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Rosa Carlén – Tuva, das Findelkind

Eine Liebesgeschichte

Frau Rosa Carlén, Tuva, das Findelkind, Aus dem Schwedischen von Henrik Helms, Wolfgang Gerhard Verlag, Leipzig, 1863.


Erstes Kapitel.

Es war ein sonnenheller Tag, und dazu Christi Himmelfahrtstag. Auf den Bergeshöhen drüben saß Tuva; bald ließ sie ihre Sackpfeife leise tönen, bald sang sie, daß es ringsum in den Bergen wiederhallte.

Sie saß dort zusammengekauert; die nackten, schmutzigen Füße ruhten auf dem feuchten Moosgrunde, ihr spähender Blick schweifte über Himmel und Erde hinaus. Sie war klein und hager, von kleinen und feingeformten Gesichtszügen, aber die Augen waren wunderbar groß, und wem es gelang, in dieselben zu blicken – was selten erlaubt ward – der sah sie flimmern wie glühende Kohlen aus fallender Asche, oder eher wie ein Paar Katzenaugen im Finstern. Und nicht unähnlich einer wilden Katze war sie, das kleine wilde Geschöpf.

Von ihrer Geburt wußte Niemand zu erzählen, und ihre Eltern waren unbekannte Größen. Vielleicht hatte sie gar keine Eltern? Wenigstens meinten Viele, sie sei ein böser Kobold, eine leibhaftige Hexe, und ganz und gar kein Menschenkind. Doch seiner Sache gewiß war man nicht. Nur das wußte man mit Sicherheit, daß eines schönen Tages ein neugeborenes Kind auf dem Hügel an der Umzäunung des Gehöfts gelegen, und daß die Bauersfrau dort ihre erste und letzte poetische Idee bekommen hatte, als sie das arme Würmchen nach der Stelle benannte, auf welcher sie es gefunden hatte.1

Auf Kosten des Armenwesens wurde Tuva von der Bauersfrau auf dem Gehöft erzogen; allein man betrachtete sie als ein Unkraut, und in dieser Heimath blieb sie auch ein solches.

Von ihrer ersten Kindheit an war sie stets für sich geblieben, und Niemand vermochte aus ihren Gedanken klug zu werden. Sie verschloß sie, wie sie sich selbst verschloß; und so möchte es am besten sein, denn die Gedanken dürften nicht gut sein, sofern der scheue unstäte Blick, der höhnische Zug um den Mund, das fast teuflische Lächeln einen Sin« haben. Ihr ganzes Wesen und schmutziges Aeußere sprach von trotzigem Vorbehalt, und es hatte den Anschein, als wollte sie hinter demselben ihre eigene Verschämtheit verbergen.

Weshalb schämte sie sich denn?

Sie schämte sich, weil es so ihre Natur war, weil man es ihr so beigebracht hatte. Sie schämte sich, weil Alles über sie lachte, um sich selber ein Vergnügen zu bereiten, nie aber um sie zu erheitern, – weil man sich nur um sie kümmerte, wenn man sie zum Gegenstand irgend eines boshaften Scherzes machen wollte, – weil Niemand Etwas that, um sie gut und glücklich, sondern Alle ihr Möglichstes leisteten, sie schlecht und unglücklich zu machen.

So jung sie war, so sprach doch viel Altklugheit aus ihren Augen, und seit lange hatte sie gelernt, sich selbst genug zu sein. Von dem Augenblick an, als man sie auf dem Hügel fand und aufnahm, war sie selbst ihr einziger Freund ihre einzige Gesellschaft, ihr einziger Gott gewesen. Sie glaubte auch an keinen andern Gott, denn die Bauersfrau hatte ihr oft gesagt, daß der Gott der »richtigen Menschen« sich nicht um einen solchen häßlichen Wechselbalg kümmere, der in so sündhafter Weise und ohne allen Zweck zur Welt gekommen sei und Niemandem angehöre.

Ich mag auch niemand Anders als mich selbst – dachte Tuva – mich selbst und Den, der mich immer begleitet, der mir zunickt, wenn ich in den Fluß hinabschaue, und mir antwortet, wenn ich in den Wald hineinsinge. Aber der ist kein. Anderer als ich selbst, und der ist der Einzige, den ich mag.

Das waren Tuva's Gedanken, und es ist möglich, daß sie dieselben auch hätte aussprechen können; denn wenn sie einsam weit draußen im Walde saß, hatte sie Worte für ihre Gedanken; zu Hause bei der Bauersfrau fehlten sie ihr.

In die Versuchung, mit anderen Leuten zu reden, gerieth sie auch nicht leicht; den Tag verbrachte sie im Walde, die Nacht auf dem Boden, und so war ihr Leben verstrichen, so weit sie sich zu erinnern vermochte. Des Winters erinnerte sie sich am liebsten gar nicht, denn während desselben mußte sie sich meist in dem engen Viehhof aufhalten, wie ein Bärenjunges in der Höhle.

Noch nie hatte man ihr eine andere Beschäftigung gegeben, als das Vieh hüten, und wenn sie dem das Nachtfutter gereicht und Abends in die Stube trat, begegnete die Frau ihr stets mit einem zornigen Blick und hieß sie aus dem Wege gehen, sich fortpacken, mochte sie nun stehen und gehen wo sie wollte. Die Bauersfrau gehörte nämlich zu der Art Leute, die sich am wohlsten fühlen, wenn sie selbst Alles im Hause thun, und verlangte nur, daß alle Anderen ihr bei ihrem Schalten und Walten aus dem Wege gingen.

Dies mißfiel Tuva zwar nicht, denn sie schlich sich nun ans Fenster und betrachtete den Mondschein, der auf den Gemüsebeeten draußen lag, während innen beim flammenden Kienspan die Spinnräder sich mit einer Eile und einem Eifer drehten, als gälte es, das Glücksrad vorwärts zu rollen. Tuva liebte den Mond, der scharfen Schatten wegen, die er warf, und verlor sich oft in wunderliche Träumereien, wenn sie dieselben betrachtete. Aber das Summen der Spinnräder haßte sie, denn es störte sie in ihren Träumereien und ließ manchmal ein Gefühl in ihr aufsteigen, als wenn ihr Etwas fehle. Der Eifer und die Unruhe, die rings um sie herum herrschten, weckten ein peinliches Bewußtsein bei ihr, daß sie, und nur sie allein stillstand. Dies bewirkte, daß sie stets, wenn sie sich im Zimmer aufhielt, widerwillig war, und daß alle Anderen deshalb auch widerwillig gegen sie waren. Einen Tag, an welchem sie nur Freude erlebt hätte, hatte sie nie gekannt.

Christi Himmelfahrtstag, der heilige Donnerstag, wie sie ihn nannte, war sonst ihr bester Tag im Jahre.

An diesem wurde nämlich das Jungvieh »getauft,« und diese wichtige Handlung verschaffte ihr große Freude.

Der Himmelfahrtstag war aber auch der Tag, an welchem der Drachen auf dem Berge »sein Geld zu sonnen pflegte,« und wenn es Tuva auch noch nicht gelungen war, das zu sehen, so war sie doch an keinem solchen Tage auf die Waldweide gezogen, ohne die lebendigste Hoffnung auf ein solches Glück zu hegen. Das Mittagsessen an diesem Tage bestand außerdem aus Eiern und anderm »Sonntagsessen,« über welches sie sich nach langer Sehnsucht mit gieriger Eßlust warf; denn sonst setzte es schmale Bissen im Gehöft. Nicht, daß die Bauersleute arm waren, denn das Gehöft war groß und gut, sondern weil die Frau, in Allem böse, auch geizig war. Sie hielt auch oft Tuva vor, daß sie ein überflüssiges, nichtsnutziges Ding sei, pflichtete aber in ihrem stillen Sinn gewiß nicht dem bei, denn Tuva hütete das Vieh gut und kostete Nichts, sondern brachte vielmehr gegen vierzig Thaler aus der Armenkasse ein.

Als Tuva an diesem Himmelfahrtstage von dem Drachenberg nach dem Gehöft zurückkehrte, um gemeinsam mit den anderen Leuten dort ihr Mittagsmahl einzunehmen, setzte sie sich in den entlegensten Winkel des Zimmers, von wo sie aus ihren schwarzen Augen spähende Blicke warf, um zu sehen, ob Jemand sie hier betrachtete. Sie haßte es, daß die Leute sie anblickten, und vielleicht gerade deshalb versäumten diese nie es zu thun und dadurch ihren leicht auflodernden Zorn anzufachen.

Der Großknecht Johann verfuhr am ärgsten mit ihr. »Seht, da sitzt das schwarze Teufelchen wieder und prustet wie eine Katze!« pflegte er zu sagen, und Alle meinten, der Großknecht sei witzig. Alle lachten, wenn er lachte, und Alle blickten dorthin, wohin er zeigte. Ein Vulkan glühte und sprühte in dem kleinen Wesen, aber bislang hatte sie die Flamme zurückgehalten und nur in ihrem stillen Sinn sich gelobt, daß dieselbe eines Tages Alle verbrennen solle, wenn diese ihr zu nahe träten. War sie aber wieder allein auf der Weide im Walde, wo sie am besten gedieh, so sang sie wieder ihre Lieder wie immer und dachte, sie sei nicht für den Großknecht und seines Gleichen da. »Es ist curios,« sprach sie vor sich hin, »daß ich die Schlechteste sein soll, und doch kann ich mehr Gedanken denken, als sie, und Worte reden, wenn ich wollte und dürfte, die sie nimmer begreifen würden, wenn ich sie auch aus mir selbst hernehme und Niemand sie mich gelehrt hat.«

Während nun Tuva an diesem Tage im Zimmer saß, des Mittagsmahls harrend und erfreut, daß noch Niemand sie angesehen habe, trat der Großknecht, aus der Kirche kommend, dort ein. Er richtete denselben Gruß wie immer an sie; als er sie aber, um noch mehr Beifall von Seiten der anderen Knechte und Mägde zu ernten, aus dem Winkel hinter dem Herde hervorziehen wollte, trat sie von selbst hervor, blieb mitten im Zimmer stehen und stieß einen gellenden Schrei und einen Fluch aus.

»Nun, alleweile ist sie denn ganz toll geworden,« sagte der Großknecht. – »Ich sollte meinen, Herr, Ihr thätet am besten, sie anzubinden.«

»Ja freilich wäre das am besten,« sagte die Frau lachend, indem sie die Brodkrumen vom Tische strich, um sie dem Federvieh zuzuwerfen.

»Der, welcher das Boot belastet hat, mag es auch auf's Land ziehen,« antwortete der Bauer, kratzte sich den Kopf, setzte seine Mütze auf und ging seines Weges aus dem Zimmer hinaus.

»Sieh 'mal, sie ärgert sich jetzt, daß sie prustet wie eine Katze,« rief der Großknecht lachend. – »Da sitzt sie schon wieder im Katzenwinkel!«

»Ha, ha! Ich hasse Dich, Du!« schrie Tuva, indem sie gegen ihn hervorsprang und drohend in die Luft schlug. »Ich werde Keines von Euch vergessen, wenn die Reihe an mich kommt.«

Wie ein Wirbelwind huschte sie aus dem Zimmer hinaus, stampfte draußen mit den Füßen und schlug ein Hohngelächter auf. Darauf eilte sie nach dem Viehstall, legte mehrere Strohhalme kreuzweise vor die Eingangsthür dort und sprach über diese eine Zauberformel, die sie von dem alten Zigeunerweib gelernt hatte.

Aber plötzlich besann sie sich. Es sei zu kleinlich und sei auch Sünde, sich an dem Vieh zu rächen, – und mit verächtlicher Miene zerstörte sie nun den Zauber wieder; aber sie lachte auf's Neue, und zwar grausiger als das erste Mal.

An dem Abend dieses Tages blieb Tuva länger als sonst auf den Bergeshöhen sitzen und betrachtete das unten liegende Gehöft, das in der sinkenden Sonne wie Feuer glühte.

Es that ihr wohl, das zu sehen, meinte sie. Die Gluth ward immer stärker, und je länger sie dieselbe betrachtete, desto mehr erweiterten sich ihre Augen, desto mehr flammte ihr Blick. Und sie kniete nieder, murmelte einige Worte hervor und lachte noch einmal hell auf. Als sie sich wieder erhob, war die Gluth im Westen schon tiefer gesunken und erloschen. Sie holte tief Athem, warf einen eigenthümlichen Blick über das Gehöft hinaus, holte die Sackpfeife hervor und blies eine wilde Melodie auf derselben.

Ein langer Ton von einer Schalmei antwortete ihr. Sie lauschte, sie kannte den Ton und schwieg. Sie zog ihre nackten Füße zurück und verbarg sie unter ihren zerlumpten Kleidern, zog auch ihre großen Augen in die tiefen Höhlen hinein und holte endlich recht tief Athem, fast wie ein Seufzer. Der, welcher sie gestört hatte, war gerade Einer, dem sie vor allen Anderen aus dem Wege ging, ein junger Viehhirt, der stets auf der Lauer lag, um sie zu überrumpeln. Heute aber hatte Tuva Verdruß genug gehabt, und sie wollte überhaupt ungestört an die Leute dort unten im Gehöft denken. Sie blies noch einmal, aber in einer Weise, daß es schien, als käme der Ton aus einer andern Richtung, wodurch der Hirt richtig irre geleitet ward.

Nachdem ihr dies gelungen war, fühlte sie sich wieder beruhigt auf ihrem Sitz auf der Bergeshöhe, steckte die Sackpfeife ein und ließ nun das Echo ihrer eigenen koboldartigen Stimme antworten. Und eine merkwürdige Stimme, hatte sie, wenn sie auf dem Berge und im Walde sang, einen so tiefen Ton, daß man staunen mußte, wo sie ihn hernehme. Oft wunderte sie sich selbst und lauschte gleichfalls staunend ihren eigenen Tönen.

Heute wunderte sie sich aber wie noch nie, denn noch nie war ihr Ton so tief, so wild, so unheimlich gewesen, als an diesem Abend, wo der rothe Schein um das Gehöft flammte.



Zweites Kapitel.

Nachts schlief Tuva allein auf dem Boden. Am Abend des Himmelfahrtstages hatte sie sich mit leichterem Sinn hingelegt, als sonst jemals. Ihr war zu Muthe, als habe sie einen wichtigen Lebensschritt gethan.

Am darauf folgenden Morgen erwachte sie mit frischem Muthe, und trotzdem daß die Bauersfrau die Thüren fast ärger als sonst zuwarf, was kein gutes Zeichen war, fühlte sie sich heute nicht im geringsten dadurch eingeschüchtert. Sie schlich sich leise auf die Treppe hinaus, harrte dort eine Weile, bis die Knechte sich zur Arbeit begeben hatten, trat dann erst in's Zimmer, nahm ihr Frühstück an sich und begab sich in's Freie.

Leicht und fröhlich schritt sie durch die frische Natur, von Berg zu Berg, es war ihr, als schauten die Kühe sie heute mit ganz besonders freundlichen Augen an. Die ganze Natur lächelte sie an und – was ihr eine große Befriedigung war – die anderen Hirten mußten weit entfernt sein, denn ungeachtet die Sonne hoch am Himmel stand, hatte sie noch keine Schalmei tönen gehört.

Es kam ihr zwar ganz unbegreiflich vor, aber sie fühlte sich wie neugeboren, und sie war es auch, denn sie hatte jetzt ein Etwas, für welches sie lebte. Die Flammen, die am Abend vorher um das Gehöft gespielt, hatten einen Gedanken in ihrem Innern aufflammen lassen, und dieser Gedanke war während der Nacht gereift. Daß jetzt Alles sie anlächelte, bedeute – so dachte sie vielleicht –, daß es ein guter Gedanke sei, und deshalb warf sie sich auch in das hohe Gras nieder und sang das fröhlichste von allen ihren Liedern – Alles aus Vergnügen an jenem Gedanken und dessen Ausführung.

Tuva verstand nicht viel von den Worten ihrer Lieder, und ein Anderer würde noch weniger verstanden haben, denn sie stellte und mischte sie oft willkürlich unter einander; allein der Gesang machte sich verständlich ohne Worte, er war frisch wie der lächelnde Morgen. – Plötzlich, inmitten des zweiten Verses, hielt sie aber inne, schlich sich ein wenig seitwärts, aber nur ganz wenig, denn in ihren Lebtagen hatte sie noch nie dergleichen gesehen, als sie jetzt sah.

In dem hohen Grase, das fast mannshoch war, lag sorglos ausgestreckt ein Herr, ein richtiger Herr. Solche Ehre sei dem Grase so hoch auf dem Berge doch noch nie angethan worden, dachte Tuva. Nicht gerade, daß der Herr so fein und geleckt sei, wie sie früher welche gesehen, denn sein Rock lag neben ihm, das Halstuch war aufgelöst und das Hemd aufgeknöpft, so daß die Brust frei davon erzählen konnte, daß der Mann zum Geschlechte Esau's gehöre. Aber es war doch Etwas an ihm, was ihn als eine andere Art von Menschen kennzeichnete, als die, welche zu Tuva's gewöhnlicher Umgebung gehörte. Mit der einen Hand stützte er seinen Kopf und in der andern hielt er einen Bleistift, der jetzt ruhte, während er mit Interesse das wilde Hirtenmädchen betrachtete.

Wenn Tuva gewußt hätte, was Interesse heißt, hätte man wohl behaupten können, daß auch sie ihrerseits mit Interesse das leicht in die Hand gestützte Haupt, die hohe, breite Stirn, die einen dunkeln Schatten über die tiefliegenden Augen warf, die schön gezeichneten, schwarzen Augenbrauen und die ganze schlanke Gestalt betrachtete, die in ihrer ganzen Länge von drei vollen Ellen dort ausgestreckt lag.

Es war zu sonderbar, daß sie nicht davonlief, und sich wie ein aufgeschrecktes Eichkätzchen verbarg, aber sie konnte vor lauter Erstaunen nicht von der Stelle.

»Was bist Du für eine kleine Waldhexe, und weshalb hast Du schwarzes Haar und nicht grünes, Du, wie die Anderen?« fragte der Fremde, indem er aufblickte.

Aber so weit, daß sie Rede und Antwort stände, ging die Dreistigkeit Tuva's doch nicht. Sie hob schon den Fuß, um waldeinwärts zu flüchten; aber nein – der fremde Herr befahl ihr zu bleiben, und zwar mit einer Stimme, der zu lauschen sie selbst widerstrebend nicht unterlassen konnte.

Eine gute Weile betrachtete er sie mit wechselndem Interesse, schlug dann seine Mappe auseinander und begann sie in raschen Zügen zu skizziren. Er that dies Alles ganz einfach und natürlich, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß er der Erste sei, dem sie, nicht prustend wie ein Kätzchen, es erlaubt habe, sie anzusehen. Sie selbst begriff es nun ganz und gar nicht, daß sie das zugegeben hatte, und am allerwenigsten begriff sie sich selbst, als sie, von einer unwiderstehlichen Macht gezogen, ihm so nahe trat, daß sie einen Blick in seine Mappe werfen konnte.

Doch jetzt sah sie plötzlich Mairose, die Lieblingskuh, unten im Thale durchgehen. Es verstand sich von selbst, daß sie der Kuh nachlaufen mußte, allein seine Stimme, jetzt gleich unwiderstehlich wie vorher, bannte sie auf's Neue.

»Bleibe stehen, rühre Dich nicht von der Stelle,« rief er.

Tuva war außer sich. Es kam ihr sonst niemals schwer an, gerade das Gegentheil von dem zu thun, was die Leute von ihr wünschten, aber jetzt unterlag sie einer Gewalt, gegen welche sich aufzulehnen sie außer Stande war. Sie durfte sich nicht rühren, sie durfte die Kuh nicht sich selber überlassen, sie durfte ganz und gar Nichts, bis endlich diese Noth sie zu sprechen zwang.

»Mairos' geht durch!« sagte sie, und blickte dreist empor.

»Was thut sie?« fragte der Maler, schlug gleichfalls eine Secunde seinen Blick empor, schaute wieder auf seine Skizze und fuhr fort zu zeichnen.

»Sie geht durch. Ich kann nicht länger!« versicherte Tuva, schon mit den Füßen trampelnd und auf dem Sprunge, davon zu laufen.

»So laufe denn – lauf! – Ich brauche Dich nicht länger,« – sagte er und erhob sich,

Sie ließ sich das nicht zweimal sagen, und während sie sich immerfort ängstigte, daß er hinter ihr her sei, flog sie wie ein Vogel davon, bis sie unten im Thale die Mairos' fand, die schon auf den Moorboden hinausgerathen war. Tuva verging fast der Athem bei dem bloßen Gedanken an die Miene, mit welcher die Bauersfrau ihr entgegentreten würde, wenn die beste Kuh irgend welches Unglück betroffen, und daß sie noch zeitig an Ort und Stelle angekommen war, machte sie so erfreut, daß sie sich an den Saum des Waldes setzte, und zum Preis der Waldgeister in ihre Sackpfeife blies.

Aber bald kehrten ihre Gedanken zu dem so eben Vorgefallenen zurück, und sie erleichterte ihr Erstaunen mit dem lauten Ausruf: »Mein Lebtage hab' ich so'n curiosen Herrn nicht gesehen!«

»Und ich noch nie ein so leichtfüßiges Kind; – aber wer bist Du denn eigentlich?«

Gerade dieselbe Frage wollte Tuva an ihn richten. und auf seine Frage zu antworten, verspürte sie gar keine Lust.

»Nun also, wer bist Du, wie heißt Du?« wiederholte er, und warf sich in's Gras neben ihr nieder.

Das sei ganz gleichgiltig, meinte Tuva.

»Ah so! Du bist also eine Waldhexe?«

Nein! Sie sei keine Hexe, wenn auch die Leute es sagten.

»Aber die, welche vorher sang, war irgend eine Waldnymphe, oder wer war es sonst?«

»Das war ich.«

»Was für eine ich?«

»Ich – Tuva!«

»Tuva – und was mehr?«

»Nichts mehr!« Und sie hätte Nichts mehr sagen mögen, wenn auch mehr zu sagen gewesen wäre.

Tuva dachte, der Herr würde doch wohl jetzt gehen, aber er blieb sitzen.

»Tuva – und was mehr?« wiederholte er.

»Tuva vom Gehöft.«

»Tuva im Walde ist besser. Aber gleichviel! – Bist Du alle Tage im Walde und erschreckst die Leute?«

Ja, sie sei alle Tage im Walde, denn sie müsse das Vieh hüten. Und dabei erinnerte sie sich, daß sie jetzt wiederum diese Beschäftigung vergessen hatte, und weiter müsse.

»Warte, ich werde Dir helfen! Nicht wahr, wir müssen die weißbunte Kuh dort unten hierher treiben?«

Nein doch! Jetzt sei er doch zu spaßhaft. Ein solcher Herr Brunfage treiben! – Aber, was er wohl in der Mappe haben möchte?

»Wenn Du Dich hier neben mich setzen und das ansehen würdest, was ich hier in der Mappe habe,« – sagte er, indem er ihrem staunenden Blick begegnete – so würde ich die Blätter umwenden, und doch immer ein Auge auf die große, sattgefressene Kuh Brunfat, oder wie sie heißt, haben.«

Jetzt erst konnte Tuva sich vor Erstaunen kaum lassen. Solche Zeichnungen hatte sie noch nie gesehen. Die Bauersfrau hatte freilich einen rothen Reiter auf einem blauen Pferde in dem Alkoven hängen, aber was sie hier sah, schien ihr doch merkwürdiger, trotzdem daß es schwarz war.

Nachdem er ihr eine noch nicht fertige Zeichnung von dem Kopfe eines kleinen Mädchens mit flatterndem Haar und dunklen tiefen Augen gezeigt hatte, fragte er, wen sie wohl denke, daß die Skizze vorstelle.

»Ich kenne sie nicht,« sagte Tuva.

»Errathe 'mal!«

»Ist es Brunfage?«

»Wer?«

»Die weißbunte.«

»Die Kuh dort?«

»Ja!«

Unser Künstler lachte laut auf, legte die Zeichnung aus der Hand, betrachtete Brunfage's grillige Physiognomie und lachte auf's Neue.

»Ich möchte doch wissen, ob wir nicht herausfinden könnten, wie Du sonst heißt,« sagte er. »Zum Beispiel: Peterstochter, Anderstochter, Nilstochter, Bryngelstochter?2 Nichts von alledem? – Nun, wo wohnst Du denn?«

»Bei der Bauersfrau auf dem Gehöft?«

»Ist sie Deine Mutter?«

»Ich habe keine Mutter.«

»Aber Dein Vater denn?«

»Ach nein!«

»Wie bist Du denn in das Gehöft gekommen?«

»Ich lag dort unten auf dem Hügel.«

Es entstand eine Pause im Gespräch. Unser Künstler sann eine Weile nach und errieth bald den Zusammenhang. Eine düstere Wolke glitt über die schwarzen Augenbrauen dahin, und schien gut zu passen zu der tiefen Furche zwischen denselben. In einem weicheren Ton, als man von ihm hätte vermuthen sollen, fuhr er darauf fort:

»Und Du hast nie erfahren, wer Dich auf diesen Hügel hinlegte?«

»Nein! Nein!« Doch Tuva selbst hatte sich oft über jene Thatsache gewundert, und manche schlaflose Nacht hatte sie mit Hin- und Herdenken über diese vergebliche Frage verbracht.

»Sind die Frau und die anderen Leute im Gehöft gut gegen Dich?«

»Beileibe nicht! Die Bauersfrau schimpft und zankt, der Großknecht verhöhnt mich, und um den Bauer selbst kümmert sich Niemand.«

»Ein schönes Bild! Du möchtest dann wohl am liebsten fort vom Gehöft?«

»Das weiß ich nicht recht. Ich möchte sie am liebsten umbringen.«

»Wie sagtest Du?«

»Der böse Geist möge sie holen, Alle insgesammt!«

»Schöne Prinzipien! Wer hat Dir Anweisung auf den Bösen gegeben?«

»Kennt Er ihn nicht?«

»Nein, ich habe nicht die Ehre.«

Allein Tuva kannte den erwähnten Potentaten um so besser, und Andere sollten ihn auch kennen lernen, meinte sie, und ballte die Hand in der Richtung nach dem Gehöft.

»Wie meinst Du das eigentlich?« fragte ihr Zuhörer.

Wie dem aber auch sei, – sie sprach ihre Meinung nicht aus und gab keine Aufklärung. Es war aber nichts Gutes, denn sie glühte wie ein Feuerbrand, indem sie daran dachte.

Unser Künstler blickte sie aufmerksam an, jetzt nicht allein mit dem Interesse des Artisten, sondern zugleich mit der Theilnahme des Menschenfreundes.

Er winkte sie näher an sich heran und sagte freundlich: »Komm her zu mir, daß ich erfahre, ob ich Etwas für Dich thun kann.«

Auch jetzt empfand Tuva, daß sie dieser Stimme – ganz und gar gegen ihren Willen – gehorchen müsse; sie näherte sich ihm, wenn auch langsamen Schrittes.

»Du hattest vorher einen Gedanken, der nichts Gutes enthielt, Tuva! Du sollst Niemand in die Gewalt des Bösen wünschen.«

»Ja, doch! Alle sollen sie dahin!« – rief sie fast in Wuth.

»Solche Gedanken kommen gerade von dem Bösen selbst, Tuva! Hole lieber Deine Gedanken aus besseren Quellen, und gieb Gott die Rache anheim.«

»Ihn kenne ich nicht!« erklärte Tuva.

»Es dürfte aber gut und dringend sein, daß Du ihn kennen lerntest. Nicht wahr, das willst Du?«

Tuva riß eine Menge Grashalme aus und streute sie umher, aber sie antwortete nicht. Er wiederholte seine Frage und sprach einige Worte von Demjenigen, der die Sperlinge sättigt und die Waisen schirmt.

»Nun, sage mir, willst Du ihn nicht kennen lernen?«

Sie besann sich eine Weile. Sie wußte nicht recht; – sie glaubte es kaum. Nein, endlich verzichtete sie ganz auf eine solche Bekanntschaft.

Er ermahnte sie indeß, sich die Sache zu überlegen, zog seine Uhr hervor, steckte eine Cigarre an, und erhob sich zum Gehen.

»Wo geht Er jetzt hin?«

»Ich gehe nach Hause.«

»Wo ist das?« fragte Tuva weiter, die sich nun erholt und zu fragen begonnen hatte, mehr als sie ihr ganzes Leben lang gethan.

»Dort auf dem Herrenhofe, auf Rydeholm an der andern Seite vom See, wie Du siehst. Weißt Du, wer dort wohnt?«

»Dort wohnt der Landrichter. Ist Er der Landrichter?«

»Ich? – Nein, Du wirst es nicht erleben, daß ich Landrichter werde. Aber ich bin immerhin dort, um die Landrichtern zu erlernen, – verstehst Du?«

»Wie heißt Er?«

»Der Landrichter?«

»Nein; Er!«

»Ich? – Ich heiße . . . ja, es geht mir wie Dir, ich kann mich auch nicht recht besinnen, wie ich heiße. – Aber singe jetzt, bevor wir uns trennen, das Lied wieder, das Du vorher dort oben sangst.«

Sie that wie er wünschte, denn sie war außer Stande, anders zu thun; aber das Lied war jetzt zu fröhlich, es wollte nicht mehr so recht gelingen. Allmälig lenkte sie in ein anderes über, welches sie selbst gedichtet, wild, düster und sonderbar.

Als das Lied zu Ende war, blieb sie gesenkten Blicks, die Hände gefaltet im Schooße liegend, sitzen, und nach und nach bemächtigte sich ihrer ein sonderbares, sanftes Gefühl, indem sie sich vergegenwärtigte, wie freundlich der fremde Herr mit ihr gesprochen hatte. Sie verbarg ihr Gesicht in die Hände, damit sie nicht sähe, wenn er gehe, denn daß er sie nun verlassen würde, das wußte sie; doch plötzlich erhob sie Kopf und Blick bei dem Klang einer Stimme, der sie sich seitdem während ihres ganzen Lebens erinnerte, und die nun die Worte sprach: »Arme, kleine Tuva im Walde!«

Ein seltsames Gefühl bemächtigte sich des wilden Wesens, und einem plötzlichen Instincte folgend, ließ sie sich von dem Felsblock, auf welchem sie ruhte, herabgleiten, und verschwand wie ein Irrlicht in den Wald.



Drittes Kapitel.

»Malchen, mein Herz! Unser Herr Actuar ist noch nicht da; – wir warten nicht länger mit unserm Mittag,« sagte Landrichter Träffen zu seiner Frau Gemahlin an dem Tage, wo Actuar Scheffer sich, wie es im vorigen Capitel erzählt ist, bei Tuva im Walde vergessen hatte.

Frau Landrichter Träffen war eine Dame in mittleren Jahren, von romantischer Natur und unromantischem Aeußern und Wesen; sie saß, als sie jene Ordre ihres Ehegemahls empfing, wohl verhüllt von einem grauen seidenen Kleide, tief eingedrückt in die Sophaecke. Jeder Andere, als Landrichter Träffen, würde vollständig satt und zufriedengestellt gewesen sein durch das bloße Anschauen dieser Dame mit ihren kleinen runden Armen und leberfleckigen Händen.

Allein ihr theurer Ehegemahl hatte schon neunzehn volle Jahre diese Augenlust genossen, und zwar ohne daß ihm der Appetit vergangen war, was mit anderen Worten so viel sagen will, daß er die Reize seiner Frau noch hoch schätzte, so hoch, wie Landrichter Träffen, von seinem hohen Standpunkt aus, eben etwas Anderes als sich selbst zu schätzen vermochte.

Denn es darf nicht unerwähnt gelassen werden, daß, obgleich Landrichter Träffen selten in persona singularis sprach, sondern in der Regel die Worte wir und uns gebrauchte, dieselben doch niemals irgend jemand Anders als ihn selbst bezeichneten, höchstens dann und wann mit einem Nebenbegriff von der sehr bedeutungslosen Stellung, die er in Amtsgeschäften seinen Beigeordneten einräumte.

Der vortreffliche Mann empfand nämlich in seiner eigenen Anwesenheit ein unbegrenztes Gefühl wahrer Hochachtung und Ehrfurcht; und dieses Gefühl verließ ihn nie, und zwar aus dem natürlichen Grunde, weil Landrichter Träffen außer Stande war, sein eigenes Ich in irgend einer Beziehung des Lebens bei Seite zu schieben. Lobend muß aber andererseits hervorgehoben werden, daß er trotzdem mit großer Resignation die ganze Last dieses seines Ichs mit sich führte, er mochte sich befinden wo er wollte, vom Richterstuhle, auf welchem er in großer Macht und Herrlichkeit thronte, bis in das Schlafgemach seiner Frau, woselbst er allabendlich mit großer Schwere und Huld den Tag beschloß.

Im Uebrigen war Frau Landrichter Träffen diejenige, die sich am leichtesten unter der Last der imponirenden Würde bewegte, die das Eintreten ihres Ehegemahls stets mitbrachte. Sie verbreitete durch ihre Alles romantisirende Natur, ihre kleine runde Gestalt, ihre ruhige, gemächliche Art und Weise und ihre entwaffnende Sorglosigkeit eine Atmosphäre gutmüthigen, Wohlseins um sich herum, die wohl am Platze war als mildernder Schatten neben dem strahlenden Glanze des Mannes.

Die Frau Landräthin Träffen war übrigens eine geborne Freiherrin Freijden, die einzige Tochter des Präsidenten Freijden, und hatte, als sie sich nach dem Tode ihres Vaters vereinsamt und in nicht gerade den besten Umständen befand, die mit großem Pomp dargereichte Hand des Landrichters Träffen angenommen.

Obgleich sie hierdurch zum ersten und einzigen Mal die Romantik bei Seite ließ, hatte sie keinen Augenblick Ursache gehabt, es zu bereuen. Sie vermählte sich nämlich ohne alle überspannte Liebe, aber mit Gefühlen von unbegrenzter Achtung und ebenso unbegrenzter Hoffnung auf ein sorgenfreies Leben; und sie hatte die ersteren beibehalten und die letzteren erfüllt gesehen, jetzt fast zwanzig Jahre hindurch. Die Partie war überhaupt in ihrer äußern Gestaltung eine der sogenannten guten.

Landrichter Träffen bot nämlich nicht allein sich selbst dar, obgleich das mehr als genügend gewesen wäre – sondern er brachte gleichzeitig eine einträgliche Landrichterei mit; denn da er noch aus den alten beneidenswerthen Zeiten stammte, in welchen die Gerichtsämter, gleich wie andere Güter dieser Welt, sich vererbten, so ward ihm, als sein Vater verstarb, ein solches schon in seinem achtundzwanzigsten Jahre bescheert. Er schaute sogleich nach einer Gemahlin aus, fand Gefallen an der Tochter des Präsidenten, und da er mit Grund fand, daß es keinen wichtigeren Tag im Jahre als seinen eigenen Geburtstag gab, so hielt er am neunundzwanzigsten Jahrestag dieses großen Ereignisses um die Freiherrin an, vermählte sich an dem dreißigsten, und, stets pünktlich, feierte er die Taufe seiner erst- und einziggebornen Erbin präcis an dem einunddreißigsten, und es freut uns sagen zu können, daß Frau Landrichter Träffen in der jungen Dame ihren vortrefflichen Mann in der würdigsten Weise reproducirt hatte.

Pauline Träffen – der Landrichter hieß nämlich Paul – saß am Fenster, über einen Näh­rahmen gebeugt, und betrachtete aufmerksam ein Muster, eine Scene aus dem Hirtenleben darstellend, das sich, wie es schien, weniger für Tapisserie eignete und eher als Gemälde hätte bewundert werden können. Sie war in ihrem leichten hellen Mousselinkleid schön wie der Tag, der entzückt schien, indem er in goldigen Reflexen mit ihren blonden Locken spielte. Man hätte sie vielleicht ein wenig zu hoch gewachsen finden können; allein es harmonirte mit dem ganzen imposanten Ausdruck, und die geschmeidigen Bewegungen des Schwans konnten in Anmuth die Grazie nicht übertreffen, mit welcher sie ihre hohe Gestalt trug.

Ihre Augen, blau und von langen Wimpern beschattet, waren von einem dunkeln Rand eingefaßt, der sehr zu dem Glanze ihrer Emaille beitrug. Das ovale Antlitz hatte jenen klaren Teint, der nur den Schönen des Nordens gehört, und derselbe war in dem Grade durchsichtig, daß man in den feinen Adern die leichte Wallung des Blutes bemerkte. Schultern und Hals waren ein Rosengarten, überstreut, aber nicht bedeckt mit leichten Wehen frischgefallenen Schnees.

So war die junge achtzehnjährige Dame, die am Fenster saß, aber jetzt, als ihr Vater ankündigte, daß wir nicht länger warten würden, sich erhob und mit majestätischen, aber doch leichten Schritten in das Speisezimmer trat.

Ihr Vater folgte ihr mit einem Blick, in welchem zu lesen war, daß der Herr sein Werk betrachtete und sah, daß es gut sei, wie es auch nicht anders sein konnte.

Eine andere Thür des Speisezimmers that sich zu gleicher Zeit auf, und durch dieselbe traten drei Personen, die als Planeten von dem Sonnensystem des Landrichters Träffen zu betrachten sind.

An der Spitze derselben schritt der Vicelandrichter Grill, eine alte fröhliche Seele; obgleich etwas jünger als Landrichter Träffen, genoß er doch die Auszeichnung, ein Universitätskamerad desselben zu sein, und besaß gleichfalls aus jener Zeit das Vorrecht, ein Duzbruder des großen Mannes zu sein. Vicelandrichter Grill war, wie bereits erwähnt, eine alte fröhliche Seele, einfach, offenherzig und, wie er selbst zu sagen pflegte, ein ganz, teufelmäßig gemüthlicher Kerl, allein er besann sich leider nie darauf, daß »Bruder Träffen« sich schon seit zwei Decennien über jedwede Brüderschaft mit Vicelandrichters und gemüthlichen Leuten erhaben fühlte.

Es war deshalb dem Betreffenden kein geringer Aerger, daß Grill seinen Vorgesetzten immer noch ungefähr wie in früheren Tagen behandelte; er begrüßte ihn z. B. jetzt mit dem wenig ehrfurchtsvollen Ausruf: »Denke Dir, Bruder Träffen, der Lümmel Peter Lurholm war so eben bei mir und wollte, ich sollte ihm die Eingabe wegen Appell in seiner Prozeßsache schreiben! – Aber ich ließ ihn natürlicherweise gehörig abblitzen und gab ihm zu verstehen, daß ein Urtheil von Träffen, dem Ehrenmann, von unserm Herrgott selbst nicht abgeändert werden könne.«

Von dem Inhalt dieser Mittheilung fand sich Landrichter Träffen nun allerdings angenehm berührt, allein die Art und Weise rief eine Röthe auf seiner Stirn hervor.

Hinter Grill trat der königliche Secretär Herr von Kork ein. Derselbe befand sich gegenwärtig in einer britischen Beziehung zu Fräulein Pauline und in einer noch kritischeren zu einer andern jungen Person im Hause, nämlich zur Kammerjungfer.

Die erste Beziehung war jedoch für den Augenblick von hervortretender Wichtigkeit, und es mußte bald über dieselbe entschieden werden, denn Herr von Kork wollte nächstens nach Stockholm abreisen, um in das Hofgericht einzutreten, und vorher sollte die Angelegenheit erledigt fein, eine Angelegenheit, die Hymen besiegeln müsse und die den Hauptzweck hatte, die Gelder, die Landrichter Träffen theils geerbt, theils durch kluge Verwaltung erworben hatte, dem von Kork'schen Fideicommiß zu annectiren.

Zuletzt erschien der Copist, früherer Fahnenjunker Lange, der sich gern in den Hintergrund stellte, jedoch dem Branntweintisch3 so nahe als möglich, woselbst er unsertwegen stehen bleiben mag.

Diese Personen waren alle glücklich in's Zimmer getreten und der Landrichter sprach noch einmal sein »wir warten jetzt nicht länger,« als die Thür sich auf's Neue aufthat und ein junger Mann, den phantastischen Kopf voll seiner Waldabenteuer, eintrat, eine mehr legere als tactvolle Entschuldigung wegen seiner Verzögerung machte und sich ermüdet am Fenster in der Nähe von Fräulein Pauline niederließ.

»Herr Actuar Scheffer nimmt sich Zeit, seine Skizzen aufzunehmen« – bemerkte der Landrichter.

Der junge Mann bestätigte die Richtigkeit dieser Bemerkung theils durch eine stumme Verbeugung, theils durch einen schnellen Blick auf von Kork, der hinter dem Stuhl Paulinens stand, und einen längeren auf Pauline selbst.

»Ich glaube, hier ist eine Scene aus Balders Haga gespielt worden, während ich in Wald und Flur umherstreifte!« äußerte er halblaut und neckisch, indem er sich an Pauline wandte.

Von Kork biß sich in die Lippen, Pauline erröthete und erhob sich von ihrem Sitz am Fenster. Man sah, daß der Scherz Beiden gleich wenig behagte. Vicelandrichter Grill dahingegen, der alte fröhliche Knabe, fand ihn vortrefflich und recitirte sofort gleichfalls halblaut:


»Ist er nicht rein wie Urda's klare Wog',
Voll Unschuld er, wie Gefion's Morgenträume?«


»Ganz richtig« – fiel Actuar Scheffer ein und setzte die Recitation fort, indem er sich an Pauline und von Kork mit den Worten wandte:


»Die hohe Sonne ihren reinen Blick
Von zweien Liebenden nicht zornig wendet.«


Doch weiter kam er nicht, denn der Landrichter Träffen hatte während dessen den »Appetitsup« an dem Nebentisch eingenommen und schlug nun die Hände kräftig gegen einander, ein Signal nicht allein zum Beginn des Mittags, sondern auch als Einleitung zu der bei demselben in der Regel obwaltenden düstern Stimmung.

An diesem Tage gestaltete dieselbe sich womöglich noch düsterer als sonst, denn »wir« hatten nicht allein warten müssen, »wir« hatten sogar bemerkt, daß man sich in unserer hohen Gegenwart zu scherzen erlaubt hatte, was »wir« im höchsten Grade übel vermerkt hatten.

Vom Fahnenjunker Lange an, der ganz am untern Ende des Tisches saß, bis zu Fräulein Pauline, die am obern Ende thronte, wurden Alle in einen frostigen Nebel gehüllt, der aus den Enden des weißen Halstuchs des Landrichters Träffen auszugehen schien, die mehr als alle anderen weißen Halstuchenden an Schnee und Winter erinnerten.

Doch, Gott sei Dank, die Tafel ging zu Ende, und man athmete wieder auf, als die weißen Halstuchenden sich zurückzogen, um sich nach dem Essen gnädigst auszuruhen.

Frau Landrichter Träffen, die gar gern den jungen Actuar und Maler protegirte, winkte ihm, und lud ihn ein, Platz neben ihr zu ergreifen.

Actuar Scheffer, der ein Vergnügen darin fand, der kleinen, runden, romantischen Frau allerlei Artigkeiten zu sagen, nahm die Einladung an, und begann mit halblauter Stimme und im lyrischen Ton sich über die pittoresken Aussichten zu verbreiten, die überall in dieser Gegend überraschten, und über das Wild-Romantische, das man sowohl in der Natur, als in dem Volkscharakter wiederfand.

Dies war gerade ein Thema für Frau Träffen. Mit vollen Segeln steuerte sie in das Meer der Romantik, der Sage und Legende hinaus, und fischte an's Licht verzauberte Prinzen und Prinzessinnen, Hexen und Kobolde aller Art.

Unterdeß hatte Herr von Kork sich bestens bestrebt, Fräulein Pauline zu unterhalten und dabei die Frage seiner Bewerbung einzuleiten. Er stand ihr sehr unruhig gegenüber, als stünde er auf Kohlen, und war gerade im Begriff, seiner dahinfließenden Liebessuade freien Lauf zu lassen, als er bemerkte, daß die ganze Aufmerksamkeit seiner Auserkorenen sich auf Herrn Scheffer gelenkt hatte, der von seinem Abenteuer am Vormittag erzählte. Der arme von Kork mußte wieder zukorken und, wie es die Uebrigen thaten, Herrn Scheffer's wahrer Erzählung lauschen, die mit einer Bleistiftskizze illustrirt wurde, unter welcher zu lesen stand: »Tuva im Walde.«

Frau Träffen fühlte sich überaus glücklich, klatschte in ihre kleinen leberfleckigen Hände und dankte Gott für einen so romantischen Fund.

Sie hätte sich sofort aufgemacht, um »das kleine theure Kind« herbeizuholen, wenn nicht Fräulein Pauline der Ausführung dieses Projects mit der kalten Frage entgegengetreten wäre: ob sie denn nicht schon früher von dem Pflegekind Erich Carlson's gehört habe.

Frau Träffen, die selten ihre Sophakissen verließ, hatte Nichts gehört, lauschte aber nun, gleich Herrn Scheffer, mit lebhaftem Interesse dem, was Pauline zu erzählen wußte.

»Es soll ein kleines, sonderbares Geschöpf sein« – sagte Pauline und ließ ihren halb verschleierten Blick auf dem Künstler ruhen; – »aber ich habe sie nie gesehen, und höre auch erst jetzt, daß sie so sehr schön sein soll. Ich habe auch Nichts davon gehört, daß sie schlecht behandelt wird, und man dürfte gewiß am richtigsten thun, Herr Scheffer, wenn man sich erst näher erkundigte, inwiefern die Theilnahme am Platze ist. Ist das Verhältniß so, wie Herr Scheffer es darstellt, so müssen wir natürlicherweise thun, was in unseren Kräften steht.«

Sie richtete auf's Neue ihren Blick, jetzt aber in einer etwas neckischen Weise, auf den jungen Mann, während Frau Träffen einfiel:

»Ach, liebste Pauline, Du mußt wirklich morgen Nachrichten über das Kind einziehen. Ich sehne mich, die Kleine mit ihren großen phantastischen Augen zu sehen. Denke Dir, welche lebende Bilder wir werden arrangiren können!«

»Ich fürchte, sie dürfte dazu wenig verwendbar sein,« bemerkte Herr Scheffer; »sie hat gar keine Neigung, still zu sitzen und noch weniger sich beschauen zu lassen.«

»Tuva – nein, der Name ist zu eigentümlich!« fuhr Frau Träffen fort. – »Denken Sie an die Decorationen, Herr Scheffer, das ist Ihre Sache. – Aber hatte sie nicht Stimme, das theure Kind? – Da wird eine kleine Operette passen. Laß sehen: – ja, eine halb wahnsinnige Hirtin, singend, gebrochenen Tones, auf dem bemoosten Stamm einer umgefallenen Tanne sitzend, während ein junger Mann aus einer Seitencoulisse eintritt, in höchster Ekstase stehen bleibt und in den Gesang, somit Duett, einfällt.«

»Beste Mama!« fiel Pauline etwas ungeduldig ein, – »denken wir doch an das Kind, wie es ist; die Sache ist ja an und für sich romantisch genug.«

»Ach ja!« seufzte Frau Träffen, bewegte sich in den Sophakissen und legte ihre kleine fleckige Hand über die Augen, um so ein inneres Gesicht hervorzurufen. – »Was meinen Sie, wenn wir keine Zeit verlören, sondern sie gleich, Herr Scheffer, einige Male sitzen ließen, damit wir im Voraus wissen, daß die Attitüden wahrhaft plastisch werden. Wir könnten dann unsere Vorstellungen parat haben, bis Carl Freijden hierherkommt.«

Herr Scheffer hatte keine Lust, hierauf zu antworten; bei dem Namen Carl Freijden erhob er sich plötzlich und schritt einige Male über den Fußboden.

Pauline antwortete anstatt seiner mit einem Ton sich steigernder Müdigkeit, daß Carl Freij­den wohl hiermit Nichts zu thun habe, daß die Sache möglicherweise gar mehr trauriger Art als romantisch sei, und daß man, anstatt der lebenden Bilder, an Essen und Trinken, an Bekleidung und Anderes mehr denken solle, dessen »ein solches Wesen« bedürftig sein könne.

»Mein süßes Kind!« antwortete Mama, »Niemand ist dazu bereitwilliger als ich. Wir wollen sofort kleine weiße Höschen zuschneiden, Pauline! Du kannst die Kanten dazu sticken; ich werde gleich Strümpfe stricken von dem rothen Garn, kleine Strümpfchen zu dem halben Bein. Kleine Kinder mit bloßen englischen Beinen sind zu entzückend, und es hat mir oft genug leid gethan, daß die Mode nicht existirte, als Du in dem Alter warst, liebes Kind! daß Du sie hättest tragen können.«

Der kunstbeflissene Herr Scheffer mußte in diesem Augenblick eine noch lebhaftere Phantasie haben als Frau Träffen, denn er maß lächelnd die stattliche Gestalt Paulinens, und sah dabei aus, als wenn er sich dieselbe mit kleinen entblößten Beinen dächte.

»Darf ich fragen, Mama, zu welchem Zweck wir das Alles thun sollen?« fragte Pauline und nahm Platz neben ihrer Mutter.

»Aber, mein süßes Kind, wie kannst Du so gedankenlos und herzlos fragen, wissen wir doch Alle, daß Du es gar nicht bist. Hörtest Du denn nicht, daß das Mädchen bedürftig ist und wir deshalb Alles thun müssen, was glücklicher situirte Menschen in solchen Fällen zu thun haben. Süße Pauline, hole einen Bleistift hierher und benutze die Gelegenheit, während Herr Scheffer noch hier sitzt, um ein Muster zu der Stickerei der allerliebsten Höschen zu bekommen.«

»Ja, ich werde schon an das Alles denken, wenn es erst so weit ist, Mama,« sagte Pauline ausweichend. »Ist das Mädchen geneigt, zu uns zu kommen, so können wir es vielleicht beim Gärtner oder sonst irgendwo in Pension geben, bis wir Näheres beschließen. Herr Scheffer würde ja sonst auch nicht die erforderliche Zeit haben, es vorzubereiten.«

»Glauben Sie ihr nicht!« rief Frau Träffen; »es gehört zu den Schwächen Paulinens, die, was das Herz betrifft, ihrem Papa sehr ähnlich ist, daß sie sich zuweilen hinter einer Härte verschanzt, die sie in Wirklichkeit gar nicht besitzt. – Liebes Kind, sei so gut und reiche mir die Stickerei dort!«

Landrichter Träffen trat in diesem Augenblick in's Zimmer, und der Gegenstand des Gesprächs wurde, ihm und dem Kaffee zu Ehren, vorläufig bei Seite gelegt; der Landrichter pflegte den Kaffee mit einer Sorgfalt einzunehmen, die keine Aufmerksamkeit für irgend etwas Anderes aufkommen ließ.

Die Herren begaben sich bald in eine andere Welt, in das Canzleigebäude, und Pauline zog sich gegen Abend mit ihrer Handarbeit in eine Laubhütte des Gartens zurück.

Wir wissen zwar nicht, eine wie weite Aussicht man vom Canzleigebäude aus hatte, allein so viel ist gewiß, daß gegen Sonnenuntergang schnelle Schritte von demselben aus sich nach jener Laubhütte richteten.



Viertes Kapitel.

Julius Scheffer ging mit eiligen Schritten den gekiesten Gartengang entlang und trat in die Laubhütte, wo er neben Fräulein Pauline Platz nahm. In der leichten Art und Weise, die seinem Wesen eigen war, machte er ihr den Vorschlag, sie möge ihr Körbchen mit dem Zephyrgarn zu seiner Verfügung stellen, er wolle alsdann die Farben zu ihrem Hirten wählen und diesem Liebling ein wärmeres Colorit geben, als das Muster habe.

»Nein, nein,« antwortete Pauline ruhig, »ich beabsichtige meinen Hirten nach meinem eigenen Geschmack zu gestalten.«

Herr Scheffer lächelte und beklagte im Stillen, daß der arme Hirt sehr an Kälte zu leiden haben würde.

»Ich möchte wohl noch einmal das Portrait von Ihrem Waldkinde sehen,« äußerte Pauline in gleichgiltigem Tone.

»Sie müssen anstatt dessen das Original, sehen,« antwortete er mit Wärme. »Ich versichere Sie, es ist ein wirkliches Original, das unser ganzes Interesse beansprucht. Würden Sie geruhen, mich als Ihren Hirten auf einem Spaziergang nach dem obern Walde anzunehmen, Fräulein Pauline, so würde ich sie Ihnen zeigen können.«

»Ihre Hirtschaft? – Nein, nein, Herr Scheffer. Wollen Sie sich aber unter meinen Schutz begeben, so könnten wir vielleicht an einem dieser Tage zusammen einen Besuch in dem Gehöft abstatten. Ich möchte wohl sehen, worin die wunderbare Anmuth bei einem solchen Wesen steckt.«

»Mag es sein! Ich stelle mich gern unter Ihren Schutz, Fräulein Pauline, namentlich auf einem künstlerischen Ausflug. Endlich ist also Ihr Interesse für die Kunst erwacht?«

»Die Kunst?« antwortete sie mit einem mitleidigen Lächeln. »Nein, ich habe noch nicht die Ehre, das Interesse mit Ihnen zu theilen.«

»Nicht?« erwiderte er etwas gereizt. »Würden Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich interessirt?«

Pauline Träffen schaute empor mit einem stolzen und kalten Blick, tauchte ihre feine Hand in den Korb mit dem Zephyrgarn, hob einen großen braunen Knäuel heraus und sagte im vornehmen langgedehnten Ton:

»Ich interessire mich für dieses hier.«

»Und ich sollte wohl jetzt,« äußerte der junge Mann, und stellte sich, als wenn er zum Gähnen geneigt sei, »ich sollte wohl jetzt, nach allen Regeln der geistreichen Conversation, versichern, daß der Knäuel bewundernswerth ist, aber. . .«

»Aber das ist nicht Ihre Ansicht, wollten Sie sagen.«

Julius Scheffer vernahm wohl den gleichgiltigen Ton, mit welchem diese Worte ausgesprochen wurden, bemerkte aber nicht die zurückgedrängte Unruhe, die aus dem halbverschleierten Blick sprach, und er antwortete deshalb noch immer gereizt: »Jawohl! Unsere Sympathien haben sich nie begegnet und werden es wohl nie. Allein ich bin trotzdem etwas hartnäckig in meinem Wunsch, Ihnen Interesse für mein Waldmädchen einzuflößen. Wollen Sie die Skizze sehen, die ich heute Nachmittag entworfen habe?«

»Ja, ich möchte sie gern sehen,« antwortete sie, indem sie ihre Tapisserie wieder zur Hand nahm und der Künstler seinen Entwurf herbeiholte.

»Hier, sehen Sie!« sagte er. »Betrachten Sie diese Sylphe in Lumpen! Sehen Sie nicht, daß es eine Fee ist, wenn auch von der diabolischen Art. Können Sie ihr Ihr Interesse entziehen? – Oh, sie ist bewunderungswürdig, sonder Gleichen! – Ich werde großen Fleiß auf sie verwenden. Es soll ein großes Bild werden!«

»Sie sieht recht betrübt aus, das arme Kind, – und etwas stupid und träge,« äußerte Pauline, indem sie die Zeichnung besah und sie wieder zurückgab.

»Träge? – Wie ist es möglich, daß Sie das sagen können? Verzeihen Sie, Fräulein Pauline, aber das Original hat diesen Fehler wenigstens nicht. Derselbe liegt entweder in meinem Bleistift oder in Ihrem Blick.«

Sie brachte wieder ihr fast mitleidiges Lächeln zum Vorschein und äußerte halb gähnend: »Beruhigen Sie sich, Herr Scheffer! Erinnern Sie sich denn nicht, daß ich ganz und gar Nichts von Ihrer Kunst verstehe.«

»Und doch, Sie haben gewissermaßen Recht,« sagte nun der junge Mann sinnend, mit einem Blick auf die Zeichnung. »Ich muß es gestehen. Ich habe den Ausdruck ihrer Augen nicht wiedergeben können. Ich sehe es jetzt selbst. Es ist in der That nicht sie. Aber ich werde und will sie treffen, und ich möchte doch sehen, ob ich nicht Ihr Interesse hervorrufen könnte.«

Er sprach lebhaft. Sie lächelte nur.

»Weshalb hassen Sie die Malerkunst?« fragte er plötzlich, indem er sie anblickte.

»Ich hasse sie nicht. Zum Hasse ist Interesse erforderlich.«

»Weshalb lieben Sie sie nicht?«

»Zuerst deshalb,« antwortete sie mit ungewöhnlicher Bereitwilligkeit, denn es war selten, daß Pauline Träffen Gründe angab, »zuerst weil ich nicht in die Mysterien der Kunst eingeweiht bin, und somit zu keinem rechten Genuß derselben gelange. Und ferner, weil die Liebe zur Kunst jedes andere viel wahrere und natürlichere Gefühl ausschließt und den Künstler zum Egoisten macht. Und endlich, weil jeder Künstler eingebildet und ehrgeizig ist.«

»In der That ein gefährlicher Ehrgeiz!« fiel Julius Scheffer ein. »Ein Ehrgeiz, der die Hoheit und die Ehrenstellen dieser Welt jedem Andern überläßt und sich mit einem kleinen Winkel im Museum begnügt.«

»Ja, leider!« äußerte Pauline. »Der Mann, der sich mit einem Winkel begnügt, dürfte auch für den Winkel geschaffen sein. Ein Thor derjenige, der es versucht, ihn aus dem Dunkel hervorzuziehen! – Guten Abend, Herr Scheffer!«

Die stolze Schöne entfernte sich mit einem leichten Gruß, und ließ den jungen Mann beleidigt, erbittert und – entzückt zurück.

»Wer, meinte sie wohl, sollte ihn aus dem Dunkel hervorziehen,« fragte er sich selber. – »Sollte es möglich sein, daß Pauline Träffen, die stolze Dame, die die Macht und Hoheit der Welt erstrebt, – sollte sie nein, nein! – Und doch ja! und doch –« fuhr er fort mit einer Miene, eben so stolz als Paulinens – »ja! und doch irrt sie sich gewaltig, die hohe Dame, wenn sie sich einbildet, daß Julius Scheffer sich von irgend einem Weib, und sei es die Venus selbst, »aus dem Dunkel hervorziehen« läßt.«

Er warf sich auf die Gartenbank nieder, wo Pauline gesessen hatte, und versenkte sich in strahlende Träumereien von einem Platz im Tempel der Ehre und des Ruhms neben einem Rafael, einem Coreggio und anderen Heroen der Kunst; aber wie sonderbar, daß neben diesen Heroen stets eine weibliche Gestalt stand, bewunderungswürdig wie die, die ihn soeben verlassen hatte, nur mit dem Unterschied, daß sie demüthig und bewundernd, nicht stolz und herablassend, dastand.

Noch berauscht von diesen Träumereien sprang er plötzlich auf und begab sich aus dem Garten in sein Zimmer, woselbst er in einem Winkel ein Atelier eingerichtet hatte. Er blieb vor der Staffelei stehen, auf welcher ein fast vollendetes Brustbild sich befand. Es war nicht zu verkennen, wen dieses Bild vorstellen sollte: blonde glänzende Haare, ein fehlerfreies Profil, ein Teint so weich und zart, und eine Büste, würdig einer Juno. Nur die Augen gehörten einer Andern.

Mit gekreuzten Armen betrachtete er sein Werk, und so lange noch der Glanz der strahlenden Träume vom Garten in seinen Augen zitterte, lächelte sein Blick in Schöpferliebe und vielleicht gar in einer andern Liebe.

Doch die vom Sturm gejagten Nebelwolken wechseln nicht schneller ihre Form, als Julius Scheffer seine Meinung.

Die schwarzen Augenbrauen zogen sich zusammen, der Schatten zwischen ihnen verschwand fast ganz, und im nächsten Augenblick war die Staffelei leergemacht, und zwar mit einer solchen Eile, daß das schöne Bild Gefahr lief, zerrissen zu werden, und zweifelsohne in Zorn erröthete, wo es jetzt stand, im Winkel gegen die Wand gekehrt.

»Blendwerk des Teufels, Original sammt Copie!« rief er und warf sich auf's Sopha seiner ganzen Länge nach, die Zimmerdecke anstarrend.

Aber in einem Nu stand er wieder mitten im Zimmer, holte die erste kleine Skizze von Tuva hervor, bedeckte den untern Theil des Gesichts mit der Hand, vertiefte sich in die großen Augen und rief entzückt: »Illa faciet, – sie wird es thun. Auf ihre Augen verstehe ich mich. Ich dringe bis in ihre dunkle wunderbare Tiefe, während die verschleierten himmelblauen der Anderen mich verrückt machen. Aber das soll ein Ende haben! Mag sie aus dem Dunkel hervorvorziehen, wen sie will, ich will es nicht sein! Im Winkel dort mag sie bis zum jüngsten Tage stehen!«

Allein es währte kaum zehn Minuten, so stand Julius Scheffer wiederum mit Pinsel und Palette in der Hand und bestrebte sich, den languisanen Ausdruck der beschleierten himmelblauen Augen, durch eine feine Schattirung zu erhöhen.

 Während er vor der Staffelei steht, werden wir die Gelegenheit benutzen, einen Blick in sein Zimmer zu werfen, das uns so ziemlich ein Bild zeigt, von welchem wir auf ihn selbst schließen dürfen.

An und für sich sonnig und lebhaft, wurde es durch die Lebensgewohnheiten des jungen Mannes noch lebhafter. Es war, als sei Alles innerhalb des Rahmens der vier Wände in fortwährender unruhiger Bewegung. Mitten auf dem Sopha stand, wie auf dem Sprunge, ein lackirter Stiefel, während ein Paar Inexpressi­bles auf der Stuhllehne herumritten. Die Feder in dem Dintenfaß schien ein eifriges Gespräch zu führen mit dem Pinsel in dem nahestehenden Farbennapf. Ein tanzendes Mädchen mit flatterndem Haar und aufgeschürzter Robe hatte Platz ergriffen zwischen den Blättern eines Justizregisters und sah sehr genirt und erschreckt aus durch diese ernste Nachbarschaft. Halbfertige Protokolle und halbfertige Bilder, halbgerauchte Cigarren und halbfertige Bleistiftskizzen, in Zorneswuth durchgerissen, stritten sich um den Raum. Alles hatte ein Gepräge vom Einfall des Augenblicks, und er selbst war ein Kind des Augenblicks, in dem einen fröhlich bis zum Exceß, im andern von der tiefsten düsteren Stimmung, in dem einen schnell und energisch, im andern wiederum träge und unentschlossen.

War er besonders zu Etwas geschaffen, so war es zum Künstler. Es war ihm sogar angeerbt. Sein Vater war ein armer, unbeachteter Künstler in Stockholm gewesen. Scheffer senior hatte zwar von der Natur gute Anlagen, allein ohne Studien, ohne Aufmunterung und Anleitung hatte er im Schweiße seines Angesichts die Höhen zu erklimmen gestrebt, die zum Tempel des Ruhms führen, gelangte jedoch nie weiter als in die Vorhalle, woselbst er mit vereitelter Hoffnung strauchelte und seinem Sohn kein anderes Erbe zu hinterlassen vermochte, als die bitteren Erfahrungen aus dem Leben eines Künstlers.

Ungeachtet der alte Scheffer seine Kunst wie seinen Augapfel liebte, so liebte er doch den Sohn mehr als die Kunst, und bestrebte sich deshalb, dessen Sinn von der undankbaren Künstlerbahn abzulenken. Unter großen Entbehrungen ließ er seinem Julius eine Erziehung zu Theil werden, die ihm eine sichere Zukunft in ökonomischer Beziehung bereiten sollte.

Allein es war vergeblich, gegen den Stachel leggen. Während Julius Scheffer seine wissenschaftlichen Studien zu Ende brachte, arbeitete er heimlich im Dienste der Kunst.

Als der Greis indeß für immer seinen Pinsel hinlegte und, ermüdet von den Widerwärtigkeiten dieses Lebens, in eine andere Welt die Ideale aufzusuchen ging, die ihm hier nie hold gewesen waren, that er es in der Hoffnung, daß die Lebenswanderung des geliebten Sohnes eine leichte und fröhliche werden würde. Julius war gerade während seiner letzten Tage als Auscultant in das Hofgericht eingetreten, und die letzten Stunden des alten Malers wurden von kindlicher Freude erheitert, wenn er sich vorstellte, daß sein Sohn einst, als ein besternter Präsident dieses hohen Areopags, glänzen würde.

Um sich des so erhaltenen Platzes würdig zu machen, engagirte Julius Scheffer sich vorläufig bei unserm würdigen Freund, dem Landrichter Träffen, der mit Recht für einen ausgezeichneten Justizbeamten und Richter galt.

Während zwölf Monate hatte er sich nun zur Präsidentenwürde auszubilden bestrebt, und war selbst der Ansicht, daß er weit genug vorgeschritten sei, indem er während dieser Zeit gelernt hatte, ein Vormundschaftsprotokoll einigermaßen fehlerfrei aufzunehmen.

Daß sein Principal jedoch eine andere Ansicht hegte, war unschwer zu bemerken; allein Herr Scheffer, der sich im Hause wohlbefand, ließ sich die sauren Amtsmienen wenig kümmern, und dachte ganz und gar nicht daran, die Landrichterei zu verlassen. Daß aber der Landrichter Träffen selbst auch nicht diese Frage aufwarf, war mehr, als irgend Jemand, er selbst nicht einmal ausgenommen, zu begreifen vermochte. Uebrigens dürfte es demjenigen nicht so ganz und gar unerklärlich sein, der die Macht des Weibes in einem Hause kennt, woselbst der Mann sich einbildet, daß er und er allein aller Dinge Anfang und Ende sei.

Ohne daß der Landrichter davon eine Ahnung hatte, war es seine gehorsame Frau, die nicht allein bewerkstelligte, daß keine Frage in Betreff der Abreise entstand, sondern sogar die Sache dermaßen diplomatisch betrieb, daß der vergleichsweise ungeschickteste der Actuare mit mehr Aufmerksamkeit als die übrigen Gerichtsherren, eher als der Weisel, denn als eine schlechte Arbeitsbiene behandelt ward.

In wie weit die stolze Pauline hierin ihre Frau Mutter unterstützte, lassen wir unerörtert; so viel ist indeß gewiß, daß sie der Mutter nicht entgegen wirkte.

Aus vielen Gründen war das ein großes Glück für Julius Scheffer. Wir wissen sogar nicht, wie er sonst hätte weiter vorwärts gelangen sollen; selbst besaß er keins von den Gütern dieser Welt, und hatte auch Niemand, an den er sich hätte wenden können.

Allerdings hatte er in Stockholm eine alte Tante, die man für sehr vermögend hielt. Allein sie war zugleich sehr geizig und hatte außerdem nie seinem Vater in dessen gedrückten Umständen irgendwie Hilfe zukommen lassen, und es war kein Grund vorhanden, daß sie freigebiger gegen den Sohn sich zeige, wenngleich sie ihm stets verbindlich entgegentrat, wenn er sie ein seltenes Mal in ihrer engen Wohnung aufsuchte, woselbst er sich unbarmherzig langweilte. Auf Rydeholm beim Landrichter fühlte er sich dagegen sehr wohl zu Muthe, und selbst wenn nur aus diesem Grunde, war es ein Glück für ihn, daß er dort bleiben konnte; denn ohne Wohlbefinden würde er zweifelsohne gleich bei dem ersten Schritt auf der praktischen Bahn, die er gewählt hatte, untergegangen sein.

Seine Natur erheischte Mitwind. Nur auf einem Felde würde er gegen die Stürme ankämpfen können, nämlich auf dem Felde der Kunst. Sonst war sein Gemüth, wenn auch nicht der Charakter, zu leicht und unstät, um Stand zu halten gegen die zufälligen Windstöße, und gewiß hätte er schon längst die Jurisprudenz über Bord geworfen, wenn nicht die genannten glücklichen Verhältnisse ihn mit der barschen Göttin Themis und der langweiligen Arbeit in ihrem Dienste versöhnt hätten.

Aber der arme Julius! Er war und verblieb doch im Innersten seines Herzens Künstler – d. h. er wollte Künstler sein und werden, was wiederum heißt, daß er immer einen unruhigen Geist in seinen Fußstapfen einherschreitend hatte, der ihm bald das Leben im goldigen Glanze erscheinen ließ, bald es ihm verfinsterte.

Dieser Geist hatte auf seinem Gewissen jenen tiefen Schatten auf der hohen Stirn, der selten verschwand, selbst dann nicht, wenn die Augen strahlten. Und von diesem Geist schrieb sich ferner die Verachtung her, die er gegen die Welt, deren Sitten und Urtheile in Allem, was nicht die Kunst betraf, hegte, und endlich dieser energische Trotz, wenn Jemand seinen künstlerischen Beruf bezweifelte. Solchen Zweiflern trat er mit einem höhnischen Lächeln entgegen, in welchem ein Selbstgefühl lag, das an Selbstvergötterung grenzte.

»Kurzsichtiger Thomas!« sagte er einem solchen Zweifler, – »die Zeit wird kommen, wo ich Dich zwingen werde, zu glauben und zu bewundern.«

Aber obgleich die Göttin der Kunst sein Herz beherrschte, so hatte er auch ein offenes Auge und einen offenen Sinn für andere Göttinnen, namentlich wenn diese sich in so entzückende Gestalten kleideten wie Pauline Träffen.

Er hatte sogar Augenblicke, in welchen er den Tempel des Ruhms vergaß und von »einer Hütte und ihrem Herzen« träumte, jedoch so, daß die Hütte im reinsten Schweizerstyl gebaut sein und das Herz in junonischen Formen schlagen müsse; denn – was er auch vergaß und träumte, so vergaß er doch nie vom Schönen zu träumen.



Fünftes Kapitel.

Es war am Johannestage.

Vom Drachenberge herab vernahm man gleich nach Mittag einen Lärm, der ein langes, klingendes Echo weit über Thal und Feld aussandte.

Auf dem obersten Plateau des Berges hatte sich ein Kreis von grauen zerlumpten Kuhhirten gebildet; und der Lärm und das Schreien ging von diesem Kreise aus. Sie standen hier eines wichtigen Vorhabens wegen, denn tief im Innern des Berges wohnte der Drachen, der an Christi Himmelfahrtstag seine Schätze gesonnt hatte; und heute war der Tag, an welchem er sich, ermüdet von jener Beschäftigung, einzig und allein während des ganzen Jahres, ausruhte und vom Mittag bis zur Mitternacht schlief.

Derjenige, der in der Zauberkunst bewandert sei, könne während jener Zeit den Weg zu den Schätzen des Drachen auffinden und sich derselben bemächtigen; und wer verstünde wohl zu zaubern und zu hexen, wenn nicht Tuva es verstünde?

Allein Tuva hatte sich geweigert, sie könne nicht in der Weise hexen. Sie könne vielleicht die Leute behexen, aber nicht Drachen bezaubern, und sie wolle überhaupt nicht, denn – dazu sei der Beistand des Bösen erforderlich, und sie hatte mit diesem Potentaten weit weniger zu schaffen, seitdem ihr neuer Freund vom Herrenhofe es unternommen hatte, demselben entgegen zu wirken.

Doch, hier halfen keine Einwände. Hexen könne sie und hexen solle sie – so lautete die Behauptung Aller, namentlich des Burschen, der da stand mit dem Kuhhorn in der Hand.

Derselbe forderte sie wiederholentlich auf, sie möge sich »hinunterscheeren« hübsch leise, damit der alte Drachen nicht erwache, und so wenig Aufhebens als möglich unten machen. Er wisse, daß sie den Drachen und dessen Höhle kenne, denn an Christi Himmelfahrtstage, als Niemand sonst sich auf den Berg gewagt, habe er sie dort gesehen und sie mit Jemandem im Berge reden gehört. Und viele Andere hätten dasselbe zu wiederholten Malen wahrgenommen.

Tuva weigerte sich hartnäckig. Sie behauptete zwar nicht länger, daß sie den Drachen nicht überlisten und bannen könne, wenn sie wolle, allein sie wolle jetzt nicht.

Der Bursche wollte es aber, und scheere sie sich nicht sofort zum Drachen, würde er sie anders belehren: sie solle in die Felskluft kopflings hinabgestürzt werden. Er faßte sie auch schon bei den Haaren und rief den Anderen zu, sie möchten ihm beistehen.

»Laßt mich los!« rief Tuva, »oder ich füge Euch alles Böse der Welt zu.«

»Hört, jetzt bellt sie! Sie ist ein Hund, sie wird beißen.«

»Schweigt!« rief sie! »ich verlache Euch, und werde das Unglück über Euch bringen. Er regt sich dort unten.«

Die Anderen verspotteten sie nur noch mehr. Sie wollten ihr jetzt keinen Glauben beimessen, weil sie sich nicht in die Bergschlucht hinabwagen dürfe. Möge sie bellen; sie wollten jetzt gerade, daß sie belle wie ein anderer Hund, denn ein Mensch sei sie nicht.

Sie erhob sich und auch ihr Haar erhob sich. Sie stampfte dreimal mit dem Fuße, daß es im Berge einen sonderbaren Klang gab. Darauf warnte sie die Anderen zum letzten Male, daß sie schweigen möchten. Und als sie doch nicht schwiegen, begann sie Grashalme überkreuz zu legen.

Dies sah freilich bedenklich aus.

Ließ man ihr Zeit, das zu Ende zu führen, was sie jetzt vorhabe, so könne Niemand wissen, wie es kommen werde, denn mit den Halmen habe sie das Vieh zum Stürzen gebracht, das wußten sie, und deshalb warf sich der ganze Haufen über sie, ehe sie Zeit gewann, die Beschwörung auszusprechen. Sie stürzte sich jedoch unerschrocken gegen die Gewaltthäter, und schlug nach Kräften wie verzweifelt um sich herum. Allein was vermochte sie gegen die überwältigende Menge? Sie wurde übel zugerichtet, bekam einen Schlag nach dem andern, aber sie blieb aufrecht stehen und wehrte sich, wie sie konnte.

Endlich hielt sie plötzlich inne. Sie stampfte wiederum dreimal mit dem Fuße, und die Knechte vernahmen mit Entsetzen, daß es im Innern des Berges antwortete. Sie meinten schon, der Felsgrund beginne unter ihnen zu wanken, und der Bursche mit dem Kuhhorn wähnte gar, er sehe den Kopf des Drachen sich über den Berg erheben. Die ganze Versammlung, außer Tuva, nahm Reißaus in wilder Flucht, athemlos vor Entsetzen.

Es schien Tuva selbst, als sähe sie Etwas, allein sie vermochte Nichts klar zu unterscheiden. Sie stieß einen langen gellenden Schrei aus. So lange sie schrie, blieb sie noch aufrecht stehen; aber plötzlich färbte sich ihr Antlitz fast schwarzblau, und besinnungslos stürzte sie vornüber zu Boden. Wie lange sie so liegenblieb, wußte sie nicht, erst allmälig kam sie zu sich selbst, schlug ihre großen Augen auf, gewahrte, daß Jemand über sie gebeugt dastand, und hörte diesen Jemand fragen, wie es um sie stände. Als sie entdeckte, wer es war, der sich über sie beugte, blickte sie auf's Neue erstaunt auf. Ein milder Friede senkte sich über sie hernieder, allein sie vermochte nicht zu sprechen. Er erfaßte sie endlich, versuchte sie emporzuheben, und zum ersten Male in ihrem Leben rief sie: »Du großer Gott!«

Julius Scheffer ließ sie wieder sanft zur Erde gleiten, denn sie zitterte über und über; allein sie erholte sich nun doch bald, vergaß aber bei der andachtvollen Erhabenheit des Augenblicks ihre Scheu und fragte, ob der Böse seine Macht verloren habe, da er und nicht der Drachen ihr zur Hilfe gekommen sei.

Julius versuchte es zwar, ihr die Ueberzeugung beizubringen, daß er zufällig und in eben so natürlicher Weise jetzt wie sonst gekommen sei; allein sie blieb dabei, es sei nicht so, sie wisse es, denn ihre Beschwörung habe ihn herbeigerufen – dabei blieb sie hartnäckig.

Ihr Beschützer sah sie lächelnd an; sie saß jetzt neben ihm; nicht mehr scheu, wie sonst, richtete sie ihre großen Augen mit einer eigenthümlichen sclavischen Unterwürfigkeit im Blicke auf ihn. Er lachte darüber recht zufrieden, und dachte mit Wohlbehagen an die sonderbare Gewalt, die er über dieses koboldartige Kind erreicht, das ihn anfänglich als eine pikante Seltenheit interessirt hatte, allmälig aber tiefer in seine Theilnahme eingedrungen war. Jedesmal, wenn er auf's Neue ihr begegnet, war sein Wunsch, diese wilde Pflanze zu cultiviren, lebhafter geworden, und er meinte jetzt, der Augenblick dürfte nun gekommen sein, das Werk zu beginnen.

Er bezweifelte nicht, daß dies ja ganz leicht zu bewerkstelligen sein würde, und fand den Augenblick gerade gelegen, um ihr einen Tausch ihrer gegenwärtigen Heimath gegen den Herrenhof vorzuschlagen, woselbst sie nicht die Kühe im Walde zu hüten brauche, und obendrein Etwas für's Leben lernen könne.

Allein hier befand er sich vor einem Knoten, der nicht leicht zu lösen war.

Der Wald, meinte Tuva, sei gerade, was sie so recht eigentlich lieb habe, und eingepfercht wolle sie ganz und gar nicht sein.

»Aber Du wirst nicht mehr hungern und auch keine Schläge mehr bekommen,« sagte Julius – »und Du wirst mit der Zeit ein anderer Mensch, ein gebildetes Mädchen werden.«

»Gebildet?« fragte sie. »

»Nun ja, das wäre das Wenigste, was Du erreichen könntest, und dazu so gehalten werden, daß dir große Bursche mit dem Kuhhorn es nicht einmal wagen würde, Dich anzusehen. Du würdest von dem Burschen, ja von der Bauersfrau im Gehöft, sogar von dein. Bösen selbst befreit werden.«

Das Alles seien schöne Dinge, und Tuva versprach, die Sache überlegen zu wollen.

»Und Du würdest auch in die Schule gesendet werden,« fuhr der Versucher fort, »lesen und schreiben lernen, würdest Essen, Kleider und Alles im Ueberfluß haben, nur nicht hexen und beschwören dürftest Du.«

»Alles, was ich haben will?« fragte sie plötzlich.

»Ja!«

»Kriege ich Ihn auch mit?« fiel sie eifrig ein.

»Mich? Was wolltest Du mit mir?« versetzte er seinerseits lächelnd.

Das wisse sie nun nicht so eigentlich zu sagen, es sei ihr nur so beigekommen. Aber nach dem Herrenhof zu kommen, habe sie keine Lust.

»Aber zu mir möchtest Du doch?« sagte er mit einem heitern, schützenden Blick, während er eine Locke ihres schönen, zerzausten Haares faßte, »zu mir möchtest Du kommen, nicht wahr?«

Sie wisse das jetzt nicht mehr recht. Sie wandte ihren Kopf ab, und schaute nach Mairos' aus.

»Ich bin nicht so ohne Weiteres für Jeden zu haben, der mich haben möchte, verstehst Du, und ich fürchte, daß Du das aufgeben mußt,« äußerte er, betrachtete sie aber dessenungeachtet selbst mit dem Ausdruck einer Art Eigenthumsrecht.

»Ich will die Kühe hüten!« versicherte nun Tuva mit ganz besonderer Kraft der Stimme.

»Und Du willst somit nicht nach dem Herrenhof kommen? Aber wenn Du nun dort mit mir zusammen sein könntest? Wenn ich dann und wann, wie jetzt, mit Dir plauderte, Dich unterrichtete, daß Du würdest zeichnen können in einem solchen Buche, wie dieses hier – nun, würdest Du dann vielleicht hinüberkommen?«

»Bis ich sterbe?« fragte sie, »mit Ihm zusammen sein bis ich sterbe?«

»Das ist freilich ein Bischen sehr viel verlangt Tuva! – Du findest also recht sehr Gefallen an mir?«

Tuva schaute wieder nach Mairos' aus, und antwortete nicht.

Julius Scheffer begann an einem erwünschten Erfolg der Unterhandlung zu zweifeln, und erhob sich, um zu gehen. Er wollte jedoch noch ein Mittel versuchen, und sagte deshalb im ernsten Ton: »Leb' wohl, Tuva! Mich siehst Du nie wieder, wenn Du nicht willst, wie ich. Ueberlege es Dir bis morgen; ich komme morgen wieder, um mir Deine Antwort zu holen.«

Und mit diesen Worten entfernte er sich, ohne sich umzuschauen.

Das arme verlassene Kind des Waldes wurde ganz außer sich.

Diesen Freund für immer zu verlieren, war mehr, als sie zu fassen vermochte. Er war ihr zweites, oder richtiger, erstes und bestes Ich geworden. Wenn er bei ihr war, lebte sie in ihm, war er entfernt, dachte sie an ihn, im Finstern sah sie ihn, Nachts träumte sie von ihm. Sie war unerschöpflich darin, immer und immer sein Bild aus dem Innersten ihrer Seele hervorzuzaubern. Aber dessenungeachtet wünschte sie stets, ihn auch leibhaftig zu sehen. Und nun hatte er ihr gedroht, sie für immer zu verlassen!

Sie war nahe daran, zu verzweifeln; sie meinte, sie habe Unrecht gethan, ihm nicht sogleich zu gehorchen, obgleich ihr ganzes Wesen sich dagegen empörte; denn insoweit vermochte sie wohl das Leben zu schätzen, das er ihr angeboten hatte, daß sie wußte, sie würde ihre Freiheit, ihren Wald, ihren Drachenberg, ihren Haß und ihre Rache einbüßen; und auch die beiden letztgenannten waren ihr so lieb, daß sie sich gern allen Mißhandlungen beim Bauer unterwarf, um nur dem Feuer neuen Zündstoff zutragen zu können.

Jetzt aber empfand sie doch, daß Eins dieses Alles aufwiegen könne, und dieses Einzige war, wie sie selbst gesagt hatte: bei ihm zu sein bis zum Tode.

Als sie sich auf dem Heimwege, die Kühe vor sich hertreibend, befand, dachte sie jedoch nicht an seine Worte. Sie dachte, daß sie noch niemals eine solche Schwere in den Füßen empfunden habe, als heute auf diesem Wege nach dem Gehöft. Und es ging auch dermaßen langsam, daß sie zwei Stunden später als sonst dort anlangte.

Als Tuva noch eine kleine Strecke vom Gehöft entfernt war, sah sie, denn sie sah weiter als Andere, die Bauersfrau in der Hausthür stehen, mit dem wollenen Aermel ihrer Jacke die Augen schirmend und in der Richtung spähend, von woher das Vieh kommen sollte.

Tuva ging deshalb nicht schneller; aber jetzt sah die Bauersfrau sie kommen, lief ihr entgegen, faßte sie dermaßen an den Haaren, daß sie einen großen Büschel in der Hand zurückbehielt, versetzte ihr eine derbe Ohrfeige und stieß sie darauf gewaltsam von sich.

Tuva, die sonst in der Regel bei jeder Mißhandlung heftig aufflammte, ließ sie diesmal ruhig gewähren. Sie sah, wie die Bauersfrau äußerte, eher verstockt als zornig aus. Als sie aber ihr Lager auf dem Boden suchte, knirschte sie mit den Zähnen, ballte die kleinen Fäuste und war von Gedanken erfüllt, um die sie der böse Geist selber hätte beneiden können.



Sechstes Kapitel.

Nach dem mißlungenen Versuch, Tuva auf die Bahn der Civilisation zu bringen, sehen wir Julius Scheffer ermüdet und ärgerlich in sein Zimmer treten. Er warf den Hut auf einen Stuhl, seine Mappe auf einen andern, sich selbst auf einen dritten, und faßte den Vorsatz, sich nicht weiter um den kleinen Kobold zu kümmern. Allein im nächsten Augenblick stand er entzückten Blickes vor der Staffelei, die jetzt von einem ganz andern Bild eingenommen war, als dem, welches wir letzthin dort erblickten.

Aus den vielen kleinen Entwürfen war ein Ganzes hervorgegangen. Die Grashalme waren so saftgrün, als seien sie direct vom Abhang des Drachenberges hierher gepflanzt, Mairose ging durch unten im Thale, wie sie an jenem Tage that, und das zerlumpte Hirtenmädchen im Walde steht vor uns, wie es leibt und lebt mit seinen wunderlichen Augen. Der Gegenstand war aus dem Leben und der Natur gegriffen, die Ausführung, das Ganze war frisch und malerisch.

Wir sagten, daß unser Künstler mit entzückten Blicken vor das Bild trat, und wir können hinzufügen, daß er es zugleich in dem stolzen Bewußtsein that, daß sein Werk ihm gelungen sei. Er hatte sich vorgenommen, viel Fleiß an das Bild zu wenden, und er war noch nie dermaßen geneigt gewesen, einen Vorsatz auszuführen. Er ging mit einem Eifer, der ihn selbst staunen machte, an die Vollendung des Bildes.

Bald trat er einen Schritt zurück, es mit schöpferischem Wohlgefallen betrachtend, bald näherte er sich, um hier einen tieferen Schatten, dort etwas mehr Lichtreflex anzubringen, und zwar bei sich steigerndem Entzücken; und als er endlich Pinsel und Palette hinwarf und sich mit halbgeschlossenen Augen, halbgeschlossenen Lippen und fast zurückgehaltenem Athem hinstellte, um sich erst gründlich in sein Bild zu vertiefen, war er selbst ein würdiges Vorbild für eines Meisters Pinsel.

Julius Scheffer's Aeußere läßt sich am kürzesten und treffendsten durch die oft gemißbrauchte Redensart bezeichnen: »Er sieht aus wie ein Künstler.« Die unregelmäßigen, aber scharf ausgeprägten Gesichtszüge wurden durchaus nicht dadurch verunstaltet, daß sie von einem etwas borstigen, zurückgestrichenen Haar umgeben und von einem strahlenden braunen Augenpaar erhellt waren.

Er sollte jedoch nicht lange in seinem Entzücken schwelgen dürfen; denn er wurde plötzlich von dem Vicelandrichter Grill aufgescheucht, der ihn kräftig auf die Schulter schlug, indem er ihm zurief:

»Nun, Freund Julius! Jetzt kann ich Dir erzählen, daß von Kork aus dem Sattel gehoben und das Fahrwasser klar ist. Und nun rasch vorgerückt, erobere Dir die Hunderttausend, nimm das Mädel mit in den Kauf, und arbeite Du dann so viel Dir gefällt mit dem Pinsel, anstatt mit der Feder!«

»Hunderttausend bewerben sich nicht um mich, lieber Grill. Uebrigens habe ich schon eine Geliebte, die keine Nebenbuhlerin duldet.«

»Ei, dummes Zeug! Nimm Du. wie andere Leute, eine Geliebte von Fleisch und Blut, und nicht von Oel und Farbenstaub! Werde nur nicht wie die Lilien auf dem Felde, die Nichts säen, aber auch Nichts ernten! Das mag allenfalls mit Daniel Grill, dem alten Reibeisen, so hingehen, aber nicht mit Dir, Du liebe Künstlerseele. Du willst der Nachwelt einen Namen hinterlassen, – Du mußt auch dafür sorgen, daß Jemand da ist, der ihn nach Dir weiter führt. Willst Du die Details meiner Neuigkeit hören?«

»Von Kork betreffend – nun ja!« antwortete Julius Scheffer gleichgiltig, und warf sich mit verschränkten Armen auf's Sopha in einer Weise, die ziemlich deutlich besagte, daß er sich nur in sehr geringem Grade für den Gegenstand interessirte.

»Also,« erzählte Grill, »um zehn Uhr setzte unser würdiger Freund und College sich an den Schreibtisch, – der hatte die Courage nicht, der arme Kerl, mündlich von der Leber weg zu reden, – verfaßte seine Liebeseingabe und begehrte gnädige Resolution; um elf Uhr wurde das Erkenntniß auf feinstem, duftenden Eßbouquet-Papier ihm ausgehändigt, Uhr zwölf reiste er, zum Tode verurtheilt, ab. Also Alles geebnet zur Action. Rasch vorgerückt, Julius Scheffer!«

»Mit demselben Resultat wie von Kork? – Nein, Freund Grill! Einen Künstler fesseln, ist schwerer als einen Actuar zum Tode verurtheilen, und so schön Pauline ist, – denn schön ist sie, das muß ich gestehen, – so fehlt ihr doch Etwas, und zwar etwas Wesentliches, um einen solchen Sieg zu erringen.«

»Aha! Die Frommheit des Lämmchens, die Sanftheit des Herzens, die naive Unschuld und dergleichen Schnickschnack, ja?«

»O nein!« antwortete Julius lächelnd; »an die Eigenschaften dachte ich in der That nicht. Ich meinte vor allen Dingen ein künstlerisches Gemüth.«

»Hat weniger auf sich, sintemal Du selbst von der Sorte Ueberfluß hast.«

»Und überhaupt: was kann ich ihr bieten?« – fragte Julius, gleichsam in sich selbst hineinredend. »Reichthum und rein weltliche Auszeichnung – das ist das Lebensziel Pauline Träffen's!« setzte er, nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit, hinzu.

»Ich sollte meinen, Du irrst Dich darin,« antwortete Grill ernsthaft. »Von Kork wäre für den Fall keine schlechte Partie gewesen. Durch seine Connexionen wird er schon hoch steigen können, und sein Fideicommiß ist gut, das wissen wir.«

»Es nimmt mich auch Wunder, daß sie ihn nicht genommen hat,« antwortete Julius. »Aber, was geht das mich an?«

»Wärest Du nicht ein solcher Hitzkopf, wie Du bist, so würde es Dich ganz privatissime angehen. Das Mädchen liebt Dich, darauf will ich Gift nehmen, und Papa, so steif er ist, tanzt ganz richtig nach ihrer Pfeife.«

»Höre 'mal, Grill! – Ein für allemal: verschone mich mit dem Thema!«

»Nun, wie Du willst; aber Du stehst Dir selbst im Lichte. Glaube mir, Julius! Es ist die wahrhaftige Wahrheit.«

Beim Mittagstisch dieses Tages zeigte sich Fräulein Pauline in einer außerordentlich lebhaften Stimmung. Sie fragte Julius Scheffer, ob er seine gewöhnliche Morgentour gemacht habe, und da er dies bejahte, fragte sie ihn weiter, ob er nicht denke, daß es jetzt an der Zeit sein könne, die wilde Blume in besseren Boden umzupflanzen.

»Ich habe den Versuch schon gemacht, allein meine Macht reicht dazu nicht aus. Ich hoffe, Sie stehen mir bei, Fräulein Pauline, sie zu überreden.«

»Sehr gern! Morgen werde ich Sie begleiten und mit ihr reden,« antwortete Pauline verbindlich. – »Ich habe sie jetzt gesehen. Sie ist ja schön, Herr Scheffer?«

»Sie dürfte es werden,« antwortete er. »Noch ist sie eigentlich weiter Nichts, als Augen.«

»Von wem ist die Rede?« fragte der Landrichter.

»Herr Scheffer, mein lieber Mann,« antwortete die Frau vom Hause, »Herr Scheffer hat im Walde ein kleines Kind aufgefunden –, es ist zu romantisch.«

»Todt oder lebendig?« lautete die neue Frage des Landrichters.

»Lebendig, natürlich, und wild, lieber Träffen, ganz wild! Ach, das süße, wilde Kind! Wie sehne ich mich, es zu sehen!«

Landrichter Träffen, der schon gefürchtet hatte, es könne sich um Kindesmord und extraordinäre Gerichtssitzungen handeln, fand nach dieser Aufklärung, daß der Gegenstand keiner weiteren Beachtung werth sei. Er versenkte sich deshalb auf's Neue in seine eigene Welt und richtete seine ganze Aufmerksamkeit auf sich selbst.

Fräulein Pauline blieb in ihrer rosenfarbenen Stimmung, wahrscheinlich in Folge der Erlösung von dem Korb des Herrn von Kork, mit welchem sie sich schon lange umhergetragen hatte; sie machte den Vorschlag, wo möglich die Tour sofort nach dem Kaffee, noch an dem heutigen Abend zu bewerkstelligen. Allein es sah nach Regen aus. Die Frau Landrichter wollte nun auch von der Partie sein, und sie schlug, der drohenden Wetterwolken halber, den nächsten Vormittag vor. Das Geschick wollte indeß, daß auch der folgende Tag sich durch ungünstiges Wetter auszeichnete, und erst an dem letzten Tage der Woche brach ein heller Sonnenstrahl hervor, die glänzenden Thauperlen an Baum und Gebüsch des Gartens vergoldend.

Pauline erklärte nun, daß sie, mit oder ohne Ritter, die Absicht hege, sich nach dem Oedegrund zu begeben. Julius Scheffer erbot sich sofort, sie zu begleiten, allein nicht nach dem Oedegrund, sondern nach dem Elfengehege, woselbst Tuva sich Nachmittags in der Regel aufhielt.

Glücklicherweise war die Frau Landrichter verhindert, an der Tour Theil zu nehmen, und deshalb finden wir eine halbe Stunde später die junge Dame in Amazonenhut mit flatterndem Schleier, Herrn Julius Scheffer an der Seite, mit jener Majestät, die schon im Träffen'schen Blute lag, auf dem Wege längs des Sees dahinwandeln. Man hätte freilich quer über den See rudern können, denn die Felder und Waldstrecken des Gehöfts lagen dem Herrenhof gegenüber; da Pauline aber keinen Sinn für das romantische Plätschern der Ruderschläge hatte, wünschte sie lieber jenen Umweg zu gehen.

Die Sonnenstrahlen spielten zwischen die Hügel und Baumgruppen des Elfengeheges hinein, wo Tuva, die Hand unter dem Kinn, saß und Mairos' betrachtete, die in der Sonne wie Katzengold glänzte. Der Regen hatte einen frischen Wald- und Wiesenduft hervorgezaubert, und kühlende Luftströmungen fächelten dann und wann von den Bergen herab, die den kleinen Landsee bekränzten.

Tuva saß, wie gesagt, und betrachtete Mairos' im Sonnenglanze; allein sie schaute auch öfters nach einem großen gelben Herrenhofe hinüber, der auf der andern Seite des Sees, fast in Wald eingehüllt, lag, und dabei dachte sie, was wohl die Leute dort machten. Doch mit einem Male machte Mairos' so große verwunderte Augen, daß sie noch nie so verwundert ausgeschaut hatte, und als Tuva selbst sich umschaute, um zu sehen, was wohl da so verwundert dreinzuschauen wäre, begann auch sie ungewöhnlich große Augen zu machen.

Ein hohes, vornehmes Frauenzimmer, welches sie früher einmal bei der Kirche gesehen hatte, befand sich schon ziemlich in ihrer Nähe, und in dessen Begleitung war – sie wußte wohl wer.

Tuva wünschte sich Flügel, denn ohne solche war es ihr unmöglich, so schnell wie sie es eben wollte, davon zu eilen.

Die vornehme Dame blieb einige Schritte von ihr entfernt stehen, zog ihre Lorgnette hervor, betrachtete sie eine gute Weile durch dieselbe, ließ die Lorgnette fallen und äußerte zu ihrem Begleiter: »Recht originell!«

»Ja, ist sie nicht!« rief dieser gleichsam mit Stolz.

Pauline sah ihn an mit ihrem ruhigen blauen Blick, sah wieder das Mädchen an und fragte: »Ist die wirklich hübsch?«

»Was finden Sie selbst? Sie wissen, ich bin streng in meinen Forderungen, aber sie wird hübsch werden, oder was meinen Sie? «

»Welch' sonderbares Haar! – Steht das immer so in die Höhe?«

»Gewöhnlich, ja!« antwortete Julius lächelnd. Es ist ein wunderliches Haar, es sendet manchmal Funken aus, ganz wie von einer Katze. Vielleicht können wir das jetzt sehen, wenn wir sie dazu bewegen könnten, es auszuschlagen.« ,

»Aber die Augen, Herr Scheffer? – Allerdings sind sie groß wie Theetassen, aber gelb und häßlich.«

»Ein großer Irrthum, meine Gnädige! – Hat sie irgend etwas Bewunderungswürdiges, so sind es gerade die, Augen, die schönsten, die ich jemals gesehen habe.«

»Wirklich?« äußerte Pauline und lachte.

Ein anderes Weib hätte geseufzt. Das war der Unterschied zwischen Pauline Träffen und anderen Weibern.

»Wollen Sie sie nicht anreden?« fragte Julius, und winkte Tuva herbei.

»Sie sieht aus, als wäre es nicht gut, mit ihr zu reden. Ob ich wohl ein Wort aus ihr herausbekommen werde – vielleicht gar zu viele?« fragte Pauline, und setzte sich auf einen Stein ihr gegenüber.

»Das Letztere ist nicht zu befürchten!« antwortete Julius lachend, und fügte hinzu, indem er sich an seinen Schützling wandte: »Tuva, komm hierher, und sage guten Tag zu der Dame!«

»Komm hierher zu mir, Du scheues Kind!«

Tuva blickte ihren Herrn bittend an, und zog sich einige Schritte zurück. Man sah, daß sie mit einem innern Widerwillen zu kämpfen hatte.

Sein Blick allein zwang sie zu bleiben.

»Komm!« wiederholte er. »Komm gleich!«

Allein der alte Gehorsam war verschwunden und Tuva selbst auf dem Sprunge, in das Gebüsch zu verschwinden.

»Tuva!« – hier tönte seine Stimme mit einem Klang, der eines Träffen's würdig gewesen wäre – »Tuva!«

»Ja!« antwortete sie, und trat schnell hervor.

»Ah! Sie haben viel Macht über sie,« äußerte Pauline, die in angemessener Entfernung der Scene zugeschaut hatte. »Weißt Du, wer ich bin, mein Kind?« fragte sie, an Tuva gewendet, und berührte sie leicht mit ihrem Sonnenschirm.

Tuva schwieg.

»Wie alt mag sie sein?«

»Dreizehn Jahre, sagt sie selbst; aber ich glaube nicht, daß sie so alt sein kann.«

»Sie ist gewiß älter,« äußerte Pauline. und betrachtete, so nahe sie es vermochte, die Augen Tuva's, die sonderbar alt aussahen.– »Herr Scheffer! Sie ist ganz gewiß älter. Es dürfte auch, wenn ich nicht irre, länger denn dreizehn Jahre her sein, als die Leute sie fanden.«

Tuva's Füße begannen einige Unruhe an den Tag zu legen, allein ihr Beschützer ergriff ihre Hand und fragte, ob sie wisse, wer die Dame sei, welche die Güte habe, sich für sie zu interessiren.

»Nein!« sagte Tuva und zwar mit einem Blick, der zu erkennen gab, daß es ihr auch ganz gleichgiltig sei, es zu erfahren.

»Sie brauchen nur die Lippen zu öffnen, Herr Scheffer, und die Arme antwortet sofort,« äußerte Pauline. »Sie müssen ihr ihre Zauberkünste abgelauscht haben.«

Julius schien hiervon angenehm berührt zu sein. –

»Höre nun, Tuva!« sagte er. Du erinnerst Dich ja, daß ich Dir von dem Herrenhof erzählt habe, und daß Du vielleicht auf demselben aufgenommen werden würdest. Du weißt doch?«

Tuva antwortete nicht,

»Das ist auch Nichts von Belang gewesen,« fiel Pauline ein. – »Aber, was meinst Du, Kind! willst Du zu mir kommen, jetzt, wo Du mich gesehen hast.«

Tuva fuhr in ihrem Schweigen fort.

»So antworte doch! Willst Du zu mir kommen und meine Blumen pflegen, die Vögel füttern, in dem Garten umherspringen, lesen und sonst Dich ausbilden? Willst Du?«

Immer noch hartnäckiges Schweigen.

»Das wäre also Alles nichts Angenehmes?« äußerte Pauline geduldig. »Hast Du es angenehmer hier? Gefällt es Dir besser, wie Du es jetzt hast?«

Es könne ja gleichgiltig sein, was ihr gefiele, murmelte Tuva, und wandte sich ab.

»Tuva!« rief Julius im Zorn.

»Ja!« antwortete sie schnell.

»Hörtest Du nicht?«

»O ja!«

»Nun, also?« fuhr er in demselben Tone fort.

»Lassen Sie sie!« bat Pauline. »Es ist noch zu früh. Das Kind ist ja, ungeachtet Ihrer Arbeit im Weingarten, noch ein wilder Kobold. Wir müssen noch einige Zeit warten, bis der Boden günstiger wird.«

»Sie ist nicht immer so,« sagte Julius. – »Bist Du ein Kobold, Tuva?«

»Ich bin kein Kobold!« rief sie, und sah dabei koboldartiger aus als je. »Aber die leide ich nicht!«

»Nehmen Sie sich in Acht, Herr Scheffer! Gehen Sie nicht näher an sie heran, sie könnte Sie beißen!« äußerte Pauline mit beißendem Hohn.

»So böse sie ist!« schrie Tuva, »sie ist der Böse selbst!«

»Halten Sie sie zurück, Herr Scheffer, um Gottes Willen, sonst stürzt sie sich auf mich!« sagte Pauline, jetzt in der That eingeschüchtert, und zog sich zurück.

»Sein Sie so gut und reizen Sie sie nicht!« flüsterte er ihr bittend zu. »Tuva ist ganz gefügig, wenn wir ihr nur Zeit lassen, sich die Sache zu überlegen. Nicht wahr, Tuva?«

Aber Tuva antwortete nicht. Sie verschlang nur mit dem gierigen Appetit des Hasses die vornehme Dame. Es war jedoch nicht dieselbe Art von Haß, die sie gegen die Bauersfrau hegte. Der letztere war zu stillen, der erstere nicht. Man sah es deutlich an der raubgierigen Lüsternheit, mit welcher sie ihre flammenden Blicke auf Pauline warf; ein Menschenkenner hätte in diesen Blicken und in denen ganz anderer Art, die sie auf Julius warf, ihr ganzes Lebensgeschick lesen können.

Sie empfand das auch selbst, obgleich sie ihre Gefühle nicht auszusprechen vermochte; und auch Pauline, mit dem scharfen Blick des Weibes in dergleichen Dingen, empfand es und sprach es bei sich im Stillen aus, wenn auch ihre Lippen schwiegen.

»Gehen wir aber jetzt, Herr Scheffer!« äußerte sie im gleichgiltigen Ton. »Das arme Kind sehnt sich nach der Einsamkeit. Wir gefallen ihr nicht, das ist deutlich. Kommen Sie!«

Julius Scheffer, der seinem Schützling ernstlich zürnte, war auch schon auf dem Wege, Pauline zu folgen, blieb aber plötzlich wieder stehen, indem Tuva ihm heftig zurief: »Ich will mit Ihm reden!«

»Was willst Du denn, eigensinniges Kind?« fragte er in der Hoffnung, daß sie ihr Betragen bereue, und verließ einen Augenblick seine schöne Begleiterin.

»Ich will sprechen,« sagte Tuva.

»Sie haben wenigstens keinen Mangel an Geduld, Herr Scheffer!« – fiel Pauline jetzt ironisch ein.

»So sprich denn, aber beeile Dich!« rief Julius im Ton des Zornes Tuva zu.

Als er aber nun zum ersten Male eine glänzende Perle in ihren großen Augen flimmern sah, erwachte seine Theilnahme, und er ging auf das Mädchen zu, es freundlich fragend, was es wolle.

»Folge ihr nicht! Bleibe bei mir!« sagte Tuva bittend, während die flimmernde Perle langsam über die schmutzige, hagere Wange rollte.

»Weshalb soll ich ihr nicht folgen?« fragte er.

»Ich kann sie nicht leiden. Ich werde ihr das Leben nehmen!« – war Alles, was Tuva hervorpreßte, während sie ihn an seinem Rockschoß faßte.

»Schämst Du Dich nicht, Du böses Kind!« antwortete Julius, und stieß sie von sich fort. »Geh! Ich will Dich nie wiedersehen!«:

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, als Tuva einen gellenden Schrei ausstieß und mit einem Satz im Gebüsch verschwunden war.

Er blickte ihr nach, dem Geräusch im Gebüsch lauschend, bis dasselbe ganz erstarb; ein finsterer Schatten legte sich über seine Stirn.

Erst als sie sich nach einer stummen Wanderung dem Herrenhof näherten, äußerte die schöne Pauline:

»Pikant war die Scene im Walde allerdings, aber zugleich ziemlich unschön. Es gehört Muth und noch mehr Illusion dazu, um den Versuch zu wagen, einem solchen Wesen Seele einzuhauchen. Es ist mehr, als ein Missionär unter den Kannibalen versuchen würde. Sie ist recht und schlecht ein Thier.«

»Sie sprechen sehr expressiv, Fräulein Pauline,« antwortete er. »Ein Thier?«

»Wie benennen Sie sie denn?« fragte Pauline im eiskalten Ton.

»Wie man sie nennt, hat wenig zu sagen. Ich beabsichtige jedenfalls den Versuch zu wagen.«

»Ich wünsche Ihnen viel Glück, Herr Scheffer! Gelingt Ihnen der Versuch, sind Sie größer als Pygmalion; er gab nur dem Stein Leben, Sie wollen – verzeihen Sie, daß ich das expressive Wort gebrauche – einem Thier eine Seele beibringen.«

Er wanderte eine Weile sinnend an ihrer Seite; endlich äußerte er im ruhigen Ton:

»Nein, nein!« Sie müssen sich irren. Ohne Seele ist sie nicht. Ich befürchte viel eher, daß sie tiefere Gefühle hat, als Sie und ich zu beurtheilen vermögen.«

»Es ist sehr möglich! – Das sage ich Ihnen aber, Herr Scheffer, einen Christenmenschen werden Sie nie und nimmer aus ihr machen. –– Nun, das Abenteuer war also zu Ende. Ich lade Sie ein, meinen Rapport an die Mutter zu controliren.«

»Der Abend ist warm und still, und so gern ich in der That Sie in ihren häuslichen Kreis begleite, muß ich doch jetzt anderswo hin. Ich werde wahrscheinlich zurück in das Elfengehege gehen. Auf Wiedersehen!«

Er sprach im scherzenden Ton, und ein Lächeln spielte um seine Lippen, allein im Herzen fühlte er sich nicht wohl zu Muthe. Ihm war, als habe er ein böses Gewissen, wenn er an die wilde Waldtaube dachte, die vergeblich nach ihrem einzigen Freund geschrieen, und sich wohl in ihrem Kummer durch ihre eigenen Flügelschläge den Tod geben könne.

Mit eilenden Schritten kehrte er nach dem Elfengehege zurück, und nie vergaß er wieder das Bild, das sich hier seinem Blick, aus der Ferne darbot, es war das letzte aus dieser Periode seines Lebens.

Auf dem Boden lag ein kleines menschliches Wesen, sich in convulsivischen Bewegungen hin- und herwerfend und sehr durchdringende Schmerzensrufe ausstoßend. Tuva weinte nicht. Ihr Schmerz war nicht der der Seufzer und Thränen. Er war ein inneres brennendes Feuer, das von keiner Linderung wußte.

Nein, sie weinte jetzt nicht. Sie hatte ein einziges Mal in ihrem Leben geweint – vor einer Stunde, als sie ihn bat, sie nicht zu verlassen. Jetzt weinen zu können, wäre eine Wollust gewesen, aber sie vermochte es nicht. Eine Todeslast schien auf ihrem Herzen zu liegen und dessen Schläge niederzupressen, wenn auch das Herz selbst zitterte.

Wer maß die Tiefe des Leidens dieses wilden Wesens in dieser Stunde? Sie that es selbst eines Tages, später, als sie den Namen des Dämons kennen lernte, der sie marterte; und obgleich sie auch später viel gelitten hatte, so erkannte sie, daß Nichts mit den Qualen dieser Stunde zu vergleichen sei.

Und dieselben waren um so gewaltsamer, als sie keine Gegenwehr in dem Willen, kein Gegengewicht im klaren Denken fanden.

Das einzige Gegengewicht, das Tuva zu Gebote stand, war der Haß und die Rache, und sie würde zweifelsohne ihr Rachegefühl an der verhaßten schönen Dame, die ihr den Freund geraubt, befriedigt haben, wenn es sich nicht bald in anderer Richtung Luft gemacht hätte.

Julius näherte sich ihr; allein sobald sie ihn erblickte, hörte ihr verzweifeltes Jammergeschrei auf. Sie erhob sich langsam und war in demselben Augenblick verschwunden, als sei sie in eine Wolke verwandelt.

Er rief sie bei Namen; er suchte sie überall, sie blieb verschwunden.

»Wo war sie geblieben?«

So fragte er sich, indem sein Blick auf dem spähenden Gang zufällig an der kleinen ländlichen Capelle an der andern Seite des Sees haften blieb.

»Wo ist sie wohl geblieben?« wiederholte er, und vermochte sich nicht gegen den Gedanken zu wehren, daß es dem armen wilden Wesen am besten sein würde, wenn es zwischen den friedlichen Wohnungen, die um die Capelle lagen, zur Ruhe gegangen sei. Aber im nächsten Augenblick empfand er eine unaussprechliche Sehnsucht, es im Leben wieder zu finden. Und als die letzten Sonnenstrahlen das Bauergehöft beleuchteten, als das Dachfenster dorten, hinter welchem Tuva, das wußte er, sich Abends zur Ruhe begab, ihm im Glanze der untergehenden Sonne entgegenstrahlte, sprach er den brennenden Wunsch aus, daß sie dort in Frieden gebettet sein möge. War es ihm doch auch, als wenn die rothen Flammen ihm die Erfüllung dieses Wunsches verhießen, und er kehrte langsam nach Hause, mit wärmerer Hingebung als je an seinen kleinen Schützling denkend.

Etwas später am Abend fragte man im Gehöft gleichfalls, wo Tuva sei.

Zwar war sie mit dem Vieh, wenn auch später als sonst, nach Hause gekommen, und die Bauersfrau hatte hoch und theuer geschworen, daß es mit solcher Unsitte ein Ende haben solle.

Sie hatte dem armen Mädchen unbarmherzig zugesetzt. Sie hatte es bei den Haaren in's Haus geschleift, und als es sich dort losriß, hatte sie den Großknecht zur Hilfe gerufen; dieser hatte das arme Kind gehalten, während die Bauersfrau es dermaßen geschlagen, daß alle früheren Mißhandlungen dagegen Spielerei waren; darauf hatten sie und der Knecht es aus dem Hause auf den Hofraum hinausgestoßen und es dort sich selbst überlassen. Tuva war nach einer Weile wieder von selbst in's Zimmer getreten, aschgrau im Gesicht, hatte sich ohne ein Wort zu sagen, an den Kochherd geschlichen und sich dort kurze Zeit aufgehalten, worauf sie sich schweigend wieder entfernt, im Vorübergehen an der Bauersfrau aber dieser in's Gesicht gespuckt hatte, und war mit diesem Abschiedsgruß in den Wald gelaufen oder noch weiter geflüchtet, denn im Gehöft sah man sie nicht mehr.

Man sollte aber dort bald ein Anderes gewahr werden. –



Siebentes Kapitel.

Es war bereits spät am Abend, als Julius Scheffer von seiner vergeblichen Wanderung heimkehrte. Allein Landrichter Träffen, der eine große Post zu expediren hatte, saß noch schreibend in seinem Zimmer, und weil die übrigen Glieder der Familie auf Rydeholm stets seinem leuchtenden Beispiel nachfolgten, so war auch das ganze Haus noch auf den Beinen.

Als Julius den Hofraum betrat, hörte er das Piano aus dem Saale in ungewöhnlichen Tönen klingen. Pauline Träffen liebte vorzugsweise das Brillante, auch in der Musik, und spielte fast stets nur halsbrechende, künstliche Sachen; jetzt aber klangen die Töne in anmu­thiger, ungesuchter, zum Herzen gehender Weise, und die Melodie selbst athmete süße Wehmuth.

Julius blieb stehen und lauschte mit eben so viel Erstaunen als Vergnügen. Angelockt von den Tönen, trat er in den Saal, woselbst er Pauline allein fand, so vertieft in die Musik, daß sie sein Eintreten nicht bemerkte.

Er nahm leise Platz in einem Lehnstuhl, stützte den Kopf in die Hand und versenkte sich in anmuthige Träumereien. Er wurde aus diesen durch einen Seufzer Paulinens aufgeweckt, die zu gleicher Zeit das Instrument zuschlug und sich erhob.

»Sie hier?« rief sie erstaunt, als sie ihn gewahr wurde.

»Also auch Sie können seufzen, Fräulein Pauline! das freut mich.«

»Weshalb sollte ich nicht wie Andere seufzen können, weshalb freut Sie das?«

»Es freut mich, weil die Seufzer ein Beweis von Leiden oder Schwäche sind, und ich sympathisire mit dem ersteren und liebe die letztere.«

»Die Schwäche gefällt Ihnen, – der Sie Gefallen in jenem wilden Mädchen finden? Haben Sie je etwas Gewaltsameres als dessen Leidenschaft, Trieb, oder wie ich es nennen soll, gesehen?«

»Ich meine nicht die Kraft der Leidenschaft, Die liebe ich. Die Kraft aber, die der Leidenschaft Zwang anlegt – die blutlose Kraft der Ruhe, der Selbstbeherrschung, – die hasse ich.«

»Sie sind ein ganz sonderbarer junger Mann, Herr Scheffer! Trafen Sie die Wilde?«

»Nein! Aber ich sah sie in einem Zustande, daß ich zu Gott flehe, er möge mich nie wieder dergleichen sehen lassen.«

»Was haben Sie denn gesehen?«

»Ich kann es Ihnen nicht beschreiben. Sie würden es jedenfalls auch nicht begreifen können. Genug; ich sah – – doch nein! Ich will es aus meinem Gedächtniß reißen. Weshalb brachten Sie diesen Gegenstand zum Gespräch? – Ich kam nicht hierher, um von demselben zu sprechen. Mich lockte Ihr Spiel, die Töne. Ich habe Sie nie früher mit Gefühl spielen gehört. – Sie haben somit ein Herz?«

Eine flammende Röthe bedeckte Paulinens Wangen und Stirn. Entsprang dieselbe einem gerechten Zorn über die kecke Bemerkung, oder lag ihr ein anderes Gefühl zu Grunde?

Sei dem wie ihm wolle – das Erröthen, welches der Dämmerschein im Zimmer seinen Blicken verbarg, war die einzige Antwort, die er erhielt.

»Verzeihen Sie, Fräulein Pauline; ich bin eine ungekünstelte Natur, wenn ich auch ein Künstler sein möchte, und es war nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen. Allein Sie erscheinen zuweilen so – –«

»Ich wünsche guten Abend, Herr Scheffer!« unterbrach ihn Pauline, erhob sich und verließ das Zimmer.

Julius begriff weder sich selbst noch Pauline; aber vorher warm und herzlich, fühlte er sich schnell abgekühlt, und da ihm weiter Nichts übrig blieb, begab er sich nach seinem eigenen Zimmer.

Der Mond einer Augustnacht warf seinen Schein durch das Fenster, und ein breiter Strahl hatte den Winkel aufgesucht, in welchem die Staffelei stand. Er blieb grausend stehen. Tuva's Gestalt auf dem jetzt fertigen Bilde trat ihm in der magischen Beleuchtung mit einem dermaßen zürnenden Ausdruck entgegen, daß er von einer Art Gespensterfurcht ergriffen ward . Eine Weile blieb er unbeweglich stehen; sein Blick haftete an dem Bilde, welches in seiner Phantasie aus dem Winkel hervortrat und sich ihm langsam näherte. Mit einem Gefühl des Entsetzens schlug er plötzlich die Thür wieder zu, eilte in die Nacht hinaus, und, getrieben von den schmerzlichsten Ahnungen, richtete er seine Schritte wiederum nach dem Gehöft jenseits des Sees.

Es war eine stille Nacht. Kein Laut störte das feierliche Schweigen. Die ganze Natur ruhete im mitternächtigen Schlummer: die Woge am Strande des Sees, der Wind in den Kronen der Birken, der Vogel in seinem Neste, das Haideblümchen auf dem moosigen Hügel.

Diejenige aber, die Julius suchte, schlummerte auch sie in der friedlichen Nacht?

Diese Frage machte sich fortwährend bei ihm geltend, während er eilends auf die Stelle zuschritt, wo er sie zuletzt gesehen hatte. Seine eigene Sehnsucht, sie zu treffen, war so lebendig, daß er sich einbildete, sie müsse von einer eben solchen getrieben werden, und er nahm es für gewiß an, daß sie, wie er, diese Stelle zu der nächtlichen Begegnung aufsuchen würde.

Als er sich dem Gebüsch näherte, glaubte er schon ihre leichte Gestalt zwischen den Sträuchern zu erblicken. Er beeilte seine Schritte und rief leise: »Tuva, mein Kind!« allein er bekam keine Antwort. Die leichte Gestalt, wenn sie wirklich anders als in seiner Phantasie zugegen gewesen war, hatte sich jetzt, wie früher, in eine Wolke aufgelöst.

Ermüdet warf er sich in's Gras. Es war ein sonderbares Interesse, welches dieses Kind ihm eingeflößt hatte, und er fühlte, daß eine große Leere in seinem Leben entstehen würde, wenn er es für immer verloren geben müsse. Allein er wollte an einen solchen Verlust nicht glauben. »Ich muß sie wiederfinden, diese Nacht noch,« sprach er vor sich hin. – »Es ist unmöglich, daß sie nach einem solchen Tage ruhig auf dem Boden dorten ihr Lager gesucht haben kann. Vielleicht ist sie auf dem Drachenberge – dort will ich das kleine Irrlicht suchen.«

Er sprang empor, um sich nach dem Drachenberge zu begeben, lenkte aber zuerst seinen Blick auf das Gehöft, gleichsam, um das Dachfenster zu Rathe zu ziehen. – Großer Gott! Was sah er dort?

Eins – zwei – drei – vier Irrlichter rings um das Wohnhaus! Erst blau, später weiß, wurden sie bald roth und wuchsen zu Flammen empor, die raubgierig wie Schlangen die dürren Balken umzüngelten.

Eine entsetzliche Ahnung bemächtigte sich des jungen Mannes, und ein Gefühl gleichsam der Theilhaftigkeit eines Verbrechens schnürte ihm die Brust zusammen. Doch es war jetzt keine Zeit für Ahnungen und Gefühle übrig. Er lief auf die Capelle zu, um dort die Glocken zu läuten, allein man war ihm schon zuvorgekommen, er hatte kaum die Hälfte des Weges zurückgelegt, als auch schon die grausigen Feuersignale ihm entgegen läuteten.

Er setzte seinen Lauf nach der Brandstätte zu fort, und als er am Gehöft stand, raste das Feuer schon mit unwiderstehlicher Gewalt.

Das dürre Gebälk des Wohnhauses empfing gierig die Liebkosungen der Flammengluth. Das Wasser, welches sich aus der einzigen größeren Spritze ergoß, die zur Hand war, steigerte nur noch das Rasen der Flamme, und bald befand sich das ganze Haus von Rauch und Feuer umhüllt.

Allmälig sammelte sich eine große Schaar von Leuten, versehen mit Eimern und Handspritzen; allein wenn man auch jetzt ein ganzes Meer von Wasser über das Haus hätte ausgießen können, wäre es zu spät gewesen. Die Leute sahen das endlich ein und es entstand eine Pause in den vergeblichen Versuchen des Löschens.

»Sind alle Leute aus dem Hause gerettet?« hörte Julius eine Stimme aus dem Volkshaufen fragen.

»Ja, Gott sei gelobt in der Stunde der Noth!« antwortete der Bauer, der Eigenthümer des Gehöfts, Erich Carlsson. »Ihr seid hier ja Alle zusammen, weiß ich! Johann, Magnus, Maja, Lotte und Tuva?«

Alle antworteten, Alle, nur Tuva nicht.

»Wo ist Tuva, die Arme?« fragte der Bauer, der stets eine herzliche Theilnahme für das schutzlose Kind , an den Tag gelegt hatte.

»Das mag der T – l wissen,« schrie die Bauersfrau. »Mag sie in der Hölle sein!«

Es entstand nun ein Fragen und Suchen ohne Ende, aber das Ergebniß war, daß Tuva nicht aufzufinden sei. Konnte sie noch in dem brennenden Hause sein?

Die Frau meinte Nein, denn sie habe sie nicht wiederkehren sehen, seitdem sie aus dem Hause in den Wald hineingelaufen war, nachdem sie ihr in's Gesicht gespuckt habe, und sie fand es schlechterdings für unmöglich, daß sie nach einer solchen That wiedergekehrt sein könne. Allein die Gewißheit fehlte, und man sprach nun davon, eine Leiter zu dem Dachfenster hinauf anzulegen. Die Seite, an welcher dieses Fenster sich befand, war freilich am wenigsten vom Feuer angegriffen, aber die Söhne Muspels übten doch immerhin auch hier schon ihr Verheerungswerk.

»Der Teufel, und nicht ich, wage sein Leben wegen der Katze!« rief der Großknecht, der sich bis dahin durch die größte Anstrengung und durch Muth und Entschlossenheit ausgezeichnet hatte, und zu dem deshalb Alle mit Vertrauen hinblickten. »Mag sie in Schwefel und Feuer brennen, Niemand entgeht seinem Geschick,« fügte er hinzu, lustig wie immer. »Das hat Nichts auf sich, wenn das Spiel einmal begonnen ist.«

Es wurde mit jedem Augenblick gefahrvoller, den Weg nach der Dachkammer zu betreten. Die Leute sahen das ein und blieben unentschlossen stehen. Da trat Julius Scheffer hervor und fragte, was es gäbe. Kaum hatte Jemand den Namen Tuva genannt, als er durch kräftiges Zureden die Menge belebte; die Leiter wurde nun hervorgeholt und an die brennende Wand angelegt; kaum war dies geschehen, als auch er selbst leicht und behende dieselbe erkletterte.

Es stellte sich bald heraus, daß es ein gefahrvolles Unternehmen sei. Kaum hatte er das Bodenstockwerk erreicht, als auch das Feuer die Leiter zu ergreifen begann. Hunderte von Stimmen riefen ihm zu, daß er eiligst umkehren solle, allein er lauschte ihnen nicht. Erst nachdem er den Boden über dem ganzen Hause durchsucht hatte, kehrte er zurück, und man hatte während dessen die größten Anstrengungen nöthig gehabt, um die Leiter durch Bespritzen mit Wasser zu schützen. Es war aber doch gelungen, sie den Flammen abspenstig zu machen, und es gelang auch Julius, unbeschädigt von seinem gefahrvollen Gang herabzukommen; – es gelang aber nicht, Tuva aufzufinden.

»Mein Gott! Mein Gott! Wo ist die Arme geblieben?« rief nun der Bauer und raufte sich die Haare. »Ich weiß gewiß, daß ich sie nicht würde vergessen haben, wenn ich nicht ganz wie dumm im Kopfe geworden wäre. Denn ich lag gerade und träumte von der gelben Stute, die im Frühjahr stürzte, und die den Spath in dem linken Hinterfuße hatte, und so versetzte mir Stina Kajsa einen solchen Knuff, daß ich ganz erstaunt war und meinte, die Gelbe wäre wieder aufgestanden, aber mit einem Male sah ich, daß Stina Kajsa aufgestanden war; sie selbst stand mitten im Zimmer, mit Respect zu sagen, im bloßen Hemde, und sie schrie mir zu: »Heraus, Erich! Schnell heraus mit Dir!« schrie sie, »das Haus brennt in Jesu gesegnetem Namen!« sagte Stina Kajsa. Ich hätte sonst wohl das arme Kind gerettet.«

»Schweig doch, Erich! Wir haben jetzt Anderes zu bedenken,« unterbrach ihn Frau Stina Kajsa. »Gott steh' mir armen Frau bei! Der ganze Bau in Asche! Ach, Du großer Gott! und die Balken und das Holz! es war solch' Holz in keinem andern Hause. Die Großeltern haben es selbst gebaut. – Hätte ich wenigstens an die kleine Kiste in dem gebeizten Schrank in der Schlafstube gedacht, es liegen dreihundert Thaler darin und die Kaffeelöffel, und zwei Zuckerzangen, und die Ohrringe, und der silberne Becher, den ich von dem Oheim, dem Kirchenpatron, auf meiner eigenhändigen Hochzeit kriegte – denn Erich, der arme Schlucker, der hatte nun freilich Nichts, was der Rede werth war, einzubringen, das weiß Jedermann. Jetzt aber – Gott sei mir gnädig! ist Alles mitsammen in die Hunde gegangen! Oh – oh – oh, ich armes ausgeplündertes Weib!«

Während die Bauersfrau sich durch diesen Erguß erleichterte, fuhr man fort zu suchen. Aber Julius Scheffer befand sich nicht mehr unter den Suchenden.

Er hatte das Gehöft verlassen, weil dort Nichts mehr auszurichten sei. Er beabsichtigte zurückzukehren in sein Zimmer auf der Landrichtern; allein als er schon an dem Ufer des Sees angelangt war, woselbst er ein Boot losbinden und hinübersetzen wollte, blieb er plötzlich stehen und lenkte, von einer ihm selbst unerklärlichen Macht getrieben, wiederum seine Schritte nach dem Elfengehege, wo er zum letzten Male Tuva gesehen hatte. Es schien ihm, als wenn sie, wo sie auch sein und was sie auch gethan haben möchte, doch jedenfalls den Wunsch hegen müsse, noch einmal mit ihm zusammen zu treffen.

Als er das Wäldchen betrat, schien es ihm wiederum, als wenn das Gebüsch in kurzer Entfernung von ihm, je nachdem er weiter schritt, sich bewegte, und als ob die laubvollen Zweige hin und her schwankten, wie bei den Schritten einer schleichenden Gestalt. Einen Augenblick wähnte er gar sie zu sehen; wenn es aber auch in der That so der Fall war, so löste die Gestalt sich doch jetzt wiederum gleichsam in eine Wolke auf.

Ermüdet von der Anstrengung warf er sich einige Minuten in's Gras nieder und sann auf's Neue über das wunderbare Interesse nach, welches dieses Kind ihm eingeflößt hatte. Es war ihm einleuchtend, daß, wenn seine Ahnung sich als Wahrheit herausstellen sollte, sie dann für immer getrennt seien, aber er wollte und konnte diese Ahnung nicht als Wirklichkeit festhalten. Er wollte jedoch klar sehen, erhob sich und ging, sie auf dem Drachenberge zu suchen, der so oft der Ort ihrer Begegnung gewesen war.

Der Mond war seit einer Weile hinter Wolken getreten, allein der Schein von dem flammenden Gehöft leuchtete ihm genügend, wenn auch die Finsterniß sich tief auf Wald und Flur gelegt hatte. Endlich befand er sich einem Kreuzwege, vier verschiedenen Pfaden gegenüber, von welchen einer, wie Tuva ihm einst gesagt hatte, direct auf den Drachenberg führte und den sie vor einigen Tagen durch einen Tannenzweig gekennzeichnet hatte, denn hier sei sonst ein böser Ort, ein Ort für Kobolde und Waldgeister, die daran Vergnügen fänden, den Wanderer dreimal zurückzuführen und auf Irrwege zu leiten, ehe sie ihn weiter ließen. So hatte wenigstens Tuva sich nach ihrer Ueberzeugung und Erfahrung ausgedrückt.

Der Tannenzweig war aber jetzt verschwunden, und Julius stand unentschlossen am Kreuzwege, als plötzlich ein Schatten ganz deutlich über den einen Pfad dahinschwebte.

Er eilte demselben nach und fand endlich diejenige, die er suchte.

Einen Augenblick schaute sie zurück. Ihre schwarzen Augen, die sich bei seinem Anblick in ihre Höhlungen zurückzogen, leuchteten ihm gleich Feuerfunken entgegen; und das kleine weibliche Wesen, das ihn vor wenigen Stunden beschworen hatte, sie nicht zu verlassen, ballte jetzt die Hand gegen ihn und befahl ihm, stehen zu bleiben, ihr keinen Schritt näher zu kommen.

»Tuva!« rief er und ging auf sie zu.

»Stehen bleiben!« rief sie. – »Wir begegnen uns wohl einmal wieder, wir Beide auch, wenn auch nicht so bald. Haben die Anderen drüben das Ihrige bekommen?«

Zum ersten Male ergriff ihn ein Gefühl des Abscheues gegen die kleine Furie.

»Ja, sieh mich jetzt an! Es wäre besser gewesen, es früher gethan zu haben,« fuhr sie fort. – »Ob die Leute jetzt wohl wissen, daß ich ihnen meine Schuld mit Zinsen zahle? Was würde ich noch darum geben, wenn ich die Lange auch verbrannt hätte!«

»Hüte Dich, Tuva!« – sprach er warnend. – »Weißt Du, was es heißt, Mordbrand zu begehen? – Es scheint Dir nicht an Verstand zu fehlen; nimm Dich in Acht!«

»Vor wem?« fragte sie. »Mich schreckt Niemand. Mich hält Niemand zurück.«

Sie warf einen Blick über die hohen Felsen hin als könne sie dort hinauf, wenn es ihr nur beliebte.

Ihr Alles verspottender Trotz reizte Julius. Seine Geduld war nicht gerade groß, und im nächsten Augenblick, mit einem Sprunge, stand er neben ihr, und sein Arm lag fest um die Hüften des trotzigen Mädchens. Da half kein Widerstreben – er blickte ihr bei dem Hervorbrechen eines Mondstrahls tief in die Augen und fragte, ob sie jetzt wohl fühle, daß sie in seiner Gewalt sei.

Sie fühlte es wohl.

Sie zitterte, nicht aber in Zorn, nicht in Furcht, nicht in Reue. Sie gab ihm seinen Blick wieder, sie senkte im wilden Rausche ihre Blicke in die seinigen; sie genoß, jetzt mit vollem Bewußtsein, in gierigen Zügen seine Nähe; aber dessenungeachtet hatte sie im nächsten Augenblick es doch verstanden, sich aus seinem Arm zu winden, und schien bestimmt darauf, wieder in die Nacht des Waldes zu verschwinden. Da blieb sie wie eingewurzelt stehen, als er im alten Ton ihr zurief: »Tuva, mein armes Kind!«

Obgleich Julius somit seine frühere Gewalt über sie wiedergewonnen hatte, so wußte er doch jetzt nicht, wozu er dieselbe gebrauchen solle, und wünschte fast, daß er sie nicht zurückgehalten hätte. Er fühlte sich unheimlich zu Muthe und wollte ein Ende haben. Sie dagegen schien zu erwarten, daß er sie meide. Vergeblich! Er that es nicht. Sie schüttelte nun wiederholt ihren Kopf, als wenn ihr Etwas durchaus nicht klar werden wollte, und auf ihn zugehend, äußerte sie endlich im langsamen Ton:

»Ist es, weil sie gebildet ist und Alles kann?«

»Wer?« fragte er verwundert.

Aber Tuva antwortete nicht, sie fuhr in ihrem eigenen Gedankengang fort: »Wo werden die Leute gebildet? Wohl in der Stadt, wie der Großknecht sagt?«

»Gebildet?« wiederholte Julius, der nun plötzlich gerührt einsah, was die arme Wilde meinte. – »Jetzt ist nicht Zeit daran zu denken. Beeile Dich, von hier fortzukommen! Fliehe, fliehe sogleich, fliehe weit, weit von hier! Und wenn Du auf der weiten Fahrt wieder zum Bösen versucht werden solltest, so gedenke mein!«

»Komm!« rief sie schnell. – »Komm! Bleibe bei mir!«

»Leb' wohl, Du armes Kind!« war seine einzige Antwort.

Tuva blickte ihn lange, lange an, wandte sich ab, blickte ihn noch einmal an und – verschwand.

Julius lauschte ihren leichten Tritten; und erst nachdem jeder Laut erstorben war, lenkte er seine müden Schritte zurück nach dem Herrenhof, erfüllt von traurigen Gedanken über die Bahn, auf welcher sein fliehender Schützling dahineilte.



Achtes Kapitel.

Es war jetzt heller Tag geworden. Tuva war, anfänglich mit zögernden, später aber mit eilenden Schritten, weit von der Heimath ihrer Kindheit geflohen.

Leute aller Art, zu Wagen, zu Pferde, zu Fuß waren ihr begegnet, aber zu ihrer großen Erleichterung hatte Niemand sie angeredet oder gefragt, wer sie sei. Sie war in einen tiefen Wald hineingerathen und saß jetzt, sich ausruhend, vor einem alten bemoosten Meilenzeiger. Sie war freilich ermüdet, fühlte sich aber sonst bei gutem Muthe, wenn auch der Hunger sich in immer höherem Grade einstellte. Sie pflückte Preißelbeeren und Blaubeeren, wo solche auf ihrem Wege vorkamen, allein dieselben sättigten nicht. »Wenn ich erst aus dem Walde sein werde,« – dachte sie, »giebt es doch wohl irgendwo eine Hütte, wo die Leute mir ein Stückchen Brod schenken,« – und so setzte sie ihre Flucht eilends fort.

Als sie aber aus dem Walde trat, lagen die menschlichen Wohnungen so dicht beisammen, daß sie sich nicht getraute, ihren Weg weiter fortzusetzen, oder in irgend ein Haus einzutreten; erst spät am Nachmittage faßte sie Muth und ging in ein Haus hinein, aus dessen Schornstein der Rauch lustig emporwirbelte. Der Rauch drang aus der Esse des Backofens und als sie dies gewahr wurde, steigerte sich ihre Hoffnung und ihr Appetit; sie blieb an der Thüre stehen und warf verlangende Blicke auf dir frischen Brodscheiben, die auf einem Tische aufgeschichtet lagen. Aber sie äußerte kein Wort.

»Was willst Du?« fragte das alte barsche Weib, welches mit dem Backen beschäftigt war.

»Brod!« antwortete Tuva.

»Bist Du aus den Finnmarken und hast Du Gefolge mit Dir?«

»Nein! Gieb mir eine Scheibe!«

»Du bist wohl mit dem schwarzen Mann, der hier gestern Abend war?«

»Nein; – gieb mir auch einen Bissen Häring!«

»Meinst Du das, Bettelpack? – he? Nimm das Brod da und mache, daß Du fortkommst! Und sage Du Deinem schwarzen Vater, daß er mich betrogen hat mit seinem weißen Pulver. Es ist kein richtiges Rattengift, und ich will Nichts mehr von ihm und seinem sauberen Gefolge wissen; – hörst Du? Mache, daß Du heraus kommst!«

Tuva machte einen kurzen Knix, setzte ihre Wanderung fort und verschlang das Brod mit dem Appetit des Hungers.

Erquickt vom Brode, begann sie mit sich selber davon zu sprechen, daß sie zur Stadt müsse, damit sie ebenso gebildet werde wie »die Lange;« denn sie sprach in der Regel laut mit sich selber, weil es ihr so klarer ward, als wenn sie schweigend denken mußte.

Der Abend näherte sich jedoch und sie begann sich zu ängstigen. Sie befand sich auf einer großen Haide und sah wohl die Unmöglichkeit ein, ihre Wanderung so lange fortzusetzen, bis sie ein Obdach würde erreicht haben. Sie legte sich deshalb an der Seite des Weges nieder; allein diese Nacht stellte sich der Schlaf nicht bei ihr ein, denn die Ermüdung war zu groß, die kühle Nachtluft zu scharf und die Gedanken zu lebendig. Sie zitterte an allen Gliedern, allein sie blieb dessenungeachtet liegen bis ein kalter Regen gegen Anbruch des Tages herabzufallen begann. Alsdann fing das Wandern von Neuem an, freilich aber mit stets müderen Schritten, und stets unruhigeren Gefühlen. Sie wagte es, einen Wanderer, der ihr begegnete, zu fragen, wie weit es wohl bis zur Stadt sein möchte, erhielt aber nur eine Antwort voll Hohn und Neckerei, und bekam dadurch eine noch größere Scheu, sich mit Jemand einzulassen. Den ganzen Tag wanderte sie, den ganzen Tag hungerte sie, und als der Abend herankam, hatte sie wiederum kein anderes Dach über dem Haupte, als das hohe Himmelszelt. Der Schlaf erquickte sie diese Nacht ebenso wenig als während der vorhergehenden, allein sie blieb doch nicht fortwährend wach. Zuletzt überkam sie eine Art Schlaftrunkenheit, und die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie mit einem Schauder, der ihre müden Glieder zum Zittern brachte, durch den Lärm eines vorüberrollenden Wagens geweckt, von ihrem Lager hinter einem großen Haufen Reisig emporfuhr. Und fast wäre sie vor Entsetzen in den schlaftrunkenen Zustand zurückgefallen, denn es schien ihr, als erkenne sie in der vorüberfahrenden Person den nächsten Nachbar des Erich Carls­son'schen Gehöfts, wodurch sie sich dermaßen erschreckte, daß sie auch an diesem Tage es nicht wagte, sich einer menschlichen Wohnung zu nähern.

Als der Abend einbrach, hatte sie somit wiederum einen ganzen Tag gefastet, und die Kräfte begannen sie ernstlich im Stich zu lassen. Sie sank endlich vollkommen kraftlos zu Boden und dachte mit Entsetzen, daß nun ihre letzte Stunde gekommen sei. Hatte das Leben ihr aber auch nicht viel Freude gewährt, sie wollte doch nicht sterben.

Mit einer letzten Anstrengung raffte sie sich wieder empor, erkletterte mühsam einen kleinen Hügel und gewahrte hier, zu ihrer großen Freude und Erleichterung, einen Lichtschein, nur eine kurze Strecke vom Hügel entfernt. Der Nachtwind strich scharf über sie dahin und verfing sich ungehindert in den Lumpen, die kaum vermochten, den kleinen hagern Körper zu bedecken. Sie fühlte aber doch ihren Muth wachsen durch den Anblick des schimmernden Lichtstrahls, schleppte sich, so schnell es ihr möglich war, weiter, gerieth auf einen schmalen Fahrweg und befand sich endlich vor einem roth angestrichenen einstöckigen Wohnhause mit sechs Fenstern und einer weißen Eingangsthüre in der Mitte, zu welcher eine überbaute Brücke über einen rieselnden Bach führte. Das Haus hatte ferner noch einen Eingang an der einen Giebelwand.

Ihre Füße vermochten es kaum, sie bis an diesen letztern zu tragen, und die Arme hatte fast nicht mehr die Kraft, die Klinke der Thüre zu heben. Als sie dies aber bewerkstelligt hatte, stand sie auch plötzlich in einer großen und geräumigen Küche, woselbst vier Frauen um ein flammendes Reisigfeuer saßen und spannen.

Da sie nunmehr erfahrener in der Kunst des Bettelns war, so bestrebte sie sich, ein einschmeichelnderes Wesen an den Tag zu legen, als die finstere Scheu, die sie beim Beginn ihrer Wanderung gezeigt hatte.

»Schön'n guten Abend!« sagte sie also im leutseligen Ton, wenn auch mit matter Stimme.

»Gott sei mit Dir! Wer bist Du?« fragte eine der Frauen und beleuchtete sie mit einem flammenden Spane.

Tuva bemühte sich, auf's Neue ihre Lippen zu öffnen, allein dieselben waren wie verschlossen. Es flimmerte ihr plötzlich vor den Augen – die Wärme, die ihr in der Küche entgegenströmte, bildete zu der Kälte draußen einen zu großen Gegensatz – und sie fiel besinnungslos nieder neben dem Wasserbehälter, der an der Thüre stand.

»Herr Jesus Christ!« schrie eine der Frauen. – »Allmächtiger Gott, ist das nicht Eine, die hier sterben will! Rufe die alte Großmutter, und das schnell, schnell!«

Und die alte Großmutter kam herbei, noch bevor die Frauen es dahin gebracht hatten, das arme verhungerte Geschöpf emporzuheben. Das geschah natürlicherweise nun sofort, und nachdem die Alte vor allen Dingen ein warmes Bett ordinirt hatte, rief sie nach Marie.

Marie war die Tochter der alten Frau und war auch die Frau vom Hause hier, im übrigen war sie ein langbeiniges, schlampiges Frauenzimmer mit kurzathmiger Stimme, verwaschenem Kleide, einem Pfenniglicht in der Hand, einem Kind auf dem Arme, und überhaupt von einer eigenthümlichen Farblosigkeit in ihrer ganzen Erscheinung.

Marie meinte, man könne die Fremde in die Kammer neben der Küche betten.

»Das wird das Beste sein, ja!« äußerte der alte Frau, deren Stimme zwar vor Altersschwäche zitterte, die aber eine energische, kluge, alte Frau war, die ein sauberes grüncarrirtes wollenes Kleid, eine Schürze, die bis an den Saum desselben reichte, und eine feine weiße Haube trug; sie trug außerdem auf der Nase ein paar runde Brillengläser.

Tuva wurde also in die bezeichnete Kammer getragen, woselbst ihr von Hunger und Müdigkeit wie zerschlagener Körper bald auf einem warmen Bett unter einem dicken Lammfell ausgestreckt lag. Nachdem man ihr einige Hoffmann'sche Tropfen eingegeben hatte, begann sie wieder aufzuleben, jedoch nicht so, daß sie zur Besinnung, sondern eben nur zum Leben erwachte; allein schon dies war sehr viel, denn die Wanderung hatte sie übel zugerichtet, sie, den armen irrenden Vogel.

Die kluge alte Frau gelangte bald dahinter, daß der Hunger den größten Antheil an der Ohnmacht Tuva's hatte, und behandelte sie übereinstimmend mit dieser Entdeckung. Die Schlafsucht verschwand auch bald, aber anstatt derselben stellte sich ein hitziges Fieber ein, welches mehrere Tage anhielt.

In dieser ganzen Zeit hatte Tuva natürlicherweise kein klares Bewußtsein ihres Zustandes; jedoch sah sie selbst während der Fieberphantasien immer die alte Frau mit der Brille neben ihrem Lager sitzen.

Eines Morgens erwachte Tuva zu vollem Bewußtsein und warf erstaunte Blicke um sich.

Die alte Frau saß an ihrem Lager, hatte aber das Gesicht von ihr abgewendet, und die lange, schlampige junge Frau saß auf einem Fußschemel, damit beschäftigt, einen neugeborenen Sprößling an ihrer Brust zu erfrischen.

Andere, größere Sprößlinge, einjährige, zweijährige und mehrjährige, standen gruppenweise im Zimmer umher.

Mit einem freundlichen Blick auf die hoffnungsvollen Gruppen sagte die alte Frau, daß es ihr nachgerade ein wenig einsam in ihrem eigenen Zimmer zu werden beginne; worauf die junge Frau ganz naiv den Vorschlag machte, einige der Sprößlinge aus dem Treibhause im untern Stockwerk zu ihr in das obere hinauf zu versetzen.

Aber das war nun nicht eigentlich die Meinung der alten Frau, denn ein solches Arrangement würde ihr leicht zu viel Lärm bringen; sondern sie beabsichtigte eine Dienerin für eigene Rechnung anzunehmen. Sie fühle sich altern und könne jetzt auch zugleich eine gute That ausüben, die ihr die Vorsehung selbst gleichsam angedeutet habe, als sie ihnen das arme Kind in's Haus gesandt.

Was die junge Frau hierauf würde geantwortet haben, weiß man so genau nicht, so viel jedoch, daß sie nicht dagegen opponirt haben würde, denn sie opponirte nie. Sie kam nämlich nicht dazu, sich zu äußern, denn die Thüre ging auf, und durch dieselbe trat ihr Ehegemahl, Inspector Carlquist, in's Zimmer und warf sich auf das Sopha nieder.

»Ja! Wie Einer sich abäschern muß! – Da sitzest Du und pflegst Dich, Marie, wenn ein Anderer im Lehmboden bis über die Stiefelschäfte umhertraben muß. – Halt, wo läufst Du jetzt wieder hin? – Wenn ich mit Dir spreche, sollst Du nicht fortgehen! Aber, was ich sage, ist natürlicherweise so gut wie gar Nichts. So geh' denn und höre gar Nichts! Thu' mir den Gefallen und geh' Deine Wege, ohne zu hören, was ich will.«

Marie, die bereits einen Schritt nach der Thür zur Küche gethan hatte, kehrte sogleich zurück und fragte ihren Ehegemahl, der roth und faul und feist und brummend auf dem Sopha lag, was er wünsche.

»Was ich wünsche? Wann wünsche ich denn Etwas? Aber sonst sagte Renström – au au, meine Seite! – sagte Renström, sage ich, daß wenn das Wetter einigermaßen vernünftig bliebe – Au, Terpentin, Marie! die Gicht bringt mich um! – so würden er und der Commissarius uns heute besuchen. – Aber so spute Dich, Marie! Sei so gut: stehe nicht dort und gaffe mich an, sondern denke ein wenig an Dein Haus und Deine Gäste, nur ein ganz klein wenig! Thu' mir die Kleinigkeit zum Gefallen!«

Die arme junge Frau gehorchte sofort. Sie dachte, daß ihr der Kopf brummte, an Haus und Gäste und an die leere Speisekammer, und eilte aus dem Zimmer mit dem Kind auf dem Arme. Ihr armes Gehirn, im voraus etwas rührig, mußte nun noch Rührei und viele andere rührige Sachen für Renström und den Commissarius in sich aufnehmen. Und dazu kam obendrein jener Vorschlag ihrer Mutter! Was sollte sie auf denselben antworten, und wie sollte sie es wagen, mit Carlquist davon zu reden?

Wegen dieses Letztern brauchte sie sich jedoch ferner keine Sorge zu machen, denn die alte Frau machte die Angelegenheit selbst ab. Sie war nicht allein die klügste alte Frau, sondern auch die vorsichtigste und umsichtigste aller Schwiegermütter; und da sie sehr wohl begriffen, daß ihr Schwiegersohn nicht gerade gern den Vorschlag gut heißen werde, wenn derselbe von Seiten seiner Frau käme, oder blos vorher sich des Beifalls derselben erfreue, so sprach sie von der Sache so, als wenn Madame Carlquist gegen dieselbe Einwände erhoben hätte.

Das that seine Wirkung. Carlquist fand, daß seine Frau hierin wie in Allem eine Gans sei, und in der besten Stimmung einigte man sich dahin, daß die alte Frau, jedoch auf ihre eigenen Kosten, das fremde Kind zu ihrer ausschließlichen Bedienung behalten solle.

Tuva war Zeuge dieses Gesprächs; sie trampelte unter dem Schaffell mit den Füßen, um zu versuchen, ob dieselben Elasticität und Kraft genug besäßen, um die Wanderung wieder aufzunehmen; und als es ihr schien, daß die Untersuchung ein erwünschtes Resultat lieferte, lachte sie im Stillen und hatte dabei einen Gedanken, der dahin gedeutet werden konnte, daß Herr Carlquist und die alte kluge Frau die Rechnung ohne den Wirth gemacht hatten.



Neuntes Kapitel.

Als Tuva vom Krankenlager aufstand und davon benachrichtigt worden war, daß die Stadt eine volle Meile von ihrem gegenwärtigen Aufenthaltsorte entfernt war, fand sie jedoch, daß ihre Kräfte noch einige Tage nicht für eine solche Wanderung ausreichen würden, und sie blieb deshalb vorläufig unthätig, obgleich ihr Entschluß feststand.

Noch hauste sie in der Kammer neben der Küche, und Alle im Hause fuhren fort, sie gut und freundlich zu behandeln. Allerdings blickten die Mägde sie mit einer gewissen Scheu an, und flüsterten sich gegenseitig zu, daß sie doch wohl nicht »richtig im Kopfe« sei, weil sie, selbst jetzt, nachdem sie gesundet war, oft unverständliche Worte halblaut vor sich hin spreche; allein dergleichen machte ihr wenig Sorge.

An einem Tage, an welchem sie gerade lebhafter denn je wieder das Bedürfniß empfunden hatte, ihre Wanderung fortzusetzen, sagte man ihr, daß sie nun in das Zimmer der alten Frau hinaufziehen solle, welches sie jetzt zum ersten Male betrat.

Es war ein großes Giebelzimmer mit geweißten Wänden, mit sogenannten Läufern kreuzweise über dem weißgescheuerten Fußboden, mit einem Ofen von Kacheln mit blauen Rosen, einem Sopha mit grüncarrirtem, wollenem Bezug, einem hohen Himmelbett, und mitten auf dem Deckbett desselben einer fetten gelbgestreiften Katze mit langen weißen Barthaaren. Auf der Commode lag eine Bibel und auf einem Tisch am Fenster befand sich die Schnupftabaksdose neben Zwirn, Scheere, Fingerhut, und einem grüncarrirten wollenen Rock, ganz wie der Stoff, der das Sopha und die Stühle bekleidete.

Alles hier schien Tuva gar fein und hübsch zu sein, und sie betrachtete es mit großen Augen.

»Komm näher, Kind! – Was meinst Du, daß das hier ist?« fragte die Alte, indem sie ihre Brille ablegte und mit zitternder Hand den Rock in die Höhe hielt, an welchem sie genäht hatte.

»Das ist ein Rock,« antwortete Tuva.

»Ja, das ist es,« sagte die Alte; »und der soll der Deine sein, wenn Du gern bei mir bleiben und gut und gehorsam sein willst.«

Tuva war jetzt nicht mehr so scheu, wie ehedem. Sie war während der letzten Zeit mit vielerlei Arten Menschen in Berührung gekommen. Sie trat deshalb auch nun auf die alte Frau zu, die ihr überhaupt nicht mißfiel, und antwortete derselben mit einer ihr sonst nicht gewöhnlichen Offenheit: »Ich will zur Stadt gehen, denn sie haben mir gesagt, daß Einer dort gebildet werden kann.«

Allein, die Art Bildung erfreute sich nun freilich nicht des Beifalls der Alten, sie begann vielmehr eine lange Vorlesung zu halten, aus welcher Tuva nur das Hauptergebniß herausfand, daß man sie daran verhindern würde, nach der Stadt zu gehen.

»Ich werde aber doch hingehen, und das diesen Abend noch.« dachte sie, verschwieg aber der alten Frau diesen Entschluß.

Nachdem diese vergeblich versucht hatte, aus Tuva herauszulocken, woher sie sei, begab sie sich hinab in die untere Wohnung zu ihrer Tochter, um mit dieser zu berathschlagen.

Die arme Frau Carlquist hatte an diesem Tage wieder Gäste zu bedienen, und war auch so weit gekommen, daß sie mit einer gelben Rübe in jeder Hand in der Küche stand; aber, feuerrothen Angesichts und summenden Kopfes, hatte sie noch eine ganze Menge zu thun übrig. Zuerst mußte sie hinein, um verwirrt die Gäste, Renström und den Commissarius zu begrüßen; darauf hatte sie Thee zu, bereiten, Eierpunsch zu schlagen, Butten zu braten, Entschuldigungen zu machen, daß das Haus weiter Nichts zu bieten habe, zu knixen und zu bitten, ihren Gruß den Familien der Gäste zu überbringen, die Kinder zu füttern und zu betten, sich selbst zu betten, auf Carlquist zu warten, einzuschlafen, vom Kindergeschrei wieder aufzuwachen, wieder einzuschlafen, aufzuwachen, und dann wiederum einen solchen Tag am Morgen von Neuem zu beginnen.

Als die Gäste abgereist waren, und Mutter und Tochter sich dahin geeinigt hatten, daß es am räthlichsten sein dürfe, Tuva nicht eher aus dem Gesicht zu lassen, bis sie »warm im Hause« geworden sei, wünschte die Alte Gute Nacht und begab sich in ihr Zimmer hinauf. Aber schon im nächsten Augenblicke kehrte sie mit aller ihr zu Gebot stehenden Schnelligkeit zurück unter dem Rufe:

»Denkt Euch! Wahrhaftig! Der Unhold von Mädchen ist entflohen.«

Alle sprangen herbei und setzten dem Flüchtling nach. Daß Frau Carlquist sich ohne Weiteres auf den bloßen Strümpfen auf den Weg machte, brauchen wir kaum zu erzählen. Die alte Großmutter trippelte den Anderen nach, so gut es eben gehen mochte, und das Glück wollte, daß sie schon nur eine kurze Strecke vom Hause entfernt, auf der Landstraße, die Entflohene wiederfanden. Herr und Frau Carlquist waren nun allerdings der Ansicht, daß es nicht der Mühe werth sei, ein so flüchtiges Stück zurückzuhalten; allein die Schwiegermama war eigensinnig, und Tuva befand sich bald wieder in dem großen Giebelzimmer.

Die Alte ließ es hier nicht, weder an eigenen Worten, noch an Worten des weltlichen und göttlichen Gesetzes ermangeln, und, sonderbar genug, alle diese Worte wirkten dermaßen, daß Tuva ein ganz neues Gefühl empfand, das viel Aehnlichkeit mit Scham hatte. Sie sah es nun wohl ein, daß ihr in diesem Hause so viel Güte und Barmherzigkeit zu Theil geworden war, daß sie sich ohne allen Dank nicht hätte fortschleichen dürfen. Ferner versprach sie zu guter Letzt der alten Frau, daß sie nie wieder einen Fluchtversuch machen wolle.

Und sie hielt treu dieses Versprechen; nicht eben des Versprechens halber, denn weder ein solches, noch andere Verbindlichkeiten würden es vermocht haben, sie zurückzuhalten, wenn dieselben sie von dem Ziel entfernt hätten, das sie sich gesteckt hatte, sondern deshalb, weil sie bald inne ward, daß der Schutz und die Liebe der alten Frau sie jenem Ziele näher führten.

Nachdem sie bislang als ein Wesen niedrigster Art, oft gar, als sei sie ein Thier, behandelt worden war, geschah ihr nun hier, daß sie, als ein Gegenstand der Gunst der alten verehrten Großmutter, über das ganze Dienstpersonal gestellt, als ein Glied der Familie betrachtet und bald eine Person von Bedeutung in ihrer neuen Heimath wurde. Und – was noch von Allem das Beste, war – die Bildung, die sie so eifrig erstrebte, ward ihr in vollen Zügen gewährt.

Es waren auch nicht viele Monate verstrichen, als Tuva schon dahin in ihrer »Bildung« gelangt war, daß sie mit lauter, singender Stimme der alten Frau ein Capitel aus der Bibel vorlesen, jeden Morgen und Abend ein Gebet aus dem kleinen, im Rücken schon ziemlich mitgenommenen Büchlein hersagen und jeden Sonntag in der Kirche das Evangelium lesen konnte, ehe der Prediger es vorlas. Es blieb aber, als das Jahr um war, nicht beim Christenthum allein.

Die alte Frau fand im Allgemeinen viel Geschmack an Lectüre, und da ihre Augen schwach waren, wurde es bald Tuva's Beschäftigung, ihr laut vorzulesen aus verschiedenen historischen Büchern, deren Inhalt die Alte besonders liebte, und wodurch unsere Heldin sich eine ziemlich vielseitige, wenn auch oberflächliche Kenntniß von historisch merkwürdigen Personen und Ereignissen erwarb. An den Sonntagabenden mußte sie andere, leichtere Lectüre vortragen, denn, so alt die Großmama auch schon war, so liebte sie es noch immer, sich an den Feier- und Festtagen bei den Lieblingen ihrer Jugend, bei Lafontaine, Fouqué u. s. w. zu erfrischen, nach welchen allmälig auch Walter Scott, Cooper, ja gar Eugen Sue selbst folgten, dessen aufregenden Schilderungen die Alte viele Thränen weihte, ohne daß sie, in der Reinheit ihres Gemüths, du geringste Gefahr dieser Lectüre für das junge Mädchen zu entdecken vermochte.

Und, der Wahrheit die Ehre! – für Tuva lag auch keine Gefahr hierin, denn auch ihr Gemüth war rein, wie es das Gemüth aller Derer ist, deren Herzen von der wahren Liebe ergriffen sind.

Neben dieser leichtern Lectüre erwarb Tuva sich nun in ihrer freien Zeit, auf eigene Hand, zugleich die solideren Kenntnisse, die sie noth­wendig zur Erreichung ihres einmal aufgestellten Zieles fand, und es dauerte nicht lange, bis sie selbst Herrn Carlquist durch ihre Kenntnisse in Erstaunen setzte, was nicht wenig sagen wollte, denn bisher war Herr Carlquist über keines andern Menschen Kenntnisse erstaunt, als über seine eigenen.

Machte Tuva nun auch in solcher Weise ziemlich schnelle Fortschritte in intellectueller Beziehung, und war sie auch dadurch schon im Stande, sich in der ihr früher ganz fremden civilisirten Welt zu bewegen, so verließ sie deshalb doch keineswegs ihre Kobold- oder Hexen-Natur. Dieselbe suchte noch gar oft Nahrung in allen den Beschwörungen, mit welchen sie jedwede Krankheit, die im Hause entstand, zu heilen unternahm, sei es geschwollene Finger, bösartige Wunden bei den Dienstboten, oder das immer wiederkehrende Zahnweh der jungen Frau. Bei der alten Frau durften jedoch diese Beschwörungen und Hexenkünste nie zur Sprache gebracht werden, allein sie trugen immerhin dazu bei, Tuva's Ansehen bei den übrigen Bewohnern des Hauses zu steigern, und umgaben sie mit einer mystischen Glorie, mit welcher sie selbst sehr zufrieden war.

Und von etwas Mystischem war ihre Person stets umflossen. Oft versank sie in tiefe Gedanken und Träumereien, die zu ihrer jetzigen Umgebung und Beschäftigung in gar keiner Beziehung standen, desto mehr und näher aber mit dem Drachenberg und dem Elfengehege verknüpft waren.

Diese ihre innere Welt verschloß sie gewissenhaft allen Anderen, und aus Furcht, sie möchte sich verrathen, wagte sie nicht einmal irgend eine Frage über Personen oder Verhältnisse des Ortes und der Gegend, aus welcher sie gekommen war. Aber sie bedurfte auch des Fragens nicht, denn eine innere Stimme sagte ihr Alles, was sie zu wissen nöthig hatte, oder, daß die Zeit schon kommen würde, wo sie wiederum mit demjenigen zusammentreffen würde, der stets in ihren Gedanken fortlebte, und daß das Schicksal schon dafür Sorge tragen werde, daß es geschehe, wenn sie dazu reif sei.

Einen Wink zu geben, wie es in dieser Lebensperiode Tuva's in moralischer Beziehung um sie stand, würde ein vergeblicher Versuch sein, denn sie war, im christlichen Sinne, ohne alle Moralität. Sie hatte zwar aus Büchern sich alle Lehren des Christenthums angeeignet, allein dieselben fanden bei ihr nur einen Anklang, insofern sie eine sympathetische Saite in dem natürlichen Saitenspiel ihres Innern anschlugen.

Gott über Alles lieben, war ihr ein Ding der Unmöglichkeit, denn der Freund vom Drachenberge war und blieb ihr Gott.

Ihre Feinde segnen – daran war ebenso wenig zu denken; denn hatte sie auch in flammenden Feuerzungen ihren Haß gegen die Bauersfrau im Gehöft gelöscht, so war doch immerhin »die Lange« da, die noch nicht das Ihrige bekommen hatte.

Es wäre jedoch ein Unrecht, nicht eingestehen zu wollen, daß sie in vielen Stücken die Ansichten und Lehren der alten Frau beherzigt hatte; und wer weiß, ob nicht allmälig ein Mehreres hier zu gewinnen gewesen wäre, wenn sie noch lange unter diesem wohlthuenden Schutze hätte bleiben können.

Das Schicksal hatte es indeß anders beschlossen.


* * *


Es war an einem Nachmittage, ungefähr zwei Jahre, nachdem Tuva ihre freundliche zweite Heimath gefunden hatte. Schon seit längerer Zeit stand es schlecht um die Gesundheit der alten Frau; seit mehreren Tagen lag sie nur in einen sonderbaren Schlaf versenkt.

Herr Carlquist war zu einer Spielpartie bei dem Freunde Renström eingeladen, und stand reisefertig im Hofraume.

»Marie!« sagte er zu seinen armen Frau, die das Kind auf dem Arme, sich vorgenommen hatte, ihn durch einen Abschiedskuß zu überraschen; – »Marie! bist Du ganz des Teufels, daß Du Dir die Nachthaube so über die Ohren herabziehst? – Ola Peter! Bist Du von Sinnen? setzt der Esel sich mir zur Rechten! – Also, – Marie, hierher mit dem blauen Kissen! – Also, vorwärts, Ola Peter! Aber fahre vorsichtig, daß es nicht zu sehr stößt – vergiß nicht, daß Du einen gebildeten Menschen fährst!«

Und damit fuhr Herr Carlquist ab, und seine junge abgeäscherte arme Frau kehrte zurück, zur Erfüllung ihrer Tausende von Pflichten.

Im Treppenhause begegnete ihr Tuva.

»Wie geht es mit der Mutter?« fragte die junge Frau.

»Sie schläft,« antwortete Tuva mit einem eigenthümlichen Ausdrucke der Stimme.

»Athmet sie noch immer so schwer?«

»Ach ja!« lautete die Antwort, begleitet von einem Kopfschütteln und einigen Worten, die der Frau unverständlich blieben.

Tuva stieg dabei die Treppe hinan, allein die junge Frau eilte ihr nach, und mit einem Ausdruck in Ton und Geberde, der deutlich bekundete, ein wie großes Vertrauen sie in die Ansichten und Prophezeiungen des kleinen schwarzäugigen Wesens setzte, brachte sie dieselbe zum Stehen mit der ferneren Frage:

»Sage mir offen und ehrlich, wie es mit meiner guten Mutter steht; ich kann das Schlimmste ertragen, ich habe es gelernt, dem Geschick in's Auge zu blicken.«

Tuva blickte sie mit tiefer Theilnahme an. Nach kurzer Zögerung sagte sie, indem sie sich abwendete und ihren Gang fortsetzte: »Sie wird nicht lange mehr leben.«

Frau Carlquist seufzte bei dieser Mittheilung und begab sich tiefbetrübten Sinnes in das Schlafzimmer; hier legte sie das Kind sorgfältig auf's Bett, woselbst es bald einschlummerte, und nun gönnte sie sich, zum ersten Mal während eines Zeitraums von zwölf Jahren, einige Augenblicke Ruhe, um zu denken. Erst lenkte sie ihre Gedanken auf ihre einzige und beste Freundin, die Mutter, die sie nun bald für immer verlieren sollte. Darauf ging sie zurück in die Zeit, wo sie, ein junges rosiges Mädchen, frisch und fröhlich ihre Tage unter dem Schutze der Flügel dieser Mutter verlebte und glücklich war, so glücklich wie ein Mädchen von fünfzehn Jahren es immer ist. Sie machte darauf einen Schritt weiter und rief die Zeit und die noch glücklicheren Tage in ihre Gedanken zurück, als ein junger Unterlieutenant an dem morgenfrischen Horizont ihres Herzens aufging. Später gelangte sie zu einer Zeit, die nicht mehr eine glückliche, aber auch keine unglückliche zu nennen war. Der Unterlieutenant war verschwunden, und Herr Carlquist an dessen Stelle aufgetreten. Nachdem er sie als Gutsinspector im Stillen angebetet hatte, trat er als Gutsbesitzer näher und hielt um ihre Hand an. Marie Carlquist war stets gutmüthig gewesen. Carlquist hatte sie lange angebetet, und sie hatte das Herz nicht, ihm einen Korb zu geben.

Bei dieser letzten Erinnerung seufzte Frau Carlquist noch einmal und stieß ein leises: »Du lieber Gott!« aus, und darauf dachte die gutmüthige Frau den allergutmüthigsten Gedanken von der Welt. Sie dachte an ihren Mann und sprach vor sich hin: »Es ist nicht so sonderbar, daß Carlquist müde ist.« Nicht einen einzigen Gedanken widmete sie ihrer eigenen Müdigkeit; sie saß da, die Hände kraftlos in den Schooß gelegt, und eine große Thräne nach der andern rollte über ihre eingefallenen Wangen herab.

Sie blieb lange so sitzen. Der Abend und die Dunkelheit kam heran, und endlich kam auch Jemand von oben aus dem Zimmer der Mutter.

Die Thür ging auf. Tuva trat leisen Trittes ein, näherte sich der armen Frau und sagte flüsternd: »Kommen Sie! – Es wird bald vorüber sein.«


* * *


Die Nachtlampe dort oben brannte mit blasser, schwacher Flamme. Die Tochter war vor dem Lager der Mutter auf die Kniee gesunken. Die gelbgestreifte Katze lag altersschwach und duselte am Fußende des Bette«.

Das junge Mädchen, einen sibyllenhaften Blick auf die alte Frau werfend, stand am Kopfende. Die tiefe Stille dieser Scene wurde nur durch das convulsivische Schluchzen der jungen Frau unterbrochen.

Aber bald begann die Bettdecke sich zu bewegen; die Alte erhob sich. Ihre fast gebrochenen Augen suchten die Tochter. Eine himmlische Freude verklärte die schon schlaffen Züge, indem sie in die Kissen zurücksank und mit einem: »Gott sei mit Dir!« zum ewigen Schlafe einging. – – – – – – – – – – – – – – – –

Die ganze Nacht brannte Licht in dem Hause, wo der Tod eingezogen war. Licht im Schlafzimmer, wo die arme junge Frau in einem halb bewußtlosen Zustande lag, der sich ihrer erbarmt hatte, Licht im obern Zimmer, wo Tuva am Lager der Todten wachte.

Der enthusiastische Blick des jungen Mädchens haftete fast unverwandt auf dem marmorweißen Antlitz, welches das Gepräge der Ewigkeit und Auferstehung trug. Viele sich widerstreitende Gefühle durchströmten ihre Brust. Mit inniger Dankbarkeit gedachte sie all' des Guten, welches die schlummernde Alte ihr erzeigt hatte. Sie freute sich des Bewußtseins, daß sie sich bestrebt hatte, es der Entschlafenen durch strenge Erfüllung ihrer Pflichten nach Kräften zu vergelten, aber trotzdem betrauerte sie doch nicht, daß diese Verbindlichkeiten aufgehört hatten.

Und als die Sonne sich erhob und ein frischer neuer Sommertag anbrach, trat sie an's Fenster, ließ ihren Blick in die Welt hinaus schweifen und sprach zu sich selbst: »Geschehe Gottes Wille! Jetzt bin ich wieder frei!«



Zehntes Kapitel.

Kurze Zeit nach der Bestattung der alten Frau war Tuva im Auftrage der Frau Carlquist in der nächsten Stadt gewesen. Sie hatte die Gelegenheit benutzt, sich dort nach einem Unterkommen für sie selbst umzuschauen, aber sie hatte keinen Platz gefunden, der ihr zusagte. Zwar bot man ihr die Stelle einer Büffetmamsell in der einzigen Conditorei der Stadt an, allein es wollte ihr bedünken, daß eine solche ihr nicht zusagen dürfe, und sie paßte in der That auch nicht für sie. – Das wilde, zerlumpte Waldmädchen, die Mordbrennerin, das halbverhungerte Bettelmädchen war jetzt in der That zu gut und namentlich zu schön, um hinter dem Ladentisch zu stehen und kleine Gläser Liqueur und kleine lächelnde Blicke an die kleinen »Löwen« des Städtchens auszutheilen.

Wir sehen sie mit trauriger Miene den Heimweg betreten; wie in der Regel, wenn sie allein war, sprach sie ihre Gedanken im halblauten Gespräch mit sich selbst aus. Sie gerieth bald in eine wehmüthige Stimmung. Die Wehmuth lenkte wiederum ihre Gedanken zurück in die Jahre ihrer trüben Kindheit, zurück zu dem Drachenberge, und die alte Gewohnheit, ihren Klagen Luft im Gesange zu machen, stellte sich unwillkürlich wieder ein. Sie wußte kaum selbst, daß sie sang, bis eine laute fröhliche Stimme in ihrer Nähe ihr plötzlich zurief:

»Brava, bravissima, signor mia!«

Aufgescheucht aus ihren Träumereien, wandte sie sich um, und gewahrte nun einen älteren Mann, klein, gesetzt und von jovialem Aeußern, der sich ihr eiligst unter fortwährendem Applaus näherte.

Gleich hinter demselben rollte gemächlich ein großer grünbemalter Wagen, einem auf Räder gesetzten Hause ähnlich, einher, und als die Pferde gerade angehalten wurden, damit sie neue Kraft schöpfen möchten, um das grüne Haus den vorliegenden Hügel hinaufzuziehen, so entwickelte sich aus dem Hause bald ein umfangreiches Frauenzimmer mit einem matten fliederblüthen-farbigen Hut auf dem Kopfe, welches mit der imposanten Majestät, die nunmehr nur bei den Majestäten auf der Schaubühne zu finden ist, gleichfalls auf unsere Heldin zuschritt. Ferner entwickelte sich aus dem grünen Hause ein weniger umfangreiches Frauenzimmer im hellrothen Jaconnetkleide und geschmückt mit einer blauen Brille, so wie verschiedene andere Frauenzimmer, alle in leichten und luftigen Gewändern. Aus einem andern nachfolgenden Wagen, stiegen einige junge Männer aus, unter welchen sich namentlich ein Adonis mit jugendlich gerundeten und gerötheten Wangen, und eine Figur, die mit einem großen Reitermantel drapirt war und wie die blasse Tragödie selbst aussah, auszeichneten.

»Da capo, signora!« fuhr der kleine Herr fort und fügte, sich an die Umfangreiche wendend, hinzu: »Was sagst Du, mein Engel? Beim Apoll und allen Musen des Gesanges, wir finden hier mitten auf der Landstraße eine neue Jenny Lind!«

Die Dame antwortete nur durch eine leichte Bewegung des fliederblüthen-farbigen Kopfes, knüpfte aber sogleich ein Gespräch mit unserer Heldin an, die im Verlauf desselben bald die Bestätigung dessen erhielt, was sie gleich geahnt hatte, daß sie mit einer Schauspielertruppe zusammengetroffen sei.

Man schüttete nun gegenseitig sein Herz aus, Tuva jedoch mit allem Vorbehalt, die Theaterherrschaften aber mit aller möglichen Offenheit und mit der fabelhaftesten Prahlerei in Bezug auf das glänzende Leben des dramatischen Künstlers.

Von diesem Allen glaubte Tuva freilich nicht mehr, als ihr davon wahrscheinlich erschien; allein sie war geneigt, sich rasch zu entschließen, und noch ehe man das nächste Wirthshaus an der Landstraße erreicht hatte, war es schon ausgemacht, daß Tuva als Künstlerin bei der ambulatorischen Bühne des Directors Schuldtheiß eintreten solle.

Tuva faßte diesen Entschluß aus vielen Gründen, vielleicht namentlich, weil sie dadurch zu erreichen hoffte, das ganze Land die Kreuz und Quer zu bereisen und somit Gelegenheit zu erhalten, Julius Scheffer's gegenwärtigen Aufenthaltsort zu entdecken, ohne daß sie selbst entdeckt würde. Vielleicht sagte das abenteuerliche Leben der Schauspieler gerade ihrem Charakter zu, und, was am wahrscheinlichsten ist, die Erinnerungen ihrer Kindheit ließen sie vielleicht einsehen, daß Julius jetzt auf der Bahn der Kunst wandern werde, und sie ihm somit auf diesem eher, als auf irgend einem andern Felde begegnen dürfte.

Als Tuva Abends zurückkehrte, lag Herr Carlquist, dick und faul wie immer, auf dem Sopha ausgestreckt und starrte die Zimmerdecke an. Bei dem kalten Windzug, den Tuva, als sie eintrat, durch die Thür in's Zimmer einließ, bekam er, oder meinte wenigstens einen neuen Anfall von Gichtschmerzen zu verspüren, was ihn dazu veranlaßte, sich mit einem kräftigen Fluch auf dem Sopha umzukehren.

Es entschlüpfte Frau Carlquist, die mit allen Leidenden und namentlich mit ihrem Manne litt, in überschwenglicher Herzensgüte ein »Au! Au!«

»Donner und Doria!« rief der Ehegemahl gereizt, »ich bin es doch wohl, und nicht Du, Marie, der Au! schreien sollte. – Es ist in der That auch eine Bêtise, daß man hier an offenen Thüren liegt. Hätte sie nicht durch die andere Thür gehen können. Ich verbitte mir solches ein anderes Mal!«

»Ich bitte zu verzeihen, Herr Carlquist,« sagte Tuva. »Ich verspreche Ihnen, daß es das letzte Mal gewesen sein soll.«

Diese Worte, die Tuva besonders betonte, fielen Frau Carlquist auf, und als ihr Mann später das Zimmer verließ, fragte sie Tuva, was sie mit denselben gemeint habe.

Als Tuva nun von ihrer Begegnung mit dem Theatervolk und von ihrem Entschluß erzählte, zerfloß die arme Frau in Thränen. Von Kindheit an hatte sie gelernt, »Komödianten« als wahre Heiden und Tagediebe zu betrachten, und sie bot alle ihre Überredungskunst auf, um Tuva zurückzuhalten; allein vergeblich.

Schon am folgenden Tage würde Director Schuldtheiß selbst sie abholen. Derselbe gelangte am frühen Nachmittage an, aber er und Tuva reisten doch erst spät Abends ab; denn Herr Carlquist setzte einen Stolz darein, ein guter Wirth zu sein, was er auch in der That war, und der Schauspieldirector war ein vortrefflicher Gast, wo es dem Klang voller Gläser und bombastischen Phrasen galt, in welchen Artikeln auch Herr Carlquist, wo sich die Gelegenheit darbot, »machte.«

Während die beiden Herren in solcher Weise das Glück ihrer neuen Bekanntschaft genossen, verbrachte Tuva einen trüben Tag bei der armen Frau Carlquist, die sich übertrieben beklagte, daß sie ihre junge Freundin verlieren müsse; und da Tuva sich bestrebte, sie nach Kräften zu trösten, hatte das zur Folge, daß sie selbst zuletzt in eine trübe Stimmung gerieth. Es war ihr deshalb sehr lieb, daß der fröhliche Herr Director sich beim Abschied wenig befähigt und geneigt zur Conversation fühlte, und daß sie sich auf der Fahrt nach der Stadt ihren eigenen Gedanken frei überlassen konnte.

Als der Wagen bei der Wohnung des Directors anhielt, stellte es sich heraus, daß sowohl seine umfangreiche Frau Gemahlin, als das ganze übrige Theaterpersonal, nachdem es vergeblich mehrere Stunden auf seinen Lenker gewartet, sich zur Repetition auf die Bühne, die in der großen Scheune des Bürgermeisters aufgeschlagen war, begeben hatte. Der Director ließ den Wagen dorthin fahren, und mit einem Schlag sah Tuva sich in die Welt versetzt, die künftig ihre eigene werden sollte.

Der Director, dessen Zunge jetzt wieder gelöst worden war, trat mit so würdigen Schritten, wie es die Umstände erlaubten, auf seine Gemahlin zu, und übergab das junge Mädchen ihrem Schutz, und zwar mit einer Rede, der es weder an Wärme noch an Poesie fehlte.

Die Frau Directorin, von Natur eine herzensgute Person, umarmte ihre neue Schülerin und hieß sie willkommen an ihrem Herzen.

Daß Tuva ganz heiß bei dieser Umarmung ward, darf uns nicht Wunder nehmen, denn es war keine Umarmung gewöhnlicher Art. Es war im Gegenteil eine von extraordinärer Art, eine solche, wie sie nur gebräuchlich war bei großen Gelegenheiten, und alsdann nie verfehlte, einen donnernden Applaus von Seiten der Zuschauer hervorzurufen.

Und es war in der That eine Gelegenheit von Gewicht. Es handelte sich nämlich nicht nur darum, eine Künstlerin zu engagiren und auszubilden, sondern zugleich um die Aufnahme eines Familiengliedes; denn Herr Schuldtheiß und Frau Gemahlin hatten bereits den Entschluß gefaßt, Tuva als ihr eigenes Kind zu adoptiren statt ihrer von der irdischen Schaubühne kürzlich abgetretenen Tochter Isabella, oder, wie die Frau Directorin sich in der Regel ausdrückte, der »verewigten Isabella.«

»Ja, ja! Sie ist was werth, die Kleine da!« sagte der Director, entzückt sich die Hände reibend. – »Eine Tragödie ihr Blick, ein Drama ihre Haltung!«

Bei diesem Ausruf näherte sich die blaubebrillte Dame in der Jaconnetrobe, umarmte gleichfalls Tuva, küßte sie herzlich und äußerte freundlich: »Wir werden uns befreunden, wir Beiden, Du reizendes Blümlein von der Landstraße!«

Diese Dame, Fräulein Lucretia, war ein bedeutendes Mitglied der Gesellschaft. Sie machte keine Ansprüche, als Schauspielerin unerreicht zu sein, obgleich sie ganz nett die Partie einer wahnsinnigen Geliebten spielte, ihr Ziel lag höher. Sie war nämlich Verfasserin, und sagte selbst: »Geboren bin ich zum produciren, – nicht zum reproduciren, aber ich rühme mich dessen nicht.«

Lueretia's Productionstalent war überwiegend tragisch, und ihre Trauerspiele waren mit Erfolg vor größeren Zuschauerkreisen gegeben worden, als demjenigen, der sich in der Scheune des Bürgermeisters versammeln konnte. Die Generalrepetition, die so eben stattfand, war von dem auf den folgenden Abend angesetzten Stück: »Das mitternächtige Opfer, oder der Wahnsinn, Tragödie in fünf Acten und acht Tableaux von L–a;« und übermorgen stand die Aufführung von »Der Sieg des Künstlers, oder der Blutpinsel,« gleichfalls aus der Feder derselben Dame, bevor. Ihres originalen Talentes ungeachtet war Lucretia bescheiden, und widmete sich auch manchmal Übersetzungen, und sie that auch dies mit Talent, denn sie besaß ein warmes Herz für alles Schöne, darunter den ersten Liebhaber inbegriffen.

Wir nannten den ersten Liebhaber, den jugendlichen liebenden Helden der Tragödien; er war derselbe »durchgreifende« Künstler, dessen Bekanntschaft wir bereits auf der Landstraße machten. Es war ein blasser, finsterer, dämonischer junger Mann; er stand, als Tuva sich aus der Umarmung Lueretia's riß, an eine Seitencoulisse gelehnt, in einer düster-sinnenden Stellung. Er fuhr plötzlich zusammen, als Tuva's Blick ihn streifte, ermannte sich jedoch, und richtete einen halb träumenden, halb sarkastischen Blick auf das junge Mädchen.

Die übrigen Herren, die in nach Umständen malerischen Gruppen auf der Bühne umherstanden, waren weniger bemerkenswerth; eine Ausnahme machte nur der Liebhaber des feinern Lustspiels, der sich fleißig und wirklich von Amors, namentlich außerhalb der Bühne, übte, und deshalb von seinen neckischen Collegen weiblichen Geschlechts »ein abscheulicher Mensch« genannt ward.

Ferner präsentirten sich zwei ältere Damen, Repräsentantinnen des schwereren und langweiligeren Styls, nebst drei jüngeren, Fräulein Aurora, Eleonora und Pandora, die füglich zum leichtern Styl zu rechnen waren.

So war der Kreis beschaffen, in welchen Tuva versetzt ward, und dessen Mittelpunkt sie, wie wir im nächsten Capitel finden werden, bald bildete.



Elftes Kapitel.

Es wurde bestimmt, daß Tuva in einem kleinern Volksstück mit Gesang debütiren, und die Hauptrollen von ihr und dem tragischen Liebhaber, der eine recht gute Tenorstimme besaß, gegeben werden sollten. Allein zuerst mußte sie natürlicherweise kunstgerecht singen lernen; und was war natürlicher, als daß dem Liebhaber selbst, der überhaupt das musikalische Genie der Truppe war, das ehrenvolle Amt eines Lehrers übertragen wurde.

Anfänglich nahm Alles seinen pftichtmäßigen Verlauf. Die Schülerin war furchtsam und verschämt, der Lehrer sarkastisch und von amtsmäßiger Hoheit erfüllt. Aber nachdem die ersten Elemente beigebracht waren, und die Einübung der Gesangstücke der Pièce begonnen hatte, fiel es Tuva ein, inmitten einer Passage ihre großen Augen gegen ihren Lehrer aufzuschlagen, um verschämt sein Urtheil einzuholen, und dieser eine Blick genügte, um alle Verschämtheit zu verjagen.

Von dem gewöhnlichen sarkastischen Lächeln war Nichts mehr zu sehen. Der Tragiker war in einen zärtlichen Seladon umgewandelt.

Tuva hätte nicht Weib, und dazu ein listiges und berechnendes Weib, sein müssen, um nicht ihr Herz im Triumph über diese Entdeckung sich erweitern zu fühlen. Es war ihr schon bekannt, daß der erste Liebhaber der Truppe bis jetzt ein Fels geblieben war, an welchem die Hoffnungen Aurora's, Eleonora's und Pandora's, ja selbst Lueretia's gescheitert waren. Daß es ihr so schnell und so ohne alle Bemühung gelungen sei, diesen harten Felsen zu zersprengen, schmeichelte ihrer Eigenliebe eben so sehr, als ihrer Hoffnung auf Ruhm. Um die Person selbst kümmerte sie sich wenig; aber, sagte sie sich, könne sie Einen, so könne sie auch Mehrere erobern, und je mehr sie zu gewinnen vermöchte, desto gewisser könne sie sein, den Einzigen zu gewinnen, den sie seinetwegen erringen wollte.

Von diesen Gefühlen belebt, nahm Tuva die tragische Huldigung mit einer Befriedigung an, die Wohl für Aufmunterung gelten konnte. Allein sie wich gewandt jedweder offenen Erklärung aus. Sie sah ein, daß sie anfänglich einen zuverlässigen Freund im Kreise der Schauspielertruppe haben müsse, bis es ihr gelungen sein würde, sich einen solchen im Publicum zu gewinnen, und sie sah zugleich ein, daß die Freundschaft mit dem jugendlich tragischen Helden und Liebhaber nicht das Scheitern von dessen Hoffnungen überstehen würde. Deshalb lavirte sie mit bewunderungswürdigem Geschick zwischen den Klippen, die seine eindringliche Huldigung aufthürmte, und dem unverrückbaren Grund, den ihr eigener Widerwille in ihr gemeinsames Fahrwasser gesetzt hatte.

Und überhaupt, welchen Klippen und Gründen – gar zahlreich in der Bahn einer Schauspielerin – hatte sie nicht mit Geschick auszuweichen?

Zur Ehre Tuva's, aber auch zum Vorwurf gegen sie, müssen wir sagen, daß sie Allen auswich – zur Ehre, weil ein makelloser äußerer Lebenswandel stets ehrenhaft ist, mögen die Motive sein, wie sie wollen; – zum Vorwurf, weil sie kein Bedenken trug, ihre Zuflucht zur List und Verstellung zu nehmen, wenn nichts Anderes zur Erreichung ihres Zieles genügte.

Unterdeß war ihr das Glück günstig, und wenn es in unserer Absicht läge, das Leben eines Schmetterlings in einem Blumengarten zu schildern, so würden wir unserer Heldin Schritt für Schritt auf ihrer Künstlerbahn folgen. Da sie selbst jedoch diese nur als ein Mittel betrachtete, dürfte es auch genügen, wenn wir es aussprechen, daß sie in reichem Maße das gewann, was sie beabsichtigte.

Sie wurde in kurzer Zeit der Liebling des Publicums. Die Provinzialzeitungen, deren Redactionen sie in ihren Zauberkreis hineinzuziehen wußte, posaunten ihr Talent aus, und man scheute nicht, lange Reisen zu unternehmen, um die berühmte Schauspielerin zu sehen.

Zum Theil verdiente sie auch in der That diese Huldigung, denn namentlich in tragischen Rollen legte sie eine Seelentiefe an den Tag, wie man sie selten zu sehen bekommt; ihr Wahnsinn war von herzzerreißender Wahrheit. Schade nur, daß sie selten einen andern Wahnsinn, als den hausbackenen, oder höchstens acclimatisirten Lueretia'schen darzustellen hatte; doch selbst aus diesem verstand sie es, sich Triumphe zu bereiten.

Natürlicherweise vermochte sie unter solchen Umständen dem Neid der übrigen Mitglieder der Truppe nicht zu entgehen; nur Lucretia machte eine Ausnahme, und verblieb stets ihre Freundin. Die Uebrigen hingegen versäumten es nicht, ihr Glück dem einschmeichelnden Wesen, durch welches sie sich in der Gunst des Directors und der Directorin festgesetzt hatte, und das ihr stets die besten Rollen einbrachte, zuzuschreiben.

Aber wie hätte der Director anders verfahren können? Tuva begann eine Goldmine zu werden, ergiebiger als selbst die Frau Directorin, und kein Theaterdirector der Welt würde es unterlassen haben, daraus Nutzen zu ziehen. Außerdem hatten Herr und Madame in der That ihre Adoptivtochter in ihre Herzen geschlossen. Madame begann sogar, sie mit dem überschwenglichen Enthusiasmus zu bewundern und zu lieben, den man bei Künstlern jedweden Ranges und jedweder Art antrifft, und deshalb hatte sie denn auch nicht nöthig, sich irgendwie die Intriguen der übrigen Mitglieder zu Herzen zu nehmen.

Die anonymen und mystischen Briefe, die der Director, bezüglich ihres vorhergehenden Lebens, empfing, und die oft der Wahrheit ziemlich nahe kamen, wenn sie auch immer unklar blieben, waren ihm als Fidibusse sehr willkommen, wenn er Abends seine Pfeife schmauchte; und da man bei schwierigen Vorstellungen es so arrangirt hatte, daß der Maschinist einige sonderbare Laute bewerkstelligte, die viel Aehnlichkeit mit Zischen hatten, so war die Folge hiervon nur, daß das Publicum die Füße zu Hilfe nahm, um den Applaus zu verstärken.

Aber nicht allein Applaus wurde geerntet. In Gothenburg klangen die Ducaten bei ihren Benefizvorstellungen, in Upsala die Sonnette; in Carlstadt überschüttete man sie mit Blumen, und in den Städten Westergothlands lud manchmal irgend eine vorurteilsfreie adelige Familie sie ein.

Zu dem Allen lachte indeß Tuva, und noch mehr lachte sie über die Aengstlichkeit, mit welcher ihre Adoptiveltern über ihren Ruf wachten. Wußte sie doch selbst zu gut, daß sie, um das zu erreichen, was sie sich als Ziel gesetzt hatte, ihren Ruf unbefleckt bewahren mußte, und dazu hatte sie in der That keine große moralische Kraft nöthig. Denn welches Weib, wenn es erst sich selbst einigermaßen hoch stellt, läßt sich von Anderen besiegen, als von Solchen, die noch höher stehen? Und zu Solchen rechnete unsere Heldin ebenso wenig diese Artisten, als diese Anbeter und Bewunderer.

Jedenfalls war sie auf ihrer Hut, und hatte ein so reines, unschuldiges Wesen angenommen, daß selbst der keckste Anbeter entwaffnet wurde. In wiefern sie selbst um ihre Schönheit wußte, vermochte Niemand zu entziffern, und man warf ihr oft eine übertriebene Gleichgiltigkeit und gar Mangel an der unschuldigsten Koketterie vor. Sie schüttelte bei solchen Reden den Kopf und meinte, sie könne doch nicht ihr angeborenes Naturell ändern. Unschuldvolles Kind!

Stets und namentlich in ihrem Privatleben kleidete sie sich außerordentlich einfach, und man sah sie nur in dunkeln, einfarbigen Stoffen, die in großen, reichen Falten, in der Form von Blousen, ihr von der Schulter bis auf den Fuß herabfielen. Sie nahm in solcher Weise, einen kleinen, klösterlichen, weißen Kragen um den Hals, die langen, dunkeln Haarflechten zurückgestrichen und in dem Nacken aufgeheftet, ein Gepräge an, als sei sie der bunten, lärmenden Welt abhold, obgleich sie sehr wohl wußte, daß ihr durch dieses gelungene Arrangement von vielem Zeug um einen kleinen Körper und durch die verschämt gesenkten Augenlider vor einem tief leidenschaftlichen Blick der Sieg gewiß sein müßte.

In solcher Weise war nun einige Zeit verstrichen, und Tuva begann daran zu denken, daß sie wohl bald vorbereitet sein könne, mit Julius Scheffer zusammenzutreffen. Durch die Bekanntschaften, die sie sich zu verschaffen gewußt, war es ihr auch nicht schwierig gewesen, alle die Aufklärungen über ihn zu erlangen, die sie sich wünschte, und sie war ganz genau davon unterrichtet, wie lange er nach ihrer Flucht auf Rydeholm beim Landrichter geblieben war, wie lange er später in Stockholm sich aufgehalten, mit welchem Eifer er sich dort der Malerkunst befleißigt hatte, und wann er nach Italien in Begleitung seiner Tante, des alten, reichen und wunderlichen Fräuleins Scheffer, gereist war. Ferner wußte sie, daß Tante und Neffe sich, wenn sie nicht schon zurück gekehrt seien, auf der Rückreise befanden und in Bälde wieder in Stockholm eintreffen würden. Was war also natürlicher als der Wunsch Tuva's, daß Director Schuldtheiß eins der kleineren Theater Stockholms für den bevorstehenden Winter übernehmen möchte.

Was Tuva wünschte, das wünschten gleichfalls der Director und seine Frau; und wir werden somit unsere Heldin in Stockholm wiederfinden.



Zwölftes Kapitel.

Die Truppe befand sich also in der Haupt- und Residenzstadt. Sie agirte in einem vergoldeten Salon, und nicht mehr in der Scheune des Bürgermeisters eines kleinen Städtchens; ihr Publicum bestand aus »Löwen« aus der Vorstadt Norrbro, und nicht mehr aus dem Specereiladen des Städtchens. Es war natürlich, daß der Applaus, gedämpft durch Glacéhandschuhe, etwas matter erschien, als aus rothgeschwollenen Händen, die ohne solche elegante Vermittelung klatschten.

Man tröstete sich eine Zeit lang mit dieser Auslegung, aber endlich vermochte man sich doch nicht zu verhehlen, daß dieselbe nicht ganz erschöpfend sei.

Tuva wurde zwar hier wie überall applaudirt. Sie war zu schön, als daß sie irgendwo hätte übersehen werden können. Aber im Uebrigen that das Publicum ganz und gar das Gegentheil von dem, was es hätte thun sollen. Bei den Trauerspielen lachte es, und war bei den Lustspielen stets im Begriff, zu weinen.

Solches Gebahren schien bedenklich.

»Vermag dieses blasirte Publicum aber auch die starken und ergreifenden Charaktere unserer Lucretia zu würdigen und nachzuempfinden?« – fragte man sich; und Lucretia selbst war anspruchslos genug, um vorzuschlagen, daß man bis auf Weiteres den inländischen Wahnsinn ruhen und an dessen Stelle den ausländischen, den importirten vorführen solle. Man entschied sich, mit dem Shakespeare'­schen den Anfang zu machen. Indem man allmälig diesen acclimatisirte, erziehe man, meinte sie, das Publicum, und dasselbe würde dann später ihren eigenen originellen Wahnsinn schon zu schätzen vermögen.

»Aber das wird vielleicht Alles nicht helfen,« – fiel Tuva ein, der es innerhalb des engbegrenzten Umgangskreises noch nicht gelungen war, irgend eine Bekanntschaft zu machen, die sie dem alten Fräulein Scheffer, von dessen Rückkehr sie benachrichtigt war, näher zu bringen vermocht hatte – »man fordert vielleicht von einem Theaterchef in der Hauptstadt, daß er seinen Salon den Redacteuren, Literaten, und anderen einflußreichen Leuten öffnet.«

Dies war ein Wort, welches bei Director Schuldtheiß nicht verloren ging. Es wurde deshalb auch beschlossen, daß der Director seinen Salon mit einer Einladung auf Thee und Souper öffnen solle; und Lucretia, die unter den Zeitungsredacteuren und überhaupt in der gelehrten und kunstliebenden Welt eine Menge Bekanntschaften hatte, wurde der Auftrag, die Liste derjenigen zu entwerfen, die eingeladen werden sollten.

Der erste Name dieser Liste war: »Die hoch- und wohlgeborene Frau Friederike von Schelten.« Frau Friederike von Schelten hätte von rechtswegen Madame Tjärnander heißen müssen, weil sie die Wittwe des Viehhändlers Josua Tjärnander, eines Cousins Lucretia's, war; da sie aber doch immerhin eine geborene Friederike von Schelten war und darauf vielen Werth legte, so hatten ihre Bekannten anfänglich halb im Scherz, zuletzt aber im Ernst und aus Gewohnheit, der alten Dame ihren eigenen ahnenreichen Namen wiedergegeben.

»Sprachst Du nicht davon, Lucretia,« bemerkte Tuva in gleichgiltigem Ton, »daß Frau von Schelten eine gute Freundin habe, die einer Künstlerfamilie angehört? Wie hieß sie noch? Fräulein Träffer . . . nicht wahr?«

»Nein, Scheffer – Juliane Scheffer! – Ja, die hätte ich fast vergessen. Sie ist steinreich. Wir müssen sie jedenfalls einladen. Ich bin einmal bei ihr gewesen, und möchte ihr somit gern eine Artigkeit erzeigen.«

Die Frau Direktorin fand aber, daß es sich etwas sonderbar ausnehme und auch weniger comme il faut sei, so ohne Weiteres Bekannte und Unbekannte, Arme und Reiche ohne irgend welche specielle Veranlassung einzuladen.

»Oh!« fiel Tuva ein; »wenn weiter keine Bedenken obwalten, so ist übermorgen mein Geburtstag.«

Nun war freilich die Wahrheit die, daß Tuva um die Zeit von Johanni auf dem Hügel aufgefunden worden war und daß man sich gegenwärtig inmitten des Winters befand, allein was that das zur Sache, um so weniger, als sie aus gewissen Gründen es nicht ungern sehen würde, wenn sie bei dem kleinen Familienfest eine hervorragende Rolle spielen könne.

Der Festtag war da und die Gäste sammelten sich allmälig. Lucretia zu Ehren muß eingestanden werden, daß die Versammlung nicht ohne eine gewisse Distinction war.

Von den Herren war der Redacteur eines Sonntagsblattes, Herr F., die hervorragendste Persönlichkeit, wenn auch gleichfalls Herr P., Lueretia's Verleger, mit Recht ein bedeutender Mann zu sein vermeinte. Der frühere Notarius C., Mitarbeiter des genannten Sonntagsblattes, und Herr D., Theaterrecensent eines andern Blattes, waren auch nicht zu verachten. Ein Decorationsmaler war gleichfalls eingeladen, weil er Fräulein Aurora's Cousin und Bewunderer war. Herr und Frau B. vom Ballet des königlichen Theaters und Fräulein Flora aus dessen Chor zierten jedwedes seinen Platz.

Die vorerwähnten Personen waren insgesammt schon angelangt, als der Theaterdiener, für den Abend in geschmackvolle dunkle Livrée gekleidet, die Flügelthüren weit aufschlug für Frau Friederike von Schelten, die schon durch ihr Eintreten zeigte, daß sie eine Persönlichkeit sei, die das Bewußtsein habe, eine nicht ganz gewöhnliche Stellung in der Gesellschaft einzunehmen. Ihr Aeußeres war auch in der That nicht wenig imponirend; sie trug ihre gebogene Nase recht vornehm; und war ihr Anzug vielleicht auch etwas zu prahlerisch, so war er wenigstens kein Theaterflitter. Ihre Armbänder allein waren eben so viel werth, als das beste Paar Ochsen, das ihr seliger Mann jemals verkauft hatte.

Der Director beeilte sich, der geehrten Gastin entgegenzutreten, bot ihr mit der gan­zen Anmuth eines père noble den Arm und führte sie in das innere Zimmer, wo seine Frau Gemahlin ihre Jugendfreundin mit der großen Umarmung empfing.

Als Frau von Schelten den Ehrensitz eingenommen hatte, winkte die Frau Wirthin Tuva herbei, die der alten Dame vorgestellt wurde, und sich dabei so tief verbeugte und so demüthig that, als sei sie lauter Staub und Asche.

Dies machte sichtbar einen höchst vor­theilhaften Eindruck auf die Wittwe des Ochsenhändlers, die mit herablassender, protegirender Miene dem jungen Mädchen zwei mit mehreren schön emaillirten Ringen besetzte Finger reichte und zu äußern geruhte, daß diese, Tuva, überzeugt sein könne, daß sie, Frau Friederike von Schelten, sich stets für die Adoptivtochter ihrer erprobten Freundin, der Frau Directorin, interessiren würde, die obendrein die Freundin ihrer Cousine Lucretia sei. »Seien Sie davon überzeugt, meine junge Freundin!« sagte sie, »ich sage immer, was ich meine. Glauben Sie mir!«

Tuva glaubte ihr, aber sie vernahm Geräusch vom Entrée her und entfernte sich, indem sie eine häusliche Obliegenheit vorschützte. Es ahnte ihr nämlich, daß diejenige, die nun eintraf, die alte Freundin der Frau von Schelten, Fräulein Juliane Scheffer sei. Es war auch ganz richtig Fräulein Scheffer, und es fiel Tuva nicht schwer, nach früherer Beschreibung Lucretia's, die alte, vogelähnliche Dame an deren braunen blinzelnden Augen und den hektischen Rosen der Wangen zu erkennen.

Welcher Zaubermittel Tuva sich bediente, wissen wir nicht; aber das wissen wir, daß die Beiden, sie und das alte Fräulein, schon ehe sie in die Zimmer traten, gleichsam alte Bekannte waren, und daß Tuva die Zeit im Vorzimmer so gut benutzt hatte, daß das alte Fräulein ihr schon ihr Vertrauen in Betreff des »infamen Protestes« geschenkt hatte, den man ihr vor dreizehn Jahren angehängt habe.

Dieser Proceß war ihr Lieblingsgespräch, und es verhielt sich mit demselben folgendermaßen: sie hatte von ihrem zu früh verstorbenen Verlobten, einem reichen Kaufmann, durch Testament ein Vermögen geschenkt erhalten, und die Blutsverwandten desselben hatten das Testament angegriffen und umstürzen wollen und den Proceß durch alle Instanzen geführt. Obwohl sie siegend aus diesem Kampfe hervorgegangen war, vermochte sie doch nie, den niederträchtigen Versuch, sie ihres theuersten Andenkens von dem Bräutigam berauben zu wollen, zu vergessen, und der Proceß und alle seine Details waren noch stets der liebste Gegenstand ihres Gesprächs.

Daß das alte Fräulein sowohl von Seiten des Wirthes und der Wirthin, als von Frau von Schelten mit der größten Aufmerksamkeit empfangen wurde, braucht kaum gesagt zu werden, aber Tuva war und blieb trotzdem die Alleraufmerksamste. Kein Advocat hätte mit lebhafterem Interesse die Auseinandersetzungen der listigen Einwände, infamen Ausflüchte und tausenderlei Kunstgriffe und Kniffe anhören können, deren sich Fräulein Juliane Scheffer's Widersacher in dem Testamentsproceß bedient hatten. Dankbar, so viel Verstand und Einsicht bei einem so jungen Mädchen anzutreffen, fragte die alte Jungfer ihrerseits Tuva über deren frühere Lebensverhältnisse aus, und da sie dabei erfuhr, daß ihr Neffe Tuva nicht ganz unbekannt sei, wenn sie auch sonst nicht viel erfuhr, so entstand gleichsam eine Art verwandtschaftliche Sympathie zwischen unserer Heldin und dem betagten Fräulein.

Der Director sah diese Vertraulichkeit zwischen seinem Liebling und der alten Dame nicht ungern. Diese war reich, unvermählt und sonderbar, und man konnte nicht wissen, was sie mit ihrem Vermögen für Absichten habe. Man ließ deshalb die Beiden ungestört, während die übrige Gesellschaft sich an den geistigen Genüssen erbaute, die man im Salon eines Künstlerpaars ein Recht zu erwarten hatte. Der tragische Liebhaber declamirte irgend eine haarsträubende Scene aus »Othello,« Fräulein Aurora und der Liebhaber des feineren Lustspiels gaben ein Proverb zum besten, Lucretia arrangirte ein Tableau, in welchem Frau B. vom Ballet Gelegenheit hatte, sich als aufgeschürzte Diana zu ihrem Vortheil zu zeigen, und Fräulein Flora sang mit einer Stimme, als stehe der ganze Chor hinter ihr, die herrliche Arie: »Oh, steig' herab und lösch' der Thränen Brand« etc.

Leider erlosch die Arie zu früh, denn gerade in dem Augenblick, als die Sängerin endigte, hörte man Fräulein Scheffer's gellende Stimme aus dem innern Zimmer fragen: »Aber wo lernten Sie denn meinen Neffen kennen, liebes Kind?«

Aller Ohren spitzten sich. Sehr viele aus der Gesellschaft hätten gar gern eine Antwort aufgefangen, die eine dunkle Zeit im Leben unserer Heldin beleuchten konnte. Leider überkam sie aber ein plötzlicher Anfall von Husten, und als derselbe überstanden, war die laute Conversation in den anderen Zimmern wieder im vollen Gange.

»Ihren Neffen, Fräulein!« antwortete Tuva, nachdem sie sich überzeugt hatte, daß sonst Niemand dieser Antwort lauschte, »lernte ich in meiner frühesten Jugend in der Familie eines Landrichters kennen.«

»Was Sie sagen!« rief die Tante blinzelnd. »Ich muß mich besinnen! Ja, liebes Kind, Julius ist nicht anderswo gewesen – es muß im Hause seiner Schwiegereltern gewesen sein.«

Es entstand eine ziemlich lange Pause. Es war, als holte das junge Mädchen nur mühsam Athem, und ihre Wangen wurden weißer als der weiße Halskragen, den sie trug.

Doch sie war schon eine gewandte Schauspielerin, und sie gewann bald ihre Fassung wieder. Mit dem erforderlichen Interesse im Ton wiederholte sie fragend: »Schwiegereltern?«

»Ja, das heißt künftige Schwiegereltern. Sie sind erst ganz kürzlich verlobt, mein Neffe und Pauline Träffen, die Tochter des Landrichters Träffen. – Es wird nach dem, was ich jetzt erfahre, also eine alte Liebe sein. Aber man wollte seine künstlerischen Neigungen nicht re­spectiren, und erst jetzt, als er, gleich nach unserer Rückkehr aus Italien, ein Commissorium in einer verwickelten Rechtssache in der Nähe von Gothenburg annahm und auf dem Wege dorthin Rydeholm besuchte, wurde es endlich abgemacht. Vielleicht bilden sie sich ein, daß die alte wunderliche Tante, die seine italienische Reise bezahlte, auch ferner für ihn sorgen wird, aber da sage ich Ihnen, liebes Kind! – fügte die Alte hinzu und blinzelte mit den Augen – da hätten sie sich vielleicht doch verrechnet. Daß ich ihn nach Rom habe reisen lassen, mag genug sein. Er hat mir immer gesagt, daß er nicht mehr brauchte, um sich selbst eine glänzende Zukunft zu erringen.«

»Er ist also noch immer Künstler?« fragte Tuva mit einem Blitz in dem dunkeln Auge.

»Ja, jetzt erst ist er es wohl geworden. Haben Sie denn Nichts gehört, meine Liebe, von dem Gemälde, welches er aus Rom zu der vorigen Ausstellung hierher sandte. Es wurde hoch abgeschätzt – fünfhundert Thaler glaube ich.«

Tuva hatte für den Augenblick genug gehört; ihre ganze Verstellungskunst war erforderlich, damit sie den übrigen Theil des Abends ihren Muth aufrecht erhielt. Glücklicherweise war der Abend bald zu Ende.

Nach einer so zu sagen mit künstlerischer Distinction gegebenen Soirée begann jetzt das Souper, von welchem Nichts weiter zu berichten ist, als daß man, wie es auch Sitte in den vornehmen Kreisen der Hauptstadt ist, sich um die knappen Bissen reißen mußte, und mehr reizende Vorstellungen, als solide Wirklichkeit genoß.

Beim Abschied der Gäste fand eine kleine Scene im Vorzimmer zwischen der kleinen schwarz gekleideten Sirene und dem alten blinzelnden Fräulein statt. Die erstere konnte es unmöglich unterlassen, ihr Entzücken über die neue interessante und für ein junges Mädchen so überaus lehrreiche Bekanntschaft auszudrücken, und die alte Jungfer blinzelte zufrieden mit den Augen, streichelte dem jungen Mädchen die Wange und verabschiedete sich von ihr mit den bezeichnenden Worten: »Au revoir, meine kleine Freundin!«


* * *


»Was das wohl eigentlich für eine Person sein mag, dieses kleine, einnehmende Geschöpf?« äußerte Fräulein Scheffer zu ihrer Freundin, als sie sich auf der Straße befanden und an dem finstern Abend mit ihren leuchtenden Laternen nach Hause gingen. – »Sie kann doch unmöglich von Hause aus Schauspielerin sein, das ist jedenfalls klar.«

»Ueber ihre Familienverhältnisse ist ein mystischer Schleier verbreitet, sie alludirt manchmal zu unbekannten Größen,« antwortete Frau Friederike von Schelten, »und sowohl ihr Aeußeres als ihr feiner Tact lassen mich nicht ohne Grund vermuthen, daß sie »Blut« in ihren Adern hat.«

Frau Friederike von Schelten war nicht die Einzige, die diese Ansicht hegte. Um sich aufdringlichen Fragen zu entziehen, hatte Tuva ein für alle Mal zu verstehen gegeben, daß ein heiliges Gelübde ihre Zunge in Bezug auf ihre Kindheit binde, und daß ihre Verschwiegenheit nothwendig sei, damit der Frieden hochstehender Familien nicht gestört werde. Durch ihre Cousine Lucretia hatte Frau von Schelten diese Aeußerung erfahren, und in Folge ihrer angebornen Sympathie für Alles von »Blut« schon den Entschluß gefaßt, die Protectorin des jungen Mädchens zu werden.

Und am folgenden Tage schon wurde Tuva auch in der That zu Frau von Schelten eingeladen, um mit ihr und Fräulein Scheffer Whist zu spielen; und Tuva, die alle Arten Spiele, namentlich das, mit aristokratischer Gleichgiltigkeit ihr Geld zu verlieren, verstand, bekam somit neue Gelegenheit, die beiden Damen in ihrem Glauben an das Geblüt zu bestärken.

Beim Nachhausegehen Abends entsetzte Tuva sich dermaßen, als sie bemerkte, daß das alte Fräulein allein mit einer Laterne durch die finsteren Straßen gehen wolle, daß sie, die einen Diener hinter sich hatte, durchaus verlangte, mochte die Alte nun dagegen einwenden, was sie wollte, sie erst nach Hause zu begleiten. Die Folge hiervon war, wie sie ganz richtig berechnet hatte, daß unsere alte Jungfer, die noch unschlüssig gewesen war, ob auch sie der Schauspielerin ihr Haus öffnen solle, oder nicht, es nun nicht unterlassen konnte, Tuva einzuladen, um so weniger, als diese beim Abschied das alte verfallene Haus genau musterte, sich entzückt von dessen antikem Gepräge stellte, und die Frage aufwarf, ob das Innere desselben auch das erfülle, was das Aeußere verheiße, was schon der Fall war, wenn die alte Dame ihre feuchten, finsteren Zimmer aufräumte.

Nun war also Bresche geschossen. Von jetzt an hatte Tuva freien, ungehinderten Zutritt zu jenem alten Hause, und sie verstand es so einzurichten, daß man ihrer dort gar mit Sehnsucht harrte; und das nicht allein, weil sie Whist spielte und niemals gewann, sondern auch wegen vieler anderer verschiedentlicher Eigenschaften, unter welchen die alte reiche, aber geizige Dame bald eine entdeckte, die sie höher schätzte als alle anderen. Tuva verstand es nämlich, die schönsten solidesten Mittage, zwei Gerichte nebst Kaffeesahne und Kaffeebrod, Alles für vierzehn Groschen herbeizuschaffen, während dieselben bis dahin stets wenigstens zweiundzwanzig Groschen gekostet hatten. Und nun obendrein die lieben Abende, bei dem spärlichen Lampenschein, an, welchen Tuva mit unermüdlicher Geduld alle Protokolle bezüglich des Processes durchlas, und diese einen neuen Reiz durch den musikalischen und energischen Vortrag des jungen Mädchens erhielten.

Hatte somit die alte Jungfer alle Ursache, sich zu dieser neuen Bekanntschaft Glück zu wünschen, so war Tuva ihrerseits nicht weniger zufrieden. Julius schrieb nämlich um diese Zeit oft an seine Tante, und Tuva hatte dadurch Gelegenheit, theils sein Thun und Treiben kennen zu lernen, theils sich immer tiefer in die Gunst seiner vermögenden Tante einzuschmeicheln. Und weiter wollte sie für den Augenblick Nichts.

Das Gefühl von fast Vernichtung, welches die Nachricht von der so plötzlichen Verlobung Julius' bei Tuva hervorgerufen hatte, war allmälig gewichen. Vor allen Dingen war die Gewißheit, daß er fortwährend seine Neigung für die Kunst bewahrte, ein sehr guter Trost, denn so viel hatte sie von ihrer einstigen Begegnung mit Pauline Träffen in ihrem Gedächtniß behalten, daß irgend welche Sympathie in Richtung der Kunst unmöglich zwischen den Verlobten obwalten könne; ferner hatte sie er fahren, daß der Brautstand bis weit in die Zukunft hinaus reichen dürfe, und dachte deshalb, wie die Mehrzahl berechnender Charaktere, daß, wer Zeit gewinnt, Alles gewonnen hat.

Allein eines Abends, als sie sich gerade von ihrer alten Freundin verabschieden wollte, äußerte diese ganz en passant:

»Was ich sagen wollte – ich hätte es beinahe vergessen – ich hatte heute einen Brief von meinem Neffen, worin er mir, sonderbar genug, schreibt, daß er sich ganz und gar nicht entsinnen kann, jemals im Hause des Landrichters Träffen eine Schauspielerin gesehen zu haben. Nun, er wird wohl immer nur Augen für seine Pauline gehabt und kein anderes Frauenzimmer angesehen haben, kann ich mir denken. Apropos! Sie werden wahrscheinlich jetzt eine Dummheit begehen. Er hat nämlich eine, wenn auch nur vorübergehende, so doch freilich für längere Zeit andauernde Stellung in Gothenburg erhalten, und nun wollen sie sich auch schon in einigen Monaten heirathen – nicht wahr, das ist ein Bischen eilig?«

Tuva hatte jedoch hierauf keine Antwort, denn sie war wie an der Sprache gelähmt. Sie fand kaum Worte, den herzlichen Abschiedsgruß des alten Fräuleins zu beantworten. Es flimmerte ihr vor den Augen, und wenn sie nicht bald in die frische Luft hinausgekommen wäre, sie wäre wahrscheinlich zum ersten Mal in ihrem Leben in Folge Gemüthsaufregung ohnmächtig geworden, ganz als wenn sie das gewesen, was sie den Leuten eingebildet hatte: eine Dame »von Geblüt.«

»Keine Minute ist zu verlieren!« sprach sie vor sich hin. »Ich muß nach Gothenburg!«

Schon am folgenden Tage begann sie ihre Thätigkeit. Zufälligerweise – denn der Zufall begann nun eine große Rolle zu spielen – traf sie mit dem Theaterreferenten der Morgenzeitung zusammen, und die Folge dieses Zusammentreffens war die, daß Tags darauf eine zermalmende Kritik der Schuldtheiß'schen Gesellschaft in der Zeitung zu lesen war. Gleichfalls zufälligerweise traf sie mit verschiedenen anderen beim Theater accreditirten Persönlichkeiten zusammen, und bei der nächsten Vorstellung zischten dieselben, anstatt zu applaudiren. Von nun an ging Alles der Gesellschaft zuwider, und in kurzer Zeit war Director Schuldtheiß sehr erfreut, daß ein College von ihm in seinen Contract mit dem Stockholmer Theaterentrepreneur eintreten wollte, wogegen er auf das mit diesem Arrangement zusammenhängende Anerbieten, für die Frühjahrsmonate das Theater in Gothenburg zu pachten, eben so freudig einging.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

»Leben Sie wohl, mein liebes Kind!« sagte Fräulein Scheffer zu Tuva, als diese bei ihr ihren Abschiedsbesuch machte, »und,« fügte sie scherzend hinzu, »grüßen Sie Julius, und sagen Sie ihm, er möge sich vor Ihren schönen Augen hüten!«

Tuva lachte, kindlich und unschuldig – so schien es der alten Dame; aber der Drache auf dem Drachenberge wußte besser, was dieses Lächeln zu bedeuten hatte. –



Dreizehntes Kapitel.

Der Zuschauerraum war von oben bis unten gefüllt; das Orchester schwieg und der Vorhang zitterte convulsivisch. Derselbe sollte aufgehen über den glühenden Himmel Italiens. Romeo und Julia – mit diesem Meisterwerk begann die Gesellschaft ihren Cyclus in Gothenburg, ein Anfang, sowohl des Publicums, als des Directors Schuldtheiß würdig.

»Erster Rang, die Prosceniumsloge – bist Du dessen auch gewiß?« fragte zitternd Tuva-Julia, die bereit stand, die Scene zu betreten.

»Sei unbesorgt!« erwiderte Freundin Lucretia. »Ich selbst habe ihnen die Billets verschafft, und muß es also doch wissen.«

Aus der Prosceniumsloge im ersten Range richteten sich einige Minuten später eine Lorgnette, ein Opernglas und ein Paar Augen auf die Scene, deren scharfes Gesicht bis jetzt ihren Eigenthümer noch nie im Stich gelassen hatte, das aber in diesem Augenblicke irgend einem optischen Betrug zu unterliegen wähnte.

»Also das ist die vielbesprochene Primadonna!« äußerte eine winterklare und winterkalte Stimme.

Es wurde ihr aber keine Antwort zu Theil.

»Bester Julius, sei so gut und gieb mir die Affiche!«

Allein Julius befand sich jetzt unter dem glühenden Himmel Italiens, und die winterkalte Stimme erreichte sein Ohr nicht.

»Habt Ihr jemals solche Augen gesehen, Kinder?« rief entzückt eine dritte Person in der Loge und klatschte in die kleinen leberfleckigen Hände. – »Eine solche Gluth und eine solche Unschuld! Es ist bewundernswürdig auf einer Provinzbühne!«

»Ja, in der That, liebe Mama, eine wunderbare Unschuld mit der kecksten Leidenschaft in den Augen! – Aber so höre doch, Julius, wo ist die Affiche?«

»Die Affiche, Geliebte? Hier hast Du sie.«

»Aber Julius – was fehlt Dir? Du wirst noch Aufmerksamkeit erregen.«

Julius hatte sich von seinem Sitz erhoben. Von der Scene aus waren ihm jetzt endlich die Blicke begegnet, die er schon lange aufzufangen sich bestrebte; seine braunen Augen schossen Blitze, seine Lippen lächelten, seine Brust hob sich.

Bei jener Bemerkung seiner Braut setzte er sich nieder, sagte ihr, daß er ihr später die Veranlassung seiner Erregung mittheilen wolle, und wendete darauf mit freudigem Lächeln auf's Neue seinen Blick der Scene zu.

Obgleich Tuva vorher wußte, daß sie hier ihren Freund vom Drachenberge wiedersehen würde, überwältigte sie doch fast der Anblick, und als ihr der Blick aus den tiefliegenden Augen begegnete, die sie sich so oft, träumend wie im wachen Zustande, im Kummer wie in Freude, in's Gedächtniß gerufen hatte, mußte sie ihre eigenen eine Secunde lang schließen. Als sie aber in der nächsten Secunde sie wieder aufschlug, strahlten sie im Glanze des Triumphes und in der Gluth der Liebe. Dieser Glanz und diese Gluth theilten sich nun auch ihrem Spiele auf der Bühne mit. Eine derartige Inspiration, ein solcher Triumph war noch nicht dagewesen, und Tuva hatte den letztern auch noch nie in dem Grade geschätzt, als eben heute, wo er vor den Augen jener stolzen Dame an der Seite Julius Scheffer's gefeiert wurde. Denn der Glückseligkeit ungeachtet, die sie beim Anblick von Julius erfüllte, vermochte sie doch nicht die Erinnerung zu übertäuben, daß jene Dame an seiner Seite sie einst fast unter die seelenlosen Thiere gestellt und ihr darauf unter Hohn und Spott das Einzige geraubt hatte, was sie auf Erden besaß; und sie gedachte sehr wohl des Gelübdes, welches sie damals gethan: Rache ohne alle Barmherzigkeit zu üben. Eine heimliche Stimme ihres Herzens flüsterte ihr jetzt zu, daß sie schon auf dem Wege sei, dieses Gelübde einzulösen.

Der Vorhang war vor dem letzten Act gefallen, aber der betäubende Applaus, die Bravos schallten noch durch's ganze Haus, als Tuva sich eiligst in ihr Ankleidezimmer begab, denn sie erwartete Jemand, und ein Gefühl ihres Herzens sagte ihr, daß sie nicht vergeblich warten würde. Er hatte aber seine Braut und Schwiegermutter, die er erst aus dem Theater begleiten und in den Wagen heben mußte, und sie hatte deshalb Zeit, sich auf die Begegnung vorzubereiten. Zu denken vermochte sie nicht, das Gefühl überwältigte sie. Sie schloß wieder ihre körperlichen Augen, um noch einmal vor dem geistigen Gesicht das Bild hervorzurufen, das während so vieler Jahre eine Fata morgana ihrer Phantasie gewesen war, das Bild einer männlichen Gestalt idealer Erscheinung, wie sie sich bis jetzt keine vollendetere hatte denken können, das Bild des enthusiastischen, stürmischen, sinnigen, fröhlichen Jünglings, das aber an diesem Abend von einem noch herrlicheren verdrängt worden war.

Der erste Blick hatte ihr gesagt, daß sie die früheren Züge seines Antlitzes wiederfinden würde, wenn auch mehr geordnet, als damals. Die Falte zwischen den Augenbrauen lag tiefer, sein Blick war nicht mehr so flüchtig und der Ausdruck seines Mundes hatte eine Energie erhalten, die früher nicht zum Vorschein gekommen war. Er stand jetzt in der ersten frischen Manneskraft, sowohl an Körper wie an Seele, und, dachte sie, sei es früher eine Freude gewesen, ihm zu gehören, so sei es ihr jetzt ein Bedürfniß.

Aber sie selbst – wie stand sie denn jetzt ihm gegenüber? Eine Skizze nur, der er seine Bewunderung zollte?

Es dauerte nicht lange, bis sie eine befriedigende Antwort auf diese Frage erhielt. Er trat zu ihr ein, ergriff ihre beiden Hände, schaute sie lange schweigend, ernst, warmen Blickes an und äußerte dann lächelnd mit der alten, ihr bekannten Stimme: »Du bist es also, Tuva, Waldgeist, Kobold, mein liebes Kind!«

Und was antwortete sie? Sie wußte es weder damals, noch später. Sie lauschte, wie sie es immer gethan, mit ihrer ganzen Seele dieser lieben Stimme, und hätte ewig lauschen mögen.

Aber die Ewigkeit währte nicht lange, denn der Wagen, der sie zurück in's Hôtel bringen sollte, hielt schon längst vor dem Theatergebäude, ihrer harrend. Der schon an der Schwelle der Ehe stehende Julius Scheffer konnte sich jedoch nicht mit dieser flüchtigen Begegnung zufrieden geben. Er mußte gleich Alles wissen, was zwischen dem Wald und der Bühne lag, und er stieg deshalb mit Tuva ein und folgte ihr in's Hôtel. Dort saß bald der Maler vertraulich neben ihr und fragte sie über Alles aus und wollte Bescheid von Allem wissen, auch, um einen Anfang zu machen, ob ihr Haar noch immer dieselbe wunderbare Farbe und elektrische Eigenschaft besäße. Sie mußte es ausschlagen in all' seinem Reichthum. Während die eine ihrer kleinen Hände mit dieser wogenden Fülle beschäftigt war und sie ihre fünfjährige Geschichte erzählte, hatte er die andere ergriffen. Er schaute sie mit demselben Blick wie ehedem an, einem Blick des unbestrittenen Eigenthumsrechts, und nannte sie, wie damals, Du. Er sagte ihr scherzend, wie »gefährlich« sie geworden, vermuthete lächelnd, daß auch Andere das gefunden hätten, nahm ihr das Versprechen ab, daß er sie malen dürfe, und zog endlich nach Verlauf einiger Stunden seine Uhr. »Die Uhr ist erst dreiviertel nach elf« – sagte er, und irrte sich verzeihlicherweise nur um eine ganze Stunde. Tuva selbst wußte ganz und gar nicht, was es an der Zeit sei.

Erst als Julius sich endlich erhob, um zu gehen, fiel es Tuva ein, ihm zu dem Lebensglück zu gratuliren, das ihm geworden war, und zu dem Ansehen, in welchem er schon als Künstler stand.

Er dankte ihr; er sei vom Schicksal unendlich begünstigt worden, und hoffe, wenn Tuva ihm sitzen wolle, ein Meisterwerk schaffen zu können. Ob sie wohl etwas weniger unruhig als damals würde sitzen können, fragte er. Ein Versuch müsse schon am folgenden Tage gemacht werden, wenn er auch gerade gegenwärtig wenig Zeit habe, weil der Besuch seiner Schwiegermutter und Braut in der Stadt von den Einkäufen zur Hochzeit und häuslichen Einrichtung veranlaßt sei.

»Leb' wohl, Gulnara!« sagte er zum Abschied und drückte mit Wärme Tuva's Hand. »Das Gemälde steht schon jetzt lebendig vor meinem Blick. Gulnara soll es sein, die Geliebte Lara's. Und Niemand auf der Welt wird seines Gleichen schaffen können, denn Niemand außer mir verfügt über diesen braunen, warmen Teint, dieses Zauberhaar und« – fügte er lächelnd hinzu – »diese Augen, in deren Tiefe man ertrinkt.« –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –  –


* * *


»Das gestrige Schauspiel schien Dich recht sehr zu interessiren, bester Julius!« äußerte Pauline Träffen, als ihr Bräutigam am Morgen des folgenden Tages, wie gewöhnlich, seine Aufwartung machte, – »namentlich schien Dich das kleine braune Frauenzimmer zu interessiren, das die Julia spielte?«

»Weißt Du, wer das ist?« fragte Julius in gutmüthig-naiver Weise. »Es ist niemand Anders, als Tuva von Erich Carlsson's Gehöft, meine kleine Waldskizze, weißt Du?«

»Ich weiß es,« erwiderte sie. »Ich erkannte sie sofort, und Du wirst selbst finden, daß ich richtig prophezeite: Das Wilde und Thierische verläßt sie nie.«

»Hahaha! Das ist zu gut!« rief Julius herzlich lachend. – »Beurtheile Du die Toiletten, Pauline; aber nie irgend welche andere Kunst. Ihr Spiel war sublim, und – ich will Dir noch Eins sagen: sie selbst ist noch sublimer!«

Niemand wird erstaunen über die tiefe Röthe, die bei diesen Worten Wangen und Stirne der Braut färbte. Sogar Julius selbst fand dieselbe gerechtfertigt und fügte deshalb freundlich entschuldigend: »Du darfst mir das Interesse, das ich für meine liebe alte Waldnymphe hege, nicht zum Vorwurf machen; ich bin überzeugt, daß Du selbst, wenn Du sie kennen lerntest, es theilen würdest.«

Pauline antwortete nur mit einem Blick, den Julius nicht recht zu deuten wußte, und er fuhr deshalb in demselben gutmüthigen Tone fort: »Das ist übrigens leicht zu bewerkstelligen. Ich werde sie natürlicherweise malen. Wenn wir sie einlüden, könnte es hier geschehen.«

Pauline warf ihm jetzt wieder einen Blick zu, der aber ganz leicht zu deuten war. Er verlieh nur dem unverholensten Erstaunen den lebhaftesten Ausdruck.

Julius fand sich von diesem Blick beleidigt, und er äußerte deshalb ziemlich kurz:

»Daß ich sie portraitiren werde, ist eine abgemachte Sache, Pauline! und ich bin der Ansicht, daß es am besten hier geschieht. Ich hoffe, Du wirst sie einladen?«

»Die Schauspielerin?« rief Pauline noch immer mit dem Ausdruck des unvergleichlichsten Erstaunens.

»Die Schauspielerin, ja! oder – wenn es Dir so besser gefällt – die Künstlerin! Ich weiß, daß keine andere Empfehlung bei der Braut eines Künstlers erforderlich ist.«

Julius blickte bei diesen Worten seiner Braut lächelnd in's Auge, aber wiederum fand er einen weit hervorspringenden Klippengrund unter dem hellblauen Wasserspiegel, und er sah dessen Ende nicht.

Nach einer Weile, die durch Schweigen ausgefüllt worden war, sagte Pauline plötzlich, als wenn gar nicht die Rede von Tuva und deren Einladung gewesen wäre: »Wir sind zu Mittag beim Banquier W. eingeladen. Du bist in der Einladung mit einbegriffen.«

»Ah so!«

»Du bist vielleicht so gut und besorgst den Wagen?«

»Jawohl!«

»Und begleitest uns?«

»Nein!«

»Nicht, – weshalb nicht?«

»Ich bin anderswo engagirt.«

»Wo denn, wenn Du erlaubst?«

»Im Göthakeller.«

»Im Wirthshause? – Und in Gesellschaft mit wem? – Aber das ist vielleicht ein Geheimniß?«

»Durchaus nicht! In Gesellschaft der – Schauspielerin.« .

»Ah – so!«

»Hast Du Etwas gegen die Gesellschaft einzuwenden?«

»Nein, bewahre!«

»Pauline, was heißt das?«

»Leb' wohl, Julius Scheffer!« antwortete Pauline und verließ das Zimmer.

»Leb' wohl, Julius Scheffer« wiederholte er, als er sich allein befand. »Das war ein ganz eigenthümlicher Ton. Sollte sie auf die Schauspielerin eifersüchtig sein?«

Bei diesem Gedanken klopfte sein Herz vor Freude. Denn zur Eifersucht war jedenfalls eine feurigere Liebe erforderlich, als die, die er bis jetzt seiner Braut zugetraut hatte. Er gerieth jedoch bald auf andere Gedanken.

»Oh nein!« sprach er vor sich hin, »es war nur ein Ausbruch von Hochmuth. Pauline Träffen's Bräutigam mit einer Schauspielerin dinirend! – das ist der ganze Witz!«

Wie nahe er sich der Wahrheit befand, lassen wir dahingestellt sein. So viel ist aber gewiß, daß er, als er später an demselben Tage seine Braut suchte, um eine Versöhnung herbeizuführen, nicht vorgelassen ward.



Vierzehntes Kapitel.

Die Gesellschaft, die sich um einen kleinen, aber gut besetzten Mittagstisch im Göthakeller eingefunden hatte, bestand nur aus Director Schuldtheiß und Gemahlin, Lucretia, Tuva und Julius Scheffer. Obgleich jedes Mitglied dieser Gesellschaft in irgend Etwas excellirte und Dieser und Jener sogar sehr vielseitig war, so wollen wir doch keineswegs die Möglichkeit bestreiten, daß berühmtere Coterien früher hier zu Mittag versammelt gewesen waren; hervorheben müssen wir aber, daß eine vollständigere Harmonie und eine lebhaftere Freude, als sie hier herrscht, nicht leicht denkbar sind.

Der kleine geniale Director sprach seinem Glase fleißig zu und brauchte seine Zunge noch fleißiger. Seine Suade war unerschöpflich, denn nach jedem Erguß floß sie nur noch reicher. Toaste und Reden ohne Ende! Hierin war er unübertrefflich, es möchte denn sein, daß er sich selbst übertraf, und das war heute der Fall.

Die Frau Directorin verhielt sich schweigsamer, aber auch sie war unübertrefflich, und die gefeierte Lucretia, gehoben durch den schäumenden Champagner, schwebte in den allerhöchsten Regionen, in denselben, aus welchen sie ihren originalen »Wahnsinn« holte, und declamirte dann und wann ergreifende Strophen dieses Products.

Und Julius und Tuva? – Ja, Julius und Tuva saßen neben einander, Aller, nur nicht einander vergessend. Er hatte sie gebeten – die fremden kalten Anreden bei Seite zu legen und ihn Du zu heißen. Tuva hob als Antwort hierauf bescheiden ihr Glas, stieß mit dem seinen an, führte den Krystall zu ihren Lippen und flüsterte: »Auf unsere gemeinsamen Erinnerungen aus den Bergen!« Er schaute ihr tief in das dunkle Auge, und mit einem zurückgedrängten Seufzer leerte er den Pokal bis zum letzten Tropfen.

»Wir haben aber bis jetzt vergessen,« äußerte der Director gegen Ende der Mahlzeit, »unsern verehrten Freund zu seinem bevorstehenden Eingang in den Myrthenhain Hymens zu beglückwünschen. Ein Lebehoch Derjenigen, die mit ihm unter dessen heiligen Wipfeln wandeln wird!«

Alle hoben ihre gefüllten Gläser mit mehr oder weniger sicheren Händen. Die Hand Julius' war die sicherste, aber – sonderbarer Zufall! – das Glas entschlüpfte ihm und zersprang, den perlenden Trank über den Tisch ergießend, mit schneidendem Klang in tausend Stücke.

»Mag es sein!« sprach Julius im ruhigen Ton, während die Tischgenossen ihn mit einer Art von Entsetzen betrachteten – »ein Glas ist leicht zertrümmert, eine thörichte Verbindung gleichfalls.«

Bei diesen Worten, die nur Tuva vernehmlich waren, warf er einen langen Blick auf sie. Nur sie allein fing diesen Blick auf, denn er stieß zu gleicher Zeit seinen Stuhl vom Tische zurück, und die Mittagstafel im Göthakeller war zu Ende.

Einige Stunden später finden wir Julius in der Wohnung des Directors, mit Gulnara beschäftigt. Man hatte den Maler und sein Modell allein gelassen. Man hatte gefragt, ob Zeugen wohl stören würden, und Julius hatte in einer Art und Weise mit Nein geantwortet, aus welcher hervorging, daß Zeugen sehr wohl entbehrt werden könnten.

Aufgeregt sowohl vom Mittag, als von der Situation, hatte Julius viel zu thun gehabt, ehe er Tuva in die Stellung brachte, die er wünschte. Endlich war es aber gelungen, und die Arbeit war nun im vollen Gange. Das Modell betrachtete unverwandt die rosigen Tapeten, und der Maler betrachtete noch unverwandter das Modell. Es war doch natürlicherweise immer noch dann und wann Einiges an der Drapirung zu ordnen, wenn wir auch bezweifeln, daß dies so lange Zeit erforderte, wie darauf verwendet wurde, am allerwenigsten glauben wir, daß der schöne, volle Arm so oft gehoben und gesenkt hätte werden müssen, um die Falten der Kleider in Ordnung zu bringen, denn diese waren schon längst geordnet.

Endlich schien jedoch der Künstler befriedigt zu sein, und vertiefte sich wieder in die Arbeit. Kein Wort wurde gewechselt, kaum ein Athemzug machte sich hörbar. Der Maler sah, malte und sah. Das Original – ließ sich beschauen.

Nach Verlauf etwa einer Stunde erhob Julius sich, bedankte sich bei Tuva und nahm Platz auf dem Sopha. Er machte ihr Complimente wegen ihrer Geduld, meinte, daß sie sich jetzt ausruhen müsse, und lud sie ein, sich neben ihn zu setzen, um das Bild vom Sopha aus zu betrachten.

»Oh, das soll ein Meisterstück werden!« sagte er, »saftig, kräftig und doch schmelzend schön! Ich beginne zu vermeinen, daß ich mich doch wohl mit Hilfe meines Pinsels würde ernähren können, selbst wenn ich mich beschränkte und nur Copien malen wollte. Mein Vater schlug sich so durch, freilich mühsam, aber es ging doch.«

Tuva meinte dagegen, daß das Copiren wohl der Mittelmäßigkeit anstehen könne, daß aber ein wirklicher Künstler sich ein höheres Ziel stecken müsse.

»Du bist ein kleines hochzielendes Weib, Tuva!« antwortete er.

»Das bin ich! – Alle kleinen Frauenzimmer streben hoch, alle großen Frauenzimmer thun das Gegentheil. Nehmen Sie das als eine Regel an, Julius.«

Er faßte strafend ihren Kopf mit beiden Händen; er bog ihn sanft zurück, beugte sich über sie hin und senkte seinen Blick in ihre Augen.

Es sei aber nicht zu berechnen, was der nächste Augenblick in solcher Stellung bringen könne, dachte Tuva; ließ deshalb ihren Kopf behende aus seinen Händen gleiten und stand lächelnd vor ihm.

»Tuva!« flüsterte er, »so hätte Diejenige nicht gethan, die mich einst bat, »bis zum Tode bei mir zu bleiben; gedenkst Du dessen noch?«

Oh ja! – Sie gedächte dessen. Sie habe sich oft gefragt, ob er es auch gethan. Sie fragte, ob er sich der Antwort erinnere.

»Nein, deren erinnere ich mich nicht, aber der Plan war gut,« sagte er. »Ich habe dessen tausendmal gedacht, wenn ich Abends nach dem Drachenberg wanderte und daran verzweifelte, jemals wieder meine kleine Waldnymphe zu Gesicht zu bekommen.«

Tuva schaute mit ziemlich zweifelnder Miene drein.

»Du irrst Dich,« – fuhr Julius ernsthaft fort, »wenn Du meinst, daß mir mein kleiner Waldvogel, der so wild, aber so andächtig auf dem Gestein saß und sang, während ich im Grase lag, weniger theuer war, als das Modell hier. Der Unterschied war wenigstens nicht groß, vielleicht nur der, daß ich es selber nicht wußte.«

Sie wagte nicht, ihren Blick zu ihm aufzuschlagen. Ein tieferes Gefühl als das des Triumphes durchbebte sie bei diesen Worten. Ein großer, ein tiefer, ein herrlicher Gedanke erfüllte sie. Sie gedachte, wie warm er sich damals für sie interessirt hatte. Sie gedachte seiner Worte damals beim Abschied: »Wenn Du zum Bösen versucht werden solltest, so gedenke mein.« Wie hätte er wissen können, daß er solche Gewalt über sie besäße, wenn er nicht auch das Gefühl gehabt, daß sie Gewalt über ihn habe. Ja gewiß, er hatte sie immer geliebt!

Doch hiervon durfte jetzt Nichts gesagt werden, das wußte sie wohl. Allein sie konnte doch nicht unterlassen, zu äußern, daß sie die Hoffnung hege, sie würden noch gemeinschaftlich, wenn sie einst Beide, jeder in seiner Weise, glücklich seien, den Drachenberg besuchen.

Er antwortete hierauf nicht, sondern legte nur schwelgend ihren Arm in den seinigen und führte sie an das Fenster. Hier, in der Beleuchtung der sinkenden Sonne, betrachtete er sie mit forschenden Blicken. Die Gluth legte sich warm über Tuva's ganze Gestalt und auch über ihn. Seine stummen, lächelnden Lippen redeten eine gefährlichere Sprache als Worte, und Blick und Haltung bekundeten eine tiefinnerliche, liebesschwüle Gemüthsstimmung. Ein Gefühl des reinsten Glückes durchbebte Tuva, aber ihr Blick senkte sich vor dem seinigen, der immer noch forschend auf ihr ruhte, und sie noch nie so verwirrt gemacht hatte wie jetzt. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, daß der Forscher dies gerade beabsichtigte, allein er verließ schnell das Fenster, nachdem er sich überzeugt hatte, daß er gleich sehr der Sieger und der Besiegte sei. Er verließ auch bald sie, aber er drückte, alles Andere vergessend, ihre Hand mit einer Wärme, die in ihr den Gedanken wach rief, daß sie, um dieses flüchtigen Augenblickes Gewißheit willen, die Qualen eines ganzen Lebens lächelnd würde ertragen können.


* * *


»Besiegt – ja freilich! – Und das in vier und zwanzig Stunden!« sprach Julius, als er am Abend dieses merkwürdigen Tages auf seinem Sopha lag, eine Cigarre nach der andern schmauchend.

Wäre nun unser Held ein Mann von der Art Ehre gewesen, die die Welt so hoch schätzt, würde er sich in reuevoller Verzweiflung das Haar gerauft und geschworen haben, niemals wieder das gefährliche Weib zu sehen, das eine solche unverlöschbare Leidenschaft in ihm erweckt, und ihn die Pflicht vergessen gemacht habe, die ihn an eine Andere fesselte.

Allein seine Ehre war anderer Art, und sagte ihm, daß eine Verbindung ohne Liebe ein Betrug, und das Band, das nur die Pflicht geknüpft, die Kette eines Sclaven sei, und an Sclavenketten fand Julius Scheffer ganz und gar keinen Geschmack.

Er sollte jedoch nicht ganz ohne Gewissensbisse loskommen, denn er vermochte sich nicht zu verheimlichen, daß er die Verbindung mit Pauline Träffen gar zu leichtsinnig und ohne alle sorgfältigere Prüfung seiner Gefühle geschlossen hatte. Das Einzige, wodurch dieser Selbstvorwurf gemildert ward, war seine Ueberzeugung, daß Pauline sich sehr bald trösten würde, weil sie ihn in Wirklichkeit nie geliebt habe. Allmälig gelang es ihm sogar, diesen Trostesgrund so weit auszuspinnen, daß er obendrein die Behauptung aufstellte, Pauline könne in der That Niemand lieben, es müsse denn sie selbst sein; – und hiermit ließ er die Braut ganz aus der Betrachtung, indem er zu angenehmeren Gegenständen überging.

Vor seiner Phantasie tauchten nun hintereinander auf: Tuva, das koboldartige Hirtenmädchen auf dem Drachenberge, Tuva, der vor Hunger und Mattigkeit zusammensinkende Flüchtling, Tuva, die strahlende Schauspielerin, Tuva, das unvergleichlich schöne Modell, Tuva, die verkörperte Treue und Leidenschaft; und umgaukelt von allen diesen Bildern, eines lockender als das andere, wurde er in einen sanften Schlummer gewiegt. Noch am folgenden Morgen, beim Erwachen, lächelten diese Bilder ihm entgegen, und auf der gezwungenen Wanderung nach der Wohnung der Frau Landrichter Träffen begleiteten sie ihn.

Auf seine Frage an den im Vorgemach postirten Diener, ob die Herrschaften zu Hause seien, erhielt Julius ein verlegenes Nein zur Antwort und zugleich ein kleines Billet, überschrieben von Paulinens zierlicher und regelrechter Handschrift. Er riß das Siegel auf und las folgende Zeilen:


»Noch ein Mal, und zwar zum letzten Mal: Leben Sie wohl, Julius Scheffer!


Mögen Sie mit Derjenigen glücklich werden, die Ihnen besser gefällt, und in dem Kreis, aus welchem Sie nie hätten herausgehen sollen.

Unsere Lebenswege werden so weit auseinander gehen, daß wir uns, wie ich hoffe, nie wieder begegnen werden. Sollte aber doch irgend ein Zufall uns zusammenführen, so rechne ich darauf, durch Ihre Haltung bezeugt zu sehen, daß Sie, wie ich, unsere ehemaligen Beziehungen als einen bösen Traum betrachten, dessen bloße Erinnerung eine Demüthigung ist.

P. T.«


Julius zerriß das Billet in tausend Stücke, die er dem Diener vor die Füße warf, verließ für immer das Haus des Landrichters Träffen und begab sich eiligen Schrittes zu ihr, in deren Zauberbande er durch die nächtlichen Träume nun vollends verstrickt war.



Fünfzehntes Kapitel.

»Hier, Tuva! habe ich die Ehre, Dir einen jungen Mann vorzustellen, der ledig und zum Ehebündniß bereit ist,« sagte Julius Scheffer, als er, von dem letzten Besuch bei der Träffen'schen Familie zurückkehrend, bei Tuva eintrat, und zwar mit einer Fröhlichkeit in Ton und Ausdruck, die sonst in der Regel verabschiedeten Bräutigamen nicht eigen ist.

Als das junge Mädchen nicht antwortete, wiederholte er: »Hörst Du denn nicht, kleine Waldhexe! – ledig und zum Ehebündniß bereit!«

Aber Tuva antwortete trotzdem nicht. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte, sie vermochte nicht, sich in den Gedanken und Gefühlen dieses Augenblicks zurechtzufinden.

Freude und Triumph über das Verschwinden eines großen Steines des Anstoßes auf dem Wege ihres Lebenszieles hätte wohl der erste Eindruck sein müssen. Es war vielleicht auch so der Fall, aber gekreuzt von so vielen anderen, dem jungen Mädchen bis jetzt ungewohnten Empfindungen, daß sie selbst über ihre Gemüthsstimmung nicht klar werden konnte.

Es ist nicht unmöglich, daß anfänglich ihre Freude über den Sieg mit einem Unbehagen über die Art und Weise versetzt war, in welcher ihr derselbe verkündigt ward.

Es fiel ihr allerdings keinen Augenblick ein, das Gefühl, welches Julius für sie hegte, mit dem zu vergleichen, das er Pauline Träffen gewidmet hatte, denn mit dem Instinct der wahren Liebe sah sie wohl ein, daß sie und Julius schon auf dem Drachenberge ihre Herzen für Zeit und Ewigkeit getauscht hatten, – war dieses Bewußtsein ihr doch treu auf allen ihren Lebenswegen gefolgt; allein der weibliche Tact, jetzt bei ihr geweckt, fühlte sich doch vielleicht beleidigt durch den Ton, in welchem Julius das Zersprengen früherer Bande und seine Neigung, neue anzuknüpfen, ihr ankündigte.

So viel ist gewiß, daß das junge Mädchen, wie überglücklich es sich auch fühlte, doch die Erklärung Julius' mit einer Zurückhaltung empfing, die den ungeduldigen Liebhaber staunen machte. Und er hatte freilich Ursache zu seinem Erstaunen, denn bei Tuva hatte während dieser wenigen Augenblicke eine große Veränderung, oder richtiger eine Entwickelung stattgefunden.

Darin ähnelte sie Julius, daß der Erfolg ihr besseres Ich weckte, und sie war gegenwärtig von einem reineren und frischeren Geist beseelt. Nicht allein, daß jedes Rachegefühl gegen ihre bisherige Nebenbuhlerin, die sie mit einem so höhnischen Uebermuth behandelt hatte, verschwand, als sei es, dem dürren Laube gleich, vom frischen Winde fortgeführt, sondern sie fühlte sich nun auch durch das Bewußtsein der Würde gehoben, das jedes Weib besitzen muß und nie ungestraft bei Seite setzen darf, selbst nicht dem treuesten und anhänglichsten Liebhaber gegenüber.

Deshalb vermochte sie auch nicht auf den scherzenden Ton Julius Scheffer's einzugehen, und deshalb beobachtete sie auch während der nächsten Zeit eine so bestimmte, wenn auch bescheidene Zurückhaltung, daß er noch nach Verlauf von Monaten keine Gelegenheit gefunden hatte, ihr seine Liebe so förmlich zu erklären, wie er es schon an dem Tage beabsichtigt hatte, an welchem seine frühere Verlobung rückgängig gemacht worden war.

Inwiefern Julius die Zurückhaltung vollständig zu schätzen wußte, lassen wir dahingestellt sein. Es ist in der Regel nicht Sache verliebter Männer, dergleichen zu würdigen. Aber wenigstens löschte sie nicht sein Liebesfeuer aus, welches von Tag zu Tag in höheren Flammen aufschlug. Er begann den Tag herbeizusehnen, an welchem er Tuva nicht allein seine Liebe, sondern auch eine heimathliche Stätte würde bieten können. Er sah bald ein, daß dieses Ziel eher durch Hilfe des Pinsels als der Feder zu erreichen sei, und nicht lange Zeit nach dem Bruch mit Paulinen brach er deshalb auch eine andere Verbindung, die er gleichfalls nie hätte eingehen sollen, nämlich die mit der Jurisprudenz. Er malte eine zweite Gulnara, die er einem der vielen Bewunderer Tuva's unter den reichen Kaufleuten Gothenburg's zu hohem Preis verkaufte, er brachte außerdem einige andere Gemälde vorteilhaft an, er gelangte auf dem Weg der Erfahrung zu der Gewißheit, daß sowohl er als ein Anderer sehr wohl durch die künstlerischen Schöpfungen seines Pinsels würden bestehen können.

Gegen Ende des Zeitpunktes, bis zu welchem die Anwesenheit der Schuldtheiß'schen Truppe in Gothenburg bestimmt war, ging, nach einer vorausgegangenen und interessanten Correspondenz von Seiten Julius', ein Brief von der Tante ein, die, was ihre eigene Person betraf, über zunehmende Schwäche, was die Person ihres Dienstmädchens anging, über zunehmende Liederlichkeit klagte, und mit dem Anerbieten an Julius schloß, daß er kostenfrei die Parterrewohnung in ihrem alten Hause in Stockholm beziehen könne, und eine Frage hinzufügte, ob nicht die kleine einnehmende Schauspielerin, die doch, wie das deutlich aus ihrem ganzen Wesen hervorginge, »keine geborene Actrice sei,« gesonnen wäre, das unstäte Theaterleben aufzugeben und zu der alten Jungfer zu ziehen, um ihrem Hause vorzustehen und ihre Proceßprotokolle zu lesen.

Wir brauchen nicht zu sagen, mit welcher Bereitwilligkeit diese Vorschläge angenommen wurden, zu welchen Julius in geschickter Weise es verstanden hatte, die Tante zu inspiriren. Auf dem Wege nach Stockholm, in der Gegend, wo Tuva's Kindheit verstrich, finden wir deshalb auch unsere Freunde wieder in der Gesellschaft von Director Schuldtheiß und Frau Gemahlin, die in einer kleinen Stadt in der Nähe Stockholms ihren Thespiskarren aufschlagen wollten und, damit ihre Adoptivtochter des elterlichen Schutzes auf der Reise nicht entbehre, diesen kleinen Umweg eingeschlagen hatten.

Vor dem Wirthshause eines Dorfes, in der Nähe des neuerbauten Gehöfts Erich Carls­son's, stand also das uns von früher her bekannte grün angestrichene Häuschen auf seinen vier alten, jetzt etwas wackeligen Rädern und harrte des Vorspanns. Im Wirthshause selbst im Wartezimmer, saß der Director vor dem trotz der Sommerhitze flammenden Kamin; auf dem Sopha lag träumend in plastischer Attitude seine Ehehälfte, und im Garten unter einer Hängebirke saßen der tragische Liebhaber und Lucretia, inhaltsschwere Worte und noch inhaltsschwerere Blicke wechselnd. Wo die Fräulein Aurora, Pandora und Eleonora, der Liebhaber des höheren Lustspiels und die übrige Künstlerschaft steckten, wissen wir dagegen nicht so genau zu sagen. Dieselben gehen uns denn auch, genau besehen, gar Nichts an, und wir versetzen uns deshalb eine viertel Meile weiter, auf den Weg in's Gebirge.


* * *


»Ne – doch, hab' ich so 'was mei' Lebtag nicht g'seh'n« – sagte der Großknecht Johann, der noch immer im Gehöft bei Erich Carlsson diente. – »Hat's mich doch gepackt wie närrisch, als sie, wie ein Wind, an mir vorüberrutschte!«

»Jesus, ja!« sagte Erich. »Meiner Seel', sah' sie jemand Anderm merkwürdig ähnlich! Aber das wär' denn doch nicht die Möglichkeit – Stina Kajsa, Du! Was meenst Du denn von dem Frauenzimmer?«

»Ja – ä – ja – ja – ick – ick – weeß nich!« antwortete die Bauersfrau vom Gehöft. »Mir wird ganz curios im Kopfe. Nils Stenryd soll sie weiter fahren, aber Nils wird Zeit ha'n, eh' die wieder zurück nach der Station kehren. Seht doch! Sie kommen wieder hierher! Es muß nicht richtig sein mit ihm und Landrichters Fräulein, wenn er mit der da geht! Gut, daß 's Fräulein nicht zu Hause ist und Nichts davon weiß!«

»Nicht wahr, Erich Carlsson, es geht noch immer hier rechts ab nach dem Drachenberg?« rief eine fröhliche Männerstimme, und ein junger Mann, eine kleine schwarz gekleidete Dame am Arme führend, kam auf den Bauer zu. Er sah sehr aufgeregt aus und bat flüsternd ihren Begleiter, den Ort hier eiligst zu verlassen, sie wisse schon selbst den Weg in's Gebirge und in den Wald zu finden.

Es war ein heller, schöner Tag in der Erntezeit. Die Sonne warf einen milden Schein über Flur und Wald, die Tannen flüsterten ernst von den Erlebnissen auf dem Drachenberge, und das Brüllen der weidenden Kühe klang wiederhallend durch die tiefen Thäler. Fünf lange Jahre waren in die Fluthen der Zeit versunken. Heute war wieder ein Tag, wo sie auf dem Gestein saß und ihren Gesang ertönen ließ. Er lag wieder ihr zu Füßen im Grase ausgestreckt, und ihm tönte es wie ein Wiegenlied zu einem schönen herrlichen Traume. Als sie ihr Lied zu Ende gesungen hatte, stieg sie zu ihm herab. Sie wollte sprechen, aber die Worte fehlten ihr. Sie setzte sich neben ihn, ergriff leise und schweigend seine Hand; und als eine große Thräne auf dieselbe herabfiel, küßte sie sie hinweg. Darauf fragte sie flüsternd: »Julius! Nicht wahr, wer viel geliebt hat, dem wird viel vergeben?«

»Tuva!« antwortete er und zog sie an sein Herz, »wer hat denn geliebt?«

Ihre jetzt ernsten Augen standen noch voll Thränen, aber sie legte ihre Hand, auf seine Lippen.

»Hier war es, Tuva!« flüsterte Julius und hob sanft die Hand hinweg – »hier war es, wo ich ihr zum ersten Male mein Herz gab. Hier war es, wo wir uns trennten. Hier endigt die Geschichte des Hirtenmädchens – nicht wahr?«

Sie hatte diese Frage erst am Ziele der Reise zu beantworten gedacht; sie fand aber jetzt, daß hier und nicht anderswo das Ziel sei. Sie hätte nicht ein ganzes Leben hindurch geliebt, um es in diesem Augenblick läugnen zu können. Während sie seinen fragenden Blick auf sich ruhen fühlte, tauchte die Erinnerung an die Vergangenheit, an sein herzliches Interesse, seine duldsame Güte damals und seine Alles ertragende Liebe der jüngsten Zeit in ihrem Innern auf. – Allein, die Worte sind nicht ausfindig gemacht, in welche eine liebende Jungfrau ihre Antwort kleidet. Der erste Kuß, geraubt und doch gegeben, brannte schon auf ihren Lippen, ehe sie sich's versah. Er drückte das Theuerste, was die Erde ihm gewährt hatte, an sein Herz; und als Tuva zum ersten Male, Herz an Herz mit ihm, das ihrige klopfen fühlte, flehte sie zu Gott, daß sie den nächsten Augenblick noch am Leben bleibe – so überwältigend war das Gefühl der Gewißheit, das Ziel erreicht zu haben, für welches sie so lange gestritten.

Endlich hob er ihren Kopf empor, den sie auf seine Brust hatte sinken lassen – sie scheute sich, ihre Gemüthsbewegung zu zeigen – und fragte sie, ob sie sich glücklich fühle. Sie antwortete nur, kaum hörbar:

»Dieser Tag kennt keinen Sonnenuntergang, Julius!«

»Nein!« – antwortete er, »wenn diese Sonne einst sinkt, wird der Tag nur um so herrlicher aufgehen in einem andern Reiche Gottes. Jetzt glaubst Du an Gott, Tuva?«

Ja, jetzt glaube sie an Gott. Aus tiefster Seele wünschte sie die Gelegenheit herbei, ihren früheren Unglauben, und was sie in demselben verbrochen, zu sühnen. – Aber sie erwiderte Nichts in Worten. Doch er las die Antwort in ihren Blicken, las dort das Gefühl, das jeden Athemzug in einen Augenblick berauschender Seligkeit gestaltete, – wenn auch mit jener Wehmuth gepaart, die jedes menschliche Gefühl durchzittert.

Und für Tuva spendete diese Stunde eine Glückseligkeit sondergleichen. Wie hatte sie nicht durch ihn Alles gewonnen! Ohne ihn hätte sie noch hier umherirren müssen, verwildert, verloren, ein Raub zügelloser Leidenschaft. Hier, wo sie so sehr gelitten, schaukelte sie jetzt auf einem Meere von Liebe, dessen Ufer sich bis in die Ewigkeit erstreckten. Voller Hoffnung schaute sie jetzt in die blaue Wölbung hinauf, die sie damals so oft, aber nur mit der Frage betrachtet hatte, aus welchem Stoff sie wohl gemacht sei. Hier umkosten sie dieselben Lüfte, deren Schwingungen sie damals treu gelauscht hatte, wenn sie in der Ferne seine kommenden Tritte vernahm. Hier stand dieselbe alte Tanne, die er abgezeichnet hatte, hier lag dieselbe stumme Welt unter dem Berge, wo der Drachen auf seinen Schätzen ruhte, dasselbe saftige Grün auf Berg und Hügel, hier säuselte es wie ehedem durch die Wipfel des Waldes, hier klangen wie damals die Schalmeien der Hirtenmädchen, das Brüllen der Mairos'; Alles hatte sich an diesem Tage vereinigt, um die Verwandlung des Waldkindes zu feiern.,

»Arme kleine Tuva im Walde!« sagte Julius, wie er es einst früher gesagt hatte.

»Arme kleine Tuva im Walde!« wiederholte sie. »Oh, ich weiß es, ich weiß es! Diese Worte waren es, die so tief in meine Seele drangen; aber, Julius! von heute an beginne ich mein neues Leben, es war mir schon vorgezeichnet, als ich zum ersten Male jene Worte hörte. – Seien sie gesegnet!«



Sechzehntes Kapitel.

Die einfache Erzählung von dem Schicksale eines Findelkindes nähert sich ihrem eben so einfachen Ende.

Es liegt uns jedoch ob, noch einmal das Personal vorzuführen, welches mehr oder weniger direct in das Leben dieses Kindes einzugreifen geruhte, und in anderer Weise die anspruchslosen Bilder zu ergänzen, die wir aufgerollt haben.

Wir beginnen, wie billig, mit den Bewohnern des Herrensitzes Rydeholm. Landrichter Paul Träffen ist immer noch in seinem Kreise eine kleine Gottheit, unveränderlich, allweise und allmächtig. Noch immer spricht er innerhalb seines Familienlebens sein imposantes Wir mit unnachahmlicher Majestät. Frau Landrichter Träffen thront immer noch in ihrer Sophaecke, und hat Nichts eingebüßt weder von ihrer kleinen kugelrunden Figur, noch von ihren fleischigen leberfleckigen Händen, die viel Aehnlichkeit mit den kleinen Berliner Milchbroden haben; sie pflegt ihrer Bequemlichkeit und ihrer romantischen Natur. Sie ist das einzige Mitglied der Träffen'schen Familie, die des Helden unserer Erzählung freundlich gedenkt, er war stets ihr Liebling. Sie beschäftigt auch noch dann und wann ihre Phantasie mit dem allerliebsten Waldkind, und beklagt sehr, daß es nie zur Ausführung jenes Duetts kam, bei welchem dies halb wahnsinnige Hirtenmädchen mit den »bloßen englischen Beinen« singend auf dem bemoosten Tannenstamm sitzen sollte.

Fräulein Pauline Träffen ist Pauline Träffen geblieben, wenn sie auch bald diesen Namen ablegen wird. Dies dürfte genügen, wenn wir nicht fürchteten, daß möglicherweise der Leser, aus Sympathie mit dem armen Künstler, sich einbilden möchte, daß sie gleich anderen Frauen ein liebebedürftiges Herz habe. Wir müssen erklären, daß solches ein Irrtum sein würde. Der junge talentvolle Mann machte Eindruck auf sie – das ist allerdings wahr – und zwar durch sein jugendlich frisches Wesen, seinen Trotz gegen Alles, was conventionelle Formen heißt, seine glühende Liebe für die Ideale der Kunst, das heißt: durch alle die Eigenschaften, die in dem grellsten Contraste zu ihrem eigenen Wesen standen. Sie begann damit, über ein solches Naturell zu staunen, wurde gereizt, es zu beherrschen und endigte damit, daß sie einen Versuch machte, sich für dasselbe zu interessiren. Allein der Versuch mißlang, und ihr Leben lang wird sie sich grämen, freilich nicht darüber, daß sie gerade zur rechten Zeit dieser unschicklichen Inclination entsagte, sondern darüber, daß sie, alle vernünftigen Rücksichten vergessend, sie jemals gehabt hat.

Uebrigens wurde der Platz des Künstlers bald ausgefüllt.

Nach dem Bruche mit Julius reiste Pauline, um' ihren Aerger zu ertränken, mit ihrer Frau Mama nach Marstrand, und dort gelangte in Bälde auch Kammerjunker von Kork an.

Ungefähr um dieselbe Zeit, wo Tuva, freilich mit einer weltlicheren Auffassung des Bibelspruches als unsere Theologen gutheißen möchten, aber mit tiefem Gefühl der Wahrheit und Offenheit, Julius fragte, ob es nicht so sei, daß demjenigen, der viel geliebt, auch viel vergeben werde, ungefähr um dieselbe Zeit antwortete Pauline zum zweiten Male auf die Bewerbung des Herrn von Kork, die in eine Menge poetischer blühender Phrasen eingewickelt war:

»Hier ist meine Hand, Herr Kammerjunker! Sowohl Sie als Ihr schöner Herrensitz gefallen mir. Ich hoffe glücklich zu werden, denn ich bin keine Romanheldin, und schätze ein sorgloses Leben mehr als all' die Liebe, die Sie, mit Beihilfe von Tegnér, so schön geschildert haben.«

Nicht daß wir behaupten wollen, daß Frau Carlquist ein sorgenfreies Leben unterschätzte; aber ungeachtet Herr Carlquist sich immer öfter auf dem Sopha streckte, immer lauter seine Gichtschmerzen ausschrie und immer fetter, fauler und grilliger die Zimmerdecke anstarrte, fiel es deshalb doch nie der guten Frau ein, sich über ihr Geschick zu beklagen. Alles war, meinte sie, wie es sein müsse, nur das nahm sie Wunder, daß dieses Geschick nimmer müde ward, die Schößlinge in der Pflanzschule zu vermehren, welche Verwunderung sich bis zur höchsten Potenz steigerte, als sie eines schönen Tages ihren theuren Ehegemahl mit zwei Exemplaren auf ein Mal beschenkte. Von der Zeit an, sah man sie immer mit einem Kinde auf jedem Arm umhergehen, und sah sie auch matter und farbloser aus, als jemals.

Director Schuldtheiß und Frau Gemahlin, die, wie wir bereits erzählten, den kleinen Umweg durch die Gegend des Drachenberges machten, um ihrer Adoptivtochter Tuva anstandshalber das Geleit so weit als möglich zu geben, ließen sich bis auf Weiteres in einem der kleinen, in der Nähe von Stockholm gelegenen Städtchen nieder. Nachdem sie Tuva verloren hatten, fanden sie gerade nicht mehr ihre Rechnung bei einem Auftreten weder in Stockholm, noch in der zweiten Stadt des Reiches, in Gothenburg, sondern reisten von nun an von Städtchen zu Städtchen, und liebten vorzugsweise dasjenige, wo sie in der Scheune des Bürgermeisters auftreten konnten.

Nachdem Tuva dem ersten tragischen Liebhaber verloren gegangen war, begann Lucretia wieder Terrain zu gewinnen, und in engeren vertrauten Kreisen flüstert man schon davon, daß sie ihr Geschick mit dem dieses gefährlichen jungen Mannes zu vereinigen gedenkt. Dem sei nun wie ihm wolle – »einheimischen Wahnsinn« fährt sie fort zu schaffen, er zu executiren, Beide in ausgezeichnetster Weise; und kommt es wirklich zu einer Vereinigung der Geschicke, so dürfte dieselbe ein Muster einheimischer Ehe, sympathischen Wahnsinns, wahnsinniger Sympathie werden.


* * *


Kehren wir hierauf zurück zu Tuva und Julius.

Der Empfang bei der alten Jungfer Tante war herzlich, und die Herzlichkeit verringerte sich nicht, als sie ihr ihre Verbindung anvertrauten. Allerdings blinzelte sie eine Weile mit den kleinen Vogelaugen, bevor sie ihre Einwilligung aussprach, allein sie that es doch, und zwar aus vollem Herzen.

»Hab' ich doch die ganze Bescheerung zwischen den Zeilen Deiner Briefe gelesen, Julius! – Ja ja, die alte Tante ist so dumm nicht,« sagte sie; »und wenn ich Deine Wahl nicht gebilligt, hätte ich doch nicht unsere kleine liebe Freundin hier zu mir eingeladen! Dein Vater heirathete auch eine Schauspielerin, und das lief gerade nicht so sehr gut ab; aber die Verhältnisse waren auch andere, denn sie war Schauspielerin von Geburt, was meine liebe Tuva nicht ist. Mögt Ihr so glücklich werden, Kinder, wie es Euch die alte Tante wünscht!« Und nach einer Pause fügte sie mit listiger und schelmischer Miene hinzu: »Aber wünscht nur nicht, mein Bischen Leben ausgeblasen, denn ein Testament wird für Euch nicht gemacht!«

Als die Tante einmal ihren Beifall zu der Verbindung ausgesprochen hatte, hielt es auch für Julius nicht schwer, ihre Einwilligung zu der baldigen kirchlichen Weihe derselben auszuwirken. Man hatte nur den von der Tante selbst vorgeschlagenen Ausbau des alten Hauses abzuwarten, in dessen Parterrewohnung das junge Ehepaar einziehen sollte.

Es verstrichen auch nur wenige Monate – und diese Wohnung stand fertig da als ein überaus hübscher und heimischer Turteltaubenschlag. –

Werfen wir nur einen Blick in dieses Heilig­thum, in das Allerheiligste des Heiligthums, – mystisch erleuchtet von der rosenrothen Ampel und geschmückt mit dem, von einem Kranz von Sträuchern vom Drachenberge kunstvoll umwundenen Portrait einer gewissen Person. Eine andere gewisse Person wollte nämlich nie die Augen weder schließen noch öffnen, ohne dem Bilde zu begegnen, das in Stille und Sturm, bei Sonnenschein und Regen, träumend und wachend ihr treu vor der Seele gestanden hatte.

Begeben wir uns nachher durch die kleine Tapetenthür, so strahlt uns hier ein Meer von Licht entgegen durch das in gothischer Form ausgehauene Fenster, welches das Atelier des Künstlers erhellt. Gemälde und Skizzen, Costüme und Draperien, Modelle und Büsten füllen den ganzen Raum, mit Ausnahme jedoch eines kleinen besondern Winkels, der als Boudoir für die junge Dame eingerichtet ist, die stets zugegen sein muß, wenn der Künstler der Inspiration bedarf, und der behauptet, daß er deren stets haben muß.

Und hier verlassen wir unser junges Künstlerpaar. Von Julius scheiden wir mit einem warmen Wunsche für das Streben seiner Jugend, und mit einem innigen Gebet für die Wahl seines Mannesalters. Tuva hat Nichts mehr vom Leben zu erwarten. Was ihr begegnen kann, wird die Wage ihres Glückes eben so wenig zum Emporschnellen als zum Sinken bringen können, denn ihr Glück ruht fest auf dem, was ihr nie genommen werden kann: auf Liebe und lebendigem Glauben.

–   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –   –

An einem schönen sonnigen Tage kehrten die Beiden aus der Kirche zurück, jetzt nicht mehr Zwei, sondern Eins.

Am Abend sang Tuva das schöne Lied:


Raubt auch die Sonne jedesmal,
Wenn sie sich senkt in's Meer,
Uns einen Tag der Lust und Qual, –
Sie geht am Himmel wieder auf,
Und bringt uns wieder Tag,
Und endigt nimmer ihren Lauf; –
Sie leuchtet hell und hehr,
Und zählt der Tage immer mehr;
Sie rufet Alles wach,
Und sah noch nie den letzten Tag.


Und als die letzten Accorde verklungen waren, lehnte sie sich an die Brust ihres Gatten und weinte.

»Thränen?« sagte Julius, und drückte sie an sein Herz.

»Ja, Julius! ich weine, weil ich glücklich bin.«

»Liebst Du mich so innig, wie ich Dich liebe, Tuva?« fragte er, als er ihre Wange erblaßt fand und ihre Hand in der seinigen zitterte.

Sie antwortete mit einer andern Frage, denn ihr einziges Zittern lag in derselben. »Wirst Du mich so treu lieben, wie ich Dich geliebt habe, Julius! – für immer?«

»Nein!« antwortete er; »immer liegt innerhalb der Grenzen der Zeit, aber unsere Liebe kennt keine Grenzen!«

»Ich glaube Dir, Julius!« sprach sie durch Thränen lächelnd. – »Deine Liebe verjagt den Spuk des Drachenberges aus meinem Herzen, und die bösen Mächte weichen nur dem, was ewig ist.«




1 Das deutsche »Hügel« heißt nämlich in schwedischer Sprache »tufva.«

2 Unter den Bauern im skandinavischen Norden heißt das Kind von z. B. Peter Nilson mit Familiennamen Peterson. Der Sohn Hans würde Hans Petersen, die Tochter Maria: Maria Peterstochter, und nicht Nilson heißen.

3 Der Uebersetzer erinnert hier an die schwedische Sitte, einen mit Schnaps, Butter, Brod, Käse, Hering, Radischen u. s. w. besetzten Nebentisch in dem Speisezimmer aufzustellen, an welchem die Herren, ehe sie sich zum Mittagstisch setzen, stehend den Appetit reizen. Selbst am Hofe wird diese Sitte beobachtet.