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Walter Calé – Gedichte

Gedichte

Aus: Walter Calé, Nachgelassene Schriften, Mit einem Vorwort von Fritz Mauthner, Herausgegeben und eingeleitet von Arthur Brückmann, S. Fischer Verlag, Berlin. 1907, S. 44-75.



1899-1900

Opfer

Durch weiße Tempelhallen wandelst du
gemeßnen Schritts: es fließen die Gewänder
in strengem Wurf dem Marmorboden zu,
das Gold verachtend und den Schmuck der Bänder.

Zum Heiligtume trittst du ernst und mild;
dreimal beugst du dein stolzes Knie dem Gotte;
dreimal küßt du sein kaltes, hohes Bild,
ein Schleier birgt es vor dem Blick der Rotte.

Das ew'ge Feuer glüht: mit stiller Gier
zehrt es am Öle und Olivenstamme;
du nahst und wirfst ein Lockenhaar von mir,
dem Todgeweihten, in des Gottes Flamme.

* * *
Aus heißen Schmerzen wird das Lied geboren,
ich hüt' es treu; und wenn die Stunde naht,
verhüllt es sich, und traumverloren
geht es zu suchen aus auf stillem Pfad.

Die andern weichen scheu von allen Wegen,
wo sich sein tränenfeuchter Schleier zeigt;
doch du trittst freudig ihm entgegen,
und dir enthüllt es sich und weint und schweigt.

* * *

Parknacht

Die Sterne ziehen auf und schweigen
in eine blaue, samtne Nacht.
Wir flohen längst den lauten Reigen,
die weiße Marmortreppe steigen
wir nieder in die samtne Nacht.

Noch klingt aus jenen hohen Zimmern
Musik aus in die samtne Nacht.
Die lockend weiten Fenster schimmern
von Lichtern und kristallnem Flimmern
zu grell uns in die samtne Nacht.

Wir wandeln in dem schwarzen Parke
nur leise spricht die samtne Nacht.
Wie ich in ihrem Hauch erstarke,
so lösen langsam wir die Barke
auf dieses Teiches samtner Nacht.

Die Ruder sprühn: wir gleiten, gleiten,
groß blickst du wie die samtne Nacht.
Es fliehen Zeiten hin und Zeiten,
nur singt von weiten, ganz von weiten
Musik noch in die samtne Nacht.

* * *

Das Fest

Mit kostbarer Gefäße schwerem Prangen
ist der Altar des Gottes reich belebt;
die Rose hält den Säulenschaft umfangen,
der stolz geschmückt noch kühner aufwärts strebt.

Du streust der Blumen duftendes Gedränge
dem Gotte hin, dem du an Hoheit gleichst;
und jeder Zuruf der entzückten Menge
weckt die vergangne Schuld, und du erbleichst.

* * *



Winter

Nun gib mir deine blasse Hand.
Wir wollen in die Weite gehen.
Der Winter kam – kein Sommer schwand.
In Nebel hüllt sich das Geschehen.

Wir gehen; weißt du, wann wir ruhn?
Ich sehe keine Pforte offen.
O friere nicht! – Wir haben nun
nichts mehr zu sagen, nichts zu hoffen.

* * *

Willst du?

Willst du mit mir auf die Berge steigen,
heimlich und still, daß uns niemand sieht,
des Nachts, wenn alle Herzensquellen schweigen
und die große Sehnsucht erwacht und glüht?
Willst du?

Dann zeig' ich dir unten die goldenen Lande,
wo meine lebendigen Brunnen springen,
wo purpurne Lilienglocken klingen
am buntumspülten kristallnen Strande.

Willst du mit mir auf der Höhe knieen,
wenn Mitternacht Schlummer über uns gießt,
wenn die Sterne in ruhigem Wandel ziehen
und Seele in Seele überfließt?
Willst du?

Dann löst ich mit trunken bebender Hand
deines Haares wallende Herrlichkeit,
dann lös' ich dein staub'ges Erdengewand
und hülle dich in mein Königskleid!

Willst du, wenn uns Atem des Lebens umquillt,
wenn Talesglocken und Seufzer verwehten,
wenn die Seele dem Dunkel entgegenschwillt,
willst du mit mir zur Mitternacht beten?
Willst du?

Dann küß ich deinen rotglühenden Mund
aus tiefster Seele aufquellender Macht,
dann grüß' ich dein leise zitterndes Haar
und nenne dich Sehnsucht und Mitternacht.

* * *

Ruhe

Mein Herz ist schlafen, wie ein stiller See.
Und ruhig gleiten meine weichen Lieder,
wie Schwäne, leise rinnende Kreise ziehend,
– weißt du? –
über die sehnsuchtssingende Fläche.

Doch wirfst du deines Auges milden Strahl
in meiner singenden Seele lauschenden Grund,
dann blickt der Mond, in Silberblau getaucht,
Duftnebel streuend auf den dunkeln See,
ein Tönen schwingt sich flüsternd über die Weiten,
stillreger Wipfel Mondesnachtgesang,
die Schwäne rühren träumend ihr Gefieder
und singen wundertief und wehmutsselig
der Mutter Nacht ein nebeltrübes Lied.

* * *



Noch einmal »Wir«

Vom Glück zu schaffen weiß so manches Herz.
Uns aber bleibt vom Schaffen nur das Quälen,
ich muß, du darfst nicht; das ist unser Schmerz
und jeder will des andern Schmerzen wählen.

Und du hast nicht, was ich entbehren mag.
Was meine Seele sucht, wirfst du beiseite,
und meine Nacht, das ist dein hellster Tag,
und meine Nähe deine trübste Weite.

* * *

Morgen

Als die heiße Nacht vergangen
und der Morgen taudurchfeuchtet
über Welt und Seele leuchtet,
starb das wilde Glutverlangen,
und ich bin hinausgetreten
in das lebensfrohe Prangen.
Als die Winde mich umwehten,
als die Vögel mich umsangen,
kniet' ich nieder, dir zu beten:

Du meiner Seelenstille reinste Quelle,
steh' du mir bei in wilden Sehnsuchtsnächten,
laß mich von Finsternissen nicht umflechten,
durchbrich mein Dunkel mit verklärter Helle,
kühl' meine Glut in segensfrischer Welle.

Und hemme du das allzukühne Drängen
des Jünglings mit gelaßner, milder Hand:
daß sich nicht fessellos in Sturmgesängen
ergießt des ungedämmten Sehnens Brand.

Laß deines Auges Milde auf mir ruhn,
daß Werk und Glück zu neuen Taten strebt.
Und segne du, Geliebteste, das Tun
der Seele, die in deiner Seele lebt.

Sei du mir Glück, sei du mir Werk und Sehnen,
bleib' du mir stets der stillverehrte Hort;
laß meine Schmerzen an die deinen lehnen
und tröste mich mit manchem lieben Wort.

Und zogst du langsam mich zu dir empor,
dann mag auch deine Seele sich mir neigen,
dann brich das herbe, allzuheil'ge Schweigen
und führe mich durch das ersehnte Tor
ins Land des Glücks, der ew'gen Frühlingsreigen.

* * *



Beim Spinnen

Reißt auch der Faden nicht?
Steht auch das Rad nicht still?
Hab' ein träumend Gesicht
und weiß nicht, was ich will.

Was war's doch für ein Märchen, das die Alte erzählt?
– es wird ja auch Abend, es dämmert schon –
den ganzen Tag hat's mich gequält.
Wie heißt doch sein Name –? der Königssohn!
– es ist hier ein gar versonnener Platz!
am liebsten macht' ich die Augen zu! –
der hat einen blondhaarigen, weißen Schatz,
– sie küßten sich bald und sagten sich du!
und sagten sich du!
– – – – –

Ist es denn schon so spät?
Ei, wie die Spindel kreist!
Daß nur das Rad nicht stille steht!
Daß nur der Faden nicht reißt!

Das ewige Surren! Ich möchte fort!
So weit hinaus! Fragt nicht, wohin!
Ich beiß' mir auf die Lippen und sage kein Wort!
Dann scheltet nur wieder: »Du Eigensinn!«

Durch die Finger scheint mir ein rosiges Licht;
– einst lag ich blinzelnd im grünen Gras
und hielt mir die Hände vors Gesicht:
dann träumt sich's gut; man weiß doch, was!
man weiß doch, was! –

Kommt die Mutter zurück,
was liegt mir dran!
Reißt der Faden in Stück,
so knot' ich ihn an!

Was träumt' ich heut' Nacht? Von dem bleichen Stern!
– Die Sonnenstäubchen, die – fang' ich mir –
Ich sag's ja doch nicht: »Ich hab' dich gern!« – –
– nun sitz' ich hier – und sitze hier – –
Ach Gott, das Abendglockengeläut!
Schlief ich doch erst, dann hätt' ich Ruh!
– Ich weiß nicht, ich bin so müde heut' –
– – Sie küßten sich bald – und sagten sich du!
und – sagten – sich – du! –

(Sie schläft ein)

* * *

Encore

Nun bist du ruhig, liebes Herz.
Die Schmerzen gleiten
nur so von weiten
noch heimatwärts.
Das waren trübe Zeiten.

Der Mond wacht schon am Himmel lang.
Mir quillt versonnen
aus Seelenbronnen
ein kühler Sang
von neuen lieben Wonnen.

Was sing' ich denn die trübe Nacht?
Laßt uns doch warten!
Bald kommt in Fahrten
von hoher Pracht
der Tag in unsern Garten.

Die böse Sehnsucht ist mir tot.
Der Tag will schlingen
um mich ein Klingen.
Glück wuchs aus Not,
Wie will ich fröhlich singen!

* * *

Harfenklänge bei Nacht

Neunmal stärkt' ich mein Herz mit starkem Lied,
neun Tage hielt ich treue Hallenwacht;
schwer lastet Panzers Wucht auf müdem Glied:
zu ruhn verlangte mich's die neunte Nacht.

Die Rüstung wahrte ich in eichnem Schrein,
die Harfe lehnt' ich an des Altans Rand;
doch ohne Waffen soll kein Schläfer sein:
so faßt das Schwert noch stark die müde Hand.

Vor des Altanes Stufen hingestreckt,
umspielt ein Traum mich in verwirrtem Tanz,
der trübes Sehnen in mir auferweckt
nach ferner, fremder Länder Nacht und Glanz.

Und meinen glutentrunknen Sinn umschlingt
betäubend süßer Duft von wildem Mohn.
Doch schlaf' ich nicht; aus tiefster Ferne dringt
ein nur gerührter stiller Harfenton.

Ich kenn' ihn wohl, ihn, meiner Harfe Klang,
aus tausend Klängen kenn' ich ihn heraus.
Wer war's, der nächtens in die Halle drang?
Weh, wehe! Schläfer, Waffen! – Feind im Haus!

Schlaftrunkner ich! Vor mir ragt still und groß
ein Weib mit schwarzem Märchenwunderblick;
schwarz war das Haar, das ihre Stirn umfloß;
der Mund sprach stumm von schmerzlichstem Geschick.

Von ihres Busens sanft gewölbter Glut
verriet das schmiegende Gewand zu viel;
ihr schlanker, lotoszarter Finger ruht
noch still verträumt in meinem Saitenspiel.

An ihres Armes marmorweißem Rund
prangt glühndes Gold und blitzendes Gestein;
sie legt den Finger lächelnd an den Mund,
– und ruhig schläft der treue Wächter ein.

* * *



Meeresstille

Still liegt das Meer.
Am Himmel glüht die große Sonne golden,
und Gold und Blau blitzt auf der glatten Fläche –
und keine Welle.

Vom weißen Marmor glänzt der Tag in grellen Gluten,
Seemöven kreisen um den Turm.
Die Lüfte zittern, und der Wächter steht
auf höchster Zinne, weit ausschauend, sinnend,
und legt die Hand hin über seine Augen,
geblendet von der Glut, dem fernsten Glanz.

Und drüben seh' ich still, wie regungslos,
geblähte weiße Segel, weiß wie Kronen
der blitzenden Wellen, wie der Fittich
der kreisenden Möve.
Auftaucht das Segel – fern und immer ferner –
verschwunden – glatt des Wassers Fläche –
– und keine Wolke. –
»Wes ist das Schloß dort?« klang wohl eine Frage.
»»Ich weiß es nicht, Bootsmann, der Kurs geht südwärts!««
So sprach der Lenker –.
Südwärts ging das Schiff!

Noch immer steht der Wächter, sinnend, träumend
von fernen, fernen, sonderbaren Dingen;
die Hand beschattet immer noch das Auge.
Wer weiß, vielleicht klingt's auch in seine Träume:
»Wes ist das Schiff?«
Glaubst du's?
Still liegt das Meer.

* * *


An Dich

Was fruchtet's, daß in schmerzlichen Entwürfen
dir Tag um Tag scheu wie ein Dieb entschleicht!
Aus jedem goldnen Becher sollst du schlürfen
den Trank, den jede goldne Stunde reicht.

Denn jede Blüte, die du nicht gebrochen,
und jeder ungehörte Saitenklang
und jedes Glück, das du nicht ausgesprochen,
fällt als ein Tropfen Reue in den Trank.

Und was vergangen ist, das sei vergangen!
Der neue Tag führt neues Licht herauf.
Tot sind die Lieder, die noch gestern klangen.
Was kümmert's dich? Zieh' neue Saiten auf!

Der Augenblick ist Leben und Erringen,
verlornes Glück – verklungenes Getön.
Wenn es verklang, so wird's auch wieder klingen,
du bist ja noch so jung und bist so schön!

* * *




1902


Der Abend kann mich nicht beglücken:
zu viele Menschen sind um mich,
zu viele Stimmen, und erdrücken
den leisen Ruf: ich suche dich!

Dich aber seh' ich heimwärts wallen
im blauen, zärtlichen Gewand;
und von den tausend Blumen allen
hältst du nur eine in der Hand. Du beugst dich über einen Weiher,
die Glocken kommen Schlag um Schlag,
du träumst von einem bunten Schleier
und gehst nach Hause, wie der Tag.

* * *


Du kamst und gingst, und wie du kamst,
da wurden Herz und Lippen stumm,
du kamest still und nahmst und nahmst
und nahmst mich ganz: und kehrtest um.

Du kamest wie aus fremdem Land,
du gingest fremd und bist nicht mehr:
du trugst in deiner kühlen Hand
ein rotes Herz und weintest sehr.

* * *



Eine liebe Stunde

Und eine liebe Stunde kam gegangen
und schmiegt ihr Haupt sehnsüchtig an mein Knie.
Ich streichle ihre feinen blassen Wangen,
und auf die dunkeln Augen küß ich sie.

Von bunten Träumen laß ich mich nicht locken,
ich denke nur wie an ein leises Lied.
Von ferne läuten manche Silberglocken,
weil eine liebe Stunde vor mir kniet.

* * *




1903

Mein Geist, den viele rühmen, gleicht dem Lichte,
das du in einem stillen Leuchter trägst
durch dieser Erde Dunkel.
Es bedarf
nur einen kleinen Willen, nur ein Zucken
in deinem Finger, so erlischt das Licht.
O, es bedarf nur einen Tropfen Öles,
aus deiner Liebe sanft herabgeträufelt,
so flammt es neu und blüht in sel'ger Flamme,
sich selber leuchtend, aber auch in Licht
dich, seine Herrin, tauchend, und in Licht
die Dinge dieser Welt zum Leben weckend.

O hüte wohl, daß es nicht ganz erlösche:
nicht nur sich selber stirbt ein solches Licht!
Starb es, so sinkt die Welt in Finsternis;
und durch die tote Welt hin wandelst du,
nicht sehend mehr und auch nicht mehr gesehn.

* * *


Erscheinung

(Grindelwald, 8. August 1903.)

Wenn im Tale längst der Schatten des Abends lag,
wenn ein schläfernder Wind hin über die Müden strich
und die Wimper – ach! wie willkommen! – uns sank
– denn: wer sind wir, daß wir des Lichtes Quell
immerströmend begehrten und nimmer uns
Dunkel erquickte, des
lächelnd verachtenden Gottes Geschenk? –
wenn der Tiefen Ruf beklommener schweigt
und das Warten ob den Talen schwebt,
still eratmend schwebt ruh'gen Berg hinan,
wenn ihr Auge die Nacht, tranenverklärtes Aug',
langsam,
langsam eröffnet,
der Geliebtesten gleich,
welcher Verheißung ruht, aber auch Schwermut im Blick:
dann – o Stunde der Feier,
dann erwachest auch du!

Schreitest von Abendrotgipfel zu Gipfel hinüber,
seligen Lichtes beströmt, das über Höhen schlief,
– längst, ach! längst deckt tief uns Finsternis –,
schreitest von Gipfel zu Gipfel beseligten Gangs,
träufst aus gerafftem Kleid die Segnung der Nacht,
traufst unsern durstenden Lippen Schlaf und Traum,
mitleidvoll, doch nimmer uns winkend, in Glühn.
Dir aber schimmert des Gipfels Schneegefild
milden Grußes entgegen,
dir auch jauchzt
zackiger Gletscher Glanz,
dir auch hebt sich der Mond
spendenden Antlitzes auf
und der Gestirne wandelnde Pracht.
O, was ist sie uns mehr
denn deinem Scheitel der Kranz!

* * *


Vergebens, ach! vergebens beschwöre ich
des Rhythmus bänd'gende Kraft, und nimmer horcht
die Seele dem Gleichklang und stürzt durch der Adern
Geäste,
eilenden Laufs.

Zu lange ja auch sog meine Seele schon
das Blut der deinen, und zu lange schon
trank meines Auges Tiefe die deine, zu lange
weint es und trank.

Nun gönne ihm, der die bittern Jahre litt,
ach! endlich gönne du ihm an deiner Brust
die Friedensstunde und gönn' ihm des lieblichen Mundes
Süße und Trost.

Denn aller Geschicke rätselvolles Geflecht,
des Schmerzes Segnung und den wunschlosen Blick
zum Glanz der Unsterblichen auf, ihn lehrte dich
keiner denn er.

Und keiner denn er auch lehrte dich merken auf
der Seele fragenden Ruf und hinzuwandeln,
dem Bildnis gleich, das in deinen Traumen schritt,
– Erfüllung dir, uns aber die Sehnsucht schien!

* * *



Prometheus

Erst will ich die Schatten aus meiner Schale tränken,
die unten im Dunkel hausen, beschwerten Mutes;
dann aber brech' ich gewaltig ans Licht empor
und weil' ein Kleines unter den Kindern der Menschen.

Bis neue Nacht zu neuem Fluge reizt
und eilig ich aufwärts Stern um Sterne steige,
mit meinen Lippen von ihrem Feuer sauge
und ohne Namen werde und heimatlos.

* * *

Fremd geh' ich unter den Fremden, beladnen Schritts,
und eine Sprache sprech' ich, die keiner versteht,
ein Licht auch trag' ich, das keiner sehen mag,
und seufze nicht, und dennoch! seufze nicht.

Einst war dein Blick: und wies mir den dunkeln Weg;
einst war deine Lippe: und lehrte die Sprache mich;
einst war deiner Seele Flamme: und zündet' das Licht.
O seufze nicht – mein Herz – o seufze nicht.

Nun aber wank' ich in Irrnis, wie lange schon!
die Sprache, die du gelehrt, ihr lauschtest du kaum!
das Licht, das du entflammt, dir leuchtet es kaum!
ich aber seufze nicht, ich seufze nicht.

* * *

Beim stummen Gange durch die finstern Bäume,
und wo nicht Laub und Ast zu flüstern wagen,
da werd' ich stille stehn, in Gruß mich neigen,
o Trösterin, o Abendeinsamkeit.

Und bei dem Weiher voll erloschnem Glanze,
der eine Träne auf des Abends Wange,
da werd' ich stille stehn, in Gruß mich neigen,
o Trösterin, o Abendeinsamkeit.

Und bei dem blassen Himmel, der in Lichtern
die Sonne träumt, die lange sterben mußte,
da werd' ich stille stehn, in Gruß mich neigen,
o Trösterin, o Abendeinsamkeit.

* * *




1904

Am Flusse

Trauernd stehst du an des Flusses Rande,
trauernd führt mein Weg am andern Ufer:
keiner weiß, ob ihn der andre riefe;
allzu heftig rauschen die Gewässer.

Wollen wir ein Boot vom Strande ketten,
du vom rechten, ich vom linken Strande?
Wollen wir dann in des Stromes Mitte
leichten Ruderschlages uns begrüßen?

Wollen wir die Wasser abwärts gleiten,
Boot an Boot, und nur gelinde lächelnd,
bis das Meer in großem Glanz sich auftut
und wir stehn und beide weinen müssen?

* * *



Am nächtlichen Quell

Schleich' nicht so langsam, langsam, du trüber Quell,
und laß nicht immer die Stimmen aus dir klagen,
Stimmen zur Nacht, von denen keiner weiß,
ob eine Seele klagt

oder nur Wellen solches Geschluchz anheben,
daß uns allen, die wir am Ufer dastehn,
Trank zu Mitternacht schöpfen wollen, bangt,
ach, wie sehr bangt

und sich keiner getraut zu schöpfen, und jeder
nur so davongeht – ach! – und sich schämt und still ist
und das Herbstlaub von seinen Tritten knistert,
knistert und stäubt.

* * *


Zu den Vergißmeinnicht

Wir Hüllenlosen schweben gleich der Flamme,
wir steigen auf und schweben und verschweben,
wir werden aber beide wiederkommen
zu jener Zeit, da es geschrieben steht.

Die Blume:
Siehe, o lächelnde Freundin, in uns das Wunder vollendet.
Siehe: eins wurde zu zwei, Leben erfaßte sich selbst.
Siehe: Vergänglichkeit und Ewigkeit knüpften zu eins wir,
Wille wurde Geschick! zart in die Blüte gebannt.
Ewigkeit trägt unser Name, Vergänglichkeit trägt unser
Dasein.
Welches bedeutsamer sei? Einer nur weiß es, nicht du!
Aber du liebst uns, und so liebst du die eigene Seele,
liebst du den Freund auch, in dem Seele um Seele
sich flicht.
Die trauernde Stimme:
O was nützt deine Weisheit! Nur Flügel mir wünsch' ich,
nur Flügel!
Schwer an die Erde gebannt, fühl' ich mein innerstes Ich,
fühle mich dennoch gehoben, und schattengleich schwebend
in Wolken
unter den Winden dahin, regellos nur und ein Spiel,
fasse mich nimmer und kenne mich nicht und weiß nicht
mich selber,
und es rauscht mir im Blut: Weisheit, wie bist du so müd!

Die Troststimme:
Flügel erwünschest du dir? Du hast sie! Beginne zu fliegen!
Hebe dich! Wiege! Du kannst, hast du nur einmal
gewollt!
Siehe den Regenbogen, des perlenden Wassers Gefälle:
sicherster Weg sind sie dir, Brücke dem gleitenden Fuß!
Siehe die Wolke: – dein Schiff! Den Äther dort sieh:
– deine Wohnung!
Wage nur, schwebe und heb' aufwärts den ringenden Fuß!

Die trauernde Stimme:
Blüten und perlendes Wasser, was sind sie mir: Träume,
o Träume!
Längst schon trau' ich nicht mehr dir, o du Stimme, die lockt!
Längst schon starb mir im Dämmer das Wissen der tieferen
Dinge.
O, es gab eine Zeit – – – aber die Träume sind Tod!
Die Troststimme:
Kreis stets gleitet in sich, es rundet sich Seele zu Seele;
weil du die Sehnsucht hast, hast du nicht, was du ersehnt.
Aber du bist, was du sehnst, du bist deine eigene Sehnsucht;
weil du nicht weißt, bist du wissend und allen erwählt.

* * *


Wirf ab, wirf ab das Kleid der schlimmen Tage,
Und was vergangen, laß vergangen sein.
Was sind uns Schatten! Eile her zu mir!
O eile nur! Ich harre deiner längst,
und draußen harr' ich, wo der Frühling ist,
wo Sonne steigt und Saft in Blüte quillt.
In solchem Lichte Hand in Händen wandelnd,
was könnten wir einander nicht verzeihn?

* * *



Zwiegesang

Jetzt nenne mich die Hülle,
jetzt nenne mich den Schein;
doch bald werd' ich die Fülle
und die Erfüllung sein.

Wir sind noch nicht erlesen,
das Tor fiel uns noch zu,
wir sind noch nicht ein Wesen,
wir sind noch ich und du.

Es schläft uns noch der Wille
zu tief in unserm Blut,
wir sind zu arm und stille,
wir sind noch gar nicht gut.

Die Seelen von Kristalle
austrinkt das Morgenrot;
und ich und du und alle,
wir sind schon lange tot.

Und sind schon neugeboren
und saugen mildes Licht;
wir haben uns verloren
und doch verlassen nicht.

Wir jauchzen immer lieber
und inniger des Scheins:
da sprang der Blick herüber,
und ich und du ward eins.

Von allem Glanz umklungen,
ward uns der Leib zu schwer,
wir sind nur noch umschlungen,
wir sind nichts andres mehr.

Jetzt nenne mich die Hülle,
jetzt nenne mich den Schein;
doch bald werd' ich die Fülle
und die Erfüllung sein.

* * *


Abendstunde

Es weht dein ferner Atem
mich sachte kühlend an.
Ganz tief lieg' ich verwoben
in dieser Stunde Bann.

Und alles unser Wissen
zerrinnt in Abendglut,
von allen unsern Worten
bleibt eins nur: sei mir gut!

* * *
Ach, unter stillen Sternen
geh' ich zu schlafen ein,
heb' noch einmal die Wimper
voll Ruh' und denke dein.

Von unten steigen Laute
verworren mir zu Sinn:
Gott möge dich behüten,
bis ich dein Hüter bin.

* * *

So nimm denn meine Seele,
so nimm denn meine Hand;
führ' mich, geliebtes Leben,
wie du zu Recht erkannt.

Und träuft aus deinem Auge
auch Gnade oder Pein:
am Ende werd' ich dennoch
nur schön und selig sein.

* * *


Der Denker

Was sich in Zeiten je begeben,
hab' ich vor aller Zeit gewußt:
es springt der Quell von allem Leben
geheimnisvoll aus meiner Brust.

Und als ich in der Schrift gelesen,
erlas ich nur, was ich schon bin;
in Finsternis sind alle Wesen,
doch ich das Licht und ich der Sinn.

* * *


Nächtlicher Gang

Finstre Stämme wollen drohen;
doch ich schreite sonder Bangen,
fern den Trüben, fern den Frohen,
ohne Stille noch Verlangen.

Gleiche Sterne seh' ich blinken
diese Nacht wie alle Nächte.
Und ein Steigen ist und Sinken
in dem Spiel geheimer Mächte.

Ahnt mir denn von schlimmen Dingen?
Jeder Tritt weckt neues Schallen.
Wird der Morgen sich entringen,
soll auch meine Wimper fallen.

* * *
Von Sternen glitt ein stummer Funke
und sank in warme Erdennacht;
ihn griff das Spiel der lauen Winde
und wog ihn sacht und trug ihn sacht.

Ich fing ihn mit den stillsten Händen:
er war nur Glut, doch Flamme nicht.
So hob ich ihn auf deinen Scheitel,
da ragst du nun und strahlst – ein Licht!

* * *

Heut' Nacht muß es von allen Sternen rieseln,
an blassen Fäden muß es niedergleiten,
und alle Bäume schütteln schweren Tau ab.

Am finstern Himmel blinkt noch eine Seele,
ein falsches Licht, verstohlen wie ein Vogel,
und schwimmt ins Leere ab und ist verdorben.

Und da: ein kalter Wind hat mich getroffen;
sei auf der Hut, sieh' dich nicht um, o Seele,
da steht der Tod und probt die langen Finger.

* * *

Meine Finger krümme ich zum Spiele;
aber deine Saiten sind ein Mißton;
aber dein Gehäuse ist zerborsten,
arme Laute!

Brennend ein Zündholz führ' ich nah' zum Dochte;
doch das Öl verzehrten andre Nächte,
und der Docht ist nur wie Ruß und Kohle,
arme Lampe!

Vor dem Fenster hocken plumpe Fratzen,
glotzen mit der Stirne durch die Scheiben,
kratzen mit den Nägeln an dem Glase,
arme Seele!

* * *