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Carry Brachvogel - Das große Schweigen

Novelle

Carry Brachvogel, Das große Schweigen, Aus: Komödianten, Verlag von J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart, 1911, S. 73ff.


Das stille Mahl nahte seinem Ende. Frau Schütting  schälte langsam einen Apfel. Ganz, ganz langsam schälte sie und sah so aufmerksam aus, als wäre dieser Apfel für sie das Wichtigste auf der Welt.

An einem Nebentisch goß der Diener aus einer kleinen Messingmaschine eine Tasse schwarzen Kaffee für den Hausherrn ein. Frau Schütting trank nie Kaffee nach Tisch. Während der Diener die Tasse vor Herrn Schütting hinsetzte, ihm Zuckerdose und Rauchzeug zurechtschob, sagte dieser wie beiläufig, aber doch mit ganz bestimmter Betonung: »Martin, holen Sie Steinberger Cabinet aus dem Keller und Heidsieck Monopol! Staatsrat von Ebeling speist morgen bei uns zu Mittag!«

Martin gab es einen kleinen Riß. Er war schon lange im Hause und hatte sich, teils durch Intelligenz, teils durch Indiskretion einen leidlichen Überblick über die geschäftlichen wie über die privaten Angelegenheiten der Firma und des Hauses Schütting erworben. Noch nie hatte Staatsrat von Ebeling, der große Mann des Königreichs, bei den Schüttings gespeist; wenn er's morgen tat, so bedeutete das sicher etwas Außergewöhnliches.

Auch Frau Schütting war betroffen. Äußerlich blieb sie mit ihrem Apfel beschäftigt. Ebenso bedächtig, wie sie ihn vorhin geschält hatte, zerschnitt sie ihn jetzt in kleine Stückchen, spießte sie auf ein Konfektgäbelchen und verspeiste sie langsam, ganz langsam. Dazwischen dachte sie: »So hat er's endlich erreicht! Ebeling, die rechte Hand des Königs, der ihn bis jetzt demonstrativ übersehen hat, speist bei ihm! Nun wird er die ganze Konkurrenz schlagen und die Schüttingschen Eisenwerke werden die Lieferungen für das Reich bekommen.«

Laut sagte sie, ungefähr ebenso beiläufig wie vorhin ihr Mann: »Martin, die Köchin soll um vier Uhr zu mir hinaufkommen, wegen des Diners für morgen! Um vier Uhr, nicht früher. Ich will schlafen!«

Martin hatte sich entfernt. Herr Schütting las die »Kölnische Zeitung« und rauchte. Das letzte Apfelstückchen war verzehrt. Frau Schütting schob ihren Obstteller zurück, stand auf und verließ das Zimmer. Sie grüßte ihren Gatten nicht, und auch er blieb vertieft in seine Zeitung, als ob nur ein Dienstbote oder ein Haustier sich aus dem Gemach geschlichen hätte . . .

Frau Schütting stieg die Treppe hinan, die vom ersten Stockwerk der Villa nach dem zweiten führte, wo die Schlafzimmer des Ehepaars lagen und das kleine Biedermeierboudoir mit den roten Mahagonimöbeln, in dem sich eigentlich Frau Tillas häusliches Leben abspielte. Unten, im Speisezimmer, traf sie sich mit ihrem Mann nur bei den Mahlzeiten. Die Gesellschaftsräume daneben standen seit Jahren schon leer. Schüttings gaben niemals Einladungen; wenn Herr Schütting aus Geschäftsrücksichten Gäste bei sich sah, wie morgen den Staatsrat, so genügte das Speisezimmer und das Rauchkabinett. Hier, in diesem kleinen Boudoir, las sie, arbeitete sie ein wenig, rauchte Zigaretten, empfing Besuche, – nur Herr Schütting überschritt diese Schwelle niemals. Hier speiste sie auch allein und vergnügt an den vielen, vielen Abenden, die er im Kontor der Eisenwerke verbrachte. Denn sie haßte das Speisezimmer, in dem sie Tag für Tag, Jahr um Jahr, schweigsam mit dem Schweigsamen am Tische sitzen mußte. Sie haßte es, als ob es ein lebendiger Zeuge ihrer stets sich erneuernden Demütigung gewesen wäre, als ob in ihm all das Schweigen langer Jahre sich zu einer feindlichen Macht verdichtet hätte. Sie haßte es um des Zitterns willen, mit dem sie es früher, da das Schreckliche erst begann, jedesmal betreten hatte. Sie haßte es um all der Worte willen, die hier nicht gesprochen worden waren. Sie haßte es, weil es von ihrer Kleinheit wußte und von der beherrschten Gewalt ihres Mannes . . .

Nicht immer war das Leben im Schüttingschen Hause so still und gleichgültig dahingegangen. Fünfzehn, sechzehn Jahre zurück hatte das Paar sich mit einer Leidenschaft und einer Innigkeit geliebt, die über Flitterwochen und erste Ehejahre hinausreichten. Gegen den Willen seiner Familie hatte Rudolf Schütting die kleine Schauspielerin geheiratet und gegen den Willen seiner Familie war er grenzenlos glücklich mit ihr. Seine blonde Tilla war das einzig Lachende, das einzig Helle in seinem jungen Leben, das schon früh mit schweren Pflichten und einer großen Verantwortung belastet lag. Mit fünfundzwanzig Jahren erbte er von seinem jäh verstorbenen Vater (man munkelte von Selbstmord!) die Eisenwerke, ein Erbe, das reich aussah, jedoch innerlich heruntergekommen, verlottert war und gesunken in den Augen der Geschäftswelt. Die Werke wieder in die Höhe zu reißen, den Schüttingschen Namen wieder zu Ehren zu bringen, bis er neben den ersten Großindustriellen des Königreichs stand – das hatte sich der junge Rudolf Schütting als Lebensaufgabe gestellt. Leicht war diese Aufgabe nicht, denn der moralische Kredit der Firma war, vor allem durch die Selbstmordgerüchte, erschüttert, die Konkurrenz zog daraus Nutzen, die Aufträge der Regierung, um die sich der junge Chef heiß bemühte, weil sie offiziell die Vertrauenswürdigkeit seines Unternehmens bestätigt hätten, blieben aus. Amerikanische Krisen kamen, schlechte Jahre, Unterbilanzen. Manch liebes Mal dachte der Sohn daran, den Weg zu gehen, den der Vater gegangen war . . . Aber da war Tilla, Tilla, die Blonde, Helle, Lachende, die ihn über alle Sorgen wegbrachte, die jedesmal wieder frisch und lockend wie das Leben selber vor ihn hintrat, wenn er meinte untergehen zu müssen in Mißgeschick und Verzweiflung. Er hatte sie aus so armseligen Verhältnissen herausgeholt, daß sie seinen Kummer über die mißlichen Finanzen der Firma nie recht verstand, daß sie sich immer reich und geborgen vorkam in diesem Haus, in dem nirgendwo das Gerichtssiegel klebte und in dem man sich jeden Tag an guten Dingen sattessen konnte.

Diese naive Anspruchslosigkeit entzückte ihn. Er dachte manchmal: »Weiß Gott, solch eine Bescheidenheit wiegt eine Million Mitgift auf! Hätt' ich eine reiche Frau geheiratet, sie würde mich mit Ansprüchen bestürmen, indes Tilla sich glücklich schätzt, wenn ich ihr zehn Mark schenke.«

Er dachte das aber nicht nur, sondern war auch unklug genug, es seiner Familie gegenüber zu äußern, zu Schwestern, Tanten, Basen. Die lächelten süßsäuerlich, beteuerten, daß sie sehr froh seien über sein Glück und sagten untereinander: »Abwarten! Er wird schon noch sehen, was für einen Schatz er geheiratet hat!«

Er merkte wohl bald, daß sie an Tilla nicht glaubten; um so fester glaubte er an sie. Ohne daß er's merkte, ohne daß sie selbst es darauf anlegte, ward sie vollkommen Herr über ihn und seine schwere Art. Nicht ein Pantoffelregiment im gewöhnlichen Sinn führte sie, bei dem sich's immer nur ums Rechtbehalten dreht, nein, viel tiefer reichte ihre Macht, wenn sie ihnen gleich beiden kaum zum Bewußtsein kam. Es gab für Rudolf Schütting bald nur noch zwei Dinge im Leben: die Arbeit und seine Frau. Für nichts andres blieb mehr Raum, alles schien daneben klein, unwichtig, arm. Die Arbeit war der Kampf – Tilla der Preis des Daseins, eines Daseins, das ihm von Tag zu Tag werter wurde, da langsam zwar, ganz langsam, aber doch merklich ein neuer Aufschwung für die Werke sich ankündigte. Der Selbstmord seines Vaters und alle Gerüchte, die sich daran geknüpft hatten, gerieten allmählich in Vergessenheit. Die Tüchtigkeit des jungen Chefs wurde bemerkt und seine Solidität, die dennoch nicht der Kühnheit und des scharfen Blickes für die Konjunktur entbehrte. Die Schüttingsche Firma stand zwar noch lange nicht neben den ersten Großindustriellen des Königreichs und Staatsrat von Ebeling vermied immer noch, Herrn Schütting junior naherzutreten, – aber das alte Mißtrauen gegen die Firma war doch überall im Schwinden, das spürte man. Die Heirat mit der kleinen Schauspielerin hatte zwar wieder geschadet: keine Mitgift hatte dem Geschäft neue Lebenskraft zugeführt, dafür aber war eine vielleicht zweifelhafte Existenz mit Abenteurerbedürfnissen in dies Haus getreten, das vor allem und in jeder Hinsicht der Ruhe, der Sicherheit und der Kräftigung bedurft hätte. Aber da Tilla Schütting wie die einfache Frau eines soliden Kaufmanns lebte und sich auch sonst nur durch ihr hübsches, keckes Gesicht von den andern Damen ringsum unterschied, dachte man bald nicht mehr daran, daß Rudolf Schütting sich sein Weib nicht aus einer »Familie«, sondern von einem Stadttheater geholt hatte. Dachte um so weniger mehr daran, als die Schüttings ganz zurückgezogen, nur sich und ihrem Glück lebten. –

In jenen fernen Tagen war Herr Schütting gar oft in dem Nestchen mit den roten Mahagonimöbeln zu Gast gewesen.

»Zu Gast bist du hier, mein Lieber!« sagte Tilla lächelnd. »Ich will dich hier nur als Gast sehen, nie als Hausherr! Denn ein Gast muß immer liebenswürdig und nett sein, darf kein finsteres Gesicht machen und keine Sorgen zeigen . . .«

»Wem soll ich sie zeigen, Tilla, wenn nicht dir?«

Sie warf sich an seine Brust, küßte ihn.

»Sollst du auch! Alles will ich mit dir tragen, an allem will ich mein Teil haben! Aber erst sei mein Gast: erst trink lieb und nett mit mir Tee und sage, daß ich dir gefalle, und daß du mich furchtbar, furchtbar lieb hast . . .«

»Das darf ich als Gast doch gar nicht! Da ließe mich doch der Hausherr hinauswerfen!«

»Der Hausherr weiß es gar nicht. Der Hausherr ist ein grämlicher Mann, der den ganzen Tag rechnet und seine Frau vernachlässigt . . .«

»Tilla!«

»Ja, ja! Sowie du nicht brav bist und schön gesittet mit mir Tee trinkst, sag' ich, daß du mich vernachlässigst . . .«

Lachend goß sie Tee in blumenzarte, chinesische Täßchen und schalt lustig, wenn er in männlichem Ungeschick den Trank zur Hälfte verschüttete, den Kuchen zerkrümelte, überall in dem Frauennestchen Dinge anstieß oder herunterwarf.

»Ein Mann ist etwas Schreckliches!« seufzte Tilla.

»Bändige ihn, Tilla, bändige ihn!«

»Ja, wart nur, ich bändige dich!«

Sie löste ihre langen, blonden Haare, deren Duft ihn berauschte, wie ein heimliches, süßes Gift, wand ihm die goldenen Strähnen um Hände und Nacken.

»Simson am Spinnrocken,« sagte sie ganz ernsthaft.

Er lachte über die kleine Entgleisung.

»Herkules hieß der Mann, Kind! Simson konnte selber mit seinen Haaren renommieren!«

»Das ist doch ganz gleich,« sagte sie ein wenig ärgerlich und ein wenig verlegen. »Es war eben so ein recht ungebärdiger Mensch, den seine Frau dann ganz klein kriegte . . .«

»In der Schule lernt man, daß die Frau Omphale hieß. Aber das ist wohl ein Irrtum: sie hieß Tilla!«

Nicht immer redeten sie nur solch verliebten Unsinn, denn Tilla war zwar wenig gebildet, aber intelligent und mit jenem merkwürdigen Sinn für geschäftliche Praktiken und Kniffe begabt, den gerade Frauen aus kleinen und zweifelhaften Verhältnissen häufig besitzen. Juristisch war sie erst recht in allen Schlichen erfahren; sie hatte sich, so jung sie noch war, doch schon allzulang mit unsauberen Elementen ums liebe Brot raufen müssen, als daß sie nicht, selber schlau und gewitzigt geworden wäre. Sie war aber klug genug, nicht allzuviel von ihren Kenntnissen und Erfahrungen zu verraten, so daß Rudolf nur mit Vertrauen, ohne Argwohn, ihr alles erzählen konnte, was seine andre Leidenschaft – die Eisenwerke – betraf. Gar manchesmal saß das junge Paar bis spät in die Nacht beisammen, ohne an Liebeständelei zu denken. Dann sprach Rudolf von seinen Plänen, seinen Hoffnungen, seinen Befürchtungen, Chancen und Konkurrenten und Tilla hörte aufmerksam und verständig zu. So erfuhr sie auch, daß damals schon, vor Jahren, sein ganzes Streben danach ging, durch die Vermittlung des Staatsrats von Ebeling die Lieferungen für das Königreich zu bekommen . . .

Ein Tag, ein unseliger Tag, riß dann das holde Glück dieser Ehe in Fetzen. Der Tag, an dem Tilla weinend, mit gerungenen Händen auf den Knieen vor ihrem Manne lag, auf daß er ihr verzeihen sollte, was kein starker Mensch verzeihen kann . . .

Wie das gekommen war? Wie es möglich gewesen, daß sie aus den Armen eines liebenden und (wie sie sagte) geliebten Mannes weg zu einem andern lief, um ihn zu belügen, wie sie den Gatten belogen hatte? Sie fand keine rechte Antwort darauf. Es war ein früherer Kollege von ihr, der eben am Stadttheater gastierte. Sie hatten sich wiedergesehen . . . gesprochen . . . Von alledem hatte sie Rudolf nichts gesagt, denn sie wußte, daß er keinerlei Beziehungen von früher, welcher Art immer sie sein mochten, dulden wollte . . . Heimlich hatte sie dann, während ihr Mann in geschäftlichen Angelegenheiten verreist war, mit dem Kollegen in einem Chambre séparée gespeist – – –

So war's gekommen. Gedacht hatte sie sich eigentlich gar nichts dabei.

»Es war halt ein Mensch von früher,« schluchzte sie. »Ich kann das nicht so erklären . . . er war halt von früher . . . Und da hab' ich wie Heimweh gekriegt . . .«

»Heimweh nach Kot!« schrie Rudolf mit häßlichem Auflachen.

»Ja . . . vielleicht . . . Ich weiß nicht. Ich bin ganz dumm im Kopf . . . Ich begreif' mich selber gar nicht . . . Ohrfeigen könnt' ich mich . . . Und ihn – ha, erdrosseln möcht' ich diesen Schurken!«

Unwillkürlich wurde sie theatralisch, nicht nur in Worten, sondern auch in Gesten. Dann weinte sie wieder bitterlich und aufrichtig.

Rudolfs erster Gedanke war: Scheidung. Das Haus mußte gesäubert werden. Eine Tilla hatte kein Recht mehr, hier zu leben und zu schalten. Also: Scheidung, Prozeß, Zeitungsnotizen, Klatsch, Mitleid und – nicht zu vergessen – der höhnische Triumph der Familie . . .

»Ja, mein armer Rudolf, solche Heiraten rächen sich immer!«

»Siehst du, uns hast du ja nie glauben wollen, nun mußt du am eigenen Leibe erfahren, was für ein Geschöpf du verhätschelt und verhimmelt hast . . .«

Und nicht nur die Verwandten, auch die Fremden würden mit bösem Lächeln sagen: »Bei Schüttings hören die Skandale nicht auf! Eine heruntergekommene Familie . . .«

Da bäumte er sich in seinem Innern auf. Nein, das durfte nicht sein. Sie sollten nicht wieder mit Fingern auf ihn zeigen. Der Name Schütting, der sich eben langsam zu erholen begann, durfte nicht aufs neue in allen Gassen und Schenken herumgezogen werden. Schlimm genug, daß schon Mitwisser oder wenigstens Mitahner da waren, – ein anonymer Brief hatte ja Herrn Schütting ermahnt, sich doch darum zu bekümmern, wo seine Frau in seiner Abwesenheit ihre Abende verbringe.

So entschloß sich Rudolf, nach schwerem Kampf mit Sich selbst, von der Scheidung abzustehen, Tilla im Hause zu behalten. Als er in etlichen kurzen, harten Worten seinen Entschluß mitteilte, wollte sie ihm unter lächelnden Tränen der Dankbarkeit und der Versöhnung an den Hals fliegen. Er schob sie aber jäh beiseite, daß sie taumelte und ging schweigend aus dem Zimmer. –

Seit jenem Tage schwieg er. Nie mehr hatte er ein Wort an sie gerichtet. Sie erfuhr nichts mehr von dem, was ihn bewegte, freute oder betrübte. Sie war wie ausgelöscht aus seiner Gegenwart. Häusliche Angelegenheiten, in denen sie zum Schein mitzusprechen hatte, erfuhr sie durch einen Befehl, den er in ihrer Gegenwart dem Diener gab – wie eben vorhin. Daß sich die Werke ständig hoben, las sie aus den Geschäftsberichten, welche die Zeitungen regelmäßig am Schluß des Geschäftsjahres brachten, oder sie entnahm es aus den Reden ihrer Bekannten, deren sie freilich nicht viele besaß. Aus dem Munde ihres Mannes kam ihr nichts, gar nichts. Wie ein fürchterliches, nie zu lösendes Geheimnis lag sein Schweigen zwischen ihnen. –

Als es zuerst begann, hatte es sie nicht bedrückt. Im Gegenteil. Sie atmete auf, daß den Tagen voll Zornesausbrüchen, Tränen und Verzweiflung diese große Ruhe gefolgt war. Sie wußte ja nicht, daß sie von unendlicher Dauer sein sollte. Sie hielt für zorniges, aber vorübergehendes Schmollen, was das eherne Gesicht verächtlichen, beleidigten Stolzes war. Da versuchte sie wohl schüchtern, vorsichtig, ihn allmählich wieder in die alte Bahn zu lenken. Fragte schmeichelnd und doch ehrfürchtig bei Tisch: »Darf ich dir noch ein Stück Fleisch vorlegen? Macht das neue Mädchen den Kaffee nicht zu schwach?«

Keine Antwort.

Sie wurde rot, senkte den Kopf. Blieb etliche Tage stumm. Fragte dann scheu, mit leichtem Herzklopfen, irgend etwas, von dem sie wußte, daß es ihm am Herzen lag. Nach einem neuen Beamten in den Werken . . . einem großen Auftrag . . . Oder von der Liquidation einer Konkurrenzfirma . . .

Keine Antwort. Es war, als ob sie ins Leere hinein spräche, in einen Raum, darin nur die Form eines Menschen saß, nicht ein Mensch mit fünf klaren Sinnen.

Allmählich wurde ihr dies hartnäckige Schweigen zur Beklemmung. Die fürchterlichen Tobeszenen, die ihm voraufgegangen waren, erschienen ihr dagegen wie ein Kinderspiel. Worte waren doch etwas Flutendes, Wechselndes, waren Lebendiges, das zum Leben zurückführte, wenn auch durch Blut und Schmutz und Jammer, – aber doch zum Leben zurück. Dies Schweigen aber war wie der grinsende Tod . . .

Sie demütigte sich aufs neue vor ihm. Sie bat, flehte, weinte. Sie lag wieder auf den Knieen vor ihm, diesmal ohne jede theatralische Geste. »Rudolf, ein Wort! Sag nur ein einziges Wort! Ich bettl' dich an um ein Wort, um so ein armes, erbärmliches Wort . . . Das ewige Stummsein macht mich verrückt . . . Lieber schimpf, schlag mich! ja, lieber schlag mich tot! Aber rede, rede! Rudolf, bei allem, was dir je heilig war, beschwör' ich dich: rede! Red' nur ein einziges Mal wieder! Aber rede!«

Sie weinte wie ein Kind. Er stand auf und ging, ohne ein Wort zu sagen – –

Und immer tiefer demütigte sie sich vor ihm. Heute noch wurde ihr heiß, wenn sie daran dachte, mit welchen Mitteln sie's versucht hatte, seinen stummen Mund endlich zu entsiegeln . . .

Alles vergebens. Sie hatte keine Macht mehr über ihn . . .

Sie begann dies Schweigen zu fürchten. Es schien ihr noch viel unheimlicher als früher. Es war gar nicht der Tod, der offene, grinsende Tod. Es war wie ein verstecktes, greuliches Schrecknis, das irgendwo ungesehen hockte und lauerte. Wie ein grauenhaftes Ungetüm, das man nicht erblicken kann, aber das man fauchen hört, und dem man im nächsten Atemzug unrettbar verfallen ist – –

Diese stummen Mahlzeiten wurden zu einer unsäglichen Qual. Oft hatte sie das Gefühl, daß sie in einem eisernen Zimmer säße, dessen Wände rot zu glühen begannen. Oder die Seen ihrer Heimat fielen ihr ein, die sich im Winter mit einer stillen, feinen Eisschicht bedeckten, während darunter das schwarze, todkalte Wasser gluckste und verschlang.

Sie fing an, den Mann zu hassen, der sie so grausam, so raffiniert quälte. O, wie sie ihn haßte, wie sie von Rache träumte, von einem Augenblick, der ihn in ihre Macht geben sollte! Oder auch nur von einer Stunde, in der er mit sich selbst zerfallen, unglücklich, gebrochen bettelnd die Hände ausstrecken würde: »Tilla, ein Wort! Sag ein Wort!« Dann wollte sie höhnisch, boshaft lächeln und ihn ebenso mit Schweigen peinigen, wie er sie jetzt . . . Sie probierte mitunter vor dem Spiegel, wie sie dann verächtlich die Lippen schürzen, den Kopf wenden und hoheitsvoll abgehen wollte, ungefähr so, wie die Königin im »Don Carlos«, wenn die weinende Eboli vor ihr kniet.

Sie lauerte gierig, ob nicht ein Schlag kam, der ihn traf. Sie wußte, daß, seitdem sie aus seinem Herzen geschieden war, nur noch geschäftliches Unglück ihn niederwerfen konnte. Mit Hast und Spannung studierte sie nun jeden Tag die Börsen- und Marktberichte, freute sich, wenn sie von absteigender Konjunktur las, hoffte, daß Fallissements andrer Firmen ihn nachziehen sollten. Und wenn sie selber auch dabei die Frau eines Bankrottierers geworden wäre, sie hätt' es gern auf sich genommen, nur um endlich den Sturz, die Qual dieses hochmütigen Peinigers zu erleben . . .

Doch nichts dergleichen geschah. Die Werke standen und blieben. Unentrinnbar war sie in den Ring des Schweigens gebannt. Niemals konnte sie daraus heraus. Es verfolgte sie, wo sie ging und stand, es lief ihr nach, wo immer sie war. Immerfort, auch wenn sie weit, weit vom Hause weg war, hörte sie den fauchenden Atem des grauenhaften, unsichtbaren Ungeheuers. Es vergällte ihr jede Freude. Es nahm ihr den Mut und die Lust zu jedem neuen Abenteuer. ja, hätte Rudolf Schütting gedroht, bei jedem Argwohn getobt, sie eifersüchtig überwacht, – wer weiß, ob es das Weib, die Komödiantin in ihr nicht gereizt hätte, ihn wenigstens zu erschrecken, ihn immer in der Angst zu lassen und dabei selber den wohligen Kitzel zu genießen, den die Eifersucht eines andern gibt . . . Aber so?! So war sie wie gelähmt von diesem Schweigen, das auf unhörbaren Sohlen, gleich einem stummen, schwarzen Haremswächter hinter ihr drein rannte.

Mitunter war sie so gelähmt davon, daß sie weinte, stundenlang weinte, aus Angst, aus Verlassenheit, aus Mitleid mit sich selbst, und aus tiefem Schmerz über das, was sie verloren. . . . Nicht um Glück weinte sie, um Liebe oder Zärtlichkeit, sondern um die Macht, die sie über diesen Mann gehabt hatte und die nun dahin war. Jetzt, da sie vor dem Rätsel seiner Natur in tödlicher Angst erschauerte, jetzt erst begriff sie ganz, was es bedeutete, wenn man Macht über ihn hatte . . . Sie konnte sich gar nicht mehr vorstellen, daß er, dem sie jetzt nur mit heimlichem Spähen, wie einem Richter gegenübersaß, daß er einmal kein größeres Glück gekannt hatte, als ihr das Leben leicht zu machen, sie eingehüllt in Liebe und Reichtum durch die Jahre hinzutragen bis ans Ende. Wenn ihr das einfiel, biß sie die Zähne aufeinander und stöhnte. Sie hätte mit dem Kopf gegen die Wand rennen mögen, daß sie leichtsinnig so Köstliches verscherzt hatte. Und um welchen Preis! Lieber Gott, um welchen Bettelpreis! Um ein paar verliebte Stunden mit einem Schmierenkomödianten. Denn das stand jetzt fest bei ihr: er war ein Schmierenkomödiant gewesen, obschon sie ihn früher, als sie mit ihm zusammenhielte, für ein großes Talent gehalten hatte – – –

Die Zeit kam, sah sich das Tun und Treiben der Menschen ein wenig an und ging dann gelassen weiter. Im Hause Schütting änderte sich äußerlich wenig. Das Ehepaar war älter geworden, Tilla strahlte nicht mehr so jugendfrisch und hell wie sonst, und Rudolfs Haar begann zu ergrauen über den tiefen Querfalten, die seine Stirne durchschnitten. Immer noch saßen sie sich, wie vor Jahren, schweigend gegenüber, aber Tilla war innerlich ruhig geworden. Sie fürchtete das Schweigen nicht mehr, sie wußte jetzt, daß kein Schrecknis mehr dahinter lauerte, daß es nur ein starrender, toter Krater war, aus dem keine Flammen der Liebe oder des Zornes mehr aufschlugen. Sie haßte auch ihren Mann nicht mehr, sie träumte nicht mehr davon, ihn vernichtet, gebrochen, in ihre Hand gegeben zu sehen. Sie hatte sich an das Schweigen gewöhnt, wie man sich wohl an einen Schmerz gewöhnt, so sehr gewöhnt, daß man ihn liebt, daß man ihn nicht mehr missen möchte. Und sie liebte den Mann, der ihrem Leben diesen tiefen Ton der Qual gegeben hatte, sie liebte ihn viel mehr, als sie einst den jungen Rudolf Schütting geliebt hatte, der berauscht war vom Duft ihrer Haare und den sie um den kleinen Finger hatte wickeln können . . . sie liebte ihn nicht mit Feuer, aber mit Ehrfurcht; die Hartnäckigkeit seines Verstummens bezwang sie sicherer, als tausend törichte Worte heißer Leidenschaft hätten tun können. Sie verstand ihn nicht, aber sie bewunderte ihn. O, das war eine so andre Art, als die ihre, die heute küßte, was sie morgen verdammte und übermorgen vergaß! Der hielt fest, was er einmal gewählt hatte und ließ wohl erst im Tode davon ab . . .

Nun war's ihr Wonne, sich in Gedanken ganz klein, ganz erbärmlich zu machen und ihn immer größer, immer heroischer. Was sie ehedem raffiniert grausam gescholten hatte, schien ihr jetzt männlich-stark, vom Standpunkt des beleidigten Gatten, dieses beleidigten Gatten aus, nur gerecht. Andre wären wahrscheinlich kleiner, alltäglicher gewesen. Sie hätten sich scheiden lassen oder sie hätten verziehen, so rückhaltlos verziehen und vergessen, daß sie nach ein paar Jahren schon nicht mehr gewußt hätten, was ihrer Ehe einmal geschehen war. Dieser hier nicht. Er schändete nicht, er verstieß nicht, aber er verzieh auch nicht, vergaß nicht. Die Liebe in ihm hatte erlöschen können, nicht die Erinnerung an seine Schande.

Je mehr sie über ihn nachdachte, um so tiefer neigte sie sich vor ihm. Sich wieder vor ihm zu demütigen, wie einst, wäre ihr eine süße Qual gewesen, süß wie die Qual verzückter Märtyrerinnen, die Himmelswonnen empfanden, während ihr Blut unter den Streichen der Henker floß. . . . Sie wagte aber gar keine Annäherung mehr an ihn.

Da sie's gewohnt war, all ihre Empfindungen mit Bühnenerinnerungen zu verquicken oder zu begleiten, so fiel ihr ein, daß ihr Mann eigentlich eine Art »Hüttenbesitzer« sei, Philipp Derblay, der herrliche Mann der Arbeit, der nimmer vergessen mag, was die hochfahrende Frau ihm angetan. Sie hatte die Claire sehr oft gespielt, und sie dachte sich's wundervoll aus, wenn Rudolf gleich Derblay im letzten Akt dann doch zu ihr zurückkehren würde, ein neues Leben in Liebe und Glanz zu beginnen. Ach! leider schrieben nur die Bühnenautoren solch schöne letzte Akte! Das Leben gestaltete seine Schauspiele zugleich banaler und konsequenter . . . Oft aber, wenn sie ihren Mann so ernst und verarbeitet am Tisch sitzen sah, hatte sie eine ungeheure Sehnsucht, den Kopf an seine Schulter zu lehnen, sich fest, fest in seine Arme zu pressen: »O du! Du bist so stark und ich bin so schwach! Halte mich und laß mich nie mehr los, denn ohne Schutz bin ich ein armselig Ding!«

. . . Es klopfte an der Tür des roten Mahagoniboudoirs. Frau Tilla wußte, wer draußen stand und sagte gelangweilt: »Herein!«

Nun beriet sie mit der Köchin eine kleine Weile, ob man für morgen Forellen oder Wildsaiblinge gäbe, ob Rehrücken oder gefüllte Kapaunen – schließlich endete die kleine Konferenz wie alle diese kulinarischen Konferenzen im Hause Schulung endeten. Tilla sagte nämlich: »Ach, kochen Sie, was Sie wollen, wenn's nur gut ist!«

Sie hatte sich in der langen Zeit, da sie dem Haushalt vorstand, weder häusliche Kenntnisse angeeignet, noch irgendwelches Interesse dafür bekommen. Sie hielt gutgeschulte Dienstleute, die von all diesen Dingen mehr verstanden, als sie, Dienstleute, die sie ob ihrer Überlegenheit ein wenig fürchtete, aber auf die sie sich verlassen konnte.

Sonst gab sie zuweilen eine süße Speise an, die sie besonders liebte, heute vergaß sie es. Dies Diner mit Staatsrat von Ebeling war ihr sehr peinlich, wie all diese Geschäftsdiners im Hause, denen sie, Herrn Schüttings Gattin, doch um des äußeren Ansehens willen, beiwohnen mußte. Es war so mühevoll, Fremden den Riß zu verbergen, der durch die Ehe ging, wenigstens so zu verbergen, daß er von ihnen nicht als peinlich gesehen, empfunden wurde. Daß die Schüttings nicht in Harmonie zusammen lebten, wußte wohl jeder, aber das Bild der Zerstörung wollte man doch nicht bieten. Jedesmal nach solchem Mahle war sie erschöpft, gepeinigt, gedemütigt, und sie zog sich mit einem Gefühl der Erleichterung zurück, wenn die Tafel zu Ende war und die Herren im Rauchzimmer saßen.

Nun ging sie an ihren Kleiderschrank, die Toilette für morgen zu wählen. Auf Kleider hielt sie viel und sie hatte auch Geschmack; sehr selten nur verriet eine allzugrelle Farbe, eine allzukühne Schleife die einstige kleine Schauspielerin. Morgen wollte sie sehr schön sein; Staatsrat von Ebeling sollte sehen, daß das Haus Schütting nicht nur männliche, sondern auch weibliche Werte besaß, daß hier eine Frau herrschte, deren sich der Gatte nicht zu schämen brauchte. Schön wollte sie sein; sie wußte ja jetzt schon, wie gedrückt sie sich morgen fühlen würde, und sie wollte dann wenigstens den Reiz ihrer Erscheinung haben, wollte sich sagen dürfen: »Schön bin ich doch!«

Sie wählte ein Gesellschaftskleid aus weicher, blaßvioletter Seide, dessen Schnitt ganz einfach schien, dessen Falten aber sehr geschickt jeden kleinen Mangel der Gestalt milderten, jede schöne Linie sanft unterstrichen. Es war mit Gold gestickt und schloß hoch am Hals mit einer dichten, weißen Tüllkrause ab, denn Tillas Hals war nie schön gewesen. Dagegen ließen seine weiten, schwankenden Ärmel bei jeder Bewegung die Arme bis zum Ellbogen frei, diese Arme, um deretwillen Tilla einst die »Iphigenie« hatte spielen dürfen, obgleich sie keinen Schimmer von dem Geiste der griechischen Priesterin besaß. . . . In das blonde Haar steckte sie eine blaßviolette Schleife, über die Brust herab ließ sie eine lange Perlenkette à la Sarah Bernhardt hängen. Als sie erst noch einen Puderhusch über ihr Gesicht gebreitet und mit einem feinen Schwarzstift die allzuhellen und dünnen Brauen nachgefahren war, durfte sie wohl mit ihrem Spiegelbild zufrieden sein. Ein leiser Duft von Veilchenparfüm schwebte um sie her. Als sie das Wohnzimmer betrat, in dem sie absichtlich die Herren zuerst allein gelassen hatte, las sie gleich in des Staatsrats Augen ein bewunderndes: »Alle Wetter, was für eine hübsche Frau!«

Das Diner verlief, wie all diese Diners zu verlaufen pflegten. Zwischen ausgezeichneten Speisen und Getränken gingen scheinbar angeregte Gespräche, die doch jeder als überflüssig empfand. Die Herren wollten ja eigentlich von Geschäften reden und unterließen es nur, weil eine Dame mit ihnen am Tisch saß, die Dame des Hauses. Tilla machte sehr gut Konversation und so geschickt, daß man kaum merkte, wie sie und ihr Mann geflissentlich aneinander vorbei sprachen. Der Staatsrat sah zuweilen die blonde Frau mit langen Blicken an, dann den Mann, dann den Tisch, der mit schönem, schwerem Silber und sehr feinem, englischem Porzellan gedeckt war, dann das Zimmer mit den schweren Eichenmöbeln und dem altmodischen, grünen Samtbezug der Stühle. Und er dachte bei sich: »Sapristi, der junge Schütting hat sich herausgemacht! Alles hier ist diskret, reich, aber ohne alle Protzerei . . . Die Frau ist nicht nur hübsch, sondern auch recht gewandt . . . Wie tadellos kachieren diese Leute ihre schlechte Ehe! . . . Merkwürdig eigentlich, daß man mit einer so scharmanten Frau schlecht leben kann! Aber vielleicht gerade. . . . Es wurde ja früher einmal so allerlei gemunkelt, was, weiß ich schon nicht mehr . . . wahrscheinlich nur so ein Gerede. . . Nein, es ist alles tadellos hier, man spürt förmlich die solide Basis. Wenn ich denke, wie der alte Schütting mit durchschnittener Gurgel in seinem Zimmer auf dem Fußboden lag und noch im Todeskampf gelallt haben soll: ›Der Staatsanwalt! Der Staatsanwalt!‹ . . . Meinen Respekt vor dem Sohn, der über all das weg so weit gekommen ist!«

Und laut sagte er, indem er sein Glas hob: »Auf das Wohl Ihres Hauses, meine Herrschaften, daß es wachse und gedeihe, Ihnen und unsrer Industrie, ja, ich darf sagen: unserm Lande zur Freude!«

Rudolf Schütting strahlte, nicht nur bei diesen schmeichelhaften Worten, sondern schon die ganze Zeit über. Erstaunt sah Tilla auf ihn; seit Jahren, seit der Zeit ihres ersten jungen Eheglücks hatte sie ihn nicht mehr gesehen wie heute, so heiter, so bebend, so förmlich aufgelöst im Glück. Er war redselig, zum Lachen und Scherzen aufgelegt; wenn er das Glas ergriff, zitterten seine Hände ein wenig. Sein Gesicht war ganz verjüngt, leuchtete gleichsam von innen heraus. Tilla mußte an die grauen Muschellampen denken, die bei Tag so unscheinbar sind und so wundervollen, warmen Schein geben, sobald das Licht in ihnen aufglüht . . . Gütig und froh sah der Mann jetzt aus, den sie seit so langer Zeit nur mehr verschlossen, streng und frühgealtert kannte. Gütig und froh sah er aus, weil Glück in ihm brannte. Glück, das ihm gehörte, ihm allein, weil er's ganz allein sich geschaffen hatte. . . . Sie dachte daran, wie dieser Tag heute wohl geworden wäre, wenn nicht – – – Da mußte sie ihr kleines Spitzentaschentuch vor den Mund halten und schnell ein paarmal darauf beißen, sonst wäre ihr das Weinen gekommen.

Das Diner war zu Ende. Die Herren hatten sich ins Rauchzimmer zurückgezogen. Tilla ging in ihr Boudoir und schlief ein Stündchen, dann setzte sie sich ans Fenster und wollte ein wenig sticken. Die Sonne schien aber so schön, daß sie die feine Nadelarbeit beiseite warf, ein weißes Seidentuch umnahm und in den Garten lief, der die Villa von drei Seiten umschloß.

Es war einer jener köstlichen Tage, die noch auf der Scheide stehen, zwischen dem zagenden und dem prangenden Frühling. Das Laub der Bäume fing eben erst an, sich schüchtern aufzurollen, aber die Hecken, welche die weißen Kieswege begrenzten, blickten schon durch grüne Schleier und die Mandelsträucher schimmerten in sanftem Erröten, als schämten sie sich, daß sie's gar so eilig hatten mit ihrer Blüte. Die Sonne hatte noch keine Glut, nur Wärme, eine Wärme, die nach Frische duftete, nach ersten Veilchen und die unbestimmten Sehnsüchte weckte und löste. Ein zärtlicher, warmer Wind kam dahergelaufen, streichelte die junge Pracht, scherzte ein wenig mit ihr und lief eilig weiter, als wollt' er sagen: »Heut werd' ich überall erwartet!«

Tilla ging langsam hin und her. Sie liebte sonst diese erste Zeit des erwachenden Jahres, liebte die zage Schwermut, die sie über all unsre Empfindungen breitet, heut aber achtete sie kaum auf die holdseligen Wunder der sich befreienden Natur. Sie dachte an das Diner . . . an die bewundernden Blicke des Staatsrats. . . . O, nicht oder nur wenig an seine männliche Bewunderung für sie, die scharmante Frau . . . sie hatte die Blicke wohl gesehen und verstanden, mit denen er ihren Mann und die ganze Umgebung gemessen hatte. Ohne daß jemand ein Wort gesagt hätte, wußte sie, daß heute ihr Mann das Ziel erreicht hatte, das er in rastlosem Fleiß zeitlebens angestrebt: sein Werk stand neu gefestigt, das Vertrauen der Regierung gehörte ihm.

Sie kam sich arm vor neben ihm, klein, enterbt. Wie die meisten Frauen maß auch sie den Wert eines Menschen nach seinem Erfolg. Rudolf Schulung, der eben den Erfolg erreicht, um den er jahrzehntelang gerungen hatte, schien ihr daher einen Schuh hoch über andern Menschen zu stehen. Philipp Derblay genügte schon nicht mehr ganz, obwohl ihr der »Hüttenbesitzer«-Typ immer noch sehr entsprach. Aber ein »Hüttenbesitzer« mit einer kleinen Gloriole . . .

Draußen auf der Straße, am Portal der Villa, fuhr ein Auto vor. Der Staatsrat trat den Heimweg an. Tilla hörte, daß die beiden Herren über die Treppe herunterkamen, sie ging daher tiefer in den Garten hinein, denn sie wollte nicht mehr gesehen, nicht beim Abschied anwesend sein. Es dämmerte schon leise. Wenn sie sich ein bißchen beeilte, konnte sie im Schatten der Baumstämme verschwunden sein, ehe die Männer das Haus verließen und ins Freie traten. Aber schon kam Martin, der Diener, eiligen Schrittes auf sie zu: »Gnädige Frau, Seine Exzellenz Herr Staatsrat von Ebeling fahren eben fort! Der gnädige Herr lassen die gnädige Frau bitten, Seiner Exzellenz Adieu zu sagen.«

»Gut. Ich komme gleich.«

Sie war sehr erstaunt. Es geschah zum allerersten Mal seit ihrem Zerfall, daß Rudolf sie noch einmal zur Verabschiedung seiner Gäste entbieten ließ. Sonst verschwand sie auf Nimmerwiedersehen nach dem Mahle. Heute aber– Sie lächelte bitter. Ja freilich, die Freude über Ebelings Mission, über seine Anerkennung warf alles über den Haufen. Ließ sogar im Triumph einer letzten stolzen Stunde uralten Hader und Groll vergessen, als wär' er nichts . . .

Die Herren erwarteten Tilla am Fuß der Treppe. Der Staatsrat küßte ihr die Hand. »Meinen Dank, gnädigste Frau, für diesen Tag! Und meinen besonderen Dank, daß Sie sich noch einmal bemühten . . .«

»Aber, Exzellenz, es war keine Bemühung! Es war mir eine Ehre, wenn Exzellenz sich bei uns ein bißchen wohl gefühlt haben, und ich bedaure nur, daß Exzellenz uns schon verlassen.«

Sie sprach immer scharf Ex–zellenz, was ein wenig an die Sardousche Salondame erinnerte, aber sonst war sie wieder ganz tadellos, ganz Frau von Stil. Exzellenz küßte ihr also nochmals sehr entzückt die Hand, wechselte kräftige Händedrücke mit Rudolf, dessen Gesicht etwas ruhiger schien, als vorher, aber immer noch gleichsam von innen erleuchtet.

»Mein lieber Herr Schütting, sehr selten noch habe ich einem Manne mit so großer Freude gesagt: ›Auf Wiedersehen, auf recht baldiges Wiedersehen!‹«

Nochmals Verneigungen und verbindliche Beteuerungen. Dann begann das Auto zu schnurren, der Chauffeur ließ die Huppe ertönen, und eine Sekunde später war der Staatsrat den Blicken des Ehepaars entschwunden. Sie standen noch ein paar Sekunden und sahen gedankenlos der kleinen Staubwolke zu, die ihm nachwirbelte, gedankenlos, aber bestürmt von Gefühlen, denen sie im Augenblick keinen Ausdruck, keinen Namen hätten geben können.

Über Rudolf lag immer noch der leichte, köstliche Höhenrausch, den nur die Bezwinger ungeheurer Ziele kennen. Tilla befand sich in einer seltsamen Spannung, die ihr Herzklopfen verursachte. Sie hatte ganz plötzlich die Ahnung, fast die Gewißheit, daß in den nächsten Minuten sich etwas ereignen müsse . . . etwas Jähes . . . Sprunghaftes . . . etwas, das alles über den Haufen warf, was bis heute gewesen. . . Ein Ereignis, ja, ein Ereignis stand vor der Tür, die sich eben hinter dem Staatsrat geschlossen hatte. . . . Schon hob es die Hand, um zu pochen. Und diese Sekunde, die verrann, ehe man sein Pochen vernahm, war so quälend und zugleich so erregend, daß vor Tillas Augen alles verschwamm und sie sich mit einem kleinen Seufzer an die Mauer lehnen mußte, sonst wäre sie umgesunken vor Schwäche und Erwartung . . . Und so, nur halb ihrer selbst bewußt, spürte sie, wie jemand ihre herabhängende Hand ergriff und krampfhaft zwischen seine beiden Hände nahm.

»Tilla! O Tilla . . .!«

Wie ein Aufschrei kam es. Oder nein, nicht wie ein Aufschrei, wie das wonnige Aufstöhnen einer Seele, die lange krank gewesen und die heute gesund geworden war – in der Sonne des Erfolges, des Glückes, das ihn wie ein leidenschaftlicher Traum umfangen hielt. Und wie in einem leidenschaftlichen Traum sprach er weiter zu ihr, schüttete alles über sie hin, was er seit Jahren gedacht, gewollt, gelitten, ertragen, durchgesetzt und errungen hatte: »Kein Mensch weiß, wie ich geschuftet habe. Keiner, du auch nicht, Tilla. Und die Nächte . . . in denen einen die Pläne zermartern . . . und die Zweifel . . . Und all das Zeug, von dem man abhängt . . . All die Idioten, die mit ein bißchen Worten oder Säbelgerassel nach einem guten Diner die Börsen machen . . . Zwanzigmal hat man schon gemeint, man ist ganz oben – da wirft einem irgend ein blödsinniger Zufall noch einen Knüppel zwischen die Beine. Ein Attentatsgerücht aus Rußland . . . Eine ›Times‹-Hetze gegen die deutsche Industrie . . . Weiß der Kuckuck, was sonst noch . . . O, was für Tage und Nächte hab' ich hinter mir! Aber hinter mir – das ist das Schöne! – hinter mir!«

Er lachte glückselig auf und sprach weiter, erregt, krampfhaft, mit abgerissenen, lebhaften Gesten, die Tilla nie an ihm gekannt hatte. Ohne daß sie selber wußten wie, waren sie hinaufgestiegen, in das rote Mahagoniboudoir. Tilla hatte ihrem Mann einen bequemen Armstuhl zurechtgeschoben und saß ihm gegenüber auf einem schmalen, hochbeinigen Sofa. Er achtete weder auf seine Umgebung, noch auf sie, er redete weiter in diesem Rausch, der ihm aus der Erinnerung an durchfrondete Jahre und aus dem Lohn dieser einen Stunde kam . . . Er wartete keinen Einwurf ab, keine Antwort, keine Bestätigung . . . Wie eine übermächtige, lang zurückgedämmte Welle stieg es aus ihm hervor, restlos alles überflutend und ertränkend, was sonst je gewesen Von seinem Lebenswerk sprach er, von nichts anderm und zu sich sprach er, zu keinem andern. Diese Frau, die da saß, seine Frau, das war nur eine Zufallserscheinung, war nur der Mensch, den man unbedingt als Hörer nötig hat, wenn der Höhenrausch aus einem spricht . . .

Tilla sah vor sich nieder. Ihre Brust atmete schwer. Von den Worten ihres Mannes hörte sie nur den Klang, nicht den Sinn. Wie eine übermächtige Welle stürzten sie aus ihm hervor und wie eine übermächtige Welle schlugen sie über sie hin . . . Vorhin, als er ihre Hand gefaßt und ihren Namen gesprochen hatte, war ein lähmender Schreck über sie gekommen. Der erste Ton seiner Stimme, der in das große Schweigen hineinklang, das so lange zwischen ihnen stand, hatte ihr weh getan, beinahe eine körperliche Qual verursacht. Sie hatte sich ja an das Schweigen gewöhnt, wie an einen Schmerz, und sie fror, da sie sich plötzlich vor ihm lösen sollte.

Der Qual folgte Staunen. Staunen, daß der Mund dieses Mannes sich plötzlich entsiegelte und sprach . . . zu ihr sprach. Und mit jedem Wort, das er sprach, zerstörte er mehr und mehr das Bild, das sie sich von ihm gemacht hatte und in ihrem Herzen trug.

»Hüttenbesitzer?! – Beleidigter Übermensch?« – »Ach nein, mein Lieber, du bist ja gar nichts von alledem . . . du bist nur ein Mensch wie alle andern, – nicht um Linienbreite mehr. Wie dumm von mir, daß ich mich täuschen ließ, dir Wunder was andichtete! Dein Schweigen hat mir so maßlos imponiert; ich dachte, nie mehr, bis zum Tode, würdest du ein Wort an mich richten. Statt dessen sitzest du da und erzählst mir Geschichten . . . Lebensbeichte heißt man, glaub' ich, so was . . . Ich glaubte an ein ewiges Verstummen – du hast nur geschmollt. Zehn Jahre lang geschmollt, aber doch eben nur geschmollt. Das tun andre auch. Nur bist du eigensinniger als sie und darum hast du's länger ausgehalten! Wie töricht von mir, mich so klein zu fühlen, neben dir! Natürlich, du bist ein glänzender Geschäftsmann . . . Aber sonst! Wer gibt dir denn das Recht, dich so erhaben zu fühlen über mir?!«

So ungefähr waren Tillas Gedanken. Sie wußte gar nicht mehr, daß nicht Rudolf sich über sie erhoben, sondern daß sie aus eigenem Willen sich in ihrem Innern vor ihm erniedrigt hatte.

Ein stechendes, bitteres Gefühl stieg in ihr auf. Sie haßte. Haßte wieder wie einst den Mann, der sie mit seinem Schweigen bis aufs Blut gequält hatte. Früher hatte sie ihn gehaßt, weil er schwieg – heute, weil er sprach. In der Erinnerung schritt sie die schrecklichen Jahre durch, die er erbarmungslos über sie verhängt hatte. Sie erlebte aufs neue, wie sie sich vor ihm demütigte . . . wie sie ihn zu locken versuchte . . . wie er sie von sich schleuderte . . . wie sie um ein Wort bettelte . . . wie sie in tödlicher Angst mit ihm am Tische saß und das Fauchen des unsichtbaren Ungetüms hörte . . . wie es auf lautlosen Sohlen hinter ihr dreinlief, gleich einem schwarzen Haremswächter. . . . Die Erinnerung an jene Tage, durch die sie so armselig, so gehetzt gelaufen war, erschütterte sie so stark, daß sie die Arme auf den Tisch warf, den Kopf darauf legte und laut weinte.

Rudolf sah erstaunt auf sie.

»Warum weinst du, Tilla?«

»Ich weine um all die schönen Jahre, die du mir gestohlen hast . . . um meine Jugend, die du mir verdorben und verquält hast . . . über mich wein' ich und über all das Elend, das mir von dir gekommen ist, von dir und deiner Härte . . .!«

Sie war außer sich. Sie ballte die Hände zu Fäusten und streckte sie gegen ihn. Dann weinte sie wieder bitterlich.

Er legte seine Linke auf ihren blonden Kopf, streichelte gütig und zugleich gleichgültig ihre Haare.

Er sagte sanft: »Tilla!« Und dann noch einmal: »Tilla!«

Seine Gedanken waren aber gar nicht bei ihr. Da ihr Weinen nicht verstummte, wollte er ihren Kopf in die Höhe heben: »Komm doch, Tilla! Komm!«

Sie biß in die Hand, die er ihr unters Kinn gelegt hatte. Fest biß sie mit ihren spitzen Zähnen, daß tiefe, weiße Male am Zeigefinger blieben. Sie konnte nicht anders, sie mußte ihm wehe tun.

Er lächelte, strich abwesenden Blickes mit den Fingern der heilen Hand über die gebissene. Er stand auf, beugte sich über Tillas blonden Kopf und küßte ihn. – – –

Spät in der Nacht noch saß Tilla allein auf und sann diesem Tag nach. Ein einziger Tag hatte zerrissen, was zehn Jahre gesponnen. Mehr als sie je gehofft hatte, war ihr heute neu geschenkt worden: Frieden – Versöhnung – Liebe – Vertrauen. Hatte ihr Mann nicht rückhaltlos, wie einst, sie zur Mitwisserin dessen gemacht, was ihn im Tiefsten bewegte? Hatte er nicht wie einst an ihrem Herzen ausgeruht, berauscht vom Duft ihrer Haare und von der Wärme ihrer Haut? So hatte sie doch endlich die Macht über ihn errungen, von der sie geträumt. Er selbst hatte sich heute in ihre Hand gegeben, – wenn es ihr gefiel, konnte sie jetzt eine späte Rache nehmen . . .

Sie schloß die Augen und lächelte. Rache? Das war ein zu starkes Wort. Sie wollte sich hüten, durch Extravaganzen irgendwelcher Art das hübsche Leben aufs neue zu stören, das sich vor ihr auftat. Rache? O nein. Nichts Böses wollte sie ihm tun, nichts Schmerzliches – nur Schmerzendes . . . tausend feine Nadelstiche. Mit Launen wollte sie ihn quälen . . . mit Ansprüchen . . . Eifersucht in ihm anschüren, ohne ihm doch je wirklichen Grund zu geben . . . nie, gar nie mehr sollte er ihrer sicher sein. Tag für Tag sollte er zittern müssen, daß er in diesen zehn Jahren Unwiederbringliches verloren hatte. . . . So sollte ihre Rache sein. Schluckweise, in ganz kleinen Zügen wollte sie ihren Triumph genießen, sie, die zuletzt doch die Siegerin geblieben war – – –

Die Siegerin! Das Wort goß ihr Feuer ins Blut. Sie sprang auf und eilte vor ihren großen Ankleidespiegel. Sie mußte sehen, wie sie der Sieg kleidete –

Nie zuvor hatte sie sich kritischer angeblickt. Jedes kleine, kaum merkliche Fältchen sah sie im Gesicht ihres Spiegelbildes, jede feine Linie, von den Jahren gegraben und graue Fäden in ihrem Haar, von denen sonst keiner wußte. Sie war dennoch zufrieden mit sich, denn immer noch war ihr Lächeln jung, ihr Mund mädchenhaft, ihre Stirn schmal und glatt und um die schlanke, weiche Gestalt spielte ein süßer, fraulicher Reiz.

»Eine Siegerin!« murmelte sie verzückt, breitete die Arme weit aus und verschränkte sie hinter dem Kopf, den Oberkörper weit zurückbiegend. »Eine Siegerin!«

Langsam aber schwand das Lächeln von ihren Lippen, wie eine verlöschende Kerze schwindet. Sie ließ die Arme sinken, ging schwerfällig zu dem Armsessel zurück, auf dem vorhin ihr Mann gesessen hatte. Den Kopf in die Hand gestützt, sann sie aufs neue nach.

Eine Siegerin? War sie das wirklich? War an diesem ganzen Tag, mit all seinen wechselreichen Stunden, von ihr je die Rede gewesen? Ja, ihr Mann war zu ihr zurückgekommen, hatte nach Jahren Worte, Liebkosungen für sie gefunden . . . Doch Worte und Küsse waren nur Höhenrausch gewesen, – das hatte sie deutlich gespürt . . . Nicht zu ihr hatte er geredet – sondern zu sich. Nicht sie hatte er geküßt – sondern sein Glück. Nicht mit einer Silbe hatte er von ihr, von Vergangenem geredet. Hatte nicht gesagt: »Laß uns vergessen!«, sondern immer nur: »Ich bin glücklich!« Als sie aufschrie über ihre gestohlenen Jahre, über ihre vergällte Jugend, da hatte er nur zerstreut über sie hingelächelt und nicht einmal gehört, daß sie ihn anklagte – – –

Ihr Kopf sank tiefer. O könnte sie jetzt und für alle Zeit sein Schweigen wieder haben! Sein Schweigen, das einem drohenden Grabmal geglichen, aufgerichtet über einer gestorbenen Liebe,. . . . In seinem Glücksrausch hatte er auch das Grabmal mißachtet, hatte es weggefegt, daß nichts ihm den stolzesten Tag mit alten Erinnerungen stören sollte An diesem stolzesten Tag hatte er nicht nur verziehen, sondern auch vergessen, vergessen, was die Tilla von einst ihm gewesen. Nichts mehr würde sie in allen künftigen Tagen für ihn sein als eine Repräsentantin – ein Publikum – ein Zeitvertreib –

Zwei kleine Tränen liefen heiß und langsam über Tillas Wangen. Sie brannten schmerzlicher als alle leidenschaftlichen und zornigen, die sie in zehn Jahren des Schweigens vergossen hatte. –