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Dito und Idem (Carmen Sylva) – In der Irre

Novellen

Dito und Idem, In der Irre, Novellen, Verlag von Emil Strauß, Bonn, 1888.



Es war ein Irrthum.



Der Novemberwind fegte durch die Victoriastraße. Kam er von der Brücke oder vom Thiergarten? Er wehte hinauf und hinunter, und in jeder Richtung schien er am stärksten zu sein. Das Gas war noch nicht angezündet, auch in den Häusern brannte nur vereinzelt Licht, jedoch in der Etage, welche die Gräfin Ritholm bewohnte, waren schon erleuchtete Fenster. Dort trug ein zierliches Stubenmädchen eine Lampe durch den Salon, hüpfte im anstoßenden Boudoir auf einen mitgebrachten Holzschemel, zog die Hängelampe herab und ließ sie mit der leuchtenden Last so leise als möglich wieder hinauf gleiten. Dann huschte sie hinaus und trug zwei umschleierte Lampen in den Salon.

Ihre Schritte hatten gewiß keine Störung verursacht, wohl aber das Licht, das auf eine zarte Frauengestalt am Flügel fiel. Ihre schönen Hände hatten in der Dämmerung murmelndes Zwiegespräch mit den Saiten gehalten. Neben ihr lagen Folianten geschichtet, vor ihr stand aufgeschlagen eine Partitur, in der sie wohl gelesen, bis die eintretende Dämmerung sie in ihre eigenen Phantasien versenkt hatte. Jetzt erhob sie sich mit langsam nordischer Ruhe. Ihr schwarzes Seidenkleid war so schwer und weich, daß es nicht rauschte; das schwarze Spitzentuch, das vom Kopf über den halben Rücken hing und auf der Brust in einen losen Knoten geschlungen war, in dem ein paar frische Veilchen steckten, umrahmte ein feines Oval von durchsichtiger Weiße. Unzählige zarte Linien durchzogen bereits die Stirn, von der das Haar in zwei großen, weichen Wellen zurückgekämmt war, um sich unter dem Spitzentuch in einen reichen Knoten zu verlieren und neben dem Halse rechts und links in zwei schweren Locken niederzurieseln. War es grau? Nein, aschblond, noch kein graues Fädchen schien es zu durchziehen. Mit zwei Schritten, ohne Hast, war sie in dem kleinen Boudoir und musterte den Theetisch, welcher am Kamin zwischen zwei behaglichen Sesseln stand, und auf dem ein silbernes Kesselchen brodelte und dampfte. Sie öffnete die Theebüchse und zog leise den Duft der köstlichen Blättchen ein. Ja, auch an der Nase waren kleine Falten, aber sie ließen nur die Feinheit derselben hervortreten. Die Lippen waren schmal und fest geschlossen, als würden sie viel in einsamem Denken zusammengepreßt. Doch verkündeten die zierlichen Notenpulte, welche den Flügel umstanden, daß hier nicht immer allein musicirt wurde.

Die Wände des Boudoirs hatten braunrothe Sammettapeten, von denen man aber nicht viel sah, da sie durch eine Fülle von Bildern verdeckt wurden; von diesen waren zwei durch besondere, mit Metallschirmen halbgeschlossene Lampen beleuchtet. Auf einer Staffelei stand ein reizender Mädchenkopf, der sich auf dem Schreibtische in unzähligen Photographien, Aquarellen, Miniaturen, in Costümen, Reitkleid und Brautanzug, wiederholte, zuletzt, noch ohne Rahmen, umgeben von zwei Amouretten, die ganz ähnliche Züge trugen.

Ueber dem Kamine deckte ein prachtvoller Gobelin den Spiegel zu. Bücher häuften sich überall; ringsum an den Wänden liefen die Regale entlang, und ein Tisch, auf dem eine grüne Studirlampe stand, hinter einer Chaiselongue, über die ein altindischer Shawl geworfen war, zeigte, daß hier manche Stunde lesend zugebracht wurde, denn er war vor Büchern und Zeitschriften nicht zu sehen. Vor dem einzigen Fenster standen Blumen und Blattpflanzen in üppiger Fülle und verbreiteten ihren Duft durch den stillen Raum.

Die herabgelassene Portiére an des Zimmers dunkelster Seite theilte sich ein wenig, und ein grauer Kopf wurde sichtbar. »Wenn die gnädige Gräfin nichts mehr zu befehlen haben?«

»Nein, gar nichts, danke, Sie können in's Concert gehen, Lorchen; es wird sehr schön werden.«

»Schade, daß gnädige Gräfin gerade heute Abend verhindert sind!«

»Nein, es thut nichts, Lorchen, Herr von Asmar wird mich wohl entschädigen, auch haben die Florentiner versprochen, dasselbe Quartett bei mir noch einmal zu spielen!«

»Nun, dann darf ich wohl gehen! Unterthänigst guten Abend!«

»Guten Abend, Lorchen, und vielleicht gute Nacht! Sollte es spät werden, so gehe ich allein schlafen und brauche nichts mehr.«

Auf diesen letzten Satz ertönte ein mißmu­thiges Brummen hinter der Portiére; dann schloß sich leise die Thür, und die Gräfin war allein. Sie hatte ein schönes japanisches Falzbein genommen und schnitt ein Buch auf, in dessen Seiten sich die zurückgebogenen Fingerspitzen mit den tadellos geformten, rund geschnittenen Nägeln verloren und die großen blauen Augen sich halb zerstreut versenkten, bis ein Schritt im Salon sie hell und jugendlich aufleuchten ließ, während ein feines Roth das ganze Gesicht über­flog. Oder war es nur ein zusammenstürzendes Holzscheit im Kamin, dessen hell flackernde Gluth sie so röthlich beschien?

Der Schritt war ein kurzer, eiliger und hatte schnell seinen Urheber unter die Lichtwellen der ersten Lampe gebracht. Ehe er ein Wort geäußert, ergriff er die Schraube der Lampe und drehte an ihr.

»Verzeih', Hedwig, aber sie blakte entsetzlich, der Tisch ist schon mit schwarzen Flöckchen bedeckt. Nun aber guten Abend, und wie geht es Dir?«

Die schöne Frau lächelte über ihren vorsorglichen Gast, der nun mit ihr in's Boudoir trat. »Vierhändig scheinst Du heute nicht mit mir spielen zu wollen,« fuhr er fort, »was ich begreife, bei meiner Ungeschicklichkeit, also darf ich mich hier gleich für den Abend am Kamin installiren?«

Er hatte die Bewegungen, die schnelle Sprache eines jungen Mannes, auch seine schlanke Figur, die er in jedem Augenblick bis in jeden Nerv zu beherrschen schien, war jung, aber der schöne, länglich geformte Kopf trug kurz geschorene graue Haare, grau war der feine Schnurrbart, und die Hände, mehr noch als die Züge des Gesichtes, waren alt.

»Du scheinst mir recht heiter dafür, daß Du morgen wieder in die Fremde gehst,« meinte sie mit einem Anflug von unbewußter Enttäuschung.

»Ich bin es auch; – weil ich erst morgen gehe und heute noch die Ehre habe, hier zu sitzen.«

Beide schwiegen einen Augenblick. Seit den letzten zehn Tagen, seitdem er allabendlich den Thee bei ihr trank, war es der erste Augenblick einer unverständlichen Scheu, die zwischen ihnen herrschte; Trauer oder auch nur Bedauern, daß sie sich wieder trennten, wären ja ausgeschlossen, meinte er, während sie etwas gezwungen fragte:

»Und hast Du alle Geschäfte abgewickelt, allen Freunden Lebewohl gesagt?«

»Allen,« entgegnete er lächelnd. »Wie viele das sind, da ich 25 Jahre nicht hier war, weißt Du ja.«

»Und doch sollte für eine wahre Freundschaft kein Zeitbegriff bestehen.«

»In gewissem Sinne gibt es ja keine Zeit,« versetzte er scherzend, »aber wir sind nicht immer im Stande, uns auf der Höhe solcher Anschauung zu erhalten.«

»Vielleicht nicht immer, aber in einschneidenden Augenblicken des Lebens. Als ich Dich wiedersah, fühlte ich keine Zeit mehr, in der ersten Stunde war mir, als wären wir beide Kinder!«

»Wer, wir beide? Wolff und Du? Denn Du und ich, wir waren ja nicht Kinder zu gleicher Zeit,« entgegnete er etwas scharf. »Und in der zweiten Stunde,« fügte er lachend hinzu, »ward es Dir dann um so grausiger klar, wie anders wir durch die Zeit, die wir wegleugnen wollten, geworden?«

»Vielleicht,« meinte sie wieder, während sie aufstand, um die Spiritusflamme auszulöschen und das starke Brodeln des Theewassers dadurch zu dämpfen.

Er sah ihr zu, denn er war auch aufgestanden und hatte seinen Hut erst jetzt auf einen Stuhl im Hintergrund gelegt.

»Ich finde diese Maschinen unpraktisch,« sagte er, an den Theetisch tretend. »Bei mir in Singapore habe ich einige Verbesserungen an der Berzeliuslampe selbst angebracht. Schade, daß ich nicht eher daran gedacht, ich hätte sie Dir auch machen können.«

Die Gräfin lächelte: »Ich bin mit dem ungenügenden System ganz zufrieden, ich habe nicht so viel Ehrgeiz – oder Unruhe? – wie Du.«

»Du riskirst hierbei aber immer, Dir die Finger zu verbrennen!«

»Und habe es doch noch nie gethan.«

»Ich will kein krächzender Rabe sein, aber ich bin überzeugt, Du verbrennst Dich noch einmal.«

»Wenn Du wieder fort bist, mache ich den Thee nie selbst, Lorchen versteht es besser.«

»Also das ist eine ganz besondere Ehre, die ich, wie so Vieles, zu spät würdige! Dabei trinke ich ungern Thee, verzeih', das hätte ich nach dieser Erklärung wohl nicht sagen dürfen?«

»Wie kannst Du mich fragen, was Du darfst oder nicht! Ich könnte Dich eher fragen.«

Wieder schwiegen Beide; er wies das Compliment nicht ab, entweder weil er es überhört, oder weil er es annahm. Der Gräfin stieg langsam das Blut in den Kopf, und die Peinlichkeit dieses Schweigens schnürte ihr die Kehle zu.

»Wir kommen heute gar nicht recht in's Fahrwasser des Gesprächs,« meinte sie endlich.

»Desto besser!«

»Warum?«

»Ein Fahrwasser ist ausgefahren.«

»Für mich sind nur ausgefahrene Straßen, ich habe nie, wie Du, meine Pfade selbst erst ausgehauen.«

»Das hätte Dir auch nicht gestanden.«

»Wer weiß, hätte ich nur früher angefangen! Du fandest mich einmal in Knabenkleidern sehr hübsch.«

»Ich Dich? Wann denn?«

»O, es ist lange her, aber ich habe nichts davon vergessen, und manchmal, noch jetzt, sogar in diesen letzten Tagen fühlte ich alte Frau etwas von der Angst vor dem großen Joachim, die ich als Kind gespürt. Männer haben wohl kein Gedächtniß?«

»Für Kleinigkeiten selten.«

»Aber mir warst Du damals keine Kleinigkeit.«

»Dies ›damals‹ ist schmeichelhaft, gut, daß ich nicht so leicht übelnehme, wie man mir nachsagt. Doch verzeih',« – und er stand auf und näherte sich der kleinen Rococco-Uhr auf ihrem Schreibtische, »Deine Uhr geht bedeutend nach; als ich aus dem Hôtel du Nord fortfuhr, zeigte die Akademie-Uhr schon 7½, und Du bist erst jetzt dort angelangt.«

Er öffnete das Uhrglas und stellte den Zeiger richtig. Hedwig beobachtete ihn, und in ihren ernsten Augen lag ein schelmisches Lächeln, das er mit einem schnellen Blick erfaßte, denn er hatte sein Binocle aufgesetzt, um nicht durch seine Kurzsichtigkeit etwas an der Uhr zu verderben.

»Nicht wahr, Deine Augen lachen: Pedant!« fragte er.

»O nein, höchstens: ganz der Alte,« meinte sie.

Joachim fuhr fort: »Ja, Dir, der Weltdame, muß der peinliche Ordnungssinn sehr kleinlich vorkommen, aber wenn man, wie ich, in wilden Ländern lebt, schlagen selbst die guten Anlagen leicht zu Excentricitäten um.«

»Das ist mir nicht aufgefallen. Aber, Joachim, bist Du so ganz sicher, daß ich zur Weltdame geboren war?«

»Jedenfalls erzogen.«

Hedwig fühlte in diesem Worte einen Vorwurf gegen ihre Mutter, den Joachim wohl gedacht, aber nicht hatte äußern wollen.

»Was nennst Du eigentlich Weltdame?« 

»Was Du bist.«

»Dann wäre ich Dir nur ein Typus, keine Individualität?«

Er warf ihr einen seiner raschen Blicke zu, in dem etwas Hartes lag, das sie beunruhigte. Sie hatte doch an jedem der vorhergehenden Abende das beglückende Gefühl gehabt, daß sie sich verstünden, daß sie zum ersten Mal im Leben nur einen Gedanken anzudeuten brauchte, um ihn ergänzt zu hören, daß er sie durchschaute und sie seiner Freundschaft würdig fände, und nun schien das alles irrthümlich gewesen zu sein!

»Weißt Du, Joachim, ich hatte heute den ganzen Tag eine große Sehnsucht, Dir vor der Trennung, die vielleicht eine ewige ist, aus meinem Leben zu erzählen, und nun bist Du so wieder eigenthümlich fremd, wie am ersten Tage unseres Wiedersehens.«

»Das ist nur scheinbar, Hedwig, Alles, was Du mir hast sagen wollen, kannst Du getrost sagen, als ob Du zu Dir selbst sprächest.«

»Aber nun kann ich nicht mehr, nun ist das Thor zugefallen und der Schlüssel verloren.«

»Wir finden ihn schon wieder, der Abend ist ja lang. Hast Du Nachricht von Deiner Tochter? Finde ich sie noch in Rom?«

»Sie hat heute nicht geschrieben, aber hier« – sie ging an den Schreibtisch – »hier ist ihr letztes Bild, vor zwei Stunden angekommen, von ihr und ihren Kindern.«

Er trug die Photographie dicht unter das Studirlämpchen und betrachtete sie sehr genau. Sie stand im Schatten und sah seinem Mienenspiele zu. Es zuckte durch seine Züge wie ein heftiger Schmerz, dann lächelte er.

»Deine Tochter hat nichts von Dir, gar nichts; man würde nicht glauben, daß sie Dein Kind ist, auch an Wolff erinnert sie nicht, dagegen an meine Mutter, die hatte so tiefe Augen und den lachenden Mund; – aber hier, dies Kind, das bist Du, Zug für Zug! Wenn ich es auf den Schoß nehme, werde ich meinen, es sei die kleine Hedwig, die so oft auf meinem Schoß saß und mich mit den großen, ernsten Augen verschlang, wenn ich Märchen erzählte!«

Sie hatte sich genähert und sah auch auf das Bild.

»Du erzähltest aber auch zu schön, Joachim, so gut, daß ich noch mit Deinem Wortlaut meiner kleinen Enkelin Deine Geschichten erzähle, wie schon Sylvia sie als Kind immer wieder hat hören wollen und sich später mit ihrem Aeltesten vor mich auf die Erde setzte, um sie noch einmal zu hören. Ich webe auch zuweilen Geschichten von den Orten ein, an denen Onkel Joachim sich aufhält, obgleich mich Onkel Joachim nur mit Geschenken, niemals mit Briefen verwöhnt hat. Aber die Geschenke hatten alle ihre Geschichte, der Shawl, das Falzbein, der Sandelholzkasten, die spanische Wand, kurz Alles, was von Dir kam, gab Stoff zu endlosen Erzählungen, und so lebten wir immer mit Dir.«

Ihre Stimme verschleierte sich ein wenig.

»Ich schrieb aber regelmäßig an Wolff, und das war doch dasselbe?«

Sie schien die Frage in diesem Satze zu überhören.

Er sah noch immer auf das Bild.

»Du hattest auch diese Locken,« sagte er endlich, als hätte er keine Antwort erwartet, »ganz diese Locken, die ich durch die Finger gleiten ließ, während ich Dir erzählte.«

»Ja, und ich hatte das so gerne, während Wolff mich nur daran riß, bis ich nach ihm schlug. Er that mir überhaupt immer weh, und dann war der große Joachim Friedensstifter.«

»Ich fürchte, er war etwas ungerecht, aber er hatte ein Vorurtheil gegen Mädchen und schützte zu sehr den kleinen Bruder, den Liebling der Mutter,« setzte er weich hinzu.

»Das machte nichts, ich war immer stolz, wenn Du Partei gegen mich nahmst.«

»Du willst mich noch jetzt schamroth machen,« lächelte er. »Darf ich auch wissen, warum?«

»Eigentlich nicht, und doch, warum nicht, jetzt, wir sind ja alte Leute und können über solche Kindereien spotten: Mir war Dein Tadel immer lieber, als Dein Lob. Ich war schon so viel Evastochter, um zu wissen, daß man den höher stellt, den man tadelt.«

»Wie hübsch Du Alles zu drehen weißt, das konntest Du schon damals, und darum schienst Du mir dem kleinen, wilden Wolff immer überlegen. Der arme kleine Kerl, ich sehe ihn noch blutroth werden, wenn er Dir nichts zu entgegnen wußte. Darum schlug er so oft um sich, weil er sich zu sehr Junge fühlte, um einem Mädchen unterliegen zu dürfen.«

Er hatte sich auf das Fußende der Chaiselongue gesetzt, mit dem Rücken gegen die Lampe; sie lehnte mit beiden Armen auf dem weich gepolsterten Rücken eines Sessels und ließ die schwarzen Spitzen durch die Finger gleiten.

»Und Du fingst doch früh an, Wolff gern zu haben?« nahm er wieder das Wort.

»Welche Gewissensfrage!«

Er sah ihr starr in's Gesicht; sie aber blickte aufmerksam in's Feuer, als suchte sie etwas darin. Alle Heiterkeit war aus ihren Zügen gewichen, und es flog wie ein Herbstwind über ihre Haut, der sie in hundert kleine Fältchen kräuselte. Nein, so nicht, so wollte er sie nicht sehen. Noch eben hatte er ihr Kindergesicht erblickt, wie es ihn schelmisch anlachte. Und sie sollte Wolff geliebt haben, es mußte und durfte nicht anders sein. Sie war jetzt Wittwe und betrauerte seinen todten Bruder noch, und daher das schmerzliche Zucken.

»Wie merkwürdig, daß ich so wenig behalten habe aus jener Zeit, es war eben nicht mehr meine Kinderzeit, als Ihr jung waret, Wolff und Du,« begann er wiederum. »Ich war nur in den Universitätsferien zu Hause. Einer Scene jedoch erinnere ich mich, als Wolff sich in den Finger geschnitten hatte, da hast Du bitterlich geweint und wolltest Dich gar nicht trösten lassen.«

»Natürlich, weil ich's gethan hatte. Wir hatten uns um das Messer gestritten und gerissen, und auf einmal klaffte die tiefe Wunde, und sein Blut strömte. Ich dachte, er würde mich gleich verklagen, aber er sagte, er hätte es selbst gethan; und ich schwieg, weil ich mich vor der Strafe fürchtete. Von da an habe ich ihn nie mehr gequält, denn er war tapferer gewesen, als ich. Weißt Du noch,« fuhr sie fort, »daß Du immer Hedchen und Haidi zu mir sagtest, und besonders um Haidi wäre ich durch's Feuer gegangen, so gern hörte ich das.«

»Und Du thatest Deine Arme um meinen Hals und sagtest: Min söte Jo!«

Eben sah sie wieder ganz jung aus.

»Ja, min söten Jo, so nannte ich Dich.«

»Aber als ich aus Berlin kam, da hieß ich nie mehr so.«

»Da hast Du mir so schrecklich imponirt, ich dachte, nun wüßtest Du Alles, weil Du Dein Examen gemacht hattest. Ich war unterdeß auch neun Jahre alt geworden, also ein großes Mädchen.«

»Ja, das ist richtig, mit 21 Jahren war ich Doctor juris. – Mein Gott, wie stolz war meine Mutter an dem Tage auf mich, obgleich sie mich immer mehr als Bruder wie als Kind ansah. Ihr Kind, ihr einziger Sonnenschein war Wolff. Wie glücklich würde sie gewesen sein, hätte sie es noch erlebt, Dich an Wolff's Seite zu sehen.«

»Du hast einen Cultus für Deine Mutter gehabt, Joachim! Wolff sprach selten von ihr, so daß sie mir fremd geblieben ist.«

»Wolff war 15 Jahre alt, als sie starb, und er war, wie alle verzogenen Kinder, viel mit sich beschäftigt. Doch hat er ganz gefühlt, was er an ihr verlor, ich weiß es, denn er brachte ja die folgenden Jahre bei mir in Berlin zu. Er war noch auf dem Gymnasium, der liebenswürdige kleine Faullenzer. Meine Mutter hatte mich für sein Wohl verantwortlich gemacht; Hedwig, nicht wahr, ich habe Wolff sehr glücklich geleitet, ich habe meine Pflicht gethan?«

Hedwig schwieg. Joachim wurde durch ihr Verstummen beunruhigt und fragte von Neuem: »Hedwig, war Wolff nicht sehr glücklich?«

»Ich weiß nicht,« sagte sie beklommen, »ob Menschen seiner Art wahres Glück kennen.«

»Du meinst, Wolff sei nicht glücklich gewesen?« Es war ein so eigenthümliches Zittern in der Stimme des Fragers, daß die Gräfin rasch einlenkte. »Er schrieb Dir doch von seinem Unfalle, ein Jahr nach unserer Hochzeit?«

»Er hatte das Bein gebrochen?«

»Sagte er weiter nichts darüber?«

»Er schrieb ja so wenig und so flüchtig! Man erfuhr nie etwas aus seinen Briefen!«

Die Gräfin lächelte. »Meistens schrieb sein Secretär!«

»Aber der wunderbare Secretär hatte niemals die Güte, die Feder für den armen Verbannten zu ergreifen und ihm Manna in die Wüste zu senden!«

»Nun, die Wüste waren die Tropen mit ihrer ganzen Herrlichkeit, und das Manna sollte aus einer pommerschen Sandbüchse fallen!«

»Ich habe nie verstanden, warum Ihr Hof und Stadt so gänzlich vermieden habt in den ersten und letzten Jahren. Zuerst dachte ich, mein Bruder wäre so eifersüchtig, daß er seine schöne Frau vor allen Blicken verbergen wollte; als das aber vorhielt, war ich mehr und mehr erstaunt. Offen gestanden, ich dachte nicht, daß Du es aushalten würdest, Hedwig.«

»So?« meinte sie. Es war ein so bitterer Ton in diesem ›So‹, daß der Zuhörer wieder von eigenthümlicher Unruhe befallen wurde. Er sprang auf und legte mit großer Kunst einige frische Scheite in den Kamin, die auch sofort lustig knatterten.

»Siehst Du,« sagte er, »so muß man es machen, Luft geben, leicht aufbauen und dabei doch ordentlich und regelmäßig, sonst brennt das Ding nie.«

Sie sah zerstreut in die Gluth:

»Ja, die Menschen meinen, sie bauen so geschickt und kümmern sich nicht darum, welch' edler Baum dort zu Asche verbrennt.«

»Der Baum ist dazu da, zu verbrennen oder zu vermodern.«

»Es kommt nur darauf an, wie bald.«

»Es kommt nur darauf an, für wen.«

»Da man aber das ›Für wen‹ nicht dem Baume überläßt, sondern ihn behandelt wie eine fühllose Sache, so darf man immer annehmen, daß man grausam gegen ihn war.«

Er hatte noch immer in's Feuer gesehen, jetzt wandte er sich rasch um. Marmorne Kälte lag auf ihren Zügen.

»Warum bliebt Ihr denn immer auf dem Lande?« fragte er fast barsch.

»Weil sich Wolff bei dem unglücklichen Sturz den Hüftknochen derartig zerschmettert hatte, daß er ein Krüppel blieb für sein ganzes Leben. Er konnte nie wieder reiten, noch jagen, noch tanzen, noch eine Fußtour machen. Nur bei sehr gutem Wetter konnte er ohne Stock gehen. Es war sehr schwer für ihn, denn er hatte ja eigentlich keine anderen Freuden.«

Sie sprach sehr ruhig und gleichmäßig, in dem wohlklingenden, weichen Tiefton, der so melodisch und so leise klang, wie rieselndes Wasser. Nichts rührte sich an ihr, keine Muskel des Gesichts, kein Finger, nicht einmal die schweren Locken auf ihrer Brust, als athmete sie nicht.

Asmar lehnte sich an den Kaminsims: »Ein Krüppel!« sagte er und starrte mit zusammengezogenen Brauen zu Boden.

Endlich hob er den Kopf. »Und womit unterhielt er sich.«

»Wir spielten Ecarté, Piquet und Domino und Sechsundsechzig, und dann kutschirte er viel, das machte ihm große Freude.«

»Und dann das Kind!«

Ein helles Leuchten ging über der Gräfin Gesicht. »Ja, Sylvia, als Sylvia heranwuchs, da wurde Vieles anders, die gab manche frohe Stunde. Er lehrte sie reiten und konnte stundenlang in der Bahn sitzen, bis sie die ganze hohe Schule, die kühnsten Sprünge ausgeführt und aus des strengen Lehrers Munde ein Lob geerntet.«

»Und Du lehrtest sie die anderen Dinge?«

»Ja, so viel wie möglich. Sie spielt wirklich sehr hübsch, Joachim, nicht dilettantisch.«

Er setzte sich in den kleinen Sessel, den sie vorher eingenommen, und sie ließ sich in den gleiten, vor dem sie eben gestanden.

»Und dann beredete ich Wolff, auf ein paar Jahre nach Berlin zu ziehen, bis Sylvia's Erziehung vollendet und sie verheirathet wäre. So kam ich zum ersten Mal wieder mit Menschen zusammen und konnte Musik machen, während er rauchte und spielte.«

»Euer Salon machte sogar viel Aufsehen, man sprach von ihm in den Zeitungen.«

Die Gräfin lächelte: »Man tadelte ihn viel, weil er allerlei Leute aufnahm, und die Standesunterschiede vergessen wurden. Auch fand Sylvia nicht hier, sondern zu Hause, ihren Mann, den Vetter und Majoratsherrn.«

»Das war auch weitaus das Beste, da Euch der Sohn versagt blieb.«

»Ich habe mir nie einen Sohn gewünscht.«

»Warum nicht?«

»Weil Wolff ihn früh meinem Einfluß entzogen haben würde, um ihn nur zum Soldaten zu machen.«

»Es gab doch eine Zeit, wo ein brillanter Offizier dem schönsten Mädchen unserer Residenz den Hof machte; damals war sein Beruf ihr gut genug.«

»Du hast Dich nicht ganz richtig ausgedrückt, Joachim, er war Denen gut genug, die das Mädchen gern verheirathen wollten, um es aus Serenissimus' Nähe zu bringen.«

Sie sprach sehr langsam und betonte jedes Wort. Er sprang auf und durchwandelte einmal das Zimmer. Dann blieb er dicht vor ihr stehen.

»Und Du selbst? Du wolltest auch nur fort aus dieser gefährlichen Nähe.«

»Ja, ich wollte fort,« sagte sie, ohne aufzusehen.

Er ging an den Schreibtisch und begann im Dunklen die Photographien zu rücken und die Papiere gerade zu legen.

»Warum hast Du –« er vollendete nicht.

»Warum,« sagte sie und wandte den Kopf nach ihm zurück. »Warum bist Du nicht lieber Künstlerin oder Bettlerin geworden, als meinen Bruder zu nehmen, wenn Du ihn nicht liebtest? Das wolltest Du fragen? Soll ich Dir darauf ehrlich Antwort geben? Weißt Du noch den Tag, als Du bei mir anklopftest und in mein Zimmer tratest, gerade als ein Sonnenstrahl durch meine Blumen fiel? Ich stand auf vom Schreibtisch, wo schon Berge von Geschäftsbriefen gehäuft lagen, und wo ich eben einen an Taussig begonnen, um ihn zu fragen, ob er mich für talentvoll genug hielte, eine Künstlercarriére zu wagen.«

Sie hielt inne. Er hatte sich auf den Schreibtischstuhl gesetzt. Sie stand auf, kam zu ihm heran und erfaßte mit der einen Hand die Staffelei.

»Weißt Du noch,« fuhr sie fort, »wie Du mich niederzwangst an meinen Schreibtisch und mir sagtest, Wolff liebe mich bis zur Raserei, er werde sich eine Kugel vor den Kopf schießen, wenn ich ihm nicht mein Jawort gäbe? Und wie ich zögerte, nahmst Du mich bei den Händen, als wolltest Du mich zerbrechen, und sagtest, das Leben Deines Bruders läge in meiner Hand, Du habest Deiner Mutter versprochen, für ihn zu sorgen, wie für Dein eigen Kind.«

»Ich weiß nicht mehr, was ich in jener Stunde großer Seelenqual gesagt habe. Ich dachte, Du liebtest ihn, wie er Dich,« murmelte Asmar.

»Aber Du irrtest Dich, Dein Bruder war oft verliebt, vorher und nachher, und seine große Bitterniß, ein Krüppel zu sein, entsprang hauptsächlich aus der Erinnerung an seine Triumphe.«

»Er war verbittert?«

»Nun,« sagte sie, und ihre Stimme wurde wieder ganz sanft, »womit hätte er sein Schicksal tragen können? Er hatte keine Erziehung, keine Bildung, Kunst und Wissenschaft waren ihm fremd; das Leben mußte für ihn sehr schwer und sehr drückend sein, und ich war gerade nicht die Frau, die es ihm leicht machen konnte. Wir stimmten in Nichts überein.«

»Ich konnte freilich nicht wissen,« entgegnete Asmar bitter, »daß es so unglücklich enden würde, und daß Du mit einer unmöglichen und verbotenen Liebe so bleich und still zum Altar gingst, einen Meineid zu schwören!«

»Einer verbotenen Liebe, was meinst Du denn?«

»Hast Du mir nicht eben gesagt, daß Du fort wolltest, wegen Serenissimus? Du wolltest vor Deinem Herzen fliehen?«

»Das wollte ich, aber nicht so, wie Du es meinst! O, Joachim, wie wenig ergründet Ihr Männer ein Mädchenherz! Man muß Euch Alles ganz deutlich sagen und wird doch nicht verstanden! Ich hätte Dich gern auf den Knieen angefleht: ich will lieber sterben, als in die Ehe treten. Aber Du warst immer mein Orakel, und ich hatte niemals Nein sagen gelernt. An demselben Morgen hatte mir meine Prinzessin eine furchtbare Scene gemacht, mich eine kalte Kokette genannt, eine herzlose Sirene, die alle Männer um mich her mit meinem Spiel und meinen Blicken in Tod und Verderben lockte! O! es war furchtbar!«

Sie strich leise mit den weißen Fingern über ihr Gesicht und faltete sie fest ineinander. »Ich hatte Niemand, der mir einen Rath geben konnte, nur Dich allein. Was ich an Wolff hatte, das sah ich, als ich ihm andeutete, wir müßten den Hof verlassen. Ich habe von der Stunde an mein Herz nie wieder gegen ihn geöffnet.« Sie ließ die Arme sinken mit einer so trostlosen Geberde, daß Asmar den Kopf wegwandte, um sie nicht zu sehen.

»Du glaubst wohl, meine Stellung bei Hof sei leicht gewesen und angenehm?« fuhr sie in ruhigerem Tone fort. »Im Dienst vom frühen Morgen bis zum späten Abend, den Blicken immer ausgesetzt, denen ich mich so gern entzogen hätte, beneidet, verfolgt, beargwöhnt, verleumdet! Ich dachte oft: wäre ich doch häßlich wie die Nacht und spielte wie ein Schulmädchen, daß die Leute dabei schwätzen und lachen könnten! Aber wenn ich spielte, vergaß ich die ganze Welt; ich konnte nicht klimpern, und wenn mein Spiel mich auf's Schaffot gebracht hätte. Und dann, wenn ich aufsah, stand er da und sah mich an mit brennenden Augen, und die Prinzessin wurde bleich und roth und weinte vor Wuth und Eifersucht. Du aber sagtest zu mir, ich wäre so reich und glücklich in mir, daß ich ein ganzes Vermögen verschenken könnte, ohne arm zu werden. Und meine Schätze wurden alle zu eitel Sand, wie im Märchen, weil Niemand sie zu heben verstand!«

»Ich wünschte, wir hätten all' das nicht berührt,« stöhnte er, »ich hatte solch ein beseligendes Bild Eures Lebens in meinem Herzen, ich war froh, Dich noch einmal gesehen zu haben, und wollte nun heim, sterben! Siehst Du, Hedwig,« und seine Stimme wurde wieder barsch, »Du sprichst von Dir, von Deinem Leid, aber warum konntest Du es nicht vergessen über dem Seinen? Dir brach das Herz um Dich, anstatt um ihn! Du sagst, er hatte keine Erziehung, keine Bildung. Ja, was nennst Du denn so? Er war ein Weltmann, er verstand alle Sports der Reichen, er konnte nicht Musik beurtheilen oder ein Kunstwerk kritisiren, aber er war ein kühner Offizier, ein intelligenter Junge und ein Herz von Gold!«

Die Gräfin saß starr da, keine Bitterkeit lag auf ihren Zügen, nur ein schmerzliches Entsetzen. So wurde sie beurtheilt, so, und von ihm! Sie konnte doch nicht ihre eigene Sache vertheidigen, sie konnte sich doch nicht loben, nicht die hundert Freuden aufzählen, die sie für den mißmuthigen Gatten ersonnen, die Reisen an alle Enden Europa's, auf denen sie seine Launen ertragen und nur auf seine Zerstreuung bedacht gewesen, nein, sie durfte nicht einmal andeuten, wie sein Leiden ihn schließlich so verbittert hatte, daß er ihr ihre eigene Gesundheit vorwarf. Joachim hatte ihn nur im Sonnenschein der Jugend gekannt, nur gekannt, wie ein blind liebender Bruder, der das Einzige vergöttert, was ihm von Familie auf Erden übrig geblieben. Sie hatte sehr Unrecht gethan, auch nur so viel zu äußern; warum hatte sie aufgewühlt, was sie ihr Leben lang begraben, was die eigene Tochter nicht geahnt;  – denn sie hatte verstanden, ihr den Vater als ein Ideal hinzustellen!

»Und warum kamest Du nie zurück, da Du ihn so sehr liebtest?« stieß sie endlich heraus.

»Ich kam nicht, weil er es nicht wünschte. Doch wozu all' das, Hedwig? Wie sind wir nur auf die alten Geschichten gekommen? Bis zum letzten Abend hatte ich sie glücklich vermieden, nun mußte es mich doch noch packen.«

»Verzeih',« sagte sie kalt, »ich war daran schuld, wie sehr Unrecht ich that, habe ich allerdings nicht vorher wissen können.«

Sie blieben beide einen Augenblick still, dann stand Joachim auf. Hedwig schlug plötzlich das Herz zum Zerspringen, sie glaubte, er wollte seinen Hut nehmen und fortgehen, und ihr würden für Lebenszeit all' diese Berge von Kummer und Mißverständniß auf der Seele bleiben! Aber nein, er trat nur an die Pflanzen heran und sagte, indem er ein Palmenblatt berührte, mit veränderter Stimme:

»Mich ergreifen diese künstlich gezogenen Palmen immer wehmüthiglich, seitdem ich in ihrer Heimat weilte; ich muß ihnen dort so erscheinen, wie sie mir hier.«

»Und doch hast Du die Fremde lieb, also warum meine Palme bedauern?«

»Ja, ich habe sie sehr lieb, denn ich bin dort nur ganz ich, und das thut ja Jedem wohl; Du sitzest auch am liebsten am Clavier. In Singapore bin ich ganz Egoist, ganz Einsiedler und Junggeselle. Hier in Europa ist kein Mensch etwas ganz, man giebt sich nicht das Recht dazu.«

»Und hast Du Dich nie nach der Heimat gesehnt?«

»Ich hatte ja keine Heimat. Auf Ritholm war ich immer nur geduldet, so lange mein Stiefvater lebte, nachher regierte dort Wolff's Vormund. Geboren wurde ich in Pasewalk, wo mein Vater damals in Garnison stand; als er starb, war ich erst zwei Jahre alt. Meine Mutter ging dann zurück nach Mecklenburg, als sie wieder heirathete, kam ich in Pension, erst in Schwerin, dann nach Berlin. Das ist alles wenig interessant! Verzeih', aber alte Männer werden geschwätzig.«

»Hast Du immer nur gearbeitet, nie gerastet?«

»O, ich war nie besonders fleißig, ich habe viel ›gerastet‹, wie Du es nennst. Doch nicht zuviel; mich trieb das Bewußtsein, vom Vater nur ein kleines Capital ererbt zu haben, vorwärts.«

»Du wolltest reich werden?«

»Nein, ich sparte, so viel ich konnte, von meinen Zinsen, um einmal ein Mädchen, das ich liebte, standesgemäß erhalten zu können.«

Hedwig's Herz stand einen Augenblick still, dann sagte sie in kühlem Unterhaltungston, aber wie eine Antwort auf ihr eigenes Erstaunen: »Natürlich, Du hast ja auch einen Roman haben müssen, daran hatte ich nur noch nie gedacht. War es eine Japanerin, Javanerin oder Australnegerin?«

Er beobachtete sie jetzt höchlich amüsirt. »Aber, Hedwig, damals war ich ja noch in Europa. Du scheinst wenig Interesse an meinen Geständnissen zu nehmen?«

»Vielleicht war die Dame nicht interessant,« entgegnete sie kalt. »Und sie war arm? Vielleicht aus dem Volke? Du wolltest sie Dir erziehen? Sehr hochherzige Männer haben öfters solche Marotten.«

Joachim's Augen ruhten wehmüthig auf ihr. »Nein, sie war nicht aus dem Volke,« sagte er, »eigentlich ist mein Roman sehr interessant.«

»So erzähle ihn mir doch.«

»Aber dazu muß ich von mir sprechen, und das habe ich verlernt; ich finde es auch gegen den guten Ton. Wer weiß außerdem, ob das Mädchen mir verzeiht, wenn ich von ihm rede.«

»Lebt sie noch?«

»Ich denke. Doch gieb Dir keine Mühe zu ra­then, wer es ist, Du hast sie nie gekannt. Oft hatte ich sie schon gesehen, ehe ich merkte, daß ich sie liebte. Es war wirklich eigen! Doch ich muß noch weiter ausholen. Weißt Du, daß ich einmal sehr unglücklich war, aber sehr, so daß ich mich mit dreizehn Jahren vergiften wollte? Nein? Das glaubst Du nicht? Ich thäte es auch nicht an Deiner Stelle! Du erwähntest vorhin, ich hätte einen Cultus für meine Mutter gehabt. Ja! Und eine eifersüchtige Liebe dazu. Als sie Wolff's Vater heirathete, den alten Ritholm, da brach mir mein Kinderherz. Ein Herz kann nämlich öfters brechen, und wenn man stirbt und sich seciren läßt, ist es doch noch heil. Aber, o Gott, wie ist ein Kinderschmerz furchtbar! Einmal in den großen Ferien war ich also zu Hause, d. h. auf Ritholm. Wolff's Vater machte kein Hehl daraus, daß er mir nicht gewogen, und mir wurde zum ersten Mal klar, daß meine Mutter den kleinen Wolff unendlich liebte, viel mehr als mich. Es war eine kleine Scene, – nein, ich kann sie Dir selbst jetzt, nach all' den Jahren nicht wiederholen, darauf nahm ich eine Schachtel Streichhölzer und ging auf den Boden des Wirthschaftsge­bäudes. Ich steckte die Köpfe der Hölzer in ein Glas Wasser, das ich mir auch vorsichtig geholt, trank es aus und legte mich dann in das Stroh. Während ich auf den Tod wartete, dachte ich aber nach über mein sündhaftes Vorhaben, und eine solche Reue überkam mich, daß ich zu mei­ner Mutter stürzte, ihr Alles sagte und sie bat, mir meinen Tod zu verzeihen. Aber mein Tod kam nicht! Und damals sagte mir meine Mutter zum ersten Mal, daß ich leben müßte, um mei­nem Bruder Schutz und Stütze zu sein, weil sein Vater alt und sie zart und schwach wäre. Von dem Tage an begriff ich, daß ich Wolff unendlich lieben müßte, um ihn nicht zu hassen. Und ich habe ihn unendlich geliebt.« Joachim hielt an. »Doch verzeih ', Hedwig, jetzt möchte ich eine der Tassen Thee trinken, die dort seit einer Stun­de eingeschenkt stehen; da Du sie mir nicht anbietest, werde ich sie mir nehmen.«

Er ging mit seinen kurzen, raschen Schritten an den Theetisch, holte eine Tasse, die er Hedwig anbot. Sie schüttelte aber das Haupt und sagte nur:

»Und Dein Roman?«

»Erst werde ich noch eines dieser Biscuits kosten, Sprechen macht hungrig, besonders, wenn man es nicht gewohnt ist.«

Hedwig schwieg, alles Conventionelle war in diesem Augenblicke von ihr abgestreift, sie dachte nur an ihn und saß traumversunken, regungslos da. Er trank langsam die kleine Tasse aus, sah dann das Bildchen auf ihr an, flüsterte: ›Niedlich,‹ trug die Tasse zurück, bezwang eine Bewegung nach seiner Cigarrettentasche und nahm dann wieder den kleinen Sessel ein.

»Das hätte ich vor dreißig Jahren allerdings nicht gedacht, daß ich Dir heute meinen Roman erzählen würde,« sprach er so vor sich hin. »Doch sage mir erst, ich wollte vorhin nichts hören, weil ich glaubte, es nicht ertragen zu können, sage mir einmal so die Essenz Deiner Kindheit. Warst Du glücklich oder unglücklich, lebtest Du gern zu Hause, oder warst Du lieber in der Pension? Vor dreißig Jahren warst Du in Altenburg in Pension, wenn ich nicht irre?«

»Ich mag jetzt nicht sprechen,« sagte sie traurig, »Du entziehst Dich mir sonst wieder, Du hast schon Lust dazu, Dir ist es leid, mir Dein Visir geöffnet zu haben. Du meinst, es nutzt nichts? Aber es schadet doch auch nichts? Und ist es Dir wirklich nichts werth, daß ein Mensch auf Erden einmal Dein Vertrauen besessen hat?«

»Vielleicht ist Euch Frauen das Aussprechen ein Naturbedürfniß, uns Männern nicht.«

»Wenn es ein Naturbedürfniß ist, so bin ich mein ganzes Leben in der Unnatur verblieben. Es hat mich Keiner gefragt, Niemand schien sich dafür zu interessiren. Künstlerisch schwärmten sie wohl für mich, und was ich ihnen in Tönen sagte, glaubten sie zu verstehen, und sie verstanden doch immer nur sich selber. Die Menschen sind so naiv egoistisch.«

»Nicht alle.«

»Siehst Du, Joachim, wir Frauen sehen nicht die Welt, wie sie ist, sondern die Welt, wie man sie uns zeigt. Wir leben fast ausschließlich in die starke Feste des eigenen Hauses eingeschlossen, der Herd ist unsere Welt, und wenn der kalt geblieben –«

»Aber an Euch ist es, ihn zu erwärmen.«

»O, Joachim! Es ist noch nie ein Funken allein, von selber in der Welt entstanden! Es gehören immer Zwei dazu!«

Er lachte rauh: »Du willst mir doch nicht sagen, daß Wolff kalt war, nachdem ich sein Feuer gekannt, seine verzehrende Leidenschaft für Dich. Er war wild, leichtsinnig, übermüthig, aber kalt – nur kalt war er nicht.«

»Du hast ihn als halbes Kind gekannt und mich gar nicht, sonst wärest Du nie auf die unglückliche Idee gekommen, daß zwischen uns sich der Funken entzünden würde, der die ewige Flamme bilden könnte.«

»Dann warst Du wirklich nur eine kalte Kokette, denn Du ließest Dir den Hof machen, Du warst freundlich gegen ihn, Du hörtest ihm gerne zu und freutest Dich, wenn er so schön zu Pferde saß.«

»Ja, gerade wie ich mich über meinen Bruder gefreut hätte; ich sah ihn stets mit schwesterlichen Augen an.«

»Das nennen Frauen schwesterliche Augen! Ihr Unbegreiflichen!«

»Desto schlimmer für uns, wenn wir es sind; wir sind Diejenigen, welche allein zu leiden haben, weil wir nicht verstanden werden.«

»Vielleicht ist es der weibliche Egoismus, der sie verhindert, zu sehen, wenn sie leiden machen.«

Ein unmerkliches Zittern ging durch ihre Lippen. »Ich glaube, so gut das Glück macht, so schlecht macht das Unglück. Wenn man ein großes Leiden trägt, wird man wirklich egoistischer und kälter gegen die Anderen, die vielleicht Trost und Hülfe von uns erwartet hätten.«

»Aber Wolff's Frau sollte doch nicht ein so großes Leiden zu tragen haben! Er war kein roher Geselle. Mein Gott, Du warst viel zu glänzend erzogen für seine einfache Natur, aber er liebte Dich doch und war so gut und ehrlich und treu!«

Thränen feuchteten einen Augenblick Asmar's Augen. Die Gräfin sagte mit eisiger Ruhe:

»Du bedenkst nicht, was dem vorherging, daß ich Wolff's Frau wurde.«

»Ich weiß es nicht und will es auch nicht wissen,« entgegnete er, ihr den Rücken kehrend, »es möchte mir sonst gehen, wie dem Reiter mit dem Bodensee.«

Er sprang auf und durchmaß das Zimmer wieder bis zu den Palmen.

»Ich bin tapferer als Du,« nahm sie nach einem kurzen Schweigen wieder auf, »ich möchte Deiner Jugendgeschichte in's Gesicht sehen, ohne mich in Stein zu verwandeln oder todt niederzusinken.«

»Wieder echt weiblich!« meinte er und kam mit gezwungenem Lächeln näher, aber auf seinem Gesicht lag noch ein fahler Schein, als wäre er einer Todesgefahr entronnen.

»Zuerst spielt die schöne Hand mit einem Stilet, droht, uns die Augen auszustechen, und sagt dann mit der weichsten Kinderstimme: Erzähle mir eine Geschichte. Und die Geschichte muß vor Allem rührsam sein, damit das kalte Herzchen den angenehmen Kitzel einer heraufsteigenden Thräne fühle. O, Hedwig, weißt Du noch, wie ich Dich einmal, als Du Kind warst, schelten mußte, und wie Du weintest, meine Hand nahmst und sie küßtest, ehe ich wußte, was Du thun wolltest. Und dann fand ich einen Strauß schöner Blumen in meinem Zimmer, so geschmackvoll, daß nur Du ihn gebunden haben konntest. So sind die Weiber, und wir armen Thoren lassen uns die Blumen gefallen und finden uns sehr groß. Aber das merken wir nicht, daß wir einen Ring in der Nase haben und an einem seidenen Faden geführt werden!«

»Also auch das nahmst Du für kalte Koketterie?«

»Nein, damals nicht, das habe ich seitdem eingesehen.«

»Dort bei den Malayen? Weißt Du, Joachim, Du kommst mir gerade vor, wie ein junger Maler, dem ein Meister gesagt, es fehlte ihm an Farbensinn, und der Nächte lang darüber nachdachte, worin wohl Farbe bestünde. Ich rieth ihm, vor Allem nicht bei Nacht darüber nachzudenken, sondern bei Tag durch die Wiesen zu gehen und die Blumen anzusehen. Du hast meine häßlichen Fehler entdeckt, als Du mich nicht sahst und vergessen hattest.«

»Mir fiel Deine Mutter ein. Man sollte ein Mädchen stets nach der Mutter beurtheilen.«

»Aber ich soll meinem Vater gleichen, auf ein Haar; Du weißt ja überhaupt gar nicht, wie ich mit meiner Mutter gestanden, ich war viel zu stolz, um irgend Jemand ein Wort darüber zu sagen, es war doch meine Mutter!«

»Durchschautest Du denn ihre Pläne?«

»Was für Pläne?«

»Ich habe mich falsch ausgedrückt, Deine sorgfältige Erziehung entsprang wohl mehr aus selbstsüchtigen und interessirten Motiven, das magst Du gefühlt haben.«

»Sie wollte, ich sollte glänzen, um jeden Preis. Wäre ich nicht musikalisch gewesen, sie hätte mich an's Clavier festgebunden, damit ich dennoch vollendet spielen lernte. Sie hat mich gedrillt, nicht erzogen, denn von einem Seelenverkehr oder Gedankenaustausch war nie die Rede, ihre Rathschläge bezogen sich immer nur auf die Welt, wie man es machen müßte, um zu Glanz und Ehren zu gelangen. Und gerade an jenem Tage, wo Du mich ausschaltest, sagtest Du von Allem das Gegentheil von dem, was meine Mutter sagte; ich fühlte, daß Du Recht hattest, Deine Worte erinnerten mich an meinen ewig betrauerten Vater; was in meiner Seele schlummerte und tief eingeschlossen war, das wecktest Du. Darum küßte ich Deine Hand und schwieg still, Du solltest nur mehr sagen, ich dachte, ich könnte Dein Schüler werden.«

Ein heftiger Windstoß rüttelte am Doppelfenster und sauste durch den Kamin, so daß Kohlenfunken rings auf den Teppich sprühten! Asmar bückte sich, um alle die kleinen Kohlen auszulöschen.

»Siehst Du,« sagte er, »wie gefährlich! Diese Kamine passen nicht für ein solches Klima, aber der Mensch muß immer Alles nachmachen, ob es paßt oder nicht.«

Die Gräfin lächelte. »Wenn man nie etwas nachmachen würde, so wäre man noch chinesisch oder japanisch.«

»Dieses ›noch‹ ist köstlich, auf die Chinesen und ihre hohe Cultur angewendet.«

»Ja, wir Europäer haben nun einmal nicht mehr das Glück, Gnade vor Deinen Augen zu finden! Ich fange an zu glauben, daß Dein Roman, die ›Sie‹ in Deinem Leben, einen Schatten auf uns alle geworfen hat, weil Du eine so entsetzlich schlechte Meinung vom weiblichen Geschlecht überhaupt und von den Europäerinnen insbesondere hast!«

»Die Frauen dort drüben hätten viel Anziehendes für einen Menschen, der die Aufrichtigkeit und Wahrheit liebt.«

»Besonders die Chinesinnen mit ihrem verkrüppelten Fußsystem scheinen mir ein Typus für Naturwahrheit.«

»Ehrlich gestanden, Hedwig,« entgegnete er lächelnd, »habe ich von den Eingeborenen der Länder, in denen ich Consul war, nicht viel mehr gesehen als Du. Sidney z. B. ist fast eine europäische Stadt, Singapore – doch ich habe bemerkt, daß Du wenig geographisches und ethnographisches Interesse hast, sonst hätte ich Dir ja eins meiner Bücher zu Füßen zu legen gewagt. Dir ist die Seele, die in den Tönen ruht oder aus den Augen blitzt, das allein interessante Studium.«

»Ich verdiene Deinen Hohn nicht, nehme ihn aber gern hin als ein Zeichen Deiner guten Laune.«

»Meine gute Laune wird aber gleich wieder schwinden, wenn ich auf die Uhr sehe; es ist sicher über elf, und seit 25 Jahren bin ich nie später als um elf zur Ruhe gegangen.«

»Aber Joachim,« wollte Hedwig ernsthaft einwenden, als sie ein schelmisches Lächeln in seinen Augen bemerkte. »Natürlich um elf Uhr, aber siehst Du, die Zeit hier ist ja eine andere, wenn es drüben 11 Uhr ist, gestatte ich Dir, Dich zurückzuziehen.«

»Du glaubst, die Berechnung fällt mir so schwer?« Er zog ein zierliches Notizbuch heraus; jeder Gegenstand, den er in Gebrauch hatte, war von überraschendem Geschmack, nichts Dutzendwaare, Alles hatte ein besonderes Gepräge. Man konnte ihn, so zu sagen, an jedem seiner Gegenstände erkennen.

Hedwig stand etwas schneller auf, als sonst ihre Art war, und ergriff das Büchlein, aus dem er noch nicht den Bleistift gezogen hatte. »Das wird confiscirt,« sagte sie und wurde plötzlich dunkelroth. Sie war in ihrem Eifer so nahe an ihn herangetreten, daß sein Athem sie gestreift hatte, sein eigenthümlich süßduftender Athem, der ihr so eine Fülle von Erinnerung brachte, daß sie fast schwankte. Ja, diesen merkwürdigen Duft, sie hatte ihn ganz vergessen; wie war das nur möglich, ein so charakteristisches Merkmal! Ihr war urplötzlich, als säße sie auf seinem Schoße in dem Laubengang von Ritholm, wo er sie ausgelacht, als sie ihn geküßt, und er ihr versichert hatte, nun würde sie auch einen Bart bekommen. Sie war kaum fünf Jahre alt gewesen. Und auf der Heimfahrt hatte sie der Mutter nichts von ihrer Sorge anvertraut, aber lange nachher jeden Morgen in den Spiegel geschaut, sich beim Waschen die kleine Oberlippe roth gerieben, um keinen Bart zu bekommen. Vierzig Jahre schienen ausgelöscht durch diesen leisen Duft. Nein, dieselben waren nicht ausgelöscht, sie hatte sich ja ruhig in ihren Sessel gesetzt, ihre Gedanken hatten an ihrem gewohnten Aussehen nichts geändert, sie saß da, eine freundlich lächelnde Matrone, deren Frauengestalt schwarzer Seidenstoff umfloß und deren Haupt wittwenhaft mit schwarzer Spitze verhängt war. Und er? Sie blickte zu ihm herüber. Er war zurückgesunken in den Lehnstuhl und sah plötzlich so alt aus. Warum nur? War die Jugend von ihm gefallen in dem Augenblicke, da sie deren Hauch wieder gespürt? Woher hatte er nur diesen süßduftenden Athem? War es der Odem seiner reinen Seele?

»Ich finde, auf die Dauer ist diese halbe Beleuchtung angreifend,« sagte sie; sie wollte sehen, warum er ihr plötzlich so alt erschien. »Willst Du selbst mir eine der Lampen aus dem Salon herholen, oder soll ich klingeln?«

»Das Beste wäre wohl, ich überließe Dich der Ruhe und suchte sie selbst auf –« entgegnete er, »aber wie Du willst.«

Er brachte eine der Lampen in's Boudoir und setzte sie auf den Kaminsims vor den halb verhängten Spiegel. Hedwig war auch aufgestanden und riß den Lampenschirm herunter, so daß Joachim sie verwundert ansah. Er äußerte aber nichts, sondern nahm wieder seinen Platz ein; dann sagte er:

»Ja, es ist besser, das helle Licht, wenn man von Jugendzeiten spricht; man könnte sich sonst einreden, man wäre noch jung.« Er schwieg.

»Du vergißt, daß Du mir noch Deinen Roman schuldig bist,« entgegnete sie.

Er zog seine Uhr heraus. »Bewilligst Du mir noch eine Stunde, so werde auch ich Dir noch eine bewilligen.«

»Also noch zwei im Ganzen.«

»Hedwig, ich habe immer große Achtung vor Wolff's Frau gehabt; Du wirst mir dann, kurz ehe ich fortgehe, – ich traue Dir wirklich zu, daß Du die Wahrheit sagst, – eingestehen, ob Du den Prinzen geliebt; ich werde dann auch nicht mehr fragen; aber siehst Du, mit dem häßlichen Schatten, den Du in meine Seele auf das Bild von meines Wolff's Frau geworfen, mit dem will ich nicht sterben. Es wäre doch zu bitter, sollte man sich so geirrt haben sein ganzes Leben. Es ist schon so bitter genug; ich wünschte, ich wäre nicht zurückgekommen, dann lebte ich in dem Wahn, Wolff hätte ein Paradies auf Erden gehabt.«

»Und steht die Wahrheit nicht immer höher?«

»Wenn wir darüber streiten, sind wir morgen früh noch nicht weiter. Was heute Wahrheit, ist morgen Lüge und übermorgen Trug, und den vierten Tag Verrath und den fünften Tag ein überwundenes Vorurtheil.«

»O, ich sprach nicht von einer allgemeinen Wahrheit, von dieser speciellen,« sagte sie traurig.

»Mein Lebelang habe ich die Wahrheit als das Höchste geschätzt auf Erden, das klingt so trivial wie alle großen Phrasen, aber praktisch, auf das kleine Leben angewendet, ist es nicht alltäglich. Nur die Gerechtigkeit stellte ich noch höher, und darum habe ich gewiß öfter als andere Männer ungerecht gehandelt.«

Sie schwieg, und er erwartete auch keine Antwort; denn was er sagte, schien mehr ihm selbst als ihr zu gelten. Ihr war, als sollte sie sich ganz in die Ecke des Zimmers verkriechen, um ihn nicht zu stören in dem lauten Denken.

»Diese unglückselige Eigenschaft aller Deutschen, ewig zu prüfen, welchen Motiven ihre Handlungen entspringen, hatte mich schon früh gepackt. Ich hatte daher immer in mir so viel zu denken gefunden, daß ich selten aus mir hinausging; darum wohl war mir nachher die Fremde sympathisch, nachher, nach der kurzen Zeit, die ich wirklich gelebt, d. h. geliebt. Wie »Sie« war, willst Du wissen? Sie war liebreizend, sie war ein unbewußtes Genie, – und sie warf alle ihre göttlichen Eigenschaften hin, nur um hoch zu steigen auf der Leiter, die menschliche Eitelkeit errichtet. Anstatt Gottes Werke, Feld und Wald, zu studiren, lernte sie die Formen der Menschen auswendig und versenkte sich in die Abstufungen ihrer Laster; nein, nein, sie wäre nicht für mich gewesen, und ich nicht für sie! Wie es Alles kam, willst Du gewiß wissen, denn dies war noch kein Roman, ein Roman muß spannen, soll er den Namen verdienen.«

»Also ich, der Held, ging eines Abends, es war hier in Berlin, und ich bin neulich wieder auf denselben Platz gegangen, in's Schauspielhaus. Kennst Du die Parquetlogen? Ich weiß nicht, ob es Stil ist, in sie zu gehen; ich ging aber gerne hin, weil ich von dort sah, ohne gesehen zu werden. Und was ich sah, war eine aufgeblühte Knospe. Es war vielleicht gar nicht so wunderbar, wie es mir vorkam. Knospen blühen auf und werden merkwürdig schöne Blumen, und die Knospen hat man oft betrachtet und sie vielleicht vor rauher Hand geschützt, aber nach der erblühten Blume streckt man selber die Hand aus und will sie besitzen und meint, das ganze Leben sei werthlos ohne diese Blume.« Er hielt inne.

»Also Du hattest sie schon früher gekannt?« brachte die Gräfin mühsam hervor.

»Ich, ich hatte sie früher gekannt; aber an dem Abende war mir's, als sähe ich sie zum ersten Mal. Es war wie eine Offenbarung. Von der Stunde an faßte ich den Plan, mir ein Einkommen zu schaffen, um heirathen zu können und die Perle zu besitzen.«

»Darum wähltest Du die Consulats-Carriére? Das war zu damaliger Zeit!« die Stimme der Gräfin klang ganz heiser.

»Ich berauschte mich in ihrer Nähe, ich war so selig, als wäre ich von Himmelsmusik beständig umfluthet. Nun, ich brauche nicht die ganze Tonleiter der Leidenschaft vor Dir durchzuspielen. Du mußt sie ja kennen!«

»Ja, ich kenne –« flüsterte sie.

Er schwieg und sah sie lange an, als wollte er das Räthsel ergründen, als wollte er selbst entziffern, was er zu hören fürchtete.

»Also,« sagte er endlich, »so ist es dennoch wahr, Du hast den Anderen im Herzen gehabt, tief, tief im Herzen, und mein armer Bruder konnte ihn nicht verdrängen!«

»Nicht lebend und nicht todt, Gott verzeih' mir's!« sagte die Gräfin. »Aber Joachim, Du bist ja Deiner Liebe auch treu geblieben, was wirfst Du's mir denn vor?«

»Nein, Hedwig, ich bin ihr nicht treu geblieben, denn Treue gegen sie wäre Untreue gegen einen Anderen gewesen; ich habe nicht einmal meinen Gedanken in den langen, qualvollen Nächten meiner Einsamkeit erlaubt, sie zu umfangen, weil ich ehrlich sein wollte bis in den Grund meiner Seele; ich habe nie eine Andere geliebt, aber ich habe auch sie nicht mehr geliebt, ja ich wäre im Stande, jetzt vor sie hinzutreten und ihr meine kühle Freundschaft anzubieten. Aber das ist eben jetzt; damals mußte ich die Meere zwischen uns legen.«

»War sie Deiner denn unwürdig, daß Du sie nicht zu Deiner Frau nehmen konntest?«

»O, so einfach ist die Geschichte nicht,« sagte er mit einem Anfluge von Lächeln, »ich habe Dich ja um eine Stunde Gehör gebeten. Sie war eine Künstlerin, sagen wir eine Sängerin, und hatte ein Engagement angenommen, obwohl ich allen meinen Einfluß angewendet, daß sie sich nicht band. Meine Liebe war nicht vermindert dadurch, daß sie mir nicht folgte; vielleicht hatten die Ihren sie dazu veranlaßt. Der erste Abschied aber, den sie in Folge dessen von uns nahm, war mir von trostloser Vorbedeutung. Doch die Jugend ist hoffnungsreich.«

»Wart Ihr schon so zu sagen verlobt?« stieß die Gräfin heraus, »verlobt, während Du Dich frei geberdetest und vielleicht bei Anderen den Glauben erwecktest, Du liebtest sie?«

»Bei welchen Anderen?«

»O,« sagte sie abbrechend, »ich habe einmal von einer Frau gehört, sie hätte Jahre lang geglaubt, Du könntest ein wenig Interesse an ihr haben.«

»So, das hat sie also dennoch gefühlt,« sagte er gedankenvoll. »Nein, wir waren nicht verlobt; ich scheute mich davor, ihre Jugend zu binden, und segnete schließlich, wenn ich so grübelnd dasaß am Meer – ich war zunächst als Consulatsverweser nach Triest gesandt, als ich die diplomatische Carriére aufgegeben – also ich segnete schließlich ihr Engagement, welches sie mit vielen bedeutenden Menschen in Beziehung brachte. Ich hatte doch einmal, als ich abreiste, in ihrem Auge die Liebe gelesen, wir arroganten Männer täuschen uns so oft; aber dieser Blick, den sie mir nachsandte, wie ich die Treppe hinabstieg und mich noch einmal nach ihr umschaute, dieser Blick gab mir die volle Seelenruhe. Man beurtheilt ja immer die Menschen nach sich; darum glaubte ich, nur Einem Manne kann sie so nachblicken, und in diesem Bewußtsein blieb ich die sechs Monate dort. Darauf wurde ich zum Viceconsul ernannt und konnte nun kommen, um sie zu werben. Sie hatte unterdeß auch ein heirathsfähiges Alter erreicht, kurz, ich machte die seligste Fahrt durch, die je ein Mann zwischen Triest und Berlin durchgemacht.« Er hielt an. »Ich langweile Dich wohl?« sagte er.

Hedwig sah ihn gespannt an. »Und als Du kamst, war sie todt oder untreu oder was, sprich doch, was?«

»Nur gemach! Ich bin jetzt älter und an längere Reisen gewöhnt; trotz meiner Seligkeit schien mir die Fahrt damals lang.«

»In Berlin fand ich – fand ich einen Freund am Bahnhof, der mir bis dahin entgegen gekommen, weil er mir etwas mitzutheilen hätte, – von meinem Lieb.«

Er schwieg und stand auf, ging im Zimmer auf und ab und trat dann an's Fenster.

»Großer Gott, was war das für ein Abend. Er hatte Schulden gemacht, sich in die böseste Gesellschaft gestürzt und drohte nun sich umzubringen; und Alles, weil mein Lieb auch sein Lieb war, er aber nicht wagte, um sie anzuhalten, da er meine Leidenschaft kannte, obgleich sie seine Liebe erwiderte. Da ging ich hin und warb um sie für ihn.«

»Du warst ja stets zum Brautwerber auserlesen,« unterbrach sie mit harter Stimme, »und Du hattest dort, wo Du liebtest, denselben glänzenden Erfolg wie bei mir?«

»Genau denselben!« sagte er traurig.

»Dann hatte sie Dich nie geliebt,« meinte die Gräfin.

»Natürlich nicht, das war ja das Traurigste. Noch während ich mit ihr sprach, zitterte mir das Herz mit der leisen Hoffnung, sie würde Nein sagen – der Mensch ist sehr egoistisch, wie Du vorhin sagtest – ich würde noch einmal den Blick, das Strahlen ihres Auges sehen, von dem ich Monate gezehrt, aber nein, nur kalt, grausam und fast spöttisch maß sie mich. Als sie mir das Ja für den Anderen gegeben, da schlich ich durch all' die Gänge und Treppen hinab, über die Straße, auf mein Zimmer und fiel ohnmächtig nieder. – Doch nun wollen wir von angenehmen Sachen sprechen,« meinte er mit klangloser Stimme und fuhr mit der Hand über die Stirn. »Ich habe Dir doch keinen richtigen Roman erzählen können, ich bin zu phantasielos, und großes Unglück ist immer so einfach.«

Sie schien ihn nicht gehört zu haben, denn sie sagte wie in tiefen Gedanken:

»Du kannst ihr aber sehr Unrecht gethan haben, ich kann es beurtheilen, vielleicht liebte sie Dich auch und glaubte sich nur von Dir verrathen.«

»Nein, Hedwig, Frauen sind sehr feinfühlig in diesen Beziehungen; sie hat genau gewußt, daß ich sie gern hatte, sie aber hing weder an mir, noch an ihrem Manne, sondern an einem Dritten, scheint's; das wußte ich nur damals nicht.«

»Großer Gott,« stöhnte Hedwig, dann sah sie wie verwirrt um sich, aber Joachim sprach weiter, als wäre sie nicht im Zimmer.

»Nun kam die schlimmste Zeit, wo ich mich entwöhnen mußte, mit jedem Gefühl, jedem Gedanken an sie anzuknüpfen; hätte ich wenigstens noch in meinen Phantasien mit ihr weiter leben können, wie froh wäre ich gewesen, aber ich durfte nicht, es wäre ein Verbrechen gewesen. Da ging ich über's Meer. Ach, oft spülte eine Welle sie mir nach, aber die Wellen zerschellen an Schiff und Strand. Und drüben war ein neues Leben, sogar Arbeit und Forschung, allmählich kamen mir sogar alle meine kleinen Freuden nachgespült. Reizvoll war die südliche Färbung, eigenartig mein Haus, ich zog um dasselbe herum meinen seltenen Garten; und am Meer saß ich und lernte angeln, und das Meer gemahnte mich nur an die Kindheit, nicht an die Liebe, und die Sonne vergoldete auch bei mir die Flur, und der große Himmel spannte sich herrlich über mir aus. So wurde ich ein alter Mann, und nun, da ich wieder daran denke, begreife ich nicht, was mich noch einmal zurücktrieb. Den Bruder hatte man lange begraben – das war ein schwerer Tag, der mir die Nachricht brachte; Gott sei Dank, daß er vorbei – seine Gattin war mir fremd geworden, und sein Kind habe ich immer noch nicht mit Augen geschaut.«

»Und wie ist Dir Deines Bruders Wittwe erschienen?« unterbrach ihn Hedwig.

»Meines Bruders Wittwe? Den Eindruck macht sie nicht. Sie hat mich überrascht. Sie ist eine vornehme Frau, die ihren eigenen Weg geht, die aus dem talentvollen Mädchen sich zu einer Meisterin entwickelt hat, die das Leid, was sie vielleicht gelitten, allein getragen, die aber von Wolff nichts an sich behalten.«

Die Gräfin lachte nervös auf. Sie war wie krank. Was hatte er alles für Berge zwischen sie gebaut seit ihrer Plauderei am vergangenen Abend! Sie hatte ihre Fassung ganz verloren. Sie stand darum auf und trat in's Nebenzimmer.

Joachim blieb in seinen Sessel gebannt, denn plötzlich klangen abgerissene Accorde an sein Ohr, die in eine Chopin'sche Phantasie übergingen. Und diese ging über in eine Polonaise, und ihr folgte ein Trauermarsch, lauter Chopin; sie aber spielte, wie sie noch nie gespielt. Er horchte auf jeden Ton, er bewunderte den Vortrag jedes Tactes.

»Nein, sie ist nur sie selbst, Niemandes Frau oder Wittwe,« sagte er, plötzlich an's Clavier tretend, »sie ist eine machtvolle eigene Individualität, die überhaupt nicht in die Schranken unserer engen Vorurtheile gehört. Sie hat ein Recht, uns alle unglücklich zu machen, denn wir waren verwegen, daß wir in ihr Leben griffen.«

Hedwig war zusammengeschreckt, als seine Stimme ihr Spiel unterbrochen. Jetzt stand er neben ihr, die Hand auf das Pult stützend, und sah auf sie nieder. Sie aber schien nur ihren eigenen Gedanken gefolgt zu sein.

»Wenn Du den Gedanken an sie hast aus der Brust reißen können, dann hast Du sie doch nicht geliebt, das kann Keiner,« sagte sie herb.

»Hast denn Du den Gedanken an den Anderen niemals aufgegeben?«

»Niemals.«

»Und das war meines vergötterten Bruders Weib!«

Sie sah zu ihm auf. »O,« meinte sie sehr ruhig, fast kalt, »er hat nie etwas davon geahnt, denn er sah mich stets vollkommen heiter. Du weißt es nicht, Joachim, ich war die Fröhlichere von uns Beiden. Für ihn, nicht für mich, erfand ich Zerstreuungen, weil mein Lebensnerv gerissen war; wer mich sah, beneidete mich um meine ewige Heiterkeit. In der Richtung sei unbesorgt; sein Kind hat ihn angebetet. Nein, Joachim, was Du von mir verlangtest, das habe ich gethan. Wolff's einzige Klage über mich war mein kaltes Herz; er behauptete, das ewige Claviergeklimper hätte es in mir getödtet; er ging sogar so weit, zu meinen, sein Leben wäre interessanter gewesen, wenn ich ihn hie und da ein ganz klein wenig eifersüchtig gemacht hätte.«

»Ich begreife ihn,« sagte Joachim bitter, »wenn ich mir denke, das Weib meiner Seele, der höchste Preis auf Erden, mein Kleinod, wäre mir kalt begegnet, statt eines klopfenden Herzens ein Marmorbild, – siehst Du, Hedwig, Du hast wirklich keine Ahnung, was Liebe ist, sonst wärest Du nicht im Wahn befangen, Du habest ihn glücklich gemacht; und der, den Du liebtest, hat der Dich nicht gelehrt, Dein Herz zu beachten?«

Die Gräfin lachte. »Nein, er trat darauf!« sagte sie mit großer Energie. »Ich sah mich von ihm verschmäht in dem Augenblicke, da ich glaubte, ihm mein ganzes Sein weihen zu dürfen. Was glaubst Du denn, was das ist für ein feuriges Gemüth, für eine liebende Frau?«

»Also verschmäht hat er Dich? Und wie hattest Du Dir Deine Zukunft mit ihm gedacht?«

Die Gräfin zog einen wunderbaren Accord aus den Saiten, daß sie klangen wie ferner Harfenton, lächelte leise und nickte vor sich hin, als ob sie den entschwebenden Tönen zunickte. »Wie im Himmel,« sagte sie.

»Ich fange an, mich an den Bodensee zu gewöhnen,« sagte er mit einem geisterhaften Lächeln, »ich merke, daß ich nicht sterbe an meinem ungeheuren Mißgriff.« Er ließ sich in einen Sessel fallen und die Hände über die Armlehnen herabhängen.

»Du hast ja Deine Liebe überlebt, warum solltest Du noch sterben, jetzt, wo Alles vorüber ist?«

»Weil man sein Leben hingeben, die Lanzen sich selbst in die Brust stoßen kann, – nur muß man nicht später einsehen, daß man es für eine faule Sache gethan!«

»Das hast Du eingesehen?«

»Hedwig, ich hatte meinen Bruder so lieb wie mich selber, glaube ich; denn an dem Tage, da mein Bruder mir seine Leidenschaft für das Weib meines Herzens eingestand, da ging ich hin und machte den Brautwerber für ihn und warf ihm die Perle in den Schoß, die heißbegehrte Blume, die ich an dem nämlichen Tage an mein Herz hatte legen wollen, und ich stand am Altar, als sie mit meinem Bruder den Ring wechselte, und ging fort in die Verbannung, und da ich wiederkomme, finde ich, daß ich blind und taub und unverständig war, und daß ich ein großes Unrecht begangen und mein Leben, meine Liebe, mein Glück umsonst geopfert habe, ja, daß meine ganze Liebe ein grausamer Irrthum war.«

Er hatte die Arme auf die Kniee gestützt und das Gesicht in die Hände versenkt. Einen Augenblick stand die Gräfin hoch aufgerichtet, geisterbleich; und wie eine hehre und seltene Blume, die der Herbstwind niederlegt, sank sie vor ihm nieder, nahm ihm die Hände vom Gesicht und drückte sie mit Gewalt an ihre Brust.

»Jo! mein Jo! Dich, nur Dich habe ich geliebt mein ganzes Leben, und weil ich mich von Dir verschmäht glaubte, war ich so verzweifelt; und weil Du mir sagtest: ›Mach' meinen Bruder glücklich,‹ so habe ich versucht, ihn glücklich zu machen. Es war ein furchtbarer Kampf! – Joachim! Nächte und Nächte habe ich durchweint; ich wußte nicht mehr, was Schlaf hieß. Ich hatte Dich geliebt von dem ersten Erwachen meiner Seele an. Du warst mir Alles. Ich habe Dich geliebt wie den lieben Gott.«

Eine Blutwelle überfluthete sein Gesicht; keines Wortes mächtig, zog er seine Hände aus den ihren, umschlang sie mit stürmischer Kraft und drückte sie fest an seine Brust. Und sie ließ es willenlos geschehen; ihre Thränen feuchteten seinen Rock; während seine Lippen wieder und immer wieder leise ihr Haar berührten.

Sie war die Erste, die wieder sprach:

»Siehst Du, Joachim, Du brauchst nun doch nicht zu sterben! Ich hatte mich ja nur für Dich geopfert, für Dich! Da ich Dein Weib nicht werden konnte, so wollte ich Deine Schwester sein und – seine Schwester! Und in treuer Schwesterliebe habe ich Alles aufgeboten, sein Leben erträglich zu machen; ich war immer Deiner werth; Du brauchst Dich meiner nicht zu schämen. Ich war ein Stück Seele von Dir, und unbewußt vollbrachte ich Dein Opfer. Nun ist alle Bitterniß von mir gewichen. Ich bin das seligste Weib auf Erden, nun, da ich weiß, Du hast mich nicht verschmäht. O, warum hast Du nicht Deine Lippen geöffnet und mir Deine Liebe gestanden? Ich wäre nicht verzweifelt. Ich that es ja doch für Dich, obgleich ich mich von Dir verschmäht glaubte, und durch mein langes, schweres Leben war nur ein Gedanke, der mich stützte: ›Wäre Er jetzt zufrieden mit mir!‹ Und da kommst Du wieder, kränkst mich so tief und hebst mich in den Himmel, Alles in einem Augenblicke. O, Joachim! Alles Leid ist nicht gewesen. Es ist ausgelöscht. Das Leben war schön und reich; denn Du hast mich geliebt! O Jo, min söten Jo!« flüsterte sie fort und fort an seiner Brust, und er streichelte ihr Haar und ihre Wange und versuchte immer zu sprechen, aber konnte nicht, während es bei ihr war, als würden plötzlich alle Dämme eingerissen und alle Schranken gesprengt, und als müßte in brausendem Strom die langverschlossene, keusche Liebe hervorstürzen und Alles überfluthen in jugendlicher Gewalt, als müßte sie einmal sagen, nur sagen, was sie getragen, ohne ein Wort, ohne eine Freundeshand, die ihr Hilfe gebracht, als brächte sie ihm jetzt erst die ganzen Schätze ihres reinen, jungfräulichen Herzens entgegen und legte sie ihm zu Füßen.

»Haidi!« sagte er fast unhörbar.

»Und von Deinen eigenen Lippen zu hören, ich sei eine kalte Kokette gewesen, jetzt, nach so vielen langen Jahren. O Jo! Das hatte ich wirklich nicht verdient! Du kanntest nicht meine schreckliche Lage; Du konntest Dir nicht denken, was es heißt, von eines Menschen Liebesanträgen verfolgt werden, in dessen Dienst man steht, und keiner Seele ein Wort darüber sagen dürfen, um nicht seinen Brotherrn in Aller Augen herabzusetzen, und hoffen, hoffen auf den Einen, wie auf den Erlöser, und er kommt, und das Herz will aus der Brust ihm entgegen, und er sagt: ›Werde meines Bruders Weib!‹ – seines Bruders, der in Allem sein Gegentheil war!«

»Ich war ein Thor!«

»Nein, Du warst Dir treu, Dir, Joachim, den ich geliebt und vergöttert habe, der nie an sich gedacht und der mir in dieser Stunde wiedergeschenkt ist.«

Sie stand auf und wandte sich hin und her, als wäre sie unschlüssig, ob sie noch einmal dem Clavier den Sturm ihrer Seele anvertrauen sollte.

Da wurde es plötzlich dunkel im Saale, nur aus dem Boudoir fiel noch ein Lichtschein hinein. Das brachte Joachim, der bis dahin regungslos vor sich hingestarrt hatte, zu sich.

»Die Lampen!« rief er.

»So laß sie doch, Joachim, was geht die kleine äußerliche Welt Dich an in solchem Augenblick,« entgegnete sie fast unwillig. Er aber ging in's Boudoir und trug die kurz vorher auf den Kaminsims gestellte Lampe auf einen Tisch im Saal und traf alle Vorrichtungen, daß ihnen nicht auch diese Beleuchtung versagte.

Ihn hatten diese wenigen Schritte aufgerüttelt; sie aber stand noch an's Clavier gelehnt, wie er sie vorhin verlassen. Dieselbe Exaltation lag in ihrem Blicke, und wie er sie so anschaute, versagte ihm der Herzschlag fast vor brennendem Weh. Aber er war gewöhnt, sich zu beherrschen.

»Ich fing den Abend damit an,« sagte er wie träumerisch, »die Lampe herunter zu drehen, die zu stark brannte, und ende ihn damit, sie vor'm Verlöschen wieder aufzudrehen. Blos war es damals zeitig, jetzt ist es späte Nacht. Dabei soll ich morgen um 8 Uhr abfahren.«

Er hatte das so trübe gesagt, daß auch auf die Gräfin sich ein Schatten legte; wie ein Traum erschienen ihr jetzt die heißen Worte von Liebe und Treue, und ihr war, als müßte sie weinen und weinen, ohne je aufzuhören.

»Wie oft werde ich aus der Ferne mich hierher zurückträumen, wie oft als ungesehener Gast in diesen Räumen weilen!«

Hedwig lachte auf, um nicht zu schluchzen: »Natürlich!«

»Du hast hier ein reiches Leben,« fuhr er fort, »ich habe es ja einige Tage mit Dir gelebt. »Du bist ein Mittelpunkt für Viele, und unter Vielen gibt es immer Einige, die Werth haben. Ich bin auch recht zufrieden mit meinem Leben; aber es ist eben doch ein eingerostetes Junggesellenleben.« Er hielt einen Augenblick an, als sollte sie es bestreiten, sie schwieg jedoch, darum sprach er ruhig weiter: »Die beste Anregung bringen mir meine Blumen, ich habe sogar die europäische Rose in meinem Garten heimisch gemacht! Dann beschäftigte ich mich mit Bücherbinden, mir band weder in Paris, noch in Berlin noch in London ein Buchbinder sauber genug, da lernte ich es selbst. Wirklich, Hedwig, wenn Du einmal ein gut gebundenes Buch haben willst, schicke es mir.«

Sie erwiderte nichts, aber ihre glänzenden Augen trübten sich.

»Die Bureau-Stunden sind kurz, ich schlafe wenig, und doch habe ich nie Zeit genug, ja, meistens bin ich gehetzt.«

»Oder Du selbst hetzest Dich,« unterbrach sie ihn mit gezwungenem Lächeln.

Es wehte wie ein eisiger Hauch um sie; war es nur die Rückwirkung der heißen Worte und Gefühle?

Er sprach unbeirrt weiter: »Geselligkeit gibt es sehr wenig; ein Jeder könnte es nicht aushalten, mir ist aber wohler dort als in Europa!«

Der letzte Satz klang wie eine Frage, sie konnte es doch aber nicht bestätigen oder leugnen?

»Du hast Dich nie aus Berlin fortgesehnt?« fragte er plötzlich und sah sie groß an.

Eine unbegreifliche Scheu schnürte ihr die Kehle zu, und alles Blut stieg ihr in die Wangen. »O nein,« sagte sie endlich.

Er wandte die Augen wieder von ihr, aber augenscheinlich zu spät, denn nun färbten sich auch seine Wangen roth. Hedwig suchte nach einem gleichgültigen Gesprächsstoff, aber Alles, was ihr durch den Sinn ging,

schien ihr eine Anspielung auf Etwas, was sie unberührt lassen wollte.

»Warum gehst Du eigentlich erst nach Rom?« fragte sie endlich.

»Um Wolff's Kind zu sehen,« sagte er zerstreut, und nachdem er es ausgesprochen, erröthete er noch mehr und verbesserte sich: »Um Deine Tochter kennen zu lernen.«

Wieder schien der Gräfin, als wehte ein eisiger Wind durch's Zimmer, so hart fielen ihr die Worte: »Wolff's Kind« in's Ohr, als ob sie dieselben noch nie gehört, und doch war es ja ganz wahr, »Wolff's Kind«.

Er stand regungslos am Kamin, – sie waren beide im Laufe des Gesprächs in's Boudoir zurückgekehrt, – ihr fingen die Kniee an zu zittern, was war es nur? Sie mußte an sich halten, daß das Zittern nicht ihren ganzen Körper ergriff. Er sah nach ihr hin und wieder mit dem unendlichen Weh, das ihn vorhin befallen.

»Wie schön Du bist,« sagte er endlich, »schöner als damals. Du warst für die Würde geboren; die Linien Deines Antlitzes sind erst jetzt ganz vollendet.«

»O Joachim,« sagte sie und bedeckte sich das Gesicht mit beiden Händen, »ich schäme mich so, daß Du mir alten Frau das sagst.«

»Mir bist Du nicht alt, denn ich bin immer noch so viele Jahre älter. Siehst Du,« fuhr er plötzlich mit veränderter Stimme fort, »mir hat dieser eine Abend mehr gegeben als mein langes Leben, ich habe Dich in meinen Armen gehalten und habe von Dir gehört, was ich noch immer nicht ruhigen Bluts glauben kann – daß Du mich, mich, wirklich einmal geliebt hast.«

»Nein, Joachim,« unterbrach sie ihn, »das ist unrichtig, ich habe Dich nicht geliebt, ich liebe Dich noch!«

Er sah sie unschlüssig an.

»Jetzt muß ich aber gehen, Hedwig,« sagte er und ergriff plötzlich wie krampfhaft seinen Hut, »Hedwig, kleine Haidi, ich muß fortgehen, weit fort und für immer!«

Er beugte sich über ihre Hand, um sie mit seinen Lippen zu berühren.

Sie zögerte einen Augenblick, dann übergoß Purpurröthe ihr ganzes Gesicht, sie legte ihren Arm auf seine Schultern und sagte:

»Nein, Joachim, Du darfst nicht so fortgehen, Du mußt mich mitnehmen, willst Du?«


Ein Begräbniß in den Karpathen.



Im Karpathenhochwald hält der Schneesturm Bacchanal. Das ist ein Heulen in der engen Schlucht, ein Aechzen in den Tannen, ein Brausen und Krachen der Eisschollen auf der Prahova, die in rasender Eile mit denen der Dostana zusammenprallen! Hoch stauen sich die Wasser und füllen das steinige Flußbett, wie ein mächtiger Strom. Donnernd sausen sie in die scharfen Ecken hinein, und bei jedem Anprall sinkt Erdboden, Felsgestein, Tanne und Buche machtlos dahin und wird meilenweit fortgewirbelt. Von allen Höhen rauschen Wasserfälle, deren Schaum zu Eis wird. Was Menschenhände mit Fleiß und Kunst gebaut, ist in einigen Augenblicken zerstört; die Eisenbahnschienen hängen in der Luft wie leichtes Drahtgeflecht; die Dostanabrücke wankt und stürzt zusammen, als wären ihre Quadern Kiesel und die Schienen Schwefelhölzchen. Die Bäume winden und drehen sich in ihren Wurzeln, die bald losgerissen zur Wolkenmasse emporstarren; manch hehres Tannenhaupt, das so vielen Stürmen getrotzt, wird heute gefällt, bettet sich mit seinem schwärzlichen Grün tief in den Schnee und wird bald bedeckt von den schleierdicht wirbelnden Flocken.

Die kleinen leeren Sommerhäuser am Bergeshang zittern in ihren Fugen, als könnten sie davongetragen werden. Eines derselben scheint bewohnt; denn aus dem Fenster dringt Lichtschein, der bei der rasch hereinbrechenden Dunkelheit den Schnee draußen röthlich färbt und trotz der geschlossenen Scheiben unruhig hin und her geweht wird.

Dieser Schein fällt ebenso röthlich auf ein schneeiges Gesicht, das in starrer Ruhe und unbegreiflicher Schönheit in dem Zimmer aufgebahrt liegt, so friedvoll, als müßten noch Athemzüge den vollen jungen Busen heben und die durchsichtigen Nasenflügel bewegen. Die langen dunkeln Wimpern scheinen sich zu heben und den Schatten auf den Wangen zu vergrößern. Doch nein, sie rühren sich nicht. Nichts rührt sich mehr. Wieder rüttelt der Sturm an dem kleinen Hause und singt ein Klagelied der Verzweiflung dem stummen Manne zu, der regungslos an dem Tische sitzt, den Kopf in die Hand stützt und auf die Leiche starrt. Seine Züge sind fein und edel, die Augen tiefblau, das Haar blond und zart, in das die schlanken Finger sich eingewühlt haben. Die Lippen sind aufeinandergepreßt, als würden sie sich nie mehr zum Sprechen öffnen, als hätte der höchste Schmerz sein Werk vollbracht und zu Eis erstarrt, was früher lebte und liebte. Er wendet nicht das Haupt, es zucken ihm nicht die Lider, wie der Sturm gegen das Fenster tobt und donnert, wie die Flammen an den vier Ecken des weißen Sarges sich biegen und winden unter der Zugluft gleichsam wie in Schmerz und Pein.

Drüben, über dem schmalen Gang, ist ein dunkles Zimmer, durch das nur hin und wieder ein Schein zittert aus der Ofenthüre oder aus den schlecht verpichten Fugen des mächtigen thönernen Ofens, in welchem das Feuer tobt und rast und den Lärm noch vermehrt. Dicht aneinandergedrängt sitzen vor dem Ofen zwei Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, und zittern.

»Hörst Du, Ben, wie der Sturm singt?«

»Ja, Mad, er trägt der Mutter Seele fort.«

»Aber ich dachte, die Engel kämen ganz sanft und trügen sie hinauf, wie eine kleine Wolke?«

»Weißt Du, Mad, in solch einem fremden Lande, da finden sie die Engel nicht. Sie haben sie bei uns zu Hause gesucht, und dann haben sie den Sturm über den Ocean geschickt; der soll sie finden.«

»Weht denn der Sturm auch bis zum Himmel, Ben?«

»Siehst Du das nicht an den Wolken?«

»Aber werden hier denn andere Engel sein, die sie aufnehmen? Werden sie sie kennen?«

»Die Engel müssen jede Seele aufnehmen, dazu sind sie da.«

»Und bringen sie zu Gott. Und der kennt sie?«

»Natürlich, der kennt ja Jedermann!«

»Wie sieht er denn aus, der liebe Gott?«

»Du hast doch gesehen, in Großmama's Bibel.«

»Ich habe es aber schon vergessen!«

»Weißt Du nicht? Mit einem Bart, so lang wie die Wolken, und großen, großen Augen und einem Mantel. Weißt Du nicht mehr, wie ich immer seinen Mantel anmalen wollte und die Großmama sagte, ich wüßte ja doch nicht, welche Farbe er hätte.«

»Der muß doch blau sein?«

»Warum blau?«

»Wie der Himmel, Ben.«

»Nein, feurig, wie die Sonne, wenn sie im Meer untergeht.«

»Meinst Du, Ben?«

»Natürlich mein' ich's bloß; ich kann's ja nicht wissen.«

Der Sturm rasselte und heulte. »Ich fürchte mich, Ben!« sagte die Kleine, und drückte sich so dicht an den Bruder, daß ihre blonden Locken sich vermengten wie eine goldene Fluth.

»O Maddy! wer wird sich denn fürchten?« Aber der Knabe zitterte. Sie starrten beide in's Feuer und wagten nicht, die Köpfchen umzuwenden. Das Mädchen hatte graue Augen, der Knabe blaue, fast enzianblau wie der südliche Himmel. Beide Kinder hatten dunkle Brauen und Wimpern und goldblonde Locken, der Knabe bis in den Rücken, das Mädchen bis an die schwarze Schleife, die das weiße Schürzchen umschloß.

»Ich habe sie gesehen, Ben!«

»Und ich habe sie geküßt, Mad; aber da war sie so kalt, so kalt!«

Des Knaben Augen wurden sehr groß und wandten sich zur Schwester.

»Warum ist man denn kalt, wenn man todt ist, Ben?«

»Weil man nicht athmet.«

»Macht denn das Athmen warm? Ich athme, und bin doch so kalt!« Die grauen Augen starrten meertief vor sich hin, und färbten sich schwärzlich grün, unter der Gedankenpein.

»Du sollst nicht sterben, meine Mad!« rief der Knabe leidenschaftlich, warf die nervigen Arme um die feenhafte Gestalt der Schwester und drückte sie an sich, in stürmischer Zärtlichkeit.

Und dann weinten sie alle Beide, wagten aber nicht, aufzustehen, weil sie sich fürchteten, im Dunkeln an dem andern Zimmer vorüberzugehen. Und der Sturm nahm zu an Gewalt. Bald hörten sie ihre eignen Stimmen nicht mehr, und Niemand kam, sie zu trösten. Da kratzte es laut an der Thüre, und ein Winseln folgte. »Das ist Buty!« rief der Knabe, lief hin und machte ihm auf. Und herein kam der treue Jagdhund, schmiegte sich an die Kinder und jammerte und heulte wie ein Mensch. Sie umschlangen ihn, legten die Köpfchen gegen sein warmes Fell, und so weinten sie alle Drei. Keiner hörte sie in dem Getöse, vor dem sie zuweilen verstummten, um erschrocken zu lauschen. Der Hund hob seine langen Ohren und zog die Stirne kraus, legte auch den Kopf auf die Seite und schnoberte in die Luft; dann erhob er wieder sein klägliches Winseln, und die Kinder begannen von Neuem zu weinen.

In der Küche saß das Kindermädchen am Heerde und wartete auf die Köchin, die nach Comarnic gefahren war und versprochen hatte, vor einbrechender Dunkelheit zurück zu sein. Das Mädchen hatte die Schürze über den Kopf geworfen und wiegte sich hin und her, bald auf Deutsch, bald auf Rumänisch, bald auf Ungarisch jammernd; denn sie war aus Siebenbürgen. Sie dachte bald an die todte Herrin, bald an die Köchin, die im Schneesturm sicher umgekommen war. Der Kinder hatte sie vergessen.

Das Heerdfeuer erlosch, im Ofen verglommen die letzten Scheite; bei der Todten war eisige Kälte; aber der einsame Mann fühlte es nicht. Seine Züge wurden nur sichtbar schärfer und älter, die Hand magerer, an der der Trauring glänzte. Der Sturm schien ihn in eine Art von Gefühllosigkeit einzulullen und seine Gedanken weit hinwegzuführen. Er dachte an seine westindische Heimath, an den Sturm, der seine Schwester ein Stück durch die Luft trug, als sie sich nach der Mutter Hause flüchtete. Und kaum hatte sie das Ihrige verlassen, als es vom Erdboden verschwand, so daß man nicht einmal mehr finden konnte, wo es gestanden hatte. Das Meer thürmte sich landeinwärts und bettete ein mächtiges Kriegsschiff tief in ein Ananasfeld. Die Bäume, Palmen, Tamarisken, Farren, Pandanus wurden gemäht wie Gras, der Boden wankte und klaffte an mehreren Stellen. Er aber hatte sich hinausgewagt, zu seiner Braut, seiner Jugendliebe, seiner Gespielin und Herzensfreundin von zartester Kindheit an, Clarisse, der wunderschönen Creolin. Noch schwoll ihm das Herz, wie er sich ihres Freudenschrei's erinnerte, als sie ihn erblickte, und wie sie ihm in die Arme flog, stürmisch, unbesorgt, ihm den ganzen Strom ihrer Liebe zu zeigen, da sie ihn todt gewähnt. Die alte Negerin, deren Obhut sie oft beide anvertraut waren, hatte ihn gescholten, wie er sich solcher Gefahr habe aussetzen können. –

Dann kamen andere Bilder: der Krieg, die Treue der Neger, die nicht von ihnen lassen wollten, obgleich man ihnen gesagt, auf der andern Seite winke die Freiheit. Und als der Krieg vorüber war, da waren sie arm und hatten Nichts mehr, und er war Ingenieur geworden, hatte in unglaublich kurzer Zeit eine Stellung errungen und konnte sie heirathen. Dann dachte er an die Hochzeit im Lande ewiger Sonne und strotzender Blumenfülle, und er lächelte.

Die Nacht rückte vor. Da fielen der Magd die armen Kinder ein, an die kein Mensch gedacht. Mit großer Mühe riß sie die Thüre auf und schützte mit der Hand den Docht, der zu erlöschen drohte. Da fand sie die Beiden auf der Erde, an den kalten Ofen gelehnt, mit ihren Armen umschlungen und eingeschlafen, der Hund vor ihnen Wache haltend.

Die Thränen glänzten noch auf ihren Wangen. Die Magd stand einen Augenblick vor ihnen und bewunderte ihre Schönheit: »Ihr armen Engel!« sagte sie. Es gab ihr einen Stich ins Herz, wie der Knabe eben der todten Mutter glich.

»Kommt, Kinder!« rief  sie endlich, und erfaßte ihre kalten Händchen, »geschwind zu Bett!«

»Ja, Mutter!« sagte der Knabe schlaftrunken, während das kleine Mädchen einen tiefen Seufzer ausstieß und ohne ein Wort aufstand. Sie gingen leise an jener Thür vorbei.

»Sagen wir dem Vater nicht Gute Nacht, Ben?« meinte die Kleine am Ende des Ganges.

»Er ist da drin, Mad?«

»Ja, sie ist nicht allein!«

Die Kinder nahmen sich bei den Händen, kehrten langsam zurück und öffneten das Todtenzimmer, nicht ohne Anstrengung. Der Vater rührte sich nicht; nur seine Augen wanderten nach den Kindern, die auf die Todte starrten und sich nicht zu bewegen wagten. Und die Todte schien zu lächeln.

»Gute Nacht, Vater!« sagte endlich das kleine Mädchen und kam an ihn heran. Ihre Zähnchen schlugen aufeinander, vor Angst und Kälte.

»Gute Nacht, Magdalenchen, meine kleine Mad. Gute Nacht, Benno! So, so, gute Nacht! Laßt uns jetzt allein!«

Sie fühlten, daß sie ihn störten und ihm zur Last waren. Noch einen scheuen Blick warfen sie auf die Leiche und schlichen dann hinaus, eine Thräne des Vaters auf ihren Locken in die kalten Bettchen tragend, wo heute Niemand mit ihnen betete.

Ach, wohl hatten sie ihn gestört in seinem Glückstraum. Wie einem schwer Verwundeten, bei dem der kochende Schmerz eine Zeit lang dumpf geworden, und ein Schritt auf der Diele, ein leiser Stoß an's Lager einen neuen Schmerzparoxysmus herbeiführt, so hatte der Anblick seiner Kinder ihn in die volle Gegenwart zurückgeführt – ein neuer Sturm wühlte ihm in der Brust. Er erhob sich und ging einige Male durch's Zimmer, dann warf er sich über die Leiche, küßte die gefalteten Hände, die Brust, die Lippen, die Augen, spielte mit dem wundervollen Haar, das neben ihr niederrieselte, und stöhnte und weinte zum Herzbrechen. Dann warf er sich auf ein Ruhebett, das in der Ecke des Zimmers stand – wand sich hin und her in dem rasenden Schmerz, der ihm das Herz zusammenzog und den Athem beklemmte. Er sprang auf und riß das Fenster auf, um Luft zu bekommen. Sturm und Schnee wirbelten herein und alle Lichter erloschen. Sie nicht zu sehen, in den letzten Stunden, in denen seine Augen auf ihr ruhen konnten, war ihm unerträglich. Mit Gewalt schloß er das Fenster und zündete mit zitternder Hand die Lichter wieder an. Da lag sie noch und lächelte. Unter seinen Küssen hatten sich die Lippen ein wenig geöffnet, und die weißen Zähne schimmerten darunter hervor. Ihm war es, als würde er wahnsinnig, als müsse er sie aus dem Sarge reißen und auf seinem Schooße erwärmen. Nein, in die Erde konnte man sie nicht betten, sie, die noch vor wenig Stunden in seinen Armen geschlummert, zur Genesung, wie er meinte; er hatte sich nicht bewegt, und sie schlief fort und fort, bis es ihm war, als athmete sie nicht mehr, und er die Wangen, die Lippen an ihren Mund preßte, ihren Hauch zu fühlen, und Eiseskälte ihm antwortete. – Er ging wieder hin und her und raufte sich das Haar. Dann fiel ihm ein, wie er den Ruf nach Rumänien erhalten, zum Bahnbau, wie er sie zögernd gefragt, ob sie wohl den Muth habe, mit ihm und den beiden kleinen Kindern ganz allein in die Fremde zu gehen. »Very well, dear«, hatte sie ruhig geantwortet, als verstünde es sich von selbst. Und nun war die zarte kleine Fee, Mad, erkältet, und die ängstliche Mutter war barfüßig aus dem Bette gesprungen, in kalter Nacht, und hatte sich den Tod geholt in dem rauhen Klima. Wie konnte er so unbedacht sein! Bittere Vorwürfe folterten ihn nun, und er griff nach einer Pistole über seinem Schreibtisch, der roh aus weißem Tannenholz gezimmert war. Er spannte den Hahn und setzte sie an seine Schläfe. Da gedachte er seiner Kinder, und es war, als flüsterte ihm Jemand das Wort: »Feigling« ins Ohr. Seufzend hing er die Waffe wieder an ihren Nagel und setzte sich an den Tisch, mit dem Kopf in den Händen, fest entschlossen, den unerträglichen Schmerz zu erdulden. Und wie er die Hände in die Augen bohrte, sah er wieder seine Heimath, seine Mutter, die sein ächzendes junges Weib in Armen hielt bei der Geburt seines ersten Sohnes. Schon damals war er ganz kopflos gewesen vor Angst, aber seine energische Mutter war da und gab ihm Kraft und Muth. Und hier war Niemand, Niemand, Niemand! – »Ach, Mutter!« stöhnte er, »wenn du wüßtest, Mutter!« Eine überhängende Schneelast stürzte polternd am Fenster nieder und fiel mit dumpfem Dröhnen zur Erde. Es war eine Nacht, um Todte aufzuwecken. Aber sie wachte nicht auf, die so gern gelebt hätte und so still dort lag, für alle Ewigkeit. Wie geduldig hatte sie alle Unbequemlichkeit ertragen, die tiefe Einsamkeit, den langen Winter, die fremde Sprache, die nothdürftige Einrichtung. Zu Hause waren Marmorböden und Springbrunnen, dienende Neger für jeden Wink, hier Holzdielen mit einigen gewirkten Teppichen belegt, weiß getünchte Wände und hehre, ernste Bergwildniß, in der es statt Ananas, Pfirsichen und Orangen, Walderdbeeren und Himbeeren gab, und wo man Fleisch und Brod nur mühsam bekommen konnte. Sie hatte nie gemurrt, nur über ein Körbchen Pfirsiche, das er ihr aus der Stadt mitgebracht, Thränen in die Augen bekommen. »Clarisse!« murmelte er, und wie er wohlthuend empfand, daß der Sturm seine Stimme übertönte und er sie selbst nicht zu hören brauchte, sagte er den Namen fort und fort, von dem nur das s hinausklang, bis zum Sarge hin. Und dann war das a doch zu laut, und er wurde wieder still. So verging die lange, lange Nacht. Der Sturm ließ nach, nur die Schneemassen fielen dumpf von Dach und Bäumen und unterbrachen das Schweigen, das man greifen zu können meinte. Der Schnee lag so tief, daß weder Menschen noch Wagen hindurch konnten. Doch läuteten im Kloster Sinaia die Glocken, die Leute zum Begräbniß zu rufen. Die Mönche berathschlagten mit den Bauern und Jägern, wie man die Todte von Isvor bis auf den Kirchhof von Poiana Zapului (Gemswiese), eine Stunde weit bringen könne. Die Bauern meinten, am besten würden Büffel den Weg bahnen. Und so kamen sie mit zwei Büffeln vor dem Trauerhause an. Anscheinend ruhig und kalt stand der Ingenieur Delorme auf der Schwelle und blickte erstaunt auf die schwarzen Thiere, mit den dicken, zurückgelegten Hörnern, die bis zu den Knien im Schnee standen. Man erklärte ihm, was man meinte; er hörte so gleichgültig zu, daß die Leute dachten, der Fremde habe sie wahrscheinlich nicht verstanden. Er machte ihnen ein Zeichen, ins Haus einzutreten. Der Mönch im Kirchenornat trat an die Leiche heran und besprengte sie mit Weihwasser und weißem Wein, Gebete murmelnd. Delorme war hinausgegangen, um nichts zu hören. Die Kinder aber frugen, was man da drinnen bei der Mutter so laut hämmere. Da weinte die Magd. »Warum weinst Du denn, Maritza?« fragte der Knabe, und schon liefen ihm die Thränen aus den Augen. Da kam die kleine Mad ganz blaß zurück, die unbemerkt hinausgeschlüpft war, »Sie thun die Mama in einen engen Kasten und machen ihn zu; komm', laß sie doch nicht!« sie zog die Magd an der Hand, und wie die nicht kommen wollte, lief sie wieder hinaus, sprang vor die Männer und wollte dem Einen den Hammer entreißen.

»Da drin ist meine Mutter!« rief sie auf Rumänisch, und ihre Augen sahen fast schwarz aus.

»Nein,« sagte ein alter Bauer und bekreuzte sich, »nein, Kind, Deine Mutter ist im Himmel beim lieben Gott; die ist nicht mehr da drin, komm, ich will Dir zeigen, wo sie fortgeflogen ist. Da drin sind nur ihre Kleider, die sie nicht mehr braucht.« Damit nahm er das erstaunte Kind bei der Hand, führte es sanft ins andere Zimmer ans Fenster und sagte:

»Sieh mal, dort, wo die Wolken ein wenig auseinandergehen, da ist Deine Mutter durchgeflogen, in den Himmel.«

»Ich will mit! ich will mit!« rief das Kind.

Draußen nahmen die Männer den Sarg auf die Schultern; die Büffel wurden voran getrieben, den Weg zu bahnen, dann kam der langbärtige Geistliche im Ornat, hinter ihm her mit näselndem Singen und dem Weihkessel der Kirchensänger, dann der Sarg und als einziger Leidtragender folgte Delorme, vier lange Stunden nach Poiana Zapuliu.

Schwarze Wolken verhüllten die Berge wie mit einem Mantel, vor dem die Tannen mit ihrer Schneelast emporragten. Unten rauschte, schwarz in der weißen Welt, die Prahova mit ihrem krachenden Eise. Es war ein mühseliger Weg, und oft mußten die Männer den Sarg niederstellen, den Schweiß von der Stirne zu wischen. Dann stand der einsame Mann schweigend im Schnee; der Wind wehte leise, aber eisig durch sein Haar und seine Kleider. Heute fühlte er die Kälte, nach der langen Leichenwacht. Am Grabe murmelte der Geistliche wieder einige Gebete, während die Frauen und Kinder aus dem Dorfe in Pelzjacken umherstanden und neugierig zusahen. Delorme blieb stehen, bis die letzte Erde zurückgeschaufelt war; dann deckte er selbst das Grab zuerst mit Tannenreisern, und darüber häufte er Schnee, als könne er sein Theuerstes nicht genugsam einhüllen. Dann wandte er sich so rasch wie möglich auf den Heimweg, und fast färbten sich seine Wangen durch die Anstrengung.

Er war noch nicht zu Hause angelangt, als ihm schon Arbeiter entgegeneilten und ihm auf Rumänisch, Italienisch, Deutsch, Serbisch erzählten, welchen ungeheuern Schaden der Sturm angerichtet, wie er überall den Bahnbau zerstört, mehrere eiserne Brücken eine Stunde weit fortgerissen habe, und noch immer wühle und peitsche die Prahova gegen die Dämme. Er mußte gleich mit ihnen hinunter. Nach der Dostanabrücke wollte er zu Pferde; aber man sagte ihm, es sei unmöglich durchzukommen, und bald kam eine Schreckenskunde nach der andern. Erst spät am Nachmittage kam er nach Hause, fand die Kinder, wie sie aus Schnee einen Sarg gemacht hatten und sich hineinlegen wollten; der Andre sollte den Darinliegenden zudecken. – Er war außer sich, schalt das Kindermädchen, die aber in der Küche beschäftigt war und ihm versicherte, die Köchin müsse verunglückt sein. Da fiel ihm ein, daß er seit gestern nichts gegessen, und verlangte eine Kleinigkeit. Bald brachten ihm die Kinder Essen und stritten sich, wer ihn bedienen dürfe. Er lächelte, wobei seine weißen Zähne unter dem Schnurrbart schimmerten; aber zugleich füllten sich seine Augen, er stand auf und ging in sein Zimmer, das geordnet war wie früher, als hätte kein Sarg darin gestanden. Er versuchte, sich an seinen Schreibtisch zu setzen und Papiere durchzusehen, fühlte sich aber so erschöpft, daß er sich auf das Ruhebett warf und fest einschlief.

Von Zeit zu Zeit kamen die Kinder auf den Fußspitzen herein, sahen ihn schlafen und gingen wieder hinaus. Das Schneetreiben hatte wieder angefangen und drohte das ganze Häuschen zu verschneien. Stundenlang knieeten die Kinder am Fenster und sahen den Flocken zu und lachten, wenn sie am Fenster sich thürmten und unter ihrem Hauch schmolzen. Und dann fiel ihnen ihre Traurigkeit wieder ein, und dann vergaßen sie sie wieder an dem langen, schweigenden Tage.

Gegen Abend erwachte Delorme, mit Schmerzen in der Brust und in den Gliedern und einem dumpfen Wehgefühl, von dem er sich zuerst nicht Rechenschaft gab. Da hörte er die Kinder sprechen, und durch den Klang ihrer Stimme wurde ihm die Gegenwart klar. Eine Leere und Oedigkeit überfiel ihn, daß er meinte, er könne das Leben, wie es nun vor ihm lag, nicht auf die Schultern laden. Er wandte das Haupt nach der Pistole an der Wand, und die Versuchung, sich von des Daseins Unerträglichkeit zu befreien, wuchs von Minute zu Minute mit unwiderstehlicher Gewalt. Die Kinder – er hatte sie gar nicht lieb in dem Augenblick, sie waren ein Last und weiter nichts: sie konnten nicht einmal mit ihm leiden. Seine Arbeit war ja zerstört, und er mußte fast von vorn beginnen an dem Bahnbau, der in einer Viertelstunde wieder vernichtet sein konnte. Auch die Arbeit hatte ihren Reiz verloren. Nein, nur nicht leben. Er that die Füße auf die Erde. Alle Bewegungen waren mühsam, als läge eine Lähmung auf ihnen. Darum saß er nun in sich zusammengesunken und wartete auf die Energie, sich zu erheben und nach der Waffe zu greifen. Selbst die Gedanken schienen ihm nicht mehr zu gehorchen. – Da ward es drüben laut, und mit Geschrei stürzte die Kleine zu ihm herein, warf sich auf die Erde, das Gesicht auf seine Kniee und schrie und weinte: »Nein, Papa! Nein, Papa! Ben lügt! Nein, Papa!« Der Knabe stand in der Thüre und sah ängstlich aus, daß der Vater meinte, er habe seinem Schwesterchen etwas gethan.

»Was ist denn, Kinder?« sagte er müde; er hätte lieber nichts gehört, aus Furcht, schelten oder strafen zu müssen.

»Ben sagt,« schluchzte das Kind, »Ben sagt, wir würden sie nie mehr sehen! Das ist nicht wahr! Nicht wahr, lieber Papa?« sie flog auf das Ruhebett und warf die Arme um seinen Hals. »Sage Nein, Papa! Sie kommt wieder, Papa! Sie kommt wieder, Papa!« rief sie immer lauter, als der Vater, einer Antwort unfähig, sie auf den Schooß nahm und ihre Lockenfluth streichelte. Aber auch das that ihm weh, als brennten des Kindes Haare. Der Knabe kam langsam näher.

»Wir haben das Brüderchen auch nie mehr gesehen, das die Neger fortgetragen haben,« sagte er. »Sie hatten es auch in einen Kasten gelegt, und es war ganz kalt. Ich weiß es.«

»Die Mama ist im Himmel, aber sie sieht Euch immer.« Weiter kam er nicht; fast kam er sich schuldig vor, etwas zu sagen, das er nicht zu glauben wagte. Doch hatte es ihm seine Mutter gesagt, als sein Vater starb, und es hatte ihn getröstet.

»Aber ich will sie sehen! Wenn ich sehr, sehr, sehr artig bin, dann werde ich sie sehen, Papa?«

»Ja, wenn Du Dein ganzes Leben artig bist –« hier konnte er nicht weiter, denn ein Schluchzen hob seine Brust. Wenn er es nur noch glauben könnte, daß man den Himmel verdient durch sein schweres Leben; aber er glaubte es nicht mehr. Die Kinder waren so erschrocken, ihn weinen zu sehen, daß sie ganz still wurden und ihn anstarrten.

»Papa!« sagte der Knabe endlich und legte die Hand auf seine Schulter. Die Kinder fürchteten sich, und es wurde dunkel. Da ermannte er sich und sagte: »Ihr müßt wohl essen, Kinder?«

»Ja, und Du auch, hat Maritza gesagt!«

»Ich?« Er sollte essen. Er wollte schon ablehnen, da fiel ihm ein, was wohl sie sagen würde, wenn er schon vom ersten Tage die Kinder allein ließe. Er hatte ihr doch versprochen, für die Kinder zu sorgen, die sie so schwer, ach so schwer verließ!

»Nun, dann wollen wir essen!« sagte er, stand auf, nahm die Kinder an der Hand und ging mit ihnen hinüber.

Dort brannte die Lampe auf dem gedeckten Tisch; das Feuer knisterte, und in der Ecke lag noch ihre Arbeit, gerade als müßte sie hereinkommen. Hugo murmelte das Tischgebet, dann schwiegen sie alle Drei. Solch eine erste Mahlzeit, bei der das Liebste fehlt, ist fast nicht zu ertragen. Es ist, als horchte ein Jeder auf die Stille und wartete auf ein Geisteswehen, das ihm die liebe Nähe verkünden soll. Und wenn es dann immer noch und immer wieder still ist, dann möchte man mit beiden Händen fortwälzen, was man nicht tragen kann. Sonst hatten sie nach dem Essen mit dem Vater ein Bilderbuch angesehen, oder die Mutter hatte ihnen Geschichten erzählt, bis zum Schlafengehen. Heute wußten sie nicht, was sie mit sich anfangen sollten. Da standen sie am Ofen, so hilflos und verwaist, als wären sie in der Wüste verirrt, oder im Schneesturm.

Wenn aber in einem Hause Keiner sich mehr zurecht finden kann, dann erwacht in dem jüngsten Mädchen das mütterliche Element, und sie wird augenblicklich die sorgende Hausfrau.

In der kleinen Magdalene Augen bewegte sich eine Welt; sie wurden bald dunkel, bald hell, wie die Gedanken in dem Köpfchen arbeiteten. Es war, als erlebte sie in wenig Augenblicken, was sie sonst in Jahren nicht gelernt hätte.

»Papa,« sagte sie, »ich will Dir die Lampe hinübertragen, zum Schreiben.« Gesagt, gethan. Dann kam sie wieder: »Es ist ganz hell, Papa, und warm, komm!« Er ließ sich von ihr leiten, als wenn es so sein müßte. Als sie drüben waren: »So, Papa, jetzt erzähle uns, wie Du klein warst, weißt Du, ganz klein, und von der Großmama, und ich will auf einem Knie sitzen und Ben auf dem andern.« So schmiedete sie unbewußt die Ketten, mit denen sie den Vater an's Leben fesselte. Er mußte die Kinder auf den Schoß nehmen, und sie ließen nicht ab mit Fragen. Ben hatte der Schwester Beginnen verstanden und half ihr.

»Und da stiegst Du herauf auf die größte Palme, Papa?«

»Und die Großmama war so erschrocken?«

»Und Du spieltest, Du wärest ein Affe?«

»Und dann warfst Du die Cocosnüsse herunter, Papa?«

»Und der Neger, der Dich immer trug, Papa, und den Du einmal geschlagen hast?«

»Und den Du dann so vielmal geküßt hast, Papa, damit er Dir verzeihen sollte?«

So zwitscherten die Kinderstimmen und legten sich um des einsamen Mannes Herz, wie Balsam auf schwere Wunden. Endlich steckte Maritza ihren Kopf herein und sagte, es sei Schlafenszeit.

»Und wenn wir im Bett sind, Papa, willst Du dann mit uns beten? Soll Dich Maritza rufen, Papa?«

»Ja, dann komme ich.« Ihn reute sein Versprechen im nächsten Augenblick, aber er hielt es doch, und als die Kinder ihn fest umschlangen und küßten, da wußte er, daß der Schuß nicht fallen dürfe, den er sich gelobt hatte. Mad blieb hell und heiter, bis der Vater hinaus war; dann vergrub sie ihr Gesicht in's Kissen und weinte bitterlich. Da fühlte sie zwei große Tatzen auf ihrem Bettchen und eine warme Schnautze in ihrem Gesicht. Sie warf die Arme um den Hund und zog ihn, bis er ganz heraufstieg, sich neben sie legte, und so schlummerte sie ein. Einmal in der Nacht erwachte Ben ängstlich und kroch aus dem Bett, um nach der Schwester zu sehen. Er tastete nach ihr und kam an ein weiches Fell, und gleich darauf wurden ihm die Hände geleckt. »Ach, Du bist da, Buty!« sagte er halblaut und ging ganz beruhigt wieder in sein Bettchen; seine Schwester war ja gut aufgehoben.

Delorme blieb angekleidet auf dem Sopha liegen. Ihr Schlafzimmer hatte er noch nicht wieder betreten. Am Morgen ging Mad hinein ihn zu wecken und fand der Eltern Betten unberührt.

»Maritza,« sagte sie, »wir müssen Papa sein Bett unten machen.« Das Mädchen sah das Kind voll Verwunderung an und gehorchte, als sei es die Hausfrau. Es wurde kein Wort verloren und das Bett unten aufgeschlagen, während Delorme draußen war.

Es war das letzte Winterwetter gewesen. Nun schmolz der Schnee und machte Pelesch und Prahova, Urlatoare und Dostana zu reißenden Strömen, die braun und schaumig hindonnerten, gegen Felsen anschlugen, die unterspülten Bäume Stücke Weges forttrugen, um sie an einer andern Stelle gestrandet zurückzulassen, mit dem Versuche, sich noch einmal in junges Grün zu kleiden. Nießwurz und Cyclamen, gelbe Ranunkeln und Enzian, Primeln in ihrem zarten Lila und Hochgebirgsanemonen im grünen Metallglanz mit dem dichten Flaum wiegten ihre Häuptchen im Thau. Die frischen Buchenblätter glänzten wie kleine Spiegel mit silberhaarigen Rändern, während die ganz neuen Buchen sich durch das todte Laub mit zwei breiten, silbernen Blättern empordrängten, auf denen die Bucheckern noch wie Marschallshütchen saßen. Dichtgedrängt füllten sie den Boden, in trautem Verein mit den jungen Tännchen, die ihren ersten Nadelbüschel ebenfalls im Federhütchen verborgen hielten.

Die Hirten begannen mit ihren Heerden zu Berg zu ziehen; in endlosen Karavanen ging es hinan, die duftigen Lämmchen drängten den Müttern nach und trugen Thymiangeruch in der dichten Wolle dahin. Die jungen Hirten mit den Brombeeraugen und dem herabwallenden Rabenhaar unter der hohen Lammfellmütze blickten weit hinaus, so träumerisch, als ginge die ganze kleine Welt sie gar nichts an. Wer da unten regiert, kämpft, hadert, leidet, jauchzet und stöhnt, ist für sie so gleichgiltig wie der Wind, der leise die Tannenhäupter bewegt. Sie wissen nicht einmal, daß das Edelweiß schön und begehrt ist, und daß die Alpenrosen im Thal besonders bewundert werden. Sie sehen das alles in solchen Massen! Frau Sorge hat auf der freien Alp keinen Sitz. Die wandelt durch's Thal und drückt in den engen Häusern der Menschen Herzen zusammen.

Da steht ein einsamer Mann auf dem kleinen Friedhof, vor dem schmucklosen Hügel und weint. Ihm ist es, als müßte er die Erde anklagen, die sein Alles verschlungen, und als könnte er doch nicht los von dem theuern Fleckchen. Die Bahn ist wieder hergestellt, seine Arbeit vollendet. Nun soll er fort und weiß nicht wohin. In seiner Tasche ist ein Brief seiner Mutter, die ihn sehnsüchtig erwartet, die ihm von einer seiner Jugendfreundinnen erzählt, sie sei Wittwe geworden. »Und auf seinem Schreibtisch daheim liegt ein Ruf in den Kaukasus. Er steht am Grabe. »Sage Du mir, was soll ich thun?« – Und ihm ist's, als hörte er wieder ihre Stimme, wie in den letzten Tagen ihres Lebens: »Meine Kinder, meine kleinen Kinder!« –

Und er wählt den Kaukasus, die Einsamkeit des Herzens, das sichere Brod seiner Kinder, den Verzicht auf ein neues eheliches Dasein. Er thut den heiligen Schwur, ein einsamer Mann zu bleiben und den Kleinen nie eine Stiefmutter zu geben. Vielleicht folgte er dem Ruf seiner Mutter, hätte nicht das kleine Wort von der Freundin im Briefe gestanden.

»Clarisse!« sagte er, »Dir bleibe ich treu bis an den Tod!«

Ein Wagen voll heiterer Gesichter fuhr vorüber, die aber alle einen Augenblick ernst wurden, da sie den weinenden Mann auf dem Grabe erblickten. Hinter ihm stand sein Hund und ließ den Kopf hängen, als trauere er mit ihm. Die Vorüberfahrenden fühlten ein tiefes Weh sie umschweben, das den ganzen schönen Frühlingstag in dunkle Schleier hüllte.

Wenige Tage darauf fuhr Delorme mit den beiden Kindern, in tiefe Trauer gekleidet, in die Welt hinaus, um nichts zurückzulassen als seine vollendete Arbeit und sein begrabenes Glück.

Margarethe.



Ich hatte sie seit zehn Jahren nicht gesehen, als ich ihr zufällig in der Jägerstraße begegnete. Sie wollte freundlich grüßend an mir vorüber eilen; ich hielt sie aber an, und da ich gerade im Begriff gewesen, in die Schauß'sche Conditorei einzutreten, bat ich sie, mit mir zu kommen: ich hätte ihr so viel zu erzählen. Der Glückliche ist immer mittheilsam! Sie ließ sich überreden und setzte sich mir gegenüber in eine Fensternische.

Als das Licht nun so voll auf sie fiel, erschrak ich über die Verheerung, die zehn Jahre auf ihrem Gesichte angerichtet; im flüchtigen Sehen war sie mir ziemlich unverändert erschienen. Unwillkürlich warf ich einen Blick in den Spiegel, unter dem sie saß, und mußte gestehen, daß die Zeit an mir ziemlich spurlos vorübergegangen war, daß meine vier Kinder mir keine bittere Falte, kein graues Haar gebracht.

»Und damals, als wir zusammen bei Merget lernten, warst Du wirklich schon heimlich verlobt?« fragte sie.

Sie schien sich so aufrichtig für mich zu interessiren, daß ich ihr genau Bericht erstattete von den Jahren, die vergangen waren, seitdem wir uns zusammen auf das Lehrerinnen-Examen vorbereitet hatten – sie, um wirklich Erzieherin zu werden, ich, um meinem kleinen Ehrgeiz zu genügen und meinem Verlobten, der gerade seine Assessor-Prüfung machte, die Gleichberechtigung der Frau zu beweisen.

»Du bist dann gleich nach England gegangen?« wandte ich mich an sie.

»Ja wohl,« entgegnete sie und fragte nach den Namen meiner Kinder.

Aber sie irrte sich, wenn sie glaubte, ich wollte nur von mir reden. Ich hatte sie immer lieb gehabt und bewundert, weil sie als dreizehnjähriges Mädchen ein schweres Unglück, das auch den Umschwung ihrer Lebensverhältnisse mit sich führte, so tapfer ertragen hatte. Ihr Vater, ein reicher Gutsbesitzer in Hinterpommern, der den Winter stets in Berlin zubrachte, verlor durch allerlei Mißgeschick sein ganzes Vermögen. Das schöne Rittergut wurde von seinen Gläubigern verkauft, und er erschoß sich aus Verzweiflung. Margarethe, ein fünfjähriger Bruder und die schwindsüchtige Mutter waren auf die Güte ihrer Verwandten angewiesen. Ihre Lage mußte eine sehr drückende sein, denn Margarethe konnte die Zeit kaum erwarten, wo sie alt genug sein würde, nur für die Ihren zu arbeiten. Ja, es war, als ob die eiserne Pflicht, die sie fühlte, ihr auch physische Kräfte gäbe; aus dem bis dahin sehr zarten, schwächlichen Kinde wurde mit der Zeit ein kräftiges, fast blühend aussehendes Mädchen. Nur die großen Augen hatten seit des Vaters Tode einen Ausdruck des Leidens bekommen, und das ganze Gesicht war viel ernster als ihre Jahre. Sogar ein Zug von Alter lag stets darin, die ruhigen, regelmäßigen Züge paßten nicht zu der Jugendlichkeit der Gestalt. Die schwarzen Haare, welche etwas kraus und kurz waren, wurden nur durch ein Band gehalten und hingen im Nacken herunter; vorn trug sie einen Scheitel und kämmte die Haare glatt über die Stirn. Ihr Profil war ganz griechisch, und in der Zeichenstunde diente sie uns oft als Modell. Sie war entschieden schön, aber sie legte gar kein Gewicht darauf. Wir, ihre Mitschülerinnen, citirten sie jedoch immer als eine Schönheit und waren von den blauen Augen unter den Bogen der schwarzen Brauen entzückt. Gerade in Norddeutschland haben blauäugige Mädchen so selten schwarzes Haar.

Jetzt aber, wie sie mir in der Conditorei gegenüber saß und ihr häufiges Husten durch Wassertrinken zu beruhigen suchte, fand ich keine Spur mehr von Schönheit an ihr. Das Profil war wohl regelmäßig geblieben und die Augen groß und klar, aber das Haar an den Schläfen ergraut, die Gesichtsfarbe gelb, die Wangen eingefallen – und das alles in zehn Jahren.

 »Du arbeitest gewiß zu viel,« fragte ich, um auf ihr Leben übergehen zu können.

»Oh nein,« sagte sie abweisend. Sie hatte dieselbe lächelnde, liebenswürdige Art wie als Kind.

»Du siehst aus, als hättest Du viel gelitten,« fuhr ich mit der Zudringlichkeit der Schulfreundschaft fort.

Sie wurde roth, als sie antwortete: »Ich habe mich in den letzten Wochen sehr um meinen Bruder geängstigt: er hat den Typhus. Um ihn zu pflegen, bin ich hier. Er studirt an der Universität.«

»Und die Mutter?« fragte ich etwas bange.

»Sie ist vor sieben Jahren gestorben, ich bin Erwin's einzige Stütze.«

Ich verstand, was das Wort »Stütze« sagte: sie ernährte ihn, wie sie wahrscheinlich schon all' die Jahre ausschließlich für den Unterhalt von Mutter und Bruder gesorgt.

»Kehrst Du jetzt in Deine frühere Stellung zurück?«

»Das weiß ich noch nicht,« sagte sie ruhig, »ich habe acht Tage Bedenkzeit. Wenn ich hier eine Beschäftigung finde, die mir für Erwin und mich genügende Mittel einträgt, möchte ich bei ihm bleiben; er ist noch sehr jung und hat eine zarte Gesundheit. Vielleicht kehre ich aber auch zurück.«

Wie groß muß ein Leiden sein, das sich so zu verstecken sucht! Während sie ruhig, gleichgültig sprach, fühlte ich an ihrer Stimme, der Verrätherin aller großen Erregungen, daß sie irgend einen schweren Kampf bestand. Sie aber lenkte das Gespräch augenblicklich auf etwas Anderes.

»Wie wunderschön ist Berlin geworden!«

»Warst Du lange nicht hier?«

»Seitdem ich mein Examen gemacht habe, nur einmal, nach Mama's Tode. Nachher kam Erwin in den Ferien immer zu mir; die Familie, in der ich war, hat mich in jeder Weise verwöhnt.«

»Es war eine deutsche Familie in England?«

»Nicht ganz. Der Herr ist ein Deutscher; da seine Frau aber eine Engländerin ist, und er seit zwanzig Jahren dort drüben lebt, sind die Kinder sehr englisch geworden.«

»Der Mann ist natürlich auch ein Deutschfeind, wie fast alle Deutschen im Ausland?«

»Doch nicht, dazu ist er zu tief gebildet.«

Woher mir war, wie sie dies Wort über ihn aussprach, als müßte Er es sein, der ihr Leben gebrochen, weiß ich nicht; es klang vielleicht so begeistert. Sie wurde aber schon ungeduldig, obgleich sie sah, daß ich meine Tasse Chocolade noch nicht ausgetrunken hatte. »Erwin könnte mich erwarten; ich hatte ihn nur verlassen, um eine nothwendige Besorgung in der Stadt zu machen,« sagte sie.

»Wo wohnst Du?«

»Er wohnte in der Luisenstraße, in einer kleinen Studentenwohnung; da er aber nicht transportirt werden konnte, mußte ich froh sein, bei seiner Wirthin in dem schmutzigen Hause auch noch eine Stube zu finden. Ich kann wirklich sehr glücklich sein, daß er unter so ungünstigen Umständen die schwere Krankheit gut überstanden hat.«

»Er hängt wohl mit dankbarster Liebe an Dir?«

»Er übertreibt, was ich für ihn thue. Das ist ja meine elementarste Pflicht: er hat nur mich auf der Welt.«

»Bald wird er es sein, der für Dich sorgt.«

Sie lächelte. »Wenn er mich einmal nicht mehr braucht . . .,« doch sie vollendete den Satz nicht. Ich hatte sie aber verstanden, und mir traten die Thränen in die Augen.

»Margarethe,« sagte ich; – doch ich hatte zu viel Ehrfurcht vor ihr. Ich wagte ihr nicht zu sagen, daß sie dazu kein Recht hätte. Was wußte ich denn von ihr? Wußte ich denn, ob sie nicht das Recht hätte? Vor zehn Jahren hatte ich sie als blühend schönes Mädchen gesehen; jetzt brachte ein Zufall mich mit ihr zusammen, und das Leben hatte sie in dem Zeitraum vernichtet. Das Leben oder eigene Schuld? Aber Schuld ist auch Leben, und doch konnte sie keine haben, die so tapfer und selbstlos arbeitete! Ich war noch zu jung, um nicht an die Liebe als einzige Ursache so verzehrenden Leids zu denken. Aber wenn sie den Mann geliebt, in dessen Hause sie lebte, warum hatte sie es nicht schon längst verlassen? War ich in meiner ersten Voraussetzung irre gegangen?

Wir waren unterdeß nach ihrer Wohnung gefahren, wo ich die Erlaubniß erbat, sie am folgenden Tage zu besuchen. Sie ertheilte sie mit herzlichem Dank und versprach, bei ihrem nächsten Ausgang, falls die Zeit reichte, bis zu mir in die Bendlerstraße zu kommen. Als ich in mein Haus zurückgekehrt, bedrückte mich die Behaglichkeit meines Heims. Ich wünschte in dem Augenblick, Margarethe von Kriemer huldige socialistischen Theorien, und ich könnte ihr, ohne sie zu beleidigen, einen Theil meiner Habe geben. Ich mußte immer an das traurige Haus in der Luisenstraße denken und malte mir das Zimmerchen im dritten Stock aus, die »Studentenwohnung«, in der Erwin krank lag. Als er noch Knabe war, hatte ich ihn öfters gesehen; seine Augen blickten so traurig, wie die seiner Schwester, und sein Gesicht, wie das ihre, war von schwarzen Haaren eingerahmt. Wie erstaunte ich daher, als ich am nächsten Tage zu Margarethe kam, und einen jungen Mann mit kurz geschorenen Haaren, zwar bleich von der überstandenen Krankheit, aber mit entschieden muthwilligem Gesichtsausdruck und lächelnden Augen auf dem Sopha liegen fand! Keine Spur von Melancholie war an ihm zu entdecken, und der Abglanz seiner Heiterkeit lag auch auf der Schwester. Sie schien eine Andere als am Tage vorher.

»Ich las ihm eben aus Dickens vor,« sagte sie und legte ein Buch bei Seite. »Er lacht dann immer so herzlich, daß man es durch den ganzen Flur hört, und Lachen ist doch die beste Medicin.«

»Sie sind wohl sehr glücklich, Margarethe einmal hier zu haben?« wandte ich mich an ihn.

»Oh, ich lasse sie auch nicht wieder fort.«

Die Schwester lächelte.

»Wir wollen uns rechte Mühe geben; vielleicht finden wir wirklich ein Mittel, sie hier festzuhalten,« meinte ich.

»Es ist gar nicht nöthig, daß sie hier wieder arbeitet; dazu bin ich ja da.«

»Das ist eben meine Sorge, daß er sich den Kopf zu früh wieder anstrengt. Denk' Dir: gestern, als ich zurück kam, fand ich ihn schreibend!«

Ich mußte Margarethe natürlich beistimmen, daß Arbeiten Gift für den noch so matten Kopf sei, und daß Erwin Gefahr laufe, sich sein Gehirn dauernd zu schwächen, wenn er solche Versuche wiederhole.

»Laß es nun endlich gut sein, Grethe,« sagte er wie ein trotziger Junge, »ich thue es ja nicht wieder.«

Als sie aber in's Nebenzimmer ging, um ihm zur festgesetzten Stunde einen kleinen Imbiß zurecht zu machen, wandte er sich an mich: »Grethe ist viel unvernünftiger als ich. Da arbeitet sie jetzt sogar bei Licht an diesen kleinen Malereien auf Glückwunschkarten, die ein Londoner Buchhändler bei ihr bestellt. Sie werden natürlich brillant bezahlt, sonst thäte sie es ja nicht. Sie zeichnet sehr geschmackvoll, das hat sie in England gelernt.«

Ich wollte jetzt aber gern irgend Etwas über die Familie, in der Margarethe fast zehn Jahre lang gelebt, aus dem Bruder herausbringen, in dem unbestimmten Gefühl, daß ihre Schwierigkeiten da lägen, und ich ihr vielleicht nützlich sein könnte.

»Interessirt sich Frau Lesser denn nicht für sie? Ihr wäre es denn doch ein Leichtes, die Geldsorgen zu heben.«

»Das sage ich Grethe auch immer! Sie hat sich den Kindern derartig geopfert, daß sie wirklich eine Unterstützung annehmen könnte. Aber Sie kennen meine Schwester nicht: sie ist unbändig stolz! Ich glaube sogar, darum will sie nicht nach England zurück, weil Herr Lesser ihr Geld hierher geschickt hat. Dabei brauchten wir es damals; Grethe hatte diese Bestellung noch nicht, obgleich sie sich durch Bekannte in London schon sehr darum beworben. Gestern hat sie ihm nun die ganze Summe zurückgeschickt.«

Es lag ein Ton von Aerger in seiner Stimme; der junge Mann theilte entschieden nicht die Skrupel seiner Schwester. Ich war eigentlich seiner Meinung, wenn mir auch seine kleine Tactlosigkeit, das alles gleich zu erzählen, nicht entging. Doch daran trug ich allein die Schuld, ich hatte ihn dazu aufgefordert; und vielleicht fühlte er, daß ich von ganzem Herzen Antheil an seiner Schwester nahm, er mir also vertrauen konnte.

»Grethe war sehr glücklich, Sie gestern gesehen zu haben,« sprach er weiter. »Wir haben den ganzen Abend von Ihrem Elternhaus geredet und von einem Ball, zu dem ich auch mitgeladen war.«

»Margarethe sah reizend aus, ich entsinne mich sogar ihrer Toilette, sie hatte eine Schilfgarnitur um ein weißes Kleid und auch Schilfblätter auf dem Haar.«

»Ja, ich weiß es auch noch genau. Mama liebte elegante Kleider und hatte aus alten Sachen von sich Grethe so hübsch herausgeputzt. Ich glaube, sie war die Allerschönste auf dem Balle.«

»Das war sie; aber jetzt sieht sie recht angegriffen aus.«

»Oh, wie eine alte Frau,« sagte er achselzuckend, »sie ist ja auch 28.«

»Ist das so furchtbar alt?« fragte ich lächelnd.

Er wurde roth, denn ihm fiel ein, daß ich eben so alt wäre. »Für ein unverheirathetes Mädchen,« meinte er dann etwas verlegen, als Margarethe eintrat. Sie brachte ihm eine Schüssel mit Spargeln und etwas Zunge. Ja, wenn sie ihn so nährte, mußte sie viele Blumen zeichnen! Ich trat an's Fenster, damit ihn meine Anwesenheit nicht beim Essen genirte. Er hatte aber von der Wichtigkeit seiner Mahlzeit die Ueberzeugung, die Reconvalescenten eigen ist, und es war eine überflüssige Vorsicht meinerseits. – Die Luisenstraße ist immer unschön, der Novembernebel machte sie noch trüber. Das Zimmer glich ihr; es war kleinbürgerlich eingerichtet, die rothe wollene Tischdecke, die »möblirten Zimmern« anzuhaften scheint, eine wurmstichige Commode u. s. w., die traurigste Armuth, weil sie nicht individuell, sondern gleich typisch erscheint. – Margarethe errieth die Betrachtungen, die ich anstellte.

»Man hängt doch weniger von seiner äußeren Umgebung ab, als man glaubt,« sagte sie.

»Ich meine, Du irrst Dich,« entgegnete ich. »In entscheidenden Augenblicken und für die großen Gefühle des Lebens ist die äußere Umgebung ganz gleichgültig; das kleine tägliche Sein aber beeinflußt sie mehr, als wir ahnen oder uns zugestehen.«

»Wie eigen, daß Du auch solche Beobachtungen gemacht hast! Ich glaubte bisher, der englische Nebel wäre es, der mir diese Neigung gegeben,« erwiderte sie nach einer Weile.

Da hatte Erwin seine Mahlzeit beendet, und die Schwester drang darauf, daß er ein wenig zu schlummern versuchte. Wir gingen daher in das Nebenzimmer, in dem Margarethe schlief, arbeitete und zugleich auf einem Petroleumkocher die Mahlzeiten für den Kranken herrichtete. »Seitdem er soviel besser ist, habe ich nur die Aufwartefrau zur Hülfe,« sagte sie, als sie sich daran machte, die gebrauchten Teller und Schüsseln zu reinigen. Ich half ihr, und sie lachte darüber, wie viel praktischer ich Alles angriff.

»Ja, ja, so eine verheirathete Frau versteht es. Ich habe wenig Geschick, gar keine Uebung, nur guten Willen, und der ersetzt nicht Alles.«

Dies gemeinsame Tellerwaschen hatte uns aber einander viel näher gebracht, als unsere bisherigen Gespräche. Die Scheu, die sie augenscheinlich vor mir gehabt, verschwand; sie fühlte die Zusammengehörigkeit, die uns doch die vielen gemeinsam verlebten Schuljahre gaben. Aber daß sie unter dem Bann irgend einer acuten Angst stand, daß ihr Interesse irgendwo anders als hier war, fühlte ich immer deutlicher.

»Es ist eine merkwürdige Fügung, daß ich Dich gerade gestern traf,« sagte sie. »Ich hatte in Berlin noch keinen Bekannten gesehen.«

»Sind Deine Verwandten nicht mehr hier?«

»Der Onkel ist gestorben, und die Tante ist zu der verheiratheten Tochter nach Bonn gezogen. Wir hören selten von einander: sie sind nicht sehr stolz darauf, mit einer Gouvernante so nahe verwandt zu sein, Du weißt, es waren immer hochmüthige Leute.«

Ich wartete darauf, zu erfahren, warum die Fügung so wunderbar sei, die uns zusammengebracht; sie fing aber von etwas Anderem an. »Es ist so schwer, Jemandem zu rathen!«

»Darf ich Dir irgend einen Rath geben?«

»Du kennst Erwin zu wenig,« fuhr sie fort. »Wenn Du ihn länger gesehen, möchte ich Dich wohl fragen, ob er sich jetzt allein durch die Welt kämpfen könnte.«

Ich erschrak, denn mir fiel ihr Wort von gestern ein: ›Wenn er mich einmal nicht mehr braucht.‹ Aber ich wollte es mir nicht merken lassen und sagte darum: »Du meinst, ob Du nach England zurückkehren sollst?«

»Nicht gerade; ich möchte nur wissen, ob er kräftig genug ist, allein für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, wenn ich mich z. B. verheirathe.«

Mein Herz schlug förmlich schneller vor Freude. »Ach, Margarethe,« rief ich etwas stürmisch, »thue es doch, heirathe! Du kannst ja dann erst recht für ihn sorgen.«

»Doch nicht,« meinte sie. »Er hätte aber einen moralischen Halt an meinem Hause; vielleicht könnte er auch bei mir wohnen.«

»Gewiß; ich glaube, für ihn wäre am besten gesorgt, wenn Du gut aufgehoben wärst. – Und wer ist es?« fragte ich etwas indiscret.

»Oh, es war nur so eine Voraussetzung; ich überlege mir die Sache nur in der Theorie,« entgegnete sie, leise erröthend. »Ich habe nie eine so warme Zuneigung empfunden für Jemanden, der sich mir mit dem Gedanken der Heirath näherte, um meinetwegen einzuwilligen; ich dachte eben nur, was für ihn besser wäre. Selbstverständlich würde ich das dem Manne sagen,« fuhr sie lebhafter fort, »es wäre eine reine Vernunftehe. Denn mich heirathet man natürlich auch nur, um eine Erzieherin für seine Kinder zu haben.«

Es handelte sich also um einen Wittwer, so viel war ihr unbewußt entfahren.

»Du hast auf Deine Schönheit nie Gewicht gelegt; aber Andere thun es doch.«

»Wer weiß, ob ich es nicht einst that, ob es mir nicht leid ist, so häßlich geworden zu sein?« sagte sie scherzend. Ehe ich etwas antworten konnte, rief der Bruder sie, und als sie zu mir zurückkehrte, war sie wieder mit ihm beschäftigt.

»Er ist ein kleiner Egoist,« meinte sie. »Mir ist es ja wohlthuend, daß er mich so sehr in Anspruch nimmt, aber darum verliere ich doch das klare Urtheil nicht. Ehrlich gestanden, ist mir sein Egoismus aber ein Trost; er wird mit ihm leichter durch's Leben kommen. Erwin ist auch nicht überempfindlich, und ein gesundes Ichgefühl gehört wohl zu einem ganzen Menschen. Ein Wunder ist es nicht, daß er manche geistige Zartheiten und Rücksichten nicht kennt; wer hätte sie wecken sollen? Mama starb so früh, ich hatte ihn nur in den Ferien – und dann habe ich ihn wohl immer sehr verwöhnt und Alles an ihm gutgeheißen.«

Ich mußte sie nun verlassen, ich sah, daß ich sie störte; aber ich konnte ihr doch noch sagen, wie lieb ich sie so schnell wieder gewonnen. Sie äußerte mir Aehnliches und versprach auch, wirklich mit mir Rath zu pflegen, ehe sie eine Entscheidung für die Zukunft träfe.

Zwei Tage hoffte ich vergebens auf ihren Besuch. Als sie auch am Vormittage des dritten nichts von sich hören ließ, obgleich ich ihr täglich Kleinigkeiten für den Kranken aus meiner Küche geschickt hatte, trieb mich eine gewisse Unruhe wieder zu ihr. Auch hatte ich durch einen glücklichen Zufall von unserem Hausarzt erfahren, daß der General Brinkow, mein Nachbar, ein angenehmer alter Herr, für sein Enkeltöchterchen eine englische Gouvernante suchte. Margarethe würde die Stelle einer solchen ausfüllen können; sie war überhaupt wie dazu gemacht, die Hausfrau dort zu vertreten und der kleinen Waise eine Mutter zu werden. Mit diesem Anerbieten ging ich also zu ihr; jetzt dachte auch ich, es sei eine wunderbare Fügung gewesen, daß wir alten Schulfreundinnen uns neulich so plötzlich wiedergefunden. Ich stellte mir vor, wie oft wir uns in Zukunft sehen könnten und welche Zierde unserer kleinen Gesellschaften sie werden würde. Zu meinem Manne hatte ich sogar die Absicht geäußert, unser Fremdenzimmer Erwin für diesen Winter anzubieten, damit die Schwester ihm näher sei; er hatte aber ein entschiedenes Veto eingelegt, wenn er mich sonst auch meistens in den häuslichen Anordnungen gewähren läßt.

Diesmal fand ich Erwin nicht so heiter. Er lag auf seinem Krankenstuhl, klagte über Kopfweh, meinte aber, das Schlimmste sei, daß Grethe so elend wäre. Ich fand sie im Bett, ihr Husten hatte sich verschlimmert und sie fieberte stark; dabei hatte sie ihren Malkasten am Bett und kochte auf dem Seitentisch Erwin's Mittagessen. Es war wirklich ein jammervoller Anblick in dem kleinen düstern Hinterzimmer. Ich bat sie, zu entscheiden, ob ich oder eines meiner Dienstmädchen ihr nützlicher sei. Sie wollte zuerst weder meine, noch eines Mädchens Hülfe annehmen; schließlich aber erlaubte sie mir zu bleiben. Erwin schien damit höchst zufriedengestellt; wir spielten Schach und, als ihn das zu sehr anstrengte, Domino. Ich ließ nun doch meine Dienerin durch den Wagen holen und alles Nöthige besorgen. Margarethe brauchte vor allen Dingen Schlaf, ich hatte darum auch kein Wort mit ihr gesprochen und nur Erwin beim Fortgehen gesagt, ich käme am nächsten Morgen ganz früh mit meinem Factotum wieder, er solle nur so lange im Bett liegen bleiben. Er hatte die dankbare Art kranker Kinder, die sich über Alles freuen, was für sie geschieht; ich vergaß dabei ganz, daß er zehn Jahre älter war, als mein Sohn.

»Kommen Sie auch ja nicht später als halb Neun,« rief er mir noch beim Fortgehen zu.

Mein Mann schien nicht sehr erbaut von den Verpflichtungen, die ich übernommen. Ich ließ mich aber nicht irre machen, schlug sein Anerbieten, mein ›Hospital‹ auch mit einem Besuch zu beehren, jedoch energisch ab.

Am nächsten Morgen fand ich Margarethe schon auf; sie wollte sich auch nicht in's Bett zurückschicken lassen, sondern behauptete, ihr sei wieder ganz wohl, so daß ich das Gefühl bekam, überflüssig zu sein. Als ich es äußerte, lachte sie, was wie eine Bejahung klang. Erwin aber bestand darauf, daß ich, wie abgemacht, den Tag über dabliebe. Seine Schwester sagte schließlich fast gereizt: Man dürfe einer Fremden nicht so lästig fallen.

»Einer Fremden?« wiederholte ich verletzt. »Steht eine Freundin Einem nicht ebenso nahe, wie eine Verwandte?«

»In der Welt wird selten nach frei gewählter Zuneigung gehandelt,« meinte sie.

»Grethe ist, wie immer, überempfindlich; das ist ganz krankhafter Stolz,« sprach Erwin dazwischen. »Sie will keine Güte annehmen, die sie nicht erwidern kann.«

Er wurde wirklich von ihr verwöhnt, denn sie entgegnete ihm freundlich: »Ich glaube, Du hast Recht; aber alte Jungfern haben so viele Fehler.«

Der Streit wurde durch den Arzt unterbrochen, der noch jeden Morgen zu Erwin kam. Ich zog mich in's Nebenzimmer zurück. Der Doctor hatte mir einen angenehmen Eindruck gemacht; es war ein älterer Mann mit glatt rasirtem Kinn von etwas jüdischem Aussehen.

»Wie heißt er?« fragte ich Margarethe, als er fortgegangen.

»Dr. Hirschel; der Name ist nicht schön.«

»Auf den Namen kommt es ja bei einem Arzt nicht an.«

»Nein,« sagte sie etwas zerstreut, so daß es mir durch den Kopf ging, sie sei am Ende abergläubisch, und es käme ihr doch auf den Namen an.

»Würdest Du ihn heirathen?« wandte sie sich dann zu mir.

Das war allerdings ein Gesichtspunkt, unter dem ich nicht entfernt an ihn gedacht hatte. »Er ist Wittwer?« fragte ich, anstatt zu antworten.

»Ja, seine älteste Tochter ist 15 Jahre alt, dann hat er noch drei Töchter zwischen 7 und 12.«

Wir schwiegen beide.

»Ich bin eigentlich sehr dafür, daß Mädchen heirathen,« sagte ich nach einer Weile. »In der Theorie rede ich zu jeder Ehe zu; wenn ein Fall mir aber praktisch näher rückt, bin ich ein wenig sentimental, verlange ich immer etwas Liebe. Es hat für mein Gefühl sogar etwas Unmoralisches, eine Ehe ohne Liebe.«

Margarethe war bleich geworden bei dem Worte ›unmoralisch‹, dann entgegnete sie: »Wenn Du wüßtest, wie viel mehr Vertrauen und Achtung ich einer Frau gegenüber fühle, die diese sogenannte Sentimentalität hat, würdest Du mir schon neulich von ihr gesprochen haben. Aber die ganze moderne Anschauung steckt auch sentimentale Menschen schließlich an. Und dann, mein Gott!« stieß sie hervor, »Jeder macht vor'm Ertrinken eine letzte Anstrengung, um sich zu retten.«

Was sollte ich erwidern? Ich hoffte, sie würde mehr sagen, und fürchtete, irgend eine Aufforderung von mir würde sie abschrecken.

»Du hast ihn so sehr lieb, den Andern?« fragte ich plötzlich leise und umschlang sie.

Sie fing krampfhaft an zu weinen und verbarg ihren Kopf an meiner Schulter. »Wahnsinnig lieb, ganz wahnsinnig! Wie könnte es auch anders sein!«

Für Erwin hatte aber unsere Unterhaltung zu lange gedauert. Da wir auf seine Klingel nicht geachtet hatten, rief er jetzt zornig seine Schwester. Ich ging zu ihm und entschuldigte sie, denn sie wollte sich ihm mit den Thränen in den Augen nicht zeigen. – Mir war das Herz schwer vom Nachhall ihrer leidenschaftlichen Worte und von der Sorge, es könnte ihr leid thun, auch nur so viel gesagt zu haben. Es schien mir, als hätte sie ihr eigenes Todesurtheil damit ausgesprochen und sich vollständig aufgegeben, nun da sie ihren Kummer überhaupt erwähnt. Und doch! Wer nicht mehr leben will, der kämpft auch nicht mehr, und ihr hatte ein Uebermaß geistigen Ringens das Geständniß abgezwungen. Die Heilung lag vielleicht im Wort; ach, hätte ich nur das Mittel, ihr Herz zu erschließen! Ich sah es Alles klar vor mir: es war wie ein Text zu Antonie Volkmar's bekanntem Bilde ›Die neue Gouvernante‹. Margarethe und der Vater ihrer Zöglinge, Beide waren Deutsche, ein mächtiges Band, das sie in der Fremde von vornherein an einander knüpfte; dazwischen die Frau: reich, beschränkt, hochmüthig, herzlos. Aber wie hatte Margarethe zehn Jahre in dem Hause bleiben können, Margarethe, so wie ich sie kannte, stolz, überempfindlich und durch und durch ehrenhaft?

Sie war unterdeß in das Zimmer zum Bruder getreten; ich benutzte die Gelegenheit, ihr zu sagen, welch' reizenden Plan ich entworfen: sie solle die Stellung bei dem General annehmen, dann würden wir Nachbarn, u. s. w. Sie dankte mir freundlich, sagte aber bestimmt, sie würde nie mehr in ein fremdes Haus eintreten; entweder kehre sie zurück oder suche sich durch Privatstunden eine kleine Selbständigkeit in Berlin zu gründen, um bei Erwin bleiben zu können. Natürlich war ich enttäuscht; daß kein Zureden nützen würde, hatte ich aber eingesehen. Der Briefträger brachte in demselben Augenblicke mehrere Briefe mit dem englischen Poststempel. Margarethe wurde roth. »Von meinen Schülerinnen,« sagte sie; aber sie öffnete sie nicht, sondern steckte sie ruhig in die Tasche. Erwin war ungnädig, daß ihn der Briefträger stets vernachlässigte. Ich neckte ihn und versprach, jeden Abend ein Zettelchen an ihn in den Kasten zu stecken, damit er Morgens nicht leer ausginge.

»Margarethe bekommt nämlich unverschämt viele Briefe; jeden Tag, jeden Tag,« klagte er.

»Aber wenn sie sie nicht liest, was nützen sie ihr!« meinte ich scherzend.

»Sie liest sie schon, aber erst später. Sie ist pedantisch, wie alle Gouvernanten.«

Ich wollte fortgehen, da ich sah, daß Margarethe keine Anstalten machte, ihre Briefe zu erbrechen, und da ich sie überhaupt zu stören schien. Behülflich konnte ich doch nicht sein, die Aufwartefrau und eines meiner Mädchen waren da. Erwin ließ mich nur mit dem Versprechen fort, ihn am Nachmittag wieder zu besuchen; Margarethe aber sagte, als ich meinen Hut aufsetzte: »Ich komme mit Dir, wenn es Dir recht ist.«

Natürlich war es mir sehr recht, und wir gingen beide zu Fuß die Luisenstraße herunter, über die Marschallsbrücke und durch die Dorotheenstraße in den Thiergarten.

»Hier ist es immer schön, zu jeder Jahreszeit,« sagte sie tief aufathmend. »Komm, setz' Dich hier auf eine Bank.« Es war 10 Uhr früh, also störte uns kaum ein Vorübergehender.

»Wirst Du Dich aber nicht erkälten? Es ist rauh und Dein Husten immer noch nicht besser.«

»O nein, ich erkälte mich bei diesem Wetter nicht, das bin ich gewöhnt,« entgegnete sie lächelnd. »Mich stört nur die Sonne; der graue Wolkenhimmel ist mir sympathisch.«

Ich schwieg; ich wußte, daß sie mir entweder freiwillig Alles sagen würde, was sie bedrückte, oder daß es ihr leid geworden, sich mir überhaupt anvertraut zu haben; jedenfalls würde eine Aufforderung von mir sie nur stören. Sie sammelte mit dem Stock ihres Regenschirms die gelben Blätter, die um uns herumtanzten. Ich bewunderte halb unbewußt den zierlichen Schirm, die eleganten Handschuhe. Alle Gegenstände, die sie in persönlichem Gebrauch hatte, waren höchst geschmackvoll; ich las auf jedem von ihnen den Namen des Gebers.

»Es ist ein Verrath an ihm,« stieß sie heraus, indem sie mich groß, aber wie abwesend ansah, »das weiß ich. Aber ich will ihn verrathen, denn ich hasse ihn, ich hasse ihn, daß ich ihn erwürgen möchte.«

»Margarethe,« sagte ich beschwichtigend; doch mir traten die Thränen in die Augen aus Schreck vor solcher Leidenschaft. »Ich hasse ihn auch,« fuhr ich fort. »Als ich gestern Abend nicht einschlafen konnte und an Dich dachte, die Du krank, hülflos dalagst, mit dem erdrückenden Bewußtsein, für den Kranken im Nebenzimmer sorgen und arbeiten zu müssen, Dir nicht einmal den Tod wünschen zu dürfen, weil der Bruder noch unversorgt . .«

»Daran ist er aber nicht schuld! Nein, Anna,« fuhr sie in ihrer alten vernünftigen Art fort, »Du mußt meine Lage nicht übertreiben. Es giebt Tausende von Frauen und Mädchen, denen es weit schlimmer geht. Mein Gott, ein bischen Arbeit und Sorge ist ja erforderlich zum Menschenleben. ›Keinem wird so viel auferlegt, als er tragen kann‹, ist ein wahres orientalisches Sprichwort. Ich könnte auch noch sehr viel mehr tragen, wenn ich müßte. Sorgen, meine ich; Seelenqualen nicht.«

Wieder schwiegen wir. Der Herbstwind strich achtlos über die Blätter; gleichgültig, wohin er sie trug, fegte er mit ihnen vorüber; ein paar leere Droschken rasselten langsam und schwerfällig dahin auf der Straße, die wir durch die Baumstämme sahen; apathisch, erstorben war die Welt.

»Schreibt er Dir täglich?« fragte ich leise.

»Ja, er schreibt täglich, aber ich lese es nicht immer. Ich kann nur leben, wenn ich nichts von ihm höre – oder in seinem Arm.« Sie stand auf. »Komm,« sagte sie, »wir wollen weiter gehen. Willst Du mit mir auf den Kirchhof?«

Ich hatte mich ganz vergessen und hatte nur Margarethe in dem Augenblicke so lieb, daß ich für sie in's Wasser gegangen wäre. Wenn es gilt, Partei gegen einen Mann zu nehmen, fühlen sich die wahren Frauen immer solidarisch.

»Es ist etwas weit, wir wollen fahren,« wagte ich am Potsdamer Platz einzuwenden.

»Wie Du meinst.« Sie schien an den weiten Weg gewöhnt, stieg aber mit mir mechanisch in die erste Droschke, auf die wir stießen. Jetzt fuhren wir die ganze Potsdamerstraße hinaus.

»Siehst Du, Anna,« begann Margarethe plötzlich, sah aber dabei durch die kleine Scheibe hinaus und nicht auf mich. »Wer ihn nicht kennt, begreift es nicht. Es klingt Alles so niedrig, verwerflich, was ich Dir sagen will, damit Du mir hilfst. Hättest Du ihn gekannt, würde ich mich nicht so sehr scheuen.«

»Ich kenne Dich ja,« sagte ich.

»Das beweist nichts. Wenn ich Dir von ihm sage, was ich oft von Andern über ihn gehört habe, es klänge doch nur so, wie jede Frau von dem Manne spricht, den sie liebt. Nicht wahr, wenn Du von Washington, von Napoleon, von Goethe, mein Gott, von irgend so einer Ausnahme des Menschengeschlechts hörst, legst Du unwillkürlich einen anderen Maßstab an? Siehst Du, das mußt Du auch für Richard thun.«

Ich war nach Frauenart geneigt, ihn gleich über alle jene Herren zu stellen.

»Er war einst ein begeisterter Socialist, oder wie soll ich den Mann nennen, dessen Theorien in keine der bisher üblichen Schulen paßten, der aber fest glaubte, die sociale Gleichberechtigung Aller müsse sich im Lauf der Zeiten Bahn brechen, wie einst das Christenthum. Als Leiter einer Fabrik war er nach England gekommen, er wurde bald reich; er war aus gutem Hause und nur seiner Theorien wegen in's Ausland gegangen. Doch das brauche ich Dir ja nicht zu sagen; denn so schnell könnte ich Dir sein ganzes Leben nicht erzählen, mit all' den vielen herrlichen Irrthümern – herrlich, denn sie haben ihn zu dem gemacht, was er ist. Als er selbständig war, suchte er seine Ideen zu realisiren. Er hat natürlich Schiffbruch gelitten, aber er glaubt immer noch an viele von ihnen, ich auch, und darum kann ich ihn nicht vergessen, weil er nicht nur mein ganzes Fühlen, auch meine Weltanschauung mit sich angefüllt. Ich sehe nicht einmal mehr mit eigenen Augen.«

Wir waren unterdeß bis Schöneberg gekommen, immer geradeaus fahrend; aber der Kirchhof, den sie suchte, liegt erst hinter dem Ort, und so fuhren wir weiter.

»Er hatte ein Fabrikmädchen geheirathet; vielleicht kannst Du Dir darnach vorstellen, wie irrig seine Jugendträume waren. Sie ist jetzt der Fluch seines Lebens, aber er ist zu gut, um sie ganz aufzugeben.« Sie schwieg einen Augenblick. »Ich glaube, was er in seiner Ehe gelitten, ist nicht zu begreifen, wenn man die Frau nicht gesehen; sie ist eigentlich nur eine rohe Fleischmasse. Aber er hatte zwei Töchter von ihr, und er, der Socialist, suchte nach einer möglichst aristokratischen Frau, um sie zu erziehen. Trotz meiner Jugend war ich ihm von Berlin empfohlen worden. Als ich in's Haus kam, war Ellen 5, Mary 4 Jahre alt. Ich hatte die Hauptaufgabe, sie dem Einfluß der Mutter zu entziehen. Ich glaube, die habe ich gelöst, ohne daß das Herz der Kinder dabei zu sehr gelitten hätte. Sie lieben mich jedenfalls über alle Maßen, – aber ich kann doch nicht zu ihnen zurück.«

Der Wagen stand still, und wir stiegen aus. Nachdem wir einige Schritte gemacht hatten, hielt Margarethe an: »Ich kann jetzt doch nicht zum Grabe der Eltern gehen, ich bin mit meinem Herzen nicht bei ihnen. Wir wollen lieber umkehren. Ist es Dir recht, fahren wir noch etwas herum. Erst um 12 Uhr brauche ich bei Erwin zu sein.« Ich bat sie, zu mir zu kommen, sie schlug es aber aus. »Du mußt erst Alles hören. Wenn Du dann noch willst, vielleicht.«

So setzten wir uns wieder in das häßliche, rasselnde Gefährt.

»Wie ich zuerst in das Haus kam, dachte ich, ich hielte es nicht aus, trotz der sehr günstigen Bedingungen, die mich zur Annahme bewogen hatten, – Du weißt, Mama und der Junge . . .«

»Ich weiß, sie waren auf Dich angewiesen.«

»Die Frau ist sehr ungebildet, sie schreibt kaum richtiges Englisch. Sie war hochmüthig gegen mich und fügte mir von Anfang an eine Fülle kleiner Kränkungen zu. Richard sprach die ersten Tage kein Wort mit mir, er beobachtete mich bloß. Einmal jedoch, am zweiten Tage, als seine Frau dem Diener befahl, den Kindern erst zu serviren und dann mir, sagte er mit harter Stimme, daß ich stets gleich nach der Hausfrau bedient werden sollte. Mir war diese Scene so peinlich gewesen, daß ich gleich nach Tisch zu ihm herantrat und um die Erlaubniß bat, hinfort die Mahlzeiten mit den Kindern allein einzunehmen; es sei dies eine Erziehungsregel von mir. Er verbeugte sich und erwiderte: ›Ich habe absolutes Vertrauen zu Ihnen und bitte Sie wegen meines tactlosen Benehmens bei Tisch um Entschuldigung.‹ Ich war so bestürzt, daß ich nichts zu sagen wußte, zumal er die Worte absichtlich laut gesprochen, damit seine Frau und der Diener sie hören sollten. Wir aßen seitdem allein und früher; der Hausherr fand sich aber häufig im Schulzimmer ein, zur Zeit, wo für uns gedeckt wurde; später speiste er sogar oft mit uns. Ich muß ihm wohl von Anfang an gefallen haben,« fügte sie mit einem bitteren Lächeln hinzu, »er hatte eine Art mich zu beobachten, die mich verlegen machte, da sie durchaus nicht prüfend, sondern bewundernd war. Du fragst, warum ich damals nicht gleich das Haus verließ? Aber ich ahnte nicht, was es war, das mich so froh machte und mir das ganze innere Leben umgestaltete. Das erste Glück verbarg mir jede Einsicht.«

»Wir sprachen immer deutsch mit einander. Anfangs horchte er mich mehr aus; es muß ihm nicht schwer gefallen sein, denn ich hatte keine Geheimnisse. Erst allmählich sprach er von den Wünschen in Bezug auf seine Kinder – noch erwähnte er seine Frau mit keinem Wort. Er schämte sich aber ihrer vor mir: beging sie irgend eine Tactlosigkeit, machte sie einem der Dienstboten eine heftige Scene, suchte er es vor mir geheim zu halten. Sie bildete sich stets ein, daß sie bestohlen wurde. Einmal fehlte ihr ein Ring – der sich nachher in ihrem Bette fand – und sie ließ überall Haussuchung halten, auch in meinem Zimmer, in meinem Koffer! Richard war damals gerade verreist. Als er zurückkam, theilte ich ihm mit, daß ich das Haus verlassen müsse. Er drang in mich, warum. Es war in seiner Bibliothek, in die er mich gebeten zu kommen, wenn ich ihm etwas zu sagen hätte. Das schöne Zimmer mit den alten Eichenmöbeln, alle Wände mit gleichmäßig eingebundenen, dunkelgrünen Büchern bedeckt, die kleinen Divane mitten im Zimmer und die von einem großen Schirm beschattete Lampe – o, wie sollte ich sie je vergessen! Wir standen beide, an eine Holzbrüstung gelehnt, tief im Zimmer; ich zitterte ein wenig vor verhaltener Erregung; er ging auf und ab, dann stellte er sich vor mich hin und sagte, wie er sich in meinen Augen erniedrigt fühlte, daß solch ein Weib die Frau seiner Wahl wäre. Er sagte Vieles, Vieles, vor dem mir Hören und Sehen verging. Als ich an jenem Abend aus dem Bibliothekzimmer trat, hatte ich versprochen, ihm das Leben zu erleichtern, hatte versprochen, mich über meine Erziehung, ja mein Gewissen hinwegzusetzen, um einen Mann glücklich zu machen, der ohne mich meinte nicht mehr leben zu können. Es war ein trauriger Compromiß, den ich mit dem Leben gemacht, aber er war voll idealer Theorien, die mich über das Alltägliche forthoben. Die Seele seiner Kinder lag in meiner Hand; es war eine gemeinsame Arbeit zum Höchsten und Besten, ein ewiges Vorwärtsstreben.

»Ich glaube noch heute nicht, Anna, so oft ich mit mir zu Rathe gehe, daß ich ein Verbrechen auf mich geladen. Gelitten habe ich zu Zeiten entsetzlich, es bäumte sich meine ganze Vergangenheit auf gegen die unwürdige Form meiner Liebe; ich habe es bitter oft mit ihm besprochen, habe ihm gesagt, wenn er mich ganz heilig, mit höchster Liebe liebte, müßte er unsere Liebe rein und ideal erhalten. Ein Mann aber ist ein Mann, und Richard trug nach all' den Irrthümern seiner Jugend, in denen er bloßen Phantasmagorien nachgejagt, einen Cultus des Natürlichen in sich, den ich nie ganz theilen konnte. Oft war ich entschlossen fortzugehen; einmal war ich in der Absicht, mich davon zu stehlen, fast bis Nottingham gelangt. Er hatte es bemerkt und holte mich zu Pferde ein; es war in einem engen Heckenweg, wo er anhielt und ruhig sagte: ›Ich hoffe, Du weißt, was Du thust? In dem Augenblick, wo Du mein Haus für immer verläßt, schieße ich mich todt. Das ist nun zwar bei der Uebervölkerung, die hier herrscht, keine allgemeine Calamität, aber meiner Mörderin könnte es doch schwer auf's Gewissen fallen.‹ Doch was soll ich Dir von den Höhen und Tiefen, von dem ewigen Auf und Ab einer menschlichen Leidenschaft erzählen! Sie gleicht sich wohl überall. Ich bin oft sehr glücklich gewesen, am glücklichsten in den Tagen der Gefahr, wenn große Krisen waren, und ich ihm rathend zur Seite stand, als Feuer ausbrach in einem Seitengebäude, als eine Epidemie unter den Arbeitern herrschte, am Krankenbett der Kinder, aber auch in kleinen, dem Leben abgerungenen, traulichen Zeiten.

»Wenn seine Frau in's Seebad reiste z. B., dann athmete das ganze Haus auf; wir saßen die stillen Sommerabende unter den großen Linden hinten im Garten, oder spielten mit den Kindern. Ich war ja ihre wirkliche Mutter, vor Gott war ich ja seine Frau, die Andere war doch nur einst seine Geliebte gewesen, niemals mehr.«

Margarethe schwieg; sie sah nach der Uhr; auch jetzt vergaß sie nicht, daß Erwin sie um zwölf Uhr erwartete. »Ich glaubte, der Tag sei vergangen,« sagte sie dann, »weil ich so viele Jahre übersprungen. Schauderst Du nicht vor mir, willst Du mehr hören?«

Ich umschlang sie wortlos.

»Mein Ehrgeiz für ihn war groß; ich wollte, daß er eine öffentliche Stelle bekleiden sollte; ich fühlte oft, daß er so viel Kraft in sich barg, die er nicht genug verwerthete. Nicht ich allein wollte von diesen Schätzen zehren, sie sollten einem weiten Kreise zu Gute kommen. Er war naturalisirt, er sprach die Landessprache vollkommen, hatte schon viel in ihr geschrieben, sein Name sogar klang englisch. Der erste Schritt war, in die Stadtverwaltung zu kommen. Das ist nicht leicht: Man muß ein offenes Haus haben, Vielen ein freundliches Wort zu sagen wissen. Frau Lesser verstand das nicht, wollte es auch nicht; sie meinte, wenn sie nicht arrogant sei, merke Jeder ihre Herkunft.

»Sie und ich, wir sprachen selten mit einander. Ich verbrachte meine Tage allein mit den Kindern, sie hielt es für vornehm, sich wenig um uns zu kümmern; wenn es doch geschah, wurde ich immer durch irgend etwas beleidigt; ich nahm es wortlos hin, Richard's wegen. Eifersüchtig ist sie nie auf mich gewesen; da sie seine legitime Frau war und ihr nie zu Ohren gekommen, daß eine Scheidung möglich sei, wie es ja auch thatsächlich keine giebt, beunruhigte es sie wenig, ob Richard Jemanden liebte. Ihren zudringlichen Zärtlichkeiten hat er sich nie ganz entziehen können, dies weiß ich, obgleich wir diesen Gegenstand stets vermieden, wenn wir mit einander sprachen. Schließlich gelang es ihm, trotz ihrer in den Municipalrath zu kommen, und ich wünschte, ihn nun im Parlament zu sehen. Ich weiß, daß er ein großer Mann werden wird, wie ich Dir im Anfang sagte, so ein Pfeiler in der Geschichte der Menschheit.«

»Wie alt ist er?«

»Achtunddreißig Jahre.«

»So jung noch; ich hatte ihn mir als Fünfziger vorgestellt.«

»O nein, er war achtzehn, als er nach England kam.«

Sie schwieg. Ich glaubte, daß sie das Schwerste ihres Lebens jetzt zu erzählen hätte, den Grund, warum sie ihn zu Zeiten haßte. Nicht weil er sie erniedrigt, nicht weil sie um ihn die unwürdigste Rolle, die einer hochherzigen Frau zugemuthet werden kann, übernommen, nein, nein, er mußte sie auch noch verrathen haben.

»Und die Andere,« fragte ich, als sie nicht weiter sprach, mit erregter Stimme, »wer ist die Andere, die ihn Dir nahm?«

»Woher weißt Du es?« stieß sie ganz erschreckt heraus.

»Woher ich es weiß? Weil es immer dasselbe ist, überall in der Welt.«

»Doch nicht, doch nicht,« meinte sie, »es ist nicht überall dasselbe; er liebt mich noch immer über Alles, wirklich.«

Wir waren schon lange wieder in der Stadt, ohne daß wir es bemerkt. Jetzt hielten wir vor ihrer Wohnung, die wir dem Kutscher in Schöneberg zugerufen hatten.

»Ich muß hinauf,« sagte sie, »es ist gleich zwölf Uhr.«

»So komme nachher zu mir, wenn Du Zeit hast.«

»Das kann ich nicht. In einem Zimmer könnte ich kein Wort reden, es muß im Freien sein. Weißt Du, wir gehen nachher nach dem Friedrichshain, da ist es so still. Wenn ich den Wind entgegen habe, dann kann ich von Allem sprechen, als sei ich todt.«

»Gut,« sagte ich, »dann laß mich hier unten in der Droschke warten.«

»Aber es kann lange dauern.«

»Das schadet nichts, ich könnte jetzt doch nicht unter Menschen gehen.«

So blieb ich in der einen Ecke des Wagens sitzen. Viele Arbeiter zogen die Straße entlang, da es zwölf Uhr geläutet; viele Frauen mit den vergrämten Gesichtern, hinter denen die Sorge und Noth der kinderreichen Mutter wohnt. Alles schien mir so verzweiflungsvoll in dieser Welt, sogar die armen Hunde, die halb verhungert herumlagen. Sie fühlen ja auch Kälte und Mangel, sie sind ja auch Creaturen, die leiden; ich schloß sie in dem Augenblick alle in mein Herz. Da fing ziemlich fern von mir, aber doch so, daß ich die Melodie deutlich hören konnte, ein italienischer Leierkasten sein Spiel an. Mir zitterte förmlich das Herz, so ergriff es mich plötzlich. Es waren die alten, ewigen Leierkasten-Melodien, denen wir als Kinder gelauscht; so unmusikalisch, so unrein, wie sie gespielt wurden: Nichts hätte mich zu so heißen Thränen rühren können in dem Augenblick. Und die Musik kam näher und näher, und mir war, als wäre ich es, die Richard geliebt und noch liebte und die er verrathen, als jammere ich um ein verlorenes Leben. Ich griff in die Tasche, um dem schlanken, braunen Jungen, der die Drehorgel trug und den grauen Filzhut mit der sprechenden Bewegung an's Wagenfenster hielt, ein Geldstück zu geben. Aber vergebens! Zum ersten Mal im Leben war ich ohne Geld ausgegangen. Ich wandte mich an den Kutscher, er behauptete nichts zu haben; mir war selten etwas so ärgerlich gewesen. Des armen Jungen bittende Augen konnte ich nicht sehen; so stieg ich aus, ging in den Hausflur und setzte mich lieber auf die Stufen. Ich wäre gern die drei Treppen zu  Margarethe hinaufgestiegen; aber in der Stimmung, in der wir beide uns getrennt, schämte ich mich, sie mit der Bitte um einen Groschen zu stören. – Die Leierkasten - Musik verklang allmählich; anfangs hatte der Knabe wohl noch gehofft, ich würde mit einer Belohnung zurückkehren; ich hörte sie mit einer ganz kindischen Bitterkeit verklingen, mir erschien der Zufall so kleinlich grausam. Doch da kam Margarethe schon die Treppe herunter.

»Erwin ist ganz glücklich; der Doctor hatte ihm doch heute zu lesen erlaubt; nun ist er mitten in den Pickwickiern und war froh, daß ich ihn noch länger allein ließ.«

Wir nahmen wieder Platz und fuhren nach dem Friedrichshain. Ich saß rechts von ihr, und wir hatten beide die Köpfe fest an die Rückwand gelehnt.

»Wenn der Mensch einmal eine Schranke eingerissen, ist er meistens verloren; jedenfalls hat er keinen Grund mehr, nicht auch die zweite zu überschreiten. Wir hatten uns das oft in Bezug auf die Allgemeinheit gesagt, ja diese Einsicht war es gewesen, die Richard allmählich überzeugt, wie ungenügend alle seine Theorien den im Menschen wohnenden Mächten gegenüber seien. Er war zu einer Art freisinnigem Conservatismus gekommen. Aber für uns hatten wir immer Ausnahmen gemacht. Du wirst fühlen, daß unser Verhältniß weit zarter als eine Ehe war, daß ein Treubruch es zerreißen mußte, was bei einer Ehe doch noch lange nicht der Fall. Denn eine andere Liebe war ja ein Eingeständniß, daß wir uns geirrt, und was blieb uns dann? Ein zweiter, ein dritter Irrthum, ein Leben nur voller Irrthümer? Wann sollte dann die Wahrheit kommen? Vielleicht verstehst Du es nicht so, vielleicht kann ich mich nicht klar ausdrücken, mein Gefühl darin war aber absolut.«

Sie zögerte. »Sieh, Anna, wir Frauen wissen wenig von den Nachtseiten des männlichen Lebens, wir brauchen auch nichts davon zu wissen. Ich erfuhr durch Richard Vieles, was ich sonst nie geglaubt; Du mußt nicht denken, daß ich auf solche vorübergehende Nichtigkeiten in seiner Seele Gewicht gelegt habe. Als er einmal in Paris war, verliebte er sich auf ein paar Tage in eine Tänzerin; einmal im Seebade knüpfte er eine Beziehung mit einer jungen Wittwe an, die so lange dauerte wie sein Aufenthalt. Er kam nie reumüthig, sondern im Gegentheil sehr stolz zurück, um mir solche Eroberungen zu beichten. Das sind Dinge, die wirklich keinen Werth haben, und ich berühre sie nur, damit Du nicht meinst, ich sei, was ja oft der Fluch solcher Verhältnisse ist, von krankhafter Eifersucht gewesen. Nein, ich hatte sein besseres Ich in mir, ich war die geistige Mutter seiner Kinder, die Sorgen von acht Jahren hatten uns an einander gekettet, für sehr viel Leid hatte ich hohes Glück eingetauscht.«

Margarethe schwieg wieder. Ich wußte, daß sie jetzt von ›ihr‹ reden mußte, und war froh, daß wir nun im Friedrichshain anlangten, wo die Luft ihre Worte davontrüge, sie ihr also nicht schwer auf das eigene Herz zurückfallen konnten.

Wir stiegen aus.

»Sie war eine verheirathete Frau, nicht viel jünger als ich. Ihr Mann war sein Freund aus früheren Jahren, der nach einem dreijährigen Aufenthalt in Italien nach Hause zurückkam. Er hatte sie dort geheirathet, sie ist aber eine Engländerin.«

Es war, als ob sogar sich Margarethes Stimme veränderte, wie sie von der Frau sprach; sie stieß Alles in kurzen Sätzen heraus.

»Sie kam viel in's Haus, Richard lebte seitdem weniger mit den Kindern und mir. Sie ist sehr intelligent und kokett, ich halte sie für herzlos, aber interessant ist sie. Natürlich verliebte sie sich in ihn; ich sah es, als ich mit den Kindern zum ersten Male ihrem Crocket-Spiel zuschaute. Ich glaube, darauf fing ich an, ihn manchmal zu quälen, bis er mir sagte, aber diesmal mit Thränen in den Augen, er sei in Florence Ashton leidenschaftlich verliebt.

»Wir saßen beide vor dem Feuer im Schulzimmer. ›Was soll daraus werden?‹ fragte ich mit tonloser Stimme. ›Nichts soll, kann oder darf daraus werden, ich will es ihr nie sagen, ich werde es sie auch nicht einmal ahnen lassen, aber darum bin ich doch schrecklich unglücklich,‹ und er legte seinen Kopf in meinen Schoß. An jenem Abend war ich sehr gütig gegen ihn, wie eine Schwester, aber ich bin es nicht die ganze übrige Zeit gewesen. Ich hatte ihn – die eigene Natur ist ja unberechenbar – nie vorher so heiß geliebt, doch mir stand der Verstand still, daß er eine Andere liebe. Es empörte mich auch zu Zeiten, daß er Zartheiten in diesem Gefühl hatte, die er gegen mich nicht gekannt, daß er sie liebte, ohne es ihr zu sagen. Bald wollte ich fort, dann hielt mich seine Bitte, ihn nicht aufzugeben, ihm als einziger Freund zur Seite zu stehen; bald haßte ich ihn, bald mich. Schließlich kam's zu Scenen zwischen uns, ich suchte ihm immer klar zu machen – als ob Einsicht etwas nützte, wenn das Herz so laut spricht – daß er sie nicht lieben dürfe, daß seine Ehre es ihm verbiete. Ich warf ihm wohl auch mein ganzes Leben vor, was ich um ihn erduldet; ich wurde in jener Zeit fast wahnsinnig, die Spuren all' des verzehrenden Leids sind Dir ja aufgefallen. Er wurde auch verhärtet gegen mich. ›Du liebst mich nicht, Du liebst nur Dich,‹ sagte er, ›Du hast Dein Leben auf eine Karte gesetzt, und nun bangst Du, daß es die falsche war. . Aus Stolz und Eigenliebe hängst Du an mir; dächtest Du an mich und nicht an Dich, wärst Du weich.‹ Ueber ein Jahr dauerte diese Qual, da konnte er es nicht mehr ertragen und reiste ab. Ich erfuhr zufällig, daß er mit Ashtons einige Wochen in London verlebt hatte – und wäre nicht der Gedanke an Erwin gewesen, die Rücksicht auf seine Kinder hätte mich nicht am Selbstmord verhindert. Wenn man nicht Himmel noch Hölle mehr fürchtet, nur seine eigene grenzenlose Liebe und den Haß, der aus ihr entspringt, dann ist man zu Allem fähig. Damals richtete ich auch meine Gesundheit zu Grunde; Du hast es vielleicht nicht gemerkt, ich aber weiß, daß ich lungenleidend bin. Mir war jeder physische Schmerz eine Erleichterung; hätte ich nur gewußt, daß es ihm leid thäte, so hätte ich mich zu Tode gemartert.

»Da kam plötzlich ein Brief von ihm: ›die Schlacken seien von ihm abgefallen, all' das Böse, was ich und er zwischen uns gethürmt, sei verschwunden, er sei zu sich zurückgekehrt und damit zu mir.‹

»Ich hatte es nicht erwartet. Glücklich war ich wohl, aber der Haß und die Bitterkeit hatten zu tiefe Wurzeln geschlagen. Mein erstes Gefühl war Freude, mein zweites wiederum verletzte Eigenliebe: er fragt nicht einmal, ob ich ihn auch noch lieb habe! Er nimmt es als selbstverständlich an, daß er mich beglückt, wenn er mich zu lieben geruht!

»Ach, Anna, vielleicht verstehst Du es nicht, was der gekränkte Stolz für böse Früchte trägt in einem einsamen Herzen. Ich hatte keine Stunde Ruhe gehabt seit Empfang seiner Zeilen, ich stellte mir unaufhörlich unser Wiedersehen vor, ich rechtete mit ihm – vierundzwanzig Stunden vor seiner Heimkehr bekam ich die Nachricht von Erwin's Erkrankung. Ich reiste gleich her. Mir schien es ein Zeichen des Himmels.«

Margarethe schwieg. Wenn das Rauschen des Windes ihr wohl that, so mußte sie sich jetzt wohl fühlen: es stürmte in dem entlaubten Haine, daß ich fast erstarrte.

»Soll ich zu ihm zurückkehren?« wandte sie sich jetzt plötzlich an mich. Ehe ich aber antworten konnte, fuhr sie fort: »Wäre Erwin gestorben – ich hätte ihn nicht überlebt. Richard's Kinder sind fast erwachsen, alle Schuld an ihn ist abgetragen. Aber ich habe in Deutschland, an Erwin's Krankenbett, am Grabe meiner Eltern meine Kindes-Anschauungen theilweis wieder gefunden. Doctor Hirschel wollte ich nur Erwin's wegen heirathen; ich stellte Dir die Frage neulich mit Absicht umgekehrt, um Deine wahre Meinung zu erfahren, – aber ich könnte es gar nicht, mir graut vor einem neuen Leben. Vielleicht siehst Du, wie müde ich bin.«

Ich nahm ihren Arm unter den meinen und wandte mich wieder zum Wagen. Dem Kutscher rief ich meine Adresse zu, ohne daß Margarethe es zu beachten schien.

»Nun schreibt er täglich – Anfangs las ich die Briefe nicht, denn in der Sorge um Erwin war mir Liebe und Haß erstorben. Seine lieben Worte würden einen Stein erweichen. Doch kommt der Haß noch wieder, besonders wenn ich hier durch die Straßen gehe, durch die ich als Kind geeilt, wenn mich die Bäume, die Häuser in die frühere Zeit versetzen. Siehst Du, ich mache mir keine Vorwürfe, aber ich habe doch mein Leben verloren.«

Ich schwieg, bis wir in meine Wohnung kamen. Dort setzten wir uns einen Augenblick in mein Zimmer; dann gingen wir durch alle Räume, sie küßte meine Kinder, und wir weinten beide leise, denn wir verstanden uns. »Ich muß wieder zum Bruder,« sagte sie dann. »Bring' mich noch zurück.«

»Ich danke Dir,« flüsterte sie, als wir wieder im Wagen waren. Ich schluchzte und erwiderte nur, ich hätte mein Haus mit ihrem lieben Bilde anfüllen wollen, damit etwas bei mir bliebe, wenn sie in die Ferne zurückkehre, »denn Du kannst Erwin bald verlassen,« schloß ich, »er ist fast gesund, und wir sorgen für ihn.«

»Also Du räthst mir zurückzukehren? Du, die deutsche Frau, die nie einen Anderen als ihren Gatten geliebt?«

»Du hast auch nur Deinen Gatten geliebt. Ja, Du sollst zurückkehren, weil man die Liebe pflegen und hegen, den Haß aber eindämmen soll; weil Liebe die höchste Moral ist, und Du zu ihm gehörst.«

»Und es gibt kein Ideal, das noch höher wäre?«

»Du sollst einen Menschen voll beglücken, ein Leben erwärmen und bereichern, vielleicht erhalten; ist Dir die Aufgabe nicht hoch genug?«

»Ja, Anna, aber es gibt ein ewiges Ideal, es gibt ein höchstes Gebot, dem die Sitte Ausdruck gegeben, das heißt für mich: Entsagung.«

Ich schwieg.

»Du würdest nicht zurückkehren,« schluchzte sie.

»Ich? Gewiß würde ich zurückkehren. Ich glaube nicht, daß die Sitte das Opfer unseres Lebens verlangen kann.«

»Anna, sei wahr!«

»Ich bin ganz wahr – aber vielleicht bist Du besser als ich.«

Wir schwiegen beide. Vor ihrer Wohnung umarmten wir uns noch einmal, dann ging sie hinauf zum sorglosen Bruder; ich fuhr nach Hause.

Am Abend bekam ich die Bestellung, morgen recht früh zu ihr zu kommen. Ich brach schon vor 8 Uhr auf, damit sie ja nicht auf mich warten sollte. Ihr Zimmer hatte einen Eingang vom Flur; da der Kranke noch schlafen konnte, pochte ich dort leise an. Niemand antwortete, aber ich fand die Thür unverschlossen. Margarethe lag angezogen auf ihrem Bette, das in der Ecke des Zimmers stand. Woher ich so ahnungslos gewesen war! Nach unserem gestrigen Abschied hätte ich nicht so unvorbereitet sein dürfen: – sie war todt.

Ich setzte mich an ihr Bett und sah sie starr an. Ich konnte nicht weinen. Endlich raffte ich mich auf, verschloß die Thür zum Bruder, um mich zu sammeln, ehe ich irgend Jemand Rede zu stehen hätte. Sie würde ein Wort für mich zurückgelassen haben, da sie mich hinbestellt. Ich war so verwirrt, daß ich lange vergebens suchte, bis ich auf ihrem Malkasten den Brief entdeckte und ihn aufbrach.


»Hab' Dank für das, was Du mir Liebes gethan und noch thun wirst, Du hast es ja verstanden, als wir Abschied nahmen; es kann Dich nicht überraschen. Ich habe einen Vorrath Morphium aus England mitgebracht. An Richard habe ich geschrieben, auch an Erwin; an Letzteren aber so, daß er denkt, ich hätte den Brief schon längst für den Fall meines Todes an ihn gerichtet; er liegt in meinem Koffer. Suche ihn in dem Glauben zu erhalten, ich sei am Lungenschlag gestorben. Und leb' wohl! Ich habe auch »wohl« gelebt, weißt Du, wie Alle, die der glühende Meteorstein gestreift, der vom Himmel fällt. Du warst meine einzige Freundin; möge Dir Deine Güte gelohnt werden.

Margarethe von Kriemer.«


Ich schickte die Wirthin zu Dr. Hirschel. Er kam gleich. Noch wußte Erwin nichts. Ich ging dem Arzt entgegen und sagte ihm, Margarethe müßte an einem Lungenschlage gestorben sein. Er sah mich groß an, ich reichte ihm den Brief, den sie mir geschrieben, und fügte leise hinzu: »Es ist erblich, der Vater hat sich erschossen; aber verschweigen Sie es.« Er nickte ein paar Mal mit dem Kopf, untersuchte die Leiche, ob keine Hülfe mehr möglich, dann ging er wie gebrochen zu Erwin hinein.

Der Arzt hat geschwiegen. Margarethe ist in der Nähe ihrer Eltern auf dem Kirchhofe hinter Schöneberg begraben worden. Erwin wurde zwei Tage später nach England geholt.


Sei ruhig, Mütti!


»Ich glaube, unser Kind ist genesen!« sagte eine stattliche Frau mit großen tiefblauen Augen, fester Stirn und ergrauendem Haar zu dem schmächtigen Manne am Tisch, der sein Frühstück vergessen zu haben schien und in ein vergilbtes Manuscript vertieft war. Sie begoß eben ihre Blumen am Fenster und rückte einen Sessel darunter sorglich zurecht, stellte einen Fußschemel davor: »Hier kann Mareili in der Sonne sitzen, das giebt Kraft!« Der Mann hob die träumerischen grauen Augen zu ihr auf, seufzte und sagte: »Solch ein elender Bücherwurm wie ich, der Euch nicht einmal das Nothwendigste verschaffen kann, nichts für Krankheit und Pflege! Da hast Du Dich wieder Tag und Nacht gequält, ohne jegliche Hülfe, Frauli, und wie sehr ich auch arbeite, ich schaff' Euch kein Daheim!« – Seine gewaltige Stirn bekam eine tiefe Falte, und die Brauen hoben sich wie in großer Qual. Sein Untergesicht war verschwindend klein, als sei für den sinnlichen Theil des Antlitzes kein Platz gewesen, als habe es nur Stirn und Augen. Das Haar lag in zarten Strähnen zurückgekämmt; die Nase war eher stumpf und zeigte Sanftmuth und Güte. Die Frau trat hinter ihn und legte die Hand auf seine Schulter. Diese Hand trug das Gepräge derselben Festigkeit, die bei ihr in Brauen und Kinn lag; dasselbe Ebenmaß war in ihren Zügen, wie in ihren Bewegungen, dieselbe Ruhe in Stimme und Gang.

»Haben wir geklagt, Vater? Bin ich schwach geworden? Der liebe Gott hat uns bis jetzt noch nicht verlassen und wird uns auch weiter helfen! Ich bin lieber die Frau eines armen Gelehrten, als eines reichen Nichtsthuers. Die Kinder sind uns ja auch gerathen. Du siehst, wie gut es dem Henni in Java geht.«

Der Mann seufzte wieder: »Ja! in Java! es ist so gut als hätten wir keinen Sohn! Aber das Mareili, das lassen wir nicht aus dem Hause, Regina, das sage ich Dir, und wenn ich meine theuersten Manuscripte verkaufen müßte!«

»So Gott will, Rüder, noch recht lange! Bis jetzt ist ja noch keine Gefahr, daß sie uns verläßt!«

In dem Augenblick schellte es an der Hausthüre, und eine jugendliche Stimme frug hastig und aufgeregt, ob die Frau Professor Rüder zu Hause sei?

»Ja, und der Herr Professor auch!«

Es stürmte die Treppe herauf, und herein trat ein schlanker junger Mann mit dunkler Mähne, stechenden schwarzen Augen, schwarzem Barte und etwas Ungehobeltem, Ungelenkem in allen Bewegungen seiner etwas zu großen Gestalt.

»Guten Morgen, Tante! Guten Morgen, Onkel!« rief er, warf seinen Hut auf den Sessel zwischen die Blumen, reichte Beiden die Hand und begann mit großen Schritten im Zimmer auf und ab zu gehen.

»Wenn ein Mensch auf den ersten grünen Zweig kommt, und man sägt ihm den Baum unter den Füßen fort, Tante, was sagst Du dazu?«

»Das Sägen dauert so lange, daß man Zeit hat, herunterzuspringen. Ist Dir die Stelle in Chili abhanden gekommen?«

»Die Stelle nicht, aber meine Frau.«

»Deine Frau, Rudolph?«

»Meine Frau will nicht mit nach Chili!«

Frau Rüder wurde plötzlich sehr roth. »Und da willst Du die schöne Stelle fahren lassen?«

»Nein, ich will meine Frau fahren lassen!«

»Aber Rudolph!« sagte der Professor, »wer wird denn so unüberlegt handeln!«

»Unüberlegt? Das ist im Gegentheil sehr überlegt. Ich kann keine Frau brauchen, die nicht mit mir durch die ganze Welt geht, die Gutes und Böses, Hunger und Kälte und Alles mit mir theilt, wie Du, Tante. Da soll sie zum Teufel gehen oder wohin es ihr beliebt. Ich kann sie nicht brauchen.«

»Aber an der Spitze eines solchen Etablissements kannst Du nicht ohne Frau sein, Rudolph,« sagte der Professor. »Wer soll Dir denn das Haus führen, den Mittagstisch präsidiren, die Leute in Ordnung halten? Ohne Frau kannst Du die Stelle aufgeben.«

»Das habe ich mir alles schon selbst gesagt, und darum komme ich eben zu Euch,« rief der junge Mann ungeduldig, »ich muß Jemanden haben, der mit mir nach Chili geht.«

Wieder flog schnelle Röthe in die Schläfen der Professorin.

»Du hast ja Deine alte Tante, oder auch meine Cousine. Eine von diesen würde mit Dir gehen und Dir das Haus führen!«

Der junge Mann nahm den Bart zwischen die Zähne:

»Die haben nicht die nöthige Energie!« murmelte er.

In dem Augenblicke ging die Thür auf, und herein trat langsam, sich am Thürpfosten haltend, ein schönes junges Mädchen, mit den regelmäßigen, festen Zügen der Mutter und dem forschenden Blick des Vaters. Das braune Haar war kurz geschnitten und kräuselte sich in weichen Locken um die breite, bleiche Stirn. Die Schläfen waren noch eingesunken, wie nach schwerer Krankheit, aber ein schnelles Erröthen begleitete ein reizvolles Lächeln:

»Was, Du bist noch da, Rudolph? Ich dachte, Du wärest schon auf dem Wege nach Amerika!«

Der Angeredete war ihr entgegengeeilt und führte sie jetzt sorglich zum Sessel im Fenster, von dem er den Hut auf die Erde schleuderte und liebevoll auf sie niedersah, wie ein Sonnenstrahl ihr Haar vergoldete.

»Du warst arg krank, Mareili?« sagte er.

Das junge Mädchen lächelte wieder, und da war es, als wäre der Sonnenstrahl schnell über das ganze Gesicht geglitten:

»O, das war eigentlich sehr hübsch, das Kranksein. Ein paar Wochen hatte ich allerhand wunderschöne Träume, und als ich erwachte, da war ich so köstlich müde und war wieder Mütterli's ganz kleines Kind!«

Bei diesen Worten zog sie zärtlich die Hand der Mutter unter ihr Kinn und legte die schmale Wange darauf.

»Und jetzt ist sie uns wiedergeschenkt,« sagte der Professor, »und alle Ideen von Stellen annehmen sind für lange Zeit abgethan! Aber ich muß fort zur Vorlesung! Es ist schon spät.«

Der junge Mann starrte noch immer vor sich hin, als der Aeltere bereits das Zimmer verlassen hatte. Da wurde die Professorin abgerufen; es sei Jemand im Garten, der sie sprechen müsse. Ungern ging sie hinunter, zerstreut hörte sie auf die Reden ihres Besuchers, obgleich es sich um Drucksachen ihres Mannes handelte, ein Thema, das sie sonst stets in Harnisch bringen konnte, da er als echter Gelehrter ganz unfähig war, die materiellen Interessen zu bedenken. Ihr war es so bange um ihr Kind; sie fürchtete, der große, leidenschaftliche Vetter werde ihr seine unangenehme Geschichte erzählen. Sie fürchtete dunkel irgend ein Unheil, irgend ein Schicksal; sie wußte selbst nicht was. Als sie wieder bei den jungen Leuten eintrat, kam ihr ihre Tochter ruhig entgegen und sagte:

»Es ist ausgemacht, Mütterli, ich geh' mit nach Amerika.«

»Um Gottes Willen, Kind! Du wirst uns doch das Leid nicht anthun! Du bist ja kaum genesen! Und in solche Ferne! Weißt Du, daß ein Brief drei Monate braucht, bis er eine Antwort bringt? Kind! Kind! Thu's nicht! Und Du, selbstsüchtiger Mensch! Mußtest Du herkommen, mir mein Kind zu rauben? O! es ist zu schwer!«

»Mütterli! verzeih' mir! aber ich möchte doch gern mit.«

Das war ihre stete Antwort auf alle Reden der Mutter. Als der Professor nach Hause kam, vermehrte sich der Kampf. Aber das junge Mädchen blieb unerschütterlich. Bangen Herzens dachte endlich die Mutter, daß vielleicht Liebe ihr Kind verleite.

»Weißt Du, Kind, nie, nie würden Dein Vater und ich einwilligen, daß Du eines geschiedenen Mannes Weib würdest; nie würden wir unsern Segen dazu geben, wenn Du Deinen Vetter lieben wolltest. Rudolph kenne ich von klein auf; er ist ein guter und braver Mensch, aber ich habe kein Vertrauen, ihm das Glück meines Kindes in die Hände zu legen!«

»O Mutti! sei ruhig! Ich verspreche Dir, nie werde ich seine Frau. Dies ist mein heilig Gelöbniß. Aber von dem Beruf halt' mich nicht ab; es ist ein schöner Beruf und mich lockt die Ferne!«

Zwei Tage kämpften die armen Eltern, um ihr Kind zu behalten.

»Ach! leider hat Mareili Deine Charakterfestigkeit geerbt!« sagte der Professor. »Noch nie ist sie in einem Vorsatz wankend geworden!«

Frau Regina hatte ein ernstes, eindringliches Gespräch mit ihrem Neffen und erklärte ihm, nie dürfe er daran denken, ihre Tochter zum Weibe zu begehren. Sie sei nicht für ihn.

Gott allein weiß, welch' bange Nächte der armen Frau Haare völlig bleichten, und wie sie Ihn immer wieder frug, ob es wirklich Sein Wille sei, daß ihr eben dem Tode abgerungenes Kleinod in solche todesähnlichen Fernen wandern solle. Aber der Himmel wollte kein Zeichen schicken als des Kindes unerschütterlichen Willen.

Die Eltern konnten noch immer nicht begreifen, daß sie ihre liebliche Tochter verloren, als diese schon auf der großen Wasserstraße dahinzog, allein in die unbekannte, weite Welt. Bald sollte sie sich doppelt einsam fühlen. Denn nach wenig Tagen begann ihr Vetter, ihr allerhand Aufmerksamkeiten zu erweisen, die ihr äußerst unbehaglich waren, die sie aber mit immer gleicher Ruhe und Bestimmtheit von sich wies. Er war dabei so eigenthümlich erregt, wie sie ihn früher nie gekannt; es war gerade, als reize ihn ihre Ruhe. Sie war aber viel zu tapferen Herzens, um ihren bangen Gedanken Audienz zu geben. Sie hatte das Leben selbst auf die Schultern genommen, und gedachte, jedes nothwendige Uebel ohne Murren und Beben zu ertragen. Freilich kommen die Uebel stets in völlig anderer Gestalt, als man es erwartet hat. Sie hatte fast gelächelt über die allzu ängstliche Mutter, der gleich ein mögliches Liebesverhältniß vorgeschwebt, und nun näherte ihr Vetter sich ihr anders als früher, das fühlte sie deutlich mit dem feinen Instincte höchster Unschuld und Reinheit.

Das Meer war so schön, die Luft so golden, und Mareili's Wanderlust war sehr groß gewesen. Aber nun kamen Stunden stillen Sehnens nach den mütterlichen Flügeln, denen sie eigenwillig entschlüpft war. Besser allein, als schlecht begleitet! sagen die Italiener. Das dachte Mareili, wenn sie am Schiffsbord lehnte und in die ewige Fluth hinuntersah. Sie dachte mit Sorge an die Stellung, auf die sie sich so sehr gefreut.

Endlich waren sie gelandet in all' den Wundern der anderen Welt. Es wäre Grund gewesen, sich verwirrt und unbehaglich zu fühlen. Mareili aber war es wie eine Erlösung, sofort ihre Thätigkeit zu beginnen. Es war ein mächtiges Hotel, dem sie vorstand, also war nicht viel Zeit für Allotria. Sie sah Rudolph nur wenig und wußte stets geschickt das Gespräch von sich ab auf die laufenden Geschäfte zu lenken.

Ihre Gesundheit hatte sich auf der langen Seereise völlig befestigt. Sie war wieder blühend und frisch und wußte, trotz ihrer großen Jugend, Allen, die sich ihr näherten, Respect einzuflößen. Sie bemerkte Rudolph's wachsende Unruhe mit großer Sorge. Eines Tages stürmte er zu ihr herein und hielt ihr den Revolver vor die Stirn: »Wenn Du nicht Mein sein willst in dieser Stunde, so erschieße ich Dich! Wähle!«

Sie sah nichts als den drohenden Pistolenlauf und die wahnsinnig rollenden Augen ihres Vetters; aber die Geistesgegenwart verließ sie nicht in diesem Moment höchster Gefahr. Ohne sich zu rühren, sagte sie mit äußerster Gelassenheit: »So schieße!«

Das brachte ihn wieder zu sich. Er schleuderte die Pistole von sich, fiel vor ihr auf die Kniee, bat und beschwor sie, ihm zu verzeihen, und rannte hinaus, die Thüre hinter sich offen lassend.

Mareili griff nach dem Kopf, nach dem Herzen, taumelte und fiel bewußtlos hin. Wie lange sie so gelegen, konnte sie nicht erfahren; als sie zu sich kam, fühlte sie sich von weichen Armen umschlungen; fremde Damen waren bemüht, sie wieder zu sich zu bringen. Sie sah ihnen zuerst starr in's Gesicht; dann aber, als sie zum vollen Bewußtsein ihrer Lage erwachte, brach sie in einen Weinkrampf aus, der fast in einen Herzkrampf ausartete. Oh! das bittre, bittre Heimweh! Verlassen und gestrandet! Das war die Strafe für ihren Eigensinn! »Mütti! mein Mütterli!« jammerte sie schluchzend. Die Damen standen rath- und hülflos vor dem armen Kinde. Da klopfte es leise ein-, zweimal an die Thüre. Eine der Fremden sagte »Herein« . Und herein trat ein junger Mann mit blondem Barte, treuherzigen blauen Augen, festem Gang und ruhiger Haltung. Er kam gerade auf Mareili zu, mit dem Hut in der Hand, und sagte auf Deutsch: »Mein Fräulein! Ich bin Ihnen zwar völlig fremd, habe Sie aber seit Wochen in aller Stille beobachtet. Meine Verehrung für sie ist so groß, daß ich der glücklichste Mensch sein würde, wenn ich Ihnen Herz und Hand antragen dürfte! Ich heiße Berning, Gotthold Berning, bin Kaufmann, aber nicht reich, noch nicht einmal selbständig, sondern arbeite in einem anderen Geschäft; aber dennoch wage ich es, Sie zu bitten, meine Frau zu werden.«

Mareili war aufgesprungen und hielt sich zitternd an der Stuhllehne. Keines Wortes mächtig, sah sie ihn mit überströmenden Augen an. Er stand immer noch ehrerbietig da, mit dem Hut in der Hand, und es ging wie ein warmer Strahl von seinem Blick in des bangen Mädchens Herz. Sie ließ die Stuhllehne fahren, reichte ihm die Hand und sagte: »Gott lohne Ihnen Ihre edle That in der bittersten Stunde meines Lebens! Wissen Sie aber auch, daß ich ein sehr armes Mädchen bin?«

»Ich weiß Alles!« sagte er.

Wie ihr Vetter ihre Verlobung erfahren, wußte Mareili nicht. Sie sah nur, daß er sich drei Tage in sein Zimmer verschloß, daß die ganze Last der Arbeit auf ihren Schultern lag und sie sich keinen Augenblick der Freiheit und des Aufathmens gestatten durfte. Ihr Verlobter meinte, sie solle gleich ihre Stelle aufgeben; dazu war sie aber zu gewissenhaft. Sie wollte ausharren, bis ein Ersatz gefunden. Bald aber mußte sie sich selbst davon überzeugen, daß dies Verhältniß unmöglich war. Rudolph begann wieder, ihr Scenen zu machen, sie mit seiner Liebe zu bestürmen, so daß sie es als ein Unrecht an ihm empfand, ihr beiderseitiges Verhältniß nicht so schnell als möglich zu lösen.

Berning suchte ihr eine andere Stelle, als Erzieherin in einer wohlangesehenen Familie, wo sie bis zu ihrer Hochzeit bleiben sollte. Rudolph's Zustand wurde täglich beunruhigender und endete mit völligem Wahnsinn.

Mareili war noch nicht vierzehn Tage in ihrer neuen Stelle, als sie sich merkwürdig unwohl fühlte, solch eine Schwere in Kopf und Gliedern, solch eine unerträgliche Uebelkeit, bis sie eines Tages nicht mehr aufstehen konnte, phantasirend im Bette lag und der herbeigerufene Arzt erklärte, sie sei von der Seuche ergriffen, die eben wüthete, vom Fleckentyphus. Sie dürfe keinen Augenblick im Hause bleiben, sondern müsse sogleich in's Spital. Berning lief in der ganzen Stadt herum, einen Wagen zu finden, in dem man sie transportiren könne, weil sie voll Angst gerufen hatte:

»Nur nicht in den Pestkarren, das ist mein Tod!«

Aber kein Wagenbesitzer wollte eine Typhuskranke transportiren, und so mußte man sich dennoch zum Pestkarren entschließen. Ruhig und entschlossen wie am ersten Tage trat Berning furchtlos bei dem fiebernden Mädchen ein.

»Es ist nicht zu ändern, mein Herz! Aber wenn ich mit Dir fahre, dann wirst Du nicht sterben!«

Und damit nahm er sie in die Arme und trug sie hinunter. Der Arzt wollte es ihm verwehren; er aber ließ sich nicht irre machen, sondern stieg in den Pestkarren hinein und nahm seine Braut auf den Schoß. Ein kindliches Lächeln belohnte ihn für seine Treue. Er trug sie in's Spital in ihr Bett hinauf und besuchte sie wochenlang, Tag für Tag, ohne Furcht und Scheu. Endlich konnte sie für genesen erklärt werden, wie durch ein Wunder, und auf den Füßen stehen, aber noch keinen Schritt allein gehen. Wohin sollte sie nun? Aus dem Spital mußte sie entlassen werden, aber nirgends würde man sie direct aus dem Typhuslazareth aufnehmen. Berning wußte Rath. Er trat bei ihr ein, als sie im Sessel in Kissen lehnte, die bleichen Hände im Schoß gefaltet, und mit träumerischen Augen hinausschaute. »Lieber Gott!« dachte sie, »du hast mich ja noch nie verlassen! Du weißt auch, wohin ich soll! Du wirst mich nicht obdachlos hinauswandern heißen!«

In dem Augenblick kam ein Schatten zwischen das Fenster, und ihre müden, starren Augen, ihre Hände wurden erfaßt, und die Stimme, die ihr nun schon so oft Trost gebracht, sagte:

»Weißt Du, mein Mareili, meine, kleine Braut, wie wir das machen? Da unten habe ich einen Wagen, in den trage ich Dich jetzt und da fahren wir zusammen auf's Standesamt und lassen uns trauen, – zur Kirche reicht unsere Kraft nicht – und dann bist Du meine Frau und kommst mit mir nach Hause und dann pflege ich Dich mir gesund!«

Schweigend führte Mareili seine Hand an ihre Lippen. Er aber entzog sie ihr ganz verwirrt, nahm sie rasch in die Arme, trug die leichte Last hinunter, in den Wagen, in's Rathhaus und dann als seine Frau in seine Wohnung, die er eilig für sie hergerichtet.

Der erste Brief, der die bangen Eltern erreichte, lautete:

»Sei ganz ruhig um mich, Mütti! ich war in großer Gefahr. Aber der liebe Gott hat mir einen Engel geschickt, der mich gerettet hat, und der Engel ist mein Mann, und ich möchte nur immer vor ihm knieen und ihn anbeten! Ich bin das glückseligste Weib auf Erden!«

Und das Schönste an dieser Geschichte ist, daß sie Wort für Wort wahr ist, und daß dies glückliche Paar in Chili lebt und jetzt mit Kindern gesegnet ist, und daß ich die Erlaubniß erbeten, die Geschichte zu erzählen, um in denen, die an Gottes Menschenkindern verzweifeln, das Gefühl zu erwecken, daß es noch Edelsinn und Opferfreudigkeit gibt, und daß der alte Gott noch immer lebt, an den unsere Väter glaubten.


In Fesseln.



Insel Wight.

Madeira Vale, 10. März 18 . .

Gott verzeih mir's, ich bin verheirathet! Es war schlecht von mir, aber ich dachte, so etwas könne man thun, ohne seine Seele zu verkaufen, wie man einen freundlich ruhigen Freundschaftsbund schließt. Nicht einen Augenblick habe ich dabei an Liebe gedacht, und nun muß ich zu meinem Entsetzen entdecken, daß sie mich lieb hat. Es ist zum Tollwerden: Nora liebt mich! Wenn ich das gewußt hätte, so hätte ich sie nie geheirathet. Nun bin ich ein Lügner, ein meineidiger Mensch; ich hasse mich, ich verachte mich; ich möchte mich am liebsten umbringen. Sie liebt mich! Ihr Götter! Ich werde rasend. Sie hat sich in meine Lieder verliebt, noch ehe sie mich gesehen, und nun sieht sie mich mit ihren großen Augen an und fragt nach meiner Liebe. Und die ist nicht da. Und sie wird nie da sein. Meine Mutter ist so glücklich, ihren wilden Zugvogel endlich in den Käfig gesperrt zu haben. Wenn sie wüßte, was sie gethan hat! Selbst die Lieder sind todt in mir.

Den 13. März. Ich bin in meinem Honigmonat in einem kleinen Paradiese. Mein Unglück ist, daß dies nicht mein erster Honigmonat ist und nicht mein erstes Paradies. Sie will immer mit mir herumkriechen, unter den Veilchen sitzen, im Nachen fahren; nie soll ich allein sein. Sie spricht immerfort und sieht mir in die Augen, damit ich ja zuhöre. Ich muß mich umbringen. Meine Lippen verbrennen an jedem Kuß, mein Herz verdorrt bei jedem Wort. In meinem ganzen Leben habe ich noch nicht so gelogen; denn wenn ich liebte, so glaubte ich daran und dachte nicht, es sei vergänglich. Also log ich nicht. Jetzt bin ich ein Lügner. Bei der nächsten Springfluth geh' ich baden und verunglücke.

Den 15. März. Auch die Springfluth hat mich nicht gewollt. Ich bin wieder da. Wie kam es denn eigentlich, daß ich nicht verunglückte? Irgend Etwas führte mich zum Strand zurück. Nora überhäuft mich mit Zärtlichkeit, weil sie mich wieder hat. Sie war so erschrocken, die arme Kleine, weil sie dachte, ich sei verloren im Wellengetöse. Ich hörte ihren Schrei, trotz Sturm und Springfluth, und einmal sah ich sie auch, wie sie die Arme nach mir ausstreckte. O furchtbar! ich lebe noch! Ihr Wille macht mich leben. Seit ich das entdeckt habe, könnte ich wahnsinnig werden. Sie läßt mich nicht sterben. Ihre Liebe giebt ihr Macht über mich. Ich fühl's und kann mich nicht wehren. Ich lebe im Bann ihrer Augen. Nie fragt sie: »Hast Du mich lieb?« Sonst würde ich ganz brutal sagen: »Nein!« – Warum fragt sie nicht?

Sie ist nicht einmal eifersüchtig; sie ist so sicher, meine letzte Liebe zu sein, und will immer erzählt haben. Manchmal ist es, als wollte sie sich selbst viele kleine Wunden beibringen, um das Glück zu beschwören, und dann fragt sie nach alten Geschichten. Zuerst war ich scheu und erzählte zögernd und vorsichtig. Jetzt werde ich ganz wild und mitleidslos und verwunde sie, wo ich kann und so oft ich kann, als wollte ich mich dafür rächen, daß sie mich in ihrer Gewalt hat. Und sie zuckt nicht und schmollt nicht, sondern hält ganz still unter meinen Hieben und lächelt womöglich siegesfroh, daß sie mich gefesselt. Wenn sie doch nur an mir zweifeln wollte! es wäre eine Erlösung! Aber nein. Ich bin ihre Sache. Sie nennt mich: Mein Meister! und küßt mir die Hand und hat gar keinen Willen, und dahinter sitzt der Wille von Stahl, der mich knechtet,  daß ich mich zu ihren Füßen winde. Wenn wir nur erst zu Hause wären. Dann könnte ich mich in mein Arbeitszimmer einschließen, und dort hörte ihre Macht auf. Dort könnte ich mich sogar erschießen. Ich legte mich auf das weiche Kissen und träumte noch einmal alle meine wachen Träume, und dann ginge die Kugel durch's Gehirn und machte plötzlich Nacht, bevor mir die Qual wieder einfiele.

Den 18. März. Ich sprach heute von Heimreisen. Da schmiegte sie sich an mich und sagte: »Wie Du willst, aber ich fürchte mich so! Ich verliere Dich ein bischen unter Deinen Leuten! Hier bist Du Mein, ganz allein! Die See konnte Dich mir nicht entreißen, die fürcht' ich nicht. Aber Deine Heimath ist stärker als ich! Bleibe noch ein wenig hier!«

Und natürlich bleibe ich.

»Wirst Du nicht ein schönes Lied machen?« frug sie mich. »Hier ist Bleistift und Papier, und ein Clavier habe ich bestellt, damit Du mir's auch gleich singen kannst!«

In dem Augenblick wußte ich, daß sie auch das Lied in mir zerstört hat. Sie denkt, man macht die Lieder! Die singen sich aber selber. Und wenn sie nicht sich selber singen, so sind es keine. Ich lachte hell auf. »Ich brauche keine Lieder mehr!« sagte ich. »Aber ich brauche sie, sonst weiß ich nicht, ob Du glücklich bist!«

»Thöricht Kind! Die Lieder machte ich gerade, wenn ich traurig war, zum Sterben traurig!«

»Du sahst heute von 10 bis ½12 Uhr traurig aus; darum dachte ich, Dir käme ein Lied. Ich habe Dich doch nicht betrübt oder gekränkt?«

Herr Gott! Anderthalb Stunden! Sie hat auf die Uhr gesehen, wie lange bei mir Verstimmungen dauern! Also wenn andere Frauen weinen oder brummen, dann wird sie mir Bleistift und Papier bringen und sagen: »Schreib' ein Lied!« Laut auflachen möchte ich! Gründlicher könnte sie es nicht in mir zerstören und zertreten. In meine letzte Zufluchtstätte ist sie eingedrungen. Nirgends bin ich mehr allem, nicht einmal mit meiner Feder! Gestern blätterte sie in meinen Heften und wollte zu Allem die Seelengeschichte. Ich habe ihr tolles Zeug erzählt, bis sie mich mit ihren großen Augen ansah:

»Warum sagst Du denn nicht die Wahrheit? Ich kann sie ganz gut vertragen. Oder hast Du Angst, ich habe Deine Lieder nicht mehr lieb?«

»Aber ich weiß ja kaum mehr, was ich gedacht. Das kommt so ganz von selber, wie bei den Vögeln!«

Sie sah mich neugierig an.

»Und die Reime kommen auch so ganz von selber?«

»Natürlich! wo sollten sie sonst herkommen?«

»Ich habe nie einen Reim machen können!«

Jetzt wird sie anfangen, mich bei lebendigem Leibe zu seciren. Denn sie ist in Allem so gründlich. Sie wird die Reimgedanken suchen und studiren. Es ist gerade, als wollte sie Ebbe und Fluth begreifen, oder den Wind. »Warum?« Alle Leute, die nicht dichten können, fragen immer: »Warum?!« –

Den 20. März. Es wird immer schöner hier. Unser rosenbedecktes Häuschen liegt in wahren Duftmassen begraben. Heute Nacht bin ich leise aufgestanden und habe mich draußen in's Gras geworfen, und da fiel mir eine Nacht in Sorrento ein, und Thränen rieselten mir über's Gesicht. Wie schön sie war, wie eine hehre Göttin, Lavinia, sie war meine Göttin, mein Stern, mein Alles. Wie soll ich sie nur sattsam beschreiben, um meinem Gefühl Genüge zu thun! In welche Farben soll ich meinen Pinsel tauchen, um sie mir zurückzuzaubern in ihrem Glanz und ihrer Gluth? Sie war aus Südfrankreich und hatte arabisches Blut, dunkle Pfirsichhaut, große dunkle Augen, blauschwarzes, reiches Haar, korallenrothe Lippen, wundervolle Zähnchen, eine elastische Nase, mit durchsichtigen, ewig bebenden Nasenflügeln und ein schwarzes Schönheitsfleckchen unter dem linken Augenwinkel, das ganz berückend war.

Aber was ist Beschreibung gegen wirkliches Leben. Ich möchte jedes Wort ausstreichen, das Blatt zerreißen, das mich so kalt anstarrt. Mir ist, als käme sie mir entgegen, in ihrer schlanken Biegsamkeit und vornehmen Ruhe; als hörte ich den Klang ihrer weichen, tiefen Stimme; als müßte ich wieder beständig flüstern: Lavinia! –

Meine Mutter wollte es nicht haben, daß ich sie zum Weibe nehmen sollte, meine herrliche Araberin. Ich wäre aber mit ihr nicht unglücklicher geworden, als ich es jetzt bin. Ich hätte sie in mein Schloß genommen und eingesperrt und keinen Menschen in ihre Nähe gelassen und sie vielleicht zu Tode gequält mit Eifersucht und krank geärgert mit Mißtrauen, aber sie wäre doch mein gewesen, und ich hätte sie vor Schmach und Elend bewahrt und hätte sie tödlich geliebt und doch gehalten und – – –

Den 21. März. »Komm, Ewald! Wir wollen ein wenig nach Shenklin-Chyne fahren, den Wasserfall ansehen,« klang kühl wie eine Ostbrise meines jungen Weibes Stimme in die Gluth meines Fühlens hinein. Ich konnte nur rasch die Blätter verbergen. Aber die großen grauen Augen hatten sie doch erspäht, und die feine Nase bog sich etwas scharf nach unten: »Du schreibst also doch? Warum zeigst Du mir's denn nicht?«

»Ich kann nie etwas Unvollendetes zeigen. Es ist gerade, als würde ich geschunden.«

»Und ich hatte mich darauf gefreut, Deine Arbeiten mit Dir zu theilen, Dein Secretär zu sein.«

»Ich bin mit meinen Arbeiten so scheu wie ein Schulmädchen und so nervös wie ein Violinist.«

»Das werde ich Dir abgewöhnen; Du hast eben noch Niemanden gehabt, dem Du Dich hättest anvertrauen können!«

Ich bebte vor Zorn und Ungeduld, sagte aber ganz freundlich: »Ja, lieb Herz!« und nahm meinen Hut. Es ist eigentlich niedlich, wenn sie Euald sagt, mit ihrem englischen Accent, aber es reizt mich doch. Ich denke an den zärtlichen Klang, wenn Lavinia »Jannino« sagte: denn »Hans« konnte sie nicht aussprechen. Und dann sah sie mich mit ihren berauschenden Augen an. Ach! Lavinia! wahnsinnig habe ich Dich geliebt! Nicht wahr, Du wärest nicht schlecht geworden, wäre ich bei Dir geblieben? Du hattest so edles Blut, Kind, so stürmisch bei der äußeren Ruhe, bei dem unendlichen Ebenmaß aller Bewegungen, bei dem langsamen Augenaufschlag unter den triumphirenden Brauen, die die Welt beherrschen! Ich will ruhig erzählen, als wenn ich ein Anderer wäre, anstatt wie ein Rasender mit beiden Händen in der alten Wunde zu wühlen.

Sie war eine Waise und war im Kloster erzogen. Das Kloster wäre noch unendlich schädlicher für sie gewesen, als es schön war, hätte nicht eine seltene Frau an der Spitze gestanden. Diese Frau verdiente ein ganzes Buch; ich will hier nur andeuten, was mir Lavinia von ihr erzählte. Sie war verhältnißmäßig jung und hatte ihre schneeweißen Haare unter den Nonnenschleier geborgen, da sie in einer Nacht und einem Tage an einer ansteckenden Krankheit ihren Vater, ihren Mann und ihre fünf Kinder verloren, und was das Schlimmste war, sie war von Reue gefoltert, da sie Vater, Mann und fünf Kinder eine kleine Weile ungeliebt und unbeachtet gelassen, da ihr Herz andere Wege gegangen war. Sie glaubte, nur im Kloster büßen und die unerträglichen Schmerzen von sich wälzen zu können. Diese Frau war wohl geeignet, eine Natur wie Lavinia zu verstehen. Das junge Mädchen wollte durchaus den Schleier nehmen, aber die Oberin durchschaute die jugendliche Schwärmerei, hinter der sich ein ganz anderes Stürmen verbarg, und verwehrte es ihr in Milde und Ernst. Sie hatte es vielleicht an sich selbst erfahren, wie schwer es ist, sich und dem Leben zu entsagen. Sie war durch alle Stürme gegangen, ohne zu zerbrechen, durch alles Sterben, ohne zu versteinern, und darum war sie eine tiefe Herzenserforscherin.

Mit vielen heißen Thränen hatte sich das junge Mädchen aus ihren Armen gerissen und war ihrer Schwester und deren Mann nach Sorrento gefolgt. Dort lernte ich sie kennen, als ich meine Mutter und kranke Schwester hinbegleitete. Ich war augenblicklich unter ihrem Banne, bei der ersten Begegnung; nicht so meine Mutter.

Es war an einem duftreichen Abend, bei Sonnenuntergang. Da stand sie plötzlich neben uns auf dem Balkon und sah über das Meer hinaus, und ihre Augen schienen die Strahlen zu fangen. Ich fühlte einen Schmerz in der Brust über so viel Schönheit; ich hätte auf sie zustürzen mögen und hatte Angst zu athmen, damit sie sich ja nicht bewegte. Da hustete meine Schwester, und sie wandte die Augen nach uns, mit einem Ausdruck von Theilnahme darin, der sie noch unendlich schöner machte. Meine Schwester sagte, sie sei schön gekleidet gewesen. Ich weiß nicht, was sie anhatte; ich weiß nur, was von ihr ausströmte; ich fühle noch den warmen Blick der langen Mandelaugen. Ich muß sie wohl sehr angestarrt haben; denn auf einmal erröthete sie und verschwand vom Balkon. Natürlich lernte ich sie ohne Verzug kennen. Ihre Schwester war klein, rund, lebhaft, mit ihrem Töchterchen beschäftigt, während ihr Schwager sehr mit ihr beschäftigt schien. Ich besuchte sie oft in ihrer Villa, wo ich ein gern gesehener Gast wurde. Meine Mutter war nicht zufrieden. Das Mädchen sei sehr kokett und lasse sich von ihrem Schwager den Hof machen; sie wollte durchaus nicht ihre Bekanntschaft machen und gar nichts mit ihr zu thun haben.

Eines Tages kam ich an die Villa angeritten und fand sie leer. Mir stand das Herz still vor Schrecken. Ich lief durch alle Zimmer. Schweigen starrte mir entgegen, Spuren eiligen Packens und eine gewisse Unordnung, die ich früher nie dort gesehen. Ich machte Thür um Thür auf – Alles leer. Als ich mich eben einem Schreibtisch nähern wollte, um zu sehen, ob kein Wort für mich zurückgelassen, kam es leicht und langsam die Treppe hinunter und in den Gartensaal hinein, und da stand sie vor mir, bleich, wie ein zürnender Engel, mit lichtlosen Augen und zusammengepreßten Lippen. Sie hob nicht die Augen, sondern starrte mich schweigend an.

»Lavinia! Liebe Lavinia!« rief ich.

Sie aber trat einen Schritt zurück.

»Wissen Sie, was geschehen ist, und kommen Sie dennoch, oder wissen Sie nichts?«

»Um Gottes Willen! Traf ein Unglück dieses Haus?«

»Also Sie wußten nichts? Das hätte ich mir denken können; sonst wären Sie nicht gekommen!«

»Aber was ist geschehen?!« –

»Meine Schwester ist plötzlich mit ihrem Kinde verschwunden,« sagte das junge Mädchen mit tiefer, eintöniger Stimme, »weil sie glaubte, weil sie glaubte, ihr Mann und ich – –;« weiter konnte sie nicht, sondern bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Und sie hat Sie, armes Kind, so dem öffentlichen Gerede preisgegeben? O, wie grausam!«

»Mein Schwager ist ihr sofort nachgereist, und hier bin ich,« sagte sie, Kopf und Arm hängen lassend, wie ein Angeklagter, der sich nicht vertheidigen will, weil er den Schein gegen sich hat.

»Und Sie meinen doch nicht, ich werde diese schändlichen Verleumdungen glauben, Lavinia, und Sie darum nicht hoch halten, weil Sie verlassen und einsam sind? So gering dachten Sie doch nicht von mir, Lavinia?«

Immer noch ließ sie den schönen Kopf hängen, und das Licht vom Garten her spielte über ihr glänzendes Haar hin.

»Gehen Sie fort!« sagte sie, »ich muß allein mein Schicksal tragen!« und in einen Thränenstrom ausbrechend, ließ sie sich auf einen kleinen Divan gleiten. Was ich da zu ihr sagte, ist so selbstverständlich, daß ich es nicht zu schreiben brauche. Ich sprach ihr von meiner großen Liebe und sagte ihr, sie werde mir in ihrer Verlassenheit heilig sein, sie sollte sich nicht vor mir fürchten, und was sonst ein ehrlicher Mensch in solcher Stunde sagen wird. Es lag wunderbare Süßigkeit in dieser Stunde, wo das herrliche Mädchen sich an meiner Liebe wieder aufrichtete, sie, die sich schon wie eine Verlorene betrachtet.

Alle Diener hatten sie verlassen, außer ihrer alten Negerin, die ihr treu geblieben war.

Ich mußte lange sprechen, bevor sie mir glauben und vertrauen wollte. Jeden Augenblick wurde sie von Angst und Scheu überfallen und von dem überwältigenden Gefühl, für immer gebrandmarkt zu sein. Ich konnte es nicht ertragen, meine hehre Göttin so zerknirscht zu sehen. Einmal legte ich ganz väterlich meine Hand auf ihren Scheitel. Sie aber erbebte so unter meiner Berührung, daß ich schnell die Hand wieder zurückzog und einen Augenblick schwieg. Mir war es wie einem jungen Priester, der den Kelch berührt hat. Von da an ritt ich täglich hinüber und fand sie muthig und stark in ihrer Einsamkeit. Sie fürchtete sich auch nicht vor Räubern, obgleich sie Niemanden hatte, als ihre Negerin, einen Gärtnerburschen und zwei Pistolen.

Es dauerte ziemlich lange, ehe meine Mutter von dieser Sache hörte, da meine Schwester immer leidender wurde. Als sie es aber erfuhr – das war schlimm! Sie sagte mir, wenn ich sie schnell unter die Erde bringen wolle, so solle ich dieses Mädchen heirathen, lieber eine Magd, aber ein braves Mädchen, nur nicht Eine, auf die die ganze Welt mit Fingern deute. Wenige Tage nachher erklärte sie mir, die Aerzte fänden den Zustand meiner Schwester verschlimmert; Sorrento sei nicht warm genug, wir müßten nach Aegypten. Ich glaubte ihr nicht; denn ich war ganz außer mir und dachte, sie habe den Arzt auf ihre Seite gebracht, um mich von Lavinia zu entfernen.

Mein letzter Besuch bei ihr war eine Todesstunde. Ich durfte ihr nicht sagen: »Sei mein Weib!« und mußte sie allein lassen in der Welt, die den Stab über sie gebrochen, die sie zur Einsamkeit verurtheilt, als wäre sie vom Aussatz befallen.

Sie sah mir lange in die Augen, als ich sagte, ich müßte fort:

»Natürlich, Deine Mutter, Jannino, Deine Mutter hat von mir gehört. Du warst sehr unvorsichtig. Dein Ruf konnte leiden!« Wie bitter fielen diese Worte von ihren Lippen! Ich betheuerte ihr meine große, unabänderliche Liebe, aber wie sollte sie mir glauben, da ich kein bindendes Wort sprach. Das Herz lag mir wie eine glühende Kohle in der Brust. –

Den 24. März. »Lavinia? Wer ist denn das?« sagte meine Frau, mir über die Schulter sehend. Ich schwieg einen Augenblick, bevor ich antworten konnte, indem ich die Blätter durcheinanderwarf.

»Lavinia? O, das ist ein hübsches Mädchen, das ich einmal gekannt und das ich in meiner nächsten Novelle benutzen will. Ich schreibe mir deshalb einige kleine Notizen auf, aus Furcht sie zu vergessen!« Von Lavinia hatte ich noch nie gesprochen. –

»Warum erzählst Du mir's nicht? Mein Gedächtniß ist wie ein Buch; ich vergesse nie etwas. Was Du mir erzählst, kommt in kleine Fächer, aus denen Du es dann ad libutum herausholen kannst. Mein Gehirn ist wie eine große Chiffonniére mit hundert Schublädchen. Alles liegt wohlgeordnet darin.«

Ich dachte an Schumann's Worte: »Das Weib ist das Chaos, aus dem die Welt erschaffen wird!«

Was soll man aus einem Schranke schaffen, in dem Alles sein Fach und seine Nummer hat? Mir wird es förmlich bange vor ihrer Ordnungsliebe. Sie hat gewiß meinen Charakter bereits zerlegt und eingereiht, und studirt mit ihren kalten Augen, ob sie nicht eine Kleinigkeit vergessen hat. Dabei hat sie einen gewissen Geschmack und große Kenntnisse in Kunst und Alterthümern. Wir waren in London bei Antiquaren. Mit der äußersten Sicherheit unterschied sie das Echte vom Falschen und handelte so lange, daß ich zuerst leise sagte: »Aber Nora! Das ist ja gar nicht anständig!« Als sie aber dazu lachte, ging ich aus dem Laden und wandelte vor der Thür auf und ab, bis sie fertig war, zu mir herauskam und sich vergnügt an meinen Arm hängte.

»Bist Du nicht zufrieden?« sagte sie.

»Wie kann ich zufrieden sein? Bin ich nicht reich genug, Dir jede Laune zu bezahlen, auch wenn Du den ganzen Laden auskaufen wolltest? Nur dies Handeln ist mir entsetzlich!«

»Ich sehe schon, daß ich Dein Geschäftsmann werden muß!« lachte sie.

Und sie hält Wort. Sie hat mir die Kasse abgenommen und rechnet genau. Nächstens wird sie kein Geld hergeben, wenn ich von dem Meinen etwas verlange.

Heute ist kalter Regen nach dem gestrigen Nebel. Nora hat das gerade gern. Sie hat sich hingesetzt zu ihrer unendlichen Correspondenz, nachdem sie alle meine Aquarelle und Bleistiftskizzen systematisch geordnet hat.

Dabei kamen viele Bilder aus Sorrento wieder an's Tageslicht, die ich glaubte, verbrannt zu haben, sogar einige Studien, die Lavinia unter meiner Anleitung gemalt hatte. Ich gedachte, ihr Leben erträglicher zu machen, indem ich ihr Lehrer wurde. Sie malte aber mehr allein; denn wenn ich kam, zog sie mich fort in den schattigen Garten, in eine tiefe, stille Grotte, und oft legte sie den schönen Kopf an das feuchte Gestein und schloß die Augen, mit leise geöffneten, lächelnden Lippen meinen Liebesworten lauschend. Und auf einmal legte sie die Arme um meinen Hals, zog mich an sich und küßte mich und entfloh in demselben Augenblick. Wäre sie nicht so einsam und schutzlos gewesen, ich hätte sie nicht fliehen lassen. –

Und als ich fort mußte, da lag sie an meiner Brust wie eine gebrochene Blume:

»Wenn auch Du mich verlassen haben wirst, dann bin ich mir selbst nichts mehr werth, Jannino!«

»Ich komme wieder!«

Sie richtete sich auf und sah mir in die Augen; dann schüttelte sie den Kopf:

»Du kommst nie wieder!«

»Ich schwöre es!«

Ein Jauchzen stieg ihr in die Kehle, verwandelte sich aber in Schluchzen.

»Wenn ich Dich nur noch einmal in meinem Leben singen höre!«

Wir hatten bis tief in die Nacht hinein unter dem Sternenhimmel gesessen. Dann kam der letzte Augenblick. Wozu solche Dinge beschreiben? Die kann man nur erleben, nicht erzählen. Ich ritt durch die wundervolle Nacht dahin, wie ein Träumender, wie ein Mensch, der von sich und seinem Glück auf immer Abschied nimmt. Meine Mutter hatte auf mich gewartet.

»Bist Du noch mein, oder habe ich Dich verloren?« frug sie mich.

»Ich bin noch Dein, und Du hast mich verloren,« sagte ich hart und kalt und schloß mich in mein Zimmer ein bis zum Morgen.

Wer erzählt die langen Monate auf dem Nil, das leise Aufflackern und das langsame Erlöschen meiner Schwester, die unendliche Geduld und Ergebung meiner Mutter, der ich das Leben nicht leicht machte. Sie aber klagte nie. Ich habe sie beinahe gehaßt in jener Zeit, und in meiner Bitterkeit habe ich ihr manches harte Wort gesagt. Einmal rief ich:

»Weil Du mir das Leben gegeben hast, meinst Du das Recht zu haben, es zu zerstören!«

Und meine Mutter schwieg. –

Mit überirdischer Milde redete meine Schwester mir zu, wenn wir Hand in Hand auf dem Schiffe saßen, langsam den Nil hinauffahrend. Sie wollte immer weiter. Ich dachte, es sei ihre krankhafte Ruhelosigkeit, bis ich entdeckte, daß es für mich war, um mich zu zerstreuen, während sie brennendes Heimweh hatte – und so gern zu Hause gestorben wäre!

»Keinem von uns ist es bis jetzt gelungen,« flüsterte sie, »die Mutter glücklich zu machen. Dir wird es vorbehalten sein!« Mir! –

Und dann war sie todt, und wir zogen heim, in Trauerkleidern, mit schweren Herzen. Ich versuchte ehrlich, es zu Hause auszuhalten; als aber der Herbst wiederkam und der Winter hereinbrach, wurde meine Sehnsucht nach Sorrento unerträglich.

»Laß mich fort, Mutter! Ich muß in den Süden, ich kann im Norden nicht sein!«

»Gut, mein Sohn, ich gehe mit Dir! Ich muß die Stätten noch einmal sehen, wo ich mein Kind besessen. Ich bin Dir sehr zur Last, ich weiß es, aber Du wirst doch mit meinem traurigen Herzen Geduld haben!«

Die mir theuren Frauen sind meines Lebens Verhängniß!

Den 27. März, Als ich eben die letzten Worte schrieb, kam Nora herein und sagte, ich müsse einmal den Küchenzettel ansehen, ob so etwas erlaubt sei! Nun ist mir Essen, Essensehen, Essenhören, Essenriechen von je ein Gräuel gewesen. Ich habe gar keinen Sinn für Feinschmeckerei und bin froh, wenn das leidige Geschäft überstanden ist. Ich hoffe immer noch auf die schöne Erfindung, alle nothwendige Nahrung in kleinen Bällen verschlucken zu können. Und meine Frau findet das einen Erziehungsfehler. Ich muß den Küchenzettel ansehen. Da steht alle Tage dasselbe darauf, Suppe, Fisch, Fleisch und noch so allerhand Dinge, die ich alle gleich ungern esse, die mich langweilen, die mir zuwider sind, wenn ich nur davon höre. Wenn ich eine Frau essen sehe, dann verliert sie gleich den Reiz für mich. Solch ein Geschöpf sollte von Duft leben können! – Ich frage mich manchmal, ob meine Frau auch eine Seele hat, oder nur Geschmack und Gedächtniß. Sie ist ein wandelndes Conversationslexikon und macht mich fortwährend erröthen in meiner zunehmenden Unwissenheit. Ich lese nämlich sehr ungern und sehr wenig, lieber Partituren als Bücher, lieber Menschengesichter als Biographien.

Eine große feste Handschrift hat meine Frau; wenn sie ihr »Honoria Ewald« unter Etwas gesetzt hat, wäre es auch nur eine Einladungskarte, so sieht es aus wie ein Gesetz. Nichts ist flüchtig an ihr, nichts schwach und hülfsbedürftig. Sie ist immer stark, auf ihren eigenen Füßen stehend. Gewiß ein Glück für sie. Ich aber hätte lieber weiche Weiblichkeit, selbst sehr große Schwäche, Unvollkommenheit – Alles! nur nicht diese ewig gleiche Stärke! Ich hatte immer Gefallen an Magdalenen; das ist auch mein Schicksal und mein Unglück geworden. –

Also da gingen wir zusammen nach Sorrento. Meine Mutter wollte mich gar nicht von ihrer Seite lassen; ich sollte mit ihr jede Stelle besuchen, die an meine Schwester erinnerte. Endlich konnte ich mich eines Tages frei machen. Ich eilte nach der Villa und fand Niemanden mehr als den Gärtnerburschen. »Wo ist Deine Herrin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wo ist die Negerin?«

»Todt.«

»Todt? Die Negerin?«

»Die Räuber haben sie todt gemacht.«

»Und Deine Herrin?«

»Hat die Räuber todtgeschossen.«

»Und dann?«

»Dann ging sie immer an's Meer.«

»Und dann?« Herr Gott! Ich hätte ihn schütteln mögen, mit seiner südlichen Ruhe und Gleichgültigkeit! Ich fürchtete aber, wenn ich heftig würde, ihn völlig verstummen zu machen.

»War denn Niemand hier in der Zeit?«

»Ja wohl, es kam ein Herr.«

»Der Herr?«

»Nein, ein Herr.«

»Oft?«

»Ja, oft.«

»Wer?«

»Ich weiß nicht.«

»Und der nahm sie fort?«

»Nein, er blieb fort.«

»Er blieb fort? Warum denn? Wo war er denn?«

»Ich weiß nicht.«

»War er von hier?«

»Er sprach Italienisch.«

»Was that sie denn, als er fort war?«

»Sie ging immer an's Meer.«

Der Kerl sah sehr schlau aus, bei all seinen stumpfsinnigen Antworten; ich hätte ihn erwürgen mögen.

»Und fuhr sie auf dem Meere fort?«

»Nein; ich glaube nicht; ich weiß nicht.«

»Aber Mensch! hat sie denn keine Befehle gegeben? Hat sie nichts gesagt?«

»Nichts. Sie ist fort.«

»Hast Du sie denn nicht gesucht?«

Hier zögerte er mit der Antwort.

»Ich frage, ob Du sie gesucht hast?«

»Nein; denn ich hatte sie fortgehen sehen.«

»Mensch!« schrie ich, »wohin ist sie gegangen?«

»Dahin, wo sie nicht gefunden sein will.«

Mir wurde es heiß und kalt.

»Sie ist doch nicht im Meere?«

»Nein, da ist sie nicht.«

»Du brauchst ja nicht zu sprechen, zeige mir nur mit der Hand, wohin sie ging!«

Er deutete in der Richtung nach einem Männerkloster, das hoch auf der Klippe über dem Meere lag.

»Sie konnte doch nicht nach dem Kloster?«

»Ich weiß nicht.«

Ich begreife noch nicht, daß ich ihn in meiner Wuth nicht erwürgte. Verzweifelt, nichts mehr aus ihm herauszubringen, und bittrer, banger Gedanken voll, wandte ich mein Pferd dem Kloster zu. Ich gedachte, diesmal schlauer zu sein mit meinen Fragen, und ließ darum das Pferd langsam den steilen, schlüpfrigen Klippenweg suchen, um zu überlegen, was ich dort sagen würde. Ich bat den Bruder Pförtner, daß er mir die Kirche zeigte und die Bibliothek, und suchte ihn gesprächig zu

machen. Aber er verrieth mir nichts. Endlich verlangte ich das Refectorium zu sehen.

»Das ist eben bewohnt, das kann man nicht sehen.«

»Bewohnt? Ist hoher Besuch gekommen?«

»Ach! so gar hoher nicht, Herr! Ein sehr armer Besuch!«

»Ein Armer im Refectorium?«

»Nicht geldarm, aber beklagenswerth, sehr beklagenswerth. Es ist eine Frau.«

Mein Herz that einen Sprung, daß ich fast erstickte.

»Ich suche meine Schwester hier; bitte, führt mich zu ihr!«

»Da will ich Sie doch erst anmelden; man weiß nicht, wie sie es aufnimmt.«

Und vor mir her schlürfte er den Gang entlang, öffnete vorsichtig eine Thür in eine Art kahler Halle, mit einer Reihe vorhangloser Fenster. Ich hörte, wie er von einem Signor sprach, der seine Sorella sehen wolle; ich hörte die wohlbekannte Stimme antworten, sie habe keinen Bruder zu erwarten. Als eben der Pförtner wieder herauskommen wollte, trat ich schnell ein und mit dem gellenden Schrei: »Jannino!« erhob sie sich schwerfällig aus einem Sessel, wankte mir entgegen und fiel mir ohnmächtig vor die Füße.

Der Bruder Pförtner sah mich vorwurfsvoll an:

»Wer wird eine arme Frau in dem Zustand so erschrecken?«

»In – dem – Zustand?«

Eben schlug sie die Augen auf und stieß mich mit beiden Händen von sich:

»Geh fort, Jannino! Geh gleich fort! Du darfst mich nicht ansehen! Ich bin Deiner nicht werth! Geh fort! Ich war so verlassen, so gänzlich verlassen, und ich war mir nichts mehr werth, weil Du fort warst. Ach Gott! ich habe furchtbare Schmerzen!«

Wer beschreibt die Stunden, die nun folgten, die ich in Todesqual an ihrem Lager verbrachte. Welcher Haß durchtobte mein Herz gegen den Schurken, der mein Heiligthum zertreten und zerstört.

Beim Morgengrauen wurde es sehr still in dem öden Raum; ein todtes Kind war zur Welt gekommen, und Lavinia lag selbst wie todt. Ohne jegliche Hülfe hatten wir die furchtbaren Stunden durchwacht; denn jede herbeigerufene Hülfe hätte sie verrathen, die dort verborgen bleiben wollte. Als ich mich überzeugt hatte, sie lebe und sei lebensfähig, sattelte ich mein Pferd und ritt nach Hause, mit dem Versprechen, Abends wieder zu kommen und die Nacht zu bleiben.

Das Meer schlug mit leisem Murmeln an die Klippen und färbte sich rosa in der aufgehenden Sonne. Und mir rannen glühende Thränen in den Bart. Ich war in dieser Nacht Beichtvater und Arzt gewesen und war wenig geeignet zu dem Einen wie zu dem Andern. Mir war die Seele zerrissen von einem solchen Weh, daß ich am liebsten dem Pferde die Sporen gegeben hätte zu einem Sprung in die Tiefe.

Man hatte sie in ihrer Verlassenheit aufgesucht, sich ihr genähert, ihr die Ehe versprochen und sie dann schnöde verlassen – eine sehr alte und sehr einfache Geschichte. Aber meiner Göttin, meiner hehren Lavinia durfte solches Elend nicht widerfahren. Sie sollte nicht verlassen und zertreten sein, nachdem ich sie heilig gehalten wie eine reine Blume. Die Beichte von dieser Nacht kam stoßweise über ächzende Lippen, immer unterbrochen von der flehenden Bitte, fortzugehen, und dabei hatte sie sich an mich geklammert, wie eine Ertrinkende. Mir war es, als haßte, als verabscheute ich sie, und dabei zerriß Mitleid mir das Herz. Erschöpft warf ich mich auf mein Lager und schlief angekleidet ein paar Stunden.

Meine Mutter war ganz beruhigt; sie hatte sich erkundigt und erfahren, daß die Villa leer sei, die junge Dame aus der Gegend verschwunden. Ich sah, wie die sorgenvolle Wolke sich von ihrer Stirn entfernte; nur fand sie mich so bleich und mager.

Am Abend erschien ich wieder im Kloster, meine Schwester zu pflegen. Sie küßte mir die Hände, als ich bei ihr eintrat, und ließ sich von mir pflegen wie ein Kind. Nur manchmal vergrub sie sich weinend in die Kissen:

»Jannino! Du bist ein Heiliger und ich bete Dich an; aber ich schäme mich vor Dir zum Sterben!«

Jede Nacht ritt ich dahin, wenn ich sicher war, sie nicht mehr zu verrathen, im Mondschein wie in schwarzer Dunkelheit, den steilen Klippenweg entlang, und blieb bei ihr, bis der Morgen graute. Ich kam mir in jenen Nächten wie ein Greis vor, der ein armes, verirrtes Kind mit sanfter Hand zurechtweisen soll. Mir war es, als träufle mein Herzblut auf die Erde; ich konnte ihre fast kriechende Demuth nicht ertragen. Dann haßte ich sie. Wenn sie aber das vertrauensvolle Kind war, das ihrem Bruder beichtete und in unsäglichen Gewissensqualen Noth und Erlösung verlangte, dann war ich so von Mitleid erfüllt, als hätte ich nie ein anderes Gefühl für sie gehabt.

Morgens ritt ich dann heim und mußte manchmal über meine Dienste lächeln. Ich hatte gelernt, mich mit zwei Stunden Schlaf zu begnügen, und wenn ich etwas einsilbig war, so schob es meine Mutter auf alte Erinnerungen, von denen ich nicht genesen könne. Sie meinte, ob wir nicht lieber Sorrento verlassen wollten; sie sehe es mir an, mich quälen die alten Geschichten. Ich solle nur in den Spiegel sehen, wie ich täglich magerer werde und hohläugiger. Ihr stattlicher Sohn sehe aus wie ein alter Mann. Fünf Wochen trieb ich es so; denn Lavinia erholte sich sehr langsam und sehr schwer. Meine Pflege mag auch wohl äußerst ungeschickt und mangelhaft gewesen sein, und die braven Mönche verstanden nichts weiter als ihre Heilkräuter, die sie an der Thür verabreichten. Sie waren fest überzeugt ich sei der Bruder, und erwarteten mich Abends freundlich, gaben mir Wein für meine Nachtwache und behandelten mich mit Ehrfurcht, wie einen Mann, der ein großes Unglück mit Ergebung trägt. Ach! wie fern von mir waren Geduld und Ergebung. Ich habe oft des Meeres leises Rieseln verwünscht. Als es aber einmal zu toben begann, da war es sehr schlimm; ich konnte nur mit Lebensgefahr das Kloster erreichen, und Lavinia war in jener Nacht dem Tode nahe. Wäre sie doch gestorben!

Endlich war sie aber dennoch genesen, und je mehr sie sich erholte, je kälter wurde mein Herz gegen sie; ja ich erschreckte sie oft durch meine Strenge und Härte. Ich schalt sie nicht, ich strafte sie nicht; aber ich sprach knapp und ernst mit ihr. Zwischen uns gab es keine Zärtlichkeit. Wenn sie still weinte, so that ich, als sähe ich es nicht.

Sie war schüchtern mit mir und zitterte oft, wenn ich eintrat und ihr die Hand reichte. Eines Abends sagte ich:

»Für Morgen früh ist Alles bereit. Dein Platz im Schiffe genommen; Du wirst nach Marseille fahren zu Deiner Tante. Ich habe Dich dort schon angemeldet, mit Deinem Namen die Depesche unterschreibend.«

Lavinia fiel auf die Kniee und schnellte wieder in die Höhe:

»O bitte, nicht! O, nur nicht zu meiner Tante! Ich kann's nicht aushalten! Sie bringt mich um!«

»Glaubst Du, ich werde Dich hier auf der Straße zurücklassen? Du wirst Dich unter den einzigen Schutz begeben, den der Himmel und Deine Thorheit Dir gelassen.«

Sie lehnte an der Fensterbrüstung und weinte bitterlich. Ich stand mit verschränkten Armen vor ihr und sah ihr zu, wie sie weinte, und wartete, bis sie mich mit ihren großen erschrockenen Augen ansah, wie ein Thier, das sich vor seinem Herrn fürchtet.

Sie suchte auf alle Weise mich zu bitten, sie nicht dorthin zu schicken; ich blieb fest. Viele Stunden dauerte der Kampf. Endlich ließ sie Kopf und Arme hängen und sagte:

»Wie Du befiehlst.«

Ich sah sie fortfahren ohne Schmerz; mein Herz war todt in mir, keiner Liebe mehr fähig. Sie hatte es zerstört.

»Komm, Mutter!« sagte ich, »jetzt wollen wir nach Hause!«

»Nach Hause? Aber Du hast Dich ja noch gar nicht erholt! Sieh doch nur in den Spiegel, armer Junge! Deine Augen liegen tief wie im Keller; was willst Du denn schon zu Hause?«

»Mir wird es vielleicht besser dort, Mutter.«

Aber daheim konnte ich es auch nicht lange aushalten. Ich erklärte meiner Mutter, ich wolle fort nach Amerika, um mich zu zerstreuen.

»Aber Du kannst ja gar kein Englisch! Ich werde Dir Jemand verschaffen, die mir eine Gesellschafterin und Dir eine Lehrerin sein soll.« Und da lud sie Nora zu uns ein. Ihr Verstand und ihre Bildung fesselten uns beide in gleichem Maße. Ihre Stunden waren ein inhaltsreiches Geplauder, ihr Vorlesen ein Genuß. Mein Bruder fing sogar an, ihr den Hof zu machen. Nach einigen Wochen – es waren deren neun – sagte meine Mutter zu mir: »Schade, daß sie nicht adlig ist, solch' eine Schwiegertochter wünschte ich mir!«

Ich ging direct zu ihr, klopfte bei ihr an, setzte mich auf einen Stuhl an ihren Schreibtisch und frug sie, ob sie meine Frau werden wolle. – Und so ist sie meine Frau geworden. Meine Mutter war natürlich nur halb erfreut. Sie dachte nicht, daß ich in der Stimmung war, irgend eine Dummheit zu machen, nur um die Oedigkeit, die todte Gleichgültigkeit loszuwerden, die wie Blei auf mir lagerte. Aber sie wich nicht. Nora wurde mir in dem Maße gleichgültiger, in dem ich mich ihr zu nähern bestrebte, und ich fühlte nur mit Bangen, daß ich gebunden, für immer gebunden sei. Als ich dann gar die Entdeckung machte, daß sie sich in mich verliebt, war mein Erschrecken unbeschreiblich groß.

Bei meinem Hochzeitsdiner wurde ich so blaß, daß meine Nachbarin mir sagte, ich solle ein wenig an die Luft gehen, mir drohe offenbar eine Ohnmacht. Ich ging hinaus und wäre am liebsten nie wieder zurückgekommen. Mir kam zum ersten Mal das Gefühl, mich umbringen zu wollen. Ich durchwanderte unsern Park, bis ich fühlte, daß es unanständig sei, nicht zurückzukehren, daß man meine Leiche finden würde und daß es eine Schande wäre für einen ehrlichen Menschen, der sich nichts vorzuwerfen hat.

Nora sah mich mit ihren großen grauen Augen so forschend an, als ich wieder eintrat, als läse sie den Grund meiner Seele, als schaute sie durch meinen Kopf durch und noch durch die Wand dahinter und wüßte genau, was ich im Garten gedacht. Ihre Nase bog sich ein wenig, ihre Lippen preßten sich leise aufeinander, dann wandte sie sich mit einem geistreichen Worte zu einem der Gäste. Sie war gar nicht schüchtern, sondern sicher, als wäre sie ihr ganzes Leben Frau Gräfin gewesen. Ich begann meinerseits zu scherzen, bis der Wagen gemeldet wurde, der uns davontrug in unsern Honigmonat hinein.


Zürich, den 20. April.

Ich habe sie gesehen, und das Herz wollte mir springen. Sie aber, sie hat mich nicht gesehen.

Ich saß in Luzern vor dem Löwen. Wir hatten nämlich genug Insel Wight und fuhren nach der Schweiz und fahren nun kreuz und quer darin herum; denn Nora kannte sie noch nicht. Ich mag die Schweiz nicht; das ist wahrscheinlich sehr schlechter Geschmack von mir; aber ich mag sie doch nicht aus vielen Gründen. Ich war also allein zum Löwen gewandert, saß da zwischen dichtem Gebüsch und ärgerte mich über das kleinliche Zeug, die kleinen Häuschen, die kleinen Wege, die kleinen Pförtchen mit den kleinen Zwergen, die das großartige Meisterwerk von Menschenhand und die großartige Naturarbeit, die Gletscherkessel, verunstalten.

Da hörte ich eine scharfe Stimme sagen: »Wenn ich Dir sage, daß ich es nicht haben will, so wirst Du die Güte haben, mir zu gehorchen, Lavinia.«

Mir stand das Herz still; ich wartete auf die Antwort, aber es gab keine, als ein kurzer Husten.

»Ich möchte Dich nur beständig fragen, wer Dich erzogen hat. Auf dem See fahren mit einem fremden Herrn, wahrhaftig! Schämst Du Dich nicht, Lavinia?«

Immer noch keine Antwort.

»Was Du in Sorrento in Deiner Villa getrieben hast, werde ich doch noch einmal erfahren, und wenn das nicht sauber ist, dann ist es aus und vorbei zwischen uns. Deine Schwester schwört, sie habe Grund zur Eifersucht gehabt, und ich kann sie nicht so sehr tadeln, seit ich Dich besser kenne und Dein Gebahren. Du bist so kokett, daß es eine Schande ist. Meinst Du, ich hätte keine Augen? Du kokettirst sogar mit Deinem Blutspucken; Du bekommst es gleich, wenn Jemand in der Nähe ist, der es sieht und sich entsetzt und von der armen, schönen, schwindsüchtigen Lavinia mit ihrem alten Drachen spricht.«

Ein kurzes Lachen, ein wohlbekanntes, kurzes Lachen, das wieder mit Husten endigte.

»Lach' Du! So viel Herz hast Du wie eine Sirene. Du meinst wohl, ich glaubte Deinen traurigen Augen? Die machst Du für die Herren, damit sie denken, Du stirbst an gebrochenem Herzen. Und wenn keine da sind, hast Du ganz guten Appetit. Mich wirst Du in's Grab ärgern und Deinen Onkel dazu, der Dich auf der Straße aufgelesen hat, als Dich kein Mensch mehr ansehen wollte. Und wenn wir nun unsere Thür zugeschlossen hätten und hätten Dich nicht hereingelassen, was wäre dann aus Dir geworden?«

Eben traten die beiden Damen vor mich, bis dicht an den Weiher. Ja, das war Lavinia, die schöne, schlanke Gestalt, etwas magerer geworden; sie wandte den Kopf von der Tante weg, hustete, und ich sah, wie ihr Taschentuch sich röthete, wie ihre feinen Nasenflügel bebten, wie ihr edles Profil sich gegen den grauen Felsen abhob. Ich fühlte einen solchen Schwindel, einen solchen Schmerz in der Brust, daß ich fast eine Thorheit begangen hätte. Aber das Gefühl der unmöglichen Lage, in die ich uns alle bringen würde, nagelte mich fest auf meine Bank. Es war wie eine Marter. Wenn sie nur ein einziges Wort gesagt hätte. Aber nichts. Wie eine Erscheinung glitt sie an mir vorüber; ich sah sie noch einmal auf dem Stege, der zu den Gletscherkesseln hinausführt, und dann war sie verschwunden. Ich wußte, sie müßte denselben Weg wieder zurückkommen; heiß war der Kampf in meiner Brust. Ich wollte sie erwarten, ihr wie ein entfernter Bekannter entgegentreten; dann aber sagte mir eine Stimme: du bist auf der Hochzeitsreise. Blamire dich nicht! – Ich stand auf und ging langsam hinaus, ganz langsam. Vielleicht gab es der Zufall, daß sie mich einholten. Einmal aus dem Garten, ging ich so schnell, daß ich fast lief. Ich erklärte Nora, ich könne hier nicht bleiben, mir seien all' die gaffenden Menschen in der schönen Natur ein Gräuel; ich wolle überhaupt nach Hause. Wir packten, und nun sind wir hier, und ich weiß nicht, wie ich schnell genug weiter kommen soll. Als jagte mich etwas, möchte ich weiter, immer weiter.


Freiburg im Breisgau, den 6. Mai.

Ich komme aus dem Dom, vom Schloßberg und von noch überall. Ich bin in der Gegend umhergestrichen. Nora ist müde und will ihre zwanzig Briefe absolviren.

Ich wurde noch einmal erschreckt, sehr tief erschreckt. Ich weiß nicht, was mir einfiel, mich in Zürich an ein Klavier zu setzen, das in unserm Salon stand. Ich mußte spielen und singen wie in alter Zeit. Nora saß am Fenster, wie sie sagte, um die Berge jenseits des Sees anzusehen, in Wahrheit aber betrachtete sie die Leute im Garten und machte boshafte Bemerkungen über sie, mich im Spiel unterbrechend; denn sie ist gar nicht musikalisch.

»Nein! der alte Herr dort! ist das ein Kauz! macht allen Jungen die Cour, und die lachen sich todt. Und dort gehen Drei, Mann, Frau und Hausfreund einträchtiglich spazieren. Und da ist eine junge Frau, die wird von ihrem Söhnchen chaperonirt, während der Officier den ganzen Tag vor ihr sitzt und mit ihr spricht. Es ist aber Alles ehrbar. Das Kind ist ja dabei!«

»Nora! willst Du so gut sein, mich mit Deinen Bemerkungen zu verschonen? Mich interessirt keine Seele da unten; ich wünschte sie alle zum Kukuk!«

»Wie unelegant, Euald!«

»Du hast eben meine Erziehung noch zu vollenden! Einstweilen sei mal ein bischen still und behalte Deine Betrachtungen für Dich!«

Ich spielte wie rasend, weil ich sehr gereizt war, und das arme Klavier ächzte unter meinen Händen. Endlich hatte ich mich ausgetobt und begann zu singen, meine alten Lieder, aus der Zeit in Sorrento, die ich alle für Lavinia gemacht.

Als ich endlich aufhörte, sah meine Frau noch immer mit demselben lebhaften Interesse in den Garten hinunter. Ich dachte, wahrscheinlich hätten sich dort einige Zuhörer versammelt, und da mir das höchst gleichgültig war, so hütete ich mich, dem Fenster nahe zu kommen, sondern nahm meinen Hut, ging rückwärts hinaus und wanderte auf Umwegen dem See zu.

Als ich nach Hause kam, fand ich Alles gepackt; meine Frau entschlossen, abzureisen, es gefiele ihr hier gar nicht. Sie wolle weiter. Seit der Begegnung in Luzern war mir Alles einerlei; ich ließ geschehen, was geschehen wollte.

Wir stehen in Schaffhausen in der Nähe des Rheinfalls, und ich denke, was für ein elendes Ding der berühmte Rheinfall ist.

»A propos!« sagt meine Frau. »Es war in Zürich ein recht interessanter Zwischenfall: Während Du sangst und spieltest, kam mit eiligen Schritten eine selten schöne Dame daher; sie sah aus wie eine Südländerin, mit großen, dunkeln Augen, schwarzem welligem Haar, einem Fleckchen auf der linken Wange. Blaß und mit geöffneten Lippen lehnte sie sich an den Pfosten der nahen Schaukel, und Thränen rannen ihr über das Gesicht. Zuerst hatte sie den Hals vorgestreckt, um besser zu hören in dem Stimmengewirr, das sie umgab. Bald aber wurde es ganz still. Du hast sehr andächtige Zuhörer gehabt, Euald, und ihnen ein angenehmes Concert gegeben. Jetzt hob die Dame die Augen nach unserm Fenster, und wie sie mich sah, veränderte sich ihr Ausdruck zu einer förmlichen Wildheit. Sie preßte die Hände auf die Brust und sah mich an, als wollte sie mich tödten. Ich sah natürlich sehr kühl auf sie hinunter; was konnte mir ihr Haß anhaben; ich bin ja Deine Frau und in Deinem Schutz! – Auf einmal rief sie etwas, das ich nicht deutlich hören konnte, weil Du so viel Lärm machtest; es klang wie Janni, dann wie Nino, und als sie noch einmal rufen wollte, quoll ihr ein Blutstrom aus dem Munde, und sie fiel ohnmächtig hin. Eine alte Dame kam scheltend und kopfschüttelnd herbei, hob sie in ihre Arme und ließ sie dann eilends forttragen. Einige Minuten später, als ich den Kopf nach Dir umwandte, warst Du aus dem Zimmer. Bist Du ihr nicht begegnet?«

Während sie sprach, hatte ich das Gefühl, als sei mein ganzer Körper in ein brausendes Meer verwandelt. Sie spricht immer so scharf und deutlich, daß mir kein Wort entgehen konnte, trotz des rauschenden Wasserfalles und des Brausens in meinen Ohren. Die großen Augen sahen mich an, wie die Katze das Mausloch betrachtet, aus dem sie ihre Beute hervorlugen sieht, die sie gleich erwürgen will.

»Warum erzählst Du mir das jetzt erst?« stieß ich endlich hervor.

»Du hattest mir in ziemlich gereiztem Tone verboten, Dir meine Betrachtungen mitzutheilen; darum schwieg ich.«

Ich konnte kein Wort sprechen. Mir war's, als würde ich meine Frau hinabstürzen müssen, wenn sie noch eine Sylbe spräche; als müßte ich selber hinunter und in dem Getöse in Staub zerschellen. Sie versuchte, etwas zu sagen; ich hörte es aber nicht und gab mir auch keine Mühe, es zu hören. Sie wollte mich fortziehen. Ich stand wie eine Bildsäule. In jener Stunde maß ich das Leiden, in das ich mich muthwillig hineingestürzt. Ich erkannte in meiner Frau eine gefährliche Gegnerin, die ihre Rechte wahren und mich unter die Zuchtruthe der Pflicht knechten würde. Meine ganze begrabene Liebe zu Lavinia erwachte in alter Gewalt, als wäre das hemmende: »Verloren« nie zwischen uns getreten; als wüßte ich nicht, daß sie schlecht geworden. Mir war's, als spränge mir die Brust.

»Es kann doch keine Bekannte von Dir gewesen sein,« schrie Nora mir in die Ohren; »denn der Name, den sie rief, glich ja dem Deinigen in keiner Weise. Wer weiß, an wen Deine Lieder sie erinnert haben, die Aermste!«

Ich schwieg noch immer. Ich hatte die Zähne auf einander gebissen wie bei einer Operation, um nicht zu schreien vor Schmerz. Ob ich das Wetterleuchten in meinem Gesicht bezwungen, möchte ich bezweifeln. Denn der Blick meiner Frau durchbohrte mich wie eine Stahlklinge. Endlich fand ich die Kraft, zu sagen: »Wie kannst Du Dich so für völlig Fremde interessiren?«

»Mich interessirte der haßerfüllte Blick. Solch' einen Blick hat noch nie ein Mensch auf mich gerichtet. Mir war es, als zischte eine Schlange auf mich los, aber hinter dem Glase der Menagerie, wo ich sie gefahrlos betrachten und mich an ihrer ohnmächtigen Wuth ergötzen konnte. Als dann das Blut kam, that mir die arme Person leid; da ich ihr aber doch gar nicht helfen konnte, so hielt ich mich ruhig.«

Wir sahen uns in die Augen, als wollte Jeder des Andern Kraft und Verstellungskunst ergründen. Es war nicht Liebe, was wir lasen, sondern ein sehr gefährliches Spiel mit scharf geschliffenen Waffen. Ich hatte nur das Bewußtsein, jetzt nicht unterliegen zu dürfen, wenn sie mich nicht wie einen Gefangenen in ihre Gewalt bekommen sollte.

»Wenn Du jetzt Wasser genug gesehen hast, so wollen wir heimgehen zum Essen; ich habe einen gewaltigen Appetit bekommen.«

Sie sah enttäuscht aus, und das Gefühl, ihr nicht unterlegen zu sein, machte mich fast übermüthig. Ich neckte sie mit all' ihren kleinen Schwächen, vielleicht zu beißend; sie aber wurde nicht gereizt, sondern parirte liebenswürdig und sah so entzückt aus, als hätte ich ihr lauter Zärtlichkeiten gesagt. Mit dem Essen ging es nun freilich schlimm; keine Ueberwindungskunst brachte einen Bissen hinunter, obgleich ich mit vielem Wein half. Ich schimpfte über die schlechte Küche, sagte, ich habe Kopfweh und müsse schlafen. Zum ersten Mal schloß ich die Thüre zu. Ich mußte allein sein, um jeden Preis.

Ich weiß es, ich war rasend; mein Gehirn war Feuergluth, jeder Nerv wurde gedehnt und zerrissen. Wie ein Mensch, den man in ein Narrenhaus gesperrt hat, tobte ich gegen mich selbst, gegen mein Schicksal, gegen meine Charakterschwäche und Thorheit. Ich haßte meine Frau, ich fluchte meiner Mutter.

Und was hat sie mir denn eigentlich gethan, meine Frau? Nichts, das ich ihr vorwerfen kann! Sie hat mit Besonnenheit und Klugheit gehandelt. Das ist es ja gerade, was mich rasend macht.


Frankfurt, den 15. Mai.

Hier gefällt es meiner Frau, mir gar nicht. Sie schleppt mich in all' die berühmten Läden mit den berühmten Modesachen, die so unkünstlerisch sind, daß einem die Zähne stumpf werden, wenn man sie ansieht. Sie freut sich kindisch über all' das Zeug, das in einem Jahre schon nicht mehr Mode sein wird. Ueberhaupt dies Frankfurt! Man hat hier das Gefühl, als wäre so viel Geld aufgehäuft, daß es als Blattwerk an Baum und Busch hervorschießt.

Morgen fahren wir über Cassel heim, nach Haxtroden. Mir ist es schwül und bang. Wie wird das Vaterhaus mich ansehen, wenn ich sie einführe, die nun seine Besitzerin sein soll? Wie würde diese Frau einen Andern glücklich machen! Ich habe schon daran gedacht, mir das Opiumrauchen anzugewöhnen, um mich in einen Glückstraum einzulullen, den ich nie mehr empfinden kann. Ich wollte lieber, sie wäre dumm. Ihre Klugheit knechtet mich mehr, als es je Frauenreize hätten thun können. Sie giebt mir nie eine Handhabe, eine Gelegenheit, meine Gereiztheit an ihr auszulassen; denn sie ist immer liebenswürdig und hat sich vollkommen in der Gewalt. Es ist gerade, als wollte ich mit den Nägeln einen Spiegel zerkratzen. Er bleibt unberührt und glatt und zeigt mir nur mein eignes verzerrtes Gesicht, daß ich mich beschämt abwenden muß. Ich komme mir knabenhaft jung vor in ihrer Nähe; ich möchte ihr den Meister zeigen, und sie läßt es freundlich zu und beobachtet mich amüsirt.

Manchmal ruht ihr großes Auge wieder so auf mir wie am Hochzeitsabend, als wäre ich von Glas, als läse sie mir die Gedanken von der Stirn, die sie nie ahnen sollte. Die Geschichte in Zürich ist zwischen uns nicht mehr erwähnt worden, obgleich sie uns beiden sicher stets gegenwärtig ist. Sie möchte wissen, wer es war, und hat ein klares Gefühl, daß dies ihre gefährlichste Gegnerin sein könnte. Und so spielen wir Verstecken vor einander, wie der Angeklagte und der Richter, der ihm sein Geständniß entreißen will.


Haxtroden, den 24. Mai.

Kühl, kühl weht die Luft um mich. Meine Mutter gab sich große Mühe, meine junge Frau herzlich zu begrüßen, und drückte mir ihre Freude darüber aus, daß wohl bald ein Erbe zu erwarten sei, betrachtete mich aber voll Besorgniß und meinte, ich sei ganz erschreckend mager geworden. Herr Gott! Ein zweites Paar Augen, das forschend und fragend auf mir ruht! Wie unbequem kann Liebe sein!

Nora ist fast kindisch froh über Alles. Sie feiert Erinnerungen mit dem Kamin, an dem sie uns Abends vorlas, mit dem Teppich, auf dem ich zum ersten Mal ihre Handschrift bewundert, mit dem Park und dem Wald, den sie zum ersten Mal im Sommerschmuck sieht. Sie durchwandert das Schloß, kramt ihre Einkäufe aus und schmückt damit die Zimmer. Nur in mein Atelier darf sie nichts tragen und nur sehr selten hereinkommen. Sie war enttäuscht; sie dachte, sie würde mit ihrem Buche bei mir sitzen, und nun verlange ich, allein zu sein. Als ich zum erstenmal wieder mein Atelier betrat, hätte ich mich am liebsten gleich auf den tiefen, dicken Teppich geworfen, anstatt seinen Inhalt meiner neugierigen jungen Frau vorzustellen. Sie machte den Flügel auf: »Da! spiel' doch etwas!« Ich setzte mich hin und ließ die Finger über die Tasten gleiten, während sie den Raum durchwanderte. Plötzlich stieß sie einen kleinen Schrei aus, und wie ich aufsah, hatte sie ein Bild umgekehrt, das an der Wand stand, und betrachtete es gierig.

Mir ging ein heißer Strom durch den ganzen Körper, bis in die Fingerspitzen. Sie hatte »Ihr« Bild gefunden, das ich fast ganz aus der Erinnerung gemalt. Ich spielte weiter, um nicht sprechen zu müssen. Lange, lange betrachtete sie das Bild und stellte es endlich mit einem tiefen Seufzer an seinen Platz. Dann sah sie sich scheu um; ich hatte aber rasch die Augen auf die Tasten gesenkt und that, als hätte ich nichts bemerkt. Sie war ganz blaß geworden, das sah ich, als sie an einen anderen Gegenstand ging. Sie hob eine maurische Decke auf und betrachtete das Skelett darunter, und vom Skelett wanderten ihre Augen nach dem Bild in der Ecke und dann wieder zurück, als wollte sie sagen: darunter bist Du doch nur so, und wirst bald so sein! – Dann ließ sie die Decke wieder fallen. Die ist nämlich sehr schön, von einem so leuchtenden Gelb, daß sie in der dunkelsten Zimmerecke aussieht wie ein Sonnenstrahl. Sie aber hatte kein Auge dafür, nicht einmal für die schönen Stickereien darauf, in roth, rosa, grün und lila, die so wunderbar zu dem Gelb stimmen, daß es Einem das Herz erwärmt, wenn man sie ansieht. Sie kann so weise von Bildern und ihren Schulen sprechen, aber Farbensinn hat sie nicht. Lavinia würde sich gleich in die Decke drapirt, sich im Spiegel betrachtet haben, im sicheren Gefühl, strahlend schön zu sein in all dem Gelb! – Sie würde sich auf dem prachtvollen schwarzen Pelz vor dem Kamin wie ein Kätzchen hinstrecken und zusammenrollen und in dem röthlichen Licht wie ein junger Panther aussehen. Es begann, durch die hohe Scheibe sich wie ein feiner Schatten durch den ganzen Raum zu ziehen, so daß die Waffen zu glänzen begannen und die angefangenen Bilder weiß und gespenstisch drein blickten. Immer noch wandelte Nora umher, nahm Alles in die Hand, um es näher zu betrachten. Nur meine schönsten alten Fetzen stieß sie verächtlich mit der Fußspitze fort, oder nahm sie zwischen Daumen und Zeigefinger, um sie fortzuschleudern und sich dann mit dem Taschentuch die Finger abzustauben. Lavinia würde solch ein Ding mit einem Griff in die malerischsten Falten geworfen haben. Ich litt Höllenschmerzen und folterte mich noch mehr mit einer Art von Wollust. Keine Bewegung entging mir. Sie sah jetzt nicht mehr nach mir hin; denn sie hatte sich meinem Schreibtisch genähert und betrachtete das Bild, das darüber hing, eine Studie von Greco, den ich seines feinen Farbensinnes halber sehr gern habe. Sie rümpfte die Nase und lächelte. Fast hörte ich sie sagen: Ganz verzeichnet! Nun begann sie, auf meinem Schreibtisch in den Papieren zu kramen. Ich wußte, dort lagen angefangene Gedichte, Aphorismen, ein halb componirtes Quartett, weder Briefe noch Acten. Auf diesen Schreibtisch kommen solche Dinge nicht; dafür ist mein Arbeitszimmer, nicht das Atelier. Ich spielte immerfort, obgleich ich sie rascheln hörte und mir ein Singeln durch die Nerven ging. Ich vertrage nicht, wenn man meinen Schreibtisch anrührt.

Endlich ließ sie sich müde in einen Sessel vor meine Staffelei fallen und betrachtete das Bild, das darauf angefangen stand. Es war ein Sorrentiner Knabe, der auf dem Leibe liegt und eine Krabbe plagt. Meer und Sonnenuntergang.

Ich spielte noch immer. Da hörte ich sie einmal, zweimal gähnen und stand auf.

»Weißt Du, Ewald,« sagte sie, »hier ist eine große Unordnung und viel Staub. Morgen will ich aufräumen.«

»Wenn Du die Güte haben wolltest, nie einen Gegenstand in diesem Raume zu berühren, so würde ich Dir sehr dankbar sein. Nichts liegt oder steht absichtslos hier, und ich werde wüthend, wenn man eine Falte verschiebt. Dann bitte ich Dich auch, mich gewöhnlich allein zu lassen, wenn ich hier arbeite. In mein Schreibzimmer kannst Du jederzeit kommen. Aber hier darf man mich nicht stören, wo es sich um Arbeit der Phantasie handelt.«

Sie schwieg. Die Abendschatten nahmen zu. Nichts leuchtete mehr als die maurische Decke über dem Skelett und der Himmel auf der Staffelei. Die stille Reiseuhr auf dem Schreibtisch hob zu ihrem leisen, tiefen Schlage aus, wie eine weit entfernte Kirchenglocke. Nora schluckte einige Male hörbar und schwieg noch immer. Ich fürchtete, sie würde weinen. Da bewegte sich die Portiere, die den Schall der aufgehenden Thüre dämpfte; übrigens geht auch diese Thüre lautlos; und von meinem bereits hell erleuchteten Schreibzimmer her fiel ein breiter Schein über den Teppich. Ein Diener trug eine verschleierte Lampe auf den Schreibtisch und verschwand wieder. Dann trug er eine zweite Lampe auf den Lesetisch am Divan, in der dunkelsten Ecke des Ateliers, und beleuchtete damit eine Decke, die mir Lavinia geschenkt, als ich ihr eines Tages meinen Lieblingsaufenthalt genau beschrieben hatte. Dann kam noch eine Hängelampe, aber nicht in die Mitte des Zimmers, sondern in die Ecke über den Flügel; denn mich stören Lichter auf dem Clavier so, daß ich nichts mehr erfinden kann. Und da ich den Tag male und Abends musicire, so ist das Licht so vertheilt. Ich sollte sagen: bei Tage malte und bei Nacht musicirte. Denn jetzt thue ich nichts mehr.

Als eben der Raum in seiner ganzen Gemüthlichkeit erleuchtet war, läutete die erste Glocke zur Toilette für's Diner. Nora erhob sich.

»Was soll ich anziehen?« sagte sie. Sie war außerordentlich blaß.

»Etwas Weißes; das steht Dir gut, und meine Mutter hat es gern. Hast Du nicht etwas von elfenbeinfarbener, weicher Wolle, solch' ein zartes Gewebe, durchsichtig und weich in den Falten?«

»Nein, das habe ich nicht; ich habe nur mein Hochzeitskleid mit den Spitzen und das Atlaskleid.«

»So thu' dieses an; Du siehst aus wie ein Van Dyk in dem weißen Atlaskleide.«

Sie erröthete: »Wenn's nur zugeht!« Da schlang ich den Arm um sie und zog sie an mich; sie aber machte sich los und huschte hinaus, ohne sich umzusehen. Ich stand still und sah vor mich nieder. Es glänzte etwas auf meinem Rock; es waren Thränen. Ich wagte nicht, diese Thränen zu trocknen, sondern sah auf sie nieder, bis der Stoff sie langsam eingesogen, und schwur ihnen einen heiligen Eid, sie sollten die letzten sein, die durch meine Schuld vergossen würden. Es war genug, daß sie an diesem Abende die Grenze ihres Könnens gesehen, und mir gab es eine Art von Ruhe, daß ich sie so fest und klar gezogen, daß es einen Boden gab, den wir nie gemeinschaftlich betreten würden, und einen Raum, in dem ihre Macht über mich gebrochen ist. Ich fühlte, daß ich ihr sehr wehe gethan, daß sie in dieser Stunde manche Bitterniß gekostet, und bemühte mich, ihr den Abend heiter und angenehm zu machen. Ich bat sie, uns wie früher vorzulesen, und sagte ihr, sie sei sehr schön in der Beleuchtung, und die Spitzen versteckten sehr geschickt das Nichtzugehen des Kleides. Sie lächelte erfreut und wurde wieder sehr roth. Meine Mutter betrachtete uns mit dem unbehaglich forschenden Blick, der mir alle Ruhe raubt. 


Haxtroden, den 8. Juni.

Wenn das Kind kommt, dann wird sich Vieles ändern, dann wird ein wärmeres Verhältniß entstehen, so hoffe ich. Ich versuche, sanft gegen sie zu sein, und sie zu erfreuen, da ich das Gefühl habe, an ihr gut machen zu müssen, daß ich sie zu meiner Frau erwählt, ohne sie zu lieben. Das kann ich mir nicht verzeihen. Es ist eine Schlechtigkeit gewesen. Wenn sie dann wenigstens Mutter wird durch mich –

Den 9. Juni. Ich muß bitter lachen über meinen letzten Satz! Sie hat mir gestanden, daß sie ungern Mutter wird, daß sie sich sehr fürchtet, und da sie noch nie ein kleines Kind in der Nähe gesehen, es sich sehr häßlich denkt.

O, warum hat sie mir das alles gesagt, warum?! Wollte sie sich an mir rächen? Kann sie mir das Bild von Lavinia und mein Schweigen nicht verzeihen? Sie hat das Bild seitdem öfter gesucht, aber nicht mehr gefunden. Einmal hat sie sogar gesagt: »Wo sind nur alle Deine Studien? Ich meine, es wären mehr gewesen?«

»Manches ist auf dem Speicher, das ich nicht mehr sehen mag!«

Und sie war auf dem Speicher!

Einige Tage später frug sie mich nach meinen Modellen. Ich machte ihr in gleichgültigstem Ton eine Beschreibung von diesen armen Geschöpfen. Dann fing sie an, von meinem Aufenthalt in Italien zu sprechen. Ich erzählte ihr von meiner Schwester und ging dann schnell auf Aegypten über.

»Also das war der Kummer, von dem mir Deine Mutter aufgetragen hatte Dich zu zerstreuen?«

»Wie gütig von meiner Mutter!« sagte ich gereizt. »Ich wäre doch vielleicht Manns genug gewesen, selber mit mir fertig zu werden.«

Ich fahre sie jetzt oft vierspännig; das macht ihr große Freude. Am liebsten möchte sie in ihrer kleinen, nervigen Hand selber die Zügel halten; sie darf aber eben nicht; meine Mutter erlaubt es nicht.

»Du bist doch glücklich?« frug mich gestern meine Mutter.

»Wie sollte ich nicht glücklich sein? Ich habe ja eine vollkommene Frau!«

»Fühlst Du Dich auch ganz wohl?«

»O ja, nur faul; ich thu' gar nichts mehr.«

»Ich fürchte, Dir ist nicht wohl; Du wirst so mager!«

»Das ist nie unangenehm, liebe Mutter.« Dann sprach sie von meinen Brüdern, die uns beide große Sorgen machen. Ich habe ihnen schon wiederholt ihre Schulden bezahlt. Meine Frau war damit sehr unzufrieden und meinte, sie verdienten keine Hülfe und sollten nur sehen, wie sie selbst fertig würden. »Aber der Eine hat ein kleines Kind, Nora!« »Es wäre besser, es wäre nicht geboren!« Dagegen ließ sich natürlich nichts einwenden.

Haxtroden, den 10. Juli. Was ich heute diesen Blättern anzuvertrauen habe, geschieht in bittrer Reue und quälender Angst. Ich habe den Wagen mit meiner jungen Frau umgeworfen. In meinem Leben habe ich noch nicht umgeworfen; heute will ich elegant in den Schloßhof einfahren, nehme die Biegung zu kurz, und im vollen Lauf der vier Pferde ging es über einen Stein, und wir werden hinausgeschleudert. Nora kam in sitzender Stellung auf die Erde; selbstbeherrscht, wie sie immer ist, lächelte sie gleich und behauptete, sich gar nicht weh gethan zu haben, konnte sich aber doch nicht erheben. Seitdem fühlt sie das Kind nicht mehr.

Ich bat sie, sich zu legen, und halte nun Wache bei ihr. Manchmal kann ich mir nicht helfen, ich muß sie fragen, ob sie nichts mehr fühlt; dann sieht sie mich mit ihren großen, ernsten Augen an, und sagt: »Nein, nichts.«

Was hilft es, wenn ich im Atelier umherstürme und mir die Haare raufe. Ich kann nicht sagen, es sei nicht meine Schuld. Meine Mutter versucht, mich zu trösten; aber welchen Trost kann es für mich geben? Das Einzige, was mir das Leben erträglich machte, die Hoffnung, ist dahin. Wie eine kalte, graue Gewißheit schleicht das Gefühl über mein Herz: Das Kind ist todt! Und dann schlägt mir das Herz in der Brust wie eine Pumpe, so daß an Ruhe oder gar Schlaf nicht zu denken ist. Nora ist ganz still und geduldig, fühlt sich aber sehr leidend und klagt über ein fortwährendes Kältegefühl. Immer, wenn sie das sagt, dann muß ich aus dem Zimmer; denn dann könnte ich in Thränen ausbrechen. Ich möchte mich umbringen.

Den 2. August. Drei entsetzliche Tage haben wir durchlitten, und nun liegt mein schönes, todtes Töchterchen hier im Atelier, auf Blumen gebettet. Ich war so nervlos nach den drei furchtbaren Tagen, in denen meine arme Frau wie eine Heldin litt und übermenschliche Charakterstärke zeigte, daß ich zuerst das Kind gar nicht sehen wollte. Als ich aber endlich den Muth dazu faßte, da war es so wunderschön, daß ich es hier hereintrug, und nun liegt es bei mir, so weiß und still wie ein Schneeflöckchen, und ich schließe alle Thüren zu und weine.

Nora schwebt in höchster Lebensgefahr. Sie ist ganz bewußtlos. Sie fing schon an zu phantasiren, bevor man ihr das Kind entreißen konnte, und sagte immer: »Wenn sie nur nicht so schön wäre! Aber sie ist so schön, daß ich nichts bin neben ihr! Sie ist wie eine Königin, und wie ein Panther, wie eine Araberin. O! wie soll ich sein Herz gewinnen, so lange er sie nicht vergißt! Das Bild! gebt mir das Bild her! Im Atelier, da steht das Bild, in der Ecke. Wißt Ihr nicht, das schöne Bild? Und mit dem wilden Blick sah sie mich an, wie zu einem tödtlichen Kampf. . . . Und ich war siegesfroh und dachte, sie muß sterben, aber mit dem einen Blick hat sie mich getödtet. Warum hat er sie denn nicht genommen, wenn er sie doch lieb hatte? Und da floß ihr Blut, es floß, es floß, und ich sah zu, wie roth es war. Wie rief sie nur? Anni? Nino? Ich war sehr hart und grausam und rachsüchtig. So gebt mir doch das Bild! Hat er es versteckt? Fürchtet er sich denn so? Das Bild, das muß ich haben! Er hat nicht gezuckt, als ich ihn tödtlich traf, am Rheinfall. Das war schlimm. Da wußte ich, daß ich sein Herz nicht haben würde. Ich wollte sein Herz nackt sehen; ich wollte es zucken sehen; ich wollte es haben, sein Herz; denn es ist mein! Aber er hat es stolz verhüllt. Und ich hatte ihn wahnsinnig lieb in dem Augenblick. Und das Wasser, das rauschte und rauschte und rauschte. . . Ich hätte auf die Knie fallen mögen und ihn um Verzeihung bitten. Aber wir waren beide zu stolz. Nino! rief sie. Ja, sie rief Nino! so laut! aber er hörte nichts; er war taub und blind! Als ich ihm das erzählte, da wurden seine Lippen weiß, aber er zuckte nicht. Ich dachte, er würde aufschreien vor Schmerz; aber er nahm mir die Waffe aus der Hand und traf mich in die Brust. Und darum ist das Kind todt. Das Kind ist todt an seinem und meinem Schmerz. Sein Herz will ich haben! O, so gebt mir doch meines Mannes Herz! Könnt Ihr mir's gar nicht geben? Soll ich's nie haben?«

Meine Mutter sah mich groß an, während der fliegenden Worte meines armen Weibes. Ich habe schon die Pistole in der Hand gehabt. Aber das kleine stille Kind war beredter als die erschütternden Worte meiner Frau. Es hat mir nicht erlaubt, das zu thun.

Heute lachte sie: »Er denkt, ich verstehe ihn nicht! Aber ich lese ihn wie ein offenes Buch. Ich sehe, wie er weint. O, er weint so bitterlich, so bitterlich, aber nicht um mich. Er weint um das Kind und um sie. O, wie er weint! Und dann hat er nach der Pistole gegriffen. Und mein Herz schlug so vor Angst. Ich wollte schreien. Aber ich wollte nicht, daß die Leute es wissen sollten. Da lag ich ganz still und dachte nur: Du darfst nicht! Nein, Du darfst nicht! Und da legte er die Pistole fort und warf sich auf die Knie vor dem Kinde. Nehmt ihm doch die Waffe fort; sonst thut er es wieder. (Sie schrie auf.) Nein, nicht schreien, sonst erfahren es die Leute. Aber so laßt ihm doch nicht die Waffe; denn, wenn ich ihn wieder darnach greifen sehe, so werde ich wahnsinnig. Und wie er das kalte Kind küßt! So küßt er mich nie! Kann uns denn kein Mensch helfen? Er denkt, ich weiß nichts von ihr! Ich weiß schon längst, daß sie Lavinia heißt, und so geschickt habe ich seine Mutter gefragt. Aber die weiß gar nichts. Da ist noch viel mehr geschehen, als er ihr gesagt hat; aber was? daß er sie noch so wahnsinnig liebt!«

Welche Folter! Wenn sie vor meiner Mutter, dem Arzte, den Frauen so spricht, dann ist es gerade, als läge ich auf dem Rost. Ich sehe Keinen an, und Keiner sieht mich an; aber sie hat mich nie mit Wissen und Willen so gequält, wie sie es unbewußt thut. Sie spricht unablässig, gerade, als müßte sie die Last des Schweigens von sich wälzen.

Den 10. August. Mein Kind ist begraben, und Nora eilt dem Grabe zu. Ihre Gedanken wandern in demselben ewigen Kreise umher. Manchmal lallt sie nur, aber ihr Lallen heißt: Lavinia! Meine Mutter hat noch nicht gewagt, mich etwas zu fragen, anders als mit den Augen. Ich wende den Blick ab. Ich fühle einen Groll gegen meine Mutter, den ich nicht überwinden kann. Sie hat die Ketten geschmiedet, an denen ich mich zu Tode schleppen muß.

Den 16. August. Die Aerzte verzweifeln an ihrem Aufkommen. Sie telegraphiren nach andern Aerzten und berathschlagen unter einander, was zu thun, und schütteln die Köpfe. Und Jedem wird von Neuem erzählt, wie ich schuld bin, wie ich meine Frau umgeworfen; es ist zum Wahnsinnigwerden! Ich verkaufe die Pferde. Ich will sie nie mehr sehen. Die armen Thiere sind aber doch nicht schuld daran. Heute war ich im Atelier. Die Thüre war auf nach meinem Schreibzimmer. Da hörte ich ein Gespräch meiner Mutter mit den Aerzten, zuerst über Nora, über die fast der Stab gebrochen wurde; dann kamen sie auf mich zu sprechen. Meine Mutter ängstigt sich meinethalben. Ich hörte, wie sie sagte: »Seine Magerkeit ist geradezu erschreckend; seine Schultern wölben sich ganz, und an den Schläfen wird er grau!«

»Das ist doch wohl sehr natürlich!« klang die Antwort. »Ohne jegliches Kranksein muß so schwerer Kummer die Kraft verzehren.«

»Ja, um so mehr, da er immer schweigt und seine Selbstanklagen Keinem mittheilt.«

Ach! wäre doch meine Kraft bald verzehrt!

Den 1. September. Sie lebt! Das ist Alles, was man sagen kann. Die letzten Tage sind wir nicht aus den Kleidern gekommen. Wir haben sie dem Tode abgerungen. Als sie mich zum ersten Mal erkannt, ging ein so glückseliges Lächeln über ihr Gesicht, daß ich mich hinter den Bettvorhang verbarg. Es war, als hätte eine Leiche gelächelt. Sie ist nicht zu erkennen. Ihr schönes Haar ist ausgefallen, die Wangen eingesunken, sie sieht aus wie eine alte Frau. Heute streichelte sie mir die Wange mit ihrer durchsichtigen Kinderhand, die wie ein Lilienblatt auf der weißen Decke liegt. Ihre Augen sind größer als das ganze Gesicht, haben aber nichts von ihrer durchdringenden Schärfe eingebüßt; nur hat sich ein Trauerschleier darüber gelegt. Wenn sie wüßte, was sie gesagt hat in den langen Wochen! Wie sie mich ausgeliefert hat, der allgemeinen Untersuchung preisgegeben, mich unters Secirmesser gebracht; sie wäre selbst unglücklich. Heute sah sie mich an, und ihre Augen füllten sich mit Thränen. Sie sagte aber nichts. Ja, die Herzensergüsse gehen nur bei umnachtetem Geist; jetzt fängt das Schweigen zwischen uns wieder an. So können wir beide nie genesen. Für mich liegt ein ewiger, stummer Vorwurf in ihren Augen, zumal seit ich weiß, daß sie nie mehr Mutter werden kann.

Damit ist es vorbei für alle Zeit. Für mich konnte es keine furchtbarere Strafe geben; denn ich tröstete mich nur immer mit dem Gedanken, schnell ein Haus voll Kinder zu haben. Mein Schloß wird leer bleiben, bis mein Bruder darin einzieht. Er kann das Erbe brauchen. Er hat nichts, weniger als nichts. Seine Schulden gesteht er mir gar nicht mehr ein, weil er sich vor mir schämt. Er hat sich bei den Aerzten über Nora's Zukunft erkundigt, und seitdem soll er spielen, als gehörte ihm Haxtroden und die halbe Welt obendrein. Und dabei bleibt er doch der Mutter Liebling. Sie hat immer eine unbegreifliche Schwäche für ihn gehabt, von Klein auf. Daran ist nichts zu ändern.

Heute wollte meine Mutter zu Nora herein; da sagte die Wärterin, sie schliefe, und ich hatte sie doch eben sprechen hören. Das war ein neues Licht für mich. Also sie mag auch meine Mutter nicht. Sie erträgt sie, weil sie muß. Ich wollte mich aber vergewissern.

»Meine Mutter ist wohl etwas zu lebhaft bei einer Kranken?« sagte ich.

»Ja, sie spricht viel und frägt so viel, und ich kann oft nicht begreifen, woher sie von den Dingen gehört hat, nach denen sie frägt.« Ein mißtrauischer Blick auf mich begleitete diese Worte.

»Nun,« sagte ich, »im Fieber spricht man Allerlei, und dann wollen die Leute hernach wissen, ob eine Wahrheit zu Grunde liegt.«

Nora flog in die Höhe:

»Ich habe gesprochen? Was habe ich denn gesagt? O bitte! Was habe ich gesagt?!«

»Nichts, was nicht aus einem tiefen, reinen, liebereichen Herzen kam!« sagte ich.

Sehr besorgt blickte sie vor sich hin und sah mich wieder und wieder an, mit der Frage in den grundlosen Augen. Alt, alt sah sie aus in dem Augenblick, fast unheimlich alt.

»Deine Mutter will immer vom Kind sprechen, und ich kann nicht!« sagte sie nach einer Weile mit zitternden Lippen.

»Nicht wahr, das Schwere ist immer viel besser unbesprochen? Man trägt es geduldiger?«

»Ich weiß nicht; vielleicht würde es eher heilen, wie eine Wunde unter Höllenstein. Aber man hat nicht immer den Muth, den Höllenstein hineinzustreichen.«

»Es giebt auch Wunden, von denen man ungeheilt bleiben möchte, aus Furcht, ganz gefühllos und erstorben zu sein, wenn ihr Schmerz einen nicht am Leben erhält.«

Sie sah mich wieder an, scharf, tief, als legte sie eine Sonde an. Ich aber hielt ruhig ihren Blick aus.

Den 8. September. Mein Bruder ist mit Frau und Kind hier eingezogen und schießt meine Hirsche. Ich habe meinen Freund Hermann eingeladen, um etwas Heiterkeit in die lange und schwere Reconvalescenz zu bringen. Er sitzt dann mit mir neben der Chaiselongue, auf der Nora unbeweglich ausgestreckt liegt, und erzählt heiter. Mein Bruder theilt nicht gern das Jagdvergnügen mit ihm, und Hermann hat keinen besonderen Gefallen an meiner Schwägerin, die etwas gewöhnlich ist in ihren Gesinnungen und aus ihrem Kinde einen Abgott und Tyrannen macht.

Es war merkwürdig unzart von ihr, gerade in diesem Augenblick uns das Kind unter die Augen zu halten. Ich erlaube nicht mehr, daß sie es meiner Frau bringt. Das erste Mal setzte sie es ihr gleich auf die Füße; Nora spielte freundlich mit ihm, bis sie in Ohnmacht fiel und mit einem Weinkrampf erwachte. Ich war fassungslos heftig gegen meinen Bruder; man kann aber ebenso gut gegen einen Springbrunnen heftig werden. Er blieb voll sprudelnden Humors und so gefühllos, als ginge ihn alles dies gar nichts an. Hermann theilte meinen Zorn. Das schaffte mir Erleichterung.

Mein anderer Bruder will auch kommen, das Jagdvergnügen theilen, der Schlingel. Nach den Worten, die zwischen uns gefallen sind, begreife ich nicht, wie er noch den Muth hat, hier zu erscheinen.

Den 19. September. Die Tage schleichen mühselig hin; Nora erholt sich nicht. Es ist gerade, als laste etwas auf ihr, das keine Macht der Welt entfernen kann. Ich nahm heute meine Mutter in' s Gebet, weil ich meine Frau so aufgeregt und so entsetzlich schwach fand, in Thränen schwimmend, nachdem meine Mutter sie verlassen.

Lange wollte sie nichts sagen; aber ich quälte sie, bis sie mir gestand, daß sie an Nora's Fieberphantasien angeknüpft und sie ausgefragt habe. Ich fürchte, ich war nicht so, wie es einem Sohne geziemt, seiner Mutter gegenüber. Meine Mutter zitterte und weinte unter der Fluth meiner Vorwürfe. Sie frug mich, ob ich denn ihrem bangen Mutterherzen nicht verzeihen könne. Ich sagte: Nein! Ich sagte ihr, sie habe nicht das Recht, meines armen Weibes unbewußte Geständnisse zu wissen; sie hätte sie vergessen müssen und vor Allem ihr nicht erzählen, was sie gesagt. »Ich begreife Dich nicht, Mutter!« rief ich; »Du hast mich gelehrt, discret sein, und nun machst Du es so! Aber Mutter! wie konntest Du! wie konntest Du mir das thun!«

»Du willst mir mein Recht rauben, zu wachen über Dir? Bist Du nicht mehr mein Kind?«

»Ich wünschte, ich wäre es nicht. Ich wünschte, Du hättest mich nie geboren, Mutter! Du hast mir ein schlimmes Geschenk gemacht!«

Sie weinte, und ich blieb hart und kalt. Mein Zorn war so furchtbar, daß er mich durchtobte wie ein Orkan, und jetzt bin ich so zerbrochen, so todt, wie eine Schlacke, aus der alles Eisen in rasender Feuergluth entströmt ist. Ich habe das elende Gefühl, daß eine Frau vor mir gezittert hat, und diese Frau ist meine Mutter! Aber sie durfte nicht, sie durfte das nicht thun! Nora hätte nie erfahren, was sie gesprochen; jetzt wird es sie immer quälen, und unser Verhältniß kann dadurch nicht besser werden. Sie ist so voll feinem Tact, meine Frau, und beherrscht Wort und Blick. Sie muß sich tief gedemüthigt fühlen, unser schmerzliches Geheimniß so allen Winden preisgegeben zu haben! Sie sah ängstlich von mir zu meiner Mutter; sie sah, daß ich nicht mit ihr sprach, und wurde so bleich, als verlöre sie das Bewußtsein. Aber keine Frage kam über ihre Lippen. Nur hat sie wieder große Schmerzen und Schwäche. Ich trug sie in ihr Bett und hielt sie in meinen Armen und küßte ihr Stirn und Augen, und sie zog meine Hände an ihre Lippen und begann bitterlich zu weinen.

»Es thut nichts, Kind!« sagte ich. »Sei nur ganz ruhig! es thut nichts! Du bist ein reiner Engel! Du kannst nichts Böses thun.«

Sie küßte mir immer noch die Hand, und die rebellischen Thränen quollen hervor, wie sehr sie sich auch bemühte, sie zu bezwingen.

Wir sind beide sehr unglücklich; aber unser Leid ist so verschieden, daß wir es nicht theilen können, und so schweigen wir.

»Ihr seid rührende und beschämende Eheleute!« sagte heute meine Schwägerin, als Alle nach Tisch um Nora's Lager versammelt waren.

»Ihr habt Euch wohl noch nie gestritten?«

»Nein, noch nie,« sagte ich, »und werden es auch nie thun!«

»Ja, das ist eben ganz wunderbar; eine solche Harmonie! Man könnte lernen von Euch. Wenn ich denke, was ich mich mit Eduard zanke! Er sagt, ich reize ihn so, und ich sage, er tyrannisirt mich so, und dann zanken wir uns furchtbar, und dann versöhnen wir uns wieder so schön! Aber bei Euch, da ist der reine Himmel!«

»Nicht wahr?« sagte ich. Meine Mutter sah in den Schoß; Nora knüpfte mit den weißen, zitternden Fingern Knoten in ihr Taschentuch; mein Bruder Max pfiff leise vor sich hin und sah bald Nora an, bald mich, während Eduard hell auflachte:

»Ja, wir werfen uns fast die Bestecke an den Kopf; wir haben schon das ganze Lexikon erschöpft; jetzt können wir nur noch handgreiflich werden. Das wird dann sehr nett; man weiß noch gar nicht, wer den Andern prügeln wird.«

»Pfui, Eduard! » sagte meine Mutter. Er kam hinter ihren Sessel und legte den Arm um sie.

»Wir wollen ja ganz artig sein!« sagte er mit dem Schmeichelton, mit dem er von jeher Alles bei ihr erreicht hat – und meine Schwägerin lachte: »Ja, ja, so macht er es immer; sanft wie ein Lamm, und dann kann kein Mensch ihm böse sein. Aber er verdient gar nicht Deine Verzeihung, liebe Mutter! Er ist ein ganz großer Lump, ein Thunichtgut, der liebe Leichtsinn!« Und wie zärtlich sah sie ihn an, während sie das alles sagte, und wie stolz sah mein schöner, leichtsinniger Bruder auf sie nieder, während er mir doch heute Morgen gesagt, ihm bliebe nichts übrig als eine Kugel vor den Kopf, wenn ich ihm nicht helfe.

»Nimm mich fort von hier!« flüsterte Nora heute Abend.

»Ja, das will ich thun. Du kannst es hier nicht aushalten, Kind. Wohin wollen wir gehen?«

»O, irgendwohin, wo es warm ist und wo keine Menschen sind!« Die Lippen zitterten schon wieder, als wollte sie weinen. Meine starke Frau ist schwach und weinerlich geworden, wie ein kleines Kind. Eben ist es so still um mich. Ich gehe nicht schlafen in dieser Nacht. Ich habe jetzt schon viele Nächte auf dem schwarzen Pelz vor dem Kamin zugebracht, in dem ich eine kleine Flamme unterhalte. Man liegt am besten auf der Erde und läßt das Zimmer nicht dunkel werden. Nacht und Bett sind die Feinde des Unglücklichen. Im Atelier ist es mir wohler; da bin ich von den Spuren einstigen Fleißes und heiterer Schaffenskraft umringt. Wenn das auch alles erlahmt und erloschen ist, so möchte ich es doch nicht ganz vergessen. Das Tagebuch ist eine Art von Trost. Wenigstens rührt sich meine Feder noch, wenn sie auch keine Geistesarbeit mehr hervorbringt. Ich wandle auch hin und her, und auf dem dicken Teppich stört mich mein eigner Schritt nicht. Ich zermartere mein Gehirn, wie ich es anfangen soll, zwischen uns das aufzubauen, was man eheliches Glück nennt. Worin besteht es denn? Es ist so dunkel wie das Wort der Sphynx, das Keiner lösen kann und an dem sie alle sterben.

Mein Kind ist todt, bevor die fürchterliche Frage ihm gestellt wurde. Wohl ihm. Und ich will mich umbringen, weil es todt ist?

Ich hätte es vor Allem beschützt mit meiner starken Liebe – ja, so wie meine Mutter, die mein Leben zerstört hat vor sorgender Liebe, die nur hineingreift, um mich noch unglücklicher zu machen.

Den 27. September. Ich fange an, eine gewisse Süßigkeit in meinen einsamen Nächten zu finden. Es ist ein Nachlassen der unerträglichen Spannung des ganzen Tages, und wenn ich auch keinen Schlaf finde, so ist es doch eine verhältnißmäßige Ruhe.

Nora hatte in diesen Tagen einen kleinen Rückfall; mitten in ihren Schmerzen bat sie mich, meiner Mutter nicht zu zürnen. »Denke doch, sie könnte morgen sterben und Du wärest nicht mit ihr versöhnt. Wir wollen ja auch fortgehen, nicht wahr?«

Als meine Mutter hereinkam, ging ich auf sie zu, sagte ihr Guten Morgen und küßte ihr die Hand. Sie aber hatte keinen zärtlichen Blick für mich; die hebt sie für meine Brüder auf, und mit Nora war sie so kalt, als wäre der Rückfall eine schlechte That, eine kleine Comödie, um mich von meiner Mutter abwendig zu machen. Wir sind beide in Ungnade.

»Ich komme nur, weil es meine Pflicht ist und der Leute halber,« sagte sie mit eisiger Stimme. Es wäre besser, sie versäumte diese Pflicht, da ihre Gegenwart Nora immer sehr erregt.

Den 1. October. In der Stille der Nacht hole ich Lavinia's Bild hervor, wie ein Dieb, der seinen Schatz ein klein wenig anschaut. Es ist doch wohl keine Sünde? Ich stelle es auf die Erde, so daß das Kaminfeuer es beleuchtet, und dann lege ich mich davor und betrachte es stundenlang. Ob sie wohl todt ist? Ich hoffe es. Sie muß doch todt sein oder bald sterben, nach solchen Blutstürzen. Darum darf ich auch das Bild ansehen. Es ist keine Sünde. Es ist wie ein Hauch aus dem Paradiese, da ich an Glück und Liebe glaubte, an mein Talent, an meine Zukunft! –

Den 5. October. Ich bebe noch an allen Gliedern.

Ich hatte das Bild wieder vor mir und war in seinen Anblick versunken gewesen. Auf einmal höre ich eine leise Bewegung, und wie ich aufsehe, geht Nora in ihrem langen Nachtgewande dem Vorhang zu, hebt ihn lautlos auf und verschwindet, und neben mir, auf dem Teppich, lag ihr Taschentuch. Also hat sie neben mir gestanden, hat mit mir das Bild angesehen, und ich habe nichts davon gewußt; denn ich lag mit dem Gesicht auf den Armen und weinte. Das kleine, feuchte Tüchlein habe ich aufgehoben und eingeschlossen. Sie soll nie erfahren, daß ich sie gesehen habe. Das Bild hole ich nie mehr heraus, außer bei wohlverschlossener Thüre. Wenn ich aber jetzt zuschließe, dann weiß sie, daß ich sie gesehen habe. Mein Herz klopft so, daß ich es in den Ohren schlagen und rauschen höre. Dann sprechen die Leute von Gespenstern. Ich möchte lieber, die ganze Hölle tanzte um mich, als zu wissen, was ich gesehen habe, um es nie mehr vergessen zu können. Sie war barfuß; ihre kleinen Füße kamen ein wenig zum Vorschein, wie sie das Hemd in der Hand hielt, um nicht darauf zu treten. Sie hat sich vielleicht den Tod geholt in dieser Nacht. Wie lange hat sie wohl da gestanden? Und wie leise hat sie geweint! Und bei der ersten Bewegung von mir ist sie entflohen. Wie lange habe ich denn dort gelegen? Es ist drei Uhr. Sehr lange jedenfalls. Ich will ein anderes Bild betrachten, das von meinem Töchterchen, das ich mir gemalt habe, zwischen den Blumen, mit seinem wunderbar feinen Gesichtchen. Darin wohnt Frieden die Fülle. Nur ich bin so friedlos, daß ich noch an der Paradiesespforte umkehren werde, vom Fluch des ewigen Juden gejagt.

Ich habe Nora zur Frau und Mutter gemacht und habe ihr Alles geraubt und habe sie so unglücklich gemacht, wie nur möglich. Nun ist sie nicht Frau, nicht Mutter, darf es nie mehr sein, durch meine Schuld! O Gott! sei mir armem Sünder gnädig! Mir braust Beethovens Bußlied durch die Ohren, mit seiner großen Verheißung am Schlusse. Giebt es denn wirklich ein göttliches Erbarmen? Ich glaube nicht. Es giebt nur Qual.

Mein Freund Hermann sieht, daß ich leide, und möchte mir helfen. Oft zieht er mich fort in den Wald, und dann sprechen wir von der tollen Studentenzeit und allen den Streichen, die wir miteinander ausgeführt. Er ist so voll Zartheit und Güte, daß ich es sogar zwischen Mutter, Schwägerin und Brüdern aushalten kann, obgleich sie mir es wahrlich nicht leicht machen.

Manchmal ist mir's, als müßte ich ihm mein Herz ausschütten, aber dazu habe ich nicht mehr das Recht. Ich bin ja ein verheiratheter Mann! Sie hat zu mir kommen wollen, mich trösten, und hat mich vor Lavinia's Bild gefunden, mein armes Weib! Ich weiß es, sie kommt nie wieder! Ich könnte das Bild jede Nacht hinstellen, sie kommt nicht mehr. Aber ich kann nicht. Denn nun hat es keinen Trost mehr; nun mahnt es mich nur an meines Weibes heißen Schmerz.

Den 6. October. Bangen Herzens trat ich heute Morgen bei Nora ein. Sie empfing mich vollkommen heiter und liebenswürdig, meinte, sie habe gut geschlafen und habe sich bereits einen Reiseplan für uns ausgedacht. Ein so unruhiger Geist wie ich müsse sich leicht langweilen, wenn die Tage nicht die nöthige Abwechslung brächten. Hätte ich nicht das kleine Schnupftuch in meinem Schreibtisch, ich müßte sicher glauben, ich hätte ein Wahngebilde gesehen. Alle Weichheit und alle Schwäche sind aus ihr verschwunden; sie beherrscht sich wieder, wie am ersten Tage, spricht von den Büchern, die wir miteinander lesen wollen, von den Gallerien, die zu besuchen sind, scherzt mit meiner Mutter darüber, daß sie heute gar nicht gehen könne, neckt meine Brüder und verlangt von meiner Schwägerin, das Kind zu sehen. Ich glaube, eine Fluth von Thränen wäre mir lieber gewesen. Sie hat ihre Herzensthür vor mir verschlossen, und wer weiß, ob sie sie jemals wieder aufthut. Wer noch nicht weiß, welcher Selbstbeherrschung eine Frau fähig ist, der komme zu uns.

»Aber warum kannst Du heute nicht gehen?« sagte meine Mutter: »Du bist doch schon seit mehreren Tagen gegangen!«

Ich horchte bange.

»Ich versuchte heute früh aufzustehen, weil ich mich ausgeruht fühlte nach der guten Nacht, aber da fiel ich hin. Es ist lächerlich, noch so schwach zu sein!« Während sie das sagte, sah sie so bleich aus, und die Augen so groß, obgleich der Mund lächelte.

Mein Weib ist eine Heldin, und ich stehe tief beschämt vor ihr. Eben schloß ich den Schreibtisch auf und betrachtete das kleine Tuch, so sehr muß ich glauben, eine Hallucination gehabt zu haben. Ich kann es kaum ertragen, dieses Wissen. Selbst auf dem Pelz am Kamin finde ich keine Ruhe. Ich habe einige Minuten mit einem langweiligen Buch auf dem Divan geschlummert, aber nur Minuten; ich hoffte schon, es seien Stunden gewesen, als ich erwachte. Ich fühle mich wie die Motte, die eben meine Lampe umkreist. Jeden Augenblick fällt sie auf den Teppich und reibt sich die zarten Füße und die durchsichtigen Flügel, offenbar in großen Schmerzen, dann fliegt sie doch wieder hinein, bis sie sich endlich die Flügel versengt hat, sich nicht mehr erheben kann und sich in solchen Qualen windet, daß ich es nicht mehr mit ansehen kann und sie mitleidig zerdrücke. Wie leicht das geht, das Zerdrücken: in einer Secunde war sie Staub, weniger als Staub, und alle Qual war zu Ende. – Aber ich bin keine Motte. Ich bin der Besitzer meines Lebens gewesen und habe es verschenkt, leichtsinnig weggegeben. Mir ist, als dürfte ich nicht eher sterben, als bis ich meine Schuld ihr gegenüber bis auf das letzte Titelchen eingelöst.

Meine Flügel sind verbrannt. Ich werde nie mehr fliegen können. Wenn nur die Füße noch gehen wollen, das ist Alles, was man von ihnen verlangen kann.

Den 8. October. Nora war heute wieder im Salon. Ihr Haar beginnt, sich in kleinen Löckchen unter der Haube hervorzuwagen, aber nicht mit dem üppigen Wachsthum völliger Genesung, sondern in dem schwachen Versuch, da sein zu wollen. Ihre Augen sahen groß und überwacht aus, sie behauptet aber immer, vortrefflich geschlafen zu haben. Ich kann nicht so direct unwahr sein. Ich gestehe, daß ich nicht viel schlafe. Wenn ich über Nora's Altwerden erschrecke, so kommt immer gleich nachher erneute Gewissenspein. Ich habe sie zerstört. Manchmal frage ich mich, was geschehen wäre, wenn ich ihr nachgeeilt wäre, und wir über Alles gesprochen hätten? Aber mit ihr kann ich nicht sprechen. Es ist vielleicht unverzeihliche Schwäche von mir, aber ich kann nicht.

Nächte durch zu schreiben ist das Einzige, was Ruhe gewährt.

Und wenn ich fort bin, dann hat sie als Wittwe Vermögen genug, wenn ich für sie sorge, um selbständig zu sein, zu reisen, Bücher zu kaufen. So schlimm wird es nicht sein. Ich schwelge jetzt förmlich in den Ateliernächten, seit die Abreise heranrückt und das leidige Hotelleben beginnt. Aber sie will reisen, sie will fort. Und da ich ihr hier das Leben unerträglich gemacht, so bin ich es ihr schuldig, sie an das Ende der Welt zu bringen, wenn es ihr Wille ist.

Mir ist es gräulich zu denken, in dem Lärm, der Unruhe, der Unbehaglichkeit Monate zuzubringen und verschiedene Aerzte zu consultiren, die alle nichts ausrichten werden, weil Keiner das Grundübel erfahren wird, das an meiner armen Nora nagt. Mir graust es davor, besonders wenn ich diese Schlaflosigkeit behalte, die nur erträglich ist inmitten meiner stillen Welt.


Baden, den 28. October.

Bis hierher sind wir gelangt, und es sieht nicht aus, als würden wir bald weiter kommen. Nora ist sehr angegriffen. Wir machten mehrere Etappen bis hierher. Sie will einige Leute kennen lernen und von ihrem Lager aus Salon halten. Sie meint, es würde uns zerstreuen. Hier ist eine sehr internationale Gesellschaft, vielleicht werde ihr das angenehm sein. Ich dachte, sie würde nach England wollen; aber dort hat sie Verwandte, die sie lieber vergessen möchte.

Den 8. November. Ich gehe hier herum, wie eine arme Seele, die keine Ruhe findet. Ich sehne mich nach Hause. Nora hat bereits Leute genug herangezogen, so daß ich stundenlang in den Wäldern herumstreichen kann, unter den himmelhohen Tannen, in der milden Luft, die das Gefühl giebt, als sei es Sommer. Dadurch schlafe ich hie und da ein wenig.

Die Menschen finden meine Frau höchst geistreich und wünschen mir Glück, indem sie zugleich ihr Bedauern über die schwache Gesundheit ausdrücken.

Den 18. November. Das Wetter ist noch immer wunderschön. Ich gehe meistens auf's alte Schloß und lege mich in irgend einen Winkel zwischen die Steine.

Ich habe eine solche Herzenssattigkeit, daß ich aufhören möchte zu denken und zu fühlen. Ich möchte ein Thier sein.

Den 25. November. Helft mir, Ihr Götter! Sie ist hier! Und ich darf nicht wahnsinnig werden! Ich darf nicht mit ihr davongehen in die weite Welt; denn da jagt das Gewissen mir nach und holt mich zurück, und ich bin noch elender als zuvor.

Es war dicker Nebel gestern; zwischen den Tannen hing er nieder wie gespenstische Gewänder. Alle Blätter tropften, und ein leises Rieseln ging durch den Wald.

Ich ging langsam dahin, den Pfad hinauf und nahm dann die Richtung weglos zwischen den Bäumen durch. Auf einmal sehe ich ein Skizzenbuch auf der Erde und nahe dabei ein Feldstühlchen. Wer konnte denn hier gezeichnet haben, und wo war der Eigenthümer des Buches? Ich ging einige Schritte weiter und wartete, um zu sehen, wer kommen würde. Da hörte ich einen leichten Schritt und ein leises Rauschen, und aus dem dichten Nebel heraus, greifbar nahe, stand Lavinia vor mir. Wir starrten uns einen Augenblick sprachlos an, und mit einem einzigen leisen »Ach!« sank sie mir in die Arme. Wir konnten nichts sprechen; wir hörten nur das Pochen unserer Herzen, wir fühlten nur das übermenschliche Glück. Ich mußte mich an einen Baum lehnen, um mit der leichten Last nicht umzusinken. Sie aber drückte das Tuch an die Lippen. Es war voll Blut.

»Ach! wieder!« rief ich.

Sie machte sich von mir los und sah mir starr in's Gesicht.

»Du hast das – – schon – gesehen?« fragte sie, und sah mich an mit einem solchen Weh um den Mund und einem so heftigen Beben der wunderschönen Nasenflügel, daß ich zuerst nicht antworten, nicht meine Gedanken sammeln konnte. Ich schlug die Augen nieder vor ihrem Blick und stammelte: »Ja, in Luzern habe ich Dich gesehen, als ich auf meiner Hochzeitsreise war.«

»Und in Zürich auch?«

»Nein, ich hatte keine Ahnung, habe es erst lange nachher erfahren.«

»Wer hat Dir's gesagt?«

»Meine Frau.«

Wir schwiegen lange und sahen uns immer an.

»Warum bist Du so unglücklich, Jannino?« fragte sie plötzlich.

»Weil ich Sorrento nicht vergessen kann.« Jetzt war es an ihr, die Augen niederzuschlagen.

»Du hast mein Leben zerstört, Lavinia,« sagte ich, »wenn ich unglücklich bin, so ist es Deine Schuld.«

Sie sah noch immer zu Boden.

»Ich habe Dir gegrollt, Lavinia, wie keinem Menschen auf der Welt.«

»Bin ich denn nicht gestraft genug?« stieß sie hervor, ohne den Kopf zu heben.

»Was weiß ich davon?« sagte ich hart.

»O Jannino!« sie faltete die Hände.

»Du warst meine Blume, meine Heilige, mein Kleinod, mein Sonnenstrahl!« sagte ich heftig, »Du warst, was mein Leben werth und schön machte; Du warst mir Alles, Alles, Alles!«

»O, warum jetzt alle diese Vorwürfe, jetzt, wo Alles aus ist zwischen uns! Damals warst Du so gütig, Jannino, und kein Vorwurf kam über Deine Lippen! Du warst wie ein Heiliger!«

Ich schämte mich meiner Aufwallung! Es war, als müßte ich sie verantwortlich machen für Alles, was ich seitdem erduldet. Und ich wollte es sie doch nicht sehen lassen; ich wollte stolz sein und kalt und hart; ich wollte sie strafen für all mein Leid, und sie entwaffnete mich mit einem Wort. »Du warst wie ein Heiliger!«

Und was bin ich geworden, seit jener Zeit! Mußten es diese Lippen sein, die mich an mein besseres Selbst gemahnten?

»Ich habe versucht, mich Deiner werth zu machen, Jannino. Ich bin Malerin geworden, lebe in Paris und arbeite von früh bis in die Nacht, habe sehr viel zu thun, und bin eben nur zu Besuch bei Freunden hier, mich ein wenig auszuruhen.«

Ich hätte aufschreien mögen. Ein Leben mit ihr wäre der Himmel gewesen. Ich malte mir mit gierigen Strichen mein Atelier aus, mit ihrer Gestalt darin, wir Beide malend, singend, so glücklich, so übermenschlich glücklich! Ich knirschte mit den Zähnen, während Lavinia mir erzählte, wie sie gleich begonnen zu lernen, nur um von der Tante loskommen und auf eigenen Füßen stehen zu können. Sie hatte mehr Willensstärke gehabt als ich. Sie hatte Zeichenunterricht gegeben, um sich durchzuschlagen, und dann Portraits gemalt, was ihr schnell Geld einbrachte. Sie konnte ja von jeher Alles, was sie wollte. Zu der schönen Malerin, die so rasch arbeitete, kamen die Leute gern, besonders, wie sie lächelnd sagte, weil sie die Menschen meistens schöner mache. –

Sie erzählte eifrig, und wir merkten gar nicht, wie die Zeit verging, wie der Nebel langsam fiel, bis auf einmal die Sonne durchbrach und Alles in leuchtende Pracht hüllte. Sie frug mich gar nicht viel, mit dem wunderbaren Zartgefühl, das sie immer gehabt. Wir versprachen einander, uns täglich hier wiederzufinden.

Den 18. December. Ich habe eben nichts zu erzählen; denn ihr erzähle ich Alles und finde Ruhe darin. Die Rollen sind umgetauscht zwischen uns. Sie ist mein Beichtvater geworden und hört mich von der Höhe ihrer Schaffenskraft an und richtet mich liebreich auf, wie die süßeste Schwester.

Den 12. Januar. Im Schnee begegnen wir uns und wandeln hin und her, und sie hat mich sogar gelehrt, wieder zu schlafen. Die furchtbare Spannung hat sich gelöst; die Kälte zwischen meiner Frau und mir fühle ich nicht mehr, da mich Lavinia sättigt mit Wärme und Verstehen und tiefem Miterleben.

Den 10. Februar. Wenn ich mir nicht geschworen hätte, in diesen Blättern von äußerster Wahrhaftigkeit zu sein, so würde ich heute schweigen. Aber zur Buße soll es hier stehen.

Lavinia kam nicht, zwei, drei Tage, und von Angst um sie gepeinigt, beschloß ich, sie aufzusuchen. Ich fand die Villa, in der sie wohnte, und ließ mich nicht melden, sondern mich an ihre Thür bringen unter einem andern Namen. Als ich öffnete, sprang sie von ihrem Bette, auf dem sie angekleidet lag, in die Höhe und flog mir entgegen; ich wollte sie in die Arme schließen. Sie aber streckte nur ihre Hände aus und neigte den Kopf. In dem Augenblick wurden wir Beide überfluthet von der Erinnerung an die Vergangenheit. Ihr Zimmer hatte denselben Duft wie das in Sorrento; Blumen standen überall, besonders Veilchen. Ihr Haar war vom Liegen verwirrt; ihre Wangen färbten sich tiefer.

»Du kommst zu mir?« sagte sie.

»Darf ich nicht sehen, wie es Dir geht?« frug ich leise und zog sie fast gewaltsam an mich, so daß sie die Stirn an meine Brust lehnte. Sie sollte mir in die Augen sehen.

»Lavinia!« sagte ich, »hast Du mich nicht vergessen?«

Ein rascher Blick: »Ich? O, mein Gott!« Sie ließ wieder die Stirn auf meine Brust fallen. »Ich sterbe vor Sehnsucht nach Dir, Jannino!«

»Ach! Kind! Du hast mir solches Leid zugefügt, daß ich an Dir zweifeln muß, wenn ich Dich in meinen Armen halte!«

Sie ließ sich auf die Knie gleiten.

»Lieber tödte mich, aber glaube mir! Womit kann ich denn wahr genug sein, wenn meine Lippen lügen und meine Augen lügen und mein zitternd Herz lügt? Sage mir, womit kann ich wahr sein?«

Ich zog sie empor. Sie bebte wie ein Blatt.

»Ach! Kind! Kind! Wenn Du mein sein dürftest! Ich wollte Dich hüten und schützen und mit meiner Liebe einhüllen, daß kein Blick Dich kränkte. O, wärst Du mein!«

»Ich bin Dein, mit ganzer Seele!« flüsterte sie, »Aber wie soll ich Dir's sagen, wenn Du es nicht glauben willst. Ich habe gelernt, zu Dir emporzublicken, wie zu etwas Unnahbarem, Heiligem, Jannino! Wie soll ich Dir von Liebe sprechen?«

Ich weiß nicht mehr, was ich zu ihr sagte, was ich hörte. Ich weiß nur, daß ich sie übermenschlich lieb hatte, ach! nicht wie ein Heiliger, sondern ganz irdisch, mit Allem, was es Gutes und Böses in mir giebt. Und ich mußte es ihr sagen und sie in die stürmende Fluth meiner gewaltigen Liebe einhüllen, und es gab keine Welt mehr und keine Zeit mehr und keine Menschen und keine Vergangenheit, nur eine übermächtige, brausende, erschütternde Gegenwart, ein Einreißen all der Dämme, die nie schienen durchbrochen werden zu sollen, die aufgerichtet gewesen durch ihre und meine Schuld, durch ihr und mein Schicksal. Fortgerissen war Alles im Wirbel des einen Gefühls, das mir am Leben gezehrt hatte.

Endlich kam ich zur Besinnung, und eine furchtbare Scham durchwühlte mein jauchzend Herz, wie eine Stahlklinge. Ich stieß sie von mir, die ich eben noch stürmisch umarmte, und rief fast drohend:

»Lavinia! was machst Du aus mir? Geh' fort! Geh' fort von hier! Niemals im Leben seh' ich Dich wieder! Zwischen uns muß es aus sein, für immer, Lavinia!«

Sie wurde bleich wie der Tod.

»Geh' fort von hier!« sagte ich rauh.

»Jannino!«

»Ich muß mich selbst verachten, wenn meine Augen Dich noch einmal sehen; geh' fort! Ich bin ein Elender!«

Ich hatte mich in einen kleinen Sessel fallen lassen. Sie ließ sich auf die Erde neben mir gleiten; ihre großen Augen starrten mich thränenlos an.

»Bin ich denn Deiner so unwerth, Jannino?«

»Nein, sondern ich bin erbärmlich und gering, und all mein großer Kampf und all mein Heldenthum sind in dieser Stunde Staub und Asche. Geh' fort! Ich habe eine Frau, Lavinia!«

»Ich habe Dir immer gehorcht, mein Meister!« sagte sie kaum hörbar.

»Wenn ich Dich nicht so wahnsinnig liebte, ich haßte Dich, wie ich mich selber hasse!«

»Hasse mich, aber vergiß mich nicht!«

Sie ließ ihren Kopf in meine Hände fallen, und ihre Thränen rieselten durch meine Finger.

»Meine Schuld!« stöhnte sie. »O! Jannino! einmal hast Du mich verlassen, und ich bin daran zu Grunde gegangen und habe Dir's verziehen! Und jetzt verlasse ich Dich und werde daran sterben und Dir verzeihen, nur grolle Du mir nicht, daß ich Deine Bahn gekreuzt habe, um Dich zweimal unglücklich zu machen!«

»O, Lavinia, zum Narren hast Du mich gemacht! Gott vergebe Dir's! Mit dämonischer Gewalt hast Du mich verzehrt, und nun irre ich durch's Leben, bahnlos, ziellos, – geh' fort! Sonst fluche ich Dir!« Und wo sie kniete, ließ ich sie und stürmte fort. Ich habe mich nicht einmal nach ihr umgesehen. Ich lief in den Wald und horchte immer, ob sie mir nicht nachkäme. Ich meinte, sie müßte mir gefolgt sein, und doch wollte ich sie im Leben nicht wiedersehen. Mir war' s, als haßte ich sie und dabei, als spränge mir das Herz, wenn ich sie nicht behielte. Wann ich nach Hause kam, weiß ich nicht, es war dunkle Nacht und Alles still. Da wollte ich Keinen wecken und kehrte in den glitzernd schneeigen Wald zurück, bergauf, bergab, durch dunkle Schatten, durch mondbeglänzte Thäler. Das Wild scheuchte ich vor mir her. Die großen Vögel der Nacht streiften lautlos meine glühende Stirn. Ich irrte wie eine arme Seele, die für ewig friedlos ist, durch die schweigende Welt; ich, ein lebender Todter, ein Schatten von mir selbst, an's Leben gekettet durch Schuld und Reue, durch Unverstand und Schwäche. Ich fluchte Gott, der mich so geschaffen, mit dem Durst nach dem Schönen, mit der unersättlichen Seele und dem schwachen Willen, der nicht im Stande ist, meine Leidenschaften zu zügeln. Wäre nicht alles Wasser gefroren gewesen, ich hätte mich ertränkt. Ich dachte daran, mich erfrieren zu lassen, aber ich konnte nicht so lange ruhig bleiben. Ich mußte immer auf und wandern, als wäre die Hölle hinter mir, nein, nicht die Hölle, sondern mein ganzes, langes, verlorenes Leben!

Den andern Tag war ich so voll Sehnsucht nach ihr, daß ich sie wieder aufsuchte. Sie war fort. Sie war wirklich fort. – Ich hatte es so gewollt, aber dennoch traf es mich wie ein Donnerschlag. Mir war es, als müßte ich vor Schmerz sterben ohne sie. Ich lief in den Bergen umher, wie ein Wahnsinniger. Hat sie es gewußt, daß ich vor Sehnen sterben muß? Ist sie eine Sirene, die der Menschen Sinne verdunkelt? Oder hat sie mir nur gehorchen wollen, um mir das Maß ihrer Liebe zu zeigen?

Nora war zum ersten Mal etwas gereizt gegen mich über mein langes Fortbleiben. »Ich hatte gedacht, Dir das Leben angenehm zu machen durch Gäste!« sagte sie, »und nun bist Du immer fort!«

»Ich vertrage das Hotelleben nicht.«

»So gehen wir heim.«

»O nein! nur nicht heim!« Ich war bange vor dem Alleinsein mit mir selber, vor meinem furchtbaren Gewissen.

»Der Mensch ist ein großer Thor, der seinen Magen nicht beurtheilen kann und nicht weiß, was er nicht verträgt. Man sollte nie etwas thun, was man hernach nicht verdauen kann. Wer leichtsinnig geboren ist, der kann mit seinem Gewissen fertig werden, ich nicht. Und das hätte ich bedenken sollen.

»Aber was soll ich für Dich thun?«

»Mir etwas Urlaub geben; ich bin solch ein unruhiger Mensch, und Dir ist das Reisen eben schwer.«

»Aus Dir klug zu werden, ist wohl eine mehr als menschliche Kunst! –«

»Ich werde es selber nicht.«

»Weil Du keinen Willen hast, nicht soviel wie ein kleines Kind!«

»Ich habe mich allerdings stets allen Eindrücken rückhaltlos hingegeben; seit ich das nicht mehr thue, ist mein Talent todt, meine Feder lahm.«

»Mir ist der Wille mehr als das Talent!«

»Bisher habe ich das Talent stets für eine Gottesgabe gehalten; ich habe mich wohl geirrt?«

»Was ist mir das Talent, wenn der Mensch werthlos ist, dem es zu Theil ward?«

»Du bist streng, Nora!«

»Ich bin wahr, und Du bist es nicht!« Ohne noch ein Wort zu sagen, verließ ich das Zimmer. Erst bei Tisch sahen wir uns wieder. Sie war so ruhig und freundlich, als wäre kein böses Wort gefallen, schien auch meinen Wunsch, weiter zu reisen, vergessen zu haben. Sie erzählte mir nur, der Arzt schicke sie nach Freiburg in Behandlung.


Como, den 27. Februar.

Ich bin allein, auf kurze Zeit, vom Arzt selber fortgeschickt, der meine Frau in Freiburg behalten will. Ich verzehre mich vor Sehnsucht nach Lavinia und leide Gewissensqualen. Ich weiß nichts von ihr. Vielleicht ist sie krank. – Ich bringe meine Tage auf dem See zu, auf den ich mich selbst hinausrudere; dann lege ich mich in den Nachen und starre hinauf, bis es Abend wird. In mir reift langsam ein Entschluß, aber sehr langsam. Wenn er zur That wird, dann werde ich ihn vielleicht wieder bereuen. Ich habe seit einiger Zeit kein Glück mehr. Alles, was ich thue, kehrt sich wider mich; ich bin ewig auf der Folter, in ewiger Gewissenspein und sehne mich nach Freiheit wie ein Galeerensklave.

Den 10. März. Der Entschluß ist zur That geworden. Ich habe Nora geschrieben, ob wir uns nicht gegenseitig unsre Freiheit wiederschenken wollen. Der Brief ist fort, und mir schlägt das Herz in unerträglicher Weise. Ich habe ihr geschrieben, wir würden uns doch niemals verstehen; es wäre besser, wir gingen auseinander. Es war vielleicht wiederum verkehrt gehandelt. Mir ist jegliche Urtheilskraft abhanden gekommen. Mir ist es aber, als sei ich ihr gegenüber ein meineidiger Mensch, als wäre es unehrlich gehandelt, sie nicht von mir zu befreien. Wahrscheinlich bin ich ihr zur Last, und sie hätte mit ihrer großen Pflichttreue nie das erlösende Wort sprechen wollen.

Den 24. März. Ich wartete und wartete, und die Antwort kam nicht. Ich war in großer Unruhe. Die Tage brachte ich wandernd zu, die Nächte auf dem See, in meinem Nachen. Ich dachte schon, mein Brief sei verloren, und frug mich, ob ich noch einmal einen andern schreiben könnte. – Gestern Abend komme ich heim. Da steht Nora in meinem Zimmer. Mit ihren großen Augen sah sie mich an:

»Nein, Ewald, einer Dirne weiche ich nicht! Ich weiß Alles! Ich war in Baden, ich habe mich erkundigt. Sie war dort, und Du hast sie täglich gesehen; das ist genug. Du weißt wohl nicht, daß sie einen schlechten Ruf hat? Man sagt sogar, sie habe schon ein Kind gehabt. Das ist keine Frau für meinen Ewald! Du wirst mir jetzt zürnen, aber einmal wirst Du mir danken, daß ich Dich vor ihr bewahrt habe. Du brauchtest mich ja nicht zu heirathen, wenn Du sie so lieb hattest. Es ist Deine Sache, wenn Du mich belogen und betrogen hast; aber da Du mich nun einmal zu Deiner Frau gemacht, gedenke ich es auch zu bleiben.«

Ich ließ mich in einen Sessel fallen und sagte kein Wort. Nichts hatte ich von einer Andern erwähnt. Ich glaubte, so geschickt geschrieben zu haben, nur von ihr und ihrem Glück und Leid. Aber wer könnte sich vor den Augen verbergen!

»Ich weiß,« fuhr sie fort, »es ist dieselbe, die Italienerin von Zürich; ich habe sie mir beschreiben lassen; immer dieselbe, die Du in Sorrento gekannt hast. Sie war auch in Baden, ist fort, ich weiß nur nicht wohin. Du hast sie immer gesehen. Aber sie ist Deiner nicht werth. Sie hatte noch andere Liebschaften, glaube mir's nur. Fahre nicht in die Höhe; Du hast nicht so scharfe Augen wie ich. Darum muß ich wachen über Dir. Und wenn Du mich auch jetzt hassen solltest, einmal wirst Du doch glücklich durch mich, Ewald! Einmal wirst Du mir's danken, daß ich Dich vor großem Elend bewahre und Deinen Namen vor einem Flecken!« –

Ich stand auf und ging an's Fenster. Da kam eben der Mond über den Berg und warf seinen Strahl über den See. Veilchen- und Orangenduft stieg empor, wie zum Locken und Bestricken. O, läg' ich doch drunten in der kühlen Fluth, mit dem siedenden Gehirn, bis es kalt und still geworden, mit dem wilden Herzen in der Brust, bis es sich nicht mehr regte!

Wir schwiegen lange. Endlich wandte ich mich um. Da fiel der Mond auf ihr Antlitz und ihre Gestalt, wie sie dastand, die beiden Hände fest auf den Tisch gestützt, die Nase etwas mehr gebogen als gewöhnlich, die Lippen aufeinandergepreßt und eine Flamme in den Augen, die von der Fähigkeit tödtlich zu hassen erzählte. Sie konnte Furcht einflößen wie eine Norne. Ich wandte mich wieder dem See zu.

»Wie Du willst,« sagte ich endlich.

»Siehst Du, Ewald, ich habe Dich so lieb, daß ich alles Leid freudig ertragen kann, das von Deiner Hand kommt; und Du hast mir bereits recht viel zu tragen gegeben.« – Ihre Stimme wurde weich.

»Und um des Leides Willen mußt Du mich nun auch geduldig hinnehmen und nicht murren. Unser Leben kann ja noch in andrer Weise reich werden, wenn wir Willensstärke genug dazu haben!«

Sie stand immer noch so und sprach leise, sehr leise und deutlich.

»Ich bin Deiner gar nicht werth,« sagte ich.

»Du bist mir werth, das ist genug.«

Wäre sie heftig gewesen, so hätte ich es auch werden dürfen. Aber sie schien immer ruhiger und kälter, nur funkelten ihre Augen fast phosphorescirend. Ich versuchte hineinzusehen, wandte mich aber immer wieder dem Monde zu, der mir kalt und fern in's Gesicht schien; drüben hüllten sich die Berge in schwarze Dunkelheit, während vorn Alles taghell und scharf beleuchtet war. Ein Nachen bewegte sich leise hin und her; die kleinen Wellen schimmerten am Kiel. Ein Mann lag auf dem Leibe, mit dem Kopf auf den Armen und sang leise ein endloses Lied.

»Ich werde nie ein guter Mann sein.«

»Gut genug für mich.«

»Du kennst meine Sturmnatur nicht.«

»Wir werden sie zügeln.« Das klang mir fast wie eine Drohung, so leise es auch gesagt war.

In dem Augenblick trug der Kellner Licht herein und deckte für die Abendmahlzeit. Sie kam zu mir an's Fenster und sah schweigend hinaus. Und mein Herz wurde so still und kalt wie der Mond; nur tief und schwarz, wie der See, lag ein unerträgliches Weh darin, so unerträglich und schwer, daß es sich nicht einmal durch einen Seufzer heben ließ.

»Verzeih mir, Ewald!« sagte sie sehr leise.

Ich schwieg.

»Du bist viel zu edel, um dem Gemeinen anheimzufallen. Ich duld' es nicht.«

»Ich bin gar nichts mehr.«

»Weil Dein Wille schläft, Ewald.«

»Ich kann nicht mehr wollen.«

»O! Du meinst nur, die Wasser seien zu schwarz, und Du möchtest Dich umbringen, Ewald. Aber so feige wirst Du nicht handeln. Ich habe Alles durch Dich verloren, Gesundheit und Hoffnung, Ruhe und Freude. Bin ich denn so wenig werth, daß Du mir auch meinen Mann rauben darfst?«

»Ich habe schon mehr Reue Deinethalben erlitten, als ich tragen kann.«

»Verzeih mir, Ewald!« Ihre Stimme zitterte, und zwei große Thränen rannen ganz langsam über ihre bleichen Wangen und glitzerten im Mondschein.


Florenz, den 4. April.

Wir leben in den Gallerien, sitzen stundenlang vor jedem Bilde, es zu analysiren. Abends liest mir Nora Kunstgeschichte vor. Von ihrer Gesundheit spricht sie gar nicht mehr; ihre eingefallenen Wangen erzählen von still erduldeten Leiden; aber die Augen beherrschen sich und mich.

Den 12. April. Als wir gestern in der Medicäergruft stehen, wer kommt da auf mich zu? Kein Anderer als mein Freund Hermann! Nora hat ihn heimlich eingeladen. Sie ist in jeder Weise bedacht, mir das Leben an ihrer Seite erträglich zu machen. Wie heiter sprach Hermann! Wie ist sein Herz gesund und leicht! Den quält keine Reue; den hat keine verbotene Liebe in den Krallen. Sonderbar! ich möchte etwas schreiben.

Den 15. April. Heute allerhand gemacht, aber sofort verbrannt. Es geht nicht mehr. Die Saiten sind gesprungen, die lassen sich nicht mehr stimmen. Es kommt kein Ton heraus.

Den 18. April. Klug war es von Nora, einen Freund herbeizulocken, damit wir nicht so allein einander gegenübersitzen. Die Gespräche sind dadurch stets heiter, und Hermann ist ahnungslos. Er sieht wohl, daß ich oft schwermüthig und verstimmt bin, schiebt es aber auf das erlittene Leid und die Hoffnungslosigkeit, dem leidenden Zustand meiner Frau gegenüber. Seine liebenswürdige Nähe macht eben allein das Dasein erträglich.


Nizza, den 16. Mai.

Wir sind auf dem Wege nach Paris. Nora schlug mir's vor. Wenn sie wüßte, wer dort ist, sie wäre gewiß nicht so unvorsichtig. Ich meinte schwach, ob wir nicht durch die Schweiz heimreisen wollten? Sie aber will durchaus nach Paris: »Du sollst dort in Musik schwelgen!« sagte sie. Sie sagte das aber so ernst, als ob sie etwas ganz Anderes meinte, als Freude und Genuß. Natürlich, ihr ist Musik ein wahrer Gräuel.


Paris, den 10. Juni.

Wir sind hier. Mir bebt das Herz. Morgen suche ich Lavinia. Ich bin in solcher Aufregung, daß ich nicht schreiben kann.


Paris, den 13. Juni.

Ich lebe noch trotz dem tödtlichen Schmerze. Und ich bin auch nicht wahnsinnig. Denn ich verstehe, was ich schreibe.

Nach vielem Suchen fand ich ihre Wohnung. Ich schelle und frage nach ihr. Der Portier sieht mich so sonderbar an und fragt, ob ich hinaufsteigen will, ins Atelier. Natürlich, schnell. Zitternd trete ich ein. Alles still und leer; nur auf der Staffelei ein großes Bild von mir, sprechend ähnlich. Ich wende mich um. Der Portier sieht mich immer noch so an und dann auf das Bild.

»Wo ist die Malerin?«

»Wo? wissen Sie denn nicht? Vor vier Wochen war Paris voll davon; da hat sie hier aufgebahrt gelegen, so wunderschön, und alle Leute strömten hier durch, sie anzusehen, unter ihren Bildern. Die sind schon alle verkauft bis auf dieses hier. Daran hat sie noch bis zum letzten Tage gemalt. – »Angéle! Angéle!« schrie er auf einmal hinunter, »bring' Essig her! der Herr wird ohnmächtig!«

Und dann habe ich sehr lange Zeit nichts mehr gehört noch gesehen. Mir war's, als sei ich todt. Hätten sie mich doch sterben lassen! –

Den 18. Juni. Heute hatte ich den Muth, wieder hinzugehen. Ich habe das Atelier gemiethet und durchsuche es nach jedem Stäubchen von ihr. Ich habe versucht, mir von ihr erzählen zu lassen. Aber ich kann nicht; ich kann es nicht ertragen. Ein geschriebenes Wort von ihr ist nicht zu finden; nur das Bild, das mich unablässig ansieht und in das sie mit letzter Lebenskraft ihre ganze große Liebe hineingeschrieben.

Den 20. Juni. Als ich heute wiederkam, war das Bild fort. Eine Dame habe es gekauft, sagte der Portier, er wußte nicht wer. In unsern Salon eintretend, fand ich es dort. Ich sah Nora an. Sie erröthete, trotz ihrer Blässe.

»Wie hast Du es gefunden?« fragte ich.

»Auf Deinen Wegen.«

»Wußtest Du denn, wer es gemalt?«

»Ja freilich, und ich wußte auch, daß sie todt sei.«

»Du wußtest« – – –

»Es stand in der Zeitung. Ich habe sie nicht versteckt; Du hättest es ebensogut lesen können, als ich. Ich dachte sogar, Du hättest es gelesen, würdest aber natürlich mit mir davon nicht sprechen.«

»Und dieses Bild willst Du haben?«

»Ja, es ist sehr gut.«

Diesmal sah ich wieder das Blitzen in den Augen, wie an jenem Abend in Como. Sie haßt noch über den Tod hinaus und gedenkt, mich mit dem Bilde ewig zu foltern. Das ist ihre Rache.


Etretat, den 4. Juli.

Man hat mich ans Meer geschickt, weil man mich so schwach fand. Nora würde es ebenfalls gut bekommen, sagten die Aerzte. Und so sind wir hier. Das Meer donnert in die Felsenhöhlen hinein und zischt und schäumt und braust, und ich liege drüber auf der Klippe, zu entkräftet, um mich noch hinabstürzen zu wollen. Aber ich brauche das nicht zu thun. Der Tod sitzt mir schon im Herzen. Ich brauche nur geduldig zu warten. Ich habe nicht einmal mehr das Recht, mich zu tödten, feige dem Leben zu entfliehen, in dem ich sühnen und büßen soll.

»Du warst ein Heiliger, Jannino!« klingt mir noch fort und fort. Ich höre es im Meeresrauschen, im Windeswehen, in meinem eigenen Herzen.

»Du warst ein Heiliger, Jannino!« Und dann könnte ich mich winden vor Schmerz. Wie konnte ich sie nur sterben lassen, ganz allein? Warum muß ich denn heute schuldbeladen sein? Ich war doch schuldlos und rein! Ich war frei und glücklich. Ich war ein Dichter! O, ihr Götter! Ein Sänger bin ich gewesen! Und ich dachte, eher würde das Leben in mir erlöschen, als das Lied!

Ich habe meine Frau unglücklich gemacht, und darum hasse ich sie. Ich habe meine Liebe verlassen, sie von mir gestoßen. Ich habe mein Kind getödtet. Wenn einmal für mich die Furien schweigen, dann will ich befreit aufathmen. Nun aber jagen sie mich und zertreten mich, und ich liege wehrlos da, unfähig, mich zu erheben, unfähig, mein Ohr zu verschließen, meinen Schritt zu beflügeln.

Nora hat sich gerächt, so furchtbar, indem sie mich ruhig nach Paris ließ, im sicheren Wissen von dem, was mir dort bevorstand. Es hätte fast das Leben gekostet; aber dann wäre sie doch Siegerin geblieben und hätte alle armen Sünder zertreten!

Was mag sie gedacht haben, während ich ausging, zu suchen? Nicht die kleinste Unruhe hat sie gezeigt. Und als ich nach all' den vielen Stunden erschöpft wiederkam und mich hinlegte, da hat sie nichts gefragt. Sie ist ein guter Chirurg, und ihre Hand zittert nicht bei tiefem Schneiden. Und sie sagt, sie hat mich lieb! – Vielleicht? Vielleicht ist das Liebe! Sie ist in ihrem Recht. Sie hat sich bis aufs Aeußerste vertheidigt, und mit ihrer kleinen festen Hand deutet sie auf meinen Weg und sagt: Hier ist die Pflicht.

Ich habe sie gebeten, mich hier viel allein zu lassen. Sie liegt am Strande und liest gelehrte Bücher, und ich wandere meinen Gedanken nach, oder vielmehr, ich wandere vor ihnen her, und sie jagen mich.


Etretat, den 26. Juli.

Hier ist ein interessanter Kreis von fast lauter Künstlern, die dies stille, zurückgezogene Fleckchen ausgesucht haben, um sich auszuruhen. Meine Frau hat sie bereits um sich gesammelt, am Strande und bei Tisch ist sie der Mittelpunkt aller Gespräche, und Alle bewundern ihren männlichen Geist. Ich verhalte mich meist schweigend, aber das Zuhören gewährt mir eine Art von Beruhigung und Zerstreuung. Dabei fällt es mir zuweilen ein, daß ich eigentlich auch zu ihnen gehöre, daß ich auch einmal schaffen konnte.

Den 7. August. Ich weiß nicht, wer ihnen verrathen hat, ich könne singen. Und da nöthigten sie mich ans Clavier, das sie heimlich von Paris haben kommen lassen. Gestern habe ich ihnen den ganzen Abend meine Lieder gesungen. Hernach legte ich mich an den Strand und weinte die ganze Nacht. Und das Meer ging und kam wieder und hob und senkte seinen Busen mit Schluchzen und Stöhnen und sprach seine tiefe Sprache von aller Welt Leid und Sünde, von dem ewigen Vergehen. Und gegen Morgen schlief ich ein und schlief fest, bis mir die Fluth die Füße leckte. O warum hat sie mich nicht im Schlaf hinweggetragen, statt mich grausam zu wecken zum neuen, mühseligen Tage!

»Wissen Sie, daß Sie ein Künstler sind?!« sagte heute Einer der Gesellschaft zu mir.

»Ich hätte es vielleicht werden können.«

»Sie werden es noch! nur arbeiten müssen Sie!«

»Ich bin gar nicht ehrgeizig.«

»Desto schlimmer für Sie! bleiben Sie diesen Winter bei uns in Paris, und Sie sollen berühmt werden!«

»Ich will wohl in Paris bleiben, aber nicht zum Schaffen; dazu habe ich die Gesundheit nicht mehr!«


Etretat, den 4. August.

Im Orient sagt man: Wenn du ein großes Leiden hast, so lege dich ans Wasser. Das Wasser nimmt es fort. Aber die ganze große See kann mein Leiden nicht leichter machen, das Unerträgliche meiner Lage nicht von meinen Schultern wälzen. Nora hat mich zerbrochen und weiß es; sie aber, wie alle starken Naturen, denkt: Lieber soll man zerbrechen, als an seiner Seele Schaden nehmen. Immer wieder muß ich die Stunden in Baden erleben. Ich dachte, Lavinia würde triumphiren, daß ich ihr nicht mehr widerstehen konnte, und statt dessen ließ sie sich von mir zertreten und ging ganz still hin und starb daran. Und Nora wußte, daß sie todt war. Ich kann eine förmliche Furcht vor meiner Frau bekommen, wenn ich denke, daß sie so grausam sein konnte und rachsüchtig! Und jetzt ist sie stets freundlich, dankt mir für die kleinste Rücksichtnahme und übt sonst keine Art von Druck auf mich aus. Sie vermeidet es geschickt, mit mir allein zu sein, und frägt nie: »Wo warst Du? warum warst Du fort?« auch wenn ich die Nächte auf dem Strande zubringe. Sie muß es doch wissen, sie, die immer Alles weiß. Manchmal glaube ich, ich bin wahnsinnig; da höre ich allerhand Stimmen aus dem Meere heraufschallen und sehe Lavinia's Leiche auf den Wellen heranschaukeln, aber nie bis zu mir.


Paris, den 20. December.

Nora lebt in den Gallerien und Vorlesungen, sammelt Gelehrte um sich und macht das Leben so reich und so heiter wie nur möglich. Ich kann ihr meine Bewunderung nicht versagen. Ich bin oft auf dem Kirchhof, noch mehr in Lavinia's Atelier, das ich mir ganz eingerichtet. Das Ruhebett ist das Meine, auf dem sie ihr Leben verhaucht hat. Im Bett hat sie nie gelegen, sondern immer gemalt und gemalt. Heute kam mir der Einfall, mein Lager zu durchsuchen, und da fand ich einige Worte von ihrer Hand:

»Gott wird Erbarmen mit mir haben, meiner großen, großen Liebe halber! Ich habe sein stolzes Herz nicht in den Staub ziehen wollen; er sollte nicht erniedrigt werden, indem er Sünde that, und darum habe ich ihn verlassen. Gott! habe Erbarmen mit mir und laß mich ein in Deinen Himmel! Ich habe auf Erden Fegefeuer und Hölle durchwandert und bin so müde! Wenn er kommt, mich zu suchen, dann will ich todt sein, damit er schuldlos bleiben kann und an mich denken, ohne Reue, ohne einen Fluch auf den Lippen. Gott! laß es bald genug sein! Bald ist sein Bild vollendet. Das wird er dann hier finden und wissen, daß ich Sein geblieben bin mit Leib und Seele. Gott! erlöse ihn von Schuld und Reue! Schenke ihm Frieden!« –

Es war, als wehte es mit Engelsflügeln um mich, als käme eine reine Hand und führte mich aus Nacht und Finsterniß empor, der himmlischen Ruhe entgegen. Ich küßte das Blatt; ich kniete nieder vor ihrem Sterbelager und drückte meine Stirn hinein. Ich rief sie leise und lange und dankte ihr so inbrünstig! Ohne Groll und Bitterkeit ist sie gegangen, aus lauter Liebe, geläutert und verklärt durch lauter Liebe, zum Friedensengel war die bestrickende Sirene geworden, durch lauter Liebe! –


Paris, den 6. Februar.

Nora hat mir einen Sessel im Conservatorium erobert. »Geh Du allein hin. Ich verderbe Dir den Genuß, weil ich zu unmusikalisch bin.« Da kommt die Musik um mich her und legt sich tief in mein traurig Herz und hebt mich zu den Höhen empor, die man durch Kunst und Liebe erreicht. Ich kann noch genießen, wenn ich auch nicht mehr schaffen kann.


Paris, den 6. Februar.

Ich habe einen Flügel im Atelier und lese viel Partituren; es kommen auch Musiker hin und singen mir ihre Opern - Quartette vor. Abends haben wir immer Leute, oft einen sehr geistreichen Salon. Meine Frau ist glänzend, hält allen Männern Stand und trägt einen Sieg nach dem anderen davon. Die Menschen kommen gern zu uns. Nora und ich leben in Frieden neben einander hin; nie fällt ein unfreundliches Wort. Wir sind frei von Stürmen, wie von Zärtlichkeit. So ist unser Leben keine Lüge, und wir fühlen uns beide frei.


Biaritz, den 8. November.

Leider laufen wir beide beständig unserer Gesundheit nach, die wir nicht mehr erwischen können.

Hier ist ein Kloster für Büßerinnen. Einige davon haben, abseits vom großen Gebäude, Holzbaracken in die Sandwüste gebaut und wohnen dort in winzigen Zellen. Da gehen sie in weißen Wollengewändern mit Kapuzen, unter denen nicht der kleinste Theil des Gesichtes zu erkennen ist. Sie sprechen nie mehr ein Wort. Mir schlug plötzlich das Herz ganz wild im Gedanken, Lavinia könnte sich hier verborgen haben, ich könnte vor ihr stehen, und wir ahnten es nicht! Vielleicht hat sie mich nur glauben machen wollen, sie sei todt, und wandelt hier wie ein Schatten der Unterwelt büßend umher. Und ich stände vor ihr, ich selbst ein armer Büßender, der sein Leben und das zweier ihm anvertrauter Wesen zerstört und sein Kind gemordet hat! Und wir wären durch nichts getrennt, als durch das dünne Stück Zeug, das unsre Blicke hemmte. – Ich mußte mich schnell abkehren, von Schwindel ergriffen. Wenn ich es nicht neben Nora ertragen kann und zum Selbstmord mir noch nicht das Recht fühle, dann kann ich Trappist werden. – Welche thörichten Gedanken jagen durch ein leidendes Gehirn! Meine hehre Lavinia würde doch keinen Augenblick vor dem Selbstmord gezaudert haben, eher als sich hier feige vor dem Leben zu verbergen! Sie, die im Dienste der Kunst, in dieser Sandwüste, in Schweigen und Nichtschauen – o nein, nein! – Man räth mir, alle Winter im Süden zuzubringen. Gott weiß, was mir fehlt. Ich frage gar nicht darnach.


Sorrento, den 4. Februar.

Ich wollte durchaus hierher, und Nora war gleich bereit. Ich sehe aber, ich habe mir mehr zugetraut, als ich leisten kann. Die alte Unruhe will wieder erwachen. Meine kluge Frau schlägt Algier vor und eine schöne Rückreise durch Spanien. Sie behauptet, das Reisen ganz gut vertragen zu können. Hermann wird uns begleiten,


Paris, den 24. Juni.

Algier und Spanien liegen hinter uns; mir ist es wohler in der Nähe des theuern Grabes. Wir haben unser Leben hier wieder aufgenommen. Ich merke aber, daß meine Kräfte schwinden. Es ist fast ein Wohlgefühl, wie große Ruhe und Müdigkeit, wie ein armer Wandervogel, dem die Flügel zerschossen sind und dem man ein weiches Nest gemacht, damit er weniger traurig sei. –

Hermann hat die Reise durch seine liebe Gegenwart zu einer Freude gestaltet, wo sonst nur Qual gewesen wäre. Er machte meiner geistreichen Frau eifrig den Hof, und ich konnte still dem feinen Wortgeplänkel lauschen. Er machte mir oft Vorwürfe, daß mich die Kinderlosigkeit so bedrückte; solch eine Frau sei schon ein reines Glück; man brauche weiter keines! Und ich hörte ihn lächelnd an, wie ein Mensch, der allein einen Gletscher besteigt und dem Einer von unten zuschreit, wohin er gehen soll. Nora hatte offenbar zuerst Angst, ich würde ihm etwas erzählen, und ließ uns nie allein. Bald aber beruhigte sie sich, ohne daß wir ein Wort gewechselt hätten. Wir sagen ja nie etwas Intimes, was nicht im Salon gehört werden könnte. Und so war diese Reise recht heiter. Hermann sah mich einigemal ängstlich an, ob ich nicht eifersüchtig würde; aber auch er beruhigte sich bald und war sein liebenswürdigstes Selbst. Wer uns auf dieser Reise gesehen, mußte uns für sehr glücklich halten, bis auf meine erbärmliche Gesundheit, die ich mit mir schleppen mußte, und die mich schattenhaft macht, zum Ritter von der traurigen Gestalt.


Haxtroden, den 24. Juli.

Die Streiche meiner Brüder haben uns genöthigt, auf kurze Zeit herzukommen, um die leidigen Dinge einigermaßen in Ordnung zu bringen. Meine Mutter war entsetzt als sie mich wiedersah, und überhäufte Nora mit Vorwürfen, wie sie mich in einen solchen Zustand habe fallen lassen.

»Aber er hat ja ganz gebogene Schultern und graue Haare!« rief meine Mutter. »Und die großen Augen! Aber Hans, um Gottes Willen! Und die eingefallenen Schläfen! Und Dein Gang! Wo ist Dein elastischer Gang geblieben? »Du schleichst ja herum wie eine arme Seele.« Ich hörte, wie sie zu meinem Bruder sagte: »Wenn er nur nicht lächeln wollte! Das kann ich nicht ertragen, das Lächeln mit den trostlosen Augen! Er grinst vor Magerkeit, wenn er lächelt. Aber Eduard! Es ist furchtbar! Muß er sterben, mein armer Hans? Giebt es keine Aerzte, die ihn heilen können?« – Die arme Mutter! Ich dachte nicht daran, wie verändert ich sei, sonst hätte ich mich gar nicht vor ihr sehen lassen.

Den 27. Juli. O, nun die kostbaren Nächte in meinem trauten alten Atelier! Ich spiele manchmal stundenlang bei offenem Fenster und lasse die balsamische Nachtluft hereinwehen, und dann stelle ich Lavinia's Bild auf den Flügel und die Photographie dazu, die ihre Verehrer von ihrer Leiche haben machen lassen. Und dann spiele ich und spiele, bis eine Art Betäubung mich überfällt, und ich auf dem Divan in der Ecke einschlafe. Das Bild der Leiche ist so, wie ich sie in Sorrento so oft gesehen nach jener Nacht, wo ich stundenlang neben ihr saß und ihren Athemzügen zusah, ob sie nicht plötzlich stille stehen würden; denn sie gingen so leise, wie ein verwehender Hauch. »Du warst ein Heiliger, Jannino!« Und dann könnte ich von Neuem rasen und verzweifeln und werfe mich auf die Erde und halte meinen Kopf fest, damit er nicht toll wird. O! nur nicht verrückt werden! Das wäre der letzte Grad der Verelendigung. Zum Gesunderhalten des Geistes muß der Wille doch noch ausreichen. Es darf nicht Nacht werden in mir, sondern ich soll geläutert werden!


Haxtroden, den 6. August.

Nur noch wenige, unleidliche Tage hier, und dann wandern wir wieder hinaus. Trotz dem unsäglichen Verdruß, der mir hier bereitet wird, ist es ein süßes Ruhegefühl, endlich einmal daheim zu sein. Der Park, der Wald sind so wundervoll und erschauern im leisen Winde mit demselben Ton wie in meiner stürmenden brausenden Jugendzeit, wo sie mich zur Ruhe sangen, diese uralten Bäume, und mir vorsäuselten, ich sei ein Genie, und ich werde Alles erreichen; ich brauche nur zu wollen. Es war mir ja Alles leicht; ich konnte gar nicht begreifen, wie man das Wort »Unmöglich« in den Mund nehmen dürfe. Es existirte nicht für mich. Ja, leuchtend war der Morgen und das Schiff lustig bewimpelt. Aber der Sturm war größer als meine Kraft. Ich bin gescheitert und liege nun wie ein gestrandetes Wrack im Hafen, unbrauchbar, bemitleidet, und die Menschen haben schon fast vergessen, daß ich ein großer Künstler werden sollte. In drei Tagen ziehen wir von hier fort und kehren lebend nicht wieder. Ueber meinem Sarge werden die Bäume rauschen. Wenn es doch schon dieses Herbstes Blätter wären, die auf meinen Sarg niederrieselten und mein Grab bedeckten! Aber so wird es mir nicht beschieden. Meine Mutter macht Nora das Leben hier unerträglich. Es wird ihre Schuld sein, daß ich aus der Heimath verbannt bleiben muß für immer. Ich darf Nora das nicht zumuthen. Sie hat kein Wort der Klage; aber ich sehe, daß sie es nicht ertragen kann. Sie soll nicht eine Stunde mehr leiden, durch meine Schuld. Ich werde sogar von ihr lernen, immer heiter zu sein. Das ist gar nicht so schwer, wie man denkt. Es ist nur eine Gewohnheit, die man annehmen muß. Es ist ebenso leicht, heiter zu erscheinen, als traurig; nicht einmal viel Willen gehört dazu, nur eine große Gleichgültigkeit, ein vollkommenes Losgelöstsein von sich und der Welt, eine Wunsch- und Hoffnungslosigkeit wie im Grabe. Man bepflanzt ja auch Gräber mit Blumen, damit sie heiter aussehen. Mit diesem festen Entschluß wandre ich, und es giebt jetzt Nichts und Niemand mehr, mich in Entschlüssen wankend zu machen! Mein Bruder fühlte sich heute veranlaßt, mir eine melodramatische Scene aufzuführen, weil man ihn unter Curatel stellen muß. Ich hatte Lust, laut aufzulachen. Es kam mir so unendlich komisch vor. Er bestürmte mich mit einer Fluth falscher Leidenschaft. Ich hörte ihn so kühl an, als wäre er ein rauschender Fluß, der bei all seinem Lärm doch ohne Wärme bleibt. Ich zeichnete währenddem einen abgemagerten Clown, der einer noch magereren Seiltänzerin einen Groschen reicht. Ihm ist das Tricot zerrissen, ihr die Schuhe geflickt, das Röckchen zum Lumpen geworden. Das Bildchen enthält viel Bitterkeit und Komik.

»Bist Du jetzt fertig?« sagte ich endlich, so kühl, daß mich Eduard starr ansah.

Du hättest Dir das alles sparen können, denn die Sache ist nicht zu ändern, und Du kannst eher einen Felsen bewegen als mich.«

»Aber Hans! was ist aus Dir geworden?«

»Ich finde, daß ich sehr geduldig geworden bin.«

»So geduldig wie ein Wegweiser!« rief Eduard außer sich.

Seine Kinder durchtoben das Schloß, und Jedermann schmeichelt ihnen als den künftigen Herren. Meine Schwägerin sagte heute:

»Ich muß sagen, Nora, Du hast Deinen Mann gut gezogen! Mit dem meinen kann ich weniger und weniger anfangen; der Deine scheint nur durch Dich zu athmen. Ich dachte gar nicht, daß er Dich lieb hätte. Aber Ihr seid das wunderbarste Ehepaar. Er ist so galant mit Dir wie ein Liebhaber, und Du bist wie eine Königin. Wie hast Du das nur gemacht?«

»Ich habe ihn studirt und mich mit nichts Anderem beschäftigt, als mit ihm und seinem Glück!«

»Muß man denn das studiren?«

»Ich denke. Von selber hat man nichts in der Welt.«

Sie sind alle so scheu mit uns, als könnten sie uns nicht enträthseln. Besonders meine Ruhe und kalte Gelassenheit ist ihnen so neu, daß sie sich gar nicht zurechtfinden können. Wie sollte mich noch etwas auf der Welt erregen oder erschüttern. Ja doch. Lavinia's Sessel im Kloster in Sorrento erpreßte mir noch einmal heiße Thränen. Er stand an der alten Stelle.


Paris, den 10. November.

Wenn man bei so armen Menschen, wie wir es sind, von Heldenthum sprechen dürfte, so würde ich sagen, wir sind sehr tapfer im gegenseitigen Ertragen. Nora sieht fast heiter aus, und ich bemühe mich, ihrem Salon keine Schande zu machen. Ich habe jetzt oft unbeschreibliches Heimweh; aber Nora will von Haxtroden nicht hören; sie behauptet, die Erinnerung nicht ertragen zu können. Sie hat aber nur Angst vor den Meinen, die ihr außerordentlich zuwider sind, und da ich ihr Leben zerstört habe, so fühle ich mir in keiner Weise das Recht, ihr irgend Etwas zuzumuthen, das ihrem behaglichen Scheinleben ein Ende macht. Diesen Winter wollen wir hier bleiben. Ich lebe viel im Atelier, dem einzigen Orte, wo ich ganz mein eigener Herr bin, wo ich mich auch niederlegen kann, wenn ich mich zu leidend fühle, ohne daß forschende Augen mich fragen. In der Stille arbeite ich auch wieder, habe allerhand gedichtet und componirt, auch Gedanken und Novellen angefangen und eine Art von Ruhe darin gefunden. Der starke Schaffensstrom ist unterbrochen und abgelenkt worden, aber manchmal stiehlt sich ein stilles Wasserbächlein durch Damm und Wehr und nimmt den Schmerz fort. Manchmal höre ich jetzt auf, zu fühlen, und verfalle einer wohlthuenden Gleichgültigkeit.


Haxtroden, den 12. September 18–
nach 7 Jahren.

Die Lampe brennt matter, und ich habe mich der Heimath wieder zugewendet, um hier zu sterben. Meine Mutter bewohnt einen Wittwensitz, den ich ihr eingerichtet, damit sie nicht Nora das Leben schwer macht, besonders wenn ich fort bin und Nora Haxtroden behalten soll. Ich habe meine Brüder anders abgefunden. Niemand soll es wissen, wie krank ich bin; denn ich will Niemanden sehen. Nora genügt mir. Sie ist von immer gleicher Heiterkeit, voll Leben und Interessen; sie liest mir stundenlang vor, wenn ich im Atelier auf dem Divan liege. Gott! wie ist Sterben so süß! Ich leide gar nicht mehr. Nur schwächer und schwächer fühle ich mich. Nora ist meine treueste Gefährtin, mir unentbehrlich. Ueber das Vergangene sprechen wir nie mit einander, als hätte es nie etwas Schweres gegeben, als wären wir nie zerbrochen und vernichtet worden. Daß ich es mit dem Leben bezahle, ist nicht mehr als billig; darüber murre ich auch nicht. Ich murre nur, daß ich nicht die Kraft gehabt, mich über mich selber zu erheben und in neuem Schaffen ein neuer Mensch zu werden.

Meine traurigen Versuche lasse ich meinem Freunde Hermann zurück; vielleicht macht es ihm Freude,  – oder auch Schmerz, daß ich nicht mehr geworden. Ich habe aber das Garngebind meines Lebens am verkehrten Ende angefangen und habe mich durch seine Wirrsale hindurchgewunden bis zur Erschöpfung. Ihr sollt mich nicht beweinen. Mir ist es wohl! Der Kampf ist vorüber, das Leid tief, tief versenkt; Ruhe und Ergebung wandeln durch diesen Raum, in dem ich einst bis zum Wahnsinn getobt habe. Meine Augen werden schwer, die Hand schwach, aber leidlos lass' ich mich hinabgleiten in die linde, geläuterte Ruhe.


Neun Tage.



Es geschah mir vollkommen unerwartet. Ich saß an meinem kleinen Tisch und zeichnete; der Frühling und die Sonne weckten mir immer die Farbengier und mit ihr die Lust zum Malen. Da trat Alice in's Zimmer und sagte in ihrer kurzen Art:

»Komm' mit mir, ich will noch einige Krüge kaufen, Du sollst mir wählen helfen!«

Ich schloß den Malkasten und setzte meinen Hut auf. Keine Vorahnung, auch kein Augenblick des Zögerns!

»Zu Fuß?« fragte ich erstaunt.

»Ja, zu Fuß, es läßt sich heute gut gehen; so warme Sonne und so saubere Steine!«

»Wohin denn?«

»Denk' Dir, weit hinein in die Strada Crajowi! Da sind die schönsten Töpferwaaren; ich brauche auch noch Teller für meine National-Ecke.«

Ich lachte über diese neueste Laune, eine Ecke ihres Saales mit rohen, rumänischen Thonwaaren zu zieren, und wir wanderten der Strada Carol zu. Es war wirklich angenehme Luft, ich war des Gehens so ungewohnt, daß es mich in eine festtägige Stimmung versetzte. Außerdem kannte ich diese echten Bukarester Straßen mit dem ihnen eigenen Handel und Wandel nur aus dem flüchtigen Durchfahren zum Pelzhändler, der in dieser Gegend wohnt. Der Himmel hatte ein berückend Blau, und keine Wolke war auf ihm.

»Da ist ja schon der Marktplatz mit den Hallen!« rief ich.

»Ja wohl, aber wir müssen einen kleinen Umweg machen; die Brücke ist gesperrt wegen der Dimbowitza-Regulirung; wir gehen dann quer über den Marktplatz und biegen in die Strada Crajowi ein!«

So traten wir auf den Marktplatz. Der Markt war geschlossen und die lange Reihe der sauber dunkelbraun gestrichenen Verkaufsbuden leer. Das Pflaster war rein gefegt, aber in der Nähe der bedeckten Hallen, wo die Fleischer gehaust, war noch ein starker Geruch zu spüren.

»Wir hätten lieber den andern Weg einschlagen sollen,« meinte Alice, die gerade zufällig etwas vor mir ging. Es war uns nämlich ein Strom Arbeiter von den Erdwällen entgegengekommen, und wir mussten uns zwischen ihnen durchdrängen.

»Wegen dieser braven Nachkommen Trajans?« fragte ich, als ich am linken Arm so stark gepackt wurde, daß ich taumelte, und plötzlich einem großen, zottigen Hund in die Augen sah. Was für Augen, großer Gott! Aus welcher Richtung er auf mich gestürzt, ob er hinter den Buden hervorgesprungen, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß ich mich sehr zusammen nehmen mußte, um nicht aufzuschreien, und daß mir durch den Kopf fuhr, was ich an demselben Morgen in der Augsburger Allg. Zeitung über die tollen Wärwölfe gelesen. Aber ich schrie nicht, ich erwehrte mich nicht einmal des Thieres, vielleicht weil ein Uebermaß des Schrecks mich gelähmt hatte; ich fühlte kaum, daß es mich am linken Arm gebissen, ehe eine Hand mir über die Schulter griff und den Hund zurückschleuderte. Die grauen, doppelt genähten Handschuhe kannte ich doch? Sie mußten die meines Mannes sein! Wie eigen, wie in einem Traume, daß er da war, als ich Hülfe brauchte! »Wie kommt er in diese Gegend?« blitzte mir durch den Kopf.

»Er ist toll, er ist toll!« hörte ich um mich rufen, und die Meisten wichen entsetzt zurück; Einige stürzten dem Thiere nach, mein Mann aber ergriff meinen Arm dicht oberhalb der Bißwunde und sagte: »Komm' schnell!«

Ich ließ mich einige Schritte weit führen, ehe mir Alice einfiel.

»Lass' sie,« entgegnete er, »Du hast keine Zeit zu verlieren.«

Mir schwirrte Alles vor den Augen, und ich war wohl betäubt gewesen, daß ich jetzt erst merkte, wie bleich sein Gesicht, und daß seine Hand blutüberlaufen war. Ich machte ihn darauf aufmerksam: »Es hat nichts zu bedeuten,« meinte er, und damit traten wir in das Hospital ein, das unmittelbar hinter dem Marktplatz liegt. Ludwig öffnete eine Thür, und ich befand mich in einer Art Apotheke.

»Schnell hypermangansaures Kali,« rief er einem jungen Manne mit großen Brillengläsern zu. »Ich glaube zwar nicht an seine Wirkung, aber man muß Alles versuchen,« wandte er sich zu mir. Jetzt fing ich plötzlich an zu verstehen, und mir war, als heulte ein Sturmwind durch meine Ohren.

»War er wirklich toll?« fragte ich leise, und ein kalter Schauer kroch mir am Leibe empor. Meine Stimme klang heiser und athemlos – war das schon eine Folge der Vergiftung? Ich mußte mich hinsetzen, denn ehe ich die Antwort hörte, schlossen sich meine Augen, und ich glaubte den Verstand zu verlieren bei dem Alles überwältigenden Gedanken an mein Kind!

Ludwig hatte nicht geantwortet, er hatte etwas in die Wunde geträufelt, sie geätzt – ich fühlte es nicht, ich fühlte nur die verzehrende Angst um das Kind, die mir die Brust umschnürte – jetzt legte er mir einen Verband an. Die Wunde war nicht groß. Dann ließ er sich von dem kleinen Mann mit der Brille das Handgelenk verbinden, dankte ihm und reichte mir den Arm. Er ging schnell aus dem Krankenhaus, aber aus einer andern Thür als der, durch die wir eingetreten waren, sah einmal nach der Uhr und winkte dann einem Kutscher. Kaum waren wir abgefahren, als er wieder halten ließ und hinaussprang. Ich sah ihm unter dem Schlag der Kutsche nach und erblickte Alice. Sie stand aufrecht in einem Wagen und schien noch nach uns auszuschauen. Er lächelte freundlich, als er zu ihr herantrat; ich fühlte dies Lächeln bis tief in's Herz; ja, meine Eifersucht würde erst mit mir sterben!

»Was in aller Welt war denn aus Ihnen geworden? Kaum hatte ich Sie erblickt, so verschwanden Sie auch schon wieder mit Ihrer Frau!« sagte sie mit ihrer harten, lauten Stimme.

»Anna bittet Sie sehr um Verzeihung, sie war sehr erschreckt; ich führte sie in das Hospital, um ihr einen Schluck Wasser zu geben.«

Ich lehnte mich jetzt zurück in die Ecke des Wagens.

»Der Hund war gewiß nicht toll!« meinte Alice.

»Gewiß nicht,« entgegnete mein Mann.

»Aber woher tauchten Sie denn so plötzlich auf? Hatten Sie mich geahnt?«

»Leider nicht! Ich mache um 4 Uhr immer meine Nachmittagsvisite im Hospital und gehe dann zu Fuß bis an die Brücke, wo mein Wagen steht!«

»Als ob ich das nicht gewußt hätte!«

»Doch ich will Sie nicht länger aufhalten!«

»Vielleicht komme ich heute Abend zu Anna!«

»Sehr willkommen, wie immer!« Und damit saß er wiederum an meiner Seite.

»Du bist wohl froh, daß sie nicht gebissen worden ist?« fragte ich.

»Wahrscheinlich!« entgegnete er und nagte an seiner Lippe, die sich zu einem bitteren Lächeln verzogen hatte.

Wir bogen von der Strada Carol in den Pod ein, als . . . . hatte ich es doch gefürchtet! Nie war ich durch diese Straße gefahren, ohne einem Leichenzuge zu begegnen! Freilich, es war ja auch der einzige Weg zum Kirchhof Belo hinaus. Mich erfaßte ein nervöses Zittern, als ich die Männer mit den schauerlichen schwarzen, goldbordirten Kleidern, mit den großen Kerzen in der Hand langsam sich nähern sah. Und doch schaute ich in den Leichenwagen hinein. Durch den Glasdeckel erblickte ich eine junge Frau mit braunem Haar, und von der Erschütterung auf dem unebenen Pflaster war ihr der Kopf auf die rechte Seite gefallen. Ich hätte aufschreien mögen: »Ich will nicht sterben!« Und doch – in einigen Tagen würde ich so durch diese Straßen gefahren werden, aber das Kind mir im Arm! Ohne das Kind ginge ich nicht aus dem Leben! Ach, wenn der Wagen doch schneller führe, daß ich zu ihm gelangen könnte! Ich erfaßte den Arm meines Gatten und drückte ihn krampfhaft. Er nahm meine Hand in die seine und streichelte sie schweigend.

»Mußt Du auch sterben?« fragte ich wie wild.

»Gott sei Dank,« sagte er ruhig. Ich entzog ihm die Hand. Er trennte sich natürlich gern, die liebkosende Bewegung eben war die eines Arztes zu einer Kranken gewesen; wir hassen uns ja; sollte der Zufall, daß der Tod, dem wir stets entgegen gingen, uns näher gerückt sei, das plötzlich geändert haben?

Da hielten wir schon vor unserem Hause. Ludwig half mir beim Aussteigen, wandte sich dann aber wieder dem Wagen zu.

»Du kommst nicht mit hinauf?« fragte ich.

»Mich erwartet ein Kranker an der Barriere seit einer halben Stunde.« Damit fuhr er fort. Ich bewunderte ihn einen Augenblick, als ich dem Wagen nachsah: er erfüllte ruhig seine Pflicht weiter, er dachte an Andere. Aber wieder stieg mir der bittere Gedanke auf: »wir sind ihm ja gleichgültig!«

Dem Diener, der mir die Thür geöffnet, rief ich: »ein Glas Wasser«, zu und eilte nun die Treppen hinauf.

»Mein Junge, mein süßer Junge!«

Er kam mir entgegen gesprungen, legte seine Arme um meinen Hals und fragte, wie ich vor ihm niederkniete: »Wo warst Du?«

Ich antwortete nicht; ich preßte ihn an mich. O, welche Erleichterung gab mir die Berührung seines kleinen Körpers; ja, jetzt könnte ich sogar sterben. Aber mir stürzten doch die Thränen aus den Augen, während er wiederholte:

»Wo warst Du?«

»Bei Papa, im Hospital!«

»Bei den Kranken?« fragte er erstaunt.

»Ja, und ich habe auch einen Leichenzug gesehen!«

Ein Leichenzug! Der ist meinem Kleinen immer so merkwürdig schön erschienen, wegen des entsetzlichen Leichenpomps.

Janku brachte das Glas Wasser. Noch war ich nicht wasserscheu, das wußte ich, ich konnte es noch gar nicht sein. Und doch war ich nicht im Stande, es zu trinken, sondern ließ es wieder forttragen.

Wie viel Zeit mochte ich noch haben? Ich spürte ein heftiges Brennen in der Bißwunde; mir fiel ein, daß ich schon lange diese nervöse Unruhe gefühlt, aber immer geglaubt hatte, es wäre nur die Sehnsucht nach meinem Sohn. War dies schon ein Beginn der Wuth? Niemeyer's Handbuch hatte mich so oft in des Kindes Krankheiten beruhigt; ich nahm darum meinen Kleinen an der Hand und holte es aus meines Mannes Bibliothek. Fürchtete ich mich denn etwa vor dem Tode? Ich sah im Geist die junge Frau unter dem Glasdeckel und den Kopf, der von den harten Steinen hin und her gestoßen wurde. Hatte ich nicht immer gewußt, was am Ende des Lebens war? Hatte ich mir nicht oft den Tod gewünscht und mir die braunen Haare, die mir an der Todten so rührend erschienen waren, darum gerauft, daß ich leben mußte? Aber das Kind, sagte ich mir, das Kind! Er mußte mit mir hinüber in die andre Welt, der blondlockige Knabe, denn was sollte aus ihm werden, wenn seine beiden Eltern gestorben?

Neun Tage, neun gesunde Lebenstage hatte ich im schlimmsten Falle, und die Wunde würde zuerst schnell heilen, dann aber die ersten Spuren der Krankheit zeigen, so las ich. Neun Tage! Ich sprang auf; mir war, als sei mir das Leben neu geschenkt; neun Tage! das war ja eine Ewigkeit. Ich wollte alles Glück des Erdenlebens noch einmal durchkosten und dann mir freiwillig den Tod geben, – das würde Ludwig mir erleichtern. Das Kind nahm ich wieder auf den Schoß, – da war ja das größte Glück, und – vielleicht war der Hund nicht toll gewesen? War's die Hoffnung, die mich plötzlich umgestaltete?

»Du hast lange nicht mit mir gespielt!« sagte der Kleine.

»Dann wollen wir spielen! Was?« – »Cirkus!« entschied er.

Ich nahm Platz auf seinem Sofa. Er bildete einen Kreis von Stühlen und führte sein Schaukelpferd in dessen Mitte. Dann setzte er sich einen hohen Hut seines Vaters auf, ritt herum und machte Kunststücke. Ich mußte Beifall dazu klatschen. Darauf trat er als Clown ein, mit bunten Bändern an den Ohren und Schellen um das schmale Handgelenk. Im Zimmer wurde es dämmrig, und durch das Fenster sah ich, daß draußen die Gaslaternen angezündet wurden. Mir beklemmte wieder eine große Angst das Herz, und sie nahm mit der Abenddämmerung zu. Dies Kind, dies strahlende Kind wollte ich zum Tode verdammen! Aber war der Gedanke leichter, daß er seinen Cirkus spielen sollte und Niemand ihm zusehen, Niemand sich an seinem Liebreiz erfreuen? Eins von Beiden würde geschehen, und ich durfte nicht schreien, ich mußte still sitzen, ich war kein wildes Thier, das seinen Schmerz hinaus in die Lüfte brüllen darf, ich war ein Mensch, ein vernünftiges, gesittetes Wesen, das lange an das Nichtsein denken gelernt! Aber ich war doch auch Fleisch und Blut, das der Verwesung anheimfallen sollte! Ich schauerte zusammen, wie ich auf meine Hand sah, – sie würde vermodern. Wohin, wohin fliehen, um dem Entsetzen zu entgehen? Aber ich wollte ja die neun Lebenstage genießen! Wie genießen, wie, mit dem Ende vor Augen? Aber wir haben immer alle das Ende vor Augen und leben doch sorglos!

»Licht, Licht,« rief ich und sprang wieder auf. Das war eine der Segnungen des Lebens, das Licht. »Steck' den großen Kronleuchter im Saal an!«

»Kommt Besuch?« fragte der Kleine. Mir war dies Wort wie ein bittrer Vorwurf; er war aber verdient. Für Fremde, für Besuch hatte ich sonst immer die vielen Kerzen anzünden lassen, für ihn und mich nicht, und wir hatten doch beide das Licht so gern!

Mein Mann kam zurück. Ein wenig müder als gewöhnlich; es war auch später.

»Das Kind hätte vor uns essen müssen,« sagte er. Es war, als sei nichts Besonderes geschehen, und wir gingen zu Tisch. Auch ich war jetzt ruhig und kalt. Jahre waren vergangen seit den Zeiten, wo wir beide innig mit einander lebten; die alte Gewohnheit war noch stärker als die neue Lage der Dinge. Jetzt könnten wir uns ja trennen; Jeder könnte für den Rest des Seins noch seiner Wege gehen; es gab keine Zukunft mehr, für die wir unsere Würde zu bewahren hätten, auch nicht die leise Hoffnung, daß die gemeinsame Liebe zum Kinde den Abgrund zwischen uns allmählich überbrücken würde.

»Das Thier ist festgenommen worden,« sagte Ludwig, »leider aber auch getödtet!«

»Warum leider?«

»Weil nun nicht mehr mit Sicherheit nachzuweisen ist, ob er toll war. Aber ich zweifle keinen Augenblick daran!«

»Ich auch nicht!« und dabei warf ich wieder den unvernünftigen Blick auf das Wasser. Daß die Wasserscheu als solche ein Ammenmärchen sei, hatte ich vorhin gelesen, aber es hatte nichts genutzt.

»Du solltest etwas genießen,« begann Ludwig von Neuem.

»Ich kann nicht, ich bin zu sehr erregt. Wozu auch noch essen!«

Er streifte mich mit dem Blick. Wir hatten uns lange abgewöhnt, einander voll anzusehen; mir schien, als sei sein Blick bemitleidend, verächtlich.

»Dir ist es natürlich gleichgültig?« fragte ich.

»Mir ist es lieb; ich sehne mich schon lange nach Ruhe, es ist eine wohlthuende Lösung.«

Für den Rest des Mahls schwieg er; ich tauschte nur kleine Scherzreden mit dem ahnungslosen Kinde aus.

Gleich nachher schickte Ludwig sich wieder an fortzugehen.

»Ich hätte gern mit Dir gesprochen,« sagte ich mit leiser Bitterkeit.

»In einer Stunde bin ich zurück.« Dann brachte ich den Kleinen zur Ruh; er bat, ich möchte mich mit ihm hinlegen. Mir war schon der Gedanke, still zu liegen, schwer, aber ich wollte ihm zu Willen sein und warf mich darum dicht neben ihn auf mein Bett. Ich durfte mich nicht rühren, damit er einschliefe. Die Ampel brannte bläulich, die Augen hatte ich ihm zu Liebe geschlossen – und so schlief ich ein. Nicht auf lange Zeit. Als ich wieder zu mir kam, dachte ich zuerst, es wäre Alles ein böser Traum; bald war ich aber wieder klar. Ich sah nach der weißen Uhr an meinem Bett: der Zeiger wies auf elf. Also es war immer noch der erste Tag. Leise kroch ich vom Bett herunter und schlich aus dem Zimmer. Nebenan war es dunkel, auch im Saal war der Kronleuchter ausgelöscht, über den Treppenflur hinüber sah ich aber, daß in meines Mannes Zimmer Licht brannte. Die Thüren waren wie immer geöffnet; ich konnte ihn genau beobachten und blieb an den Thürpfosten gelehnt im Dunklen stehen. Er trat nahe an die Lampe heran und untersuchte seine Wunde, dann bedeckte er sie wieder und ging im Zimmer auf und ab. Nach einer Weile setzte er sich nieder und begann zu schreiben. Ich war im Begriff einzutreten, um zu sehen, an wen, als ich eine kleine, offene Reisetasche an der Erde erblickte. Er wollte also fort. Vielleicht mit ihr, mit der Frau, die mein Eheglück vernichtet! Mir war, als würde ich wahnsinnig, und ich stürzte auf ihn zu. Er wechselte die Farbe, als ich so plötzlich vor ihm stand.

»Wohin willst Du, wohin und weshalb? – Weil ich sterbe?«

»Weil ich Dich nicht sterben sehen kann!« entgegnete er wie herausfordernd.

Ich ergriff das Blatt, auf das er die Feder hatte fallen lassen. Es war augenscheinlich an mich: »Bis zum folgenden Sonntage bist Du sicher, dann nimm von diesen Tropfen. Es ist Cyankali, wirkt schmerzlos und augenblicklich. Deinem Bruder schreibe ich, er wird in drei Tagen hier sein« . . . .

»Das will ich nicht! Ich will Keinen sehen, Keiner soll es wissen, Keiner auch nur ahnen,« rief ich, als ich so weit gelesen hatte.

»Das fühle ich Dir nach, Anna,« sagte er, »wozu sich den Abschied schwer machen, aber« . . . . er stand auf. War seine Ruhe eine gespielte? – »wozu eigentlich davon sprechen? aber, ich kann nicht hier bleiben.«

»Du hast andere Pflichten?« fragte ich mißtrauisch.

»Wahrscheinlich,« entgegnete er wieder höhnend, »doch wir haben Wichtigeres zu besprechen: das Kind. Unser Testament ist längst gemacht . . . .«

»Das Kind,« unterbrach ich, »kommt mit mir!«

»Anna,« rief er entsetzt, »das wäre ein Verbrechen!«

Jetzt war ich ruhig.

»Ludwig, das beste Leben – und unsres elternlosen Kindes Leben wird nicht das beste sein – ist nicht werth, daß es gelebt wird! Einmal sterben muß er doch, es ist entsetzlich, aber da das ist, will und kann ich mich nicht von ihm trennen!«

»Und hättest Du lieber nicht gelebt?«

»O, weit lieber nicht! Denke an die Qualen, denke an das Herzeleid, das ich allein um Dich erduldet!«

»So stirbst Du gern?«

»Ich habe Angst davor, Ludwig, weißt Du, physisch-schaurige Angst! Und dann die Trennung vom Kinde!«

Ihn hatte ich nicht genannt. Hatte er es erwartet, weil er wieder so bitter mit den Mundwinkeln zuckte?

»Das Kind muß am Leben bleiben, Anna, sei verständig; so lichtlos ist das Sein nicht; ich möchte es zwar nicht noch einmal durchmachen – aber mein Sohn soll nicht gemordet werden.«

»Dein Sohn!! Mein ist das Kind, einzig mein, wodurch hast Du ihn verdient?«

Er war weiß vor Zorn; jetzt wußte ich, daß er sprechen würde, wie es ihm um's Herz war; das hatte ich instinctiv gewollt. Doch nein, er that es nicht, er ging ein paar Mal auf und ab und sagte dann:

»In acht Tagen sind wir beide todt, da lohnt es sich nicht der Mühe! Eins aber weiß ich, Anna, wenn unsere Leiden abgewogen werden könnten! – ich habe mehr gelitten als Du. Darüber sprechen kann ich aber nicht, es ist nicht meine Art. Doch ich bleibe jetzt hier; Frau ist eben immer Frau, ich brauche meine eigene Schwäche nicht mehr zu fürchten. Gute Nacht!«

»Ich danke Dir, daß Du bleibst!«

»Du hast Dir selbst zu danken.«

Dabei ging ich aus dem Zimmer, ging zurück und setzte mich an's Bett des Kindes. Ich wollte nicht schlafen, bald würde ich ja ewig schlafen; auch brannte mir die Scham im Herzen, weil ich nicht gütig gewesen war. Warum hatte ich ihm nicht gesagt: »Gehe zu ihr, die Du lieb hast; ich gönne Dir und ihr alles Glück; dem Tode gegenüber giebt es keine gesellschaftlichen Rücksichten!« Und außerdem, hatte er mir nicht mehr Lieblosigkeit vorzuwerfen als ich ihm? Gethan hatte ich zwar nichts, nein, gethan nicht, aber gedacht! Weit Schlimmeres als er! Das hatte ich mir lange vor dieser grauenhaft stillen Nacht unter dem schläfrigen Ampellicht gesagt. Aber wenn ich ihn dann wiedergesehen, so kühl und gleichgültig-selbstbewußt, so schön wie er war – dann hatte ich nur Bitterkeit im Munde gespürt und es nie aussprechen können. Nie hatte ich ihm seit jener Untreue ein liebes Wort gesagt, nie sein arbeitsvolles Leben erhellt. Ich hatte mir Glück und Lebenslust aus Anderen gesogen, zuerst nur ihm zum Trotz, später, weil es mir gefiel. Ja, sie hatten mir alle gefallen, die mich mit ihrer Aufmerksamkeit umgaben, besonders der Hauptmann am vorigen Osterfest! Aber jetzt kam der Tod, und sie waren alle so ganz gelöscht aus meiner Erinnerung, als hätte ich sie nie gesehen. Nur er lebte noch in mir und das Kind – und die Angst! Würde ich jetzt die Kraft haben, zu ihm zu gehen und zu sagen: ich habe Dich immer geliebt, ich habe Dir lange die Untreue verziehen, die keine war, weil sie nur der sinnverwirrten Leidenschaft entsprang, eigentlich habe ich sie auf dem Gewissen: Du warst ein heißer Mann, und ich war Dir keine Frau! Aber er würde glauben, es sei Entsetzen vor dem Tode, das mich in seine Arme triebe. Mir zuckten alle Gedanken irr durch den Kopf – ruhig schlief das Kind. O, kleine Menschenblume neben mir, Du darfst nicht erblühen; Deine Mutter weiß, welches Gift sich in Deinem Kelche mit der Blüthe erschließt, und es jammert sie zu sehr. Wenn Deine Augen den Duft des Kindes, der sie verschleiert, abgestreift, dann bist Du nicht mehr Du, und ich will, daß Du es bleibst! – Der Frühlingswind schlug an die Holzlatten vor dem Fenster und bewegte die Klingel unter ihm. Oder war es nicht der Wind? Es klang wie eine Meßglocke, und als würden wir schon begraben. Nein, nur nicht begraben werden! Nur nicht unter die Erde! Ich stand auf, ich konnte das Halbdunkel nicht mehr ertragen und zündete ein Licht an. War es etwa die Hausthür gewesen, an der man geklingelt? War jemand gekommen, oder war Ludwig gegangen? Wieder stürzte ich hinüber zu ihm.

Er lag angezogen auf seinem Bett.

»Mir ist so angst, Ludwig, ach Gott, so angst! Ist das ein erstes Zeichen der Krankheit?« stieß ich hervor.

Er richtete sich auf.

»Nein Anna, die Angst können wir noch nicht haben, wir sind noch gesund.«

»Ludwig, da es doch nicht zum Aeußersten kommen darf, wollte ich, wir endeten es schneller! Ach, hätte ich Deine Ruhe!«

»Die kann ich Dir leider nicht geben. Ich bin froh zu sterben; ich schleppte die tägliche Arbeit als eine Last, denn meine Freude war lange erstorben.«

»Wodurch?«

»Du weißt es!«

Ich wußte es. Beim letzten hellen Aufflackern meines Lebenslichts hatte ich es erkannt.

»Es war Alles ein großer Irrthum,« sagte ich leise und reichte ihm die Hand.

Jetzt war sie plötzlich da, die lang ersehnte Stunde, ganz natürlich, ganz von selbst; es war Alles klar zwischen uns. Ein paar Worte hatten das bewirkt, aber ich empfand keine Freudigkeit. Mir that der Athem, den ich holte, weh.

»Ich hing ja nie am Leben,« stöhnte ich laut, »woher die Feigheit, dies furchtbare Grauen?«

»Du liebst mich eben nicht,« sagte er traurig; »Liebe kennt keinen Tod.«

Ich nahm die Hände vom Gesicht und sah ihn verwundert an. Das Herz lag mir schwer in der Brust, ich fühlte sein Zucken, die Thränen rannen mir aus den Augen:

»Kannst Du mich lehren gern zu sterben? Kannst Du mir den Stachel des Todes nehmen?«

»Ich will's versuchen! Jetzt gebe ich Dir aber erst ein Schlafmittel, damit Du zur Ruhe kommst.«

Ich hatte immer viel gesprochen; oft hatte ich Dinge nur deshalb gern erlebt, um über sie reden zu können, – jetzt hätte ich lieber genickt, als daß ich nur ein Ja sagte. Menschen waren mir immer lieb gewesen; am Tage nach dem Unglück, wenn ich an's Fenster trat, schauderte ich förmlich zurück vor Vorübergehenden. »Es ist die Krankheit,« sagte ich mir besorgt. Als ich nun aber den Hofhund erblickte, wurde mir ganz übel. »Sie ist schon da, sie ist schon da,« jammerte ich in mir; »durch Erregungen wird ihr Ausbruch beschleunigt; so steht's geschrieben; ich habe mich überregt, ich werde morgen schon mein eigenes Kind beißen.«

Dabei schämte ich mich meiner Kleinmuth! Ich erkannte mich selbst nicht.

Meinen Knaben hatte ich auf den Schoß genommen; er sah Bilder an, meistens stillschweigend; ich hatte den brennenden Kopf in das Sopha zurückgelegt, als Ludwig eintrat. Er war in der Frühe fortgefahren. Ich hatte es kaum beachtet; ich hätte nicht einmal mehr bitter gegen ihn fühlen können, ich war ganz apathisch.

»Jetzt gehöre ich ausschließlich Dir an!« sagte er mit frischer, muntrer Stimme. »Alles ist erledigt, heut Abend reisen wir ab!«

»Reisen?« fragte ich erstaunt.

»Natürlich, wir wollen ja die Zeit benutzen! Sagtest Du nicht selbst in der Nacht, Du möchtest das ganze Leben noch einmal auskosten?«

»Gestern, ja gestern! Heut kann ich nicht mehr! Das Gift hat schon gewirkt, mich erstickt die Angst.«

»Laß' mich nur machen, hab' Vertrauen zu mir!«

»Und in der Fremde sterben? – Aber mit dem Kind natürlich?« setzte ich lebhafter hinzu.

»Du sollst am letzten Tage selbst entscheiden,« entgegnete er leiser, »jetzt komm, unten wartet der Wagen; sieh Dir die Ebene noch einmal an.«

Welch ein Kind in dem Manne steckte! Ich sah ihm verwundert zu. Unser Junge saß zwischen uns, und Ludwig scherzte. Er konnte dem Augenblick leben, – ich nicht, mich ließ das schwere Herz nicht; es zerrte mich, förmlich physisch, stets wieder auf den Einen Gedanken.

»Frauen sind doch keine Philosophen!« neckte mich Ludwig.

Und doch that mir der Ostwind wohl, der uns peitschte, und das erste, frische Grün erweckte einen leisen Nachklang meiner früheren Farbengier. Aber was war meine Freude gegen die seine!

»Mußt Du wirklich auch sterben? Bist nicht wenigstens Du zu retten?« fragte ich ihn. Da seine Wunde kleiner war als die meine, und er dicht nach mir gebissen, schien mir plötzlich, als brauche er nicht auch angesteckt zu sein. Ach, und welche Erleichterung wäre das! Dann bliebe er zurück, als Hüter meines Kleinen.

»Wäre ich so glücklich, wenn ich dessen nicht sicher wäre? Es dauert nicht mehr lange! Heute Abend reise ich mit Dir in die weite Welt, acht Tage bist Du ausschließlich mein – hat mir das Leben das je gegeben?«

Es war etwas Ansteckendes um seine Freude, mir wurde auch ein wenig leichter zu Sinn.

Oft war ich hier draußen auf der Chaussee gerollt, am liebsten stets, wenn sie einsam war. Grau und violett, grün, braun verbrannt und mit dem weißen Schnee bedeckt kannte ich sie, und immer hatte sie mich melancholisch angesprochen. Wie Viele sollte sie noch nach mir erfreuen? War das ein Trost? Wie oft würde sie noch ihre Farben ändern im ewigen Werden?

»Du mußt nichts Trauriges denken,« unterbrach mich mein Mann, »nicht die schöne Zeit verlieren!«

»Ach, hätte ich nur die Kraft,« dachte ich, »mich mit ihm zu beschäftigen!«

»Wollen wir acht Tage lang nicht vom Tode sprechen?« fragte Ludwig.

»Wenn ich es kann! Es ist nicht der Tod, es ist das Begrabenwerden! Ach, Liebster, laß' es im Meer sein, weit draußen, von wo die Wellen nie eine Spur an's Ufer tragen! Wir fahren in der Barke hinaus, dort gibst Du es uns – aus dem kleinen, schwarzen Fläschchen – bitte, so lass' es sein! Oder auf hohem Berge, in einem Gletscherspalt! Weißt Du, wie leicht das Sterben auf den Bergen ist? Vor Jahren, als ich ganz jung war, da habe ich es schon gespürt!«

»Am leichtesten ist das Sterben, wenn man liebt,« entgegnete er lächelnd. »Dicht vor dem Tode darf man exaltirt sein; unser Schicksal hat uns aus der Norm der Menschheit herausgerissen, drum darf ich sagen, was ich fühle.«

Als wir zu Hause anlangten, war Alice da gewesen und hatte sich nach uns erkundigt. Ich sah Ludwig wieder mißtrauisch an: »Thut es Dir leid, sie nicht gesehen zu haben?«

Er antwortete nicht, aber es hatte ihm weh gethan, darum folgte ich ihm, als er aus dem Zimmer ging.

»Ich weiß ja nicht, was ich thue, was ich sage, Ludwig! Ich kann nicht mehr, es ist Alles irr und wirr in mir, siehst Du, die Angst! Du lehrst mich keine Ruhe! Nicht daß ich etwas wissen will über Alice und Dich, ich sterbe ja doch, mir ist Alles gleichgültig – ich kann nicht mehr.«

Wie traurig er mich ansah! In seinem Blick lag nur Mitleid, und doch fühlte ich, daß er mich verachten müsse. Oder wußte er etwa, daß es schon die Krankheit war, deren Ausbruch ich unaufhörlich beschleunigte? Ich verachtete mich selbst. Wie anders hatte ich mir vorgestellt, daß ich dem Tode in's Antlitz sehen würde, ich, die immer geglaubt, einem Heldengeschlecht anzugehören, geistig und leiblich! War ich denn nicht im Stande, die Zukunft zu vergessen? Könnte nicht einmal die Rücksicht auf Ludwig mich bewegen, ruhig zu sein? War ich so feige? Ich warf mir Egoismus vor, aber nichts half mir, mein Zustand blieb derselbe. Immer rascher mußte ich Athem holen, und doch wurde mir immer bedrückter. Nur wenn ich das Kind auf den Knieen hielt, meinen Kopf in seine Locken drückte und weinte, wurde mir besser.

»Wir wollen wirklich fort?« fragte ich Ludwig scheu.

»Natürlich, die alte Margiola, des Kleinen Wärterin, nehmen wir mit, weil wir uns auf sie verlassen können – für den Heimweg. Sie hat den Weg oft gemacht.«

Hatte ich mich einmal ruhig hingesetzt, sprang ich wieder auf: »Die Zeit vergeht, die Zeit vergeht, und ich will sie ausnutzen, will sie genießen und thue es nicht! Sie ist uns ja unwiederbringlich verloren, fühlst Du es nicht – verloren!«

»Komm, Anna, ich lese Dir etwas vor, wie in der lieben jungen Zeit! Ich habe fast vergessen, wie es war! Sechs Jahre sind seitdem vergangen, weißt Du? Es waren unsere schönsten Stunden.«

»Nein, ich kann nicht zuhören, das ist nichts Lebendes, das Lesen; das sind Bilder meiner eigenen Phantasie; ich will sehen, fassen, hören! Musik, ach Musik, komm lieber an's Klavier!«

Er willfahrte mir; wir spielten Beethoven's E-moll-Symphonie vierhändig, aber ich brach ab im Adagio, lehnte meinen Kopf an seine Schulter und sagte: »Ich kann nicht.«

Endlich kam der Abend. Das müde Kind war eingeschlafen, und so trug man es in's Coupee. Es war spät. Gegen 11 Uhr erst verläßt der Zug den Bahnhof. Wie immer trafen wir Bekannte auf dem Perron.

»Wohin, wohin so plötzlich?«

»Meine Frau hat eine beunruhigende Nachricht von Verwandten bekommen,« sagte Ludwig. »Ich bringe sie bis Wien.«

Ich war ganz still, wie betäubt, sonst wäre ich am Ende nicht eingestiegen; nur als der Zug sich in Bewegung setzte, schrie ich auf: »Nun ist es vorbei! Wir sind wirklich fort! Nie wieder, nein, nie wieder sehe ich mein Haus!«

Ludwig nahm meine beiden Hände fest in die seinen. »Welche Engelsgeduld Du mit mir hast,« sagte ich, aber es war immer dasselbe.

Der Zug brauste vorwärts; die Wagen wurden arg geschüttelt. Ich lag ausgestreckt und konnte die Augen nicht schließen. Ludwig saß mir schweigend gegenüber. Neben ihm lag das Kind; die Wärterin war in einem anderen Gemach des Schlafwagens.

»Warum fahren wir eigentlich über die Moldau?« fragte ich; mir fiel es jetzt erst auf.

Er antwortete nicht. »Am Ende ist er schon todt,« dachte ich plötzlich; ich dachte jeden Augenblick Alles und Nichts, drum richtete ich mich auf und ergriff hastig seine Hand. Ich weckte ihn aus tiefen Gedanken; er setzte sich nun zu mir.

»Ich dachte darüber nach,« begann er, »ob ich es Dir sagen sollte. Für Naturen Deiner Art ist der Zweifel das Schlimmste. Die Sicherheit erträgst Du eher. Wie damals, weißt Du? Du hattest Zweifel über mich und meintest, die Sicherheit sei leichter zu verwinden. Und als ich Dir sagte: ja, ich liebe eine Andere, da warst Du wirklich beruhigter, nicht wahr?«

Verhöhnte er mich? Ich schaute ihn prüfend an. Nein, er hatte ein ernstes, trauriges Gesicht und sprach sehr ruhig weiter: »Darum habe ich Dir auch jetzt die Gewißheit gesagt anstatt des Zweifels – der Hund ist nämlich noch immer nicht todt; er wird beobachtet, und vielleicht finden wir in Wien die Nachricht, daß er gesund war!«

»Ludwig, ist das möglich?«

»Du könntest nun fragen,« fuhr er fort, »warum ich Dich unnöthig gequält – aber ich glaubte Dich nicht zu quälen, Du wünschtest Dir ja stets den Tod, und außerdem – ich kann es Dir nicht verschweigen – mir schien das Thier toll!«

»Wäre es möglich, Ludwig? Ich kann an solch ein Glück nicht glauben!« Und ich warf mich an seinen Hals. »Ich möchte das Kind wecken, um es ihm zu sagen, in alle Winde möchte ich es schreien!«

»Also ist das Leben doch nicht schrecklich?«

Ach, es war doch nicht so sehr der Tod wie das Begrabenwerden und die entsetzliche Art des Todes – und dann – »Du hast mich ja wieder lieb, und das Leben ist wunderschön mit Dir.«

Noch einmal sah ich ihn prüfend an, es war doch keine Versuchung? Nein, nichts regte sich in seinem Gesicht.

»Du hast mich wohl für sehr feige gehalten?« fragte ich leise.

Er lächelte: »Nein, mir war nur bitter und sehr demüthigend, daß ich gar nichts über Dich vermochte!«

Ich konnte jetzt lachen. »Ist es wirklich wahr, wirklich?« fragte ich noch einmal in Entzücken, »wir können noch leben? O, dann muß es einen Gott geben! Ich werde eine gläubige Christin vor Glückseligkeit, wenn wir in Wien die Nachricht finden, daß das Thier nicht toll war. Es wäre auch zu schrecklich gewesen! Aber Du zeigst mir das Telegramm, das ist abgemacht, nicht wahr? Du bist jetzt ganz aufrichtig zu mir, und Du hast mich auch lieb?«

So schwatzte ich und küßte ihn und lachte; jetzt war ich wirr vor Freude, nur hin und wieder durchzuckte es mich noch: »Spielt er nicht mit mir?« Doch dann tröstete mich die Nachricht, die ich in Wien mit ihm von der Post holen würde.

Eine Hochzeitsreise mit seinem Kinde, giebt's etwas Schöneres auf der Erde? Wieder that mir jede Stunde leid, die ich schlief, weil ich sie von meinem Glück verlor. Wie freundlich die Fluren der Moldau im tiefen, saftigen Grün uns in's Fenster winkten!

»Warum schlugen wir diesen Weg ein?« fragte ich Ludwig noch einmal.

»Warum? Weil ich ihn zum ersten Mal mit Dir befahren, darum wollte ich ihn gern noch einmal machen.«

»Du hast stets an die Möglichkeit gedacht, daß es das letzte Mal sein könnte, und warst doch ruhig? Ich kann erst glücklich sein, seitdem ich zweifle.«

An der Grenze, in Itzkany, wäre Ludwig fast liegen geblieben; er hatte versprochen, so sagte er, dem kleinen Apotheker, dem Einzigen, der um unsere Verwundung wußte, Nachricht zu geben. Er schien aber ein langes Telegramm aufzuschreiben; ich fragte aus Zartgefühl nicht, an wen. Erst im Augenblick des Abgangs sprang er in's Coupee, und wir blieben dann alle Drei Stunden lang am Fenster stehen und schauten den fliehenden Ortschaften nach. Mit innerer Glückseligkeit ist es fast noch schöner, durch öde Gegenden zu fahren als durch lachende; am Contrast fühlt man die eigene Freude tiefer; in mir war jetzt Alles so friedlich und ruhig, daß ich Ludwig ein paar Mal in's Ohr flüsterte: »Jetzt könnte ich sterben.«

»Weißt Du, daß Du immer viel vom Tode gesprochen, Dein Lebelang?« fragte Ludwig. »Im Glück wie im Unglück!«

»Und doch war es mir schwer, als es Ernst werden sollte.«

Dienstag kamen wir in Wien an. Der Kleine, der bis dahin sehr munter gewesen war, fing plötzlich an zu weinen und hustete. Als Ludwig sich über ihn beugte und seinen Hals untersuchte, sah ich ein sonderbares Leuchten in seinem Auge, das mich einen Augenblick stutzig machte. Ich vergaß es aber bald in der Sorge um das Kind. Es war windig und kalt geworden. In der Sonne hatten wir die Heimath verlassen, aber ich hatte so viel Muth gefaßt, daß ich Ludwig's Hand streichelte, wie wir beide am Bett des Kindes saßen, und ihm sagte: »Auch das Leid ist schön, weil wir's gemeinsam tragen und weil es Leben ist!«

Gegen Abend schlief der Kleine ruhiger, ich bat meinen Mann, zur Post zu gehen, der Nachricht wegen; er kam bald wieder und sagte, es sei noch keine da.

»Desto besser,« entgegnete ich, und wir setzten uns neben einander auf ein Sopha.

»Ich wäre so gern mit Dir in's Theater gegangen,« sagte Ludwig.

»Mir ist es viel lieber im Haus; spiele Du mir Theater vor. Sag' Du mir, was Du mir zu sagen hättest, wenn wir sterben müßten.«

»Ich hätte Dir nichts zu sagen, Anna, als daß ich Dich unendlich liebe!«

»Hast Du sie sehr lieb gehabt?«

Er stand auf, er war geärgert. »Anna, das kann ich Dir nie sagen, sei doch großmüthig!«

»Ach, ich möchte es gar zu gern wissen.«

»Und wenn ich Dich nun nach Deinem Herzen früge?«

»So würde ich mich sehr freuen! Ich habe mein ganzes Leben immer nur gelebt, um es Dir erzählen zu können.«

»Siehst Du, ich aber könnte das so wenig hören, wie ich Dir von den bösen Jahren erzählen könnte; das Höchste, was man fühlt an Leid und Freud, fühlt man für sich allein.«

»Ich nicht, ich habe nur mit Anderen gefühlt. Weißt Du, daß ich den Hauptmann fast geliebt hätte, und daß es mich empörte, wie sicher Du Dich stets meiner fühltest!«

»Anna, das ist alles so überflüssig, so klein und nichtig!« –

Es war, als hätten wir die Rollen getauscht; er war jetzt unruhig und erregt:

»Komm, fahr' mit mir durch die Stadt; Margiola ist ja beim Kinde!«

Wir kleideten uns an. Welch' stürmischer Wind durch die breiten Straßen fegte!

»Sieh nur, Anna, dies ist das Leben,« sagte Ludwig, »sieh nur, wie die Menschen nicht für sich leben, nur für die Anderen scheinen wollen; wie der Schritt des Einen auf das Auge des Anderen berechnet ist – wie äußerlich, äußerlich Alles ist! Und die schwarzen Häusermassen! Mein Gott, wie erträgt man es, unter ihrem Druck zu athmen!«

Ich sah Ludwig verwundert an:

»Was ist denn aus Dir geworden?«

»Wir wollen umkehren,« sagte er hart, »und morgen weiter fahren, wie Du damals meintest, immer weiter, wo Luft und Licht ist. Mir schien es lächerlich, sentimental, daß Du Dich zum Meere sehntest – jetzt verstehe ich es.«

»Aber das Kind muß besser werden,« wandte ich schüchtern ein, »und die Nachricht wollten wir abwarten!«

»Ach, richtig! Die Nachricht! Mir ist die Brust wie zugeschnürt – verzeih mir!«

Am nächsten Tage, als ich noch nicht fertig angezogen war, nach einer unruhigen Nacht mit dem Kinde, kam Ludwig von der Post zurück. Er hielt mir das geöffnete Blatt entgegen, ich las . . . .

»Und so bringst Du mir die Erlösung!« rief ich und warf mich in seine Arme. »Das ist ja das Leben, das Leben!« Und ich brach in einen Strom von Thränen aus.

Er sah mich gerührt, aber wie verlegen an und ging an das Bett des Kindes. Der Junge saß aufrecht.

»Er hat eine starke Erkältung, weiter nichts!« meinte Ludwig.

»Du sagst das fast, als thäte es Dir leid, daß Du Deine medicinische Kunst nicht an ihm entfalten kannst,« entgegnete ich lachend. »Heute können wir aber noch nicht weiter.« Ludwig war ungeduldig, sah meine Gründe jedoch ein.

»Ich möchte nach Hause zurück,« sagte er, »mir ist, als hätte ich etwas vergessen.«

»Wir kommen ja bald genug nach Hause. Mein Gott, welches Glück, daß es nur ein Schreckgespenst war! Ich kann es noch gar nicht fassen.«

Ludwig lächelte zerstreut. Mir fuhr durch den Kopf, daß ihm die Angst und die Spannung am Ende mehr geschadet hätten als mir; er war entschieden fieberhaft, und ich beobachtete ihn besorgt. Am Abend aber, im Theater, war er so glücklich, daß ich meine Sucht, ewig zu übertreiben, belächeln mußte. Es war eine großartige Aufführung des Tannhäuser. Wir hatten uns eine Loge für uns allein genommen und gaben uns der Musik ganz hin.

»Hast Du es so recht genossen?« fragte er mich noch beim Nachhausefahren.

»Warum fragst Du?«

»Weil ich die bangen Vorstellungen der letzten Tage noch nicht ganz verwunden habe und mir immer denke, was wir gefühlt hätten, wenn es wahr gewesen!«

»Dann hätten wir vor Angst nichts mehr genießen können.«

Am nächsten Morgen reisten wir weiter. Ludwig hatte gezögert mit der Entscheidung, wohin. Ich hatte von den italienischen Seen gesprochen, er von Triest und Venedig.

»Zum Sterben wollte ich an's Meer, zum Leben ist mir Alles gleich lieb!« entgegnete ich.

Da das Wetter wieder wärmer geworden, brachte Ludwig Dresden in Vorschlag, ich Köln, wo meine Schwester sich gerade aufhielt. Aber darauf ging er nicht ein; er sagte, er wolle mich allein für sich haben, mich nicht mit Verwandten theilen. So fuhren wir nach Dresden. Aber die Eisenbahnfahrt, auf die ich mich gefreut hatte, war nicht wie die lange Reise durch Galizien; es fehlte etwas, was, weiß ich nicht, vielleicht Ludwig's Freudigkeit. »Ich bin sehr glücklich,« sagte ich ihm hin und wieder und spielte mit dem Kindchen Domino oder Tod und Leben, sein Lieblingsspiel, obgleich er die Karten kaum halten konnte in den kleinen Händen. Ludwig schlummerte viel, und ich freute mich, daß er Ruhe hatte – aber es fehlte doch etwas! Spät Abends kamen wir im Hotel Bellevue an und erwachten am Freitag durch den Sonnenblick, der auf den Fluß unter unsern Fenstern fiel. Freitag war es, ein Freitag! Ludwig war ausgeruht und munter; er sagte scherzhaft, er wolle einmal einen ganzen Tag liegen bleiben, das habe er sich so selten im Leben erlauben dürfen. Die Zimmer waren sonnig und hell, nicht wie Hotel-Zimmer, sie hatten etwas Wohnliches. Ich blieb natürlich bei ihm und schickte nur das Kind in's Freie. Nachmittags bekam er doch plötzlich Lust sich anzukleiden; er sagte, er hätte die Madonna im Traum gesehen und wollte wissen, ob er sie ganz richtig in seiner Vorstellung trüge. Als wir einmal aus dem Hause gegangen waren, blieben wir länger aus. Die Gallerie war zwar schon geschlossen, was Ludwig verdroß, aber eine Spazierfahrt heiterte ihn wieder auf. Ich fand Alles schön, und mir war Alles recht: jeder Augenblick erschien mir noch immer ein Geschenk nach den bangen Tagen. Nur als Ludwig einmal äußerte: »Morgen sind es acht Tage her,« fühlte ich einen kalten Schauer, der mich überlief. Wir machten früh Nacht, denn Ludwig wollte nicht in's Theater gehen: »Es war zu schön im Tannhäuser,« meinte er »ich will die Erinnerung rein und unvermischt bewahren!«

Es war fast Mitternacht, als ich vor heftigem Schmerz an der gebissenen Stelle aufwachte. Die Wunde war schon in Wien geheilt, ich hatte nicht mehr an sie gedacht – bis sie zu schmerzen begann. In dem Augenblick kam ich aber auch zum vollen Bewußtsein meiner Lage und der verflossenen acht Tage – in diesem Bewußtsein habe ich Dir geschrieben. »Man ist nie wahr! Auch kurz vor dem Tode nicht!« – So sagtest Du mir vor langen Jahren. Ich habe Dir das Gegentheil bewiesen!

Jetzt fängt der Morgen an zu grauen, mein letzter Tag bricht an – aber ich sehe sein Ende ruhig herannahen. Noch bin ich in dem ersten Stadium der Krankheit, ich gehe ruhig vor dem Spiegel auf und ab, ohne Schwindel zu verspüren. So lange ich noch kann, schreibe ich meiner Schwester den Brief, mit dem eine Mutter der anderen ihr Kind an's Herz legt. Mein Sohn soll leben. Ich habe von meinem Manne gelernt in diesen acht Tagen. Wie ich ihn bewundere für das, was er gethan, kann ich nicht ausdrücken. Jetzt verstehe ich das Leuchten in seinem Auge, als er sich über das kranke Kind beugte; er dachte, Gott wolle ihm den Abschied erleichtern und seinen Sohn auch zu sich rufen. Er sprach nie aus, was er fühlte, wie ich es that, aber er fühlte desto tiefer. Und die trügerische Nachricht in Wien! Von der Grenze aus hatte er sie sich bestellt, um sie mir zeigen zu können.

Lange Zeit habe ich nicht mehr die Herrschaft über mich; ich entsinne mich jetzt jedes Wortes, das ich in dem medicinischen Buch gelesen: in einigen Stunden kann mich die Krankheit übermannen. Er soll erst erfahren, daß ich es weiß, wenn ich das Gift von ihm fordere. Ich werde ihm sagen, daß ich meiner Schwester versprochen, ihr den Kleinen auf einige Tage zum Besuch zu schicken, unter diesem Vorwand trenne ich mich von ihm; und schnell und lächelnd soll es geschehen, noch bin ich in der Ueberregung, und mein Knabe soll ein heiteres Bild seiner Mutter in Erinnerung behalten! Dann mag mich die Angst von Neuem überfallen, ich fühle sie schon nahen. Und dann kommt der Tod! Mein Gott, ob in der Heimath oder in der Fremde, ob im Meer oder auf der Erde, der Tod ist groß überall und mir nicht mehr schmerzhaft, da ich mein Liebstes mitnehme. Ja, wir sind beide verloren, aber da unser Kind lebt, sind wir unsterblich. Und er soll leben, weil das Sein schön ist, und er seinem Vater gleicht.

. . . . . Ich habe meinen Sohn zum letztenmal gesehen. Wie Ludwig mit sich kämpfte, als ich mich so ruhig trennte, wie schwer es ihm wurde, mir nicht zuzurufen: »Du siehst ihn nimmer wieder;« und wie er das Kind kaum aus den Armen lassen wollte! – Ich bin aber tapfer geblieben, um ihm das Herz nicht noch schwerer zu machen. Der große Ernst des nahen Todes giebt mir Kraft. Eben blickte ich auf die glitzernde Wasserfläche unter meinen Fenstern . . . . und stürzte schwindelnd zusammen . . . . jetzt ist sie da, die furchtbare Krankheit; er war doch toll, und Ludwig hat's gewußt – und nun ist's gleich vorbei! Lebwohl! –


Eine Kindergeschichte.


»Du siehst, Leo, daß es ganz unmöglich ist!«

»Gewiß, das wußte ich schon, ehe Du es sagtest.«

»Denke nur an das Nächstliegende, da wir gerade beim Kaffee sind; ein Kind gießt mindestens einen Tag um den anderen seine ganze Milch über's Tischtuch auf den Teppich!«

Dabei sah sie auf den zierlichen Kaffeetisch, den dicken Teppich und ihr elegantes Kleid.

»Du hast gewiß Recht,« entgegnete er kurz. Er sagte immer nur die Hälfte seiner Gedanken; das war eine Gewohnheit, die er größtentheils aus Bequemlichkeit angenommen hatte. Ellen hörte doch nicht aufmerksam zu. Nach zehnjähriger Ehe verstand sie ihn so gut wie er sie und wie sie sich zu verstehen brauchten, denn sie hatten wenig gemeinsame Interessen. Er arbeitete und las unaufhörlich; seine Lieblingszerstreuung war die Pflege seines Gartens; sie ging viel aus, hatte Freude an schöner Toilette und war sehr zufrieden mit sich und dem Leben. Unnöthige Gespräche machten Beiden keine Freude. Auch jetzt führte er das Gespräch nicht weiter, sondern stand auf, nahm seine Gartenscheere und ging durch die offene Thür in den eben begossenen, sorgsam unterhaltenen Garten. Er ging von einem Rosenstock zum anderen; überall fand er noch eine Kleinigkeit zu schneiden, während seine Frau die letzte, scharfgebackene Spitze ihres Hörnchens langsam und gedankenvoll aufknabberte. Neben ihr lag noch der Brief, den sie umgehend beantworten wollte. Sie fing schon an, im Kopf zu schreiben, und daher wurde das Hörnchen so langsam verspeist. Natürlich mußte sie es ihrem Bruder möglichst schonend beibringen, daß er auf ihre Hilfe durchaus nicht rechnen könnte, weil ihre erste Pflicht dem Gatten gelte und Leo's ganzes Leben getrübt würde, käme ein so unerwünschter Eindringling – nein, das war eine zu unfreundliche Wendung; mit der Feder in der Hand würde sie schon eine bessere finden. Darum sah sie nach der Uhr und stand auf; es war Zeit zur Toilette. Die Kammerfrau wartete gewiß schon. Ellen ging in der Frühe nie in den Garten, weil ihr Morgenkleid, aus hellblauem Cachemire mit zarten Rosen bestickt, sehr lang war und die Wege draußen noch feucht. Im Hause trug sie aber gern lange Kleider, die sie größer erscheinen ließen. In kurzem Promenadenanzug verleitete ihre mädchenhafte Gestalt zu dem Irrthum, daß sie ihres hochgewachsenen Mannes Tochter wäre, und sie war noch nicht so alt, daß es ihr schmeichelte; im Gegentheil, es verstimmte sie immer, zu ihres Mannes großem Erstaunen.

Die Kammerfrau war ein Vermächtniß aus dem Elternhause und daher eine Person, welche viel Vertrauen genoß und der man viel Rücksicht angedeihen ließ. Böse Zungen behaupteten, sie regiere das Haus; Ellen fand sie aber so aufopfernd wie keine Dienstboten der neuen Generation. Gegen Leo hatte Frau Martha – wie sie sich nennen ließ, obgleich sie nie verheirathet gewesen – großes Mißtrauen gehegt, als sie der jungen Frau in das eigene Haus gefolgt war; allmählich hatte er aber durch gleichmäßige Freundlichkeit ihre Gunst zu erringen gewußt, wenn sie auch immer noch ein scharfes Auge auf ihn hielt. Ihr erschienen alle Männer als Ausgeburten der Hölle; Ellen deutete ihrem Manne an, sie wüßte warum; da er aber nie in sie drang, ihm dieses interessante Geheimniß zu enthüllen, war es nicht über Ellens discrete Lippen gekommen.

Frau Martha erwartete ihre Dame im Toilettenzimmer. Sie war nicht guter Laune; Ellen sah das auf den ersten Blick und beeilte sich darum, zu sagen, sie hätte sich etwas verspätet, weil sie über Pauls Brief nachgedacht. Martha erwiderte nichts, sondern knöpfte das Morgenkleid auf, um ihrer Herrin den Frisirmantel umzuthun. Ellen war unglücklich, wenn Martha diesen strengen Mund machte und ihre schweigsame Laune hatte; sie fing darum wieder an: »Ich habe viel über Pauls Brief nachgedacht. – »So sagten gnädige Frau bereits,« entgegnete Martha förmlich. – »Und ich glaube wirklich, Marthchen, es geht nicht!« Ellen hatte »Marthchen« gesagt, weil sie es nicht aushalten konnte, wenn diese verstimmt war; sie durchflog in Gedanken ihre Garderobe, ob sie nicht ein Kleid hätte, das sie Martha schenken könnte, um Frieden zu machen. Aber ihre Toiletten waren alle neu.

»Auch ich glaube, daß es nicht recht ist, wenn der Mensch immer nur an Andere, nie an sich denkt!« Das war eine zweideutige Antwort, Ellen fühlte sich noch immer nicht beruhigt. »Sehen Sie,« sagte sie darum, während Martha ihr die glänzenden schwarzen Haare fest um den kleinen Kopf legte, »der Herr würde die Störung, welche ein Kind im Hause macht, nicht vertragen. Wir sind zu alt dazu; unser Haus hat keinen Platz. Mein Mann ist so gütig, daß er es wohl thäte, wenn ich ihn bitten würde, aber gerade darum darf ich es nicht. Schwer wird es mir zwar, Paul ein Nein zu sagen.« – »Wenn es Ihnen schwer wird, gnädige Frau, dann werden Sie schließlich doch Ja sagen, und dann ist das Unglück da,« begann Martha erregt. »Kein Mensch hält es im Hause aus bei Kindergeschrei, vor Allen nicht der Herr. Er wird dann seine Ruhe und sein Vergnügen außerhalb des Hauses suchen, wozu alle Männer immer gern bereit sind, und dann können Sie sich die Augen aus dem Kopf weinen oder sich mit dem kleinen Balge trösten.«

Nun war Martha nicht mehr verstimmt; sie hatte ihren Pfeil abgeschossen, und Ellen sagte ganz demüthig: »Aber ich war ja schon entschlossen, Nein zu sagen.« – »Ich kenne Sie besser,« fuhr die Kammerfrau fort und gebrauchte ihr erprobtes Mittel, grobe Schmeichelei: »Ich habe Sie auf dem Arm getragen, Sie sind zu gut. Sie wollen immer Alles opfern, Ihre Gesundheit, Ihr Glück und nun noch Ihren Gemahl; Sie sind nur froh, wenn Sie sich ganz zu Grunde gerichtet haben. Das soll ich ruhig mit ansehen!«

Martha trocknete sich die Augen; Ellen wunderte sich über ihre eigene Güte, sagte aber dann träumerisch: »Sie haben wohl Recht, ich denke nie an mich, aber ich müßte es meines Mannes wegen.« Es war ihr doch wie ein Stich im Herzen haften geblieben, daß er außerhalb des Hauses sein Glück suchen würde; sie freute sich jetzt, den Brief zu schreiben.

Nun saß sie an ihrem Schreibtisch, und es wollte doch nicht gehen: »Lieber Bruder!« war einmal geschrieben und dann zerrissen worden; jetzt stand oben drüber: »Mein lieber Bruder Paul!« Ja, er war ihr lieber Bruder, es war keine Lüge, aber sie waren einander doch sehr entfremdet. Er diente in der französischen Marine und war Jahre lang aus Europa fort gewesen; seine Frau hatte sie gar nicht gekannt, aber stets ein Vorurtheil gegen seine unbesonnene Heirath mit der armen Südfranzösin gehegt. Leo und sie hatten sich angewöhnt, diese Ehe auf die Langeweile von Paul's algerischem Aufenthalt zu schieben, und keine Gelegenheit wahrgenommen, um die Schwägerin kennen zu lernen. Nun war es zu spät. Nach fünfjähriger Ehe wurde Paul Wittwer, und die Sorge für einen vierjährigen Knaben war ihm zugefallen. Ellen dachte, er wird wohl bald wieder heirathen; anders hatte sie sich mit der Zukunft ihres Neffen nicht beschäftigt, bis dieser Brief, auf den sie jetzt die Antwort suchte, ihr aus Paris zugegangen war. In ihm stand, daß Paul sein Kind in die Heimath brächte, da er auf drei Jahre wieder Europa verließe, und daß er hoffte, seine Schwester würde ihm behülflich sein, ein Unterkommen für das Kind zu finden. Es war klar, daß er als Antwort ein Anerbieten seiner kinderlosen Schwester erwartete, den Knaben in ihrem Hause aufzunehmen. Je mehr Ellen über den Brief grübelte, desto mehr fühlte sie, daß ihre Gegengründe ihm wie Ausflüchte erscheinen mußten. Er kannte nicht die Anforderungen und Rücksichten eines kleinen, engen Kreises; sein Leben hatte sich nicht in gemächlicher Alltäglichkeit entwickelt; Schicksalsschläge, Gefahr und Tod mit ihren aufwühlenden Erregungen waren sein Theil geworden. Wie sollte er verstehen, daß ihr und Leo's Glück davon abhinge, daß die Ordnung ihres Hauses, die Gleichmäßigkeit ihrer Gewohnheit nicht gestört würden? Leo könnte besser auf den Brief antworten; er durfte Ellens zarte Gesundheit zum Vorwand nehmen und sagen, daß man ihr die Sorge für ein fremdes Kind nicht aufbürden dürfte. Für einen Mann war das leichter zu schreiben. Außerdem war Leo es ihr schuldig, denn aus Rücksicht auf ihn hatte sie diesen Entschluß gefaßt.

Ellen stand darum auf von dem zierlichen Goldstühlchen und ging zu ihrem Manne. Er arbeitete, und die Störung war ihm augenscheinlich sehr unerwünscht, denn als Ellen ihr Anliegen vorgetragen, entgegnete er etwas ungeduldig: »Ist denn die Sache noch nicht erledigt? Gestern den ganzen Tag hast Du mir auseinandergesetzt, wie störend ein Kind sein würde, heute früh wieder, nun beginnst Du von Neuem! Schreib' doch Deinem Bruder einfach, wir freuten uns, ihn endlich einmal bei uns zu sehen. Erwähne das Kind weiter nicht; schließlich ist es doch nur Deine Muthmaßung, daß er von uns erwartet, wir sollten das Kind zu uns nehmen. Berühre den Punkt gar nicht.«

Das geschah denn auch.

Während ihre beringten Finger über ein Briefchen glitten, welches nach neuester Mode mehr Chiffre als Raum zum Schreiben enthielt, bog ein Wagen um die Gartenecke, fuhr über den knirschenden Kies und hielt vor dem Hause. Mit elastischen Bewegungen erhob sich ein hagerer, sonngebräunter Mann mit schwarzem Haar und Bart und schwarzen Augen und half einem kleinen Knaben heraus, dem braunes Gelock den Kopf umrahmte. Ohne seinen Namen zu nennen, reichte der Herr dem herbeieilenden Diener seinen Reisesack, fragte nach dem Salon und trat dort ohne Weiteres ein. Ellen wandte den Kopf nach der Thüre, und mit dem Ausrufe: »Paul!« flog sie von dem zierlichen Boule - Schreibtische in die Höhe, nicht ohne den kleinen Stuhl festzuhalten, damit sie ihn nicht mit dem Kleide umwürfe. Er schloß sie in seine Arme wie ein kleines Mädchen, denn sie reichte nicht an seine Schulter. Dann schob er den Knaben vor: »Und hier ist Nando,« sagte er, »den ich Deiner Güte empfehle, bevor ich wieder auf's Meer hinaus muß.«

Der Knabe sah in seinen schwarzen Trauerkleidern sehr rührend aus, und seine Augen richteten sich traurig und erschrocken auf die fremde Dame, die sein Vater »Du« nannte. »Ein einsamer Mann wie ich,« hier zitterte die Stimme, »weiß sich nicht zu helfen mit einem kleinen Kinde, und ich dachte, wenn nur Dein Auge manchmal liebend auf ihm ruhte, so würde mein Knabe nicht so ganz verlassen sein.« – »Gewiß, Paul, so viel als möglich werde ich nach ihm sehen. Doch nun komm zu Leo, er hat gewiß den Wagen nicht gehört.«

In dem Augenblick ging die Thüre auf, und Leo trat ein, sehr erfreut, sehr überrascht, äußerst freundlich, aber so geschäftig, daß es nach Verlegenheit aussah. »Guten Tag, kleiner Mann,« sagte er zum Knaben, nachdem er seinen Schwager begrüßt hatte, und reichte ihm die Hand. Das Kind hatte seinen Vater noch nicht losgelassen, und sein Herz schlug ängstlich. »Du kannst doch ein wenig bei uns bleiben?« fragte Leo. Mit dem raschen Instinct des weitgereisten Mannes antwortete Paul: »O, leider kaum zwei Tage, und wenn Ihr keinen Raum für uns habt, so wohnen wir im Hôtel, das sind wir gewöhnt, nicht wahr, Nando?« – »Um keinen Preis,« rief Ellen und sah ihren Mann an, dessen Augen sagten: im blauen Zimmer! und sie eilte hinaus, um die nöthigen Befehle zu geben.

»Willst Du Dich nicht setzen, lieber Schwager?«

»Gern, aber worauf? Ich fürchte, diese Goldschaumstühle zu zerbrechen.« Er lief auf den Gang und brachte einen festeren Stuhl herein, auf den er sich niederließ. Das Kind stand neben ihm und drückte sich an ihn. Ellen wußte nicht, wie sie für den Knaben ein Bett auftreiben sollte. Bei ihrer peinlichen Ordnungsliebe war ihr alles Improvisirte zuwider. Martha meinte, man könnte ihm sein Bett auf dem Sopha machen. Ellen fand das schöne blaue Sopha zu schade dafür. Martha zuckte grimmig die Achseln; »Ja, was soll man da machen? – Der Diener mag in der Nachbarschaft ein Kinderbett borgen, wo er eins findet!«

»Mein Bruder raucht leider so sehr!«

»Wenn er nur nicht Tabak kaut und auf den Teppich spuckt,« sagte Martha.

Bei diesem Gedanken wurde es Ellen fast schwindelig. Ihr Teppich war außerordentlich schön, und sie schonte ihn sehr.

»Ich darf mir doch wohl eine Cigarre anzünden?« fragte Paul, als Ellen wieder eintrat. Sie sah ihn auf dem Flurstuhl sitzen, was alle Grazie und Ordnung aus dem Zimmer nahm, und sagte gezwungen: »O ja, natürlich! Aber zuerst wirst Du doch frühstücken?«

»Nein, wir haben schon gegessen, weil wir viel zu spät kamen zu Eurem Frühstück.«

»Du bist auch schon ein großer Reisender, oder willst Du es erst werden?« fragte die Tante. »Und wie nennt man Dich denn?«

»Nando.«

»So sag' doch, was Du werden willst? Die Tante hat Dich gefragt.«

»Ich will Gärtner werden!«

Diese überraschende Antwort vom Seemannskinde machte Leo aufmerksam, der ihn vorher gar nicht beachtet.

»Hast Du die Blumen gern?«

»O ja, und sie haben mich auch gern. Wenn ich in den Garten komme, dann sehen sie mich alle an.«

Wie schön sah das Kind aus, wenn es den ängstlichen Ausdruck verlor und von seinen Blumen sprach. Leo war froh über den Vorwand, um den unleidlichen Tabaksgeruch aus dem Zimmer seiner Frau zu entfernen: »Dann wollen wir in den Garten gehen,« sagte er, »dort kann Nando die Blumen ansehen.«

Diesmal hatte man doch seinen Namen behalten.

Der Garten war groß und schön; Ellen fürchtete, das Kind werde Blumen abreißen und die Beete zertreten, und beobachtete ihn ängstlich aus der Laube, in die sie sich gesetzt hatten.

Aber er betrachtete sie nur mit seinen großen Augen und plötzlich begann er zu weinen. Sie stand rasch auf und ging zu ihm: »Hier wollen sie mich gar nicht ansehen! Sie kennen mich nicht,« schluchzte das Kind.

»O, warte nur, bis morgen werden sie Dich schon kennen. Willst Du eine haben?«

Sie brach eine Centifolie und gab sie dem Knaben, der sie küßte und entzückt betrachtete und so leicht in der Hand hielt, als wolle er sie nicht welken lassen. Den ganzen Tag trug er seine Rose herum, was die beiden Kinderlosen im höchsten Grade erstaunte. Sie hatten sich ein Kind nie anders als raufend, rekelnd, balgend denken können.

Leo hatte sich schon gewundert, daß Ellen dem Kinde eine Rose schenkte, noch mehr aber wunderte sich Ellen, als Leo mit dem Knaben im Garten umherging und sie mit einander über die Behandlung dieser oder jener Pflanze sprachen.

»Woher hat denn das Kind diese Freude an Blumen?« fragte sie ihren Bruder.

Sein Gesicht zuckte und wurde noch dunkler: »Von der Mutter,« sagte er leise. »Und seitdem sie begraben ist, bildet er sich ein, sie läge unter allen Blumen; für ihn ist ihr Grab auf der ganzen Welt, und sie schickt ihm die Blumen, so meint er. Sie hat ihm so viel Märchen erzählt und überhaupt immer mit ihm gesprochen, als wäre er viel älter. Sie hatte ja nur ihn, wenn ich nicht da war!«

»Sie war gewiß sehr schön?« fragte Ellen, eigentlich nur aus Verlegenheit, so gar nichts über sie zu wissen.

»Sie war wie das Kind. Hier habe ich ihr Beider Bild.« Er griff in die Brusttasche. »Da war sie schon leidend, aber doch noch schön. Als ich sie dann wiedersah, erkannte ich sie nicht.«

Er stand auf und roch an dem Gaisblatt der Laube. Ellen betrachtete die beiden ideal schönen Köpfe, die aneinander gelehnt sie ansahen, und sie begann etwas von dem Weh zu fühlen, das ihres Bruders Herz erfüllen mußte, natürlich nur dunkel, denn sie kannte noch keinen Schmerz. Sie wußte nicht, ob sie mehr davon sprechen sollte oder abbrechen? Da saßen die beiden Geschwister und waren sich so fremd, als wenn Oceane sie trennten. Er hatte ein beengendes Gefühl in dem kleinen Hause, dem zierlichen Garten, der winzigen Laube, und sie fühlte sich beklommen durch die Ahnung großer Leidenschaften, die sein Herz durchwühlt hatten wie ein stürmisches Meer, und von denen sie bisher nur in Büchern gelesen.

»Es ist gewiß gut, daß Du wieder auf die Reise mußt, es wird Dich zerstreuen.«

»Ja, es wird sehr zerstreuend sein, zwischen Himmel und Meer auf dem Quarterdeck zu stehen und die Sterne in den Wellen anzusehen.«

Sie war ganz erschrocken.

»Ich meinte die fremden Länder.«

»Du dachtest, ich sollte einer Japanerin den Hof machen? Das war nie meine Art.«

Sie war ganz entsetzt, und es überkam sie ein Gefühl, als möchte sie alle Federn sträuben, wie ein erschrockener Vogel.

»Ich dachte nur an die Gegenden,« sagte sie kalt.

Ein Lächeln kräuselte sich um seinen Mund, erreichte aber nicht die Augen, die melancholisch blieben. Dies merkwürdige Lächeln hatte er schon als Kind, nur mit dem Munde. Seine Augen lachten nie; und diese Eigenthümlichkeit hatte sein Knabe geerbt.

»In Ceylon gehe ich auf die Jagd,« sagte Paul.

»Dir kommt wohl Europa eng vor?«

Er lächelte wieder: »Europa ist eine Chaussee mit Alleebäumen und alle halbe Stunde eine Zollgrenze, als wenn die Länder und die Menschen drin nicht doch alle über einen Leisten geschnitten wären und ein Gesicht hätten.«

Leo näherte sich den Geschwistern lächelnd, da er den letzten Satz gehört und gern abstracte Gespräche mit Männern führte. Ellen waren derartige Gegenstände aber unheimlich; sie fiel darum ein, ehe ihr Mann etwas geäußert:

»Paul, weißt Du noch, wie wir zu Hause ›Schlagbaum‹ spielten im Garten? Es war unser liebstes Spiel, weil so viel dabei gerannt werden mußte, und es so aufregend war, über den Schlagbaum zu kommen, ohne ertappt zu werden; und wie der arme Papa immer Angst hatte, wir könnten uns erhitzen?«

»Ja, seine einzige Sorge um uns bestand eigentlich darin; die übrige Erziehung machte ihm wenig Kopfzerbrechen,« entgegnete Paul, und in seinem Lächeln lag eine große Bitterkeit. »Ich habe später viel darunter gelitten, daß ich nicht besser erzogen worden war. Meine Frau fing an, die Lücken meiner Bildung auszufüllen.« Er schwieg. Ellen hatte nie Lücken in ihrer Bildung gespürt und war verletzt, daß ihr Bruder keine wärmere Erinnerung an ihre gemeinsame Kindheit bewahrt hatte.

»Hast Du nie Heimweh gehabt?« fragte sie.

»In den ersten Jahren gewiß, ich war noch nicht zehn Jahre alt, als der Vater mich in die Marineschule brachte; nie nahm man mich mehr heraus, nie kannte ich ein Leben im Elternhause, weil wir eben keine Mutter hatten, und nun soll mein armer Knabe ein ähnliches Loos haben!«

Paul stand auf und sah sich nach dem Kinde um, das, an's Gitter gelehnt, zuschaute, wie man Wasser aus dem Brunnen im Hofe zog. »Bist Du nicht müde, mein Junge?«

»Nein, Papa,« sagte der Kleine, »aber wann fahren wir wieder fort?«

»Gefällt es Dir hier nicht?«

»Nein, Papa, ich möchte lieber wieder mit der Eisenbahn fahren.«

Der Vater seufzte und streichelte seinem Kinde die schmale braune Wange. Ellen war ihm nachgegangen: »Ist er müde? Will er nicht etwas schlafen? Komm', ich nehme ihn in's Haus, Paul. Und nun fällt mir ein, Du hast ja Martha noch nicht guten Tag gesagt, das wird sie sehr übel nehmen. Komm schnell, Du kennst doch Martha noch?«

»Ich entsinne mich dunkel; hattest Du sie damals mit in Scheveningen?«

»Nein, aber Martha war bei uns zu Hause.«

»Richtig, das Factotum zu Hause! Ja, ja, ich entsinne mich, sie war, glaube ich, ein alter Drache?«

»Aber Paul!«

»Nimm es nicht übel, ich bin ein ungehobelter Mensch!«

Das Wiedersehen mit Martha war recht eisig, zumal Paul ihr seinen Kleinen an's Herz legte und sie nur erwiderte: »Gnädige Frau können Ihnen sagen, ob ich eine treue Dienerin bin!«

Nun saßen die Geschwister in Ellen's Boudoir; der Kleine war sehr gegen seinen Willen auf ein Sopha gelegt worden und hatte zur Belohnung drei Bonbons von seiner Tante bekommen, mit denen er spielte, da er Süßes nicht gern aß. Leo war auf sein Ministerium gefahren, und Bruder und Schwester schauten sich verlegen an, weil sie sich nichts zu sagen wußten und fühlten, wie unglaublich beschämend es war, nach so langer Trennung stumm einander gegenüber zu sitzen.

»Hast Du Dich schon nach einer Pension für meinen Kleinen umgesehen? Vielleicht in einer Familie?« fragte Paul schließlich.

»Nein, Paul, ich bekam Deinen Brief vorgestern und dachte, Du kämest erst nächste Woche.«

»Das wollte ich auch anfänglich. Hast Du etwas dagegen, wenn wir uns gleich aufmachen und suchen? Uebermorgen früh muß ich fort, und ich möchte meines lieben Sohnes Heim vorher gesehen haben. Ist es nicht eigentlich merkwürdig, daß ich, ein Mann, so kinderlieb bin und Du, Ellen, gar nicht?«

»Ich? Ich habe Kinder furchtbar gern,« entgegnete sie erröthend, »aber Leo!« Damit ging sie in's Ankleidezimmer, um sich fertig zum Ausfahren zu machen. Die Geschwister fuhren drei Stunden lang herum, bei allen öffentlichen und privaten, renommirten und unrenommirten Pensionen der Stadt. Entweder nahm man so kleine Kinder nicht auf, oder eine bestimmte Anzahl von Zöglingen durfte nicht überschritten werden, oder die Einrichtungen sagten den Suchenden nicht zu. Paul war ganz verstimmt; Ellen tröstete ihn, daß man ihr noch einige Adressen gegeben hätte, wo sie am nächsten Tage nachfragen könnten. Als sie wieder zu Hause anlangten, war das Kind beim Spielen mit seinen drei Bonbons eingeschlafen. Leo war schon zurückgekehrt und hatte für Nando im Vorbeifahren Gartengeräthschaften gekauft. Paul konnte den Augenblick kaum erwarten, wo das Kind aufwachen und sich darüber freuen würde. »Hier, hinter der Laube ist ein Plätzchen, wo der Junge graben und pflanzen kann, was er will; er wird Niemand stören und ihn auch Niemand,« meinte Leo, als er vor Tisch mit seinem Schwager im Garten auf und abging. Ellen hatte sehr unerwünschten Besuch bekommen und saß im Boudoir wie auf Kohlen. Sie meinte, ihr Mann und ihr Bruder könnten sich nicht recht verstehen; wenn sie nicht dabei wäre, könnten sie sogar unliebsame Gespräche führen; Leo ließ sich aber die neuen Torpedo-Constructionen erklären und klagte über die Zollverhältnisse seines Landes. »Du sagtest heute früh ganz richtig: alle halbe Stunde eine Zollgrenze; aber hier kann man die beste Einsicht haben, man rennt sich nur den Kopf ein. Zwei Jahre habe ich gearbeitet, das colossalste Material zusammengetragen, um klare Beweise zu haben; mit Ziffern, rein mit statistischen Ziffern bin ich vor den Ministerrath getreten – nein, aus den kleinlichsten Gründen wurde ich abgewiesen. Jetzt habe ich mir vorgenommen, mir das Leben auch einmal leichter zu machen, mich nicht um allgemeine Angelegenheiten zu kümmern, nur um die meinigen.«

Paul dachte: »Wozu? Da Du kinderlos bist!« Aber er sagte es nicht, doch überkam ihn ein Mitleid mit dem zukunftslosen Hause, das ihm sein eigenes Loos beneidenswerth erscheinen ließ. Er sollte sich auf drei Jahre von seinem Ein und Alles trennen, aber dieser schweren Zeit würden drei Jahre Ruhe folgen, wo er seine eigene Zukunft ausbauen könnte, indem er seines Sohnes Herz und Geist bildete.

Martha hatte, da es Mittagszeit war, das Kind geweckt, und der Kleine kam sehr müde zur allgemeinen Tafel. »Ißt das Kind mit am Tisch?« fragte Martha erstaunt, und Ellen wiederholte es. Paul hatte wieder sein eigenthümliches Lächeln:

»Du meintest wohl, ich ließe für mich einen, für ihn den anderen Tisch decken? Aber wie Du befiehlst, er kann auch allein essen.«

»Ich fragte ja nur!« entgegnete Ellen. »Komm, Nando, setze Dich neben mich.«

»Dürfte ich um ein Kissen für ihn bitten?« fragte Paul.

Nach längerem Hin und Her wurde ein passendes Kissen gebracht, und da die Suppe schon angerichtet war, der Kleine schnell auf seinen erhöhten Stuhl gesetzt. Er saß regungslos vor seinem Teller. Ellen band ihm eine Serviette um und wunderte sich, daß das Kind nicht den Löffel nahm. »Muß er gefüttert werden? – Oder kannst Du allein essen?« wandte sie sich an ihn. Er schlug die Augen mit den wunderbar befiederten Lidern zu ihr auf und sagte erröthend:

»Aber ich habe ja nicht gebetet!«

Alle sahen sich beschämt an.

»So bete, liebes Kind,« sagte Leo.

Der Knabe faltete die kleinen Hände und sagte: »Bitte, lieber Gott, gieb allen armen Kindern zu essen.«

Das war ein neues Tischgebet. Wer hatte ihn das gelehrt?

»Meine Mama, meine schöne Mama.«

»Sie hatte aber auch ein werkthätiges Christenthum,« sagte Paul, »erzähle der Tante, was Du immer nach Tisch gethan?«

»Da durfte ich armen Kindern Essen bringen, aber nur, wenn ich artig war.«

»Und da warst Du immer sehr artig?« fragte Ellen.

»Nicht immer,« flüsterte das Kind und senkte die Lider auf wärmer erglühende Wangen.

Ellen dachte, wie sie ein so sanft geleitetes Kind durchaus in zarte weibliche Hände bringen müßte, damit man es nicht rauh behandelte. Er aß nur wenig, und Paul scherzte, daß er ein kleiner Südländer wäre und von Früchten lebe. Der Kaffee wurde im Garten eingenommen, und Nando mit den Arbeitsgeräthen beschenkt, mit denen er auch gleich eifrig zu graben und hacken begann.

Paul dachte im Stillen darüber nach, wie seiner Schwester nicht ein einzig Mal der Gedanke zu kommen schien, sie könnte selbst das Kind behalten, denn sie sprach von einer Pension, die halb auf dem Lande läge, in ziemlich guter Luft; und währenddem sah sie oftmals hin, ob der Kleine auch nichts verdürbe. Paul begriff nicht, daß man an todten Gegenständen mehr Freude haben könnte als an Lebewesen, und er fühlte sich jeden Augenblick fremder und trauriger. Doch erzählte er bald von seinen Reisen und machte sich so angenehm wie möglich. Währenddem erblickte der Kleine den Gärtner, der eine seltene Pflanze vorübertrug, und näherte sich ihm. Der Gärtner sah ihn freundlich an: »Gefällt Dir die Blume? Ich habe noch mehr im Treibhaus; willst Du sie sehen?« – »O, gern!« und fort gingen sie mit einander. Das Kind kannte viele der mühsam gezogenen Pflanzen wild, und erzählte, wo sie wüchsen, und küßte sie. »Sehen sie Dich auch an?« fragte er den Gärtner.

»Ja, wenn ich vor der Sonne stehe.«

»Mich sehen sie immer an, sie kennen mich gleich; manche wollen nicht haben, daß ich fortgehen soll; die hängen sich an meine Kleider fest und weinen, weil ich sie vergessen habe. Wenn ich nur erst ein Gärtner bin, dann werde ich auch ihre Sprache verstehen.« Der Mann hatte sich auf eine Bank im Treibhaus gesetzt, das Kind zwischen die Kniee genommen und hörte seinem süßen Geplauder zu.

»Meine schöne Mama, die schickt mir alle die Blumen aus der Erde herauf, wo sie sie hinein gethan haben. Ja, ich habe es gesehen, in die Erde; und wenn ich nur tief graben kann, so werde ich sie finden, und dann hole ich sie wieder heraus; ich werde sie doch nicht da unten lassen, wo es dunkel ist.«

»Aber vielleicht ist es tief drunten sehr hell, und sie geht zwischen Springbrunnen und goldenen Blumen spazieren, und findet es schöner, als auf der Erde.« Die großen Augen sahen ihm nach den Lippen, während er so sprach. »Hat Dir denn Niemand gesagt, daß sie im Himmel ist, Kind?«

»Ja, Himmel! Sie sagten Himmel, aber Du siehst doch, wo der Himmel ist? Dort, hoch, hoch, und ich habe es mit meinen zwei Augen gesehen, wie sie sie in die Erde gelegt haben. Glaubst Du, ich finde sie?«

»Wenn Du alt bist und ein sehr guter Mann warst, Dein ganzes Leben, dann wirst Du auch zu ihr gehen, in die seligen Gärten.«

Der Kleine wollte gar nicht mehr fort von seinem neuen Freunde und weinte, als man ihn zum Schlafengehen holte. Martha bot sich an, ihn auszukleiden. Aber Paul dankte und sagte, er werde nicht mehr oft die Freude haben, es selbst zu thun, und wolle es sich nicht nehmen lassen. Auf diese Weise stahl er sich einige Augenblicke mit dem Kinde, das auf seinem Schoß betete, und dann in demselben Athem sagte: »Komm, Papa, wir wollen fort!«

»Wärst Du denn sehr traurig, hier zu bleiben?«

»Bei dem Gärtner bliebe ich gern, aber Du siehst, man nimmt mich fort von ihm.«

»Ich werde die Tante bitten, daß Du ihn manchmal besuchen darfst.«

»Mußt Du denn über's Meer?«

»Ja, Kind, bald!«

»Aber, Papa, wer wird dann mit mir sein? Wo soll ich bleiben? Laß mich zu meiner Mama! Wir waren so vergnügt zusammen, und sie geht in schönen Gärten spazieren, mit Springbrunnen, hat der Gärtner gesagt!«

»Ach, Kind! ich weiß den Weg nicht, sonst wären wir schon beide bei ihr!«

Er trug das Kind in's Bett, und eine schwere Thräne stand ihm in den Augen. Den Weg zur Mutter! Ja, wenn er den mit seinem Kinde zu gehen wagte, dann wäre alle Qual vorüber; aber ob das auch der Weg zu ihr wäre! Er hatte recht gesagt: er kannte ihn nicht! Als er zu den Geschwistern in den kleinen Salon, der überaus hell erleuchtet war, zurückkehrte, sah er so traurig aus, daß es seiner Schwester leid that.

»Ist das Bettchen gut?« fragte sie, um etwas zu sagen.

»Ja, ich glaube wenigstens; in dem Alter ist jedes Lager gut. Man schläft eben.«

Dann sahen sie sich Bilder an; Ellen spielte etwas Clavier, bald aber gingen sie alle zur Ruh'.

»Wie gefällt Ihnen mein Kleiner?« fragte Ellen beim Entkleiden Martha.

»Wer?« entgegnete diese.

»Mein Neffe, wer denn sonst?« sagte Ellen verstimmt.

»Er ist ein Duckmäuser.«

Ellen lachte etwas spöttisch auf. »Warum denn, wenn ich bitten darf?«

»Gnädige Frau haben mich gefragt, sonst hätte ich natürlich geschwiegen.«

»Natürlich,« erwiderte Ellen gereizt und setzte dann hinzu: »Sie können gehen, ich brauche weiter nichts.« Martha ging, sie ging sogar lautlos, obgleich sie lieber die Thüre unsanft geschlossen hätte; aber auf ihrem Gesichte stand etwas geschrieben, vor dem man erschrecken mußte. Es sah sie aber Niemand, und so erschrak Niemand.

Als Ellen im Bett lag, that es ihr sehr leid, die gute Person gekränkt zu haben; sie wäre am liebsten so im Nachthemde in Martha's Stube gelaufen, um sie irgend etwas Gleichgültiges zu fragen; aber gerade, als sie ihren Vorsatz ausführen wollte, trat ihr Mann in's Nebenzimmer. Um ihm nicht noch Erklärungen abgeben zu müssen, beschloß sie, zu bleiben. Am nächsten Morgen war sie froh darüber, denn nun sie es sich im Frühlichte überlegte, war Martha impertinent gewesen, und sie, die Herrin, mußte die Dienerin erziehen. Daß es etwas spät war, damit anzufangen, entging ihr.

»Bist Du wach?« rief Ellen ihrem Manne zu. Nun hatte Leo eine Leidenschaft, das war, Morgens halbwach noch im Bette zu dämmern; Ellen aber hatte in den vielen Jahren ihrer Ehe nicht gelernt, ihn dann in Ruhe zu lassen. Ja, es war, als fielen ihr Morgens, wenn er noch schlafen wollte, alle wichtigen Lebensfragen so schwer auf's Herz, daß sie dieselben durchaus erledigen mußte.

Leo gab eine Art Gebrumme zur Antwort, und wandte sich ostentativ der Wand zu, an welcher sein Bette stand.

»Wie findest Du eigentlich den kleinen Nando?« – Es erfolgte keine Antwort. Ellen wußte aber, daß Leo nicht schlief, und wiederholte: »Ich habe gefragt, wie Du Nando findest?« – »Unausstehlich!« war die ärgerliche Antwort.

Ellen lachte spöttisch auf, wie am Abend bei Martha's Urtheilsspruch; dann dachte sie bitter über die Herzlosigkeit ihrer Umgebung nach: Da kam ein reizender kleiner Junge, der so artig und guterzogen war, wie sie nie einen gesehen, und in ihrem Hause hatte man nur den einen Gedanken, ihn sobald wie möglich wieder los zu werden.

»Nun, ich werde Dir nicht lange mit meiner Familie lästig fallen,« sagte Ellen, indem sie aufstand, und sich in ihr Toilettenzimmer begab. Leo aber hörte sie gar nicht, sondern dämmerte ruhig weiter; er dachte gerade darüber nach, was er eigentlich für ein Verschen als Kind bei Tische gebetet, und es that ihm leid, daß es ihm nicht mehr vollständig einfallen wollte; er hätte es den Kleinen sonst lehren können.

Martha erschien auf das Klingeln ihrer Herrin.

»Rufen Sie einmal das Kind her!« sagte Ellen, ohne den Morgengruß zu erwidern. Martha rührte sich nicht. Ellen sah sich verwundert um. »Doch wohl erst nach dem Bade!« entgegnete Martha ruhig und begegnete dem Blicke Ellens, wobei es dieser zum ersten Male auffiel, was für kleine, grüne Augen Martha hatte. »Sie haben Recht!« erwiderte sie aber wie eingeschüchtert.

Nach dem Bade ging Martha, um das Kind zu holen, kehrte aber mit dem Bescheide zurück: es wäre nirgends zu finden. Das war nun unwahr, denn sie hatte den Kleinen an der Hand seines Vaters im Garten gehen sehen, aber so lange sie noch etwas zu sagen hatte, sollte er nicht in's Toilettenzimmer kommen; das war ihr Reich. »Er wird mit dem Kutscherjungen von nebenan spielen,« meinte Martha; »sie haben gestern schon Freundschaft geschlossen, während gnädige Frau glaubten, daß der kleine Herr schliefe. Er hatte sich leise herausgeschlichen und stand mit ihm am Thor.« – »Kinder halten zu Kindern,« entgegnete Ellen, obgleich ihr diese Eröffnung sehr unangenehm war, denn »der Kutscherjunge von nebenan« war für sie ein Urbild des Schreckens, ein Kobold von Junge, der nach den Vorüberfahrenden mit Steinen warf, den Hofhund einmal mit dem Schwanze am Thor festgebunden hatte, durch's Gitter soviel Zweige, wie er konnte, abriß, so daß er selbst Leo's Gleichmuth schon einige Male erschüttert hatte.

Beim Frühstück draußen im Pavillon, nachdem sie Nando neben sich gesetzt, begann Ellen darum, dem Kinde zu sagen, der Junge von nebenan wäre sehr böse, er risse die Blumen immer ab; unwillkürlich hatte sie sich schon in die Welt des Kindes hineingefunden und wußte ihm die Unart auf seine Weise zu veranschaulichen. »Dann wird Onkel Leo ihm nie eine Blume schenken,« meinte das Kind unerschüttert, worüber Onkel Leo sehr geschmeichelt war. »Ja, aber Du mußt auch nicht mit ihm sprechen, wie gestern am Gartenthor.« Das Kind sah sie verwundert an und schwieg. »Warum bist Du gestern heimlich hinausgegangen, als ich Dich schlafen gelegt hatte, Nando?« Der Kleine schwieg, hörte aber auf, sein Mündchen mit Gebäck zu füllen. Leo und Paul sahen Ellen verwundert an, und Leo sagte: »Wie soll das Kind noch wissen, warum es gestern hinausging?« – »Das weiß das Kind sehr genau,« meinte Ellen eifrig, »weil er gerade mit jenem Jungen gespielt hat, Martha hat's mir erzählt!«

Jetzt ergriff Paul das Wort und fragte, indem er seine Hand auf des Knaben Kopf legte: »Hast Du gestern mit dem ungezogenen Jungen gesprochen, Nando?« – »Mit welchem Jungen, Papa?« – »Von dem Tante Ellen eben sagte, daß er Blumen abrisse.« – »Aber, Papa, ich kenne ihn ja gar nicht; wenn ich ihn sehe, will ich ihm aber sagen, daß er keine Blumen abreißen darf.«

Paul sah seine Schwester vorwurfsvoll an, während Leo, zu seiner Frau gewandt, meinte: »Wer es nicht versteht, mit Kindern umzugehen, soll lieber nicht versuchen, sie zu erziehen!« – »Das merke Du Dir nur,« sagte Ellen gereizt und sah ihn böse an. Das Kind nahm seine großen Augen nicht von ihrem Gesichte fort in der peinlichen Pause, welche entstand. Mit einem Mal sagte es: »Aber auf mich bist Du nicht böse, Tante Ellen, nur auf den unartigen Jungen?« Ellen erröthete, als sie das Kind küßte: »Du bist mein lieber Nando!« – Er hatte ihr eben eine Lection gegeben in seiner Einfalt; sie schämte sich, vor dem feinfühligen Kinde so unfein gewesen zu sein.

Darum war sie auch ganz sanft gegen Martha, als sie dieselbe nach beendetem Frühmahle aufsuchte und ihr mittheilte, es wäre ein Irrthum, Nando hätte nicht mit dem Nachbarkinde gespielt. Die Dienerin sah sie mit gut gespielter Verwunderung an: »Das ist sehr möglich, gnädige Frau; mir hat es der Knecht gesagt, und ich wußte, als ich es wiederholte, gar nicht, daß Sie solches Gewicht darauf legten, ich hätte mich sonst näher erkundigt.«

Ellen fiel ein Stein von der Seele; sie hatte schon gedacht, Martha hätte das Kind anschwärzen wollen, ihr aber war alles Gehässige zuwider; sie liebte vor Allem Frieden und Ruhe; sie stand mit allen ihren Leuten gut und drückte lieber mal ein Auge zu. Sie wollte, daß alle Menschen, die in ihre Nähe kamen, einander gern hätten. »Das Kind ist wirklich reizend,« sagte sie darum zu Martha, »ich werde es Ihnen nachher, wenn ich mit meinem Bruder ausfahre, ein wenig zuschicken.« – »Ich danke Ihnen sehr, gnädige Frau, ich habe zu thun und kann auf meine alten Tage nicht Kinderfrau werden; lassen Sie den Jungen nur mit dem Herrn; der sieht ja so wie so Niemand mehr an, seit das Kind im Hause ist, als den kleinen Affen.« – »Aber, Martha, was soll das heißen? Mein Mann? Der findet den Kleinen leider unausstehlich.« – »Ich weiß, was ich weiß,« erwiderte Martha, und Ellen ging fort mit dem unbehaglichen Gefühl, daß ihre Kammerfrau sich unerhörte Dinge gegen sie herausnähme und sich gar nicht mehr einschüchtern ließe. Es war ein sehr unangenehmes Gefühl für einen friedliebenden Menschen, und außerdem fühlte Ellen sich beschämt, daß sie es so weit hatte kommen lassen. Sie würde Martha einmal strafen, indem sie den ganzen Tag nicht mit ihr spräche. Was konnte sie nur gegen das arme mutterlose Kind haben? Man mußte wirklich herzlos sein, um Nando nicht lieb zu gewinnen.

Das sagte sie auch ihrem Bruder, als die Geschwister im Wagen saßen, um nach der empfohlenen Pension zu fahren. Das Haus sah sehr freundlich aus, es lag in einem großen Garten und war sauber gehalten; zum Glück war dort auch gerade ein Platz frei. »Wir hätten noch vorgestern Niemand aufnehmen können, das Bett ist erst gestern frei geworden,« sagte die Vorsteherin.

»Woher? So mitten im Semester?« fragte Paul. – »Der Kleine ward von seinen Eltern abgeholt.« – »Er war doch nicht krank?« – »Nein, nur etwas erkältet.« – »Wer war es?« fragte Ellen, um sich erkundigen zu können. Nach einigem Zögern nannte die Vorsteherin einen Ellen unbekannten Namen. »Die Eltern leben auf dem Lande,« setzte sie hinzu.

»Scheint Dir das nicht bedenklich?« fragte Paul besorgt; Ellen aber lachte. »Du siehst wirklich Gespenster bei Tage; ein krankes Kind hätte man doch nicht auf's Land geschickt, sondern in's Kinderkrankenhaus!« – Paul fuhr zusammen – also wenn sein Kind krank würde, während er da draußen auf weitem Meere, würde es in ein Krankenhaus transportirt werden! In diesem Augenblicke war ihm, als haßte er seine Schwester. Aber er war daran gewöhnt, sich zu beherrschen, und fragte nur nach der Krankenabtheilung. Man zeigte ihm ein im Garten besonders gelegenes Häuschen, das nur aus zwei Zimmern bestand. »Aber wir haben, Gott sei Dank, selten Gelegenheit, es zu benutzen,« meinte die Vorsteherin, »Kinder, die erkranken, nehmen die Eltern meist zu sich.«

»Aber Kinder, die keine Eltern haben,« entgegnete Paul finster.

»Die haben doch wenigstens Tanten,« sagte Ellen; aber Paul erwiderte nichts darauf; dies war Form; ihre wirkliche Gesinnung war vorhin herausgekommen. Er schärfte der Vorsteherin noch ein, daß sein Kind noch nichts lernen dürfte und daß es mit größter Sanftmuth behandelt werden sollte, auch daß man nie etwas versäumen sollte für seine Gesundheit. Alle nur erforderlichen Mittel würden stets zur Disposition gestellt sein. Die Vorsteherin entgegnete leise piquirt, daß sie für alle Kinder sorgte, als wären es ihre eigenen, und Ellen sagte: »Du vergißt ganz, Paul, daß ich hier bin und mich regelmäßig nach Nando umsehen werde.«

Als er im Wagen wieder Platz genommen, legte Paul seine beiden Hände vor's Gesicht, dann seufzte er tief auf und sagte: »Mir ist's, als könnte ich es nicht überleben, wie soll ich den Gedanken ertragen?«

Ellen schwieg wie eingeschüchtert. Nach einer Weile meinte Paul: »Du mußt mir das verzeihen, Ellen, wenn Du es auch nicht verstehst.«

»Doch, ich verstehe, daß Dir die Trennung sehr schwer wird. Könntest Du nicht aus der Marine austreten?«

»Wenn Nando dadurch wieder eine Mutter bekäme, ja!« erwiderte er bitter.

Am folgenden Morgen fuhr er selbst sein Kind in die Pension. Abschied von ihm zu nehmen, getraute er sich aber nicht; er sagte, er hoffte am nächsten Sonntag wieder zu kommen.

»Wie viel ist bis Sonntag?« fragte der Kleine.

»Drei Tage.«

»Und drei Abende soll ich ganz allein beten?«

»Mit dem lieben Gott, Nando,« sagte Paul, aber ihm wurde das Sprechen schwer. Dann winkte er ihm noch einmal zu; das Kind stand thränenlos, aber mit einem so todttraurigen Ausdruck in der Thür, daß der Vater sich nicht getraute, sich noch einmal umzuwenden. Er fuhr direct zum Bahnhof, schrieb von dort ein paar flüchtige Zeilen an seine Geschwister, ließ sich den fertig gepackten Koffer holen und reiste ab.

Ellen ging am folgenden Tage in ihren hübschen Zimmern auf und ab. Sie schienen ihr so traurig und leer, was ihr früher nie in den Sinn gekommen war. Auch meinte sie plötzlich, Leo brächte viel zu viel Zeit außer dem Hause zu. Dazwischen dachte sie an den armen Paul. »Ich werde es Nando noch nicht am Sonntag sagen, daß sein Vater so weit fortgereist ist!«

Martha räumte unterdeß eigenhändig alle Spuren des Besuchs bei Seite. Als sie von dem Stuhl, auf dem das Kind bei Tisch gesessen, das Kissen fortnahm, sagte Ellen, die gerade in's Eßzimmer schaute: »Lassen Sie das nur weiter so, das kann ruhig so bleiben.«

»Aber er wird doch jedenfalls nicht heute zu Tisch kommen?«

»Warum nicht?« entgegnete Ellen, und wie sie das gesagt, beschloß sie, das Kind gleich zu holen. Sie redete sich ein, es wäre auch das Weiseste, damit er sich allmählich an die Pension gewöhnte; gestern wäre er einen Tag dagewesen, heute, am zweiten, könnte er schon einmal wieder zurück.

Als Ellen in die Pension kam und nach ihrem kleinen Neffen fragte, wurde ihr die Antwort zu Theil, ihr Mann hätte denselben zu einer Spazierfahrt abgeholt: »Mein Mann?« fragte sie noch einmal, ganz befremdet.

»Ja, Ihr Herr Gemahl, der Onkel des Kindes.«

Ellen ging wieder heim; sie war aber sehr verletzt. Aus mancherlei Gründen; vor Allem ärgerte sie sich, daß sie ihre Sehnsucht nach dem Kinde nicht stillen konnte, daneben aber beschäftigte sie ein Groll gegen ihren Mann. Sie fand es hinterrücks von ihm gehandelt, daß er ihr vorher nichts von seiner Absicht, Nando aufzusuchen, mitgetheilt hatte, als hätte sie nicht das nächste Anrecht auf das Kind. Sie ging wieder im Zimmer auf und ab und dachte sich aus, was sie ihm sagen wollte, wie sehr er sie gekränkt, und dabei wurde sie immer ungeduldiger. Endlich fuhr ein Wagen vor: er kam, aber er war allein, ohne den Jungen! Das war zu arg! Sie lief ihm entgegen: »Warum hast Du Nando nicht mitgebracht?«

»Ich? Nando?« fragte er ganz verwundert.

»Dann werde ich ihn selbst holen,« sagte sie entschlossen, lief eilig nach Hut und Jacke und stieg in den Wagen, der davon fahren wollte.

»Aber, Ellen, welche Unvernunft, so unbedacht!« warf Leo ein, aber sie hörte nicht auf ihn. Sie mußte das Kind jetzt gleich holen; sie fühlte solch einen Zorn gegen ihren Mann, der Heimlichkeiten vor ihr hatte und sie augenscheinlich in der Gunst des Kindes ausstechen wollte. Währenddem saß er ruhig an seinem Schreibtisch und durchflog einige neu angekommene Acten.

Ellen fand ihren kleinen Neffen schon in seinem Bette, denn es war sieben Uhr vorüber, als sie endlich an das Pensionat gelangte. Einen Augenblick schwankte sie; aber sie war nicht gewohnt, ihren Willen zu zügeln, und sie sah Martha's schadenfroh lächelndes Gesicht vor sich, wenn sie ohne das Kind zurückkäme. Darum sagte sie entschieden, der Kleine sollte wieder angezogen werden und bei ihr die Nacht bleiben; sie würde ihn am nächsten Tage wiederbringen. Das Kind war es natürlich sehr zufrieden; die Vorsteherin zog ein wenig mit den Augenbrauen und meinte, es wäre kein vernünftiger Anfang, aber sie widersetzte sich doch nicht.

Als das Kind unterwegs aber einmal aufhustete, fühlte Ellen, wie ein kalter Stich ihr durch die Brust ging; wenn der Kleine sich nun erkältete! Es war ein windiger Abend, wie er oft auf einen warmen Maitag folgt; sie selbst zitterte vor Kälte. Sie nahm das Kind, das bisher neben ihr gesessen und wortlos in die helle Wagenlaterne gestarrt, auf den Schoß und drückte es an sich; es war ihr ein neues, ganz eigenthümliches Gefühl. Der Knabe löste sein Köpfchen von ihrer Brust und suchte sie genau anzusehen; er konnte aber im Halbdunkel nichts erkennen und seufzte auf.

»Was ist, mein Junge, thut Dir etwas weh?« fragte sie besorgt.

Nando schüttelte den Kopf: »Nicht wahr, Papa ist schon fort?« sagte er dann.

»Aber er kommt bald wieder,« fiel sie ihm ein.

»Nein, nicht bald, aber ich will sehr artig sein, damit die Zeit schneller vergeht,« dabei seufzte er noch einmal.

Ellen fühlte sich seinem resignirten Kummer gegenüber ganz machtlos. »Hat der Onkel Dir gesagt, daß Papa abgereist ist?« fragte sie schließlich.

»Nein, er sagte, er wüßte es nicht genau, – aber daran merkte ich es,« setzte er altklug hinzu.

Ellen war sehr froh, als der Wagen nun in ihren gepflegten Hof einbog, und sie das Kind unter Dach brachte.

Leo hatte sich nicht von seinem Schreibstuhl gerührt; Ellen wußte gar nicht, was ihm eigentlich fehlte. Das Kind aber ging selbständig auf ihn zu, stellte sich neben ihn und sagte: »Ich bin hier, Onkel Leo.« – »Das ist schön, mein Junge!«

In demselben Augenblicke wurde das Essen gemeldet, das schon mehr als eine Stunde über die gewohnte Zeit hinausgeschoben worden war, und Leo nahm das Kind an der Hand und ging in's Speisezimmer. Neben Leo's Couvert lag die Zeitung, die er nach rasch verschlungener Suppe auseinander faltete und zu lesen begann. Der Kleine war noch mit dem Essen beschäftigt, das nur langsam von Statten ging, da der Löffel zu groß war, so daß Ellen ihn schließlich fütterte.

»Warum liest denn Onkel Leo?« fragte Nando mit gedämpfter Stimme und sah seine Tante höchst verwundert an.

»Er liest immer bei Tisch, weil er Niemand hat, mit dem er sprechen kann,« entgegnete sie, mehr für ihren Mann als für's Kind. Sie hatte sich an diese Art so gewöhnt, daß sie ihr bisher nicht ärgerlich gewesen war, plötzlich aber schien sie ihr beleidigend.

»Aber er kann ja mit uns sprechen?« meinte der Kleine fragend.

Leo hatte das Gespräch natürlich gehört und antwortete jetzt, indem er die Zeitung zusammenfaltete: »Gewiß, mein Junge, Du hast ganz Recht,« und dann, sich an seine Frau wendend, setzte er hinzu: »Ich bitte Dich sehr um Verzeihung.«

»Oh, ich bin ja daran gewöhnt,« entgegnete sie kühl. Der Knabe beobachtete sie beunruhigt.

»Du hast mich zu sehr verwöhnt,« erwiderte ihr Mann und legte seine Hand auf die ihre, »es ist Deine eigene Schuld.«

Sie wurde roth unter seinem freundlichen Ton; sie fühlte sich wirklich schuldig; sie wußte selbst nicht, warum; ihr war, als hätte sie ihn seit langer, langer Zeit immer absichtlich mißverstanden. Dazu des Kindes scharfe Augen, die aber jetzt freundlich blickten, als Ellen sich zu lächeln bestrebte.

»Mit wem hast Du denn gespielt, Nando, als ich Dich zu Frau Mehler zurückgebracht hatte?« fragte Leo.

»Mit einem kleinen Jungen, der Fritz heißt, aber der nicht sehr artig ist.«

»Was hat er denn gethan?«

»Das kann ich gar nicht sagen,« erklärte das Kind wichtig.

»Auch mir nicht?« fragte Ellen, und das Ehepaar sah sich höchst ergötzt an.

»Vielleicht in's Ohr,« meinte Nando. Ellen wandte ihm das Ohr zu; er ließ sich aber erst versprechen, sie würde es dem Onkel nicht sagen, weil der sich ärgern könnte, dann flüsterte er recht vernehmlich: »Er sagte, der Teufel sollte die Madame holen.«

»Das war nicht schön,« erwiderte Ellen, die alle Mühe hatte, ihr Lachen zurückzuhalten. Leo fragte, was sie gespielt hätten? Sie hatten ein Haus gebaut aus Stäbchen und kleinen Korken. »Wahrscheinlich Fröbel'sches System,« meinte Leo.

»Was ist das?« fragte Ellen. Ihr Mann setzte es ihr auseinander, und sie fand es so herrlich, daß sie sich vornahm, am nächsten Tage einige solcher Spiele zu kaufen.

»Du wirst sie hier nicht bekommen, denn es giebt auch viele Gegner dieser Schule, und gerade bei uns schwärmt man nicht dafür.«

»Wie viel Du darüber weißt, Leo,« sagte sie. »Warum hast Du mir früher nichts davon erzählt?«

Er lächelte: »Ich dachte, es interessirte Dich nicht.«

»O, mich interessirt Alles, was Du erzählst. Was sagen denn die Gegner?«

»Man meint, es sei nicht richtig, so früh schematisch vorzugehen; außerdem verschwinden die festen Grenzen zwischen Arbeit und Spiel in dem kleinen Gehirn, und derartige Dinge. Es giebt gewiß Kinder, denen das Spielen dadurch ganz verleidet wird.«

Nando gähnte und mahnte Ellen dadurch an seine Schlafenszeit, die lange vorüber.

»Leo,« sagte sie schüchtern, »würde es Dich wohl stören, wenn ich das kleine Bettchen in unser Zimmer tragen ließe?«

»Nein, stören würde es mich nicht, aber es ist nicht vernünftig. Wir würden den Kleinen vielleicht aufwecken, wenn wir zur Ruhe gehen, und Morgens müßte er wieder auf uns warten, ehe er angezogen werden könnte. Laß ihn doch mit Martha im blauen Zimmer schlafen.«

»Wie Du meinst,« erwiderte Ellen und gab dem Diener entsprechende Weisungen. Gleich darauf standen sie vom Tisch auf; sie nahm den müden Knaben in den Arm, um ihn in sein Bett zu tragen; er war ihr aber zu schwer, sie ließ ihn wieder hinuntergleiten und führte ihn dann an der Hand hin. Nun wollte sie ihn schnell ausziehen; sie verstand aber zu wenig davon, und er war ein kleiner Pedant, welcher meinte, es müßte Alles in der gewohnten Reihenfolge geschehen, erst die Stiefel, dann die Höschen etc. So dauerte es ziemlich lange, aber Ellen wollte keine Hülfe rufen, auch nicht beim Waschen, und als er wieder dabei hustete, wie vorhin im Wagen, wurde ihr ganz angst. Nun lag er endlich; sie hatte ihn warm zugedeckt und mit ihm gebetet und saß nun schweigend am Fußende des Bettes. Hin und wieder schaute sie zu ihm hin: er lag immer mit den großen, offenen Augen da und schien nicht schlafen zu können. Sie ergriff sachte seine Hand; sie war sehr heiß, und besorgt fragte sie, ob ihm etwas weh thäte? »Der Kopf,« sagte er, aber einige Minuten später schlief er. Nun hätte sie leise fortgehen können, aber der Entschluß fiel ihr schwer; sie mußte Martha rufen, und sie wußte im Voraus, daß diese ungern bei dem Kinde schlafen würde. Viel lieber hätte sie es selbst gethan; sie wagte aber nicht, es ihrem Manne vorzuschlagen. Schließlich aber ging sie hinaus, klingelte und ließ Martha durch den Diener sagen, sie möchte die Nacht beim Kinde schlafen. Ellen setzte sich unter die Hängelampe in ihres Mannes Zimmer mit ihrer lange begonnenen und nie enden wollenden Stickerei. Leo wandte sich bei ihrem Eintritt um; es lag ein merkwürdiger Glanz auf ihrem Gesicht, der sie sehr verschönte, obgleich sie die Augen halb geblendet schloß. »Schläft der Junge?« fragte er. »Ja,« antwortete sie leise, als ob ihre Stimme ihn wecken könnte; »aber er ist schwer eingeschlafen und schien mir heiß.« – »Vielleicht weil wir ungewohnt spät gegessen haben?« – »Er hat aber außer der Suppe nichts zu sich genommen. Ich fürchte, Leo, es war unvernünftig von mir, daß ich den Kleinen noch so spät abends herausnahm,« setzte sie schüchtern hinzu.

Er sah sie an. Sie, seine Frau, die immer Recht hatte, mit der er seit Jahren nicht mehr discutirte, weil sie von ihrer eigenen Unfehlbarkeit so überzeugt war, sie gestand ein, Unrecht gehabt zu haben!

»Vernünftig war es vielleicht nicht, Ellen,« sagte er weich, »aber es wird ihm gewiß nicht schaden.« Dann nahm er Platz neben ihr und blickte auf ihre Arbeit, als ob er sie prüfen wollte.

»Du hast gewiß irgend ein Buch über Kinderpflege,« begann sie; »könntest Du mir das nicht geben? Nun, da Nando manchmal zu uns kommen wird, möchte ich doch nicht so unwissend bleiben, wie bisher, wo ich nicht einmal den Namen Fröbel gehört hatte!«

Er stand auf und suchte in den langen Reihen seiner Bücher, fand aber nur ein französisches Buch, in dem er blätterte, das ihn aber nicht befriedigte. »Ich habe nichts als physiologische Studien über Kinder, Ellen; es hat uns für die Praxis immer zu fern gelegen.« Als er es ausgesprochen, fürchtete er, es klänge wie ein Vorwurf gegen sie, den er durchaus nicht gemeint hatte, und er setzte, sie mit dem Arm umschlingend, hinzu: »Mein Kind bist Du, und Dich studirte ich immer ohne Bücherhülfe.«

»O, Leo,« erwiderte sie, »das ist ja ganz wie in den Flitterwochen! Wie kannst Du mich nur so verwöhnen?«

In dem Augenblicke trat Martha ein und fragte ihre Herrin mit scharfer Stimme; ob es wahr wäre, daß sie befohlen, sie, Martha, sollte bei dem fremden Kinde schlafen?

»Ja, liebe Martha, ich wollte Sie darum bitten,« erwiderte Ellen eingeschüchtert.

»Wie Sie befehlen!« sagte jene mit unverschämtem Tone. »Aber eins möchte ich . . . . .«

»Sie vergessen wohl, daß Sie zu ihrer Herrin sprechen,« fiel ihr Leo aufgebracht in die Rede. »Sie werden augenblicklich den Befehl ausführen, und zwar ohne ein Wort zu verlieren!«

Ellen zitterte förmlich bei ihres Mannes lauter und ungewohnter Heftigkeit. Sie dachte, Martha würde etwas erwidern; diese verließ aber das Zimmer. »Wie kannst Du nur, Leo!« sagte sie erschrocken.

»Was, ich soll dulden, daß diese unverschämte Person so mit Dir redet?« – »Es ist nur ihre Art und Weise.« – »Dann mag sie die ändern!«

»Du weißt, sie hat mich auf dem Arme getragen und liebt mich über Alles.« – »Desto schlimmer, daß sie dann so tactlos sein kann.« Damit setzte er sich an seinen Schreibtisch und kehrte seiner Frau den Rücken zu. So hatten sie viele Abende seit langen Jahren verbracht, aber nach der warmen Atmosphäre, die sie eben Beide umhaucht hatte, empfand Ellen dieses Fürsichsein schmerzlich. Nun war auch er böse, wie Martha, und Alles um das kleine Kind! Nein, eigentlich nur um sie selbst, denn sie war unvernünftig gewesen und hatte den Jungen aus seiner Ruhe aufgestört. Nicht aus Freundlichkeit gegen den Kleinen, aus reinem Eigensinn hatte sie ihn geholt. Jetzt saß sie da mit der Angst, er könnte krank werden, und wagte doch nicht, noch einmal in sein Zimmer zu gehen, aus Furcht vor Martha.

»Es ist wohl Schlafenszeit,« sagte Leo um zehn Uhr, und sie standen auf. Ellen schlief trotz ihrer Sorgen schnell ein wie immer; sie glaubte aber kaum erst ein Auge zugethan zu haben, als ein Angstschrei sie erweckte und selbst aufschreien machte: »Leo, um Gotteswillen, das Kind! Mach' Licht!« rief sie und stürzte aus ihrem Bett in die Dunkelheit hinein. Ehe er Licht angezündet, war sie an des Kindes Schlafstubenthüre, die sie vergeblich zu öffnen versuchte, bis ihr Mann kam und den Schlüssel, der auf der Außenseite stak, umdrehte. Ellen wußte nicht mehr, ob sie geträumt, daß Martha dem Kinde etwas zu Leide gethan, oder ob sie wirklich einen Schrei gehört. Sie hatte nicht geträumt, denn der Kleine stürzte ihr zitternd und weinend in die Arme: »O, Tante Ellen, ich habe so nach Dir gerufen! Tante, der schwarze Mann kam mir nach, und die Thüre war zugeschlossen, Tante Ellen, geh' nicht fort!« Das Kind war im Fieber, und seine Augen glänzten wie Leuchtkugeln; seine Stimme war heiser, und er keuchte beim Athmen.

Leo setzte das Licht auf den Tisch, nahm das Kind in seinen Arm und legte es in's Bett. »Laß' mich ihn in mein Bett nehmen,« bat Ellen. Er aber sagte: »Nein, sei vernünftig und ruhig und gieb dem Kinde zu trinken. Nachher geh' und wirf Dir Etwas über, denn Du mußt hier bei ihm bleiben.«

Leo hatte gesehen, daß das große Bett unberührt war, das kranke Kind also allein und eingeschlossen die halbe Nacht – denn es war 2 Uhr – verbracht hatte, und unwillkürlich ballte er im Zorn seine Faust.

Das Kind sprach jetzt wirr durcheinander; er legte ihm ein nasses Tuch auf den Kopf, das es sich aber abriß. Als Ellen im Morgenrock wiederkam, sagte Leo: »Ich gehe und hole jetzt den Doctor.«

»Leo, bitte, geh' nicht fort,« stieß sie entsetzt hervor, »wenn mir das Kind hier stirbt! Was kann ich thun, sag' mir wenigstens, was Du glaubst, daß ihm fehlt? Hat Jemand es vergiftet?«

»Unsinn,« entgegnete er, »das Kind hatte schon gestern Abend Fieber; vielleicht ist es ein Bräuneanfall, er sprach so heiser, oder irgend eine Hautkrankheit. Wir dürfen nichts thun, ehe wir nicht den Arzt gefragt. Der arme Kleine!«

»Wie muß er sich geängstigt haben, so allein! Gott weiß, wie lange er geschrieen hat.«

Leo zog sich an und ging fort; Ellen kniete unterdeß neben dem kleinen Bette, und die Thränen, die sie verschlucken wollte, rannen ihr über's Gesicht. Sie hielt die Hand des Knaben in ihrer Hand und drückte unaufhörlich ihren Mund darauf. Wenn er nur nicht stürbe, wenn dies süße Leben nur nicht verlöschte, was wollte sie nicht opfern, um dem Schicksal dies abzukaufen! Sie sah nach der Uhr. Erst fünf Minuten waren vergangen, seitdem ihr Mann die Thür geschlossen, in einer Stunde frühestens konnte er mit Hülfe wieder da sein. Und was nützte ein Arzt, wenn Nando wirklich todtkrank wäre! Sie könnte nie wieder froh werden im Leben, wenn er stürbe; sie sah die lange Reihe trostloser Jahre vor sich liegen. An ihren Bruder dachte sie noch gar nicht, nur an ihr eigenes Leid. Sie zählte des Kindes Athemzüge; mein Gott! sie gingen immer schneller, und nun hustete er, was für ein furchtbarer Husten! Sie glaubte, er müßte ersticken, und richtete ihn auf. Da sah das Kind sich groß um und fragte: »Papa? Wo ist Papa?« Ellen antwortete nicht, sondern legte ihn wieder hin und streichelte sein glühendes Gesicht, und er verfiel wieder in den Fieber-Halbschlummer. Sie sah ihn dabei schon todt vor sich, und in ihrer Brust fühlte sie einen ziehenden Schmerz, als müßte sie auch darüber sterben. War sie denn ein Mensch gewesen, daß sie dies Kind hatte unter Fremde gehen lassen? Wahrscheinlich hatte er sich dort unter den anderen Kindern einen Keim zur Krankheit geholt; mit der durch Angst geschärften Erinnerung fiel ihr ein, daß in seinem Pensionsbettchen vor ihm ein Kind, das krank geworden, geschlafen hatte. Wie hatte sie nur so gedankenlos sein können, das damals nicht zu berücksichtigen? Würde der Himmel sie nicht dafür strafen; konnte sie, die so herzlos gehandelt hatte, auf Barmherzigkeit hoffen? Wenn aber das Kind gerettet wurde, dann sollte es ihr Kind sein; Alles, Alles würde sie ihm opfern, auch ihres Mannes Liebe, wenn er wirklich so schlecht wäre, sie darum weniger zu lieben. Sie wußte aber jetzt plötzlich sehr gut, daß er sie nur mehr lieben würde, wenn sie sich mit Anderen mehr als mit sich selbst beschäftigte; hatte sie es nicht am nämlichen Abend gespürt, wie ganz anders er sie angesehen als seit vielen Jahren? Mit einem Male stand ihr auch ihr ganzes Eheleben klar vor Augen; welch' ein hohles Ding war ihr sogenanntes Glück gewesen! Jeder hatte für sich gelebt; wenn sie auch zu gebildet waren, um sich gegenseitig etwas Unfreundliches anzuthun, so hatte doch keine Wärme sie aneinander geschmiegt. Wie anders hätte es sein können! Mein Gott, wenn es nur nicht zu spät war, um neu anzufangen! Wieder hustete das Kind, und sie legte ihren Arm um ihn und flüsterte: »Nando, mein süßer Knabe, Nando,« und küßte seine Haare, während ihre Thränen auf sein Kissen strömten. Nie im Leben hatte sie so geweint, nie im Leben etwas so geliebt, wie jetzt dies arme kranke Kind. Konnte ihre Liebe es nicht von der Krankheit erlösen? Er sprach wirre Dinge, sie verstand nichts davon; nur doppelt schmerzlich zuckte es in ihr zusammen, als er plötzlich von seiner Mutter sprach. Da dachte sie an ihren Bruder. Jetzt, an ihrer eigenen Liebe, jetzt wußte sie, wie er an ihm hing, und was ihm der Abschied gekostet hatte; bisher waren es Worte für sie gewesen. Da hörte sie Wagengerassel; Leo kam mit dem Arzt zurück.

Das Kind hatte eine Halsentzündung; Gefahr war für den Augenblick nicht, doch konnte der Zustand ein beginnendes Scharlachfieber sein.

»Ellen, leg' Dich nieder,« sagte Leo, der seiner Frau große, gespannte Augen mit Sorge sah. »Ich bleibe bei dem Kinde. Du bist sonst morgen selbst krank.«

Aber Ellen ließ sich nicht fortschicken. Sie hatte ungeahnte Kräfte; nicht eine Nacht, viele blieb sie bei dem Kleinen, sie wollte sich ihr Kind verdienen. Es wurde ein schweres Scharlachfieber, und Tage lang schwebte der Knabe zwischen Leben und Tod. Vielleicht wäre er ohne solche Pflege wirklich nicht erhalten worden.

Am ersten Morgen nach des Kindes Erkrankung war Martha in's Zimmer gekommen. Ellen hatte sie in ihrer Todesangst ganz vergessen, aber nun erwachte der Groll gegen sie, zumal als sie begann: »Sehen Sie, gnädige Frau, was daraus wird, wenn man fremde Kinder . . . .«

Ellen machte eine zornige Handbewegung und wies ihr die Thür. Später, als sie das Kind verlassen konnte, ging sie zu ihrem Manne und sagte ihm, sie könnte Martha nicht mehr sehen, er möchte sie fortschicken; eine Pension wollte sie ihr zahlen, im Hause aber könnte sie dieselbe nicht mehr dulden, mit dem süßen Kinde zusammen. Leo sah sie an:

»Handelst Du auch nicht übereilt, Ellen; wird es Dir nicht leid werden?«

»Was?«

»Die alte Dienerin fortzuschicken?«

»Du weißt nicht, wie sie das Kind haßt! Und vom Kinde können wir uns doch nicht mehr trennen, nicht wahr?«

»Gewiß nicht, Ellen; es soll uns nicht nur glücklich machen, auch gut!«

»Also aus Egoismus wollen wir es zu uns nehmen?«

»Natürlich! Aber es gibt auch erlaubten Egoismus, der Andere beglückt.«


Die Schwiegermutter.



»Les yeux bleus vont aux cieux, les yeux noirs vont en purgatoire«, klang es von lustigen Lippen im Lernsaal des sacré coeur. »Est les yeux verts? frug ein schlankes Mädchen mit meerfarbenen Augen, schwarzen Wimpern und langen, dunkeln Brauen, die sich über der feinen Nase fast begegneten. »Les yeux verts vont en enfer!« warf die Schwarzäugige zurück, als hätte sie noch immer einen bedeutenden Vorzug, wenn ihr auch der Himmel verschlossen blieb. Die schönen Brauen zuckten ein wenig, aber der fragende Mund blieb lächelnd über den Zähnen geöffnet, als eben die Thüre aufging und mit strengem Antlitz eine Nonne eintrat. »Eleonore!« sprach sie, indem sie direct auf das schöne Mädchen zutrat. Diese zuckte zusammen, und flammende Röthe überflog einen Augenblick das tadellose Oval, das sofort wieder bleich wurde, unter einer Masse goldbraunen, kräuselnden Haares.

Die Wimpern senkten sich einen Augenblick wie ein weicher Flügel, dann aber sahen die grünen Augen mit weiten Pupillen der Nonne in's Gesicht, mit einem Gemisch von Drohung und Schadenfreude. »Kannst Du mir nicht sagen, Eleonore, wer wohl unsere Claviere mit Maikäfern gefüllt hat?«

Tiefe, athemlose Stille.

»Warum soll ich immer Alles gethan haben?« stieß das junge Mädchen endlich heraus.

»Weil hier der Verräther an Deinem Kleide hängt!« sagte die Nonne und hob das Thier in die Höhe. Ein leises Kichern durchflog den ganzen Saal. Man war der Missethäterin dankbar, die den unleidlichen Clavierstunden für eine Reihe von Tagen Einhalt gethan.

»Kann mir denn nicht im Garten ein Maikäfer angeflogen sein?«

»Ja, im Garten, in dem Du die halbe Nacht zugebracht. Wenn Du nicht augenblicklich gestehst, so wird Deine ganze Classe gestraft.«

»Natürlich habe ich es gethan, und es thut mir gar nicht leid,« sagte Eleonore trotzig.

»So wirst Du während acht Tagen Arrest bei Wasser und Brod darüber nachdenken, ob es Dir leid thun sollte, und während zwei Monaten wirst Du den Garten nicht betreten.«

Wie düster konnte das schöne Gesicht werden, wenn die Brauen sich schlossen, wie dunkel der Schatten um die Augen, wie bitter der Mund. Sie neigte den Kopf und folgte der Nonne, ohne sich umzusehen; als sie aber an ihren Gespielinnen vorüberschritt hörte sie: »Liebe Leo! Gute Lona! Herzige Ello! Arme Ellenor!« und fühlte manchen verstohlenen Händedruck.

Kaum hatte sich die Thüre geschlossen, da brach ein wahres Stimmengewirr los. Die Verständigen tadelten. Die Uebermüthigen jubelten. »Weißt Du was?« rief die Schwarzäugige. »Heute Nacht mache ich den Klöppel an der Schulglocke fort. Unsere Schwester Pförtnerin ist taub. Da kann sie läuten und läuten und läuten, und wir schlafen wie die Marder! Und wenn sie mich strafen, so komme ich zu meiner Ellenor, das ist mir eben recht!« –

»Und ich!« rief eine Andre, »seife die ganze Treppe ein. Wenn dann die Nonnen Morgens herunter wollen, dann paßt auf, wie schnell das gehen wird!«

»Acht Tage Arrest bei Wasser und Brod und zwei Monate ohne Garten!« sagte ein rothwangiges Mädchen mit hellen, blauen Augen. »Da oben ist's nicht schön! Ich rath' euch, seid doch vernünftig!« –

Hoch unter dem Dache war das Stübchen, das wohlbekannte graue Stübchen mit Backsteinboden, zu dem durch eine Luke ein Stückchen kalten grauen Himmels gehörte, das einzige Helle, nach dem nothwendig die müde geweinten Augen immer wieder wandern mußten, ob sie wollten oder nicht. Nichts war in dem kleinen Raume als ein Brett mit einer Wollendecke. Früher, erinnerte sich Eleonore, hat ein Tisch und ein Stuhl da gestanden; man hatte sie aber einmal dabei ertappt, wie sie den Stuhl auf den Tisch gestellt hatte, zu der schmalen Luke hinaus wie eine Katze sich gewunden und manche Stunde auf dem abschüssigen Dache zugebracht hatte, hoch über dem Gewühl der Stadt Paris; seit dem Tage waren Tisch und Stuhl entfernt worden, und nur das Brett war übrig. Auf einem Gesimsvorsprung lag das Brod und stand der Krug Wasser, sonst war nichts in dem Raume, nicht einmal ein Ofen. Fror man, konnte man sich in die Decke wickeln, die rauh und schwer genug war. Früher gab es allerlei Gekritzel an den Wänden, Caricaturen und Verse. Die waren überstrichen worden, und zu Eleonorens Entsetzen mußte sie sich zuerst auskleiden und Alles wurde ihr genommen, Bleistift, Messer, eine kleine Handarbeit, und sogar ihr Heiligthum, das Notizbuch, das sie verborgen auf der Brust trug. Sie wollte es rasch zerreißen. Die Nonne kam ihr aber zuvor und entwand es ihr. Zitternd vor Zorn, Scham und Kälte stand sie noch im Hemde da, als die Thüre in's Schloß fiel und die Nonne, die kein Wort gesprochen als den Befehl, sich zu entkleiden, mit ihrer Beute verschwunden war. Das Notizbuch wurde sofort der Oberin überbracht, und was darin stand, war nicht geeignet, die Strafe zu mildern, die über den jungen Rebellen verhängt war. Spottgedichte, äußerst ähnliche Caricaturen füllten neben stürmischen Ergüssen die eng beschriebenen Blätter.

Eleonore sah im Geiste die Nonnen die Köpfe zusammenstecken über ihrem Büchlein und sie verdammen und verachten und anklagen ob mancher Schuld, die zu wenig beachtet worden war. Sie sah ihre Kleider an, die noch auf der Erde lagen, und dachte: Wenn es nur Winter wäre, so würde sie sich nicht mehr anziehen, um zu erfrieren. Das würde ihnen dann recht geschehen. Sie hatte gehofft, auf diesen letzten Streich hin fortgejagt zu werden. Statt dessen nichts als Carcer in seiner strengsten Form. Eine Strafarbeit wäre fast eine angenehme Zerstreuung gewesen. Aber das Nichts starrte sie an. Und acht Tage sollte sie das aushalten! Kein Laut drang zu ihr herauf, nicht einmal das Aechzen der Claviere unter dem Reinigungsproceß. Das wäre ein Trost gewesen. Aber sie dachte schon gar nicht mehr daran. Sie dachte, daß sie eine Waise sei und verlassen in der Welt – vielleicht für Jahre noch in der verhaßten Schule. Dann bekam sie auf einmal entsetzliches Heimweh nach dem fast vergessenen Lande ihrer Kindheit, nach der großen rumänischen Sonne, nach den unabsehbaren Kornfeldern, nach den Bauern mit den dunkeln Augen, weißen Hemden, breiten Gürteln, nach der süßen Sprache, die so viele, viele Schmeichelworte enthielt, Duduia und Mititica und Dragulitza und Inimioara und alle die süßen Worte, die von der Mutter und der Amme über sie ausgeschüttet wurden; denn sie war das einzige Kind, der Abgott, der Haustyrann gewesen, und jetzt war sie hier! Ein Thränenstrom schüttelte sie, so daß sie sich an die Wand lehnen mußte. Dann warf sie sich auf ihre Kleider, vergrub sich hinein und jammerte: »Mutter! meine Mutter, Maiculitza! Nimm mich zu Dir! Ich bin so unglücklich! Mütterchen! Warum bist Du todt? Sag' noch einmal Duduia! Mutter! Maiculitza! » – Endlich stand sie auf und zog langsam das verhaßte schwarze Klosterkleid wieder an. Es kam ihr noch unleidlicher vor, seit sie an die farbenreiche Heimath gedacht, an die sonnige Gluth, an die Blumenfülle, an die bekränzten Mädchen mit den rothen Röcken und den reich gestickten Hemden. Fast hätte sie ihr Kleid wieder heruntergerissen, wenn sie sich nicht geschämt hätte. Ihr war es, als hörte sie die Zigeuner zum Tanze geigen, lang vergessene Melodieen; Alles stand in merkwürdiger Deutlichkeit da: der Geruch des frischen Heues, die schönen grünen Krüge, die weißen Holzkannen, die die Mädchen auf der Schulter trugen. Sie wurde darüber so durstig, daß sie trinken mußte. Gleich setzte sie aber den Krug wieder hin und schüttelte sich. Das schmeckte nicht wie das Wasser daheim, das herrliche Wasser, das in dem heißen Klima die erste Rolle spielt. »O, mein wunderschönes Land!« rief sie, und streckte die Arme aus. Und wieder stürzten ihr die Thränen aus den Augen. Die erste Nacht schlief sie tief und fest, vor Weinen ermattet. Sie hatte von der Heimath geträumt, von der Mutter Schoß. Ihre Züge hatte sie vergessen, aber die weichen Arme, die zarte Brust, an der sie lehnte, fühlte sie noch. Das Erwachen war so verwirrt, daß sie zuerst gar nicht begreifen konnte, wo sie war. Erst die Schmerzen im Rücken und in den Gliedern erinnerten sie daran, wo sie gelegen. Jetzt war sie müde, todtmüde und hungrig. Das Brod von gestern war trocken und zähe; sie aß nur ein kleines Stück, und dann war sie so satt, als hätte sie zuviel gegessen. Um sich zu erwärmen, begann sie in dem engen Raum auf und ab zu wandeln, fror dabei aber immer mehr. Als die Sonne aufging, streifte ein röthliches Licht die Decke und erlosch wieder. Der Raum und der Himmel waren wieder gleich grau. Die Langeweile, die für Kranke heilsam ist, wirkt auf Gesunde wie eine Krankheit, und je mehr Temperament vorhanden, je schneller bringt sie zum Fieber. Die lymphatische Natur wird schläfrig und melancholisch, die sanguinische wird rasend, und Einzelhaft ist ein gefährliches Experiment. Am Abend des zweiten Tages hatte Eleonore glühende Wangen, und in der Nacht sah sie Gespenster. Eine Hallucination jagte die andere, und ihr Herz hörte nicht auf zu hämmern. Rastlos arbeitete die Phantasie und führte ihr ein Schreckbild nach dem andern vor, bis sie in Schweiß gebadet unter ihrer Decke lag und vor Angst kaum zu athmen wagte. Die dienende Schwester, die ihr Brod und Wasser wechselte, berichtete, sie habe immer noch nicht gesprochen und habe große schwarze Ringe um die Augen. Die Oberin blieb unerbittlich. Das kleine Büchlein sollte abgebüßt werden, selbst wenn das Mädchen darüber krank würde.

Eleonore fürchtete sich vor der nächsten Nacht und legte sich deshalb gar nicht hin, sondern wandelte auf und ab, auf und ab in der dichten Dunkelheit, bis sie vor Schlaf gegen die Wände taumelte und endlich traumlos entschlief. Am andern Tage war der Trotz obenauf. Alle Dämonen waren erwacht, wie es bei Einsiedlern und Asketen häufig vorkommt. Alles Böse in ihrer Natur tanzte den Reigen in ihrem Gehirn, und sie lächelte manchmal über ihre Rachegedanken. Sie fühlte eine Kraft, als würde sie alle Nonnen erschlagen und das ganze Kloster in Brand stecken, und mit wahrer Wonne malte sie sich das Züngeln der Flammen aus, und von welcher Seite es am leichtesten wäre, es zu erreichen. Die Dunkelheit war ihr heute sehr willkommen; da arbeiteten die Gedanken freier, und sie sah rothe Gluth vor den Augen.

Einmal hob sie den Blick; da schaute ein Stern zur Dachluke herein. Er brachte sie für einen Augenblick auf andre Gedanken. Ihr fiel der Himmel ein; aber sie glaubte nicht daran. Religionslos mußte sie aufwachsen, da es auf das Strengste untersagt war, sie im katholischen Glauben zu unterrichten. So hatte sie alle Formen ohne Verständniß mitgemacht und sie leer und schal gefunden. Ihre Zweifel schloß sie tief in ihre Brust ein, und in das verhängnißvolle Büchlein, das nun von Hand zu Hand ging und dem Beichtvater des Klosters schweres Kopfschütteln verursachte. Schlaflos kämpfte sie diese Nacht gegen Glauben und Hoffnung. Dumpfe Verzweiflung zog in ihr Herz, und sie kam sich schlecht vor, als sei sie nie gut gewesen, und könne es nie mehr sein. Am Morgen lag der tragische Ausdruck auf ihren Zügen, der die Nonnen so oft beunruhigte und schlimme Weissagungen veranlaßte. Regungslos starrte sie vor sich hin. Die dienende Schwester schien sie gar nicht zu bemerken; die kam ganz ängstlich herunter und meinte, das kleine Fräulein werde wahnsinnig. »Und wenn es einen Gott giebt, so giebt es auch einen Teufel,« sagte Eleonore mit blassen Lippen. »Gott hilft mir nicht; der hat mich verlassen und vergessen; so will ich's mit dem Teufel probiren.« Sie zog eine Haarnadel aus dem Haar, ritzte damit ihren Arm und schrieb mit ihrem Blute in großen Zügen an die Wand Eleonore.

»Teufel! Hörest Du! Dir will ich gehören, wenn Du mich hier herausholst!«

Sie hatte das laut gerufen, und hielt nun erschrocken inne; sie schaute hinter sich, ob er nicht schon leibhaftig vor ihr stünde, und stieß fast einen Schrei aus, als sich ein Schlüsselbund am Schloß vernehmen ließ. Einen Schritt hatte sie nicht gehört. »Sie sollen sofort in's Sprechzimmer hinunterkommen,« sagte die Nonne. Eleonore starrte sie wortlos an. »Haben Sie gehört? Sie sollen hinunterkommen; Ihre Tante ist da.«

»Meine Tante? Meine Tante Sabine?« Ihr stockte der Athem vor Herzklopfen, als sie in's Sprechzimmer eintrat. Die Tante war eine hübsche junge Frau, die ihr entgegen eilte und sagte: »Du weißt, ich nehme Dich mit; ich habe einen Mann für Dich. In drei Wochen wirst Du eine Frau sein! Freust Du Dich nicht?«

Eleonore ließ die Augen von der Tante zum Onkel, dem Vormund, schweifen, und wenn der nur ein klein wenig Psychologe gewesen wäre, so hätte er sich über den sphynxähnlichen Ausdruck in des jungen Mädchens Gesicht gewundert. So aber nickte er nur mit dem kahlen Kopfe, rieb die Hände leise zusammen, als wüsche er sie, und sage: »Ja, eine sehr gute Partie.«

»Aber, ich kenne ja gar Niemand!«

»O, das ist nicht nöthig,« rief die Tante, »ich habe ihm Deine Photographie und Dein Vermögen unter die Nase gehalten, und er hat ohne Besinnen zugegriffen. Er hat ein schönes Gut und ein Gestüt, und heißt Scherban, und sein Gut heißt Boldeni. Das liegt sehr hübsch, mit Wald und Weinberg, an der Jalomitza, und Du wirst sehr vergnügt sein!«

Eleonore hörte immer noch wie abwesend zu; sie fühlte noch den kalten Schauer im Rücken und die Furcht, sich umzusehen, als stünde der leibhaftig hinter ihr, den sie vorhin angerufen. Sie hätte eine Welt gegeben, um das jetzt vergessen zu können, und den Uebermuth zurückzurufen, der sie noch vor wenig Tagen erfüllte. Ihre Gespielinnen hörten auf, sie zu beneiden, als sie sie so verändert sahen. Mit träumerischen Augen und bleichen Wangen nahm sie von ihnen Abschied, als käme sie aus einer fremden Welt, um in eine andere fremde, ferne Welt zu verschwinden, wie eine Sternschnuppe. »Dem Teufel verschrieben!« Es war, als flüstere es ihr Jemand zu. Ihr war, als würde der Bann sich nicht lösen, so lange ihr Name in Blut nicht zugestrichen wäre. Eines der Mädchen schlich hinauf, in das kleine Gefängniß! Sie wollte sehen, ob sie nicht eine Spur fände von dem, was Eleonore so verändert. Sie fand den Namen und sagte es den Andern, und verstohlen schlichen sie hinauf, es zu sehen, als hinge ein Zauber daran. Mit Blut! Was hatte sie gedacht? Die dienende Schwester wurde viel gefragt, wußte aber nichts, oder wollte nichts sagen. Der Carcer blieb für längere Zeit unbenutzt, und so blieb der Name, bleicher und dann dunkler werdend, von den Nonnen unbeachtet.

Mehr als Alle erstaunte aber die Oberin, als Eleonore, die Unbeugsame, bei ihr eintrat, auf die Knie fiel und sie inbrünstig bat, ihr zu verzeihen, das Schlechte zu vergessen, das sie gethan; sie könne sonst nie und nimmer glücklich werden. Sie hätte gern um ihren Segen gebeten, wagte es aber nicht, sie, die sich dem Teufel verschrieben. Als aber die Oberin ihr von selbst die Hand auf's Haupt legte, da begann sie so zu schluchzen, daß die alte Frau dachte, sie habe sich doch alle die Jahre in dem Kinde geirrt, und es vielleicht mit allzu großer Strenge behandelt. Eleonorens Beispiel großer Reue bestärkte die guten Damen im Systeme der Einzelhaft, anstatt sie über die Schädlichkeit desselben zu belehren.

Sie hätte sich wollen selbst einsperren und beichten, was sie gethan und mit Fasten und Kasteien den Fluch loswerden – zu spät. Die Thore des Klosters schlossen sich hinter ihr, die unschuldige Kindheit war mit einem Schlage versunken, und sie fuhr hinein in's große Leben.

Der Lootse, der zeitweilig ihr Schiffchen steuerte war wenig dazu geeignet, den Sturm ihrer Seele zu verstehen oder zu beschwichtigen. Die gute Tante schleppte sie von einem Laden in den andern, um ihr eine wunderschöne Ausstattung zu machen, und meinte damit wie eine Mutter an der Waise zu handeln. Dann ging es zum Photographen. In zwölf verschiedenen Aufnahmen und Toiletten sollte ihre Schönheit zur Geltung kommen. Eleonore hatte von Paris so gut wie nichts gesehen, und jetzt sah sie auch nicht viel mehr als Straßen und Kaufläden; aber es war doch Bewegung und Zerstreuung und kindisches Vergnügen am Putz, an ihrer eignen Schönheit. Sie war auch gar nicht so ungeduldig, die Heimreise anzutreten, seit sie am Ende derselben den unbekannten Bräutigam ahnte, nach dem sie gar kein Verlangen trug. Als aber Wien hinter ihr lag, begann sie doch, sich zu freuen und sich die Heimath auszumalen. Beim Nähern der rumänischen Grenze jubelte schon ihr Herz im Anblick der Büffelwagen, der Fuhren mit zwölf bis achtzehn kleinen Pferden, die manchmal von einem einzigen reitenden Burschen im weißen Hemde mit breitem Gurt und der Lammfellmütze gelenkt wurden. Schon wurde der Himmel anders, von dem tiefen satten Blau des Orients, mit der großen, großen Sonne, die so viel mehr Strahlen hat, als in den kälteren Ländern. Die Luft wurde heiß, und trotz des ungeheuren Staubes war es Eleonore wohl in der Hitze, wie einer Eidechse. Sie hatte förmlich geschmachtet nach ihrer Sonne und oft ihre Schulgefährtinnen ausgelacht, wenn die von Hitze sprachen und die Rollläden herabließen, während sie noch die bleiche Pariser Sonne aufsuchte, um sich zu erwärmen.

Sie hatten die Eisenbahn verlassen und bestiegen nun ihren breiten, bequemen Reisewagen mit acht Postpferden und zwei Postillonen, und nun ging es durch das blühende Land dahin, in rumänischem Tempo, dem Gute des Onkels, Morineni, zu. Eleonore jauchzte über die rasche Fahrt, das Knallen und Schreien der Postillone, über die schönen, feuerrothen Röcke und weißen Hemden und Schleier der Frauen, die in den Feldern arbeiteten. Bauern ritten an ihnen vorüber, die so stattlich zu Pferde saßen, als wären sie mit dem Thiere zusammengewachsen; ihre weißen Mäntel fielen von den Schultern nach rückwärts, innen von Pelz; außen war das Leder reich gestickt, wie auch das ärmellose Wamms, das fest den Oberkörper umschloß. Frauen ritten vorüber, die wie die Männer zu Pferde saßen, und dabei doch reitend ihre Kinder stillten. Unzählige Heerden zogen den Bergen zu. Eleonore lachte über die zottigen Esel, die einen förmlichen Pelz auf dem Leibe hatten und das Gepäck der Hirten trugen, sowie über die Hunde, die aussahen wie Schakals und wie junge Bären.

Vorbei, vorbei wie im Traume. Wie im Traume erschien ihr die fröhliche Kinderzeit wieder, wo sie mit ihrem Vater über die Felder hinjagte und die Stücke Mamaliga kostete, die eben aus dem schwarzen Kessel geholt wurden zum Morgenimbiß. Heimathliche Laute schlugen überall an ihr Ohr. O! meine wunderschöne Sprache! dachte sie; als sie aber in ihrem Kopfe Sätze bilden wollte, konnte sie es nicht mehr, und Thränen traten ihr in die Augen über den Gedanken, ihre Muttersprache vergessen zu haben. Hell lachte sie auf über einen kleinen Buben, der nichts anhatte, als ein sehr kurzes Hemd und eine ungeheure Lammfellmütze, und der eine Gans, die fast so groß war, als er selber, in die Arme genommen hatte, um sie vor einem riesigen Schwein zu retten, das sie grunzend attaquirte.

Von fern in den Feldern sah sie die großen Hebebäume der Brunnen emporragen, an denen der Eimer hinuntergelassen wird, und wenn man nahe herankam, dann standen die Mädchen barfuß daran, mit seitwärts aufgeschürzten Röcken und Nelken hinter dem Ohre.

Vorbei, vorbei; eine ganze Büffelheerde kam ihnen entgegen, vielleicht hundert Stück dieser vorsündfluthlichen Thiere, die dem Flusse zueilten und sich rasch hineinlegten, so daß nur noch ihre glänzenden Nasen und zurückgebogenen Hörner über dem Wasser sichtbar waren. Jetzt erreichten sie selber die Furth, und hindurch ging es, unter lautem Zuruf und Antreiben der Pferde. Der Fluß war durch einen Regenguß stark angeschwollen, und Eleonore klopfte das Herz vor Angst, als das rauschende Wasser fast in den Wagen hereinkam und jeden Augenblick drohte, das ganze Gefährt umzuwerfen oder davonzutragen.

»Jetzt sind wir bald zu Hause!« sagte die Tante. »Ich denke, Scherban wird uns entgegenfahren und begrüßen. Ja, dort ist er, auf des Onkels Pferde!«

In dem Augenblick sprengten zwei Reiter an den Wagen heran, der Eine von rechts, den Onkel begrüßend, der Andre von links, sich der Tante zuneigend. Eleonore würdigte den Bärtigen von links kaum eines Blickes, da er nicht groß war und nicht schön; der von rechts war dagegen wie eine Tanne, mit tiefliegenden schwarzen Augen unter buschigen Brauen, einem langen, wehenden Schnurrbart und scharf gebogener Nase, – ein prachtvolles Banditengesicht. Es gab Eleonore ein Gefühl von Zittern im Herzgrübchen, wie der schöne Mensch sich elegant vor ihr verneigte. Die Tante hatte so eifrig mit dem Andern gesprochen, daß sie einen Augenblick ihre Nichte vergessen. Jetzt wandte sie sich eifrig nach ihr um: »Eleonore, mein Vetter Scherban!« Das junge Mädchen erröthete bis in die Haarwurzeln und verneigte sich ernst und schweigend. Ihr wurde es ganz kalt im Herzen. Der war ja gar nicht schön, der Andre. Die Tante mußte sich versprochen haben. Der Schöne wurde ihr als Vetter Mihai vorgestellt. Also war es wirklich so. Der unansehnliche Mensch dort war der Bräutigam, dem sie bereits ohne Widerrede gehörte! Es war gräulich!

Die beiden jungen Männer sprengten neben dem Wagen her; nun kamen noch andere Reiter entgegen, Intendanten und Bauern, Jäger und Schullehrer, so daß eine ganze Cavalcade in den Garten und Hof von Morineni einbog. Die beiden Herren sprangen von den Pferden, den Damen aus dem Wagen zu helfen, wobei Scherban der Frau Sabine, Mihai Eleonore die Hand reichte.

Kühl und frisch nahm sie der Hausflur auf, wo eine Unzahl von Dienerinnen sie mit Blumen erwarteten und eifrig ihnen die Mäntel abnahmen.

Vom Flur kam man geradeaus in den Salon, während rechts und links Thüren in verschiedene Schlafzimmer aufstanden. Vom Salon aus hatte man einen hübschen Blick über Fluß und Teich, sogar über mehrere Teiche, nach einem Walde und in eine glitzernde Ferne hinein. Sofort wurden Bretter mit Dultschatza und Wasser gebracht, eiskaltem Wasser, das die erhitzten und durstigen Reisenden erquickte. Eleonore behauptete, gar nicht müde zu sein, während die Tante sich lebhaft auf einen niedern Divan warf, nach einem Fächer griff, der dort lag, und sich eifrig und geräuschvoll Luft zufächelte.

Nicht lange blieb man beisammen, nur bis der Onkel die Leute begrüßt hatte, dann begab man sich in die verschiedenen Zimmer des einstöckigen Hauses, zur Toilette. Eleonore war rasch angezogen und lehnte träumerisch an ihrem Fenster, als die Tante eilig bei ihr eintrat: »Nun, wie gefällt er Dir?«

»Wer?«

»Nun, Scherban?«

»Gar nicht, Tante.«

»Aber Kind! wer wird denn so etwas sagen! Er muß Dir jetzt gefallen!«

»Muß er? Der Andere gefällt mir viel besser.«

»Welcher Andere? Ach so! Der! Herr, Du meine Güte! Der darf Dir ja gar nicht gefallen, Kind, der hat sein ganzes Vermögen verspielt, und der lebt jetzt hier so bei uns, trägt des Onkels Hemden, reitet seine Pferde, und bekommt hie und da ein wenig Geld, wenn er mich sehr schön bittet. Den kann man nicht heirathen, Kind. Scherban ist ein vortrefflicher Mensch, so ordentlich, so gut für seine Bauern und seine Mutter, na, wenn Du die siehst, dann wirst Du ihn lieb haben!«

»Wohnt er mit ihr?« frug das junge Mädchen kalt. Ihr hatte ihrer Tante Rede ungeheuer mißfallen, und eine tiefe Enttäuschung kam über sie dahergekrochen, die den strahlenden Maitag grau erscheinen ließ.

»Natürlich, immer! Die wird Dir die Mutter ersetzen!«

»Aber, ich bin doch noch nicht ganz und gar verlobt?«

»Mit Deiner Erlaubniß, doch ja, ganz und gar. Man weiß es schon in der ganzen Gegend.«

»Was die Gegend weiß, ist doch mehr oder weniger gleichgültig?«

»Nein, durchaus nicht; von Zurückgehen kann gar keine Rede sein; wenn Du meinst, Du bekämst dann den Lump, den Taugenichts, dann irrst Du Dich sehr; den bekommst Du nie. Du bist recht undankbar, Eleonore, nachdem wir so gut für dich gesorgt haben!«

Die Tante brach in Thränen aus.

»Nun, nun! nicht weinen, Tantchen! ich fragte ja nur bloß so!«

Nach Tisch setzten sich die Vier zu ihrer Whistpartie. Eleonore sollte zusehen. Bald aber stand sie auf und ging auf die breite Veranda hinaus; sie wollte allein sein. Scherban hatte bei Tisch neben ihr gesessen und sie eifrig von seinen Zukunftsplänen unterhalten, in denen Alles vorkam, nur kein Reisen. Eleonore bemerkte es und fühlte sich von dem Gespenst der Langenweile ergriffen bei dem Gedanken, ihre Tage auf dem Lande, zwischen dem braven Mann und seiner Mutter zuzubringen. Wenn die so war, wie er, dann wollte sie sich nur gleich begraben lassen.

Die war aber nicht so, wie er; das sah sie am nächsten Tage, als eine hohe, stattliche Frau in den Salon eintrat, mit Adlernase und großen dunkeln Augen, schwarzen Brauen, die über dem Augenwinkel eine scharfe Ecke bildeten und sich fast über der Nase begegneten. Ihre Zähne standen in tadellosen Reihen und leuchteten in dem dunkeln Gesicht, während die Stimme tief und voll zwischen ihnen hervordrang. Die Haare lagen glatt gescheitelt um die gerade, feste, niedrige Stirn, rabenschwarz, noch kein graues Haar war sichtbar. Begleitet war sie von zwei Töchtern, von denen die Eine ihr gleich, die Andre ihrem Sohne. Neugierig betrachteten die ihres Bruders Braut, während die Mutter, Frau Pulcheria, sie mit einem Blick eingehüllt und studirt hatte, und sie freundlich auf die Stirn küßte, während das junge Mädchen sich über ihre Hand beugte.

Eleonore fühlte ein leises Bangen vor dieser imponirenden Frau und dachte: »Wäre doch ihr Sohn so wie sie! ich wollte ihm dienen!« – Sie war zu ihr hingezogen, trotz der Scheu, die sie ihr einflößte, und flüchtete sich in ihre Nähe, um den Fragen der jungen Mädchen und den Erklärungen ihres Bräutigams zu entgehen. Sie hätte gern mit Mihai gesprochen. Der aber kam kaum in ihre Nähe.

»Nicht wahr, was sie für schöne grüne Augen hat?« sagte eben Scherban zu ihm, der eine Cigarette nach der andern anrauchte und fortwarf.

»Wer?«

»Nun, Eleonore natürlich, meine Braut.«

»Es ist wahr, sie sind eigentlich grün,« antwortete Mihai gleichgültig.

»Für einen Frauenverehrer finde ich Dich kalt, vor so viel Schönheit!«

»Mich? Ich habe schon Viele gesehen, und dann – ist sie nicht meine Braut. – Ich wollte, sie wär's,« kam so leise nach, mit den Zähnen in der Cigarette, daß Scherban es überhörte.

Das Leben in Morineni wurde für die nächsten fünf Wochen überaus lustig. Dann sollte der Hochzeitstag kommen, und dann würde Alles aus und vorbei sein, dachte Eleonore. Sie sah nie ihren Bräutigam allein, hatte auch nicht das geringste Verlangen danach, sondern war froh, mit ihm, ihren beiden Schwägerinnen, Mihai und dem Onkel endlose Ritte zu machen und Abends zum Klang von Sabinens Walzern und Polka's zu tanzen. Mihai war ein wunderbarer Tänzer. An seinem Arme fühlte man den Boden nicht. Nachbarn kamen von überall, und da wurde im Garten gespielt und Eis gegessen, auf dem Teich gerudert, das Gestüt besucht und die Bonbons aufgezehrt, die, der Sitte gemäß, alle drei Tage von Bukarest ankamen, nebst einem prachtvollen Bouquet. Glücklicherweise ist der Brautstand nie lang, sonst könnte sich ein Bräutigam an den Blumen und Bonbons ruiniren, die er täglich liefern muß.

»Weißt Du auch, was für eine Frau Deine Schwiegermutter ist?« sagte Elenorens Onkel eines Tages.

»Sie ist wundervoll, und ich verehre sie!«

»Nicht genug! nicht genug! Ihrethalben haben wir ihren Sohn zu Deinem Mann ausersehen. Wer solch eine Mutter hat, in dem muß Etwas drinstecken.«

»Wenn er nur aussähe wie Mihai!« dachte Eleonore und erschrak über ihren Gedanken. Laut sagte sie:

»Er gleicht ihr aber doch sehr wenig!«

»Das thut nichts, Kind, sie hat ihn erzogen und mit ihren großen Gedanken erfüllt!«

Eleonore sah ihren Onkel erstaunt an. Sie hatte noch keinen großen Gedanken von ihrem Bräutigam vernommen; aber vielleicht hob er sie für später auf. Mihai hatte allerhand Schönes, Tiefempfundenes gesagt, das ihr zu denken gegeben, und hatte sogar schöne französische Sonnete gemacht; der war doch gebildet. Scherban sprach von der Erndte, von den Armen auf dem Gute, von dem, was sie zu thun haben würde. Und Eleonore hatte zum Thun noch gar keine Lust. Sie wollte lieber blühen in bewußter Herrlichkeit, als des Lebens Last auf sich nehmen.

»Sie hat ihren Mann vor Sibirien gerettet, Deine Schwiegermutter!«

»Vor Sibirien?«

»Ja! zur Zeit, wie die Russen das Land besetzt hielten. Davon macht man sich jetzt keine Vorstellung mehr. Aber damals lastete ein großer Druck auf dem Lande, und wer den nicht ertragen wollte, mit dem wurde kurzer Proceß gemacht. Frau Pulcheria hatte den Verdruß einer starken Einquartirung, die ihr noch unleidlicher gemacht wurde durch die Rohheit eines Capitäns, der sich wie der Herr im Hause benahm. Er ließ ihre Pferde aus dem Stall führen, um die seinen hineinzustellen; er schrie und schimpfte den ganzen Tag; die Aergernisse waren zahllos. Eines Tages wollte er wieder Etwas, was kein Mensch verstand, da er keine andere Sprache sprach als Russisch, und wie Frau Pulcheria mit ihrem Mann auf dem Divan saß, kam der rohe Kerl herein, schrie und schimpfte in seiner Sprache und rückte, mit der Faust drohend, dem Hausherrn auf den Leib. Dieser sprang auf, bereit, sich zur Wehr zu setzen. Wie der Blitz stand Frau Pulcheria auf den Füßen und gab dem frechen Eindringling zwei so furchtbare Ohrfeigen, daß der rückwärts taumelte. Dann stieg Frau Pulcheria vom Divan herab und schritt majestätisch hinaus.

›Aber Frau! was hast Du gemacht!‹ sagte Dein Schwiegervater.

›Ich habe gethan, was Du thun wolltest, was Dir aber den Hals gekostet hätte, oder Dich mindestens nach Sibirien gebracht auf Nimmerwiedersehen! Gieb Acht! der ist zahm jetzt!‹

Und richtig, es verging keine halbe Stunde, da kam der Russe de- und wehmüthig hereingekrochen, bat und beschwor, daß ja Niemand die Sache erführe, es würde ihm sonst schlimm ergehen, und blieb von Stund an höflich.«

Eleonore fand die Geschichte sehr schön, bewunderte ihre Schwiegermutter sehr und fand es tröstlich, daß sie bei ihr im Hause bliebe; es würde unterhaltender sein, mit ihr zu sprechen, als mit Scherban.

Bei ihrer Trauung war Eleonore in keiner Weise bewegt oder ergriffen, sondern ließ ihre Augen durch die Kirche schweifen. Sie sah außerordentlich schön aus, unter den Goldfäden, die ihr statt des Schleiers vom Kopfe bis über die ganze Schleppe niederrieselten, den weichen Linien des Körpers folgend, wie Haare, sie mit Glanz umgebend, wie Sonnenstrahlen.

»Wenn Du den Altar umwandelst,« hatte ihre kleine Schwägerin Linza gesagt, »dann vergiß nicht, an mich zu denken und mit dem Fuß etwas zu schleifen, aber nach Vorne, dann bekomme ich auch einen Mann!«

Eleonore dachte daran, und während ein Blumenschauer auf sie niederfiel, hob sie den Blick nach dem nußbraunen Gesicht und den brennend  schwarzen Augen der kleinen Linza, traf aber statt dessen in ein anderes, flammendes Auge, in das von Mihai, das sie mit unverhohlener Bewunderung und Begierde betrachtete. Sie erschrak so heftig, daß sie einen Augenblick schwankte. War das der Teufel gewesen, der sie angesehen? Warum fiel er ihr jetzt auf einmal ein? Sie hatte es doch ganz vergessen! Und als sie sich über den Altar neigte, Evangelium und Kreuz zu küssen, da glitt ihr der Goldreif mit dem Kreuz daran, vom Kopfe, den man während eines Theils der Trauung trägt, und rollte zur Erde – eine furchtbar schlimme Vorbedeutung. Die beiden Schwägerinnen, die übermüthige Linza und die ernste Zoe, sahen einander erstaunt an; Mihai hatte ein höhnisches Lächeln und nahm die Spitze seines langen Schnurrbartes zwischen die Zähne. Er hatte auch gesehen, daß Eleonore das Lachen kaum hatte unterdrücken können, als man ihrem Bräutigam die Krone aufsetzte. Sie stand ihm gar zu schlecht! – Wenn Frau Pulcheria von dem allen nicht erbaut war, so ließ sie es nicht merken, sondern stand wie eine Statue neben ihrer Schwiegertochter, der sie Brautmutter war. – –

Anderthalb Jahre waren vergangen. Da kam die kleine Linza von einer ihrer endlosen Wanderungen heim. Sie liebte es, sich ohne Hut in die Julisonne zu setzen und sich braten zu lassen. Und die Julisonne in Rumänien läßt das Thermometer auf 50 Grad steigen. Sie war sehr weit gelaufen und war auf einmal müde. Da ersah sie ein Bauernpferd, das auf der Wiese mit gekoppelten Füßen weidete, immer mit einem kleinen Sprung die Vorderfüße hebend, um eine weniger dürre Stelle und noch einige grüne Grashalme zu finden. Im Nu hatte sie die Koppel gelöst und saß wie ein Knabe dem ungesattelten und ungezäumten Pferde auf dem Rücken, ihm mit kleinen Schlägen auf Hals und Ohren andeutend, wohin sie getragen zu werden wünsche. Das Pferd schüttelte zuerst den Kopf, aber Linza gab ihm den ganzen Blumenstrauß zu fressen, mit dem sie sich zu Tische hatte Kleid und Haare schmücken wollen, und überredete es zum Vorwärtsgehen. Sie kam bald in ein dichtes, schattiges Wäldchen, wo das Pferd es viel angenehmer fand, das frischere Gras und die Blätter abzuweiden, als sich weiter zu bemühen. Linza wartete eine Weile; da hörte sie Stimmen in der Nähe und erkannte bald Eleonoren's Redeweise, die sagte:

»Nein, Mihai! laß mich! ich will vorüber; ich muß nach Hause! Ich fürchte mich vor Dir!«

Linza streckte das braune Köpfchen vor auf des Pferdes Hals, hielt den Athem an, und ihre Augen funkelten, wie die einer wilden Katze.

»Es hilft Dir nichts!« sagte der Andere, »Du hast so lange mit mir gespielt, jetzt wird's Ernst, und Du entgehst mir nicht mehr!«

»Ich habe gar nicht gespielt!« keuchte Eleonore, »es ist nicht wahr! Aber Du bist der Teufel, ich weiß es, Du führst einen in Versuchung! Du siehst, wenn man schwach ist und unglücklich und enttäuscht ist, und anstatt zu helfen, machst Du Dir's zu Nutze. Laß mich los!«

»Ich werde Dich loslassen, wenn's mir beliebt, nicht eher!«

»Ach bitte, laß mich gehen! Ich habe Todesangst!«

»Angst? Vor was? Vor den Bäumen? Denn Menschen sind hier keine, weit und breit. Ruf' nur, so viel Du willst! Hier hört Dich Niemand! Du bist in meiner Gewalt!«

»Ich hasse Dich!«

»Nein, das thust Du nicht! Du hast mich lieb, seit der ersten Stunde, und daß Du trotzdem Scherban genommen, das war Deine Sache, das war schon ein Eidbruch mit Deinem eigenen Herzen. Da warst Du schon verloren, Eleonore, und mir verfallen! Du weißt es recht gut!«

»O, Mihai! hast Du denn kein Erbarmen mit mir? bin ich denn nicht elend genug?«

»Gerade! aus Mitleid will ich Dich glücklich machen und Dich lehren, was Liebe heißt. Du hast ja noch keine Ahnung davon, armes Kind!«

In dem Augenblick hatte Linza einen Zweig abgerissen, damit dem Pferde einen so kräftigen Schlag versetzt, daß es zu traben begann, und so kam sie nickend und lachend an dem Paare vorbei. Sie sah sich noch lange nach ihnen um und zeigte ihre weißen Zähne.

Zu Hause sprang sie herunter, flog zur Mutter herein und erzählte ihr haarklein, was sie gesehen und gehört.

Eine Stunde später sahen Linza und Zoé zum Fenster hinaus. Da kam Eleonore langsam daher, mit gesenktem Kopfe.

»Ich hasse sie!« sagte Zoé.

»Die Mutter hat gesagt, kein Wort soll Scherban erfahren! Denke Dir, der arme Scherban!«

»Hast Du's noch Keinem ausgeplaudert?«

»Gott bewahre! Keinem!«

»Nur der Keti und der Maritzä und der Sophie und – – –«

»Halt! Halt! das sind zu Viele!«

»Also nur Zweien davon? Kenne ich Dich nicht? Du bist unverbesserlich!«

»Eleonore!« rief Frau Pulcheria's tiefe Stimme aus dem Fenster.

Die Angeredete erbebte sichtbar und wurde sehr bleich.

»Eleonore! bitte, komm einmal zu mir herein!«

Als sie eintrat, schloß Frau Pulcheria die Thüre hinter ihr zu und ließ die Portiere darüberfallen.

»Was wir zu sprechen haben, ist nicht für fremde Augen und Ohren,« sagte sie. »Wenn es Dir auch nicht bei uns gefällt und Du es uns noch so sehr fühlen lässest, so können wir das geduldig ertragen; wenn Du aber in andern Liebschaften Trost suchst, so brauchen wir das nicht hinzunehmen. Ich gedenke für den Augenblick zu schweigen, um meines Sohnes Herz nicht zu brechen. Wenn Du aber fortfährst, seinen Namen mit Schande zu bedecken, so werde ich vor dem tödtlichen Schmerz nicht zurückbeben, den ich ihm anthun muß, Dich aber öffentlich von unserm Hofe hinauspeitschen lassen. Verstanden?«

Eleonore fiel auf die Knie.

»Es ist Alles Verleumdung!« stammelte sie, »es ist nicht wahr! O, bitte, liebe Mutter! sei barmherzig!!«

»Ich habe Dich gewarnt. Ich verlange keine Geständnisse; ich will gar nichts wissen. Geh jetzt.«

Sie schloß mit ihrer festen Hand die Thür auf und ließ Eleonore hinaus, die vor der Mutter Flammenauge in sich erschauerte.

Bekanntermaßen ist aber kein Riegel so fest und keine Mauer so hoch, daß Liebe sich nicht erreicht.

Monate waren vergangen. Scherban war in Proceßangelegenheiten in Bukarest gewesen. Man wußte nicht genau, wann er wiederkäme. Der October stand mit seiner ganzen Pracht auf dem Lande. Weinlese überall. Es war eine solche Fülle, daß man die alten Fässer auslaufen ließ, weil nicht genug neue vorhanden, und dennoch mußte man ganze Weinberge ungepflückt stehen lassen, weil es zu viel war.

Haus und Hof standen leer, denn alle Hände waren in den Weinbergen thätig. Auch Frau Pulcheria war draußen gewesen, und heimkommend blieb sie einen Augenblick vor dem Hause stehen, mit der Hand die Augen schützend und über die golden schimmernde Landschaft hinspähend. Da hörte sie über sich, im Zimmer, leises Flüstern, aus dem sie nur einzelne Worte vernehmen konnte.

»Dem Teufel, Eleonore?«

»Ja, dem gehöre ich.« Dann wurde es wieder undeutlich.

»Ich bitte Dich! geh' fort! sie können kommen!«

»Was thut's? Darf ich Dich nicht besuchen?«

»O! Du weißt nicht, womit meine Schwiegermutter mir gedroht hat! Ich zittre vor Angst!«

»Du wirst meinen Aplomb bewundern!«

»Ach! geh' lieber fort, Mihai!«

Frau Pulcheria hatte sich an die Mauer gelehnt, die Hand auf's Herz gedrückt und öffnete und schloß die Lippen, wie in großen Körperschmerzen.

Hätte Eleonore die Flamme in den Augen gesehen!

Eben ging die Thür auf, und Mihai stand vor ihr.

Beide blieben einige Minuten sprachlos.

Frau Pulcheria faßte sich zuerst:

»Mein Sohn wird in einigen Augenblicken hier sein,« sagte sie, »wollen Sie ihn nicht erwarten?«

»O, nein, gewiß, ich weiß nicht, ich wollte nur sehen, – ich habe leider gar keine Zeit – bei meinem Vetter ist Weinlese, da konnte man mich nicht brauchen, ich dachte, Scherban zu finden.«

So stammelte er von Satz zu Satz. Frau Pulcheria starrte ihn mit ihren sprühenden Augen an.

»Wir sind hier auch sehr beschäftigt,« sagte sie.

»Ich werde darum mir erlauben, mich zu empfehlen.«

Frau Pulcheria neigte den Kopf und schritt an ihm vorüber, in's Haus hinein.

Eleonore stand in den Fenstervorhang gedrückt, als ihre Schwiegermutter bei ihr eintrat. Sie zitterte wie ein Blatt und sah schon im Geist das Strafgericht hereinbrechen. Aber Frau Pulcheria sagte kein Wort und sah sie nur immer an, vielleicht eine Viertelstunde lang. Eleonore hielt sich am Vorhang fest, um nicht hinzufallen, und der Vorhang zitterte mit ihr und drohte jeden Augenblick abzureißen.

Aber Frau Pulcheria sagte noch immer kein Wort.

Eleonore wagte nichts zu sagen, da sie nicht wußte, was ihre Schwiegermutter gehört, und so fürchtete sie, sich zu verrathen, wenn sie sich entschuldigte.

Da trat erlösend Zoé in's Zimmer, die Mutter etwas zu fragen, und Frau Pulcheria ging mit ihr hinaus und ließ Eleonore stehen. Die mußte sich mit heftigem Kopfweh zu Bett legen und konnte an dem Tage nicht mehr erscheinen. Sie zitterte noch fort und fort in ihrem Bett und konnte sich nicht erwärmen.

Eleonore war leidend und so reizbar, daß man gar nicht mehr mit ihr fertig werden konnte. Besonders mit Linza zankte sie sich in einem fort, und die Beiden thaten sich Schabernack an, wo sie nur konnten. Einmal hatten sie sich wieder gestritten, und Eleonore durchwandelte das Haus in Rachegedanken, konnte die kleine Hexe aber nirgends finden. Auf einmal hörte sie aus dem Badezimmer Linza's Geige tönen. Erstaunt machte sie unhörbar die Thüre auf. Da stand das junge Mädchen in der Kupferbadewanne und lauschte selig und entzückt den Tönen, die so wunderbar voll klangen, durch den Widerhall. Eleonore ging mit Katzenschritten hin, öffnete zuerst alle Krahnen und ließ die Brause los, so daß in einem Augenblick Linza mit sammt ihrer Geige von Wasser überfluthet war. Das arme Kind weinte vor Zorn; denn sie dachte, ihre geliebte Geige sei nun für immer ruinirt. »Zigeunerkind!« rief ihr Eleonore lachend zu und war fort, bevor Linza sie erreichen konnte.

Zur selben Stunde jagte Scherban mit verhängtem Zügel über die Felder dahin, in denen die junge Saat sich bog und wellte unter dem flüchtigen Dahinschweifen. Sein prachtvoller Hengst war mit Schaum bedeckt, der in Fetzen umherflog und den Reiter übersprühte. Die Sonne brannte noch mit voller Gewalt, so daß die Bäume wieder zu blühen anfingen und das Gras frisch ergrünte. Thauige Silberfäden durchzogen die Luft, und von allen Weinbergen klangen Geigenstrich und Jubelgeschrei, Schüsse, stampfende Füße und Gelächter. Die Burschen waren mit vierspännigen Ochsenwagen vor des Priesters Haus gefahren, hatten sein wunderschönes Töchterlein herausgeholt, es mit Reben bekränzt, und unter Begleitung der Geigen und Flöten brachten sie es nun zur Butte, wo in einem reinen weißen Sack die schönsten Trauben geschichtet lagen. Dem jungen Mädchen mußte die Mutter die Schuhe ausziehen, die Kleider schürzen, und dann tanzte sie zur Musik auf den Trauben umher. Das war der Beginn des Kelterns und gab den feurigsten Wein. Als sie genugsam getanzt, durfte der Bräutigam sich nahen und ihr die Fußsohlen küssen, was alle andern Burschen mit Neid ansahen, und riefen: »Wie bist Du schön und roth! Hat der Frühling Dir Ohrfeigen gegeben, Viorica?«

Vorbei jagte Scherban, ohne all' der Pracht und Lustbarkeit einen einzigen Blick zu gönnen. Sonst hatte er immer soviel Freude gehabt an der übermüthigen Jugend, an den schlanken Burschen, mit dem wie Rabenfedern auf die Schultern wallenden Haar und den Augen wie Brombeeren, an den zierlichen Mädchen mit der biegsamen Gestalt und der zarten Brust, die sich unter dem reich gestickten Hemde wölbte. Er traute und taufte Alles in der Umgegend und war bei Alt und Jung beliebt. Wie sie ihn dahinjagen sahen, wurden sie plötzlich ernst und still und schauten einander mit großen Augen und langen Blicken an. Dann aber flogen bald die Scherzreden wieder hin und her, die von Witz sprühten und dabei oft hochpoetisch waren. Nie blieben sich Bursch und Mädchen in ihren Trutzreden die Antwort schuldig. Das flog umher wie ein leichtes Geknatter.

Scherban sprang im Garten vom Pferde, um ungesehen und ungehört ins Haus zu gelangen; das Thier zitterte; seine Nüstern bebten, und seine seidige Haut war wie mit einem Netz von feinen Adern durchzogen. Golden glänzte sein Fell, wie das Herbstlaub ihm zu Häupten und zu Füßen, in das sich die Sonnenstrahlen festgesaugt zu haben schienen. Es war, als trügen die Blätter den Widerschein all' der Sonne, die sie den ganzen Sommer angeschaut, und wollten nun ebenso leuchten wie sie.

Frau Pulcheria's scharfe Ohren hatten das Pferd vernommen, und so stand sie am Fenster, als ihr Sohn raschen Schrittes, aber todtenbleich daherkam. Ihre Brauen zogen sich in Angst und Sorge zusammen, als sie sein Gesicht sah, aber groß und fest ruhte ihr dunkles Auge auf ihm, als er ohne Gruß eintrat und mit perlenden Tropfen auf der Stirn zwei Briefe vor sie auf den Tisch warf.

»Da lies, Mutter, sie sind zwar anonym, aber Du mußt sie doch lesen.«

»Wer wird sich denn um anonyme Briefe bekümmern?«

»Ich weiß, Mutter, es ist eine Feigheit; es ist Alles thöricht, es ist was Du willst, aber lies doch!«

Sie ließ den Blick über die beiden Papiere hinschweifen. Sie hatte sie im Augenblick gelesen – ahnte sie doch ihren Inhalt, aber immer noch hielt sie die Wimpern gesenkt, um sich zu sammeln und das Rechte zu sagen.

»Mutter! Das ist doch eine abscheuliche Verleumdung. Mihai ist mein Freund! er würde doch nicht so schändlich sein, mir meine Frau – – –« er griff sich nach dem Kopfe.

»Natürlich nicht, Scherban! wie kannst Du es nur einen Augenblick glauben, was schändliche Menschen Dir anthun wollen?«

»Nein, ich glaube es ja auch nicht, Mutter, wie Du siehst, ich glaube es keinen Augenblick. Nur, wie konnte man so etwas erfinden, wenn sie nicht unvorsichtig waren?«

»Unschuldige Menschen sind gerade oft sehr unvorsichtig.«

»Du hast doch volles Vertrauen zu meiner Frau, Mutter?«

»Ich würde nie unserm Hause die Schmach anthun, einen Verdacht auf Deine Frau fallen zu lassen.«

»Du hast sie mehr beobachtet als ich, Mutter? Du fandest sie nicht unruhig, zerstreut?«

»Nicht, daß ich wüßte.«

»Mihai war öfter hier?«

»Nein, seltener.«

»Seltener? Mutter, es ist lächerlich; aber daß er seltener kam, erfüllt mich mit Angst. Sage mir, daß meine Frau rein ist, so will ich Dir glauben. Denn Du siehst Alles, Dir bleibt kein Schritt, kein Laut verborgen.«

Frau Pulcheria sah ihren Sohn an, ohne zu blinzeln, als wollte sie ein Ungeheuer bannen:

»Deine Frau ist unschuldig, Scherban.«

»Schwöre es mir!«

Sie unterdrückte ein Beben, das durch ihre hohe Gestalt rann und fast die Lippen ergriffen hätte.

»Ich schwöre es.«

Mit Entsetzen sah sie, wie er in die Ecke des Zimmers eilte, wo unter einer ewigen Lampe ihre Heiligenbilder standen. Er brachte sie ihr.

»Mutter, lege die Hand auf die Heiligenbilder und schwöre mir, daß meine Frau mir treu ist.«

Er sah sie an wie ein hungriges Thier und folgte jeder ihrer Bewegungen.

Als wäre ihre Hand von Blei, so langsam hob sie sie auf und legte sie auf die Heiligenbilder:

»Ich schwöre!« sie hatte die Augen gen Himmel gewandt, und ihr Herz sandte die heiße Bitte empor, der höchsten Mutterliebe selbst einen falschen Schwur zu verzeihen.

»O, danke, Mutter! danke, Mutter!« Er legte die Bilder auf den Tisch, fiel vor ihr auf die Knie und bedeckte weinend ihre Hände mit Küssen.

»Du rettest mir das Leben, Mutter! ich hätte Alles ertragen können, nur dies Eine nicht! Ich bin ja nicht schön, noch liebenswerth, aber ich habe sie so unsinnig lieb! Sie muß es doch fühlen! Vielleicht wird sie gerührt davon: vielleicht wird sie mich einmal gern haben. Mir wäre das Herz gebrochen. Ich hätte eine feige That begangen! Du hast mich gerettet, Mutter! Denn Deine Augen schauen, und Dein Mund hat noch nie eine Unwahrheit gesprochen!« Dann verließ er sie.

Einen Augenblick stand sie noch an derselben Stelle und sah ihm nach; dann fiel sie auf die Knie, wollte die Bilder nehmen und küssen, legte sie aber wieder hin.

»Diese Lippen dürfen im Leben nie mehr Kreuz oder Bild küssen!« dachte sie, und die Stirn auf die Tischkante lehnend, weinte sie wie in jungen stürmischen Tagen. »Ich mußte mein Kind bewahren! Verzeih mir's Gott! verzeih mir's Gott! Ich bin nur eine arme schwache Mutter! Verzeih mir, heilige Jungfrau! Du weißt, wie es einer Mutter ist!«

Als sie sich von den Knien erhob, wußte sie, daß sie für ihr ganzes Leben eine Schuld zu tragen und zu büßen habe, die keine Erdenmacht und keine Himmelsgewalt von ihr abwälzen könne. Sie war aber eine starke Seele und gedachte, das zu tragen aus Liebe zu ihrem Kinde, was sie nie hatte auf sich nehmen wollen, in ihrem strengen, fleckenlosen Leben, das Gefühl der Schuld und der Sünde. Er ahnte nicht, welches Opfer ihm seine Mutter gebracht, während er sein junges Weib umarmte, das purpurroth geworden war bei seinem Anblicke.

Am Nachmittage war er mit seinen Schwestern in den Weinberg gegangen. Eleonore klagte über Müdigkeit und blieb zu Hause. Da trat ihre Schwiegermutter bei ihr ein:

»Du weißt noch nicht, daß Dein Mann durch Briefe von Deinem Thun unterrichtet ist und daß ich ihm geschworen, Du seist unschuldig.«

»Das hat Niemand Anderes gethan als Linza!« stieß Eleonore hervor.

»Ich finde Dich nicht in der Lage, Andere anzuklagen, da Du Dich schwer selber vertheidigen kannst. Die Briefe waren anonym.«

»Desto schlimmer, wenn er's glaubt.«

»Er glaubt es nicht; aber bei der Größe seiner Leidenschaft laß Dir's gesagt sein: Wenn er noch einmal Verdacht schöpft, tödtet er Dich und sich.«

In dem Augenblick erscholl Peitschengeknall und Postillongeschrei, und ein Wagen mit Frau Sabine, dem Onkel Radu und dem Vetter Mihai bog in den Hof ein.

»Da sind wir einmal wieder«, rief Frau Sabine lustig, »denn wir ahnen, daß es hier vergnügt zugehen muß bei der Weinlese!«

»Alle sind draußen im Weinberg,« sagte Frau Pulcheria, ihren Gästen entgegentretend.

»Alle? Auch Eleonore?«

»Nein, liebe Tante, ich bin hier!« klang es vom Fenster, und Eleonorens reizender Kopf bog sich erglühend heraus.

»Nun, so komm mit! Wo ist Dein Mann?«

»Draußen, ich komme gleich.«

»Du warst ja zu leidend,« sagte Frau Pulcheria mit strenger Stimme und drohendem Blick.

»Kann mir's nicht besser geworden sein?« klang scharf und schnippisch die Antwort.

»Nein, es ist Dir nicht besser, und ich befehle Dir, zu Hause zu bleiben.«

»Oho! wie streng!« sagte der Onkel.

»Ich bin eine unangenehme Schwiegermutter!« sagte Frau Pulcheria lächelnd.

»Dann bleibe ich hier!« rief die Tante Sabine. Eleonore wäre lieber allein geblieben, um ihren Unmuth auszuweinen. Mit hungrigen Augen sah sie den Herren nach, die dem Weinberge zuwanderten. Frau Sabine setzte sich auf ein kleines Sopha und zog Eleonore heran.

»Es geht wohl doch nicht so sehr gut zwischen Dir und Deiner Schwiegermutter?« sagte sie in halbem Flüsterton, mit wichtiger Miene.

»Wie soll es gehen, Tante? Es scheint, ich bin ungehorsam!«

»Sie gängelt Dich wohl ein bischen viel? Aber das thut sie ja aus lauter Liebe und Güte.«

»Meinst Du?« sagte die junge Frau bitter. Ihr quollen solche heiße, böse, ungeduldige Worte in den Hals; aber sie fürchtete sich und hielt sie zurück.

»Und Dein Mann ist doch gut für Dich?«

»O sehr gut, natürlich, wie ein Schaf! Er macht Alles, was ich will!«

»Das ist schlimm, sehr schlimm!« sagte Frau Sabine und sah so bedenklich drein, wie ihr heiteres Gesicht es zuließ.

Eleonore lachte: »Du scheinst ja für die Argumente des heiligen Nicolaus eingenommen zu sein, Tante?«

»Dir wär's besser, Du hättest ein wenig Furcht vor Deinem Mann, da hättest Du ihn viel lieber!«

Eleonore sah nachdenklich vor sich nieder: »Du hast vielleicht recht, Tante!« sagte sie langsam.

»Ich werde ihn lehren, Dich zu behandeln!« rief Frau Sabine lachend.

Sie fand ihre Nichte an dem Tage merkwürdig zerstreut. Diese horchte mit gespanntem Ohre hinaus, auf den Schritt, den allein sie hören wollte. Aber die Abendschatten brachen herein, und der Onkel kam allein zurück. Mihai sei schon heimgeritten. Eleonore war es, als würde ihr Herz zu Stein, besonders als der Onkel sagte, sie zögen in 14 Tagen in die Stadt, da das Theater schon angefangen habe. Sie sollte in diesem Winter auf dem Lande bleiben; man müsse sie ruhig halten, entschied Frau Pulcheria.

Der Januar glitzerte crystallklar auf der Erde, in der Luft. Am 2. waren noch 15 Grad Wärme gewesen, und jetzt waren 18 Grad Kälte. Es fror Stein und Bein; selbst das Schlittschuhlaufen hatten die jungen Mädchen, der zu großen Kälte halber, einstellen müssen, und bereiteten sich eifrig auf den Carneval vor, den ersten, den sie in der Hauptstadt zubringen sollten.

Frau Pulcheria athmete freier, im Gedanken, daß die gefährliche Nähe für einige Monate nicht mehr existire, und da sie ihres Sohnes Hausehre nicht mehr zu hüten brauchte, gedachte sie, an das Verheirathen ihrer Töchter zu gehen. Eleonore bangte es weniger vor der Einsamkeit, als vor den furchtbaren Augen, die immer auf sie geheftet waren, wie ein folterndes Gewissen. Scherban's hingebende Liebe würde sie auch besser ertragen können, wenn seine Mutter und Schwestern es nicht mehr sähen, und ihr oft durch einen raschen Blick einen schneidenderen Vorwurf machten, als in Worten. Er war voll zartester Aufmerksamkeit für sie, so daß seine Schwestern oft unter einander ihrem ganzen Groll gegen Eleonore Luft machten, die so viel Güte nicht verdiente. Mit der Mutter durften sie nicht darüber sprechen. Die hatte streng verboten, dies Thema zu berühren.

Heute endlich stand der Schlitten vor der Thüre, und Scherban sagte, er wolle die Mutter selber fahren; er wolle die Damen den Weg im tiefen Winter nicht allein machen lassen.

In drei Tagen komme ich wieder, mein Herz! Du mußt Dich nicht allzusehr langweilen. Du hast ja Dein Clavier und schöne Bücher und die Haushaltung! Ich eile mich sehr!« Und dahin glitt lautlos der Schlitten in solcher Schnelle, daß das Schellengeläute ferner und ferner klang und bald gänzlich verhallte. Seufzend wandte sich Eleonore in's Zimmer zurück; sie gedachte all' der schönen Bälle und der schönen Pariser Toiletten, die sie noch nicht einmal ausgepackt; da krachte es laut auf dem Schnee, und ein Bote stand vor der Thür, mit einem Briefe.

Als sie ihn öffnete, zitterten ihre Hände, und sie mußte sich schnell niedersetzen. Er lautete:

»Bei einbrechender Nacht hält ein Schlitten am Garten. Wenn Du mich lieb hast, packe einige Sachen zusammen, nimm Geld mit; am nächsten Kreuzwege steige ich zu Dir ein, und in wenig Tagen sind wir in Nizza.«

Eleonore lehnte sich in den Sessel zurück, einer Ohnmacht nahe. Sie sollte eine Entscheidung treffen, die ihr ganzes Leben mit einem Schlage verändern würde. – Aber mit ihm, an seiner Seite! Würde es nicht der Himmel sein?

Zwanzigmal sprang sie auf und begann ihre Sachen zusammenzuraffen, setzte sich aber wieder hin und faltete die Hände krampfhaft zwischen ihren Knien. Bis zum Abend war sie fest entschlossen, zu bleiben. Da hörte sie Schlittenglocken unter der Gartenthür, und ohne Besinnen hüllte sie sich in ihren schönen Pelzmantel, warf das Otterkäppchen auf den Kopf, griff nach ihrem Bündel und nach dem Gelde und rannte, ohne umzusehen, der Gartenthüre zu. Sie kannte weder Kutscher noch Pferde. Aber kaum war sie im Schlitten, da ging es auch schon in rasendem Laufe der feurigsten Pferde vorwärts. Sie durchspähte die einbrechende Dunkelheit nach Mihai, sah ihn aber immer nicht. Ihr schlug das Herz hörbar, als sie am Waldrande eine große Zahl umherschleichender Thiere sah. Auf dem Schnee, in der Dunkelheit, sahen sie ungeheuer aus.

»Sind das Büffel?« fragte sie erschrocken. »Nein, Hunde!« murmelte der Kutscher, ohne sich umzusehen, und die Pferde fester in die Hand nehmend.

»Merkwürdige Hunde!« dachte Eleonore. »Das werden doch keine Wölfe sein? Scherban wollte seine Mutter nicht allein fahren lassen, er sagte nichts von Wölfen. Sind das wirklich Hunde?« fragte sie laut, als man sich dem Walde näherte.

»Hunde, ja Hunde!« sagte der Kutscher. Da stand der Schlitten eine Secunde; eine schwarze Gestalt sprang hinein mit der Frage: »Kannst Du Dich auf Deine Pferde verlassen?«

»Sie gehen wie die Drachen!« war die Antwort. Eleonore schmiegte sich an Mihai, der aber gar keinen Blick für sie hatte, sondern scharf nach dem Waldrande spähte, wo die Hunde sich rasch vermehrten. Jetzt ging der Mond auf und schüttete sein breites Licht durch die klare Luft in leuchtender Pracht über Feld und Wald; das Feld war eine Schneedecke, die sich hier und da in leisen Wellen hob und senkte; der Wald war ein glitzernder Dom, dessen feines Gefieder in Millionen crystallenen Spitzen gegen den nächtigen Himmel emporstarrte. Jetzt fuhren sie in den Dom ein, unter die gespenstischen Schatten der Buchen und Eichen, und in einem Augenblick waren sie von einem ganzen Rudel heulender Thiere umringt.

»Wölfe!« schrie Eleonore, und klammerte sich an Mihai's Arme.

»Laß mich los!« sagte der so barsch, wie sie ihn noch nie hatte sprechen hören. »Laß mich los, sonst kann ich nicht schießen. Fahr' zu, Kutscher.« Der Kutscher hieb in die Pferde, die sonst nie eine Peitsche gefühlt, und da stoben sie hin, wie ein Wirbel. Mihai holte eine Flinte unter seinem Pelze hervor, und schoß unter die Wölfe. Die fielen gleich über den Gefallenen her. Es waren ihrer aber zu viele; dicht den Schlitten umringend, jagten sie mit. Wäre ein Pferd ausgeglitten oder gestürzt, so waren sie alle verloren. Mihai schoß wieder, lud schnell und schoß zum dritten Mal. Da erst wurden ihre Begleiter stutzig und blieben zurück. Als Mihai sich nach Eleonoren umwandte, lag die in tiefer Ohnmacht, und mit einem Fluch auf den Lippen, begann er sie zu schlagen und zu rütteln, bis sie wieder zu sich kam. Noch nicht bei vollem Bewußtsein, murmelte sie: »Les yeux verts vont en enfer. Der Teufel hat mich, und wir fahren in die Hölle!«

»Eleonore! rede doch nicht so! In den Himmel fahren wir, Kind, in den schönen Süden; zu Rosen und Orangen, zu Sonnenschein und Liebe!« Und im Stillen setzte er hinzu: »Und zur Spielbank in Monaco!« –

. . . . . . . . . . . . . .

Scherban stand an eine Säule gelehnt in dem taghell erleuchteten Tanzsaal und sah erfreut in das Gewühl schöner Frauen, reizender Toiletten, graciöser Bewegungen hinein. Ein Ball in Bukarest gehört und gehörte besonders damals zu dem Schönsten das man sehen konnte. Es war eine förmliche Gallerie entzückender Frauengestalten, die pariser Geschmack mit orientalischem Farbensinn und feinste Erziehung mit schlagendem Mutterwitz verbanden. Fremde blieben wie geblendet, wenn sie in Jassy oder Bukarest einen Ballsal betraten. Dabei ist das Tanzen den Rumänen im Blute; hier äußert sich ihr Kunstgefühl und zugleich die Lebhaftigkeit ihres Empfindens.

Eben flog Linza an ihm vorüber, in gelbem crêpe, das ihrer dunkeln Haut förmliche Sonnenwärme verlieh. Ihre Augen funkelten und glitzerten, und die krausen Löckchen schienen sich auf der Stirn noch mehr zu kräuseln, wie ganz kleine verführerische Schlänglein. Ihre winzigen Füßchen berührten den Boden nicht, und da man sie bald als treffliche Tänzerin erkannt, flog sie von Arm zu Arm, bis sie um Gnade bat, um einmal auszuathmen. Die Rundtänze werden nämlich nie mit einem und demselben Tänzer getanzt.

Wie eine Königin stand Zoé in weißem Gewande mit weißen Rosen im Saale und hatte eine so vornehme Art, die Leute anzureden, die ihr vorgestellt wurden, ein so unnachahmliches Tragen des schönen Kopfes mit den glänzenden, glatt gescheitelten, blauschwarzen Haaren, die in einem schweren Knoten im Nacken ruhten, daß Scherban hörte, wie die Leute frugen: »Wer ist denn das vornehme Mädchen dort, die jüngste Schönheit?«

Einmal wandte sie die großen Augen nach ihrem Bruder hin und lächelte, und da wurde sie noch viel schöner. Die eigne Mutter erstaunte. Sie hatte ihr Kind immer als tüchtig und ernst gekannt, aber daß sie so schön sei, enthüllte ihr erst die neue Umgebung.

»Wäre doch Eleonore hier!« dachte Scherban; »sie wäre doch die Allerschönste!«

»Wo mag nur Mihai sein?« dachte Frau Pulcheria und ließ die Augen durch den Saal schweifen. Da kam Frau Sabine auf sie zu:

»Wie hübsch Deine Töchter sind! Ich muß Dir doch gratuliren! Schade, daß Eleonore fehlt! Die drei Grazien wären beisammen gewesen! Auch mir fehlt mein Neffe Mihai; er ist fort zur Wolfsjagd. Und selbst dieser vielersehnte Ball konnte ihn nicht halten! Wie schön hätte es ausgesehen, er mit Zoe! Beide so groß und schlank! Schade! Schade!«

Frau Pulcheria gefiel diese Rede nicht. War es auf ihre Tochter abgesehen, um seinen leeren Beutel zu füllen?

In demselben Augenblick hörte Scherban hinter seiner Säule den Namen Mihai aussprechen, und zwar so laut, daß er sich nicht anzustrengen brauchte, um zu verstehen, was gesagt wurde. Und was er hörte, machte sein Blut erstarren und die Farbe aus seinen Lippen und Wangen entweichen.

»Wo bleibt nur Mihai heute Abend?«

»Auf der Wolfsjagd.«

»Ah! bah! auf der Wolfsjagd, wenn man tanzen kann!«

»Nicht wahr? man erkennt ihn gar nicht wieder!«

»Doch, doch, ich kenne Mihai's Wolfsjagden!«

»Aha! Die haben wohl ein besonderes Wild aufzuweisen.«

»Nun natürlich! Diesmal spricht man von einer gewissen schönen Eleonore, der Schwiegertochter von der imposanten Frau dort. Er soll ganz weg sein.«

»Ist sie schön?«

»Nun natürlich! schön wie die Sünde! Und man erzählt eine merkwürdige Geschichte von ihr: sie soll sich dem Teufel verschrieben haben!«

»Dem Teufel? und da erschien Mihai!«

»Vielleicht! Sie war im Arrest dort im sacré coeur und schrieb ihren Namen mit Blut an die Wand und rief den Teufel, und da erschien – –

»Der Leibhaftige?«

»Nein, eine Nonne, die ihr ihre Tante ankündigte und ihre Abreise.«

»Und die Tante hatte schon den Mann dazu?«

»Nun, natürlich, den Mann und den Freund. Beide stellte sie zugleich vor, die kluge Tante! Wenn man nun die Beiden nebeneinanderhält, braucht man nicht zu fragen, welcher gefallen muß!«

»Wer hat denn Dir die Geschichte erzählt?«

»Nun, Mihai selber natürlich; er ließ mich auch verstehen – nun – Du verstehst!«

»Der Schlingel! Glück hat er immer!«

Scherban lehnte sich immer schwerer gegen die Säule, als wäre er selbst versteint. Seine Augen waren sehr groß und lichtlos geworden, wie die eines verendeten Wildes; die Lippen schlossen sich, um den Schrei zurückzuhalten, der aus dem Herzen hervorbrechen wollte; die Nasenflügel standen weit ausgedehnt; aber kein Athemzug schien sie zu bewegen. Er hörte nicht mehr die rauschende Musik; er sah nicht mehr das pulsirende Hin- und Herwogen der Quadrille, das ihn vor seiner Mutter Augen verbarg; er wußte nicht mehr, wo er war. Er fühlte sich nur vom Scheitel bis zur Fußsohle in glühenden Schmerz getaucht, in etwas Niegeahntes, Unerträgliches, Rasendes, als quölle sein Gehirn aus dem Schädel, als verblutete er an einer Wunde in der Brust.

Auf einmal war es ihm, als hörte er in endloser Ferne ein Getöse wie das Meer; er konnte gar nicht begreifen, was es war, und aus dem fernen Brausen klang eine Stimme hervor:

»Ist Dir nicht wohl, Scherban?«

Langsam drehte er die starren Augen nach der Richtung hin. Es war Linza, die mit ihren scharfen Blicken stets Alles sah. Er hatte aber immer noch nicht verstanden, was sie sagte.

»Aber Scherban! was ist Dir denn?«

»Mir?« seine Stimme war tief und heiser. Ihm war's, als spräche ein Anderer.

»Du bist so furchtbar blaß!«

»Sage der Mutter, ich müßte nach Hause; sie soll sich aber nicht darum kümmern. Mir ist ganz wohl; ich hörte, meine Frau sei unwohl; da will ich schnell nach Boldeni.«

Er richtete sich auf, in dem Gefühl, der Welt seine Todeswunde nicht zeigen zu wollen. Mit schwerfälligen Schritten stieg er die Treppe hinunter und suchte seinen Schlitten.

Das Wetter war milder geworden. Dafür hatte ein dichtes Schneien angefangen, in breiten Flocken, als wären Fetzen von Taschentüchern oder Fahnen vom Winde zerrissen und fielen langsam zur Erde. Scherban fuhr durch die noch stark belebten Straßen dahin, wo Schlitten und Fußgänger hineilten, zu verschiedenen Gesellschaften, aus dem Theater, Alles auf Vergnügen bedacht, nach dem langen, stillen arbeitsvollen Sommer auf dem Lande, oder den Abwesenheiten in den Bädern des Auslandes.

Er eilte in sein Zimmer, warf einige Sachen in eine Handtasche, untersuchte und lud seinen Revolver, den er zu sich steckte, und während er auf Postillone und und Schlitten wartete, schrieb er seiner Schwester Zoé, sie möchten sich ja nicht ängstigen. Eleonore habe ihm sagen lassen, sie sei nicht ganz wohl. Er werde sie sofort benachrichtigen.

Jetzt ließ er den Kopf in die Hand fallen und hielt die Feder eine lange Weile in der Schwebe. Endlich schrieb er einige Worte, die er in die Brusttasche schob, fuhr dann in seinen Pelz, drückte die Pelzmütze in die Augen, um sie vor Schnee und Wind zu schützen, und stieg in den Schlitten. Es war nur ein Postillon da.

»Den Andern konnte man so schnell nicht finden, aber die vier Pferde laufen so geschwind wie sonst acht,« sagte der Diener und wollte auf den Bock steigen. Scherban hieß ihn zurückbleiben bei der Mutter.

»Ich fürchte aber Schneesturm. Die Flocken werden feiner, und der Wind hat sich erhoben.«

»Das thut nichts, wenn man den Weg kennt.« Ein Zuruf, ein Peitschenknallen, und fort ging es mit lustigem Geläute, an hellen Häusern, erleuchteten Läden, eilenden Menschen vorbei; dann bog der Schlitten in einsamere Straßen, dann wurden die Häuser ganz klein und dunkel, und endlich war man auf freiem Felde. Ein heftiger Windstoß fegte über die Weite daher. Die Pferde hoben die Köpfe und schnoben; dann senkten sie sie ganz tief und jagten in vollem Galopp dahin. Der Postillon hielt auch den Kopf gesenkt, damit der Schnee, der feiner und schärfer wurde, ihm nicht die Augen füllte. Scherban ließ die seinen die Ferne durchschweifen; da war nur schwarze Nacht und eine weiße Decke. Vom Schneegestöber sah man nur etwas, so weit der Schein der Laternen reichte.

Immer heftiger wehte der Wind, immer spitzer wurden die Flocken, bis sie zuerst wie Nadeln und dann wie Sand waren, der einem in Augen, Nase, Ohren, Hals eindrang, das Sehen erschwerte und auf der Haut brannte wie Schnitte. In der dritten Stunde brauste und heulte der Sturm, und der Schnee begann zu wirbeln, von oben herab, von unten herauf und von allen Seiten zugleich. Die Pferde schüttelten die Köpfe und drängten nach links, um dem Nordostwind zu entgehen.

Scherban merkte von dem allen nicht viel. Er hielt die Hand auf der Pistole und malte sich wie ein Fiebernder aus, wie er die Beiden erschießen würde und dann sich selber. Der Revolver hatte sechs Läufe, und Erbarmen würde es nicht geben. Beim Tagesgrauen mußte er Boldeni erreichen, und dann würde er bei ihr eintreten und sie in ihrem Bette erschießen. Er malte sich ihr Entsetzen aus, ihre flehenden Bitten, ihre Schönheit; aber um so starrer wurde sein Entschluß.

Der Wind fuhr in wilden Stößen daher. Der Postillon konnte keinen Weg mehr erkennen; die Pferde stoben immer mehr nach links; der Schnee wirbelte um ihre Füße, um ihre Brust und Nüstern; der Postillon mußte oft die Augen schließen, um die gefrorenen Nadeln darin zum Thauen zu bringen und wieder sehen zu können. Immer tiefer wurde der Schnee, mit dumpfem Stampfen versanken die Hufe darin, manchmal bis zu den Knien.

»Und wenn sie mir ihre Unschuld betheuert, und ich finde den Schuft nicht bei ihr? – Meine Mutter hat es gewußt! meine Mutter war strenge mit ihr, weil sie Alles wußte! Aber mich wollte sie schonen, weil sie wußte, es ist mein Tod. Arme, arme Mutter! Ihn zuerst und dann sie! Und wenn sie von dem Kinde spricht? Ich morde das Kind unter ihrem Herzen. Pah! das Kind! besser, es ist todt! Das soll nie geboren werden. Besser, es wird von Wölfen gefressen, als in die Welt zu kommen mit dem Stempel der Sünde auf seinem Gesicht!«

Die Pferde gingen im weiten Bogen umher; da aber der Schnee sofort jede Fährte verwischte, so merkte man es nicht. Sie dampften so, daß die Laternen trübe wurden und dann ganz zufroren. Scherban und der Postillon hatten bereits schneeweiße Haare und Bart, die Pferde Eisbehang an Ohren und Mähnen. Und immer noch stampften sie muthig vorwärts, einigemal fielen sie bis an die Brust in Schneewehen, arbeiteten sich aber hindurch, unter dem aufmunternden Zurufen des Postillons.

»Herr!« sagte er endlich, »ich fürchte, wir sind verirrt. Man kann nichts mehr erkennen.«

Scherban schreckte aus seinem Selbstgespräch empor. Da merkte er erst das Toben des Sturms, den wirbelnden Schnee.

»Fahr an einen Heuhaufen, wenn Du kannst; da wollen wir Feuer machen.«

Der Postillon suchte nach irgend einer Erhöhung im weiten Felde und fand auch endlich etwas, das ein Heuhaufen sein konnte. Scherban nahm die Zügel; der Postillon scharrte den Schnee weg und begann das Heu zu einem Strick zu drehen; wie der fest genug war, zündete er ihn an und begann damit den Weg zu suchen, glaubte, ihn auch gefunden zu haben, steckte mit dem Rest der Flammen den ganzen Heuhaufen in Brand und schwang sich wieder aus. Der Wind riß Heu und Flammen wie ein Feuerwerk in die Luft und wirbelte Alles mitsammt dem Schneestaub in rasender Schnelligkeit und sprühendem Funkenregen über die Haide. Umsonst. Noch schwärzer schien die Nacht, noch unwegsamer die Gegend. Auf einmal stürzten zwei der Pferde in eine tiefe Grube, die der Schnee vollkommen eben gemacht. Der Postillon stieß einen Fluch aus, und bis zu den Schultern im Schnee: »Herr!« sagte er, »das Pferd hat's Bein gebrochen.«

Scherban sprang auch in den Schnee, untersuchte das Pferd, zog dann den Revolver heraus und schoß es todt. Das andere schien unverletzt, aber unfähig, noch weiter zu gehen. Sie schnitten es ab und ließen es liegen.

»Vorwärts!« sagte Scherban und sprang wieder in den Schlitten. »Noch fünf!« dachte er. »Noch fünf Schuß. Das reicht.« –

Immer unwegsamer wurde es, immer pfeifender der Wind. Manchmal klang es wie Schüsse, wie Hagel, wie der Sand der ganzen Wüste, in einen Wirbel verwandelt. Mit zwei müden Pferden ging es langsamer weiter. Dem Postillon wurde es bange. Scherban merkte nichts von Gefahr. Die Schneewehen wurden so gewaltig, daß die Pferde jeden Augenblick bis an die Brust einsanken. Da that es einen Ruck, und die Deichsel war gebrochen. Der Postillon suchte nach Stricken im Schlittenkasten und versuchte, die Deichsel damit festzubinden, aber mit seinen steifgefrorenen Fingern war das eine mühsame Arbeit. Die Pferde schnoben, zitterten und dampften, und beim nächsten Anziehen stürzten sie beide.

»Herr,« sagte der Postillon, »für diese Nacht geht es nicht mehr weiter. Wir wollen den Schlitten umkehren und uns so hineinsetzen, vor dem Wind uns zu schützen, daß wir nicht erfrieren.«

Scherban sah ihn so sonderbar an.

»Erfrieren!« sagte er langsam.

Es war gerade, als brächte ihn das Wort auf neue Gedanken, als käme eine Art Ruhe über ihn. Sie kehrten die Pferde vom Winde ab und drehten den Schlitten auf die Seite, breiteten die Schlittendecke auf den Schnee und legten sich hin. Und eine wunderbare Müdigkeit kam angekrochen, so süß, so still, als versteinerten oder vereisten sich die heißen Rachegedanken. Der Postillon hatte etwas Branntwein mitgenommen, den tranken sie. Die Pferde bissen in den Schnee vor Durst und blinzelten dann auch schläfrig mit den Augen. Scherban dachte, daß allem Elend ein Ende gemacht wäre, wenn er hier einschliefe, daß dann kein Anderer zu sterben brauche, und konnte nicht begreifen, daß ihm der Gedanke nicht früher gekommen war. Sein Tod erlöste ja Alle von Sünde und Noth! Wie war er in seinem Schmerze so selbstsüchtig gewesen! Wie hatte er nicht von vorn herein daran gedacht, zurückzutreten und dem schöneren, liebenswertheren Manne den Weg freizulassen? Ein tiefer Frieden schlich über sein Gemüth. »Sei glücklich, mein Kind! Ich segne Dich!« sagte er fast halblaut und lächelte. »Und Du, arme Mutter, wirst keinen Mörder zum Sohne haben!« Stiller und stiller wurden seine Gedanken; er hörte auch den tobenden Sturm nicht mehr. Ihm wurde es ganz warm und wohl, wie der Schnee eilig, eilig, sich auf ihn thürmte, als wolle er ihn einhüllen, vor dem letzten großen Schmerz bewahren und ihn gut und rein und schuldlos erhalten.

Dann kam ihm ein schöner Traum: Er sah Eleonore mit einem wunderschönen Kinde seiner Mutter in die Arme sinken, und seine Mutter nahm das Kind an ihr Herz und nannte es Scherban. Und dann war nichts mehr.

Der Sturm brauste weiter und thürmte den Schnee auf Menschen und Thiere. Bald ragte nur noch der Schlittenrand hervor. Beim Morgengrauen war auch der verschwunden.


. . . . . . . . . . . . . . .

Drei Tage und drei Nächte tobte es ohne Unterlaß, als hätte sich der ganze Himmel in Schnee verwandelt, als kämen alle Winde aus Sibirien daher, um am schwarzen Meere zu hausen und die Donau zu Eis zu erstarren. Nichts sah man mehr, weit und breit, als Schnee und immer Schnee, als könnte keine Sonne ihn mehr thauen. Der Himmel hing dunkelgrau, fast bis auf die weiße Decke hinab; vor den Thoren von Bukarest kamen Menschen und Fuhren um; die Häuser der Vorstädte waren ganz verschneit; man sah kaum noch einen Schornstein emporragen, und die Wölfe kamen bis in die Stadt. Lange Reihen von Bauernschlitten brachten Holz, und manch schöner Wald sah den Frühlingssonnenschein nicht mehr.

»Mutter!« sagte Linza, »uns droht ein Todesfall; das Heiligenbild hat laut gekracht!« –

Frau Pulcheria war sehr beunruhigt, als der Schneesturm nachließ und immer noch keine Nachricht von ihrem Sohne eintraf. Sie ließ einen Boten nach Boldeni fahren. Der kam erst nach mehreren Tagen mit dem alten Intendanten zurück. Gebeugten Hauptes, die Pelzmütze in der Hand, trat der bei Frau Pulcheria ein. Ein ganzer Strom von Kälte ging von ihm aus; denn es fror wieder Stein und Bein.

»Hat Sie mein Sohn geschickt?« frug sie, lebhaft auf ihn zueilend.

Die Pelzkappe zitterte in des alten Mannes Händen.

»Eigentlich hat er mich nicht geschickt; ich bin selber gekommen.«

»So ist er krank?«

»Ich fürchte, es geht ihm gar nicht wohl.«

»Was fehlt ihm? Haben Sie einen Arzt geholt? Warum kamen Sie nicht früher?«

»Weil wir zuerst gar nicht wußten, daß der Herr käme, zumal da die gnädige Frau abgereist war.«

Frau Pulcheria's große Augen bekamen einen fast wirren Blick.

»Meine Schwiegertochter sei abgereist, sagten Sie? Wann und wohin?«

»Wir dachten natürlich, hierher; sie fuhr ganz allein im Schlitten fort.«

»Und da schickten Sie Nachricht?«

»Nein; ich dachte ja, sie sei hierher gefahren!«

Die Pelzkappe zitterte immer mehr.

»Und da kam mein Sohn und fand sie nicht?«

»Nein, er kam nicht.«

»Wie sagen Sie?« Die starke Frau stotterte und griff nach einer Sessellehne.

»Wir hörten erst durch den Boten, daß er im Schneesturm auf dem Wege sei, und da haben wir ihn Tag und Nacht gesucht, mit Fackeln und Hunden, und jetzt haben wir ihn gefunden.«

Frau Pulcheria stöhnte tief und schlug dann ohnmächtig hin.

Der alte Mann griff sich in die grauen Haare, kniete zu seiner Herrin nieder, schlug ihr in die Hände, versuchte ihr den Kopf zu heben, und lief dann endlich hinaus, Hilfe zu suchen. Er fand Zoé, die auf sein Rufen hereinstürzte und lange Zeit vergebliche Versuche machte, die Mutter zu sich zu bringen. Die todtenähnliche Ohnmacht schien in den letzten Schlaf übergehen zu sollen.

»Was haben Sie ihr gesagt?« hatte Zoé einmal gefragt, aber keine Antwort erhalten. Linza war auch gekommen und die Frauen. Diese schwammen in Thränen. Der Bote hatte ihnen Alles erzählt.

Linza warf sich laut schluchzend über die Mutter hin.

»Stell' Dich doch nicht so an!« sagte Zoe strenge, dann hob sie den Blick und sah, daß Alle schluchzten.

»Warum weint Ihr denn?« frug sie und begann furchtbar zu zittern.

»Scherban! Ach! Scherban ist todt!« jammerte Linza.

Bei dem Namen schlug Frau Pulcheria die Augen auf und ließ sie langsam im Kreise umhergehen, als suchte sie, zu begreifen. Als ihr Blick auf den alten Mann fiel, wollte sich ihr Geist wieder umnachten; aber man wandte Alles an, sie zu sich zu bringen. Da stieß sie einen tiefen Seufzer aus, und zwei große Thränen rollten langsam über ihre bleichen Wangen.

Wie ein Bild des Friedens lag Scherban in seinem Hause aufgebahrt, als Mutter und Schwestern in tiefer Trauer eintraten. Der Geistliche stand zu Füßen des Sarges und murmelte die üblichen Gebete, während die vielen umgebenden Kerzen einen röthlichen Schein auf das stille Antlitz warfen.

Frau Pulcheria fiel auf des Sohnes Brust und blieb dort lange, lange liegen, als müßte sie ihn zum Leben erwärmen. Als sie sich endlich aufrichtete, trat der alte Intendant ein und überreichte ihr ein Papier: »Dies fanden wir in seiner Brusttasche und dies in seiner Hand,« fügte er hinzu und legte den Revolver auf den Tisch.

Zitternd entfaltete Frau Pulcheria das Blatt und las:

»Weine nicht um mich, Mutter! Ich kann nicht bleiben! Ich habe meines Weibes Untreue erfahren. Ich kann das nicht überleben. Du hast es wohl gewußt, und darum haben Deine heiligen Lippen die erste Lüge gesprochen! Dafür danke ich Dir, Mutter, aus tiefster Seele; denn Du hast mir einige Zeit Ruhe und Glück erhalten. Verzeih mir aber, daß ich Solches von Dir begehrt in meinem Ungestüm und meiner Leidenschaft. Ich gehe hin, mein schönes junges Weib zu tödten und dann mich. Verzeih mir, Mutter, und bete für meine Seele!«

Frau Pulcheria küßte das Blatt mit zitternden brennenden Lippen und barg es auf ihrer Brust, ohne seinen Inhalt zu verrathen.


. . . . . . . . . . . . . . .

Zwei Jahre waren seit jener Ballnacht vergangen. Da fuhr ein Wagen in den Hof von Morineni. Alle Köpfe flogen an die Fenster; denn seit dem Unglück war es dort sehr stille geworden; die Herren waren auch viel abwesend.

In dem Wagen saß eine bleiche Frau, mit unendlich traurigen Augen, und auf ihrem Schoße ein wunderschönes Knäblein, mit graugrünen Augen, schwarzen Wimpern und einer Fluth von goldenen Locken. Wie ein kleiner Cherub blickte er um sich und zeigte die Zähnchen, wenn er lächelte; und er lächelte eben über eine Taube, die ihm entgegenflog.

Ein Diener kam an den Wagen.

»Ist Frau Sabina hier?« frug die Fremde. Der Diener starrte ihr in's Gesicht und glaubte sie zu erkennen.

»Ja, ich glaube; ich werde nachsehen.«

Die Dame zog ein Blatt heraus und schrieb darauf:

»Eleonore.« »Geben Sie ihr das,« sagte sie.

Lange, lange dauerte es, bevor der Diener wieder erschien. Endlich kam er heraus, zog die Hausthür hinter sich zu und sagte steif und kalt:

»Nicht zu Hause.«

Eleonore drückte die Lippen auf des Kindes Kopf.

»Zufahren!« sagte sie dann dem Kutscher, »Rechts, durch die Allee.«

Der Diener lief gleich in die Küche und erzählte den Vorfall und drückte äußerste Verwunderung darüber aus, daß sie den Weg nach Boldeni eingeschlagen.

Eleonore ließ am Hause des Intendanten halten, stieg aus, lohnte den Kutscher und schickte ihn fort. Dann trat sie ein. Der alte Mann fuhr in die Höhe, als er sie sah.

»Bitte,« sagte Eleonore, »bitte, einen Tropfen Milch für mein Kind! es verdurstet!«

Dann ließ sie sich auf einen Stuhl fallen.

Der Alte holte Milch, ohne ein Wort zu sprechen, und blieb dann vor ihr stehen, sie mit bekümmertem Gesicht betrachtend.

»Ich will zu Frau Pulcheria gehen. Wollen Sie mir helfen?« sagte sie endlich.

»Sie wollen zur gnädigen Frau?«

»Ich wäre zu einer der jungen Damen gegangen, wenn ich nicht gehört hätte, daß sie beide verheirathet und fort sind; nun kann ich nirgends hin als zu ihr!«

Der Intendant schüttelte den Kopf.

»Das wird schwer gehen!«

»So geh' ich allein!« und ihr Kind mit verzweifelter Geberde aufraffend, lief sie hinaus, durch die Sonnengluth, dem Herrenhause zu. Dort war ein Diener, den sie nicht kannte; dem sagte sie, ob Frau Pulcheria einen Augenblick vor die Thüre kommen wolle. Es stehe Jemand draußen, der sie sprechen müsse.

Nach wenig Augenblicken erschien Frau Pulcheria, mit aufrechtem Gang, aber völlig ergrautem Haar. Ihre schwarzen Gewänder verliehen ihr das Aussehen einer Aebtissin.

Eleonore fiel auf die Knie, und das Kind zu ihr emporreichend, sagte sie:

»O! bitte, um Gottes Barmherzigkeit willen, schütze das Kind! sie wollen es mir nehmen, nachdem sie mich zur Bettlerin gemacht! O bitte, nimm das Kind!«

»Und Du kommst zu mir?« fragte Frau Pulcheria's tiefe Stimme.

»Ich weiß, ich dürfte nicht vor Deinem Angesicht erscheinen; aber von andern Thüren bin ich abgewiesen worden, wie eine Bettlerin. O, bitte, bitte, bitte, mein Kind beschützen!«

»Wessen ist das Kind?« fragte Frau Pulcheria. Leonore ließ den Kopf auf die kleine Schulter fallen.

»Er hat sich so darauf gefreut!« flüsterte sie, »und er hat gesagt, es soll Dan heißen!«

Frau Pulcheria holte etwas aus ihrem Kleide hervor, das in ein seidenes Tuch eingenäht war; sie riß das Tuch auf und reichte Scherban's letzten Brief Eleonore hin.

Die las ihn mit einem Blick und reichte ihn mit bebender Hand zurück.

»O! hätte er mich doch getödtet!« rief sie, »es wäre besser für mich gewesen! Er hätte mich vor Schmach und Elend bewahrt! O, mein Gott! ich habe Unsägliches erduldet, an Rohheit und Mißachtung! ich war schlechter behandelt als die niedrigste Dirne! In der Hölle bin ich gewesen. Und jetzt will er mir mein Kind nehmen und es so schlecht machen, wie er selber ist! O, Mutter! nimm Du mein Kind und mache es zu dem, was Dein Sohn gewesen ist! Ich verdiene nicht, es zu erziehen! Laß mich von Deiner Schwelle peitschen, wie Du mir einst gedroht; ich will es ohne Klage erdulden, aber schütze mein Kind! Mache Du es zum Manne und sage ihm nichts von seiner Mutter. Laß ihn glauben, Du seiest seine Mutter; dann wird er so gut und edel werden wie Scherban, und von mir bleibt keine Spur! Fürchte nie, daß ich wieder vor Dir erscheinen werde, ich, die ihn gemordet! O, Mutter! nimm mein Kind!«

Frau Pulcheria neigte sich vor, nahm den Knaben aus Eleonorens Armen und reichte ihr, sie aufrichtend, die Hand:

»Komm herein und bleibe bei mir!« sagte sie.

Und in dem Garten sangen die Nachtigallen einen Hymnus auf Gottes Güte, und die Schwalben umkreisten jubelnd das Haus, in das der Frieden eingezogen.