitig fertig zu sein, weil ich punkt ein Viertel nach neun zum Kirchgang anzutreten habe. Dann trottele ich zwischen Frau Pastorin und Toni die Dorfstraße hinauf, um die anderthalb Stunden in der Kirche abzusitzen. Diese anderthalb Stunden dehnen sich mir immer unerträglich in die Länge. Im Winter bekommt man eiskalte Füße und im Sommer summen die Fliegen an den Wänden und man würde ein bißchen einduseln, wenn das dröhnende Organ des Herrn Pastors einem nicht wie Keulenschläge aufs Trommelfell bumste und jede Ruhe und Traumstimmung illusorisch machte. Ich wollte, ich hätte Zeit, die Predigten hier wiederzugeben. Vielleicht mal später. Immer mit derselben Technik und nach der gleichen Schablone: Ihr seid allzumal Sünder! Höllenhunde, Satansbraten, reif für die Schmorpfanne der infernalischen Bratöfen. Und dann als Finale der ölig fließende Honigseim, göttliche Gnadeverheißungen, Liebe, Liebe, Liebe. Nun, wenn diese verheißene göttliche Liebe Ähnlichkeit mit dem von der Firma Daub und Konsorten verzapften Artikel gleicher Etikette hat, möchte ich ergebenst danken . . .

Frau Pastor und Fräulein Toni sitzen aufrecht und gerade wie aufgespannte Regenschirme rechts und links an meiner Seite, vollgeplustert von Andacht und Selbstzufriedenheit. Beim Hinausgehen lächelt Frau Pastorin freundlich nach allen Seiten, ganz »Liebe« und Milde und wohlwollende Gemeindemutter. Wehe aber, wenn sie, in den Flur tretend, mit dem Zeigefinger über die Kommode oder den Mahagonischrank fährt und eine Spur Staub entdeckt, dann geht's los mit Pauken und Trompeten: Was für ein Schwein hat hier heut wieder das Abwischen besorgt? . . .

Natürlich bin ich die so lieblich Verbildlichte.

»Sie? Meinen Sie vielleicht, Sie hätten für die paar Mark Pension, die Ihr Vater für Sie zahlt, das Recht, mein Haus wie einen Saustall zu behandeln? . . .« usw.

Ich bin so verstockt, daß ich mir ordentlich Gewalt antun muß, um nicht laut rauszuprusten vor Lachen. Sie ist zu komisch, wenn sie vor Wut kocht.

Weher tun schon die kleinen Sticheleien und bissigen, versteckten Anrempeleien. Schon seit einiger Zeit war die Rede davon, daß der Amtsbruder unseres Pastors aus einem entfernten Dorfe mit seiner Frau und seinen Töchtern, zwei Mädchen im Alter von siebzehn und neunzehn Jahren, eines Sonntags auf Besuch kommen wollen. Ich freute mich darauf. Ich hab so lange nicht mit jungen Mädchen verkehrt, ich habe ordentlich mal Sehnsucht nach Altersgenossinnen, und ich war so blödsinnig unvorsichtig und naiv, meinen Gefühlen eines Mittags im Beisein sämtlicher Hausgenossen Ausdruck zu geben. Aus dem verlegenen Schweigen, das daraufhin entstand, merkte ich, daß etwas faul im Staate Dänemark war. »Aber Thymian,« sagte Toni vorwurfsvoll, »Sie können doch nicht annehmen, daß Tante Sie den jungen Mädchen vorstellt?« »Warum nicht?« fragte ich in meiner Dummheit. Der Pastor legte Messer und Gabel hin. »Thomas und Hanni geht hinaus!« Und als die Jungen raus waren: »Meine Nichte hat durchaus recht. Wir wollen Sie gewiß nicht verletzen, liebe Thymian, aber so wie die Sachen stehen, wäre es eine unerhörte Taktlosigkeit von uns, Sie mit den jungen, unschuldigen Töchtern meines Amtsbruders zusammenzubringen.« »Natürlich geht das nicht,« sagte die Pastorin brüsk. »Thymian bleibt den Nachmittag, wenn Roswars kommen, auf ihrem Zimmer. Das ist ja auch für sie selbst am angenehmsten. Sie und die Mädel haben doch keine gemeinsamen Interessen.«

Da hatte ich es. Und nun sitze ich in meinem Stübchen, hab für den Nachmittag Arrest und infolgedessen Zeit, mich mit dir, mein Tagebuch, zu beschäftigen. Roswars sind nämlich heute da. Ich hab mich eingeschlossen. Eigentlich ist es zu dumm, daß einem so etwas nahe geht. Man sollte sich drüber hinwegsetzen. Trotzdem brennt und sticht es, als ob jemand mir mit Nesseln die Seele wundgepeitscht hätte. Ich habe geweint darüber.

Ich habe bisher nie richtig über die Konsequenzen meines Unglücks nachgedacht. Es ist mir noch nicht bewußt geworden, daß ich damit für immer aus den Reihen der gesellschaftlich für voll Geltenden, der anständigen Frauen und Mädchen, ausgeschieden bin. Obgleich man es mich hier schon oft genug fühlen ließ, hatte ich es nie so recht kapiert, um es ganz zu begreifen. Jetzt weiß ich's.

Ich Törin hatte geglaubt, mit der Angst und den Qualen der dem Ereignis voraufgehenden Monate, mit der furchtbaren Stunde am schwarzen Wasser, in der der Wunsch zu sterben und der Drang zum Leben in mir wie zwei wahnsinnige Menschen miteinander kämpften, meine Schuld bezahlt zu haben. Ein Stück fröhlichen Kinderglaubens an die lieblichen Verheißungen des Evangeliums lebte in mir: Bei unserm Gott ist viel Vergebung . . .

Jetzt weiß ich's besser. »Unser Gott« hat einen Januskopf mit zwei Gesichtern. Das eine, Liebe und Vergebung verheißend, ist für die Guten, die Kindlich-Gläubigen, Niestrauchelnden, die eigentlich gar keine Vergebung nötig Habenden. Und das andere, zürnende, furchtbare, in unversöhnlicher Strenge erstarrte, ist den bösen, verstockten, unbußfertigen Sündern zugewandt und droht mit Hölle und Verdammnis und Rache und Strafen bis ins dritte und vierte Glied.

Nein, lieber glaube ich überhaupt an keinen Gott, als an den Gott der Daubs und Genossen. Man schließt vom Diener auf den Herrn. Was muß das aber für ein Herr sein, dem diese heuchlerischen, lieblosen, boshaften Menschen mit ihrer Heuchelei, ihrer Erbarmungslosigkeit und ihrer Gehässigkeit zu dienen glauben!

Dieses fortwährende Beten und Salbadern und fromme Getue ist mir unsäglich zuwider. Ich fühle, daß ich ganz schlecht werde, wenn ich hier lange bleibe. Mir ist so gallbitter zumute. »Eine strenge aber liebevolle Obhut« haben sie für mich in den Itzehoer Nachrichten gesucht. Die Strenge läßt nichts zu wünschen übrig, aber die Liebe suche ich vergebens. Ich möchte wissen, was die Daubs sich unter Liebe vorstellen. Ich werde wie ein nichtsnutziger, überflüssiger Gegenstand umhergestoßen und bekomme in einer Stunde manchmal zehnmal zu hören, daß sie für die tausend Mark Kostgeld mindestens für fünftausend Mark Ärger an mir hätten, und daß ich nicht dankbar genug sein könne, daß eine anständige, christliche Familie mich, die Verworfene, in ihrer Mitte aufgenommen habe.

Ich habe schon manchmal daran gedacht, auszureißen. Aber wo soll ich hin, wo ich doch kein Geld habe. Eine Heimat habe ich auch nicht mehr. Der alte Herr Peters hat sein Wort nicht gehalten. Ich bekam keine Silbe. Oder ob sie mir die Briefe unterschlagen haben? Ich werde nächstens mal hinschreiben. Zum Glück weiß ich die Adresse.

Die kleine Marie Klock hatte neulich die Masern. Sie sagt schon »Mama«. Zu süß. Ich war heimlich weggelaufen, um nach ihr zu sehen, was mir fürchterliche Schimpfe von der Pastorn eintrug. Es fehlte nicht viel, da hätte sie mich verhauen wegen der Ansteckung, die ich ihren Jungens eventuell zugetragen hätte. Zum Glück ist niemand krank geworden.


* * *


Ich bekam vor sechs Wochen einen Brief von der Lene. Sie schrieb mir, ich sollte sehen, daß ich eine Stelle als Stütze bekäme. Es wäre unverantwortlich von mir, daß ich Vater ein so hohes Kostgeld bezahlen ließe, wo die Geschichte ohnehin ein Heidengeld gekostet habe. Als ob es für mich ein Luxus wäre, bei den Daubs in Pension zu sein! . . . Die Lene ahnt ja nicht, welch einem Verständnis ihre Wünsche bei mir begegnen.

Zufällig fand ich an jenem Tage gerade Zeit, an Konni Liesmann in Hannover ein paar Zeilen zu schreiben und da flocht ich es mit ein, daß ich mich nach einer Stellung umsehe, und ob sie vielleicht was für mich wüßte. Einige Tage darauf schrieb Konni mir zurück, ich möchte doch zu ihr kommen. Sie wollte mir freie Station und zwanzig Mark monatlich Taschengeld geben und ich sollte dafür nur etwas im Haushalt helfen und im übrigen wie ihre Schwester gehalten werden. Natürlich war ich über das Anerbieten vergnügt wie ein Kiebitz und meldete es sofort nach Hause. Acht Tage darauf schrieb Vater mir, daß er über die Frau Liesmann in Hannover Erkundigungen eingezogen habe und die erhaltene Auskunft keine derartige sei, daß er mich der Dame anvertrauen könne. Dahinter steckt natürlich wieder Tante Frieda. Ihre Vorwürfe, meine Erziehung betreffend, müssen Vater höllisch nahe gegangen sein, daß er jetzt ganz nach ihrer Pfeife tanzen zu müssen glaubt. Sie wollen wieder in den Itzehoer Nachrichten eine Stelle für mich suchen. Wahrscheinlich soll ich wieder in ein »christliches Haus« kommen. Gott erbarme dich! Wenn ich nur wüßte, wie ich es anstelle, um hier fortzukommen. Ich würde dann einfach durchbrennen und doch zu Konni Liesmann fahren. Ich zerbreche mir Tag und Nacht den Kopf, wie ich es mache.


* * *


In aller Eile. Ein niedliches Erlebnis, das ich flink in mein Buch registrieren muß, weil es schade wäre, wenn es der Nachwelt verloren ginge. Gestern waren Pastors beim Ortsvorsteher zur Kindtaufe, die Jungens machten eine Spritztour nach Lübeck und ich sollte in vierundzwanzig Handtücher Stilstich-Monogramme sticken und nebenbei noch ein halbes Dutzend Paar Strümpfe stopfen. Nachdem ich schon zwei Stunden gestichelt hatte, war mir plötzlich der Fingerhut verloren gegangen, ich suchte und suchte vergebens – und da der Nähtisch wie alle andern Schubfächer und Behälter stets verschlossen ist, machte ich mich auf die Suche nach Fräulein Toni.

Es war alles totenstill im Hause, da auch die Dienstmädchen nicht daheim waren. Meine Hausschuhe mit den von Frau Pastor vorgeschriebenen Filzsohlen machen nicht das geringste Geräusch, so gelangte ich ungehört an die Tür von Tonis Zimmer oben. Ich wollte schon anklopfen, da stutzte ich, weil ich drinnen Lachen, Plaudern, Flüstern höre. »Ha, ha,« denke ich und ziehe mich leise zurück, in die Treppennische, von der aus man die Tür beobachten kann.

Es dauerte und dauerte, schließlich wurde mir die Zeit lang, ich wieder hin und klopfe und rüttle, als ich keine Antwort bekomme. Nichts regt sich, die Tür war verschlossen. »Na, das ist gut,« denke ich, »lieben die sich hinter verschlossenen Türen, das läßt tief blicken,« und dabei überkommt mich eine ganz boshafte Schadenfreude, diese frommen Seelen mal in flagranti zu ertappen. Das Zimmer hat keinen zweiten Ausgang, ich postiere mich daneben und huste jeden Augenblick vernehmlich, damit sie wissen, daß ich da bin. Die Uhr wird sieben, acht, es ist stockfinster. Um halb neun Uhr kommt die Magd zurück. Ich an die Treppe gerannt und gebrüllt, sie muß hinaufkommen, ich hätte furchtbare Angst, es wären Einbrecher in Fräuleins Zimmer, und ich fürchtete, Fräulein Toni sei ermordet. Das Mädel fängt natürlich auch an zu schreien, derweilen wird die Tür geöffnet und wie ich mich umsehe, steht der Vikar hinter mir und schüttelt mich und sagt, ich soll doch den Mund halten. Und der ganze Kerl hat geschlottert vor Angst und ist kreideweiß gewesen, aber ich habe mir den Bauch vor Lachen gehalten und bin dann gleich in Tonis Stube, die stand noch im Finstern und war dabei, die Spreitdecke über ihr Bett zu legen.

»Ich wollte Sie man bloß bitten, mir 'n Fingerhut zu leihen,« sag' ich harmlos, »warum haben Sie denn noch keine Lampe an, Fräulein?«

»Ja – Sie – – Sie – – – Geschöpf,« sagte sie und zittert vor Wut. »Warten Sie man, das will ich Ihnen einreiben . . .«

»Aber was denn? Was hab' ich denn verbrochen?«

Da hat sie Licht angemacht und mir einen Blick zugeworfen – – einen Blick. – – Trotzdem mußte ich lachen, weil auf ihrem Gesicht das ganze zärtlich-lustige Kapitel der letzten Stunde zum Ablesen deutlich geschrieben stand.

Nun kann ich mich freuen.

Heute früh ging die Schikaniererei schon los . . . Schluß . . .! Die Jungens schreien nach mir  . . .


* * *


Die kleine Maria Klock ist plötzlich an Brechruhr gestorben. Innerhalb dreier Tage gesund und tot. Ich komme gar nicht darüber hinaus, ich hatte das Kindchen so lieb. Wie ein kleines Engelchen lag es im Sarge!

Ich schlafe keine Nacht. Meine Gedanken sind immer bei der kleinen Erika. Vielleicht ist sie auch schon tot und ich weiß von nichts. Nächsten Monat wird sie ein Jahr alt . . . wenn sie lebt, ich glaube es kaum mehr.

Ich bin krank vor Unruhe und Angst und Sehnsucht, und weil ich keinen Menschen in der Welt habe, mit dem ich meine Sorgen besprechen kann, ist es noch einmal so schlimm. Oft, wenn ich nachts wach in meinem Bett liege und nicht zum Einschlafen komme, gehen allerhand wunderliche Gedanken wie schwarze Silhouetten durch meine Seele.

Ist es nicht eine sonderbare Einrichtung in der Welt, daß es so ist und nicht anders? Müßte nicht das Recht jeder Mutter an ihrem Kindchen heilig sein, so heilig, daß alles, alles andere dahinter verstummt, daß Spott und Hohn sich davor verkriechen, wie die Nachteulen und Fledermäuse vor der Tageshelle. Ist nicht jene Liebe, die das Evangelium predigt, die langmütig und freundlich ist, die nicht eifert, sich nicht erbittert, nie das ihre sucht, die alles duldet, alles vergibt und nimmer aufhört, einzig und allein identisch mit der Liebe einer Mutter zu ihrem Kinde!

Das ist eine Liebe, die wahrhaft lauter und rein und bar aller unedlen, selbstsüchtigen und gemeinen Motive ist . . . Ich schreibe dies im Bett beim Schein einer Stearinkerze. Die Jungen schlafen . . .

Wenn es den Menschen richtig ernst um ihre Religion wäre, würden sie nicht die uneheliche Mutter mit Schimpf und Hohn bewerfen und es ihr unmöglich machen, sich frei und offen zu ihrem Kinde zu bekennen. Sie würden auch in der »Gefallenen« immer noch das Gefäß jener heiligen Liebe, die Gott selbst als des Gesetzes höchste Erfüllung bezeichnet, achten, und sie still ihrer Wege ziehen lassen.

Wo in der Welt findet sich eine Liebe, die auch nur annähernd der im Korinther-Briefe beschriebenen Liebe so ähnelt, wie die Mutterliebe? Nirgends, nirgends! Folglich ist sie diejenige, die der Vervollkommnung am nächsten steht. Folglich ist die liebende Mutter dem idealen Christen am ähnlichsten.

Ich bin noch nicht achtzehn Jahre alt. Des Lebens Frühling nennen sie die Jugend. Aber in mir ist keine Sonne und keine Freude mehr. In mir ist alles ernst und dunkel. Und doch war ich meiner Veranlagung nach zur Freude und Fröhlichkeit prädestiniert. Ich habe so gern gescherzt und gelacht . . .

Wie ist es schrecklich, daß ein Schritt abseits vom Wege einen unerbittlich in trostlose Nacht, Einsamkeit und Öde führt . . . Wie ist es fürchterlich, daß Menschen – – fühlende, denkende Menschen aus Fleisch und Blut, Menschen mit Schwächen und Fehlern wie andere – das große, schöne, heilige Evangelium der Liebe in gottlose Satzungen der Härte und Erbarmungslosigkeit, in Brutalität und Grausamkeit ummünzen konnten. Wenn ich träume, träume ich von einem Glück, das hell und rein und sonnig ist. Ich halte mein warmes, weiches, kleines Kind auf dem Arm. Es trägt ein weißes Kleidchen und lacht und klatscht in die Hände. Und wir beide wandern weiter und weiter hinein in den heiteren Frühlingsmorgen, über grüne Wiesen mit Blumen und Schmetterlingen, nach denen das Kindchen hascht. Immer weiter, weiter hinein in eine andere, schönere, weite Welt, in der es keine lebenden Wesen gibt, nur Blumen und Sterne und kristallhelles Wasser, in dem man allen Schmutz und alle Schuld der alten Welt abwäscht, und aus dem man hervorsteigt als ein reiner, guter, heiliger Mensch . . .


* * *


Bei Pastors mußte ich mir die Augenblicke, wo ich ein paar Seiten schreiben konnte, stehlen. Die letzte Eintragung mit Blei beim flackernden Schein einer Groschenkerze ist kaum zu lesen . . . Jetzt dagegen hätte ich Zeit genug, aber ich bin gar nicht mehr darauf gekommen, bis ich das Buch heute morgen plötzlich hervorkramte, und da es ein so langweiliger Sonntag-Nachmittag ist, will ich mal wieder schreiben. Die letzte Seite gibt so ganz meine Gedanken in jener Zeit wieder. Es war ein mieses Jahr im Pastorat, und damit meine Aufzeichnungen einmal vollständig der Nachwelt in Händen kommen, will ich das, was seitdem geschah, in großen Umrissen nachholen.

Wenn ich meine Eindrücke meines »Besserungsjahres« resümieren sollte, könnte ich nur sagen, das, was mir so furchtbar bei Daubs aufstieß, und widerstand und mir das Leben dort verekelt, war weniger die Behandlung, die mir persönlich dort widerfuhr, als die schandhafte Heuchelei und Falschheit dieser Gesellschaft. Etwas in mir lehnte sich direkt dagegen auf. Ich kann so etwas nicht ausstehn. Frömmigkeit ist schön und gut, wenn sie von einem den elementarsten Voraussetzungen der Ethik entsprechenden Wesen und Verhalten getragen wird. Aber das Wort »Gott« im Munde eines keifenden Weibes und eines eifernden Zeloten ist widerwärtiger, als das kräftigste Schimpfwort eines verkommenen Proleten auf der Gasse. Ich konnte nicht dagegen an; alles in mir war Protest und Ekel. Sonst will ich mich nicht einmal beklagen. Die Arbeit hat mir nichts geschadet, und satt bin ich immer geworden.

Wenn ich nur nicht plötzlich das krankhafte Heimweh nach meinem Kind gehabt hätte! Seitdem das kleine Schusterkind gestorben war, hatte ich weder Rast noch Ruhe.

Es war wie eine Krankheit, ich ging in einem immerwährenden Fieber und dachte und wünschte und hoffte und sehnte nichts weiter, als doch nur ein einziges Mal das kleine, süße Kindchen wiederzusehen.

In der Zeit besuchte mich Tante Frieda auf drei Tage. Die Pastorin mag schön über mich hergezogen sein, denn Tante nahm mich stramm ins Gebet und sagte, sie hätte eine Stelle für mich im Dithmarschen, in einem Bauernhaus. Fünf Kinder und nur ein Dienstmädchen, und das Haus läge ganz einsam und es herrsche dort ein ganz streng christliches Familienleben. Ich ließ sie losreden und dachte mein Teil, es stand gleich fest bei mir, daß ich nicht dahingehe. Was ich in dem Jahr bei Daubs an Strenge und Christlichkeit gehabt habe, reicht für mein Leben aus.

Ich bin überhaupt so: mit Güte kann man alles mit und aus mir machen. Und ich glaube, es geht den meisten Menschen so. Güte ist eine Waffe, gegen die man nicht ankommt. Strenge dagegen fordert Widerspruch und Opposition heraus. Tante Frieda ist gewiß ein herzensguter Mensch, und sie meint es sicher gut mit mir, aber ich kann mir nicht helfen, so bald sie anfängt, mir Vorhaltungen zu machen, Bußpredigten zu halten, ist sie mir zuwider. Herrgott und Fahnenreich – ich habe doch wahrhaftig gebüßt. Erst muß ich wieder etwas ausgefressen und abzubüßen haben, ehe ich mich gutwillig einer neuen Bußzeit aussetze und unterwerfe. Ich machte drei Kreuze hinter ihr her, als sie fort war.

Wir hatten zu der Zeit ein Dienstmädchen, das der Pastor aus einer christlichen Erziehungsanstalt in Hamburg bezogen hatte, weil sie sonst nirgends mehr eins kriegten.

Rike hieß sie und ein Racker war sie, und ich freute mich, daß die Dauben jetzt mal hin und wieder richtig Ursache zur Wut hatte. Es fluschte dann auch manchmal so, daß die Rike meinte, Ostern und Pfingsten kämen auf einen Tag. Ich kam ganz gut mit dem Mädel aus, sie merkte wohl, daß ich in mancher Hinsicht eine Leidensgefährtin war.

Eines Nachmittags, als die Pastorin in einem Nachbardorfe zur Visite und die Toni mit ihrem Schatz in Lübeck zum Einkaufen war, kam ein reicher Bauer zum Pastor und brachte ihm Geld, ich weiß nicht, wofür, ich glaube Miete für eine Wiese; nachher ging der Pastor fort. Gegen sechs Uhr komme ich aus dem Garten, wo ich zu tun hatte, und da sehe ich im Vorübergehen durchs Fenster, daß die Rike in der Studierstube am Schreibtisch steht und Geld von der Platte nimmt. Ichnatürlich sofort herein und sie zur Rede gestellt und sie kriegt einen Schreck und zeigt mir das Geld, zwei Zwanzigmarkstücke, die der Pastor zu verwahren vergessen hat, und bittet mich vom Himmel zur Erde, ich soll sie doch nicht unglücklich machen. Ich besann mich einen Augenblick, denn auf einmal war mir heiß ein Gedanke durch den Kopf geschossen.

»Rike,« sagte ich, »ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Geben Sie mir zwanzig Mark ab und halten Sie den Mund. Nachher will ich die Schuld ganz allein auf mich nehmen und der Pastor soll überdies die vierzig auf Heller und Pfennig wiederkriegen. Aber ich muß fort. Meinen Sie, daß der Alte noch was wegbleibt?«

Rike lachte und sagte, der Alte wäre zu seiner Liebe herüber. Der käme noch sobald nicht, und war mit allem einverstanden. Ich kriegte also die zwanzig Meter und zog mich schleunigst an und packte etwas Wäsche zusammen und dann fort zur nächsten Station. Zum Glück ging gerade ein Zug nach Lübeck, und von da hatte ich gleich Anschluß nach Hamburg. Gegen zehn Uhr kam ich da an. Natürlich war es dann zu spät, noch zu Peters zu gehen. Anderseits hatte ich auch keine Lust, im Hotel zu übernachten, weil ich doch mit meinem Geld reichen mußte und ich noch nach Hannover wollte. Bis über Mitternacht blieb ich im Wartesaal des Dammtorbahnhofs sitzen, aber der Kellner kam und sagte, der Wartesaal würde geschlossen, und da müßte ich fort. Zum Glück war es eine wunderschöne, warme Mainacht, und die Luft tat mir ganz gut. Ich bummelte ein bißchen über die Wallanlagen, setzte mich einen Augenblick auf eine Bank und kehrte dann um und ging über die Kolonnaden nach dem Jungfernstieg und an der Alster entlang.

Die Straßen waren sehr still, nur hin und wieder rollte ein Wagen über den Straßendamm, und vereinzelte Fußgänger hasteten vorüber. Auf einmal merkte ich, daß ein Herr hinter mir herging und mir folgte. Mir war sehr bange, ich eilte rasch weiter, aber in den Alsterarkaden holte er mich ein und redete mich an. Ob ich denn noch so spät spazieren ginge . . . Ich sah ihn an und bemerkte, daß er elegant gekleidet war und gut aussah, einen Zylinder trug und einen langen, blonden Schnurrbart hatte. Ich sagte ihm, daß ich fremd in Hamburg und erst eben mit der Bahn angekommen sei und daß ich die Zeit bis zum nächsten Tag, wo ich nach Hannover führe, totzuschlagen hätte. Er meinte, da würde mir die Zeit aber noch lang werden, denn es sei noch nicht zwei, und ging immer neben mir her und wir waren bald in Unterhaltung. Er hatte etwas sehr Nettes, Angenehmes, und als er plötzlich mit dem Vorschlag herausrückte, ich möchte doch mit ihm in seine Wohnung kommen und da ein paar Stunden verweilen, fand ich eigentlich gar nichts darin und willigte gern ein. Er wohnte in der Nähe, Ecke Gänsemarkt und Gerlachstraße, oder so ähnlich, drei Treppen, und hieß Emil Reschke, wie ich an dem Schild vor der Tür las.

Ich habe nie so reizend eingerichtete Zimmer gesehen, wie die drei, in die er mich führte. Alle durcheinander, ein Herren- und ein Speisezimmer und ein Schlafzimmer, in dem eine rote Ampel brannte. In allen drei Zimmern duftete es nach frischen Rosen. Ich legte meine Sachen ab, und Herr Reschke brachte eine Flasche Sekt und Gläser und allerhand kalte Sachen, Hummer und Aufschnitt und Kuchen und Pralinees, was ich mir gut schmecken ließ, da ich riesig Hunger hatte.

Ich saß auf der Chaiselongue und Herr Reschke neben mir auf einem Stuhl, und wir stießen miteinander an, und mir wurde immer wohler. Alle Schwere und alles Trübe fiel von mir ab, und meine Seele wurde leicht und frei.

Als ich mich sattgegessen und Herr Reschke die Sachen auf das Büfett zurückgestellt hatte, setzte er sich auf die Chaiselongue und legte den Arm um meine Taille. Das ließ ich mir gefallen und auch, daß er mich küßte. Aber als er mich plötzlich an sich zog und seine Augen dicht vor meinen flimmerten, riß ich mich los, der Rausch war plötzlich verflogen; das waren Meinerts Augen, die verhaßten, die mich anschauten, und ich wußte, wenn ich blieb, verliere ich mich selber, und das darf nie wieder vorkommen. Ich glaube, ich bin totenbleich gewesen, und gezittert habe ich, und konnte nur herausbringen, daß ich fortmußte.

»Nanu? Was ist denn los, ich will Sie doch nicht fressen, Kindchen,« sagte Herr Reschke und redete mir zu, daß ich mich wieder setzte. Er sprach sehr gut, sehr ruhig und freundlich zu mir, so daß ich mich allmählich beruhigte. Ich faßte wieder Vertrauen zu ihm, und als er mich bat, ihm doch zu erzählen, woher ich käme und was mit mir wäre, war es mir, als ob jemand den Schlüssel zu meinem Inwendigen umdrehte, und die Tür sprang auf und alles quoll heraus, was drinnen eingeschlossen liegt seit Jahren. Ich erzählte Herrn Reschke von meiner Kindheit und den Vorkommnissen in meinem Vaterhaus, von meinem Unglück und alles, alles bis auf das gemopste Zwanzigmarkstück. Als ich Herrn Reschke dann wieder ansah, fand ich ihn ganz verändert:; das unruhige, heiße Flimmern war aus seinen Augen weg, und in seinem hübschen, frischen Gesicht lag nichts als Freundlichkeit und Teilnahme.

»Armes, kleines Mädchen,« sagte er mitleidig, und strich mir mit der Hand über die Wange. »Wenn Sie schon so viel durchgemacht haben, müssen Sie aber vorsichtig sein, und nie mehr in der Nacht in die Wohnung eines fremden Mannes gehen. Danken Sie Gott, daß Sie in keine schlechteren Hände als die meinen fielen. Ich bin ein Lebemann, aber keiner von der gemeinen Sorte, der alles egal ist. Ein unglückliches Kind wie Sie noch unglücklicher machen – – nein, das gibt's doch nicht bei dem Emil Reschke. Sie sind übrigens viel zu schön, um sich so schutzlos überlassen zu sein. Na, nun sind Sie man ruhig, es geschieht Ihnen nichts. Legen Sie sich hübsch auf die Chaiselongue und ruhen ein wenig.« Er sprach es, und ich legte mich gehorsam nieder, und er legte eine Decke über mich und ging hinaus und machte die Tür fest zu, und ich schlief dann bald ein und wachte erst auf, als mein Gastfreund mich um sechs Uhr weckte. Er hatte schon selbst Kaffee gekocht, weil seine Aufwartung erst um halb acht Uhr kam und ich vorher weg sollte. Als wir gefrühstückt hatten, gab er mir eine Schachtel Pralinees und ein Zwanzigmarkstück, um es dem Pastor wiederzuschicken, damit ich nicht in Diebstahlverdacht käme, wie er sagte. –

Ich habe mein Abenteuer Konni Liesmann erzählt, und sie lachte mich aus, und meinte, ich solle ihr keine Wippchen vormachen und das Dümmeren weismachen, daß ein Mann nachts ein Mädchen mit auf seine Bude nähme und ihr zwanzig Mark schenke für nichts und wieder nichts. Solche edle Menschenfreunde kämen nur in Romanen vor. Aber es ist doch so; sonst würde ich es hier nicht niederschreiben, denn vor meinem Buch habe ich kein Geheimnis. Dieser Emil Reschke war ein guter Mensch. Gott sei Dank, daß es noch solche Menschen gibt.

Ich trieb mich in den Straßen umher, bis die Läden aufgemacht wurden und kaufte ein Püppchen und eine Rassel und ein Schäfchen aus Sammet und fuhr dann nach Eimsbüttel zu Peters.

Ich fragte das Mädchen, das mir die Tür aufmachte, nach dem Konsul und wurde in ein Zimmer geführt, und nach einer Weile kam der alte Herr, der mich sofort erkannte und etwas verlegen wurde, als ich ihm sagte, daß ich Erika sehen wollte. Er sagte, er wolle mit seiner Frau sprechen und ging hinaus, und es dauerte lange, bis er mit seiner Frau, einer sehr stolz aussehenden Dame in einem hellgrauen Sammetschlafrock, zurückkam. Sie grüßte mich von oben herab und sagte, es solle eigentlich nicht sein, aber da das Kind noch zu klein sei, um etwas zu verstehen, wolle sie mich zu ihm führen, es sei eben gebadet. Ich folgte ihr ins andere Stockwerk, und mein Herz klopfte vor Aufregung, daß ich kaum atmen konnte.

Im Kinderzimmer saß es in seinem weißen Stühlchen, ganz in Stickerei und Valenciennes, wie ein kleiner Engel.

Ach Gott, es gibt ja gar nicht so Süßes, Goldiges, Entzückendes mehr in der Welt! Lange schwarze seidige Kraushaare hat's und dunkelblaue Augen. Ich hätt's aufessen mögen vor lauter Liebe. Ich küßte sein Gesichtchen, seine Händchen, sein Hälschen, es sah mich groß an und schlug nach mir und räkelte sich mit den Ärmchen nach der Frau Peters und rief: Mam – mi – – Mam – mi – – Sie sah ganz strahlend und selig und gar nicht mehr stolz aus, wie sie mit Erika schäkerte . . .

Ach – es war eine himmlisch süße halbe Stunde, aber leider nur zu kurz. Frau Peters sagte, das Kindchen müßte nun schlafen, da mußte ich natürlich fort . . .

Ich wurde wieder in das Zimmer des Konsuls geführt, und ein Mädchen brachte mir Portwein und Kaviarbrötchen und Konfekt. Der alte Herr redete gütig und freundlich zu mir. Er sagte, ich müsse doch einsehen, daß solches sporadisches Wiedersehen keinen Sinn und Zweck habe, und die Wunde immer nur von neuem aufreiße. Erika habe es ja so gut und sei ganz wie ihr eigenes Kind. Sie hätten es adoptiert und folglich alle Elternrechte, und es sei ihre einzige Erbin. Ich solle nur vernünftig sein und mir an diesem Wiedersehen genügen lassen. Ich sei ja noch so sehr jung, würde mich eines Tages verheiraten und andere Kinder haben. Ich sagte zu allem »ja«, denn meine Gedanken waren noch bei dem kleinen, herzigen Engelchen oben im Kinderzimmer. Schließlich merkte ich, daß die Audienz beendet war; als ich mich verabschiedete, drückte Herr Peters mir etwas in die Hand, erst draußen sah ich, daß es ein blauer Hundertmarkschein war. Mein erster Gang war auf die Post, wo ich den Zettel wechselte und vierzig Mark an den Pastor einzahlte, womit dieser Zwischenfall erledigt war.

Von der Fahrt nach Hannover habe ich so gut wie nichts bemerkt, ich weinte die ganze Zeit. Das Herz war mir schwer vor Sehnsucht und Traurigkeit.

Seitdem sind Monate vergangen, aber immer noch drehen sich alle meine Gedanken um das Kind. Ich kann mich nicht losreißen von der Sehnsucht, die mein Herz wie mit tausend Ranken durchzieht und meine Seele mit dem zitternden, feierlichen Kerzenlicht einer aus Schmerz und wehmütigem Glück gewobenen Empfindung erfüllt. Die Tränen, die nachts meine Kopfkissen netzen, gelten nicht dem Unglück, nicht meiner Verlassenheit, nein, es ist die Ungerechtigkeit des Schicksals und der menschlichen Satzungen, die sie mir erpreßt. Ich fühle, ich könnte gut, werden, wenn ich mein Kind um mich haben könnte und es groß ziehen dürfte. Ich weiß es: In meiner Seele wohnen Licht und Finsternis dicht nebeneinander, sie sind beide nicht mehr wie früher voneinander geschieden und bilden scharfe Kontraste; sie laufen ineinander und zusammen, die Schatten drohen den letzten schwachen Glanz ehemaligen fröhlichen Sonnenscheins auszulöschen, aber es würde alles wieder gut und fröhlich in mir, wenn ich Erikas Mutter sein dürfte.

Ich bin doch ihre Mutter! Es streckte die Ärmchen nach einer fremden Frau aus und ruft sie »Mutter«! Die Fremde hat sich das Recht, Erikas Mutter zu sein, erkauft! Sie hat mehr Geld als ich und ist eine standesamtlich konzessionierte Frau! Schwamm drüber! Ich muß vergessen. – Ich will vergessen. – Vielleicht kommt doch noch mal eine Zeit, wo ich mein Recht für mich proklamiere.

Konni Liesmann nahm mich sehr freundlich bei sich auf. Sie bewohnt hier eine hübsche Etage von vier Zimmern, sehr elegant eingerichtet, wie überhaupt der ganze Haushalt sehr luxuriös zugeschnitten ist. Der kleine Kurt hat eine Wärterin und gilt als Konnis Neffe. Das ist eine Affigkeit über alle Maßen, denn erstens finde ich es dumm, daß sie ihr Kind verleugnet, und zweitens wissen die Leute, mit denen sie verkehrt, ja doch alle Bescheid. Kurtchen ist ein kräftiges, außergewöhnlich entwickeltes Kind, viel robuster als Erika; es bereitet mir ein wehmütiges Vergnügen, mich an seiner Pflege zu beteiligen und mit ihm zu spielen. Dann haben wir noch ein Dienstmädchen. Ich habe nichts weiter zu tun, als mit nach dem Rechten zu sehen; die Arbeit drückt mich nicht und alle sind nett zu mir, die hierherkommen. Als ich acht Tage hier war, kam Vater und wollte mich holen. Er hat furchtbar zugealtert in den letzten Jahren, ist ganz grau und faltig geworden. Er erzählte mir, daß er mit vielen Sorgen zu kämpfen habe; die Apotheke hat er zur Zeit mit wenig Anzahlung sehr teuer übernommen, und die Hypothekengläubiger, fast alle Mutters Verwandte, geben keinen Pardon bei den Zinsterminen. Die Lene erwartet auch schon wieder was Kleines. Meinert ist noch immer da. Vater sagt, er hätte sich an ihn gewöhnt, und er könne sich im Geschäft so auf ihn verlassen. Ich erwiderte nichts darauf. Ich finde es empörend, daß Vater den schlechten Menschen nicht längst vor die Tür gesetzt hat.

Tante Frieda hatte Vater wahrscheinlich instruiert, daß er mich von Konni Liesmann wegholt, weil die Auskunft ihr nicht paßte, aber ich erklärte gleich, daß ich nicht mitgehe, und mein alter Einfluß auf Vater übte wieder seine Wirkung. Nach drei Tagen zog er unverrichteter Sache ab.


* * *


Die ganze Chose hier wird von Herrn von Vohsen unterhalten. Er bezahlt die Miete und gibt Konni monatlich dreihundertfünfzig Mark, außer den vielen, vielen Geschenken. Dann hat er fünfzehntausend Mark für Kurtchen auf die Bank gesetzt, für den Fall, daß er einmal plötzlich stirbt; er ist nämlich sehr herzleidend. Ich finde das alles ja riesig nobel, aber Konni schimpft wie ein Rohrspatz über seine Knickrigkeit, und manchmal macht sie ihm fürchterliche Szenen, lamentiert über »verlorenes Glück« und jammert, daß sie, wenn er mal die Augen schließe, mit ihrem Kind betteln gehen müsse, weil er nicht für sie gesorgt habe. In der ersten Zeit war ich auch geneigt, ihr darin Recht zu geben, heute denke ich aber doch etwas anders darüber. Konni ist ihm nämlich nicht treu. Sie hat eine Liebschaft mit einem Offizier, einem Oberleutnant von Kronen, ein bildhübscher Kerl, in den sie rasend verliebt ist. Er kommt aber nie in die Wohnung, außer wenn Herr von Vohsen mal verreist ist. Sie sind sehr vorsichtig und treffen sich nur in der Stadt, wo sie sich ein Zimmer für stundenweise Benutzung gemietet haben.

Ich an ihrer Stelle würde doch Vohsen den Laufpaß geben, meinte ich mal zu ihr, und mich nur an den Mann halten, den ich liebe . . . Ich war eben noch ein bißchen dumm-naiv. Sie sagte, das wäre noch schöner, die Taube aus der Hand geben für den Spatz auf dem Dache.

Kronen hätte auch Geld, aber der braucht, was er hat, und ein solides Verhältnis sei doch reeller als so'n bißchen Liebe, von der man nicht satt wird und keine seidenen Kleider kaufen kann. Das eine sei gewissermaßen Geschäft, und das andere Pläsier. Geschäft und Liebe. Ich fange an zu verstehen . . . Sapienti sat. Konni hat nicht viel Umgang, weil Herr von Vohsen das nicht liebt, und die paar Freundinnen, die sie hat, sind alle von einem gewissen Odium umgeben. Da ist eine Direktrice, die auch ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann unterhält, eine andere ist schon von drei Männern geschieden und lebt jetzt mit dem vierten in wilder Ehe, die dritte, Frau Anna Kindermann, war früher Schauspielerin (natürlich sechsten Ranges), sie hat ein abenteuerliches Leben, das drei Romanbände füllen würde, hinter sich, und es ist sehr amüsant, ihr zuzuhören, wenn sie dies oder jenes Kapitel ihrer Vergangenheit zum besten gibt. Ihr letzter Mann – sie hat, glaube ich, auch deren drei gehabt –, war Stallmeister in einem Wanderzirkus, der hat sie verwichst, und da ist sie davongelaufen, und jetzt ernährt sie sich von Massieren, das sie gelernt hat. Sie ist ärztlich geprüft, hat, wie sie sagt, sehr viel zu tun und muß viel Geld verdienen, denn sie hat auch eine sehr schön eingerichtete Wohnung und ist immer großartig elegant gekleidet. Obgleich sie schon achtunddreißig Jahre alt ist – Konni sagt, sie sei in Wirklichkeit sogar schon dreiundvierzig – sieht sie noch sehr hübsch aus, groß und stark, und hat langes blondes Haar, fast noch länger als das von Elisabeth war . . . Ach Gott . . . die arme Elisabeth – ihr Andenken wird nie in meinem Herzen verlöschen!

Frau Kindermann gibt auch öfters Gesellschaft, ich war schon häufig mit eingeladen, doch in der letzten Zeit kam immer etwas dazwischen, so daß ich nicht gehen konnte.

Ich hatte auch anfangs nicht viel Lust, und zudem fehlte mir die Toilette dafür.

An einem trüben, regenschweren Nachmittag, vor etwa vier Wochen, saß ich allein im Wohnzimmer am Fenster und blickte, während ich an einem Röckchen für Kurtchen häkelte, auf die Straße hinaus. Herr von Vohsen war bei Konni; er hatte wieder eine Geschäftsreise nach Elsaß-Lothringen vor und redete Konni zu, daß sie mitginge, er ist nämlich in letzter Zeit etwas mißtrauisch und eifersüchtig. Konni will nicht gerne mitreisen, natürlich, sie amüsiert sich hier besser ohne ihn – und es kam zu einem ordentlichen Wortwechsel zwischen ihnen. Ich höre so etwas nicht gern, es ist mir immer peinlich, und ich sitze dann wie auf Nadeln und liefe am liebsten fort. Unterdessen schellte es. Ich ging hin, um nachzusehen und ließ Frau Kindermann, die draußen stand, herein. »Nanu?« sagte sie, »die zanken sich wohl, was?«

»Ach nein,« sagte ich, »sie sind bloß verschiedener Meinung.«

»Selbstverständlich,« sagte sie und lachte, »das kommt in den besten Familien vor. Und was machen Sie derweilen, Kindel?«

Ich zeigte ihr meine Häkelarbeit und sie setzte sich neben mich ans Fenster und wir kamen ins Gespräch, in dessen Verlauf sie mich fragte, ob ich mich denn befriedigt von meinem jetzigen Leben fühle. Ich antwortete der Wahrheit gemäß, daß ich es im Vergleich zu dem letzten Jahre bei Pastors wie im Himmel hätte. Sie meinte, ein junges Mädchen hat doch mal Sehnsucht nach ein bißchen Freude und Zerstreuung. Ich konnte nicht leugnen, daß ich mir auch manchmal wünschte, es käme ein besonderer Zufall, der eine große Veränderung zum Guten in mein Leben bringe. »Was verstehen Sie unter dem ›Guten‹?« sagte sie. »Nun Glück,« sagte ich. »Und was verstehen Sie unter Glück?« Ich zuckte die Achseln. »Man muß auch wollen, Kind,« fuhr sie fort. »Die gebratenen Tauben fliegen einem nicht in den Mund. Wenn Sie hier immer in der Bude sitzen, können Sie lange lauern, bis das Glück zu Ihnen kommt. Sie müssen hinaus, gesehen werden, sich sehen lassen, dann sollen Sie mal sehen, wie schnell Sie Ihr Glück machen.«

»Ich habe nichts anzuziehen,« sagte ich. »Und Vater um Geld bitten, tu' ich nicht. Ich will mir jetzt selbst verdienen, was ich gebrauche.«

»Na, für die erste Aufmachung werden wir schon sorgen,« sagte sie gutmütig. »Und das andere findet sich dann nachher von selber. Auf den Kopf gefallen sind Sie ja gerade auch nicht. Sie sollten bei mir sein, statt bei Konni. Ich würde was aus Ihnen machen. Die Konni fürchtet wohl ein bissel die Konkurrenz, das aber fällt bei mir fort. Ich freu' mich, hübsche, junge Gesichter um mich zu haben. Kommen Sie doch mal abends zu mir.«

Ich versprach es. Nachher kam Konni herein, Vohsen war fort, und sie hatte ihm doch zusagen müssen mitzureisen und war sehr ärgerlich und verstimmt deswegen. Ich tröstete sie und versicherte ihr, daß ich Kurtchen gut versorgen werde, worüber sie sich freute.

»Nicht wahr, Konni, Fräulein Thymian kann doch öfters abends zu mir kommen? Das arme Ding verkommt hier sonst ja vor Einsamkeit und Langeweile,« sagte die Kindermann. »Natürlich, selbstverständlich,« sagte Konni zerstreut.

Andern Tags schenkte mir Konni ein elegantes Kleid von sich und zwei Blusen. Das Kleid, blaß korallenrot, hat ihr Herr von Vohsen mal geschenkt, worüber sie sehr erbost war, da rot doch gar nicht zu ihrem Haar paßt. Mir steht es ausgezeichnet. Frau Kindermanns Schneiderin änderte es für mich; es sitzt wie angegossen.

In der folgenden Woche reiste Konni mit Herrn von Vohsen ab. Ein paar Abende später schickte Frau Kindermann ihr Dienstmädchen zu mir und ließ mir sagen, ich möchte doch ein bißchen rüberkommen. Es sei Besuch da und riesig gemütlich.

Ich zog rasch das neue rote Kleid an und ging dann hin.

Sie war anscheinend sehr erfreut, daß ich kam. In ihrem Schlafzimmer, wo ich meine Jacke ablegte, sagte sie, sie wolle mir noch das Haar ein wenig anders aufstecken, ganz modern, und als sie die Zöpfe aufgesteckt hatte, schrie sie ordentlich auf vor Erstaunen. »Die Pracht! Jesses, Mädel! So was darf man doch nicht verstecken! Das ist ja Sünde.« Ich sollte durchaus das Haar so offen hängen lassen, was mich aber genierte, da es bei der Länge meiner Haare sehr liederlich und auffällig aussah. Zuletzt band sie es mir mit einer weißen Schleife zusammen.

»Mädel, Mädel, sind Sie reizend!« sagte sie ganz verliebt. »Wenn Sie gescheit sind . . . na, ich sag' nichts . . . Wie eine Prinzessin müssen Sie leben können . . . Wie? Meinen nicht? Na – wie wär's? So 'n paar große Brillanten in die niedlichen Öhrchen und an den Fingern . . .«

»Ich hab' einen ganzen Kasten voll Schmuck,« sagte ich. »Mir liegt gar nichts dran –«

»Oho!« sagte sie, und dann gingen wir ins Eßzimmer. Um neun kamen zwei Herren, Freunde von Frau Kindermann, beide sehr elegant. Einer schlank, bartlos, mit einem Monocle, und einer dick mit einem schwarzen, gestutzten Bart und einer krummen Nase. Der erste hieß Albert Glimm und der andere Kirschbaum.

Wir speisten sehr gut zu Abend. Es gab Pasteten und Bouillon, nachher Hummermayonnaise, dann Fasan mit Kompott und zuletzt eine glacierte Bombe mit gefrorenen Sektfrüchten. Das Massieren muß viel Geld einbringen, daß Frau Kindermann es so dick haben kann. Getrunken wurde zunächst Rotwein, dann Sekt und zuletzt Porter und Sekt. Frau Kindermann spielte beim Dessert Klavier und sang Couplets dazu, das heißt, sie krähte vielmehr. Das klang so komisch, daß wir alle lachen mußten, sie selber lachte mit. Ich bekam einen richtigen Schwips und wurde sehr ausgelassen. Herr Glimm packte mich um und tanzte mit mir durch das Zimmer, und setzte mich plötzlich mit einem Schwung wieder aufs Sofa neben Herrn Kirschbaum, der faßte mich um den Hals und wollte mich küssen, aber da verstand ich keinen Spaß, halb beduselt, wie ich war, nahm ich das Sektglas und schüttete es ihm hinten in den Hemdkragen, worauf er aufprustete und wie ein Besessener im Zimmer umherlief.

Frau Kindermann machte mir nachher einige sanfte Vorwürfe und sagte, ich hätte das nicht machen dürfen.

»Ja, warum nicht?« sagte ich. »Ich werd' mich von dem ollen ekligen Jud' küssen lassen. I gitte gitt . . .«

»Man still, Kind,« sagte sie, »der hat Moses und die Propheten. Wenn Sie den als Freund hätten, wären Sie geborgen. Der tät Ihnen Brillanten an die Strumpfbänder nähen, wenn Sie's wollten.« »Nicht in die Tüte,« sagte ich, »außerdem ist er verheiratet.« »Ja, aber, liebes Kind, was gehn Sie denn die Privatverhältnisse des Herrn an,« sagte sie . . .

Na, ich danke. Die scheint mir eine nette Tante. Wenn sie und Konni und die zwei andern zusammen kohlen, kann man nur davon laufen. Ich bin nicht von gestern, aber das wird mir manchmal doch ein bissel happig.

Als ich in der Nacht nach Haus kam, konnte ich erst lange nicht einschlafen. Meine Nerven waren zu erregt. Mein Herz pupperte. Ich hätte noch im Bett lachen und schwatzen mögen. Es ist doch richtig, daß man sich mal herausreißt, sonst vergißt man ganz, daß man jung ist. Es ist doch schön, sich mal ein bißchen aufzurütteln. Und wie die beiden Kerle mich angeguckt haben!

Denen hab' ich gefallen . . .

Herrjeh, wenn ich so Toiletten hätte wie Konni und die Kindermann! Das heißt nicht nur Kleider und Hüte, nein alles: ganz, ganz spinnwebfeine Wäsche mit Spitzen, seidene Strümpfe, rauschende Unterröcke in allen Regenbogenfarben, Atlaskorsetts und die feinen Parfüms, die einen wie eine zarte, diskrete Duftwolke umhüllen . . .

Ich glaube wirklich, man kann glücklich sein, wenn man so zu leben versteht.


* * *


Herr Glimm schickte mir einen Tag nach dem Abend bei Frau Kindermann ein Bukett und eine Einladung zum Souper am andern Abend. Ich überlegte stark, ob ich annehmen sollte oder ablehnen. Nachher kam die Kindermann und redete zu. Da schrieb ich denn zu.

Herr Glimm holte mich ab. Wir speisten chambre séparée. Sehr fein. Und es wurde viel Cliquot getrunken. Nachher wurde er ein bißchen zärtlich, was ich mir, da es mir nicht übel gefiel, gefallen ließ. Schließlich war ich aber doch froh, als die Tür aufging und zwei Herren hereinkamen, worauf das Getechtel ein Ende nahm. Die Herren stellte er mir als seine Freunde vor, sie waren beide sehr höflich und nett. Nachher kamen noch drei Herren, unter ihnen Herr von Kronen, Konnis Schatz, und nun merkte ich, daß es Offiziere in Zivil waren. Herr Glimm schien etwas ungehalten über die Störung, aber er konnte sich natürlich nichts merken lassen. Und dann wurde gepichelt – na, ich danke . . .

Die Stimmung wurde bald sehr aufgeräumt. Die Herren wollten alle mit mir Vielliebchen essen. Es sollte gleich am Abend vollzogen werden. Ach, das war ein Gesauf und Geanstoße und schließlich haben sie's alle verloren. Nun soll ich ihnen allen einen Wunsch aufschreiben. Ich war schon halb im Tran und schrieb auf all die weißen Zettel, was ich gerade so dachte. »Ein Paar seidene Strümpfe.« »Ein seidenes Korsett.« »Einen seidenen Unterrock.« »Eine Flasche Parfüm« und so weiter. Nur als die Kerle so fürchterlich lachten, als sie die Zettel lasen, wurde ich nüchtern. Ich werde mich doch nicht auslachen lassen. Auf einmal stand ich auf und war blutrot.

»Nehmen Sie es als Scherz, meine Herren,« sagte ich. »Ich wollte nur Ulk machen.«

Sie versicherten alle, daß sie es auch nur als Scherz aufgefaßt hätten und dann ließ ich mich von Glimm nach Hause begleiten.

Andern Tags ging unsere Tür wie im Posthaus. Immer wieder erschien ein Dienstmann mit einem Strauß und einem Paket. In den Paketen waren alle die gewünschten Dinge. Sechs Paar Strümpfe, ein lila seidenes Korsett, ein seidener Jupon, ein Bon auf sechs Paar Handschuhe und ein großer Karton mit Parfüm, Seifen und Puder von Roget und Gallet, alles hochfeine Sachen. Ich wußte nicht recht, ob ich alles behalten oder zurückschicken sollte, entschied mich aber fürs erste. Es hätte ja gansig ausgesehen, so kleinstädtisch-philisterhaft. Schließlich ist es nicht mehr als in Ordnung, daß sie ihr verlorenes Vielliebchen bezahlen, und was liegt denen, die so viel Geld verbumsen, an den paar Mark. Ich bin aber sehr froh damit.


* * *


Gestern abend, als wir nach dem Theater gegessen hatten und nach Haus gingen, wollte Herr Glimm partout mit hinein. Ich hustete ihm aber was. Es gibt solche und so 'ne, sagte Frau Kindermann, so 'ne bin ich nicht. Ich bin eine Dame, und kann verlangen, daß man mich als Dame behandelt. Wenn er glaubt, daß ich so eine bin, die für jedermann da ist, hat er sich eklig geschnitten. Ich habe mir vorgenommen, mich jetzt höchstens aus Liebe jemand hinzugeben. Den Glimm liebe ich nicht, obgleich er ein ganz patentes Kerlchen ist. Ich laß mich nicht überrumpeln, ich tu jeden Tag eiskalt baden, nur damit nicht – na, Schluß.


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Montag.


Liebes Buch, sei doch ein Mensch! Ich rede zu dir wie zu niemand auf der Welt. Du bist meine einzige Freundin. Ich habe kein Geheimnis vor dir. Du kennst mich, wie ich bin. Du bist mein Beichtvater. Du nimmst alles still und stumm in dir auf, was ich dir sage, und ich habe dir schon viel gesagt. O, sprich doch mal. Rate mir doch! Sage mir, was ich tun soll. Ich bin so irre. Ich weiß nicht, was ich anfange. Soll ich? Soll ich nicht? Rede doch. Wenn du »Ja« sagen willst, plustere mir deine Seiten auf, sonst bleibe still. »Nein« sagst du? Ach, du bist ja nur ein dummes, totes Buch. Du hast keine Seele. Warum habe ich eine Seele? Es wäre bequemer, ich hätte keine.

Warum muß der Mensch überhaupt denken? Gedanken sind doch so unbequem und überflüssig.

Deshalb ist auch alle Moral so unbequem und so dumm und langweilig, weil sie aus dem Mutterschoß irgend eines Gedankens hervorgegangen ist. Tante Friedas Briefe lese ich nie zu Ende. Sie irritieren mich durch ihre Moralität und grauenhafte Langweiligkeit. Vater schreibt auch nicht mehr so oft. Sie haben zu Hause wieder ein Mädchen. Ich gerate wohl nachgerade in Vergessenheit. Gut. Ich will auch vergessen, daß ich mal ein Heim und eine Mutter und sogar einen Vater hatte. Ich bin wie ein losgerissenes Blatt, mit dem der Wind spielt, das in den Schmutz getreten wird und müde weitertorkelt.

Das heißt: In Wahrheit fühle ich mich durchaus nicht müde. Eine wilde Lebenslust, ein heißer Hunger nach Glück und Genuß brennen in meinen Adern. Immer wieder drängt sich mir die Frage auf, wie sich meine Zukunft gestalten wird.

Wenn ich »brav« bleibe, und mich auf dem »schmalen« Wege halte, endet dieser schmale Weg der Ehrbarkeit und der Wohlanständigkeit todsicher einst in ein kleines, stilles Altjungfernkämmerlein à la Tante Frieda. Na, und wenn ich da mal sitze und zurückschaue, was hab' ich dann gehabt von meinem Leben . . . Nein, das will ich nicht. Ich habe wieder Freude an mir selber. Ich bin hübsch. Es macht mir Vergnügen, vor dem Spiegel ein Stück meiner Kleidung nach dem andern abzuwerfen und mich selbst anzuschauen, wie ich bin, schneeweiß und tannenschlank, und das Haar lang und weich, wie ein Mantel aus schwarzer Seide. Wenn ich mit beiden Händen in die schwarze Flut greife und sie auseinanderbreite, habe ich Schwingen: Ein weißer Schwan mit schwarzen Flügeln.

Konni ist wieder zurück. Sie hatte mir viel mitgebracht und sagte, sie freute sich, daß ich mich amüsiere, sie hätte nichts dagegen, solange ich ihr nicht ins Gehege käme. Na, ich werde doch nicht. Das wäre doch eine Gemeinerei über alle Maßen.

Konnis und der Kindermann Ansichten über das, was mich jetzt beschäftigt, sind sehr interessant verschieden. Konni hat zuweilen melancholische Anwandlungen.

Sie sagt, wenn sie die vergangenen Jahre ungeschehen machen könnte, täte sie es, und täte einen jungen Mann heiraten, wenn es auch nur ein kleiner Beamter oder ein Handwerker wäre. Es sei doch ein ganz anderes Leben. Man wäre doch dann ein ganzer Mensch und könne sich als Mensch geben, so sei man weder Fisch noch Fleisch.

Die Männer, die einem das Geld geben, seien schlimmer wie die Sklavenhalter, sie meinen, sie können für ihre paar Blaufüchse über einen verfügen wie über einen Strohwisch. Von Liebe sei keine Rede. Man sei ihnen nichts anderes wie – – na – Leider sei es sehr schwer und fast unmöglich, wieder zurückzukehren, wenn man das gute Leben mal geschmeckt habe.

So spricht Konni. Frau Kindermann suchte mir eine andere Auffassung der Sachlage beizubringen. Die Herren hätten sich über mich beschwert, ich sei ihnen zu kokett. Ich war sehr erstaunt und mußte lachen über solchen Unsinn. Da wurde sie ordentlich böse.

»Natürlich sind Sie kokett, ganz raffiniert kokett, Fräulein Thymian,« sagte sie. »Ja, wenn Ihre Jungfernschaft noch ganz intakt wäre und Sie noch nichts erlebt hätten, da würde ich annehmen, Sie wären mit einem solchen Ballast hoffnungslosester Anständigkeit und Moralität behaftet, daß es tatsächlich für Sie am besten wäre, Sie heirateten einen Postsekretär, brächten sechs Kinder zur Welt, kochten und stopften und ließen sich nachher vom Pastor eine schöne Leichenpredigt halten: Hier wird eine brave Kloßköchin und Saugmuhme begraben. Aber Sie! Ein schönes Weib, das seinen Roman bereits hinter sich hat, klug und gebildet, wie Sie sind, temperamentvoll und in der Liebe nicht unerfahren . . . Nein, nein, sagen Sie nichts! Sie sind erkannt. Ist ja ganz schön und richtig, aber Sie übertreiben's, meine Liebe. Sie schießen über das Ziel hinaus. Einmal lassen die Herren es sich gefallen, daß Sie ihnen einheizen und dann abschnappen, ein zweites Mal vielleicht auch noch, aber das dritte Mal bedanken sie sich . . . Es gibt mehr hübsche Mädel auf der Welt . . . Lieber Himmel, mir kann's ja egal sein, aber Sie dauern mich! Ich an Ihrer Stelle langte zu. Man ist wirklich nur einmal jung. Nachher, wenn Sie mal alt sind und Sie keiner mehr mag, tut's Ihnen leid, daß Sie so dumm waren.« »Ja,« sagte ich, »das ist alles ganz gut, Frau Kindermann. Ich will mich auch gar nicht besser machen als ich bin. Aber ich hab' zuviel durchgemacht. Ich mag nicht mehr leichtsinnig sein. Wenn mir schlechte Gedanken kommen und Wünsche, brauche ich mich nur an die Stunde zu erinnern, wie ich an der Schleuse stand und mich ertränken wollte, dann zieht alles vorüber.« – »Aha,« sagte sie und pfiff, »da liegt das Häschen im Pfeffer. Sie haben Angst. Nun, wenn's weiter nichts ist, mein Schäfchen, da sind Sie man stille. Wofür wäre dann die Kindermann ärztlich geprüfte Masseuse, wenn sie nicht mit solchen Kleinigkeiten umzuspringen wüßte!! Das ist ein Griff und tut nicht mal so weh, als wenn Ihnen der Barbier einen Zahn ausreißt. Nee, da haben Sie man keine Bange nicht. Nur Vertrauen, Kindchen.« »Ach Gott, es ist nicht das allein, Frau Kindermann,« sagte ich traurig. »Nein,« sagte sie, »ich kann mir's denken: In Ihnen steckt noch ein Teil Philistermoral, und Sie können sich noch nicht ganz mit der freien Anschauung, die in unseren Kreisen herrscht, abfinden. Sie sind nicht hochmütig, aber ganz heimlich denken Sie doch, Sie sind etwas Besseres, als jede beliebige. Aber das nützt Ihnen alles nichts mehr, mein Herzchen, Sie haben ein Kind, und die bürgerliche Gesellschaft will nichts mehr von Ihnen wissen. Für die sind Sie doch verloren, da können Sie machen, was Sie wollen, für voll werden Sie nicht mehr genommen, und wenn Sie wirklich nochmal hereinkommen, leben Sie doch immer in Angst, daß was herauskommt und wird immer ein Hängen und Würgen zwischen Tür und Angel sein. Deshalb kommen Sie lieber zu uns, bei uns braucht man sich nicht zu genieren und kann jeder nach seiner Façon selig werden. Bei uns fragt niemand: Woher der Fahrt, wes Nam' und Art? . . . Wir freuen uns unseres Lebens, tun recht und scheuen niemand, und nun überlegen Sie es sich mal, ob Sie den armen Glimm in Zukunft besser behandeln wollen. Der arme Kerl kann einem leid tun, er grämt sich ordentlich.«

So sprach Frau Kindermann und ich denke oft darüber nach. Ihre Worte enthalten viel Wahrheit. Daß ich für die bürgerliche Gesellschaft tot bin, ist mir bei Daubs oft genug plausibel gemacht worden. Meine Nähe könnte »unschuldige« junge Mädchen verführen. Keine anständige Frau will was mit »so einer« zu tun haben. Na, und dann? Was soll ich denn mit mir anfangen? Da bleibt mir schlechterdings nichts anderes übrig, als meine Auferstehung in einer anderen Welt zu feiern.

Ich durchschaue alles. Was für eines Geistes Kind Frau Kindermann ist, weiß ich längst. Sie hat selbst »massiert«, so lang' es ging, und sieht sich nun nach anderen Erwerbszweigen um. Das ist mir alles aber höchst gleichgültig. Sie plant eine Umsiedelung nach Hamburg, wo sie einen Salon begründen will. Sie hätte dort viel Verbindungen, sagt sie, und ihre Freunde in Hannover wollen dann zweimal im Monat zu einem Gesellschaftsabend herüberkommen. – – –

Ich bin beinahe vierzehn Tage noch nicht vor die Tür gekommen. Glimm will erst wieder mit mir ausgehen, wenn ich vernünftig geworden bin. Dann schenkt er mir eine Chiffontoilette und einen Brillantring.

Nun weiß ich nicht . . . Etwas in mir lehnt sich auf. Ich möchte nicht so eine sein, die von den Herren mit Verachtung behandelt wird. Glimm ist immer sehr ehrerbietig gegen mich. Er liebt mich, sagt er. Daß er nicht heiratet, ist Prinzipiensache bei ihm, sagt er.

Ich möchte mal gerne wieder abends fort, Sekt trinken und lustig sein und alle überflüssigen Gedanken abschütteln. Diese Gedanken sitzen wie ein schwarzes Ungeheuer mit hundert Köpfen und glühenden Augen und fletschenden Zähnen auf meiner Brust und schlagen ihre Krallen in meine Seele.

Geliebtes Buch – ich möchte wissen – ich bin – ich bin verrückt.


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Leider sind gerade hier, wo sich die seelischen Konflikte der Schreiberin zu einer Krise verdichten, eine größere Anzahl Blätter aus dem Buche herausgeschnitten.

Mir haben diese sorgfältig herausgeschnittenen Seiten oft zu denken gegeben.

Ihr, die später alle, auch die schimpflichsten und unwesentlichsten Daten ihres armen verpfuschten Daseins in diesem Buche fixierte, die sich immer aber eine gewisse Sensibilität des Empfindens bewahrte, mag die Erinnerung an jene Zeit, wo sie mit zagendem Fuß die letzte schwankende Brücke zwischen zwei Welten überschritt, besonders peinvoll gewesen sein.

Sonst wüßte ich keine Erklärung dafür.

Leider entsteht durch das Fehlen der Seiten eine Lücke in den Aufzeichnungen. Obgleich ich gerade in der Zeit die Verfasserin öfters sprach und sah, weiß ich nur weniges zu ergänzen, da sie aus erklärlichen Gründen in den Mitteilungen über ihr Leben und ihre Bekannten eine große Zurückhaltung beobachtete. Psychologisch merkwürdig mag immerhin die Tatsache sein, daß sie in der Zeit von einem wirklichen Bildungshunger ergriffen schien. Sie erzählte mir einmal, daß sie jeden überschüssigen Taler in Wissenschaft umsetzte. Sie vervollkommnete sich während ihres zweijährigen Aufenthaltes in Hamburg, wo sie als Gesellschafterin, resp. Pensionärin der Frau Kindermann fungierte, im Französischen und Englischen, lernte Russisch und Italienisch und nahm Unterricht in verschiedenen wissenschaftlichen Fächern.

Auf ihrem Schreibtische lagen Stöße von wissenschaftlichen und philosophischen Werken. Ich entsinne mich, daß sie mich, als ich sie einmal besuchte, auf einen Band Carlyle aufmerksam machte. Sie wußte ganze Kapitel dieses Auszugswerks wörtlich auswendig. –

Aus späteren mündlichen Mitteilungen habe ich erfahren, daß die Frau Liesmann zur Zeit in Heringsdorf einen schwedischen Hotelier kennen lernte, ihm mit ihrem Kinde nach Upsala folgte und sich dort mit ihm verheiratete. Trotz der obskuren Vergangenheit dieser Dame soll die von einer Reihe von Kindern gesegnete Ehe überaus glücklich geworden sein.

Unmittelbar nach der Abreise der Liesmann ist Thymian dann jedenfalls zu der Kindermann übergesiedelt.

Zwischen der letzten und der nun folgenden Eintragung liegt ein vollständiger Bruch der Verfasserin mit den Ihren. Genaueres und Bestimmtes weiß ich auch darüber nicht. Ich nehme an, daß die Verwandten mütterlicherseits darauf bestanden, daß Thymian von der Kindermann weg und wieder in eine bessere Familie komme. Da sie mittlerweile aber majorenn geworden war, hat die Familie, zumal sie viel wohl den öffentlichen Skandal scheute, offenbar nichts ausgerichtet. Auch zwischen Thymian und ihrem Vater scheint von da an eine Entfremdung eingetreten zu sein.


Anmerkung d. Herausg.


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Ich hatte heute wieder mal Krakehl mit der Kindermann. Wegen einer Flasche Larose, die sie mir in die Rechnung geschmuggelt hatte. Es ist einfach unerhört mit dem Weib. Ich dächte, mit fünfzehn Mark Pension täglich könnte sie sich genügen lassen. Ich soll die Flasche Larose am Abend des 22. Januar bekommen haben, Ludwig wäre dagewesen. Zufällig konnte ich ihr beweisen, daß das eine unverschämte Lüge ist. Am 22. dinierten wir im Wintergarten des Hamburger Hofs und gingen von da ins Thaliatheater. Im Vestibül entdeckte Ludwig seine Mutter, und da er riesig Respekt vor ihr hat, drückte er sich und ich ging allein in die Loge. Mir ist dieser Abend deshalb erinnerlich, weil ich in dem Theater eine neue Bekanntschaft machte. Der Herr saß in der Proszeniumsloge und starrte mich fortwährend an, sah ausnehmend vornehm aus, so daß ich mir einbildete, es sei ein indischer Rajah oder so etwas Gut's. Nachher stellte es sich heraus, daß es ein Krefelder Seidenwarenfabrikant war und sich Schulze schrieb. Gleichwohl hat er ein hübsches Stück Geld bei uns gelassen.

Dieses Weib! Immer möchte sie es durchblicken lassen, als ob ich ihr etwas zu verdanken hätte! Diese Megäre. Dabei hat Ludwig erst letzten Ersten die Miete bezahlt, um ihrer schönen Augen willen hat er das nicht getan, darauf kann sie's Abendmahl nehmen. Ich war so in Rage, daß ich ihr ein Buch an den Kopf pfefferte und ihr zuschrie, ich täte mich nächstens allein einmieten. Da wurde sie höhnisch und meinte, da säße ich bald in der Schwiegergasse.2 Sie wäre diejenige, welche . . . usw.

Es geht verdammt langsam mit dem Sparen. Zu meinem Geburtstag wollte Ludwig mir eine Brosche bei Schlesinger kaufen. Ich bat ihn, mir dafür das Geld zu geben. Er drückte sich erst, ich merkte es ihm an, es war ihm peinlich – das olle Schaf! Meine Rechnungen bei Meinke und der Putzmacherin oder meine Monatsrechnung bezahlt er, ohne eine Miene zu verziehen, aber bares Geld . . . . . . Na, ich versteh's ja. Wenn ich mir das Gefühl vergegenwärtige, mit dem ich zum ersten Male Geld annahm – – vor einem Jahr, als mir das Messer an der Kehle saß – – Schwamm drüber! Nie mehr daran rühren! Immerhin ist es ein verfluchtes Gefühl, von jemand überschätzt zu werden. Ludwig sieht aber immer noch die Dame in mir; was mir nach einer Seite hin wohltuend, nach anderer unbequem ist. Auf meine Bitte gab er mir dann ein Bankbüchelchen des Norddeutschen über fünfhundert Mark.

Wenn nur die Toilette und die tausend und zehn Kleinigkeiten des Drum und Dran nicht so viel verschlängen! Manchmal bin ich ganz mutlos. Es ist doch ein dummes Leben, aber was haben andere denn? Auch nichts Berühmtes. Annie Meier läßt sich von ihrem Manne scheiden und sitzt mit ihren zwei kleinen Würmern zu Haus bei ihren Eltern. Dabei kann doch nicht von einer übereilten Heirat die Rede sein, wo sie sich doch schon auf der Schulbank verlobte und ihn von Kind an kennt. Er soll sie nach Noten verwichst haben. Sonderbar, ich hatte Boy immer für einen ganz guten Kerl gehalten. Lina Schütt wohnt hier in der Ferdinandstraße. Sie hat einen Buchhalter geheiratet, der wegen Meineid zu anderthalb Jahr Zuchthaus verurteilt ist, und nun seine Strafe absitzt. Lina vermietet Zimmer und es geht ihr elend. Ich traf sie mal auf der Lombardbrücke und redete sie an, aber sie tat so komisch und von oben herab, daß ich mir gleich dachte, was der im Genick steckt. Ich mußte lachen und ärgerte mich doch. »Wie geht dir's, Lina?« sagte ich. »Schlecht,« sagte sie giftig, »für eine anständige Frau ist es sehr schwer, sich ehrlich durchzuschlagen. Seidene Unterröcke und Federhüte verdient man sich nicht beim Abvermieten. Aber ich wollte doch lieber verhungern, als ein Tipfelchen von meiner Ehre preiszugeben.« –

Im Augenblick kochte es in mir auf und ich hätte ihr gleich ein paar passende Wörter gesagt, aber ich besann mich, daß es nicht der Mühe wert ist, sich mit solch einer Gans auseinanderzusetzen. Ich erzählte es Grete nachher, sie lachte darüber und sagte: »Man kann von einem Hammel nicht mehr verlangen als Fleisch und Wolle.« Und sie hat recht.


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8. März.


Am Freitag kam Osdorff3 an. Gott, ist der Kerl in den vier Jahren auseinander gegangen. Mir kommt's so vor, als ob er noch gewachsen wäre. Unwillkürlich fiel mir der Reim vom Riesen Goliath ein:


Er hatte Knochen wie ein Gaul, und eine freche Stirn,
Und ein entsetzlich großes Maul, und nur ein kleines Hirn – –


Das heißt, »eine freche Stirn« trifft nicht zu. Frech ist Casimirchen keineswegs. Großschnäuzig dagegen über alle Maßen. Noch immer der Mann mit den zwei F'n. Gott, wird dem in Amerika Mores gelehrt werden. Ich seh' ihn schon im Geiste an den Straßenecken stehen und Stiefel wichsen. Bei alledem dauert er mich. Ich hab'n gern. Es ist eine alte Anhänglichkeit. Ich hab' ja auch sonst niemand.

Ich schenkte ihm fünfzig Mark und brachte ihn nach Bremerhaven an Bord. Es war mir, als ob ein Stück meiner Jugend mit ihm fortging. Als der Dampfer abfuhr, kamen mir Tränen in die Augen. Ich bekam Lust, auch auszuwandern, aber nachher besann ich mich. Es nützt nichts, daß man den Ozean zwischen sich und die Vergangenheit legt, der inwendige Mensch geht einem doch überallhin nach, und es wird überall mit Wasser gekocht; in Hamburg und in New York.

Als ich zurückkam, machte Ludwig mir eine Eifersuchtsszene. Das gute Schaf! Es gelang mir, ihn zu beruhigen.

Behrend ist wieder nett gerupft. Ich traue dem Kalkow nicht. Der Kerl sieht aus wie ein Hochstapler. Ich sagte es der K. neulich. Sie lachte mich aus. Sie soll nur zusehen, daß sie sich nicht die Nase verbrennt. Wenn's herauskäme, daß hier bei uns Volten geschlagen würden, wäre hier die ganze Kiste verbumfeit.

Der Edle von Kosmos betrug sich neulich sehr frech gegen mich. Ich gab ihm eine Ohrfeige und einen Tritt. Anrüpeln lasse ich mich nicht. Am andern Tage kam er de- und wehmütig und tat Abbitte. Komisch, daß die Völker alle so verrückt nach mir sind.


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14. März.


Ich weiß nicht, was es ist, daß das Mädchen nicht mehr mit dem Kind in den Zoologischen kommt. Letzten Freitag hatte ich keine Zeit hinzugehen, dann war ich fünf Tage hintereinander da, und wartete vergebens. Ich fürchte, Erika ist krank. Ich bin in großer Unruhe und ginge am liebsten hin, wenn ich nicht fürchten müßte, daß sie mich hinausschmeißen. Gestern ging ich viermal bei Peters vorüber, sah aber niemand.

Mich wandelte schon oft die Lust an, das Dingchen zu entführen. Aber wohin damit! Ach, es ist doch ein armes bißchen Leben. So gar nichts Sicheres . . .


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22. März.


Gestern litt es mich nicht länger. Ich war bei Peters und hatte den Empfang, den ich voraussetzen konnte.

Das Mädchen hatte mich kaum in den Salon hereingelassen, als die Gnädige, gefolgt vom Gemahl, hereinrauschte und mich puterrot anschnauzte. Es sei eine unerhörte Frechheit von mir, mich wieder und wieder an das Kind heranzudrängen, und wenn es noch einmal vorkomme, würden sie die Polizei zu Hilfe rufen. Diesmal aber hielt ich auch nicht den Mund und setzte gleich das Deckelchen auf den Anranzer.

»Ja?« sagte ich. »Das ist ja lieblich. Was habe ich dem Kind getan, was die Einmischung der Polizei nötig machte?«

Ich kriegte wieder das Nervenschütteln; am liebsten hätte ich die Person geohrfeigt. Der alte Konsul suchte etwas einzulenken. »Meine Frau meint das ja nicht wörtlich. Aber tatsächlich haben wir Ursache, uns ganz energisch Ihre fortgesetzten Behelligungen zu verbitten. Sie hatten die Stirn, sich von dem Kind ›Mutter‹ nennen zu lassen . . . in Gegenwart des Fräuleins! Das Kind ist nicht mehr so klein, daß dergleichen Eindrücke ganz spurlos an ihm vorübergehen, etwas bleibt haften. Sie müssen doch einsehen, daß das unmöglich so weitergehen kann.«

»Gar nichts sehe ich ein,« rief ich. »Ich habe auch Rechte an das Kind, das ich zur Welt gebracht habe, Menschenrechte, Mutterrechte, die mir kein Teufel streitig machen kann. Ich will mein Kind zeitweilig sehen, ich will es.«

Frau Peters rief, ich sei eine unverschämte Person und ich solle sofort das Haus verlassen. Aber der alte Konsul sagte:

»Geh, Agnes, laß mich nur allein mit dem Fräulein reden, sie wird schon Vernunft annehmen.«

Und als sie hinaus war, faßte er mich am Arm und sagte: »Wissen Sie, mein Kind, wenn Sie uns weiter durch Ihre merkwürdigen Ansprüche belästigen, werde ich dem Herrn Polizeikommissar mal einen Wink geben, sich mal ein bißchen mit Ihnen zu befassen und Sie und Ihre Lebensführung mal ein Weilchen in Observation zu nehmen. Ihr Vater schrieb mir, daß er nichts von Ihnen wüßte, und daß Sie zu seinem Herzeleid alle seine guten Warnungen und Ratschläge unbeachtet ließen. Ihr ganzes Auftreten spricht aber dafür, daß Ihnen große Mittel zur Verfügung stehen. Woher Sie diese Mittel nehmen, ist nicht meine Sache und interessiert mich auch nicht, aber es ist Ihnen wohl bekannt, daß unsere Polizei keinen Spaß in solchen Dingen versteht. Ich glaube deshalb, daß Ihnen eine Observation von kompetenter Seite nicht angenehm sein dürfte . . .«

Ich wollte etwas entgegnen und konnte nicht. Ich war wie vor den Kopf geschlagen und dunkelrot. Ich schämte mich entsetzlich vor dem alten Mann, und das Ende vom Liede war, daß ich wie ein geprügelter Hund fortschlich, nachdem ich ihm fest versprochen hatte, mich in Zukunft nicht mehr um Erika zu kümmern (was ich natürlich nicht halte). Draußen rannte ich, so rasch ich konnte, durch die Straßen. Mir war hundemiserabel zumute, ich trug an der Demütigung, wie an einer schweren Last, die mir die Schultern ordentlich herunterdrückte. Ich weiß nicht, wie mir war. Das Rauschen meiner Unterröcke, das ich sonst so gern hörte, fiel mir auf die Nerven. Ich lief und lief, als müßte ich dem Schimpf entfliehen. O, es ist ein armes Leben. Ein armes Leben. – – Gestern, abend war großer Klimbim. Sämtliche chambres séparées waren besetzt. Ich soff mich bis zur Besinnungslosigkeit voll Sekt und habe heute meinen Kater.

Im blauen Salon machten sie Paradies. Ich war nicht mit dabei. Es stößt mich ab. Übrigens sind ein paar ehrbare Kaufmannsfrauen von St. Pauli darunter. »Feine Damen« haben wir mehrere dabei. Das ist ja auch kein Wunder, wenn man so in den Tag hineinlebt, gut ißt und trinkt, keine Sorgen und viel Geld und Langeweile hat, kann man wohl auf absonderliche Einfälle zur Auffrischung der ermüdeten Nerven kommen, aber diese Philisterweiber sollten doch füglich an ihren Kochtöpfen und ihren Männern genug haben.

Ich war so benebelt, daß ich mir das teure Spitzenkleid in Fetzen vom Leib riß, anstatt es aufzuhaken. Nun ist es hin. Ich hab es meiner Waschfrau für ihre Tochter, die ans Variété will, geschenkt. Kosmos, der bei mir war, soll mir dafür ein neues kaufen.


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10. September.


Ich war diesen Sommer zuerst drei Wochen mit Kosmos in Ilsenburg, das heißt, ich wohnte für mich und schrieb mich als Frau Gotteball aus Hamburg ins Fremdenbuch. Das war mir schon Ludwigs wegen lieb, das gute Tier ist so dämlich verliebt und so arg eifersüchtig. Er besuchte mich immer Sonntags und richtete es so ein, daß er Samstag abend kam und Sonntag abend nach Harzburg, wo er mit seiner Frau wohnte, zurückfuhr. Um dieselbe Zeit war Kosmos in Hannover. Im Brockenhotel trafen wir einmal mit Ludwig und seiner Frau, die ich bei dieser Gelegenheit zum erstenmal sah, zusammen. Ein kleines, schmächtiges, zartes Weibchen, offenbar hochgradig bleichsüchtig, schmalbrüstig und blaß. Sie saßen mir an der Table d'hote gegenüber und ich mußte sie immerfort ansehen. Sie tat mir leid, ich weiß eigentlich nicht, weshalb, denn unter mir hat sie nichts zu leiden. Ludwig ist ein viel zu taktvoller, feinfühliger Mensch, als daß er sein Frauchen jemals den Mangel an Liebe merken lassen würde. Ach, lieber Himmel, eher hätte ich sie zu beneiden. Und die paar Tausende, die Ludwig mir opfert, wird sie, die im Überfluß lebt, und der kein Wunsch versagt bleibt, nicht gewahr. Sie hat noch Eltern, eine Heimat, und um sie herum ist nicht das widerwärtige Gezücht der Gedankenschlangen, die sich, so lange nicht ein narkotisierender Sinnentaumel mich rettet, an mir emporringeln, mich umzingeln und umschnüren, so daß mir oft der Atem ausgeht. Ich darf nicht nachdenken. Wenn ich denke, ist es fürchterlich. Ludwig verschlang mich fast mit seinen Blicken. Nachher ging ich eine Strecke allein über das Plateau. Ringsumher standen und lagen und wanderten Gruppen von fröhlichen, schwatzenden, satten und zufriedenen Menschen. Die Luft war hell, durchsichtig und klar, warm und doch frisch, ein Sonntag, wie man sich ihn nur wünschen kann. Aber mir war wehmütig ums Herz. Ich kenne viele Menschen und viele Männer, die alle nach meiner Gunst trachten und sich diese Gunst eine Menge Geld kosten lassen, und ich bin in Wirklichkeit doch so verlassen. Ich stehe mitten in der Welt, das Leben kreist im tollen Wirbelreigen um mich herum und doch denke ich manchmal, ich wäre allein, auf einer einsamen Insel mitten im Ozean. Wie ich stillstand und in die Luft starrte, kam Ludwig plötzlich dahergerannt. Er hatte ein Sträußchen Brockenmyrte, die nur an besonderen Stellen zu finden sein soll, gepflückt, und brachte es mir. Ich teilte das Sträußchen und gab ihm die Hälfte für seine Frau zurück.

»Die wird sich auch freuen, wenn sie sieht, daß du für sie gesucht hast,« sagte ich, »ich habe mir übrigens nicht gedacht, daß du ein so niedliches Frauchen hast, Ludwig.«

»Sie ist nicht die Spur hübsch,« sagte er, »dabei ist sie launenhaft und verzogen und gräßlich eigensinnig.«

»Sie ist noch sehr jung, Ludwig,« sagte ich.

»Nicht jünger als du auch, Thymian.«

»Ja, sie ist jünger, viel jünger,« sagte ich, »sie ist noch ein Kind an Gemüt und Erfahrung, das sieht man ihr an. Aus solcher Frau kann ein Mann machen, was er will. Wenn sie nach zehn Jahren ein zänkisches, verbittertes, kleinliches, häßliches Weib ist, hast du es aus ihr gemacht. Aber wenn sie dann eine hübsche, liebenswürdige, anmutige, freundliche Frau ist, wird das auch dein Werk sein, Ludwig. Ein Mann soll seine Frau glücklich machen. Das ist gewiß nicht immer leicht. Aber Frauen, wie die deine, sind leicht zu beglücken. Ihnen soll nur die bestimmte Überzeugung, daß sie geliebt werden, beigebracht werden . . .«

»Du sprichst wie ein Buch, Thymian,« sagte Ludwig, »aber wie kann man seiner Frau eine Überzeugung beibringen, die auf einem Irrtum, ja auf einer Lüge beruht?! Ich liebe nur eine Frau! – – Dich, Thymian!«

»Eine fromme Lüge ist keine Sünde, Ludwig,« sagte ich; »wenn nicht anders, kannst du sie immer lieben als ein Kind, das dir anvertraut wurde. Sei lieb zu ihr! Wenn du es sie jemals fühlen ließest, daß du eine andere mehr liebst als sie, und ich erführe es, wären wir geschiedene Leute.«

Er küßte meine Hand und erwiderte nichts darauf. Aber anderen Tags schrieb er mir einen stürmischen Liebesbrief und beschwor mich, mit ihm auf einige Wochen nach Ostende zu gehen, seine Frau reist mit ihren Eltern nach Franzensbad. Ich hatte keinen Grund abzulehnen.

Anfang August reisten wir ab und kamen vorige Woche wieder. Es war eine hübsche Zeit. Eigentlich ist es sonderbar, was ein Mensch aus dem anderen machen kann, und welchen intensiven Einfluß die ausgeprägten Wesenszüge und Charaktereigenheiten eines Individuums auf ein anderes, das mit ihm in stetem und engem Kontakt steht, ausübt. Ich hätte hinter Ludwigs Rücken mehrere sehr vornehme und interessante Bekanntschaften machen können, aber ich brachte es schlechterdings nicht fertig, Ludwig zu betrügen. Wenn Ludwig ein egoistischer, auf Hausmannsart aus Gut und Böse gemischter Mensch wäre, wie die meisten, oder wenn ich überzeugt wäre, daß ihn nur eine rein sinnliche Lust zu mir hinzieht, hätte ich mir wahrlich nichts darüber einfallen lassen, heimlich meinen Schnitt zu machen. Er ist aber so gut, so selbstlos, daß es eine wirkliche Gemeinheit gewesen wäre, diesen arglosen, vertrauensseligen Menschen gerade dort zu betrügen. Und – – Gott sei Dank – – gemein bin ich nicht. Was ich mit mir anfange, und wie ich mein Leben einrichte, geht keinen Menschen was an; aber eine gemeine Handlungsweise kann mir bis jetzt noch niemand nachsagen. Nach meiner Ansicht wäre das Leben vollkommener und den höchsten Zielen der Ethik näher gerückt, wenn die Menschen einander nicht so viel Gesetze vorschrieben und einander nicht immer maßregelnd und unduldsam gegenseitig in ihre Sachen und Angelegenheiten hineinguckten und -redeten. Es soll sich doch jeder seinen Lebensgarten anlegen und bestellen, wie er Lust hat. Ob mein Nächster sich in seinem Reich nun eine Plantage nützlicher Küchenkräuter und Gemüse anlegt, oder ob er Rosen darin baut, oder ob es ihm Vergnügen macht, sich Giftblumen zu ziehen und sich an ihren Düften zu betäuben, das kann mir doch Gottlieb Schulze sein, solange er mir nicht zu nahe kommt. Wenn er nur hübsch in seinem Bereich bleibt, mir keine Gemüse stiehlt, keine Rosen maust, wenn der Duft seiner Giftblumen mich nicht belästigt, wenn er nicht über den Zaun steigt und vandalisch meine Anlagen ruiniert, soll mir doch gleich sein, was er macht. Gemein ist man nach meiner Meinung nur, wenn man durch seine Handlungsweise einen andern absichtlich oder gar mit Freude verletzt und zu schaden sucht; oder wenn man ein dargebrachtes Vertrauen gröblich täuscht oder mißbraucht.

Ludwigs anhimmelnde Liebe wirkt hypnotisierend, ein eigenes Fluidum geht von ihm aus und wirkt in mir nach. Ich liebe ihn nicht mit der richtigen Weibesliebe – einer solchen bin ich, glaube ich, überhaupt nicht fähig. Eher möchte ich behaupten, daß eine Art mütterlicher Zärtlichkeit mich zu dem zehn Jahre älteren Mann hinzieht. Seine Güte und seine Liebe ziehen wie ein warmer, reiner Luftstrom durch meine arme, müde Seele, und lösen das Gute und Unberührte darin aus, aber gerade darum fühle ich, daß in dem Verkehr mit Ludwig eine Gefahr für mich liegt, die ich nicht unterschätzen darf, denn wenn ich plötzlich anfinge, mit anderen Augen als bisher ins Leben zu sehen, wäre es aus mit mir und ich könnte mich nur davon machen. Deshalb bin ich recht zufrieden, daß ich nun wieder hier bin und Hamburger Luft atme. Ich schlage drei Kreuze über die »guten Geister« und jage sie hinaus.


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7. Mai 1893.


Von den vergangenen Monaten ist vieles nachzuholen.

Ich hatte ja der Kindermann immer prophezeit, daß die Sache mal schief geht. Ich dachte aber damals, daß sie an einem schönen Donnerstag unsere Tempel konfiszieren würden und es dann zu einem großen Krawall käme, besonders, wenn es sich herausstellte, daß die Geschichte an sich nicht koscher wäre. Daß sie sich mit den Salons und Séparées hereinreiten würde, hatte ich nicht erwartet.

Die Völker wurden aber auch zu frech – – Was da für Cochonnerien vorgefallen sein mögen, mag der Himmel wissen. Ich habe mich auf diesen Geschäftszweig der Kindermann nie eingelassen. Die Sache war aber im Handumdrehen im Flor und hat der Alten offenbar ein tüchtiges Stück Geld eingebracht. Was für Herren und was für Damen da zu uns gekommen sind . . . Es ist unglaublich.

Also die Polizei war da aufmerksam gemacht. Und eines Abends hatte ein Paar vergessen, die Rouleaux herabzulassen, und da haben die Nachbarn aus dem Hinterhaus alles beobachtet, und andern Tags hatten wir die Bescherung. Glücklicherweise bekam die K. gleich am Frühen Morgen einen Wink von dem kleinen L., der ja über alles, was auf der Polizei vorgeht, au fait ist, und konnte ihre Sache noch rasch arrangieren. Sie hätte zur Not auch ausrücken können, aber sie wollte das nicht. Lieber, sagt sie, sitzt sie ein Jahr ab, und ist dann nachher wieder Herr über sich selber. Dagegen riet sie mir, schleunigst zu packen und abzureisen. Sie war ganz rührselig. »Ich schwöre darauf, daß Sie mit der ganzen Geschichte nichts zu tun haben und von nichts wissen,« sagte sie, »ich habe Sie immer wie eine Tochter geliebt. Hochbringen habe ich Sie wollen und da wäre es ja noch schöner, wenn ich Sie jetzt ins Unglück brächte. Freilich müssen Sie, wenn man Sie doch erwischt und als Zeugin vorführt, dann auch schwören, daß Sie von nichts was wissen.«

»Falsch schwören möchte ich nun doch nicht gerade,« sagte ich.

»Ach was,« sagte sie verächtlich, »was heißt falsch schwören! Wenn Sie an Gott und die lieben Engelein und das schöne Paradies glauben, dürfen Sie freilich nichts Unrichtiges beschwören. Aber das Paradies ist doch kein Asyl für unsereins, und da wir so wie so schon nicht hereingelassen werden, kommt's auf eine Hand voll mehr oder weniger nicht an. Was ist so ein Schwur denn anders als 'n Ehrenwort . . . Ich kann Ihnen sagen, wenn ich heute für jedes Ehrenwort, das an jedem Tage in der Welt gebrochen wird, nur einen Groschen bekäme, morgen tat ich vierspännig über den Jungfernstieg fahren.« Dann gab sie mir allerhand gute Ratschläge für die nächste Zukunft. Ich sollte nach Berlin fahren und mich dort an ihre Freundin, die Zimmer abvermietet, auch eine Leipzigerin, wenden. Sie gab mir die Adresse und einen Brief, und half mir beim Packen. Es ging hopp, hopp, haste nich gesehen, um zwei Uhr fuhr ich mit einer Gepäckdroschke ab, und um drei Uhr hat die Polizei das Haus geschlossen und die K. in Verschütt genommen. Ich fuhr zunächst nach dem Berliner Bahnhof, deponierte dort meine großen Gepäckstücke und fuhr mit ein paar kleineren nach Frau Adler in der Langenreihe. Ich bat sie, mich ein paar Tage bei sich zu behalten, was sie gern tat. Ich war für den Tag so müde und zerschlagen, daß ich mir nichts vornehmen konnte; anderen Tags schrieb ich an Ludwig und ließ ihn herkommen. Er kam sofort und war sehr alteriert über die Sensationsaffäre, die die Abend- und Morgenzeitungen gebracht hatten und konnte sich gar nicht darüber beruhigen, daß ich »ahnungslos« in diesem Höllenpfuhl gewohnt hatte. Dann umschlang er mich mit beiden Armen und zog mich auf seinen Schoß und sagte mir, daß er es nicht länger mit ansehen könne, wie ich heimatlos und verlassen umherirrte. Er würde sich von seiner Frau scheiden lassen und mich heiraten. Am Morgen hätte er es ihr bereits gesagt und es hätte eine schwere Szene gegeben, und nun sei sie fort zu ihren Eltern und er wollte noch am selben Abend zum Rechtsanwalt und die einleitenden Schritte tun. Ich erwiderte zunächst gar nichts. Vor meinen Augen baute sich etwas verlockend Schönes auf, ich sah in eine Zukunft voll ruhigen Friedens, in der alles, was jetzt Schein ist, in Wahrheit und Wirklichkeit sich verdichtete. Ich hatte ja das Leben so satt, – und es war ein süßer Gedanke, fortan wieder ruhig dahinleben zu können, besorgt und behütet von einer treuen, zärtlichen Seele, die an mich wie an ein Evangelium glaubte. Aber diese Regung zog vorüber und mir ward wieder bewußt, daß die Brücken hinter mir abgebrochen und die Schiffe verbrannt sind. Da ging etwas anderes durch mich hin: der Vorsatz, eine gute Tat zu tun, Ludwig alles zu sagen und ihn wieder mit seiner kleinen Frau zu versöhnen. Woher ich den Mut zu meiner Beichte nahm, begreife ich heute noch nicht, es ging erst langsam und stockend und wurde dann immer fließender, und es kam entsetzlich trocken und brutal heraus – – meine ganze Lebensgeschichte ohne schmeichelnde Übermalung. Ich sagte ihm alles. Er wurde weiß wie die gestärkte Tischserviette und dann grün und gelb und man sah ihm an, daß er nur mit Not und Mühe nach Atem und Worten schnappte.

»Das ist ja alles nicht wahr,« sagte er, »ist alles Phantasie, Thymian, das kann gar nicht wahr sein.« »Doch ist es wahr,« sagte ich. »Ich habe schon vielen Männern angehört, allen, die mich wollten und die genügend Kleingeld hatten, um sich den Luxus, mich zu lieben, gestatten zu können . . .« Da sprang er auf, packte mich am Arm und schleuderte mich mit einer Kraft, die ich ihm gar nicht zugetraut hatte, von sich, daß ich hinfiel, und raste wie ein Wahnsinniger durch das Zimmer. Riß in seinem Paroxismus das Fenster auf und schleuderte die Blumenstöcke herunter, daß ein großes Geschrei unter den Kindern, die auf dem Hofe spielten, entstand, und riß die Bilder von den Wänden und die Nippes vom Vertikow und warf damit nach mir und stieß mich mit Füßen und spie nach mir und schrie zwischendurch allerhand Sätze: Dieses Geschöpf habe ich geliebt! Um solcher Kreatur willen habe ich meine Frau fortgejagt, hätte ich nahezu mit meiner gesamten Familie gebrochen – – Wie eine Heilige habe ich sie verehrt . . . Und ist eine Dirne – eine gemeine –. Ich saß still auf dem Sofa und ließ ihn toben, denn je toller er sich gebärdete, desto ruhiger und leichter ward mir. Ich weiß ja, daß ich mich nach den allgemein anerkannten Gesetzen der Sitte und der gesellschaftlichen Ordnung vergangen habe und in den Augen der meisten Menschen eine Verworfene, ein Paria bin. Aber ich weiß auch, daß über all' meinen Erlebnissen und meinen Verfehlungen eine große Traurigkeit liegt, und wenn Ludwig mich wirklich geliebt hätte, mit der großen, heiligen, reinen Liebe, deren ich ihn für fähig hielt, wenn er mich so geliebt hätte, würde er mir um der Traurigkeit willen verziehen und meine Schuld vergessen haben. Dann hätte er in mir die Unglückliche gesehen, und würde mich trotz allem und allem in seine Arme und an sein Herz genommen haben. Und dann hätte ich ihm gehört, – – ganz, mit Leib und Seele . . . Ich wäre ihm treu gewesen bis zu meinem letzten Atemzuge, ich wäre bis ans Ende der Welt mit ihm gegangen, ich hätte mit ihm gehungert, wenn's sein mußte, und hätte mich für ihn hängen lassen. Sein Rasen und Schimpfen verriet mir aber, daß er auch nur ein gewöhnlicher Durchschnittseuropäer ist, und daß seine blöden Philisteraugen nicht durch die Außenwand der Wirkungen hindurchdringen und die tiefinneren Ursachen erforschen konnten.

Hinter meiner Schuld steht die Majestät des Unglücks . . . Er aber sah nur die Sünde –!

Frau Adler stürzte herein und rief, sie würde die Polizei holen und er soll Schadenersatz leisten, und sie würde mich auch nicht länger behalten, wenn ich so rabiate Besucher hätte. Ludwig warf drei Goldstücke auf den Tisch und nahm seinen Hut.

»Ich habe heute den Glauben an die Menschen verloren,« schrie er. »Dann haben Sie viel gewonnen,« sagte ich kalt. Am Nachmittag ging ich nach Eimsbüttel, um womöglich das Kind noch mal zu sehen. Es war ein bitterkalter Tag. Die nasse Kälte drang durch meine Kleider, und ich fror wie ein Schneider. Ich hoffte auch kaum auf Erfolg, denn es war nicht anzunehmen, daß das Kind bei dem Wetter herauskam. Ich wollte mich schon wieder auf den Rückweg machen, da ging gerade die Haustür bei Peters auf und das Mädchen kommt mit Erika an der Hand heraus. Wie eine große Pariser Puppe sah es aus in seinem weißen Mäntelchen, dem großen, weißen Hut, den schwarzen Locken, weißen Gamaschen und Pelzchen. Ich folgte beiden, ging eine Strecke hinter ihnen her und rief das Kind beim Namen. Es sah sich um, erkannte mich offenbar und fing, die Arme nach der Bonne ausstreckend, jämmerlich an zu schreien. Ich kann mir denken, daß sie dem armen Wurm etwas Böses von mir gesagt und ihm Angst gemacht haben, es fürchtete sich anscheinend sehr, und das Mädchen, das jedenfalls seine Instruktionen hatte, nahm das Kind auf den Arm und machte schleunigst kehrt. Ich ließ sie gehen und setzte meinen Weg fort. Ich sehe ein, daß es wohl wirklich das beste ist, wenn ich den Weg der kleinen Erika nie mehr kreuze. Abends fuhr ich nach Berlin.


* * *


Meine Ankunft in B. erfolgte unter nicht sehr günstigen Auspizien. Ich hatte einen tüchtigen Schnupfen, Husten und etwas Fieber. Die Nacht brachte ich im Hotel Bellevue zu, anderen Tages machte ich mich auf den Weg zu Frau Beidatsch in der Zimmerstraße. Das Haus macht schon von außen keinen sehr noblen Eindruck, und der Eingang ist geradezu scheußlich, dunkle Treppen mit abgetretenen Linoleumläufern, ordinäre Türen, kurz alles proletarierhaft. Frau Beidatsch wohnt im zweiten Stock, neben ihrem Namensschild waren drei Visitenkarten angeheftet (jetzt sind's mit meiner vier). Heinrich Beidatsch, Rechtskonsulent, Geschwister Blunck, Schönheitspflege, Massage, Maniküre; Ella Ronach, Tänzerin. Ich klingelte. Frau B. öffnete selbst. Eine dicke Person in einer hellen Kattunjacke, mit sehr starkem Leib, schlaffen, gelben Gesichtszügen, in denen sich ein Kneifer ganz drollig ausnimmt, und lange Hände, deren Magerkeit auffallend mit der Körperkorpulenz kontrastiert.

»Was wünschen Sie?« fragte sie. Ich sagte meinen Spruch auf, worauf sie mich einließ. »Ach was! Von der Pietsch Anna kommen Sie?« rief sie, »treten Sie näher, Fräulein, ist zwar ein bißchen provisorisch bei mir, man muß sich eben behelfen.« Damit ließ sie mich in eine Küche treten, auf deren Herd ein Kohlgericht schmorte und den Raum mit seinen lieblichen Düften erfüllte. An der Längswand stand ein Korbsofa mit einem Tisch davor, auf das ich genötigt wurde. »Nun erzählen Sie mal, was macht denn die Pietsch Anna?«

Ich berichtete. »Na, da muß sie es freilich dicke getrieben haben, denn die Anna war zeitlebens ein gerissener Hund. Eine ganz Ausgekochte . . .« sagte sie, »wir sind nämlich Schulkolleginnen und Nachbarkinder.«

Ich mußte die Frau ansehen und Vergleiche anstellen. Himmel, sieht die alt aus gegen die Kindermann, die, wenn sie in Toilette war, einen jugendlichen, ja fast vornehmen Eindruck machte! Während wir einander, umhüllt von den Dämpfen, die dem Kohltopf entstiegen, gegenübersaßen, bemerkte ich, wie genau sie mich musterte und wie ihr schlaffes Gesicht einen immer wohlwollenderen Ausdruck annahm.

Wir sprachen über dies und jenes und endlich fragte ich sie, ob sie vielleicht ein Zimmer frei hätte.

»Für Sie?« fragte sie. Ich bejahte. »Ja, da schickt Gott Sie zur richtigen Stunde,« sagte sie, »unser allerbestes Zimmer nach der Straße zu mit separatem Eingang ist gerade frei geworden. Mir ist es ja nicht gleich, wen ich als Mieterin habe. Ich vermiete nur an bessere Damen, die nicht unter Kontrolle stehen, meine Damen sind alle beruflich tätig. Was machen Sie denn? Etwas müssen Sie angeben. Können Sie maniküren oder massieren oder wollen Sie an ein Theater, oder sich als Krankenpflegerin ausbilden?«

Ich sagte ihr, daß ich Sprachunterricht zu erteilen gedenke. Ich spräche perfekt französisch und englisch, und auch russisch und italienisch.

»Sehr gut,« sagte sie, »Sprachlehrerin ist sehr fein und schick. Da wollen wir man gleich eine Annonce im Lokalanzeiger für Sie loslassen. Mein Sohn, der Rechtsanwalt, kann sie aufsetzen. Ich will 'n nachher gleich rufen.«

Ich wollte mir nun das Zimmer ansehen, und sie wackelte voran und schloß auf.

Die Stube, in die wir traten, machte mir auf den ersten Blick einen geradezu armseligen Eindruck, obgleich sie eine gewisse schäbige Eleganz markierte. Die Vorhänge schmutzig, der Teppich zertreten und verschabt, die roten Plüschbezüge der Möbel verschossen. An der einen Längswand steht eine Chaiselongue mit einem grauweißen Fell und in der Ecke steht das Bett hinter einer spanischen Wand. Ich muß gestehen, daß mir der Gedanke, in diesem Loch zu wohnen, geradezu Entsetzen einflößte.

»Wieviel soll das Zimmer kosten?« fragte ich.

»Hundertachtzig Mark inklusive.«

Ich glaubte mich verhört zu haben. Hundertachtzig Mark – – dann war ja die Pension bei der K., wo ich das hochelegante Zimmer hatte, geschenkt!

»Monatlich?« fragte ich.

»Natürlich, denken Sie jährlich?« sagte sie und lachte.

»Ich finde das sehr teuer,« sagte ich.

»Teuer? Na, ich danke, Fräulein! Das ist ja doch wohl nicht Ihr Ernst. Im Gegenteil. Billig ist's. Was meinen Sie, was wir Vermieter dabei riskieren? Unter dem nimmt Sie keiner. Eine so feine Dame wird doch um ein paar Meter nicht reden.«

Ich überlegte. Im Hotel konnte ich nicht lange bleiben, vielleicht war's für die erste Zeit von Vorteil, sich ein ungeniertes, wenn auch einfaches Zimmer zu nehmen. Ich mietete also und ließ abends meine Sachen herbringen.

Mir war so hundeelend, daß ich gar nicht zum Nachdenken kam. Im Zimmer rauchte der Ofen. Die Bettwäsche roch nach Chlor, und ich hörte während der ganzen Nacht Leute kommen und gehen. Am andern Morgen konnte ich nicht aufstehen, hatte Fieber und heftiges Seitenstechen. Frau Beidatsch brachte mir mit dem Frühstück das Manuskript des Inserates ans Bett. Das letztere schien mir etwas sonderbar abgefaßt, es lautete:

Fräulein Thymian

Gotteball empfiehlt sich zur Erteilung von englischen und französischen sowie russischen und italienischen Sprachstunden.

Ich fragte die B., warum die ersten beiden Worte denn gleichsam als Etikett obenauf ständen.

»Ja, Fräulein, das ist doch gerade der Kniff,« sagte sie, »wie sollen die Herren sonst wissen, wieso und woran! Sonst könnten Sie ja riskieren, daß Sie lauter Rangen als Sprachschüler bekämen! Hier in Berlin ist doch manches anders als in der Provinz, wozu Hamburg immerhin auch gehört.«

Ich war so matt und so krank, daß ich nicht antworten mochte. Am Abend mußte ich zum Arzt schicken, und der konstatierte Lungenentzündung.

Die ersten Tage lag ich ganz apathisch da, später verlor ich oft für Stunden das Bewußtsein. Zwischenhinein war mir furchtbar zumute. Das Fieber stieg bis zu vierzig Grad und darüber. Ganz teilnahmlos, halb bewußtlos beobachtete ich die Gestalten, die sich neben meinem Bett bewegten, als da außer Frau B. waren: zwei Mädchen, eine rot- und die andere schwarzhaarig, beide sehr wuschelköpfig und gleich gekleidet mit roten Blusen und schwarzen Röcken und noch eine kleine, sehr schmale, blonde Person. Die drei kramten ungeniert zwischen meinen Sachen herum, probierten meine Hüte auf, zogen meine Mäntel und Jacken an, und hatten sich, als ob sie sich bereits meinen Nachlaß teilten. Zum Glück waren die beiden Koffer, in denen auch meine Schmucksachen lagen, verschlossen. Als ich nach einigen Wochen etwas besser war, erfuhr ich, daß die drei meine Mitmieterinnen waren. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, muß ich übrigens konstatieren, daß die beiden Schwestern Blunck – Molly und Dolly – sich sehr nett und gefällig und teilnehmend erwiesen, mir sogar öfters Blumen und Obst brachten, und stets zu kleinen Handreichungen bereit waren. Die Tänzerin – sie ist am Apollotheater im Chor – kann ich weniger gut leiden. Ein freches Mundwerk haben sie alle drei, ich habe noch in meinem Leben nicht solche Redensarten gehört, obgleich die Kindermann, Konni und ihre anderen Freundinnen auch für ein gutes Stück raten konnten. Wenn sie in meinem Zimmer zusammensaßen, erzählten sie einander ihre Abenteuer und dabei bekam ich dann einen Einblick in eine Welt und in ein Leben, von dem ich bisher doch nichts wußte. Ach lieber Gott, ist das fürchterlich. Die Herren, mit denen ich bisher zu tun hatte, waren doch alle Kavaliere, die sich keine Roheiten gegen mich herausnahmen und es mich nicht fühlen ließen, daß . . . usw. Aber hier, wo es alles auf die Marken und Groschen geht . . . entsetzlich!

Meine Genesung ging nur langsam vorwärts. Ich habe Nächte und halbe Tage lang geweint. Ich hatte allen Lebensmut verloren. Ich kam mir ganz degradiert, wie in des Lebens tiefsten Abgrund geschleudert vor in dieser Umgebung, am liebsten war ich gestorben. Dann wurde ich allmählich besser, und meine Todessehnsucht verlor sich. Als ich das erstemal aufstand, machte ich eine schreckliche Entdeckung. Einer meiner Koffer, in dem ich mein Geld verwahrte, war mit einem Nachschlüssel geöffnet und die neunhundert Mark, die ich in Hamburg von der Bank abgehoben hatte, waren daraus verschwunden, außerdem ein Brillantring (mein erster von Glimm) und eine Brillantnadel. Ich schlug natürlich Lärm, aber Frau B. machte ein großes Geschrei und rief, ich sollte mich nicht unterstehen, ihr die Polizei auf den Hals zu hetzen. Sie sei keine Diebin und hätte keine Diebe im Hause, ihre »Ehre« sei das einzige Kapital, was sie hätte (Gott, muß die arm sein!) usw. Sicher wäre es mir schon im Hotel gestohlen, wiederkriegen tät' ich es ja doch nicht. Der Koffer hätte doch immer vor meinen Augen dagestanden usw. Die Mädchen beschworen mich auch, doch nicht die Aufmerksamkeit der Polizei auf sie zu lenken, sie hatten ohnehin solche Höllenangst usw. Was sollte ich machen? Ich schwieg still; ich habe selbst nicht gern etwas mit der Polizei zu schaffen. Aber es ist doch schrecklich. Neunhundert Mark! Fast mein ganzes Barvermögen. Als ich Frau B. meine Rechnung, Arzt und Apotheker bezahlt hatte, hielt ich gerade noch vier Mark zwanzig Pfennig nach. Frau B. riet mir, ein paar meiner Wintersachen, die ich in diesem Jahr doch nicht mehr brauche, zu versetzen, was ich tat. Sie selbst brachte meine Persianerjacke und den Zobelmuff von Ludwig aufs Leihamt und brachte wahrhaftig dreihundertunddreißig Mark dafür, was mich sehr freute. Wer das Geld und die beiden Schmucksachen gestohlen haben kann, weiß ich nicht. Vielleicht ist es wirklich schon im Hotel geschehen. Auf die Mädchen habe ich keinen Verdacht, auch eigentlich nicht auf Frau B., noch eher traue ich es ihrem Sohn, dem sogenannten Rechtsanwalt, zu, ein widerlicher Kerl mit einem häßlichen Gesicht und schmarotzerhaften Wesen. Aber der war doch, soviel ich weiß, nie allein in meinem Zimmer. Na, hin ist hin, und Wiedersehen macht Freude.

Der erste Reflektant auf mein Inserat war ein ganz junges Bürschchen, kaum trocken hinter den Ohren, der gleich aufs Ganze ging und so roh mit der Tür ins Haus fiel, daß ich ihn hinausschmiß. Dann ging er eine Tür weiter zu Molly und Dolly und ließ sich maniküren. Die lachten mich aus und meinten, ich sei schön dumm. Später kamen ein paar andere Kunden, denen ich am liebsten einen Tritt gegeben hätte, aber schließlich . . . Ich habe nun eine andere Annonce im Tageblatt und in der Vossischen erlassen, auf die ich wirklich Schüler und Schülerinnen für Sprachstunden zu bekommen hoffe. Manchmal sehne ich mich ordentlich nach Beschäftigung, nach ehrlicher Berufsarbeit und vor allem nach einem gebildeten Menschen, mit dem ich mich ordentlich unterhalten kann. Diese Unterhaltungen mit den Mädchen sind einfach fürchterlich. Molly und Dolly entstammen kleinbürgerlichen, anständigen Familien und waren bei Wertheim Ladenmädchen. Eines Tages lernten sie eine Frau kennen, die auch manikürte und die sie einlud, sie zu besuchen, (à la Anna Kindermann). Da ging es dann so kleinem bei kleinem, genau wie bei mir. Schließlich verführte das Weib sie zu Durchstechereien und Diebstählen im Laden, die Sache kam an den Tag, und Molly und Dolly kriegten jede vier Monate. Als sie nachher herauskamen, beschlossen sie, zusammenzuhalten und sich als Schwestern auszugeben. Weil sie immer ganz gleich gekleidet gehen, werden sie in ihren Kreisen die Ponys genannt. Sie wollten mich schon oft abends mithaben, aber ich mag nicht. Ich bin noch immer nicht so wie sonst auf dem Damm. Ich gehe oft im Tiergarten spazieren. Er ist jetzt so herrlich. Aber das frische Grün und der Frühlingsodem machen melancholische Gedanken. Die Welt so schön und das Leben so ekelhaft.


* * *


18. August 93.


Eine Hitze zum Bersten. Das Pflaster brennt förmlich. Die Luft ist wie Feuerqualm. Ich beneide alle, die fortkönnen, an die See, aufs Land. Ich kann nicht reisen, weil ich kein Geld habe. Ich komme mir vor, wie eine Fregatte, die Schiffbruch gelitten hat und nun abgetakelt wird, um ein ruhmloses Ende als Kohlenfahrer zu finden. Wenn ich mich nur erst soweit hätte, daß ich mich wirklich nur mehr als Kohlenschute fühle. Das ist ja meine Tragik, daß ich noch immer nicht in die moralische Narkose hineingerate, die zu einem Leben, wie die Ponys es führen, unbedingt notwendig ist. Mit vollem Bewußtsein und wachen Sinnen kann man es nicht, ist es ganz unmöglich.

So ziemlich meine sämtlichen Schmucksachen sind auf dem Leihamt. Jede Woche wandert ein neues Stück hin, ich weiß nicht, was werden soll. Ich hatte ein paar Schülerinnen und Schüler, aber nach den ersten Stunden schickten sie mir mein Honorar und blieben weg. Das Milieu hier schien ihnen nicht zuzusagen, was ich ihnen allerdings nicht verdenken konnte. Ich bin auch immer noch nicht richtig besser. Die Hitze bringt mich ganz herunter. Ich sehe elend aus, ganz abgemagert. Ein paarmal nahm ich einen Anlauf, mir »Kundschaft« zu kapern. Aber es wurde nichts. Woran es liegt, weiß ich nicht. Die Ponys sagen, ich sehe zu vornehm aus, es traut sich keiner an mich 'ran. Möglich.

Ich bin so schlaff und hinfällig von der Hitze. Tagsüber liege ich halb angekleidet auf der Chaiselongue und dämmere so hin. Ich lebe so sparsam als möglich, um mit meinem Geld zu reichen, aber man muß doch satt werden. Die Miete reißt so sehr ins Geld. Mich graut vor der Zukunft. Die Beidatsch ist manchmal kurz angebunden und führt anzügliche Redensarten. Wahrscheinlich fürchtet sie, es wird bald mit dem Zahlen mit mir hapern, eine eigentlich grundlose Sorge, da sie immer pränumerando ihr Geld fordert, und ich unfehlbar herausfliegen würde, wenn ich am Ersten nicht berappte.

Der Linksanwalt schwänzelt zuweilen um mich herum und möchte mich anfeuern, bald loszugehen.

Gestern abend war er bei mir und kohlte allerlei zurecht. »Eine so schöne Dame wie Sie, mit so feinen, eleganten Sachen und solch internationalen Allüren muß auf die Linden gehen oder auf den Kurfürstendamm,« sagte er, »da liegt das Geld auf der Straße für eine, die gescheit ist. Die meisten Mädels hier sind ja Viecher . . .« Ich habe an K. und F. geschrieben, aber keine Antwort erhalten. Bei denen heißt's auch: Aus den Augen, aus dem Sinn.

Wenn nur die verdammte Hitze nicht wäre. Manchmal geht eine furchtbare Sehnsucht nach der lange entschwundenen Zeit meiner Jugend durch mich hin. Ich komme mir schon so furchtbar alt vor. Ein rasendes Heimweh nach unserem schönen, stillen Garten, in dem der Mond auf weiße Lilienstauden und rote Centifolien scheint, ergreift mich, Heimweh nach Mutters Grab, Heimweh nach dem weiten, grünen Land, mit dem silbernen Nebelgebrodel, wo es abends so schön kühl und feierlich ruhig ist, wo die Leute, wie bei Onkel Dirk, abends unter den breitästigen Linden, am Graft sitzen und schnacken und schwatzen, während von der Fenne her hier und da ein Pferd aufwiehert und ein verschlafenes Rind brüllt . . . Weg, weg, weg . . . Alles vorüber. Alles hin. Alles verloren.


* * *


Wenn ich einmal wieder etwas Geld zusammengebracht habe, schicke ich Osdorff Reisegeld und laß ihn mir rüber kommen, das habe ich mir fest vorgenommen. Dem armen Kerl geht es elend. Er leidet Hunger. Seine Familie schickt ihm nichts mehr, jedenfalls, weil sie ihn nicht hier auf dem Hals haben wollen. Ich finde das gemein und erbärmlich. Er schreibt mir die kläglichsten Briefe. Sobald ich Geld habe, kriegt er zweihundert hin. Andere halten sich einen Hund oder Vogel, warum soll ich mir nicht solchen armen Kerl für den Hausgebrauch nehmen. Immerhin wird mir Casimirchen bequemer sein, als so'n gewöhnlicher Louis, der sich unsereinen gegenüber als Herr aufspielen möchte. Ich bin losgegangen. Mir blieb nichts übrig.

Die Kindermann hat anderthalb Jahre Gefängnis bekommen. Sie haben ihr die Kuppelei nicht positiv nachweisen können, so kam sie noch eben mit knapper Not am Zuchthaus vorbei.

Mir geht es wieder leidlich. Ein Teil meiner Sachen habe ich aus dem Pfandhaus ablösen können. Meine alte Anziehungskraft bewährt sich wieder. Ich habe so viel Kundschaft, daß ich oft noch davon abgebe. Abends bei Keck oder im National schwirren sie um mich herum, wie die Fliegen um den Honigtopf. Ich habe damals, nachdem ich endgültig eingesehen hatte, daß ich doch nicht wieder hochkomme, den Ballast der letzten Bedenken über Bord geworfen. Ich bilde mir oft ein, daß ich gestorben bin. Die Menschen, unter denen ich jetzt lebe, sind alle Leichen. Sie haben ihre Seelen ausgehaucht und beweisen durch ihre Existenz, daß man auch ohne ein solches Instrument dasein – – ich schreibe absichtlich nicht leben kann.

Meine Sprachkenntnisse kommen mir doch sehr zustatten, ich bekomme dadurch oft sehr reiche Ausländer, die gut zahlen und das ist jetzt für mich die Hauptsache. Gestern abend hatte ich einen Russen, der kein Wort Deutsch sprach, und der mir dreihundert Mark gab. Die Ponys haben übrigens Glück gehabt. Molly lernte im Oktober in einer Bar einen Amerikaner kennen, der ihr ein festes Jahresengagement anbot. Sie erklärte ihm aber, daß sie nicht von ihrer »Schwester« abgehe und da engagierte er sie alle beide, d. h. er hat ihnen eine eigene Wohnung in der Taubenstraße eingerichtet und gibt ihnen monatlich vierhundert Mark. Dabei ist er nur vier Monate jährlich in Berlin, die andere Zeit haben sie für sich.

Ich habe wirklich noch vieles lernen müssen. Zuerst war's mir gräßlich, obgleich ich schon bei Anna Kindermann eine ganz gute Vorschule durchgemacht hatte. In dieser Welt der Leichen stinkt es nach Verwesung, daran muß man sich gewöhnen. Der Brechreiz gibt sich dann allmählich.

Die Mädchen mit ihren Männern haben ihre ganz bestimmte Organisation untereinander, und im großen ganzen herrscht eine gewisse Solidarität unter ihnen. Zwischen den Kontrollierten und uns Halbseidenen4 ist äußerlich kein wahrnehmbarer Unterschied. Jede Halbseidene umgeht natürlich die Sitte wie die Pest, obgleich bei den Kontrollierten eben diese wahnsinnige Angst vor dem Abgefangenwerden fortfällt. Die Untersuchungen an sich sind ja nicht so schlimm, aber wiederum hält es auch furchtbar schwer, die Sitte wieder abzuschütteln. Und dann das Unterkommen! Das ist ein furchtbarer Punkt. Hält es schon für uns schwer, ein Logis zu finden, bei den Kontrollierten ist es geradezu ein Dilemma, auf die Wohnungssuche zu gehen. Ich wohne wirklich noch billig. Die meisten bezahlen sieben oder zehn Mark Miete pro Tag, oft noch mehr. Die Hauswirte haben ein zu großes Risiko dabei, da sie, wenn ein Mädel mit der Polizei in Konflikt kommt, immer Gefahr laufen, sich eine Kuppeleianklage zuzuziehen.

Ich denke manchmal, warum die Polizei durch die Kontrolle das Gewerbe eigentlich gewissermaßen sanktioniert, wenn sie den Mädchen nicht zu wohnen gestattet. Diese schwindelnden Mieten aufzubringen ist ja schrecklich schwer und für manche ganz unmöglich. Gute Toilette müssen wir doch auch machen, und das Leben kostet auch ohnehin schon sehr viel. Ich muß zum Beispiel viertausend Mark Einkommen versteuern und bin als Sprachlehrerin angemeldet. Ob sich die Steuerbehörde über das Einkommen einer Sprachlehrerin in der Zimmerstraße wirklich solche Illusionen macht? Oder ob sie sich ihr Teil denkt? – – ich weiß es nicht.

Das Verhältnis der Männer und Mädchen zueinander denken sich die Leute, die keinen tieferen Einblick in diese Kreise haben, auch meist anders, wie es in Wirklichkeit ist. Ich hatte mir unter einem Louis auch nur einen Menschen vorgestellt, der den Mädeln die Kunden zuführt, sie beschützt, rabiate oder zahlungsfaule Klienten mit sanfter Gewalt auf ihre Berappungspflicht aufmerksam macht und im übrigen im Verhältnis eines Sklavenhalters zu den Mädchen steht. Das alles kommt ja auch gewiß vor, aber meistens ist das Verhältnis der Mädchen zu diesen sogenannten Zuhältern das natürliche eines Mädels zu seinem Liebhaber. Es ist ja auch erklärlich. In jedem Mädchen steckt doch das Weib mit seinem Anlehnungsbedürfnis, seiner Liebessehnsucht, die in der rein gewerbsmäßigen Handhabung des geschlechtlichen Verkehrs keine Befriedigung findet. Mir selber geht es so: Was würde ich darum geben, wenn ich einen, nur einen einzigen Menschen in der Welt hätte, der zu mir gehörte, an den ich mich anschließen könnte, von dem ich wüßte: Er ist für mich da und ich für ihn. Aber wiederum könnte ich mich nicht entschließen, einen beliebigen Menschen an mich heranzuziehen; die meisten dieser Kerle sind ja qualitativ unter aller Kanone.

Man könnte manchmal Studien machen. Diese Leute rekrutieren sich aus allen Ständen. Heruntergekommene Subjekte sind's natürlich alle. Was Anständiges wird sich nicht von 'nem Mädel unterhalten lassen. Die wenigsten haben eine Beschäftigung. Wohl aber haben sie Klubs untereinander, haben Turn- und Athletenvereine und rekeln sich die ganzen Tage in den Wirtschaften herum.

Ein paarmal versuchte solch ein Kerl sich an mich heranzuschlängeln, aber ich dankte ergebenst. Natürlich in aller Freundschaft und Höflichkeit. Im Zorn ist mit den Herren nicht gut Kirschen essen. Da ist besonders einer, der schache Friedrich, warum er so heißt, weiß ich nicht, – die Mädel wie die Männer haben die komischsten Spitznamen –, der sich immer im Café Keck zu mir setzt. Er ist eigentlich Doctor juris, – hat mir seine Papiere gezeigt! – hat sein Staatsexamen gemacht und ist als Assessor abgedankt. Weil ihn ein Weib zugrunde gerichtet hat, sagt er, ich glaube aber eher wegen seiner Versoffenheit, denn er säuft scheußlich und ist regelmäßig um Mitternacht voll wie ein Schwein. Bis er aber diesen Grad des Besoffenseins erreicht hat und damit in das Stadium vollständiger Bewußtlosigkeit gelangt ist, läßt sich ganz gut mit ihm schwatzen; man merkt, daß er ein studierter Mann und ein gebildeter Mensch ist. Deshalb wundert es mich eigentlich, daß seine Schickse eine Person unter Null, eine ganz ordinäre Sechserkalle ist; ich meine so, er könnte was Besseres haben, wenn er wollte. Ich freilich bedanke mich für einen solchen Schnapsschlauch.

In der halben Welt gibt's genau soviel Kasten und Kreise wie in der ganzen. Die oberen Vierhundert sind diejenigen, die einen reichen Freund haben, der sie aushält. Zu denen sollte ich eigentlich gehören. Ich könnte es so haben, wenn Ludwig nicht auf die verrückte Idee mit der Scheidung und der Heiraterei gekommen und ich nicht so kolossal dumm gewesen wäre, ihm meine Beichte auf die Nase zu binden. Man ist wirklich manchmal zu klamm. Also von denen, die einen Freund haben und nur für diesen da sind (nach so etwas halte ich Ausschau) führen eine Menge Stufen und Stüfchen hinab zu den Ärmsten der Armen, die sich für eine Mark und noch weniger verkaufen . . . Schön ist's nirgends, »da unten aber ist's fürchterlich« . . .

Ach Gott, überhaupt die Welt . . . Wenn ich das alles so ansehe, da geht mir immer ein Zitat durch den Sinn, das nirgends so angebracht ist wie hier: Der Menschheit ganzer Jammer packt mich an.

Schließlich und am Ende liegt doch über jeder, die einmal auf diese Weide geraten ist, eine schwere, trübe Dunstwolke von Tragik und Unglück – Gewiß, es sind auch Mädchen darunter, die ganz und nur durch Leichtsinn und Schuld dazu gekommen sind, aber ich behaupte, daß keine einzige mit vollem Wissen und Bewußtsein sich in diese Tinte hineingeritten hat. Ich kenne jetzt unendlich viele, die nur von der Preisgabe ihres Körpers leben, aber ich weiß ganz sicher und bestimmt, daß sich unter hundert keine fünf befinden, die nicht mit beiden Händen zugriffen, wenn sich ihnen eine Gelegenheit zur Rückkehr in geordnete Verhältnisse böte. Es gibt so viel Wohltätigkeit und Humanität in der Welt, es gibt Kinderkrippen und Altersversorgungen, Fürsorge für Sträflinge und Gott weiß was sonst noch für nützliche Institute, es wird so viel basart, gemimt, getanzt zum Wohl der leidenden Mitwelt, aber in die Welt des tiefsten Elends, der äußersten Finsternis dringt selten ein Strahl barmherziger, werktätiger Nächstenliebe hinab. Wie manche würde sich gern »retten« lassen. Freilich nicht durch Besserungsanstalten und Stadtmissionen, immer von oben herab, von dem Kothurn der überlegenen Moral: . . . »Ich danke dir Gott, daß ich nicht bin wie andere – –« und so weiter.

– – Nee, auf den Schwindel fällt keine herein. – – Nein, um hier zu ändern und zu bessern, müßte schon eine neue Weltordnung, eine vollständige Umkremplung der Begriffe und Verhältnisse vorangehen. Die Menschen müßten ihren alten Adam ausziehen und ihre Vorurteile wie einen Haufen verlauster Wäsche verbrennen. Die Schranken müßten fallen. Die alten Griechen feierten ja sogar ihre Hetären und die Phönizier verehrten sie als Priesterinnen. Damals waren es die Besten, Schönsten, Klügsten, Gebildetsten ihres Geschlechts, die der Venus dienten, und diese antiken Völker standen wahrhaftig auf keiner niedrigeren Kulturstufe, als die heutige Zeit. Es sollte doch wahrhaftig jeder unbenommen sein, mit ihrem eigenen Körper zu machen, was sie will. Muß denn da notwendig noch die heilige Feme der öffentlichen Meinung sich aufspielen und den Betreffenden, der es anders macht als die andern, in einer Stinkflut von Verachtung und Schmähung ersäufen?! Wenn das Gewerbe der Hingabe aufhörte, ein verächtliches Gewerbe zu sein, würde sich das Heer »der Gewerbetreibenden,« um vier Fünftel, ja, ich möchte kühn behaupten, um neun Zehntel vermindern. Ich würde zum Beispiel gern eine Stelle als Gesellschafterin oder Erzieherin annehmen, und ich will verflucht und verdammt sein, wenn ich nicht alles aufbieten würde, meinen Pflichten nachzukommen, wenn ich es mir jemals wieder einfallen ließe, mich mit einem Mann einzulassen. Aber, abgesehen davon, daß es ja wie ein Märchenwunder wäre, wenn unsereins solche Stellung kriegte, hing doch immer das Messer über einem, und sobald die Vergangenheit bekannt würde, flöge man mit einem Fußtritt hinaus und noch tiefer in den Dreck als vorher. Wenn unser Hetärendasein keine Schande wäre und die Rückkehr zu bürgerlichen Berufen uns jederzeit ungehindert freistände, würden die meisten, die nur kurze Zeit das Elend dieses Lebens gekostet hätten, wieder umkehren. So aber sind die Pforten hinter uns abgeschlossen. »Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung draußen.«

Am meisten bringt es mich immer auf, wenn diese Philister ihre Weiber mit in die Nachtcafés nehmen, und sie sitzen da und tuscheln und lachen und mokieren sich und wissen gar nicht, wie sie sich haben sollen, um so recht den Unterschied zwischen ihrer geilfetten Moralität und ihrer bürgerlich behäbigen, unantastbaren Erhabenheit uns armen Sumpfhühnern gegenüber zu betonen. Ich möcht ihnen gerad' ins Gesicht spucken, den Gänsen. Als ob eine von ihnen wüßte, was Leben und Leiden heißt. Was wissen die von den Nachtgängen des Lebens, in deren Schatten unsere armen Existenzen verkümmern. Ich möchte ihnen gerade zurufen: Seht euch nur vor, ihr seid auch noch nicht zu Ende, vielleicht habt ihr Töchter, von denen euch der Tod abruft und die hier auch einmal sitzen und von scheelen Augen höhnisch gespießt werden . . .

Ich möchte mal eine von den vielen Frauen, die in christlicher Barmherzigkeit, Wohltun und Nächstenliebe machen, sehen, wenn man es ihr zumutete, eine Besucherin des Nationalcafés als Stütze oder Bonne zu engagieren. O Gott, was würde sie sich schütteln und grausen und gegen solche Zumutung protestieren.

Ich pfeif auf alle christliche Liebe und allen Wohltätigkeitsramsch. Die Menschen sind alle Bestien, Hyänen, ob sie so ein oder solch ein Fell um ihren Corpus haben.

Im National ist besonders ein Mädchen, das mich interessiert, sie nennen sie Duda, sie hat ein eigentümlich weißblondes Haar mit goldroten Spitzen und sie macht, obgleich sie nicht übel aussieht, einen sehr armen, gedrückten Eindruck. Ihr Bräutigam »sitzt«; neulich erzählte sie mir davon, er hat sie, wenn sie ihm nicht genug Geld nach Haus brachte, mit Fußtritten regaliert und ihr einmal einen so heftigen Stoß gegen den Leib versetzt, daß sie eine Gebärmutterknickung davongetragen hat. Ich bezahlte ein paarmal den Kaffee für sie. Sie hat ihr Zeugnis verweigert, aber auf die Aussage des Arztes hin hat er fünf Monate Gefängnis bekommen. Nun sitzt sie da und grault sich vor dem Augenblick, wo er wieder frei kommt und hat doch Sehnsucht nach ihm und wird saugrob, wenn irgendein Ausdruck über ihn fällt, der ihr nicht paßt.

Man sieht hier viele schicke, aber wenig wirklich schöne Mädchen. Doch für heute Schluß – – –


8. Januar 1894.


Es treibt mich immer wieder zu dem Büchelchen. Ich weiß nicht warum. Manchmal bilde ich mir ein, es sei ein Mensch, mit dem ich rede, ein lieber, vertrauter Freund, mein einziger auf der Welt. Und es macht mir Spaß, aufzuschreiben, was ich erlebe und was mich beschäftigt in meinen Gedanken. Ich habe Osdorff geschrieben und getröstet mit dem Frühjahr und ich denke wohl, daß ich ihm bis dahin Geld zur Reise schicken kann. Alsdann werde ich mir ein anderes Logis suchen und Osdorff mitnehmen. Man erlebt so mancherlei und fast jeden Abend was anderes, aber selten was Gutes. Ich bin so sehr nervös, daß manchmal meine Glieder fliegen wie im Veitstanz, und manchmal habe ich Lust, zu schimpfen und grob zu werden und zu schmeißen und mich auszutoben. Denn dies Leben ist gräßlich, aber man kommt nicht hinaus, man sitzt wie eingemauert drin und ist nirgends ein Ausgang und nur hoch oben ist ein Fenster, aber was hineinschaut, ist dumpfe, graue Luft und kein hoffnungsfrohes Himmelslicht mehr.

Da saß ich neulich im National mit Duda und Kietsche an einem Tisch nahe am Springbrunnen und nebenan saßen zwei Herren, einer mit langem, schwarzem Vollbart und goldenem Kneifer und ein alter Meergreis mit einer blaurot verwarzten Nase. Der alte Knacker schmiß ein Markstück in das Wasser, ich streifte den Ärmel auf und holte es heraus. Da warf er noch eins rein, und noch eins, und da kam auch Duda und fischte und nachher schmiß er immerzu Geld hinein, Marken und Fünfgroschen- und Zehnpfennigstücke, und da kamen sie alle herangewimmelt, und eine wollte der anderen zuvorkommen und der alte Kerl lachte, daß ihm der Bauch wackelte und ließ sich eigens vom Kellner zwanzig Mark Kleingeld bringen. In dem Gedränge verlor die Goldfischelse ihren Wilhelm, sie meinte wohl, ich hätt's getan und aus Wut ging sie hinterrücks hin und riß meine Nadeln aus dem Haar und dachte wohl, daß mir das gleiche Mißgeschick passieren würde wie ihr, aber da hatte sie sich geschnitten, die Haarsträhnen tollten mir nur so über den Nacken und lösten sich auf, und ich schüttelte sie mit Willen und stand da, vom Nacken bis an den Kleidsaum wie mit einem losen schwarzen Gewand umhüllt. Das war ein Anstaunen. Aus allen Ecken und von allen Seiten kamen sie herbei und besichtigten das Wunder, und auch der große, schwarze Herr, der sich all die Zeit nicht gerührt hatte, und mit der Hand in der Tasche gleichgültig und teilnahmlos da saß, erhob sich und betrachtete mein Haar und sagte: »Prachtvoll! Prachtvoll! Sie könnten ja für eine Haarwasserfabrik Reklame machen, Mädchen . . .« Ich schnitt ihm eine Fratze, denn das Wort »Mädchen« paßte mir nicht, weiß nicht weshalb, da ich doch nicht mehr gewöhnt bin, per gnädig angeekelt zu werden. Die Mädchen waren alle neidisch, und das freute mich, und ich ließ das Haar den Abend so wild hängen, und jeder, der mir nahekam, wollte das Haar befühlen und darin herumfuhrwerken, aber ich litt's nicht und ließ jeden, der das wollte, erst fünf Mark bezahlen und hatte gleich an sechzig Mark zusammen, wofür ich mir nächsten Tags einen Pariser Hut mit gelben Federn kaufte. Was das Wunderbare war, daß ich immer wieder nach dem schwarzen Kerl hinsehen mußte, je länger ich ihn ansah, desto besser gefiel er mir. Er hat ein so schönes Profil gehabt, eine Adlernase und prachtvolle braune Augen und herrlich schöne, weiße, feste, glatte Hände. Ich wünschte ihn mir zum Mitkommen, und nahm keinen anderen an, und nach einer Weile kam er richtig und setzte sich an meinen Tisch und der Alte kam auch hinterher gemeckert. Ich hörte, daß der Schwarze ein Doktor ist, und nachher sagte er richtig, er begleite mich nach Haus. Und ich Schaf, anstatt zuzulangen, wurde patzig und sage raschweg nein, worauf er lacht und gemächlich sagt: »Na, dann nicht, lieber Schatz,« und zahlte und ging fort, und nachher habe ich mich blau geärgert, wie sich mir solch ein Lausejunge von zwanzig Jahren anhing, und ich habe die ganze Nacht an den schönen Menschen denken müssen. Ich schreibe das nur auf, weil es eigentlich das erste Mal in meinem Leben ist, daß ich tatsächlich nach einem bestimmten Mann Verlangen gehabt habe. Ich muß noch an ihn denken und wünsche sehr, ihn wiederzusehen und werde ihn dann nicht mehr entwischen lassen. Aber so bin ich, mir selber unberechenbar. Auf einmal stößt etwas in mir auf: Nun gerade nicht. Dann ist es, als ob ein fremder Mensch in mir sitzt und ich muß machen und sagen, was der will und nicht was ich möchte. So ist es.


* * *


14. Februar.


Es ist doch zu merkwürdig. Gestern sah ich den schwarzen Doktor wieder. Bei Kranzler Unter den Linden saß er am Fenster. Ich ging auch hinein und setzte mich an seinen Tisch. Er sah mich über seine Zeitung hinweg an und tat, als ob er mich nicht wiedererkennt. Nach ein paar Minuten kam ein Backfisch mit Torte und setzte sich neben ihn und aus der Anrede hörte ich, daß es seine Tochter war. Da sah ich, daß nichts mehr zu wollen war. Zahlte und ging, wartete aber draußen, bis er herauskam mit dem Mädchen. Ich wollte ihnen nachgehen und sehen, wo er hinging, er merkte es wohl und setzte den Backfisch in eine Droschke, und kam dann gerade auf mich zu. »Nun, mein Kind?« sagte er, »wünschen Sie etwas?« Ich kniff die Lippen zusammen und sagte nichts. Er ging neben mir her, eine lange Weile bis hinterm Brandenburger Tor. »Ihr schönes Haar hat es mir angetan,« sagte er, »ich möchte es noch einmal sehen.« »Das möchten andere auch,« sagte ich. Er lachte. »Sie haben einen stark entwickelten Geschäftsgeist! Die Art, wie Sie aus der Sehenswürdigkeit Ihres Haares Kapital schlagen, hat mir Spaß gemacht. Sie hatten übrigens nicht unrecht. Wer sehen will, soll zahlen. Ich bin sonst 'n Mann mit soliden Gewohnheiten. Als Arzt habe ich auch keine Zeit zu öfteren Nachtexkursionen. Und mit professionellen Damen verkehre ich prinzipiell nicht. Aber Ihr Haar interessiert mich. Ich werde es mir auch zwanzig Mark kosten lassen, wenn Sie es mir noch mal zeigen wollen.«

»Lassen Sie sich was pfeifen, Sie alter Quasselkopp, Sie oller Kamillentrichter,« sagte ich böse, denn der Ausdruck »professionell« ging mir wieder wie eine stumpfe Säge über die Nerven. »Wer ist professionell, he? Sie professioneller Leichenpräparierer –«

»Na nu! man nicht gleich so herb,« sagte er, »ich will Ihnen ja nichts, und wenn nicht, dann nicht. Adieu, mein Fräulein.« Fort war er und ich stand da und giftete mich, und zu Hause schnitt ich vor Wut der Beidatsch ihre Tischdecke in Stücke, wofür ich fünf Taler blechen mußte, obgleich das dreckige Ding keine fünfzig Pfennig Versatzwert mehr hatte.

Ja, man erlebt so mancherlei Wunderliches auf dem Bummel. Vor ungefähr acht Tagen war ich abends in einem Ballhaus und da troddelte die ganze Zeit ein alter Mummelgreis hinter mir her und wollte partout mit mir anbinden und ich kam nicht dazu, ihn abzuschütteln. Zuerst beachtete ich ihn nicht, denn ich sah gleich, daß nichts dahinter steckte. Ganz propper, mit 'm Anstrich von Eleganz, aber nichts Gediegenes. Der Rock schon an den Nähten 'n bißchen schäbig, Wäsche und Krawatte sauber und ordentlich, aber Nummer Stroh. Ich taxierte ihn gleich richtig: So 'n alter, abgedankter Aristokrat, Lebemann a. D., nichts vor und nichts hinten.

»Lassen Sie mich in Ruh', alter Schafskopp! Sie verderben mir ja das Geschäft,« sagte ich. »Für Sie wird wohl noch 'n alter Schraubendampfer wie die Cimbria drüben gut genug sind . . . drüben sitzt se und lauert uff eenen« . . . Er wich aber nicht von meiner Seite und beteuerte immerfort, ich sei die anmutigste Frau, die er je gesehen hätte. »Und darauf können Sie stolz sein, wenn ich Ihnen das sage! Ich bin weit 'rum gekommen in der Welt und hab' in aller Herren Länder die schönsten Weiber gesehen und besessen. Immer das Exquisiteste. Ganz egal wo – in moulin rouge oder in Wien oder in Madrid und Petersburg und last not least in Dresden . . .«

»Wo die scheenen Mädchen auf die Beeme wachsen –« sagte ich.

Er schüttelte wehmütig den Kopf und schnalzte mit der Zunge. »Damals am Jüdenhof bei der Braunschweiger Minna. Ich versichere Sie, sie hielt in ihren Salons das ausgesuchteste Material von ganz Europa. Leider wurde sie aus Dresden ausgewiesen. Nachher errichtete sie eine Filiale in Riga, aber die Sache war nicht mehr auf der Höhe wie in Dresden . . .«

»Damals hatten Sie wohl mehr Moneten als jetzt,« sagte ich und sah mir den kleinen Kerl von oben herab an. Da zog er ein Zwanzigmarkstück aus der Westentasche: »Sehen Sie sich mal das Ding an. Es ist eine Art Merkwürdigkeit. Diese zwanzig Meter sind die letzten von sechshunderttausend ihrer Schwestern, die durch meine Finger rollten. Vierzig Jahre habe ich dazu gebraucht – woraus Sie sehen, daß ich 'n solider Mensch bin. Was meinen Sie, wenn wir den Fuchs in Röderer auflösen –«

»'ne Idee von Schiller,« sagte ich, denn der Alte fing an, mich zu interessieren. Wir setzten uns dann oben in eine Ecke und er erzählte mir, daß er ein schuldenfreies Rittergut in Schlesien gehabt hatte und einen Landsitz in Westpreußen und eine Villa in Steiermark. Und war alles hindurch und alles weg, und die zwanzig Märker waren die letzten von seinem Kapitalvermögen. Nun solle er monatlich zweihundert Mark Rente von seinen Verwandten kriegen, zu viel zum Sterben, zu wenig zum Leben, wie er sagt. Und er zeigte mir die Photographien von seinen ehemaligen Besitztümern und verschiedene Papiere, die darauf Bezug haben, woraus ich sah, daß alles seine Richtigkeit hatte.

»Das haben Sie alles versoffen?« sagte ich. Er nickte vergnügt.

»'s tut mir nicht mal leid. Wenn ich mir's zurückwünschte, wär's nur, um es Ihnen heute abend schenken zu können. Leider hab' ich momentan nichts mehr zu verschenken« . . . und wie er die Papiere in die Brieftasche zurücktat, hielt er eins zurück: »Grundbesitzer bin ich doch noch. Das hier ist die Kaufurkunde über ein Grab auf dem Schöneberger Friedhof. Vor zehn Jahren hab ich's mir zugelegt und 'n Gitter für sechshundert Mark drum machen lassen, 'n Stein war auch schon drauf, den hab' ich wieder versilbert.«

»Dann haben Sie doch noch was zu verschenken,« sagte ich.

»Was, die Grabstätte?«

»Ja, warum nicht?« sagte ich. »Unsereins möchte auch wissen, wo ihn die Würmer mal fressen –« Ich zündete mir eine Zigarette an und ließ eine Sekt auf meine Kosten kommen. Und der Alte soff und wurde immer verliebter und zudringlicher. »Ich will Ihnen 'n Vorschlag zur Güte machen,« sagte ich. »Ich geb' Ihnen fünf Bons und dafür übertragen Sie mir Ihren Schöneberger Grundbesitz.«

»'ne tolle Idee! 'ne tolle Idee!« griente der Alte.

»Wieso toll?« sagte ich. »Ich möchte auch wissen, wo sie mich mal einbuddeln.« Er wollte erst nicht recht anbeißen, aber ich hielt an. Zuerst nur aus Unsinn und nachher aus Ernst. Und ehe ich mir's selber versah, wurden wir handelseins. Ich krieg das Schöneberger Grundstück mitsamt dem Gitter und er kriegt zehn Bons. Ein toller Handel. »Ja,« sag' ich, »wer garantiert mir aber so und so, daß die Sache von Ihrer Seite auch perfekt wird?«

»Ha, dafür bin ich Kavalier! Parole d'honneur,« sagte er und wirft sich in die Brust. Eine ganze Menge Zeugen waren bei dem »Geschäftsabschluß« anwesend und mindestens zwanzig Pullen Sekt sind drauf geschmissen. Ein paar Tage später kriegte ich die Urkunde auf meinen Namen zugestellt. Der Alte war so nobel gewesen, auch noch die Umschreibung auf meinen Namen aus seiner Tasche zu bezahlen. Also hab' ich jetzt eine Grabstätte als meinen Besitz. Ich bin schon mehrere Male draußen gewesen. Das erstemal in Begleitung des Alten. Er sagt, er hätte auch noch Anspruch auf einen Platz im Erbbegräbnis auf seinem ehemaligen Rittergut. Das war mir angenehm zu hören, denn sonst hätte es mir doch leid getan, ihm seinen letzten Grundbesitz abzuknöpfen, das Gitter ist sehr schön, und eine hübsche Trauerweide steht darauf. Zum Frühjahr will ich mir eine Bank und einen Stein darauf machen lassen und Efeu und Blumen hinpflanzen. Meine Bekannten lachen mich aus und sagen, ich wäre verrückt. Aber mir macht es Spaß. Ich will mir einen richtigen kleinen Garten drauf anlegen und meine Sommerfrische drauf abhalten.


* * *


8. März 94.


Die letzten Wochen machte ich brillante Geschäfte. Ich hatte einen Engländer, der im Hotel Bristol wohnte und der rein verrückt nach mir war und das Geld händevollweis zum Fenster hinauswarf, wenn er mit mir ausging; einmal hat er für vierhundert Mark Sekt in einem Ballhaus bezahlt, wovon ich zehn Prozent vom Oberkellner abkriegte. Gekauft hat er mir, was los und fest war, bei Wertheim haben wir an einem Nachmittag für zwölfhundert Mark Waren genommen, lauter Toilettengegenstände, die ich zum Teil nicht mal brauchen konnte und gleich wieder verkloppt habe. Jeden Abend bekam ich zwei Hundertmarkscheine, wovon ich zwei an Osdorff geschickt habe zur Überfahrt. Ich hätte ihm gern mehr geschickt, aber ich war bange, daß der mir dann das Geld versäuft und doch nicht kommt. So reicht's gerade zum Zwischendeck. Sonst liegt mir gar nichts am Geld, es rutscht mir doch nur so durch die Finger, zum Sparen komme ich doch nicht mehr. Vor etwa einer Woche wär's mir bald mies gegangen. Irgend so'n verfluchter Spitzel muß hinter mir her gewesen sein, denn ich wurde aufs Polizeiamt zitiert, und der Kommissar oder was er für ein Kerl war, fuhr mich barsch an, und ich sollte angeben, von was ich lebe. »Na, von Sprachunterricht,« sagte ich. »Das haben Sie uns nachzuweisen –«, schreit er mich an – und so weiter. Ich soll also das Zeugnis von mindestens drei einwandfreien Personen bringen, daß ich mit Sprachunterricht so viel verdiene, um existieren zu können. Mir war gar nicht gut zumute dabei. Denn woher sollte ich die »einwandfreien« Personen kriegen. Am Abend erzählte ich es dem schachen Friedrich, weil der doch so 'n bißchen von der Juristerei versteht, und der sagt's den andern, und auf einmal erörtern die andern meine Sache, als ob's die ihre wäre und sie mich gar nichts anging. Na, was soll ich sagen. Drei Tage später hatte ich meine drei »einwandfreien« Zeugen, die die eidesstattliche Versicherung abgegeben haben, daß sie bei mir Sprachstunden, die Stunde zwei Mark, nehmen, und ist alles glatt gegangen, aber vorsehen muß ich mich natürlich doch. So ist es ganz nett, die Leute springen hier gegenseitig feste füreinander ein, wenn's klemmt. Man kann so ziemlich für alle Lebenslagen in diesen Kreisen haben, was man braucht. Es gibt auch eine Menge Frauen, die nur vom Anmelden leben; das heißt, sie melden die betreffende Person als bei ihnen zu Besuch an und bekommen drei Mark dafür, während die Betreffende in Wirklichkeit ganz wo anders wohnt. Mir hatte kürzlich eine mein Portemonnaie mit vierzig Mark und zwei Abonnements für Frisur und Maniküre gemopst, und ich war hinter ihr her und konnte sie erst nicht finden, weil sie auch maskiert angemeldet war, nachher erwischte ich sie, aber wiederbekommen habe ich doch nichts. Mit Gewalt läßt sich nichts machen. Die Zimmervermieterinnen machen immer noch das beste Geschäft. Erst ziehen sie die hohen Mieten und dann fallen auch sonst noch eine Menge Sporteln ab. Zum Beispiel, wenn eine in Verlegenheit ist, wird sie meistens doch erst der Wirtin ihre Wertsachen zum Verkauf anbieten, die zieht es für ein Ei und ein Butterbrot ein und hängt es nachher andern, und zwar meistens auch wieder Mädchen, – natürlich mit fünfundzwanzig Prozent Aufschlag und mehr – auf. Die Beidatsch hat auch bald ihr Schäfchen im Trocknen. Sie hat mehr Brillanten als ich. Sie will nächstens das Geschäft aufgeben und sich eine kleine Wohnung in Pankow mieten. Ich ziehe auch, sobald Casimirchen da ist. Für später hätte ich auch Lust, Zimmer zu vermieten.


* * *


22. Mai 1894.


Ich war wieder krank. In Hamburg, wo ich Casimir abholte, hatte ich mir eine verfluchte Erkältung geholt. Der Arzt sagt, mein Herz wäre sehr schwach, ich soll im Sommer nach Nauheim gehen. Zum Glück habe ich so viel zusammen, daß ich es kann, zur Not versetze ich ein paar Schmucksachen. Casimir hat mich eine Menge Geld gekostet. Ich mußte ihn von Kopf zu Fuß einkleiden, er war ganz abgerissen. Ich hatte doch erst ein bißchen Sorge, daß er's krumm nehmen würde, wenn ich ihm die nötigen Aufklärungen gebe, aber er ist wirklich noch dümmer und gleichgültiger, als ich gedacht hatte. Sein Stumpfsinn grenzt wirklich an Idiotismus. Woher das Geld kommt, ist ihm ganz egal, wenn er's nur hat. Ich hätte ihn gern von der Zuhältergesellschaft ferngehalten, aber da ist nichts zu machen. Jetzt ist er mitten drin, sie haben ihn auch schon getauft und nennen ihn Fliebenheinrich, ich glaube, wegen seiner etwas vorhängenden Unterlippe. Seine ganze Sorge ist, daß seine Verwandten ihn entdecken. In einigen Teilen ist er merkwürdig schlau. Manchmal ist er mir unsäglich zuwider, und ich begreife mich selber nicht, was ich an ihm finde, da man sich nicht einmal vernünftig mit ihm unterhalten kann, und doch möchte ich ihn nicht missen.

Ich wohne jetzt in der Markgrafenstraße, ein schönes großes Zimmer nach vorn und eine Kammer, in der Osdorff schläft und zahle per Monat dreihundertsechzig Mark, d. h. tagweise à Tag 12 Mark. Die Vermieterin ist eine sehr resolute, nette Frau, d. h. eigentlich ist sie keine Frau, sondern Fräulein, und sie haben ihr auch schon übel mitgespielt, und sie hat schon zweimal gesessen wegen dem Vermieten! Sie hat einen Restaurateur als Freund, der im Notfall für sie eintritt, aber sie sagt, es sei doch eine faule Sache, und sie hat die Absicht, sich pro forma zu verheiraten, damit die Chikaniererei aufhört. Sie hat einen Mieter, ein armer, ganz siecher, lungenkranker Kerl, dem jeden Augenblick die Luft ausgehen kann, mit dem will sie sich trauen lassen. Sie hängen schon im Kasten. Mitte Juni heiraten sie.

Ich habe draußen meinen Schöneberger Grundbesitz jetzt in Ordnung. Eine bequeme Bank steht unter der Weide, und in den vier Ecken sind Blumenbeete angelegt, und zum Herbst will ich einen Stein drauf setzen lassen. Ich gehe oft zwischen sechs und sieben abends hinaus, wenn es schön ist, und sitze eine Weile dort und spinne mich ein in meine eigenen Gedanken und Träume, und denke, wie schön es wäre, wenn man an einem lauen Maiabend wie jetzt da sitzen und einschlafen könnte, und nie mehr erwachte, oder zu einem neuen Leben erwachte, in dem man ein neuer Mensch wäre und von vorn anfangen könnte.

Dicht neben meinem Grab ist ein frisches Grab, nach dem eine ältere Frau in tiefer Trauer kommt, sie weint nie, aber man sieht es ihr an, daß sie unsäglich leidet. Eines Abends kamen wir in ein Gespräch und sie erzählte mir, daß sie eine Pianofabrik hat und Witwe ist und im März ihren letzten Sohn von siebzehn Jahren begraben hat. Sie setzt sich zuweilen zu mir auf die Bank, und sie hat mich eingeladen, sie zu besuchen, was mir natürlich nicht einfällt. Da war' ich ja doch bald erkannt. So ist's besser.

Ich bin manchmal so matt, daß ich meine, ich mach's nicht lange mehr mit, dies Leben. Ich sehe auch wieder erbärmlich aus, und muß Landluft genießen,5 was ich sonst nie nötig hatte, und auch nicht gern tue, weil rote Backen mich nicht kleiden.

Molly und Dolly haben dreißigtausend Mark in der Lotterie gewonnen und sind eines Tages ohne Sang und Klang von der Bildfläche verschwunden. Vorgestern schrieben sie mir, sie haben sich in einem kleinen Thüringer Nest eingemietet und wollen ein Geschäft anfangen. Daß sie klug sind! Ich wollte, ich hätt' auch so 'n Bombenglück und könnte heraus. Und nie wieder! Nie wieder! Ich freue mich kindisch zu meinem Grundbesitz. Es ist zu hübsch des Abends, wenn die Vögel in den Bäumen singen und das Pfeifen und Klingeln und Lärmen und Tosen der Straßen so gleichsam an einem vorüberstreicht, als ginge es einem momentan nichts an, als sei man herausgelöst aus der Welt der Friedlosen, wie ein Stein aus einem Ring, und hinge nur als Tauträne still und rein an einem Ölblatt des Friedens in dem Reich der Erlösten, der Schlafenden. Wenn man dann wieder in die Straßen kommt, empfindet man den Unterschied freilich doppelt, dann ekelt es einen erst recht an . . . Eine gewisse Genugtuung bereitet es mir, daß ich auf der Straße niemals in unanständiger Weise angerempelt werde. Fast alle meine »Kolleginnen« tragen den Stempel ihres Gewerbes im Gesicht. Man sieht an einem eigentümlichen Zug um den Mund und den Augen, was sie treiben. Vor diesem Eichstempel des Elends fürchte ich mich. Ich studiere mich täglich im Spiegel und entdecke ihn, Gott sei Dank, noch nicht. Ich glaube, es kommt davon, daß ich meinen Geist von den Funktionen meines Körpers emanzipiere. Ich lese viele gute Bücher, jetzt habe ich mich an Nietzsches Zarathustra gemacht, aber ich verstehe das meiste nicht. So ist es mir, als wären Geist und Körper bei mir zwei verschiedene und getrennte Wesenheiten, aber der Geist bezahlt dem Körper seine Miete, indem er ihm den Reflex seines Daseins auf das Angesicht drückt, so daß man die lebendige Leiche nicht gleich als Leiche rekognoszieren kann. Ach, Kinder, was haben es die Toten da draußen gut!! –


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18. Juni 1894.


Wir hatten gestern Hochzeit. Ach du liebes Herrgöttchen! Was für eine Hochzeit! Der Standesbeamte soll nur immer den Kopf geschüttelt haben, als er den »Bräutigam« ansah. Der Kerl kann kaum noch aufrecht stehen. Total schwindsüchtig. Er schlenkert nur so hin, die Handgelenke sind dünn wie Federhalter und auf dem ganzen Knochengerüst kein Lot Fleisch. Während des standesamtlichen Aktes hat er einen Hustenanfall gekriegt und Blut gebrochen, und der Beamte hat die Menge gefragt ob sie nicht lieber verzichten wollte, es sei ja der reine Hohn. – – Als sie nach Hause kamen, mußte der junge Ehemann gleich ins Bett und wir feierten allein Hochzeit, zwanzig Personen, bis heute früh zwei Uhr, und es war so lustig, daß die Aufwärterin das Zimmer nachher mit dem verschütteten Sekt hat aufnehmen können und gar kein Wasser brauchte.

Ich habe endlich meinen Schwarzen gefunden und ihn festgehalten. In der Bellevuestraße begegnete ich ihm und ging auf ihn zu und entschuldigte mich wegen meiner neulichen Grobheit. Er lächelte und schüttelte den Kopf: »Das hab ich Ihnen nicht übel genommen, liebes Fräulein –« und wir gingen wieder zusammen in den Tiergarten und unterhielten uns wie ein Herr und eine Dame von allerhand Dingen, die sonst von Mädchen meiner Sorte in der Unterhaltung mit Männern nicht berührt werden; auch kein Interesse für sie haben, und ich merkte instinktiv zu meiner Befriedigung, daß sein Interesse für mich von Minute zu Minute stieg. Wir setzten uns auf eine Bank im Tiergarten und plauderten weiter, und ich erzählte ihm allerhand Details und Episoden aus meinem gegenwärtigen Leben, und dann erzählte er von sich. Er ist Arzt und hat eine sehr große Praxis und ist glücklich verheiratet und hat vier gesunde, gut geratene Kinder, zwei Mädel und zwei Jungen, aber er ist nervös infolge von Überarbeitung. Und er sagt, er brauche zuweilen Ausspannung und Zerstreuung und Ablenkung, und er suchte schon lange nach einer passenden Bekanntschaft, ob ich es ihm gestattete, mich in den Nachmittagsstunden von 6–8 Uhr dann und wann zu besuchen. Ich gab ihm meine Karte und am andern Tag kam er. Ich habe noch nie einem Besuch mit solcher Ungeduld entgegengesehen, und mich so auf einen Besucher gefreut, wie auf diesen. Wie er bei mir war, habe ich erst gemerkt, daß ich in den Mann tatsächlich verliebt bin. Wie er mir Geld geben wollte, hab' ich es zurückgewiesen und auf einmal hab' ich ihn mit beiden Armen umschlungen und ihn vor lauter Liebe direkt in den Hals gebissen und ihn gebeten, mich ganz für sich zu nehmen, ich will auch nur ganz allein für ihn da sein. Und er zog mich mit auf den Diwan und strich mir mit einer ganz zarten, leisen Handbewegung das Haar aus der Stirn und sagte mir, daß er, ohne seine Familie zu schädigen, mir nicht mehr als monatlich zweihundertfünfzig Mark geben kann, wenn ich damit auskäme, sei er einverstanden. Und sagte mir auch, daß seine Frau im letzten Wochenbett vorigen Herbst so furchtbar gelitten habe und sie geschont werden müsse, und sie eigentlich jetzt nur als Geschwister zusammen lebten, und es könnten ein paar Jahre vergehen, bis sie so weit gekräftigt sei, daß er sie wieder als seine Frau betrachten und mit ihr verkehren könnte. Da wußte ich ja auch direkt, daß ich nur Notbehelf bin und der Doktor W . . . in mir nichts anderes sieht, als die anderen Männer, und das war mir im Moment so furchtbar bitter, daß ich nahezu wieder grob geworden wäre, aber ich beherrschte mich, und er versprach mir, mich bald wieder zu besuchen. Als er ging, betrachtete er die Bücher auf meinem Schreibtisch und wunderte sich, daß dort Werke von Storm und Fontane und Keller lagen. »Lesen Sie die, oder ist das nur Dekor?« sagte er. »Ich lese sie,« sagte ich. »Sind Ihnen die nicht zu langweilig? Finden Sie nicht mehr Geschmack an spannenden Romanen?« »Romane hab' ich selbst genug,« sagte ich. Er schüttelte den Kopf und sagte: »Daß Sie kein alltägliches Mädchen sind, hab' ich gleich gemerkt. Aber ich glaub', in Ihnen steckt noch mehr, als man vermutet.« »Ach, Quatsch,« sagte ich, und dann ging er. Nachher überlegte ich mir das mit den zweihundertfünfzig Mark, ach, es wäre ja zu herrlich, aber es geht nicht, ich komme damit nicht aus, zumal nicht, wo ich Casimir jetzt auf dem Halse hab'. Denn wo ich ihn einmal hier herübergelotst hab', ist es nicht mehr als anständig, daß ich auch für ihn sorge. Denn daß er sich selbst ernähren kann, ist tatsächlich ausgeschlossen. Das Scheußlichste ist, daß er in letzter Zeit anfängt, sich zu besaufen. Zum Glück ist er in besoffenem Zustand nicht rabiat, sondern schlapp wie ein nasses Tuch. Neulich bremste ich ihm ein paar gehörige Ohrfeigen an den Kopf, als er mir so nach Haus kam, da fing er an zu flennen, wie ein kleines Kind, mir wurde ordentlich übel, so ekelte ich mich, aber ich mußte auch wieder lachen. Ich halte ihn knapp genug mit Taschengeld, aber wenn ich ihm eine Mark und fünfzig abends für Essen und Bier gebe, ißt er womöglich nichts und versauft alles. Richtig gesund ist er auch nicht, dem großen Körper fehlt die entsprechende Kraft, er hat nur Knochen und Fett, kein Fleisch, keine Muskeln.


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Der Doktor will mich in Nauheim besuchen, worauf ich mich sehr freue. Nächste Woche reise ich. Ich liebe den Doktor. Ich sehne mich nach ihm. Ich finde eine innere Befriedigung darin, ihn wahnsinnig zu küssen. Ich möchte ihm ganz allein angehören. Ich könnte alles für ihn tun. Ich wünschte, daß er meine Liebe erwidert, aber er tut es nicht. Das Einzige, was mich darüber tröstet, daß er mir offenbar ein nicht unerhebliches Interesse entgegenbringt. Zuweilen ist mir, als ob er Mitleid mit mir hätte. Seine Stimme klingt oft so weich und seine Liebkosungen sind so sanft und zart . . .


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Es war hübsch in Nauheim, obgleich der Doktor sein Versprechen nicht gehalten hat, sondern mit seiner Familie nach Zoppot gereist ist. Die Bäder haben mir sehr gut getan, und ich wäre noch gern länger da geblieben, aber das Geld ging mir aus, es läppert sich an solchem Ort höllisch zusammen. Ich habe mich sehr erholt und freute mich, in meiner Wohnung einen großen Strauß Rosen vom Doktor als Willkommengruß vorzufinden. Aber das dicke Ende kam nach. Der Casimir ist mir in den Wochen total verludert, hat sich, wie mir meine Wirtin erzählte, jede Nacht außer dem Hause mit Frauenzimmern herumgetrieben und hat tagsüber besoffen zu Bett gelegen. Gott, ist das ein Mensch! Eigentlich nur 'n Stück Vieh. Hat sich der Kerl da so eine Sechserkalle aus der Chausseestraße zugelegt; ich fahr Montag hin, um sie aufzusuchen. Sie soll ihn nur ganz als Louis nehmen, ich bin ja froh, wenn ich 'n quitt bin. Leider traf ich sie nicht an, sie war vor ein paar Tagen verschüttgegangen und im Weibergefängnis X. Bei der Wirtin in der Küche saßen zwei armselige Geschöpfe, die am Morgen aus dem Frauengefängnis entlassen waren und die klagten doch so gotteserbärmlich, wie schlecht sie es gehabt hätten. Die Aufseherin soll sie nie anders als »Schwein« und »Hure« und so weiter angeredet haben. Die eine hatte ein Lager gehabt, das von einer Vorgängerin in unglaublichem Zustand verlassen war, und auf dem sie so liegen mußte. Und hungern hätten sie auch müssen. Ich muß ja sagen, mir klang das ganze ein bißchen dick aufgeschmiert, ich kann mir nicht denken, daß in solcher Anstalt, wo doch Hilfskräfte genug zur Verfügung stehen, eine derartige Schweinerei herrschen kann. Aber was den Hunger anbelangt, so illustrierte die Gier, mit der sie in die trockenen Schrippen einhieben, ihre Klage. Sie taten mir so leid, daß ich jeder von ihnen drei Mark schenkte, obgleich ich momentan auch abgebrannt und noch für 14 Tage Miete schuldig bin. Mein großes Zimmer war ja in der Zeit, wo ich weg war, vermietet; als ich wiederkam, hat die Wirtin der anderen aber gleich gekündigt und mich wieder rein genommen. Ich bin nur immer bange, daß der Casimir auch mal eine Dummheit macht und sich zu etwas verleiten läßt, was ihm ein paar Wochen Dunkelkammer einbringt. Für Geld kann man in der Welt alles haben. Ich muß mich jetzt sachte dran halten, um wieder zu Geld zu kommen. Es ist gräßlich. Der Doktor gab mir gestern hundert Mark, aber das schlägt ja nicht viel an.


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18. September 1894.


Gestern war ich mit dem Doktor in der Ausstellung. Wir fuhren mit einer Droschke hinaus und wanderten durch die Säle. Ich sehe gern schöne Gemälde, überhaupt alles, was schön ist. Besonders gefiel mir ein Bild, ein Kornfeld mit sehr viel überwucherndem Mohn, so daß man eigentlich nur das grelle Rot der Fackeln sieht und das Gold der Ähren darunter verschwindet.

»Das soll wohl eine allegorische Darstellung sein,« sagte ich.

»Wieso?« sagte der Doktor und rückte seinen Kneifer etwas höher.

»Ich meine, der Künstler will damit andeuten, daß der Mohn des Vergessens am besten über das Brot des furchtbar nüchternen und schwerfälligen Lebens hinausflammen und es mit seinem brennenden Rot gleichsam bengalisch beleuchten soll,« sagte ich. »Mohn ist alles. Hier Illusion, da Vergessen, Betäubung – manchmal ist das Opium des Mohns, den der Wind säet und den niemand hegt, unentbehrlicher, als das nahrhafte Brot aus der Ackerfrucht des sorglichen Landmanns . . .«

Er antwortete nicht; nachher saßen wir oben auf der Terrasse und speisten zu Nacht. Auf einmal legte der Doktor Messer und Gabel hin und sah mich an. »Sagen Sie mal, Thymian, Sie haben einst bessere Tage gesehen! Sie sind aus anständiger Familie. Sie haben eine gute Schulbildung genossen. Sie haben ungewöhnliche Kenntnisse. Wie kamen Sie in dieses Leben?«

»Unsinn,« sagte ich. »Mein Vater war Portier und meine Mutter Waschfrau, und ich sollte dienen, aber da mir das Leben als Magd nicht gefiel und ich keine große Dame werden konnte, wählte ich die Mittelstraße und ernähre mich schlecht und recht als Halbweltdame.«

»Nein!« sagte er bestimmt, »das ist nicht wahr. Ich will mich nicht in Ihr Vertrauen drängen, denn Sie werden wohl Grund haben, über Ihre Vergangenheit zu schweigen, aber ein Proletarierkind sind Sie nicht, darauf will ich Gift nehmen. Schon Ihr Äußeres spricht dagegen. Sie sind eine rassige Schönheit, wie man sie in ganz niederen Lebenssphären selten, fast nie findet: Sie haben Geist und Gemüt, und Kenntnisse genug, daß beide sich nicht brach verstecken, sondern immer wieder wie aus den Facetten eines kunstgerecht geschliffenen Edelsteins farbenfunkelnd hervorbrechen. Ich will Sie nicht mit meiner Neugierde belästigen. Ich bin nicht neugierig, aber Sie interessieren mich in meiner Eigenschaft als Arzt und Mensch. Ich verstehe nicht, wie man mit Geistes- und Herzensgaben, wie Sie sie unzweifelhaft besitzen, und mit so scharfen intellektuellen Augen in die Sackgasse des tiefsten moralischen Jammers geraten und darin verharren kann. Das ist mir ein psychologisches Rätsel, das ich gelöst haben möchte.« So sprach er, ich aber antwortete nicht gleich. Ich sah in den roten Wein, der im Glase schimmerte, und sah über die Menschen hin, die unten im Schein des elektrischen Lichts an den Tischen saßen und ihr Abendbrot verzehrten. Es war ein warmer Abend, und der Garten noch ziemlich besetzt; die Stadtbahnzüge rasselten vorüber, es sah malerisch aus, wie lange Ketten kleiner Glühwürmchen mit den erleuchteten Fenstern. Die Musik spielte: ›Stell auf den Tisch die duftenden Reseden, die letzten roten Astern hol herbei!‹ – Ich weiß nicht, wie mir war, meine Augen wurden schwer und dunkel, ich fühlte den Blick des Doktors auf mir ruhen und sah immer starr vor mich nieder in den roten Wein.

»Es war wohl die alte Geschichte,« sagte er leise, »eine unglückliche Liebe, nicht wahr? Und dann immer einen Schritt weiter und tiefer hinein, bis der Fuß stecken blieb im Sumpf und nicht wieder raus konnte . . .«

Ich schüttelte den Kopf. Es rann mir eiskalt über den Rücken, und mein Herz klopfte langsam und schwer wie ein Eisenhammer. »Ich habe früher nie einen Mann wahrhaft geliebt,« sagte ich. »Sie liebe ich, Doktor! Ja, ich liebe Sie!« Und weiter konnte ich nicht sprechen. Ich stützte den Kopf in die Hand und preßte das Taschentuch an die Augen und sagte ihm, daß ich ihm später mal alles erzählen werde, und der Doktor schwieg, und inzwischen hatte der Kellner Sekt gebracht, und wie ich das Glas zum Munde führte, fiel eine Träne hinein, die habe ich mitgetrunken. Wir kamen nicht mehr in Stimmung und um neun gingen wir, fuhren in einer Droschke zum Tiergarten und stiegen da ab und gingen in den dunklen Wegen spazieren. Auf einmal legte der Doktor seinen Arm um meine Taille und sagte leise: »War das Ernst vorhin, Thymian? Bin ich Ihnen wirklich um meiner Persönlichkeit willen teuer? Oder war das nur so obenhin gesprochen?«

»Ich liebe Sie,« sagte ich, und mir kamen wieder Tränen in die Augen. »Ich habe Sie gleich geliebt. Ich möchte Ihnen angehören, und nur Ihnen. Mein Herz und meine Sinne drängen zu Ihnen. Ich weiß nichts, was ich für Sie nicht tun könnte . . . Ich kann von allen Geld annehmen, aber von Ihnen kostet es mich Überwindung, weil das Geld so schmutzig ist, und meine Liebe zu Ihnen so rein ist.« –

»Aber Kind, das ist ja tragisch,« sagte er weich. »Wenn ich zwanzig Jahre jünger und frei wäre, würde ich mir Mühe geben, Sie wieder zu lieben und vielleicht würden wir zwei auch glücklich zusammen werden. Aber so müssen Sie sich das aus dem Kopf schlagen. Ich möchte Ihnen ein Freund sein, zu dem Sie Vertrauen haben. Wollen Sie mir nicht ein bißchen von Ihrer Vergangenheit erzählen?« Ich nickte, und während wir Arm in Arm weitergingen, sagte ich ihm alles; und obgleich er anfangs nicht sprach, merkte ich doch, daß es ihn ergriff. Dann drückte er meinen Arm etwas fester und sagte plötzlich: »Thymian! liebe Thymian! Wollen wir es nicht doch noch mal versuchen, auf ebene Bahn zu kommen? Wenn ich Ihnen als Freund meine Hand biete, wollen Sie nicht den Harrassprung ans feste Land einer ehrlichen und achtbaren Existenz wagen?« »Ach, wie gerne,« sagte ich.

»Gut. Wir werden sehen. Wenn Sie den ernsten Willen haben, wird es sich machen lassen. Wir reden noch darüber. Aber Sie müssen wollen! Sie müssen die Hypnose, in der Sie gegenwärtig befangen sind, mit einem Ruck abschütteln und wach werden.« – »Wie gern,« sagte ich, und es wurde mir ganz fröhlich und leicht ums Herz.

Wie ich nachher im Bett lag, dehnte ich nach langer Zeit zum erstenmal wieder so recht wohlig meine Glieder in den Kissen und mir wurde wieder ähnlich wie damals in Ostende, so, als ob eine reine, warme Welle über meine Seele gerieselt sei, und die Schmutzkruste davon gelöst und hinweggespült habe. Ganz selig schlief ich ein. Aber der neue Tag brachte die neuen Sorgen um die Existenz und um die vielen Dinge, die das Leben wie ein nimmersattes Ungeheuer von seinen Geschöpfen fordert. Gestern abend fand sich in der Bar ein schrecklicher Kerl zu mir, drei Zentner Nettogewicht, aber anscheinend schwer reich, der mir zweihundert Mark gab. Ich habe mindestens fünfundzwanzig Glas Sekt vorher getrunken, soviel brauchte ich, um den »Mohn des Vergessens« auf mich einwirken zu lassen. Mein Gott, es ist furchtbar. Ich fühle, der Doktor hat recht in allem, was er mir vorhielt. Ich ertrage das Leben nicht mehr lange. Ich gehe nicht nur geistig, sondern auch physisch zugrunde, und es nimmt eines Tages ein Ende mit Schrecken mit mir.


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12. Dezember.


Der Doktor ließ sich vier Wochen lang nicht bei mir sehen. Seine zweitälteste Tochter war sehr krank und darüber hatte er alles und auch mich vergessen. Im vorigen Monat hatte ich ein heiteres Erlebnis. Wir hatten uns in einem Lokal zu sechsen zusammengefunden, der schache Friedrich und ein anderer seiner Sorte, den sie seiner Haare wegen den roten Schorsch nennen, und vier Damen, und da der rote Schorsch viel Geld hatte, Gott weiß woher, lud er uns zu einem Bummel auf seine Kosten ein und haben wir bei Dressel gegessen und sind nach elf in ein Café in der Friedrichstraße. Und wie wir da sitzen, kommt eine Frau herein und sieht sich verlegen nach allen Seiten um und drückt sich zwischen den Tischen hindurch – und ich seh mir die Person an und denk': die mußt du doch kennen. Sie sah so komisch aus, ein billiges Jackett voriger Herbstmode und dazu einen knallroten Hut, der auf den glattgescheitelten Haaren durchaus nicht sitzen will und hin und her wackelt wie ein Lämmerschwanz, und im ganzen überhaupt so, so – – auffallend und ohne Schick, alles nach kleinstädtischer Devise: hübsch, billig und geschmacklos. Mit einemmal fällt mir's ein! Das ist doch die verheiratete älteste Tochter von Frau Stadtrat Lütke aus G . . ., eine Frau Christiansen und ihr Mann ist Viehkommissionär und ist oft in Berlin. Und wie sie nun endlich an einem Tisch allein Platz genommen hat, kommt der Kellner und sagt ihr, was ich ihr auch hätte verraten können, daß nach elf Uhr an Damen ohne Begleitung nichts verabreicht wird. Und sie natürlich aufgestanden und hoch rot, und man sieht's ihr an, daß sie unter den vielen neugierigen, lächelnden Blicken am liebsten vor Scham in die Erde gesunken wäre. Da spürte ich denn doch ein menschliches Rühren, stand auf und ging zu ihr, und forderte sie auf, an unserem Tische Platz zu nehmen. »Sie kennen mich nicht, Frau Christiansen? Eine Landsmännin – Thymian Gotteball aus G . . . .«

»Ah, Fräulein Gotteball,« sagte sie erleichtert und kommt mit mir, und ich stellte natürlich großartig vor: Dr. jur. Fernror, Herr Ingenieur Schultze (natürlich keinen Tripel), Frau so und so . . . Fräulein so und so . . . Und sie sah sich die eleganten Herren mit den Lackstiefeln und Cylindern und die noch eleganteren Damen der Reihe nach an, und ihre Augen wurden immer größer und runder, und wie sie mich betrachtete, die Brillanten an meinen Fingern und Armen sah, verdummte ihre Miene vollends.

»In G. sagen sie, es ginge Ihnen nicht gut, aber ich sehe, daß das alles Klatscherei ist,« platzte sie heraus.

»Wie Sie sehen, geht es mir brillant,« sagte ich lachend. Wir unterhielten uns gut. Es machte mir Spaß, die lady patronesse der kleinen ehrbaren Bürgerfrau aus G . . . . zu spielen. Ich hatte sie auch bald im Fahrwasser. Nach Vater fragte ich sie natürlich nicht, aber sonst bekam ich allen Tratsch und Klatsch im Nest zu wissen. Friedrich machte ihr den Hof nach Noten und schwelgte in gnädigen Betitelungen in allen Steigerungen bis zum Superlativ »Gnädige Frau! Gnädigste, Allergnädigste!« Sie lächelte geschmeichelt, wurde aber unruhig, als ihr Mann, mit dem sie sich nach dem Theater um elf hier treffen wollte, um zwölf noch nicht da war. Der war wohl auf Abwege geraten; wenn diese Hinterwäldler nach Berlin kommen, sind sie ja wie losgelassen. Um halb eins stand sie auf, wir natürlich mit, und Friedrich erbot sich, die gnädige Frau in ihr Hotel zu bringen. Ganz stolz zog sie am Arm des eleganten Herrn ab. Na, die wird was erzählen zu Hause! – – –

In meinem Leben wird nun bald eine große Veränderung eintreten. Ich kann dies Leben nicht mehr aushalten, ich kann nicht! In vielen schlaflosen Nächten habe ich mich im Bett umhergeworfen und gesonnen und gesonnen, was zu machen ist, und hab's dann endlich heraus: Ich mach's wie die Menge und heirate den Casimir und gründe mir eine feine Fremdenpension, hochanständig, und mache Schluß mit allem. Hab's mit dem Doktor überlegt und der billigt meinen Entschluß, nur der Heirat mit Casimir stand er erst skeptisch gegenüber, aber wie ich es ihm vorstellte, daß meine Stellung als Frau doch eine viel gefestigtere sei und ich Osdorff ohnehin auf dem Hals habe, stimmte er doch zuletzt zu, und wir kamen überein, daß ich mir eine große Wohnung im Westen miete und von Markiewicz auf Abzahlung oder in Miete elegant einrichten lasse. Für die Wohnungsmiete will der Doktor aufkommen, ich verkaufe meine Brillanten und Wertsachen und habe dann einen kleinen Fonds zum Anfangen.

Mit Osdorff hatte ich allerdings erst einen fürchterlichen Kampf. Wie ich es ihm sagte, daß wir heiraten, sagte er erst schlankweg nein, das täte er nicht, auf keinen Fall. Ich war total perplex, meine natürlich, er kriegt einen Sittenrappel und frage ihn spöttisch, worin der soziale Unterschied zwischen einem Zuhälter und einer Dirne besteht. Das versteht er natürlich wieder nicht, und dann geht mir die ganze Illumination auf. Der Herr Graf mit den zwei f'n kann doch keine simple Gotteball heiraten. Zuerst war's mir so lächerlich, daß ich's ins Scherzhafte zog, aber nachher merkte ich, daß es ihm todernst damit ist und da wurde ich natürlich auch gallig und sagte ihm für zwei Sechser meine Meinung. So'n Lumpenhund! So'n Schweinekerl! – Läßt sich von mir aus der Hand füttern und unterhalten, verfrißt und versauft mein Geld, und ist mir noch nicht soviel nutz wie ein großer Bernhardiner, auf dessen Treue und Anhänglichkeit man sich allenfalls doch verlassen kann. Ist faul und blöde wie'n Krokodil, und so'n Lump und Tagedieb, so'n großer Parasit will noch den Adligen herauskehren und hält sich zu gut für unsereins. Ich war so wütend, daß ich ihm die Gabel aus der Hand riß – wir saßen beim Abendessen – und ihn beim Kanthaken nahm und ihn rausschmiß und rief, er solle sich zu seinen blauen Verwandten in der Behrenstraße scheren und sich von denen füttern lassen und sich mir nicht mehr vor Augen sehen lassen. Und schloß die Tür hinter ihm zu, und er schimpfte die Treppe hinunter, er tut's und tut's nicht. Nachher gab ich der Wirtin Weisung, ihn auf keinen Fall in seine Kammer zu lassen, da ich ihn rausgeschmissen hätte. Sie meinte, ich hätte klug getan und jeder vernünftige Mensch wundere sich, daß ich das Ekel überhaupt so lange behalten hätte. Spät in der Nacht kam er besoffen heim und brüllte wie ein Löwe, als er seine Kammer verschlossen fand, aber ich ließ ihn toben und endlich wurde er still. Um sechse früh sah ich hinaus. Da lag der Kerl, bis aufs Hemd entkleidet, langweg auf der Treppe und schnarchte, ich goß ihm eine Waschkanne Wasser über den Kopf und schickte ihn ins Bett, gab ihm aber den ganzen Tag nichts zu essen. Am Abend war er schon mürbe, tat Abbitte und erklärte sich mit allem einverstanden. Ich gab ihm vierzig Pfennig zum Abendessen im »Strammen Hund« und hielt ihn noch ein paar Tage flau hin, nachher bettelte er selbst um die Heirat. Da sind wir denn aufs Standesamt gegangen, und im Januar heiraten wir.

Gestern war der Doktor wieder da, wir haben alles besprochen und sind auf der Wohnungssuche. In der Schellingstraße ist eine schöne Etage von zehn Zimmern für dreitausend Mark zu haben, wahrscheinlich nehmen wir die. Der Doktor sagt, er freut sich auch, wenn ich erst ein eigenes Heim habe, um öfters ein paar Abendstunden mit mir verplaudern zu können. Wenn wir ganz allein sind, nenne ich ihn Julius. Ich liebe ihn so . . . ich wollte, ich könnte seine Frau werden. – – Was für'n Einfall! Die Sterne, die begehrt man nicht – –


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»Gräfin Thymian Osdorff! Wie gefällt dir das?« sagte ich heute morgen dem Doktor, als ich den neuen, einfach vornehmen Morgenrock mit langer Schleppe vorm Spiegel anprobierte.

»Sehr gut und entsprechend,« sagte er lächelnd, »es dürfte auch Fürstin sein. Jedenfalls würde es niemand schwer fallen, dir die »Durchlaucht« zu geben.

»Eine nette Durchlaucht,« sagte ich. Wir mußten beide lachen. Natürlich denke ich nicht daran, den Titel zu führen. Sogar die berühmten zwei f'n habe ich mir geschenkt und nenne mich einfach Frau Thymian Osdorf. Wir annoncieren in vielen Zeitungen und ich habe auch schon vier Zimmer besetzt, aber es muß natürlich noch besser kommen, wenn die Geschichte gehen und sich rentieren soll. Vorläufig bezahlt der Doktor noch die Miete, aber ich wollte doch so gern, daß ich später alles allein machen könnte. Es kostet ja alles so viel, die hohe Möbelmiete und das Personal, eine Köchin und ein Zimmermädchen. Ich wollte gern mit der Köchin auskommen, aber es ging nicht, die Herrschaften verlangen zu viel Bedienung. Ich komme mir wie erlöst vor. Eine große Ruhe und seelische Abspannung ist über mich gekommen. Ich bin manchmal ordentlich fröhlich und singe vor mich hin, was ich seit meinen Kinderjahren nicht mehr getan habe. Auf meinem Grab draußen blühen jetzt die Schneeglöckchen. Ich gehe manchmal hin. Die Pianofabrikantin kommt auch noch immer und bettelt mich ordentlich, sie doch mal zu besuchen, ich scheine ihr zu gefallen, werde auch nächstens mal hingehen. Es ist ein so seliges Gefühl, so sich endlich mal wieder als Mensch fühlen und geben zu können. Meine einzige Sorge ist Casimir, daß er aus der Rolle fällt. Ich habe mir ihn tüchtig vorgenommen und ihm eindringlich vorgehalten, daß wir mit unserer Heirat und Umsiedelung in ein neues Leben treten, und daß er gar nichts zu tun braucht, weil ich nichts von ihm verlange, als daß er sich ordentlich hält, sich nicht betrinkt und vor allem streng von den Elementen, mit denen wir früher in Berührung kamen, fernhält. Er darf ja nachmittags oder abends in einem anständigen Lokal seinen Schoppen trinken, kann ins Theater gehen, kann machen, was er will, nur nicht wieder mit den Zuhältern verkehren. Ich habe auch an sein Standesbewußtsein appelliert und ihm gesagt, daß er sich nun nicht mehr ängstlich vor seinen Verwandten zu verkriechen und immer auf der Flucht vor ihnen zu sein braucht, wir sind jetzt ordentliche Leute, verdienen unser Brot auf anständige Weise und haben keinen Grund mehr, uns vor irgend jemand zu ducken. Es wäre so gut, wenn Casimir irgendeine regelrechte Beschäftigung hätte, ich weiß nur gar nicht, was ich mit ihm anfange. So treibt er sich den lieben langen Tag so herum, schläft bis elf, frühstückt im Bett, zieht sich zwei Stunden an, putzt eine Stunde an seinen Nägeln herum, ißt, geht spazieren, rekelt sich auf dem Diwan herum, und das einzige, was ich von ihm habe, ist, daß er mich frisiert. Das macht er sehr geschickt und hat auch viel Geschmack. Ich bin immer in Ängsten, daß er einem Athleten6 in die Arme rennt und unsere Wohnung verrät, und daß wir dann die Gesellschaft auf die Tür kriegen. Dann wäre es aus mit uns.


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Juni.


Der Doktor las gestern in meinem Tagebuch und meinte, ich hätte entschieden schriftstellerisches Talent. Es läse sich alles so glatt und hübsch. Mein Gott, ja, ich habe mich so daran gewöhnt, meine Erlebnisse gleichsam zu registrieren, daß es mir Freude macht, wenn ich was Besonderes habe, was ich eintragen kann. Ich wünschte nur, ich hätte mal etwas recht Gutes aufzunotieren. Augenblicklich geht das Geschäft ja. Die Zimmer sind bis auf eins besetzt, aber am nächsten Ersten wird fast alles leer, da die Leute fast alle fortgehen. Ich kann natürlich nicht weg. Wenn auch nur ein Zimmer ein paar Monate leer steht, macht das gleich einen erheblichen Ausfall. Ich fahre öfters nach Schlachtensee zu Frau X . . ., die ich auf dem Friedhof kennen lernte, sie hat eine kleine Villa, die arme Frau ist sehr einsam, und freut sich, wenn ich komme. Ich ginge gern noch öfter hin, aber ich fühle mich doch immer ein bißchen geniert, woran das liegt, weiß ich nicht, es ist so ein eigenes Gefühl, wenn man denkt: diese ehrsame Spießbürgerswitwe würde dich herausschmeißen und ihr Haus ausräuchern, wenn sie eine Ahnung hätte, wen sie sich eingeladen hat. Sie schenkt mir ein großes Wohlwollen, und ich glaube, ich könnte sie getrost anpumpen, sie tät mir auf mein ehrliches Gesicht geben, was ich verlangte, was ich aber natürlich nie tun würde. Ich hab augenblicklich ein nettes russisches Ehepaar hier, dann einen Spanier und einen Franzosen, und ein Geschwisterpaar aus Magdeburg, und eine Dänin, also eine ganz internationale Gesellschaft. Mittags essen sie alle und abends teilweise bei mir. Ich muß den Dolmetscher spielen, was manchmal sehr erheiternd ist. Sie fühlen sich alle wohl bei mir und verehren mich sehr, und ich bin überzeugt, daß keiner und keine es glauben würde, wenn man ihnen erzählte, was ich vorher war. Dagegen schütteln sie oft den Kopf über Casimir, und einer der Herren sagte mir neulich geradezu, sie begriffen es alle nicht, wie eine so kluge Frau wie ich zu dem Mann gekommen sei. Ja, wenn sie wüßten . . . Ich habe so Sorge wegen der Zimmer, daß ich sie zum Ersten vermietet krieg'.


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8. Sept.


Ein einsamer Abend. Ich will schreiben. O Gott, o Gott, sind das Sorgen. Am Fünfzehnten muß ich die Möbelmiete zahlen und hab noch keinen Pfennig dazu. Der Doktor ist mit seiner Familie an der See, schreiben darf ich ihm nicht, mag ihn auch nicht belästigen, da er mir ohnehin mehr gibt, als er eigentlich kann. Ich habe nur vier Zimmer besetzt und die Lehrerin für achtzig Mark monatlich aufgenommen, wobei ich Geld zusetzte, wenn nicht eine große Reihe Pensionäre da sind, und sie sich so mit durchißt. Die täglichen Ausgaben und der Dienstbotenlohn und Gasrechnung und alles andere, ich weiß nicht, wo mir der Kopf steht, und ich glaube auch nicht, daß ich die Sache dauernd halten kann. Dabei ist mir auch noch ein Ehepaar, das hier zwei Monate wohnte und eine gehörige Zeche anband, durchgegangen, und hatten noch dreihundertsiebzehn Mark und achtzig Pfennige zu bezahlen. Die Pension würde sich eher rentieren, wenn ich einen tüchtigen, intelligenten Mann zur Seite hätte. Casimir verstumpft und verblödet, deucht mir, von Tag zu Tag mehr. Neulich war er krank, der Doktor sagt, er hat 'n schweren Herzklappenfehler. Vielleicht wird er bald sterben. Wir wollens nicht hoffen, aber Gott geb's. Ich weiß wirklich nicht, wozu so'n Mensch hier herumläuft. Manchmal bekommt er den Einfall und will nichts anziehen. Dann zieht er sich splinternackend aus, und ist weder mit Güte noch mit Gewalt zu bewegen, ein Kleidungsstück anzuziehen. Dann muß ich ihn einschließen, sonst wär's natürlich gleich alle mit uns. Er fängt übrigens an, manchmal eklig und unbequem zu werden; wenn ich ihm nicht Taschengeld genug geb', borgt er auf meinen Namen und neulich hat er heimlich Löffel versetzen wollen, hat aber natürlich nichts drauf gekriegt, weil es nur Alpakkasilber ist; wenn ich ihn zur Rede stelle, wird er großschnauzig und frech. Ach ja, man hat seine Not.

Ich habe Sehnsucht nach meinem Doktor. Wenn er erst wieder da ist, werde ich wieder Mut und Hoffnungsfreude und Selbstvertrauen haben. So ist alles dunkel und schwermütig und verzagt in mir.


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10. Oktober.


Ich hab's ja vorausgesehen mit Casimir. Der Mensch ist mein Verhängnis. Ich hab's gewußt, daß er sich nicht halten wird. Schon seit Wochen war er liederlich, kam erst in der Nacht nach Hause, besoff sich und ich konnte nicht herauskriegen, wo er sich herumtreibt. Sonntag vor acht Tagen war ich bei Frau X . . . . in Schlachtensee zum Geburtstag eingeladen und hatte hinterlassen, daß ich wahrscheinlich etwas später, also nicht vor zehn, nach Haus kommen würde. Wäre ich nur nicht hingegangen, ich hatte wirklich solche Ahnung, daß etwas passieren werde und gar keine Ruhe, und wenn die alte Frau nicht so angehalten hätte, daß ich zum Abendessen dabliebe, wäre ich gern schon um sieben heimgefahren. Also wie ich ein Viertel nach zehn in die Wohnung trete, kommt mir das Zimmermädchen ganz verstört entgegen und sagt, der Herr habe Besuch, eine Dame sei da, sie habe vorhin Kaffee kochen und nachher Wein und Aufschnitt besorgen müssen, und sie sei immer noch da . . . Mir schwebte gleich nichts Gutes vor, und ich ging hinein und fand niemand im Eßzimmer und mein Schlafzimmer war verschlossen, da wußte ich gleich Bescheid, aber ich machte so lange Spektakel und drohte mit der Polizei, bis sie aufmachten. Da lag das Frauenzimmer entkleidet in meinem Bett und rauchte, und Casimir lief im Bademantel umher und war total betrunken und konnte kaum sprechen. Das Frauenzimmer lachte mich höhnisch an, als ich sie ebenso ruhig als bestimmt aufforderte, aufzustehen und sich fortzuscheren und sagte, sie wäre jetzt auch Pensionärin der Pension Osdorff, ihr Freund, der Herr Osdorff, zahle die Pension für sie. Na, ich wußte aus Erfahrung, daß bei dem Kraut nichts als die Anwendung sanfter Gewalt angebracht ist, und rief mir das Mädchen zu Hilfe, so peinlich es mir war, und da haben wir sie aus dem Bett geschmissen, und ich drohte, daß ich sie in ihrem Evakostüm die Treppen hinunterwerfen werde, worauf sie es denn vorzog, schleunigst in ihre Kleider zu fahren und zu verduften, nicht ohne fürchterlich zu fluchen und zu schimpfen, wobei Casimir ihr assistierte und mir in Gegenwart des Mädchens zuschrie, ich sei ja nichts Besseres, im Gegenteil, und so und so, ach, es war furchtbar, ich plötzlich so bloßgestellt vor dem Mädchen, ich hätte den Menschen umbringen mögen. Ich entsinne mich nicht, die Person je gesehen zu haben, nachher erfuhr ich, daß sie in der Elsässerstraße wohnt und Casimir schon lange mit ihr geht, und ich wußte ja auch gleich, daß damit unser Schicksal besiegelt ist. Und so war es. Ein paar Tage später klingelt es. Ein feiner Herr wünscht mich zu sprechen. Das Mädchen führt ihn in den Salon und ruft mich. Ich denke, es ist ein Mieter, gehe hinein, und – – stehe dem schachen Friedrich gegenüber. Er war schon etwas angetrunken und will mich umarmen und versichert mir, daß er sich rein tot nach mir gegrämt habe, und ich wäre ja wie vom Erdboden verschwunden gewesen usw. und alle Freunde und Freundinnen hätten Sehnsucht nach mir – und ich – ich weiß nicht, was über mich kam, ich vergaß alle Klugheit und Vorsicht und verbat mir seine Intimität und wies ihm die Tür. Hätte ich es nur nicht getan. Es war ja so unklug! Als er hinaus war, wußte ich schon, was mir blühte. Richtig, drei Abende später kommt Casimir in Begleitung eines Zuhälters und zweier Mädels nach Hause. Sie machen es sich im Eßzimmer bequem und verlangen Abendessen. Diesmal war ich klüger, biß die Zähne zusammen und gab ihnen, was sie wollten. Im Laufe des Abends kamen dann zehn Personen und es wurde ein wüstes Gelage, sie gingen über Tische und Stühle, und vollführten einen Lärm, daß meine sämtlichen Pensionäre zusammenliefen und sich entsetzt erkundigten, was los sei; sie brüllten wie die Wahnsinnigen, und ich wußte mir nicht zu helfen und schickte in meiner Herzensangst zum Doktor, der kam auch gleich, wußte aber auch nicht gleich was anfangen und wollte die Polizei holen. Das mochte ich aber wieder nicht, denn ich dachte daran, daß sie mir auch geholfen hatten, als die Polizei mir auf dem Hals war, und wußte, daß es nicht gut getan ist, sich ganz mit diesen Leuten zu verfeinden. Der Doktor aber blieb bei mir, bis sie endlich – gegen sechs Uhr morgens – gingen.

Meine Wohnung sah furchtbar aus, der Axminsterteppich schwamm in Punsch und Bier, die Lederstühle waren zerkratzt und beschmutzt von den Stiefeln, viel Geschirr zerbrochen. Das muß ich Markiewicz nun alles ersetzen; ich bin ihm ohnehin noch dreihundert Mark schuldig. Ich bin so vielen Leuten Geld schuldig, daß mir graust, früher habe ich nie Schulden gekannt. Wir haben die Wohnung nun neun Monate und in der kurzen Zeit habe ich alle meine Wertsachen zugesetzt und mich so in Schulden geritten, es ist greulich.


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12. Dezember.


Am 1. Januar ziehen wir um nach einer kleineren Wohnung in der Potsdamerstraße. Julius hat alles für mich arrangiert. Es ging ja so nicht weiter, besonders nicht nach dem letzten Streich, den Casimir mir spielte. Da hatten sie abends, als ich mit Pensionären im Theater war, eine Anzahl Möbel, gerade für ein Zimmer reichend, über die Hintertreppe hinaustransportiert, und ist keine Spur, wo sie hingekommen und geblieben sind, jedenfalls hat er sie seiner Kalle hinschleppen lassen. Ich nehme grundsätzlich nicht die Hilfe der Polizei in Anspruch, es hätte auch nichts genutzt, wiederbekommen hätte ich doch nichts. Ich konnte die große Wohnung nicht behalten, mochte auch nicht in dem Haus bleiben, da die Mädchen keinen reinen Mund gehalten haben und die Mitbewohner mich alle schief ansehen. Nach dem großen Gelage kündigten mir sämtliche Damen die Pension, und der Hauswirt, den ich um Dispens vom Mietsvertrag bat, schrieb mir, daß er uns je eher je lieber los wäre. Mit Markiewicz hat Julius sich auseinandergesetzt, er will ihm ersetzen, was fort und beschädigt ist, und die anderen Möbel kriegt er wieder . . . Ich nehme jetzt Möbel auf Abzahlung. Wir haben da nur fünf Zimmer, wovon ich vier vermiete. Casimir ist fast nie zu Hause, manchmal ist er acht Tage fort, ich weiß nicht, was er treibt, kümmere mich auch nicht darum, bin froh, wenn ich ihn nicht sehe.


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17. Januar.


Ich hatte Glück und habe in der neuen Wohnung gleich alle Zimmer vermietet. Viele goldene Kirschen sind zwar nicht dabei zu pflücken, ich muß mich nach einem Nebenerwerb umsehen, und will sehen, daß ich Schüler für Sprachstunden kriege. So leicht ist das nicht, aber ich will mich dranhalten. Es ist mein ernster Wille, mich jetzt anständig durchzubeißen. In der anderen Wohnung wollten die Herren in letzter Zeit mit mir anbändeln, aber ich habe ihnen energisch heimgeleuchtet. Es widersteht mir direkt. Ich habe genug an meinem Doktor, dem mein ganzes Herz gehört. Er ist so gut, viel zu gut für mich. Casimir ist wieder krank. Wenn er krank ist, bleibt er zu Haus, sonst nicht.


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10. Februar.


Ich habe einmal Pech. Wenn ich einmal denke, nun bin ich ungefähr da, wo ich hinwollte, flugs kommt ein neues Mißgeschick und setzt mich zurück. Der Casimir wurde vor vierzehn Tagen auf einmal so furchtbar krank, zuerst schwoll die Oberlippe, dann das ganze Gesicht, er sah entsetzlich aus und konnte sich vor keinem Menschen sehen lassen, wir mußten den Arzt rufen lassen, und als der ihn untersuchte, kam die Bescherung an den Tag: hat der Kerl sich eine schlechte Krankheit geholt. Fürchterlich. Bei der Quecksilbereinspritzung hat der Spezialist, der ihn behandelte, die Nadel abgebrochen, er schrie und schluchzte die ganze Nacht vor Schmerzen. Wir leben nun ganz getrennt, er schläft in der Mädchenkammer, und das Mädchen schläft bei mir im Zimmer, da ich mich so sehr vor Ansteckung fürchte. Mein Doktor sagt, er glaubt nicht, daß er es mit seinem Herzfehler und seiner schwächlichen Konstitution lange macht. Die Welt ist gewiß groß genug, daß wir alle darauf Platz haben, und ich gönne gewiß jedem sein bißchen Leben, aber um Casimir wär' es nicht schade, wenn er heimginge. Ich hab' nun auch immer den Zulauf von seinen Konsorten auf der Tür, die ihn besuchen. Ich möchte nur wissen, welche Rolle er zwischen ihnen spielt, da er doch faktisch mit seinen verkrüppelten Sinnen zu nichts zu gebrauchen ist. Ich fürchte beinahe, sie gebrauchen ihn zu allerhand Zwecken, für die andere nicht zu haben sind. Mir soll es egal sein. Wenn ich das Geld hätte, tät ich ihn in ein Sanatorium, es ist eine furchtbare Last, die ich mir mit ihm auf den Hals geladen habe.

Die Sorgen verlassen mich nicht. Meine jetzigen Mieter essen alle außerhalb, und wenn sie mal eine Mahlzeit im Hause einnehmen, bezahlen sie so wenig dafür, daß man keine Seide damit spinnt. Ich verdiene mit den Mietern nicht viel mehr als die Abzahlungsraten für die Möbel betragen. Ich nehme auch ungern vom Doktor die volle Miete an, er hat schon ohnehin mehr für mich getan, als er eigentlich kann. Aber man will doch leben. Es ist schrecklich niederdrückend, sich immer mit den gleichen Sorgen morgens erheben und mit derselben Last abends sich niederlegen. Bald habe ich nichts mehr anzuziehen, ich bin es gar nicht mehr gewohnt, billige Sachen zu tragen. Zwei Sprachschüler habe ich, einen jungen Volontär und einen Studenten; die Stunde eine Mark, bringt auch nichts. Zuweilen denke ich: Ach was, Thymian, sei nicht dämlich. Ist doch alles eins. Für ein hübsches, gut gewachsenes, intelligentes Weib liegen die blauen Zettel immer noch auf der Straße. Einmal ist keinmal. Die Augen zu und die Zähne zusammengebissen und flugs sind ein paar Scheine verdient:, damit reicht man denn schon eine Weile. Ich will nicht wieder in das schreckliche Leben zurück, aber die Versuchung, mir ein bißchen das Leben leichter zu machen und einen Teil der ekelhaften Existenzsorgen abzuschütteln, ist stark.


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Wie das geht. Ich habe nicht wollen und bin doch wieder dazu gekommen. Seitdem ich des Abends wieder bei Mimi in der Bar war. Sie schenkt noch immer Champagner aus und wird ein bißchen schwammig vom vielen Mitsaufen. Im übrigen hat sie jetzt eine Freundin, eine reiche alte Jungfer in Moabit. Sie sagt, sie liebt die Freundinnen mehr als die Männer, die Männer hat man bald über. Ich glaube ihr, sie ist selbst wie ein halber Mann. Ich trank ein paar Gläser, um mir Mut zu machen und erwischte einen netten Menschen, der mich in seine hochelegante Junggesellenwohnung nahm; D. heißt er und ich gefiel ihm so rasend, daß er mir ein festes Verhältnis anbot. Ich wollte aber nicht darauf eingehen, weil es nur eine Ausnahme sein sollte. Aber die fünfzig Mark waren schon am andern Tage ausgegeben und am nächsten Tage war's wieder das Alte. Das Leben ist ein fortwährender Kampf, man schlägt die Tage tot, einen nach dem anderen, und die Erschlagenen liegen hinter uns und verwesen, aber vor uns stehen immer wieder neue auf, und man wird nie fertig, den Kampf mit dieser Hydra auszufechten.

Eines Abends war ich mit Nix im Apollotheater. Wir hatten zwei Fremdenlogenplätze und es genierte mich etwas, neben ihr zu sitzen, da sie ihren ganzen Brillantenklimbim angesteckt hatte und ich gar nichts mehr an Schmuck habe. Sie war natürlich so liebenswürdig, es sofort zu bemerken und rümpfte die Nase gewaltig, als ich ihr sagte, daß alles bei meiner Pension draufgegangen war. »Ich denke, der Doktor W . . . hält dich aus,« sagte sie. Ich erklärte ihr, daß sich das doch nicht so verhält usw. »Na, laß man, den ollen Knicker habe ich auch mal kennen gelernt,« sagte sie, und erzählte, daß sie vor anderthalb Jahren ihn einmal in seiner Eigenschaft als Nervenspezialist konsultiert habe, was zwanzig Mark kostete. Dann hat er sie gleich dabehalten den Abend, und Nix ist doch dafür bekannt, daß sie auch feste Preise hat und jede Konsultation bei ihr nicht unter fünfzig Mark zu haben ist. Als sie ging, hat er ihr aber nur dreißig Mark rausgegeben, worüber sie noch jetzt sehr erbost war. Wie so der Teufel immer seine Hand im Spiele hat; als wir im Zwischenakt oben ein bißchen umhergehen, begegnet uns der Doktor; solch ein verfluchter Zufall, muß der aber auch ausgerechnet an dem Abend mit seiner Frau ins Apollotheater gehen, er sah mich groß an und ich wußte sofort, wenn der mich in Nix' Gesellschaft sieht, weiß er auch gleich wodran. Ich hätte aber doch wenigstens erwartet, daß er eine Aussprache herbeiführt, statt dessen blieb er einfach aus und schickte mir am Ersten die Miete per Post. Das hat mich nun furchtbar gewurmt, gerade weil ich ihn doch so von Herzen gern habe, und niemals mehr mich an einen anderen Mann weggeworfen hätte, wenn die Not mich nicht dazu getrieben hätte, und in meinem Zorn schickte ich ihm das Geld zurück, er soll doch wissen, daß unsereins auch noch seinen Stolz hat. Da aber die Miete doch bezahlt werden mußte, schrieb ich an D . . . und bat ihn um ein Rendezvous. Er kam auch und ich klagte ihm meine Sorgen und er erklärte sich gleich bereit, die Miete für mich zu bezahlen und war sehr erfreut, und sagte, daß er schon überall nach mir gesucht habe, ich hätte es ihm auf den ersten Blick angetan. Auf diese Weise ist D . . . nun mein Freund und an des Doktors Stelle gerückt und ich stehe mich eigentlich besser dabei, denn er ist sehr nobel, aber meine Sehnsucht gehört doch dem Doktor, ich kriege noch jedesmal Herzklopfen, wenn die Klingel geht, und bin enttäuscht und traurig, wenn es ein anderer ist.


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Silvester . . .


Eben ist D. fort. Er hatte noch eine Einladung in einer Familie, wo er sich anstandshalber wenigstens sehen lassen muß. Ich kann aber noch nicht schlafen, und habe deshalb mein Buch hervorgesucht, um nach langer Zeit wieder mal etwas zu schreiben. Die letzte Eintragung war im April, seitdem ist vieles anders geworden. Anfang Mai blieb Casimir eines Nachts wieder aus, worüber ich mich etwas beunruhigte, da er in den letzten Monaten, seitdem er krank ist, doch ziemlich solide geworden war. Allerdings hatte ich mich gewundert, daß er oft Geld hatte, von dem ich nichts wußte, woher es stammt, ein paarmal sogar Goldstücke, aber in den Kreisen, in denen er verkehrt, geht es ja so, und das Geld klebt den Leuten nicht an den Fingern, wenn sie es haben, und es war nicht ausgeschlossen, daß ihm mal gelegentlich jemand aus Mitleid oder für eine Gefälligkeit zehn Mark schenkte. Also machte ich mir darüber keine Gedanken.

Aber die Nacht war's mir nicht wohl bei seinem Ausbleiben, und am nächsten Morgen denk' ich, mich rührt der Schlag, als mir ein Schutzmann in die Wohnung kommt, und mir sagt, daß Casimir am Abend vorher verhaftet ist, weil sie ihn bei einer unerhörten Schweinerei ertappt haben. So war nichts zu machen, und die Sache ging ihren Gang. Die Zuhälter brachten zweitausend Mark zusammen als Kaution, aber das Gericht ging nicht darauf ein, und sechs Wochen später war die Verhandlung in Moabit, zu der ich auch als Zeugin geladen war. Ich verweigerte aber meine Aussage, und im übrigen war er überwiesen, daß er sich Männern angeboten hatte und noch anderem und wurde zu sechs Wochen Gefängnis verurteilt, und das soll ein unverhältnismäßig sehr gelindes Urteil gewesen und nur gefällt sein, weil sein Verteidiger nachgewiesen hat, daß er ein geistig minderwertiger Mensch war.

Am Tage darauf stand es in allen Zeitungen. Unter der Spitzmarke: »Von Stufe zu Stufe« oder »Ein verfehltes Leben« ungefähr so: »Unter dem Ausschluß der Öffentlichkeit wurde gestern vor der Strafkammer des Landgerichts I gegen den Grafen Casimir Edmund Maria Osdorff wegen Sittlichkeitsvergehungen verhandelt. Der Angeklagte ist der vierte Sohn des verstorbenen ehemaligen Reichstagsabgeordneten Graf Knut Osdorff; er besuchte ein auswärtiges Gymnasium und ist später, nachdem er es hier mit den verschiedensten standesgemäßen Berufen erfolglos versucht hatte, nach Amerika gegangen. Auf Veranlassen seiner früheren Geliebten, einer in der Berliner Lebewelt wegen ihrer Schönheit und Anmut sehr bekannten und begehrten »Dame« – kam er wieder nach Deutschland zurück, lebte eine Zeitlang mit ihr in freier Gemeinschaft und heiratete sie dann. Die junge Frau, die es klugerweise verschmähte, den Titel ihres Mannes zu führen, und sich bescheiden Frau Osdorf nennt, scheint sich dann nicht mehr viel um ihren angetrauten Gatten bekümmert zu haben, denn der geistes- und willensschwache Mensch, der längst jeden moralischen Halt verloren hatte, geriet nun gänzlich auf lasterhafte Wege. Der gestrige Termin endete mit der Verurteilung des Angeklagten zu einer Gesamtstrafe von drei Monaten Gefängnis, wobei ihm die Untersuchungshaft in Abrechnung gebracht wurde.« – –

Also gegen die Verurteilung war nicht anzukommen, und der Anwalt riet von einer Berufung ab. Ich hätte Casimir nun gerne frei gehabt, um ihm die Möglichkeit, nach Z . . . . zu kommen, zu verschaffen. Denn daß er es in einem regelrechten Gefängnis nicht aushielt, wußte ich gleich. Das Gericht lehnte aber unseren Antrag auf vorläufige Haftentlassung wegen Fluchtverdacht ab. Wohin der arme Teufel hätte flüchten sollen, ist mir ein Rätsel.

Ich habe früher oft heimlich gewünscht, daß Casimir sterben möchte, weil ich ein gar so großes Kreuz mit ihm hatte, aber trotzdem tat er mir furchtbar leid, und als ich ihn im Gefängnis besuchte, und er mir so abgemagert und elend gegenübertrat, schwand aller Groll, und ich fühlte nichts als Mitleid mit ihm. Er sah schrecklich aus und klagte, daß er Hunger litte, da er das Essen nicht vertragen könne, es sei geradezu miserabel, den blauen Heinrich breche er regelmäßig wieder aus. Ich bat den Direktor, ihn doch ins Lazarett zu schicken, da er doch krank ist, aber es half nichts. Etwa acht Tage nach Casimirs Verurteilung meldete das Mädchen eines Morgens einen alten Herrn. Die Friseuse war gerade da und er mußte ein bißchen warten, und ich zog in einer instinktiven Ahnung rasch den weißen Morgenrock an, der mir so ausgezeichnet steht.

Als ich eintrat, sah ich gleich, daß es ein vornehmer Herr war. Ich sah auch, daß er stutzte, als er mich erblickte. Dann stellte er sich vor: Graf Y., Casimirs ehemaliger Vormund. Ich kalkuliere, daß er gekommen war, mir recht von oben herab seine hochadlige Meinung zu sagen, aber ich spielte mein liebenswürdigstes Gesicht aus, und das hat noch nie seine Wirkung versagt. Auch dann nicht. Er sagte: Die Familie Osdorff hätte keine Ahnung gehabt, daß Casimir wieder in Deutschland ist. Sie hätten ihn für tot gehalten und durch das deutsche Konsulat drüben schon Nachforschungen anstellen lassen. Nun hätten sie zu ihrer Bestürzung durch die Zeitung von der Gerichtsverhandlung erfahren, Casimirs Mutter sei vor einem halben Jahr gestorben, aber die Geschwister leben noch alle, es sei ihnen allen natürlich unendlich fatal, und sie würden dafür sorgen, daß er nach Verbüßung seiner Strafe in eine Nervenheilanstalt komme, und vielleicht sei ich mit einer gerichtlichen Trennung einverstanden. Ich antwortete: »Verehrter Herr Graf! Auf die Wünsche der Familie Osdorff nehme ich nicht die allermindeste Rücksicht. Als die Familie Casimir nach Amerika schickte, hat sie nicht danach gefragt, was aus ihm wird, obgleich sie genau wissen mußte, daß er sich drüben ebensowenig wie hier ernähren kann und elend umkommen wird. Ich bin diejenige, die sich über ihn erbarmte. Ich habe ihm das Geld zur Reise geschickt, ich habe während der verflossenen Jahre für seine Kleidung, Wohnung und Obdach gesorgt, und wollte uns durch die Heirat wieder eine bürgerlich geachtete Existenz verschaffen. Das habe ich alles aus reiner Anhänglichkeit und weil uns die Erinnerung an unsere gemeinsamen Schuljahre verbindet, für Casimir getan, und habe nichts dafür gehabt als Last und Undank. Habe ich's aber so lange durchgemacht und getragen, so trage ich's auch noch zu Ende und danke für die Unterstützung der Familie. Casimir ist mein Mann, und ich sorge für ihn und damit basta.« So sprach ich, und der Graf nickte und sagte, daß die Familie ja gewiß alles, was ich für Casimir getan habe, anerkenne, aber es sei doch auch für mich schrecklich, an solchen Menschen gebunden zu sein.

»Ich habe mir das so gewählt und will es so,« sagte ich, »ich gebe meinen Mann trotz allem nicht heraus.« Der Graf strich mit der Hand durch seinen grauen Vollbart – er ist so Mitte fünfzig, ein hübscher alter Herr mit blauen Augen – und musterte mich mit Kennerblicken, etwa so, wie ein Sportsman ein vorgeführtes Rennpferd; ich habe eine feine Witterung, und wußte genau, was er dachte. Wir unterhielten uns über eine Stunde lang, ich erzählte ihm, wie ich Casimir kennen lernte, und von meinen vergeblichen Anstrengungen, mich mit der Pension über Wasser zu halten.

»Also sind Sie verheiratet und doch einsam. Eine alleinstehende Frau, völlig isoliert in ihrem Kampf ums Dasein,« sagte er, und nachher erzählte er mir, daß er auch schon seit Jahren Witwer sei, und sein einziger Sohn als Leutnant in einem Posenschen Regiment steht. Als er ging, versprach er, gelegentlich wieder nach uns zu sehen, und drückte mir die Hand, und ich wußte, daß er freundliche Gesinnungen für mich hegt und daß – vielleicht in diesem hübschen, vornehmen alten Kavalier meine Zukunft liegt, wenn ich gescheit bin und das Eisen schmiede, solange es warm ist.

Als Casimir nach Hause kam, legte er sich gleich. Er wurde von Tag zu Tag elender und konnte sich zuletzt nicht allein im Bett aufrichten und nicht helfen und ich habe so unsäglich viel mit ihm durchgemacht, daß ich das Anerbieten der Familie doch schließlich in Erwägung zog, weil es einfach über meine Kraft ging, das noch lange durchzuführen. Seine Freundinnen und Freunde haben ihn, was ich zu ihrer Ehre konstatieren muß, auch nicht im Stich gelassen. Ob in den bürgerlichen Kreisen auch soviel Anhänglichkeit und Opferfreudigkeit der Befreundeten und beruflich Verbundenen unter einander herrscht, möchte ich dahingestellt sein lassen. Was er nur wünschte und haben wollte, wurde herbeigeschafft, ganze Körbe voll Sekt und Südweine, und das teuerste Obst und alle Stärkungsmittel und ist kaum einer jemals mit leeren Händen gekommen. Und in der Zeit, wo es am schlechtesten mit ihm ging, so Anfang bis Mitte September, und wir ihn nachts nicht allein lassen konnten, sind sie abwechselnd gekommen und haben bei ihm gewacht, und ich habe niemals ein unanständiges und rohes Wort an Casimirs Krankenbett gehört. Im Gegenteil! Ich habe in der Zeit erfahren, daß es unter den Leichen auch Menschen gibt, Menschen mit fühlenden Herzen und werktätiger Nächstenliebe. Einigen unter ihnen bin ich in der schweren Zeit näher gerückt als vorher, so der weißen Doris, die Kellnerin in einem Nachtlokal der Friedrichstraße ist, und von der ich vorher nicht glaubte, daß überhaupt ein anständiges Wort aus ihrem Munde kommen könnte. Wie wir abends zusammensaßen, erzählte sie mir ihre Lebensgeschichte, von dem schauerlichen Elend, in dem sie erwachsen ist. Die Mutter kam wegen schwerer Kuppelei ins Zuchthaus und nachher in eine Korrektionsanstalt. Der Vater war ein Trunkenbold, und sie und ihr Bruder wurden im Arbeitshaus erzogen. Nachher, als sie mit ihrem Vater wieder zusammenging, mußte sie flüchten, weil der eigene Vater und der eigene Bruder sie vergewaltigen wollten. Ach, lieber Himmel, welches Elend hat die erst durchgekostet. Für mich fanden sich doch immer reiche, mindestens wohlhabende Herren, die mich anständig behandelten, aber sie, die keine anderen Reize als ihr apartes, fast schneeweißblondes Haar besitzt, mußte nehmen, was sich ihr bietet, und da ist es kein Wunder, daß sie nach außen hin verroht und halb vertiert ist. Daß in ihrer Seele aber auch gute Eigenschaften und Treue und Selbstlosigkeit wohnen, habe ich derzeit erfahren.

Casimir schleppte sich dann noch bis Ende November so hin, dann wurde er eines Nachts so arg, daß er keine Luft mehr bekam, und wir mußten zum Arzt rennen, der ihm eine Kampfereinspritzung machte, aber auch das half nichts, und um halb sechs morgens war es plötzlich aus mit ihm.

Der Graf, der sein Wort gehalten hatte, und uns dann und wann besuchte, gab mir gleich siebenhundert Mark zur Beerdigung, wofür ich den Sarg und ein Grab kaufte und die Gebühren bezahlte. Es war ein großes Begräbnis, die ganze Berliner Halbwelt, und alles, was dazu gehört, beteiligte sich daran. Meine Wohnung konnte die Blumenspenden, worunter Kränze von auserlesenster Schönheit waren, kaum fassen, und der Sarg verschwand buchstäblich unter Blumen. An fünfzig Trauerequipagen folgten dem Leichenwagen, so daß der Leichenkondukt den Wagenverkehr in der Potsdamerstraße zeitweilig hemmte. Die Männer waren alle in umflortem Zylinder und die Frauen in tiefer Trauertoilette erschienen. Am Grabe sang der Kirchenchor »Wie sie so sanft ruhn«, und der Pastor hielt eine schöne Predigt, die eigentlich in ihrem Sinne den Nagel auf den Kopf traf. Er gehörte wohl der freieren kirchlichen Richtung an, denn er sprach nicht viel von Gott und dem Himmel, aber was er sagte, hatte Hand und Fuß und ging an die Nieren. Wenn wir Überlebenden an einem offenen Grabe stehen, erkennen wir eigentlich erst die Nichtigkeit aller irdischen Interessen, führte er aus, der Wind des Schicksals treibt uns über die Schaubühne dieser Welt. Und unsere Veranlagungen, unser Wille, unsere Leidenschaften bestimmen unsern Wegen die Richtung. Und über unsere Leidenschaften vergessen wir meist den einzig zuverlässigen Kompaß der menschlichen Bestimmung, dessen Zeiger unverrückt und unentwegt nach dem Ende aller Dinge, dem Grabe zeigt. Wie anders wäre manches in der Welt, und wie manches Menschenschicksal würde sich anders gestalten, wenn sich ein jeder immer vor Augen hielte, daß das Leben nichts ist, als ein kurzes, gemeinsames Wallfahrten auf der großen Straße, die zum stillen, ewigen Frieden führt. – Es war eine schöne Predigt, und man sah in der schwarzen Korona, die das Grab umstand, viele ernste, blasse Gesichter.

Es klingt wie sentimentale Renommage, aber es ist wahr, als ich nach Hause zurückkehrte, empfand ich, daß Casimirs Tod, trotz allem, eine Lücke in mein Leben gerissen hatte. Ich hätte seinen Tod als eine Befreiung empfinden müssen, und tat es auch, aber dennoch, – – ich konnte nach langer Zeit nun wieder mal nachts durchschlafen, brauchte nicht mehr den Jammer anzusehen und das Stöhnen anzuhören, aber dennoch fehlte er mir. Es war so, als ob mein Leben nun seinen letzten und einzigen Inhalt verloren hätte und ich nun erst mutterseelenallein in der Welt stände.

Weinen habe ich nicht können, aber betrauert habe ich den armen Casimir doch von ganzem Herzen. –

Fünf Wochen sind seitdem verflossen. Mit dem Doktor habe ich mich im Laufe des Sommers wieder ausgesöhnt, ich hielt es nicht länger aus und bat ihn, zu kommen, aber so, wie vordem, ist es doch nicht mehr mit uns, zumal ich D . . . doch auch nicht gleich wieder den Laufpaß geben kann. Der Graf kommt, seitdem ich Witwe bin, sehr oft, und kehrt ein väterliches Wohlwollen für mich heraus. Ich habe das Empfinden, als stände ich am Vorabend meines Lebensumschwungs, aber ich will nicht vorgreifen und dem Papier anvertrauen, was ich denke und erwarte; darin bin ich abergläubisch; wenn ich fromm wäre, würde ich in dieser Silvesternacht beten: lieber Gott, laß es so kommen, wie ich hoffe. Gib mir ein paar gute, sorglose, friedliche Jahre.


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5. Februar 1897.


Siehst du, Geliebtes, wie recht ich hatte?! Ich habe wirklich eine feine Witterung. Ich sah es diesen blauen hellen Augen mit ihrem jugendlichen Feuer, die so gut zu dem grauen Bart stehen, gleich an, daß aus ihnen noch ein ganzer Teil unverbrauchter Manneskraft und überschüssiger Lebenslust schaut. Wie es mir gleich bei seinem ersten Besuch durch den Sinn ging. Das wäre dein Mann – und wie ich gleich heraus hatte, daß ich Eindruck auf ihn mache, und ich es nur darauf anzulegen brauche, ihm zu gefallen, so ist es gekommen. Ich bin ganz glücklich. Und das beste ist, daß er mir so sehr sympathisch ist, und es mir nicht die geringste Überwindung kostet, ihm anzugehören. Ich habe immer ein Faible für diese vornehmen, älteren Herren mit ihren tadellosen Kavalierallüren und dem eleganten Exterieur gehabt. Freilich, der Doktor wäre mir ja noch lieber, aber in dieser Welt ist eben nichts vollkommen.

Und so fein und taktvoll und diplomatisch hat er es gemacht, daß allmählich der Ton väterlich-wohlwollender Güte immer ein bißchen wärmer und vertrauter wurde, und die definitive Aussprache uns dann beiden gar nicht mehr überraschend und übergangslos unerwartet kam. Wir speisten den Abend im Chambre séparée im Kurfürsten, und beim Dessert betrachtete er meinen Arm und bewunderte die feinen Linien desselben und äußerte sein Erstaunen, daß ich keine Armbänder und keine Ringe trage. Ich sagte ihm, daß die Pension alles verschlungen habe. Da lächelte er und meinte: »Eine entzückende junge Frau wie Sie ist für die Sonnenseite des Lebens prädestiniert und sollte die häßlichen Sorgen des Alltags nicht kennen lernen. Sie müssen einen Freund finden, der Sie dem Leben, der Freude wieder zurückgibt . . .«

Ich sah ihm in die Augen und sagte: »Wo finde ich den Freund?« Und er: »Es käme drauf an . . . der Freund müßte Ihnen wohl an Jahren nahe stehen? Ich wäre Ihnen zu großväterlich, nicht wahr?« Ich schwieg einen Augenblick und brachte es fertig, rot zu werden, und wußte, daß ich in dem Moment lieblich und mädchenhaft ausschaue.

»Nein,« sagte ich leise, »von den jungen Männern hab ich gerade genug, wenn ich mich noch einmal verliebe, kann es nur in einen Mann in älteren Jahren sein . . .«

»Wollen Sie sich mir anvertrauen, Thymian?« sagte er. »Ich bewundere und liebe Sie, seitdem ich Sie kenne, und Sie werden einen zuverlässigen Freund in mir finden, der Ihnen die Freude erschließt. Wir kennen beide die Welt und das Leben und brauchen einander keine Komödie vorzuspielen. Ich werde mich nie mehr verheiraten. Aber ich will Ihnen die Hände unter die Füße breiten und Ihnen alles geben und verschaffen, was einem jungen schönen Weib Freude bereitet, und nur eine Bedingung stelle ich: Ich dulde keine anderen Götter neben mir. Sie müssen mir allein gehören. Ich muß mich auf Sie verlassen können . . .« Statt der Antwort warf ich mich ihm an den Hals und küßte ihn wahnsinnig vor lauter Dankbarkeit und innerer Freude. Er hielt es aber jedenfalls für den Ausbruch eines wirklichen leidenschaftlichen Gefühls und wurde ganz heiß und rot und wir waren wie ein ganz junges, glückliches Liebespaar . . .

Am dreizehnten Februar reisen wir an die Riviera; dann nach Paris. Ich habe meine Wohnung vermietet, die Möbel, soweit sie mir gehörten, verkauft, und bin schon am Packen. Wenn wir zurückkommen, will der Graf mir eine Wohnung einrichten. Er kauft mir alles, was ich nur haben will und liest mir die Wünsche von den Augen. Ich bin sehr froh, denn ich habe nun endlich erreicht, wonach ich lange trachtete. Ich bin die Freundin eines reichen und vornehmen Mannes, eines echten Kavaliers, von dem ich niemals eine verletzende Behandlung zu befürchten habe, ich brauche nicht mehr zu rechnen, habe alles im Überfluß, und werde schon sorgen, daß meine Zukunft gesichert wird. Bei Gerson und Biester habe ich mir die entzückendsten Roben bestellt, der alte Herr ist ja wie toll in mich verschossen. Ich freue mich unendlich auf die Reise nach dem Süden und auf Paris. Nun endlich werde ich mal wirklich ungetrübten Genuß vom Leben haben. Mein Freund – ich soll ihn Otto nennen, aber es fällt mir noch schwer – braucht nicht zu fürchten, daß ich ihn betrüge, ich spüre gar kein Verlangen dazu, und ich bin ihm so grenzenlos dankbar.

Von dem Doktor habe ich mich schon verabschiedet. Das wurde mir doch sehr schwer, denn ich fühle immer stärker, wie sehr ich diesem Manne zugetan bin. Er nahm meine Eröffnung sehr kühl und zugeknöpft auf, und schüttelte den Kopf und sagte, er hätte von mir erwartet, daß ich fester stehen werde. Ja du lieber Himmel, es ist so leicht und so wohlfeil, anderen Leuten gute Lehren zu geben, es ist doch einmal so, was soll ich denn machen. Ich bin zu mürbe, um den Kampf um die Existenz und mit den tausend Widerwärtigkeiten des Lebens dauernd auszuhalten. Und von dem Doktor habe ich im letzten Jahr ja doch so gut wie gar nichts gehabt, seine Familie und sein Beruf nehmen ihn doch fast ganz in Anspruch. Dennoch war es ein harter Abschied, er schien mir doch auch ein klein bißchen bewegt, ich weinte die halbe Nacht. An D . . . . will ich erst von Paris aus schreiben, das ist mir auch ein bißchen peinlich, erst hat er mir in der Not ausgeholfen, und nun wird er nolens volens abgesetzt, aber das ist eben nicht anders in der Welt. Das Leben ist einmal so gemein, daß einer den andern immer über den Haufen rennt; und wer am rücksichtslosesten die Ellbogen gebraucht, ist Meister.

Ich aber freue mich kindisch auf das Leben, das mir nun endlich, endlich einmal Sonnentage schenken will. Mein Buch begleitet mich. Hoffentlich kann ich nun auch mal öfters etwas Fröhliches, Glückliches notieren.


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Zwischen diesem und dem folgenden Blatt liegt ein Zeitungsausschnitt mit einer großen, schwarzumrandeten Todesanzeige. –

Heute morgen 7½ Uhr starb nach kurzer, schwerer Krankheit unsere einzige heißgeliebte Tochter

Erika

in ihrem eben vollendeten achten Lebensjahr. Trostlos, wie nie zuvor in unserem Leben, stehen wir an ihrem Sarge.

Wir bitten, Beileidsbesuche zu unterlassen. Die Beerdigung findet am Sonntag, den 25. April, vormittags 10½ Uhr, vom Sterbehause aus statt.

Konsul Wilhelm Peters und Frau,

Agnes geb. Siedetopf.


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In den weiteren Aufzeichnungen findet sich, seltsam genug, nirgend eine Bemerkung, die auf die Todesnachricht direkt Bezug nimmt – eine eigentümliche, aber vielleicht psychologisch nicht ganz unerklärliche Tatsache.

Anm. d. Herausg.


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Paris, den 22. Mai.


Die schönen Tage von Aranjuez gehen zu Ende. Während der Reise kommt man zu nichts, und wenn ich heute nicht zufällig die Stunden zwischen Diner und Oper frei hätte und mich plötzlich die Lust zum Tagebucheln anwandelte, würde ich mein Buch ebenso nach Berlin zurückbringen, wie ich es mitnahm.

Die Reise war herrlich, die Monate sind vorübergeflogen wie ein Traum. Nie hätte ich geglaubt, daß die Welt so schön ist. Ich hatte früher wohl Reisebeschreibungen vom Süden gelesen, aber die farbenglühendsten Schilderungen sind doch nur ein matter Abklatsch der märchenhaften Wirklichkeit.

Aber gerade in solcher wundervollen Umgebung kommen einem unwillkürlich bittere, weltschmerzliche Gedanken. Warum wurde eine solche wunderschöne Welt erschaffen, wenn es nicht des Schöpfers Wille war, diese herrliche Welt mit ebenso herrlichen, vollkommenen und glücklichen Geschöpfen zu bevölkern! Das ist kein guter Gott, der eine reiche, schöne Welt baut und so viel armes, häßliches Leben hineinsetzt.

Wir waren in Nizza und Monte Carlo und weiter die Riviera entlang und hatten uns bei Nizza eine Etage in einer Villa am Meer gemietet. Wir saßen oft abends bis spät in die Nacht auf dem Balkon und beobachteten den Sonnenuntergang, der dort so prachtvoll ist und so wunderbare Farbenkontraste erzeugt, daß man die tollen Bilder der Sezession mit ihren verrückten Farben dem gegenüber eigentlich gar nicht mehr so dumm und unwahr findet. Dieses flammende Feuerrot und das weiche, fließende Karmin und daneben das harte Kornblumenblau des Wassers wirkt so unbegreiflich und phantastisch, daß man es sehen muß, um es zu glauben. Am schönsten ist es, wenn sich die letzten Reflexe verteilen, wenn der Sonnenball schon fort ist, und alles sich gleichsam auflöst in rosaroten Duft, der den Horizont anglüht und Luft und Meer durchschimmert, das ist so wundervoll, daß man oft den Atem anhält, um es ganz zu genießen. Und am schönsten ist es, wenn man einen Menschen neben sich hat, von dem man weiß, daß er die Wunder der Natur mit denselben schönheitstrunkenen Augen schaut, wie man selber, und zu dem man sich darüber aussprechen kann und verstanden wird.

Der Graf ist ein sehr kluger, geistreicher Mann, er ist in seinem Leben weit herumgekommen und kennt eigentlich die ganze Erde. Zweimal hat er eine Reise um die Welt gemacht. Ich lerne viel von ihm und werde nicht müde, mir alles von ihm erzählen zu lassen. Ich bin ganz stolz darauf, daß es mir gelungen ist, diesen Mann dermaßen an mich zu fesseln. Das ist nicht immer so leicht; denn diese Herren sind so meisterlich geschult in der Selbstbeherrschung, daß sie sich in jedem Fall ein gewisses Selbstbestimmungsrecht über ihre Empfindungen bewahren und ihre Wünsche und Leidenschaften stets in wünschenswerter Weise zu temperieren verstehen, so daß ihnen im gegebenen Fall das Losreißen und Entsagen nicht allzu schwer wird. Mein Freund würde mich aber heute nicht leichten Herzens aufgeben, das weiß ich. Es ist verhältnismäßig leicht, einen Mann wie den Grafen zu kapern, aber ihn festzuhalten und dauernd an sich zu fesseln ist schwer. Ich weiß genau, daß er, als er mich für sich gewann, fest entschlossen war, auf seiner Hut zu sein und mir keinen Einfluß auf sich einzuräumen, aber so stark und stolz und hart solch ein Manneswille auch sein mag, der kluge, elastische Wille eines Weibes ist zäher und bringt ihn unter. Ich habe Einfluß auf ihn; ohne daß er selber es merkt, beuge ich seinen Willen und ordne ihn meinen Wünschen unter. Ich könnte heute von ihm verlangen und haben, was ich wollte. Dazu muß man freilich auf sich acht geben, sich nie gehen lassen, nie selber Stimmungen zeigen, sich immer der Stimmung des anderen anpassen, in dieser Kunst habe ich mich früher nie trainiert, weil ich es nicht nötig hatte, aber es ist mir doch nicht allzuschwer geworden.

Gewiß, der Graf ist ein liebenswürdiger alter Herr, und ich kann dem Schicksal, das ihn mir zuführte, nicht dankbar genug sein, aber ich fühle mich doch nicht so glücklich, als wie ich eigentlich möchte. Ich kann jetzt oft nachts nicht schlafen und denke dann über allerhand nach. Ich glaube, es gibt Menschen, die überhaupt nicht glücklich werden, weil ihnen die Fähigkeit, glücklich zu sein, abgeht, und zu denen gehöre ich wohl. – In meinem Herzen ist eine Unrast und eine ewige ungestillte Sehnsucht nach etwas, das ich nicht kenne und das ich nicht mit Worten auszudrücken verstehe. Ich sehne mich auch so sehr nach Julius, mein Herz schlägt rascher, wenn ich an ihn denke, und ein schmerzvolles Heimweh nach seiner Liebe überkommt mich, dann denke ich zuweilen, es ist die Liebe, die mir fehlt. Ich bin in meinem Leben viel bewundert und begehrt, aber nie eigentlich richtig geliebt worden. Es war immer nur mein Körper, den die Männer wollten, ob ich eine Seele habe, – danach hat niemals jemand gefragt.

Wenn ich nachts so mit offenen Augen daliege und sinne und sinne und die Erinnerung an all das Häßliche, Ekelhafte, Schmutzige, Gemeine, das ich erlebt habe, wie eine schmierige Flut um mich herum wogt, steigt die Sehnsucht nach Liebe wie ein überirdisches Wesen mit ausgebreiteten Flügeln in mir empor. Ich möchte ein Kind haben, ich möchte noch einmal Mutter werden. Diesmal sollten mir weder Götter noch Teufel mein Kind entreißen. O, wie würde ich es lieben, und wie glücklich wäre ich in seiner Liebe! Und wenn es ein Mädchen wäre, wie wollte ich es hüten und schirmen, und sorgen, daß seine Augen nur Schönes sehen, daß seine Ohren nur Reines und Gutes hören, wie wollte ich allen Schmutz des Lebens von ihm fernhalten . . . Ob diese Sehnsucht wirklich so unstillbar ist? Ich bin doch noch jung, andere heiraten erst in meinem Alter und bringen womöglich noch sieben Kinder zur Welt, und ich lebe doch jetzt ein regelmäßiges, geordnetes Leben.

Mein Wunsch ist so stark und mächtig, daß ich ihn eines Nachts dem Grafen mitteilte. Er war zuerst merkbar betroffen, aber wie ich mein Verlangen begründete und ihm sagte, daß ich das Kind ganz allein für mich haben will und alle Pflichten auf mich nehme, sagte er nur, ob ich auch den Mut hätte, alle Konsequenzen, die die Erfüllung meines Wunsches mit sich brächte, zu ertragen, und als ich bejahte, meinte er, ich müßte mal mit einem Frauenarzt sprechen. Und weil in Paris in der Rue de la paix eine berühmte Hebamme wohnt, die mehr als Brot essen kann oder können soll, habe ich meinen Freund bestimmt, daß wir auf der Rückreise hier noch acht Tage Aufenthalt nehmen. Ich war schon bei ihr. Sie riet mir, Moorbäder zu nehmen und gab mir sonst allerhand gute Ratschläge, die ich sorgsam befolgen werde, hoffentlich nützt es etwas.

Wir wohnen während der Reise natürlich immer in einem Hotel, aber stets in getrennten Zimmern.

Gestern dinierten wir im Hotel Riz. Wir waren gerade beim Fisch, als plötzlich eine große, starkknochige Dame in grande toilette und mit einem prachtvollen, spitzengarnierten Chinchillacape auf uns zurauscht und den Grafen anredet: »Bon soir, mon cher cousin!« und sich gar nicht genug tun kann in Freude über die große Überraschung, ihn hier zu treffen. Der Graf war zuerst offenbar ein bißchen perplex, aber sofort gefaßt und stellte mich vor: »Ma nièce, la Comtesse Osdorff . . . Madame la princesse Tch . . .,« worauf die Dame mit einer Menge Fragen nach den verschiedenen Linien und wieso und von welchem Osdorff über mich herfiel. Zum Glück war ich ziemlich au fait . . . Die Familienchronik und der Stammbaum waren ja der einzige Inhalt in des armen Casimir umfangreichem Schädel; tausendmal hat er mir alles vorräsoniert, ohne daß ich hinhörte, aber soviel hatte ich doch behalten, um Son Altesse Auskunft geben zu können, ohne mich zu blamieren. Dann kamen auch noch zwei Herren, der Prinz Tch . . . und ein Neffe, comte L . . . und alle drei nahmen an unserem Tisch Platz. Der junge Graf machte mir den Hof und die alte Prinzessin flüsterte dem Grafen, wie ich merkte, allerhand Schmeichelhaftes über mich zu und wollte partout, daß wir sie besuchen sollten; aber der Graf lehnte ab, wir müßten durchaus morgen reisen. Ich aber mußte die Alte immer angucken und dachte dabei, daß der Adel der Geburt ihr wahrhaftig nicht auf die Stirn gedrückt ist. Wenn sie abgetakelt wäre, die Spitzen und Brillanten und Seide herunter, würde eine grobknochige Nordmarscher Bauernmagd übrig geblieben sein und nichts Adliges. Als wir nach Hause fuhren, sagte mein Freund: »So, Thymian, jetzt wird's Zeit, daß wir rücken. Je eher, je besser. War das ein vermaledeiter Zufall! Gott nein, wie klein ist doch die Welt, die Frau hab' ich in dreizehn Jahren nicht gesehen, und gerade nun heute – – –«


* * *


Berlin, 13. Juni 1897.


Die Zeit wird mir sehr lang. Der Graf ist beschäftigt und gesellschaftlich in Anspruch genommen und kann sich mir nicht immer widmen, obwohl er's gewiß gern täte. Ich fürchte mich, auszugehen, um nicht Bekannten in die Arme zu laufen und von ihnen angeredet zu werden. Mache meine Besorgungen meist per Droschke ab und gehe abends nie allein fort.

Ich wohne einstweilen im Zentralhotel, da es sich nicht lohnt, vor Oktober eine Wohnung einzurichten. Zum ersten Oktober haben wir eine Fünfzimmerwohnung am Kronprinzenufer gemietet, die ich allein bewohnen werde. Vorläufig fahre ich nächste Woche nach Elster und im August noch einige Wochen nach Kreuznach. Indessen geht mein Freund auf sein Gut in Ostpreußen, wohin sein Sohn auf Urlaub kommt, und im Spätherbst begleite ich ihn nach Wien, wo er amtlich zu tun hat.

Aber es ist so schrecklich langweilig, obgleich mein Zimmer nach der Friedrichstraße schaut und es recht unterhaltsam ist, am Fenster zu sitzen und hinauszuschauen, aber schließlich wird auch das öde. Ich habe auch unendlich viel gelesen in dieser Zeit, und meine spanischen Sprachstudien wieder aufgenommen, aber der Tag hat zwölf Stunden, und in der Nacht kann ich auch nicht schlafen. So zwölf leere Tagesstunden auszufüllen ist keine Kleinigkeit. Zu gern möchte ich Julius mal wieder sprechen, und auch mit D . . . verplauderte ich gern mal eine Stunde, aber ich wag's nicht. Wenn der Graf Lunte röche, riskiere ich, daß ich mit ebenso hexenhafter Geschwindigkeit, wie ich hoch gekommen bin, wieder herunter glitte, und ehe ich mich's versähe, wieder unten im Straßendreck säße. Ich stehe oft abends im Dunkeln am Fenster und sehe auf das Treiben der Straße und beobachte die Mädchen, wie sie schrittweise auf und ab gehen und den Männern ihr Fleisch anbieten, und dann quillt etwas in mir auf, ich kann es nicht bezeichnen, ein furchtbarer Ekel und zugleich ein kochender, ohnmächtiger Zorn gegen die grausame Ungerechtigkeit und Willkür des Schicksals, das Menschen zu Tieren macht, und daneben ein tiefes, fast zärtliches Mitleid mit den Unglücklichen, zu denen ich auch gehörte, und ein wütender Haß gegen die Reichen, die moralisch Unanfechtbaren, die mit so wunderschöner, unnachahmlicher, stolzschwerer Rührmichnichtan-Betonung das Wort »Dirne« aussprechen – – – Ach Gott! – – – Wenn sie wüßten, was zuweilen in der Seele solcher Dirne vorgeht, sie würden sich schämen, sie zu schmähen. Darum: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun. Ich habe Dumas' Kameliendame und manche andere Bücher ähnlicher Art gelesen, aber sie befriedigen mich nicht, weil ich nichts Wahres in ihnen finde. Ich könnte ein Buch über »Dirnenpsychologie« schreiben, denn ich kenne meine eigene Seele. Schade, daß ich dazu kein Talent habe, ich hätte jetzt so schön Zeit dafür – – –


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Wien, 30. Oktober 1897.


Du hast wohl schon lange gewartet, daß ich mal wieder mit dir schwatze, alter Weggenosse, denn du bist ja so etwas wie ein Mensch, d. h. eigentlich bist du klüger als ein Mensch, du läßt dir nur immer was erzählen und schweigst dazu und bist geduldig – wie Papier. Aber weil ich mir einbilde, daß du so etwas wie eine Seele hast, deshalb würde ich nie wagen, dich anzulügen, und deshalb kennst du meine innersten Gedanken. Der Sommer war ziemlich trist. Zuerst in Elster, dann vier Wochen in Kreuznach. Dann ein paar Wochen in Berlin. Habe die Kurvorschriften gewissenhaft befolgt und lebe noch danach, aber bis jetzt haben sich die Spuren eines Erfolges auch nicht gemeldet. In Berlin habe ich mir meine Wohnung eingerichtet, sehr elegant und geschmackvoll, und wäre gern gleich eingezogen, aber da der Graf im September nach Wien mußte und mich mithaben wollte, da er den Sommer über ohnehin nicht viel an mir hatte, mußte ich mich fügen und freue mich nun aufs Heimkommen im Dezember. Denn ganz offen gestanden, dies Leben macht mir auf die Dauer auch keine Freude, es ist zu »dov«, wie die Kindermann immer sagte. Der Graf ist dreiunddreißig Jahre älter als ich, und kommt nicht recht mit, und trotz seiner Klugheit und Weltgewandtheit finde ich ihn manchmal schwerfällig und langweilig. Er ist sehr streng konservativ und adelsstolz, wenn er auch zu klug und taktvoll ist, um das jemand merken zu lassen. Aber vor mir kann er sich doch nicht verstecken, ich merke es aus manchen gelegentlichen Bemerkungen, aus seinen Ansichten, aus vielen Kleinigkeiten. Wenn Casimir früher das Maul aufriß und von seinem Stammbaume und seiner Verwandtschaft räsonierte, habe ich höchstens darüber gelacht, aber dies ärgert mich, und es kribbelt mir manchmal in den Nerven, und die Opposition in mir drängt nach einem Ausbruch, und ich muß tüchtig an mich halten, um nichts zu sagen, denn ich will mich doch um Gotteswillen meinem alten Freund nicht unangenehm machen. Ich kann nichts dafür, aber so etwas ist mir zu dumm. Ich kann absolut nicht einsehen, wieso der Adel das Recht hat, sich als eine besondere und bevorzugte Kaste aufzuspielen. Einmal hätten wir uns ohnehin bald verkracht. Wir saßen den Tag im Matschakerhof und da kam die Rede auf ein souveränes europäisches Fürstenhaus, das gerade keine Ursache hat, auf seine Mitglieder besonders stolz zu sein, und ich gab meiner Meinung Ausdruck, daß eine Republik eine viel gesündere Einrichtung ist, als wie solch ein souveränes Staatswesen mit der geregelten Erbfolge. Ob solch ein Thronfolger nun dumm oder klug, schlecht oder gut ist, Fähigkeiten zum Regieren besitzt oder nicht, er wird König, resp. Kaiser oder Fürst, weil ihn ein Kaiser, König oder Fürst erzeugt und ihn eine ebenbürtige Mutter zur Welt gebracht hat, und in die Hände eines solchen unfähigen, unguten Menschen ist dann das Schicksal einer ganzen Nation gelegt. Ich legte ihm das alles auseinander, aber er lächelte nur ironisch und sagte: »Du gestattest wohl, liebe Thymian, daß ich darüber etwas anderer Meinung bin –« und sprach dann unvermittelt von einem Kostüm, das ich mir morgens bei Zwiebeck gekauft hatte, und das empörte mich so maßlos, daß ich gar nichts mehr herunter brachte und ihm am liebsten das Glas Wein, von dem ich trank, ins Gesicht geschmissen hätte. Das will ich dir sagen, wenn der Graf mich heute heiraten wollte, und meine Versorgung davon abhängig wäre, ob ich's tu oder nicht, dann tät ich doch noch ergebenst danken. Denn mit solchem langweiligen Mann ebenso langweilig Tag für Tag und Jahr um Jahr zusammen zu leben, – nee, das würde mich verrückt machen. Dabei ist er auch mißtrauisch, wenn ich allein fort gewesen bin, heißt es: Wo warst du? Wie lange bist du da und dort gewesen? Was hast du gemacht? Was hast du erlebt? Gott, nein, das macht mich ganz zippelig.

Zum Glück ist er hier sehr oft in Anspruch genommen, und ich bin mir viel selbst überlassen, und wenn ich über den Graben oder den Ring in der Kärntner Straße entlang bummle, erlebe ich immer etwas. Sobald ich in ein Café trete, drehen sich alle Köpfe nach mir um, und wohin ich komme, errege ich immer noch Aufsehen. Manchmal hätte ich wohl Lust, mal wieder ein bißchen zu abenteuern, so ganz en passant mal ein kleines Intermezzo mitzumachen zur Auffrischung, aber einmal fürchte ich mich vor Otto, und zweitens macht es mir Spaß, irgend 'n Frechdachs, der sich an mich heranwagt, dann von oben herab abzuwimmeln, daß er wunder meint, wie groß er sich geschnitten hätte. Vor einigen Tagen war ich nachmittags im Café Scheidl, an der Elisabethstraße, das die Wiener Café »Fenstergucker« nennen, und da setzte sich ein Herr zu mir und wir wurden bald bekannt. Er war aus München-Gladbach und Schriftsteller und hielt sich studienhalber ein paar Wochen in Wien auf, und ich stellte mich als Frau Osdorf aus Berlin vor, und sagte ihm, daß ich auch zu meinem Vergnügen nach Wien gereist sei, um es kennen zu lernen, wobei ja auch nichts gelogen war. Nachher meinte Dr. Martin, so hieß er, ob wir nicht den Abend zusammenbleiben könnten, und da der Graf zu einem Diner war, konnte ich einwilligen. Wir haben uns dann im Theater an der Wien den »Mikado« angesehen, nachher bei Leidinger gegessen, und dann wollte mein Begleiter mir »Wien bei Nacht« zeigen. Da sind wir in ein Nachtcafé, dessen Leben genau dieselbe Signatur trug wie die Nachtcafés in Berlin, nur daß, wie mir schien, das Angebot verhältnismäßig größer war als in B. und die Nachfrage jedenfalls weit überstieg. Der Doktor sagte: »Bemerken Sie, gnädige Frau, wie wütend Sie angestarrt werden? Man fürchtet hier stark die Konkurrenz, und eine anständige Frau wird von den Königinnen der Nacht da, wo sie das Reich behaupten, wie ein Schlag ins Gesicht empfunden. Die Sorte kennen ja so genau ihresgleichen und wissen sofort, was zu ihnen gehört und was nicht . . .« Ich sagte nichts und dachte bei mir: O, du Menschenkenner –. Nachher fragte er mich, ob es mich interessiere, noch einen anderen Ausschnitt des Wiener Nachtlebens kennen zu lernen, was ich natürlich bejahte. Dann gingen wir in ein Kellerlokal in der Nähe des Stephandom, das anscheinend nur Eingeweihten bekannt ist, der Schriftsteller sagte: »Dies ist der richtige moderne Sklavenmarkt, ein regulärer Schacher mit Menschenfleisch – –« In den mäßig großen Sälen war Musik, gute ungarische Streichmusik, die das Blut in Wallung brachte. Die Menschen wogten tatsächlich wie auf einem Markt hin und her. Aber was für Publikum! Unsere Berliner Halbwelt leidet auch nicht gerade an einem Überschuß von sehr schönen Erscheinungen, aber es sind doch eine Menge sehr hübscher Mädchen darunter und die ganz unansehnlichen wissen, wenn sie Schick haben, immer noch etwas aus sich zu machen. Aber diese Weiber waren unter Null, wenn das, wie der Martin behauptet, die Elite der Wiener Demimonde ist, reicht sie unserm Berliner Durchschnitt nicht das Wasser. Ich habe an dem Abend wenigstens nicht eine Nette gesehen, alle abgerackelt, widerlich geschminkt, zum Teil geradezu häßlich und scheußlich aufgedonnert. Widerwärtig wie das weibliche, war auch das anwesende männliche Publikum, Greise und unreife Bengel von zwanzig und darunter, die mit Gigerlknütteln umherliefen und das große Wort führten und kein einziger ordentlicher Mann. Tatsächlich stellen die ganz alten und ganz jungen Herren ja auch in Berlin das Kontingent der Kunden, aber man findet doch auch Männer in den besten Jahren bei uns, hier keinen einzigen, an dem Abend wenigstens nicht. In einem Raum nebenan wurde getingelt, ein halbnacktes Frauenzimmer trug mit einer unglaublichen Stimme ein Lied im Wiener Dialekt vor, von dem ich kein Wort verstand; dieser »Gesang« war geradezu eine Strafe und wir zogen uns schleunigst wieder zurück. Ich sagte dem Doktor, daß ich Durst hätte, und wir setzten uns in den Hauptsaal an die Wand und bestellten uns Wein. Es waren auch ein paar Provinzler da, die Frauen guckten sich die einzelnen Gestalten an, als ob sie im Panoptikum wären. Es war gewiß kein erquickliches Bild, dieser »moderne Sklavenmarkt«, und doch – und doch . . . der heiße, süßliche Österreicher Wein ging mir ins Blut, und ich schloß unwillkürlich die Augen und lauschte auf die prickelnde, feurige, laute Musik, die die Sinne aufquirlt, und spürte etwas in mir, das ich nicht anders als etwas »Heimatliches« bezeichnen kann; das Gefühl meiner Zugehörigkeit zu dieser Welt machte sich in mir bemerkbar und verursachte mir eher eine Art Wohlbefinden denn Unbehagen. Ich glaube wirklich, wer einmal diese Luft atmete, dem setzen sich ihre Bazillen ins Blut wie eine Krankheit, die niemals ausheilt, die immer wieder herausbricht. Ich dachte an meinen süßen Schatz in Berlin, den ich so furchtbar lange entbehrt habe, und wenn ich ihn den Abend da gehabt hätte, wär mir alles egal gewesen, und ich hätte alles hingeworfen, den Grafen mitsamt seinem Geld, und alles, alles, wenn ich ihn dafür hätte haben können. Ich will ihn auch wieder haben, wenn ich nach Berlin komme, und wenn alles draufgeht. Ich pfeif auf alles. Die Liebe ist doch das Schönste in der Welt und es geht nichts darüber. Ja, ich träumte von meinem Julius und mir wurde warm und sehnsüchtig dabei, und wie ich die Augen aufmachte, bemerkte ich, daß der Schriftsteller mich betroffen anstarrte. Ich lächelte ihn an, denn ich wäre gleich mit ihm gegangen, wenn er gewollt hätte, aber der Tölpel merkte nichts und machte mir nur so von hinten herum und sehr ehrerbietig den Hof. Komisch, es hat Zeiten gegeben, wo ich mich fast krank sehnte nach ein bißchen Achtung und Ehrerbietung, und da war es mir lästig, und ich wurde kurz und übelgelaunt. Wir verabredeten für den andern Tag am Tegetthoffdenkmal am Pratereingang ein Rendezvous, aber ich ging nicht hin, konnte auch nicht, weil der Graf da war, und hatte auch keine Lust, den Mann noch einmal wiederzusehen.


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Wie wir Montag abend beim Sacher soupieren, saßen uns gegenüber ein Herr und eine Dame in Weiß. Die Dame wandte uns den Rücken, aber von hinten kam sie mir mit ihrem französisch rot gefärbten Haar und in ihrer Haltung bekannt vor. Der Graf machte mich auf ihre seltsame Art, Obst zu essen, aufmerksam. Ich sah hin – na ja, den Rummel kennt man ja; es wird überall mit Wasser gekocht in der Welt. Sie ließ sich die kostbarsten Früchte kommen, faustgroße Pfirsiche, köstliche Riesenerdbeeren, Trauben usw., wovon das Stück 2 bis 4 Gulden kostet, biß hinein und warf sie hin, und nahm andere, und der Kavalier muß nachher selbstredend alles zahlen. Das sind so kleine Nebensporteln, wenn man sich mit dem Oberkellner gut steht und man zehn Prozent oder je nachdem von der Zechrechnung abkriegt.

Als sie sich einmal umwandte, erkannte ich sie, nämlich die schöne Emmy, eine Busenfreundin von den Ponys, die 94 in Berlin viel gefragt wurde, dann aber Heimweh nach ihrem geliebten »Dräsden«, was ihre Geburtsstadt ist, bekam, und dahin zurückkehrte. Sie erkannte mich sofort – – und ich glaube, der Wunsch mit mir zu sprechen, war ebenso brennend in ihr, wie in mir, aber wir durften uns mit Rücksicht auf unsere Kavaliere nicht erkennen und begrüßen. Da erhob ich mich und ging in die Toilette, und sie folgte mir gleich, und wie wir uns sahen, umarmten und küßten wir einander und freuten uns beide über das Wiedersehen. Sie erzählte mir rasch, daß der Zahlkellner beim Sacher ihr Schatz ist, und sie ist mit einem Herrn nach Wien, um ihn zu besuchen, er war vordem Oberkellner im Linkschen Bad in Dresden, und nächste Woche fährt sie mit dem Herrn wieder heim. Sie fragte mich, ob ich schon von den Ponys gehört hätte, – natürlich nicht – und erzählte mir rasch, daß Molly sich vor sechs Wochen mit Phosphor vergiftet hat, sie war zur Beerdigung hin, und da wir nicht so lange ausbleiben konnten, verabredeten wir uns für den nächsten Tag früh in einem Café an der Votivkirche. Da bekam ich den ganzen Roman der Ponys zu hören. Sie hatten sich doch ein Tapisseriegeschäft in dem kleinen Thüringer Nest eingerichtet und es ging ihnen sehr gut, und sie waren anfangs sehr geachtet, aber wie das so geht, einmal fingen sie doch wieder ein bißchen an zu techtelmechteln, und da war das Geschwätz gleich im Gange, und kein Mensch kaufte mehr von ihnen, und sie mußten das Geschäft aufgeben. Nachher wars ihnen dann auch einerlei, da an ihrem Ruf doch nichts mehr zu verderben war. Im vorigen Herbst heiratete Dolly einen Landwirt, der auch Lohnfuhrwerk hält, und Molly blieb allein im Häuschen, das sie sich gekauft hatten. Da passierte ihr das Unglück, sich in einen jungen Arzt, der sie in der Influenza behandelte, zu verlieben, aber so Hals über Kopf zu verlieben, daß sie gar nicht mehr ohne ihn leben konnte. Der Doktor war aber heimlich verlobt mit einer Honoratiorentochter, und die Eltern der Braut haben ja wohl auf ihn eingewirkt, daß er die Behandlung der anrüchigen Patientin aufgab und sie an einen Kollegen verwies, und das hat das arme Ding sich so zu Herzen genommen, daß sie sich vor sechs Wochen mit Phosphor vergiftete. Sie fanden sie morgens in Krämpfen auf dem Fußboden, und in ein paar Stunden war sie tot. Na, ihr ist wohl, aber es ist doch sehr traurig, und Emmy stürzten die Tränen aus den Augen, wie sie es mir erzählte. Sie war eigens zum Begräbnis hingefahren und sie sagte, daß ich Dolly sicher nicht wiedererkennen würde, so dick und schlampig soll sie in einem Jahre geworden sein. Ich mußte Emmy versprechen, sie diesen Winter in Dresden zu besuchen, und sie will auch mal zu mir nach Berlin kommen. Sie ist riesig schick; in dem weißen, gestickten Tuchkleid mit dem großen weißen Federhut sah sie aus wie eine Prinzessin.


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Berlin, 24. Dezember 1897.


Weihnachtsabend. Da bist du wieder, mein einziger Gesellschafter, Liebes. Ich wüßte sonst nicht, wie ich den Abend totschlüge. Ich fürchte nichts mehr, als die Erinnerungen, die in solchen Stunden auf leisen Sohlen durchs Haus schleichen und einem nach dem Herzen greifen und es weich machen. So richtige Weihnachtsabende habe ich eigentlich nur in meiner fernen kleinen Kindheit gehabt, als meine gute, liebe Mutter noch lebte. Nachher mit den Haushälterinnen war es doch nicht mehr so, und die späteren Jahre – – na, deren will ich mich man lieber gar nicht erinnern. Aber ich war doch nie allein. Jemand war immer bei mir. Zum Beispiel bei der Beidatsch in der Zimmerstraße, wo wir auch eine Tanne hatten und den Abend alle zusammen waren, und ich nachher im Stillen konstatierte, daß an dem Abend keine einzige freche und zotige Redensart gefallen ist. Und voriges Jahr feierten D . . . . und ich Weihnachtsabend zusammen in meiner Wohnung.

Aber diesmal bin ich ganz allein, mein Graf hat seinen Sohn auf Besuch, und sie sind heute zur Christabendfeier bei einem großen Tier in der Wilhelmstraße eingeladen. Er hat mich sehr nobel beschenkt – drüben im Salon liegt alles, ein Gürtelschloß im Sezessionsstil mit Brillanten und Saphiren, das entzückende Teeservice von Raddatz mit den Streurosen, das ich mir so sehr wünschte, einen herrlichen weißen Theatermantel, viele kostbare Kleinigkeiten und einen Tausendmarkschein extra. Er wollte auch, daß ich mir einen Weihnachtsbaum schmücke, aber ich mochte nicht. Wozu? Ich habe heut abend alle Kronen angezündet und die Türen zurückgeschoben und es ist sehr hell, sehr warm, sehr elegant und behaglich bei mir, und ist alles mein eigen. Wenn nur diese schreckliche, erdrückende Stille und Einsamkeit nicht wäre!

Mein Graf will durchaus nicht, daß ich mit jemand verkehre. Es ist ja auch soso, mit meinen früheren Bekannten möchte ich selber nicht zusammen kommen, und anständige Damen würden doch bald heraushaben, auf was meine Existenz beruht. Auf die Dauer ertrage ich dies einsame Leben aber auch nicht.

Ich bin als Privatière angemeldet, bezahle einen ganzen Batzen Steuern und werde im allgemeinen mit großer Hochachtung und Rücksicht behandelt, und der Polizei fällt es natürlich gar nicht ein, mich mit ihrem Interesse zu belästigen. Das ist eben das Ungerechte: Wenn man einen reichen Menschen gefunden hat, dem man sich mit Haut und Haaren verkauft, bleibt man verschont, aber wehe den Unglücklichen, die nicht das »Glück« hatten, solchen Freund zu finden, und die sich bruchstückweise auf der Straße verschachern –

Ja, zuweilen ist mir so, als sei ich eigentlich jetzt schlechter und verächtlicher als zuvor. Damals, als ich nach Berlin kam, hab' ich mir alle erdenkliche Mühe gegeben, einen ehrlichen Erwerb zu finden, weil das andere Leben mich anekelte, da ich aber nichts fand und man doch leben will, blieb mir nichts übrig, als mich fortzuwerfen, und ich habs mit innerem Abscheu getan, wie einen widerwillig gebrachten Tribut dem Moloch Selbsterhaltung. Heute sitze ich im warmen Nest, lasse mich unterhalten, führe ein Leben voll Faulheit und Nichtstun, und leiste als Äquivalent nichts dafür, als daß ich meinem alten Herrn seine nicht allzu anspruchsvolle Liebessehnsucht stille.

Das Leben führt den Menschen über Höhen und Tiefen. Ich wandelte in dunklen Tiefen, nahm einen Anlauf, zur Höhe zu kommen, zu einem freien Ausblick, aber ich war nicht mehr stark genug, mich oben zu halten, der erste Sturm warf mich um, und eh' ichs mich versah, glitt ich wieder abwärts, dahin, wo ich schon war, nur mit dem Unterschied, daß ich nicht mehr so im Morast herumstapfe, daß der Boden, auf dem ich jetzt stehe, eben und trocken ist. Man bekommt die Schuhe nicht schmutzig dabei. Und die Atmosphäre, die ich jetzt atme, stinkt nicht, wie die andere, sie hat für eine feine Nase höchstens den süßlichen Geruch der Fäulnis, der sterbendem Laub und welken Blumen eigen ist.

Es wird und kann nicht so bleiben. Ich habe zu heißes, unruhiges Blut, um in der Einsamkeit und Stille dieses Lebens auszuharren. Ich habe zu viel Zeit zum Grübeln, und das macht mich verrückt. Es wandelt mich oft die Lust an, es der armen Molly nachzutun. Das Leben lohnt sich wahrhaftig nicht der Mühe, die es einem macht. Dann wieder denke ich auch: Halts aus. Allzu lange dauerts doch nicht mehr. Ich werde doch nicht alt. Nimm nur mit, was sich dir noch bietet – – –

Denn ich habe eine so schreckliche Sehnsucht nach Julius. Diese Sehnsucht ist wie ein Fieber. Und der Graf ist so furchtbar mißtrauisch und eifersüchtig, manchmal sagt er, er verreist, und kommt dann doch unversehens, um zu sehen, ob auch niemand bei mir ist, und hat doch keine Ahnung, daß er damit das Gegenteil erreicht. Denn wenn mir jemand vertraut, und sich arglos auf mich verläßt, würde ich es für eine Hundsgemeinheit halten, ihn dennoch zu hintergehen, und mir lieber ein Stück vom Finger abbeißen, als daß ich es täte. Wenn aber jemand mißtrauisch ist und spioniert und schnüffelt, und in Wirklichkeit gar keine Ursache ist, mache ich mir kein Gewissen daraus, meine eigenen Wege zu gehen. Einmal, gleich nach unserer Rückkehr von Wien, habe ich Julius wiedergesehen, und zwar im Wintergarten. Ich saß auf der Terrasse, und er mit seiner Frau und noch einer Dame im Parkett, und ich habe nichts von allen Vorführungen gehört und gesehen, weil ich ihn immer ansehen mußte. Und am anderen Tag bin ich zu ihm in seine Sprechstunde, aber er hat nichts von mir wissen wollen und mir freundlich und ruhig, aber bestimmt auseinandergesetzt, daß er nicht in anderer Leute Revier pirschen geht, und daß ich, da der Graf nur unter der Bedingung, daß ich für ihn allein da bin, für mich sorgt, unter allen Umständen es mir auch an dem Grafen genügen lassen müsse. Ich hörte aber auf nichts und hab' mich ihm buchstäblich an den Hals geworfen, und ich glaube, er hat Mitleid mit mir gehabt, aber nachgegeben hat er nicht, und ich bin trostlos und innerlich zerschlagen von ihm fort und komme noch gar nicht darüber hinweg, denn ich kann nicht ohne ihn leben, und ich sinne und sinne, was ich anstelle, um ihn doch wieder an mich heranzuziehen.

Ich leide in der Sehnsucht nach meinem Geliebten. Ich martere mein Gehirn nach einem Ausweg und finde keinen. Wie ich eben da allein auf dem Sofa saß, malte ich mir aus, wie er jetzt mit den Seinen Weihnachtsabend feiert, wie seine Kinder sich um den Christbaum sammeln und alle so fröhlich sind. Und ich so einsam. – – –

Emmy hat mir aus Dresden ein gesticktes Sofakissen geschickt; das hat mir Freude gemacht, daß sie an mich dachte. Sie bittet mich doch so sehr, mal im Januar nach Dresden zu kommen. Wollen mal sehen, ob der Alte mich beurlaubt. – Ich bin müde, und will ins Bett gehen. Gott sei Dank, daß der Abend 'rum ist. Der Weihnachts- und Silvesterabend sind mir die verhaßtesten im ganzen Jahr.


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29. Januar 98.


Gestern bin ich von einer achttägigen Reise von Dresden zurück; mein Versorger hatte mir in einer Anwandlung von Großmut gestattet, die Zeit, in der er auf seinem Gut verweilte – auch genau acht Tage – bei meiner Freundin in Dresden zuzubringen.

Ich kannte Emmys pekuniäre Verhältnisse nicht, aber da sie doch sehr hübsch ist und immer hochelegante Toilette macht, glaubte ich, daß es ihr sehr gut geht. Aber das scheint doch nicht der Fall zu sein, sie scheint eben ihr Vermögen in Gestalt der Toilette auf dem Leib zu tragen und mindestens drei Viertel von ihren Brillanten sind unecht; sie sagte mir, daß sie Pech mit ihren Schätzen hat, sie schnappen ihr immer zu rasch ab. Darüber kann ich mich nicht beklagen; die Männer hängen mir an wie die Kletten. Alle kann ich sie haben, nur den einen, den ich haben möchte, krieg' ich nicht, der will mich nicht.

Also Emmy bewohnt bei einer Wäscherin ein kleinbürgerlich einfaches Zimmer, dessen Hauptschmuck ein überlebensgroßes Öldruckporträt von Lassalle ist. Nämlich der Mann der Wäscherin ist ein großer Sozialdemokrat, der immer hochtönige Reden im Maul führt, sich als »Mann der Arbeit« aufspielt, in Versammlungen große Vorträge mit schwulstigen Redensarten vom Stapel läßt, und in Wirklichkeit ein fauler Tagedieb ist, der sich seit Jahren von dem armen Weib füttern und unterhalten läßt. Was ich darüber erfuhr, war mir sehr interessant. In Dresden sind nämlich ganz andere Verhältnisse als bei uns. Und die Sittenpolizei arbeitet da in einer mittelalterlichen Weise, die einen normalen, unter den Segnungen preußischer Kultur erwachsenen Menschen seltsam anmutet. Zum Beispiel hält die Behörde es für ihre heilige Pflicht, alle Konkubinate zu vereiteln und Tag und Nacht auf dem Posten zu sein, um die Schächer in flagranti zu ertappen.

Diese Wäscherin ist eine arme, anständige Frau, die sich ihr Leben lang rechtschaffen geplagt hat, und der ihre saure Arbeit niemals Zeit ließ, auf Abwege zu geraten. Vor sieben Jahren lernte sie diesen Kerl kennen und nahm ihn zu sich und lebte mit ihm, weil seine »Grundsätze« gegen das Heiraten waren, und er sich nicht zu dem Gang aufs Standesamt verstehen wollte. Aber die Polizei mischte sich natürlich wieder hinein und tat alle naselang Haussuchung, und erwischte ihn mehreremal in der Wohnung, und das arme Weib wurde jedesmal zu einigen Tagen Gefängnis verurteilt. Sechsmal erfolgt die Bestrafung und beim siebentenmal wird die Betreffende ausgewiesen. Einmal hat Emmy da ein kritisches Intermezzo miterlebt. Da dringt die Polizei nachts – aber ausgerechnet mitternachts, in die Wohnung, und die Frau klopft bei Emmy an und bittet sie um Himmelswillen, doch den Mann bei sich im Zimmer zu verstecken und Emmy fühlt denn auch ein menschliches Rühren und läßt ihn ein und er versteckt sich zwischen der Verbindungstür und dem Kleiderschrank, und sie legt sich wieder ins Bett; gleich darauf dringt die Polizei, drei Mann stark, in die Wohnung, untersucht alle Räume und fordert dann Emmy auf, zu öffnen. Sie will erst nicht, aber im »Namen des Gesetzes« muß sie sich natürlich schließlich doch bequemen. Und da kommen sie herein und durchsuchen jeden Winkel, und Emmy sagt, sie hätte sich nicht das Lachen verbeißen können, als einer der Schutzleute sich auf die Erde legt und unter die kaum handbreite Lücke unterm Kleiderschrank guckt, wo der Mann, der darunter Platz gefunden hätte, platt wie ein Pfannkuchen hätte sein müssen und nicht zwei Zentner schwer, wie in Wirklichkeit, und dem Schutzmann ist dabei sein Raupenhelm auf den Fußboden gerutscht, was wirklich sehr komisch ausgesehen haben muß. Aber der Mann, der da in fürchterlicher Enge hinten eingekeilt stand, muß unwillkürlich eine Bewegung gemacht haben, genug, die Tür hinter ihm, die nicht richtig eingeklinkt war, geht knarrend zurück und da hatten sie ihn, und die Frau wäre nun unfehlbar ausgewiesen, wenn sie nicht rasch geheiratet hätten. Die Hochzeit soll großartig gewesen sein, zwölf kleine Mädchen in blutroten Kleidern, rote Nelken streuend voran, und so aufs Standesamt. Viel ergattert hat die arme Frau nicht mit der Heirat; sie muß, wie gesagt, den »Mann der Arbeit« vollständig ernähren, er liegt den lieben, langen Tag auf der Bärenhaut und schwingt abends in den Wirtschaften »schweißtriefende« Reden. Ich bin dem Herzen nach auch gewiß Demokratin, aber in gewisser Hinsicht ist es lehrreich, einmal zu sehen, welche Elemente sich unter den größten Schreiern und Hervortuern der Partei befinden. Ein Kerl, der niemals Schwielen in den Händen gehabt hat und der sich von einem Weib ernähren läßt, will sich als Anwalt der »Sklaven«, der »Unterdrückten und Enterbten« aufspielen. Das ist ja die reine Ironie.

Emmy will im nächsten Herbst ihren Oberkellner heiraten, und sie wollen sich dann eine Wirtschaft oder ein Kaffeehaus einrichten; sie ist sehr glücklich in der Hoffnung, und ich glaube auch gewiß, daß sie sich hält. Wenn ich zur rechten Zeit einen ordentlichen Mann gefunden hätte, an dem ich eine Stütze gehabt hätte, wäre ich auch zufrieden gewesen und würde mich für eine Rückkehr in die früheren unsicheren Verhältnisse bedankt haben.

Ich habe für alle die Mädchen Sympathien, die durch eine Verkettung unglücklicher Verhältnisse in dieses Leben kamen. Emmy ist auch aus anständiger Familie, die Tochter eines Feldwebels, der aus dem Feldzug 1870/71 dauerndes Siechtum heimbrachte und 1879 starb. Sie war die Älteste von sechs Geschwistern und eben eingesegnet, als die Mutter starb. Die kleinen Geschwister kamen ins Waisenhaus, Emmy zu einer alten Großmutter, die sie sehr streng hielt, um sie vor dem Schicksal ihrer Tante, der Mutter Schwester, die auch zu den »Verlorenen« gehörte, zu bewahren. Diese Tante war zurzeit von einem bayerischen Prinzen aus dem Buff7 geholt und mit nach München genommen worden, wo sie zu dem Range einer hoheitlichen Maitresse avancierte. Also Emmy hatte es sehr streng bei der Alten, aber sie fand doch dann und wann Gelegenheit, durchzubrennen. Eine etwas ältere Nachbarstochter, die damals schon mit allen Hunden gehetzt war, weihte sie in alle Kniffe ein und nahm sie öfters mit auf den Bummel, und da Emmy schon damals ein auffallend hübsches Mädchen war, fand sie Nachläufer und Freier genug. Später kam sie in ein Hotel, um kochen zu lernen, und dort bändelte der Chef mit ihr an und überredete sie dazu, sich ein Zimmer zu mieten, damit er sie oft besuchen könnte. Und von da ab ging's denn tripp, tripp, bergab . . .

Ja, ja . . . ja, ja . . . So ist das Leben!

Ich amüsierte mich recht gut die Woche. Es war mir eine Wohltat, mal wieder mit jemanden zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen ist. Wir waren eines Abends mit einem Bekannten von Emmy, einem Hotelier, und noch einem Herrn, einem sehr schneidigen Amerikaner, im Englischen Garten, und der letztere, Mister Staack, machte mir auf Leben und Tod den Hof; als er beim Nachhauseweg aber zudringlich wurde, wies ich ihn energisch ab. Nicht weil ich etwas gegen ihn hatte, sondern weil's mir meinem gräflichen Freund und Beschützer gegenüber wie eine Schlechtigkeit vorgekommen wäre. Er hatte mir diese Reise erlaubt, weil er meinem Versprechen, ihm treu zu bleiben, vertraute, und ein Versprechen habe ich noch nie gebrochen und ein Vertrauen noch nie getäuscht.


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2. März 98.


Ich war sehr krank. Anfang Februar fing es an. Husten, Schnupfen, Bruststechen, hohes Fieber. Ich schickte zu Julius, der natürlich auch gleich kam, und eine Rippenfellentzündung konstatierte. Ich muß mir die Erkältung bei einer Automobilfahrt nach Potsdam, die ich mit dem Grafen machte, geholt haben. Es zog furchtbar, und ich war verhältnismäßig zu leicht gekleidet. Ich kann ja gar nichts vertragen. Julius kam zweimal tags zu mir, morgens und abends, und blieb jedesmal über eine Stunde, und seine Nähe tröstete und beruhigte mich. Und eines Nachts, als ich erwachte, saß er auch an meinem Bett, das Mädchen hatte ihn geholt, weil ich so raste und sie sich fürchtete. Aber als ich zu mir kam, hatte das Fieber nachgelassen, und ich war nur matt und doch glücklich, daß er da war. Und ich bat ihn, doch da zu bleiben und wieder gut zu mir zu sein, wie früher, weil ich mich krank sehne nach seiner Liebe.

»Was habe ich dir getan, daß du mich schlecht behandelst?« sagte ich. Er schüttelte den Kopf und erwiderte leise: »Es fällt mir gar nicht ein, dich schlecht zu behandeln, Thymian. Im Gegenteil! Ich habe von Anfang unserer Bekanntschaft an ein großes Interesse für dich gehabt, und meine Sympathie für dich streifte schon nahe die Grenze einer tieferen Leidenschaft, und hätte vielleicht eine solche gezeitigt, wenn nicht das Pflichtbewußtsein meiner Familie gegenüber mich wachsam erhalten hätte.«

»Du verachtest mich, Julius,« sagte ich.

»Nein doch, ich verachte dich nicht, wenn ich auch größere Hoffnung in deine Standhaftigkeit gesetzt hatte. Ich weiß ja, mit wie großen Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten du zu kämpfen hattest, aber es hätte sich doch schließlich eine andere Existenz finden lassen, zumal nach deines Mannes Tode. Ich mache dir auch keine Vorwürfe deswegen, im allgemeinen mag es ja furchtbar schwer sein, jemand aus dieser Tiefe wieder zu einer soliden Existenz zu führen und ihn dauernd darin zu erhalten. Ich betone nur immer wieder, ich konnte und kann es nicht fassen, wie eine Frau von deinen geistigen und seelischen Qualitäten es in diesem Sumpf aushielt und wieder dahin zurückkehren mochte. Aber jetzt ist ja alles geordnet. Ich glaube, daß hundert und tausend »solide« Frauen ohne Vergangenheit der Versuchung, die mit dem Grafen an dich herantrat, auch erlegen wären. Für dich ist es entschieden das beste. Ich weiß auch nicht, was du dir besseres wünschen kannst. Dein alter Freund ist vornehm und reich, und legt dir alles, was du dir wünschst, zu Füßen. Du hast alles, was sich tausend andere Frauen vergeblich ersehnen, im Überfluß, hast keine Sorgen, bist von Behagen und Luxus umgeben und kannst deine Zeit nach Belieben ausfüllen. Siehst du nicht selber ein, daß du deine gute, sorgenfreie Existenz aufs Spiel setzen würdest, wenn du wieder ein Verhältnis mit einem andern Mann hinter dem Rücken des Grafen anbandelst? – –«

Ich schlang die Arme um den Kopf und sah mit tränenschweren Augen zur Decke hinauf. »Ganz recht,« sagte ich bitter, »so eine Dirne ist ja nichts weiter als eine pappschachtelne Attrappe, angefüllt mit Lüsternheit, Geldgier und Gemeinheit. Eine Seele und ein sehnsüchtiges Herz sind nur Privilegien der Ehrbaren, Anständigen . . .«

»Nein, nein, aber nein!« sagte er wieder und setzte sich vom Stuhl auf mein Bett und zog meinen rechten Arm herab und ergriff meine Hand, »so war es nicht gemeint, Thymian. Du hast ein Herz und hast eine Seele. Wenn ich dich für eine »Dirne« im gewöhnlichen Sinne hielte, würde ich mir vielleicht kein Gewissen daraus machen, die Kirschen aus des Nachbars Garten zu pflücken . . .«

»Nein,« sagte ich wieder, »das ist kein richtiger Vergleich. Um Kirschen in Nachbars Garten zu pflücken, mußt du die Mauer übersteigen, die Recht und Gesetz um das private Eigentum zogen. Wenn aber ein Kirschbaum auf freiem Felde steht, gibt die Tatsache, daß ein einziger ihn pflegt und umgräbt, dem Betreffenden noch lange kein alleiniges Eigentumsrecht an den Früchten, die der Baum des Feldes bietet . . .«

»Du bist klug, sehr klug, Thymian,« sagte Julius – »aber gerade weil du so klug bist, mußt du doch einsehen, daß bei einem Vertrag jeder Kontrahent von dem anderen Innehaltung der vereinbarten Verpflichtung verlangen kann. Der Graf sichert deine Existenz, du gelobst ihm dafür Treue.«

Ich seufzte nur. Und er fuhr mit seiner weichen, angenehmen Stimme fort: »Ach, liebe Thymian, das Leben ist so kurz. Kein Mensch weiß, wie lange oder wie kurz die Strecke ist, die die Parzen ihm noch zugemessen haben. Die Philosophie aller Philosophien klingt doch darin aus, daß man das Glück und die innere Zufriedenheit mehr in abstrakten als in konkreten Dingen suchen muß. Du weißt, was ich meine – –«

Ich nickte. Mein Kopf war so matt und leer, und darum erfaßte ich jedes Wort und hielt es fest, und vor allem erfaßte ich seine Andeutung von dem kurzen Leben.

»Nicht wahr, ich lebe nicht mehr lange?« sagte ich. »Ich bin lungenkrank, nicht wahr? Es wundert mich nicht, denn es ist in unserer Familie. Meine Mutter und ihre zwei Schwestern sind daran zugrunde gegangen.«

Er schüttelte den Kopf. »Gott bewahre. Denk ja gar nicht daran. Deine Lunge ist etwas angegriffen, und bei einem wilden Leben wie früher würde ich für nichts einstehen. Bei solider Lebensführung kannst du damit hundert Jahre alt werden.«

»Davor behüte mich Gott,« sagte ich. »Wenn ich nichts mehr vom Leben erlangen kann, als Essen und Trinken und Kleider, bedanke ich mich. Dann sei barmherzig und gib mir eine Morphiumeinspritzung, aber eine kräftige, die für den langen Schlaf bis zum jüngsten Gericht vorhält. Ich mag nicht mehr. Nein, ich mag nicht mehr.« Ich konnte nicht mehr sprechen, denn ich war zu matt, um mich zu beherrschen, und weinte laut. Der Doktor aber beugte sich zu mir nieder und sagte innig:

»Arme kleine Thymian. Arme kleine Frau,« und er ließ es geschehen, daß ich ihn umarmte und küßte, und sagte, daß er mein Freund bleiben werde und daß ich mich immer auf ihn verlassen könne. – Und seitdem ist es wieder wie früher mit uns. –

Er kommt jeden Tag zu mir, und der Graf findet nichts darin, weil er doch mein Arzt ist. Und ich soll, sobald ich wieder kräftiger bin, nach dem Süden, wogegen ich mich wehre, weil ich jetzt wieder so glücklich bin. Aber Julius will es durchaus, weil das Klima hier zu rauh für mich ist, und der Graf, der selbst nicht mitreisen kann, hat eine ältere Dame engagiert, die mich begleiten soll. Er tut ja alles mögliche für mich, und ich bin ihm von Herzen dankbar und möchte ihm alles Liebe erzeigen können. Aber Julius aufgeben kann ich nicht, nein, ich kann es nicht.


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Nizza, den 17. April 1898.


Ich möchte gern recht viel schreiben, aber ich weiß nicht was. Ich erlebe nichts. Fräulein Wagner ist ein alter Drache. Sie scheint ihre Instruktionen zu haben und handelt wahrscheinlich danach, indem sie mich mit einer Sorgfalt »pflegt« und »behütet«, die mich manchmal wild macht. Dabei hat sie eine so unausstehliche Manier, jeden wohltätigen und befreienden Zornausbruch von meiner Seite mit einer liebenswürdigen Redensart und einem freundlichen Lächeln glatt abzuschneiden. Eigentlich ist sie ja ein armes Wurm, von jung an bei fremden Leuten; als Gesellschafterin, governess finished, Repräsentantin und dergleichen, immer in hochherrschaftlichen Häusern, vier Jahre bei einer Herzogin in Marseille und drei Jahre Erzieherin bei einer russischen Fürstenfamilie. Sie ist sehr gebildet und hat tadellos vornehme Allüren; sie hat in den langen Jahren der Abhängigkeit und höheren Dienstbarkeit die schwere Kunst erlernt, sich immer und in jedem Falle der Stimmung und Laune anderer anzupassen, immer auf die Wünsche anderer zu reagieren, nie selbst etwas zu wollen, sich immer angenehm zu machen, ohne sich dabei etwas zu vergeben. Sie erreicht mit ihrer lächelnden, fügsamen Liebenswürdigkeit am letzten Ende doch immer ihren Willen. Sie weiß auch fesselnd und unterhaltend zu erzählen, aber für mich ist sie doch nicht die richtige Akquisition. Ihre jungfräuliche Vergangenheit ist so schneesauber, daß die meinige sich allzu kohlrabenschwarz dagegen ausnimmt, die Kontraste sind zu groß, als daß sie sich berühren könnten.

Ich bin wieder ganz hergestellt und gesund. Die Wagner wacht ängstlich darüber, daß ich mich nicht anstrenge. Wir fahren jeden Tag mehrere Stunden spazieren, machen auch kleine Spaziergänge; ich möchte, je eher je lieber, heimfahren, aber ich darf noch nicht. Der Graf schreibt sehr lieb und besorgt, und läßt es mir an nichts fehlen. Er ist ja auch ein reizender alter Herr, als väterlicher Freund geradezu ideal, aber ich kann nichts dafür, daß ich einen andern liebe. Von Julius bekomme ich nur spärlich Nachricht, er hat so viel zu tun und wenig Zeit zum Schreiben, und seine Briefe sind keine eigentlichen Liebesbriefe, aber ich lese sie trotzdem, bis ich sie auswendig weiß, und küsse sie und bilde mir ein, ich hätte ihn geküßt. – Er predigt immer wieder, meinem Leben einen Inhalt zu geben, zu arbeiten, es sei noch nicht zu spät, etwas anzufangen. Ich möchte ja auch wohl, denn ich fühle, daß er recht hat, aber was soll ich beginnen? Ich glaube, das weiß er selbst nicht. Um noch einen bestimmten Beruf zu erlernen, ist es doch zu spät.

Das Meer ist so blau und der Himmel so licht, und die Sonne so hell. Wenn ich Julius hier hätte, wär's das Paradies. Aber da würde der Engel mit dem flammenden Schwert wohl kommen und mich hinausweisen, denn Menschen meines Gelichters gehören nicht ins Paradies. Für sie ist das öde unfruchtbare Land, das im Schweiße des Angesichts bebaut sein will, ehe es Früchte trägt.


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Herbst 1898.


Wie die Monate dahingehen. Im April trug ich zum letztenmal etwas ein, und nun haben wir schon November. Wenn ich das Buch durchblättere, ist mir überhaupt alles wie ein Traum, besonders wenn ich denke, wie unendlich viel mehr ich erlebt habe, als hier eingeschrieben ist. Manche Menschen sehen mit grauen Haaren auf einen langen eintönigen Weg zurück, ihnen ist nie ein Abenteuer zugestoßen, sie haben so gut wie nichts erlebt. Das kommt daher, weil ihr Leben wie ein kleines Spezialgeschäft ist, sie sitzen in ihrem Lädchen, dessen Artikel alle in eine Branche schlagen, und schauen die Welt nur durch die schmalen Fenster ihres Geschäftslokals; es fällt ihnen nie ein, über Hecken und Graben weg einem Schmetterling nachzujagen, und alles, was ihnen fremd und unverständlich ist, wird von ihnen mit einem mißbilligenden Achselzucken und Kopfschütteln oder einer Geste der Verachtung abgetan. Mein Leben glich schon eher einem Warenhaus mit internationalem Getriebe, viel Mannigfaltigkeit, viel Schund – viel Plunder. Und dennoch möchte ich nicht mal mit denen in ihren engen Stuben tauschen. In mir ist ein ewiges brennendes Sehnen nach etwas Weitem, Unsichtbarem, meine Füße kleben in dem Schmutz der Erde, aber meine Seele möchte hinaus und irgendwo ins Blaue hinein, in sonnige Fernen und möchte dort eine andere Gestalt annehmen, vielleicht die einer Lerche oder einer Blume, nur nicht wieder in einen Menschenkörper. Ach, ich denke oft über das Leben jenseits des Grabes nach. Wenn man doch bestimmt wüßte, ob mit diesem Leben alles aus und vorbei ist. Ich bin nicht fromm, im Gegenteil, ich hasse die Kirche und die Pfaffen, aber ich glaube trotzdem an ein zweites Leben.

Wenn ich nochmal auf dieselbe Welt käme, möchte ich ein wildes Tier sein. Oder ein Mann, denn ein Mann verrennt sich nie in eine Sackgasse wie wir Weiber; ihm steht überall ein Türchen offen, seine Existenz wird nicht durch einen Fehltritt vernichtet, wie die unsere. Dem Mann gehört die Welt; wir Weiber sind nur geduldete Mittel zum Zweck.

Ich habe oft eine Ungeduld in mir, zu erfahren, was hinter dem Tod ist. Ich möchte sterben, um es zu wissen. Wenn ich zu Gott käme, würde ich ihn anklagen. Denn er war ein kluger Baumeister, aber ein schlechter Bauherr, als er die Welt erschuf, und wenn er ein Vater der Menschheit sein will, ist er ein schlechter, ungerechter Vater. Allmächtig! Welcher allmächtige Vater sähe den Jammer seiner Kinder und stillte ihn nicht?! Wo wäre der Vater, der sein Kind in die Irre gehen sieht, und würde es nicht packen und es auf den rechten Weg bringen, der zum Glück führt?! Was für ein Vater steht dabei, wenn sein Kind in den Brunnen fällt, und rührt nicht die Hand, um es zu retten? An einen allmächtigen Gott zu glauben ist eine Gotteslästerung. Denn allmächtig und Vater sein, und nicht helfen, nicht retten wollen, ist . . . . . . . . . Wenn ich der liebe Gott wäre, würde ich eine göttliche Welt schaffen. Ich würde die grauen Elendskammern der Menschen in blühende Rosengärten verwandeln, ich würde die Mauern, die ihren Blick hemmen, niederreißen, daß sie mich sehen und erkennen könnten in meiner Größe und meiner Güte. Und wenn ich sähe, daß eines meiner Geschöpfe hoffnungslos an Bosheit und Tücke und Gesinnungsgemeinheit krank wäre, würde ich es sacht und schmerzlos hinwegnehmen und einen neuen Menschen dafür entstehen lassen. Das wäre eine große göttliche Liebe und würde die Menschen selig machen, und wäre eines allmächtigen Gottes werter.


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Ich denke viel krauses, wunderliches Zeug zusammen, das ich zu niemand aussprechen kann, weil die Leute mich verrückt erklären würden. Ich meine immer, ich lebe nicht mehr lange, und die Schwindsucht steckt in mir, weil ich bei jeder Erkältung den schmerzhaften Husten und etwas Auswurf habe, und meine Mutter doch daran gestorben ist. Julius sagt freilich, es ist eine fixe Idee von mir, meine Lunge wäre gesund, und ich glaube nicht, daß er mich belügt. Aber ich werde den Gedanken nicht los.

Ich war im Vorsommer, als ich von Nizza zurückkam, wieder in Elster, und der Professor wunderte sich, daß die Kur keinen Erfolg gehabt hat. Aber ich möchte jetzt nicht einmal mehr ein Kind haben. Was sollte werden, wenn ich davon abstürbe?! Es würde untergehen, wie ich untergegangen bin, seitdem sie meine gute Mutter begraben haben.

Das heißt, immer habe ich nicht solche schwermütige Anwandlungen, nur zeitweilig, wenn ich darüber nachdenke, wie nutzlos eigentlich ein Leben wie das meine ist, und wie nicht die leiseste Spur hinter einem zurückbleibt, wenn man eines Tages davongeht. Vorm Sterben fürchte ich mich nicht, nur vor dem langsamen Abwelken und Dahinsiechen. Mein Freund würde mich ja nicht verlassen, dazu ist er zu sehr Ehrenmann und Kavalier, doch mir selber wäre es fatal, nur so aus Gnade und Barmherzigkeit empfangen zu müssen.

Ich habe jetzt auch eine Freundin, wie ich mir lange wünschte. Als mein Graf mich von Elster abholte, fuhren wir ins Engadin und nachher zur großen Woche nach Baden und von da nach Berlin, und da der Graf dann noch eine Reise nach Norwegen machte, war ich im September allein und ging nachmittags viel in den Zoologischen zum Konzert. Da saß mir eines Tages eine junge Frau gegenüber, die auch allein war, und die mir durch ein gewisses je ne sais quoi auffiel. Jünger als ich, drei- oder vierundzwanzig, schön, mit tief über die Ohren gekämmtem Schwarzhaar, und mit feinstem Geschmack angezogen. Sie sah mich an, ich sie, und wir fühlten uns wohl beide voneinander angezogen. Nachher, als ich noch ein bißchen im Garten umherspazierte, traf ich sie am Bärenzwinger wieder und wir kamen in ein Gespräch und machten uns bekannt. Sie ist eine Frau Maria von O . . . und wohnt am Nollendorfplatz, und ihr Mann, der fünfundzwanzig Jahre älter ist als sie, ist viel auf Reisen, und da hat sie auch viel überflüssige Zeit, zumal sie jahrelang von Berlin fort war und deshalb wenig Bekannte hier hat. Wir unterhielten uns so gut, daß wir beschlossen, den Abend zusammen im Zoo zu essen, und es war sehr hübsch. Sie kennt auch Paris und Wien und war auch schon oft in Monte Carlo, und wir schlossen Freundschaft und verkehrten seitdem fast täglich zusammen, gehen oder fahren morgens im Tiergarten zusammen spazieren, sind häufig abends im Theater und besuchen uns oft gegenseitig. Sie ist ebenso schön eingerichtet wie ich, hat aber eine große Wohnung von acht Zimmern.

Ich will nicht behaupten, daß ich eine große Menschenkennerin bin, aber ich habe ein gewisses feines Gefühl, das mich noch nicht irreführte, und dieser untrügliche Instinkt, der mich zu Maria hinführte, – wir nennen uns beim Vornamen und duzen uns –, sagt mir, daß ihre Vergangenheit auch nicht ganz kapitelfest ist, und daß irgend etwas bei ihr nicht stimmt. So habe ich es zum Beispiel noch nicht herausbringen können, was ihr Mann eigentlich ist, und was er treibt. Augenblicklich ist er in Monaco. Sie ist eine geborene Berlinerin, Tochter eines Postbeamten, führt immer nur Hunderte und Tausende und Geheimräte, Barone und Grafen im Munde, und dabei entschlüpfen ihr zuweilen Worte und Ausdrücke, die nur in den ganz niedrigen Volksschichten gebräuchlich sind.

Wenn wir uns unterhalten, sind wir beide voreinander auf der Hut und wissen es, und das muß in Zukunft noch anders werden. Ich mag sie gern leiden, aber die Maske vorm Gesicht ist mir lästig; wenn ich eine wirkliche Freundin haben soll, muß ich mich vor ihr nicht zu genieren brauchen, sonst ist die Geschichte langweilig.

Einmal war ich bei ihr zum Abendessen eingeladen und mit mir ein Postsekretär mit seiner Frau und deren Schwester, und es wurde ein exquisites Souper von einem ersten Berliner Traiteur serviert. Man sah es den Leuten an, daß sie die meisten Gerichte gar nicht kannten und sich zuzulangen genierten, weil sie sie nicht zu essen verstanden. Mir wurde zuerst serviert und sie sahen auf mich, wie ich es machte, und versuchten es mir nachzutun, worüber man sich eigentlich ja auch nicht zu wundern braucht, denn wieso sollte auch ein Postsekretär mit seiner Familie auf normalem Wege zur Kenntnis solcher Delikatessen kommen, wie Maria sie uns an dem Abende auftafelte. Sie stocherten in den Speisen, wie der Storch im Gurkensalat, und mit dem Hummer wußten sie gar nichts anzufangen und pokten drin herum und konnten das Fleisch nicht herausbringen, bis der Postmensch zuletzt aus Verzweiflung die Herrgottsgabeln zu Hilfe nahm. Also ihre tölpelhafte Manier zu essen wunderte mich nicht weiter, aber ihre Anwesenheit an sich gab mir zu denken. Die Damen duzten Maria, und das Mädchen, ein naseweises Ding in Marias Alter mit impertinent blondem Haar und etwas proletarierhaftem Wesen, betrug sich nach meiner Ansicht geradezu ungezogen gegen Maria, fiel ihr fortwährend ins Wort, machte patzige Bemerkungen, hohnlächelte konsequent und gab sich mit einem Wort sehr unliebenswürdig. Im Lauf der Unterhaltung erfuhr ich, daß Maria und sie Schulkameradinnen waren. Das ist auch sonderbar, wo bei Maria die Menschheit doch erst beim Geheimrat anfängt und man annehmen muß, daß ihr Vater mindestens geheimer Postrat war. Ich freilich denke mein Teil; mich macht keiner so leicht dumm. Nächste Woche kommt Herr v. O. nach Hause; ich bin sehr gespannt. Maria sagt, daß sie dann oft Gesellschaft geben, da ihr Mann einen großen Kreis von Herrenbekannten aus seiner Junggesellenzeit hat. Mich geht das alles ja auch nichts an, aber ich mag nicht gern soviel Heimlichtuerei. Daß Maria vor ihrer Verheiratung auch kein Unschuldsschwan war, darauf möchte ich sieben heilige Eide schwören.


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Januar.


Der Zufall spielt doch eine große Rolle im Leben. Zweimal hat er mir in den letzten Monaten ein niedliches Intermezzo herbeigeführt. Vor einiger Zeit war ich abends im Berliner Theater. Wie ich in der Pause aus der Loge heraustrat, verwurstelt sich meine Lorgnonkette im Schlüssel, und ich kann nicht fort, bis ein Herr hinzutrat und mir half, und dieser Herr war kein anderer als D . . . ., den ich in zwei Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich wurde dunkelrot, denn ich genierte mich wirklich ein bißchen vor ihm, wo ich ihn damals doch so schnöde sitzen ließ, aber er war sichtlich erfreut, mich wiederzusehen und schüttelte mir die Hand, und versicherte mir ein über das andere Mal, daß ihm nichts Angenehmeres als dies überraschende Wiederfinden passieren konnte, und nahm ungeniert meinen Arm und wir promenierten auf und ab, und ich mußte ihm erzählen, wie es mir in den zwei Jahren ergangen ist. Er hatte sich im vorigen Jahre verlobt, aber die Verlobung ist wieder in Stücke gegangen.

»Nicht wahr, gnädige Frau, wir soupieren mal wieder zusammen?« fragte er. Ich sagte ihm, daß dies nicht angeht und fragte ihn, ob er mir denn nicht böse sei wegen des schlichten Abschiedes, den er damals von mir erhalten hatte. Er verneinte aber.

»Ich konnte es Ihnen nicht verdenken. Es liegt in der Natur der Dinge, daß jedermann sich das Leben so zuschneidet, wie es ihm am besten auf den Leib paßt,« sagte er. »Aber bedauert – aufrichtig bedauert habe ich damals, daß ich nicht als Millionär auf die Welt gekommen bin, und Ihrem alten Mäcen den Rang ablaufen konnte.« Ich schwieg, und das Blut stieg mir zu Kopfe. Es gibt immer noch Momente in meinem Leben, wo ich es furchtbar empfinde, wenn jemand mich so ausschließlich nach Geldeswert abschätzt und es stillschweigend voraussetzt, daß keine edleren und feineren Seelenregungen in mir sind, die sich gegen den Handel aufbäumen. D . . . . wollte mich sicher nicht beleidigen, wie kann man überhaupt »so eine« beleidigen!! – außerdem ist er kein roher, sondern ein sympathischer, gebildeter Mann, aber in dem Augenblick haßte ich ihn wegen dieser Äußerung und mußte mir Gewalt antun, ihm das nicht zu zeigen. Ich hätte mich ja nur lächerlich gemacht.

Er drang in mich, ihm meine Adresse zu nennen, und da er sie aus dem Adreßbuch ja doch erfahren hätte, sagte ich sie ihm, bat ihn aber, mich nicht zu besuchen, was er mir versprach. Aber da ich allein im Theater war, bestand er darauf, daß wir nachher zusammen essen, ich wollte durchaus nicht, aber um Ruhe zu haben, willigte ich endlich doch ein, und dann sind wir zusammen zu Höhne und haben im chambre séparée soupiert, und es tat mir nachher nicht leid, es waren ein paar vergnügte Stunden. D . . . behauptet, ich sei noch hübscher und noch schlanker geworden, aber ich sähe ein klein wenig leidend aus.

»Ihr Gesicht kommt mir direkt verändert vor – ich möchte sagen, viel durchgeistigter als früher,« sagte er. »Was 'n Wunder! Wo ich jetzt ganz platonisch lebe,« sagte ich.

»Na, darauf Prost,« sagte er. »Es lebe die platonische Liebe! –« Um ein Uhr brachte er mich nach Hause.

Also nun zu meiner Freundin Maria. Ihr Mann, der Herr v. O., kam Anfang Dezember nach Hause, ich hätte bald was an mich gekriegt, als ich den Kerl zum erstenmal sah. Mit dem armen, seligen Casimir war gewiß kein Staat zu machen, aber mit dem Herrn »Baron«, wie v. O. sich schimpfen läßt, konnte er den Vergleich noch aushalten. Seine siebzig Jährchen hat O. sicher schon auf dem Buckel, ein ganz vertrockneter, ausgemergelter Lebegreis mit einer Platte wie eine halbierte Billardkugel, hinten ein paar dünne Fransen von Haar, und ebensolch ein weißes, dürftiges Ziegenbärtchen. Maria war etwas verlegen und sah sich veranlaßt, mir heimlich zuzuraunen, daß ihr Gatte zwar nicht jung und hübsch sei, es aber in sich habe, nämlich ein gutes Herz.

Das glaube ich ihr aufs Wort, und ich glaube, sie hätte diesem Herzen noch ein Prädikat mehr geben dürfen. Es ist zweifelsohne nicht nur gut, sondern auch weit.

Nach allem, was ich bis jetzt in diesem Hause beobachtet habe und soweit ich es beurteilen kann, ist Herr v. O. wohl gerade kein gewöhnlicher Hochstapler, aber das, was gleich dahinter kommt. Und jetzt weiß ich auch, wozu sie die große Wohnung gebrauchen. Sie haben jeden Donnerstag einen Herrenabend, wo dann feste gejeut wird und Herr v. O. meist immer die Bank hält. An den Donnerstagabenden, wo ich da war, fanden sich an dreißig Herren ein, und sie haben ein kleines Roulette aufgelegt und einige haben Poker und Pharao gespielt, wobei das Zuschauen ganz unterhaltsam ist. Beim Roulette habe ich auch mal mein Glück versucht und zweihundert Mark gewonnen, was mir viel Spaß machte. Es sind lauter Herren aus den ersten Kreisen, viele Offiziere, und jeder hat ein bestimmtes Kennwort, das er demjenigen, der in diesen Kreis eingeführt wird, mitteilt, und das dieser dann dem Hausherrn unauffällig bei der Begrüßung ausspricht, worauf Herr v. O. genau weiß, wer für den Ankömmling garantiert.

Sehr interessant ist mir die Beobachtung gewesen, wie die Leidenschaft des Spiels gegen alles andere abstumpft. Meine Anziehungskraft bewährt sich immer nur vor Beginn der Partie, sobald das Spiel anfängt, haben sie für nichts anderes mehr Augen und Ohren als für die roten und schwarzen Kugeln oder die Karten; es ist dann, als ob ihre Sinne förmlich erstarrt sind in der Gier nach dem Gold, das sie mühelos zu erringen hoffen. Dabei sind es offenbar durchweg alles Leute, die genug von dem runden Zeug haben. Merkwürdig. Ich verstehe nicht, welchen Reiz diese reinen Glückszufallspiele für denkende Menschen haben können. Da hat doch noch ein solider Skat oder ein einfaches Sechsundsechzig, mit 'n Trommler und Pfeifer, wie sie es in meiner Kinderzeit zu Hause spielten, mehr in sich. Man spielt doch dabei, während bei diesen lediglich der Zufall entscheidet.

Wie ich Maria vor einigen Wochen besuchte, fand ich sie sehr erregt und merkwürdig entstellt. Ihr Gesicht war voll roter Flecke, als ob sie Scharlach hätte, und ihre Augen sahen verweint aus. Ich dachte, sie hätte sich mit ihrem Mann verzankt, obgleich er immer sehr liebevoll zu ihr ist; auf meine diskrete Nachfrage erfuhr ich, daß sie sich über ihre Freundin, Fräulein Wiegand, die Schwägerin des Postsekretärs, geärgert habe.

»Eine solch ausverschämte Person,« sagte sie, »man tut alles mögliche für sie, und anstatt zu danken, ist sie frech. Das kommt davon, wenn man sich mit solchen Leuten einläßt.«

»Ja freilich,« sagte ich und mußte innerlich lachen über die sprachlichen Schnitzer der gnädigen Frau, »ich war überhaupt erstaunt, daß du dir die Unarten des Mädchens so bieten läßt. Was hat es denn gegeben –?«

»Ach, Dummheiten. Aber man fuchst sich doch darüber,« sagte Maria, »wir sind als Kinder miteinander zur Schule gegangen und haben in demselben Hause gewohnt und zusammen gespielt, und da kann ich nicht so sein und sie hochmütig abweisen, wenn sie sich an mich herandrängen.«

»Was war denn ihr Vater?« erkundigte ich mich.

»Barbiergehilfe. Ganz arme Leute.« –

»Ach, da wohnten sie wohl bei euch im Hinterhause – –«

»Natürlich,« sagte Maria und wurde dunkelrot, weil sie sich doch verplaudert hatte.

Ich dachte schon längst nicht mehr an das kleine Intermezzo. Aber wie ich gestern mir bei H . . . in der Leipzigerstraße ein Pfund Pralinés kaufe, redet mich plötzlich eine Verkäuferin mit Namen an, und wie ich aufsehe, erkenne ich Marias ehemalige Schulfreundin, das impertinent blonde Fräulein Wiegand. Sie ist auch ganz rot und sagt:

»Na, gnädige Frau, die Frau »Baronin« hat mich wohl tüchtig schlecht gemacht zu Ihnen, weil ich ihr mal ordentlich die Wahrheit geigte . . .« Ich wußte natürlich von nichts und nun legte sie los, und das Mundwerk ging wie eine Kaffeemühle, und ich kriegte Marias ganze Lebensgeschichte zu hören. Ganz wie ich mir gedacht. Ihr Vater war Briefträger und sie wohnten im Hinterhaus zwei Treppen, wo Fräulein Wiegands Eltern im Parterre wohnten. Maria war die jüngste von fünf Kindern und ihrer Schönheit wegen der Abgott ihrer Eltern. Nach ihrer Konfirmation kam sie als Lehrmädchen in ein Konfektionsgeschäft und zwei Jahre später brannte sie mit dem Prokuristen durch nach Paris; und die Eltern sollen aus Gram über sie gestorben sein. Das ist natürlich alles Kladderadatsch, wie überhaupt Fräulein Wiegands Rede so durchsetzt war von Neid, Bosheit, Schadenfreude und anderen Gemeinheiten, daß einem ordentlich schlimm wurde von soviel Klapperschlangengift in einem Behältnis. Dabei war es schlechterdings unmöglich, ihr in die Rede zu fallen, zuletzt bekam ich noch zu hören, daß an dem Baron nichts echt sei als sein Titel, sonst sei alles Schwindel und von der ganzen großartigen Einrichtung gehöre ihnen nicht ein Staubtuch, sei alles Markiewicz und ich werde noch mal erleben, wie die Geschichte da auseinanderberste . . . Maria habe auch schon ein Jahr mit dem Baron zusammengewohnt, ehe sie geheiratet hätten usw. . . ., bis ich endlich die Geschichte satt hatte und – da ich nicht zu Worte kam – ihr einfach den Rücken zudrehte und fortging. Ich hatte nichts anderes erfahren, als was ich mir längst gedacht hatte und es überraschte mich daher nicht im geringsten; ich ärgerte mich nur über die Niederträchtigkeit des Mädchens. Ich bin nämlich überzeugt, daß sie es kein Haar anders als Maria gemacht hätte, wenn es ihr so geboten wäre.

Als ich das nächste Mal mit Maria zusammenkam und sie wieder anfing zu renommieren, nahm ich ihre Hand und sagte: »Maria, wir wollen einander doch nichts mehr vorflunkern. Daß mein Vater Apotheker war und der deine Briefträger, das macht keinen Unterschied zwischen uns beiden. Aber wir sind beide in des Lebens Niederungen gewandert, und wenn man bei allem Dreck und Staub, der dort um einen herumwirbelte, sich die Augen klar erhält, bekommt man den weiten Blick, der über die Enge der Dinge hinaus und ihrem Ursprung nachgeht, und man überschaut vieles, was denen in ihrem warmen, geschützten Herdwinkel ewig verborgen bleibt. Es ist leicht sprechen: Ich trotze jeder Versuchung, wenn man die Versuchung nie kennen lernte, wenn Familie und Heimat und Gesellschaft und geordnete Verhältnisse ihre Schutz- und Trutzpalisaden um uns aufpflanzen, durch die hindurch und über die hinweg kein versuchender Teufel zu uns dringen kann, – aber wir, die wir diese Schutzmauern nicht um uns herum hatten, die wir uns den Sturm um die Ohren sausen lassen mußten, weil der Tod oder das Schicksal eine Bresche in die Mauer rissen, wir wissen genau, daß nur der, der ohne Sünde ist, Steine nach einem Sünder werfen soll. Und wir sind allzumal Sünder – – –«

Maria weinte und sagte, sie hätte es sich wohl gedacht, daß die falsche Schlange, die Klara Wiegand, sie bloßstellen würde, – diese Sau, die selber – Na, ich unterbrach sie und sagte ihr, daß sie in meinen Augen nichts durch Klara Wiegands Mitteilung eingebüßt habe, im Gegenteil, ich hätte das Gefühl, als sei erst jetzt eine trennende Wand zwischen uns gefallen. Und um den Anfang zu machen, sagte ich von mir die Hauptsachen, und da taute sie auf und gestand mir, daß sie sich ja auch lange nach einer Aussprache gesehnt habe und immer im Begriff gestanden hätte, mir alles zu sagen. Was ich ihr übrigens nicht so aufs Wort glaube.


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Mai 1899.


Ich weiß nicht, was mit mir ist. Ich bin krank und doch nicht krank. Die ewige Unruhe in mir treibt stärker und stärker nach einer Betätigung.

Es ist seit einiger Zeit über mich gekommen, diese Lust zum Geldausgeben, zum Kaufen und Verschenken und ich weiß nicht, was daraus werden mag, wenn es so weiter geht. Es ist tatsächlich wie eine Krankheit.

Ich bin doch sonst nicht so gewesen. In dieser Hinsicht habe ich doch eine solide Ader von meiner guten Mutter geerbt. Ich habe immer Angst vor Schulden gehabt. Ich denke noch mit Schaudern an die Zeit in der Schellingstraße mit der Pension und was ich da ausgestanden hab' mit meinen Schulden, als ich nicht wußte, wo ich sie bezahlt kriegen soll. Borgen macht Sorgen. Nur nicht mehr und nichts anderes kaufen, als wofür und wozu man Geld hat, war stets mein Prinzip.

Aber seit einiger Zeit kann ich nicht anders als kaufen und immer kaufen. Und wenn ich mir's tausendmal verschwör': heut geb' ich kein Geld aus – sobald ich die Leipziger- oder die Friedrichstraße hinunter bummle, zieht's mich in die Läden und ich kaufe und kaufe, und es ist, als ob ich betrunken wäre vor lauter Kauflust, und kaufe oft Sachen en masse, die ich gar nicht gebrauchen kann. Meine Köchin und Stubenmädchen wissen wahrhaftig nicht mehr, wohin mit den Blusen und Jupons und Schürzen und Hüten, die ich ihnen kaufe und schenke. Und habe plötzlich solche Neigung für Nippes und Bronzen und seidene Teppiche, und kaufe und kaufe, und bezahle, soweit ich kann, und lasse mir das andere auf Borg schicken. So kam es, daß ich diesen Monat am 8. mit meinem Geld fertig war bis auf drei Mark zweiundzwanzig Pfennig, und die Rechnungen stopf ich alle in eine Schreibtischschublade und habe nicht das Herz, sie durchzusehen, und es werden täglich mehr, weil ich nie ausgehe, ohne zu kaufen. Da hatte ich neulich zwölf Meißner Puppen gekauft für zusammen neunhundertundachtzig Mark und als sie geschickt wurden und ich die Rechnung sah, ergriff mich eine große Angst, daß der Graf sie sieht und mich zur Rede stellt, und in meiner Verzweiflung habe ich sie alle zerschlagen und die Rechnung in die Schublade gestopft. Desgleichen war mit einem kleinen, seidenen Teppich aus einer Kunsthandlung in der Wilhelmstraße von unvergleichlicher Farbenschönheit zu achthundert Mark, und ich wußte auch nicht, wo ihn verstecken und habe ihn dann aus lauter Angst zerschnitten, und dabei überraschte Julius mich und war ganz entsetzt über den Vandalismus.

»Um Gottes willen, Thymian, was machst du denn da?« Ich war halb gelähmt vor Schreck und murmelte: »Nur, um ihn aus der Welt zu schaffen. Wenn der Graf ihn sieht, krieg' ich geschimpft!« Er schüttelte den Kopf und sagte, ich sei hypernervös, und ich müsse eine Zeitlang in ein Sanatorium für Nervenkranke gehen. Aber da wurde ich wild und schrie, ich bin nicht verrückt und brauche nicht in ein Irrenhaus und er soll sich nur selbst ins Narrenhaus scheren – aber er blieb gelassen und kommt nach wie vor jeden Tag und einmal sah ich, wie er mit dem Graf zusammen tuschelte, und da wurde ich so wahnsinnig böse, daß ich am liebsten beide geprügelt hätte und die Tür hinter mir zuschlug und mich einriegelte. Am letzten Ende ist D . . . . noch mein treuester Freund und ich habe ihn mir auch eingeladen. Ich wollte ja selbst, daß ich diese Kaufkrankheit los wäre, aber in eine Nervenheilanstalt gehe ich nicht, ich bin doch nicht verrückt, ich weiß genau, was ich will und was ich tue.

Ich möchte allen armen Leuten helfen, möchte alle Hungrigen sättigen, alle Nackten kleiden und bin unglücklich, daß ich es nicht kann und weine oft stundenlang deshalb. Wenn ich ein armes Kind auf der Straße sehe, nehme ich es mit und kaufe ihm Schuhe und Wäsche und Kleider und lasse die Rechnung zu mir schicken, und die Leute borgen mir alle, weil ich doch die große Wohnung am Kronprinzenufer als Rentiere bewohne und man mich teils in den Geschäften auch schon mit dem Grafen gesehen hat, der ja als Millionär bekannt ist. Wenn es mir nachts so einfällt, daß viele hundert arme Leute in Berlin nachts keine Stätte haben, wo sie ihr Haupt hinlegen können und kein Dach überm Kopf, geht eine Unruhe durch mich, daß ich nicht wieder zum Einschlafen komme und am liebsten alles, was ich besitze, verkaufen und den Armen geben und selber wieder auf die Straße gehen möchte.

Am elften Mai war ich zu einem Herrenabend bei O . . . s. Es war der letzte in diesem Jahr; Herr v. O. ist jetzt wieder in Paris. Sie spielten Pharao, und ich saß neben einem dicken italienischen Bankier, der kein Wort Deutsch sprach, mir aber in seiner Muttersprache fürchterlich die Kur schnitt. Er gewann stark, und ich raffte, da ich neben ihm saß, alles Geld und Banknoten in den Schoß, und fragte ihn nachher scherzhafterweise, ob ich für mein Glücksitzen nun auch Prozente bekäme. Da sagte er: »Certamente, Signora, è tutto per Ella e sono veramente felice di poter metterlo ai suoi piedi!«

Na, ich sah nicht ein, weshalb ich mich zieren sollte, den Gewinn anzunehmen und sagte nur: »Grazie, o Signore,« und steckte das Geld ein. Dabei sah ich Maria, die uns gegenüber saß, an und erschrak, denn ich hatte sie nie so gesehen, ganz grün sah sie aus und hatte so böse Augen. Ich stand auf und ging hinaus und sie kam mir nach und zitterte vor Wut und sagte: »Ich bin außer mir, Thymian. Wie kannst du als vornehme Frau dich nur so weit wegwerfen und von einem wildfremden Mann so viel Geld annehmen?«

»Lieber viel als wenig,« sagte ich, »übrigens habe ich mich noch nie als »vornehme Frau« aufgespielt.«

»Dann solltest du auf uns und unsern Namen Rücksicht nehmen,« sagte sie und warf sich in die Brust. »Du bist doch nicht bei Krethis und Plethis, sondern bei Baron und Baronin O. zu Gast.«

Ich hatte das Geplänkel zuerst für Spaß genommen, aber ihre Hochmutsmiene ärgerte mich doch.

»Als Frau Osdorf kannst du ja für dich machen, was du willst,« sagte sie noch, »aber wir wissen, was wir unserem Namen schuldig sind –«

»Na, du,« sagte ich, »wenn ich das wollte und auf solchen Klimbim Wert legte, könnte ich mich Gräfin schimpfen, und könnte mir kein Mensch was darum anhaben, weil mein Mann ein waschechter Graf war. Aber ich bedanke mich. Ja, wenn ich auf meinem Rittergut säße und Pferd und Wagen hätte und zu Hofe ginge – dann allenfalls ja, so aber, wie die Verhältnisse liegen, würde ich mir geradezu als Hochstaplerin vorkommen. Und im übrigen, ob dein Mann den Herren nun im Spiel das Geld abnimmt, oder ich lasse es mir schenken, das kommt wohl auf eins aus. Brauchen können wir's alle beide, ich will dir aber 'nen Vorschlag machen. Wir teilen uns den Raub. Ganz schwesterlich, halb und halb. Ja oder nein?«

»Ja,« sagte sie kurz und wir teilten und hatten jede tausendzweiundachtzig Mark.

Es ist mir ganz so, als ob Maria es auf den Italiener abgesehen hat und auf mich eifersüchtig ist. Da hat sie lange Zeit. Mich zieht's in letzter Zeit überhaupt nicht mehr zu den Männern. Ich möchte nur immer kaufen, den ganzen Tag kaufen und schenken und fröhliche Gesichter machen. Und immerlos kaufen.


* * *


Gestern holte mich der italienische Bankmensch mit seinem Automoppel zu einer Spazierfahrt in den Grunewald ab. Maria war auch mit, und ich glaube, es war ihr nicht recht, daß ich dabei war. Und ich konnte doch nichts dafür, daß er mir den Hof macht; es liegt schon in der Natur der Sache, daß er sich gern mit mir unterhält, weil ich Italienisch spreche und Maria nur ein bißchen schlechtes Französisch radebricht. Er ist mir ja so furchtbar gleichgültig. Wir kehrten in Hundekehle ein, wo wir ein Diner für uns bestellt hatten. Wie wir in das Lokal traten, sagte Maria zu mir: »Du siehst heute wieder direkt schwindsüchtig aus, Thymian. Furchtbar miserabel. Tätest du dich ein bißchen schminken! Einem wird ja schlecht, wenn man dich ansieht. Als ob du schon drei Wochen unter der Erde gelegen hättest.« Ich antwortete keine Silbe, aber das Wort »schwindsüchtig« fuhr mir wie ein spitzes Messer ins Herz, und ich brachte nur mit Not ein paar Bissen herunter. Mir war kalt bis in die Seele.

Abends erzählte ich es Julius, der jetzt öfters ganz unvermutet zu mir kommt. Er tröstete mich und sagte, ich soll den Umgang aufgeben, weil mir doch auf die Dauer keine Freude daraus erblühe. »Niemand kommt aus seiner Haut heraus, und diese Art Frauen können die innere und äußere Schminke nicht dauernd verleugnen,« sagte er, »die innere Roheit bricht immer wieder durch. Du gehörst nicht zu ihnen und wirst nie mit ihnen sympathisieren, weil du trotz alles äußerlichen Gemeinschaftlichen – innerlich vornehmer, zarter, dezenter bist als sie . . .«

Er mag wohl recht haben, aber an einen Menschen will man sich doch gern in Freundschaft anschließen. Julius war an dem Abend wieder so lieb und gut, daß ich mir ein Herz nahm und ihm alles anvertraute. Er bestand darauf, daß ich ihm die Rechnungen zeigte, ich tat es nur widerwillig, es war eine gepackte Schublade voll, und er addierte und rechnete und sein Gesicht wurde immer bestürzter und ernster.

»Herrgott, Thymian, hast du eine Ahnung, wieviel das ist?«

»Nein,« sagte ich ängstlich – – –

»Dreizehntausend Mark – – – Menschenkind, was hast du nur mit all dem Kram gemacht – – –«

Ich wußte es selber nicht. Vieles hatte ich verschenkt, vieles vernichtet, vieles liegt noch eingepackt auf dem Hängeboden.

»Aber das wenigstens müßtest du doch zurückschicken –« sagte er.

»Nein,« sagte ich, »die Schande tu' ich mir nicht an, mag werden was will.«

»Aber das ist ja merkwürdig, was ihr für Ansichten über Ehre und Schande habt,« rief er. »Was denkst du dir denn? Da muß doch ein Arrangement getroffen werden, sonst holen sie dir ja eines Tages deine Möbel weg . . . Wie kamst du nur dazu? – –«

»Es ist wie eine Krankheit,« sagte ich.

»Ja, freilich bist du krank,« sagte er, »das hab' ich dir schon längst angesehen. Du bist durch und durch nervenkrank. Also sei mal vorläufig ruhig. Ich will überlegen, was sich tun läßt. Das beste ist wohl, wir ziehen doch den Grafen ins Vertrauen.«

Das wollte ich aber nicht, und er mußte mir versprechen, es nicht zu tun.

Mir ist sehr bange. Und ich fühle mich auch krank. Julius meinte erst, es läg' an den Nieren, aber die Untersuchung hat nichts ergeben. Mir ist so übel . . .


* * *


Dezember.


Viel ist nachzuholen.

Die Sommermonate waren gräßlich. Der Graf konnte nicht fort, weil er amtlich in Berlin festgehalten wurde, und ich mochte auch nicht reisen. Meine Wohnung ist schön kühl und ich hatte überhaupt gar keine Lust, und Julius war auch nur ein paar Wochen fort. Und ich fühlte mich immerzu matt und krank . . . Ende August war der kritische Tag . . .

Es hatte geregnet, und die Luft war so schön frisch und angenehm und ich ging gegen fünf aus und nach dem Tiergarten und hielt mich dort fast zwei Stunden auf und freute mich noch, weil mir an dem Tag viel wohler war. Und freute mich über die Kinder, die da spielten und das Gras funkelte von Tropfen und die Sonne schien so herrlich und ich dachte wieder, wie schön doch die Welt im Grunde ist. Wie ich aus dem Tiergarten kam, war ich so in Gedanken, daß ich auf nichts achte, und wie ich die Siegesallee überschreite, gleite ich plötzlich aus und in demselben Augenblick kommt eine Equipage dahergerast und ich weiß nicht mehr, was passiert ist, als daß ich einen furchtbaren Stoß gegen den Leib bekam und ohnmächtig wurde. Dann haben sie mich aufgehoben und für tot auf die Unfallstation gebracht und von da bin ich, da sie Karten mit meiner Adresse bei mir fanden, bewußtlos in meine Wohnung transportiert.

Dann habe ich lange, lange im Fieber gelegen und wußte nicht, was mit mir geschehen war, und in den wenigen lichten Augenblicken meinte ich immer, ich sei zu Hause und hätte alles geträumt, was ich in den vielen Jahren erlebt habe, und rief nach Vater, und hielt die Schwester, die mich pflegte, für die Schwester Anna, die damals Mutter von Davos heimbegleitete.

Dann wurde ich allmählich besser und fand mich in die Wirklichkeit und erkannte Julius, der oft lange an meinem Bette saß.

»Was hat mir denn gefehlt,« sagte ich endlich, denn ich konnte mich noch immer nicht recht besinnen, so hatte mein Gedächtnis gelitten.

»Ja, was hat dir gefehlt, mein armes Kind!« sagte Julius, »das weißt du wohl am besten selbst. Denke nur mal nach. Wenn wir davon eine Ahnung gehabt hätten! Warum hast du denn kein Wort davon gesagt?«

»Ach, ich bin überfahren worden, jetzt weiß ich's,« sagte ich – – »Und das andere – –! Jetzt ist alles überstanden . . .«

Ich wußte nicht, was er meinte, und da sagte er mir, daß ich in Hoffnung gewesen sei und zwar wahrscheinlich schon fast bis zur Hälfte und durch den schrecklichen Stoß sei es zu einer Fehlgeburt gekommen. Und von dem allen wußte ich nichts, gar nichts. Denn es war immer alles ziemlich in Ordnung gewesen. Es regte mich auch nicht besonders auf; ich glaube, es ist das beste so, was hätte ich mit dem Kinde anfangen sollen? Aber ich hatte viel dabei gelitten, und es wurde Spätherbst, bis ich wieder aufstehen konnte.

Sie waren alle sehr gut zu mir. Und die Geldangelegenheit ist jetzt auch soweit in Ordnung. Das heißt, Julius und ich sind übereingekommen, daß ich den größten Teil meiner Brillanten verkaufe und mit dem Erlös einen Teil der Schulden abstoße. Dann will ich zum April eine kleinere Wohnung nehmen und die überflüssigen Möbel verkaufen. Was brauche ich auch fünf Zimmer. Drei tun's auch, und dann schaffe ich die Köchin ab und spare von meinem monatlichen Geld, das mir der Graf gibt, so viel, daß ich nach und nach alles tilgen kann.

Die Kaufwut muß mit meinem Zustand zusammengehangen haben, denn jetzt ist es aus damit, und ich bin wieder wie früher.

Von Maria habe ich nichts mehr gehört.

Mitte Juni ist sie fort nach Ostende, und im Juli ist der Haushalt hier aufgelöst, und Markiewicz hat die Möbel zurückgeholt und ist kein Lebenszeichen von ihr direkt gekommen.

Aber ein indirektes Lebenszeichen habe ich doch erhalten. Denn im November, als ich schon wieder auf war, kam mein Graf eines Nachmittags zu mir und gab mir einen Brief, den er erhalten hatte, der Anfang Juli in Köln aufgegeben war und der so lautete in schlechter Orthographie:

Hochgeehrter Herr Graf!

style='font-size:13.0pt;font-family:"Gentium Book Basic"; Eine, die es nicht mit ansehen kann, wie Sie von derjenigen, die Ihnen alles verdankt, betrogen werden, warnt Sie, auf Ihrer Hut zu sein. Thymian ist durch und durch schlecht und verdorben. Sie kokettiert mit anderen Männern, hat ein Verhältnis mit einem Arzt und eins mit einem Kaufmann, mit denen sie hinter Ihrem Rücken verkehrt und Sie betrügt. Das ist der Dank für Ihre große Güte zu der Frau. Sie kokettiert mit jedem Mann, der ihr über den Weg läuft. Sie kann gar nicht anders, die Schlechtigkeit liegt ihr im Blut. Lassen Sie sie durch einen Detektiv beobachten, der wird Ihnen noch anderes aufnotieren.

Eine aufrichtige Freundin.

Ich traute meinen Augen nicht und las den Brief zweimal. Mein erstes vorherrschendes Gefühl war eine große Bestürzung, die fast schmerzhaft wirkte und über die Entrüstung hinauswuchs. Und daneben war ein ungläubiges Gefühl, das die unerhörte Gesinnungsgemeinheit nicht fassen wollte. Ich habe dieser Frau nicht das geringste zuleide getan, wir sind als Freunde geschieden, ich bin ihr so in Freundschaft ergeben gewesen, daß ich für sie durchs Feuer gegangen wäre und mein letztes Stück Brot mit ihr geteilt hätte. Und habe ihr alles anvertraut, weil es mir nie in den Sinn gekommen ist, daß jemand so schlecht sein könnte, und ein solches Vertrauen mißbrauchen. Als ich mich aber von meiner ersten Verblüffung erholt hatte, schien es mir fast komisch; besonders der unfreiwillige Humor der Unterschrift: Eine aufrichtige Freundin. Und über alledem dachte ich gar nicht daran, daß dieser anonyme Wisch vielleicht meine Existenz bedrohen könne, das fiel mir erst nachher ein, als ich den ernsten, durchdringenden Blick des Grafen auf mir ruhen fühlte.

»Anonyme Briefe pflege ich sonst auf kürzestem Wege in den Papierkorb zu befördern,« sagte er, »das wird auch mit diesem geschehen. Aber – – fragen wollte ich dich doch – Hand aufs Herz, Thymian . . . die Wahrheit möchte ich wissen. Ist das nur Verleumdung oder – liegt ein Körnchen Wahrheit zugrunde?«

Da wurde mir erst bewußt, was hier auf dem Spiele stand. Aber es hätte mir passieren mögen, was da wolle, ich hätte in diesem Augenblick nicht lügen können.

»Ja,« sagte ich leise.

Er antwortete erst gar nicht. Er wandte mir den Rücken und trat ans Fenster und sah wohl zehn Minuten lang schweigend auf die Straße. Dann drehte er sich langsam um, und ich sah, daß es ihm nahe ging.

»Ich hätte es nicht von dir erwartet, Thymian,« sagte er leise. »Nein, ich habe dir vertraut . . . Mein Gott, es war ja töricht – – ich hätte doch denken können –« Und das letzte verstand ich nicht. Ich aber stützte den Kopf in die linke Hand und bedeckte die Augen mit der rechten, und nie in meinem Leben bin ich mir so klein und verächtlich und so schlecht vorgekommen, als in dem Augenblick, und nie in meinem Leben hab ich mich so geschämt als in der Stunde. Ich war zerknirscht bis in die Seele, und ich würde es wie Befreiung empfunden haben, wenn er mich geschlagen hätte, und wenn er mir zugerufen hätte, ich solle mich fortscheren wie ich geh' und stehe, und er zieht seine Hand von mir und gibt mir keinen Pfennig mehr. Aber nichts, nichts von alledem.

»Es ist wirklich tragisch, daß man dir nicht so böse sein kann, als wie du es verdienst, Thymian,« sagte er nach einer Weile. »Ich will dir nicht mal Vorwürfe machen. Wie kann ein alter Mann wie ich auch von einem schönen, jungen Weibe wie du Treue erwarten –«

»Von einer Dirne, willst du sagen,« rief ich und konnte nicht mehr an mich halten, und brach in ein wildes Schluchzen aus. Und zum erstenmal in meinem Leben weinte ich über mich selber – – darüber, daß ich in Wahrheit und Wirklichkeit eine Dirne bin, nichts Besseres und Edleres, als die Ärmsten der Armen auf der Gasse, die um Nickel und Pfennige ihren Leib verkaufen. Denn wenn ich es nicht wäre, würde ich ihm in diesem Augenblick gelobt haben, alles abzubrechen und fortan nur ihm allein angehören, zum Dank für alles, was er an mir tut und schon getan hat. Aber ich konnte es nicht versprechen, ich konnte nicht, denn ich wußte, daß ich mein Versprechen nicht halte, und das wäre dann schlechter als schlecht, das wäre tatsächlich gemein gewesen.

Ja, wenn ich nur diese unglückliche Neigung für Julius nicht hätte. Oder wenn ich stark genug wäre, sie zu besiegen. Aber ich bin es nicht. Ich bin eine Dirne.

»Laß nur gut sein, Thymian, wir wollen nicht weiter darüber reden,« sagte der Graf, »es bleibt alles beim alten . . .«

Und es ist alles beim alten geblieben. Aber gerade das quält mich so entsetzlich. Ich komme mir zu elend vor. Ich mag dem alten Herrn nicht mehr in die Augen sehen, so schäme ich mich. Seine Güte erdrückt mich.

Wie ich zum ersten Male in meinem Bett aufrecht saß, und die Schwester mir das Haar aufgeflochten hatte, und die langen Strähnen über meine Schulter flossen, und ich sie durch die Finger gleiten ließ, entdeckte ich in der schwarzen Flut ein weißes Haar. Ich war zuerst erschrocken und nachher stimmte es mich wehmütig. Ich bin erst siebenundzwanzig Jahre alt und schon ein weißes Haar . . . Vielleicht bin ich mit fünfunddreißig eine Greisin. Wenn ich dann doch nur sterben könnte. Ich habe oft eine so unendliche Sterbesehnsucht im Herzen.


* * *


1. Januar 1900.


Ich hatte mir fest vorgenommen, wieder am Silvesterabend einzuschreiben, aber gestern abend war D . . . da und aß seinen Silvesterkarpfen bei mir. Es war mir lieb, daß er gekommen war, man hängt in solchen Stunden doch allzusehr seinen Gedanken nach, der Graf war wieder bei Bekannten zum Silvestersouper, und Julius kommt bei solchen Gelegenheiten ja überhaupt nie, – – – da gehört er seiner Familie, sagt er, D. ist ebenso einsam wie ich. Wir erzählten einander allerlei und tauschten Ansichten über dies und jenes. Er hat was sehr Nettes, Frisches, und wir harmonieren in vielen Teilen miteinander. Wie unsere Unterhaltung um Mitternacht eine Weile verstummte, sah er mich plötzlich lange an und sagte kopfschüttelnd: »Was hättest du für eine prachtvolle Ehefrau abgeben können, Thymian. Wenn ich den Schurken in den Fingern hätte, der dich unter die Füße gebracht hat – – – die Knochen knacken tät ich dem Hund.«

»Es hat doch wohl in mir gesteckt,« sagte ich trübe.

»Ach, red' mir nichts vor,« sagte er fast böse, »ein Weib wie du kann nur durch Unglück so in die Tinte geraten.«

Der Graf könnte von meiner Freundschaft zu D . . . wissen. Wir sind, seitdem wir uns wiedersehen, wirklich nur Freunde, gute Kameraden.

Wir hörten die Silvesterglocken das neue Jahrhundert einläuten.

»Auf ein glückliches, neues Jahr,« sagte D . . ., als wir anstießen.

»Auf daß sich mein Wunsch erfülle,« sagte ich.

»Und der wäre?«

»Ruhen,« sagte ich schwermütig, »sterben.«

»Kind, Kind! Das Leben ist kurz und der Schlaf unterm Rasen lang. Dir fehlt das Salz des Lebens, Thymian . . . Arbeit . . . Geist und Körper anspannende Arbeit!«

Ich antwortete nicht. Was soll man da sagen? Das raten sie mir alle, die es gut mit mir meinen. Schafft mir Arbeit, die mir Geist und Körperkräfte anspannt, ich bin bereit – – Aber das sind alles Reden. Helfen kann mir niemand. Die Karre ist verfahren. Mein Leben ist in Grund und Boden verpfuscht. Ich wollte, ich wohnte erst draußen – – – auf meinem Schöneberger Gutshof.


* * *


Mai 1900.


Im vorigen Monat erhielt ich eines Morgens früh einen Brief aus G . . . . . von Justizrat Ellbaum.

Ich hatte gleich solche Ahnung, daß er irgend eine bedeutungsschwere Mitteilung enthielt, und öffnete ihn mit Herzklopfen, und mein Gefühl hatte mich nicht betrogen.

Der Justizrat schrieb mir, daß Vater am 11. März gestorben ist. Er soll längere Zeit krank gewesen sein. Die Apotheke wird von Meinert übernommen, der, wie der Justizrat schrieb, demnächst heiratet und durch die Mitgift seiner Braut in Besitz größerer Mittel kommt, so daß er einen Teil der Hypotheken auslösen kann. Als erste abzulösende Hypothek käme nun die mir von meiner Mutter her zustehende Forderung von vierzigtausend Mark in Betracht, die zum ersten Oktober, oder auf meinen Wunsch auch schon früher, ausbezahlt werden könnte. Seinen sachlichen Mitteilungen fügte er zum Schluß hinzu, daß die Witwe, Frau Helene Gotteball, mit ihren zwei unerzogenen Kindern gänzlich mittellos aus ihrem bisherigen Heim hinausgehe, und sich und die Kinder durch ihrer Hände Arbeit ernähren müsse. Die Verkaufssumme der Apotheke betrage nur wenige Tausend Mark mehr als wie die darauf ruhende Schuldenlast.

Ich war tief bewegt über Vaters Todesnachricht. Und daß ich sie so erhielt, daß die Lene es nicht mal der Mühe wert gehalten hat, mir die Anzeige direkt zu schicken, das erfüllte mich mit Haß und Bitterkeit gegen dieses ordinäre Weib, dem ich es doch allein zu verdanken habe, daß Vater mir so ganz entfremdet und ich so ganz heimatlos wurde. Daß sie meine Adresse nicht wußte, ist kein Entschuldigungsgrund. Des Justizrats Brief erreichte mich doch auch, obgleich derselbe an »Frau Gräfin Thymian Osdorff« adressiert war.

Den ersten Tag verbrachte ich in tiefer Trauer, und meine Seele war voll Erinnerungen und wehmütiger Betrachtungen, und erst am Tage darauf fiel es mir ein, warum der Justizrat an mich schrieb, und daß ich ihm antworten mußte.

Und da dachte ich mir alles so durch, daß die beiden armen Würmer eigentlich doch nichts dafür können und daß es immerhin Vaters Kinder sind. So wie ich unsere Verwandten kenne – als wohlhabende kommen ja nur die Nordmarscher von Mutters Seite in Betracht – werden sie keinen Finger rühren, der Frau zu helfen und werden sich nicht darum kümmern, was aus den armen Kindern wird, ob sie verhungern oder verkommen oder was mit ihnen wird. Ich bin gewiß nichts nutz und zähle nicht mehr mit, aber das könnte ich doch nicht übers Herz bringen, daß ich hier in Überfluß und Luxus lebe und müßte denken, die armen kleinen Menschelchen hätten nicht das Nötigste, nein, da würde mir doch jeder Bissen im Munde aufquillen, daß ich ihn nicht herunterbrächte. Schließlich sind es doch meine Halbgeschwister, und wer weiß, ob in dem Mädelchen nicht auch ein Tropfen des gefürchteten Blutes ist, das Erbteil des französischen Kokottchens, die dem Urgroßvater Gotteball durchbrannte. Was ist denn die scharfe Klippe, an der meistens »Tugend«, die sogenannte, und Unschuld scheitern? Das ist doch die Armut, das Unvermögen, sich in den Besitz von Dingen zu setzen, die man gern haben möchte und auf legalem Wege nicht erlangen kann. Behüten kann ich sie freilich auch nicht, und was werden soll, wird doch. Jedenfalls brauche ich die Erbschaft nicht so nötig als sie, und da hab' ich mir ausgedacht, daß ich mir zwanzigtausend Mark auszahlen lasse und damit meine Schulden bezahle und den Rest als Notpfennig behalte, und um mal jemand helfen zu können. Zum Beispiel Emmy und ihrem Bräutigam, die so gern eine Wirtschaft pachteten und tausend Taler dafür brauchen. Sie hat mir vor einem Jahr auch das Lehnstuhlkissen zu Weihnachten gestickt und damit bewiesen, daß sie auch was für mich übrig hat. Die anderen zwanzigtausend Mark will ich auf der Sparkasse in G . . . . . deponieren, und die Zinsen sollen der Lene als Erziehungsbeitrag ausgezahlt werden bis zur Mündigkeit der Kinder. Und damit mir mein Entschluß nicht leid würde, habe ich es gleich dem Justizrat geschrieben. Ein paar Tage danach schrieb mir die Lene einen langen Danksagungsbrief, worin sie mir mitteilte, daß Vater schon länger als ein Jahr am Magen gelitten habe und er habe unendlich viel ausgestanden. Sie flocht natürlich auch taktvoll ein, daß der Gram um mich ihm auch am Herzen gefressen habe und schloß mit der ebenso zartfühlenden Versicherung, daß sie das Geld gut anwenden und ihre Kinder zu braven, geachteten Menschen erziehen würde. Na ja. Was soll man auch andres verlangen . . .

Ich möchte nur wissen, ob Vater gar keine Sehnsucht nach mir gehabt hat. Er hat mich doch geliebt, und ihm ist es sicher nicht eingefallen, sich über meinen moralischen Tiefstand zu entrüsten. Mir will der Gedanke nicht aus dem Kopf, daß sie ihn abgehalten haben, an mich zu schreiben und mich zu rufen.

Ich wohne jetzt in der Bülowstraße. Vier Zimmer. Eine niedliche, behagliche Wohnung.

Der Graf kommt lange nicht mehr so oft als früher. Ich glaube nicht, daß ich ihm leid werde, aber es scheint ihm doch an die Nieren gegangen zu sein, daß ich ihm nicht ganz treu war. Aber eigentlich ist das Blödsinn. Treue kann doch nur da sein, wo Liebe ist. Und daß ich ihn liebte, durfte er sich doch nicht einbilden.


* * *


14. August.


Tannenduft und quelldurchrieselte Waldgründe. Es zog mich wieder nach dem Harz. Im Juni war ich drei Wochen mit dem Grafen auf seinem Gut. Ich wunderte mich, daß er mich dahin mitnahm. Ich hatte Befehl, mich den Leuten gegenüber Frau von Osdorff zu nennen. Gründe unbekannt. Der Aufenthalt war ganz nett, nur etwas unbehaglich wegen der Heimlichkeit, wir machten immer Umwege, um nur keinen Gutsnachbarn in die Arme zu laufen. Der Graf meinte, ich müßte etwas Landluft (aber realistische) genießen, weil ich mich immer noch nicht so recht erholt habe. Ich hätte an meiner Stelle lieber das arme, sieche Weib, die schwarze Schwalbe, hingeschickt. Eine frühere Bekannte aus meiner Ballhauszeit. Ich traf sie dieses Frühjahr mal auf der Straße, und weil sie so elend und abgerissen aussah und sich so scheu an den Häusern entlang drückte, redete ich sie an. Mein Gott doch, wie jemand so rasch herunterkommen und aus den Kleidern fallen kann. Sie war vor ein paar Jahren eine der schickesten Mädchen und nun so ganz zusammengefallen und reduziert. Sie ist krank. Was ihr fehlt, habe ich nicht herausbekommen, jedenfalls durch und durch siech. Und arm dazu; da natürlich niemand auf so etwas Appetit hat. Sie erzählte mir, daß sie kurze Zeit vorher mal faktisch nichts zu essen gehabt hat und acht Tage lang buchstäblich von Hundefutter gelebt habe. Ich lasse sie seitdem bei mir in der Küche mittags essen.

Das Schloß ist herrlich, ein wuchtiger feudaler Bau im romanischen Stil. Ich fühle mich sehr wohl darin. Mein alter Freund und ich kommen sehr gut miteinander aus; wir sind uns in diesen Wochen innerlich etwas näher gekommen.

Besonders gut gefiel mir die Bibliothek; wenn es regnete, war es immer so gemütlich darin, ich hätte tagelang vom Morgen bis Abend in einem der tiefen Saffiansessel sitzen und lesen können. Eines Nachmittags war ein Gewitter und die Luft sehr schwül, ich war deshalb nach dem Kaffee über meine Lektüre ein bißchen eingeduselt, wachte aber vom Donner wieder auf, und da es blitzte und der Regen wie aus Kannen niederschüttete, stand ich auf, und trat in eine der tiefen Fensternischen, um mir den Aufruhr da draußen ein bißchen anzusehen. Ich hatte das weiße Pointlacekleid mit der langen Schleppe an, weil mein Graf mich doch am liebsten in Weiß sieht, und reckte mich etwas, um über die bunte Verglasung durch die klaren Scheiben sehen zu können; und das falbe Gewitterlicht floß durch das Fenster und erfüllte die Nischen mit einer schwefelgelben Halbhelle.

»Wenn dich ein Maler so sähe, in der Stellung und der Beleuchtung, würde er dich sofort skizzieren und festhalten –« sagte der Graf, »die hohe Spitzbogenumrahmung des Fensters, das farbig gebrochene Licht, der fahle, weich zerfließende Widerschein des Gewitterhimmels und du mitten darin, so hoch, schlank, weiß, königlich – wirklich stimmungsvoll – –«

»Ja, natürlich. So'n altes Schloßinterieur ist durchaus der passende Rahmen für mich,« erwiderte ich trocken.

»Weißt du, daß ich mich vor anderthalb Jahren eine kurze Zeit mal wirklich mit dem Gedanken trug, dich zu heiraten?« sagte er ernst.

»Das kann ich mir kaum vorstellen,« antwortete ich.

»Es ist auch besser so – – für uns beide,« sagte er.

Ich schwieg, aber unwillkürlich vertiefte ich mich in die Vorstellung, Herrin dieses Schlosses geworden zu sein. Ich pfeife auf den Adel und auf alles feudale Unwesen, aber das glaube ich wohl, daß ein solcher herrlicher Besitz, von Generation auf Generation vererbt, seinen Inhabern ein gewisses Hochgefühl, ein Gefühl des Unabhängigseins und des Isoliertstehens von dem lärmenden Menschenhäufchen, das in Staub und Schweiß um seine Existenz kämpft, verleiht. Ich habe mehr Hochachtung vor diesen alten stolzen Gebäuden, die Jahrhunderte an ihren Mauern vorüberfließen ließen, als vor ihren Besitzern.

Wir redeten nachher nicht weiter darüber.

Der Graf scheint weder eifersüchtig noch mißtrauisch mehr zu sein. Hätte auch keine Ursache dazu. Mit Julius komme ich ja so wenig zusammen, und mit D . . . . verkehre ich wirklich nur platonisch. Ende Juli reiste mein Graf nach Holstein, auf das Gut eines Bruders, dessen Sohn Hochzeit hat, und nachher wollte er nach Böhmen. – Auf meinen Wunsch brachte er mich nach Ilsenburg. Seitdem ich damals vor Jahren im Harz war, habe ich eine Sehnsucht dahin. Immer in den Sommermonaten in Berlin – und besonders, als es mir so schlecht ging, schwebte mir die Kühle und Ruhe der harzduftenden Tannenwälder und das malerische Quellengeriesel als etwas paradiesisch Schönes vor. Heimlich hoffte ich auch, bekannte Hamburger dort zu finden. Ich möchte gern diesen und jenen mal wiedersehen. Der Harz ist ja immer gerammelt voll von Hamburgern. Aber bis jetzt ist mir noch niemand Bekanntes begegnet, überall fremde Gesichter. An D . . . . schrieb ich mal eine Ansichtspostkarte und vier Tage später steht er abends in Lebensgröße vor mir. Er hätte eigentlich an die Ostsee gehen wollen, dann aber, als er meine Karte bekam, Lust zu einer Harzreise bekommen, und nun hat er sich hier festgesetzt in Ilsenburg, und wir durchstreifen täglich die Wälder und Berge und sind treue Kameraden. Er kriegt manchmal elegische Anwandlungen. Gestern hatten wir im Walde ein hübsches Plätzchen gefunden. Ich setzte mich auf einen moosgepolsterten Stein und er legte sich lang ins Gras und so verweilten wir da zwei geschlagene Glockenstunden, ohne ein Wort zu sprechen. Es war die reine Waldkirche. Die Quelle rieselte und rauschte und murmelte, und die Ameisen zirpten, und ein Vöglein piepte, und das blaue Himmelslicht floß, wie durch grünes Kathedralglas in den feierlich stillen Waldraum hinab, und es war eine Ruhe ringsum, daß man die Brust hätte öffnen mögen, um den welterlösenden Frieden in sich auf und mit hinaus und mit hinein in das wüste, ruhelose Leben zu nehmen; könnte man doch den Frieden solcher Waldstunde auslösen und heimtragen! Alles so wunderbar andächtig, herrlich ruhig . . . Nur das eigene Herz bimmelt wie Armsünderglöcklein in der Brust: und erinnert einen daran, daß der rechte Frieden wohl nie von außen nach innen gelangt, sondern seinen Ursprung tief innen im eigenen Seelengrund finden muß.

»Ja, ja, Thymian, ich wollte, ich hätte dich zehn Jahre früher kennen gelernt,« sagte D . . . . unvermittelt, als wir weiter gingen.

»Das wäre schon zu spät gewesen,« sagte ich, »denn ich hatte noch nicht lange meinen sechzehnten Geburtstag gefeiert, als ich ein Kind bekam.«

Er schüttelte den Kopf und wollte etwas erzählt haben. In dem Augenblick war ich nicht in der Stimmung, aber am anderen Abend, als wir durch den Wald gingen, sagte ich ihm manches und wie alles gekommen war. Und er sagte, daß er nie heiraten werde, weil er alle Frauen, die für ihn in Betracht kämen, mit mir vergliche, und keine mir das Wasser reiche. Ich bin nicht im gewöhnlichen Sinne eitel, aber das zu hören machte mir doch Freude. Ich möchte ihn auch ungern als Freund verlieren, und das würde ich unzweifelhaft, wenn er heiratete.

Emmy und ihr Schatz sind selig, daß ich ihnen das Geld leihe. Ich habe vor, zum ersten Oktober selbst nach G . . . . zu fahren und das Geld in Empfang zu nehmen. Ich habe Heimweh nach den Gräbern. Gräber sind doch noch das einzige, was ich auf der Welt besitze, was mein ist, ganz mein.


* * *


November.


Wir werden beide falb, mein Büchelchen, du und ich. Deine Blätter gehen zu Ende und mein Leben ginge am besten auch zu Ende, aber da wir beide nicht zusammen ausreichen, werde ich dir einen neuen Blätteranhang einheften. Ja, ja, viel Gutes hast du von mir nicht zu wissen bekommen. Ich habe heute nachmittag alles durchgelesen und es war mir dabei, als ob ich alles noch einmal durchlebte. Vielleicht hätte ich noch mehr schreiben können, aber ich hatte nicht immer Zeit und Lust, gleich alles zu registrieren. Wehmut beschlich mein Herz, als ich die kindlichen Eintragungen aus meiner ersten Jugendzeit las – –


aus die Flügel beide – – o Jesu meine Freude – –
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan es verschlingen, so laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzbar sein! – – – –


Gute Tante Frieda, ahnungsvoller Engel! Kein guter Stern stand über deinem Haupte und kein gefälliger Heiliger trug deine fromme Bitte zu deinem Jesus, als du für dein armes, mutterloses Küchlein betetest.

Satan hat es verschlungen. Es ist untergegangen, verspeist von Satan Welt, den es allezeit nach jungem, süßem, schmackhaftem Menschenfleisch hungert.

Ach, diese Reise nach Hause hat alles wieder so aufgewühlt in mir. Ich wäre besser nicht hingefahren.

Schon als ich hinter Hamburg kam und das heimatliche Idiom wieder in meinen Ohren klang, wurde es mir schwer und traurig ums Herz. So fremd klang es mir, als wäre ich ein Menschenleben lang fort, und nicht erst elf Jahre. Der Menschenschlag ist dort so ganz anders, so viel derber, gerader, alltäglicher, einfacher, eine unüberbrückbar tiefe Kluft trennt mich von meiner Heimat und ihren Menschen.

Es war schon dunkel, als ich anlangte, ein trüber, kalter Herbstabend. Über dem flachen Land, das sich weit um das Städtchen ausbreitet, lag ein düsteres, rotes Licht, über das Wolken wie schwarze Nachtvögel zogen. Ich ließ meinen Handkoffer in den »Deutschen Hof« bringen und mir dort ein Zimmer geben. Mein Abendessen nahm ich auf meiner Stube ein, und nachher wanderte ich im Dunkeln noch eine Zeitlang durch die Straßen. Als ich über den Marktplatz ging und vor unserer Apotheke stand, zitterten meine Knie, und das Herz stand mir fast still vor Aufregung, und ein rasendes Verlangen, hineinzutreten, überfiel mich, und ehe ich es mir überlegte, war ich die Stufen hinauf und stand im Flur und von da trat ich in die Apotheke und verlangte Pfefferminzplättchen. Ich hatte einen dichten Schleier vor das Gesicht gebunden, aber der junge Mensch, der mich bediente, hätte mich auch so nicht gekannt. Die Tür zum Kontor stand halb angelehnt, und am Pult stand Meinert. Ich sah ihn deutlich. Sein Haar ist spärlicher und seine Züge sind schärfer geworden. Sonst ist er der alte geblieben.

Im Flur sah es wüst aus. Die Lene hatte in den Tagen ihren Umzug. Der Kleiderschrank aus Vaters Schlafzimmer und das Vertikow aus der guten Stube standen auf dem Flur, und Kisten und Kasten lagen wild übereinandergestapelt umher. Ich stand ein Weilchen still, und ich kann nicht so genau wiedergeben, was in mir vorging. Blitzschnell zogen eine Menge Bilder an meinen Augen vorüber, ich sah mich als Kind über den Flur laufen, dachte an den Abend, als Meinert mich auf seinen Schultern da die Treppe hinauftrug, sah Mutters Sarg zu der Flügeltür hinaustragen und durchlebte noch einmal die Stunde, als ich an dem schauerlichen Abend nach Elisabeths Selbstmord die dämmrige Treppe hinaufschlich – – an dem Abend, als mein Verhängnis seinen Anfang nahm. Und wie ich zur Tür hinausging, wußte ich, daß ich zum letztenmal in meinem Leben die Schwelle meines Elternhauses überschreite . . .

Dann ging ich noch eine Stunde lang kreuz und quer durch die Straßen. Bei Tante Frieda waren die grünen Rouleaus mit den Watteaubildern in grau und braun niedergelassen und dahinter brannte die Lampe . . . die alte, mit dem blankgeputzten Messingfuß – ich kenne sie ja so genau – und auf dem Fensterbrett standen Töpfe mit Blattpflanzen und Blumen . . . . alles wie ehedem. Und ich wußte, sie sitzt auf dem Sofa und strickt, und zählt Maschen, und liest nebenbei die Zeitung oder ein erbauliches Buch, vielleicht zieht auch gerade in dem Moment ein flüchtiger Gedanke an die Verlorene, die unten im Abendduster auf der Straße steht, durch ihre gute, kleine Altjungfernseele.

Ich schlief nur wenig in der Nacht. Morgens frühstückte ich in der Wirtsstube, und die Wirtin, eine noch ziemlich junge, mir fremde Frau, begrüßte mich, und ich knüpfte ein Gespräch mit ihr an, und fragte sie im Lauf desselben nach der Familie Gotteball – ich wäre mal früher als Kind bei derselben auf Besuch gewesen.

»Ja, das ist sehr traurig für die arme Frau Gotteball, daß sie nun so schlecht nachsitzt,« sagte die Wirtin, »und die Kinder noch so jung und kommen erst in das Alter, wo sie Geld kosten. Der Mann hat ja schrecklich ausgehalten, ehe er starb, so geht es, wenn man solch ein Leben führt . . .«

»Wieso denn?« fragte ich.

»Ach Gott, er war ja rein des Deubels nach den Frauensleuten, sie haben ihn hier allgemein – na ich will nicht sagen wie – genannt. Ehe er sich verheiratete, hat er's mit den Wirtschafterinnen toll getrieben. Eine hat sich mal ersoffen. So was rächt sich, er hat ja nachher auch genug an seiner Tochter gehabt – die von der ersten Frau, wissen Sie –«

»Ja, gewiß, Thymian. Ich bin kurze Zeit mit ihr zur Schule gegangen. Was ist aus ihr geworden? Hat sie geheiratet?«

»Die? I wo! Ich hab' sie nicht gekannt, ich bin ja erst sieben Jahre hier und da war sie schon fort. Sie soll bildhübsch gewesen sein, aber so eine, wissen Sie, an der Hopfen und Malz verloren war. Frau Gotteball hat mir's selber mal erzählt, es war natürlich für sie als Stiefmutter keine Kleinigkeit, das Mädel anzunehmen. Mit eben fünfzehn Jahren hat sie sich mit dem Provisor Meinert, der jetzt die Apotheke hat, abgegeben und 'n Kind von ihm bekommen. In Hamburg hat sie abgelegt, seit der Zeit ist sie nicht mehr nach hier gekommen. Sie soll sich nachher in Hamburg und Berlin als Straßendirne 'rumgetrieben haben, was aus ihr geworden ist, weiß kein Mensch, wahrscheinlich ist sie irgendwo im Rinnstein verendet. So was krepiert ja schließlich doch im Dreck . . .«

»Ja, ja,« sagte ich, »so was krepiert todsicher im Rinnstein. Also geheiratet hat sie nicht?«

»Einmal ging hier die Rede, sie hätte in Berlin einen Grafen geheiratet, aber das ist natürlich nur Schnack. Frau Gotteball glaubt selbst nicht dran, 'n Graf wird so 'n Mensch, die ein anderer nicht mit der Feuerzange anfaßt, auch noch heiraten. Wer's glaubt, zahlt 'n Taler. Der olle Gotteball hatte auf seinem letzten Ende noch die Nucken und wollte seine Tochter herhaben, aber das hat Frau Gotteball natürlich nicht gelitten, und darin kann man sie auch nicht verdenken. So 'n Frauenzimmer möchte ich noch nicht mal in die Betten haben. Sie wußte ja auch gar nicht, wo sie sich herumtreibt und ob sie noch lebt.«

Ich nickte und sagte: »Schließlich ist der Provisor doch schuld an dem Unglück. Und der ist in der Apotheke geblieben?«

»Ja, ja, er ist tüchtig, und der Alte war zuletzt tatterich. Na, und den Mannsleuten verdenkt man es ja auch nicht so.«

»Erbt denn die Thymian nichts von ihrer Mutter?« fragte ich. »Die war doch vermögend, soviel ich weiß.«

Die Wirtin wußte darüber nichts, woraus ich sah, daß die Lerne sich darüber wohlweislich ausgeschwiegen hat.

»Wie geht es dem alten Fräulein Gotteball?« fragte ich weiter.

»Ach, die ist auch höllisch stumpf geworden,« sagte die Frau, »aber sie macht doch noch immer so mit. Mit ihrem Bruder kam sie seit Jahren nicht zusammen, nur in den allerletzten Tagen ist sie dagewesen. Die Schwägerinnen können einander nicht ausstehen. Frau Gotteball ärgert sich darüber, daß die Frieda gar nichts für ihre Kinder übrig hat, wo sie doch an dem andern Mädel so 'n Narren gefressen hatte. Jetzt natürlich verflucht sie sie auch.«

»So, so, sie verflucht sie auch . . .« sagte ich und erkundigte mich nach Lenes Adresse. Sie wohnt jetzt in der Weihgasse. Um ein Uhr war ich zum Justizrat bestellt.

Ich kenne den alten Herrn von früher her. Er blitzte mich durch seine Brillengläser scharf an, aber ich bin Menschenkennerin genug, um zu bemerken, daß eine Veränderung zum Wohlwollen in seinen Zügen vorging. Seine Anrede »Frau Gräfin« verbat ich mir höflich und ersuchte ihn, mich Frau Osdorf zu nennen. Gleich darauf kam auch Meinert.

Wenn er mir höflich und gleichgültig gegenüber getreten wäre, hätte ich mit keiner Wimper gezuckt. Ich hatte ja Zeit, mich auf dieses Wiedersehen vorzubereiten, und meine einzige Empfindung für diesen Menschen ist abgrundtiefe Verachtung. Aber er lächelte höhnisch, machte mir eine ironisch tiefe Verbeugung und redete mich mit hohntriefender Stimme »Frau Gräfin« an.

Das war zuviel!!!

Ich fühlte, daß ich kreideweiß wurde. Ich zitterte. Es wurde mir dunkel vor den Augen. Ich mußte mich rasch setzen, weil sich alles um mich drehte. Ich vergaß alle Selbstbeherrschung und sagte nur ein Wort: »Schurke!«

»Was befehlen Frau Gräfin?« sagte er frech, während er das Bündel Banknoten hervorholte.

»Wollen Sie der Dame die Summe vorzählen?« sagte der Justizrat.

»Ja, ich werde sie der ›Dame‹ vorzählen,« wiederholte er mit einer bezeichnenden Betonung und lachte spöttisch. Da war es aus mit meiner Fassung.

»Sie – Sie Halunke,« sagte ich, »Sie – Sie hätten alle Ursache, die Augen vor mir niederzuschlagen, anstatt mich zu verhöhnen. Jawohl, in die Erde hinein schämen müßten Sie sich vor mir, wenn noch ein Funken von Gewissen und Ehrgefühl und Gerechtigkeitssinn in Ihnen wäre. Ich – ich kann vor Gott und den Menschen verantworten, was ich getan habe. Denn ich habe mir alles selber angetan und habe keinem Menschen sein höchstes Gut, seine Ehre und seinen guten Namen gestohlen, und hab' kein Menschenleben auf dem Gewissen, das ich zugrunde gerichtet hätte. Und wenn es einen göttlichen Richter gibt, und wir beide einst vor ihm stehen werden, wird er Recht sprechen zwischen uns. Ja, lachen Sie nur! Sie sind auch noch nicht zu Ende. Ich hab' in meinem Leben niemals jemand etwas Böses gewünscht und getan, aber Ihnen wünsche ich, daß Sie am eigenen Leibe, an Ihren eigenen Kindern einmal erfahren, was Sie an mir gesündigt haben. Die Sünden der Väter rächen sich an den Kindern – – – vielleicht sprechen wir uns noch mal wieder, und vielleicht würde ich dann lachen können, wenn ich so schlecht wäre wie Sie, Schurke – – –«

»Sie können mich ja gar nicht beleidigen,« sagte er, »eine Dame der Straße hat Redefreiheit – –«

Der Justizrat saß an seinem Schreibtisch und blätterte in den Akten, aber auf einmal schlug er mit der Hand auf den Tisch und sprang auf und donnerte los:

»Kein Wort weiter, Herr Meinert. Ich verbitte mir jede anzügliche, beleidigende Redensart gegen die Dame – jawohl, Dame!« wiederholte er, »in meinem Bureau und in meinem Beisein. Sie haben zu zahlen, und Frau Osdorff wird quittieren und damit punktum und basta.«

Meinert griente und zählte die vierzig Tausendmarkscheine auf den Tisch, und ich nahm die Feder, die der Notar mir reichte, und unterschrieb das Instrument und sah Meinert nicht mehr an. Als er schon zur Tür hinaus war, setzte ich mich wieder, ich dachte, ich wäre ohnmächtig geworden, so war mir zumute.

Der Justizrat legte mir die Hand auf die Schulter und lud mich ein, mit in sein Wohnzimmer zu kommen und eine Tasse Kaffee mit ihm zu trinken, und ich nahm es an, denn ich fühlte mich zum Umfallen elend. Wie ich mich drüben in dem Spiegel sah, erschrak ich vor mir selber, mein Gesicht war quittegelb und die Lippen bläulich, ich kann nicht beschreiben, wie mir zumute war.

Der heiße starke Kaffee tat mir gut. Die alte Frau Justizrat ist auch vor kaum einem Jahre gestorben. Der alte Herr war sehr nett zu mir. Ich faßte mir ein Herz und fragte ihn, ob es wahr wäre, daß Vater den Wunsch ausgesprochen hätte, mich vor seinem Tode noch mal zu sehen. »Ja,« sagte er, »das weiß ich sicher. Er hätte Sie sehr gern noch mal gesehen. Und diesen Wunsch sogar zu mir persönlich geäußert. Aber wie das ist . . . Sie standen sich nicht besonders mit der Stiefmutter, na und die Frauen in unseren kleinen Nestern – – Sie wissen ja – – – na, und dann ging es zuletzt auch sehr rasch zu Ende, viel rascher als man dachte. Sonst natürlich . . . Sie standen seinem Herzen entschieden am nächsten. Es war für ihn gut, daß es schnell zu Ende war, er hat viel gelitten.« – Gegen drei verabschiedete ich mich vom Justizrat und ging in die Weihgasse. Nach der Lene hatte ich kein Verlangen, aber die Kinder interessierten mich und ich wünschte, sie kennen zu lernen.

Die Lene kannte mich offenbar im Augenblick nicht und war dann etwas perplex. Sie wollte mir Kaffee kochen, aber ich dankte und blieb, bis die Kinder um vier aus der Schule kamen. Unsere Unterhaltung schleppte sich etwas einsilbig dahin, ich war nicht in der Stimmung, ein gleichgültiges Gespräch zu führen, und über das, was mir am Herzen lag, konnte ich mit der Frau nicht reden. Sie ist unförmig dick und sehr alt geworden, und sieht etwas vergrämt aus, und deshalb brachte ich es nicht über mich, mit ihr zu rechten.

Dann kamen die Kinder. Der Junge hat etwas Ähnlichkeit mit Vater, vorläufig ist er sehr häßlich, ein struwweliger Rotkopf, mit einem richtigen Flegelgesicht. Das Mädel ist ganz die Lene. Nicht sehr groß, aber robust, mit einem faustdicken, strohblonden Zopf im Nacken, einfach aber sehr propre gekleidet, ein frisches, ovales Gesicht mit groben, nicht unschönen Zügen, die nur durch eine plumpe Nase etwas verunstaltet werden.

Ich hatte allerhand für die Kinder mitgebracht, ein paar Bonbonnieren und eine schöne Puppe, und für den Jungen Spielsachen – Kinderhände sind ja so leicht gefüllt! Sie mußten mir die Hand geben und sich bedanken, und ich versuchte ein paar Worte mit ihnen zu sprechen und war froh, als ich wieder fort konnte. Dieser Besuch hatte mich über einen Punktberuhigt: Meine kleine Halbschwester hat ganz sicher keinen Tropfen von dem wilden, heißen, leichtsinnigen Blut Claire Gotteballs in sich. Sie wird nicht fallen; sie wird auf ihren strammen Beinen fest stehen im Leben, sie ist keine Antilope, auf die die Männer Jagd machen. Wenn sie doch fallen sollte, dann wird es das Verhältnis des Borstenviehs und Metzgers sein, aber ich bin überzeugt: die fällt nicht. Die zweite Lene. Sie wird einmal eine brave Hausfrau werden und ihren Kindern dann als abschreckendes Beispiel die Mythe von der schlechten Thymian, an der Hopfen und Malz verloren war, und die im »Straßendreck krepierte« – – erzählen.

Mittlerweile war es fünf geworden. Die Sonne schien in die Straßen und setzte funkelnde Lichter in die blanken Fensterscheiben und flimmerte auf den roten Ziegeldächern, und es war warm wie im Mai. Aber draußen vor der Stadt, wo die Straßenzüge in die verpachteten Gärten münden, machte sich der Herbst bemerkbar. Bunte Georginen schmiegten sich an die Planken, und das Laub war fahlfarbig und raschelte bei jedem Luftzug, wie wenn der Wind durch Totenkränze zieht.

Ich ging den schmalen Weg zwischen den Planken zur Schleuse hinüber. Es trieb mich mit unwiderstehlicher Gewalt nach der Stelle, an die sich für mich die traurigsten Erinnerungen meines Lebens knüpfen. Auf der Wiese, gerade da, wo damals Elisabeths Leiche lag, spielten Knaben. Sie ließen Drachen steigen und schrien und lachten und balgten . . . Selige Kindheit. Ich aber stand lange an der Schleuse oben und sah in das Wasser, das brausend und schäumend durch die geöffneten Türen stürzt, und dachte, was geworden wäre, wenn sich damals die schwarzen Wasser über mir geschlossen hätten, ob ich dann heute ein neuer Mensch wäre . . . Ich glaube an ein Wiederkommen. Und ich möchte wissen, ob man so gar keine einzige Erinnerung sich mit in das neue Leben hinüberretten kann, so gar keinen Schimmer vom Bewußtsein, was gewesen – und wär's nur zur Warnung und zum Bessermachen.

Und dann ging ich zum Kirchhof.

An der Mauer stand der alte Ebereschenbaum im vollen Schmuck seines korallenroten Beerenbehanges, von denen wir uns als Kinder Ketten machten und dann Königin spielten. Meine Schritte wurden immer langsamer, bis ich an den Gräbern meiner Eltern stand. Was mich in dem Augenblick bewegte, das kann ich nicht in Worte fassen. Ich weiß nicht, wie mir war. In den verflossenen Jahren hatte ich sozusagen vergessen, daß noch ein Mensch auf der Welt existierte, mit dem ich durch Bande des Blutes und des Herzens verbunden war. Aber in dem Augenblick stieg ein unbeschreibliches Gefühl in mir auf – und trieb mir das Wasser in die Augen, eine heiße Sehnsucht: nur ein – ein – einziges Mal Vater wiederzusehen, ihn zu umarmen, und Abschied von ihm zu nehmen.

Ich habe in den vergangenen Jahren oft gemeint, daß er viel schuld an meinem Unglück war, aber in dem Moment, als ich an seinem Grabe stand, ging das alles unter in dem Bewußtsein, daß er mich unendlich geliebt hat. Auf seine Art geliebt. Daß diese Liebe sich nicht auf die Weise äußerte, die mir, dem heranwachsenden Mädchen, zuträglich war, war nicht seine Schuld. Sein Temperament und seine Veranlagung waren der Fluch seines eigenen Lebens; und er konnte doch nichts dafür, daß sich dieser Fluch auf mich vererbt hat.

Ich stand lange, lange vor den Gräbern. Dem eingefallenen und dem noch hügelartig gewölbten. Ich hielt Zwiesprache mit den Gräbern. Die beiden, die wiesen mich nicht ab; für die war ich nicht die »Dirne«, die verachtete Verlorene, die heimatlose Geächtete, für sie war ich nur das Kind, das nach langer Irrfahrt heimkehrt zu den Seinen.

Und wie die Dämmerung des Herbstabends die Gräber umkreiste, bildete ich mir ein, die Schatten der Verstorbenen zu sehen, wie sie emporstiegen aus dem feuchten Kirchhofsgrund und die Arme nach mir ausbreiteten, um mich aufzunehmen in ihre Ruhe, – der Heimatlosen das letzte, sicherste Heim zu geben, aus dem niemand sie wieder vertreiben kann – –

Träume!!!

Nur der Wind schütterte durch das welke Laub, und die Dunkelheit legte sich wie eine verhüllende Decke über meine Gräber.

Ich mußte scheiden.

Ein wildes Trennungsweh preßte mir das Herz zusammen. Ich sank plötzlich in die Knie, und küßte unter Tränen die Erde, in der meine Lieben wohnen. Und sagte immer halb bewußtlos die zwei Worte: »Vater! Mutter!« und weiß nicht, wie lange ich da gelegen hab'; und als ich endlich aufstand, waren mir die Füße bleischwer, und ich stand, als ich aus dem Tor trat, erst eine Weile an der Mauer, weil mir das Schluchzen in der Kehle stieß, und ich nicht die Hand vor den Augen sah vor lauter Tränen. Dann ging ich rasch weg. Bei Tante Frieda brannte wieder die Lampe, als ich vorüberging; ich zauderte ein wenig, eine Sekunde schwankte ich, ob ich hineingehen sollte, aber ich unterdrückte den Wunsch. Wozu?! Es wäre ein trauriges Wiedersehen gewesen; Geschehenes ist nicht ungeschehen zu machen, und sie verflucht mich ja auch und hätte mir womöglich die Türe gewiesen.

Ich eilte ins Wirtshaus zurück, um so rasch wie möglich fortzukommen. Weder von Lene noch von Meinert war zu erwarten, daß sie schwiegen, und in ein paar Stunden konnte das ganze Nest von meiner Anwesenheit wissen, und dann konnte ich mir vergewärtigen, daß die Wirtin mich mitsamt meinen Sachen hinausschmiß, weil man »so 'n Frauenzimmer« doch nicht in die Betten haben kann.

Um halb neun fuhr ich ab und fuhr die Nacht durch und war früh in Berlin. Wie ich in meinen gemütlichen Räumen wieder anlangte, atmete ich auf, und es war alles wie ein Spuk, ein alpdruckschwerer Traum, diese traurige Reise im Oktobernebel zu den Toten. Aber Tage, ja Wochen vergingen, ehe Meinerts höhnische Fratze mich verließ, und ich an meine letzte Heimkehr denken konnte, ohne daß die Erinnerung an jene fürchterliche Viertelstunde im Bureau des Justizrats mir die Galle ins Blut trieb. Jetzt bin ich ruhiger.

Nur eine stille Wehmut ist in mir zurückgeblieben. Manchmal meine ich, ich hätte Vater jetzt erst wiedergefunden. Dem Lebenden war ich entfremdet, der Tote gehört mir ganz.

Wer weiß wie lange – – –

Ich möchte fromm werden, nur um an ein Wiedersehen zu glauben . . .


* * *


April 1901.


Ich fange nachgerade an, mich in das spießbürgerliche Milieu, in das ich als »Privatière« eigentlich gehöre, hineinzuleben . . . Was man nicht alles mit ein paar tausend Meter Draht haben kann. Das hätte ich früher wissen sollen. Wenn's gut geht, werde ich noch mal dekoriert und komme in die Woche. Singular. Mit dem Plural ist es wohl endgültig aus.

Es ist schön, Geld zu haben. Man kann so viel Freude damit machen. Ich selber hab's ja nicht nötig. Mein Graf gibt mir reichlich, was ich brauche, und Julius und D . . . machen sich dito ein Vergnügen daraus, mir meine eventuellen Extrawünsche prompt zu erfüllen. Aber andere Leute brauchen so notwendig etwas Kleingeld.

Ich brauche nur die Augen aufzumachen. So viel Elend und Kummer und Armut sind auf der Welt, und es gibt wahrlich keinen schöneren Luxus, als den, mit geschlossenen Augen und offenen Händen wahllos auszustreuen unter den Ärmsten der Armen.

Meine schlechten Erfahrungen habe ich freilich auch gemacht. Der weißen Doris bot ich die Stelle als Wirtschafterin bei mir an, sie kam auch, und ich hoffte, daß sie sich recht wohl und heimisch bei mir fühlen würde. Ich gab ihr reichlich Lohn und ein gutes Zimmer und viel Geschenke, und abends saßen wir in meinem Wohnzimmer recht gemütlich beisammen und plauderten. Aber sie hielt nur zwei Monate aus. Eines Sonntags abends ging sie fort und kam nicht wieder nach Hause. Am Montag schrieb sie mir, daß sie ihre Sachen abholen lasse. Sie hatte einen alten Schatz im Ballhause gefunden und war mit ihm gegangen, und sie schrieb, daß sie es ja gut bei mir gehabt hätte und mir ein dankbares Andenken bewahre, aber sie nehme doch lieber wieder eine Stelle als Kellnerin an. Zweimal hatte ich noch eine Bekannte von früher; die eine stahl, was los und fest war, die andere schleppte mir, nachdem sie sich sechs Wochen brav gehalten hatte, nachts Kerle mit in die Wohnung, und einmal traf ich mittags ihren Schatz, einen ganz verkommenen Louis, in der Küche, da konnte ich sie natürlich nicht behalten.

Durch die Wohltätigkeit bin ich nun in einen ganz anderen Verkehrskreis geraten. Meine Waschfrau war nämlich in Wochen gekommen und hatte das Kindbettfieber, und ich besuchte sie, fand entsetzliche Armut, tat, was ich konnte und nahm die beiden kleinen Würmer, die da hilflos umherkreuchten, einstweilen mit und behielt sie bei mir. Eines Tages besuchte mich eine Diakonisse, die wohl sehen wollte, ob die Kinder bei mir gut aufgehoben waren, und als sie hörte, daß ich kleine Kinder sehr gern habe, meinte sie, ob ich nicht dem neuorganisierten Frauenverein für Säuglingsfürsorge beitreten möchte. Ich sagte nicht ja, nicht nein, aber etwa vierzehn Tage später kam eine Dame zu mir mit einer Liste und bat um einen Beitrag und erklärte mir, daß es sich um eine neue Sache handle, nämlich um die Sorge für uneheliche Mütter und deren Kinder. Ich fand das so schön, daß ich gleich hundert Mark zeichnete, worüber die Dame augenscheinlich sehr erfreut war und sich nun vorstellte und ganz warm wurde. Eine Frau Doktor S . . ., eine recht liebe Dame, sie fragte mich natürlich auch unter der Hand ein bißchen neugierig aus, und erfuhr von mir, daß ich Witwe bin, gar keinen Verkehr unterhalte und sehr zurückgezogen lebe. Sie meinte, ob ich nicht Freude daran hätte, meine überflüssige Zeit in den Dienst einer guten Sache, wie diese, zu stellen. Das Feld der Wohltätigkeit sei so weit, und man brauche, um es wirksam zu bebauen, viele willige Hilfskräfte. Ich antwortete ausweichend, aber die Frau Doktor muß wohl geplaudert haben, denn in der nächsten Zeit kamen öfters Damen mit Sammellisten und Billetten für Wohltätigkeitsgeschichten und einige davon machten sich ganz familiär bekannt mit mir und forderten mich auf, Mitglied ihres Vereins zu werden, und schließlich ließ ich mich wirklich breitschlagen und ging mal hin zu einer Versammlung. Und seitdem bin ich nun mitten drin. Ohne mein Zutun muß sich die Mär verbreitet haben, ich sei eine reiche, wohltätige Dame, denn ich werde überall mit offenen Armen empfangen und sogar etwas hofiert, und in einem Verein bin ich kürzlich als Vorstandsmitglied vorgeschlagen und werde in der Generalversammlung wohl angenommen werden. So kann der Mensch heutzutage, ohne einen Finger zu rühren, avancieren, wenn er nur etwas überflüssiges Kleingeld oder noch besser ein paar überflüssige blaue Zettel im Portemonnaie hat. Das Portemonnaie macht wirklich den Menschen.

Mein Graf, den ich natürlich, ehe ich so etwas beginne, immer erst um seine Meinung frage, hat nichts dagegen, nur warnte er mich, nicht allzusehr hervorzutreten. Das fällt mir natürlich auch nicht ein, aber ich werde gegen meinen Willen in den Vordergrund gedrängt.

Dadurch habe ich nun eine Reihe neuer Bekanntschaften gemacht, die, weil es gebildete Damen sind mit tadellosen Umgangsformen, eigentlich besser zu mir passen, als meine früheren Bekannten von der Friedrichstraße und Umgegend. Aber ob diese feinen, anständigen Damen moralisch so turmhoch über die andere Welt, die sie so spöttisch die halbe nennen, hinausragen, möchte ich noch stark bezweifeln. Ich denke dabei nicht an das, was im allgemeinen Sinne gewöhnlich als Moral gilt. Nach meiner Ansicht umfaßt das Wort Moral einen universellen Begriff aller schönen menschlichen Eigenschaften, und nicht nur den kleinen Ausschnitt, der das geschlechtliche Leben der einzelnen observiert. Außer der groben und eigentlich mehr äußerlichen Moral, die sich die Menschen gezimmert haben, gibt es doch noch eine feine Moral der Seele, die mit der anderen gar nichts gemein hat. Man kann sehr wohl mit beiden Füßen durch Schlamm und Schmutz waten und seine Seele klar und rein halten, und kann eine äußerlich hochgeachtete »ehrbare« Frau und doch durch und durch unanständig sein, weil niedrige Gesinnung, Kleinlichkeit und innere Gemeinheit Seele und Denkungsart versauen und verpesten.

Nie habe ich z. B. früher von »so einer« gehört, daß sie so schandhaft über ihresgleichen lästert, wie z. B. die Frau Dr. Th . . . über ihre Feindin, die Frau Rechtsanwalt Z . . . Wenn »so eine« sich mal ereifert, da ist es schon mehr wie das Prusten vom großen Nilpferd im Zoo, es klingt nicht fein, aber es schadet niemand, man lacht höchstens darüber, aber wenn solche Dame niederträchtig sein will, das ist wie ein Schlangenstich, lautlos und tödlich . . . O Gott, haben diese Weiber aus Berlin W., die in Großmut und Wohltun machen, teilweise Zungen!!! –

Ich könnte Stücke verplaudern, aber meine Zeit und mein Buch sind mir zu schade dafür.

Na, und dies Wohltun! Schweigen und denken tut niemand kränken. Ich denke mein Teil. Diese Wohltätigkeitsvorstellungen sind ja die reine Landplage. Wer dreißig Billette kauft und bezahlt, wird Ehrenmitglied des Vereins, und wer hundert Billette bezahlt, kriegt einen Orden. Dabei geben die Matadorinnen der Wohltätigkeit selbst meist keinen roten Heller dazu, sie hängen nur anderen ihre Billette auf und tun das Reden – – – Schwamm drüber.

Im Februar verkaufte ich auf einem Basar Lose und wurde alle reißend los. Die jungen Mädchen waren alle neidisch. Das belustigte mich; wenn ich es drauf anlege, will ich mich verpflichten, sie noch alle auszustechen, diese mehr oder minder hübschen jungen Gänse. Ich fürchte mich nur immer, einem früheren Bekannten wieder zu begegnen. Bis jetzt ging es gut. Der Graf teilt meine Befürchtung und rät mir immer wieder, mich zurückzuhalten.

Mein Graf schenkte mir neulich einen feenhaften Jupon zu dreihundert Mark; weiße Seide mit gelben Spitzeninkrusterien, ein kleines Kunstwerk, und gut genug für eine Königin. Ich freute mich kindisch darüber, aber als ich mich acht Tage lang daran gefreut hatte, überlegte ich, daß man für das Geld, was so 'n Ding kostet, doch viel Gutes tun kann, und kurz und gut, ich verklopfte ihn an meine Schneiderin für hundertundzwanzig Mark und die verkaufte ihn wieder einer Kundin mit dreißig Mark Verdienst, und die hundertundzwanzig Märker hab' ich der geschiedenen Schutzmannsfrau im Hofe geschenkt. Dafür kaufte die sich eine Nähmaschine und läßt ihren lahmen Jungen, der kaum auf seinen nach innen gekrümmten Füßen gehen kann, operieren, wozu ich natürlich zuschießen muß.

Als der Graf gestern fragte, ob ich den Jupon schon mal angehabt hätte, beichtete ich ihm. Er war nicht böse, meinte aber, das sei doch töricht von mir, denn auf diese Weise hätten wir hundertundfünfzig Mark weggeworfen. Das ist wahr. Wenn ich künftig so was vorhabe, will ich mir doch lieber das Geld geben lassen.


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September.


Mein Graf wollte mich diesen Sommer um sich behalten. Wir waren wieder eine Zeitlang auf seinem Schloß in Schlesien, und dann fuhr ich mit ihm nach Holstein und wohnte in Gremsmühlen, während er auf einem Gute bei Plön war. Im Hotel waren viele Hamburger, aber meist spießbürgerliche Leute, und keine Bekannten von früher. Nur zu allerletzt traf ich eine Frau aus Borgfelde, deren Schwester auf der Uhlenhorst wohnt, und diese Schwester, die auch ein paar Tage in Gremsmühlen war, kennt Ludwig und seine Frau, aber sie wußte nicht viel von ihnen. Kinder haben sie nicht.

Ich lernte dort einen netten älteren Herrn aus Altona kennen, einen Regierungsrat a. D., und später auch seinen Neffen, einen sehr schneidigen, noch ganz jugendlichen Hauptmann. Wir machten zusammen öfters Partien in der Umgegend, die wirklich reizend ist, und suchten alle Plätze auf, die in Voß' »Luise« vorkommen. Anfang August fuhren die Herren nach Zoppot, und sie forderten mich auf, mitzukommen, was ich nur allzu gern tat, da auch Julius mit seiner Familie dort im August ist. Es traf sich so glücklich, daß der Graf im August mit einem Freund nach dem Rhein mußte, um dort ein Besitztum, das dieser kaufen wollte, zu besichtigen, und so konnte ich hinfahren, wohin ich wollte.

Wir nahmen zusammen im Kurhaus Wohnung. Julius wohnte mit seiner Familie in einer Villa im Ort. Schon in den nächsten Tagen traf ich sie am Strande. Ich hatte seine Frau nur einmal vorher gesehen, vor Jahren im Apollotheater, und da sah sie so blaß und leidend und unbedeutend aus; ich erkannte sie nicht wieder, eine so hübsche, elegante Frau ist sie. Das gab mir einen Stich durchs Herz, denn nun verstehe ich, warum er mir nichts als freundschaftliche Gefühle geben kann. Wenn ich ihn an der Seite der anmutigen Frau, und die beiden umgeben von ihren Kindern – wovon die älteste ein bildschönes Mädel ist – sah, war mein Herz voll Neid, Groll und Bitterkeit, und ich mußte mir Gewalt antun, um meine Empfindungen nicht zu verraten. Ich reiste deshalb auch schon Mitte August wieder ab und habe hier in Berlin wieder meine Vereinstätigkeit aufgenommen und war vorige Woche auf einem Gartenfest bei einer Baronin L . . . . zum Besten der mutterlosen Säuglinge, und verkaufte Rosen.

»Sie sind ja noch wie ein junges Mädchen, liebe Frau Osdorff,« sagte die alte Dame, die sich übrigens dadurch auszeichnet, daß sie keine Similiwohltätigkeit ausübt, sondern wirklich große Summen ausgibt. »Von Ihnen werden die Herren schon Rosen kaufen – –«

Na, daran lag es denn auch nicht. Ich bekam zehn und zwanzig Mark für jeden Stengel und konnte einen ansehnlichen Batzen abliefern. –

Mein kleines Kapital ist schon stark zusammengeschmolzen. Macht nichts.


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Dezember 1901.


Wenn ich Freude oder Schmerz empfinde, bist du meine Freundin, zu der es mich hinzieht, Geliebtes. Ich bin sehr krank. Ich fürchte, es geht bergab mit mir. Im November hatte ich Blutbrechen. Ich bin so einsam und verlassen. Oft wandere ich stundenlang von einem Zimmer in das andere und möchte immerlos weinen. D. kommt sehr selten mehr. Ich hörte zufällig, er poussiert eine reiche Witwe vom Kurfürstendamm. Ja freilich . . .

Alles nimmt mal ein Ende. Und trotzdem habe ich eine wahnsinnige Angst vorm Sterben, vor der langen Nacht in Grabesenge . . .


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18. März 1902.


Ja, mein Geliebtes, da sind wir wieder auf dem Eingangspunkte angelangt. Das Leben ist ein ewiger Kreislauf. Immer in der Runde. So rum, so rum. Mit meinen feinen Damenbekanntschaften ist es nun Essig geworden. Und das kam so: Ich war im Februar eines Abends zum Tee eingeladen bei der Frau Dr. K . . . ., die ich vom Verein her kenne, und wie wir schon alle da sind, kommt noch ein Brautpaar, Frau K.s Bruder mit seiner Braut, einem jungen, nüchternen Ding, und der Bräutigam auch so 'n junger Kerl von fünf-, sechsundzwanzig Jahren. Ich kann mich nicht entsinnen, ihn früher je gesehen zu haben, aber ich merkte sofort, daß er mich kannte, denn er stutzte zurück und klemmte sein Monocle ein und starrte mich unverschämt an. Und wie nachher musiziert wurde, drängt er sich an mich heran und flüstert mir mit einem Blick, der wohl vernichtend sein sollte, zu: »Wie kommen Sie hierher, Thymian?«

Ich sah ihn hochmütig an. »Was wünschen Sie?« fragte ich.

»Ach was, verstellen Sie sich doch nicht,« sagte er brüsk. »Ich habe Sie früher oft genug im Café Keck und National getroffen.«

Ich wandte ihm den Rücken, aber mir war trotzdem nicht wohl dabei. Ich wußte, daß er mich unmöglich machte, wenn er plauderte. Nach einer Weile steht er plötzlich wieder hinter mir und raunt mir zu: »Mein Freund Abraham kann jeden Augenblick kommen. Der kennt Sie auch. Ich will durchaus nicht, daß er Sie hier bei meiner Schwester antrifft. Richten Sie sich, bitte, danach.«

Ich hätte den unverschämten Judenbengel erdolchen können. »Sie irren sich,« sagte ich, aber er schnitt mir das Wort ab.

»Machen Sie keine Wippchen, Thymian. Wenn mein Schwager wüßte, wen er hier zu Gast hat, könnten Sie sich freuen. Und wenn Sie sich nicht freiwillig zurückziehen . . .«

Ich hörte die Drohung aus seinen letzten, zwischen den Zähnen gemurmelten Worten, und ich war nicht im Zweifel, daß er sie wahr machen würde. Was blieb mir übrig, als das Feld zu räumen, wollte ich es nicht auf einen Skandal ankommen lassen. Aber es hat mich furchtbar gegiftet. Ich habe die Nacht kein Auge geschlossen.

Ein paar Tage darauf erhielt ich ein Schreiben vom Vorstand unseres Vereins, in dem ich ohne Angabe von Gründen höflich, aber sehr bestimmt ersucht wurde, mein Amt als Vorstandsdame freiwillig niederzulegen . . .

Da wußte ich genug. Der freche Judenjunge hat nicht den Mund gehalten, und ich bin abgetan in diesem Kreis, ein für allemal unmöglich. Wenn ich Israeli als Judenjunge bezeichne, will ich damit nicht sagen, daß man bei einem Juden überhaupt solche Frechheiten und Unverschämtheiten voraussetzen kann. Ich habe im Gegenteil gerade von Juden immer ein chevalereskes Verhalten konstatieren können. Julius' Eltern waren ja auch Juden, aber I. gehört zu jenen Exemplaren, die durch ihre Arroganz und Flegelhaftigkeit den Antisemitismus rechtfertigen.

Die Affäre hat mich mehr mitgenommen, als sie eigentlich wert war. Ich bekam vor Aufregung und Ärger einen Blutsturz und mußte vierzehn Tage liegen.

Julius und mein Graf sagen beide dasselbe: sie hätten vorausgesehen, daß es so kommen würde, und es sei überhaupt ein Wunder, daß es so lange gut gegangen sei, ich sei eine viel zu markante Erscheinung, als daß ich unbemerkt in der Menge untertauchen könnte.

Im Grunde liegt ja auch nichts daran. Ich habe nicht allzuviel daran verloren. Richtig befreunden hätte ich mich mit diesen Damen doch nicht können. Und wenn ich Wohltätigkeit üben will, weiß ich andere Wege, auf denen ich es kann, ohne diese Vereinsmeierei. Aber schrecklich unangenehm ist es mir doch; ich geniere mich, den Frauen zu begegnen. Man sollte wirklich unverfrorener sein.

D . . . kommt wieder öfter. Die Poussage mit der Witwe ist im Sande verlaufen. Er bedauert immer, daß er mich nicht heiraten kann. Ich setze in Gedanken dann jedesmal hinzu: Warum nicht? und muß im stillen lächeln.

Wie klein sind doch die Menschen. Wie eng sind ihre Seelenkammern und wie beschränkt ihre Ansichten! Sie rennen immer mit den Köpfen gegen das hölzerne Plankwerk ihrer gesellschaftlichen Rücksichten und ihrer eigenen stocksteifen Vorurteile, mit denen sie sich selber umgeben haben; und anstatt frisch und couragiert die Planke zu überspringen und sich keck das Glück jenseits der Grenze zu holen, drücken sie sich scheu an der Mauer entlang und schielen seufzend durch die Breschen nach dem »Unerreichbaren«, »Unmöglichen« . . .


* * *


12. Juni.


Der Mensch denkt, und die Götter lenken.

Julius mußte Anfang Mai nach Basel, und da er sehr überanstrengt und nervös ist, wollte er die Gelegenheit benutzen und sich ein paar Wochen ausspannen, zumal er jetzt einen tüchtigen Assistenten zur Vertretung da hat. Er wollte mich mitnehmen und ich freute mich grenzenlos, mal einige Wochen lang ihn ganz für mich zu haben. Ich war ganz selig in der Aussicht. Dem Grafen erzählte ich, daß ich zu einer Freundin nach Dresden fahre, was ich nebenbei auch beabsichtigte. Ich freue mich nämlich sehr, daß es Emmy und ihrem Schani so gut geht; sie haben im vorigen Jahr pünktlich die Zinsen bezahlt und schreiben immer so dankbar und vergnügt.

Ich war schon mächtig am Packen – es war Dienstag und Freitag wollten wir abfahren –, als ich plötzlich ans Telephon gerufen werde. Eine fremde Stimme ruft mich an, ich soll gleich in die Behrenstraße zum Grafen kommen, er wünsche mich zu sprechen. Mir fuhr gleich der Schreck in die Glieder, denn ich dachte sofort, daß es sich um etwas Besonderes handelt, sonst läßt er mich doch nicht in seine Wohnung kommen, ich war überhaupt erst einmal da.

Natürlich ging ich sofort hin und fand ihn krank.

Er hatte entsetzliche Ischiasschmerzen und war auch sonst nicht recht wohl, und nun wollte er, daß ich tagsüber bei ihm bleibe und ihn pflege und ihm Gesellschaft leiste.

Was sollte ich machen? Nein sagen durfte ich nicht und hätte ich auch ohnehin nicht getan, denn das wäre eine Gemeinheit ohnegleichen gewesen, wo er so viel für mich tut. Ich tröstete mich anfangs mit der Hoffnung, daß er wohl in einigen Tagen besser sein werde und ich dann Julius nachreisen könne, aber sein Zustand verschlechterte sich von Tag zu Tag.

Zuerst war mir der Gedanke, daß meine ganze Reise, auf die ich mich so unendlich gefreut hatte, ins Wasser fallen sollte, unerträglich, und ich habe geheult wie ein kleines Kind, aber nach und nach fand ich mich doch drein. Und dann war es mir fast angenehm, daß ich meinem alten Freund dieses Opfer bringen konnte. Das Bewußtsein befriedigte mich unendlich, und es machte mich fast glücklich, daß ihm meine Nähe offenbar angenehm und ich ihm gewissermaßen unentbehrlich war.

»Das sind weiche pflegende Hände,« sagte der alte Sanitätsrat, der ihn behandelte, einmal galant, indem er meine Hände in die seinen nahm und sie betrachtete, »sanfte, zarte Frauenhände, wie diese, sind die besten Assistenten des Arztes.«

Es war aber doch eine schauderhafte Zeit. Der alte Herr hatte grauenhafte Schmerzen und abends hohes Fieber; mehrere Male bin ich des Nachts dageblieben. Furchtbar ist es, jemand so leiden zu sehen und daneben sitzen und nicht helfen können. In solchen Augenblicken wird man sich so recht seiner deprimierenden Ohnmacht als Mensch bewußt, man kommt sich vor wie eine Marionette, Wünsche und Wille sind nichts als Drähte in unsichtbaren Händen. Das Sklavenhafte des Menschtums wird einem bewußt. Auch kein Atomchen Macht ist einem mitgegeben. Dem Schicksal gegenüber haben wir nur Pflichten, keine Rechte.

Ein paar Tage und Nächte war ich auf das Schlimmste vorbereitet. Nach einer bösen Nacht, als mein alter Freund aus einem kurzen, unruhigen Schlummer erwachte, nahm er meine Hand und drückte sie und sagte, daß er für mich gesorgt habe, und wenn ihm etwas ankäme, sei meine Existenz doch gesichert. Aber ich möchte ihm eins versprechen: nicht wieder in das unordentliche Leben von früher zurückzukehren . . .

Ich bin keine Seelenchirurgin, daß ich meine eigenen Empfindungen immer zerlegen und analysieren könnte, und in dem Augenblick war auch wieder so ein unklares, verworrenes Durcheinander von Stimmungen und Gefühlen in mir. Ich empfand seine Bitte und seinen Wunsch als etwas tief Deprimierendes und konnte ihm doch keinen Vorwurf deshalb machen, weil ich tatsächlich sein Vertrauen einmal täuschte . . . das heißt . . . Vertrauen? – – – Nein . . . Gerade, weil er mir doch nie ganz vertraute – – – na, einerlei . . . Aber das kann ich heilig beschwören, daß ich in der Zeit nicht ein einziges Mal daran dachte, was werden sollte, und was werden könnte, wenn mein alter Freund sterben sollte. Denn in diesen bangen Stunden und Tagen zitterte ich für sein Leben. Ich habe ihn nie geliebt, wie ein Weib den Mann liebt, aber meine heiße Dankbarkeit hat eine Art töchterlicher Zärtlichkeit in mir erweckt, und ich will verdammt und verflucht sein, wenn mich ein unsauberer Hinter- und Nebengedanke leitete, als ich ihn pflegte.

Als er besser wurde, ließ er mich gar nicht mehr von sich. Den Herren, die ihn hin und wieder besuchten, stellte er mich als seine Nichte und Pflegerin, Frau von Osdorff vor, und ich wurde natürlich von allen mit großer Achtung und Ehrerbietung behandelt. Nach acht Tagen, gerade an dem Tage, wo Julius von seiner Reise wieder zurückkehrte, machten wir die erste Ausfahrt in den Tiergarten und übernächste Woche reisen wir nach Wiesbaden. Auch ein vergnüglicher Aufenthalt bei der Hitze. Aber ich freue mich vor allen Dingen, daß ich meinen alten Herrn behalte; seine Krankheit und mein Pflegerinnenamt haben ihn mir eigentlich erst wieder recht lieb und teuer gemacht. Ich habe das Gefühl, daß wir beide zueinander gehören und das ist schon viel, wenn man so allein steht in der Welt wie ich. Julius meint, der Aufenthalt in Wiesbaden würde mir auch gut sein. Ich huste noch immer. Eigentlich fehlt mir jetzt nichts, aber zuweilen bin ich so unsagbar matt und abgespannt. Ich schreibe das den vielen Nachtwachen während der letzten Wochen zu.


* * *


1. September.


Seit zwei Wochen sind wir wieder in Berlin. Die Kur in Wiesbaden ist meinem Grafen sehr gut bekommen, er ist wieder ganz flink auf den Beinen, aber mein Husten hat sich immer noch nicht gebessert. Der Wiesbadener Arzt riet mir, noch ein paar Wochen nach Schlangenbad zu gehen, und der Graf bestand darauf, daß ich es tat. Ein scheußlich langweiliges Nest, dieses Schlangenbad. Ich nehm' auf Anraten des Arztes täglich in der Mittagsstunde Sonnenbäder. Ich glaube, ich bin total blutarm. Das ist meine Hauptkrankheit. Da in Schl. traf ich endlich einmal Bekannte von früher, nämlich die Amma aus Hannover. Sie ist jetzt in Leipzig und verdient, wie sie sagt, kolossal viel Geld, hatte dieses Frühjahr aber das Pech, einen Hautausschlag zu bekommen. Nun ist sie schon überall herum bei den berühmtesten Spezialitäten, und es ist auch ziemlich wieder gut, im Gesicht wenigstens ist sie wieder ganz glatt, und sie nimmt Schlangenbad als Nachkur, da es sehr gut für den Teint sein soll. Ihre Wirtin war mit ihr dort. Von Amma erfuhr ich, daß die Kindermann in Leipzig-Gohlis als Rentiere lebt und Heiraten vermittelt. Auf ihre alten Tage ist sie solide geworden und wirbt für Hymen. Ich möchte sie wohl mal wiedersehen und habe ernstlich vor, noch diesen Monat, wo ich Emmy besuchen will, auch einen Abstecher nach Leipzig zu machen. Die Amma ist noch die alte, womöglich noch hagerer als früher. Ich verstehe wirklich nicht, daß die noch immer zahlungsfähige Kunden findet; ihr Gesicht hat einen recht gemeinen Ausdruck, man sieht sofort, was sie ist, trotz ihrer großen und tatsächlich geschmackvollen Toilette. Die Wirtin war auch ein fürchterlich gemeines Weib. Die ist jahrelang in Leipzig im »Grünen Affen« gewesen; ist später kreuz und quer durch ganz Europa herumgerutscht und schließlich wieder in Leipzig gelandet. Die Sächsinnen scheinen alle von einem großen Patriotismus erfüllt, denn es zieht sie immer wieder nach ihrem geliebten Sachsen zurück, trotz der rigorosen Sittenpolizei ihres Vaterlandes. Ich komme nicht mehr richtig ins Fahrwasser mit meinen früheren Kolleginnen. Ich bin weit entfernt, mich über sie erheben zu wollen, aber die zotigen Redensarten und überhaupt die ungenierten Erörterungen dieser Cochonnerien ekeln mich direkt an und stoßen mich ab. Ich weiß wohl, wenn man dazwischen ist, ist man abgestumpft, es ist dann gerade so, als wenn man eine Kokaineinspritzung vom Arzt an irgendeiner Körperstelle bekommen hat, die die betreffende Stelle unempfindlich macht; man denkt gar nicht mehr daran, daß die geschlechtlichen Verhältnisse eigentlich Punkte sind, über die zu sprechen im gewöhnlichen, bürgerlichen und gesellschaftlichen Leben verpönt ist. Aber jetzt kann ich es nicht mehr, und ich würde auch ein solches Leben nicht mehr ertragen können, sondern mich lieber aufhängen.


* * *


27. September.


Ich habe meine Absicht ausgeführt und eine kleine Rundreise gemacht, und es tut mir nicht leid, obwohl mein Husten sich wieder, wahrscheinlich infolge eines starken Zuges, den ich im Coupé bekam, fast bis zur Unerträglichkeit verschlimmert hat. Die vorletzte Nacht habe ich nicht vor Husten schlafen können, und ich hab' so viel Schmerzen und Seitenstechen dabei, daß ich wirklich schon Angst hatte, es könnte wieder Lungenentzündung geben, heute fühle ich mich gottlob bedeutend besser. Also ich war zuerst bei Emmy oder, wie sie jetzt heißt, Frau Häusling. Ich überzeugte mich, daß es ihr sehr gut geht, und das freut mich außerordentlich. Sie hatten mich so viel eingeladen, sie doch mal zu besuchen, und ich wurde mit großer Herzlichkeit von beiden aufgenommen. Sie sind soweit ganz zufrieden miteinander, nur ist Emmy furchtbar eifersüchtig auf ihren Schani. Sie haben ein kleines feines Restaurant in der Altstadt und verschenken nur Wein und echte Biere. Emmy macht sich recht behäbig als Wirtin, sie hat sich in dem Jährchen sehr verändert, was mir Spaß machte. In der Küche und im Haushalt führt sie ein strenges Regiment über die Dienstboten, ihren Koch hat sie kurzerhand herausgeschmissen, weil er mit einem Küchenmädchen karessierte, wie sie überhaupt plötzlich sehr moralisch geworden ist, und durchaus kein Verhältnis zwischen ihren Angestellten duldet. Das kann ja nun auch jeder machen, wie er will, und ich glaube wohl, daß es unbedingt notwendig ist, in dieser Hinsicht unter dem Personal auf Ordnung zu halten, wenigstens im Hause. Aber Emmy skandalisierte auch mit dem Oberkellner, weil sie gehört hatte, daß er außer dem Hause ein »verhältnismäßiges« Leben führt, und dazu hatte sie, wie ich ihr auch sagte, nach meiner Ansicht absolut keine Berechtigung. Wirklich geärgert aber hat mich ein Auftritt. Wir saßen so gegen zehn im Lokal und tranken noch eine Flasche Wein, Emmy, ein Freund ihres Mannes und ich. Kommt da eine Dame herein, setzt sich an einen Tisch und bestellt sich ein Dutzend Austern und eine halbe Flasche Wein.

Ich sah ja auch sofort, daß sie zur Zunft gehörte, und zwar nicht zu den oberen Vierhundert, sie war scheußlich aufgetakelt und ordinär geschminkt.

Emmy hatte das Mädel kaum ins Auge gefaßt, als sie auffuhr, auf sie zurauschte und ihr ein paar Worte ins Ohr zischte. Die Person sah sich ratlos um, lächelte verlegen, erwiderte etwas, wurde aber von Emmy kurz abgefertigt. In diesem Augenblick kam der Kellner mit der Platte Austern und dem Wein. Emmy winkte ihm, worauf er grinsend mit den Sachen den Rückzug zum Büfett antrat, während das Mädchen aufstand und ging.

Emmy schimpfte dann noch eine Weile mit dem Kellner und kehrte, noch ganz aufgelöst in sittlicher Entrüstung, an unseren Tisch zurück.

»Wirklich eine Unverschämtheit von dem Gesindel,« sagte sie, und schnappte vor Eifer und Empörung nach Luft.

»Ja, was war denn?« erkundigte ich mich.

»Sahst du denn das nicht?« sagte sie. »So 'n Luder von der Straße. Kommt mir nichts dir nichts in ein anständiges Lokal und will hier wahrscheinlich Kundschaft angeln. So 'n Beest.«

»Aber sie saß doch ganz ruhig da und kam niemand zu nahe,« wandte ich ein.

»Ganz einerlei. So eine jagt mir die anständige Kundschaft aus dem Lokal. Was meinst du, wenn zum Beispiel Exzellenz Geheimrat von drüben gerade mit seinen Damen zum Schoppen gekommen war, was öfters abends geschieht, und so 'n Frauenzimmer da sieht . . . Nee, das gibt's nicht, da wird nicht lange gefackelt. Der Schani ist auch so 'n alter Schafskopf, und sieht mal durch die Finger, aber ich nicht! Ich nicht!«

Ich konnte nicht gut etwas sagen, weil der fremde Herr dabeisaß, aber ich ärgerte mich wütend über so eine verfluchte Unduldsamkeit. Als wir nachher allein waren, konnte ich mich nicht enthalten, nochmals darauf zurückzukommen.

»Du Emmy, was meinst du wohl,« sagte ich. »Wenn uns früher jemand so mir nichts dir nichts aus dem Lokal geschmissen hätte? Offen gestanden, daß du so intolerant bist, verstehe ich nicht . . .«

Da sah sie mich groß an und war offenbar sehr unangenehm berührt, daß ich sie an die Vergangenheit erinnerte

»Was war, das war,« sagte sie kurz. »Für das Gewesene gibt der Jude nichts. Jetzt bin ich eine anständige verheiratete Frau und halte auf Reputation, besonders im Geschäft. Übrigens habe ich mich nie so straßelang herumgetrieben, wie die Sorte.«

Ich hielt es für verlorene Liebesmüh', mich mit ihr herumzustreiten. Merkwürdig und interessant, wie gedächtnisschwach die Menschen meistens in puncto dessen sind, woran sie sich nicht gern erinnern.

Von Dresden fuhr ich nach Leipzig, um die Kindermann aufzusuchen. Sie wohnt richtig in Gohlis und zwar im Parterre eines hübschen, villenartigen Hauses und ist sehr nett eingerichtet. Sie erkannte mich sofort und war sichtlich erfreut über das Wiedersehen. Hat die sich aber verändert. Sie ist schrecklich zugealtert und hat furchtbar scharfe und strenge Züge bekommen.

»Na, daß Sie Ihren Weg gemacht haben, das seh' ich Ihnen an, Thymian,« sagte sie, »da brauche ich gar nicht erst lange zu fragen. Aber angegriffen sehen Sie aus, Kind. Sie sollten jetzt bald sehen, daß Sie unter Dach kommen. Bis zu dreißig Jahren geht's ja, aber länger soll man nicht machen, sonst ist man für den Lebensrest eine Ruine. Haben Sie sich was erspart?«

Ich sagte ihr, daß ich verheiratet gewesen bin, und einen alten reichen Freund habe, der für mich sorgt, und sie nickte beifällig und lächelte verschmitzt.

»Ja, ja. Ich wußte, daß Sie vorwärts kommen, und wo die Kindermann Sie angelernt hat . . .,« sagte sie, »aber ich würde Ihnen doch raten, wieder zu heiraten. Mit den alten Herren ist das so so. Sie versprechen meistens das Blaue vom Himmel herunter, aber wenn sie sterben und nichts Schriftliches gemacht haben, was denn? Da hat man das Nachsehen. Das Klügste ist, zur rechten Zeit abzubrechen und sich eine anständige Abfindungssumme geben zu lassen und dann zu heiraten. Wenn Sie z. B. nur dreißigtausend Mark bar hätten, könnte ich Ihnen eine famose Partie verschaffen.«

»So viel habe ich nicht,« sagte ich.

»Aber Sie könnten leicht so viel bekommen, wenn Ihr Freund reich ist und eine hohe Stellung bekleidet. Sie brauchen nur einen Streit vom Zaune zu brechen und aus lauter Angst, daß Sie Skandal schlagen, gibt er Ihnen was Sie wollen. Wenn Sie's gescheit anfangen, kriegen Sie fünfzigtausend heraus und noch mehr. Ich hätte mehrere Herren, die sich für Sie eigneten, einen Musikdirektor mit siebentausend Mark Einkommen und einen Buchhändler, der medizinische Werke verlegt, und einen Kunsthändler. Oder, wenn Sie Wert auf akademische Bildung legen, einen Oberlehrer; auch 'n Arzt, aber der will achtzigtausend mithaben. Lauter ansehnliche nette Herren zwischen fünfunddreißig und fünfzig. Der Arzt ist Jude, die andern sind evangelisch.«

Ich dankte für das freundliche Anerbieten; aber die K. meinte, ich würde es mir überlegen und ihr doch noch mal wiederkommen.

»Wenn ich Ihren Geschäftsgeist hätte, würde ich auch etwas Selbständiges anfangen,« sagte ich, »mein Leben befriedigt mich so wenig, weil ich keine richtige Beschäftigung habe.«

»Ja leider geht Ihnen der Geschäftssinn aber total ab, liebes Kind,« sagte sie etwas zynisch. »Ich hab's ja immer gesagt: Sie sind zu ideal veranlagt. Und daß Sie mit Ihrer idealen Veranlagung noch so weit durchgekommen sind und nicht längst elend verendet sind, das ist eben Glück und kein Verdienst. Sie ahnen nicht, wie vielseitig die Liebe als Geschäftsartikel ist, und was sich alles aus ihr herausschlagen läßt. Man muß ihr nur die praktischen Seiten abgewinnen. Zuerst habe ich selbst praktisch in der Branche gearbeitet, dann nahm ich die mehr ideale Seite vor, das heißt: erst die Liebe und dann das Geschäftliche und nun umgekehrt: zuerst das Geschäftliche und dann die Liebe. Ein volles Portemonnaie auf der einen und ein netter Titel oder auch nur das Ewig-Männliche auf der anderen Seite, das sind meistens schon genügend starke Magnete, um die Herzen zueinander hinzuziehen.«

Eine merkwürdige Frau, die Kindermann, aber in einer Hinsicht bewundere ich sie. Ihre Elastizität und Unverfrorenheit sind wirklich staunenswert.

Sie ließ mich den Tag nicht mehr weg. Zwischen drei und fünf hat sie ihre Sprechstunden, die an dem Tag aber nur von einem Herrn besucht wurden. Nach dem Mittagessen um sechs, das wie in Hamburg sehr reichlich und gut war, tranken wir in ihrem Wohnzimmer Kaffee. Sie bot mir Zigaretten an, aber wegen des Hustens darf ich nicht rauchen, sie selbst rauchte eine Zigarre und dabei weihte sie mich in die Mysterien ihres Geschäfts ein. Danach werden ihre Dienste meist von Herren und nur ausnahmsweise von Damen in Anspruch genommen. Sie hat eine große Anzahl von Agenten oder sogenannten Gewährsmännern, die fortwährend darauf aus sind, reiche unverheiratete oder verwitwete Damen auszukundschaften. Ihre, der Kindermann, Aufgabe ist es dann, Beziehungen zu diesen Damen zu gewinnen, was ihr bei ihrem Raffinement niemals allzuschwer wird. Wirklich staunenswert muß ihre Erfindungsgabe sein, sich unter irgendeinem Vorwand an wildfremde Leute heranzuschlängeln und ihre Heiratskandidaten einzuführen, aber sie hat, wie sie sagt, gute Erfolge. Das Interessanteste ist die Tatsache, daß die Damen fast in allen Fällen keine Ahnung von der Mache haben und nicht wissen, daß sie, anstatt geheiratet zu »haben«, »verheiratet sind« –. Die K. bekommt 4 bis 10 Prozent von der Mitgift und steht sich famos dabei. »Ich habe in den letzten Jahren so viel legitimes Glück gestiftet, daß meine illegitimen Sünden dagegen vollständig verschwinden,« sagte sie lachend. »Wenn Sie mir aber kommen – Ihnen mache ich's ganz umsonst, aus alter Freundschaft, und ich such' Ihnen nebenbei noch das Schönste und Gediegenste aus, was ich in dem Artikel Mann auf Lager habe . . .«

Die Zeit verging rascher als wir dachten. Sie brachte mich selbst zur Bahn, und ich mußte ihr versprechen, sie nächste Pfingsten auf ein paar Tage zu besuchen, wo wir dann zusammen einen Abstecher in die Sächsische Schweiz machen wollen.

Als ich in meiner Wohnung ankam, war niemand da. Das Mädchen glaubte, ich käme erst mit dem letzten Zug und war ausgegangen. In meinem Wohnzimmer waren die gelben Vorhänge heruntergelassen, und der ganze Raum war voll Blumen. Der Graf hatte Rosen gesandt, und Julius hatte einen Korb mit Lilien geschickt, und D . . . . hatte einen halben Waggon Rosen gestiftet. Überall standen sie umher, in allen Vasen und Jardinièren, auf Tischen und Paneelen und Fensterbrettern und sogar auf dem Fußboden, und strömten einen betäubenden Duft aus, besonders die Lilien. Wie ich mich umsah, legte sich mir eine unheimliche Beklemmung auf die Brust. Ich mußte an eine Totenkammer denken. Ich meinte durch den Blumenduft einen leisen Verwesungsgeruch zu spüren; wahrscheinlich war das Zimmer ein paar Tage nicht gelüftet, und vielleicht kam es, weil die gelben Vorhänge eine so wunderliche Beleuchtung, die wie Kerzenlicht wirkte, schufen . . . Ganz sonderbar. Ich riß rasch die Vorhänge zurück und die Fenster auf; und wie ich den Lärm der Straße hörte, ging es vorüber.


* * *


30. September.


Ich bekomme noch so oft Bettelbriefe, und hab' eigentlich gar nicht viel mehr zu verschenken. Trotzdem tut es mir immer leid, jemand etwas zu verweigern.

Gestern traf ich im Zoologischen die ganze Clique meiner ehemaligen Vereinsschwestern.

Dieses Hohnlächeln auf einigen und die starre, verächtliche Kälte auf anderen Gesichtern, es ist nicht zu sagen. Es lief mir eiskalt über den Rücken, und am liebsten wäre ich in die gackernde Gänseschar hineingefahren und hätte rechts und links um mich geschlagen, daß ihnen die Funken aus den Augen gestoben wären.

Ich ertrage alles, wenn's sein muß, auch ernste, ehrliche Verachtung, aber Hohn ertrage ich nicht.

Verachtung – ja, wenn sie berechtigt ist. Wenn ein armes, schönes Mädchen mit krankem, verbittertem Gemüt allein und verstoßen im Leben steht, wenn sich ihr Versuchungen und Verlockungen von allen Seiten bieten, und sie trotz alledem aus innerer Überzeugung den grauen eintönigen Weg der Entsagung und bürgerlichen Sittenmoral wählt . . ., dann erkenne ich in diesem Mädchen eine Persönlichkeit an, die eine gewisse Berechtigung hat, auf eine Schwächere mit verächtlichem Mitleid herabzusehen. Aber diese Gänse, die unter den Augen ihrer Hirten und Besitzer zeit ihres Lebens auf ebenen grünen Wiesen weideten, haben wahrhaftig kein Recht, über andere, die es nicht so gut hatten, zu hohnlächeln.

Es heißt nicht umsonst in der Bibel: Wer zu seinem Bruder sagt: du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig.

Hohn ist noch schlimmer und schlechter, als Mord und Betrug und Diebstahl und Brandstiftung und schwere tätliche Beleidigung. Er mordet das Heiligste im Menschen. Hohn ist teuflisch.


* * *


Seitdem ich im vorigen Jahr in G . . . . war, hat die Vergangenheit mehrere Male in mein Leben hinein geleuchtet. Zuerst in der Begegnung mit Anna und dann in dem Wiedersehen der Kindermann. Und nun zum drittenmal.

Ich hatte Besorgungen gemacht und bog gerade von der Mauerstraße in die Leipziger, als jemand mich anruft.

»Thymian!«

Ich wende mich um und erkenne in der Dame, die hinter mir steht, meine ehemalige Freundin Grete. Seit damals in Hamburg haben wir uns nicht gesehen und auch nichts mehr voneinander gehört. Wie man so auseinander kommt und einander aus den Augen verliert! . . .

Jünger ist die in den zehn Jahren nun auch nicht gerade geworden, sie ist lange nicht mehr so schlank und so hyperelegant als damals. An anderen sieht man es immer am besten, wie die Zeit läuft, und wie rasch des Lebens Maientage vorübergehn.

»Ich gehe schon eine Weile hinter dir und war meiner Sache nicht recht sicher,« sagte sie froh. »Ich freue mich wirklich. Wohnst du hier in Berlin, oder bist du nur auf Besuch?«

»Ich wohne hier seit Jahren,« sagte ich und erwiderte ihren Händedruck, und dann gingen wir zusammen weiter. Ich wußte nicht recht, ob mich dieses Wiedersehen freute oder ob es mir unangenehm war. Ich hab' sie immer gern leiden mögen, weil sie nicht so kleinlich und engherzig ist, wie die andern, aber andererseits liegen die Verhältnisse nun einmal so verzwickt, und ich verspüre wahrlich keine Lust, mich nochmal von oben herab abwimmeln zu lassen. Jedenfalls konnte ich nicht gleich fortrasen und mußte ihr einstweilen wenigstens Stand halten. Wir gingen zusammen bis Wertheim, wo sie etwas kaufte und dort ins Teezimmer und da erzählte sie mir, daß sie vor acht Jahren einen älteren Herrn am Rhein heiratete und sich, weil die Sache nicht stimmte, vor wenigen Jahren von ihm scheiden ließ und seit kurzem mit ihrem einzigen Töchterchen draußen im westlichen Berliner Ausland, in Friedenau, wohnt. Ich hörte nur mit halbem Ohr hin und war noch immer im Zweifel, ob ich dieses Wiedersehen als Freude oder als Pech auffassen soll. Sie teilte mir weiter mit, daß sie seit Jahren Romane schreibt, anfangs unter einem Pseudonym und nun unter ihrem Frauennamen, und ich entsann mich daraufhin, auch schon Sachen von ihr gelesen zu haben.

Ich war anfangs etwas einsilbig und beschränkte mich nur auf die nicht zu umgehende Mitteilung, daß ich Witwe bin. Sie fragte auch nicht weiter. Aber allmählich wurde unsere Unterhaltung lebhafter und ich wärmer, sie hat wirklich etwas Nettes, Sympathisches, und ihre Herzlichkeit riß mich hin, und je länger ich sie ansah, desto lieber wurde sie mir.

Ich begleitete sie in die Linkstraße und fuhr mit ihr zusammen in der E-Bahn bis zur Bülowstraße und als wir uns verabschiedeten, versprach ich ihr, sie nächstens zu besuchen.

Nachher tat mir mein Versprechen fast wieder leid. Ich konnte die Nacht darauf nicht schlafen und erwog immer wieder, was ich tun soll. Es zieht mich hin zu ihr; ich sehne mich schon seit Jahren nach einer Freundin; den ausschließlichen Verkehr mit Männern bekommt man auch einmal satt; man kann sich doch besser zu einer Frau aussprechen und wird eher verstanden. Leider sind die meisten Frauen kleinlich und neidisch und leiden an einer moralischen Engatmigkeit, die ein Verständnis für anderer Leid und Unglück total ausschließt. So ist die Grete nun nicht; eine Gesinnungsgemeinheit hat man von ihr auch nicht zu befürchten. Sie ist keine Maria und keine Emmy, aber sie ist auch nicht so spießbürgerlich kurzsichtig und unduldsam wie die meisten; sie hat selbst viel durchgemacht, und auf des Lebens Kreuzwegen verlieren sich die Splitterrichterei und das hochgemute Pharisäertum von Menschens Gnaden.

Freilich, wenn sie alles wüßte, hätte es doch angehen können, daß sie sich bedankte. Und das hätte mich unsagbar verletzt . . . mehr als der Hohn der Vereinsdamen, mehr als alles andere. Ich überlegte, ob ich nicht doch lieber verzichten sollte. Dann wieder dachte ich: Muß es denn sein, daß sie es erfährt? Meine schlimmen Jahre liegen hinter mir. Gegenwärtig lebe ich ruhig dahin und meine Verhältnisse sind geordnet. Ich bin Witwe und beziehe von Verwandten meines Mannes eine auskömmliche Rente. Ist das etwa gelogen? Die da draußen in ihrem Vorort und in der ruhigen Beschaulichkeit ihres bürgerlichen Milieus wird nie mit einem von denen, die mich früher kannten, in Berührung kommen. Aber wiederum – – – ich kann's nicht. Ich kann mich nicht verstellen, besonders nicht jemand gegenüber, den ich gern habe. Und außerdem ist die Grete klug, sehr klug, und kennt die Welt, auf die Dauer hätte sie doch alles durchschaut . . .

Ich überlegte und überlegte und schrieb am andern Tag eine Karte, daß ich am Donnerstag nachmittag herauskomme.

Es ist sonderbar, welch ein Angang mir es war, diesen Besuch zu machen. Ich stand wohl eine Viertelstunde lang vor dem Spiegel und prüfte mich von Kopf zu Fuß, ob doch nichts Auffälliges an mir ist, und im letzten Augenblick war's mir, als müsse mein Parfüm – bouquet d'amour – mich verraten. Aber das ist ja lächerlich . . .

Auf der ganzen Fahrt mit der Elektrischen wurde ich ein drückendes Gefühl, das fast wie Angst war, nicht los. Ich wußte, wenn sie mich irgend etwas fühlen läßt, wenn sie andeutet, daß wir auf die Dauer doch nicht freundschaftlich verkehren können, dann werde ich grob, sackgrob. Denn es ist wie ein Explosionsstoff in mir, der nur auf den Zündfunken wartet, um loszusprengen.

Ich hatte Herzklopfen, als ich an der Rönnebergstraße, in der sie wohnt, abstieg; aber Grete hatte mich schon vom Balkon aus gesehen und kam mir im Hausflur entgegen und begrüßte mich herzlich. Ich war etwas befangen.

Es war ein warmer, sonniger Tag wie im Hochsommer. In der schmalen Loggia, unter einer deckenhohen Phönix, war für uns beide der Teetisch gedeckt. Gretes Wirtschafterin, eine angenehme, schlichte Person, die schon acht Jahre bei ihr ist, brachte die Kanne und die Tassen, und dann kam die kleine Käte, ein süßes Geschöpfchen mit den blonden Haaren der Mutter, und schwarzbraunen Augen, herzu und sagte mir guten Tag und holte sich einen Stuhl an den Tisch. Die Grete plauderte so unbefangen, daß mir immer mehr zur Gewißheit wurde: Sie weiß nichts, sie hat keinen Schimmer von Ahnung, wie meine Vergangenheit aussieht. Ich wurde immer stiller. Ich kann kleine Kinder nicht sehen, ohne Wehmut zu empfinden. Und wie das kleine Mädchen das lichte Köpfchen an die Mutter schmiegte, und Grete mit strahlendem Lächeln zwei, drei Küsse auf das rote Mündchen drückte, da mußte ich wegsehen, weil es mir das Herz zusammendrückte vor schmerzlichem Neid. Die Frau ist auch einsam, und das Schicksal hat ihr auch mehr Dornen als Rosen auf den Weg gestreut, aber wie reich ist sie doch im Vergleich zu mir, die ich so bettelarm bin. Wenn ich mein Kind hätte bei mir behalten dürfen, wär's mir auch ein Schutzengel gewesen, der mich vor vielem behütet hätte.

Aber das ging vorüber und nachher taute ich auf, und wir sprachen von diesem und jenem und wurden ganz fröhlich.

»Also du schreibst Romane,« sagte ich. »Eigentlich sieht es mir gar nicht so aus, als ob du hier viel Romanhaftes erlebst.«

Sie lachte lustig und meinte, das wäre noch schöner, wenn sie alles selbst erleben sollte, was sie ihren Lesern erzähle, das käme von innen heraus, ohne jede äußere Anregung.

»Aber vielleicht kannst du mir gelegentlich mit Stoff unter die Arme greifen, Thymian,« sagte sie.

»Und ob,« sagte ich. »Ich schreibe meine Memoiren in Form eines Tagebuchs. Seit meiner Konfirmation führe ich es und trage alles Wesentliche ein. Wenn ich sterbe, will ich's dir vermachen. Da hast du Stoff für 'n Stücker fünf Romane.«

»Ich nehme dich beim Wort,« sagte sie, »aber vielleicht gibst du mir's schon früher!«

»Wollen mal sehen,« sagte ich, »versprechen will ich's dir nicht, denn das Einschreiben macht mir viel Freude. So wie es da ist, würdest du es wohl kaum gebrauchen können, denn es ist etwas kondensiert, und du wirst es nur mit einem Aufguß von ein paar Eimern Brühe deinem Familienblattpublikum servieren können – – –«

»Machen wir alles,« sagte sie, »wenn's sein muß, verdünnen wir auch unsere gute schwarze Tinte mit Wasser und Patschuli.«

»Ja, ein großes Glas Eau de Cologne wirst du gebrauchen müssen, um den Hautgout, den nicht jedermann verträgt, etwas zu tilgen,« sagte ich. »Man kriecht nicht umsonst als Zaungast des Lebens jahrelang durch Nesseln und Dornhecken . . . Wolle muß man lassen!«

Grete nickte, und eine Pause entstand. Der Wind trieb von den Linden vom Haus her eine große Anzahl gelber Blätter über den Tisch, und in die Stille hinein tönte das Rasseln und Klingeln der Elektrischen, die durch die Rheinstraße fährt und an der Ecke eine Haltestelle hat. Es erfüllt mich plötzlich mit Mißtrauen, daß Grete nicht eine einzige Frage an mich richtete. Ich wußte nicht zu unterscheiden, ob ich es ihr als Zartgefühl oder Teilnahmlosigkeit auslegen soll, und das bedrückte mich momentan, aber nachher kamen wir wieder in Stimmung. Ich blieb zum Abendessen und brachte das kleine Kätchen mit in ihr weißes Himmelbettchen. Als es drin lag, faltete es die Hände und sprach sein Nachtgebetchen: Abends wenn ich schlafen geh', vierzehn Englein um mich stehen – usw. Und als der Vers zu Ende war, setzte es aus eigenem Antrieb hinzu: Lieber Gott, laß meine Mama gesund bleiben. Und das ergriff mich so, daß mir Tränen in die Augen kamen. Ich dachte bei mir: Du liebes, unschuldiges, kleines Küken, was du in deiner Einfalt erbittest, das ist freilich die Quintessenzbedingung für dein Gedeihen zum Glück und zum Guten –. Wenn man bedenkt, was einem Kinde alles mit der Mutter verloren geht . . . na, ich hab's erfahren. Gegen zehn brachte mich Grete an die Haltestelle an der Kaisereiche.

»Wann wirst du mal mit Kätchen zu mir kommen?« fragte ich sie.

Sie zögerte einen Moment.

»Oder willst du mich überhaupt nicht besuchen,« fragte ich hart und mißtrauisch.

»Gern, Thymian,« sagte sie, »aber – siehst du, ich lebe sehr zurückgezogen, und ich möchte keine neue Bekanntschaften machen, weil ich keinen größeren Verkehr wünsche. Ich habe meine Arbeit und mein Kind, und die beiden füllen mein Leben aus, so daß ich keine fremden Leute brauche. Wenn du kommst, bist du mir jederzeit willkommen, und ich will dich auch besuchen, aber nicht wahr, du sorgst dafür, daß ich, wenn ich zu dir komme, dich allein antreffe?!«

Ich war wie betäubt im Moment, denn ich sah jetzt plötzlich klar: Sie weiß alles, alles; so gut wie die Menschen in meinem heimatlichen Nest über meine Vergangenheit orientiert sind, so gut weiß sie, über welche Wege mich das Leben in den verflossenen Jahren führte. In der Minute erfaßte ich es gar nicht mal so, wie taktvoll und fein sie mir die Brücke des Vertrauens baute.

»Ja, ich werde dafür sorgen,« sagte ich. »Komm bald und bring's Kätelchen mit. Schreibe mir vorher oder telephoniere . . . Adieu.«

Die Elektrische ratterte heran. Ich stieg ein.


* * *


November.


Den fürchterlichen Husten werde ich wohl niemals mehr los. Ich bin ganz erschöpft und manchmal so matt, daß ich die Hände nicht rühren mag, um mich aus- und anzukleiden. –

Julius spricht von Davos . . . ob ich die Wintermonate nicht dahin gehen möchte. Das hat mich furchtbar erschreckt, bin ich denn schon auf der letzten Station angelangt?! Ich glaube doch nicht. Die Ärzte machen es immer schlimmer, damit man nicht leichtsinnig ist und sich in acht nimmt. Diesen Husten habe ich von einer Erkältung und es ist auch nur Katarrhhusten, aber ein sehr hartnäckiger und schlimmer. Ich werde jetzt nicht fortgehen. Daß ich die Grete wiedergefunden hab', ist zu reizend. Ich bin oft draußen in Friedenau. Sie kommt nur selten, sie hat ja nur wenig Zeit und ich nehm's nicht so genau. Es ist so heimatlich und gemütlich, wenn das Licht der Gaskrone über den Tisch fällt und der Gongschlag der Standuhr in die abendliche Stille hineinsingt, und das Anthrazitfeuer im Kamin blinzelt, und das Kind schwatzt und lacht und alles so friedlich und ruhig und seitab vom Lärm der Außenwelt. Dann schließe ich manchmal die Augen und träume mich »zu Hause«. Ich rechne es der Grete hoch an, daß sie lieb und freundlich zu mir ist und niemals Fragen stellt. Ich habe sie sehr gern, obgleich sie manchmal ganz aparte, nach meiner Ansicht geradezu verrückte Ansichten hat.


* * *


Januar 1903.


Weihnachten und Neujahr verlebte ich diesmal angenehm. Am Weihnachtsabend war mein Graf bei mir; er hatte alle Familieneinladungen abgelehnt, um bei mir zu sein. Ich hatte auch diesmal einen Tannenbaum und bescherte elf armen Kindern von der Straße und freute mich über die glücklichen Gesichter. Am ersten Feiertag war der Graf auch da und am zweiten war ich in der Rönnebergstraße. Silvesterabend stellte sich D . . . nach alter Gewohnheit ein, und den ersten Neujahrstag war ich wieder in Friedenau.

Der Husten bringt mich mehr und mehr herunter. Ich schleppe mich manchmal nur so hin. Wenn es doch nur nichts Schlimmes ist. Trotzdem ich weiß, wie verfehlt und verfahren mein Leben und wie überflüssig meine Existenz ist, und daß mir eigentlich nichts Besseres widerfahren könnte, als rasch und schmerzlos zu sterben, habe ich doch ein unüberwindliches Grauen vor dem Tode.

Denn ich glaube nicht an ein Wiedersehen und an himmlische Gefilde. Wohl an ein zweites Leben, – aber wer sagt mir, daß es besser wird als das erste, ob ich nicht darin noch elender sein werde, als zuvor. Und mir graut vor der Übergangs- und Durchgangsperiode. Für mich ist der Tod nur ein Begriff von Erde, Moder, Würmern, Verwesung, ein grausiges Mysterium der Unterwelt.


* * *


Februar 1903.


Die Grete bekommt mein Tagebuch. Ich habe ihr aber gesagt, daß sie mir meinen Julius gut behandelt in ihrem Roman. Das hat sie mir versprechen müssen. Alles andere ist mir wurscht.

Ach Gott, mir ist eigentlich gar nicht spaßhaft zumute.

Gestern hätte ich mich beinahe mit Grete verkracht. Der Tag war herrlich, und der Graf hatte mir mittags den Schlitten geschickt zu einer Spazierfahrt. Ich wollte Grete und die Kleine abholen, traf sie aber nicht zu Hause und die Wirtschafterin wollte mir das Kind erst nicht 'rausgeben, aber ich bat so lange, bis ich die liebe kleine Maus doch mitkriegte. Wir fuhren ein weites Stück in den Grunewald hinein, es war märchenhaft schön, die schneebeladenen Kiefern und Tannen, die im Sonnengeflimmer wie Silberfiligrane mit Brillanten funkelten und dazwischen geschäftige rotschwänzige Eichkätzchen und der Schlitten lautlos dahinfliegend – es war reizend und das Kind jubelte vor Entzücken und ich mit. Aber plötzlich änderte sich das Wetter. Der Sturm kam auf, es wurde schneidend kalt, und da das Kind fror, wickelte ich es in meine Pelzstola.

Als wir in Friedenau anlangten, war es schon finster und Gretel schimpfte wie ein Rohrspatz, daß ich das Kind ausgesponnen hatte; sie hatte sich bereits geängstigt, und Fräulein Anna hatte auch schon ihren Segen gekriegt und weinte Tränen wie Pferdebohnen. Ich ließ alles ruhig über mich ergehen und zuletzt wurde sie von selber still.

Ich habe mich aber mit dem unbedeckten Hals wieder aufs neue erkältet, und kann heute nicht sprechen, so heiser bin ich. Ich will gleich ins Bett.


* * *


1. März.


Seit vierzehn Tagen liege ich. Ich weiß nicht, was mir ist, ich habe keine Schmerzen und bin doch krank. Grete besucht mich öfters und gestern traf sie an meinem Bett mit Julius zusammen, und die beiden suchten mich zu überreden, doch ein paar Wochen in ein Krankenhaus zu gehen. Mein Dienstmädchen ist sehr ungeschickt und unzuverlässig, und mit der fremden Krankenpflegerin ist auch nichts Richtiges. Ich werde es wohl tun. Man ist dort am besten aufgehoben. Ich habe wieder Blutspucken.


* * *


15. März.


Ich bereue es nicht, hergekommen zu sein. Die Pflege und Bedienung sind vorzüglich. Ich war sehr, sehr krank. Bin noch matt und elend, aber mit Bleistift kann ich doch ein wenig kritzeln. Es macht mir Freude. Die Zeit wird so lang. Grete kommt fast jeden zweiten Tag. Gestern war Kätchen mit hier und brachte mir Blumen. Der Graf besucht mich auch und D . . . war schon da, und Julius kommt manchmal zweimal des Tages.

Sie sind alle gut zu mir. Eine niedliche, junge Schwester pflegt mich. Sie möchte mich gern ein bißchen fromm machen und will mir gern Psalme vorlesen. Aber ich mag nicht.

»Glauben Sie, daß ich bald sterben werde, Schwester?« fragte ich sie heute. Sie wurde rot und verlegen.

»Das kann niemand sagen, der Herr allein weiß es.«

»Sterben ist schrecklich,« sagte ich. »Tot sein ist schön, aber Sterben ist furchtbar.«

»O nein,« sagte sie. »Sterben ist Erlösung, Heimkehr. Der Heiland kommt und holt seine Kinder ins himmlische Vaterhaus . . .«

»Ach, Schwester,« sagte ich, »für Leute meines Schlages gibt es keinen Heiland und kein Vaterhaus. Uns holt der Teufel, wenn es aus ist.«

Sie erschrak.

»Es ist eine große Sünde, an Gottes Gnade zu verzweifeln,« sagte sie unsicher. »Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibet, der bleibet in Gott und Gott in ihm.«

»Dann war ich immer in Gott,« sagte ich.


* * *


16. März 1903.


Ich beneide die stille, kleine Schwester um ihre Frömmigkeit. Sie gibt sich viel Mühe mit mir, und ich bin so unverbesserlich gottlos.

Sie hat noch ein so junges, liebes Gesichtchen. Und einen so schweren Beruf. Ob ich das auch hätte können? Ich glaube nicht. Bei mir war's das Blut, das Blut . . .


* * *


17. März 1903, nachts.


Ich kann nicht schlafen. Die Schwester ist fort; wenn ich ihrer bedarf, soll ich klingeln. Das Nachtlicht brennt. Meine Seele ist voll Todesgrauen.

Meine Kräfte ermatten mehr und mehr . . .

Ist das der Tod, der mich holen will? Kämpft er mir zollbreit jedes Stückchen Leben ab?!

Tausend Gedanken durchzittern meine Seele und brennen in meinem Hirn.

Ich möchte viel schreiben, aber meine Hand ist zu schwach, um lange den Bleistift zu halten. Ich muß oft pausieren.

O, ich fürchte mich so vor der langen schauerlichen Nacht, vor der Auflösung in das schwarze, endlose Nirwana. Wo werde ich wieder erwachen? An welchen Strand wird mich die düstere Todesflut spülen? Wo werde ich antreiben, ich armes Strandgut des Lebens . . .

Werde ich eine Eule sein und lichtscheu und flugträg in spukhaftem Turmgemäuer nisten, um krächzend Unheil zu unken – – Oder wird meine Seele in den Körper eines Panthers fahren, der blutgierig und beutesuchend dahinschleicht – –

Wird meine Wiederkunft im Zeichen des Fluchs oder des Segens stehen?

Alles, alles, nur kein Mensch wieder werden. Nur nicht noch einmal den Jammer durchleben müssen – –

Die Nacht nimmt kein Ende.

Mich dürstet.

Ist das nicht ein Kreuzwort von Golgatha?

Ich glaube. Von ihm, der sich für die Menschheit opferte. Heiliger Gott, wenn du bist, dann lösche den Brand in meiner Seele und auf meinen Lippen.

Ich denke an die Rosen und Lilien daheim in unserem Garten.

Ich habe solche Sehnsucht zurück. Die Jahre zurück – –

Nach Mutter.

Nach den Rosen.

Nach den Gräbern.

Ich kann nicht weiter . . .


* * *


21. März 1903.


Es war schlimm in den verflossenen Tagen. Wir dachten, es ging zu Ende mit mir. Ich habe Grete den einen Schlüssel zum Buch gegeben, für alle Fälle. Ich konnte keine Luft kriegen und war mehrere Male vorm Ersticken. Die kleine Schwester wischte mir jedesmal die Schweißtropfen von der Stirn und flüsterte mir leise, süße, fromme Trostworte zu.

»Nur noch ein Weilchen harren wir aus –
Dann ziehen wir die goldene Straße, und sind zu Haus« – –

Das liegt mir immer noch in den Ohren – –

Die goldene Straße   –  –  zu Haus, zu Haus – –


* * *


23. März.


Julius will nicht, daß ich schreibe. Es strengt mich an, sagt er. Aber ich meine nicht. Ich möchte bald aufstehen können und hinaus. Die Luft wird mich wieder frisch machen. Mir fehlt eigentlich nichts als die Schwäche – das Mattsein – –


* * *


25.


Ich habe mir etwas ausgedacht. Ich will, wenn ich besser bin, eine Kinderpension gründen . . .


* * *


26.


Julius will mir helfen. Ein Heim für kranke, schwache, verkrüppelte Kinder, die viel Liebe brauchen. Ich freue mich darauf.

Der Graf war gestern hier, er will das Kapital dazu hergeben. Ich bin so froh, nun endlich –


* * *


28. März.


Ich werde allmählich besser, nur die Kräfte sollen noch kommen. Ich habe die Nacht gut geschlafen, auch kein Fieber mehr. Heute früh wollte ich gern aufstehen, die Schwester ließ mich nicht. Als sie hinaus war, versuchte ich's und wurde ohnmächtig.

Die Kräfte fehlen mir, sonst nichts. Die Pension –


* * *


30.


D . . . war heute mittag hier und brachte mir fünf blutrote Rosen. Ich muß schlecht aussehen, denn er war sichtlich ergriffen und sprach nicht viel. Ich fühle mich aber viel wohler. Nur die Schwäche . . .


* * *


1. April 1903.


Schwester fragte mich heute, ob der Pastor nicht zu mir kommen dürfe. Ich lachte sie aus, und meinte, sie wolle mich wohl in den April schicken. Ich bin tatsächlich viel wohler. Aber sie glauben's mir nicht, weil ich so elend ausseh', das ist doch kein Wunder.


* * *


6. April 1903.


Meine Brust ist so leicht und frei wie seit Jahren nicht mehr. Ich wäre blutgesund, wenn die Bettschwäche nicht wäre.

Gottlob, daß wir jetzt dem Frühling entgegengehen. Morgen will ich aufstehn – – – Morgen –


* * *




Schlußwort.

Vom 6. April nachmittags fünf Uhr datierte Thymians letzte kurze, halb verwischte Eintragung. Nachdem schon seit acht Tagen von Ärzten und Pflegerinnen stündlich ihre Auflösung erwartet wurde, schlief sie am siebenten April morgens gegen neun Uhr sanft und kampflos in die lange Todesnacht, vor deren Mysterien ihr stets so graute, hinüber.

In der Frühe eines warmen, wolkendunkeln Tages geleiteten wir sie hinaus zu ihrem »Grundbesitz«, ihrem »Sommerheim«, wie sie die schön gepflegte, gitterumfriedigte Grabstätte zu nennen pflegte.

Kein endloser, prunkender Zug Leidtragender, wie bei der Beerdigung des armen Fliebenheinrich, folgte ihrem schlichten, nur mit wenigen kostbaren Kränzen geschmückten Sarg. Es war vielmehr der letzte, stille Erdengang einer Verschollenen, schon halb Vergessenen. Von ihren Freunden war nur der Doktor zur Stelle. Was die beiden anderen Herren abgehalten hat, der Toten die letzte Ehre zu erweisen, entzieht sich meiner Kenntnis. Vielleicht war ihnen die Stunde der Beerdigung nicht genau bekannt gegeben. Es regnete in das offene Grab hinein.

Sanft und lautlos fielen die grauen Tropfen auf den schwarzen Schrein. Wer in der Stunde zu bilderreichen Vergleichen aufgelegt war, konnte dabei an Tränen denken, die von oben kamen.

Auch der Doktor war anscheinend tief bewegt. Am Ausgang des Kirchhofes blieb er stehen und gab mir die Hand.

»Es hat mich gefreut, daß Sie sich der Ärmsten so annahmen, gnädige Frau,« sagte er. »Die arme Thymian! Ein trauriges, verfehltes Leben. Ihr ist wohl. Aber furchtbar ist es, wenn man es bedenkt, wie jemand so zugrunde gehen kann . . . So viel Schönheit und Geist, so viel anmutige Weiblichkeit und liebenswürdige Charakterzüge . . . und alles zertreten und vernichtet und in den Sumpf gezogen – –« Er setzte den Zylinder, den er abgenommen hatte, langsam wieder auf und wandte sich seufzend ab – – – »Ja, ja . . . Ja, ja . . . Gott bewahre unsere Kinder – –.«

    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –    –

Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Aber in der Stunde, wo ich dies schreibe, ist die Erinnerung an jenen Kirchhofsgang und an die vorhergehende Zeit so lebendig in mir, als wäre alles erst in diesen Tagen gewesen.

Blühendes Maiengrün und goldige Frühlingshelle grüßen mir in die Fenster. Aber in die Mittagssonne, die meinen Schreibtisch umflutet, fällt ein Schatten, und meine Augen werden dunkel. Denn ich sehe plötzlich vor mir die schwarze, rabenumkreiste Wand, die keine menschlichen Berechnungen und Voraussetzungen umzustoßen und zu durchdringen vermögen, die still und stumm und unverrückbar vor jedes Menschen Leben steht, aller menschlichen Klugheit und Erwägung spottend, – und wie ein traumhaftes Echo ziehen des Doktors Worte an meinem Ohr vorüber: Gott bewahre unsere Kinder . . .


* * *




Endnoten

1 Sparsam

2 Bordellengasse

3 Soviel ich weiß, wurde »Osdorff«, nachdem die Bemühungen seiner Familie, ihn für eine berufliche Tätigkeit tauglich zu machen, sämtlich an seiner Stupidität und Faulheit gescheitert waren, auf seinen Wunsch mit dem nötigen Gelde versehen und nach Amerika geschickt. Thymian muß bis dahin immer brieflich mit ihm in Kontakt geblieben sein. (Anm. d. Herausgeb.).

4 Bezeichnung für nichtkontrollierte Mädchen.

5 Schminken

6 Vermutlich Mitglieder eines Zuhälterklubs.

7 Bordell