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Marie Conrad – Ein Entscheid.

Novelle

aus: Marie Conrad-Ramlo, Helldunkel, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, 1892

1.

Draußen vor Berchtesgaden, vor dem eigent­lichen Dorfe, ein wenig abseits von der Landstraße, zieht sich eine lange Reihe von schmucken Villen hin, die durch Gärten mit hohen Bäumen getrennt sind, so daß sich die Bewohner in ihrem Terrain abschließen und eine vollständige Isoliertheit träumen können.

Eine der Villen macht einen besonders geschmackvollen, vornehm einfachen und anheimelnden Eindruck. Dichte Rosensträuche und Fliederbüsche, in Hecken und Boskets gepflanzt, scheiden sie von der Straße.

Ein großer, kräftig gebauter Mann in moderner, etwas nachlässiger Kleidung kam im Bummelschritt, eine Cigarre rauchend, aus dem Dorfe heraus, ging die Villenreihe entlang und blieb bei den Fliederbüschen und Rosensträuchen stehen.

Er betrachtete das Landhaus mit der breiten, niedrigen Veranda, die zum Schutz gegen die Sonne mit rot und gelb gestreiftem Segeltuch überspannt war.

Da blieben seine Blicke haften, angezogen durch die anmutig plastischen Bewegungen der stattlichen, schönen Frau, die dort den Frühstückstisch ordnete. Sie stellte eben eine Vase mit Feldblumen auf den Tisch.

»Ach, die Hände, die weichen, schönen Hände, dürft’ ich sie nur küssen!« murmelte er. »Schöne Hände sind doch das reizendste an einer Frau. Von solchen Händen gestreichelt zu werden – Merkwürdig, solch eine Frau habe ich noch nie gesehen! Ganz anders, ganz anders!«

Er konnte sich nicht satt sehen an ihrer Erscheinung! Es war so angenehm, sie einmal so ganz ungeniert betrachten zu können, förmlich schwelgen, untertauchen zu können in ihrem Anblick. Das dunkle, volle Haar stimmte so gut zu den Augen und dem beinahe einfarbigen und doch so frischen Gesicht. Und das Hauskleid aus granatfarbenem Foulard mit reichem Spitzendevant, das lose Jäckchen von beinahe spanischem Schnitt, mit der weißen Spitzenbluse darunter, das Bouquet von Geraniumblüten an der Brust, ach, wie hübsch!

»Herr Doktor,« klang eine angenehme Altstimme von der Veranda herunter, »wollen Sie Versteckens spielen?«

Sie hatte ihn also entdeckt. Das wollte er eigentlich nicht, aber es brachte ihn auch nicht im geringsten in Verlegenheit.

»Gnädige Frau,« rief er lustig hinauf, indem er den Hut zog, »guten Morgen!«

»Was machen Sie da unten?«

»Ich betrachte Sie, gnädige Frau!«

»Ach was!« Sie errötete ein wenig und wollte in diesem Thema nicht fortfahren. »Haben Sie meine Tochter nicht gesehen?«

»Nein, aber wenn Sie befehlen, Gnädige, werde ich sie suchen! Nach welcher Richtung wird sie wohl – ist sie ganz allein gegangen?«

»Ja,« sagte Frau Thekla von Rettenstein, »sie geht gern ganz allein und ich sehe darin nichts schlimmes; sie ist ein wohlerzogenes, gutes Kind, und ich meine, nur die schlechtgezogenen brauchen gehütet zu werden.«

»Da haben Sie recht,« erwiderte Doktor Romer lachend und sah nach beiden Seiten die Straße hinauf und hinab suchend umher.

Da kam sie und zwar – nicht allein! Mit einem jungen Mann. Er kam ihm bekannt vor, hier hatte er ihn zwar noch nicht gesehen, aber wahrscheinlich in München – wo war’s nur? Sie verabschiedeten sich, er hielt die Hand des Mädchens länger in der seinen, als dies sonst in guter Gesellschaft Sitte ist, wenn man sich nur so obenhin kennt.

Die Mutter konnte die beiden nicht sehen, denn die Fliederbüsche verdeckten nach dieser Seite hin die Aussicht.

»Aha, hmhm,« dachte sich der Doktor. »Ganz allein, ja, ja!«

Das Mädchen kam heran, heiter, angerötet, während es doch sonst ein bißchen bleich war.

Doktor Felix Romer ging Magdalena eine kleine Strecke entgegen.

»Guten Morgen, gnädiges Fräulein, schon fleißig gewesen? Darf ich Ihnen die Zeichenmappe tragen?»

Sie knixte drollig anmutig.

»Habe die Ehre, Herr Doktor, wie weit wollen Sie sie tragen? Bis zum Haus?«

Sie lachte.

»Na, eigentlich bis hinauf. Es war eine kleine Finte, ich gestehe es. Auf Ihrer Terrasse ist’s gar so schön! Darf ich?«

»Nein, nein,« sagte sie, die Mappe festhaltend, »das ist mein geistiges Eigentum, das gebe ich nicht aus der Hand, aber kommen Sie nur mit, Mama wird sich freuen. Haben Sie heute schon bei ihr Morgenvisite gemacht? Natürlich ja. Wie gewöhnlich à la Romeo und Julia, Sie unten, sie oben auf der Veranda.«

Beide gingen scherzend, plaudernd die Stufen hinauf in den Salon. Frau Thekla kam ihnen freundlich entgegen, küßte ihre Tochter und gab Felix die Hand.

»Nun,« sagte sie, »hast Du gezeichnet, Magdalena?«

»Ja, Mama. Schade, daß ich keinen Malka­sten dabei hatte, herrliche Morgenstimmung, wunderbares Licht!« Sie trat hinaus auf die Veranda und deutete zu den Bergen hinüber. »Siehst Du? Es ist beinahe noch dasselbe. Der Watzmann! Wie er eingesponnen ist in bläulichen Dunst! Die Beleuchtung ist das interessanteste an der Natur.«

»Ja, ja,« sagte Felix, »die Watzmanns sind eine liebenswürdige Familie, die habe ich auch sehr gern, obwohl ich von dem bläulichen Dunst nicht so viel sehe und verstehe wie Sie.«

Sie erwiderte neckend:

»Das kommt davon, weil Sie kein Malerauge haben!«

»Malerauge?« dachte er. »Aha!« Jetzt fiel ihm der junge Mann mit dem langen Händedruck wieder ein. »Richtig, der hat Maler­augen, daher diese auffallende Beleuchtungsschwärmerei. Das war ja der – wie heißt er nur gleich?« Er fand den Namen nicht. »Ja,« seufzte er laut und humoristisch, »jeder sieht eben so gut er kann!«

Man setzte sich an den Frühstückstisch auf der Veranda, der für drei Personen gedeckt war.

»Darf ich wirklich so glücklich sein, mitzuhalten? Ich bin recht hungrig, gnädige Frau; Sie sind so gut!«

Er küßte ihre Hand, die eben ein bestrichenes Brötchen gefaßt hatte, sie legte es auf seinen Teller, reichte den Honig herüber und benahm sich so freundlich sorglich gegen Felix, als thäte sie das aus alter lieber Gewohnheit.

»O, rauchen Sie nur ungeniert, wir sind ja im Freien!«

»Ach,« sagte er aufatmend, »ich bin so glücklich hier bei Ihnen. Wenn ich so bei Ihnen sitze, da – träume ich –«

Er sah gedankenvoll vor sich hin.

»Nun, was träumen Sie denn?« fragte Magdalena, als er eine Pause machte. Und in ihren Augen lauerte ein kleiner Schelm.

»Ich träume, daß ich hier zu Hause wäre, daß ich zu Ihnen gehöre, daß Sie mein liebes Töchterchen wären –« Er sah Magdalena innig ins Gesicht. »Und Sie gnädige Frau –«

»Ihre eigene Frau!« ergänzte Magdalena lachend. »Ja, Mama, das hat er sagen wollen!«

Thekla war wirklich rot geworden. Nicht, was Felix gesagt, sondern die Bemerkung ihrer Tochter trieb ihr die Röte ins Gesicht. Ihre Tochter, ihre kleine Magdalena, sollte die schon so viel reifen Scharfblick haben, um das warme Interesse zu bemerken, das sie für diesen großen, naiven Menschen empfand?

Sie wußte nicht, was sie nun sagen sollte, sie war verlegen. Es entstand eine kleine Pause, aber keine peinliche, denn alle drei beschäftigten sich tapfer mit ihrem Frühstück.

Dann fing Frau Thekla an: »Nicht wahr, Sie sagen wohl alles, was Sie sich denken?«

»Ja, alles – das heißt, nein – überall nicht. Aber wo’s nur irgend geht, da thue ich es. Ich dachte wirklich,« setzte er etwas zögernd hinzu, »hier ginge es – bei Ihnen, gnädige Frau, Sie sind ja so gut. Sehen Sie, ich bin ein etwas ungeleckter Bär geblieben trotz meiner vierzig Jahre; sollte ich bei Ihnen damit Anstoß erregen, so bitte ich, striegeln Sie mich ein wenig. Ich weiß, es ist mir ja schon oft gesagt worden, ich brauche es.«

Sie mußte lachen und schlug ihn ganz leicht auf die Hand. Wie beglückte ihn diese Vertraulichkeit! Ach, die süße weiche Hand!

»Aber sagen Sie,« fuhr Frau von Rettenstein fort, »wenn Sie so ziemlich alles aussprechen, was Sie sich denken, wie kommen Sie denn da durch die Welt?«

Da jammerte er in seinen höchsten Tönen: »O, schlecht, gnädige Frau, sehr schlecht, o, ich errege überall Anstoß. Das heißt, im Auslande, wo ich ja die meiste Zeit zugebracht habe, ging es besser, da ist man toleranter. Namentlich in Italien, wo ich neun Jahre Publizist war, da hatte man mich sogar lieb. Aber in München, ach, in München geht es mir schlecht! Einmal rede ich den Leuten zu laut, dann sage ich zu oft meine Meinung, sie ist leider meist eine andere, als die beliebte. Mit einem Wort, man erträgt meine Art und Weise nicht, man mag mich nicht.«

»Warum sind Sie denn eigentlich nach Deutschland gegangen, da Sie doch im Auslande so beliebt und geachtet waren?«

»Ja, das war wohl dumm von mir, aber mich einfältigen deutschen Michel zog’s immer hierher, ich hatte fortwährend Sehnsucht im Herzen, und nun« – er lachte bitter – »das heißt, hier ist gut sein, hier bin ich glücklich. Ich war wahrhaftig nie so glücklich!« Er lehnte sich lächelnd, behaglich im Stuhl zurück.

»Aber,« fragte Magdalena, warum sind Sie denn immer so allein herumgefahren? Warum haben Sie nie geheiratet?«

»Ja,« sagte er nachdenklich, »das ist komisch, ich habe sozusagen nie eine Frau zum heiraten gefunden. Es scheint, daß daran auch mein etwas brutales Wesen schuld war. Ja, ja, diesen Ausdruck hat schon ein paar Mal ein weiblicher Mund gebraucht, als er von mir sprach. Es ist wahr, ich bin manchmal etwas rücksichtslos gegen Frauen. Lieber Gott, ich habe eben noch nie für ein Weib eine so kindisch demütige Neigung empfunden wie –«

Thekla erriet an seinem Blick, an seinem unwillkürlichen Näherrücken, wie er den Satz enden wollte. Mit einem energischen, beinahe schmerzenden Druck auf seine Hand unterbrach sie ihn. Er sah sie erstaunt an, und sie Magdalena, die in ihr Zeichenheft vertieft war. Thekla begriff nicht, wie er in Gegenwart des Kindes so weit gehen konnte.

Sie stand rasch auf und schlug einen Spaziergang vor. Nach dem Königssee! Magdalena, die schon in Straßentoilette war, sollte dem Doktor Gesellschaft leisten, während sich Thekla umkleidete. Felix griff nach der Zeichenmappe, die auf dem Tisch lag.

»Darf ich sehen, was Sie gemacht haben?«

Sie erschrak ein wenig und streckte die Hand aus, um ihm die Mappe zu nehmen, sagte aber dann mit geheuchelter Gleichgültigkeit:

»Ach ja, sehen Sie es nur an.«

Er blätterte bis zu den letzten Seiten, da rief er plötzlich erstaunt:

»Das haben Sie selbst gemacht? Das ist ja ein kleines Kunstwerk! Die Landschaft kenne ich, da draußen an der Mühle – wunderbar getroffen! Und das Pärchen hier im Gras, das sind wahrhaftig Sie selbst, das heißt, die eine Hälfte; haben Sie das wirklich gemacht?«

Da nahm sie ihm verlegen lachend das Heft weg.

»Ach, Sie – Gewissenserforscher! Nein, nein,« setzte sie ernsthaft hinzu, »bei Ihnen darf man ja nicht lügen, ich habe es nicht selbst gemacht. Ja – nun – möchten Sie wohl wissen wer? Hahaha, mein Genius. Pst, Mama kommt!«

Sie kam heraus, frisch, duftig, im blaßgelben, das violett geblümten Sommerkleid. Ein breiter Sommerhut mit blauem Flieder beschattete das halbe Gesicht.

Sie gingen langsam, plaudernd, den Waldweg entlang. Felix trug den Sonnenschirm, während sich Thekla die langen gelben Handschuhe anzog.

Plötzlich rief Magdalena:

»Nun könnten wir eigentlich einen kleinen Umweg machen, dort bei diesem Häuschen, beim Semmelbauer ist es so hübsch, und es führt auch von dort ein schattiger Weg zu unserem Ziele.«

Die beiden gingen, ohne zu fragen, warum Magdalena gerade an dem Häuschen dort vorbeizukommen wünschte, dahin. Sie waren in Gedanken. Als das junge Mädchen rasch einige Schritte vorauseilte, leicht, graziös wie ein Elfenkind, sah ihr Thekla zärtlich lächelnd nach.

»Sagen Sie, Doktor, ist sie nicht entzückend? Wie süß ihr das blaßrosa Kleid steht! Es giebt wenig Frauen, die rosa gut kleidet, sie gehört zu diesen wenigen.«

Magdalena wendete sich um; die Mutter sah ihr gerührt ins Gesicht.

»Sie ist wirklich zu vergleichen mit einer Apfelblüte.«

Felix erwiderte:

»Ja, sie ist reizend. Wenn ich etwas an ihr auszusetzen hätte, so wäre es, daß sie beinahe zu zart ist, das heißt für meinen Geschmack.«

»Das ist wahr,« sagte Thekla fast traurig; »das hat sie von ihrem Vater, er war auch so blond wie sie und so fein gebaut.«

Es war zum erstenmal, daß sie von ihrem Manne sprach, und es interessierte den Doktor aufs höchste.

»Ist er schon lange tot?«

»Seit zehn Jahren schon; er war immer leidend, herzleidend. Daran starb er auch; es ängstigt mich oft Magdalenas wegen. Ich hoffe, sie wird immer glücklich sein. Wenn ich mir denke, daß sie einmal im Leben unglücklich werden könnte, sehen Sie, Doktor, da ist mir, als müßte ich vergehen.«

Sie hatte bei diesen Worten erregt des Doktors Arm gepackt, daß dieser fast erschrak. Er sah sie an, ihre Augen glänzten von Thränen. Sie bezwang sich.

Felix, dem jede trübe Stimmung unheimlich war und der sich gerade diese Frau nur mit allem Guten, Lieben, Freudigen zusammendenken konnte ihr Leben lang, sagte, sie beruhigend:

»Warum sollte sie jemals unglücklich sein, bei ihren Reizen, ihrer gesellschaftlichen Stellung, mit solch einer sorgenden Mutter!«

Thekla, die ja im Grunde auch heiteren, gleichmäßigen Temperamentes war, ließ sich die Gefühlsschwenkung gerne gefallen, zu der sie der Doktor veranlassen wollte, sie lächelte wieder.

»Sie, Herr Doktor, können wohl Traurigkeit, Melancholie und dergleichen nicht begreifen. Waren Sie denn immer glücklich? Haben Sie nie einen großen Schmerz empfunden?«

»Nein, nie!« sagte er aufrichtig. »Es ging immer so ruhig dahin in meinem Gemüte. Meine Eltern leben noch, als Schriftsteller habe ich ziemlich Erfolg, wenn auch nicht so viel, als ich wünschte. Wer hat das? Einige wenige, die sich dem oft recht mäßigen Geschmack ihrer Zeit anbequemen mögen . . .« Dann setzte er zögernd hinzu: »Freilich – eigentliches, ich meine ein großes Glück, ein unfaßliches – habe ich auch noch nie empfunden.« Er sah Frau Thekla an. »Es ist sonderbar, daß mir das jetzt erst auffällt, seit ich Sie kenne, daß ich erst jetzt ein solches Glück ersehne.«

Seine Stimme war unsicher.

Thekla suhlte es in ihrem Herzen warm aufwallen.

»Ist es denn möglich,« dachte sie, »eine solch innige Empfindung kann ich noch für einen Mann haben!« Es war ihr wahrhaftig, als ginge es nicht mit rechten Dingen zu. Ihre Augen suchten fast ängstlich nach ihrer Tochter, wie nach einem Schutz vor sich selbst. Diese war vorausgeeilt und stand nun bei einem der kleinen Häuschen, mit einem Bauernmädchen sprechend.

Als Thekla und Felix hinzukamen, trat aus der Thüre der junge Mann, der am Morgen Magdalena begleitet hatte. Er begrüßte Thekla wie eine Bekannte, und nun erinnerte sich Felix plötzlich seines Namens. Erich Hardi wars, einer der talentvollsten jungen Maler Münchens. Die Herren schüttelten sich die Hand. Auf seine höfliche Frage, ob er sich anschließen dürfte, sagte Thekla:

»Ja, gewiß, auf dem Lande schließt sich alles an. Seit wann sind Sie schon hier, Herr Hardi?«

Er antwortete, daß er erst seit gestern hier sei, worauf ihn Magdalena erstaunt ansah.

Es machte sich ganz von selbst, daß man paarweise hintereinander ging, die jungen voraus. Thekla betrachtete ihre Tochter, die sich manchmal freundlich nach ihrer Mutter umsah, entzückt von der leuchtenden Heiterkeit in ihrem Gesicht.

»Ja, ja, der rosige Schleier, durch den die Jugend die Welt sieht!«

»Sehen Sie durch einen dunklen?« fragte Felix.

»Nein, ich sehe sie nur deutlich; ich möchte es Magdalena nie sagen, wie deutlich ich sie sehe, ich gönne ihr den rosigen Schleier, darin liegt ja das ganze vielbesungene Glück der Jugend.«

Felix Romer, der so heitere, lebensfrohe Mensch, hat den Jubel der Jugend nie gekannt, ebensowenig wie er die trüben Schatten der reiferen Jahre sah; er gehörte so recht der gemäßigten Zone der Gefühle an. Und doch hat er schon Gefallen und Interesse an Frauen gehabt, er gestand es Thekla, hat kleine Abenteuer erlebt, so »allerlei Geschichten«, die er gerade nicht jedermann anvertrauen möchte, aber er hat nie etwas gethan, was gemein, was verächtlich war, nichts, worüber er erröten müßte.

»Nun,« rief Thekla, »das kann unter vielen tausend Männern nur einer sagen! Keinem andern würde ich es glauben! Ihnen glaube ich es. Darum haben Sie sich auch Ihre Naivität Frauenliebe und -Leben gegenüber bewahrt. Wissen Sie, daß das für mich das Anziehendste an Ihnen ist?«

Er schwieg in beinahe verschämt freudigem Gefühl.

»Wie gefällt Ihnen Herr Hardi?« fragte sie plötzlich.

»Ach – Herr Hardi, er posiert mir zu viel: Mangel an Natur . . .«

»Ich kenne ihn nur wenig, er hatte mit Hermine Prusek, der Lehrerin meiner Tochter, eine Zeit lang ein Atelier zusammen, da sah ich ihn ein paarmal.«

»So!«

Felix wurde einsilbig: es störte ihn in seiner Empfindung für Magdalena, daß diese offenbar ihre Mutter belog.

Man verabschiedete sich gegen Abend; die Damen blieben zu Hause, die Herren fanden sich im Restaurant. Sie waren sich gerade nicht sehr sympathisch, aber auf dem Lande ist man gesellschaftlich anspruchslos, man paßt sich an; und dann konnte jeder von dem Gegenstand seines Interesses mit dem andern reden und das war beiden angenehm.

Felix fragte den Maler, ob er nicht finde, daß Frau von Rettenstein aussehe wie ein Frauenporträt von Bordone oder Giorgione.

»Ach,« erwiderte dieser, »ich bitte Sie! Das ist eigentlich eine Beleidigung für Frau von Rettenstein, sie mit diesen schmutzig braunen Weibern der alten Italiener zu vergleichen. Ich bin nämlich sogenannter Hellmaler. Frau von Rettenstein ist viel schöner, sie ist von einer ganz eigenartigen Schönheit. Nur gefällt mir ihr Haar nicht, die Farbe ist mir unsympathisch. Eine Frau mit solchen Haaren könnte ich nie lieben.«

»O Du Affe,« dachte sich Felix, »nicht lieben – Du, eine solche Frau! Das ist Dein Glück!«

Hardi war ganz nett, manchmal ein bißchen fad, auch ziemlich eingebildet, aber er interessierte Felix, weil er ein Geheimnis mit Magdalena zu haben schien, mit Theklas Tochter!

 

 

2.

 

Thekla hatte sich in ihren Salon zurückgezogen, denn das helle Licht draußen auf der Veranda störte sie in ihrem Denken. Ruhig, ganz ruhig, vollkommen leidenschaftslos wollte sie mit sich zu Rate gehen. Aber vor überquellendem Gefühl kam sie nicht zum ruhigen Überlegen.

Die Einsamkeit that ihr wohl, sie lehnte ihre heiße Stirne ans Kreuz des offenen Fensters. Manchmal seufzte sie schwer und dachte halblaut vor sich hin: »Ich sträubte mich ja dagegen, aber es zog mich zu ihm hin. Sein gutes, offenes, unverdorbenes Wesen hat ihn mir täglich teurer gemacht. Lebt denn wirklich die Liebe in des Menschen Herzen fort, tief verborgen, unbeweglich, als schliefe sie, als wartete sie, bis wieder etwas kommt, um sie zu wecken? Seit dem Tode meines Gatten glaubte ich, sie wäre mit ihm gestorben – und jetzt, wie eine Quelle, die nur verschüttet war, bricht sie hervor und wächst und wächst, alles überflutend. Alles? Nein, mein Muttergefühl nicht. Ich glaube nicht, das ist doch das mächtigste in mir, muß es ja sein.

Aber – ist Magdalena dadurch weniger glücklich? Sie ist noch unberührt von allem Leid. Nicht einmal den süßen Liebesschmerz kennt sie. Und Felix drang auf eine Antwort, auf einen endgültigen Entscheid. Er weiß sich ja nicht mehr zu helfen, der Arme, vor Bewunderung und Liebe – und Glück! Magdalena soll entscheiden!«

Doch wie sollte sie sich ihrer Tochter anvertrauen?

»Was wird die für Augen machen, wenn sie erfährt, daß ihre Mutter – ach!« Erschreckt wie ein schamhaftes Mädchen verbarg sie ihr Gesicht in beide Hände.

Da hörte sie jemand hastig die Treppe heraufspringen.

Sie öffnete die Thür, die zum Korridor führte, und sah hinaus. Es war Magdalena, die in ihr Zimmer eilen wollte.

»Was hast Du denn, Kind? Du sollst nicht so über die Treppen springen, ich habe Dich schon oft darum gebeten, nun bist Du ganz erhitzt.«

»Ich komme gleich, liebe Mama,« war die eilige Antwort, »ich kleide mich nur anders an!«

Thekla hatte sie vor einer Stunde mit Felix fortgehen lassen, das Bild, welches Hardi gerade in Arbeit hatte, zu betrachten, denn sie wollte ja so gern allein sein. »Nun kommt sie ohne Begleitung dahergelaufen –«

Magdalena trat in den Salon; sie trug ein crêmefarbenes Kleid und einen frischen Strauß von dunklen Rosen im Gürtel.

»So,« sagte sie, »nun sehe ich doch wieder anständig aus.«

»Nun, ich denke, das ist immer der Fall,« erwiderte Thekla.

»Nein – in dem karrierten Kleid, das ich vorhin anhatte, nicht. Wie kannst Du nur Dein einziges Kind in solch einem Ungetüm von Kleid ausgehen lassen!« sagte sie komisch entrüstet.

»Es gefiel Dir doch selbst ganz gut.«

»Die Farbe, ja, aber die Carreaus! Dieses Rickrack, entsetzlich!« und sie bezeichnete zornig mit dem Finger auf ihrem Körper ein Carreau. »Hardi sagte, es steche ihn in die Augen, er weinte beinahe vor Schmerz.«

Thekla mußte lachen, denn Magdalena war ganz aufgeregt.

»Ach, das beleidigte Malerauge!«

Magdalena sann nach; sie war heute morgen mit dem festen Vorsatz aufgestanden, ihrer Mutter das Geheimnis ihrer Liebe zu gestehen. Die Falschheit der so liebevollen und geliebten Mutter gegenüber drückte sie doch allmählich; sie hatte den Doktor Romer, der ihr gleich andern Tages nach seiner Entdeckung offenherzig seine Meinung sagte, gebeten, nichts zu verraten; Mama sollte es aus ihrem eigenen Munde hören. Sie machte ein pfiffiges Gesicht, denn nun hatte sie’s: »So und nicht anders wirds gemacht. Ich will reden, und Mama – muß auch reden, jedes von seinem Geheimnis.«

»Mama,« fing Magdalena an, »das Bild wird gut.«

»So? Ja, ja, das glaube ich. Was stellt es eigentlich vor?«

»Die Geislisl! Das heißt also, die Lisl, welche Ziegen hütet; die Pose ist nett, sie sitzt, oder vielmehr liegt, auf einem dicken, niedrigen Ast, mit kurzem Röckchen angethan. Das rechte Bein emporgezogen, so daß das linke bis zum Knie sichtbar wird. In einer Hand nachlässig eine Gerte, die andere oben unter dem Kopf. Träumend in die Luft sehend. Unten sind die Ziegen. Ich habe alles mit meinem Künstlerauge betrachtet und kritisiert – und es war gut. Ich sage Dir, Mama, die Lisl hat ein hübsches Gesicht, und auch die Figur ist nicht übel, man muß sie nur genauer ansehen; sie erinnert mich etwas an das Bild von dem österreichischen Maler Blaas, welches wir neulich in der Kunstausstellung sahen, und für das alle Herren so schwärmen.«

»Richtig, an die Ninetta; ja, da kannst Du recht haben, nur ist sie etwas plumper.«

»Aber das Gesicht hat denselben Ausdruck. O, die Äuglein so – ich weiß nicht; ich mag ihn nicht, den Ausdruck.«

»Ja, ja, mein Kind, ich weiß, was Du meinst.«

»Ach,« lachte Magdalena, »aber etwas hat sie, was die Ninetta nicht hat. Ah, ah, hahahaha!«

»Was denn? Was belustigt Dich denn gar so sehr?«

»Ach. der kolossale Schmutz, von dem die ganze Lisl förmlich starrt, die Füße!« Sie mußte wieder lachen. »Die Hände, – hahaha, der Hals! Nein, es ist wirklich zu stark, Doktor Romer war ganz entsetzt!«

Doktor Romer. Nun betrachtete sie ihre Mutter schelmisch. Sie glaubte, der Name müsse ungeheuren Eindruck auf sie machen, aber sie irrte sich. Frau Thekla sagte ganz ruhig:

»Ja, ja, Doktor Romer mag den Schmutz nicht.«

Also endlich war das Gespräch dahin gekommen, wo es Magdalena haben wollte, nun muß es aber auch da bleiben, aber wie? Sie platzte heraus:

»Natürlich, der Doktor mag nur das Schöne, das Entzückende, das Vornehme, Dich, Mama!«

Da fragte Frau Thekla rasch:

»Hat er Dir das gesagt?«

»Ja, er hat bei mir um Dich angehalten.« Und sie lachte, daß die kleinen Zähnchen blitzten.

»Närrchen,« sagte Thekla verlegen.

»Und ich habe ihm mein Jawort gegeben.«

Daß Thekla nun lachte, war nichts auffallendes, und das war ihr sehr erwünscht, denn sie hätte wirklich nicht gewußt, was sie anders hätte thun sollen.

»Ja, ja, Mama, lache Du nur, ich will auch einen Papa haben wie andere Leute!«

»Aber, Magdalena,« brachte Thekla endlich mühsam heraus, »weißt Du denn auch, ob ich damit einverstanden bin?«

»Gewiß weiß ich das, Du magst ihn. Ich sehe Dirs ja schon lange an, gestehe es nur, süße, schöne Mama – gestehe es schnell! Dann,« setzte sie, tief errötend, hinzu, »dann gestehe ich Dir auch etwas.«

»Du mir – was?«

»Auch ein Herzensgeheimnis.«

»Nun?« sagte Thekla gespannt. »So rede, mein Kind! Nun?«

Magdalena zögerte, es war doch nicht so leicht. Thekla ging zu dem Mädchen hin und umfaßte es mit beiden Armen zärtlich und innig:

»Also sprich; giebt es denn etwas, was Dir schwer fällt, mir zu sagen, mir?« Und dringend wiederholte sie, da das Mädchen immer noch schwieg. »Magdalena, mir?!«

Mit plötzlichem Entschluß, tief atmend, hauchte Magdalena:

»Ich habe auch einen Mann lieb.« Und schnell vergrub sie ihr Gesicht in ihrer Mutter Armen.

Wie hatte sich Frau von Rettenstein seit Jahren auf diesen Augenblick gefreut, und jetzt lief ihr doch ein Schauer über den Leib!

»Mein Kind,« sagte sie leise und bebend, »wer ist es?«

Magdalena schluchzte, der Augenblick wühlte ihre ganze Seele auf. »Es ist Erich Hardi.«

Eine Pause entstand. Was flog alles durch der Mutter Gehirn! Angst, Hoffnung, Freude, Furcht. Ist es der Rechte? Wird er das Kleinod erkennen, verdienen, schonen, beglücken?

»Warum weinst Du, mein Herzenskind?« sagte sie sanft. »Er liebt Dich doch wieder?« Sie streichelte und küßte ihre Wangen.

»O, gewiß liebt er mich,« sagte Magdalena mit lachenden, thränenden Augen; »vielleicht nicht so, wie ich ihn, denn so wie ich kann gar niemand lieben.« Sie fiel, leidenschaftlich schluchzend, der Mutter um den Hals.

»Aber, Kind, jetzt kommt eine ernste Frage: Warum erfahre ich erst jetzt –«

»O, Mama, Mama, sei nicht böse,« fiel sie der Mutter ins Wort, »er hat es so gewollt; er sagte verborgene Liebe sei die süßeste – und ich –«

»Nun – und Du?«

»Ich,« sagte sie fest und ernst, »ich muß alles thun, was er will, ich kann nicht anders.«

»O – das ist ja ein sehr gefährlicher Mensch!«

»Weißt Du, Mama, daß wir uns verständigt haben, das ist erst ein paar Wochen, ehe wir von München weggingen, geschehen, und hier in Berchtesgaden – ist er allerdings nicht erst seit neulich, wie er Dir sagte, sondern –«

»Nun – sondern?«

»Sondern schon ein bischen länger,« sagte sie sehr leise, »aber es sah ihn niemand.«

»So, so!« Thekla wurde nachdenklich.

»Ach, Mama, habe ihn lieb, ich bitte Dich!« Sie drückte ihre Mutter in den Fauteuil und kniete vor ihr nieder: »Er ist gut und edel und talentvoll, er ist ein Genie, o, ich verehre ihn wie einen Gott; Mama – sprich doch! Was siehst Du mich denn so an? Rede ich denn Unsinn? Denkt man denn nicht immer so wie ich, wenn man liebt?«

Frau von Rettenstein blickte auf ihren Liebling mit unsäglichem Mitleid. Warum konnte sie in diesem Augenblick nichts anderes empfinden als Mitleid? Sie konnte sich selbst keine Rechenschaft darüber geben. Aber Sie durfte es doch nicht zeigen, sie durfte dem Kinde diese Stunde nicht verbittern. Sie wollte ihr ja, so lange sie lebte, alles schwere erleichtern, alles schöne noch verschönern. Jedes Körnchen Glück, das sie in der Welt finden konnte, dem Kind zu Füßen legen.

»Mein liebes Kind,« sagte sie, indem sie sie schmerzlich küßte, »sei glücklich mit ihm, das ist mein einziger Wunsch.«

»Ja, das werde ich. So glücklich, wie noch nie sterbliche Menschen waren!«

Magdalena war nun wieder ganz heiter; beide nebeneinander sitzend wie Schwestern, sich bei den Händen fassend, plauderten sie von ihrer Zukunft. Das junge Mädchen fest, mit aller Zuversicht des Frauenherzens und voller Berechtigung der Jugend zu Liebe und Glück – und die Mutter verschämt, mit ängstlicher Scheu, wie ein junges, zaghaftes Mädchen.

 

 

3.

 

Ja, er war lächerlich hilflos, der große Mensch, in seiner tiefen Liebe zu dieser Frau. Er, der alle Hindernisse, die früher, ach, wie oft seinen Lebensweg verbarrikadierten, mit seinen breiten Schultern durchschritt, mit seinen starken Ellenbogen nach rechts und links sich Bahn brechend, und wenn es gar nicht anders ging, ironisch oder höchstens ärgerlich lachend auswich, er stand jetzt da, demütig, ohnmächtig – wartend. Und warum gerade diese Frau? Es waren ihm doch schon viele, viele Frauen und Mädchen begegnet und haben ihn angelächelt und er sie. Er beneidete jetzt den Maler Hardi, der so selbstbewußt, so sicher durch die Welt schritt und durch nichts in Verlegenheit kam, der so gewandt war, so berechnend liebenswürdig, wie es eben die Menschen haben wollen!

Frau Thekla hatte wohl recht, als sie neulich, da alle beisammen saßen, sagte, und dabei bald Erich Hardi, bald Felix Romer betrachtete:

»Sie, Hardi, sind der junge Alte, und Sie, Romer, der alte Junge.«

Da saß er nun im Garten neben Hardi, der an dem Bild malte. Manchmal lugte er hinter dem Segeltuch hervor, das ungefähr in Mannshöhe auf der Sonnenseite im Halbkreis von Baum zu Baum gespannt war, um teils die allzu große Hitze abzuhalten, teils die Beleuchtung zu regulieren.

Magdalena war so erregt davongelaufen, als Hardi nur mit einem einzigen tadelnden Wort ihr Kleid beredete, daß ihr niemand folgen konnte; er hoffte, sie würde mit ihrer Mutter wiederkommen, um das Bild zu betrachten. Allein vergebens spähte er durch die Bäume. Dann sah er wieder Hardi zu, wie er pinselte, kratzte, mischte; manchmal betrachtete er die Lisl, die noch immer auf dem Ast hockte und nun gar eingeschlafen war.

»Lisl,« rief Hardi lachend, »Du fällst ja herunter, gieb doch acht! Bist Du eingeschlafen? Die Füße, Lisl, die Füße schön richten! So, jetzt sind wir bald fertig, nur noch ein bischen!«

»Nein, der Schmutz!« murmelte der Doktor entsetzt und schüttelte sich.

»Ah, das thut nichts,« sagte Hardi, weiter malend und rauchend, »im Gegenteil, das ist gut.«

»Ja, ja,« erwiderte Felix, indem er Ringe blies, »ihr Maler könnt den Schmutz vertragen, ihr habt ihn sogar gern, er macht Stimmung. Wenn mir ein Wesen gefallen soll, muß es vor allen Dingen gewaschen sein.«

»Das ist ja die Lisl, sehen Sie doch ihr Gesichtchen an, wie das frisch aussieht!« sagte Hardi.

»Ja,« murmelte Felix, »das wird auch so ziemlich das einzige sein, was sie wäscht. Brrr!«

»Nein, nein,« rief Hardi tröstend zum Mädchen hinüber, »behalte Du nur Deinen Schmutz, der ist schon recht!«

Lisl hörte nicht, denn sie verfolgte mit den Augen schon lange eine Mücke, die an ihrem Fuß hinaufkroch; als sie an der Wade angekommen war, schlug sie mit der Hand darauf.

Hardi schrie ihr jammernd zu:

»Aber Lisl, jetzt hast Du wirklich Deine Beine verwechselt, nun ziehst Du das linke hinauf, es gehört ja doch das rechte in die Höhe und das linke hinunter . . . hinunter! Ach Gott, Lisl, gieb doch acht, so – und dann die Hand mit der Gerte hängen lassen – hängen!«

»Und die große Zehe in die Luft strecken,« korrigierte Felix weiter, »und die kleine mehr nach links, um die Ecke!«

Lisl lachte. Sie empfand sofort den Spaß, der in diesen Worten lag. Sie lachte etwas grinsend, man sah die weißen Zähne. Es sah drollig aus und hübsch zugleich, man wußte nicht, war sie mehr drollig als hübsch oder mehr hübsch als drollig. Sie war sich übrigens dieser beiden Eigenschaften wohl bewußt und suchte sie den Stadtherren gegenüber, die dafür Sinn hatten, immer zu forcieren, denn den Stadtherren zu gefallen, das war ihr stetes Trachten; sie gefielen ihr ja auch so gut. Daß sie trotzdem ihres Schmutzes nicht achtete, war allerdings auffallend. Vielleicht kam es daher, weil sie so ziemlich die ganze Arbeit allein thun mußte in Haus, Stall und Garten. Ihrem Vater gehörte das Häuschen, in welchem Herr Hardi wohnte; der Ast, auf dem sie saß, stand auf ihrem eigenen Grund und Boden, und sie war stolz darauf – oder vielleicht hatten Künstler ihr gesagt, Schmutz sei malerisch, er sei von koloristischem Reiz!

»So, nun hören wir auf,« sagte Hardi, indem er Palette und Pinsel weglegte; »soll ich Dir herunterhelfen, Lisl?« Er ging zu ihr hin, sie rutschte ein wenig, ließ beide Hände auf seine Achseln fallen und schaute ihm dreist ins Gesicht, den Mund halb geöffnet. »Nein, was das Mädchen für einen Atem hat, großartig! Ich kann mir nichts Köstlicheres denken als solch einen Atem. Kommen Sie einmal her, Doktor, überzeugen Sie sich selbst, ich sage Ihnen, wie eine junge grasende Kuh, so frisch, so duftig!«

Er wollte Felix nötigen, zu Lisl hinzutreten, aber dieser sagte, daß er sich nicht auf solch aparte Genüsse verstünde. Es gelüste ihn auch nicht, sie kennen zu lernen, und er rauchte weiter.

Lisl sprang verwegen vom Baum herunter und lief fort, die beiden Herren bäuerlich kokett grüßend. Hardi sah ihr einen Moment nach, wie sie so dahinlief, die Füße nach hinten hoch hinausschlagend, daß das blaue abgetragene Röckchen flog, dann setzte er sich, lustig lachend, neben Felix.

»Wissen Sie, Doktor, ich sehe solche Geschöpfe zur Abwechslung auch einmal gern, es ist etwas gesundes, unverwüstliches, wetterhartes, die greift so leicht nichts an!« Er lachte.

»Aber wenn Sie an derartigem Wohlgefallen haben, begreife ich wirklich nicht, wie Sie sich als künftige Lebensgefährtin gerade Magdalena wählen konnten, denn sie ist doch eigentlich das pure Gegenteil davon!«

Hardi betrachtete sinnend seine Fußspitzen. Nach kleiner Pause sagte er leise: »Ja. das ist sie! Und dann sein schönes dunkles Gesicht voll dem Doktor zuwendend: »Haben Sie schon einmal einen Engel geliebt? Wäre Ihnen dabei nicht unheimlich zu Mute?«

Der Doktor schüttelte nachdenklich seinen mächtigen Krauskopf.

»Magdalena ist ein solcher,« fuhr Hardi fort, »ich sage Ihnen, Doktor, ihre Liebe macht mich oft unheimlich glücklich.«

Felix hörte nur halb zu, er dachte an Thekla.

Er fragte sich: »Wo wird sie sein? Was treibt sie? Könnte ich wohl jetzt noch leben wie früher, wenn ich sie nicht mehr sähe? Nein, nein, das könnte ich nicht mehr, ich würde verschmachten wie ein Verdurstender.«

»Doktor,« sagte Hardi und ergriff leidenschaftlich seine Hand, »glauben Sie, daß ein gewöhnlicher Sterblicher wie ich Magdalena beglücken kann?«

»Wenn Sie wollen und Sie sie lieben, gewiß: sie ist ja ein heiteres, sanftes Kind, nur manchmal etwas krankhaft erregt.«

»Ich möchte sie so gerne beglücken! Sehen Sie, Doktor, ihre Liebe erhebt mich über all das Gemeine, an das ich sonst manchmal streifte. Magdalena sagte einmal: ›Liebe heiligt,‹ – und sie hat recht, solche Liebe heiligt. Früher hat mich ab und zu mein rebellisches Blut in die Irre geführt – aber das wird nie mehr vorkommen, nie, nie, nie!«

Er erhob pathetisch die Hand, so daß Felix ein feines Lächeln nicht unterdrücken konnte, obwohl ihm der wirkliche Ernst, mit dem Hardi von Magdalena sprach, gefiel; ein wenig Pose konnte man ja schließlich einem solch jungen, genialen und infolgedessen verhätschelten Künstler verzeihen.

»Aber sagen Sie, lieber Hardi, warum haben Sie denn heute der kleinen Magdalena weh gethan, des einfältigen karrierten Kleides wegen?«

Da schnellte Hardi in die Höhe, indem er klagend rief:

»Ja, Doktor, das ist mein Unglück; wo ich fühle, sehe ich auch; meine dummen Augen haben mir schon oft einen Streich gespielt! Mein Herz geht nie allein, sondern immer mit den Augen. Es ist zum Verzweifeln. Als ich heute Magdalena mit dem horriblen Kleid sah – ich will es Ihnen gestehen, Doktor, es war mir, als liebte ich sie weniger – so tief beleidigt waren meine Augen.«

Es fehlte zwar dem Doktor das Verständnis für diese Theorie, aber der Kasus war ihm interessant! Das sind also die sogenannten Maleraugen! Sie tyrannisieren das Herz. Das ist bedenklich!

»Magdalena ist ja das entzückendste Geschöpf der Welt,« fuhr Hardi fort; »wenn sie zum Beispiel in weiß oder rosa oder sonst in helle Farben gekleidet ist, das Haar mit einer Blume geschmückt, ach, da könnte man niederknieen und sie anbeten, da ist alles Harmonie, da stimmt alles zusammen.« Er verzog schmerzlich das Gesicht. »O, nur keine harten Farben; ich würde toll werden, wenn meine Frau einmal in einem grasgrünen Kleid vor mir erschiene, ich empfände einen physischen Schmerz und ich müßte fortlaufen und erst am andern Tag wiederkommen, in der Hoffnung, daß sie dann ein anderes Kleid trüge.«

»Nun, ich denke, da könnten Sie doch schon spät abends wiederkommen, denn zur Ruhe wird sie sich schwerlich per Grasgrünes begeben!«

Hardi machte noch immer ein schmerzliches Gesicht und ging mit der Cigarre im Munde auf und ab.

»Hat denn die eventuelle Beleuchtung einer Person auch Einfluß auf Ihre Neigung?«

»Ganz gewiß,« sagte Hardi ernsthaft, »sehr viel! Beleuchtung ist Farbe; ich sehe wohl, Sie spotten, lieber Doktor, Sie glauben vielleicht, ich übertreibe. Da irren Sie, mir ist ernsthaft zu Mute. Seien Sie froh, daß Sie leichter zufrieden gestellt sind –«

»Im Gegenteil,« bemerkte der Doktor, »mir entgeht dadurch mancher Genuß. Es giebt jedenfalls eine Menge Farbenwirkungen, die Sie entzücken und die ich vielleicht gar nicht beachte. Zum Beispiel der Anblick der Lisl – der verschafft mir nur einen sehr bedingten Genuß –«

»Die Lisl,« unterbrach ihn Hardi etwas gereizt, »ist ein Ding an sich, sie muß ganz ohne Vergleich betrachtet werden. Sie, lieber Doktor, vergleichen immer. Wenn ich mir zum Beispiel die Lisl im modernen blaßrosa Kleid vorstelle, mit zierlichen Goldreifen an den muskulösen Armen, das grünliche Haar, den gebräunten Teint dazu, das wäre ja ein greuliches Bild; aber so, wie sie ist, ist sie mit samt ihrem Schmutz ein famoser Kerl – während Magdalena in Lisls Kostüm eine klägliche Figur wäre trotz ihrer vielen Anmut und ihrem zarten Reiz, derselbe wäre eben zu zart dafür. Ich kann sie mir gar nicht anders denken, als mit ihrem gepflegten Exterieur, mit den rosigen Nägeln, der graziösen Toilette. Sogar das ganz diskrete Parfüm, das von ihr ausgeht, gehört zu ihrer Erscheinung.«

Die Mücken strömten in Schwärmen, die Herren mußten deshalb ununterbrochen rauchen und saßen schließlich da, wie in eine graue Wolke gehüllt, alle beide still in ihren Gedanken. Hardi putzte dann langsam die Pinsel aus, packte die Malutensilien zusammen – und Felix dachte immer an sie, an die süße Frau.

Seit er sie liebte, schien ihm die Welt eine große Harmonie und alles in schönster Ordnung; so und nicht anders mußte alles sein. Wie hat er sich früher über manches geärgert, über Kleinigkeiten, über Lächerlichkeiten, zum Beispiel über schlechtes Wetter, namentlich im Gebirge, das bemerkte er jetzt gar nicht mehr; über die Frechheit der Hotelkellner, Alles das schien ihm nun ganz natürlich, so und nicht anders müssen Kellner sein. Sogar den Widerstreit in Hardis Brust fing er an zu begreifen; es war ja höchst natürlich, er konnte sich ärgern über eine Farbe, ein Kleid, eine Beleuchtung, über irgend etwas. Die Natur hat ihm eben solche Augen gegeben. Er war der verwöhnte Liebling der Damen; die Weiber haben ihn nun einmal so gemacht, so kapriziös, so nervös, es mußte wohl so in Ordnung sein.

Lisls Erscheinung? Nein, ärgern konnte sie ihn nicht – gewiß nicht. Was ging ihn die Lisl an? Die soll nur so bleiben, wie sie ist. – Überhaupt was ging ihn die ganze Welt an, die ihm trotz ihrer Harmonie höchst gleichgültig war. Nur eines wäre ihm unbegreiflich, unfaßlich erschienen: er, Felix Romer, sollte unglücklich werden, er sollte um der Liebe zu einer Frau willen zum ersten Mal im Leben verzweifeln müssen! Aus lauter Liebe ein Mensch ohne Halt, ohne Selbstvertrauen werden? Nein. Diese Frau sollte künftig in München leben und er in Jüterbogk oder Yokohama? Denn in München bliebe er unter gewissen Umständen nicht. Nomade sein bis ans Ende – auf sie verzichten? Nein, eine solche Disharmonie könnte sich seine Seele nicht mehr vorstellen. Das wäre ja das Ende aller Dinge! Warum sollte er diesen qualvollen Gedanken ausdenken? Es war ja nicht die geringste Gefahr vorhanden, das Schicksal so dumme Streiche machen zu sehen.

 

 


4.

 

Wieder waren acht Tage vergangen. Magdalenas Augen leuchteten in erhöhtem Glanze, wie der Erde enthoben.

In dem Benehmen der vier Leute zu einander war keine eigentliche Veränderung eingetreten. Hardi war aufmerksam, galant gegen Frau Thekla, zart und warmfühlend gegen Magdalena. Diese sah ihn oft stundenlang beinahe ununterbrochen an, als wollte sie seine Erscheinung mit ihren Augen aufsaugen; man sah, daß sie das unsäglich glücklich machte, und vermied jede Bemerkung darüber. Trennen wollte Frau Thekla Magdalena nicht von Hardi, sonst hätte sie ja fortgehen können mit dem Mädchen, da Hardi des angefangenen Bildes wegen nicht gehen konnte. Aber sollte sie ihrem Kind auch nur eine Stunde Glückes nehmen? Nein, keine Minute.

Thekla war die ruhigste von allen. Sie verstand sich meisterhaft zu beherrschen. Mit feinem Takt richtete sie es so ein, daß man sich jetzt nicht öfter sah als früher, auch ließ sie Magdalena nicht mehr allein ausgehen, begleitete sie selbst, oder ließ sie von Doktor Romer begleiten.

Beinahe bereute sie es jetzt, aber ganz im Geheimen, das Mädchen früher so viel allein gelassen zu haben. Sie hätte bedenken sollen, wie empfänglich, wie kritiklos ein siebenzehnjähriges Herz ist, daß es meist der Zufall ist, der ein Wesen für immer glücklich oder elend macht.

Wie viel hatte der Zufall, die Gelegenheit in ihrem eigenen früheren Leben und in dem ihrer Altersgenossinnen schon angerichtet!

Geradezu komisch geberdete sich Felix Romer. Ach, es gelang ihm so wenig, seines ungestümen Herzens Herr zu werden. Es war ihm der fortwährende Kampf zwischen überströmendem und verhaltenem Gefühl anzusehen. Seine Seele war ganz schrankenlose Hingebung an die geliebte, schöne Frau, und doch konnte und durfte er es so wenig verraten. Zum er­stenmale, da er so recht von Herzen reden wollte, mußte er schweigen, er, der sonst so gerne sprach, der so gern, allerdings oft zu seinem Nachteil, alles, was er dachte, in uneingedämmtem Redefluß von sich gab.

Infolge dieser Kasteiung fieberte er förmlich, so daß Thekla manchmal Mitleid mit ihm hatte, ihn dann auf die Schulter klopfte und trö­stend sagte:

»Nur ruhig, nur ruhig, mein Freund, warten Sie nur, in acht Tagen sind wir in München und dann – erst muß Magdalena glücklich sein, dann – kann man an etwas anderes denken!«

Also niemals eine bestimmte Zusage!

Es war wirklich grausam.

Hardi malte fleißig an seinem Bild. Manchmal leistete ihm Felix Gesellschaft, manchmal kamen auch die Damen. Einmal, da Frau von Rettenstein Briefe zu schreiben hatte, gingen Magdalena und Felix zur »Geislisl.«

»Herr Doktor,« sagte sie, während sie durch die prachtvolle, schon etwas herbstlich gefärbte Landschaft gingen, »kommen Sie, wir wollen wieder schwärmen, jedes von dem, was ihm das höchste ist.«

»Ja, thun wir das, ich wüßte nichts besseres.« Er bot ihr den Arm.

»Sagen Sie, Herr Doktor« – sie blickte groß zu ihm auf – »ist Ihnen auch, als wären Sie ein höheres Wesen, seit Sie lieben?«

»Ja, mir ist auch so – ungefähr –« Er sah sie innig an, aber er setzte sofort kläglich hinzu: »Ich bin ja schon so alt, ich darf es nicht mehr sagen.«

Sie drückte seinen Arm.

»O, mir dürfen Sie alles sagen, ich höre es gerne, ich freue mich darüber!«

Wie lieb hatte er dieses reine Kind und wie dankbar war er ihm für jedes Wort und jeden Blick!

Bei dem Semmelbauernhaus, ihrem Ziel, angelangt, sagte Magdalena lustig:

»Wissen Sie was, Herr Doktor? Lassen Sie mich allein hineingehen; er weiß nicht, daß wir kommen, ich möchte ihn überraschen.«

»Ei freilich. Ich habe ohnehin auf der Post etwas zu besorgen. Also überraschen Sie ihn recht tüchtig, aber daß er ja nichts merkt! Adieu, liebes Kind!«

Sie schlich in den Obstgarten.

Dort in der Ecke war Hardts improvisiertes Atelier. Das Segeltuch zeltartig im Halbkreis ungefähr fünf Meter breit gespannt, bewegte sich ab und zu, als wie wenn jemand im Vorbeigehen daran streifte.

»Das ist er,« lachte Magdalena in sich hinein, und leise hob sie den Fuß auf dem Grasboden.

Da, wo der Halbkreis endete, stand ein hoher, dichter Johannisbeerstrauch, durch dessen Zweige sie aber bequem schauen konnte. Hier blieb sie stehen. Bleiern drückte die heiße, stille Luft auf Sinne und Nerven.

Hardi war im grauen Malerkittel. Er hatte eben Pinsel, Stab und Palette weggelegt, strich mit der Hand durch sein üppiges Haar, blies in die Luft und murmelte: »Lästig heiß!«

Er zog den Kittel aus und war nun in Hemdärmeln, steckte beide Hände in die Hosentaschen und ging pfeifend umher, bald vor Lisl stehen bleibend, bald wieder vor dem Bild. Er sah durch die rundgebogene Hand, schüttelte dann den Kopf, sah in die Luft und murmelte wieder: »Dummes Licht – bißchen warten – vielleicht wird’s besser.«

Dann zündete er sich eine Cigarre an.

Magdalena fand es ungemein fesselnd, so alles sehen zu können, ohne gesehen zu werden. Es war wie eine Theatervorstellung. Das Herz lachte ihr im Leibe bei diesen Naivitäten ihres geliebtes Malers, der keine Ahnung von ihrer Nähe hatte.

Nein, es war zu drollig!

Sollte sie ihn ein wenig necken?

Eine Vogelstimme nachahmen oder miauen wie eine junge Katze?

Nein–nein – still! Die Vorstellung beginnt wieder.

Hardi blies den dicken Rauch durch Nase und Mund, setzte sich auf einen Stuhl, die Beine weit von sich gestreckt, die Hosen am Knie ein wenig hinaufgezogen, die Hände in den Taschen.

Magdalena fand, daß er sich noch nie so ungeniert in ihrer Gegenwart benommen habe – aber er war ja jetzt allein – nun, das heißt, die Lisl ist freilich dabei . . . Es schien ihr dies wie eine Art von Intimität: Hardi und die Lisl . . .

Magdalena bekam förmlich Herzklopfen, es that ihr wahrhaftig weh.

Lisl legte sich müde auf den Ast zurück, der gar so bequem für diese Stellung schien, denn das Geäste war breit und dreizackig. Sie blinzelte aus dem grünen Blätterwerk hervor, das nun ihr Gesicht halb im Schatten hielt und halb verdeckte.

»Ja, sie hat wirklich Ähnlichkeit mit Ninetta,« dachte Magdalena.

Hardi, sein bäuerliches Modell im Gezweig betrachtend, sagte undeutlich, die Cigarre im Mund behaltend: »Na Lisl, was schaust Du mich denn so zwinkernd an? Mädl, na, was hast Du?« –

Magdalena klang Hardis Stimme plötzlich fremd, heißer – sonst war sie viel feiner.

»So Lisl,« fuhr der Maler fort, »nur noch ein paar Sitzungen, dann sind wir fertig, dann wird das Bild ausgestellt. Da werden aber die Herren und Damen schauen, welch netter Kerl die Semmelbauer-Lisl von Berchtesgaden ist! Gelt, Mädl?« Lisl lachte.

Er spuckte aus, warf die Cigarre weg, stand aus. und rief das Mädchen an: »Was lachst Du denn? Ich glaube gar, Du willst mich auslachen, Du Fratz!«

Er lachte nun selber, und ging zu ihr hin: »Wart’, wart’, ich komme Dir!« Und er gab ihr mit der Hand ein paar scherzende Schläge.

Magdalena war wie gebannt, bald blaß, bald glühend rot.

»Was ist das,« flüsterte sie schaudernd, »bin ich verwandelt? Ist das die Hölle?«

Sie verlor beinahe die Besinnung. Sie hätte hinausschreien mögen.

Hardts Gesicht war gerötet.

»Aber Lisl, Du hast Dich ja heute gewaschen, man kann Dich ja fast anrühren. Warum hast Du denn das gethan?«

Er lachte und stellte sich nahe zu ihr hin und strich mit der Hand über ihren Hals, über das braune Leibchen, über die Arme. . . .

»Hm,« sagte er, leise flüsternd, »wem zu lieb hast Du das gethan? Meinetwegen, he?«

Lisl hob den Kopf ein wenig und nickte.

»Wirklich, meinetwegen? Ach, geh!«

Sie nickte wieder und rutschte ein wenig zu ihm hin, wie zufällig.

Hardi drückte sich nahe an den Baum.

Er streckte die Arme nach ihr aus. Er packte sie.

Ihr Kopf blieb in das Blätterwerk gedrückt, und ihr Körper bog sich ihm bebend entgegen.

»O, Du Lump, Du kleiner,« stammelte er beinahe unhörbar und küßte sie – dann wieder, dann wieder, dann wieder –

Ein plötzlicher Schrei erschreckte ihn, ein merkwürdiger Schrei.

War’s ein gemartertes Tier? Ein Vogel? Oder – was war’s?

Er läßt die Lisl los, stürzt nach dem Johannisbeerstrauch und blickt den Garten entlang.

Da – schon dem Ausgang nahe, flog eine weibliche Gestalt im blaßrosa Kleid – hinaus!

»Allmächtiger Gott!» schrie er. »Magdalena! Ich Unglücklicher!«

Dann rannte er ihr nach wie ein Wahnsinniger.

Sie war schon weit voraus, wie vom Sturmwind gejagt, flog sie dahin. Er mußte einen Augenblick stehen bleiben, um Atem zu schöpfen, er erstickte fast vor Erregung und Angst.

Da kam ihm Felix entgegen, der gerade in den Garten gehen wollte, packte ihn beim Arm und sah in sein todbleiches Gesicht:

»Nun, nun, Herr Hardi, was wollen Sie denn? Wo wollen Sie hin? Sie sind ja ohne Rock, ohne Hut!« Und er zog ihn energisch ins Haus.

 

 

5.

 

Magdalena jagte wie gepeitscht, mit kurzem, keuchendem Atem, die Treppe hinauf, zur Salonthüre hinein.

»Mutter,« schrie sie röchelnd, wie im Todeskampf mit krampfhaft geöffneten starren Augen rückwärts zur Thüre sehend, »verriegle – die Thür!« Dann sank sie zu Boden, bleich und leblos. Die entsetzte Mutter stürzte zu ihr auf die Kniee und suchte sie durch Reiben und Anhauchen zu erwecken. Vergebens. Da nahm sie mit kräftigen Armen das Mädchen und legte es aufs Bett. Der Arzt wurde gerufen; er konstatierte Herzkrampf.

Nach langem Bemühen schlug Magdalena die Augen auf und sah in das weinende Gesicht ihrer Mutter, die sich über sie beugte. Sie erhob die matte Hand, nachdem sie um sich geschaut, streichelte der Mutter Wange und sagte sanft: »Mama, weine nicht – es ist alles aus!« Dann nach und nach kam es langsam, klar, ruhig aus ihrem Munde – deutlich – ohne Thränen – schauerlich ruhig: »Alles, alles aus!« –

Die Mutter hielt ihre Hand gefaßt während der ganzen Erzählung; als aber Magdalena am Schlusse derselben tonlos hinzufügte: »Jch hätte nie geglaubt, daß es so etwas in der Welt giebt,« da konnte sich Thekla vor namenlosem Weh nicht mehr halten, sie schluchzte laut auf, den Kopf auf das Kopfkissen des Bettes gedrückt, ihr starker Körper bebte vor Schmerz. Das mußte ihr Liebling erleben, so schmählich zerstört der erste, heilige, unschuldsvolle Liebestraum!

So schluchzte und weinte sie lange, unaufhaltsam.

Das Mädchen saß im Bett und blickte mit trockenen Augen auf die Mutter.

Thekla sah sie an, es durchschauerte sie.

»Magdalena,« fragte sie leise und zärtlich, »kannst Du nicht weinen?«

»Nein,« hauchte sie müde, legte den Kopf zurück auf das Kissen und sah zur Zimmerdecke empor.

 

 

6.

 

Frau Thekla war für niemand zu sprechen, auch für Felix Romer nicht. Tag und Nacht saß sie an Magdalenas Bett.

Hardi hatte wiederholt den Versuch gemacht, ins Haus zu kommen, wurde aber jedesmal abgewiesen. Er hatte allerdings das Bewußtsein eines begangenen Unrechts, aber wie hoch dieses von Magdalena taxiert wurde, das ahnte er nicht. Er dachte sich, im Grunde bleibe doch die Hauptsache, daß er Magdalena liebe, und er liebe sie ja so innig wie immer.

Er hatte sich eben trotz seines festen Vorsatzes von seinem rebellischen Blut wieder einen Augenblick hinreißen lassen. War denn ein Verbrechen geschehen? Nein, gewiß nicht, und wenn ihn Magdalena wirklich liebt, wird ja alles wieder gut. Stark sind die Weiber in solchen Fällen freilich nicht – pah, wer wird sich deshalb ängstigen! Er hoffte, in kurzem wieder obenaus zu sein, er versuchte, o, er war couragiert!

Frau von Rettenstein wollte eben einen Blumenstrauß, den Doktor Romer heute geschickt hatte, auf den Tisch im Korridor vor die Salonthüre stellen, weil es auf der Veranda gar zu heiß war. Da sah sie Herrn Hardi außen auf der obersten Treppenstufe stehen.

»Was wollen Sie?« fragte sie ruhig.

Er errötete und stammelte:

»Gnädige Frau, ich wollte –«

Sie unterbrach ihn:

»Ich ersuche Sie, unser Haus nicht mehr zu betreten –«

Er wollte antworten, sie aber fuhr mit etwas erhöhter Stimme fort:

»Herr Hardi, ich will Ihnen die Worte wiederholen, die mein armes Kind gesprochen hat, vielleicht werden Sie dann selbst herausfinden, was Sie zu thun haben: ›Jch habe entsetzliches erlebt und wüßte nur eines, was mir noch entsetzlicher wäre: ihn noch einmal im Leben wiederzusehen; liebe Mama, bewahre mich davor!‹ Das sind die Worte Ihrer ehemaligen Braut, also adieu, Herr Hardi!«

Es traten ihm wirklich Thränen in die Augen.

»Sollte ich wahrhaftig einen Moment des Vergessens, eine – eine Dummheit so schwer büßen müssen?« murmelte er trostlos.

Und in ernstem Ton sagte sie, indem sie sich zur Salonthüre wandte:

»Was Ihresgleichen in solchen Fällen Dummheiten nennt, ist in unseren Augen gewöhnlich eine Infamie!« Dabei machte sie mit Kopf und Augen eine nicht mißzuverstehende Bewegung gegen die Treppe, die er dann langsam hinabstieg.

Ein paar Tage später erhielt Doktor Felix Romer einen Brief von Frau Thekla.

 

        »Lieber Freund!

»Sie haben mich gefragt, ob ich Ihr Weib werden wolle. Hier meine Antwort. Mein Kind ist schwer leidend, weil es in seiner Liebe getäuscht und verraten wurde. Magdalena gehört zu den Mädchen, die, wenn sie nicht daran zu Grunde gehen, doch ihr Leben lang darunter leiden müssen. Kann ich meinem gequälten, heißgeliebten Kind als glückliche Braut und Gattin unter die Augen treten? Nein. Zu solchem Glück muß man eine Berechtigung haben, um es vorwurfsfrei genießen zu können: ich habe nun keine mehr. Mir ist vom Schicksal die Wonne zu teil geworden, Mutter zu sein, ein Kind erziehen zu dürfen. Nun muß ich all meine Kräfte, mein ganzes Leben daran setzen, es mir zu erhalten. Ich werde mit Magdalena nach dem Süden gehen und dort, so lange ich lebe, mit warmer Freundschaft und Dankbarkeit an Sie denken.

»Warum ich Sie, verehrter Freund, nicht mehr sehen will, werden Sie erraten. Es ist besser so für Sie und, ohne Erröten gestehe ich es ein, auch für mich.

        Ihre Thekla von Rettenstein.«

 

Darauf folgte als Antwort:

 

        »Geliebte Freundin!

»Ihren letzten Entscheid begreife und respektiere ich. Einst habe ich zu Ihnen gesagt, daß ich im Leben nie einen großen Schmerz empfunden, nun – empfinde ich einen solchen. Er kommt spät, aber dafür desto gewaltiger. Ich muß all meine aufgespeicherte Kraft zusammennehmen, um nicht zu unterliegen. Den großen Schmerz kenne ich nun, das große Glück, welches mir bis jetzt auch immer fern blieb und welches ich schon nahen fühlte, werde ich wohl nie mehr kennen lernen. Sie, teure Freundin, haben das Beste – ein Kind. Ich habe nichts! Ich bin und bleibe allein. Alles Glück über Sie und Ihr Kind!

                    Ihr ergebener Felix Romer.«

 

 

7.

 

Zwei, drei Jahre rauschten leise dahin. Einsam, von aller Welt abgeschieden, lebte Frau von Rettenstein nur der Pflege Magdalenas. Wie gleichmütig heiter betrachtete sie früher das Leben, da die Augen ihres Kindes sorglos lächelten, und nun starrten diese Augen kalt ins Weite!

So oft der Frühling mit seiner berückenden Pracht ins italienische Land kam, wo Mutter und Tochter noch immer verweilten, hoffte Frau Thekla, es würde auch vielleicht ein Sonnenstrahl Magdalenas Herz erwärmen und wiederbeleben. Vergebens. Und doch blühte sie selbst, nach langwieriger Krankheit genesen, so wundersam auf wie nie vorher. Ihr Körper, früher etwas zu zart, war nun von edler jungfräulicher Fülle. Aber die Augen – die Augen! Ach, die Mutter vermied es oft, in dieselben zuschauen, so tieftraurig machte sie dieser Anblick. Sie hatten etwas eigentümlich teilnahmsloses, beinahe totes, jenseitiges. Wie manche Stunde verweinte Frau Thekla mit gramzerissenem Herzen, da sie ihr Kleinod so leiden sah und gar keine Hilfe, keinen Ausweg fand. –

 

Manchmal versuchte Frau Thekla, ihre Tochter auf die zauberische Pracht der Natur rings in der Runde aufmerksam zu machen.

 

»Siehst Du denn nicht, wie wunderbar hier alles ist, wie erhaben und doch so traut? Hörst Du denn nicht die Stimmen dieser paradiesischen Welt, die tausend lockenden Laute, für die Du früher ein so verständnisvolles, feines Ohr hattest wie sonst niemand? Wie reich erschließt sich hier die Erde in immer neuen Formen und Farben, Düften und Tönen – warum verschmähst Du’s, Dir Deinen Teil davon zu nehmen? Ich selbst könnte mich hier so erfrischt, so verjüngt fühlen, aber – Du gehst mit abgewandten Sinnen durch alle diese Herrlichkeit!«

Magdalena sah ihre Mutter an. als ob sie sie nicht verstünde, dann ließ sie den Blick langsam über die glänzenden Farben der Blüten und Bäume gleiten und, leise den Kopf schüttelnd, sagte sie:

»Mutter, laß das! Du weißt ja, meine Seele ist vergiftet und mit meiner Seele auch meine Augen. Denke Dir, Mama, mir ist manchmal, als ob all das Schöne in der Natur, was glückliche, unerfahrene Menschen entzückt, gar keine Natur wäre, sondern künstliches Erzeugnis, eine Vorspiegelung, ein wesenloser Schein. Ich sehe wohl alles, aber es sagt mir nichts mehr, es spricht nicht zu mir.«

Da wurde Frau Thekla stumm; sie wußte nichts zu erwidern. Aufschreien hätte sie können vor Schmerz, und doch bezwang sie sich und umgab ihre Tochter mit aller erdenklichen Zärtlichkeit und Sorgfalt, das einzige, was sie für sie thun konnte. Ihr eigener gesunder Sinn half ihr immer wieder zu einem Hoffnungsgedanken, er ließ sie nicht verzweifeln.

»Ein Wunder, ein Wunder müßte geschehen!« dachte sie. »Nun, und warum nicht? Geschehen nicht alle Tage Wunder? Es kann nicht sein, es ist nicht möglich, daß ein solch blühendes, süßes Wesen zu Grunde geht eines frivolen Laffen wegen!«

Wie haßte sie diesen Maler Hardi! Und trotzdem, wie sehr sich auch ihr Kopf dagegen sträubte, gab ihr ihr gutes, ratloses Herz den Gedanken ein, es wäre vielleicht am Ende doch eine Versöhnung mit ihm der stille, unausgesprochene Wunsch ihres Kindes. Zögernd redete sie mit Magdalena darüber – einmal und nicht wieder. Denn es war das einzige Mal, daß das Mädchen bei diesem Versuch aus ihrer Lethargie erwachte, ihre Mutter entsetzt ansah und in die leidenschaftlichen Worte ausbrach:

»Mutter, Du liebst mich nicht mehr, Du verstehst mich nicht mehr! Versprich mir, nie darauf zurückzukommen, es graust mir!«

Frau Thekla begriff nun wohl, daß es nicht nur betrogene Liebe sei, was das krankhaft feinfühlige Mädchen so tief erschütterte, nein, es war mehr, es war der Verlust aller Illusionen, deren die Jugend so sehr bedarf zu ihrem Glücke. Der rosige Schleier, durch den das Kind sieht, wurde in jener Stunde zerrissen, und nun erschien Magdalena alles noch viel, viel häßlicher und unerträglicher, als es in Wirklichkeit war, oder vielmehr sie hatte einen geschärften Sinn für das häßliche, der alles ins schreckliche übertrieb. Von dieser Seite war kein Wunder zu erwarten. Von welcher andern?

Nie, nicht mit einer einzigen Silbe, wurde dessen mehr erwähnt, was damals geschehen, was Magdalenas Herz gebrochen. Frau Thekla hoffte, es werde durch dieses Schweigen vielleicht das Unglücksbild in ihrem Gedächtnis erblassen und schließlich sogar die Erinnerung daran verschwinden. Und Magdalena hatte von jeher eine gewisse Gedankenselbständigkeit behauptet, mit Worten konnte man bei ihr wenig oder nichts erreichen; auch die einsamen Spaziergänge ließ sie sich nicht nehmen. Sie suchte sich an allen Orten ein stilles Plätzchen und war sehr geschickt im Auffinden eines solchen. Dort saß sie dann tief versunken, starrte vor sich hin, und es that ihr wohl, von niemand, auch von der Mutter nicht, beachtet zu sein.

Versuchte die Mutter, sie zu bewegen, in Gesellschaft zu gehen, so schnitt ihr Magdalena jedes weitere Drängen mit den trostlosen Worten ab:

»Mama, dahin passe ich nicht, dort sind glückliche Menschen. Ich bin ja vergiftet.«

Einmal, vor kurzem, saß Frau Thekla am Bette der schlafenden Tochter, da sie selbst keine Ruhe finden konnte. Magdalenas Züge waren friedlich, entzückend schön, Frau Theklas Blicke wie daraus gebannt. Da plötzlich verzog sich der Mund des Mädchens anmutig und ein glückliches Lächeln überstrahlte das ganze rosige Gesicht.

Zum erstenmal seit drei Jahren ein Lächeln!

Die Mutter sank auf ihre Kniee, und ein heißes Dankesflüstern kam von ihren Lippen:

»Allgütiger Vater im Himmel, du hast ihr einen Augenblick des Glückes geschenkt, wenn auch nur im Traume, o, schenke ihr viele, viele solche, ich danke dir dafür!«

Sie beobachtete das Gesicht des Mädchens täglich, stündlich und forschte nach einem warmen Zug in demselben . . .

In dem lieblichen Städtchen Mentone war’s, die Damen wollten hier den Herbst zubringen – als Magdalena eines Abends von einem einsamen Spaziergange zurückkam. Frau Thekla betrachtete sie wieder mit heiß suchendem Blick, als sie ins Zimmer trat, und nun zum erstemnale fand sie, was sie so lange vergeblich ersehnt, ein schwaches Lächeln!

Ein kindliches, heiteres Lächeln!

Wie gerne hätte sie sie ausgefragt, hätte das Glück, welches dies Lächeln in ihr Mutterherz gesenkt, in freudigen Worten ausgedrückt, aber nein, nein, sie wollte sie mit keiner Frage nach dem Grund erschrecken. Die Thatsache an sich war ja so beseligend!

Magdalena küßte ihre Mutter, ging einigemale viel rascher, als sie sonst zu thun pflegte, in dem lauschigen Gemach umher, blieb dann vor dem geöffneten Fenster stehen, sah in den duftigen, im Abendwinde flüsternden Garten hinaus und sagte endlich:

»Mama, heute ist’s schön draußen, zauberhaft schön!«

Frau Theklas Brust klopfte heftig, freudig, und doch brachte sie nur leise, aufatmend heraus: »So? Wirklich?«

 

 

8.

 

»Magdalenas Ruh« hatte Frau Thekla das Lieblingsplätzchen ihrer Tochter genannt. Draußen »wo’s einsam ist«, war es. Einige Erlen, Espen und Linden standen beisammen, eine plätschernde Quelle säumend, an einem Wiesenrande. Es war wie ein kleines trauliches Fleckchen deutscher Landschaft, hineingezaubert in den prunkenden Süden. Die breitblätterige Linde gewährte wohligen Schatten und die aus weißem Holz gezimmerte Bank dort, das war der Ort, wo Magdalena ihre Traumgelage feierte.

Eben kam sie den schmalen Weg herunter, elastisch daherschreitend, im hellen Kleide, das blonde Haar in einem stattlichen, lose geflochtenen Zopf über den Rücken fallend, den breiten, schützenden Basthut auf dem Kopfe. Sie blickte umher und nickte lächelnd.

»Wenn die Sonne gesunken!« flüsterte sie. Ach, und sie sank so langsam heute, wenig­stens schien es dem Mädchen so in harrender Ungeduld.

Endlich war sie drunten, die Leuchtende – endlich stand er da, der Einzige, wie hervorgezaubert, wie ein Wunder. Ja, wie ein Wunder empfand sie es, wie’s in ihrem Herzen warm wurde und ihr Auge sich entschleierte, sie wieder hell und klar sah, die natürliche, ewige Schönheit!

Hier hatten sie sich vor Wochen zufällig gefunden, das traurige, schöne Mädchen und der ernste junge Mann. Er stand damals plötzlich vor ihr, als sie den Kopf erhob, und überrascht heftete sie ihre Augen auf die sympathische Erscheinung. Er fragte verlegen und errötend nach dem Weg und stellte sich dem Mädchen als Pastor Oswald Ostertag aus den Rheinlanden vor; dann begegneten sie sich wieder, und dann öfter, ohne zu fragen, ob es Zufall sei.

Endlich sprachen sie wie Bekannte mit einander.

Er sah mit seinen tiefen, glänzenden Augen in ihre kalten, starren, und diese fingen an, sich allmählich zu beleben, als er sie immer und immer wieder mit seinem Blick suchte. Warm und hell begann es darin zu werden, wie von einem Feuer, das sich still geheimnisvoll in der Seele entzündet.

Dann erzählte sie, was seitdem noch nie über ihre Lippen gekommen, erzählte alles, was ihr junges Leben getrübt und ihre Jugend vergiftet. . . .

Und wieder senkte sich sein ruhiger Blick in den ihren, voll Mitleid und Sehnsucht, dies traurige Herz zu beglücken.

Und seine reine Seele berührte die ihre und – das Wunder war geschehen!

Keines hätte zu erklären gewußt, wie es kam, warum es geschah – aber das ist ja eben das Wesen des Wunders!

Dann ging sie heim zur Mutter.

»Mutter,« rief sie mit strahlendem Lächeln, »ich bin gesund! Jetzt sehe ich die Welt wieder so schön, wie sie ist. Das Gift ist fort!«

Frau Thekla ahnte, wußte es schon lange, ihrem Mutterauge war ja nicht die leiseste Veränderung entgangen. Sie sah mit stiller Wonne das Glück im Herzen des Kindes wachsen, obwohl sie noch nicht wußte, woher es kam und welcher Art es war.

Nun durfte auch er wieder erscheinen, der seit drei Jahren wie verschollen war, der alte Treue oder vielmehr »der treue Alte«, wie Felix Romer scherzte, auf seinen Krauskopf deutend, dessen Aschblond eine merkwürdig zwielichtelierende Färbung angenommen, so ein wenig gelb, ein wenig grünlich abgeblaßt.

»Der milde Übergang ins Graue,« bemerkte er mit komischem Schmerz.

Frau Thekla fand es etwas drollig, mehr noch, es machte sie beinahe verlegen, daß ihr künftiger Schwiegersohn Pastor war und daß er Oswald Ostertag hieß, aber als sie in sein frisches, ernstes Gesicht, in seine ehrlichen Augen sah, die seine keusche, unverdorbene Seele widerspiegelten, legte sie vertrauensvoll und dankbar die Hand ihrer heißgeliebten, geretteten Tochter in die seine.

»Die Solospaziergänge müssen Sie ihr aber abgewöhnen, Herr Pastor,« bemerkte Doktor Romer scherzend, »sonst – nicht alle Wunder führen zum Heil.»

Oswald lächelte:

»O, fürchten Sie nichts, ich werde als guter Hirte mein süßes Lamm behüten.«

 

 

9.

 

Als wieder der Frühling kam und die erwachende Erde mit neuem Grün, mit jungen Blüten und Hoffnungen überspann, zog in das idyllisch gelegene Pfarrhaus zu Bingen am Rhein der stattliche Pfarrer Oswald Ostertag ein, an seiner Seite sein holdes Weib Magalena. Doktor Romer freute sich des Glücksbundes wie ein zärtlicher Vater und doch seufzte und seufzte er ein ums anderemal herzbrechend, so daß endlich Frau Thekla sich erbarmte und mitleidig nach der Ursache seiner Seufzer fragte. Da seufzte er noch einmal:

»Ach, es ist so traurig, daß nun drei Jahre verloren gegangen und wir wieder um so viel älter geworden sind.«

Da lächelte die schöne Frau bezaubernd.

»Älter?« fragte sie. »Ach, das schadet ja nicht. Und dann, wer ist älter geworden? Sie vielleicht! Ich nicht. Frauen werden überhaupt nicht so schnell älter.«

Jetzt konnte auch er sich nicht länger des Lächelns erwehren.

Er betrachtete sie mit einem großen Blick, und da er sie so leuchtend schön fand, mußte er wieder seufzen:

»Ja, was Sie betrifft, da haben Sie vollkommen recht!«

Endlich hatte sie doch einen Blick, ein Wort gehabt, das ihm allein gehörte. Er wartete schon so lange darauf!

»Wissen Sie, Frau Thekla, daß mich damals Ihr letzter Entscheid beinahe das Leben geko­stet hätte? Ach, besäße ich die Gabe der Beredsamkeit, um Ihnen zu schildern –«

»Das Leben?« unterbrach sie ihn erstaunt.

»Nein, ich will nicht sentimental sein, ich habe das ja immer lächerlich gefunden. Das Leben, sagte ich – die Arbeitskraft, wollte ich sagen, die ist für einen Mann gleichbedeutend mit seinem Dasein. Seine Arbeit ist sein Leben! Dann,« fuhr er zögernd fort, »aufrichtig, liebe Freundin, war das wirklich damals Ihr letzter Entscheid?« Und als sie schwieg: »Jetzt, da alles sich so wunderbar gewendet – immer noch Ihr letzter Entscheid? Einsamkeit, glauben Sie mir, ist nicht gut, sie ist eine Quelle wachsender Traurigkeit, und Sie sind nun doch auch allein . . . Ihr letzter – Ihr allerletzter Entscheid? Bitte!«

Da mußte Frau Thekla denken, wie gut, wie rücksichtsvoll er stets gewesen, wie er aus eigenem Antrieb in Ehrfurcht vor dem Unglück ihres Kindes sich zurückzog in Weltabgeschiedenheit, wie heldenhaft er da mit seinem schon glückstrunkenen Herzen den Kampf der Entsagung durchfechten mußte . . .

Sie reichte ihm die Hand:

»Wir wollen uns gemeinschaftlich des Glückes unseres Kindes, unserer Magdalena freuen!«

»Unserer Magdalena? Und gemeinschaftlich?«

Ein Sturm der Freude durchzog des Mannes Brust.

Und seine Hand fest drückend, sagte sie: »Sofern der Herr Pastor seine Einwilligung und seinen Segen dazu giebt, liebster Freund – sei dies mein allerletzter Entscheid, für ewig!«