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Georg Busse-Palma – Die singende Sünde

Neue Gedichte

Georg Busse-Palma, Die singende Sünde, Neue Gedichte, Albert Langen Verlag für Litteratur und Kunst, München, o. J.

Meiner kleinen Lotte

in treuer Liebe

               Alles, was Liebe heißt,
               Durchglutet mich.
               Liebe, die aufwärts weist,
               Liebe, die abwärts reißt,
               Alles, was Liebe heißt,
               Fühl' ich für dich!



Des Lebens Bücher



Des Lebens Bücher

Des Lebens Bücher hält das Schenkelpaar
Breitbrüst'ger Sphinxe brünstig fest umfangen.
Erst mit den Schenkeln öffnen sich die Spangen
Und brauner Blätter krause Runenschar,
Die nie enträtselt menschliches Bemühn,
Starrt uns entgegen zwischen heißen Knien.

Nur das erkennt der Blick, der tief umtrübt
Und wirr vom Dunst der geilgespreizten Hüften:
Gesetz der Zeugung ist der Kern der Schriften,
Und Menschen zeuge, wer die Menschheit liebt!
Erhaltung heißt der Fürst, der es gebot,
Und mit den Zähnen knirscht sein Erbfeind Tod.

Der Römerheld, der in den Abgrund sprang,
Für spätres Blühn die junge Stadt zu retten,
Tat nur bewußt, was in die Hochzeitsbetten
Uns unbewußt in heißer Sehnsucht zwang.
Rom gab sein Bestes hin, und Rom ward groß.
Werd' schwach beim Weib, und Kraft gebiert sein Schoß!

Doch wozu ist es, daß es nie zerstiebt,
Dies flücht'ge Volk, das vom erreichten Schönen
Doch stets herabsinkt und den spätsten Söhnen
Die ältsten Ziele neu zu stürmen giebt?!
Gilt's, alte Schönheit ewig neu zu baun
Und ewig gleich die gleiche Welt zu schaun?

Geht über Erdenschönheit nichts hinaus?
Muß Jüngstverblühtes nur die Erde düngen,
Um Altverwelktes wieder zu verjüngen?
Gräbt ein Jahrtausend nur das andre aus,
Daß es aufs neue seinen Lauf beginnt,
Ein Ahn, erzeugt von seinem eignen Kind?!

Muß sich die Menschheit stets im Kreise drehn,
Ein Harlekin auf rundem Absatzleder,
Der sich bemüht, das Bunt des Kleids von jeder
Besondren Seit' stets neu im Licht zu sehn?
Ist eines Pfauenschwanzes Radschlagkunst
Der Zweck der ew'gen, nie gestillten Brunst?

Im Buch des Lebens las ich oft und lang
Und schrie zur Sphinx: Ach deut' mir seine Zeichen!
Die aber schwieg und dampfte aus den Weichen
Nur Wollust aus, bis ich in Schwachheit sank.
Dann sprach ihr Mund: Wozu das Fragen, Kind?
Sieh meine Töchter, wie sie lieblich sind! –



Der Unbekannten



Der Unbekannten

Müd' und traurig macht das Wandern,
Morgen so wie heut allein!
Rasten wollt' ich wie die andern,
Aber ach, es kann nicht sein!
Denn in stillen Winternächten
Hört ich bang und dennoch froh:
Lippen, die dich küssen möchten,
Warten deiner irgendwo!

Seit der Stunde, die es sagte,
Ach, verwirrt ist mein Gefühl!
Und die Sehnsucht, die es klagte,
Ward mein neues Reiseziel.
Wie ein Schwan die Flügel dehnend
Dem Genossen sich gesellt,
Drängt mein Sehnen, dich ersehnend,
Dich nur suchend durch die Welt!

Ach, wo werde ich dich finden,
Die mein Sehnen sucht und preist!?
Weggefährtin meiner Sünden,
Fluggefährtin meinem Geist!
Das nur sättigt mein Begehren,
Das noch nie gesättigt ist,
Kann ich auch die Göttin ehren
In der Dirne, die mich küßt! – –



So mußt du sein ..

Jung mußt du sein .. an fünfzehn Jahr vielleicht.
Mit langem Haar, das ledig seiner Spangen
Sich um dich schmiegt und bis zum Knöchel reicht,
Als wär's ein Mantel, den du umgehangen!

Und diesen Mantel weich und welligbraun,
Den müßten atmend weiße Hügel heben
Und drüberher zwei dunkle Augen schaun,
Die Freund dem Traum nur und noch fremd dem Leben.

So möcht' ich dich und möcht' dich an mich ziehn
Und brennend küssen in verschwiegnen Nächten.
Den heißen Mund auf deinen kühlen Knien
Und rings um mich das Dunkel deiner Flechten.

Durch jede Sünde mußt du mit mir gehn,
Doch wenn der Stunden Leidenschaft verglühte,
Mir keusch und lächelnd auch ins Antlitz sehn
Und mir verzeihn in großer Kindergüte ..

So mußt du sein, die ich mir freien möcht'!
Geb's Gott, ich find' dich noch in frühen Tagen.
Denn früh schon altern die von Faust's Geschlecht,
Die so wie ich zwei Seelen in sich tragen! ..



Aufforderung

Nun kam der Lenz, der Flügelspreiter
Der Sehnsucht, wieder in das Land.
Ach meine Sehnsucht ist nichts weiter
Als Liebe, die ihr Nest nicht fand.

Viel tausend Rosen seh ich blühen,
Und alle Gärten stehn in Pracht.
Wo aber wird das Haupt erglühen,
Das meine Unrast ruhig macht?

Ein Herz zum Nisten sucht mein Sehnen,
Dann will es stäte Liebe sein –
Die Arme auf, ihr holden Schönen,
Und fangt das gern gefangne ein! – –



Im Garten

Schelmisches Mädchengelächter
Klang im Herzen mir nach.
Sang als weckender Wächter
Stürmische Sehnsucht wach!

Hab' mich an Liebes gedenkend
Gleich nach Rosen gebückt –
Traurig das Sträußchen nun senkend,
Da ich es freudig gepflückt.

Unnütz brach ich das beste,
Was am Stengel nur stand.
Von der Hecke die Gäste
Zogen weiter ins Land.

Weiter sind sie getrieben,
Drosselgleich wälderwärts.
Nur der Strauß ist geblieben,
Aber wo ist mein Herz?

Habt ihr es zu euch genommen,
Die ihr so hurtig entflohn?
Rosen und Küsse bekommen
Sollt ihr als Finderlohn! – –



Lottchen


               Dies Büchlein vom verliebten Mann
               Soll, Lottchen, dich das eine lehren:
               Schwärmt jemand deine Unschuld an
               Will er sie ganz gewiß zerstören!



Mondlied

Im Lindengrün hat sich der Mond verfangen
Und sieht so aus, als ob er weinen möcht. –
Wie er im Laub, verfing sich mein Verlangen
In eines Mädchens braunem Haargeflecht.

In Lindenzweigen und in Mädchenflechten –
Wer, bleicher Bruder, löst so lieben Bann? –
Wir sehn so aus, als ob wir weinen möchten,
Der Mond und ich, und sehn uns lange an ...



Sehnsucht

Schwingen schwüler Abendwinde
Haben sie zu dir gebracht.
Meine rote Sehnsuchtssünde
Sieht dich nackend jede Nacht.

Und dann wühlen ohne Ende
Kühlung suchend sich ein Paar
Schmaler fieberheißer Hände
Ach im Traum nur! in dein Haar.

Und dann pressen halbverschmachtet
Lippen sich auf deinen Leib,
Lippen, die den Tod verachtet
Und jetzt betteln: sei mein Weib!

Aber du in keuscher Kühle
Ahnst noch nichts von solchem Schmerz.
Moulin rouge, die rote Mühle
Mahlt dich später, weißes Herz! – –



Dein Mädchenzimmer

Dein Mädchenzimmer – seltsam ist die Luft,
Halbwelk im Glas verschwült der blaue Flieder.
Darüber zieht ein andrer, feinrer Duft,
Entströmt der Fülle deiner jungen Glieder.

Es liegt dein Bett noch von der Nacht zerwühlt,
Und seine Wärme spür' ich mit den Händen –
Ach, diesen Flaum hat deine Brust gefühlt,
Hier lag dein Haupt und dorten deine Lenden!

Zerspring nicht, Herz, und klopft nicht gar so laut!
Ich werf' mich hin und deck' mit tausend Küssen
Das seel'ge Linnen, dem zur Nacht vertraut,
Was sonst der Mond nur und mein Sehnen wissen.

Mit warmen Hüllen hüllt es nachts dich ein.
Mit heißren Hüllen soll mein Kuß dich decken.
Und diese Küsse soll'n die Stimmen sein,
Die deine Seele aus der Kindheit wecken!

Wenn du zum Schlaf die Glieder rosig dehnst,
Soll ihre Glut dir jeden Schlaf verjagen,
Bis du auch glühst und dich nach Armen sehnst,
Die dich als Weib aus heißer Taufe tragen! –



Weißt du, mein Liebling ...

Weißt du, mein Liebling, was ich einmal möchte?
Ich möcht' mit dir weit in die Wälder fliehn
Und deines Haares dunkelblonde Flechte
Dort fest, ganz fest um meinen Nacken ziehn:
Daß deine Lippen, die so lieblich brennen,
Die ganze Nacht nicht von den meinen können! –



Wandlung

»Ach im Grabe möcht ich sein!«
Sang ich oft vor Zeiten.
Sieh, nun kam ein Händchen klein,
Voll von Seligkeiten.
Mitten in mein Herz hinein
Ließ es alle gleiten! –

Was mein Herz nun Sel'ges trägt,
Keimend und im Sprießen,
Sei dereinst zurückgelegt
Zu des Säters Füßen.
Was sich knospend in mir regt,
Blühend soll's ihn grüßen!

Weißt du, wer die Saat gestreut
Und das Knospen heget?
Eine, deren Lieblichkeit
Mich gar tief beweget.
Eine, die sich jederzeit
Gern ans Herz mir leget!

Ward ihr Name dir bewußt?
Dürftest ihn doch wissen!
Augentrost und Herzenslust
Sollt' er heißen müssen. – –
Lottchen, komm an meine Brust,
Komm und laß dich küssen! – –



Mit einem Ringe ...

Dies Ringlein soll dir sagen
Daß ich dir treu und hold.
Du sollst es immer tragen
In gut' und bösen Tagen,
So lauter wie sein Gold!

Darinnen eingelassen
Herzrot ist ein Rubin.
Ich will so fest dich fassen
Und dich noch minder lassen
Als wie der Reifen ihn!

Mit feinen Goldschmiedschlägen
Band Liebe dich und mich.
Ich ward, um dich zu hegen,
Du wardst, um dich zu legen
Ganz fest und treu an mich!



Loblied

Ich hab' das feinste Liebchen
Von allen in der Stadt.
Beim Lachen hat sie Grübchen,
Sonst sind die Wänglein glatt.
Sie hat das schönste braune Haar,
Dazu zwei Äuglein spiegelklar,
Drin ich mich oft gespiegelt –
O Gott, wie schön das war!

Mein Schatz hat weiße Zähnchen
Und einen roten Mund.
Wie Flaum von jungen Schwänchen
Ein Brüstchen blank und rund.
Das hebt sich schüchtern kaum zur Höh', –
Ich mein', wenn ich im Traum es seh,
Mir müßt' das Herz zerspringen
Vor süßem Sehnsuchtsweh!

Sonst wüßt' von meiner Kleinen
Ich nicht das kleinste mehr,
Wenn nicht ein Stückchen Leinen
Von ihr mein eigen wär.
Doch das erzählt an sichrem Platz
Von einem rosigen Hemdenmatz
Gar süßes und geheimes –
Grüß Gott, verratner Schatz! – –



Überraschung im Bad

Du darfst mich nicht schmähen
Herzliebster Kam'rad!
Ich mußte dich sehen
Auch einmal im Bad!
Verstreut in den Ecken
Sind Hemdchen und Schuh.
Den Goldfisch im Becken
Deckt gar nichts mehr zu!

Bis über das Näschen
Fast hockst du im Naß.
Aber herziges Häschen
Was hilft dir denn das?
Zu klar ist die Welle,
Das Händchen zu klein –
Die klein kleinste Stelle
Kaum hüllt es dir ein.

Es gibt nur ein Mittel,
Dem Blick zu entfliehn:
Du mußt mich als Kittel
Ganz eng an dich ziehn.
Schnell hops' aus dem Warmen
Und husch zu mir her.
Wenn wir uns umarmen,
Dann seh ich nichts mehr!

Wie rosig das Fellchen!
Nun taucht es empor.
Wie hält mein Gesellchen
Die Händchen sich vor!
Nun gib mir ein Küßchen
Und schmieg dich ganz dicht.
Deine niedlichen Nüßchen
Die drücken noch nicht!



Der Dichter

Zwei Sorten von Verliebten trägt die Welt:
Phantast'sche Schwärmer, Narren, sind die einen,
Die andern gleichen ganz und gar den Schweinen.
Jedoch im Dichter sind die zwei gesellt!
Dem schenkte Gott ein Herz, so groß und reich,
Daß er ein Narr ist und ein Schwein zugleich.

Der schräge Flug, mit dem er aufwärts zieht,
Schleift eine Schwinge unten tief im Schlamme,
Derweil die andre oben in der Flamme
Des Sonnenballs wie flüss'ges Gold erglüht.
Der ist kein Dichter, dem nicht Erdenkot
Den Flug beschwert so gut wie Sonnenrot.

Im Gleichmaß bleiben ist der Schwachen Kunst.
Die tiefste Nacht ist bei den hellsten Kerzen.
Es glüht das Fleisch nach dem erglühten Herzen,
Der innren Liebe gleicht die äußre Brunst
Und baut sich aus nach ihrem innren Bild,
Wie mit dem Nußkern seine Schale schwillt.

Ich bin ein Dichter und ein junger Mann.
Was also wundert dich mein Glühn und Drängen?
Wie könnt' mein Herz so heiß an deinem hängen,
Hing nicht mein Fleisch auch deinem Fleische an?
Drückt sich mein Haupt dir in den Schoß hinein
Weiß ich gewiß:
                         Als Schwärmer und als Schwein
Hab' ich dich lieb und mag ohn' dich nicht sein! –



Apotheose

Es gärt der Saft im Birkenreis.
Der Frühling kehrte wieder.
Und wieder reckt sich nackt und heiß
Dein Leib durch meine Lieder.

Ich hab' dir Vers an Vers gefügt
Zu Sänften, seidigweichen,
Und lächelnd hast du dich geschmiegt
In Decken ohnegleichen.

Nun tragen meine Reime dich
Wie bronzne Sklavenpaare,
Und alle Völker beugen sich
Vor dir durch tausend Jahre ...



Künftiges Lied

... Und bist du heute auch mein Weib,
Das eine werd' ich nie vergessen,
Daß ich den süßen, keuschen Leib
Nicht so viel früher schon besessen!
Und bist du heut auch zehnfach schön:
Selbst wenn wir selig müd' uns küßten,
Muß meine Sehnsucht suchen gehn
Nach vierzehnjährigen Kinderbrüsten.

Dein Leib ist also wunderbar,
Daß mir der Wunsch das Herz erhitzte,
Zu wissen, wie er früher war,
Als deine Jugend ihn noch schützte.
Und mächtig hat die Leidenschaft
Durchschauert mich nach jenen Tagen,
Wo du noch alles knospenhaft
Im kurzen Hängekleid getragen! –

Die Knospen müssen früh vergehn,
Damit die Blüten sich erschließen.
Ich aber möcht' dich zwiefach sehn
Und dich als Kind und Weib genießen!
Und laß den Blick ich jäh erglüht
Um deine reife Schönheit gleiten,
Dann singt mein Herz ein Sehnsuchtslied
Nach dir in deinen Kinderzeiten! ...



Nach der Trennung

Die Mittagsglocken klingen,
Verbringen mir die Ruh'.
Mir ist, als hört' ich springen
Darin zwei Mädchenschuh.
Nach meiner Türe späh' ich:
Wann kommst du, kleiner Schatz?
Doch still und traurig geh' ich
Zurück auf meinen Platz.

Um jede Mittagsstunde
Klang einst ihr kecker Lauf.
Ein Lächeln auf dem Munde,
Tat sie das Türlein auf.
Ich stand schon vor dem Passe,
Die Arme ausgespannt,
Und trotz der schönsten Gasse
Ist sie hineingerannt.

Ich weiß, sie klinkt auch heute
Noch manchmal an der Tür,
Verführt durch das Geläute,
Und sucht wie einst nach mir.
Sie späht nach allen Tischen,
Ich horch auf ihren Gang,
Und doch sind Meilen zwischen
Uns zwein schon mondelang!

O Schatz, was soll dies Sehnen!?
Wir sind so weit getrennt!
Oft wünscht' ich unter Tränen,
Daß ich dich lassen könnt'.
Verbrannt ist deine Locke,
Und andre freit' ich mir.
Doch jede Mittagsglocke
Macht mich so bang nach dir! – –



In der Czarda

In die Czarda hier zum Weine
Kehrt' ich ein und trink' alleine,
Märzenkühl und nebelnaß –
Ach noch immer herrscht der Winter,
Doch es steht ein Lenz dahinter,
Goldig wie der Trank im Glas.

Seit ich fort von dir gegangen
Sah mein Sehnen und Verlangen
Stets nach diesem Frühling aus.
Wenn die Gärten sanft erglühen
Darf ich wieder heimwärts ziehen,
Heim in meines Mädchens Haus!

Kleines Mädchen, fliegt das Zöpfchen
Dir noch heut so keck ums Köpfchen?
Lacht dein Aug' noch heut so schön?
Prost! ich heb' mein Glas hier einsam
Darauf, daß wir bald gemeinsam
Wieder Hand in Händen stehn! – –



Vorfrühling

Weiche Frühlingswinde wehn
Um die Winterwende,
Die mir um die Wangen gehn,
Warm wie Mädchenhände.

Kleine Blumen blau und braun
Blühn schon an den Gassen,
Wie zwei Augen anzuschaun,
Die mich nie verlassen.

Bald, wie bald und heiß erblüht
Auch die Ros' im Hage,
Not als wie die Liebe glüht
Die ich heimlich trage ...



Reiseblätter



Leipzig

Blühendes Blut

Ach ihr herzig süßen Dirnen,
Langgezöpft und kurzgeröckt –
Brüstchen habt ihr schon wie Birnen,
Deren Stiel nach außen steckt.

Noch der Kindheit letztes Glänzen
Auf der Stirnen blanker Zier,
Steht ihr schüchtern auf den Grenzen
Zwischen Unschuld und Begier.

Was euch gestern ganz alltäglich,
Ach wie wohl es heut behagt!
Was euch heute ganz unsäglich,
Gestern habt ihr es gesagt!

Wenn ihr durch die Straßen schlendert,
Die ihr doch so oft begingt,
Ach wie scheinen sie verändert!
Wie das Herzchen tanzt und springt!

Wie ihr flüstert, äugt und lachet,
Kommt des Wegs ein junger Mann.
Wie die Scham euch dunkel machet,
Guckt euch wer zu innig an!

Schämt euch nur, ihr Lieben, Losen!
Leicht erröten ja im Wind
Auch die flaumigen Aprikosen,
Wenn sie reif zum Pflücken sind! –



Italien

I.

Das Bajaderenlied

Sohlen, die sandalumschlossen,
Wiegen durch das Dämmergraun
Schenkel wie aus Erz gegossen,
Brüste hart und bronzebraun.
Und ein Antlitz, dessen Süße
Dunkelsträhn'ges Haar umschmiegt,
Krönt die edle Last der Füße,
Die sich tanzend dehnt und biegt.

Leise tönt die Kastagnette,
Und geküßt von nackten Knien,
Mit den Schellen um die Wette
Summt und brummt das Tamburin.
Jede Regung dieser Glieder
Rhythmisch, wie es Strophen sind –
Stummgeborne Sehnsuchtslieder
Tanzt uns das Zigeunerkind!

Schließt euch, Wimpern, vor der Schönen,
Die uns doch so bald verläßt!
Muß das Auge sich entwöhnen,
Hält die Seele doppelt fest!
Daß der Anblick ihrer Süße
Meinem Geiste nie entflieht,
Goß ich um den Takt der Füße
Mir mein Bajaderenlied! – –



II.



Irene (Venedig)

Ich seh dein dunkles Mädchenhaar
Im Winde der Lagunen fliegen.
Ich seh ein würz'ges Lippenpaar
Sich lachend mir entgegenbiegen.
Ich seh zwei Augen blitz und blank
Wie Schwalbenaugen lustig leuchten,
Und stütz die Stirn nur sehnsuchtsbang,
Und meine Wimpern woll'n sich feuchten.
               Dich mag ich nicht!

Daheim in Deutschland bläst ein Wind,
Der wühlt in andren Mädchenhaaren.
Ich weiß nicht, ob die schöner sind,
Doch lieber sind sie mir seit Jahren.
Dort hab' ich einen Mund geküßt,
Der kindlich erst zu küssen lernte.
Vielleicht, daß deiner klüger ist,
Doch lieblich band mich die Entfernte
               Und hält mich fest.

Dir wär' ich nur ein flücht'ger Gast
Für Stunden, die wir bald beklagten.
Das Glück, das du zu geben hast,
Wär schade für den längstversagten.
Trieb dort der Sturm mich auch hinaus,
Schützt hier auch Frieden meine Schwellen:
Mein Sehnen ist nur dort zu Haus
Bei meinem kleinen Herzgesellen
               Und bleibt ihm treu! –



Bois de Boulogne

Kühl war es rings – und doch entbrannt' mein Blut.
Mein Herz schlug hoch in einer eignen Glut.
Zwei Mädchenaugen kreuzten meine Wege
Und davor schützte mich kein Blätterdach.
Sie schritt so lieblich durch die Ahornstege –
Erst blieb ich stehn und dann ging ich ihr nach.

Ich ging ihr nach und summte hinterher:
Weißt du, mein Kind, was liebenswürdig wär?
Kämst du mit mir aus diesem Wipfelwiegen,
In dem man doch des Schattens nicht genießt.
Ich weiß ein Feld, drin ist es gut zu liegen,
Und einen Boden, dem viel Glück entsprießt!

Es muß dein Leib in den Gewändern sein
Wie Gold und Prunk in dunklem Eschenschrein.
Denk, wie das wäre: wenn der Tag verglüht
Und aus den Hälmchen, die er purpurn schmückte,
Wie reifer Mais dein weißer Busen sieht,
Auf den sich durstig eine Lippe drückte – –

Das wär' ein Bild so wunderbarer Pracht,
Wie Gott der Herr es schöner nie gedacht.
Der hörte lächelnd dann, wie stillbewegt
Verhaltnes Jauchzen und ein jäh Erglühen
Sich dankerfüllt in seine Himmel trägt,
Und ließ der Rosen noch viel mehr erblühen! ...



Ungarn

Gänseliesel

I.

Ein Kind an Geist, ein Kind an Jahren,
Und doch schon wert, daß man dich küßt!
Kaum kann der kurze Rock bewahren,
Wie liebliches darunter ist.

Oft, wenn du dich beim Feuermachen
Zur niedren Ofentür gebückt,
Hab' durch verschobne Untersachen
Ich mehr noch als ein Knie erblickt!

Und einst am Teich, als du zum Bade
Abwarfest Hemdchen und Gewand,
Wie Frühlingsroggen hoch und grade
Die junge Brust darunter stand.

Da mußt' mein Blut wohl schneller fließen. –
Nur deine Jugend hielt mich ab! –
Um nicht Verbotnes zu genießen,
Nehm still ich nun den Wanderstab.

Ich geh' von dir, doch wenn nach Jahren
Du selber fühlst, du selber liebst,
Dann komm' ich wiederum gefahren
Und seh', ob du dieselbe bliebst!

Und was ich heut bei Bad und Bücken
Nur heimlich und von fern erblickt:
Als reife Frucht will ich dann pflücken,
Was mich als Knospe schon entzückt! ...



II.

In der Ferne

Die erste Weidenflöte blies.
Bei Gott, ich hört' sie klingen!
Nun schwillt mein Herz ein Sehnen süß,
Ein Sehnen zum Zerspringen!
Ich weiß, es müssen Veilchen blühn
Schon irgendwo im Grünen,
Und Augen, die mich zu sich ziehn,
Zwei Augen gleichen ihnen!

Es liegt ein Dorf viel Meilen weit
In fremder Sprach' und Sitte.
Ein ganzes Rudel Kinder schreit
Dort froh aus einer Hütte.
Das kleinste hab' ich oft gewiegt
Und hielt es oft im Schoße,
Beglückt, wenn sich an mich geschmiegt
Dann zärtlich auch die große!

Auch die sprang noch in keckem Lauf
Recht kindlich durch die Blüten,
Und flog im Wind ihr Röcklein auf –,
Mein Gott, wer konnt's verhüten?
Nur wenn ihr Aug' zu meinem kam
Das töricht dann mitunter,
Schlug sie in späterwachter Scham
Die Wimpern schon herunter.

Ihr dunkles Mäuschen unterm Arm,
Wie das mein Herz erschreckte,
Wenn sie des Mittags sonnenwarm
Sich faul und wohlig reckte!
Dann hob sich unterm dünnen Kleid
Die junge Brust auch höher,
Und ich sah künft'ge Seligkeit,
Ein visionärer Späher!

Bald wird von meinem Von-ihr-gehn
Der Jahrestag erscheinen.
Sie darf wohl nicht im Feld mehr stehn
Mit nackten, braunen Beinen.
Der Jungfer ward ein Kleid gemacht,
Das bis zum Fuß gemessen,
Und mit der Gänselieseltracht
Ward ich wohl auch vergessen.

Ich aber, ich vergeß sie nicht
Und will nur sie alleine.
Ich seh' im Schlaf ihr süß Gesicht,
Am Schreibtisch und beim Weine.
Mein Herz, das schon so viel verließ,
Kann ihr sich nie entringen
Und trägt ein Sehnen bang und süß,
Ein Sehnen zum Zerspringen! – –



III.

Unschlüssig

Ach in dieser Tage Treiben
Schwillt mein Herz so unruhvoll.
Soll ich wandern, soll ich bleiben?
Sagt mir, was ich wählen soll!

Soll ich heim zu Lottchen streben,
Die vielleicht schon andern lacht?
Oder hier der Hoffnung leben,
Daß mich Liesel glücklich macht?

Jede Nähe wirkt berückend:
Winkt sie, denk' ich nur an sie.
Aber heimlich Veilchen pflückend
Beug' für Lottchen ich das Knie.

Welche laß ich, welche wähl' ich?
Gute Sterne, sagt mir's an!
Oder ob ich etwa selig
Gar bei Gretel werden kann? – –



IV.

(Resumee)

Wem Sehnsucht seine Brille hält,
Der sieht oft sondre Lichter.
Auch hier trug ein Kartoffelfeld
Orangen für den Dichter. –



Budapest

Im Nachtcafé

Nach weitem Flug wird selbst die Schwalbe müd
Und läßt sich nieder, wenn der Tage verlohte.
Trifft sie kein Eiland, wo der Lotos blüht,
Tun's auch die Segel der Flibustierboote!

So flog mein Sehnen über Nacht und Tag.
Nun rauschen um mich moschusduft'ge Röcke.
Neig, müde Schwalbe, deinen Flügelschlag
Und träum' dir Rosen an die dürren Stöcke!



Hamburg

Am Jungfernstieg

Ein Kinderantlitz sah aus dunklen Locken,
Und still durchschritt sie das Gewühl der Stadt.
So rein und schön, daß sie mein Herz erschrocken
Und meine Seele tief ergriffen hat.

Sie schien auch ohne Diadem im Haare
Wie eine junge, keusche Königin.
Ich ging ihr nach, und meine Jugendjahre
Voll Glück und Unschuld kamen mir zu Sinn.

Von Sankt Marien klang das Abendläuten.
Still blieb ich stehn – da hielt auch sie den Schritt.
Der Welt entrückt, entrückt den andern Leuten
Hört ich sie flüstern:
               Kleiner, kommst du mit?



Brüssel

Als Herzog Alba auf Brüssel lag,
Deine Ahne küßte sein Reiter.
Längst riß der Tod ihm den Sturmhut ab,
Jahrhunderte rollten schon über sein Grab,
Sein Blut aber rollt noch weiter.

Das hat noch dich so geschmeidig gemacht,
Und so heiß und schwer deine Brüste,
Das hat noch in unsere Liebesnacht
Eine jauchzende Lust und ein Lachen gebracht,
Wie es mich nimmermehr küßte!

Denn wichen die Reiter auch schlachtenmüd'
Den hämmernden Fäusten der Vlamen,
Ein Schimmer der südlichen Sonne sprüht
Noch heut um die Türme und lodert und glüht
Im Herzen der Brüsseler Damen! – –



Warnung

O Ferne, jeder Liebe feind,
Verwirrst du alle Treue!
Bald hat die Sehnsucht ausgeweint,
Dann lockt und lacht das neue!

Es ist kein Herz so stark und kühl,
Daß gern es einsam bliebe.
Alleinsein ist ein harter Pfühl
Für eine Brust voll Liebe.

Das Blut ist lüstern jederzeit
Und voll von Falsch und Tücke.
Es kennt nicht Treu noch Redlichkeit
Und folgt dem Augenblicke.

Es lechzt der Mund nach einem Kuß.
Ein andrer lockt zur Seite. –
Die Treue, die dann kämpfen muß,
Sie unterliegt im Streite!

Die Näh' ist immer warm und gut,
Die Ferne kalt und trübe,
Und falsch und treulos ist das Blut –
Fahr' wohl, du alte Liebe!

Jed' Feuer fängt zu züngeln an
Nach einem neuen Scheite,
Wenn es kein Holz mehr greifen kann
Auf lang umlohter Seite.

So wendet sich die Liebe auch
Und oft in Weh und Tränen.
Kein Feuer lebt vom eignen Rauch,
Kein Herz vom eignen Sehnen.

Es muß ein Herz beim andern sein,
Soll nicht die Glut erkalten. –
Es kann nur Treu' beständig sein,
Wo Hand in Hand sich halten.

Drum bleibt beisammen jederzeit,
Ihr Mädchen und ihr Knaben!
Es kennt das Blut kein Redlichkeit –
Muß stets das seine haben! – –



Schlußseufzer

Hab' manches Land durchmessen müssen,
Verstürmte Sehnsucht im Gemüt,
Und wurde früh in puncto Küssen
Begeisterter Kosmopolit.

Doch internationales Lieben
Greift eine deutsche Wade an.
Ich wollt', ich wär' daheim geblieben
Als wohlrasierter Bürgersmann!



Pierrots Liebe



1.

Die beiden Hände hast du mir gegeben
Und lieb und zärtlich mich dazu geküßt.
Ich nahm dein Herz und schenkte dir mein Leben,
Mein Weib und Kind, die du mir beides bist.

Du warst zu jung, um gleich mit mir zu kommen.
Weil ich dich liebte, ging ich fort von dir.
Doch deine Treue hab' ich mitgenommen
Und meine Sehnsucht ließ ich dir dafür! – –



2.

Wohl dem, der eine Hoffnung hat!
Mich hat sie heimgeführet.
Prinz Karneval lärmt durch die Stadt
Und ich auch geh' maskieret.

Zwei lange Jahre blieb ich aus.
Nun frei' ich mir mein Mädel!
Viel lust'ger als das Festgebraus
Spukt das mir durch den Schädel.

Wo sich am Markt die Menge staut
Treff' ich das Kind am Ende
Und küß der süßen kleinen Braut
Ganz närrisch froh die Hände! – –



3.

Halloh, die Colombine dort,
Wie sie das Röcklein schwinget!
Sie hält das Haupt mir abgewandt,
Und doch, mein Herz hat »sie« erkannt
Und jubelt auf und singet!

Doch halt! ein schmucker Kavalier
Ist plötzlich bei der Kleinen.
Er drückt die Hand ihr lieb und lind –
Mir scheint, als ob es Brautleut' sind.
Mein Herz wird weh zum Weinen!

Ich schleich' mich heimlich hinter sie –
Da hör' ich süße Sachen:
– Komm zu mir, wenn der Vollmond scheint! –
– Doch nur ein Stündchen, süßer Freund! –
Mein Herz zerspringt vor Lachen. –



4.

Ich trug bis heut auf meiner Brust
Ein Mädchenhemd in treuem Sehnen.
Was einst nur ich und es gewußt,
Ist heut vertraut für den und jenen.

Die kleinen Brüstchen wurden voll,
Seit diese Spitzen sie umgaben.
Mein keusches Kind ward männertoll
Und ist für jedermann zu haben!

O Gott, ich armer Pierrot!
Mir brennt das Herz, mir brummt der Schädel.
Das kommt von elendem Bordeaux
Und einem schlechtgewordnen Mädel!

Ich will ganz still nach Hause gehn.
Schon rinnt die Schminke von den Backen,
Und es ist greulich anzusehn,
Wenn einen Narrn die Tränen packen ...



5.

Fern war ich lange,
Und sehnender Schmerz
Füllte mir bange
Nach ihr nur das Herz.

Da ich aufs neue
Zurück nun gekehrt:
Sehnsucht und Treue,
Sie war sie nicht wert!

Die unerschlossen
Als Knospe ich ließ,
Siehlt sich in Gossen
Und war einst so süß.

Herr, hab' Erbarmen
Mit Pierrots Not!
Ihr aus den Armen
Umarm' mich der Tod! –



Vermischtes



Brunhilde singt:

Er nannte mich Liebste und nannte mich du.
Da wurde es Abend und heiß meine Stirne.
Ich wär seine Göttin, so raunt er mir zu.
Da schloß ich die Augen und ward seine Dirne.
Es fielen viel Blüten, viel Blüten auf mich.
Blaublühender Flieder umrankte die Laube.
O wie hasse ich sie, o wie hasse ich dich!
O wie lag ich so tief dort, so tief dort im Staube!

Und wir herzten und küßten, und wund schon geküßt
Hat er mir die Kleider vom Leib noch gerissen.
Und auch ich wurde toll und es schwoll mein Gebrüst,
Und auch ich wurde toll und auch ich hab' gebissen.
Seine röchelnde Kehle verfärbte sich,
Und mein Mund ward blutig in dämmernder Laube.
O wie hasse ich sie, o wie hasse ich dich!
O wie lag ich so tief dort, so tief dort im Staube!

Dann kamen die Sterne und Winde der Nacht,
Die rauschend und raschelnd im Laub sich verfingen,
Bis daß wir erwacht, aus dem Taumel erwacht,
Und wortlos und still voneinander gingen.
Nie seh ich dich wieder, nie mehr siehst du mich.
Nie grüß ich dich wieder in dämmernder Laube –
Doch ich schreie nach dir, doch ich liebe nur dich,
Und ich war ja nur glücklich – bei dir dort im Staube! –



Spielerballade

Ich hatt' im Spiele heut ein seltsam Glück.
Nun zwingt es jäh mich auf vom Kartentische.
Ich berg' mich schaudernd in der dunklen Nische,
Und in die Ferne späht mein heißer Blick.

Ich weiß: mein Mädel ward mir ungetreu.
Als hier die Blätter keck und lustig flogen,
Hat sie ein andrer an die Brust gezogen.
Ich kenn den Hund und schlug noch nie vorbei!

Er pflückte Küsse, blaue Blumen auch.
Sie brach die Treue und dazu ein Leben.
Ein junger Stieglitz saß im Weißdornstrauch,
Mein altes Bangen grau und stumm daneben.

Bringt mir den Gaul! Bald springt die rote Glut
Aus seinem Huf, und warm klirrt sich mein Messer.
Herz war Atout, ein Bube trumpfte besser –
Der Abend naht, und vor der Nacht liegt Blut!



Einer Mutter

Der Herr des Lebens, der im Ew'gen ruht
Und der auch sah, wie ich dein Kind umworben,
Weiß, daß der Schlechtste nie soviel verdorben,
Als es der Unverstand tagtäglich tut.

Und dennoch schuf er Mütter so wie dich,
Um hilflos schwache, zarte Mädchenblüten
Im Hexentanz der Riesenstadt zu hüten –
Du und dein Kind, ihr beide dauert mich!

Erst wenn das Maul der Zeit zwei Jahre schlang,
Soll ich zurück und wieder um sie werben?
Ach Gott, Madame, ich käm' nicht mal ums Sterben!
Ich nehm' kein Glas, aus dem ein andrer trank!

Und dort, wo alles um sie geilt und giert! – –
Der Schüdderump, der große Schicksalskarren
Zermalmt mit ihr auch mich vergrämten Narren –
Nur du bleibst aufrecht, aufrecht und borniert! – –



Erinnerung

Heut zog dein Bild im Flug verrauschter Zeiten
Mir durch den Sinn, du früh verlassnes Kind!
Und schwere Nebel fielen auf die Weiten,
Die Blüten welkten, und der Tag ward blind.

Was soll'n mir Blumen auch, die dich nicht schmücken?
Und was die Sonne, wenn sie dich nicht krönt?
Und was mein Lied, wenn's dir nicht zum Entzücken
Zum Berg des Ruhms die weißen Flügel dehnt?

Ach, fern von dir verzehrt sich mein Gemüte,
Und ob der Himmel noch so heiter lacht:
In meiner Brust blüht eine dunkle Blüte,
Die überschattet all die Frühlingspracht! – –



Der Freundschaftsring

– Mädel an der Hand das Ding,
Sag, was ist denn das?
– 's ist ein güldner Fingerring,
Oben böhmisch Glas.

– Schau, wer hat dich denn bedacht
Mit so seltner Zier?
– Hansel hat ihn mitgebracht,
Und er gab ihn mir!

– Prächtig, wie das Ding dir steht!
Gell, es freut dich doch?
– Freilich, aber umgedreht
Wär' es schöner noch!

– Umgedreht, du närrisch Ding?
Glatt und ohne Stein?
– Ja, dann wär's ein Hochzeitsring,
Und er müßt' mich frein! – –



Junger Zigeuner

Mit der Weidenflöte sprang
Er ins Gras und ließ sie klingen,
Tausend junge Falterschwingen
Tanzen nun das Tal entlang.

Plötzlich hält er ein und lauscht ..
Brauner Knabe, schlanker Bläser,
Flog die Flöte in die Gräser,
Weil ein Röcklein näher rauscht?

Falter, seht euch nicht so um!
Morgen mittag tanzt ihr wieder.
Doch die schönsten seiner Lieder
Spielt auch ein Zigeuner stumm ..



Philosophie

Es klafft ein Riß durch alle Welt
Den Gott der Herr verschuldet!
Daß Gut' und Böses sich gesellt,
Ich hätt' es nie geduldet.
Wir sind aus Dreck und Geist gemacht,
Und schon von Urbeginne
Schlug jeder seine Pyrrhusschlacht:
Hie Seele contra Sinne!

Ich selbst, wenn ich mich recht halbier',
Besteh' aus zwei Gesellen,
Und jeder sucht sich sein Pläsier
An ganz verschiednen Stellen.
Wißt Ihr, wo sie am liebsten sind,
Die nah und doch so fernen?
Der Bauch bei einem schönen Kind,
Die Stirne in den Sternen! – –



Das Abschiedslied

Erst hab' ich Tag und Nacht geträumt
Berauschendes und Großes.
Dann hab' ich Tag und Nacht versäumt
Im Jubel deines Schoßes.
Von deiner Küsse Glut berauscht,
Und deines Busens Blöße,
Hab' ich um Lieb' und Lust vertauscht
Den steilen Pfad zur Größe.

Doch Monde gehn, die Zeit verrinnt.
Wie heiß ich dich auch küßte,
Nun winken Höhn, die steiler sind
Als deine weißen Brüste.
Dort lacht nicht Glück noch Sonnenschein,
Doch die zum Gipfel kamen,
Die fanden einen Leichenstein
Mit einem ew'gen Namen! – –



Anhang

Meinem lieben Stefan Bindfaden,

genannt Zweig,

gewidmet



Szene

Die Purpurumhüllten auf prunkendem Goldgestühl,
Sie lächeln und plaudern und sehn auf das bunte Gewühl
Der Zirkusarena.

                         Geronnenes Blut und Schweiß
Stinkt auf aus dem Knäuel verkrampfter, zuckender Leiber.
Dort unten kämpfen Millionen Männer und Weiber,
Und Heulen und Röcheln durchgellt den umgitterten Kreis.

Hussa immerzu!
                         Die Ewigen klatschen und schaun
Und wilder packen sie sich, laut knirschen die brechenden Glieder.
Der Staub, der fliegende Geier, wird dunkelbraun
Und schwebt immer tiefer auf blutbespritztem Gefieder.
Ein jeder will siegen in Jammer, Kampf, Wunden und Not,
Und doch sind sie alle, sie alle unrettbar verloren
Dem Büttel der Götter, dem stärksten der Gladiatoren,
Dem Tod! –

Der lehnt sich lauernd an Säulen von schwarzem Granit.
Seine Hand hält ein Schwert, und das Schwert, das funkelt und sprüht.
Wenn einer im Kampf mit den anderen Sieger blieb,
Dann reckt er die Arme, dann funkelt's, dann saust sein Hieb. –
                         Ehre den ewigen Göttern!

Vorstellungspause.
                         Der Lärm wird stumm.
Nur die Wunden und Sterbenden stöhnen und röcheln ringsum.
Da sinken die andern ins Knie, und die Hände erhoben,
Flehn sie und singen sie:
                         Ihr Allerbarmer dort oben,
Ihr, die allweise das Schicksal der Lebenden lenket,
Ihr, die bisher uns geführt und so reichlich beschenket,
Führet uns weiter, ihr Ew'gen und weist uns die Pfade –
Unser ist Glauben und Flehn und euer die Gnade!
                         Hört uns, ihr Götter! –

Die ewigen Götter, sie hören die flehende Weise,
Sie schütteln die lockigen Häupter und lächeln leise.
Dann klatschen sie laut in die Hände. Aufs neue verschlingen
Zu dampfendem Knäu'l sich die Mengen und rasen und ringen.
Dort röcheln in blutigem Staube zwei blühende Knaben
Und werden von stürzenden Greisen erstickt und begraben.
Hier springt gelenk wie ein Panther und schnell wie gefiederte Pfeile
Ein Weib einem Mann ins Genick und zerbeißt ihm die Wirbelsäule.
Darüber schwebt wie ein Habicht und stößt gewaltig hernieder
Das Schwert des Todes und bohrt sich breit in die zuckenden Glieder.
Mord, Röcheln und Schrein.
                         Dann hebt in flehendem Chor
Das alte betende Lied sich aufs neue empor.

Da gellt eine Stimme. – Über den Zirkussand
Hebt drohend und trotzig sich eines Gefallenen Hand:

Ich singe nicht mit, ich fluch', wo ihr betet und preist
Und wenn ihr die Lungen mir aus dem Leibe reißt!
Ich kenne die Götter und kenne sie viel zu gut.
Ihre Polster sind purpurn, doch purpurn von unserem Blut.
Sie hetzen und peitschen uns gegeneinander und lächeln
Wenn wir uns zerreißen und sielend im Sande verröcheln –
Sie sitzen im Leben und freuen sich unserer Qual.
Ich haß und verfluch' sie, verfluch' sie unzähligemal,
                         Unzähligemal!

Erst stummes Entsetzen.
                         Dann sprühen in eifernder Wut
Unzählige Augen, die blind noch vom eigenen Blut.
Er lästert die Götter! Verderbt ihn in Ewigkeit!
Sie stürzen sich auf ihn. Er wehrt sich und flucht und schreit.
Da krallen sie ihm in die Rippen und reißen und drängen,
Bis seine Lungen schwarzblutig im Staube hängen.

Die Ewigen lächeln und freun sich:
                         Wer frevelt, der fällt!
Sie finden ein Wohlgefallen am Zirkus der Welt.
Es knien um die Leiche des Lästrers Millionen und flehn empor:
Wir haben die Unbill gerochen, seid gnädig uns nun wie zuvor!
Ihr seid ja die Fürsten der Gnade, allweise, gerecht und gut – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Aufstinkt es von faulenden Leichen, von Schweiß und geronnenem Blut!



Philosophische Lieder



1.

Die Gäule im Zirkus leitet
Ein Clown mit Peitsche und Brot.
Er reißt seine Witze und reitet
Eins nach dem anderen tot.

Er treibt die lustigsten Possen
Und zwingt sie durch Reif und Rad.
Er tanzt auf den keuchenden Rossen
Als lachender Akrobat.

Er, der ihr Lenker und Meister
Ist andern ein Schelm und Spott.
Den Clown der höheren Geister,
Die Jehus nennen ihn Gott! – –



2.

Eine jede Sonne muß wandern,
Wie's einer anderen recht.
Ein Gott ist der Narr des andern,
Ein Herr ist des anderen Knecht.

Ich bin der Gott meines Hundes,
Mein Hund der Gott seines Flohs.
Der Gott des biblischen Bundes
Ist nach Verhältnis groß.

So führen unzählige Sprossen
Erst zu dem höchsten hinan.
Nur wem die Ahnung verschlossen,
Bet' den Empfundenen an!



3.

»Einst hatte mein Volk sich ergeben
»Der Sünde in allem Land.
»Da fiel auf sein blühendes Leben
»Des Himmels zürnende Hand.

»Es donnerten Lavamengen,
»Gewässer stürzte herab
»Und blieb auf Tälern und Hängen
»Kein Plätzlein ohne ein Grab!«
– – – – – – – – – – –
So hat eine Blattlaus berichtet,
Daß göttliches Strafgericht war,
Was nur aus Notdurft verrichtet
Ein Mägdlein von sieben Jahr! – –



Wir

Ihr singt nur Liebliches und Feines,
Was jeder fein und lieblich sieht.
Wir aber edeln auch Gemeines
Und läutern es in unserm Lied.

Ihr geht vorbei an Schmutz und Schmerzen.
Was häßlich gilt, das läßt euch stumm.
Wir aber brennen es im Herzen
Zu einer neuen Schönheit um.

Ihr wollt behäbig nur erhalten
Der Schönheit stolze Monarchie.
Wir aber fügen zu dem alten
Noch neues Land und mehren sie.

Euch lohnt das Volk mit Gold und Kränzen.
Wir finden kaum ein karges Brot
Und gehn im Kampf um neue Grenzen
Schmählich verlassen in den Tod!! – –



An einen Kritiker ...

Verehrter Freund, Poet und Kritikaster,
Mir galtst du stets als trauriger Gesell!
In deinem Liede geht sogar das Laster
Im Sammetkäppchen, Filzschuhn und Flanell.

Du hast nur Platz in deines Hirns Umengtheit
Für Mädchenlyrik, Deutschtum und Moral
Und proklamierst die eigene Beschränktheit,
Ein krit'scher Papst, als Dichtungsideal!

Kein großes Sehnen hat dich je durchschauert
Und sinkt die Sonne einst auch deines Pfads,
Gibt's keinen Schutzmann, der dich nicht betrauert
Als schönsten Haushund des Philisterstaats! – –



Entschuldigung

Verleumder hat man mich gescholten,
Weil ich als Schwächling dich geschmäht.
Ein Dutzend guter Freunde grollten
Und sagten, daß ich unrecht tät.

Da ich gehässig nie gewesen,
Bedacht' ich mir's als guter Christ
Und fand nun selbst, daß du ein Wesen
Von ganz besondren Kräften bist.

Ich revozier' und depreziere
Darum formell und ohne géne
Und sag' es gern: ich honoriere
Dich heut direkt als Phänomen.

Denn Esel brauchen sonst vier Beine
Zum Schleppen ihrer Eselei.
Nur du, ein Riese!, trägst die deine
Als wär's ein Spiel auf deren zwei! – –



Einem freiherrlichen Balladensänger

Wir waren Freunde. – Seit in offner Fehde
Ich dann den Lorbeer dir versagen mußt',
Schnellst du mit schnöder, schlangengift'ger Rede
Mir Pfeil um Pfeil nach der entblößten Brust.

Heut warn' ich dich: Hör auf mit diesen Tücken!
Denn sonst, bei Gott! vergebens schlag' ich nie
Und setz' dich bald von deines Rosses Rücken
Mit dem Popo auf deine Baronie! –

Mir wär's ein Spiel, dich in den Sand zu legen.
Heiß glüht mein Vers im Herzen sich zu Stahl
Und schlägt gewalt'ger als dein Talmuddegen
Und als dein Lied vom Pagen d'Autreval.

Hörst du nicht auf, zu lästern und zu stechen,
Dann hüt' das Kränzlein deines jungen Ruhms!
Hier ist die Faust, den Helmbusch dir zu brechen,
Du Renommiergoi des Hebräertums! – –



Literarische Frau-Wirtin-Verse

(Melodie: Es steht ein Wirtshaus an der Lahn usw.)



1.

Carl Busse

Er kritisiert zu jeder Zeit
Vom Standpunkt deutscher Sittlichkeit.
Die Muse schreit: Verräter!
Seit ich mit einem andern geh',
Ward er Moraltrompeter! – –



2.

Freiherr Börries Münchhausen

Er hat, mit Lilien eng liiert,
Die Bibel gar balladisiert.
Er dichtet zionistisch,
Und warum er nichts Bessres tut,
Das bleibt mir ewig mystisch! –



3.

Otto Julius Bierbaum

Sein rundes Vollmondangesicht
Guckt lächelnd auch durch sein Gedicht,
Verliebt beim Ringelreihen
Sang er sein Kling klang gloribusch,
Und Gott mag's ihm verzeihen!



4.

Dolorosa

Das Herz ist oft ein närrisch Ding.
Auch ihres ist ein Sonderling,
Und satt der sanften Liebe,
Schwärmt lyrisch sie für Herrn von Sade,
Statt Küsse will sie Hiebe! – –



5.

Marie Madeleine

Die Lyrik meiner Pubertät
Hat sie ihr Erstlingsbuch geschmäht.
Doch was sie neu geschrieben – –
Ach, wär' sie in der Pubertät
Ihr Lebtag doch geblieben!! ..



6.

Stefan Zweig

Da er das Dichten mal erwählt,
Wünsch' ich ihm auch, was ihm noch fehlt.
Ihm schenk' der Herr in Gnaden,
Was er besonders nötig hat,
Das heißt: Talent und Waden! – –



Den Philologen

In dieser Zeit der Spürerei
Nach jeder Dichterliebelei

Küßt mich mein Mädel früh und spät
Aus praktischer Humanität,

Daß, wenn wir einst begraben sind,
Ein Doktor phil. sein' Nahrung find't ...



Die Selbstmordhymne

Bevor die fern verbell'nde Meute
Jedweder Übel dieser Welt
Mich noch mit heiserem Geläute
Wie einen Eber rings umstellt!
Bevor die Kniee mir noch brachen
Und meiner Augen Glanz verloht,
Such ich mir selbst im Stolz der Schwachen
Den speergewalt'gen Jäger Tod,

Wie hell sind diese Weltreviere,
Wie dunkel droht mir sein Palast!
Und dennoch nah' ich seiner Türe,
Ein grüßender und ernster Gast.
Ich weiß, es wäre doch vergebens
Vor seiner Allgewalt zu fliehn,
Und werf die Kränze meines Lebens
Freiwillig heute schon vor ihn.

Es flüchten, jede Hoheit höhnend
Die meisten, irr in Angst und Not.
Doch schleichend und im Sprungschritt dröhnend,
Wie überholt sie bald der Tod!
Es fressen in die fall'nden Leiber
Mordgierig seine Speere sich.
O jag' die Tiere und die Weiber,
Nicht also mich! –

Bevor mich deine Hunde packen
Und röchelnd ich im Sand mich siehl,
Nimm den noch aufrecht starken Nacken,
Speerschüttler, dir zum sichren Ziel!
Ich bin zu stolz zur Eberhetze.
Ich sterb' nach ewigem Beschluß,
Doch kürz' ich mir die Zeitgesetze
Und lenke, was ich leiden muß!



Auf ein Dichtergrab

Er war ein Krug, den seines Bildners Hand
Die Stärke probend in den Kot gestürzt,
So daß er übel vor den Augen stand.

Doch breit gebaucht war voll er bis zum Rand
Von einem Wein, der wunderbar gewürzt,
Und den die Sonne heiß und schwer gebrannt.

Was gilt ein Krug? – Er gilt, was er enthält!
Und dieser hielt? – Die ewige Schöpferglut!
Was trankst du nicht, du schönheitsdurst'ge Welt?

Du gingst vorbei. Am Weg ist er zerschellt,
Nachdem versickernd seine Überflut
Nur wenig Becher dir zum Trunk gestellt! – –



Zigeunerkönig

Wie dem Roß die Hürde winkt,
Winken eure Sittenschranken,
Daß man flott sie überspringt,
In dem Schädel hier, dem blanken,
Einem Rennstall von Gedanken! –
Hopplaheh! der Sprung gelingt!
Und begeifert und begossen
Klopf ich lachend meinen Rossen
Ihrer Kruppe schönen Schwung –
Ein Husar im Geisterkriege
Gegen Heuchelei und Lüge,
Rast ich nur zu neuem Sprung,
Neuem Sprung und neuem Siege!


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