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Thesi Bohrn – Geistiger Hunger

Novellette

Aus: Frauenleben, Blätter zur Vertretung der Frauen-Interessen, Herausgegeben von Helene Littmann, VI. Jg., Nr. 11, Commissionsverlag von Moriz Perles, Wien, Februar 1895



Der Postwagen hielt vor einer kleinen, netten Villa. Ein allerliebster blonder Mädchenkopf mit braunen Schelmenaugen lugte neugierig aus einem Fenster des ersten Stockwerkes, um sofort wieder zu verschwinden. Der Postillon auf dem Kutschbocke hörte ganz deutlich durch das offene Fenster eine helle jubelnde Stimme: »Mama, Mama, die Bücher kommen!« Er nickte lächelnd, er war's zufrieden, wenn sich die Leute freuten über das, was er brachte, und dass man sich über Bücher freuen konnte, wusste er ganz genau; – seine Tini freute sich auch immer, wenn er ihr ein Bändchen mit heim brachte. Das Lesen ist so eine eigene Sache und gewiss recht gut und nutzbringend. Er freilich war ein alter Mann, der seine Augen schonen musste und in seinen wenigen Mussestunden am liebsten ruhig sein Pfeifchen rauchte; aber vorlesen, ja, vorlesen liess er sich immer gerne und das verstand seine Tini, das Wettermädel, ganz vortrefflich. So philosophierte der Alte noch ein Weilchen fort, bis der Postbote wieder aus dem Hause trat und sich behende auf das Trittbrett schwang. – »Vorwärts!« Eine Bewegung mit dem Leitseil, ein Schnalzen mit der Zunge und der Wagen rollte davon, – vor der Villa war's wieder stille geworden. – Doch droben im sonnigen Wohnzimmer sass Isa, der Blondkopf, mit Mama vergnügt beisammen und musterte den Inhalt des Postpacketes. »Ach Mama, wie herrlich! Da sieh her, einige Bände von der neuen Classiker-Ausgabe, Dreizehnlinden, Scheffel's Berg- Psalmen, ein Roman von der Ebner-Eschenbach und eine Anzahl Zeitschriften; da haben wir nun Lesestoff für lange.« »Ja, gewiss, vorausgesetzt, dass Du nicht wieder schlingst, Isa.«

»Nein Mama, das hast Du mir doch schon abgewöhnt, ich lese jetzt mit Musse und Anstand, sei ohne Sorge! – Aber nun, nicht- wahr, nun darf ich mir die Bergpsalmen mit auf mein Zimmer nehmen? Ich bin mit meiner Arbeit für heute fertig, habe Hanna fleissig geholfen, Bohnen einschneiden, die ganze Wäsche gewissenhaft durchgesehen, viele kleine Schäden ausgebessert, und endlich sogar eine neue Cravatte für Papa fabriciert – lobst Du mich nicht, Herzensmütterchen?« Frau Dr. Flends streichelte statt aller Antwort Isa's Wangen.

Isa nahm das Buch und flatterte wie ein lichter Schmetterling zur Thüre hinaus, nachdem sie im Fortlaufen der Mutter noch einige Kusshände zugeworfen hatte. »Ja, ja, lies nur, mein Kind«, nickte Frau Dr. Flends, als Isa das Zimmer verlassen hatte. »Lies nur, lerne, erbaue Dich, geniesse! – Du sollst nicht geistigen Hunger leiden, der thut gar weh.« Sinnend stützte sie den Kopf in beide Hände, und die Vergangenheit tauchte vor ihrem inneren Auge auf. Sie dachte an die Zeit zurück, wo auch sie ein junges, munteres Mädchen gewesen, das mit neugierigen Augen in die Welt guckte. – In die Welt! Was wusste sie von der? Als einziges Kind eines sehr reichen Geschäftsmannes, der nichts anderes kannte, als seine Säge- und Hobelmaschinen, an der Seite einer guten, aber beschränkten Mutter, wuchs sie heran und führte ein gar engbegrenztes Leben, in dem das leibliche Wohl eine grosse Rolle spielte, während sich um das geistige niemand kümmerte. Bücher gab's in dem ganzen grossen Hause, ausser den diversen Geschäftsbüchern, nur einen Kalender, den musste man haben, um doch zu wissen, wie man an der Zeit war, und ein Erbauungsbuch mit abgekniffenen Blättern, aus dem die Hausfrau allsonntäglich ihr Evangelium herausbuchstabierte; dann zwei Tagesblätter, die sehr oft unaufgeschnitten in den Papierkorb wanderten. »Was kümmerten den biederen Bürger die politischen und socialen Fragen? Möge sich damit herumstreiten, wer will, er hatte keine Lust dazu. Tagesneuigkeiten? Pah! Ob man die wusste oder nicht! Lustiges passierte gar wenig, und wozu sollte man sich mit Traurigem das Leben verbittern? Abgesehen davon, dass die Hälfte des Zeitungsinhaltes so wie so erlogen war. Erst gar das Feuilleton! Das war schon am wenigsten der Mühe des Lesens werth, so verliebte Geschichten – darüber war man längst hinaus. Die Theater- und Kunstnachrichten existierten für Herrn Sohner schon darum nicht, weil überhaupt ein Theater oder Concert für ihn nicht existierte. Hie und da kleine Notizen aus der Geschäftswelt und der Coursbericht war das einzig Vernünftige in den Blättern, sonst – schade um's Papier! Und »schade um's Papier«, seufzte auch die gehorsame Gattin, die in allem das Echo ihres Gestrengen war, hauptsächlich aus Bequemlichkeit, denn eigene Ansichten, wenn man überhaupt solche hatte, waren immer sehr unbequem, man musste dazu viele unnütze Worte aufwenden und wozu das? Ihr Eheherr trug sie ja sonst auf Händen, und so wackelte die kleine, behäbige Frau mit dem schwarzen Spitzenhäubchen und dem Schlüsselbunde im Gurt der tadellos weissen Schürze, durch Zimmer, Küche und Keller und war im hohen Grade befriedigt, wenn sie nur heitere Gesichter um sich sah. Marie war ein aufgewecktes, lernbegieriges Kind, das gar bald begriff, auf welcher geistigen Stufe ihre Eltern standen. Nichtsdestoweniger nahm sie sich ein Herz und bat, als sie die Volksschule absolviert hatte, den Vater, er möge sie in eine Fortbildungs- oder höhere Töchterschule schicken. Der Vater war starr über dieses Ansinnen. Fortbildungsschule! Unsinn! Sie sollte erst lernen, einen vollkommenen Strumpf stricken und eine gute Suppe kochen! Marie war viel zu jung und auch viel zu unerfahren, um Vaters Ansichten widerlegen zu können, sie schwieg eingeschüchtert und that, was man von ihr verlangte. In verhältnismässig kurzer Zeit war sie in allen häuslichen Angelegenheiten tüchtig; sie lieferte eine Unzahl selbstgestrickter Strümpfe, verstand das Zuschneiden und Nähen der Wäsche und Kleider, und in der Küche wusste sie bald Bescheid, so gut wie die Mutter. Sie that alles gerne und willig, aber eine seltsame Leere machte sich immer mehr in ihr fühlbar; sie wusste selbst nicht, was ihr fehlte, und woher hätte sie es auch wissen sollen?

»Du Mutter, das Mädel sieht so bleich aus und ist so traurig, was hat sie nur?« frug Herr Sohner seine kleine Frau. »Ach, der liebe Gott mag es wissen,« seufzte sie, und brach in Thränen aus. »Ich gebe mir redlich Mühe mit ihr, sie bekommt ihre Lieblingsgerichte, ich kaufe ihr schöne Kleider und fahre mit ihr spazieren und sie nimmt alles gleichgiltig hin, als ob es so sein müsste; ja, die prachtvolle, goldene Uhr, die Du ihr zum Geburtstage gekauft, hat sie kaum angesehen. – Bücher wären ihr lieber gewesen, sagte sie.« Herr Sohner schlug die Hände zusammen, »das Mädel müsste rein nicht ganz bei Trost sein!« Marie aber wusste nun, was ihr fehlte; sie war älter geworden und sah die Welt mit anderen Augen an; sie wusste nun, dass sie geistigen Hunger litt und ihn im Hause ihrer Eltern nicht stillen konnte – es gab da kein Verständnis für diese Krankheit. Bitter weh that es ihr, wenn sie sah, wie ihre einstigen Schulgefährtinnen weit höheren Zielen zustrebten, wie sie durch fortgesetztes Lernen und Lesen ihren Geist bildeten, wie sie all das Schöne und Herrliche geniessen durften, wonach ihre Seele lechzte. Ihnen gab ein Beruf Ersatz für das, was sie in ihren Verhältnissen, welche nicht immer glänzende waren, entbehren mussten.

Und sie? Was hatte sie? Was bot das Leben ihr? Ueberfluss an leiblicher, peinlichen Mangel an geistiger Nahrung. Ihre Eltern liebten sie ja in ihrer Weise, aber für das Innenleben ihrer Tochter hatten sie nicht das mindeste Verständnis. Der Vater duldete seit Mariens Bitte erst recht keine Bücher im Hause, denn das dumme Lesen war ja Gift für die jungen Mädchen, davon wurden sie nur überspannt und untauglich für das praktische Leben, damit basta! Und dann wurde es auch nachgerade Zeit, für Marie einen Mann zu suchen, »der ihr den Kopf zurechtsetzt, da es uns nicht mehr möglich ist,« wie Sohner sagte. Sprach's, suchte einen Mann und fand ihn glücklicherweise auch bald, sein eigenes, leibhaftiges, verjüngtes Ebenbild. Marie wehrte sich mit aller Kraft gegen diese neue und folgenschwerste Tyrannei, und verfiel endlich, da all ihr Flehen und Bitten vergeblich war und blieb, durch die stete Aufregung in einen beängstigenden Zustand krankhafter Ueberreizung. Der sie behandelnde junge Arzt, erkannte sofort die Hauptursache von Marien's Erkrankung und fand auch alsbald die richtige Arznei: »geistige Anregung«. Die Eltern, die glücklich waren, als sie ihr Kind wieder langsam gesunden sahen, sagten nicht nein, als der junge Arzt dasselbe schliesslich für sich begehrte: sie wussten nur zu gut, dass dieses Kind ohne seine Hilfe längst zugrunde gegangen wäre.

– Frau Dr. Flends erwachte aus ihrem tiefen Nachsinnen. Ja, ja, an ihr hatte erst der Gatte vollzogen, was Sache der Mutter gewesen wäre.

Die arme gute Mutter! Wie konnte sie auch geben, was sie selbst nicht besass?! Sie stammte aus jener Zeit, in der die Frauen so wenig Antheil nahmen an den geistigen Interessen, wo sich ihre Ideen hauptsächlich um Kochtopf und Strickstrumpf drehten. Und was die Mutter verehrt und liebt, überträgt sie naturgemäss auch auf ihre Töchter. Sie und nur sie allein kann den Grund legen zu der geistigen Entwicklung ihrer Kinder, ihre Aufgabe ist es, den Geist und das Gemüth des jungen Wesens vorzubereiten und zu stählen zum späteren Daseinskampfe und über der Pflege des leiblichen Wohles jene des geistigen nicht zu vergessen. –

Frau Dr. Flends hatte ihre Pflicht gewissenhaft erfüllt, hatte sie es doch an sich selbst erfahren, wie weh geistiger Hunger thut.



Thesi Bohrn – Geistiger Hunger

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