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Marie Conrad – Der Schlaf.

Novelle

aus: Marie Conrad-Ramlo, Helldunkel, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, 1892

Eberhard, »der mit dem Barte«, so nannten ihn seine Arbeiter im Hüttenwerk und in der Granitschleiferei und die Leute der Umgegend.

Der Bart war auch das Auffallendste an ihm: blond von Farbe, mächtig von Wuchs, wirklich schön!

Auch Susanna fand das, die »keusche Susanna«. Das Beiwort war von den bibelfesten Leuten ehrlich gemeint, ohne jeden ironischen Hintergedanken. Eberhard konnte recht gütig gegen sie sein, wenn auch selten. Dann fühlte sie seinen gewaltigen Bart an ihrem weichen Gesicht, an der netten Stumpfnase und den feinen Öhrchen. Es war ihr aber immer gruselig.

Ja, wenn er bloß ihr Vater gewesen wäre, oder ihr Bruder, dann wüßte sie ihn vielleicht zu schätzen: er hat ja einzelne vortreffliche Eigenschaften; aber er war ihr Mann. Und das war so gruselig.

Er durfte es aber nicht merken. Er hatte sie erlöst von der Xantippe ihres armen Vaters, ihrer Stiefmutter. Also Dankbarkeit, Pflicht! Ach warum giebt es außer der Liebe noch etwas in der Ehe, das Pflicht heißt! Nein, das sollte es wirklich nicht geben! Susanna machte sich oft so ihre kleinen, wilden Gedanken darüber. Pflicht, die dauert, Liebe, die erlischt – wie reimt sich das zusammen?

Sie war nicht unglücklich. Sie hatte es gut. Alles reichlich, was das tägliche Leben erheischt, nur keine Poesie, nichts Seliges, nichts Holdes im Hause. Nicht einmal ein Kind, die eigentliche Heiligung der Ehe. –

»Ach, ein Kind!« Sie konnte diesen leisen Seufzer nicht unterdrücken. Es klang wie schmerzliches Entzücken.

»Pfui, ein Kind. So ein schreiendes, schmutziges Ding!« Er spuckte aus, wahrhaftig, er spuckte aus.

Sie sah ihn dann so kuhäugig erstaunt an, so hilflos sehnsüchtig. Er bemerkte es nicht, oder verstand sie nicht – und sie hatte so wenig Worte, oder so ungeschickte.

Ja wohl, sie hatte sonst alles im Überfluß – auch die Einsamkeit, viel, zu viel Einsamkeit. Manchmal war’s recht langweilig. Ihre Freundin, die Pastorsfrau aus dem nächsten Dorf, die köstliche Karla, wohnte doch gar zu entfernt von ihr. Und sonst war weit und breit nichts da.

Dann ging sie in die Fabrik. Eine Zerstreuung. Die Arbeiter hörten zu arbeiten auf, wenn sie kam, und Eberhard es nicht sah.

»Ach, die keusche Susanna«, tuschelten sie. Dann erhoben sie die verrußten und bestaubten Köpfe und schauten sie an. Ihr Anblick that wohl. Es war einmal etwas anderes. Wie eine stille, lauschige Landschaft im Frühling. Dabei so etwas klösterliches, zurückhaltendes, nicht zu berührendes. Mit einem Wort: keusch. Ja, ja, das war’s; so stellt man sich das personifiziert vor. Und dann doch wieder das – das Blinkernde und Zwinkernde in den Augenwinkeln, das sie manchmal hat, – wie das einem durch und durch geht!

Jeder der jungen Leute wollte diesen merkwürdigen Augenblick des gänzlich unbewußten Blinzelns erhaschen. Dann arbeitete er lächelnd weiter.

»Herrgott, ist die schön!«

War Eberhard dabei, gab’s keine Ruhepause. Er war hart und streng, Stahl und Granit gegen alle, wie gegen sich. Gerecht natürlich auch; ja wohl, das auch . . . Und dabei diese Kraft! Gabs einen Granitblock auf die Mühle zu wälzen und es ging langsam, ein Ruck von Eberhards Riesenarm, und es war wie wenn sechs geholfen hätten.

»Donnerwetter, hat der Kraft!«

Susanna mochte gar nicht hinsehen; es gruselte ihr vor so viel Kraft.

 

* * *

 

»Ein Weib, das mir gehört und mir Unrecht anthut! . . . Sollte ich das einmal erleben! . . . Mit diesen meinen Händen packte ich sie, und erwürgte sie wie eine Katze« . . . Als er das damals so scheinbar gleichgültig hinsagte, war er doch ganz dunkelrot im Gesicht geworden. Man erzählte gerade irgend eine Weibergeschichte aus der Zeitung.

»Allmächtiger Gott, ist es möglich! Solche Hände!«

Susanna huschte weg, sie zitterte unwillkürlich. Ihr Blick streifte ihre schlanke Gestalt im Spiegel, den feinen weißen Hals. Und wieder ward es ihr gruselig bis zum Frösteln. Sie ging hinaus, aber sein Bild verfolgte sie: das rote Gesicht, die gleichgültige Stimme – und die mörderische Muskulatur seines Leibes. Diese Arme, diese Hände, dieser Daumen! So etwas bärenmäßiges, langsames, aber unentrinnbares. Und erst sein Blick, das war das allerstärkste. Das wußten alle. Im Auge das stetige, gutmütige, aber durchbohrende und alles wie mit dem Blitz treffende, wenn’s d’rauf ankam.

»Wenn er einen ansieht, – es ist zum Teufelholen!« sagten seine Leute.

»Ein Zauberer!« fand Susanna. »Er weiß alles! Meine geheimsten Gedanken. Alles! Ein Dämon!«

Es war unheimlich. Sie beugte sich dieser übernatürlichen Macht, wie man sich eben einer Naturgewalt beugt, gegen die man nichts ausrichten kann. Manchmal seufzend. Wie lästig war das auch im täglichen Verkehr: nie konnte sie ihn überraschen mit irgend einem Geschenk oder einer Idee, er wußte alles im voraus!

»Susanna, sticke mir zum Geburtstag keinen rotsammeten Tabaksbeutel, wie Du vorhattest, ich will mir das Rauchen abgewöhnen.«

Sie nickte ergeben. Noch keine Silbe hatte sie ihm davon gesagt – und schon wieder eine Freude verdorben. Sie wollte ihn überraschen, er weiß es schon. –

»Geh’ heute nicht in die Gießerei, Du störst die Leute, gehe mit Burga und Salome aufs Kartoffelfeld.«

Sie nickte. Gestern hatte sie sich vorgenommen, heute ein Stündchen in die Gießerei zu gehen, hatte es sogar dem Ingenieur Karl Forstmann und ein paar Arbeitern versprochen. Die wollten ihr glühend flüssiges Metall zeigen, worein sie ihre nackte Hand stecken durfte, ohne sich zu verletzen. Sie hatte sich so auf dieses seltsame Experiment gefreut, ihre runde, zarte Hand in diese furchtbare Glut gefahrlos zu tauchen. Karl Forstmann hatte es ihr so pikant geschildert . . . Eberhard wußte es natürlich schon wieder, obwohl ihm kein Mensch davon gesprochen. Er wußte eben alles, alles! Es überraschte sie nicht mehr, es entsetzte sie nur immer wieder aufs neue.

»Er schaut mir ins Herz, ins Gehirn, in jede Ader – es ist unerträglich.«

»Du wolltest mich auch mit neuen Jagdstrümpfen aus Hasenwolle überraschen, Su­sanna. Das erlaube ich Dir. Die darfst Du mir stricken. Kannst den Strickstrumpf gleich heute aufs Kartoffelfeld mitnehmen.«

Überlegen, fast hochmütig, sagte er ihr Adieu, und ging fort, seinen Geschäften nach. Sie blieb zerknirscht zurück, Thränen in den Augen. Diese Allwissenheit ihres Mannes machte sie so hilflos, so ganz winzig und un­bedeutend, oft elend.

»Dieser Dämon, alles weiß er, und warum will er nur meist das Gegenteil von dem, was mich erfreut!«

 

* * *

 

Burga und Salome gingen voraus, Susanna mit dem Strickzeug hinterdrein. Eine der Mägde stellte den Schemel ihrer Dienstfrau in den Schatten eines breitästigen Apfelbaumes, mitten im Felde, Susanna ließ sich darauf nieder und begann zu stricken. Die kurzrockigen Dirnen gruben, hackten und füllten die Körbe und Säcke. Erst schaute ihnen die junge Frau lächelnd zu, wie sie mit ihren großen, flachen Füßen in den grauen Erdfurchen herumtraten, – dann langweilte sie das und sie fing an, schneller zu stricken. Es wollte aber nicht recht vorwärts gehen, schon eine Stunde war vergangen, und kaum fingersbreit war der Jagdstrumpf aus Hasenwolle gewachsen. Das monotone Bild, die monotone Beschäftigung, die schwirrende Luft, spätsommerlich lau, silberig, flimmerig, sie prickelt auf der Haut und erregt die Nerven. . . . Drüben, jenseits des Hügels, ragen die schwarzen Schlote des Hüttenwerks. Dunkle Rauchwolken darüber, die langsam gegen die Berge streichen.

»Die dort drüben in der Gießerei werden mich vergeblich erwarten!«

Traurig schaut sie dem ziehenden, rußigen Gewölke nach. Dann träumt sie vor sich hin, die Hände im Schoß, manchmal lispelnd:

»Es soll ja was geben . . . Blicke, ein Anschauen, daß der Puls, der Herzschlag stockt, atemloses Stammeln, zitterndes Bitten, Vergehen . . . eine Wonne, so unnennbar, daß sie die schwachen Sterblichen fast wie Schmerz empfinden! . . . Warum wie Schmerz? Ist des Menschen Kraft so unzulänglich? sogar im Glück? – Oh, ich könnte sie ertragen! Ach!«

Sie schnellte empor, streckte die Arme über den Kopf, bog ihren Oberkörper nach rückwärts in die silberige, flimmerige Luft hinein, dehnte und bäumte sich, daß die Nähte ihres eng anliegenden Kattunkleides krachten.

 

* * *

 

»Ja die haben vergeblich auf mich gewartet in der Gießerei. Schade, ein verlorener Tag!« So schlief sie ein. Da lag sie im Bette, der lange, braune Zopf hing seitwärts heraus. Die blaue Decke reichte bis zur Brust, wo das seidene Schleifchen des Nachtkleides sich unruhig hob und senkte. Susannas Hände lagen schlaff auf der Decke.

Eberhard saß dabei, den Ellbogen aufs Kissen gestützt, und lauschte.

Sie lispelte, bewegte sich ein wenig, sprach dann ein paar Worte ziemlich laut, erhob die Arme, legte die Hände über den Kopf zusammen, seufzte, lispelte wieder: »Ka . . . Kar . . . dann »Kar–l«, da trillerte ihre Zunge ein wenig.

»Was sagt sie? Karla? Immer Karla? Was hat sie nur fortwährend mit der pfarrherrlichen Freundin?«

Er klappte das Buch auf und las wieder beim Schein der Lampe, die auf einem Tisch am Bette stand, so verdeckt, daß kein Strahl auf die Schlafende fiel. So trieben sie’s seit ihrer Verheiratung. Es kam wohl vor, daß sie einmal auswachte, schlaftrunken lächelte, sich wundernd, daß ihr Mann so fleißig studierte, und dann wieder einschlief.

Er las, bis ihn die Müdigkeit übermannte, so glaubte Susanna; daß er sie belauschte, das ahnte sie freilich nicht.

»Kar . . .«

»Ah, schon wieder!« Er legte das Buch weg, löschte das Licht, um besser zu hören. »Kar . . .«

»Sie spricht heute wieder einmal so undeutlich.«

»Nicht – in – die – Gießerei kommen – o – Eberhard –«

Dann verstand er wieder den Zusammenhang nicht mehr. Es ärgerte ihn. Er zündete die Lampe wieder an.

Susanna lächelte mit festgeschlossenen Lidern, süß, weich, fremd. Ja wahrhaftig, ganz fremd. Das Gesicht kannte er nicht mehr. So hatte er es nie gesehen.

»Zitterndes Verlangen, sehnsüchtiges Versagen . . . ja – ja – Wonne – unermeßlich wie Schmerz oh – des Menschen Kräfte – unzulänglich – für – Seligkeit . . .«

Er strich seinen Bart und schmunzelte überlegen: »Aha, Romanphrasen. Das kommt von der Leihbibliothek. Irgend eine dumme Liebesgeschichte für höhere Töchter.«

»Möchte gern kommen, so gern! – so gerne . . .« Das war wieder fast deutlich, einige verwischte Laute dazwischen.

»Aber Eberhard – erlaubt es nicht.«

Er verstand nun nichts mehr.

Am andern Morgen: »Du möchtest gerne zu Karla gehen, Susanna, aber Du glaubst, ich erlaube es nicht?«

Sie sah ihn auf’s höchste erstaunt an. An Karla hatte sie in den letzten Tagen gar nicht gedacht. Zum erstenmal täuschte er sich. Sonderbar.

Er mußte verreisen in Geschäften, nur auf ein paar Tage. Gern hätte er zu Susanna gesagt: »Bleibe daheim!« Denn er wollte ihr überhaupt keinen Umgang in seiner Abwesenheit erlauben, aber: »Eine Ermahnung zum Guten ist bei Weibern eine Anreizung zum Bösen,« also lieber nichts sagen, und so gehen.

»Bin ja ihrer so sicher wie Keiner. Kenne sie durch und durch: Ihr Kopf ist beschränkt, ihr Herz rein.«

 

* * *

 

Die Empfindungen dieser Nacht, wie sie jetzt wieder aufstürmten!

»Ein Anschaun, daß der Herzschlag stockt, süß geflüsterte Liebesworte, atemloses Stammeln . . .«

Immer kam es wieder, das. Daran mußte sie immer denken.

»Ich war doch nie krank, aber ich glaube, diese Gedanken sind eine Krankheit! Ich fühle sie fortwährend im Kopf, dann im Puls, am Handgelenk und in den Fingerspitzen, wie das schmerzhaft prickelt!« Sie ballte nervös die Faust und biß hinein.

Es war jetzt gar einsam im Hause und sie hatte nichts zu thun. Jagdstrumpf aus Hasenwolle eingepackt und dann fort über die Felder zu Karla, der lustigen, burschikosen Pastorsfrau.

Dort geschwatzt, Kaffee getrunken, gelacht, gebadet, herumgeschlendert, dann müde geworden.

Am Abend ein schweres Gewitter am Himmel. Susanna blieb da, schlief in Karlas Schlafzimmer mit dieser zusammen. Das wenn Eberhard wüßte! Der mochte es nie leiden, daß sie wo anders schlief.

»Oh, Du komisches Ding, oh Du lächerliches Kind,« lachte Karla am Morgen. »Was schwatztest Du heute im Schlaf für Zeug! Kann denn das Dein Mann aushalten die ganze Nacht durch?«

»So? Wie? Ich spreche im Schlafe?« Susanna lächelte etwas blöde.

»Alles, was Du gestern gethan und gedacht, hätte ich erfahren können, und was Du heute und morgen thun willst dazu! Ich war nur selbst zu schläfrig.« Karla lachte unbändig: »Nein zu drollig. Und dann auf einmal wieder so verrückte Ausrufe, zum Beispiel: atemloses Stammeln, zitterndes Verlangen, Verzagen, Gewähren, Vergehen, Jubel! Dann sprachst Du von mir, und und verwechseltest den Namen Karla mit Karl. Karla – Karl – so gings immer fort. Du Närrchen!«

Karla räumte dabei im Zimmer auf und beachtete ihre Freundin nicht weiter. Susanna stand da, plötzlich totbleich geworden. Krampfhaft preßte es sich aus ihrem Munde: »Ich spreche im Schlafe?«

»Ja, ja, Du kleine Plaudertasche.«

Dann starr vor sich hinsehend: »Ich spreche im Schlafe? – Alles was ich denke! Alles! Alles! Karl sagte ich? Karl?»

Dann ein Schrei, wie von wütender Angst. Dann ein Rasen durchs Zimmer, durch den Garten, über das Feld, wieder zurück, ein Jammern, entsetzt, schaurig: »Nie, nie, nie in meinem Leben darf ich mehr schlafen. Seit heute, nein, seit gestern nicht mehr! Nie mehr schlafen! Ewig bei Sinnen sein, oder – von Sinnen kommen . . .«

Dann große Ruhepause im kleinen Gehirnchen, das jetzt alles begriff: Also sein Wissen war keine Zauberei, keine Hexerei. Ah, sie selbst . . . Nicht einmal ein Dämon. Nichts weniger als ein Dämon. Ein Aufpasser, ein Aushorcher!

 

* * *

 

Bleich, mit glühenden Augen und bebenden Gliedern stand am Abend ein Weib unter dem breitästigen Apfelbaum im Kartoffelfelds. Ein Mann dabei. Tief verschattet in wachsender Dunkelheit. Es flüsterte durch die stillen Zweige wie von den Lippen des verstörten Menschenpaares die nämliche ewige Natur . . .

 

* * *

 

Eberhard kam heim, in später Nacht. Susanna war fort. Ein Brief lag da:

 

»Ich gehe fort, weit fort, unerreichbar; denn ich kann in Deinem Hause nicht mehr schlafen. Bliebe ich da, hätte ich bei Dir nur noch eines zu thun – zu sterben, von Deinen starken Händen erwürgt wie eine Katze. Da es mir nicht wie anderen Menschen vergönnt ist, im Schlafe zu schweigen, so würdest Du aus meinem Munde bald ein Geständnis hören, das Dich zum Mörder machen müßte. Deshalb gehe ich. Ja, wenn ich schweigen könnte! –

                          Susanna.«

 

Dann hörte man im Hause ein Gebrüll, wie von einem verwundeten Stier – dann war’s still.

Karl Forstmann, der junge Ingenieur in der Fabrik, war verschwunden.

 

* * *

 

Jenseits des Oceans jagten nun zwei Menschen mehr in ruheloser Hast nach dem Glück, dem unfaßbaren.