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Carry Brachvogel - Komödianten

Erzählung

Aus: Komödianten, Verlag von J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart, 1911, S.5ff.


I

»Wir können es immer noch nicht glauben, gnädige Frau! Wir hoffen immer, daß Sie Ihren Entschluß doch noch ändern werden, daß dies nicht Ihre letzte Tournee ist . . .«

»Nein, mein lieber Doktor, täuschen Sie sich nicht! Ich ziehe mich von der Bühne zurück – unwiderruflich zurück! Unwiderruflich! Ich könnte dies Leben nicht länger ertragen, diese Strapazen, diese Aufregungen, diese . . . diese . . . Ich kann es nicht sagen, Sie verstehen mich schon!« Sie machte ein paar nervöse, zupfende Bewegungen mit den Fingern. »O, wenn man mit dem Herzen spielt, mit der Seele . . . Wenn man jeden Abend alles wieder aufs neue erlebt . . . Das reißt an einem, das vernichtet. . . . Denken Sie doch, daß ich voriges Jahr in Südamerika innerhalb zwei Monaten sechzigmal gespielt habe! Abends gespielt, nachts gefahren, und am nächsten Morgen Probe . . .«

»Ihre Spannkraft ist bewundernswert, gnädige Frau!« Sie fuhr sich mit der Hand breit über die Stirn, als wollte sie etwas wegwischen, genau so, wie sie sich als »Magda« über die Stirne zu fahren pflegte vor der großen Szene mit dem Regierungsrat Keller.

»Meine Spannkraft ist zu Ende . . . ich selber bin zu Ende, und alles muß jetzt ein Ende haben, alles . . . O, wenn Sie wüßten, was mein Leben ist! Was für ein Elend, ja, ja, Elend . . . Elend . . .«

Sie preßte den Kopf ein wenig hintenüber in das Kissen des hochlehnigen Sessels, in dem sie mehr lag als saß. Sie schloß die Augen, glich mit den breiten Lidern, dem verkürzten Kinn auffallend den herben Heiligenbildern, die sie so gern von sich fertigen ließ.

Der Reporter ihr gegenüber stenographierte eifrig in sein Notizbüchlein. Er war ein ehrgeiziger, junger Mann und wollte seinem Blatt ein Stimmungsfeuilleton über die gefeierte Tragödin liefern. Darum notierte er, was sie sagte und weil sie nach dem letzten »Elend« immer noch schweigend mit geschlossenen Augen verharrte, ließ er seine Blicke ein wenig in dem Hotelsalon umhergehen. Es war ein großes, hohes Gemach, mit weißen Rokokomöbeln und blassen, kirschfarbenen Seidenbezügen. Auch die Wände waren mit Seide bespannt, von dem üppigen Stuckplafond schwebte eine irisierende Venezianerkrone herab. Ein dicker kirschfarbener Smyrna deckte das Parkett, die Luft war weich, sehr warm und leicht parfümiert. Überall, auf Tischen, Konsolen und Taburetts standen Blumen umher, Blumen, mit denen jeden Morgen die Verehrer- und Verehrerinnenschar Meta Martens begrüßte. Draußen auf den Dächern lag noch Schnee, hier aber blühte der Frühling, der Sommer aller Länder. Lichter Krokus, rote Anemonen und porzellanweiße Narzissen redeten vom Süden, blasser Flieder, rosenfarbene Zentifolien träumten von einem deutschen Lenz, kraus und bizarr drängten sich braune und weiße Chrysanthemen in einer hohen Japanvase und neben ihnen standen rätselvoll mit unheimlichen Flammenzungen englische Orchideen, die tagsüber den Atem anhalten und ihn erst verhauchen, wenn die Nacht kommt. . . . Über einen Fauteuil war nachlässig ein weiter, ärmelloser Mantel aus dunkelgrünem Samt hingeworfen. Er war mit einer köstlichen, alten Stickerei geziert und mit Hermelin gefüttert. Meta Martens hatte ihn immer neben sich, weil sie leicht fror und im Hause nie etwas anderes trug, als fallende Gewänder aus weißem Crêpe de Chine.

Der junge Reporter buchte eifrig, was er um sich her sah. Da er nur ein Amt und keine Meinung zu vertreten hatte, fiel ihm der Gegensatz nicht auf, der zwischen »elend . . . elend . . .« und der Fülle dieses Gemachs lag. Als die Füllfeder genug aufgezeichnet hatte, schlug Meta Martens wie aus tiefem Traum erwachend die Lider auf und senkte ihren Kopf ein wenig gegen die Brust; sie sah jetzt nicht mehr wie ein herbes Heiligenbild aus, sondern ganz menschlich und ziemlich verblüht. Ihre Oberlippe zuckte nervös – genau so, wie sie zuckte, wenn »Nora« ihrem Mann vorhält, daß sie ihm immer nur ein Spielzeug gewesen sei . . .

»Nein, ich bin es müde, diese Unrast weiter zu schleppen. Was ist denn unsereins eigentlich?! Ein Sklave. Ein Sklave des Impresario, ein Sklave der Kritik, ein Sklave des Publikums . . .«

Die Füllfeder beeilte sich, dies hochoriginelle Aperçu festzuhalten. Während er schrieb, sagte der junge Reporter mit einem süßen Lächeln und einer diskreten Verbeugung: »Ich glaube, gnädige Frau, eine Sklaverei, wie Sie sie ertrugen, ist nicht hart. Sie sind doch auf Händen getragen worden, von der Kritik wie vom Publikum –«

Meta Martens meinte eine leise, eine ganz leise Mißstimmung in seinen Worten zu hören. Sie lenkte ein. Sie stützte den Kopf in die Hand, sah mit schwimmenden Augen und durchleuchtetem Gesicht in die Ferne, genau so, wie sie als Rebekka West schaute, wenn sie Rosmer enthüllt, daß er das Adelige in ihr erweckt habe. »Ach ja, die Stunden, da man die Zuhörer in seinem Bann hält, da man sie zwingt, mitzugehen, wohin man will, vom Gefühl zur Ekstase, von der Ekstase zur Verzweiflung, zur Raserei, ja, diese Stunden lohnen uns wohl all die Qual, die unser Leben sonst bedeutet. Und das Publikum in Deutschland ist wie kein andres, es gibt kein Publikum der Welt, das auch nur annähernd so verständnisvoll, so intelligent, so begeisterungsfähig wäre.« Sie machte wie zufällig eine kleine Pause, damit der Reporter ihre Liebeserklärung an das deutsche Publikum ganz genau aufschreiben konnte. »Und die Kritik, Herr Doktor, ich kann wohl sagen, daß die deutsche Kritik mich immer verwöhnt hat, sehr, sehr verwöhnt. Ich war mitunter wirklich beschämt, wenn ich die Zeitungen las. Man weiß ja doch selbst, wie weit auch die beste Leistung, die man gibt, hinter dem zurückbleibt, was man geben wollte. Auch darin ist Deutschland vorbildlich –« Sie hielt inne, denn sie wußte im Augenblick nicht genau, ob der Reporter ein kerndeutsches Blatt vertrat oder ein kosmopolitisch gefärbtes. Man hatte ihr einmal gesagt, daß die letzteren nicht für allzu scharfe Betonung heimischer Art schwärmten, darum wollte sie vorsichtig sein. »Aber diese wenigen Stunden, in denen wir fühlen und erfahren, daß wir Herzen gewonnen haben, sind ja auch die einzigen, die lebenswert sind; der Rest – –«Sie brach ab und schwieg. Schwieg jenes beharrliche, halb eigensinnige, halb trostlose Schweigen, mit dem sie als Marguerite Gautier zweihundertmal im Jahr ihr Publikum schluchzen machte.

»Und was gedenken gnädige Frau denn zu tun, wenn Sie der Bühne endgültig Valet gesagt haben?«

»Ich werde heimgehen zu meinen Rosen, meinen Büchern und meinen Bildern. Mir ist bis jetzt so wenig Zeit geblieben, um meinen Neigungen zu leben. Alles hat das Theater aufgefressen, alles! Immerfort habe ich nur für die andern gelebt, nun kann ich endlich für mich leben!«

»Gnädige Frau werden also den größten Teil des Jahres auf Ihrem Schloß verbringen?«

Sie lachte hell auf: »Mein Schloß?! Das ist köstlich! Mein Schloß ist ein Bauernhaus oder nein, ein klein wenig mehr, als ein Bauernhaus. Ein schöner Garten ist dabei, ein Stück Wald und weite Wiesen. Da werde ich wie eine Bäuerin leben, ich werde endlich in der freien Natur leben, die ich über alles liebe. An Regentagen werde ich in meinem behaglichen Zimmer sitzen und lesen, o, keine Dramen, gar nichts, was mich an das Theater erinnert, sondern die großen Werke aus früheren Zeiten, Philosophie und Astronomie. Für Astronomie interessiere ich mich besonders.«

Der junge Reporter versuchte geistreich zu sein und meinte, daß Sterne selbstverständlich Interesse für einander haben müßten. Sie neigte ein wenig das Haupt, legte ihre Hand, an deren Mittelfinger ein großer Rubin funkelte, leicht auf seinen Arm. »Bitte nicht, Herr Doktor! Sie sollen mir keine Komplimente machen. Ich verliere alle Fassung, wenn man mir Schmeicheleien sagt! Ich gebe mich so gerne, wie ich bin, bitte, nehmen Sie mich auch so! Es gibt für mich nichts Peinlicheres, als Schauspielerinnen, die immer Schauspielerinnen sind, die sich immer zur Schau stellen, im Leben wie auf der Bühne. Ich finde das schamlos. Das Letzte, Höchste darf man nicht preisgeben. Meinen Sie nicht auch, Herr Doktor?«

Natürlich meinte der Herr Doktor, denn neben seinem Amt durfte er doch noch eine Meinung haben, – Meta Martens' Meinung. Er fragte: »Welche Richtung in der Kunst bevorzugen Sie?«

»Die Primitiven, nur die ganz Primitiven. Nur die Primitiven haben eine Seele, sind keusch. . . . Ich mache mir nichts aus den Niederländern und noch weniger aus den italienischen Schulen. Die einen sind brutal und die andern aufdringlich –«

Die Füllfeder kritzelte heftig, wie besinnungslos.

»Ihr Besitz liegt in den Bergen, nicht wahr?«

»In den Vorbergen. Ich habe das Terrain schon vor vielen Jahren gekauft, dann allmählich gebaut und eingerichtet. Was ich Schönes ergattern konnte, habe ich dorthin geschleppt, als ob ich eine Elster wäre und das kleine Haus mein Nest. Ich habe es von jeher als das Buen-Retiro für die ruhigen Jahre betrachtet, die nun kommen sollen. Dort will ich allein sein, mit meinen Rosen, meinen Büchern, meinen Bildern und – meinem Leid!«

Der Reporter spitzte diskret die Ohren, hielt gespannt die Füllfeder in Bereitschaft. Endlich kam man zu der Hauptsache, zu dem Kardinalpunkt des Feuilleton, dem die Kunstansichten, wie die andern Äußerungen der großen Tragödin nur als Füllsel dienen sollten. Endlich kam man zu Harro Brachmann, dem gefeierten Dramatiker, dessen Heldinnen Meta Martens seit Jahren wie keine andre darstellte, weil sie ihr glichen, wie keine sonst ihr glich. Harro Brachmann, ihr Dichter, ihr Freund, ihr Geliebter– –.

Die Phasen, die dieser Herzens- und Geistesbund wechselnd im Lauf der Jahre erlebte, bildeten ein unerschöpfliches Thema der Theater- und Zeitungschronik. Die Welt wurde über jede Reise, über jeden Streit des erlauchten Paares genau in Kenntnis erhalten, Bruch und Versöhnung, so oft sie sich auch wiederholen mochten, feierlich registriert und mit intimen Details erörtert. An eine wirkliche Katastrophe, an eine dauernde Trennung der beiden wollte man freilich nie recht glauben, man hatte es nie für möglich gehalten, daß die zwei wahlverwandten Seelen, die einander so viel gegeben und noch zu geben hatten, je von einander scheiden wollten. In den letzten Monaten aber schien das Niegedachte Wahrheit werden zu wollen. Das berühmte Paar hatte sich mit großem Lärm getrennt. Harro Brachmann reiste mit einer sehr jungen, sehr hübschen Utilité, die früher da und dort zusammen mit Meta Martens in seinen Stücken aufgetreten war. Meta Martens aber ließ verkünden, daß sie sich von der Bühne zurückzieht und noch dies Jahr ihre letzte, ihre allerletzte Tournee macht . . .

»Denn wenn man so zerbrochen ist, so ganz erfüllt von Leid, bleibt dem Menschen nichts mehr, als die Einsamkeit und das große Schweigen! Was habe ich seit mehr als zehn Jahren um diesen Mann gelitten. Mein Gott, mein Gott, was habe ich gelitten!«

Sie preßte krampfhaft die Hände ineinander, hob die Augen entgeistert zur Decke des Zimmers empor, es war dieselbe Qual, dieselbe rührende Bewegung, die sie Harro Brachmanns sanfter, übersensitiver »Eveline« gab.

»Niemand weiß, niemand hat eine Ahnung, was dieser Mann mir war! Mit Worten läßt sich's nicht fassen, nicht erzählen läßt sich's, wie eine Geschichte oder ein Roman. Nichts war mir das Leben, alles nur er, er und immer wieder er. . . . Was hab' ich diesem Mann nicht alles gegeben; mich, mein Herz, meine Seele, meine Kunst! Geschenkt hab' ich, daß ich jetzt nichts mehr habe. Nie, gar nie ist solcher Undank erhört gewesen! Wissen Sie denn, was dieser Mann ohne mich wäre? Ein Nichts, sehen Sie, das man so wegbläst! (Sie blies ein Federwölkchen, das sich auf ihren bloßen Arm gesenkt hatte, heftig fort.) Alles, was er ist, hab' ich ihm gegeben, ihm den Weg gemacht, Schritt für Schritt. O, heute natürlich, heute hat der große Herr mich nicht mehr nötig, aber damals, da er noch als kleiner, halb verhungerter Dichter in einem Monatszimmer um zwanzig Mark in der Vorstadt wohnte, und keinen ordentlichen Rock auf dem Leibe trug, und kein Mensch seine Sachen lesen wollte, damals war ich gut genug! Da bin ich herumgelaufen bei den Direktoren und hab' gebettelt, daß sie seine Stücke aufführen und habe ihnen die Ausstattung gezahlt und die Kostüme. Und wenn mir das Geld nicht mehr reichte, bin ich für ihn zu Geldverleihern gelaufen, zu Wucherern, zu einem Gesindel, das man nicht mit der Feuerzange anfassen möchte . . . Geld mußte her, Geld um jeden Preis . . . O, Sie wissen ja nicht, kein Mensch ahnt, was dieser Mann für Luxusbedürfnisse hat, dieser Mann, der noch vor fünfzehn Jahren in schmierigen Garküchen um fünfzig Pfennig zu Mittag aß . . .«

»Doch, gnädige Frau, man weiß, wie raffiniert und prachtliebend er ist! Man weiß, daß er lebt wie ein Fürst, daß er von allem immer nur das Beste, das Schönste, das Teuerste haben muß! Sein Haus am Tiergarten soll zugleich ein Palais und ein Museum sein, und seine Villa in Spaa –«

»Ist wie ein Feenmärchen! Wer's nicht gesehen hat, kann sich keine Vorstellung davon machen!«

»Nun, Harro Brachmann hat ja auch die entsprechenden Einkünfte für eine solche Lebenshaltung. Seine Stücke sind Repertoirestücke, seine Romane haben hundert Auflagen –«

Meta Martens lachte höhnisch.

»Du lieber Gott, wenn Sie glauben, daß er damit reicht! Ich, ich bin es, die immerfort die Unsummen hergeschafft hat für die Cäsarenlaunen dieses Mannes! Halb ruiniert hab' ich mich für ihn, jahrelang hab' ich in Schulden gesteckt bis über die Ohren! Sogar die Frau habe ich ausgezahlt, denn er schleppte ja aus seiner Anfängerzeit eine Frau mit sich herum, eine ordinäre, ganz unmögliche Person Der hab' ich achtzigtausend Mark auf den Tisch gelegt, damit sie ihn freigab . . . Ich, ich habe es nur zu einem bescheidenen Besitz in den Vorbergen gebracht, er aber, er hat einen Palast in der Stadt und einen in Spaa. Er reist im eigenen Auto, bewohnt, wenn er nach Paris kommt im Hotel du Rhin fünf Zimmer, läßt seine Zigarren eigens für sich in der Havanna drehen und den Zuschneider für seinen Frack zweimal im Jahr aus England kommen. Und was für ein Leben führt der Mann! Ich sage Ihnen, jede andre hätte es nicht drei Monate mit ihm ausgehalten, ich aber, ich habe ihm fünfzehn Jahre geopfert –«

»Aber haben Sie nicht auch viel von ihm empfangen, gnädige Frau? Trotz aller Schwächen bleibt er doch ein großer Künstler, ein Seelenkenner ohnegleichen. Kein andrer wird Ihr Wesen je so erfassen, so dichterisch zu gestalten vermögen wie er!«

»Ja, er ist ein großer Künstler. Ich weiß, wieviel ich ihm schulde. Aber deswegen hat er mich doch elend gemacht, so elend, daß ich mir überhaupt nicht mehr wie ein Mensch vorkomme, nur noch wie etwas ganz Armseliges, Zerstörtes, das sich in einen Winkel verkriecht, um dort zu verenden. Diese letzte Zeit war so entsetzlich, so ent– –«

Sie brach plötzlich ab, konnte nicht weitersprechen. Man sah, daß sie mit dem Weinen kämpfte. Sie biß die Lippen aufeinander, schluckte krampfhaft, schlug nervös mit den Augendeckeln, stand auf, ging ein paarmal rasch im Zimmer hin und her, unaufhörlich die Hände ineinander reibend. Warf sich dann plötzlich in den Sessel, über dem der köstliche Samtmantel hing, barg Arme und Kopf in dem Hermelin und begann zu schluchzen. Schluchzte so wild und leidenschaftlich, daß der Reporter fast vergaß, aufzuzeichnen und befangen wartete, bis dieser jähe Ausbruch sich legen wollte. Sie schien ganz aufgelöst in Schmerz und Tranen, jedes Glied an ihr bebte und die Töne, die ihrer Kehle entstiegen, kamen rauh und verzweifelt, wie aus einem zerstückelten Herzen. Aus ihrem üppigen Haarknoten aber löste sich langsam, in sanftem Ringel, die eine goldbraune Strähne, die sich in allen großen Leidenschaftsszenen löste und ringelte und von der ein verzückter Berliner Kritiker einmal geschrieben hatte: »Diese Strähne der Martens schwebt in den Momenten heftiger Affekte wie eine Gloriole über den unerhörten Ekstasen dieser vollendeten Kunst . . .«

Allmählich wurde ihr Schluchzen milder, verlosch. Sie richtete sich auf, fuhr mit beiden Händen über das heißgeweinte Gesicht, sah fremd um sich. Nach einer Weile machte sie mit der Linken eine starre Geste, als zöge sie einen Strich: »Finita la commedia! Ich gehe heim zu meinen Rosen, meinen Büchern und meinen Bildern! In der Einsamkeit will ich vergessen, wer ich war und was ich ertragen habe!«

Der Reporter wartete noch einige Augenblicke. Da sie nichts mehr sprach, erhob er sich, um ihr zu danken und zu gehen. Sie hüllte sich jetzt fröstelnd in ihren Mantel, reichte ihm mit einem rührenden Ausdruck der Erschöpfung die Hand.

»Leben Sie wohl, Herr Doktor! Es hat mir wohlgetan, einmal mit einem Menschen zu reden, der wirklich ein Mensch ist. Und nicht wahr, es bleibt unter uns, Sie geben nichts davon in die Zeitung? Ich habe mich vielleicht von meinen Empfindungen hinreißen lassen und es wäre mir peinlich, wenn die Welt davon erführe. Die Welt braucht nichts zu wissen, als daß Meta Martens aufhört, Komödie zu spielen. Leben Sie wohl, Herr Doktor! Sie haben doch einen guten Platz für heute abend? Das Haus ist schon seit vorgestern ausverkauft. Also auf Wiedersehen heute abend! Wenn Sie mich heute auf der Bühne lachen und jubeln sehen, dann denken Sie ein wenig daran, wie unglücklich Meta Martens im Leben ist!«

Der Reporter ging.

Der Kopf war ihm benommen von der warmen parfümierten Luft, dem Blumenduft, den Worten und den Gesten der Martens. Während er auf die Redaktion eilte, um sein Interview gleich an Ort und Stelle zu verfassen, dachte er bei sich: »Was für ein Weib! Was für ein wundervolles Weib!«



II

Meta Martens blieb einige Augenblicke in derselben Stellung und in denselben Gedanken. Dann begann sie im langsamen Spiel mit den Händen durch den weißen Pelz zu gleiten. Es freute sie, die schwarzen Schwänzchen durch die Finger schlüpfen zu lassen und zu sehen, wie durchsichtig ihre Finger erschienen. Einmal nahm sie einen Zipfel des Mantels und trocknete die letzten Tränenspuren auf ihren Wangen. Sie ging zur Klingel, um ihre Kammerjungfer herbeizuläuten, – die goldbraune Strähne mußte ja wieder aufgesteckt, die ganze Frisur ein wenig in Ordnung gebracht werden. Sie war unangenehm überrascht, als der Kellner meldete, die Kammerjungfer sei ausgegangen. Sie sagte ziemlich barsch: »Ausgegangen? Das ist ja unglaublich! Sie hat doch nicht ohne meine Erlaubnis auszugehen!«

Das Stubenmädchen der Etage schlüpfte herbei und erläuterte, daß Fräulein Therese schon seit drei Stunden unterwegs sei.

»Sie hat gesagt: im Auftrag der gnädigen Frau! Ich glaube, sie holt Blumen für die gnädige Frau –«

Die Martens besann sich einen Augenblick. Ach ja, richtig, sie selbst hatte Therese weggeschickt. Sie wollte für heute abend einen Strauß weiße Rosen haben, sieben weiße Rosen mit dunkelroten Deckblättern . . . Sie hätte einfach nicht spielen können ohne die sieben weißen Rosen. Heute nacht erst war ihr die Idee gekommen, wie stimmungsvoll sieben weiße Rosen mit purpurnen Deckblättern zu der Dämmerung des dritten Aktes, zu ihrem malvenfarbenen Gewand und ihren schwermütigen Liebesworten wirken müßten. Solche Ideen kamen ganz plötzlich, ganz intuitiv über sie und mußten dann ausgeführt werden, gleichviel um welchen Preis. Es war dann, als ob die Gestalt, die sie darstellen sollte, mit solch einer Intuition verwachsen sei und nur mehr Schemen bliebe, wenn man sie davon losreißen wollte. So hätte sie heute abend eben einfach absagen, Bachmanns »Rodogune« nicht spielen können, wenn Therese nicht die sieben weißen Rosen mit purpurnen Deckblättern herschaffte. Meta Martens seufzte. Ach ja, man war eben immer und überall ein Sklave des Ruhmes. Sie ließ sich wieder in ihren Sessel fallen und bestellte bei dem Kellner das Mittagsmahl. Nicht viel, sie hatte wenig Appetit und hielt sich knapp, wenn sie abends spielte. Nur ein wenig Hühnerbrühe, eine Forelle, ein kleines Vol-au-vent und einen Löffel Eiscrême.

»Befehlen gnädige Frau sogleich zu speisen?«

»Nein, in einer halben Stunde,« sagte sie leise und begann wieder mit den schwarzen Schwänzchen des Hermelins zu spielen. Gerade aber, als der Kellner unhörbar davonhuschen wollte, rief sie ihn zurück: »Bitte, sagen Sie auch dem Herrn Direktor, daß ich auf der nächsten Rechnung keinen Irrtum zu finden wünsche. Vorgestern war wieder eine Eierspeise notiert, die ich nicht gehabt habe und auch die Zimmer sind mit fünfunddreißig Mark berechnet, trotzdem ich ausdrücklich gesagt habe, daß ich nicht über dreiunddreißig gehe. Wenn man fortfährt, mich in dieser Weise zu übervorteilen, steige ich das nächste Mal nicht mehr hier ab!«

Ihre weiche Stimme war immer härter und lauter geworden. Der Kellner verbeugte sich, versprach, dem Herrn Direktor die Wünsche und Beschwerden der gnädigen Frau zu übermitteln und verschwand.

Meta Martens machte sich daran, den Posteinlauf durchzusehen und allerlei, was sonst noch für sie abgegeben worden war. Ein ganzer Stoß Zeitungen lag da. Sie durchblätterte sie rasch, überschlug alles und las nur die Theaternachrichten, vor allem die Notizen, die sich mit ihr beschäftigten und dachte bei sich: »Seltsam! In einem halben Jahr wird dich das alles nicht mehr interessieren, wird dein Name hier nicht mehr stehen!«

Sie las eifrig, lächelte zufrieden, als sie sah, wie laut und einstimmig ihr Scheiden beklagt wurde. Die Briefe interessierten sie weniger, machten ihr Mißtrauen rege. Es waren immer zuviel Bettelbriefe dabei, zuviel Menschen, die Geld, Fürsprache oder Interesse von ihr verlangten. Meistens mußte Therese, die ein gebildetes Mädchen war, die Korrespondenz zuerst durchsehen, die Bettelbriefe in den Papierkorb werfen und nur die uneigennützigen Bewunderungsschreiben der Herrin übermitteln. Ja, Therese war ein Juwel! Ein Mädchen aus guter Bürgersfamilie, das sein Lehrerinnenexamen gemacht, hatte sie sich nur aus Begeisterung für die Kunst der Martens zum Zofendienst bei ihr gemeldet, ließ sich wie ein Dienstbote behandeln und ins Gesindezimmer schieben, nur um bei der vergötterten Künstlerin bleiben, ihr dienen zu können.

Die Martens ging ein paarmal im Zimmer auf und ab, sah hin und wieder nervös nach der Uhr. Wie lange Therese doch ausblieb. Seit drei Stunden war sie nun unterwegs, Zeit genug, um ein ganzes Treibhaus zu plündern! . . . Und sollte doch nichts heimbringen als eine Handvoll weißer Rosen.

Sie steckte die verklärende Strähne selbst zurecht, so gut es gehen wollte. Sie war nicht gewohnt, die kleinste Handleistung bei der Toilette selbst zu tun und darum drückte die Haarnadel zuerst und als sie nicht mehr drückte, saß die Strähne auch schon wieder ganz lose.

Meta Martens wurde immer nervöser, fast ärgerlich. Was war Therese doch für ein unerträglich langsames Mädchen. Gut, pflichtgetreu, ergeben, o ja; sie ließ sich auch ohne Grund schelten, anschreien, herumjagen, gehorchte jedem Befehl, jeder Laune der gefeierten Herrin wie einem höheren Gebot, war dankbar für jedes freundliche Wort, für jeden freundlichen Blick. Aber langsam, temperamentlos, durch nichts aus ihrer kleinbürgerlichen Ruhe zu bringen. Himmel noch einmal! sie wußte doch, daß Meta Martens Besuch, Zeitungsbesuch gehabt habe und daß dann fast immer die Strähne aufgesteckt, das Gesicht ein wenig nachgepudert, der Faltenwurf des weißen Seidengewandes aufs neue zu seiner wundervollen, berühmten Nachlässigkeit geordnet werden mußte. Das alles wußte sie und blieb doch stundenlang fort, um eine Handvoll weißer Rosen einzuholen. Unerträglich, einfach unerträglich!

Meta Martens setzte sich mißvergnügt zu Tisch nieder und fand an allem zu mäkeln. Die Suppe war kalt, der geriebene Käse, den sie dazu servieren ließ, trocken, die Forelle –

Just als sie dem Kellner erklären wollte, daß die Forelle abscheulich schmecke, trat Therese ein. Ihr frisches Gesicht sah erhitzt und ängstlich aus, auf dem zerzausten lichten Haar saß der schwarze Hut etwas schief, die Herrenkrawatte unter dem weißen Leinenkragen verschoben. Das Mädchen machte den Eindruck eines abgehetzten Menschen, der sich sehnt, eine halbe Stunde niedersitzen und rasten zu dürfen.

Meta Martens sah der Eintretenden mit zusammengezogenen Brauen entgegen. »Endlich, Therese! Sie haben sich Zeit gelassen!«

»Gnädige Frau, es ist schrecklich . . . ich rase seit drei Stunden mit dem Auto von einem Blumenladen zum andern, aber –«

»Was aber?« Die Stimme der Tragödin klang so hart, daß Therese ihr bißchen Mut völlig schwinden fühlte.

»Aber . . . aber . . .«

»Also heraus endlich mit der Sprache!« schrie die Martens wütend. »Sie haben die Rosen natürlich nicht bekommen! Natürlich! Wann hätten Sie je etwas bekommen, was ich benötige! In meinem ganzen Leben hab' ich kein so tölpelhaftes Frauenzimmer gesehen, wie Sie!«

Theresens Gesicht wurde dunkelrot. Ihr Mund zuckte wie von verhaltenem Weinen. Sie nahm all ihre Courage zusammen, sagte jäh und klar, wie man mit plötzlichem Entschluß wohl Unvermeidliches ausspricht: »Gnädige Frau, es gibt in der ganzen Stadt keine weißen Rosen mit dunkelroten Deckblättern. Aber ich habe blaßgelbe mitgebracht, ganz blaßgelbe mit roten Blättern; sie sehen bei Beleuchtung weiß aus. Ich hab' es ausprobiert, hab' mir sie im verdunkelten Raum von unten und seitlich beleuchten lassen, ganz wie auf der Bühne. Sie sehen wirklich weiß aus. Wenn gnädige Frau sich überzeugen wollen –« Sie trat rasch zur Türe hinaus, um die Blumen zu holen, die sie einstweilen auf einer Konsole des Vorzimmers niedergelegt hatte. Unsicher, mit erschrockenen, geröteten Frageaugen reichte sie der Herrin die sorgfältig vernadelte Seidenpapierhülle hin.

Meta Martens riß das Papier entzwei, erblickte sieben große, schwermütige Maréchal-Niel-Rosen, um deren vollen Kelch sich dunkelrote Blätter wie eine heiße Liebkosung schmiegten und brach in höhnisches Lachen aus.

»Bravo, Therese, bravo! Hätten Sie nicht vielleicht gleich Sonnenblumen mitbringen können oder sonst etwas, was recht gemein und recht gelb aussieht?! Es ist wirklich ein Skandal, ein Skandal, daß man solch einem Kammermädchen überantwortet ist. So einer Nichtskönnerin! So einer Gans! So einer – so einer –«

Abscheuliche Schimpfworte fielen von ihren Lippen. Therese ließ regungslos alles über sich ergehen.

»Da haben Sie Ihre Rosen . . . da . . . da . . .«

Mit wutbebenden Fingern ergriff sie eine Blume nach der andern, riß jeder den schwermütigen Kelch ab und warf ihn dem Mädchen vor die Füße. Stengel, Blätter und das zusammengeknüllte Seidenpapier folgten nach.

Therese bückte sich schweigend, um die Rosenblätter vom Teppich aufzuheben. Ein- oder zweimal stieß sie ein kleines Schluchzen aus, aber sie nahm sich zusammen, sammelte die zerfetzten Rosen in das Seidenpapier, das sie schnell geglättet hatte, rückte ihr Hütchen wieder zurecht, strich das zerzauste Haar aus dem Gesicht und sagte flehend: »Gnädige Frau . . .«

In diesem Augenblick trat der Kellner wieder ein und fragte, ob er jetzt auch das Essen für Fräulein Therese auftragen sollte.

»Natürlich,« sagte Meta Martens schneidend, »Fräulein Therese muß doch essen; das Essen ist doch für Fräulein Therese das Wichtigste. Alles andre hat Zeit, bis Fräulein Therese gegessen hat.«

Therese hörte die verletzenden Worte nicht mehr, denn sie war lautlos wieder zur Tür hinausgeschlüpft.

Meta Martens hatte nun allen Appetit verloren. Sie legte sich auf die Ottomane, um auszuruhen und Stimmung zu sammeln für den Abend. Am liebsten hätte sie die Vorstellung abgesagt, aber das ging doch nicht gut an. Schließlich konnte so eine plötzliche Absage sehr verstimmend auf das Publikum wirken und sie wollte in Frieden, in reiner Harmonie aus der Öffentlichkeit scheiden, die sie seit zwei Jahrzehnten unablässig mit ihrer Persönlichkeit erfüllt und beschäftigt hatte. Sie lag da, blinzelte ein wenig, wollte schlummern und war doch nicht müde genug, vielleicht auch noch zu erregt. Sie ließ die Augen im Zimmer umhergehen und bemerkte auf dem Schreibtisch neben den Zeitungen und Briefen einige schmale, sorgsam verschnürte Kartons, die ihr vorhin entgangen waren. Sie lächelte ein wenig. Sie wußte schon, was sie enthielten. Autographenalbums waren es, von begeisterten Backfischen beiderlei Geschlechts gesandt. – Sie kreuzte die Arme unter dem Kopf und besann sich, was sie einschreiben sollte. Drei Jahre lang hatte sie abgewechselt mit: »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst!« und »Wenn's etwas gibt, gewaltiger als das Schicksal, so ist's der Mut, der's unerschüttert trägt«. Nun mußte sie endlich etwas andres finden, etwas Neues, Persönliches. Etwas, in dem ihr Wesen zitterte, ein Hauch von Abschiedsstimmung, Resignation und Abklärung. Während sie grübelte und sann, kam unversehens der Schlaf und drückte sie ans Herz, daß ihr die Sinne schwanden – – Als sie wieder erwachte, dämmerte es bereits. Sie fühlte sich prächtig ausgeruht, behaglich, fast froh. Sie blieb liegen und sah mit weit offenen Augen gerade vor sich hin in die Schatten hinein, die ins Gemach gekrochen kamen. Merkte aber doch, daß die Türe sich öffnete und eine weibliche Gestalt mit blonden Haaren vorsichtig ins Zimmer trat. Meta Martens tat, als ob sie nichts sähe und höre. Therese trat auf den Zehenspitzen näher, warf einen huschenden Blick auf die Herrin, legte vorsichtig einen Blumenstrauß auf das Taburett, das neben der Ottomane stand –

Sieben weiße Rosen mit purpurnen Deckblättern –

Meta Martens rührte sich nicht. Erst als Therese gegangen war, setzte sie sich auf, nahm die Blumen in die Hand und betrachtete sie entzückt. Ja, so, gerade so hatte sie den Rosenstrauß geträumt. Die große Szene im dritten Akt würde nun einen nie geahnten Stimmungszauber erhalten. Wie das Gemälde eines Primitiven mußte sie wirken, wenn sie in ihrem malvenfarbenen Gewand unter dem verdämmernden Himmel dahinglitt, sieben weiße Rosen mit purpurnen Blättern in der Hand. Siebenmal das Symbol ihrer durchsichtigen Rechten, an deren Mittelfinger der Rubin funkelte. – –

Eine köstlich prickelnde Ungeduld kam über sie, das süße, kleine Lampenfieber, das sie vor jeder Vorstellung befiel und das eigentlich kein Lampenfieber war, sondern mehr eine Sehnsucht, ein Drängen, draußen zu stehen vor der Menge, sich vor ihren Augen auszugeben, hinzugeben, an der eigenen Flamme zu verbrennen bis zur völligen Vernichtung.

Mit eins wußte sie auch, was sie in die Autographenalbums einschreiben wollte. Sie nahm das erste zur Hand, tunkte die Kielfeder (Harro Brachmann hatte sie gelehrt, daß Stahlfedern gemein seien) in violette Tinte und schrieb in ihrer lapidaren Steilschrift: »Gut sein!«

Sie betrachtete einen Augenblick, was sie geschrieben. Es waren die Schlußworte des zweiten Aktes der »Rodogune«, die sie so seelenvoll, so hingebend sprach, daß ihr Publikum jedesmal ein paar Sekunden in erschüttertem Schweigen saß, ehe es begann, sie hervorzujubeln.

Ach ja! Harro Brachmann verstand sich auf Aktschlüsse und Bühnenwirkungen, er hatte die Psychologie bei den Skandinaviern studiert und die Technik bei den Franzosen, war männlich und zugleich effiminiert genug, um ein großer Künstler zu sein – – Harro Brachmann – ohne daß sie's wollte, mußte sie ihm nachsinnen, ihm und den Jahren, die sie zusammen gewandelt. Jahre voll Rausch zuerst, da sie ihm wie eine Offenbarung, wie eine Erlöserin erschienen war und dann die andern, in denen er sie gekränkt, ausgebeutet, betrogen und in denen er doch immer der tiefste Inhalt ihres Lebens geblieben war. Kein andrer verstand sie ja so wie er, wußte so wie er sie vor ihren eigenen Augen zu beleuchten, zu erklären, zu vergeistigen. »Immer bist du mir eine Metapher für ewige Dinge –« hatte er ihr einmal geschrieben. Eine Metapher für ewige Dinge – wer auf der Welt wußte wohl einer geliebten Frau königlichere Huldigungen darzubringen?!

Sie starrte immer noch auf die lapidare, violette Steilschrift, bis ihr der Blick in Tränen brach. Sie legte das Gesicht in die Hände und weinte, weinte nicht wie die göttliche Martens, sondern wie eine ganz alltägliche verblühte Frau. Jetzt löste sich die Strähne nicht, keine Leidenschaft peitschte ihren Körper zu unerhörten Ekstasen. Sie weinte das leise, rührende Weinen, bei dem die Menschen klein und armselig aussehen, gleichsam eingeäschert. Sie weinte, wie nur eine Frau in trotziger Sehnsucht dem Mann nachweinen kann, der sie gepeinigt und verlassen hat.


* * *


Der Abend gestaltete sich selbstverständlich zu einem Triumph für Meta Martens, besonders die Szene mit den sieben weißen Rosen wirkte genau so ergreifend, wie sie sich's gedacht. Wie immer stand Therese in der Kulisse und sah mit glänzenden Augen auf die Herrin, der die Menge zujubelte. Das Mädchen hatte alles vergessen, was es an diesem Tage ertragen, vergessen, daß es sieben Stunden im Auto gefahren, um schließlich in dem entlegenen Wintergarten eines reichen Sonderlings die sieben weißen Rosen mit purpurnen Deckblättern fast kniefällig zu erbetteln. Vergessen, daß es heute nicht einen Augenblick der Rast, kein Mittagessen gehabt hatte und obendrein noch angeschrieen und geschimpft worden war. Alles war vergessen, wenn Meta Martens spielte und Therese von der Kulisse aus zusehen durfte.

In der Pause nach dem dritten Akt trat Meta Martens auf das Mädchen zu. Sie trug noch das malvenfarbene Gewand, die bereits verblühten Rosen hatte sie achtlos auf einem Tisch liegen lassen. Von den Schultern floß ihr ein schlichter, blaßgelber Mantel, weit, faltig und am Hals mit einer mattbunten Stickerei besetzt, wie die Königsmäntel in alten Inkunabeln. Sie ging zu Therese, umarmte sie, zog wie liebkosend den Mantel auch um des Mädchens Schultern, so daß er sie beide einhüllte.

»Ich war heute häßlich gegen Sie, seien Sie mir nicht mehr böse!« sagte sie bittend und sah mit ihren schwarz ummalten Augen zu dem blonden Mädchen hinauf, das größer gewachsen war als sie.

Es war ein sehr hübsches Bild, wie die zwei Frauen da standen, eingeschmiegt in den faltigen Königsmantel. Sogar ein paar der Kollegen wurden aufmerksam auf die Gruppe und ein kleiner Winkelreporter, der immer zwischen den Kulissen herumstrich, weil er »intime Szenen aus dem Theaterleben« für sein Bilderblättchen suchte, knipste eilends eine Aufnahme. Therese aber war so überwältigt von der Güte ihrer Herrin, daß sie sich auf die durchsichtige Hand mit dem Rubin niederbeugte und glückselig stammelte: »Sie sind so gut . . . so gut . . .«

In diesem Augenblick kam sich Meta Martens wirklich sehr gut, sehr schön und sehr glücklich vor.



III

Meta Martens war heimgekehrt zu ihren Rosen, ihren Büchern und ihren Bildern. Ihre Abschiedstournee hatte sich weit über den Winter hinaus erstreckt. Im Kalender stand schon Mai, als sie endlich in dem schönen Hause eintraf, das sich auf sanfter Höhe über dem kleinen Dorf mit dem grünen Kirchturm erhob. Behaglich und stillvergnügt lag das Dörfchen da, schien der ratternden Eisenbahn, die es fauchend in weitem Bogen umfuhr, zuzurufen: »Renn du nur weiter, in die Alpen hinein, zu Sehenswürdigkeiten, Palasthotels und spleenigen Engländern! Mir ist hier sehr wohl zwischen den raschelnden Kornfeldern und den Wäldern, in denen es köstlich nach Erdbeeren, Heckenrosen und Pilzen duftet. Renn du nur weiter in die Alpen hinein! Ich liebe die Beschaulichkeit, den blauen Duft meiner Vorberge und das bescheidene Entzücken meiner kleinbürgerlichen Sommergäste!«

Da Meta Martens heimkehrte, lag das Dorf weiß und still, so verschüttet unter Blüten, daß es kaum mehr atmen konnte. Jeder Obstbaum sah aus wie der Brautstrauß für ein Riesenfräulein und jede Hecke stand licht oder sanft errötend, als wäre sie ein kleines Mädel, das zur ersten Kommunion geht. Die Luft war so weich, so düfteschwer und süß, daß man kaum laut zu sprechen wagte. Nur lachen konnte man, glückselig-verlegen und ohne Grund lachen, denn droben, am Saum der Wälder, die bergan stiegen, funkelte und flitzte es goldig her, wie Sonnenblinken oder wie die geflügelten Goldschuhe des Glücks – –

Meta Martens fühlte sich sehr glücklich. Es war der allererste Frühling, den sie hier verlebte. Sonst hatte sie immer nur im Sommer oder auch im Herbst Zeit gehabt, still zu sitzen. Die ersten Wochen vergingen ihr mit kleinen Streifzügen in die Umgegend oder lieber noch im eigenen Haus. Jetzt erst, da sie für immer heimgekehrt, merkte sie, wie schön und reich ihr Besitz war. Kein Bauernhaus, wie sie damals dem Interviewer gesagt und vielleicht selbst halb und halb geglaubt hatte, nein, ein Schlößchen besaß sie, in einfachem Empirestil, mit weiten, hohen Gemächern, Veranden und einem prächtigen Ziergarten. Wiesen und Felder, die sie natürlich verpachtet hatte, gehörten dazu und auch ein Stück Wald, mit alten Bäumen, unter denen, aus Rinde geschnitzt, eine Ruhebank stand mit einem Tisch davor.

»Hier läßt sich's schon leben, was meinen Sie, Therese?« hatte Meta Martens gefragt, als sie bei Sonnenuntergang mit dem Mädchen auf der Veranda stand und über die weißblühende Pracht hinsah.

»O ja, gnädige Frau!«

»›O ja‹? Das klingt nicht sehr begeistert! Lieben Sie das Landleben nicht, Therese?«

Therese wurde rot.

»Ach . . . ich liebe es schon . . . aber . . .«

»Aber?«

Therese antwortete nicht weiter.

»Nun?!«

»Aber . . . ich weiß nicht, ob die gnädige Frau . . . die gnädige Frau sind das doch ganz anders gewöhnt. . . . Das ist ja alles recht schön und zum Ausruhen auch recht gut, aber ich kann mir nicht denken, daß es die gnädige Frau hier für immer aushält. Das ist doch alles so . . . so . . . so ungebildet –«

»So einfach, meinen Sie?! Ach, Therese, nur das Einfache ist schön. Ich wünschte, mein Leben wäre immer so einfach gewesen. Ich habe mir genug vom Komplizierten –«

»O, gnädige Frau, es war doch früher so schön! Wenn gnädige Frau eine neue Rolle studierten und man gar nicht ins Zimmer durfte und doch wußte: da drinnen bereitet sie jetzt etwas Wundervolles vor . . . und es war so spannend, abends auf das Auto zu warten, wenn gnädige Frau zur Vorstellung fuhren . . . Der ganze Tag war überhaupt so spannend, man war immer beschäftigt, immer wie in Erwartung vom Weihnachtsmann . . . Und die Triumphe von der gnädigen Frau . . . Und die Tage in Spaa, in der wunderbaren Villa von –«

Meta Martens verbot ihr mit einer raschen Bewegung, weiterzusprechen. Sie sagte nicht ohne Schärfe: »Sie werden sich hier eingewöhnen müssen, liebe Therese, wie ich auch. Wie ich auch –« wiederholte sie langsam und ein wenig zage. Sie erwartete einen kleinen Gefühlsausbruch Theresens, eine jener Aufwallungen, die sie früher so oft gezeigt hatte. Therese aber griff weder nach der durchsichtigen Hand mit dem Rubin, um sie zu küssen, noch klang Leidenschaftlichkeit in ihrer Stimme, als sie sagte: »Selbstverständlich, gnädige Frau, man wird sich schon eingewöhnen!«

In den ersten Tagen befand sich Meta Martens in einer seltsamen Stimmung, war erregt, beinahe ein wenig fieberisch, hörte das Blut in den Ohren brausen und konnte nachts nicht schlafen. Mit großen, wachen Augen lag sie in ihrem breiten Messingbett, hörte, wie der grüne Kirchturm dem Dörfchen eine Stunde nach der andern ansagte, sah, wie die Morgendämmerung mit blassem Finger das Dunkel beiseite schob und sich auf unhörbaren Sohlen ins Zimmer stahl. Mit Herzklopfen lag sie da, hörte die Hähne krähen und war froh, wenn es Zeit wurde, aufzustehen. Sie dachte: »Sonderbar, man spürt das Frühjahr, als ob man ein blutjunges Ding wäre!«

Sie war sehr heiter, lachte und schäkerte mit Therese und fand schmollend, das Mädchen sei langweiliger und schwerfälliger, als sie es sonst gekannt. Aber immerfort lag in ihrem heiteren Wesen etwas Unruhiges, Gespanntes. Sie schien immerfort auf etwas zu warten . . . auf ein Begebnis, auf einen Menschen, auf eine Nachricht . . . sie hätte selbst nicht sagen können, auf was.

Sie war unruhig und nervös, fühlte sich unfähig, irgendeiner Beschäftigung lange nachzuhängen. Nur immer draußen im Freien herumstreifen und die Gedanken vorauslaufen lassen, daß sie sich nie zu Betrachtungen formen konnten. Wenn sie von solchen Wanderungen nach Hause kam, streckte sie sich wohl behaglich in einen Lehnstuhl und sagte zu Therese, die vor ihr kniete, um ihr samtene Pantöffelchen überzustreifen: »Hier ist's gut, Therese, hier lebt man wie die Bauern! Man läuft sich schläfrig und denkt nicht nach!«

Therese blieb stumm. Wenn Meta Martens ihre Worte wiederholte, nickte das Mädchen nur stumm oder meinte beiläufig: »O ja.« Dann ärgerte sich Meta Martens und dachte bei sich, daß man hier draußen erst merke, wie albern Therese sei. Drinnen in der Stadt, in der ewigen Theaterhetze, war es gar nicht so hervorgetreten. Einmal wollte sie darüber eine scherzende Bemerkung machen, aber Therese setzte gleich ein verdrießliches, muffiges Gesicht auf, wie sie es nie zuvor an ihr gesehen. Da schwieg sie lieber still.

Der Sommer war ins Land gekommen, regnerisch und kühl, wie er sich oft in den Vorbergen zeigt. Mit dem Herumstreifen war's jetzt ziemlich zu Ende; die Waldwege unpassierbar, die Landstraßen schmutzig, Meta Martens ohne Lust nach neuen Entdeckungen in ihrem kleinen Reich. Sie saß zu Hause, am Fenster ihres Wohnzimmers, in dem schöne, alte Meister hingen und in dem die Luft künstlich erwärmt und leise parfümiert war. Sie sah hinaus auf die Nebelschwaden, die um die Tannen zogen, horchte auf den Regen, der mit beharrlich monotonem Geräusch niederfiel, seufzte ein wenig. Blickte dann aufmerksam in das Buch, das auf ihren Knieen lag. Es war sehr interessant, o, sehr interessant . . . Leider verstand sie nur nicht allzuviel davon, denn sie war's ungewohnt, andres zu lesen als Rollen, Zeitungen und Theaterliteratur. Sie hatte es zwar seit Jahren gesagt und geglaubt, daß sie sich für Philosophie und Astronomie interessiere, aber sie hatte an Kant genau so wenig Geschmack gefunden wie an Voltaire, Schopenhauer oder Nietzsche. Sie begriff es selbst nicht recht. Es war doch immer so anregend gewesen, wenn Harro Brachmann ihr Bruchstücke vorlas, so anregend, daß sie ihm oft gesagt hatte: »Weißt du, wenn wir einmal alt sind, wenn ich das verfluchte Theater los bin, dann werden wir –« – »Nur in andern Welten leben?! Nur mit großen Geistern und Sternen?! Törin, glaubst du wirklich, daß wir das aushalten würden, Menschen wie du und ich, die dem Diesseits, dem lebendigen Leben von heute gehören?!«

Die Worte kamen ihr manches Mal in den Sinn, wenn sie sich an plätschernden Regentagen mit den »Éléments de la philosophie de Newton« abquälte. Gott, was war so ein Philosoph doch für ein verquerter, trockener Mensch. Jeder Possenschreiber tat eigentlich mehr für die Erhellung und Erheiterung der Menschen, obwohl Meta Martens, die Tragödin, sonst immer verächtlich über Autoren weggesehen hatte, die ihren Erfolg nicht in der Erschütterung, sondern im Gelächter des Publikums suchten.

Mit der Astronomie ging's ihr auch nicht besser, deutlicher noch als bei den Philosophen spürte sie hier den eigenen Mangel aller Vorkenntnisse, das Fehlen jeder wissenschaftlichen Anschauung. Es war schließlich ja auch ganz gleichgültig, Lauf, Schicksale und Zukunft der Gestirne zu wissen. Von außen her, solange man all diesen Büchern ganz fern stand, mochte es ja verlockend scheinen, sich von ihnen über dies und das unterrichten zu lassen. Wenn man aber näher zusah – –

Sie blieb still sitzen und sah nach der Uhr, immer wieder nach der Uhr. Jetzt mußte der Briefträger bald kommen; der Zug, der die Post aus Norden brachte, war längst eingelaufen. In dem schlichten Leben, das sie jetzt führte, das langsam vertröpfelte, wie der Regen draußen, war der Briefträger dreimal am Tag ein Ereignis. Die Ungeduld, mit der sie ihn erwartete, mit der sie seinen schweren, eiligen Schritt in den Flur treten und über die Treppe heraufpoltern hörte, war köstlich, war fast wie das entzückende, kleine Lampenfieber von einst. Briefe kamen nicht allzuviele und Meta Martens interessierte sich auch nicht sehr für sie. Aber die Zeitungen, die Zeitungen . . . Wenn sie das Berliner Tageblatt oder die Neue Freie Presse zur Hand nahm, war's ihr zu Mute wie einem, der im innersten Afrika einen Landsmann trifft. So heimgekehrt fühlte sie sich dann, so geborgen, so gerührt und so heiter zugleich. Wie immer überschlug sie auch jetzt Leitartikel und Feuilleton, um die Theaternachrichten zu suchen. Las jede Zeile gespannt, gierig und war ein wenig betrübt, wenn sie bald damit zu Ende kam. Es war ja jetzt keine Saison, die Theaternachrichten flossen also nur spärlich und waren banal. Immer aber suchte sie in diesen Spalten einen Namen und fand ihn doch nimmer. Niemals war von Harro Brachmann die Rede oder von einem neuen Drama, das er gerade schrieb. Es war, als ob er vom Erdboden, vom dramatischen Wettstreit verschwunden sei. Meta Martens zerquälte sich mit der Frage, was dies Schweigen bedeuten sollte. Schrieb er nicht mehr? War er so berauscht vom Glück, das ihm die andre gab, daß er alles sonst vergaß, nichts wollte als küssen und vergessen? Meta Martens schloß die Augen, ein bitteres Lächeln machte ihre Mundwinkel zucken. »O ja, das kann wohl sein, kann wohl sein, daß er es ihr und sich vorschwatzt! Was schwatzt er nicht alles, wenn eine Frau ihm gerade gefällt! Und was glaubt die Frau nicht alles! O der Komödiant, der große Komödiant!«

Nicht immer aber blieben die Regentage einsam. Besuche aus der Nachbarschaft kamen, aus den zwei großen Kunstzentren, die man mit ein paar Stunden Bahnfahrt erreichen konnte. Meta Martens zeigte mit lächelndem Hausfrauenstolz ihr Heim, ihre Vorratskammer und vom Fenster aus ihre Gemüsebeete. Sie gefiel sich darin, am Teetisch nun einmal eine echte Salondame zu spielen, nicht immer nur die Hedda Gabler oder die Denise. Besonders hübsch war es, daß sie in dem kleinen Kreis, der sich um sie sammelte, so grenzenlos vergöttert wurde, eigentlich drehte sich alles immer nur um sie. Man wurde nicht müde, ihren frühen Abgang vom Theater zu beklagen, man bewunderte, als stünde sie noch immer auf der Bühne, ihre weiche Art, sich zu setzen, den süßen Klang ihrer Stimme, die Ausdrucksfähigkeit ihres Gesichts, ihrer durchsichtigen Hände . . .

Einmal, als wieder lebhaft über ihren frühen Abschied von der Kunst gesprochen wurde, als enthusiastische Damen durchaus nicht begreifen konnten, daß, ihr das stille Privatleben gefiele, sagte eine sehr junge Frau, die Tochter einer berühmten Gelehrtendynastie, die mit ihrem Gatten große Forschungsreisen gemacht hatte: »Ich begreife sehr gut, daß die gnädige Frau sich so bald von der Bühne zurückgezogen hat. Gerade eine reiche Natur muß doch das Bedürfnis haben, endlich einmal sich, sich selber zu leben, nicht immer nur Gestalten, die ein anderer ausgedacht hat!«

Meta Martens fand diese junge Frau naseweis und unsympathisch.

Als in ferner Ferne die Theatersaison sichtbar zu werden begann, mehrten sich die Briefe, die bei Meta Martens einliefen. Direktoren und Agenten machten ihr glänzende Anträge, gerade so, als ob sie sich nicht feierlich und definitiv von der Bühne verabschiedet hätte. Lächelnd warf sie die Werbeschreiben in den Papierkorb.

Das Wetter war jetzt wieder schön geworden, überall lag Sonne und lachende Wärme. Auf den Feldern schnitten sie das Korn. Durch die fetten Halme der Wiesen klang das Pfeifen der Sensen oder das schmatzende Geräusch der Sichel. Man sah jetzt auch fremde Gesichter in dem Dörfchen, kleinbürgerliche Sommergäste, die hier einen billigen Landaufenthalt ausgekundschaftet hatten.

Meta Martens ging wieder viel spazieren, in weißen schleppenden Gewändern und großen Basthüten, auf denen Blumen schwankten oder von denen Schleier flogen. Wo sie vorbeikam, sah man ihr nach, wenn sie jemand auf der Straße begegnete, blieb er gewiß stehen und drehte sich nach ihr um. Das gefiel ihr zuerst wohl, weil sie's von früher her so gewohnt war. Bald aber merkte sie, daß die Menschen hier ihr anders nachsahen als in der Stadt. Sie hatten ein besonderes Lächeln . . . ein Augenzwinkern . . . eine meschante Art zu grüßen. Einmal, als sie bei trübem Wetter in einem flatternden Kragen, der wieder den Königsmantelschnitt zeigte, dahin ging, hörte sie, wie hinter ihr ein Kleinbürger zum andern sagte: »Wo hams denn dö auslass'n?«

Überhaupt merkte sie bald, daß nicht sie, Meta Martens, Aufmerksamkeit erregte, sondern nur diese oder jene Äußerlichkeit ihres Wesens, die den plumpen Menschen hier absonderlich erschien. Eine ganz nichtssagende Sommerfrischlerin, die einen goldblonden Tituskopf und einen Herrenhut trug, wurde ganz ebenso angesehen und leise verhöhnt.

Meta Martens zog den flatternden Königsmantel nicht mehr an, auch die weißen schleppenden Gewänder, die großen Basthüte legte sie allmählich ab.

Die Wege waren wirklich zu schlecht, zerrissen, beschmutzten mit Steinen und abgefallenen Tannennadeln die zarten Säume aus Seide oder Musselin. Und der kecke Bergwind zerzauste die schwankenden Blumen und verwirbelte flatternde Schleier, daß es grotesk aussah – –

Eines Tages, da Meta Martens wieder die Theaternachrichten durchforschte, fiel ihr Blick auf den Namen, den sie schon so lange gesucht hatte. Es begann ihr vor den Augen zu flimmern, ihr Herz klopfte in großen, immer wieder schmerzhaft aussetzenden Schlägen. Sie las –

Sie sprang auf, ballte das Blatt zusammen und warf es zornig ins Zimmer hinein. Sie schrie auf, lachte höhnisch, gestikulierte, redete heftig und abgerissen mit sich selbst. Rannte ein paarmal auf und ab, griff sich mit breiter Handbewegung an die Stirn, taumelte, schrie nochmals gell auf und stürzte zu Boden.

Therese eilte herbei, hob die Ohnmächtige auf, brachte sie zu Bett, rieb ihr Schläfe, Handgelenke und Füße mit Kölnischem Wasser. Sie kannte diese Anfälle von früher her. Wenn die gnädige Frau große Aufregungen gehabt hatte, besonders mit Herrn Brachmann, dann war immer solch ein Anfall erfolgt.

Als Meta Martens wieder zu sich kam, fühlte sie sich sehr schwach. Unter den geschlossenen Lidern drangen unaufhaltsam Tränen vor. Therese hatte das Schlafzimmer verdunkelt, waltete sicher und sorgsam wie eine Krankenschwester. Als die Herrin dann in leisem Halbschlummer lag, schlüpfte Therese hinüber in das Wohngemach, wo Meta Martens den Anfall erlitten hatte. Therese ließ eine Sekunde lang die Augen suchend umhergehen, entdeckte das zusammengeknüllte Zeitungsblatt, hob es auf, strich es mit der Hand glatt und las. . . .

Da stand, daß Harro Brachmann, der mit seiner schönen, jungen Freundin, der Schauspielerin Maria Duffey, in zärtlicher Einsamkeit seit Monaten in einem bescheidenen spanischen Seebad lebe, soeben die letzte Hand an ein neues, großes Drama lege. »Über den Inhalt dürfen wir heute nur so viel verraten, daß ihm ein letztes schmerzliches Selbsterlebnis des Dichters zugrunde liegt. Der Held des Dramas ringt sich mit übermenschlicher Kraft aus den Banden einer alternden Frau los, der er Vieles verdankt und findet in einer neuen Neigung zu einem jungen, rührenden Geschöpf menschliches Glück und die Ruhe zu künftigem, künstlerischem Schaffen. Die weibliche Hauptrolle des Stückes – das junge Mädchen – wird auf Wunsch des Dichters von Fräulein Maria Duffey kreiert werden.«



IV

Nach einigen Tagen stand Meta Martens wieder auf. Ihre Stimmung war die einer Rekonvaleszentin, sie fühlte sich ein wenig schwach, ein wenig gütig und eigentlich auch wieder lebensfroh. Was konnte sie es schließlich kümmern, ob Harry Brachmann neue Stücke schrieb oder nicht, ob Maria Duffey die Hauptrolle spielte oder nicht?! Mochte der Dichter sein Werk um ein Paar schöner Augen willen mit dieser oder jener Utilité kompromittieren, ihr galt es gleich. Es war nur zum Lachen, einfach zum Lachen! Was war das für ein Mensch, dem eine Meta Martens jahrelang die dichterischen Gestalten mit edelstem Blute gefüllt, mit stärkster Kunst verlebendigt hatte und der sich nun in zweifachem Sinn an eine Maria Duffey wegwarf?!

Sie sah durchs Fenster hinaus in den heißen Augusttag, dessen Farben südliche Klarheit und Härte zeigten. Fast schwarz stachen die Tannen in das tiefe Blau des Himmels hinein, die kleinen Häuser des Dorfes schimmerten grellweiß. Ein Hauch des Südens wollte sie umfangen. Die Worte der Grillparzerschen Sappho fielen ihr ein:


Götter sich zum Eigentum erlesen,
Geselle sich zu Erdenbürgern nicht.«


Das Schicksal Sapphos ergriff sie. Die königliche Frau, die im Herzen des Mannes von einer Sechzehnjährigen verdrängt wird – – Sie empfand plötzlich das Bedürfnis, königlich zu sein, königlich zu schreiten wie die Griechin. Sie nahm einen scharlachroten Schleier, legte ihn lose um die Schultern über das weiße Kleid und ging fort, dem Hügel zu, auf dem die schwarzen Tannen standen. Sie kam an einem Feld vorbei, das umgepflügt wurde. Träge stapften die Ochsen durch die aufgetrockneten Schollen. Der Knecht lenkte mit der Hand den Pflug, schrie in regelmäßigen Zwischenräumen »Hü!« und »Hott!« Meta Martens blieb einen Augenblick stehen. Sie dachte: Es muß ein sehr schöner Farbeneffekt sein, das dunkle Feld, die flimmernde Helle der Luft und dazu mein roter Schleier. Wenn ich jetzt langsam neben dem Pflug herschreite, muß ich mit meinem roten Schleier wie ein Symbol des Lebens wirken, das die Furche segnet und behütet!

Sie ging nun wirklich mit langsamen, fast feierlichen Schritten am Rand des Feldes entlang. Der Knecht schrie »Hü!« und »Hott!« und merkte gar nicht auf sie. Auch sonst war niemand da, der sie angesehen oder bewundert hätte. Es ging auf Mittag und wer konnte, war daheim im kühlen Haus. Nur ein Bauernbursch zog aus einem Stall einen jungen Stier heraus, um ihn hinüberzufahren zur Kuh des Nachbarn.

Dem jungen Stier lag wahrscheinlich schon die Liebesstunde im Sinn und das strahlende Sonnenlicht verwirrte ihn, der bislang im Dämmer des Stalles gestanden hatte. Er schwankte ein wenig, hob den Schweif und begann zu brüllen. Der Bauernbursch lachte und wollte ihn an der Eisenkette, an der er ihn führte, weiterreißen. Da erblickte das Tier einen blutroten Schimmer – Meta Martens' Schleier . . . Es stellte sich in Positur, hob den Schweif noch höher, brüllte dumpf, riß sich von der Kette und wollte mit gesenkten Hörnern gegen das Symbol des segnenden und schützenden Lebens anrennen.

Geschrei . . . Brüllen . . . Peitschenknallen . . . Männer, die mit einem rasenden Tier ringen, es bewältigen und wegführen . . . Meta war so tödlich erschrocken, daß sie wohl sah, aber nicht mehr begriff, was um sie her vorging. Als sie wieder zu sich kam, merkte sie, daß sie nicht mehr in der Sonne ging, sondern schon im Schatten des kleinen Hügels, auf dem die schwarzen Tannen ragten. Ein Männerarm stützte sie und eine hübsche, weiche Stimme fragte mitleidig: »Arme, gnädige Frau, geht's Ihnen jetzt ein wenig besser?«

Der junge Forstgehilfe war gerade des Weges gekommen, als das Abenteuer mit dem Stier begann. Während die Bauern das Tier bändigten, hatte er sich um die entsetzte, vor Schrecken fast gelähmte Frau bemüht. Sorgsam, als hielte er ein Kind im Arm, führte er sie jetzt zu der Holzbank, die unter den Bäumen stand.

Sie kamen ins Plaudern.

»Wie heißen Sie?« fragte Meta Martens.

»Hans,« fügte er, »Hans Brandner.«

»Das ist ein hübscher Name. Er paßt in die Gegend!«

Er wurde rot, lächelte verlegen. Faßte sich dann ein Herz, und begann ihr von seiner Bewunderung zu sprechen. Er hatte sie spielen sehen, wie er sein Jahr in der Stadt diente. Er sprach von ihrer »Kameliendame«, »Magda«, »Rodogune«, »Cäsarine«. Er hatte natürlich weder ein literarisches, noch ein künstlerisches Urteil, fand Brachmanns »Rodogune« »a bissel sonderbar« und war begeistert vom »Weib des Claudius«.

»Alle Tag könnt' ich das sehen, wenn Sie's spielen.« Feinheiten ihrer Kunst, Nuancen, auf die sie stolz war und bei denen alle Ästheten vor Wonne geschauert hatten, waren ihm völlig entgangen, er wußte nur, daß sie prachtvoll aufschreien, elementar rasen, entzückend zu schmeicheln verstand . . . »Und weinen, wissen Sie, g'weint haben Sie, daß einem das Herz gezittert hat. Ich hab' nie einen Menschen so weinen sehen –«

»Das Leben hat es mich gelehrt!«

Er sagte nichts, sah sie nur erstaunt, fast ehrerbietig an.

Sie sprachen dann über alles mögliche, das heißt, sie redete fast unaufhörlich und er hörte zu. Sie sprach von früher, von ihren Triumphen, ihren Rollen, den Intrigen, die Kolleginnen gegen sie gesponnen, der Bravour, mit der sie Agenten und Direktoren getrotzt hatte. Theaterklatsch und -anekdoten berichtete sie dem jungen Menschen, der dasaß und mit runden Augen staunte, als erzählte ihm die Frau Märchen oder als wär' sie selber eines . . .

Mittag war vorüber, als Meta Martens sich erhob, um heimzugehen. Sie reichte ihm die Hand, meinte, daß er diese Hand küssen sollte, wie alle andern Männer taten, die sie kannte. Der Forstgehilfe war aber viel zu ungeschickt, zu bäuerisch. Er schüttelte die zarte Hand, als wolle er ihr den Arm ausreißen, zog das grüne Hütl und verbeugte sich linkisch.

»Leben Sie wohl, Herr Brandner!« sagte Meta Martens mit einem graziösen Lächeln. »Hoffentlich sehen wir uns bald einmal wieder, es plaudert sich so hübsch mit Ihnen! Und nochmals vielen Dank für Ihren Ritterdienst!«

Sie ging. Sie war sehr animiert. Ach, es war doch hübsch, wieder einmal in dem alten Theaterkram herumzustöbern und ihn vor den entzückten Augen eines naiven Menschen auszubreiten. . . . Sie lachte vor sich hin. Ja, naiv war dieser Brandner, naiv, als käme er direkt aus der Dorfschule. Aber schmuck sah er aus in dem grauen, verwitterten Lodenanzug mit den grünen Aufschlägen und dem Gemsbart auf dem Hut. Braun, frisch, mit heiteren Augen und einem weichen Mund, an dem die Unterlippe sinnlich und auch ein wenig, ein ganz klein wenig schwächlich hing, – ein richtiger lustig-empfindsamer Sohn dieser Berge, die ja noch gar keine Berge waren. . . .

Meta Martens sah rosig und strahlend aus, als sie das Haus betrat. Sie summte eine Melodie vor sich hin und sagte zu Therese, daß sie Hunger habe, wirklichen Hunger.

»Gnädiger Frau scheint das Landleben gut zu tun,« sagte Therese und es kam Meta Martens vor, als ob Theresens Stimme etwas spitz klang. Sie war aber so gut gelaunt, daß sie sich nicht weiter darum kümmerte.

Sie sah Hans Brandner nun öfters, traf ihn bald unterwegs, bald im Forst. Da er musikalisch war, geigte und ein wenig sang, lud sie ihn auch einmal an einem trüben Sonntagnachmittag zum Tee ein. Es amüsierte sie, ihm das Staunen vom Gesicht abzulesen, da er über die dicken Teppiche, durch die unauffällige und doch deutlich wahrnehmbare Pracht ihres Hauses schritt. Sie lächelte, da er naiv meinte: »Da is ja wie in der Residenz . . . nur eigentlich noch schöner . . . a bisserl heimlicher . . .«

Alles verwunderte ihn, alles entzückte ihn: die alten Bilder, die hohen Bücherschränke, die matten Gobelins, die phantastischen Zeichnungen der elektrischen Krone. Am allerbesten aber gefiel ihm eine Wandverkleidung, die sie aus Schleifenbändern von Lorbeerkränzen hatte herstellen lassen und die gegen die diskreten Farben der übrigen Räume etwas kitschig wirkte. »Also so eine Idee! wie Ihnen nur so was einfallt! Da hätt' ich mich wochenlang besinnen können und wär' nie draufkommen. So was Schönes hab' ich in meinem Leben noch nicht g'sehn!« Seine Geigenkunst war natürlich bescheiden, seine Stimme ein frischer, aber völlig ungeschulter Tenor. Der Nachmittag verlief ganz hübsch, aber auch nur ganz hübsch, nichts weiter. Im Zimmer wirkte dieser junge Mann doch ganz anders als im Freien, recht uninteressant und ungeschickt in allen Äußerlichkeiten. Auch servierte Therese den Tee so verdrossen, so widerwillig, wie Meta Martens sie noch nie gesehen hatte. Als Hans Brandner gegangen war, wollte sie Therese eine Szene machen, aber diese schnitt ihr gleich das Wort ab und meinte patzig, sie versehe doch ihren Dienst tadellos, aber über ihre Miene lasse sie sich keine Vorschriften geben. Sie sei ein Mensch so gut wie die gnädige Frau auch und wenn der gnädigen Frau etwas gegen den Strich ginge, dann sähe sie auch nicht aus wie die himmlische Verklärung, und ihr, Therese, ginge jetzt eben sehr viel gegen den Strich. – Worauf sie das Zimmer verließ und die Türe hinter sich zuschlug.

Am nächsten Morgen entschuldigte sich Therese ob ihrer Heftigkeit und Meta Martens gewährte huldvoll Verzeihung. Da sie immer nur mit sich, nie mit der Psychologie andrer beschäftigt war, merkte sie nicht, daß auch Theresens Entschuldigungsworte anders klangen als früher, wo das Mädchen sich um des kleinsten Mißgriffs willen gleich einer Sünderin geachtet und gedemütigt hatte.

Das Warten auf den Briefträger wurde nun fast eine Qual. Zeitungen kamen nur zweimal täglich, – zweimal täglich suchte Meta Martens mit gierigen Augen und zitternden Pulsen Nachrichten über Harro Brachmanns neues Drama. An welchem Theater es zuerst gegeben werden sollte . . . wo . . . und ob wirklich Maria Duffey, diese Utilité, diese Lächerlichkeit, dieses Nichts, die Hauptrolle kreieren würde. Tagelang fand sie gar nichts, dann eine knappe Notiz, die alle Nachrichten über das neue Stück als »verfrüht« bezeichnete. Und wieder einige Tage später ein größeres Entrefilet, das berichtete, der Dichter sei mit seinem Werke nicht zufrieden, plane eine gründliche Umarbeitung. An eine Aufführung sei vor Frühjahr nächsten Jahres kaum zu denken. Da brannte ungeheurer Jubel in Meta Martens auf. Das war die Rache, die Vergeltung. Der Herr hatte ihn geschlagen und verwirrt, daß die einst so sichere Hand zu zittern begann und nichts Rechtes mehr schaffen konnte. Der Himmel selbst rächte den Verrat, den er an ihr und in ihr zweifach an der Kunst begangen hatte . . .

Sie war so berauscht von dieser Vergeltung, so heiß, so strahlend, daß sie meinte, sie müsse einem Weihnachtsbaum gleichen, der überallhin Glanz und Wärme sendet. Sie hielt es nicht mehr aus im Zimmer, sie mußte hinaus ins Freie, in den Garten, in den Wald. Sie traf Hans Brandner, dem sie mit erregter Stimme und unmotiviertem Lachen allerlei gleichgültige Dinge erzählte. Sie versprach ihm sogar, was sie ihm bis jetzt immer abgeschlagen hatte: sie wollte in den allernächsten Tagen mit ihm eine Bergpartie machen, am liebsten morgen schon, weil man doch nicht wußte, ob das Wetter hielt . . .

Am selben Nachmittag noch fuhr sie mit dem Auto nach der Stadt, um sich ein Touristenkostüm, Rucksack und Nagelschuhe zu kaufen. In der Morgendämmerung brachen sie auf nach der Hütte, wo sie übernachten wollten. – – –

Als sie wieder herunterkamen, ins Tal, blieb Meta Martens in der Waldeinsamkeit stehen, legte die Arme um seinen Hals und sagte mit süßester Schmeichelstimme: »Adieu, lieber, lieber Hans!«

Er drückte sie an sich, wußte nicht recht, ob alles, was er seit gestern erlebt hatte, Traum oder Wirklichkeit, und ob er nun eigentlich sehr glücklich sei oder nur sehr verdutzt. –



V

Im Herbst verreiste Meta Wartens für längere Zeit. Sie ging zuerst nach Südtirol, dann an die Riviera, nach Berlin, Wien und Paris. Vielleicht würde sie später auch nach Heluan gehen oder eine Küstenfahrt auf dem Mittelmeer machen – sie wußte es noch nicht. Der Abschied von daheim wurde ihr nicht schwer. Die Rosen im Garten waren entblättert; sie hatte sich auch während der Blütezeit nur wenig um sie gekümmert, weniger noch als um die Bücher und Bilder, die still und schön auf ihre Rückkehr harren würden. Hans? Nun ja, Hans war ein lieber, netter Junge, aber sie empfand nicht die geringste Lust, durch verschneite Monate neben ihm zu sitzen. Er war frisch und jung, aber eben doch in jedem Sinne sehr primitiv. Von einer künstlerischen Ausgestaltung des Lebens wußte er ebensowenig wie von reizenden, kleinen Gourmandisen der Liebe. . . . Er ahnte nichts von spannenden Vorbereitungen, von entzückenden Verzögerungen, von raffinierten Steigerungen . . . Nicht ein Fünkchen war in ihm von der erlesenen Liebestechnik Meister Harros, der auch in den Armen einer Frau sein dramatisches Temperament nie vergaß. Dieser junge Mensch da, dem Kraft und Lebensfrische aus allen Adern spritzte, wollte nur den Genuß und wurde, sobald die Ernüchterung begann, ein sehr trivialer Alltagsmann. Er trug natürlich auch keine Lackschuhe, keine durchbrochenen Seidenstrümpfe und kein indisches Amulett auf der Brust; Parfüm, Mandelkleie oder irgendwelche diskrete Eleganz waren ihm unbekannt. Ja, es gab intime Details, die Meta Martens geradezu chokierten. – Auch sonst war er eigentlich ein kleiner Bauer. Er hatte spießbürgerliche Tischsitten, legte zum Beispiel das benutzte Besteck immer neben statt auf den Teller und sagte, bevor er zu essen begann: »Wünsche wohl zu speisen«, was Meta Martens nervös machte. Von ihrem Wesen, ihren Interessen, ihren Zwiespältigkeiten und Seelenkonflikten verstand er natürlich gar nichts. Es wäre unmöglich gewesen, mit ihm auch nur ein Wort über Harro Brachmann zu reden. Offenbar hatte er auch nie von diesen Beziehungen gehört, die doch die ganze gebildete Welt mit Interesse erfüllten.

Meta Martens war sehr fröhlich auf ihrer Reise. Mit ihrer großen, steilen Schrift zeichnete sie eilig ihren Namen auf jeden Meldezettel, in jedes Fremdenbuch ein. Hatte zwar immer ihre berühmt gewordene abgespannte Miene, wenn sie eine Halle oder einen Speise­saal betrat, freute sich aber doch, wenn alle Köpfe sich nach ihr drehten, Flüstern sich erhob, wenn sie kam oder ging. Schöner aber noch als in den Palasthotels des Südens war es in den großen Städten, wo man sie empfing, ihr huldigte und über sie schrieb, als wäre noch alles wie früher. Sie war fast jeden Abend im Theater, machte jeden Tag Feste aller Art mit. Und immer und überall sagten sie ihr, welch ein Jammer es sei, daß sie sich von der Bühne zurückgezogen habe, welch ein unersetzlicher Verlust . . .

Auch von Harro Brachmann hörte sie allerlei. Man erzählte, daß er sich damit beschäftige, Maria Duffey zu »bilden«. Er war mit ihr in Frankreich und Italien gewesen, »damit ihr Ohr sich dem Reiz romanischer Sprachen öffne«, führte sie vor die Meisterwerke der Plastik und Malerei, um den Rhythmus der Linie und der Farbe auf sie wirken zu lassen, auch mußte sie lernen, Laute zu spielen und ästhetische Gymnastik bei Dalcroze in Genf treiben.

Meta Marterls lächelte ironisch, da sie es hörte.

»Ach, mein Lieber, wenn man einen andern erst bilden muß! Was für eine trostlose Arbeit! Als ob man einen Menschen überhaupt zu sich heranbilden könnte, als ob er nicht für uns geboren, für uns bestimmt sein müßte, vom Urbeginn unsrer und seiner Tage an. Vergebens wirst du Zeit, Kraft und Illusionen an die Lächerlichkeit verschwenden, die Maria Duffey heißt. Du wirst sie ebensowenig zu deinesgleichen wandeln, wie ich Hans zu meinesgleichen –«

Je mehr sie von ihm hörte, um so froher wurde sie. Geschickt wußte sie aus den Worten, die von ihm sprachen, herauszuhören, was den Erzählenden selbst verborgen blieb. Sie kannte ja Harro Brachmann so genau, wußte, welcher Depression, welcher Zerfahrenheit er anheimgegeben war, wenn ihm ein Stück mißlang. Wußte es, ohne daß sie's je mit ihm erlebt hatte, denn solange sie an seiner Seite gestanden, war ein glücklicher Wurf dem andern gefolgt. Sie verbrachte Weihnachten in Berlin. Sie schickte an Hans eine große Photographie von sich, in dem neuen Abendkleid von Drecoll, und schrieb darunter: »Gut sein!« Außerdem ihren Namen, links unten das Datum des laufenden Jahres und rechts unten den Tag, an dem er sie kennen gelernt hatte. Sie fand dies Geschenk sehr sinnig, trug es selbst zur Post und verbrachte einen sehr gemütlichen Christabend bei alten Freunden –

Als die Gesellschaftssaison sich zu Ende neigte, kehrte Meta Martens heim. Sie hatte sich köstlich amüsiert, fühlte sich sehr erfrischt; nun aber trieb eine innere Unrast sie aus dem brausenden Leben der Städte fort zu der beschaulichen Stille des Landes. Auf den Bergen lag noch Schnee bis weit herunter und die Wege waren so grundlos, daß man kaum aus dem Haus gehen konnte. Es war schwer zu glauben, daß schon vier oder fünf Wochen später das Dorf wieder verschüttet liegen sollte unter der schimmernden Last der Baumblüten. Und doch war es so. Doch war fast ein Jahr vergangen, seit Meta Martens zum letzten, zum allerletzten Mal auf der Bühne gestanden hatte.

Ein Jahr; da sie es ausrechnete, konnte sie es kaum glauben. Ein Jahr – welch eine Summe von Arbeit, Energie, Triumph und Gold hatte sonst ein Jahr für sie bedeutet! Dies letzte Jahr war spurlos in ihrem Leben dahingegangen, nicht die leiseste Erinnerung ließ es zurück. Die kleine Episode mit Hans? Ach ja, der war immer noch ein lieber, guter Junge, der ihr für Augenblicke selbst die Illusion großer Jugend gab, aber weiter auch nichts. Wenn sie's bedachte, war dies Jahr verronnen, wie Sand durch die Finger rinnt; eilig und dennoch so leer waren die Tage dahin getickt wie ein Uhrwerk, aus dem man die Hemmung genommen hat. Ob das immer so weiterging? Sie wollte sich sagen: »Ja, es geht immer so weiter!« Aber in ihrem Innern schrie eine Stimme auf: »Nein, nein, es geht nicht so weiter, alles kommt anders, alles ändert sich, vielleicht über einen Monat, vielleicht in einer Woche, vielleicht morgen schon!« . . . Und sie saß da in ihrem weißen Gewand, blaß, mit glänzenden Augen, horchte mit Seele und Ohr hinaus, als wollte sie einen Schritt erlauschen, der durch das weiße Blütenmeer des Frühlings zu ihr hergezogen kam.

Therese, die auf Reisen und in den Städten aufopfernd, heiter und unterwürfig gewesen, wie sonst, zog nun wieder schiefe Gesichter und gab alle Augenblicke Anlaß zu Ärger oder wenigstens zu Verwunderungen. Sie, die sonst der Herrin jeden Wunsch, jede Ahnung eines Wunsches vom Auge abgelesen, versah jetzt ihren Dienst zwar pflichtgetreu, aber ohne tieferes Verständnis. Die Meta Martens, die hier in einem hübschen Landhaus lebte, nichts tat, als lesen, spazierengehen, Kleider wechseln oder Auto fahren, diese Meta Martens war für Therese kein Idol mehr, sondern nur eine gnädige Frau, wie irgend eine andre gnädige Frau auch. Sie fühlte sich gar nicht mehr bemüßigt, deren Launen nachzuspüren oder auf deren Nuancen einzugehen. Wenn sie sonst die Herrin mit diesen glänzenden Augen, und diesem gespannten Ausdruck wie entrückt in einem Armsessel oder am Fenster lehnen sah, hatte sie sich still und scheu zurückgezogen, wie vor einem köstlichen Mysterium. Jetzt zog sie sich auch zurück, aber nicht ehrerbietig, sondern verdrossen oder höhnisch. Meta Martens hörte, daß sie einmal zur Köchin sagte: »Sie soll das Larifari doch einmal aufhören, das paßt sich gar nicht mehr für sie!« Dann hatten die beiden Mädchen getuschelt, halblaut gelacht und Therese hatte zugefügt: »Und überhaupt die Geschichte mit dem jungen Menschen, wie sie sich nur nicht schämt! Sie könnt' ja fast seine Mutter sein . . . und überhaupt . . .«

Im ersten Impuls hatte Meta Martens sich vorgenommen, Therese sofort zu entlassen. Sie tat es aber nicht. Sie war zu sehr an das Mädchen gewöhnt und dann . . . wer konnte sagen, wie lange das alles hier noch dauerte?! Wer konnte wissen, ob sie nicht morgen schon dies stille, blütenumsponnene Idyll über den Haufen warf und herrisch sagte: »Genug!«

Sie wartete und wartete und im Warten rannen die Tage wieder hin, wie Sand, der durch die Finger rinnt. Meta Martens aber lächelte und war glaubensstark. Sie fühlte deutlich, daß ihre Stunde unaufhaltsam näher kam. Es wäre ja nicht das erste Mal gewesen, daß Harro Brachmann reuig wieder heimfand zu ihr. Er würde kommen, wie früher auch, nur würde er sie nicht mehr finden wie früher. Sie hatte gelernt, für sich zu leben, ohne ihn. Dies sollte ihr Triumph sein, wenn er kam. Ihr Triumph, ihre Rache und seine Verarmung. – –

Alles geschah, wie sie's ahnte. Eines Morgens brachte Therese in großer Erregung einen Brief, der an Format fast einem Kanzleischreiben glich. Myrtengrünes Büttenpapier, ungefähr so dick, wie ein mäßiger Pappdeckel mit zwei weißen Siegeln. Auf dem großen Bogen standen nur ganz in der Mitte zwei Zeilen in einer fuseligen, kleinen Schrift gekritzelt:


»Kann Meta Martens verzeihen?
Harro Brachmann.«


Einen Augenblick schloß sie die Augen, wie überschäumt von Glück. Dann setzte sie sich an ihren Schreibtisch und schrieb:

»Meta Martens, die der Schmerz so vieles gelehrt hat, kann verzeihen. Sie erwartet Harro Brachmann.«

Nun war sie fast jeden Tag im Garten, bei ihren Rosen, und probierte all die schönen Stellungen durch, in denen sie sich früher oft hatte photographieren lassen. Einen Rosenkelch am Stamm zu sich herunterbiegend . . . mit beiden Händen sehnsuchtsvoll nach einem Rosengehänge greifend . . . eine vollerblühte Rose auf den flach ausgestreckten, durchsichtigen Händen tragend, wie ein Opfergeschenk. Sie sagte zu Hans: »In diesen Tagen kommt ein alter Freund von mir, ein berühmter Dichter! Den sollst du kennen lernen, Hans, und hübsch artig mit ihm sein . . .«

Der junge Mensch wurde blutrot. Er mußte im Dorf schon allerlei Anzüglichkeiten hören, die nicht gerade schmeichelhaft waren. Die jungen Dinger besonders höhnten ihn, daß er sich an die reiche Frau hing, die so viel älter war als er . . .

»Aber . . . aber . . . zu so jemand pass' ich ja gar nicht!«

Sie lachte, fuhr ihm mit der Hand übers Gesicht: »Du paßt schon, lieber Dummkopf! Sei nur einfach und natürlich, wie ich auch!«

Dann kam die Stunde, in der sie schon von fernher die wohlbekannte Huppe mit dem Siegfriedmotiv vernahm. Ihr Herz begann so heftig zu schlagen, daß sie nach einem Halt tastete und einige Sekunden lang nichts mehr sah. Sie raffte sich aber zusammen und ging dem Eintretenden mit einer schönen Gelassenheit einige Schritte entgegen. Sie hatte sich lange überlegt, wie sie ihn begrüßen sollte.

»Du bist heimgekehrt, Harro?«

»Ja, denn ich war sehr müde!«

Sie wies stumm auf einen Stuhl. Sie war bewegt und auch nicht vorbereitet auf weitere Tiefsinnigkeiten. Sie betrachteten sich gegenseitig einen Atemzug lang und jeder fand, daß der andre gealtert aussähe.

»Wahrhaftig, sie fängt an dick und bürgerlich zu werden!« dachte Harro. »Es war höchste Zeit, daß ich kam. Sie wäre einfach verwahrlost, wenn sie noch länger geistig nur auf sich angewiesen bliebe!«

Sie betrachtete indessen sein glattrasiertes Gesicht mit dem großen, nervösen Mund, den spinnwebfeinen Runen an den Schläfen und dem spärlichen Haar, über dem schon da und dort Frühreif lag. Sie dachte: »Ja, ja, mein Lieber, in deinen Jahren macht man nicht mehr ungestraft leidenschaftliche Eskapaden mit einer Achtzehnjährigen! Du bist kein König Salomo, der den jungen Weibern ihre Jugend stiehlt, im Gegenteil, diese junge Gans hat dich um deine letzte Frische gebracht. Eigentlich bist du nur mehr eine interessante Ruine!«

Jeder wußte ungefähr, was der andre dachte, es war ihnen aber gar nicht besonders peinlich. In dem schonungslosen Urteil, das sie übereinander fällten und sorgfältig verschwiegen, spürten sie ihre alte Zusammengehörigkeit.

Sie sprachen zunächst allgemeine und ziemlich gleichgültige Dinge.

Meta sagte: »Du hast einen neuen Chauffeur?«

Er sah sie rasch, wie erschrocken, von der Seite an. »Woher weißt du es schon?«

Sie lachte. »Ich sehe es doch, Harro! Ich kannte doch Eberlein gut.«

»Ach ja!« Er schwieg, schien befreit von einer Angst, die ihn angefallen hatte.

Der Name Maria Duffey wurde vorerst nicht erwähnt. Harro mochte ihn nicht nennen, wollte, daß Meta Martens ihn sprechen und ihm Gelegenheit zu einer wundervollen Explosion des Ekels und des Gefühls geben sollte. Meta Martens sprach ihn aber nicht. Sie fühlte sich diesem Mann gegenüber so sicher wie nie zuvor. Langsam, tropfenweise, wie ein Feinschmecker ein Glas edlen Weines schlürft, schlürfte sie diese Minuten, in denen der Mann eine verzweifelte Bitte erwog, die sie lächelnd verneinen würde. Sie sprachen Gleichgültiges und spürten doch beide, daß jedes Wort hier eine andre Bedeutung hatte als sein Laut. Wie eine Exposition zu einem Drama floß ihr Gespräch, scheinbar uninteressant, aber schon voll geheimer Hindeutungen auf Späteres . . . Wie zwei geschickte, seit Jahren zusammengespielte Schauspieler brachten sie sich Rede und Gegenrede.

Nach einer Stunde etwa sagte Meta: »Laß uns vor dem Mittagessen noch einen kleinen Spaziergang machen!«

Sie führte ihn durch Wiesenwege und über Felder, ließ im Gehen grüne Ähren durch die Finger streifen, pflückte einen Büschel Arnika und steckte ihn in den weißen Gürtel. Wie sie's berechnet hatte, trafen sie unterwegs den Forstgehilfen. Er wollte grüßend vorbeigehen, aber Meta rief ihn an.

»Das ist der berühmte Dichter!« sagte sie, leise den Kopf gegen Harro neigend. Dann legte sie ihre durchsichtige Hand leicht, federleicht auf den graugrünen Ärmel des Forstrockes. Mit jener scharmanten Einfachheit, die der höchste Ausdruck ihrer großen Kunst war, sagte sie zu Harro: »Das ist Hans!«

Die Situation war etwas ungewöhnlich und peinlich. Die beiden Männer sahen sich zugleich hilflos und feindselig an, zwischen ihnen führte Meta ein immer wieder spröde abspringendes Gespräch, das lang schien, obgleich es nur etliche Minuten währte. Dann verabschiedete sie Hans und sie ging mit Harro weiter.

Harro war sehr chokiert. Dies selbstverständliche »Das ist Hans« war denn doch ein bißchen stark . . . Wirklich, sie verwahrloste, wenn er sie noch länger allein ließ, fiel wieder in Geschmacklosigkeit und ästhetische Unkultur zurück, darin sie tief gesteckt war, als er sie kennen lernte. »Das ist Hans!« Der Kuckuck mochte wissen, wo sie diesen schlechten Theaterstil gelernt hatte! Sentimental wie aus dem Volksstück und dabei unzart, gewöhnlich im Effekt, wie aus einer Posse. Wer in aller Welt sonst präsentierte einen hübschen Bauernjungen so selbstverständlich, wie man doch nur Harro Brachmann präsentieren konnte?!

Er fragte nichts und sie sagte nichts; die Namen »Hans« und »Maria« blieben ausgeschaltet. Das Mittagsmahl verlief sehr angeregt und heiter, Therese, die servierte, glühte vor Freude und bediente Harro wie einen teuern Herrn, der dem Hause allzulange ferngeblieben war.

Meta fühlte sich wie in einen Zauber eingesponnen. Zum ersten Male seit einem Jahr redete ein Mensch wieder ihre Sprache, dachte ein Mensch wieder ihre Gedanken, begriff ein Mensch wieder nur aus einer kleinen Handbewegung, aus einer leisen Brauenfalte, aus einem kaum merklichen Blinzeln, was in ihr vorging oder was sie meinte. Ihr war zu Mute wie einem großen Klavierkünstler, der monatelang den Reichtum seiner Töne in sich hatte verschließen müssen oder nur auf scheppernden Dorfklimperkasten ausströmen konnte und der zum ersten Male wieder einen Blüthner-Flügel spielt. Es war gar keine Liebe, die sie für Harro spürte, gar keine besondere Sympathie, aber sich fühlte sie in ihm, ein Stück ihrer eigenen Natur und es wurde ihr warm und froh, wie seit langem nicht mehr.

Sie saßen beim Mokka und rauchten langsam parfümierte Zigaretten, die Harro liebte. Er hatte die breiten Lider über die etwas vorstehenden Augen halb sinken lassen und sah Meta mit verschwommenen Blicken an. Jede Frau, die er so ansah, dachte: »Er brennt vor Begier! Im nächsten Augenblick stürzt er mir zu Füßen,« aber Meta dachte es nicht. Sie kannte jede Fiber, jede Miene, jede Gedankenverbindung. Und sie wartete, daß er endlich das Schweigen brechen, von Maria sprechen sollte und von dem neuen Drama. Dann kam ja der große Augenblick, auf den sie seit einem Jahr wartete, der Augenblick, in dem sie Harro sagen würde, daß sie nie mehr ihre Kunst der seinen dienen lassen wollte . . . Harro sah sie immer noch mit dem verschwommenen Blick an. Er dachte aber gar nicht an sie, sondern er dachte: »Das ist Hans!« Das bohrte quälend in ihm, nicht mit der Eifersucht des Mannes, sondern mit der Eifersucht des Künstlers, der nicht mehr weiß, wie weit seine Grenzen reichen, der seine bunte Welt vom wirklichen Leben bedroht sieht. Wie weit ging diese Sache mit Hans? Wieweit war sie dabei mit dem Gefühl beteiligt, soweit bei ihr eben von Gefühl die Rede sein konnte?! Sie näherte sich nun schon den Jahren, in denen nichts so gefährlich und verlockend für die Frauen ist, wie ein hübscher naiver Bursche . . . Freilich, er hatte früher nie bemerkt, daß sie besonders verliebter Natur war; aber früher war sie eben bei der Bühne gewesen, hatte Abend für Abend künstlerisch ausgelebt, was jetzt, in der Stille des Privatlebens, vielleicht ungestillt in ihr schrie und unter den Küssen dieses brünetten Bauernbengels verstummte?! Wenn es so war, dann würde er sie nie zurückholen können, für sein neues Stück. Wenigstens nicht so schnell zurückholen, wie er wollte. Wenn es so war, – für ihn stand es fast außer allem Zweifel, daß es nur so und nicht anders sein könne. War nicht immer die Jugend, die dumme, gefräßige Jugend die Allsiegerin?! War es nicht eine alte, ewig neue Geschichte, daß die reife Frau dem jungen Mann auch das Letzte und Höchste hinwirft, was sie je im Leben errungen hat?! In hundert Romanen, in hundert Dramen hatte er diese banale Wahrheit, diesen blödsinnigen Fatalismus behandelt, psychologisch zerfasert, seelisch vertieft gefunden, – warum sollt' es im Leben anders sein?! Im Leben sah man Fürstinnen, die ohne jeden psychologischen Aufputz mit strammen Bereitern durchgingen, immer behielt die Jugend, behielt die Kraft recht, gleichviel ob das Weib Maria Duffey hieß oder Meta Martens. Er überlegte ein wenig, ob er nicht einen passionellen Handstreich wagen, Meta an sich reißen und mit ihr im Auto davonfahren sollte; er ließ den Gedanken aber gleich wieder fallen. Er war fünfundvierzig, ein wenig neurasthenisch und kam aus einem Flitterjahr mit einer Achtzehnjährigen. Er glitt mit den Fingern langsam über die breite Stirn, auf der leicht geritzt drei Furchen standen, besah seine purpurn glänzenden Nägel, ließ das goldene Armband, das er trug, ein wenig weiter vorfallen . . . dachte an die lachenden Augen, an die breiten Schultern des Forstgehilfen und seufzte ein wenig affektiert und ein wenig aufrichtig.

Auf einmal nannte er dann brüsk Marias Namen. »Höre, dies Weib mordet mich mit seiner Dummheit! Mich und mein Stück!«

Meta lehnte sich tief in ihren Sessel zurück, legte die Arme nachlässig auf die Seitenlehnen, streckte die gekreuzten Füße vor, wie ein Mensch, der sich sehr behaglich fühlt. Sie lächelte wieder ihr scharmantes Lächeln höchster Kunst und sagte wie bedauernd: »Armer Harro! Du tust mir leid!«

»Hast du wirklich nie daran gedacht zurückzukehren, Meta?«

»Zurückzukehren zu dir?«

»Zu mir . . . zur Bühne . . .«

Nun hatte sie große erstaunte Kinderaugen, in denen es blitzte wie von Tränen und Überraschung.

»Nein, Harro, wirklich nicht. Ich habe wirklich nie daran gedacht.«

»Warum nicht?«

»Ach, Harro, es geht nicht. Es geht nicht mehr. Ich habe es zu oft mit dir durchgemacht. Ich bin müde geworden, Harro, und kann mich nicht mehr so peinigen lassen.« Er hörte den falschen Klang in ihrer süßen, einschmeichelnden Stimme. Er wußte ganz genau, daß sie log und die Frage quälte ihn, was wohl hinter dieser Lüge stecke. Ob sie ihm die Rückkehr nur ein wenig erschweren wollte oder ob –

»Möchtest du auch nicht mehr zur Bühne zurückkehren?«

»Nein, Harro, das schon gar nicht mehr!«

»Das versteh' ich nicht . . . eine Gottbegnadete wie du! Du bist es der Welt schuldig, Meta, daß du dich ihr zurückgibst.«

»Ich habe so lange nur der Welt gelebt, Harro, nun will ich auch für mich leben.«

»Aha!« dachte er. »Für mich leben, das heißt, für Hans leben!« – Sagte: »Kann dich dies Leben hier befriedigen?«

»O ja, denn siehst du, meinem Wesen nach habe ich nie zur Bühne gepaßt. Die Bühne, das ist die Lüge, die Verstellung, die Heuchelei und die Intrige. Ich kann aber gar nicht lügen. Mir ist nur wohl, wenn ich wahr und gut sein kann.«

»Geschwätz, lauter Geschwätz!« dachte er. »Aber hinter all dem Geschwätz steht Hans. Um diesen Bauernbengel vergißt sie sich, mich und mein Stück!« Sie merkte, daß er ihr nicht traute, sie zum Teil auch mißverstand; das belustigte sie höchlich, regte sie an, ihre Komödie weiterzuspielen, bunter zu nuancieren, da und dort zu vertiefen. Sie spielte sich selbst, als wäre sie eine geistreiche Rolle und ganz unversehens wie ein geistreicher Partner brachte er ihr ihr Stichwort und Gelegenheit zu neuen Einfällen. Wie Champagner moussierten Empfindungen, Worte und wie ein leichter, heiterer Rausch legte es sich um ihre heißgewordenen Stirnen.

Dann sagte sie: »Und Maria Duffey? Hast du ganz mit ihr gebrochen?«

Den letzten Triumph wollte er ihr nicht gönnen.

»Nein . . . das geht nicht . . .«

»Geht nicht? Warum geht es nicht?«

Jetzt hörte er Argwohn in ihrer Stimme. Wußte zwar nicht, was sie argwöhnte, sagte aber gelassen: »Es geht nicht, Meta, frage nicht weiter.«

Sie setzte sich steif auf, ihre Stirne war ganz kühl geworden.

»Warum geht es nicht?«

Er sah mit verschleiertem Blick gradaus. Er wollte, konnte es ihr doch nicht sagen. So lächerlich durfte er doch nicht vor ihr dastehen, ihr den Sieg, den sie zuletzt doch über die Andere errungen, nicht so leicht, so selbstverständlich erscheinen lassen . . . In ihr bohrte der Argwohn. Sie folgte seinem Blick, fing an, ihn zu deuteln, Verborgenes zu ahnen. Er belog sie, das wußte sie. Er hatte etwas zu verhehlen, jäh und schmerzhaft kam ihr plötzlich die Erkenntnis: »Ein Kind! Sie erwartet ein Kind von ihm –«

Einen Augenblick war's ihr, als spürte sie ein Messer in der Brust und gleich darauf sagte sie sich doch: »Nein . . . unmöglich . . . es kann nicht sein . . .« Hatte nicht Harros Männereitelkeit von jeher ein Kind begehrt, natürlich einen Sohn, der das Geschöpf und der Namenserbe des berühmten Vaters werden sollte?! . . . Aber keine der vielen Frauen, die er umfangen, hatte ihm die große Sehnsucht erfüllt; Ehe und Liebesbund waren gleich unfruchtbar geblieben. Trüge die Duffey ein Kind von ihm, – nie wäre er zurückgekehrt. Oder wenn, dann nur vorübergehend, um ihr, Meta Martens, in prahlendem Stolz zu verkünden: »Mir wird der Sohn geboren werden!«

Nein, nein, daran war nicht zu denken. Aber wenn nicht daran zu denken war, was steckte dann hinter seinen Worten, hinter seinem umschleierten Blick? Wie hieß die Komödie, die er ihr vorspielte? Wo war ihr Sinn, ihr Zweck und ihre Lösung?

Sie nahm das Gespräch wieder auf, lenkte es scheinbar von der Duffey ab, wieder ihren und seinen ganz persönlichen Interessen zu. Sie sprach wieder von dem Lügendunstkreis des Theaters, von ihrem Bedürfnis in Wahrheit zu leben, von dem stillen Glück bei ihren Rosen, ihren Büchern und ihren Bildern. Jedes ihrer Worte aber hatte einen kleinen, geheimen Fühlfaden, den sie nach dem Verborgenen ausstreckte, das sie zu spüren meinte. Sie befühlte, betastete, behorchte jeden Satz, den er sprach, glaubte in einer Minute an das große Glück, das dem Schoße der Duffey beschert war und glaubte es dann wieder nicht. Sie umstellte, umringelte seine Seele mit vermutenden Fragen und Andeutungen, mit vieldeutigen Worten, die ihr endlich enthüllen sollten, was er verhehlte. Immer eigensinniger, immer leidenschaftlicher wurde ihr Begehr, zu wissen. Aber sie blieb immer vorsichtig, verriet nie völlig, was sie meinte oder fürchtete. Allmählich wurde dies Gespräch wie ein Spiel, wie ein künstlerisches und gefährliches Spiel, bei dem die kleinste Entgleisung Vernichtung brachte. Jeder spürte oder meinte zu spüren, daß der andre ihn um ein Großes belog und jeder brannte vor Begier, das Geheimnis des andern aufzuspüren, ihm die Maske abzureißen und vor die Füße zu schleudern.

»Komödiant!«

»Komödiantin!«

Sie belauerten sich, umschlichen sich, wie Spitzbuben, die sich auf heimlichen, verbotenen Wegen treffen. Und während sie so im stummen Kampf miteinander rangen, verachtete jeder den andern um seine Verlogenheit und bewunderte ihn um die Kunst der Lüge. Zwei ebenbürtige Gegner waren sie, ebenbürtig in jedem Sinn . . .

Nicht ein Hauch von Liebe, nicht eine Spur von Erotik war zwischen ihnen, nur die Empfindung, daß jeder es mit dem besten Gegenspieler zu tun habe, mit dem einzigen Gegenspieler, der für ihn überhaupt möglich war. Meta Martens vergaß beinahe, daß sie Harros Geheimnis beschleichen wollte, so prickelnd, so köstlich, so spannend war es, dazusitzen, Rede um Rede mit ihm zu tauschen und um die Lüge zu ringen, die jeder im andern spürte. Zuweilen, wenn sie sich schon ganz nah an der Entdeckung wähnte, horchte sie unwillkürlich auf, ob nicht ein entzücktes Publikum Beifall klatsche.

Die Dämmerung sank schon tief ins Zimmer, da stand Harro auf. Er war jetzt abgespannt und verdrießlich, der Tag hatte ihn um seine Hoffnung betrogen. Er hatte gemeint, Meta Martens ganz leicht wieder für sich, für sein neues Stück zu gewinnen – da mußte er über diesen jungen Bauernburschen stolpern. An brutalen fünfundzwanzig Jahren scheiterte das Drama seiner reifen Kunst. –

»Ich muß gehen, Meta! Es freut mich, daß dein Leben in Harmonie dahingeht. Ich werde es nicht mehr stören!«

»Du gehst schon?!«

Überraschung und Schrecken klangen in ihren Worten. Der Rausch war verflogen, die glückselige Spielerstimmung zu Ende. Grau und schwer schlich die Wirklichkeit, die Nüchternheit von morgen, ach, von allen künftigen Tagen aus Harros Worten hervor. In ihm ging der geistreiche Partner, den sie je gefunden – –

Sie standen eine Weile schweigend. Ein letztes Mal gingen ihre Blicke ineinander, um das Geheimnis des andern aufzulösen. Dann plötzlich, wie in einer großen Angst oder in einer Abspannung, die sie nicht mehr besiegen konnten, fragten sie fast zu gleicher Zeit: »Meta, ist es möglich, daß dieser Bauernjunge –«

»Harro, wird sie ein Kind haben?«

Und fast zu gleicher Zeit, wie ein Aufschrei und ein Bekenntnis: »Nein, ich wollte dir die Rückkehr nur nicht so leicht machen . . .«

»Was du nicht denkst! Sie ist mit meinem Chauffeur durchgebrannt –«

Wieder standen sie ein paar Sekunden sprachlos. Das also war's gewesen! So klein, so lächerlich sah das Geheimnis des andern aus! Um solcher Erbärmlichkeit willen hatte jeder den andern gezwungen, zu spielen, bis die Nervenkraft versagte, bis jedes Gefühl verletzt war, daß man sich selber kaum mehr kannte . . . Übertölpelt kam sich jeder vor, ausgebeutet, in seinem Besten mißbraucht. Ihre Lippen fingen an in verhaltener Wut zu beben und jetzt, da die Masken endlich gefallen waren, schrieen sich's ihre Augen höhnisch zu: »Komödiant!«

»Komödiantin!«

Zugleich aber kam es wie Staunen über sie. Jeder fühlte, daß in dieser Minute der andre ihn nicht belog. Da fiel es jeden wie Mitleid an, wie Rührung. Ergriffen wie ein Neugeborenes betrachteten sie die kleine Wahrheit, die zwischen ihnen stand. So menschlich, so arm, so verlassen und verzweifelt waren sie also geworden, daß sie einander nicht mehr belogen . . .

Harro glitt langsam zu Metas Füßen nieder, Meta aber lachte das wunderschöne, leise, von kleinen Tränen durchperlte Lachen, das keine Kollegin ihr hatte nachlachen können. Sie beugte sich zu Harro und küßte ihn . . .

Während ihre Herzen stark und heiß aneinanderschlugen, bebten ihre Lippen noch vor Zorn, glitzerte in ihren Augen noch ein höhnendes Wort und in die süße Empfindung neuerrungenen Glückes drängte sich's wie ohnmächtige Verzweiflung, daß sie für alle künftigen Tage unlöslich aneinander geschmiedet waren. Unlöslich aneinander geschmiedet, auch wenn sie sich verspotteten, schmähten, trennten. Unlöslich aneinander geschmiedet durch die tiefste Verwandtschaft ihres Wesens – durch die Lust an der Lüge, die in ihnen beiden lebte.


* * *


Wenige Tage später verkündeten die Zeitungen, daß die berühmte Tragödin Meta Martens des Privatlebens müde und entschlossen sei, zur Bühne zurückzukehren. Schon in der nächsten Saison würde sie in der weiblichen Hauptrolle von Harro Brachmanns neuem Drama vor das Publikum der Reichshauptstadt treten.