ngiyaw-eBooks Home

Marie Conrad – Der Vater.

Novelle

aus: Marie Conrad-Ramlo, Helldunkel, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, 1892

Die kleine, üppige, trotz ihrer Vierzig noch hübsche Frau Klara Karpf war Vorsteherin einer Mädchenarbeitsschule.

»Frau Direktor« nannten sie ihre Schülerinnen, und das war ihr recht, denn ihren Namen konnte sie nicht leiden.

Es war ihr immer zuwider, wenn jemand sie »Frau Karpf« ansprach; »er« hieß ja so, der ewig betrunkene, gewissenlose Mann mit dem blauroten Gesicht, der einst ihr Mann war.

Es ist schon lange her, schon dreizehn Jahre, daß er davon ging, von ihr und den Kindern. Sie hieß ihn gehen, weil sie nicht mit einem Menschen leben konnte, der ihr verächtlich war, und er – ging gern, sehr gern.

Die Frau war ihm ja so langweilig, so lästig, mit ihrem sogenannten Anstand und ihrer ewigen Einengung.

Die kleine Emma war damals erst ein paar Monate alt, Julius aber schon ein verständiges Kind von sieben Jahren, das schon erschreckend große Augen machte, wenn sich die Eltern zankten.

Dann war Ruhe im Hause.

Stolz, energisch und unermüdlich kämpfte die kleine Frau Direktor mit dem Leben.

Die Kinder brauchten viel, sie wollte sie doch gut erziehen, und »er« gab nichts dazu, konnte auch nichts geben, denn er hatte selbst kaum das Nötigste.

Ein Schreiblehrer! »Kalligraph« nannte er sich! Du mein Gott! Und das Trinken, das viele Bier, oder Wein! Und dann noch etwas –

Einmal, es war ein oder zwei Jahre nach der Trennung, ging die Frau Direktor spazieren mit den beiden Kindern. Da ging »er« drüben, auf der anderen Seite der Straße.

Julius erkannte ihn auf der Stelle.

»Mutter, da drüben geht –«

»Scht«, machte die Mutter und riß den Knaben an der Hand vorwärts – weg – aus seinen Blicken – die Kinder braucht er nicht zu sehen, der Verhaßte!

Und dann – er war ja nicht einmal allein! Das Weib da an seiner Seite –

»Also doch!« murmelte Frau Karpf, ein wenig bleicher werdend. Beinahe hätten sich ihre Augen mit Thränen gefüllt.

Weinen? Nein! – Pfui. –

Also doch! Ja, ja, ohne ein Weib hätte er’s nicht ausgehalten! Aber so ein jämmerliches Ding, so ein häßliches! Also das genügt ihm!«

Beinahe hätte sie gelacht, aber es war ihr so bitter im Munde.

 

* * *

 

Die Kinder wuchsen heran. Die kleine Emma kannte den Vater gar nicht, aber sie wußte, daß er lebte – mit einer anderen Frau, die aber nicht seine Frau war. Ihre kleinen Freundinnen erzählten ihr das. Sie errötete und schämte sich, und sprach nie mehr von ihrem Vater.

Julius war sehr talentvoll, schon jetzt gesucht als Klavierlehrer, obwohl er erst zwanzig Jahre alt war. Aufgeweckt, klug, energisch, wie die Mutter.

Manchmal schon war er auf der Straße dem Vater begegnet, allein, oder mit dem »jämmerlichen Frauenzimmer«, das der Vater schon kannte, als er noch im Hause lebte bei der Mutter.

»Heut’ bin ich ihm wieder begegnet,« sagte er beim Essen.

»Wem?« fragte die Frau Direktor.

»Na – dem Karpf.«

»So, so.»

»Die Strubel war mit ihm.«

Er spuckte aus.

Strubel hieß das »jämmerliche« Weib.

»Ich glaub’, er war wieder besoffen.«

Julius verachtete seinen Vater, er hielt das für seine Pflicht. Denn er wußte alles: den namenlosen Kummer und Schmerz der Mutter, des Vaters Herzlosigkeit, seine Gewissenlosigkeit, seine – – alles, alles!

Die Mutter liebte er abgöttisch.

Wenn er den Vater sah, aufgeschwemmt, rotnäsig, gemein, konnte er nie begreifen, wie seine schöne, liebe, kluge Mutter diesen Mann einst nehmen konnte! Und als Nachfolgerin seiner Mutter – diese Strubel! – Das konnte er noch weniger begreifen.

»O pfui, es ist zu gemein!«

 

* * *

 

Dann starb der Karpf. Der Schlag hatte ihn getroffen.

Da kam die Strubel zur Frau Direktor. Zum erstenmale standen sie sich gegenüber. Die kleine Frau erblaßte vor Zorn, als sie das rotgeweinte Weib, mit dem auffallenden Trauerputz, vor sich stehen sah.

»Was wollen Sie?«

»Ach – Ihr Mann ist gestorben,« schluchzte die Strubel.

»Ich habe keinen Mann,« erwiderte die Frau Direktor rauh.

»Nun – Herr Karpf ist gestorben.«

Nach kleiner Pause:

»Was geht das mich an?«

Die Strubel heulte hinaus:

»Ich habe kein Geld, ich kann ihn nicht beerdigen lassen –«

Plötzlich schwieg sie, unter der Thüre stand Julius mit zornfunkelnden Augen.

»Gehen Sie!« rief er das Weib mit bebender Stimme an. »Belästigen Sie meine Mutter nicht. Was gehen uns Ihre Privatverhältnisse an!«

Die Strubel ging.

Die Mutter stand da und sah vor sich hin, dann ging sie leise zur kleinen Emma hinein, und erzählte ihr, daß nun ihr Vater gestorben sei.

Das Kind sah die Mutter ernsthaft an und schwieg. Dann, ganz allmählich, füllten sich ihre Augen mit Thränen und langsam liefen sie über die Wangen herab. Dann – als ob sie sich besänne – blickte sie um sich – dann – lächelte sie:

»Ich bin aber dumm, jetzt habe ich geweint, und ich habe ihn doch gar nicht gekannt.«

Und fast stolz klang ihre Stimme, als sie ihren kleinen Freundinnen erzählte: »Mein Vater ist gestorben! Ich bin eine Waise.«

Es war ihr wie eine Erleichterung, sagen zu können: »Ich habe keinen Vater mehr, er ist gestorben!«

Wie die anderen Kinder, wie die anständigsten. Waisen giebt’s ja so viele.

Und die Leute bemitleideten sie auch noch, jetzt – da sie es doch gar nicht mehr nötig hatte.

Die Frau Direktor schickte doch, nach einigem Besinnen, Geld nach Karpfs Wohnung.


Auf Gemeindekosten, wie einen Bettler, beerdigen lassen, den Vater ihrer Kinder? Das wollte sie doch nicht. –

 

* * *

 

Nach zwei Tagen sagte sie zu Julius: »Geh’ zum Begräbnis.«

»Nein, Mutter, das thue ich nicht!«

»Du gehst, sage ich Dir! Schau’ Deinen Vater noch einmal an, draußen auf dem Kirchhof und – und – verzeihe ihm.«

Widerstrebend gehorchte Julius.

Er trat auf die Steinstufen, die man besteigen mußte, um in die Leichenhalle schauen zu können.

Eine Tafel war neben dem Sarg:

»Michael Karpf, Schreiblehrer, 48 Jahre alt.«

Die Lichter brannten regungslos zu beiden Seiten, auch Kränze und Blumen waren da.

Julius sah durchs Fenster hinein zum Vater, schüttelte den Kopf und las noch einmal die Tafel: »Michael Karpf, Schreiblehrer, 48 Jahre alt.«

Ja, ja, er war’s wirklich.

So bleich, so schmal. So edel schien ihm das Gesicht, mit dem leise überlegenen Zug, den der Tod verleiht. So hatte er den Vater nie gesehen! Ach, hätte er doch diesen Vater im Leben gekannt . . . Er weinte am offenen Grabe und kam wie gebrochen nach Hause.

»Mutter, der Vater war so schön.«

»So schön!« wiederholte Frau Klara still.

»Ja, ganz anders als sonst, so schlank in seinem schwarzen Gewand – er sah wirklich vornehm aus – wie verklärt – ich hätte nie geglaubt, daß der Vater so aussehen könnte!«

Die Mutter nickte stumm.

»Ich habe geweint, Mutter!«

Mit einem tiefen Seufzer, wie wenn eine Last von ihr genommen, blickte sie auf ihren Sohn.

»Gott sei gelobt, so wird er seinen Vater im Gedächtnis behalten – so, nicht anders.«

Sie drückte die Hände zusammen. Ihr Geist sah in ferne, ferne Vergangenheit – da sie und »er« jung waren und glücklich! Da er neben ihr stand. frisch und schlank und lebensmutig, und er ihr dann den ersten süßen Kuß gab. Daran konnte sie jetzt wieder lächelnd denken, – jetzt – da doch alles, alles vorüber war. Es war wie eine längst ersehnte Erlösung – der Gedanke an holdes Jugendglück! Nie hätte sie gedacht, daß sie das noch könnte!

Lächelnd! . . .

Wie gütig, mild, Versöhnung erzwingend ist doch der Tod! – Wahrhaftig, nie hätte sie das gedacht. –