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Carry Brachvogel - Dichters Liebestod

Novelle

Carry Brachvogel, Neue Frauen, Aus: Komödianten, Verlag von J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart, 1911, S. 99ff.


Zum ersten Male jährte sich der Sterbetag des großen Romanciers, der wie kein zweiter der Frauen Seele erkannt und geschildert. In dem Dorf, das ihn geboren, in dem er jeden Sommer ausgerastet von der Großstadt, war ihm ein Denkmal errichtet worden, von dem heute die Hülle fallen sollte. Von allen Gauen des Reiches und des Auslandes waren Verehrer und Verehrerinnen des Hingeschiedenen gekommen, um der wehmütigen Feier beizuwohnen; große Zeitungen hatten Berichterstatter hergesandt. Wie vor einem Jahre lastete auch heute noch auf allen das schreckensvolle Geheimnis, das die letzten Stunden des großen Mannes umgab: unweit seines Geburtshauses hatten sie ihn auf einem Feldweg tot aufgefunden. Nie hatte man mit Bestimmtheit erfahren können, was ihn so jäh weggerafft; Gerüchte liefen um, eines immer abenteuerlicher als das andre, wurden gierig geglaubt und alsbald wieder verworfen, sobald ein neueres, noch ungeheuerlicheres sich vernehmen ließ. Selbstverständlich hatten sie allesamt einen romantisch-erotischen Untergrund. Aristokratinnen, Künstlerinnen, Schauspielerinnen, großstilige Hetären – sie alle waren schon an das Grab des kaum Fünfunddreißigjährigen beschworen worden, denn sie alle hatte er geliebt, gekannt und künstlerisch verwertet; je spitzfindiger, raffinierter, perverser sie organisiert waren, um so mehr hatte ihr Wesen den Mann und Psychologen in ihm gereizt.

Nach der Enthüllung des Standbildes gab es im Schloß des freiherrlichen Gutsherrn ein kleines Diner, an dem außer einer jungen Nichte der Freifrau und einer Freundin – Bildhauerin von Beruf – auch drei Journalisten teilnahmen, die durch Beziehungen aller Art dem Freiherrn besonders empfohlen waren. Sie vertraten je ein französisches, englisches, deutsches Weltblatt und fieberten natürlich vor Ungeduld, ihrer Zeitung nicht nur grobe Realitäten zu berichten, wie ein beliebiges Korrespondenzbureau, sondern stimmungsvolle Intimitäten, die Agence Havas, Laffan und Wolff nimmer erfahren.

Das Gespräch kehrte trotz flüchtiger Streifzüge auf andern Gebieten, immer wieder zu dem toten Dichter zurück. Als nach dem Dessert der Freiherr in agrarischen Hausangelegenheiten abgerufen wurde und die drei Damen allein mit den drei Männern der Feder bei Kaffee, Likör und Zigaretten blieben, klang der eine Name unaufhörlich aus allen Reden heraus, schwebte auf jeder blauen Rauchwolke, die im Gemach umherzitterte, schien die Lebendigen verdrängen zu wollen, um den Raum mit der Gestalt des Toten zu erfüllen, von dem keiner wußte, wie er gestorben war. –

»O, wenn Sie wüßten, welche Abscheulichkeiten man sich darüber erzählt!« sagte die Freifrau zu dem französischen Berichterstatter, mit dem sie sich in eine diskrete Fensternische zurückgezogen hatte, so daß niemand ihr Gespräch belauschen konnte, hauptsächlich nicht, wenn sie, wie jetzt, geheimnisvoll flüsterte. Sie war nicht mehr jung, aber immer noch bezaubernd, liebte es, als »femme supérieure« zu gelten, und verstand mit unnachahmlicher Bewegung ihres aschblonden Kopfes Leute als »geistig inferior« zu brandmarken.

»Was erzählt man?« fragte er in entzückter Berufsneugier.

Sie spielte wie traumverloren mit der Goldquaste ihres Armstuhles, sprach in tadellos versonnener Erinnerung mehr zu sich, denn zu ihm: »Er verkehrte fast täglich hier bei uns. Er und ich, wir standen uns geistig sehr nahe. Er war ein hochkultivierter Mensch und hat sich niemals mit inferioren Frauen abgegeben. Nie . . . nie . . .! Die Leute sagen, er hätte mich geliebt. Sie sagen, mein Mann hätte ihn in berechtigter Eifersucht – (sie sprach das gefährliche Wort nicht aus, sondern zuckte nur erläuternd und elegant mit den Schultern). Sie sagen, ich sei so sein Verhängnis geworden . . . Es ist alles nicht wahr. Oder nur eins etwa . . . Vielleicht hat er mich wirklich geliebt! Aber nie hat er gewagt, mir's nur mit einem Wort zu verraten. Unser Verkehr war rein freundschaftlich, glauben Sie mir! Bei meinem Seelenheil schwör' ich Ihnen, daß ich nicht sein Verhängnis war . . . bitte, bitte, glauben Sie mir!«

Ihre schmalen, weißgepuderten Hände falteten sich. Zwei stimmungsvolle Tränen tropften aus den hellen Augen, über die Crayon-Dorin dunkle Halbmonde gezogen hatte. Sie war in großer Angst, daß sie ihn am Ende überzeugt haben könnte. –

Der Franzose jauchtze innerlich, sowohl als Berufs- wie als Rassenmensch. Vor seiner Phantasie entstand ein pathetisches Feuilleton, in dem der Dichter, von einer rächenden Kugel getroffen, im Hintergrunde lag, während eine reizende Frau weinte, ein beleidigter Gatte verzieh . . .

In einer andern Fensternische saß die Bildhauerin mit dem Engländer. Ein blasses, stilles Bubengesicht auf bubenmäßig schmalem, dürftigem Oberkörper, zu dem starkgeschweifte Sichelhüften ein wollüstiges Rätsel bildeten. Ihre kupferbraunen Augen hatten eine seltsame, verschleierte Art zu flimmern. Ihr zweites Wort war Bordone.

»Wenn Sie wüßten, welche Abscheulichkeiten die Leute über seinen Tod gesagt haben. Ich war intim befreundet mit ihm. In der Schwärmerei für Bordone hatten wir uns gefunden. Er war Künstler durch und durch, niemals konnte ihn das Gemeine reizen. Nie . . . nie . . . Die Leute sagen, er hätte mich geliebt. Hätte mich allzusehr geliebt . . . meine starke Individualität hätte die seinige zermürbt . . . ihn vor der Zeit alt gemacht . . . Sie sagen, ich sei so sein Verhängnis geworden . . . Es ist alles nicht wahr. Oder nur eins etwa: er hat mich vielleicht wirklich geliebt! Aber nie hat er gewagt, mir's mit einem Wort zu verraten. Unser Verkehr war rein freundschaftlich – im Zeichen Bordones . . . Glauben Sie mir! So wahr ich meine Kunst liebe, schwöre ich Ihnen, daß ich nicht sein Verhängnis war! Ich fordere von Ihnen, dem ich die reinste Wahrheit gesagt habe, daß Sie mir glauben!« –

Sie hatte mit gesuchter Kälte und Bestimmtheit gesprochen, in ihren kupferbraunen Augen aber flimmerte die Angst, daß er ihre Worte am Ende für bare Münze nehmen könnte. –

Der Engländer sah sie lange und aufmerksam an, von der Spitze ihres Schuhes angefangen, bis zur Stirne, die niedrig, glänzend und glatt war, wie die eines gutgepflegten Kindes. Er sah die verräterische Magerkeit ihrer Brust, den wollüstigen Rätselsprung ihrer Sichelhüften. . . . Im Kopf hatte er sein Feuilleton schon zur Hälfte fertig: nach außen reichlich mit Bordone verbrämt, sollte es zwischen den Zeilen erzählen, wie der große Mann sich an einem unersättlichen Weibe zu Tode geliebt . . .

In der dritten Fensternische saß die Nichte der Freifrau mit dem Deutschen. Ein achtzehnjähriger Engel von fünfundzwanzig, trug sie eine Gretchenfrisur und weinte. »Es ist ja alles nicht wahr, was die Leute Abscheuliches über seinen Tod gesagt haben!

Er war immer so lieb mit mir. . . . Als ich ihn kennen lernte – vor drei Jahren – spielte ich noch mit Puppen und da hat er mir für mein Puppentheater Prologe und Feerieen gedichtet. Er war ja ein so kindlich reiner Mensch – ganz gewiß . . . Die Leute sagen, er hätte mich geliebt. Sie sagen, er sei darum gestorben und ich sei so sein Verhängnis gewesen. Ich verstehe gar nicht, was sie damit meinen. Es ist auch alles gar nicht wahr . . . Nur eins etwa: vielleicht hat er mich geliebt. Aber nie hat er es mir mit einem Wort verraten . . . ich war ja auch noch so jung. . . . Er wußte, daß er mich sehr erschreckt hätte und er war mir immer wie ein viel älterer Bruder . . . ich bin ganz gewiß nicht sein Verhängnis gewesen! Bei meinen achtzehn Jahren schwöre ich Ihnen, daß ich es nicht gewesen bin . . . Liebster, bester, einziger Herr Doktor, nicht wahr . . . Sie . . . glauben . . . mir . . .«

Vor Weinen konnte sie nur mehr ruckweise sprechen. Sie verging fast vor Angst, daß er ihr am Ende glauben könnte.

Der Deutsche saß tiefbewegt. Sein Feuilleton sollte ein tragisches Idyll werden, in dem der von Lüsten aller Art erschöpfte Dichter sich selbst richtet, als er zum ersten Male eine reine Jungfrau liebt, deren er sich unwürdig fühlt . . .

Die Nacht war gesunken. Aus blühendem Flieder sah das weiße Standbild gespenstisch ins Dunkel hinein. Eine Bauernmagd mit ihrem Burschen stand davor. Sie war plump und roch nach Dünger, aber sie wäre sicher als Kallipygos gegrüßt worden, wenn die Bewohner des Dorfes griechisch gesprochen hätten. Fehlte ihnen aber auch das Wort, so ermangelten sie doch nicht des Sinnes für den Begriff, und die Magd war um ihrer bedeutenden Eigenschaften willen allgemein anerkannt und hochgeschätzt. Ihr schielender Liebster hatte alle Augenblicke um sie eine Rauferei oder Stecherei.

Sie stieß ihn mit dem Ellbogen an.

»Du!«

»Was?«

»Ferch'st di gar net?«

»Z'weg'n was sollt' i mi fercht'n?!«

»Jessas! Heunt is do grad a Jahr –«

»Daß i den kalt g'macht hab'! Dös stimmt!«

Herausfordernd sahen die Schielaugen zu dem weißen Steingesicht hinauf.

»Glück hast g'habt, daß nia nix 'rauskumma is!«

Er nickte.

»Hast's denn wenigstens beicht't und abbüaßt?!«

»Na.«

»Jessas, die Sünd'!«

»Ka' Sünd'! Mei' Recht war's! Mei' guat's Recht . . . Was braucht der Stadtfrack dir nachz'steig'n und di' z'busseln?! No zwanz'ge mach' i kalt, wenn's sein muaß, wia i den kalt g'macht hab'!«

Die Magd zitterte in Begier und Entsetzen. Sich eng an den Burschen schmiegend, drängte sie ihn nach dem Feldweg, dem Walde zu – – –

. . . Die drei Berichterstatter saßen mit heißen Köpfen an ihren Schreibtischen und schrieben ihre wundervollen Feuilletons, die endlich authentisch erzählten, wie der große Romancier gestorben war.

Die drei Damen saßen in ihren Schlafzimmern, jede auf dem Rand ihres breiten Bettes. Jede war schon sorgfältig für die Nacht frisiert, trug ein gesticktes Nachtkleid und duftete ländlich nach Klee, Lavendel oder Apfelblüte, direkt aus Paris bezogen. Jede las aufmerksam den letzten Liebesbrief, den ihr der Dichter vor mehr als einem Jahr geschrieben. Jede war so berauscht von den Erinnerungen dieses Tages und dem »Verhängnis«-Märchen, das sie sich gedichtet, daß sie nicht mehr genau wußte, ob der berühmte Mann nicht am Ende doch um ihretwillen gestorben war.