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Carry Brachvogel - Tragödie aus der Sommerfrische

Novelle

Carry Brachvogel, Neue Frauen, Aus: Komödianten, Verlag von J. Engelhorns Nachfolger, Stuttgart, 1911, S. 138ff.


Zwei junge Menschen kamen den sanft ansteigenden Waldpfad heraufgeschritten. Die süße Herbheit des allerersten Lebenslenzes lag noch über ihnen. Er, ein hochaufgeschossener, schlanker Bursche, kaum der Kadettenschule entwachsen, mit einem scharfen, weißen Gesicht und feinem Blondhaar. Sie sechzehnjährig, üppig, fast gar zu üppig für ihre Jahre, mit einem frischen, roten Gesicht, blondem Hängezopf und auffallend großen Füßen . . . Sie schien hinausgewachsen aus ihrem kindlich gemachten blauen Kattunkleid, dessen breiter Matrosenkragen den weißen, jungen Hals offen sehen ließ.

Wie sie mit ihm dahinging, kam sie sich sehr wichtig vor. Und er sich auch. Seit einigen Wochen schon holte er sie Tag für Tag zu diesem Morgenspaziergang ab, während ihre Familien auf der Terrasse des »Waldhofs« endlos weiter frühstückten. Lächelnd ließen sie die Jungen gewähren. Auf dem Lande legen manche Damen das Korsett und manche Familien die Konvention beiseite . . .

Er war der Erste, der ihr huldigte, der Erste und Einzige, der sie als Weltdame nahm. Sie betete ihn an. Und sie wiederum, sie war, wenn auch nicht das erste Weib, so doch die erste Dame, die in sein Leben trat. Sie behandelte ihn als Mann und nicht als Halbwüchsigen, wie es die andern lachend oder lehrhaft taten. Natürlich liebte er sie. Denn die erste Dame in eines Mannes Leben wird von ihm ganz ebenso überschätzt, wie er die spätere unterschätzt . . . Und sie waren beide jung und frisch und lenzesfroh . . .

Auf einer von Buchen überwölkten Bank, hart am Pfadrande, saß eine Frau und sah ihnen nach. Seit Tagen schon saß sie jeden Morgen da. Seit Tagen schon gingen ihre Augen halb erstaunt, halb spöttisch den beiden nach, die sie gar nicht beachteten.

Das Alter dieser Frau ließ sich nicht leicht bestimmen. Sie war nicht mehr jung und noch nicht alt. Eine ganz schlanke, zerbrechliche Gestalt, die zu versinken schien in einer Flut von weißem Musselin und weißen Spitzen. Ein ganz blasses, etwas müdes Gesicht mit schweren, dunklen Scheiteln und traurigen Augen. Sie kreuzte die Füße, so daß man ihre hellen Schuhe sah. Neben ihr auf der Bank lag ein weißer Musselinhut mit rotem Mohn. Der Morgenwind spielte in ihren Haaren; er wehte da und dort schon einen Silberfaden auf. Das wußte sie. Sie versuchte, die Scheitel wieder zu glätten. Ganz weiße, blutlose Hände waren es, die auf den dunklen Haaren lagen. Mit ihren Diamantringen um die Wette schimmerten die rosigen Nagel ihrer überschlanken Finger. Auf ihren Knieen lag ein aufgeschlagenes Buch, ein duftendes Spitzentüchlein daneben. Sie drückte es an die Lippen, wie sie den beiden nachsah. Dann las sie eifrig weiter. Als die zwei nach ungefähr einer Stunde zurückkamen, heftete sie einen langen Blick auf den jungen Mann; auf ihn ganz allein – – –

Er erwiderte diesen Blick mit gleichgültiger Kühle. Für seine zwanzig Sommer war's ja eine alte Frau, die da saß! Sie verstand seinen Blick, doch er verletzte sie nicht. Seit Tagen schon sahen sie sich so an. Sie neugierig, er kühl. Jetzt wandte er den Kopf wieder zu seiner jungen Gefährtin und sprach eifrig auf sie ein. Sie antwortete laut, ein klein wenig von oben herab. Sie wollte der Dame dort zeigen, wie nachlässig sie seine Huldigungen entgegennahm . . .

Der Frau war des Mädchens Triumphmiene nicht entgangen. Ein leises, ein ganz leises Lächeln spielte um ihre Lippen. Unwillkürlich glitt ihre Hand in die Tasche ihres Kleides. Sie holte ein paar Briefe hervor. Der eine war mit großzügigen Buchstaben bedeckt, der andre wies eine kleine Kritzelschrift. Der eine war vor vierzehn Tagen gekommen, der andre vorgestern. Mechanisch überlas sie beide. In dem einen hieß es: »So muß ich Ihnen bis ans Ende meiner Tage ergeben bleiben.« Und in dem andern: »Jede andre Frau kann nur eine oder zwei Saiten in unserm Herzen anschlagen, Sie aber, Frau Mary, Sie spielen auf hundert zugleich . . .«

Die Namen, welche unter diesen Bekenntnissen standen, hatten in ganz Deutschland einen guten Klang. Befriedigt steckte die eitle Frau die Briefe wieder ein. Sie wußte sie fast auswendig. Zerlesen und zerknittert waren sie, denn sie liebte es, stets einen solchen Brief nachts unter ihrem Kopfkissen zu haben . . . Mit solchen Dokumenten in der Tasche konnte man sich's wohl noch ein Weilchen gefallen lassen, daß einen ein Fähnrich übersah . . .

So vertiefte sie sich wieder in ihr Buch.

Am nächsten Morgen saß sie wieder da, das Buch auf den Knieen. Sie dachte nach. Sie dachte an jene Zeit, da sie selbst neben einem jungen Manne einhergegangen war, ganz ebenso wie das Mädchen jetzt. Waren wirklich erst fünfzehn Jahre seitdem verflossen? Erst fünfzehn Jahre, daß auch sie im verwaschenen Kleide, mit hochroten Wangen und klopfendem Herzen so daherschritt? Die ganze Zeit lag ihr so fern, war ihr so sehr aus dem Gedächtnis geschwunden, daß sie geglaubt hätte, ein halbes Jahrhundert müsse verflossen sein seit jenen Tagen.

Da kamen die zwei auch schon wieder den Weg heran. Er die Arme in die Seiten eingestemmt, altklug redend; sie halb trotzig, halb selig, Jungfräulein und Dame zugleich . . .

Während sie vorübergingen, hustete Frau Mary ein wenig in ihr Tüchlein, und später, als sie heimkehrten, hustete sie ein wenig stärker, schloß dann wie erschöpft die Augen und fuhr sich breit mit der ganzen Handfläche über die Stirn. Sie hatte die Bernhardt, die Duse und Prevosti husten sehen – kein Wunder also, daß sie es verstand. Zum Schlusse glitt das Tüchlein ganz unvermerkt nieder auf den braunen, tannennadelnbestreuten Pfad, gerade vor die Füße des jungen Mannes hin –

Er bückte sich und hob es auf.

»Ich danke Ihnen.«

Sie sprach ganz kurz, stoßweise . . . als wäre sie erschöpft. Sie legte das Tuch neben sich und nickte ihm noch einmal zu. Nicht freundlich – nur gnädig. Mehr wollte sie für heute nicht. Er machte einen großen Sprungschritt, um nur ja schnell wieder bei dem jungen Mädchen zu sein, das langsam vorangegangen war, während er sich verzögert hatte – –

Von da an grüßten sie sich. Zuerst fremd, dann bekannter, dann mit einem Lächeln. Das kleine Fräulein schritt zuerst steifnackig vorüber, mit jener instinktiven Feindseligkeit im Blick, die junge Mädchen für verwöhnte Frauen empfinden. Bald aber ging es nicht anders mehr – sie mußte mitgrüßen. Es hätte sonst gar zu unartig ausgesehen.

Dann kamen einige Tage Regenwetter und man traf sich nicht. Denn Frau Mary wohnte nicht im »Waldhof«, sondern suchte ihn nur bei besonderen Gelegenheiten auf. Besondere Gelegenheiten waren, neben Militärkonzerten, nur noch Paprikahühner und Schnürkrapfen, für welche Frau Mary schwärmte, und die von der Köchin des Waldhofes in unvergleichlicher Güte und Schöne bereitet wurden.

Als die Sonne endlich wieder mit einem Rekonvaleszentenlächeln vorlugte, stieg sie wieder den schmalen Pfad hinan.

Die jungen Leute gingen ein Stückchen vor ihr her, ohne sie zu bemerken. Mit einem geschickten Griff hob sie ihr weißes Musselinkleid ein wenig in die Höhe. Ein ganz klein wenig nur – gerade nur so viel, daß man die duftige Spitzenrüsche sah, die es von innen besäumte, und ein Stückchen ihrer durchbrochenen schwarzen Strümpfe. Mit einem zweiten Griff zog sie es eng um die Kniee. So schritt sie seidenknisternd an ihnen vorüber, ohne ihnen Gelegenheit zum Gruße zu geben. Erst als sie auf der Bank saß, nickte sie ihnen freundlich zu, wie immer. Er aber schien heute anders denn sonst. Er sprach weniger mit seiner Gefährtin und sein Blick ging mit seltsamem Ausdruck über Frau Mary hin . . . Das Seidengeknister rauschte ihm noch in den Ohren – –

Ein paar Tage später trafen sie sich in der Gschneidermühle, einem beliebten Ausflugsort, der sich in mäßiger Höhe über einer waldumspannten Talschlucht erhob. Er war mit der kleinen Ida gekommen im Doppelkreis der Familien; Frau Mary war allein. Sie trug ein schwarzes Tüllkeid, ganz hoch am Halse geschlossen, und einen großen schwarzen Tüllhut. An ihrer Brust schwankten ein paar Mohnblumen, die sie im Gehen gepflückt hatte.

Sie sah dem scheidenden Tage nach. Ein prächtiger Sonnenuntergang war's, ein Kampf von Violett, Orangegelb und Feuerrot In letzter bebender Glut erschimmernd, riß sich der Himmel aus den Armen des rasenden Sonnenkolosses – –

Frau Mary sah mit weitgeöffneten Augen gerade hinein. Sie fühlte, daß Viktor neben ihr stand und sie betrachtete. Wie alle feinorganisierten Herzlosen war sie Stimmungen sehr zugänglich. Der Sonnenuntergang stimmte sie weich und nachdenklich. Mancherlei aus ihrem Leben fiel ihr dabei ein. Deutlich malte es sich auf ihrem Gesicht. Sie sah verblühter aus als sonst, doch in ihren Augen schimmerte und lockte ein rätselhaftes Etwas . . .

Viktor konnte den Blick nicht mehr von ihr wenden, wie sie dastand in ihrem schwarzen Kleide von Sonnengold umflossen. Er sah ihr zerwühltes Gesicht, ihren leidenschaftlichen Mund, das Lockende, Schimmernde in ihren Augen . . . Qualvolle Wonne war's, zu ahnen, daß diese Frau alle Zeichen jenes Buches kannte, das für ihn noch mit sieben Siegeln verschlossen lag. . . . Und ein wahnsinniges Verlangen peitschte seine zwanzig Jahre auf, dieses verblaßte Gesicht zu küssen, in diesen dunklen Haaren zu wühlen, die halbverblühten Mohnblumen in einer einzigen Umschlingung zu entblättern.

Es war nur ein Augenblick, der verflog, so wie er gekommen war. Ein paar Minuten nachher stand er schon wieder neben dem jungen Mädchen und redete mit glänzenden Augen auf sie ein. Es war keine Komödie, die er sich oder andern vorspielte. Er fühlte sich mit einem Male so leicht, so stark, so froh  . . . und doch hätte ein einziges Wort der blassen Frau genügt, um ihn weinend zu ihren Füßen sinken zu lassen.

Sie brach viel früher auf, als er mit seiner Gesellschaft. Sie dankte seinem Abschiedsgruß mit einem Ausdruck, den er nie zuvor an ihr gesehen. Als sie gegangen war, drängte auch er zum Heimweg. Er fror, und die Natur schien ihm tot. –

Sie sahen sich jeden Morgen bei der Bank. Jetzt spähte er schon immer von ganz unten herauf, ob er den weißen Fleck auch leuchten sähe. Er gab sich Mühe, seine Blicke zu bezähmen. Aber Frau Marys kurzsichtige Augen sahen zuweilen scharf. Sie lächelte. Und je ungeduldiger er suchte, um so feindseliger blitzten die Augen des jungen Mädchens. Auch das sah Frau Mary. Und sie lächelte wieder. Meist schaute sie ganz fest in ihr Buch hinein. Sie merkte aber dennoch, wie der junge Mann unruhig wurde, sobald er an der Bank vorbei war, wie er einen Vorwand suchte, um noch einmal zurückzuschauen . . .

Eines Tages kam er allein. Die Kleine hatte nicht mitgehen wollen. Sie fühlte, daß er ihr entglitt. Da versuchte sie das armselige Mädchenkunststück des Trotzes.

Das Herz schlug ihm gewaltig, als er sich der Bank näherte. Er grüßte linkischer denn sonst. Er meinte, sie solle ihn auffordern, sich zu ihr zu setzen. Das fiel ihr natürlich nicht ein. Doch als er vorüber war, ließ sie ihr Buch sinken und sah ihm nach. Unwillkürlich wandte er den Kopf – da begegneten sich ihre Blicke. Er wurde feuerrot, wußte nicht recht, was tun  . . . sie aber hielt seinen Blick aus, ruhig, lächelnd, selbstverständlich – – Wie im Rausch setzte er seinen Weg fort.

Am nächsten Morgen kam er wieder allein. Heute war er's, der getrotzt hatte. Er kam ihm ja so gelegen, dieser Trotz! Dennoch bangte ihm. Würde sie ihn auch heute nicht ansprechen? Vielleicht niemals? Alles in ihm zitterte bei diesem Gedanken.

Wie er an die Bank kam, war sie leer. Ein gewaltiger Schreck erfaßte ihn. War sie am Ende krank? Oder abgereist? Er fühlte, daß es Nacht wurde um ihn her. . . . Aber nein, da auf der Bank lag ja ihr Buch! Und weiter oben, auf dem sanft ansteigenden Pfade, der sich im dichten Walde verlor, da schwebte es wie eine geliebte weiße Wolke . . .

Die Kniee wankten ihm. Er mußte sich setzen. Nun hielt er ihr Buch in Händen. Ihr, ihr Buch! Er blätterte darin herum, aber er war viel zu aufgeregt, um zu lesen. Nur einzelne Worte faßte er. Es war ein Buch, heiß und schwül, wie eine Julinacht und Leidenschaft wehte darüber hin – –

Ob er ihr nach sollte? Ihr das Buch geben? Ob er wartete bis morgen, bis sie wieder auf der Bank saß? Nein, nein . . .! Ganz im fernen Osten ballten sich schon wieder blaugraue Wolken. Bis morgen konnte es regnen, konnte sie abreisen – – Der Gedanke an die Abreise lähmte ihn völlig. Abreisen, gehen für immer, immer, ohne daß er es nur ahnte, ahnen konnte . . .!Fortfahren mit einem Zug, dessen Pfiff er hörte, den er gleichgültig davonbrausen sah, ohne zu wissen, wen er entführte . . .!

Er eilte ihr nach. Tief im Walde saß sie auf einer moosigen Bank, in einem Gewirr alter Buchen, die fußhoch in rotraschelndem Laub wurzelten. »Elfenhain« nannte der Volksmund den Platz, weil er spukhaft und dämmerig war, als schliefe hier das Mittagsgespenst . . .

Sie blickte nach der andern Seite hin, hatte ihn aber kommen sehen von weit her. . . . Dennoch fuhr sie schreckhaft zusammen, als er jetzt vor ihr stand. Ihm schlug das Herz bis zum Halse hinauf. Seine Stimme bebte. Er wußte kaum, was er sprach.

»Gnädige Frau – Verzeihung – Kühnheit – gnädige Frau haben das Buch vergessen –«

Sie war grenzenlos erstaunt.

»Vergessen? Wirklich! Ja, wie ist denn das nur möglich? Ich vermißte es noch gar nicht. O, ich danke Ihnen, danke Ihnen sehr.«

Sie hätte ihm ebensogut sagen können: »Betrachten Sie sich als geohrfeigt!« er hätte es nicht zu unterscheiden vermocht. Nicht ihre Worte hörte er – nur ihre Stimme. Eine ganz kleine, weiche, etwas müde Stimme  . . . dreier Jahre Arbeit und Selbstkritik hatte es bedurft, um dem von Natur aus spröden, hellen Organ jene verschleierte Weichheit zu geben. . . . Ohne daß einer es merkte, freute sich Frau Mary selbst über die wohllautenden Kadenzen, die sie endlich sprechen gelernt.

Er stand immer noch mit dem Buche da. Er wollte es auf die Bank legen. Sie streckte die Hand danach aus.

»Bitte, geben Sie!«

Dabei streiften ihre Finger ganz leise die seinen. Alles Blut schoß ihm ins Gesicht bei dieser Berührung.

Unschlüssig stand er da. Das Buch war abgeliefert. Eigentlich mußte er nun weitergehen. Er hatte ja gar keinen Vorwand, um zu bleiben . . . Freundlich sah sie ihn an. Seine Befangenheit amüsierte sie. Dann rückte sie ein wenig beiseite.

»Wollen Sie nicht einen Augenblick ausruhen? Es ist so schön und still hier.«

Etwa eine halbe Stunde saß er bei ihr. Was sie sprachen – er wußte es nicht. Er hörte nur immer ihre einschmeichelnd müde Stimme, sah ihr leidenschaftliches Gesicht, fühlte den köstlichen Duft, der von ihren Haaren, von ihren Kleidern, von ihrer weißen Haut aufzusteigen schien . . .

Kurz, ehe sie sich zum Gehen anschickte: »Wo ist das reizende Mädchen, mit dem Sie immer spazieren gingen? Ist sie schon abgereist?«

Er wurde rot, stotterte . . .

Sie kniff die Augen ein wenig zu, wie die Kurzsichtigen tun, und blickte ihn von der Seite her an. Sie hob ein kleines Tannenreis vom Boden, schlug lässig damit gegen die Spitze ihres Schuhes: »Sie sind noch so jung! Und doch schon ein echter Mann – so schnell des holden Wunders müde, daß ein Weib Ihnen zugetan?«

»Aber gnädige Frau, wo denken Sie hin?!«

Wie eine Schande wehrte er es ab. Nein, nein, das Mädchen dachte nicht an ihn! Sicher nicht . . .!

»Leugnen Sie doch nicht! Ich sah Sie doch jeden Morgen –«

Er protestierte noch eifriger. Es verdroß ihn, daß sie an eine Neigung für jene andre glaubte. Naiv wie ein Kind und eingebildet wie ein Mann, fürchtete er, daß sie am Ende eifersüchtig werden könnte – –

Sie hörte ihm ruhig zu. Dann verabschiedete sie sich, um für mittags Toilette zu machen. Sie sagte nur: »Auf Wiedersehen!«

Aber sie wußten beide, daß es »auf morgen« hieß.

Sie kam viel später als er. Sie sah hübsch und glücklich aus. Die Zeit der großen Leidenschaften lag hinter ihr. Des war sie froh, denn sie fand, daß sie den Schlaf rauben, Laune und Teint verderben. Sie ging solchen Lavaströmen vorsichtig aus dem Wege. Aber sich von der jungen Liebe eines andern vorteilhaft beleuchtet zu wissen, das sagte ihr sehr zu. Ein wenig Bewegung  . . . ja! Aber nur um Gottes willen keinen Tumult, ja nicht einmal eine Schererei – – Viktor entsprach ihr sehr. Er liebte sie, er machte keine Ungelegenheiten . . . seine Neigung umbreitete sie wie ein seidener Mantel.

Er hatte sie in nervöser Ungeduld erwartet. In aller Frühe war er schon zum Gärtner gestürzt und hatte sich Rosen abschneiden lassen, Rosen, auf denen tauige Wassertropfen glitzerten. Mit einigen ungewandten Worten überreichte er sie ihr. Sie schien hocherfreut.

»Wie aufmerksam Sie sind! Ich danke Ihnen viel-, vielmals!«

Sie streckte ihm die Hand mit einer Geste hin, die den Kuß befahl. Ihre Hand trug denselben Ausdruck wie ihr Gesicht. Er küßte diese Hand respektvoll. Nie hätte er zu einem innigeren Kuß den Mut gefunden. Entzückten Blickes betrachtete sie die Rosen, sog ihren Duft ein. Sie führte sie an die Lippen und schlürfte vorsichtig den duftenden Tau ab, der in ihren Kelchen funkelte. Er sah dem Spiel zu. In ihm stürmte es . . . doch zu sagen wußte er nichts.

Zuerst interessierte sie seine Unbeholfenheit. Bald aber gestand sie sich ein, daß dieser Flirt beinahe einer Strapaze glich. Viktor war ganz ungeübt und ungeschickt in der Kunst zu plaudern, eine Kunst, die in Frau Marys Haus zu höchster Blüte gediehen war. Mitunter wurde sie nervös und ärgerlich. Mein Gott, schließlich war sie doch kein Backfisch mehr, der nur immerfort verblümt-ungeschickte Erklärungen hören will! Im Prinzip hatte sie ja gar nichts einzuwenden gegen solche Erklärungen, aber man bot sie ihr sonst und anderswo in reizvollerer Hülle dar. Doch wenn sie ihn dann ansah, wurde sie wieder gut. Es war gar zu rührend, wie er mit feuerrotem Kopf dasaß, die hübschen Augen unablässig auf sie gerichtet. . . . Und in diesen Augen stand immerfort: »Ich liebe dich, ich liebe dich!«

Gar zu gern hätte er sie auch auf ihren Nachmittagsspaziergängen begleitet. Aber das gestattete sie nicht.

»Die Leute würden darüber reden,« meinte sie mit einem ganz züchtigen Erröten. Bei sich jedoch dachte sie: »O nein! Ihn noch mehr um mich zu haben, würde mich tödlich langweilen!« –

Um die kleine Ida kümmerte er sich gar nicht mehr. Zuerst hatte sie geweint. Dann setzte sie ihren Kopf auf und ging allein spazieren. Ein Stich ging ihr durchs Herz, als sie die beiden beisammen sah. Er grüßte natürlich, Frau Mary nickte mit gönnerhafter Freundlichkeit . . . die Kleine dankte hochmütig, aber ihre Kinderblicke verschlangen die Rivalin. Und sie verstand ihn immer weniger. Das war ja doch eine ganz alte Frau, mit ergrauendem Haar, mit tiefen Linien im Gesicht, mager und hinfällig Tränen liefen über ihre frischen Wangen, während sie tapfer weiter schritt.

Sie sahen ihr nach. Dann begegneten sich ihre Blicke. Sie verstanden sich.

»Sie ist unglücklich,« sagte Frau Mary leise.

»Nein, nein!«

»Ja, ja.«

»Nun, und selbst wenn? Kann ich dafür?«

»Natürlich können Sie dafür.«

»So! . . . ich . . . ich  . . .«

Er brach ab.

»Gehen Sie ihr doch nach!«

»Nein!«

»Aber warum nicht?«

Sie erschrak vor dem Blick, der sie jetzt traf. Das war kein seidener Mantel mehr, sondern eine purpurne Flamme. . . . Es wurde ihr unbehaglich.

Sie drang nicht weiter in ihn. Doch gerade ihr Schweigen reizte ihn.

»Wissen Sie auch, warum ich ihr nicht nachgehe?

Weh und drohend zugleich klang seine Stimme. Sie stand auf.

»Ich will es nicht wissen.«

Sie wandte sich zum Gehen. Er aber vertrat ihr den Weg. Sein Gesicht war verstört, seine Augen erhitzt. Seine Blicke verschlangen jede ihrer Bewegungen. Erschreckt starrte sie ihn an. Und der Hochmut erwachte in ihr, der Hochmut der Dame, die umworben, erobert, nicht aber genommen werden will . . .

»Lassen Sie mich gehen!« sagte sie kalt.

Er hörte sie gar nicht. Er packte ihre Hände und riß sie an sich. Der Traum, den seine zwanzig Jahre seit Wochen träumten, wurde Wahrheit: er wühlte in ihren Haaren, er bedeckte ihr blasses Gesicht mit Küssen, in seiner Umschlingung entblätterten die Rosen, die an ihrer Brust schwankten – –

Einen Augenblick lag sie ihm wie besinnungslos in den Armen. Dann riß sie sich los. Ohne den Kopf auch nur noch einmal zu wenden, eilte sie ihrer Wohnung zu. Sie sah erhitzt aus, die Haare in Unordnung, die Spitze des einen Ärmels zerrissen, der linke Handschuh verloren. . . . Sie atmete rasch und tief. Sie war sehr ärgerlich. Ganz ärgerlich klang auch der Glockenton, der die Jungfer herbeirief.

»Gnädige Frau befehlen?«

»Dunkel machen im Schlafzimmer – ich muß Ruhe haben! Ich komme nicht zur Table d'hote.«

Die Jungfer streifte ihre Herrin mit einem einzigen Blick und verstand. Sie hatte immer in vornehmen Häusern gedient. Sie wußte also ganz gut, was es bedeutete, wenn die Damen das Schlafzimmer verdunkelt haben wollten und nicht zur Table d'hote gingen . . .

»Sonst befehlen gnädige Frau nichts?«

»Ich bin für niemand zu Hause! Hören Sie, für gar niemand!«

»Jawohl, gnädige Frau!« Das Mädchen wartete immer noch. Frau Mary zögerte.

»Und hier . . . hier ist die Spitze los!«

»Ich werde sofort den Schlafrock bringen.«

Als das Mädchen schon auf der Schwelle stand: »Packen Sie die Koffer! Wir reisen heute abend!«

Die Jungfer lächelte schier unmerklich.

»Welches Kleid soll ich für gnädige Frau zu Mittag bringen? Gnädige Frau gehen doch wohl in den ›Waldhof‹? Die Kellnerin sagte mir vorhin, als ich dort war, sie hätten heute Paprikahühner und wahrscheinlich auch Schnürkrapfen.«

»Es ist gut! Packen Sie nur gleich!«

Sie war außer sich. Dies tölpelhafte Ungestüm, mit dem er das zarte Idyll zerstört . . .! Roh, wie nur ein Mann, wie nur ein Zwanzigjähriger zerstören kann. . . . Ah, es geschah ihr gerade recht! Wer hieß sie, sich der Gefahr nähern?! Sie kannte die Liebe doch genügend, – wozu sie noch einmal in der Nähe besehen? Diese dumme, altmodische Liebe, die immer nur Opfer fordert, heute ein Herz, morgen eine Existenz, übermorgen Paprikahühner und Schnürkrapfen!

Sie war wütend. Jetzt konnte sie doch nicht zum Essen in den ›Waldhof‹ gehen! Und abreisen mußte – nein, wollte sie auch. Noch mehr Liebesszenen? Gräßlich! Oder ein Toggenburg? Noch gräßlicher! Oder ein wutschnaubender Verschmähter? Am allergräßlichsten! Nein, nein, nur fort . . .! Sie war ja aufs Land gegangen, um ihre Ruhe zu haben, sich zu erholen . . . nicht aber um geliebt zu werden!

Sie weinte, als wäre ihr das bitterste Unrecht widerfahren. Als sie genug geweint hatte, ließ sie sich auskleiden, zu Bett bringen und nahm ein Brausepulver. Fest und traumlos schlief sie mehrere Stunden lang. Dann stand sie auf und schrieb zwei Briefe, die ganz gleich lauteten:


»Mein Freund!

Ich kehre morgen zurück. Das Pech, das mich überall verfolgt, hat mich auch hier nicht zur Ruhe kommen lassen. Ich muß heim zu meinen Freunden . . . fragen Sie nicht – aber erwarten Sie mich! Ich brenne auch vor Neugier, Ihr letztes Werk kennen zu lernen; Sie versprachen mir, es während meiner Abwesenheit zu vollenden.

Die Ihre.

Mary.«


Sie adressierte. Der erste Brief ging zu dem Manne, der ihr bis ans Ende seiner Tage ergeben bleiben mußte. Der zweite an jenen, in dessen Herzen sie auf hundert Saiten zugleich spielte. . . .

Sie war ernst gestimmt. Sie gedachte der entschwundenen Paprikahühner ohne Groll. Resigniert ging sie in den Speisesaal hinunter und ließ sich ein Beefsteak braten. Sie konnte es aber nicht einmal ganz aufessen. Als sie wieder auf ihr Zimmer kam, lag ein Brief da, ein wirrer, aufgeregter Brief voll wahnsinniger Beteuerungen und Abbitten . . . . Außerdem enthielt er noch zwei Orthographiefehler . . .

Die kleine Ida hätte um solchen Brief Jahre ihres jungen Lebens hergegeben. Frau Mary wog ihn zerstreut in der Hand. Schade, daß er nicht früher gekommen war! Man hätte ihn so gut »zufällig« mit einem der beiden andern dort vertauschen können! Zwar das ging immer noch . . . aber die hübschen Lilakuverts taten ihr leid und die Briefmarken. . . . Ach, und vielleicht hätte es dann zu Hause auch gleich wieder Aufregungen gegeben! Nein, nein, sie bedurfte der Ruhe, der absolutesten Ruhe – –!

. . . Viktor war unterdessen ein paar Stunden lang wie ein Irrsinniger im Walde umhergeirrt. Dann hatte er den Brief geschrieben. Als er ihn fortgeschickt hatte, fand er sich zu jener eisernen Entschlossenheit zurück, die dem Manne zukommt und den Jüngling ziert. – Schauer wahnsinnigen Glücks jagten ihm durch die Adern, wenn er des Moments gedachte, da er sie umfangen . . . Nun wollte er sich aber auch als Mann erproben. Er wollte arbeiten, fieberhaft arbeiten, um sie für immer zu besitzen. In zwei Jahren konnte er Leutnant sein. Ein Leutnant kann sehr gut heiraten, wenn er einen reichen Vater hat. . . . Weigerte der Vater seine Einwilligung, so warteten sie eben bis zum Hauptmann. Aber so weit würde es gar nicht kommen. Vielleicht ging er in die Türkei, wo die deutschen Offiziere gesucht sind und Karriere machen, vielleicht zur Schutztruppe, vielleicht schloß er sich einer Expedition an . . . jedenfalls würde er etwas Großes, etwas Niedagewesenes tun für sie – durch sie. –

Die kleine Ida saß in ihrem Stübchen und weinte herzzerbrechend, aber vorsichtig, denn Mama hielt im Nebenzimmer Siesta. Dieser erdrückende Zwang im Verein mit Viktors Abfall gebar selbstverständlich die düstersten Gedanken. Sie wußte nur noch nicht recht, ob sie dies verhaßte Leben in den Hechtsee werfen sollte oder ihm mittels Cyankali ein gewaltsames Ende bereiten – – –

Frau Mary saß bereits im Coupé. Zehn Minuten noch bis zur Abfahrt. Zehn Minuten – eine Ewigkeit, wenn man wartet. Und Frau Mary wartete, nervös, aufgeregt. Alle Augenblicke sah sie nach der Uhr, zupfte an ihrem Schleier, knöpfte die Handschuhe auf und dann wieder zu . . . Sie spähte den Bahnsteig entlang. Wo die Jungfer nur blieb? Sie könnte längst zurück sein . . . längst . . . Daß es ihr selbst aber auch nicht früher eingefallen war! Nun war es vielleicht zu spät! Zu spät! Ein böses Wort . . . sie sah enttäuscht aus. Noch fünf Minuten . . . und das Mädchen kam nicht und kam nicht. . . . Doch endlich! Da unten, am Eingang des Bahnhofs, tauchte ihr blaues Kleid auf . . . sie lief atemlos. Ungeduldig streckte ihr Frau Mary die Hand entgegen: »Nun?«

»Hier, gnädige Frau! Und viele, viele Grüße an die gnädige Frau! Und gnädige Frau sollen ja den ›Waldhof‹ nicht vergessen!«

Das Mädchen reichte ihr einen Brief. Dann hatte es gerade noch Zeit, in sein Coupé dritter Klasse zu springen.

Als der Zug sich langsam in Bewegung setzte, riß Frau Mary den Brief auf. Den Kopf des Bogens zierte eine geschmeichelte Photographie des Hotels »Waldhof«. Dicht darunter standen mit lila Tinte geschrieben eckige Buchstaben in langen Reihen . . .

Entzückten Lächelns las Frau Mary die ungeübte Köchinnen-Schrift: »Rehzebt zu Babbrikahühner«.