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Hedwig Caspari – Elohim

Gedichte

Welt-Verlag / Berlin 1909


Schrei

Ein Werk, ein Werk!
Schenke ein Werk mir, lebendige Kraft,
Die du Keime aus totem Erdreich treibst
Und befruchtend aus Luft in geöffnete Kelche sinkst!
Schenke ein Werk mir, größer als ich,
Wirf einen Block auf meinen Weg,
Der den Ausblick mir wehrt mit seiner Schwere.
Und laß meine Muskeln sich spannen,
Zum Zerreißen sich spannen Tag für Tag,
Bis ich nichts weiß, nichts fühle mehr als Wucht und Spannung,
Bis jede Nacht mich zum traumlosen Ding zernichtet,
Und jede Sonne mich aufreißt zu tötendem Kampf,
Bis ich den Block auf heiligen Berges Gipfel,
Da deine Stimme zu mir spricht,
Dir zum Altar erhoben.
Aber bis dahin lösche mich aus
Vor meines Werkes eigenwilligem Fordern.
 
Denn Neid bricht in mich ein,
Gedenke ich jener,
Deren Tage nichts anderes
Als ein Besessensein vom Werk gewesen.
Was konnte ihnen geschehen?
Sie hatten keinen Leib.
Sie fühlten nicht der Witterung Niederschlag und Schwere,
Die mich zermürbt und meine Seele trostlos macht.
Ihnen war Rausch nur wie dem Eisen
Der treibende Strom, der mit neuer Schwungkraft
Zum Werke sie lädt.
Ich aber bin Leib, der fordert und heischt.
Jenen war fremd
Gemeine Menschensatzung,
Denn nur wie durch Nebel des Ätherrausches
Fühlten sie vag die Schmerzen
Der Erdgebundenheit.
Kämpfer mit Gott
Rangen sie nur mit ihm.
Sie brauchten nicht Freund und Gefährtin
Im Kampfe der Liebe.
Kein Schicksal konnte sie trüben
In einer Liebe,
Kein Schicksal im Hasse der Menschen.
Ich aber bin erdgebunden. Ich habe Menschen,
Für die ich zittere in Not und Qual,
Kein Werk im Geiste.
Wenn mich in ihnen das Schicksal trifft,
Wer bin ich dann?
 
Ein Werk! Ein Werk!
Schenke ein Werk mir, lebendige Kraft,
Daß meine Räusche sich erhöhen über den Augenblick,
Damit ich weiß, weswegen ich gelitten!
 

Erkenntnis

Du warst die Schlange, Gott,
Die uns die Frucht vom Baum des Lebens brach.
Du wolltest uns erwecken.
 
Geborgen waren wir in Deiner Hand,
Der eigenen Reinheit unbewußt.
 
Du warfst uns in den Kot.
 
Jetzt sind wir Gewürm,
Sind sündig und erkennen.
 
Was wäre Reinheit uns, wenn wir sie wären
Und nicht wüßten?
 
Gottheit zu sein und keine Gottheit wissen
Ist Tod.
 
O Schlange, Gott!
Du gabest uns die Gnade unsrer Sünden.
Du brachest uns des Lebens Frucht.
 
 
Da sahen die Kinder Gottes nach den
Töchtern der Menschen, wie sie schön
waren und nahmen zu Weibern, welche
sie wollten
Aus schwarzen Wolken hob sich das Gefieder
Des Himmlischen und fiel auf sie herab
Und deckte sie, daß wie in einem Grab
Umschattet lag die Weiße ihrer Glieder,
Die in der Wölbung seiner weiten Schwingen
Sich juckend bäumte.
 
Und so sank sie nieder
Entspannt und kraftlos. Ihres Blutes Singen
Vermählte sich zu einem großen Klang
Mit seinem Atem, der in schweren Stößen
Sie überflutete und ihre Blößen
Erschauern machte und sie so durchdrang
Mit seiner Wärme, wie der heiße Strahl
Die Trauben, daß die Reife ihres Saftes
In Rausch umschlägt. — So lag sie und befahl
Nicht mehr den eignen Gliedern und versank.
 
Doch dann, als sie erwacht, und ihr erschlafftes,
Geschwächtes Fleisch erstand, lag sie im Raum
Allein und fror. Sie war nicht mehr bedeckt
Von jener Flügelwölbung zartem Flaum.
Mit großen Augen lag sie, aufgereckt,
Und über sich sah sie am Himmelssaum
 
Wie dunklen Fittich eine Wolke steigen,
Lautlos, im schnellen Flug.
Schon war sie weit. —
Da ging sie durch der Felder wogend Neigen
Der Hütte zu und schritt so wie im Traum
Und wußte nicht mehr ihre Wirklichkeit.
 
 

Der Turmbau zu Babel

Zuruf und Gegenruf erscholl und trieb und schwoll.
Denn wie der Blitz, der jäh von einer Wolke
Zur andern überspringt, — so ward dem Volke
Das Feuer seiner Worte, das es voll
Mit solcher Zündkraft lud, bis Zoll um Zoll
Sich ihr vereintes Wollen aufwärts steilte.
Und wie ein Springquell aus der Erde drängt
Und hoch und höher schießt, so wuchs der Bau
Gen Himmel, dessen weit gespanntes Blau
Von Ferne er wie eine Nadel teilte.
 
Da fiel es über sie, — um ihre Sinne
War solchen Widersinnes Fluch verhängt,
Daß Ruf und Gegenruf wie wirrer Schall
Zerbrachen an des Turmes fester Zinne,
So daß Entsetzen sie erstarren machte
Ob ihres Nichtverstehens. Während Hand
Die Hand im Werk noch stützte, glomm schon Haß
Aus ihres Blickes eingedämmtem Schachte
Und brach aus ihm heraus und trieb und fachte
Sie an, bis Hand aus Hand sich starr entwand
Und Hartes griff zum Wurf, — es scholl und krachte,
Denn von des Baues Wucht fiel Stein um Stein.
Und während Feuer der Zerstörung qualmten,
Schlug prasselnd es auf lebendes Gebein
Der Kämpfenden, die sich im Sturz zermalmten.
 
 

1. Die Landplagen

Da reckte sich der starke Arm in Wucht,
Es fiel wie Hieb zur Erde.
In sich zusammen kriecht der Stab,
Dehnt, ringelt sich empor,
Sieht starr aus Augen ohne Lider.
Kalt bannt der Blick.
Versucherin aus Eden, dich faßt Kraft
Und schlägt mit dir.
 
Wasser gärt.
Verpesteter Sümpfe geronnenes Blut
Quillt auf in ekel süßem Duft.
Lebender Staub,
Schwaden siechender Mücken,
Treibt durch die Luft.
Atme nicht.
Atme nicht siechenden Staub.
Jede Pore,
Jeder Eingang deines Leibes
Ist Plage.
Wolken wälzen über das Feld,
Fressende Wolken.
Wo ist die Frucht,
Der Schweiß,
Die Nahrung schwerer Monde?
Aus Qual des Augenblickes droht
 
Hunger, Hunger.
Schwärende Gebreste schorfen
Auf blühender Haut.
Liebende betasten
Einander wie Unflat.
Aus Schlamm des Flusses
Kriechen Kröten.
Jeder Tritt
Malmt weichen Leib.
Schleim und Geifer
Klebt auf Speisen.
Finsternis deckt die Erde.
Ungesehener Schrecken wächst
Zum Unfaßbaren.
Finsternis weicht, —
Mütter reden irr,
Zerschlagen die Brüste.
Milch, gemengt mit Blut,
Trieft über Leichen
Der Erstgeburt.
 
Ein Schrei gellt durch das Land:
Wir sind des Todes! —
Doch der Berufene schlägt
Mit lebendigem Stab
Wasser, Erde, Menschen.
 

2. Wüstenwanderung

Sand, Sand,
Stechender, brennender Sand
Unter unserer Sohle.
Vor unseres Auges weitspannendem Rundblick
Ewiger Sand.
Unfruchtbarer Sand unsere Seele
Dorrt im Brande feindlicher Sonne,
Fliegt auf im Wühlen der Winde,
Verweht
Hierhin und dorthin,
Hat nirgends Heimat.
 
Ist Heimat was war,
Oder das Kommende?
O Heimat unseres Ausganges,
Land des Schlammes und der Fruchtbarkeit,
Nie hat dich gesehen
Unser wissender Blick!
Da der rächende Engel
Abgewandten Gesichtes
Vorbeischritt an unserer Wiege,
Da unserer Mütter Frohlocken verwirrt
Über lebenden Leibern der Kleinen stammelte,
Griffen uns Hände.
Wie Ding und Gerät
Trugen sie fort uns zum brennenden Sand.
 

Traum urfernen Geschehens,
Kunde vom Garten, davor
Der Dunkle mit feurigem Schwert,
Ist uns die Mär von der Wellen
Nie endender Verschwendung,
Von Pflanzen, die ihre Wurzeln tief
Aus ruhendem Leben der Erde saugen.
Wir wurzeln in keiner Erde.
Unstet sind wir,
Treibsand der Wüste.
 
Wir treiben, wir treiben
Von endloser Ebene zur wehenden Düne,
Vom Ewigen zum goldenen Baal
Und zurück zum Glauben unsrer Verheißung.
Land der Verheißung,
Wirst du die Heimat unsres Sterbens sein?
Oder die Heimat des Lebens derer,
Die wir gezeugt in der Wüste?
Schon neigt sich unsre Kraft dem Abend zu.
 
Wir sind der Augenblick,
Hingeworfen
Zwischen zwei Atemzüge der Ewigkeit.
Uns gehört keine Zeit.
Unsre Verheißung verweht
Im Sande der Wüste.
 

3. Der Berg Nebo

Warum, o Herr, mußte ich es sein,
Den du mit der Ungnade einer Sendung schlugest?
War kein anderer dir genehm, denn ich?
Herr, ich habe dich erfüllt, ich bin am Ziel,
Vor meinen Augen liegt das Land, das du verheißen.
Jetzt sieh mich an: Wer bin ich?
Ich bin ein Stamm, der so vom Wurm zerhöhlt,
Ein Fels, von deinen Wassern untergraben,
Daß er in sich zusammenstürzt.
Lebendiges schlägt nie aus ihm hervor,
Nur Todgeweihtes. — Sieh, das ist mein Fluch:
Ich glaube nicht an das gelobte Land,
Ob auch mein Blick es umfaßt
Von Gilead bis zu den Palmen Jerichos.
Kann denn ein Land Verheißung sein? Ist nicht ein jedes
Erde und Wasser nur, Bäume, Felsen und Felder,
Und ist mehr Frucht zur Speise schon Verheißung?
Verheißung ist nur dort,
Wohin der Mensch Erfüllung mit sich trägt,
Und die Erfüllung ist das reine Wollen
Zu dir!
Ich aber kenne jene, so ich führte,
Und ich weiß es:
Aus dem Lande der Knechtschaft
Bringen sie keine Verheißung zum Lande
Da Milch und Honig fließt.
Denn sie sind unerfüllt von dir, wie schlechte Schläuche ohne Wein.
 
Ich sprach mit dir, mein Gott, auf heiligem Berge,
Gesetze gebe ich in deinem Namen.
Was aber frommen Gesetze den Gesetzlosen?
Sie brechen aus ihnen heraus
Wie wilde Tiere aus Käfigen
Und zerreißen die Schwachen.
Herr, ich habe dein Volk erkannt:
Sie sind nicht die Auserwählten.
Fäulnis gärt in ihnen bis zum Überquellen.
Was ließest du sie nicht verdorren unter der Geißel des Machthabers?
Sie hätten dir gedient in der Qual ihrer Sehnsucht.
So aber werden sie mit gesättigten Leibern
Dem goldenen Abgott verfallen.
Ihre Speise im Lande der Fruchtbarkeit
Ist der Tod.
Sie trugen dich nicht mit sich, Herr, durch die Wüste.
Was stelltest du mich zum Leitbock der räudigen Herde?
 
 
Meine Knochen sind morsch geworden im langen Weg durch die Wüste.
Nimm mich hinfort!
Decke mich zu mit dem Sande der Wüste,
Daß über meinem Staube im gelobten Land
Ihr Fuß dem goldenen Baal nicht tanze.
In ihnen ist keine Verheißung!
Nur ich, Herr, habe dich erfüllt.
Doch in mir schwillt der Zweifel am Segen der Erfüllung.
Ich bin ein dorrer Stamm, — jetzt fälle mich!
 

Jerubbaal

Gideon, Gideon,
Was schlägt dein Flegel
Den Weizen, als wäre
Nichts in der Welt
Als gelbes Korn und deine Kraft?
Gideon, Gideon,
Unter der Eiche zu Ophra
Harret ein Mann,
Des Antlitz großes Leuchten.
Junger Knabe, der Engel des Herrn
Harret deiner
Unter der Eiche zu Ophra.
 
Gideon, Gideon, ist der Hall
Fallenden Flegels
Takt deines Blutes?
Weißt du es nicht: wen der Engel des Herrn
Antritt zu einer Stunde,
Dem wächst die Stunde,
Der wächst
Hoch
Über das Einmaß der Stunden.
Gideon siehe: es tritt dich an.
Horche Berufener,
Horche, es spricht:
»Streitbarer Held, ziehe hin,
Ziehe hin in deiner Kraft!«
 
Knabe, Knabe, Gott schenkt dir Zeichen.
Sieh, wie aus Felsen
Feuer fährt.
Dein Opfer faßt
Flamme des Herrn.
Sieh, nie der Mann
Des leuchtenden Wortes
Aufsteigt im Sturm
Flackernden Opferbrands.
Glaube an deine Kraft.
 
Warest du stark nur, da
Weizen du schlugest,
Unbewußt deiner Macht?
Verkriecht sich die Stärke
Im Zweifel zagender Seele,
Da Gottes Mund durch Wunder zeugt
Von deiner Kraft?
Knabe, du zerrst an Gottes Händen:
»Beweise, Beweise!«
 
Zitterst du, Gideon, daß sein Zorn
Ergrimme über dich Zagen?
Dem Dreschenden war kleine Tat
Erfüllter Tag,
Doch Gott
Des Sabbaths Ruhe nach erfüllten Taten.
Aber du bist dem Herrn, Gideon,
Wie täglich Brot.
 
Er hat kein ander Gewaffen, denn dich
Vor Baal und Aschera und seinen Feinden.
 
Dein Wollen, Knabe,
Zwingt Gottes Hand.
Urewigen Gang seiner Welt
Kettet er deinem Geheiß.
Denn er fürchtet dein Zweifeln, Gideon,
Den Wurm deiner Kraft.
Dir aber bangt vor der heischenden
Unkraft des Herrn.
Schwäche an Schwäche ringt
Großen Kampf.
 
Nur deine Brüder hassen
Den Wissenden.
Gott liebt dich, da
Du seine Schwäche weißt.
Gideon, schon zündet die Kraft,
Es harret das Volk,
Es bersten die Quadern im Hause des Baal,
Schon trittst du aus Trümmern, Jerubbaal,
Streitbarer Held,
Und an dein Knie
Schmiegt Gott sich wie ein zahmes Tier.
 

Propheten

Wir sind die in Wüsten Verbannten, uns fürchten Könige,
Wir sind die Verkünder nie bereuter Vergeltung, selber  Vergeltung
und Schicksal!
Denn unsere Worte sind Wollen, und unser Wollen ist Gott.
Unser Wort wirft Feuer zur Erde nieder und frißt als Flamme
Die Leiber der Gottlosen, die da opfern dem Baal und der Astaroth
Und dem Greuel der Ammonskinder. Wir aber frohlocken dem Herrn,
Wenn ihr Fleisch in der schmälenden Glut unseres Wortes sich kräuselt
Und als Staub zum Staube fällt. Die Mächtigen, die uns verbannten,
Schicken Sendlinge aus und harren in Furcht; denn künden wir
Untergang,
So schwächt unser Wort die königliche Seele, daß sie tatenlos und
dumpf
Dahinsiecht. Doch lebt in unserem Wort die Kraft des Sieges,
Dann ersieht aus ihm das Heer der streitbaren Männer,
Unser Odem wirft die Mauern der Feste, die Überzahl der Feinde
Erwürgt unser Wort, bis ihr Samen vertilgt. Wehschreiende Weiber
Treibt es in Knechtschaft und schmähliche Fron. Der Beute Prunk:
Zähne aus Elfenbein und Barren lauteren Goldes, häuft es im
Tempel des Herrn.
 
Wir weilen in Wüsten und auf heiligen Bergen, da des Einen uns spricht.
Wir steigen hernieder zu den Menschen, gerufen und ungerufen
Und wandern auf vielen Straßen und Wegen, über Flüsse und
Niederungen,
An den Toren der Städte vorbei und inmitten des Volkes der Städte.

Mit uns ist unser Wort und wirket Wunder. Es heilt des Fleisches
Aussatz
Und hängt sich als Aussatz an den Leib des Verdammten. Wir strafen
mit Dürre und Hungertod;
Die Gottlosen sterben dahin wie Heuschreckenschwärme im Hagel.
Doch in dem einen Kruge höret des Öles nicht auf. Wir legen uns auf
Tote
Und erwecken sie mit der Wärme des eigenen Blutes. Unsere Worte
Werden zu wildem Getier und zerreißen, so unserer spotten.
 
 
Wir wandern von Land zu Land, von Stamm zu Stamm.
Es spricht aus uns unser Wort zu Königen und Schachern,
Zu Huren und Baalsdienern, zu Kriegern und Machthaber«.
In der Vorhalle des Tempels spricht es dem Priester im Leinenrock
Und am Wege vor der Stadt den aussätzigen Bettlern.
Inmitten weidender Schafe erweckt es in dem braunen Hirten
Das Wissen seines Königtums. Wir führen ihn hinfort von seines
Vaters Herde,
Wir salben dem Knaben das Haupt vor allen seinen Brüdern,
Und wir geleiten ihn zur Stadt Jerusalem.
 

Abisag

In den Nächten, da sie bei dem Alten,
Dem Erstarrenden, dem König lag,
Hatte sie so viel in sich verhalten,
So sich aufgespart dem Greisen, Kalten,
Daß sie jetzt aus seines Bettes Falten
Aufstieg, wie ein Brand zum neuen Tag.
 
Denn sie war wie jung gereifter Wein,
Der in eigner Gärung überstanden.
In ihr quoll Zersetzung wie ein Branden,
Und sie goß sich in das Blut hinein
Aller jener, die von fern ihr nahten,
Bis zu Mord und unerhörten Taten
Sie der Rausch bezwang;
        doch sie blieb rein,
Unbewußt und kindhaft, — blieb die gleiche,
Die sie war, als sie beim Alten ruhte.
 
Doch da sie vor des Andonia Leiche
Stand; — er lag erstarrt in seinem Blute,
Zum Verhängnis wurde ihm sein Werben
Und der eigne Bruder zum Verhänger,
Da erschrak sie vor sich selbst. Nicht länger
War sie Glut, die unbewußt entflammte.
Denn was sie entflammte, mußte sterben
An der Unberührtheit ihrer Reife,
Die sich gegen sie verstieß.
 
Ihr fror.
Und sie litt und sah sich als Verdammte.
Sie verfluchte ihren Leib, den Reife
Schweren Goldes schmückten und bedrückten. —
 
Und sie dachte jener weit entrückten,
Langen, stummen Nächte, da ihr Ohr
An der Brust des starren Alten lag.
Da sein müdes Herzblut, Schlag auf Schlag,
Einer Ewigkeit entgegenströmte,
Die sie so umfing, daß sie sie hörte.
 
Sie zerschlug die Brust, und sie empörte
Auf sich gegen Gott, der ihr Umfangen
Nicht so stark gemacht, daß es den Alten
Neu belebte, während sie die Steife
Ihrer Glieder spürte im Erkalten,
Bis zur Ewigkeit sie eingegangen
Ohne Zeit und ohne eigne Reife.
 

1. Chronika 1-12
I.

Einer, den die Stille so umworben,
Daß für ihn das Leben abgestorben
Und ihm nichts mehr warm und wesensnah,
Ihm, den nichts mehr freute, nichts mehr kränkte,
Ward ein neues Leben, — er versenkte
Tief sich in die heilge Chronika.
 
Menschen, die ihn längst vergessen hatten
Und ihm lieb gewesen, wurden Schatten.
Aber starke, neue Menschen kamen,
Die sich paarten, zeugten und sich scharten.
Lebender als alle Gegenwarten
Wuchsen sie ihm auf aus ihren Namen.
 
Namen, nichts als Namen — doch sie waren
Klingend ihm, wie brandende Fanfaren.
Andre wieder quollen in Vokalen
Überhitzt von schwülen Wohlgerüchen;
Doch auch solche voll von Widersprüchen
Und voll namenlos gehäuften Qualen
 
Waren unter ihnen, — und sie lohten
Auf im Zorn des Herrn. Doch manche boten
Sich ihm unbewußt und lieblich an.
Andre Namen wuchsen vielgestaltig
An zum Volk von Kriegern, und gewaltig,
Mehr denn zweiundzwanzigtausend Mann

Zogen sie, um für den Herrn zu streiten,
Manche stark, in offenen Grausamkeiten,
Manche tückisch, wie ein gärend Gift,
Andre wieder, die wie Pfeile schwirrten,
Doch dann kamen stille, milde Hirten, —
 
Und aus jener längst geschriebnen Schrift
Wuchs ihm Leben zu, so ungeheuer,
Daß in seinem schönen starken Feuer
Menschen eigner Tage ihm verblaßten.
Und die Wandelnden im Weingelände
Wurden näher ihm als seine Hände,
Die das alte Buch der Bücher faßten.
 
 

2.
Die Hirten

 
Über Jerusalem lastet die Sonne.
Der Äther schwirrt in lichten Flimmern.
Auf allen Hügeln weiden Schafe vor den Toren der Stadt.
Ein fettiger Brodem schlägt aus wolligen Fellen.
Die Erde riecht nach warmem Dung und Kräutern.
Im Schatten der Ölbäume bewachen junge Knaben die Herden ihrer
Väter.
Ein assyrischer Stier aus dunklem Granit
Wuchtet aus ihrer Mitte die Kraft des Joktan.
Schultern und Nacken sind ihm gedrängt.
Seine Brust ist wie das Bollwerk der Feste.
Ein dröhnendes Erz ist seine Stimme.
 
Joktan ist Herrscher inmitten der Seinen,
Der Knaben Elam, Orphachsal, Gether und Hul.
Sie spähen in die Ferne.
Sie wissen: dort, irgendwo, wo Sonnennebel das Land verhüllen,
Kämpfen mannbare Brüder mit den Feinden des Herrn Zebaoth.
Sie aber sehnen sich aus der Umfriedung ihres Hirtentums,
Sie träumen von Kampf und Tat.
Tönende Worte werden gesprochen: Waffen, Weiber, Blut, Beute.
Ein Machthaber ist Joktan, — er führt und bedrängt,
Fesselt und entflammt.
Aber sein Widersacher ist Peleg.
Peleg ist ein magerer Schakal.
Seine Stimme ist Widerspruch, — sie duckt sich und faucht.
Er schleicht um die Masse des Joktan.
Er springt ihn an.
Der Granit des assyrischen Stieres wird langsames Leben.
Ein harter Hieb, ein Stoß. —
Es kneult sich auf der Erde, zuckt, bäumt sich auf,
Ineinander verbissen, verkrallt.
Nackte Knabenleiber stürzen in die Brunst des Kampfes,
Der wie eine Woge aufwärts brandet
Und verebbt.
 
Aber weit vom Getümmel weilt Sesak.
Fingernd zählt er die Herde Stück für Stück,
Und überdenkt im Geiste den Nutzen der Schur.
Da trabt es heran.
Nackte Sohlen schlagen den Boden.
Huppim und Suppim sind es, die Söhne des Jr.
 
Brandrote Schöpfe steigen von ihrem Schädel steil zur Höhe.
Die Rücken ihrer Nase sind gefleckt von der Sonne wie der Hals der
Giraffe.
Sie springen wie junge Böcke und verwirren
Den geordneten Gang der Herde.
 
Schwerer werden die Brände des Mittags.
Der königliche Knabe Jelophehad
Hört nicht der Brüder lautes Lachen.
Schwer in sich selbst versunken ruht er atmend im Grase.
Der erste Flaum der Mannbarkeit dunkelt ihm auf Leib und Lippen,
Doch er selbst ist ohne Traum und ohne Sehnen.
Es tut ihm wohl,

Den Frieden ziellosen Wachstums in sich zu fühlen
Einen Tag wie den andern.
 
Abendnebel gleiten über die Erde,
Erwartung züngelt auf in heißen Motten.
Eng umschlungen wandeln die Knaben Jeguel und Ahjo.
Sie träumen von der Schönheit der jungen Hodijah.
Ihre Lippen sind stumm,
Doch ihr Blut singt ein Lied,
Das Lied der Hodijah:
Hodijah, deine Augen!
Hodijah, deine Brüste!
Hodijah, deine Lenden!
Hodijah! Hodijah!
Unrast treibt sie aus der Umfriedung der Hürden.
Sie wandern ziellos.
Sie fassen sich fester. —
Hodijah! Hodijah!
 
 

3.
Hodijah

Hodijah! Du bist der weiche Leib
Einer ewig jungen Geliebten!
Hodijah! Du bist ein Trunk dunkelnden Mostes.
Du bist kein Rausch des Rasens,
Denn süß und schwer trügst du gesättigte Müdigkeit
Durch die Adern derer, die von dir genossen.
Wenn du schreitest, klingt um dich die Luft
Wie das Hosiannah aus schön gestimmten Harfen.
Deine Gewänder sind Musik.
Du trägst dich in deinem eigenen Fleische
Wie in einer Flut von Wohllaut.
Deine Haare duften heiß wie die Schwingen der Engel,
Da sie die Töchter der Menschen umfingen.
Die Gesten deiner Hände, Hodijah,
Sind so mit Zärtlichkeiten überladen,
Wie zarter Strauch mit roten Blüten.
Wem nur die Nacktheit deiner Hand sich offenbart,
Erschauert wie im Kuß.
Deine Brüste sind schwere Früchte
Und sinken warm in die Schalen
Der geöffneten Hand deines Geliebten.
Wer in dem Schatten deines Flaumes ruht, Hodijah,
Vergißt, daß Gott in der Erkenntnis Frucht
Den Tod als einen herben Kern gelegt. —
 

4.
Akkub

 
Schon ehe der Vater meines Vaters mannbar war,
Eh meines Vaters Mutter er erkannte,
War ich verflucht.
Und eh die Laute meines Namens sich zu einem Wort gefunden,
Eh dieses Wort von einem Mund gesprochen,
War es durchwühlt von Widersinn
Wie totes Fleisch von Ungeziefer.
Geduckt ist mein Name und gedrungen
Wie mein verrenkter Leib.
Du schufst mich nicht nach deinem Bilde, Gott!
Ich bin dein Zerrbild, bin die Ausgeburt
Von deinem Zorn.
Ich bin das vierte Glied des Fluchbeladenen.
 
Meine Seele hast du gekrümmt, wie meine Glieder.
Sie ist ein Haken, dran sich aller Unrat hängt.
Die Sünde meiner Väter zehrt an ihr wie Rost
Und kann nicht los von ihr und mehret sich auf ihr
Bis sie zerfressen.
Es gärt in ihr von Haß.
Ich hasse jene, die in deiner Gnade, Gott,
Wohlig die Glieder dehnen, wie in einem warmen Bad
Voll Wohlgeruch und Spezereien.
Ich hasse, — meines Geistes Brunst schreit nach dem Freunde.
Und meines Fleisches Brunst schreit nach dem Weibe.
Ich hasse — überall bin ich verstoßen.
Denn du hast mich mit deinem Fluch geschändet.
 
Und meine Seele haßt dich, weil sie geil nach dir,
Weil sie sich zu dir drängt,
Weil sie ein einziger großer Schrei der Brunst nach dir,
Und weil du sie verworfen.
Ich bin das vierte Glied des Fluchbeladenen!
 
 

5.
Bakbakkar

 
Streitrosse wiehern, — Luft klirrt von Eisen.
Bakbakkar rüstet.
 
Bakbakkar ist eine reißende Welle,
Bakbakkar zerstürzt die Dämme der Feinde,
Hinter ihm rollt breit der Streitbaren Strom.
Bakbakkar ist wehende Flamme inmitten der Schlacht.
Hier zündet er auf,
Dort greift er empor.
Wo ist er?
Ist er erstickt?
Bakbakkar ist Funken geworden und schwelt im Gewühl,
Er harret des fachenden Windes.
Odem des Namenlosen, entzünde du Bakbakkar!
Schon steigt er wie feurige Garbe aus morschem Gebalk,
Schon frißt er um sich und wird breit
Und fliegt aus sich heraus.
Die weite Walstatt ist erfüllt von der Flamme Bakbakkar.
 
Bakbakkar ist Richtbeil in der Hand des Ewigen.
Er hat den König der Hagariter geblendet,
Der da hurete im Gebet mit Götzen und Tieren.
Seme dreißig Söhne hat er erschlagen,
Und seine Königinnen, Kebsweiber und Töchter,
Fünfhundert an der Zahl,
Im Wasser erstickt wie Katzen,
Auf daß der Strom von Duft aus ihren Poren
Der Auserwählten Söhne nicht hinschleudere
Zu den Wären der Unreinen.
Aber alles Vieh führte er mit sich:
Fünftausend Kamele,
Zweihundertfünfzigtausend Schafe,
Dreitausend Esel
Und Hunderttausend Menschenseelen leibeigener Knechte.
 
Bakbakkar, der Sieger reitet durch die Tore der heiligen Stadt.
An seinen Händen Neben w blutigen Strähnen
Haare von Weibern,
Die er im Sande hinter sich geschleift.
Die Füße sind ihm bespritzt
Von den Hirnen zertretener Feinde.
Bakbakkars Leib ist unrein geworden am toten Fleisch der Hagariter.
Das Frohlocken des Volkes schwillt brandend auf zu Bakbakkar.
 
Er aber gehorchet dem Gebot des Namenlosen.
Drei Tage badet er seinen Leib und wäscht seine Kleider,
Drei Nächte versagt er sich dem Beischlaf des Weibes.
Gereinigt tritt er vor die Lade des Herrn,
Verhüllten Hauptes und in Demut.
 
 

6.
Merajoth

 
Schön seid ihr Söhne vom heiligen Stamme Levi! — Leichtbewegt
Spielen eure Glieder unter dem priesterlichen Kleid
Aus blauem und purpurnem Leinen.
Ihr tragt euch gelassen in zarten Hüften
Feine, gestreckte Stäbe sind eure Finger an Händen und Füßen.
Und eure Knöchel sind schmal und schimmern.
Wie die Wiesen im Frühling sind eure Häupter,
Von keiner Sichel berührte Wiesen,
Und eure Locken duften wie Sommerblüten.
In euren Adern rinnt das Blut der Mütter,
Die ungeschwächt und keusch zum Manne sich legten.
Ihr seid die Frucht von makellosen Bäumen.
Schön seid ihr Söhne vom heiligen Stamme Levi. — Doch unter
euch allen
Ist keiner so schön wie Merajoth.
 
Merajoth hat keine Heimat im Schoß eines Weibes.
Noch ist er keusch wie ein Erstlingsopfer.
Seine Heimat ist der Tempel des Herrn.
Verhüllten Hauptes tritt er vor die heilige Lade.
Aus fahlem Lichte heben sich drohend die Cherubim.
Ihre Schwingen breiten sich in goldener Starrheit, — regungsloses
Lächeln
Lagert auf den großen Flächen ihrer Züge.
Aus toten Augen blicken sie w leeren Raum.
Die Leiber der erzenen Rinder wuchten in gedrängter Masse.
 

Auf ihren metallischen Flanken lastet dunkel
Die weitgeschwungene Schale des ehernen Meeres.
Im geschnitzten Gewirr des Gestühles wuchert lebloses Leben:
Löwen, Ochsen, Cherubim, verschlungen in steifer Erstattung.
Von den Quadern der Grundfeste recken sich Säulen.
Sie bergen in sich die verhaltene Kraft ihres Aufstieges.
Unaufhaltsame Brandung stemmen sie sich dem Dache entgegen
Und offenbaren im Steigen ein Wissen von Unendlichkeit.
 
In »vergewaltigen Formen dämmert die Heimat des Merajoth.
Nichts treibt ihn zurück über Vorhof und Stufen
Zum hellen Tag.
Seine Schönheit lebt im fahlen Licht
Und wächst mit dem Schwünge der Säulen empor
Zum Namenlosen.
 
 

Hiob und sein spätgeborener Sohn
Hiob spricht:

Sie preisen glücklich mich, weil Er, der Eine,
Mir viel gewährt, nachdem er mich beraubt;
Doch keiner weiß, wenn tief verhüllt das Haupt,
Mein Glück, das er mir nahm, ich stumm beweine.
 
Die Kinder, die ich liebte, bergen Schreine,
Die meine Jugend zeugte, sind zerstaubt.
Mich hegen andere; —doch ein Tor, wer glaubt,
Daß sie mir nah. Ich dulde sie zum Scheine.
 
Ich bin Gott fremd, begrenzt ist sein Allwissen,
Er gab mir tote Güter, Felder, Herden.
 
Begreift er nicht, wie elend und zerrissen
Die Überdaurer eigner Jugend werden,
Weil Mensch im Menschen tief verwurzelt ruht
Und unersetzlicher wie lebend Blut?
 

Der Knabe spricht:

Ich habe meine Brüder nie gekannt,
Die früh das Irdische gesegnet hatten,
So aber kämpfe ich mit ihren Schatten,
Denn nimmt mein Vater mich an seine Hand,
 

Trennt uns Gewesenes wie dichte Wand. —
Noch einmal möchte ich sie tief bestatten.
Ich hungere nach Liebe. — Sie, die Satten,
Sie haben mich geächtet und verbannt.
 
Nie werde ich im Vaterauge gleichen
Den Toten, die ich hasse. Wem des Lebens
Aussaat zur Ernte reifet, ringt vergebens
 
Das Bild der früh Verblichnen zu erreichen,
Deren Erfüllung, reich und auserlesen,
Unendlich wurde, weil sie nie gewesen.
 

Hiob spricht:

Als stech mein Leib vom schwärenden Gebreste
Und die geliebten Kinder mir entglitten,
Hielt Zwiesprach ich mit Gott, die jeden Dritten
Von mir vertrieb, weil drohend seine Geste.
 
Ich blieb allein, — und das war so das Beste,
Denn niemals habe tiefer ich gelitten,
Als heut, da zage, ungesprochne Bitten
Mich lösen wollen von dem Leidensreste.
 
Naht sich mir Liebe, muß ich sie verfluchen.
Ich fürchte Gott, ich will ihn nicht versuchen,
Daß nochmals er sein Auge auf mich lenkt.
 

Ich kann nicht mehr in andern Wurzeln schlagen.
Es könnte Gottes Laune leicht behagen,
Mir neu zu rauben, was er mir geschenkt.
 

Der Knabe spricht:

Gewaltig ist mein Vater, — wer wie er
Geprüft von Gott und dann bewährt gefunden,
Muß einsam bleiben, denn der andern Wunden
Mißachtet er, ihr Leiden dünkt ihm leer.
 
Geschah das Wunder froher Wiederkehr
Der toten Brüder, — würde er gesunden?
Kann er noch fühlen, wie er einst empfunden?
Er ist zu groß, — er liebte sie nicht mehr.
 
Doch ich bin schwach, und ich ertrage nicht
Die Nähe solcher Größe, denn wer gibt
Ein Lächeln mir? — Ich möchte mich verlieren
 
An einem Lächeln, doch mich schreckt sein Licht,
Das grell und hart. Ich werde immer frieren,
Weil niemand meine Jugend wärmt und liebt.
 

Hiob spricht:

Gott, deine Allkraft hast du überschätzt!
Du wolltest nach der Prüfung herbem Meiden
Begütigend an meinem Glück dich weiden;
Sieh, wie ich bin: mein Innerstes zerätzt!

Du Schöpfer alles Lebens weißt es jetzt:
Ein Spiel war dir, aus nichts das All zu scheiden,
Doch das Gewesene, vergangne Leiden
Zu löschen, bleibt unmöglich bis zuletzt.
 
War nicht genug, daß mir allein geschah
Auf immer Leid? — Jedoch mein Leid verdirbt
Die Luft für jeden, der mir lebensnah,
Bis seine Wurzeln krank, bis er verdorrt. —
 
Auch wenn mein Leid mit meinem Körper stirbt,
Erbt es als Fluch von Glied zu Glied sich fort.
 
 

Die Schweigenden

Wir haben uns nicht in unser Schweigen vergraben
Wie Tote in Särge.
Ewiges Leben
Bürgt uns Ungesagtes.
Wenn wir dich sprächen,
Namenloser,
Mit jedem Anruf würdest du uns blasser.
Wort ist dem Fühlen
Durchbrochene Schleuse.
In uns staut sich das Wasser
Inneren Gesichtes.
Wir quellen über von Gott.
 
Wer Namen gibt, legt Hand auf Dinge,
Rafft an sich.
Wer dich nennt im Gebet,
Namenloser,
Will erobern.
Wir aber wollen
Arm sein, besitzlos,
Nur besessen von dir,
Höchster Gedanke!
 
 

Der Vollendete

Sprenge den Sarg, in dem du geruht,
Den Sarg aus Fleisch, aus Fasern und Blut.
 
Zerbrich deine Form, aus Atomen geballt,
Verflüchtige dich und werde Gestalt.
 
Neue Gestalt, zum Sterben bereit,
Wechselnd im Drang nach Vollkommenheit.
 
Reinige dich von des Blutes Kraft,
Pilger durch Sünde und Leidenschaft.
 
Dir ward ein Weib; — sie liebte den Sarg,
Die tote Hülle, die dich verbarg.
 
Nicht halte dich mehr, was aus Fleisch sich gebar.
Entsteige der Unrast, — werde klar!
 
Unrast trieb dich von Gier zu Begehr.
Werde ein unbewegtes Meer.
 
Meer ohne Strömung, Ebbe und Flut,
Das tief in eigener Tiefe ruht.
 
Meer ohne Wissen, Wollen und Wall,
Werde Vollendung, werde das All!
 

Psalm

Zeiten sind die Gewänder des Ewigen.
Zeiten verhüllen mir, Gott, deinen Anblick
Wie wechselnde Gewänder dem Liebenden
Den Leib der Geliebten.
Ob wasserfarbener Flor,
Nebelhaft gewebt,
Ob prunkender Purpur die Zeit,
Du schimmerst aus ihr hervor,
Der ewig Gleiche in ewiger Wandlung.
 
Gott, warum treibst du mit mir ein Spiel
Wie Weib mit dem Manne?
Was wird dein Antlitz mir
Undurchdringlicher, rätselhafter
In jeder neuen Gewandung?
Was hast du mit Fellen dich behängt
In dunkelnder Höhle?
Wolltest du mich schrecken mit der Wildheit deiner
Bluttriefenden Hände?
Meine Sinne fließen zu dir über,
Drängen sich in die Falten,
Atmen den Duft heidnischer Gewandung.
Starr prunkst du im Dunkel der Kathedrale,
Hart in Brokat.
Himmel gepuderter Lämmerwolken
Dein Haupt,
Gewölbte Blütenbüsche deine Hüften.
 
Im Glied einer Kette,
Gleichend den Gliedern der Kette,
Wirkst du im Kleide der Arbeit.
 
Du verwirrst, du bedrängst mich, Gott,
Im Spiel deiner Wandlung.
Bist du Blutrausch, Arbeit,
Entsetzen, Freude?
Oder meine Sehnsucht? —
So laß mich dein Minnesänger sein!
Laß mich träumen von dir unter dem Wechsel deiner Zeiten,
Laß nie mich trauern,
Daß deine Nacktheit mir verschlossen.
Meine Hymnen umbranden dich.
Anbeten will ich dich, Unverstandener!