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Marie Conrad – Die verlogene Walburg.

Novelle

aus: Marie Conrad-Ramlo, Helldunkel, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, 1892

»So pfeif’ doch nicht in einem fort, Walburg, es ist wirklich ganz abscheulich! Ein Mäd’l, das pfeift! Pfeifen und lügen, sonst magst nix!«

Die alte Lindlacherin war ganz rot vor Zorn, als sie das in ihrer Tochter Kammer hineinschrie.

Da schallte es lustig heraus: »No, so arg ist’s doch nicht, Mutter, ich mag sonst schon auch noch was.«

Die Lindlacherin bediente gerade einen Kunden in ihrem kleinen Kramladen. Es war zwar nur der Dorfzwerg, der Maxl, der sich für ein paar Pfennige Schnupftabak kaufte, aber sie schämte sich sogar vor dem schmutzigen Knirps, daß ihre Tochter sich so lausbubenhaft benahm.

Gerade fing sie wieder zu pfeifen an. Da erhob die Mutter die geballte Faust, drückte sie ingrimmig an die rechte Backe und sagte: »Das kann ich für mein’ Tod nicht leiden. Ist das ein unartig’s Mäd’l!« Dann mit einem Seufzer: »Ja, wenn ich meine Kathi noch hält’!«

Der Zwerg nickte: »Wie geht’s denn der?«

»Ja mein Gott, gut, glaub ich; sie schreibt so selten. Oft kränkt’s mich recht. Ich hab’s doch so gern g’habt, wie mein Leben! Aber’s Liebste wird einem allemal g’nommen.«

Der Maxl lächelte dumm, nickte und ging.

Da öffnete sich die Kammerthür rasch und Walburg trat heraus.

Die Lindlacherin warf einen mürrischen Blick aus das große kräftige Mädchen mit den blühenden Lippen und den lachenden Augen und wandte sich ab.

»Ach geh, Mutter, sei doch nicht gar so grantig. Ich hab Dir ja nix gethan. Und nachher ist’s grad auch nicht notwendig, daß Du jedem Troddel Deine ganze Lebensgeschicht verzählst, wie jetzt grad dem Maxl da. Und das ewige Jammern um die Kathi! Sie hat ja selber nimmer dableiben mögen, weil’s ihr zu langweilig war in Vachendorf. Was jammerst denn alleweil d’rum?«

»Laß mich in Ruh,« sagte die Mutter verdrossen.

»Na, Jesus, meinetwegen!«

»Warum bist denn nur Du grad alleweil gar so fidel? Es thut Einem ja ganz weh. wenn man selber so ein Leid im Herzen hat, wie ich!«

»Na, warum soll ich nicht fidel sein? Es fehlt mir ja nix, g’sund bin ich und einen lieben, guten Schatz hab’ ich auch, was brauch ich denn mehr?«

»Ach der!« dachte sich die Mutter, »der wird auch nicht besser sein, wie alle Anderen.« Gesagt hätte sie so etwas nie, denn sie fühlte instinktiv, daß die Liebe ihrer Tochter zu ihrem Schatz das einzig Ernsthafte an ihr war und darin hatte sie recht. Als er vor zwei Jahren als Rekrut in die Stadt mußte, um da seine drei Jahre abzudienen – Walburg weiß es noch wie heut, sie führte gerade ihre zwei Ziegen heim – da kam er daher, den Hügel vor dem Dorf herauf, den kleinen Reisesack in der Hand, so frisch, so keck und so lieb. Da mußte sie lachen, obwohl’s die letzte Stunde des Beisammenseins war.

Er hatte Thränen in den Augen und fragte beinahe gekränkt, warum sie denn jetzt lache.

»Ja, weißt, wenn ich Dich so anschau’, da kann ich mir gar nicht denken, wie Du Dich im Soldatenfrack ausnehmen wirst. D’rum lach’ ich. Du kannst ja gar kein demütig’s Gesicht machen. Du, da mußt fein demütig sein, der Maurersepp hat’s oft g’sagt.«

»Na, das werd ich dorten schon lernen. Nachher hast Du’s gut, wenn ich wieder komm, da kann ich’s Parieren.«

Sie lachte wieder. Dann ging’s ans Abschiednehmen. Er drückte das Mädchen an seine Brust, daß ihr fast der Atem verging.

»Hast mich gern? Alleweil, so lang Du lebst? Schwör mir’s,« sagte er.

»Warum nicht gar schwören, wir stehen ja nicht vor’m Gericht? Ich hab’ Dich gern, das weißt ja.«

»Alleweil?»

»Alleweil! Natürlich, sonst hätt’ ich Dich ja nicht gern. B’hüet Gott, Alois!«

Dann umfaßte sie ihn mit ihren beiden Armen eine Minute lang, ein kurzes Lachen, ein inniges Nicken, ein leichter Stoß: »Jetzt mach aber, daß Du fortkommst!«

Er riß sich los und ging schnell den Abhang hinunter, die Wiese entlang, zur Bahnstation. Sie sah ihm nach – es drückte sie auf einmal wie ein Krampf auf der Brust, daß sie beinahe hinaus schrie, als er ganz ihren Blicken entschwunden war.

»Jesus, jetzt ist er fort! Und ich hätt’ ihm gern noch was g’sagt: Alois, wennst mich einmal nimmer magst, dann bring mich um, denn so möcht’ ich nicht leben! Warum hab’ ich’s denn nicht g’sagt, ich hab’ doch sonst ’s Maul auf dem rechten Fleck?«

Dann ging sie vorwärts, die andere Seite des Hügels hinunter, dem Dorfe zu, die beiden Ziegen trotteten mit, eine rechts und eine links. – Dann blieb sie wieder stehen. Jetzt kamen die Thränen. »Ja, jetzt muß ich weinen, weil ich ihn nimmer seh und zuerst wie ich ihn hab’ weinen seh’n, ist mir’s gspassig vorgekommen.« Sie sah schnurgerade vor sich hin, kniete sich in Gedanken verloren auf den Rasen nieder, die beiden Tiere legten sich geduldig an ihre Seite. So, recht still, recht ruhig! So konnte sie nach Herzenslust denken, die Bewegung des Gehens vorhin hinderte sie daran.

»Jetzt ist er fort – auf drei Jahre! Gott Vater im Himmel – wenn Du wirklich da droben bist und alles weißt, gelt, Du siehst jetzt in mein Herz? Sei nicht bös, daß ich den Alois grad so lieb hab wie Dich, ich kann ja nicht anders, sei nicht bös!«

Es war schon dämmerig, da sprang sie auf.

»Jetzt müssen wir aber gehen, sonst schimpft die Mutter; komm Lisl, komm Leni!«

Sie klopfte die Ziegen, die eingeschlafen waren, mit der Gerte auf die Köpfe und da liefen nun alle Drei im Galopp hinab über die Wiese. Und richtig lachte sie wieder und pfiff ein Liedel, als sie in die Nähe des Hauses kamen.

»Mit’m Schreiben kann er nicht viel machen,« dachte sie später etwas enttäuscht, da gar so selten ein Brief von Alois kam und wenn einmal einer kam, sie tagelang buchstabieren mußte, um den Sinn herauszubringen. Da konnte sie dann doch wieder lachen. »Er war ja nur ein Müllerbursch, die brauchen nicht schreiben zu können. wenn er nur gut mahlen kann!« scherzte sie.

 

* * *

 

»Gehst mit in die Kirch’?« fragte die Lindlacherin kurz.

Es war Sonntag.

»Ja ja, wenn Du’s haben willst, Mutter, geh’ ich schon mit.«

»So, aber aus Frömmigkeit gehst nicht? Schäm’ Dich in die Haut hinein!«

»No, so lang die frommen Leut nicht braver sind wie die andern, und mitleidiger, schäm’ ich mich nicht, fallt mir nicht ein.«

Die Mutter sagte nichts mehr. Sie dachte wieder an ihre Kathi, die so gern gebetet hatte, und in jeder Messe der Muttergottes ein geweihtes Wachskerzel opferte, das sie sich von ihrem Sparpfennig kaufte, und die mit jedem Bittgang gegangen ist. »Das war ein frommes Kind! An der haben Gott und die Menschen eine Freud g’habt.« Diese Gedanken murmelte sie leidenschaftlich laut vor sich hin, indem sie ihren Rosenkranz um die Hand wickelte, ein großes Taschentuch einsteckte und den kleinen Kramladen schloß.

»Walburg!« schrie sie dann aus Leibeskräften in den Hof hinein und ging rasch und kräftig dahin, sich auf der Straße zur Kirche anderen Bäuerinnen anschließend.

»Bin schon da,« antwortete das Mädchen und eilte der Mutter nach.

»Grüß Gott, Walburg, was laufst so? Pressierts?« riefen ein paar Bursche, die ihr begegneten.

»Ah, grüß Gott Friedl, grüß Gott Toni,« war ihre ganze Antwort.

»Ein sauberes Mädel ist sie schon, das ist wahr.« Sie sahen ihr wohlgefällig lächelnd nach.

Das grüne Kleid, halb städtisch, halb ländlich, stand ihr gut zu Gesicht. Es war aber auch prächtig! Ganz grell, wie frisches Gras, und mit schwarzen Sammetbändern ausgeputzt. Ihr höchster Staat! Ein Fabrikat der Dorfnäherin. Die Taille etwas breit, die Brust etwas platt, alles ohne künstliche Nachhilfe, die Formen eher häßlicher als schön erscheinen lassend. Und doch war das Mädchen hübsch anzusehen. Das Gesicht ungemein angenehm, durch den lieben, klugen Ausdruck.

Die langen, hellbraunen Zöpfe hatte sie um den Kopf gewickelt. Die niedrige doch reizvolle Stirne, die dunkelgrauen, großen Augen – alles ein Bild von Gesundheit, Kraft und Güte.

In der Kirche war sie still wie die Anderen, manchmal bewegte sie die Lippen wie im Gebet, dann schaute sie wieder zerstreut um sich, hie und da lächelte sie schelmisch, wie wenn sie sich über etwas moquierte. Wenn die Mutter neben ihr das bemerkte, gab sie dem Mädchen mit dem Daumen einen nicht gerade sanften Stoß in die Rippen.

»So bet’ doch!»

»Ja, ja, ich bet’ schon.«

»Wo hast denn Dein Betbüchel?«

»Ich brauch keines, ich kann’s so auch.«

Die Lindlacherin schüttelte zornig den Kopf und betete inbrünstig für die abwesende Kathi.

Nach dem Gottesdienst gingen alle ins Wirtshaus. Walburg aber mußte heim, um den Kramladen zu öffnen.

Ganz langsam ging sie durch den kleinen Kirchhof, die Blicke immer nach der Sakristeithüre gerichtet: »Kommt er denn noch nicht?«

Zögernd entschloß sie sich endlich, heimzugehen. »Schade, heut hütt’ ich grad Kurasch gehabt. Schon so lang hab’ ich’s im Sinn.«

Wieder verweilte sie ein wenig. Da kam er heraus, den sie erwartet hatte: Der hochwürdige Herr Pfarrer Schlintmann, der Beichtvater von ganz Vachendorf.

Walburg blieb stehen.

»Hochwürden Herr Pfarrer! . . .«

»Liebe Walburg, hast Du mich was zu fragen? Du scheinst auf mich gewartet zu haben.«

Er sah sie mit seinen gütigen Augen an.

»Ja, ja – das schon und jetzt mag ich doch nicht fragen.«

»Warum nicht, meine Tochter? Frage nur!«

Nun erst sah sie ihn an. Er war noch jung, kaum dreißig, und schon so würdevoll, so ruhig überlegen, so über allem stehend, daß sogar ein junges Mädchen ihm mit vollem Vertrauen von ihrer heißen Neigung zu einem Manne erzählen konnte – und er lachte nicht und zankte nicht, er verstand alles. Er wußte jedes Geheimnis, viel Schönes und viel Häßliches, Verächtliches, was in Vachendorf geschehen. Ja, Walburg hatte Vertrauen zu ihm, er kannte ihr Herz mit ihrer Liebe zu Alois, er war auch Alois’ Beichtvater gewesen, kannte also auch ihres Liebsten Herz, wie ihres, und das war ihr besonders lieb an ihm.

»Also frage nur, mein Kind!«

Sie schluckte ein paarmal.

»Hochwürden Herr Pfarrer,« sagte sie endlich ganz freimütig, »warum – schaut Ihr mich immer so – so mitleidig an?«

Er blickte erstaunt.

»Das ist gar nicht meine Absicht. Irrst Du Dich nicht, Walburg?«

»Nein, nein, ich irr mich nicht, so was seh’ ich genau. Neulich habt Ihr mich auch so angesehen und dann so gemacht« – sie nickte langsam mit dem Kopf – »und das ist mir seitdem nimmer aus dem Sinn gegangen.«

»Das sind Grillen, Einbildungen, die so ein irisches Mädel wie Du nicht haben soll . . .«

Er brach kurz ab und wendete sich zum Gehen. Dann rief er noch zurück: »Hast Du Nachricht von Alois?«

»Seit vier Monaten nicht mehr.«

»Na, thut nichts,« tröstete er »bist ja ein kluges, braves Mädel, mit Dir wird’s Gott schon recht machen!«

»Ja, ja,« sagte sie leise für sich und ging ihres Weges, »seit vier Monaten nicht mehr.«

Den wollte sie nicht anlügen, sonst hätte sie es ihm im Beichtstuhl doch wieder beichten müssen, und überhaupt, den mochte sie eben nicht anlügen. Bei der Mutter oder den Nachbarn, da war es etwas anderes, denen brauchte sie nicht zu gestehen, daß Alois so selten schrieb.

»Hab’ schon einen Brief,« sagte sie keck auf deren Fragen. »Ja wohl! Er schreibt oft, sehr oft.« – Denn es war ihr ganz schrecklich, wenn sich jemand eine böse Bemerkung über Alois erlaubte.

»Was geht das die Leute an? Es ist doch nur Neugier, auch bei der Mutter. Die mag doch nur ihre fromme Kathi. Das macht gar nix, wenn ich da ein bißl lüg’. Die Lügen, die niemand weh thun, sind nicht gar so schlecht.«

Herr Pfarrer Schlintmann, der die Herzen aller seiner Beichtkinder kannte, auch des Alois’, blieb an der Straßenbiegung stehen und schaute dem Mädchen mit einem Blick nach, warm, innig, segnend . . . Walburg hätte behauptet: mitleidig.

 

* * *

 

Zwei sehnende Frauenherzen klopften dem Manne entgegen, der die Straße herunterkam gegen das Krämerhaus zu, ein kleines Posthörnchen als Wappen an der Mütze, einen Ranzen umgehängt und einen einzelnen Brief in der Hand.

»Xaver!« schrie die Lindlacherin mit unglaublicher Kraft dem Manne entgegen. »Was für mich?«

»Und was für mich?« fragten der stumme Mund, die glänzenden Augen Walburgs.

»Ja, von der Kathi was!«

So. Also erst recht gemütlich hingesetzt, die Beine ein wenig gespreizt, recht bequem halt, dann die vielen ganz zwecklosen Siegellackklexchen weggebrochen und gelesen, also:

 

Liebe Mutter!

Ich wohne jezt in der Baaderstraße wenst du mir wider Schreibst daß du Die Atreß weist. nomero 102 ich bitte Dich Schreibe nicht mer an mich Kathi Lindlacher sondern Freilein Kahtinka Lindlacher hier schreibt man so. Ich bin nicht mer bei der Milchfrau in Dinst, ich habe daß Blumenmachen gelernt und bin jezt für mich, in München ist es Lustig und so schön Ihr könts Euch nicht forstehlen weil ihr auf den Lande seid zur beandwortung Deiner Fragen kann ich dir schreiben 1. freilich sollest du auf München komen unsere Lansmenin die Kummerin ist eine Wirtin in der Forstadt Heidhausen da töntest du ja wohnen. Ich hab Sie neilich gesehn man kan auch mit der Dramwei hinfahren. 2. den Alois habe ich mit keinen Aug nicht gesehn. 3. alle Sontag gehe ich in Die Kirche und bette für dem Vater selig.

        Deine Dichliebende Dochter

                                                                   Katinka.

 

Nachschrift. kom lieber nicht auf München du kenst dich hier doch nicht aus aufs Kristkindl Reise ich auf Fachendorf und bringe euch was mit.

 

Die Lindlacherin hatte das Schriftstück mit breitem, freudigem Lächeln laut buchstabiert und reichte es nun der Walburg.

»Da, magst ihn auch lesen?«

Das Mädchen nahm den Brief mechanisch, fing an zu lesen, plötzlich hielt sie ihn vor die Nase: »Wie riecht denn der? Wie – wie so – so ein Gewürz, ich weiß nicht wie, ich kann den Geruch nicht vertragen.« Damit legte sie ihn auf den Ladentisch: »Ich hab’ ihn ja schon gehört.«

»Du hast gar keine Lieb’ zu Deiner Schwester.«

Die Lindlacherin fing nun wieder zu lesen an, dann nochmals, dann nochmals, immer nachdenklicher. Abends sagte sie beinahe feierlich: »Walburg, ich geh’ in die Stadt!«

»Ach geh’, so ein altes Leut wie Du! Was fallt Dir denn ein?«

»Ja, das thu’ ich, ich muß die Kathi wieder einmal seh’n. Ich mein’ grad’ ich halt’s sonst nimmer aus.«

»Ja, ja Mutter, nachher geh’ halt . . .«

Die Abreise der alten Lindlacherin mußte indessen verschoben werden, da sie erkrankte. Die Füße waren auch geschwollen und das ängstigte sie so, daß sie beschloß, den Reiseplan ganz aufzugeben. Je mehr sie den Gedanken festhielt, desto verdrießlicher und mürrischer wurde sie mit Walburg. Bei jedem Menschen, der kam, beklagte sie sich über das Mädchen und seufzte und jammerte nach der Kathi.

Walburg aber lebte und pfiff lustig in den Tag hinein. Die drei Jahre von Alois’ Soldatenzeit waren ja vorüber und er schrieb, nun werde er bald kommen. »Und mit ihm das Glück, die Seligkeit!« dachte Walburg, »und aller Jammer hat ein Ende.«

»Warum pfeifst Du denn so lustig?« fragte sie einmal der Pfarrer Schlintmann; sie trug gerade die Leinwand von der Bleiche heim, als er ihr begegnete.

»Ich bin halt lustig, Hochwürden Herr Pfarrer, und da pfeif ich immer. Singen kann ich nicht wie andere Mädeln, wenn’s vergnügt sind, ich hab’s schon oft probiert, aber es ist nicht schön.« Sie lachte, »Und so pfeif ich halt. Der Alois sagt, ich kann’s so gut wie ein Bub . . . Der Alois kommt! Hochwürden Herr Pfarrer, ganz gewiß, er kommt!« Die letzten Worte kamen jubelnd heraus.

»So? Er kommt?« Pfarrer Schlintmann war sichtlich überrascht. »Wann denn?«

»Ja, bald. Neulich hat er’s geschrieben.«

»So so! Adieu, liebe Walburg. Nun, Glück auf.«

Sie stellte die Gießkanne und den großen Korb mit der Leinwand nieder, da er ihr seine Rechte hinstreckte, und er drückte nun die harte Hand mit den ganz kurz abgearbeiteten Nägeln, die sie in die seine legte, so innig, daß es ihr wieder so unendlich wohl und vertrauensvoll ums Herz wurde. Er sah ihr in die Augen, warm, zart, gütig – aber nur eine Sekunde lang. Dann wandte er schnell das Gesicht weg, damit Walburg nicht wieder glauben sollte, er hätte sie mitleidig angesehen.


* * *


»Neulich hat er geschrieben,« hat Walburg zum Pfarrer gesagt. Neulich? Ja ist denn das wahr? Es ist ja schon wieder ein Vierteljahr her . . . Aber sie glaubte an ihn, wie andere an Gott glauben. Unverbrüchlich! Sollte sie selbst in die Stadt gehen und nachsehen? Nein, nein, das sähe ja gerad’ aus, als könne sie es nicht erwarten. In der Kaserne ist er nicht mehr, wohin soll sie schreiben? Soll sie überhaupt schreiben, da doch zwei Briefe unbeantwortet geblieben sind?

»Nein, nichts da, er kommt schon, dann lacht er mich recht aus, und da hat er Recht. Ich bin dumm, er soll mich nur auslachen!«

Die Lindlacherin ging jetzt doch in die Stadt. Sie war ja wieder leidlich gesund.

»Und wenn’s mir g’fallt, bleib ich überhaupt drinnen.«

»Aber Mutter. Du hast ja gar nicht genug Geld zum Privatisieren!«

»Ich kann bei der Kummerin wohnen in Haidhausen, da kostet’s mich nix, ich helf ihr dafür im Geschäft.«

»Ach, Du mein Gott! Ist das die zaundürre Kruck’n, der ihr Mann alles nachpappelt?« Walburg verzog spöttisch den Mund.

»Ja ja, Die ist’s schon. Aber sonst eine sehr ordentliche Frau!«

Der Kathi war also die Ankunft der Mutter angekündigt worden, »postlagernd«, wie sie seit einiger Zeit alle Briefe ausdrücklich wünschte. »Es ist das so Mode hier,« behauptete sie.

Der Reisesack war gepackt. Walburg begleitete die Mutter zur Station.

Als sie schon im Begriffe war einzusteigen, hielt Walburg sie am Arm fest und flüsterte mit fliegendem Atem: »Mutter, und wennst den Alois siehst –«

»Wo soll ich denn den sehen?«

»No, ich mein auf der Gaß’, oder in der Kirch’ oder – oder –«

Da mußte die Lindlacherin laut auflachen.

»O Du verrückt’s Leut. München ist ja gewiß zwanzig Mal größer wie Traunstein und hundert Mal größer wie Vachendorf, hat der Herr Spezler gesagt, wie soll ich ihn denn da sehen?!«

»Na, nachher ist’s auch so recht,« war die kleinlaute Erwiderung.


* * *


»Herrgott, wo kommen wir denn da hin?« sagte die Lindlacherin unwirsch, als der Zug in die elektrisch beleuchtete Bahnhofhalle einfuhr. Sie duckte den Kopf ein wenig, als fürchte sie, das Gewölbe könne auf sie herabstürzen. Seit ihrer frühesten Jugend war sie nicht mehr in der Hauptstadt gewesen und »damals war’s ganz anders,« dachte sie, da war ihr Vater dabei, an dessen Rockzipfel sie sich hing, es war zum Oktoberfest, und noch viele Bauern dabei, Bekannte . . . Heut aber ist sie schon alt und ganz allein . . .

»Was suchst denn, Weiberl?«

Beinahe wäre sie jetzt umgerannt worden.

»So viel Leut! Jesses, so viel – Meine Tochter such’ ich.«

Da kam aus dem Gewühl ein Frauenzimmer gerade auf sie zu. Sie kannte sie aber nicht. Recht schön angezogen, recht schlanke, lange Taille und kolossale Schleifen auf dem herausfordernden Hut. Die Ellbogen hielt sie eckig und weit ab vom Leib, und die Handschuhe schlenkerte sie in der Hand. Sie machte auffallend große Schritte.

»Ja, Mutter – grüß Gott!«

»Wer ist denn? – Heilige Mutter Anna! Du bist’s Kathi?«

Die Stimme der Alten zitterte vor freudiger und staunender Erregung. »Ich hätt’ Dich nicht gekannt, Du bist ja so nobel.«

Die Mutter lächelte glückselig, sie war ja jetzt bei ihrer lieben, guten Kathi, ihrem Herzblatt . . . Das Mädchen zog die Hand der Lindlacherin in ihren Arm, und halb geschoben, halb gehend, wie im Taumel, kamen sie zur Pferdebahn. Ab und zu blinzelte die Lindlacherin zu ihrer Tochter hinüber. Sie gefiel ihr zu gut, es stand ihr alles so, als ob sie’s immer getragen hätte, »s’ Gesicht ist wie bei der Walburg, nur alles viel feiner, viel nobler. Ein bißl blaß ist sie.« Aber – sie sah genauer hin – richtig das Gesicht war ja wie mit Mehlstaub bedeckt. »Aha!« Ja, das wußte sie, das hat man so in der Stadt.

»Siehst, Mutter, das ist das englische Kaffeehaus . . . Da ist der Promenadeplatz – da müssen wir umsteigen und ein Stückerl zu Fuß gehen, durch die Maffei- und Perusagasse . . . Dort ist die Residenz, wo der Prinz-Regent wohnt, gar ein freundlicher Herr . . . So, da können wir wieder einsteigen. Gieb Acht, daß Du nicht fallst . . . Da ist das Hoftheater . . .«

Die Alte guckte manchmal zum Fenster des Wagens hinaus – sah aber nichts, es war zu finster.

»Früher waren da Bäum’, herüben und drüben, hier mag man aber die Bäum’ nicht und da haben sie’s ’rausgerissen . . . Da ist das erste Gasthaus von hier, ›Die vier Jahreszeiten‹, Hotel sagt man hier.«

Das sah die Lindlacherin, das war gut beleuchtet.

»Elektrisch!» erklärte die Tochter.

Dann ging’s über die Brücke.

»So, jetzt Adieu, Mutter, ich geh’. Da drüben, in dem kleinen Häusl, wohnt die Kummerin.«

»Gehst denn Du nicht mit, daß ich nicht so allein daher komm’?«

»Nein, Mutter, ich mag die Kummerin nicht, sie ist mir zu bös. Wirst’s auch nicht zu gut haben dort – und lügen thut sie,« fügte Kathi, die Worte auffallend betonend hinzu, »lügen! Der Teufel ist nix dagegen. Na, Du wirst’s schon sehen, wie Die lügt, und er damit, natürlich, Du kennst ihn ja!«

»Na also dann gute Nacht, liebe Kathi.«

»Gute Nacht Mutter, morgen gehen wir miteinander spazieren und essen miteinander in einem Gasthaus. Ich laß’ Dir’s schon sagen wo. Ich schick’ Dir einen Packträger.«

 

* * *

 

Die Kummerin log wirklich furchtbar. Und überhaupt gefiel es der Frau Lindlacher dort gar nicht.

»So ein Kammerl zum schlafen!« Sie hatte zwar in Vachendorf auch keine großen Räume, aber in so einem Loch hatte sie doch noch nie geschlafen. Daheim war doch wenigstens ein Fenster in der Schlafkammer, aber da –! Kaum schnaufen konnte sie –.

»Ja weißt Lindlacherin, hier sind die Wohnungen gar teuer, da kann man kein’ Salon zum schlafen hergeben. Da hat unsere vorige Magd auch drinn geschlafen. Bei der Nacht ist ja leicht was gut.«

»So so, die Magd? Ja ja, die sind halt dran gewöhnt!«

»Habt Ihr denn den Alois nie gesehen?« fragte die Lindlacherin, als sie in der kleinen schmutzigen Wirtsstube beisammen saßen.

»Den Alois?« sagte die Kummerin gedehnt, »ja, ja, früher schon, manchmal – aber jetzt – weißt, mit solche Leut’ geben wir uns nicht gern ab.«

»Warum denn nicht?«

»Deine Kathi kann Dir ja alles verzählen, die weiß’s.«

»Meine Kathi? Die hat ihn ja mit kein’ Aug’ nicht gesehen!«

»So so, na, wir wissen auch nix davon,« sagte das Kummersche Ehepaar recht laut, unisono.

»Er pappelt alleweil noch alles nach, was ihm sein Weib vorsagt,« dachte die Lindlacherin verächtlich lächelnd.

»Ihr habt’s aber wenig Gäst’!« warf sie hin, in der Hoffnung, die Wirtsleute zu ärgern.

»Ja, ’s Geschäft geht schlecht. Drum haben wir auch kein’ Dienstboten, wir machen alles allein.«

Sie wußten selbst nicht wie es kam – nach und nach hatten die beiden Parteien eine stille Wut aufeinander.

»Deine Kathi hätt’ auch was Gescheideres thun können, als so mir nix Dir nix aus ihrem Dienst zu laufen. ›Milchaustragen ist mir zu ordinär‹, hat’s gesagt.«

»No ja, wenn’s was Besseres werden kann, hat’s recht gehabt!« erwiderte die Lindlacherin gereizt. Die Kummerin lachte.

»In der Blumenfabrik haben sie’s aber davongejagt, weil’s so faul war und so nixnutz.«

Ungeheuer hochdeutsch und aufgebracht rief nun die Lindlacherin: »Was? meine Kathi? Das verbitt’ ich mir. Frau Kummerin!«

Die Kummerin lachte wieder. »J Jesses!«

Er lachte auch.

Die Lindlacherin ging erregt über diese Unverschämtheit in die Kammer, wollte schlafen, konnte aber nicht.

»In dem Haus bleib ich nicht, in dem verlogenen, in dem ehrabschneiderischen!« schwur sie.

Die Kummerin putzte ärgerlich die paar Bierkrüge und Bestecke.

»Am ersten Abend kann ich’s doch nicht gleich so zum arbeiten anspannen. Sie ist doch eine Landsmännin von mir. Aber morgen wird’s schon anders werden. Wenn’s nicht zum arbeiten herkommen ist, zu was ist sie denn gekommen? Geschenkt kriegt man in der Stadt nix.« Sie zog wichtig ihre spitzigen Achseln in die Höhe.

»Nein, g’schenkt kriegt man gewiß nix,« sagte er nach.

 

* * *

 

Zu viel früherer Stunde, als die Kathi sie bestellt hatte, rückte die Lindlacherin in der Wohnung des Mädchens an, sie war eben so sehr früh aufgestanden. Die Alte war einigermaßen überrascht, als sie das einfache Zimmer ihrer Tochter sah, das so gar nicht zu ihren noblen Kleidern paßte. »Ja, ja, weiter reicht’s halt nicht,« dachte sie. »In München ist ja alles so teuer . . .« Dann laut: »Aber Du hast mir früher einmal doch geschrieben, daß Du in der Baaderstraß’ wohnst und jetzt wohnst auf einmal in der – wie heißt die?«

»Entenbachstraße. Was hab ich geschrieben? In der Baaderstraße?« Plötzlich wurde Kathi rot. »Ach, ja richtig, da hab ich auch einmal gewohnt, aber das ist ja schon so lang her. Weißt, Mutter, hier zieht man oft aus, das ist so hier. Die Hausleut sind zu bös.«

»So, so. Du arm’s Ding, mußt Dich so rumschieben lassen. Meinst nicht, es war besser, wenn Du wieder heimgingst?«

»Um Gotteswillen, nein!« erwiderte die Kathi eifrig. »Nein, das muß ich sagen, zu den Bauern ’naus passe ich nimmer. Das wär’ mir schon das Allerschrecklichste, was mir geschehen könnt’, wenn ich wieder da ’naus müßt. Nein das thät ich nicht, und ich bin ja majorenn.«

»No no, brauchst Dich nicht so zu ereifern, zwingen thu’ ich Dich nicht. Gewiß nicht!« Wie that der alten Lindlacherin das Herz so weh!

Das Mädchen fuhr aufgeregt fort: »Und dann. Ihr habt’s ja selber nix, und die Walburg kann die Arbeit schon alleinig zusammenbringen.«

»No, die Walburg heirat ja bald, denk ich.«

»So? – Wen denn?« Kathi erbleichte ein wenig.

»No, den Alois, wenn er jetzt zurückkommt.«

»So – den Alois?« sagte die Kathi gedehnt. Beinahe hätte sie gelacht – laut auf, krampfhaft, höhnisch – oder – geweint. Sie wußte selbst nicht recht, was sie sollte und da sie in ihrer Mutter ehrliches Gesicht sah, wurde sie wie mit Glut übergossen. Sie hätte nicht gedacht, daß ihr noch einmal so dumm wehmütig werden könnte.

»Rechnet denn die Walburg alleweil noch auf’n Alois?« fragte sie langsam, lauernd.

»Natürlich; hat ja sonst nix anderes auf der Welt und will auch nix.«

Da stand das Mädchen hastig auf und ging im Zimmer umher: »O mein, o mein, was seid Ihr für Leut’! Hier ist man ganz anders.«

Es war der leichtfertige dreiste Ton von Kathis Stimme, der der Mutter mißfiel. Auch bemerkte sie jetzt erst, daß die schwarzen Haare ihrer Tochter stark gebrannt waren, was ihr das Kindliche, das Liebe des Ausdrucks nahm, das einen an der Walburg so anheimelte und das sonst beide Schwestern miteinander gemein hatten. Die Alte wurde nach und nach verstimmt. Trübe sah sie sich im Zimmer um, es war nicht sehr ordentlich aufgeräumt. Da lag ein neues schwarzes Korsett mit blauer Stickerei, noch in eine halboffene Schachtel gepackt, auf dem Tisch, ein Spitzentuch daneben, ein goldener Armreif, auch ein Fächer, ein Odeurfläschchen mit Zerstäuber daran, eine Puderquaste und ein Brenneisen auf dem Stuhl, lauter Dinge, die der alten Frau so ziemlich unbekannt waren.

»Wo hast Du denn alle die Sachen her? Trägt Dir doch Dein Geschäft so viel?«

Ach, wie zuwider war dem Mädchen dieses blöde Fragen, diese ländliche Unwissenheit.

»Na,« sagte sie, ihr feines kindliches Stimmchen keck forcierend, »ich hab’ eben auch einen Schatz gehabt, wie alle anderen Mädeln und der hat mir das alles gekauft. So, jetzt weißt Du’s,« setzte sie bestimmt hinzu.

»Also ist’s doch wahr, was mir die Kummerin erzählt hat. Warum hat er Dich denn nicht geheiratet?«

Da klopfte Kathi ärgerlich mit dem Finger an ihre Stirne: »Ach, wie wird einen denn ein Baron heiraten! Das kommt ja gar nie vor.«

»Ein Baron?« Die Lindlacherin riß die Augen auf. »Ich hab’ gemeint ein Kommis!«

Kathi mußte schon wieder erröten, sie stotterte:

»Der Kommis? Ja, der war – – nein, ein Baron, Limpronn heißt er, er war früher Offizier, hat er gesagt, recht fein und gebildet. Du thätst ihn überhaupt gar nicht verstehen.«

»So so, ein Baron? Ja, wie bist Du denn zu dem gekommen?«

»In mein’ ersten Dienst hab’ ich ihn kennen gelernt, bei der Milchfrau. Er wohnt bei seiner Schwester, da hab’ ich immer die Milch hintragen müssen und da – hat sich die Geschicht’ so gemacht.«

Kathi drehte sich frech auf dem Absatz um.

Die Lindlacherin konnte gar nichts mehr reden, es war ihr, der sittenstrengen Bauernfrau, wie ihr ungefähr zu Mute gewesen wäre, wenn man sie gegen ihren Willen in einen Tingeltangel gesetzt und sie gezwungen hätte, zotige Lieder anzuhören. Und ihr eigenes Kind! Ihre liebe, fromme Kathi! Sie bekam Ohrensausen, Flirren vor den Augen; mühsam schöpfte sie Atem. Ein Baron! Und ihre Tochter hat gewußt vom Anfang an, daß einen ein Baron »gar nie« heiratet, und doch – –. Dumm war aber die Lindlacherin nicht!

Als ob die Kathi zeigen wollte, daß sie sich eigentlich gar nicht zu genieren hätte, und auch so halb und halb aus Eitelkeit, erzählte sie nun von dem Baron, ungemein lustig. Wie er immer alles so »köstlich« fand an ihr. »Köstlich! köstlich! rief er immer, wenn ich irgend was Dummes sagte. In der Stadt sind eben die Leut so. Alles fand er köstlich! Es ist eben ein ›Gawalier‹. Die finden alles das köstlich, wo man bei uns sagt, es ist frech! Und die finden alles das naiv, was man bei uns dumm heißt. ›Naiv‹, so hat er oft gesagt. Ich hab’ schon herausgekriegt, was ihm so gut g’fallt, und was er so naiv find’t. Oft hab’ ich ihn recht zum Narren gehabt.«

Sie lachte unbändig.

Langsam erhob sich die Lindlacherin, um zu gehen. Sie sah geistesabwesend vor sich hin, an die verlogene Walburg daheim dachte sie plötzlich, an ihr offenes, freundliches Gesicht. Die war gewiß nie so geworden, und wenn sie auch zehnmal in der Stadt gewesen wäre.

Sie wandte sich zur Thüre. In demselben Augenblick trat Alois herein, so daß sie kerzengerade stehen blieb, aber sich gar nicht einmal viel wunderte. In der Stadt geschehen ja gar spaßige Sachen. »Da ist es eben einmal so,« sagte die Kathi immer.

Der Alois war aber sehr verlegen. Das Hütel hatte er schief auf dem mageren Kopf und die Haare geschmacklos in die Stirn hereinpomadisiert. Im übrigen war er ziemlich »schofl« anzuschauen.

»Das ist ja die Lindlacherin? Ja wie kommst denn Du her? Die Kathi hat mir ja gar nichts davon gesagt, daß Du kommst.«

»So? hat’s Dir nix gesagt? habt’s Ihr Euch denn überhaupt gesehen in der letzten Zeit?«

»Ja, ich . . .«

»Ja, er . . .«

»Wir haben uns eigentlich nie gesehen . . .«

»Zum erstenmal heut . . .«

So dumm war aber die Lindlacherin nicht. »Behüt’ Gott!« sagte sie leise bebend und ging fort. Zur Kummerin.

 

* * *

 

»Aha, jetzt weiß’s alles,« flüsterte die Kummerin ihrem Echo zu, als die Lindlacherin so bleich im Gesicht, so blau unter den Augen eintrat, so schleppend, als hätte sie was Schweres zu tragen.

»Morgen geh’ ich heim,« fing sie mit matter Stimme an, »und was ich Euch fürs Übernachten schuldig bin, das zahl’ ich. Ich hab genug von der Stadt.«

Da wurde noch manches besprochen und erzählt. Sie brauchten ja nun nicht mehr so hinter dem Berge zu halten, und das Ehepaar erzählte so gern: Daß der Alois ein recht anständiger Bursch war beim Militär, daß er dann eine Stelle als Ausgeher in einem Geschäftshaus bekommen hat. Der Herr hat viel auf ihn gehalten und ihm vieles anvertraut. Er hat auch bei verschiedenen Kunden Geld einkassieren müssen. Am End vom Monat hat er das Geld aber nimmer gehabt. Er hat’s verputzt, mit einem Frauenzimmer. »Wir kennen’s aber nicht, behauptete das Ehepaar unisono, sich gegenseitig mit den Ellbogen stoßend. Das Frauenzimmer hat nachher auch das Geld wieder hergeschafft, sonst war der Alois eingesperrt worden, wegen Unterschlagung. »Fünfhundert Mark waren’s, glaub’ ich . . .«

Die Lindlacherin wälzte sich schlaflos die Nacht hindurch; nur ein paar Minuten Schlummer hatte sie, und da erschien ihr das »Frauenzimmer« im Traume.

 

* * *

 

Am Morgen sah sie die Kathi noch einmal.

Stundenlang hatte das Mädchen in strömendem Regen auf der Straße gewartet, um der Mutter noch einmal zu begegnen. Und der Lindlacherin war’s recht. Alles wollte sie wissen, um ihr nicht Unrecht zu thun.

»Du hast ja gar kein’ Regenschirm; magst den meinigen nicht nehmen?« fragte die Kathi ganz demütig.

Ohne sie anzusehen, schob die Mutter die Hand der Tochter samt dem Schirm auf Armeslänge von sich und mit einer Stimme, die das Mädchen noch nie an ihr gehört hatte, fragte sie: »Kathi, ist’s wahr, daß der Alois und Du miteinander Geld durchgeputzt habt? Geld, das nicht Euch gehört hat?«

»Aber, Mutter, was hast denn? Wie redst denn Du mit mir? Ich fürcht’ Dich ja fast.«

»Ist’s wahr, frag’ ich –«

»Er hat mir halt was davon geschenkt, aber nicht viel, das andere hat er selber verbraucht.«

»Und Du hast ihm dann das Geld wieder verschafft, sonst wär’ er eingesperrt worden?«

Kathis Wille war geknebelt durch der Mutter Gesicht und Stimme, sie mußte die Wahrheit sagen, ohne eigentlich zu wollen. Wie ein Automat antwortete sie auf alle Fragen, beinahe eintönig.

»Antwort’!«

»Ja.«

»Wo hast’s hergekriegt, das Geld?«

»Vom Baron.«

»Warum hat der Dir’s gegeben?«

»Ich hab’ gesagt, es gehört für mein’ Bruder und hab’ ihn recht bitt’.«

»Und der hat Dir glaubt?«

»Der hat mir alles glaubt.«

Eine Weile gingen sie stumm neben einander her.

»Laß mich verschnaufen,« sagte die Mutter endlich ganz leise und lehnte sich todesmatt an einen Eckpfosten.

Da schien sie der Tochter um zehn Jahre gealtert, ein ganz zusammengeschrumpftes zitteriges Weiblein, so welk und traurig. Und als sie sich aufraffte, dem Mädchen die Hand reichte und sagte: »Behüt’ Dich der liebe Gott, Kathi. Du hast mir einen großen Kummer g’macht, ich mein’, ich kann’s gar nicht tragen, und früher warst so brav . . .«, da klang’s so voll Thränen, und doch waren die Augen trocken, wie im Tode gebrochen. Ein Ton, wie ein klagendes mütterliches Abschiedswort im Sterben. Kathi drückte beide Hände an die Augen, schluchzte laut auf und rannte davon.

Die Mutter blieb noch lange lehnen am Eckpfosten und der Regen klatschte auf ihr bleiches Gesicht und auf die grauen Haarsträhne . . .

 

* * *

 

Gerade auf dem selbigen Fleck wollte die Walburg ihre Mutter erwarten, wo sie einst, es sind jetzt beinahe vier Jahre, Abschied genommen hatte von ihrem Alois.

Keinem Menschen in der Welt hätte sie verraten mögen, mit was für Hoffnungen sie den Hügel hinanstieg. Immer, immer wieder kam ihr der Gedanke: »Vielleicht kommt der Alois mit der Mutter. Vielleicht, vielleicht kommt er! Mein Gott, wär’ das eine Freud’!« Alles an ihr bebte bei dem seligen Gedanken Und als sie droben stand und lange in die Ferne blickte nach der Richtung zur Station – und nun die Mutter allein kam, entfärbte sich ihr kerniges Gesicht einen Augenblick vor Enttäuschung und Scham, aber nur einen kurzen Augenblick, denn als die Mutter näher kam, ging sie ihr rasch entgegen und lächelte schon wieder freundlich.

»Grüß’ Gott, Mutter, gieb mir Dein Reis’sack, Du gehst ja, als ob Du recht müd’ wärst.«

»Ja, ich bin halt doch alt. In der Stadt hab ich’s erst g’merkt, wie alt ich bin, ich kann gar nix mehr vertragen.«

Dann schwiegen beide still, denn beide konnten vor Herzklopfen nicht reden.

»Wie geht’s heraußen?« fragte endlich die Mutter.

»Gut, gut. – Im Geschäft meinst Du? Gut. Der Reisende war da, ich hab’ Cichorienkaffee bestellt, der ist ausgegangen – und Hosenträger auch – und Stiefelwichs. – No, und – wie geht’s denn nachher drinnen? – In der Stadt, mein’ ich?«

Da sagte die Alte wegwerfend: »Ach, red’ mir nix von der Kathi, ich mag nix hören.«

»So? Ja, warum denn?« Walburg war aufrichtig erstaunt. – »Was ist’s denn mit der Kathi?«

»Nix g’scheid’s ist’s,« platzte die Mutter energisch heraus, »wenn Du’s wissen willst. – So, und jetzt wenn Du mir einen Gefallen thun willst, red’ mir nix mehr davon.«

Da konnte nun die Walburg freilich nicht mehr nach dem Alois fragen, wenn die Mutter den Mund so fest und so streng zusammenbeißt und so finster schaut.

 

* * *

 

Viel stiller war es jetzt im Lindlacherhaus als früher. Die Walburg hörte man so selten mehr lachen und noch weniger pfeifen, höchstens einmal den Anfang von einem Liedel und dann war’s plötzlich, wie wenn es abgeschnitten worden wäre.

»Den Alois wird die Mutter wohl gar nicht in der Stadt gesehen haben, sonst hätt’ sie doch was gesagt.« So kalkulierte Walburg und seufzte recht tief und schwer dazu.

Hundertmal schon hat sie sich einen Anlauf genommen, um die Mutter zu fragen, aber jedesmal war’s, wie wenn sie plötzlich stumm geworden wäre.

Die Lindlacherin wunderte sich, daß das Mädchen gar keine Frag’ nach ihm that. Allerdings fiel ihr das erst jetzt auf, da sie schon geraume Zeit sich mit ihrem eigenen Leid der Kathi wegen abgemartert hatte. Da sah sie’s der Walburg an, – sie war ja so still, und oft »ganz steif wie ein Heiligenbildl.«

»Walburg, warum pfeifst denn gar nicht mehr?«

»Ich kann’s nimmer, leider Gottes.«

»An was denkst denn alleweil?«

Da erhob das Mädchen langsam den Kopf und schaute die Mutter an, so groß und fest, daß diese fast erschrak. Ja ja, sie fühlte wohl, was in dem Blick lag. »Mutter, weißt Du wirklich nicht, an was ich denke und was mich quält? Bist Du denn nur Kathis Mutter, nicht auch die meine?« Das lag darin.

 

* * *

 

Es verging wieder ein Monat. Der Sommer dahin. Alles draußen brauner, stiller Herbst.

»Ja, sie soll’s erfahren, aber nicht ganz so, wie’s ist, nicht alles. Wahrheit ist doch ’s Beste. Dann hofft sie nimmer; das ist auch eine Erlösung. Sie ist ja jung und g’sund, die rappelt sich schon wieder auf.«

Fest entschlossen begann eines Abends die Lindlacherin: »Walburg, an den Alois thät’ ich auch nimmer denken, wenn ich Du wär’!«

Walburg, die gerade am Herd hantierte, hielt wie gelähmt mit der Arbeit inne und horchte.

»Der kommt nimmer nach Vachendorf, glaub’ ich,« fuhr die Mutter fort.

»So!« hauchte das Mädchen und blieb auf demselben Fleck stehen, sie konnte sich nicht rühren. »Hast ihn gesehen?« brachte sie endlich mühsam hervor.

Die Lindlacherin entschloß sich nun doch wieder zu einer Lüge.

»Nein, das nicht, ich hab’ nur von ihm g’hört.«

Sie fand diese Auskunft praktischer, weil ihr nicht so viele Fragen und Erklärungen folgen konnten.

»Was hast gehört von ihm?« Walburg stand noch immer unbeweglich.

»No, halt auch nix gescheidt’s. Er hat was angestellt, mit einem anvertrauten Geld –«

»Jesus! So, was?« Jetzt kam wieder Leben in Walburgs Körper. »Kann man ihm nicht helfen, Mutter?« fragte sie wie in Todesangst.

»Es hat ihm schon wer geholfen, sonst wär’ er eingesperrt worden.«

»So? wer?«

»Ein Frauenzimmer – ein junges. Ich glaub’, sie haben sich auch sonst gern g’habt, und deswegen kommt er nimmer.« Das sagte die Lindlacherin resolut heraus, denn sie dachte, es ist am besten so.

»Ein Frauenzimmer? Jesus, Maria und Josef, jetzt ist’s aus!«

Walburg stürzte hinaus. Jetzt plötzlich glaubte sie, wußte sie. Ihr Wehruf ging der Mutter durch Mark und Bein.

Draußen im Hof stand das Mädchen, drückte beide Hände fest auf die Brust, damit sie nicht zerspringt. »Jetzt ist’s aus,« lispelte sie: »Jetzt ist’s aus. Schon lang hab’ ich’s da drinnen g’spürt. Jetzt ist’s aus. Jesus, steh’ mir bei!«

 

* * *

 

Fleißig und still verrichtete Walburg ihre Arbeit. Es gab glücklicherweise immer alle Hände voll zu thun. Im Geschäft mußte sie auch helfen, dann war doch die kleine Küche zu besorgen, auch die paar Felder – und die Ziegen! Das war ihr das liebste! Die Leni und die Lisl! Was noch an grünen Blättern und frischem Gras aufzutreiben war, das holte sie zusammen.

Im Osten Vachendorfs, wo die Kornfelder und Krautäcker liegen, in der Ferne eingefaßt von dichten Wäldern, war auch ein großes Stück Land Eigentum der Lindlacherin. Es war begrenzt von Buchen und Ahorngebüsch.

Da stand Walburg im dämmerigen Feld und riß Zweige von den Sträuchern, größere und kleinere, wie’s gerade kam, alles auf den Schubkarren ladend, der daneben stand. Dann streckte sie sich, stieg sogar auf die untere Querlatte des Staketenzaunes, um von einem prächtigen Nußbaum, der aber auf des Nachbars Acker stand, ebenfalls Laub zu pflücken. Ihre Ziegen liebten Nußblätter gar so sehr. Wie sie gerade in eifrigster Arbeit war, sah sie den Pfarrer Schlintmann den schmalen Feldweg auf sie zukommen. Es fiel aber der Walburg gar nicht ein, ihren Raub zu unterbrechen, sie nickte ihm nur freundlich zu.

Der Priester blieb stehen und folgte mit warmen Blicken ihren kräftigen Bewegungen.

»Wie geht’s, Walburg?«

»O, wie’s gehen muß, Hochwürden.«

Er sah sie wieder gar so gütig an. Das wäre der einzige gewesen, vor dem sie sich hätte einmal recht ausweinen mögen, sonst vor niemand in der Welt. Es kamen ihr auch wirklich Thränen, als er nur fragte: »Wie geht’s, Walburg?« So kann eben gar niemand sonst fragen. Sie spürte tief innen, daß er wirklich teil an ihrem Leid nahm. Sie sprang vom Zaune herunter.

Zum erstenmal, seit sie unglücklich geworden, stand sie dem Pfarrer gegenüber. Sie senkte die Augen, denn sie fühlte, daß er jetzt, gerade wie sie, an den Alois dachte. So standen sie sich stumm gegenüber eine Minute lang.

»Ich wett’ darauf,« dachte sie, »jetzt sieht er mich wieder so mitleidig an. Ja, jetzt hat er Grund dazu.«

Plötzlich wie mit einem Ruck fragte Schlintmann: »Gehört der Nußbaum da Euch?«

Diese unerwartete Frage ernüchterte sie.

»Der da? Ach nein, der gehört dem dicken Jocherl.»

»So? Aber Du pflücktest doch davon!«

»Ja, die Lisl und die Leni, die fressen Nußblätter so gern, und da hab’ ich mir gedacht, das thut ja dem reichen Jocherl nichts, wenn ich ein paar nehm, dem alten Geizkragen.«

»Aber Walburg, wenn Dich jemand gesehen hätte!«

»Da war ich bestraft, am End gar eingesperrt worden. Ja ja, das hab’ ich vergessen. Wegen so was kann man bestraft werden, wenn man ertappt wird, aber wenn ein Mensch dem anderen ’s Herz ’rausreißt, da wird er nicht gestraft, und wenn’s auch die ganze Welt wüßt’.«

Sie lachte gellend und bitter auf.

»Aber Walburg, jetzt lachst Du!« sagte Schlintmann mit unendlicher Sanftmut.

Kaum hörbar murmelte sie: »Ja, jetzt lach’ ich.«

Sie ließ die Arme hilflos sinken. Dann – langsam – verzog sie das Gesicht wie in tiefem, tiefem Weh, und mit einem lauten Aufschluchzen fing sie zu weinen an, daß ihr ganzer Körper bebte. Sie sank auf den mit Blättern beladenen Schubkarren, und zum erstenmal wurde es ihr leichter ums Herz.

Der Pfarrer stand vor dem schluchzenden Mädchen und berührte sie tröstend mit seinen gütigen Blicken.

»So,« sagte sie endlich aufstehend, »jetzt ist mir’s wohler. Aber was müßt Ihr von mir denken, Herr Pfarrer!«

»Nichts Böses, mein Kind, ich kenne Dich ja und Dein schuldloses Herz.«

»Ja, Ihr kennt mich, wie Ihr alle kennt im Dorf.«

»Die meisten, Walburg, ja. Alle vertrauen sich mir nicht an, aber die meisten, und das ist die größte Gnade, die Gott einem Priester schenken kann.«

»Die meisten gewiß. Ja ja.« Und dann zögernd! »Der Alois auch . . .« Im flehenden Ton fuhr sie weiter: »Nicht wahr, der Alois ist doch kein schlechter Mensch, kann keiner sein?«

»Ich glaube nicht, Walburg, aber ein schwacher, ein sehr schwacher, wie wir alle.«

Sie nickte. »Ihr kennt ihn ja, aus dem Beichtstuhl her. Ein sehr schwacher!« Den Kopf schüttelnd: »Ein Mann darf eigentlich nicht so schwach sein wie ein Weib.«

»Er ist es aber doch, Walburg. Er ist es doch!«

Das Mädchen wollte dem Priester noch etwas sagen, ihm danken, aber schon war er ihren Blicken entschwunden.

»Warum ist er jetzt so schnell davon? – Ein schwacher! Er hat’s gewußt von der Beichte her, darum hat er mich immer so mitleidig angesehen. Ah, jetzt weiß ich’s.«

Sie hob den Schubkarren und fuhr einige Ackerlangen weit. Einigemale mußte sie niedersetzen und kurze Zeit rasten. Auf der Anhöhe angekommen, von der man einen Blick zur Eisenbahnstation hat, mußte sie auch noch einmal verschnaufen.

»Herr Gott, was hab’ ich denn nur? Soll ich denn auf einmal so schwach worden sein von mei’m Elend? Da thät ich mich doch schämen vor mir selber. Kann ich den dummen Karren nimmer schleppen? Soll mich denn das ganz zu Grund gericht’ haben?«

Sie preßte die Zähne fest zusammen. Etwas wie Wut kam über sie. Sie packte mit ihren sehnigen Armen den Karren samt der Ladung und warf ihn, ein paar grimmige Worte murmelnd, den Hügel hinab.

Dann schaute sie ihm nach: »No, es ist doch noch nicht so schlimm! Gott sei Dank, meine Kraft hab’ ich noch . . . Ich bin doch ein verrückt’s Leut, jetzt kann ich den Karren wieder rauf holen,« murmelte sie lakonisch. Und indem sie das Grünzeug wieder auflud: »Eins möcht’ ich wissen, aber recht gern möcht’ ich das wissen: zu was nachher so ein Mädel wie ich auf der Welt ist! Am gescheidesten wär’s, ich sprang in die Traun, da wär’ ich gut aufgehoben. Aber da ständ’s in der Zeitung: wegen unglücklicher Liebe! Nein, das möcht ich doch nicht. Und dann lebt ja d’Mutter noch – aber nachher wenn’s einmal gestorben ist? Nachher – nachher, o mein Jesus, steh’ mir bei! Was thu’ ich nachher?«

 

* * *

 

»So schau doch nur einmal da zum Fenster ’naus, Walburg! Da spaziert alleweil eine ’rum, mit einem kleinen Wickelkind am Arm, als suchet sie was.«

Walburg warf einen raschen Blick hinaus: »Ich kenn’s nicht. Abers Kind dauert mich, es ist so kalt draußen.«

»Das ist auch gar keine von hier, vielleicht von Traunstein.«

Die Frau, wie eine Arbeiterfrau aus der Stadt gekleidet, trat endlich in den Kramladen und sagte, sie sei aus München und soll das Kind und den Brief da abgeben. Dann legte sie beides auf den Ladentisch.

Das Kind war in ein dickes, dunkles Wollentuch gewickelt, so daß vom Gesichtchen gar nichts zu sehen war.

Die Frau kümmerte sich nicht im geringsten um die erstaunten Augen der beiden. Sie legte auch noch ein kleines Paket hin, das sie aus einer schwarzen Tasche zog: »So, da sind die Windeln und Hemderln und da ist die Milchflasche.«

Walburg hatte inzwischen das Tuch vom Gesicht des Kindes gezogen, »damit’s wenigstens schnaufen kann« und die Mutter hatte langsam den Brief geöffnet, in den sie nun wie ein Geist hineinstarrte.

»No, was ist’s denn, Mutter?» fragte endlich das Mädchen. Die Mutter sah sie verwirrt an, dann die Frau ebenso und sagte zu dieser etwas grinsend lächelnd: »Ja, ja, es ist alles in Ordnung, lassen’s das Kind nur da und die Sachen auch. Ich weiß schon.«

»Ja, aber ich krieg’ da noch 10 Mark für die Reise, die ist mir nicht bezahlt worden.«

Ohne weiter zu fragen, händigte die Lindlacherin der Frau das Geld ein.

Die Frau ging.

»Ja, Mutter, was ist’s denn? Jetzt hat’s gar das Kind dag’lassen!«

Und die Lindlacherin sagte, so bestimmt und energisch als es ihr in diesem Augenblick möglich war, jedes Wort betonend:

»Jawohl, das Kind bleibt jetzt da!«

Dann sank sie erschöpft und wie betäubt auf einen Stuhl.

»Da, lies den Brief!«

Walburg nahm ihn erstaunt.

 

                        Liebe Mutter!

 

Stell dir vor, das ich g’rad sterben thät und daß ich dich grad noch Bitten könt, verlas mein arms Kind nicht, Ich müßt sonst mir und ihn das leben nemmen, so arm bin ich und das kind ist so Schwach. Gott wirds dir und der Walburg dergelden, was Ihr thut thuts wegen den armen Kind und nicht wegen Meiner den ich Verdiens nicht, verzeits mir alle zwei. Das Kind heißt Alois, Ich geh nach Amerrika mit dem Kind sein Vater.

                               Eure Tochter Katinka.

 

Nachschrift, jetzt zehn wir noch nicht sondern erst Wen wir das geld dazu haben.

 

Walburg sagte kein Wort, nahm das Kind, wusch es, gab ihm zu trinken.

»Und nicht einmal eine wollene Windel hat Dir Deine Mutter ’geben, Du arm’s Kind, nur so ein ganz elendes Fetzerl.«

»Es ist schwächlich,« bemerkte sie später, »es muß gut gepflegt werden.«

Und Walburg pflegte es musterhaft, strickte und nähte für das Kind und trug es an schönen Tagen in die Sonne, küßte und herzte es, daß die Mutter sie oft gerührt betrachtete.

»Alois,« flüsterte das Mädchen dem Kleinen manchmal zärtlich ins Ohr: »Alois! Lieber Alois!«

Sie machte sich weiter keine Gedanken darüber, daß es gerade Alois hieß. Es war dies der Lieblingsname von Vachendorf, der Name des Ortsheiligen. In jedem Hause hieß wenigstens ein Mitglied so.

Lange hat die Lindlacherin keine rechte Freud an dem Kind gehabt. »Es drückt mich alleweil was auf der Brust«, hat sie oft geseufzt, wenn sie die Walburg so besorgt um den Kleinen sah: »Armes Mädel, hätt’st auch was anderes verdient, als ein fremdes Kind.«

Die Kathi ist richtig nach Amerika gegangen, die Lindlacherin hat ihr Geld von ihrem sauer Ersparten geschickt, damit sie nicht wieder das von »andere Leut« z’nehmen braucht.

»Und sonst kann ich ja auch nichts für sie thun. Es ist das Beste, sie geht fort, mit ihm. Dann ist wieder aufgeräumt.«

 

* * *

 

Walburg versenkte oft ihre Augen in die des Kindes, lange, lange, träumte und lächelte vor sich hin, und ihr Gesicht sah dann so glücklich aus . . .

»Mutter,« sagte sie einmal, »jetzt wirst mich aber auslachen, ich bild’ mir oftmals ein, daß das Kind dem Alois gleichsieht. Schau nur grad einmal die Augen an und die Stirn . . . . Ja ja, jetzt lachst, gelt?«

Der kleine Alois gedieh prächtig, er wurde immer hübscher und kräftiger. Er war das einzige Glück Walburgs.

Manchmal traf es sich, daß die Blicke von Mutter und Tochter gleichzeitig lange musternd auf dem Kinde lagen, daß dann beide zugleich die Augen erhoben, – ein gegenseitiger Blick, ein kurzes Erröten, dann ein rasches Auseinandergehen.

Eines Tages hatten beide gerade wieder den Kleinen betrachtet, förmlich studiert, und die Alte war kopfschüttelnd weggegangen:

»Nein, die Ähnlichkeit!« – seufzte sie vor sich hin, »die arme Brut!«

Da sagte die Walburg zur Lindlacherin, ruhig und ernst: »Mutter, Du hast mir so wenig vom Alois verzählt, wie Du in der Stadt warst, ich hab’ Dich nimmer fragen mögen, weil ich ja doch die Hauptsach weiß, und weil ja doch alles ganz gleich ist, jetzt wo alles aus ist . . .«

Die Mutter schwieg, das Mädchen richtete einen dringenden Blick auf sie.

»Mutter, hörst mich?»

»Ja, freilich hör’ ich Dich, warum denn nicht?«

»No, nachher sag’ mir, hast mir nicht damals was verschwiegen – was Du mir besser gesagt hättest? Nicht?«

»Nein, nein, gewiß nicht,« murmelte die Lindlacherin gequält.

»Geh’, Mutter, lüg’ nicht.«

Walburg war so sanft und lieb, ihre Stimme so wehdurchzittert, – die Lindlacherin fühlte etwas wie Scham, das Blut stieg ihr zum Kopf. Aber sie schwieg.

»Magst nicht reden, Mutter?« fuhr das Mädchen unerbittlich fort. »No, nachher sag’ nur nix mehr, ich weiß’s jetzt schon. Ich weiß’s, als wenn Du’s gesagt hättest. An Deinem Gesicht hab’ ich’s gelesen. So.«


Das klang wie ein Schlußpunkt, und es war auch einer. Gesprochen wurde über die Sache nichts mehr.

 

* * *

 

Ein Jahr kam zum anderen. Die ganze Seele des kleinen Alois gehörte der Walburg. Sie lehrte das Kind gut, barmherzig sein, wahr sein nach ihrem Sinne, gut und bös unterscheiden und lehrte es denken.

Wenn sie so mitsammen Hand in Hand durch das Dorf und die Felder und den Wald wandelten, war zwischen beiden ein fortwährendes Geplauder, ein Lachen, Fragen und Antworten.

»Da schau, Aloisl, da kommt der Herr Pfarrer schon in aller Früh, das bedeutet was Gutes heut.«

Der kleine Bub’ zog höflich sein Hütel. Schlintmann tätschelte ihm das Gesichtchen und gab dann der Walburg die Hand.

»Dir geht’s gut, Kleiner, gelt? Ja, ja, das sehe ich schon.« Er betrachtete das Kind ernsthaft, dann nach einer Pause: »Hast die Walburg recht gern?«

Alois nickte eifrig und sah freundlich zu dem Mädchen auf.

»Glückliches Kind,« sagte der Pfarrer leise, »Du wirst treu behütet! Und Du, Walburg, wie geht es Dir?«

»Gut, Hochwürden, gut.« Sie bückte sich nieder zu dem Kinde und küßte es innig.

Schlintmann nickte schweigend und wendete sich zum Gehen.

»Kleiner Alois.« murmelte er, »Dir wird die Welt in abgeklärtem Lichte gezeigt. Dies Mädchen, dies Herz im Feuer der Liebe bewährt, wird Dich leiten. Glücklicher Knabe!«

Langsam schritt er durch den kleinen Kirchhof, seinem Tagewerk zu.

Walburg und Alois spazierten plaudernd weiter.

»Ach, da kommt der Maxl, jetzt darfst nicht lachen. Aloisl, sei still! – Grüß Gott. Maxl, was treibst denn alleweil?«

Der Dorfzwerg nickte traurig mit seinem großen Kopf: »Krank war ich.«

»So! D’rum hab’ ich Dich so lang nicht gesehen.«

Maxl grinste den kleinen Alois an, dann die Walburg und fragte verschmitzt lächelnd: »Ist das Dein Kind. Walburg?«

Diese Frage versenkte das Mädchen in eine Flut von Glückseligkeit. Mit strahlenden Augen antwortete sie: »Ja. Maxl, das Kind gehört mir.«

»So, so!« Er nickte mit einem Gesicht, das wohl hätte schelmisch sein sollen. »Und wo ist dann der Vater davon? he?«

»Der ist tot,« sagte die Walburg ruhig.

»So macht sie’s allemal, wenn jemand Fremder das Kind für das Ihrige hält,« jammerte die Lindlacherin. »Statt, daß sie sich schämen thät, macht sie das glücklich. Es ist ein gutes Mädel, aber das Lügen kann sie sich halt nicht abgewöhnen!«