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Marie Conrad – Sein Wille.

Novelle

aus: Marie Conrad-Ramlo, Helldunkel, E. Pierson Verlag, Dresden und Leipzig, 1892

Wären am heiligen Weihnachtsabend die Häusermauern der alten Stadt Hamburg durchsichtig gewesen, oder hätte man wenigstens in die Fenster schauen können, – ganz sicher würde das Urteil aller Neugierigen gelautet haben: »Bei Großhändler Kaunitz ist’s am schönsten! So sinnig, so – mit einem Wort, unvergleichlich!«

Man hätte der kleinen, unscheinbaren Frau Kaunitz die Erfindungsgabe, den köstlichen Humor und vor allem den unfehlbaren Geschmack gar nicht zugetraut, womit sie alles arrangierte!

Da war es nicht wie meist in anderen Familien, wo mitten in der guten Stube der Weihnachtsbaum steht, und unter demselben auf den Tischen ringsum die Geschenke ausgebreitet liegen wie in einer Ausstellung.

Nein, hier war gleichsam das ganze Haus ein einziger großer Weihnachtstisch. Korridor, Treppe, sämtliche Gemächer, sogar der Stall wurde zur Bescherung benutzt.

Das köstlichste jedoch verbarg die sorgliche Mutter immer in ihrem Boudoir, zu dem eine mit schweren, kostbaren Stoffen verhängte Thür, vom Salon aus, führte, das wußten die Kinder schon. Die Portiere wurde dann von ungeduldigen Händen aufgezogen, und da stand oder lag oder hing die ersehnte, wunderbare Liebesgabe.

So wurde es immer im Hause Kaunitz gehalten, solange die zwei Kinder noch daheim.

Dann auf einmal wurde es einsam. Amalie, die blonde Tochter des Hauses, verlobte sich mit einem fabelhaft reichen Schiffsrheder in Amerika, Bruno, der Sohn, kam auf die Universität.

Sehnsüchtig suchte die Mutter damals nach dem schwimmenden Glanze der Seligkeit in den Augen der Tochter. Sie fand ihn nicht. – Fragend, trockenen Auges, aber ruhig schaute die junge Braut ihre Mutter an.

»Bist Du glücklich, mein Kind?« war die ängstliche Frage.

»Ich hoffe es zu werden. Ich werde ja leben können wie eine Königin, alles haben, was je ein Mensch ersehnte, und mein Bräutigam liebt mich.«

»Ja, ja, er liebt Dich, er wird Dich auf Händen tragen.«

Aber glücklich war die junge Braut nicht, das fühlte Frau Kaunitz. Amalie hatte ihr Jawort gegeben, weil der Vater es wünschte. Sie war gewohnt, in allen Stücken seine sieghafte Autorität gelten zu lassen, sie, die sanfte, energielose Tochter.

»Reichtum ist Glück!« hatte der Vater gesagt. »Reich will ich meine Kinder sehen, groß will ich sie sehen!«

»Glücklich möchte ich sie sehen,« seufzte die Mutter.

Sollte sie die Tochter gegen den Willen des Vaters von dieser Heirat zurückhalten? Nein, das mochte sie nicht. Und diese Verbindung war ja die Verwirklichung eines seiner wichtigsten Wünsche! Und ihr Zukünftiger liebt sie ja!

»Welche Seligkeit muß es sein, geliebt zu werden!« Es ging über alles hinaus, was Frau Kaunitz fassen konnte. Die kleine Frau hatte ein großes, gütiges, weltumschließendes Herz. Das Herz ihres Mannes aber, des stattlichen, schönen Herrn Kaunitz, war klein, eng, philiströs.

Nun war sie mit ihm allein! Ihre Augen, die tiefen, grauen, wirklich das einzig Schöne ihres Körpers, waren oft voll Thränen. Nie konnte sie lachen. Hat sie überhaupt einmal gelacht, seit sie sein Weib war? Doch! Bei den Kindern, als sie noch klein waren. Mit diesen lernte sie wieder lachen. Dann als sie größer wurden, verlernte sie es wieder – mit den Kindern. Da fingen sie an seinen Willen zu verstehen und zu fühlen.

Und noch viel früher, wie fröhlich konnte sie da sein, zu Hause, beim Vater, der so drollig, so lustig war, der so vieles that, um sein schwächliches Töchterchen aufzumuntern. Da galt Lachen für ein Heilmittel, für eine der besten Gottesgaben.

Warum lacht nur Herr Kaunitz nie? Oder, wenn er’s ja versucht, höchstens aus Hohn? Warum kann man über ihn selbst, den Nielachenden, nicht lachen? Ihm ist also doch auch etwas versagt. Er kann keinen Witz machen wie ihr Vater es konnte – nicht den winzigsten Witz – und kann auch keinen verstehen, was noch schlimmer ist, nicht einmal ein Scherzwort. Imponierend, aber ungemütlich!

Ach, könnte sie doch einmal über ihn lachen! Er hätte dann mehr Menschliches für sie. Dann wäre viel gewonnen, meinte sie.

Humor ist ein Sieger, pflegte ihr Vater zu sagen. Mancher trägt ihn in sich von der Wiege an, bei anderen stellt er sich erst im Alter ein, immer ist er ein köstlicher »Vergolder«, er komme früh oder spät.

Ja, ihr Vater! Ach, daß er so früh sterben mußte! Hätte er länger gelebt, vielleicht wäre alles anders und besser geworden. Es umschwebte ihn solch eine erwärmende heitere Atmosphäre, ein Dunstkreis von Glücksgefühl, das überströmend auf alle kam, die mit ihm verkehrten.

»Groß will ich meinen Sohn sehen, berühmt!« sagte Herr Kaunitz. »Jurist soll er werden, kein Maler oder Musiker wie er will, das ist nichts. Juristerei führt zu allem. Darum Jurist. Ein Bismarck oder so etwas, wir haben ja die Mittel dazu! Dann wird er geadelt, dann eine adelige Schwiegertochter, dann, dann –«

So träumte der Großhändler; die Träume beglückten ihn. Wenigstens meinte das Frau Kaunitz – und so ließ sie auch den Sohn ziehen. Beglücken! Das hätte sie immer so gern gewollt! Nur wer beglücken kann, ist selbst glücklich. Hatte Herr Kaunitz eine Ahnung, wie viel sein Weib opferte, um seinem Willen Genüge zu thun? Nein, er nahm alles hin als etwas Selbstverständliches. War er glücklich? Wer war überhaupt glücklich in dem reichen Hause? Bruno ihr geliebter Sohn war es gewiß nicht. Davon war die Mutter überzeugt. Er, mit seiner weichen, übervollen, geknechteten Seele! Was sollte sie thun? Wie helfen? Sie sann und sann. Vergeblich. Und hätte sie selbst etwas ersonnen, nie würde sie gewagt haben, es durchzuführen. Sein Wille war ja da, dem alles sich unterordnete, ohne Widerrede, als ob es gar nichts anderes gäbe.

Entsetzen und Bewunderung empfand Frau Kaunitz vor der dämonischen Kraft dieses unerschütterlichen Willens. Die Rücksichtslosigkeit, mit der er diesen Willen gebrauchte, schien ihr fast wie etwas Überweltliches.

Hätte doch sie auch solch einen Willen! Nur Gutes, nur Glück sollte er dann schaffen, nicht nur eigenes, wie bei ihm, nicht nur das der Kinder, sondern allenthalben.

Nun gab es kein Weihnachtsfest mehr in dem reichen Hause, nur den Dienstboten wurde noch beschert, und die armen Kinder der Stadt erzählten viel von der Engelsgüte der Frau Kaunitz. Aber im Hause selbst war es still. »Eines heiligen Kindes wegen wurde einst dieser Tag verherrlicht und geweiht, und deshalb bleibt Weihnacht ein Kinderfest allezeit. Die alten Leute beglückt an diesem Tage nur der Kinderjubel!«

Traurig schaute sich Frau Kaunitz in den Räumen um, die sonst an diesem Abend von Weihnachtsgeflüster und Tannenduft durchflutet waren. »Bruno soll nur dort bleiben. Die paar Tage! Kurze und häufige Ferien sind immer schädlich! Die Herren Studenten gewöhnen sich dann wieder ans Faulenzen im Elternhause! Überhaupt nur keine Sentimentalitäten!« so sagte der Vater, und wann hätte in diesem Hause des »Herrn« energischer Wille nicht gesiegt! Und Amalie? Sie schrieb zwar an die gute Mutter oft und ausführlich, aber auf die Frage: »Bist Du jetzt glücklich?« war sie stumm geblieben.

Bruno studierte also Jurisprudenz. Daneben malte er, spielte Klavier, verfaßte Gedichte und – fiel im Examen durch. Sein Vater raste, tobte, er weinte sogar. »Bruno ist ein –«

»Ein guter Sohn,« ergänzte die Mutter, und damit hatte sie recht.

»Er –«

»Er hat ein großes Herz.«

Herr Kaunitz zitterte vor Wut. »Ein durchgefallener Student hat nie ein großes Herz, lasse Dich nicht auslachen.«

Und doch hatte die Mutter wiederum recht.

»Groß und berühmt muß er trotzdem werden,« knirschte er.

»Glücklich soll er werden,« flüsterte sie. Er hörte es nicht.

»Kein Maler, kein Musiker, nein, niemals, das sind arme Schlucker. Ein Kaufmann, ja, das mag er werden, wenn’s mit der Juristerei absolut nicht geht, da kann man wenigstens Geld erwerben. Geld ist auch Größe, Millionen geben Berühmtheit. Hat Bruno einmal seine Millionen – vorläufig hat er sie noch nicht, dann kann er sich auch den Luxus der Malerei und des Geklimpers erlauben. – Meinetwegen!«

Zerknirscht trat Bruno vor seinen Vater hin. Erschüttert hörte er dessen Entschluß.

»Ja,« sagte er, »ich will Dir Deinen väterlichen Willen thun, ich bin es Dir schuldig, denn ich habe Schande über Dich gebracht. Ich weiß, mein Durchfall ist Dir ein größerer Schmerz, als Dir vielleicht mein Tod wäre.«

Pause. – Bruno wartete auf Entgegnung, auf Widerspruch, hörte aber nur ein dumpfes Grunzen. Und dann ging er.

Nun arbeitete er Tag und Nacht im Comptoir, unermüdlich, mit Anstrengung all seiner Kräfte. Er wollte seinem Vater Achtung abgewinnen; er hatte eben das große Herz seiner Mutter. Herr Kaunitz konnte ruhig sein beginnendes Podagra pflegen, Bruno ersetzte ihn schon in vielen Dingen.

Aber eine That, eine große That fehlte ihm noch. Und nun kam Gelegenheit hiezu. In der großen Kaunitzschen Faktorei auf Kaiser-Wilhelmsland in der Südsee waren Unruhen ausgebrochen, große Unterschleife wurden entdeckt, ein ansehnlicher Teil des Vermögens stand auf dem Spiele. Der Alte konnte nicht fort, sonst wäre er der erste an Ort und Stelle gewesen! Das Podagra plagte ihn gerade so sehr. Da jammerte er: »Dazu braucht es einen Menschen von meiner Erfahrung, meiner Energie, meinem Mut! Aber ich habe keinen solchen!«

»Ich gehe hin, Vater!« sagte Bruno.

»Du?« Herr Kaunitz grinste ungläubig, beinahe verächtlich. »Du wärst der letzte, dem ich hinreichend Intelligenz und Mut zutraute –«

Bruno errötete.

»Genug, Vater, ich gehe hin.«

Und er ging hin.

Die Mutter ließ ihn ziehen. Ihr Herz blutete, schrie auf in Angst und Schmerz, – aber sie ließ ihn ziehen.

Bruno schlichtete alles mit großer Umsicht und Ruhe, und reiste wieder ab, obwohl ihn das Fieber gepackt hatte. Schüttelfrost warf ihn umher und daheim fiel er matt in seiner Mutter Arme, die ihm schaudernd ins bleiche Gesicht sah.

»Warum hast Du mir das gethan, Bruno?’ klagte sie. »Warum bist Du fort?«

»Um dem Vater einen Teil des Vermögens zu retten, Reichtum ist ja das einzige, was ihn beglückt – ich that es, weil ich im Stillen hoffte,  auch er würde mir einst, wenn ich ihn bäte – –«

Dann war’s aus. Das waren die letzten zusammenhängenden Worte, nun kam nur noch undeutliches Gemurmel, abgebrochene Sätze, dann wieder waren Lippen und Augen ernst geschlossen wie im Tode. Die Mutter saß Tag und Nacht an seinem Bette und horchte atemlos auf alles, verstand keinen Zusammenhang, nur manchmal klar und deutlich den Namen: »Regina«. Gespannt lauschte sie, es kam nichts weiter als: »Regina, Regina!« bald leise sehnsüchtig, bald seufzend, dann wieder vorwurfsvoll.

»Wer ist das? Ich kenne keine Regina«, dachte sie, »habe nie von ihr gehört.«

Dann legte sie ihre Hand auf Brunos fiebernde Stirne. Er ergriff sie, drückte sie an seine Lippen, an seine Brust. Die Mutter betete, hob beschwörend die Rechte auf, und ihr Gesicht hatte nun etwas heldenhaft Entschlossenes, Verklärtes.

Bruno genas.

Ganz ohne jede Vorrede fragte die Mutter: »Hast Du Regina lieb?«

Ernsthaft und erstaunt sah ihr Bruno ins Gesicht. »Ja Mutter, unbeschreiblich, so sehr ein Mann ein Weib lieb haben kann.«

»Warum hast Du mir niemals davon gesprochen?«

»Ach, Mutter,  Du kannst ja doch nie helfen –«

Er sagte das so sanft und meinte nichts Böses damit, und doch traf es die Mutter wie ein schwerer Vorwurf. Nie helfen! Sie biß beschämt die bebenden Lippen zusammen. Er fuhr fort:

– »Und der Vater, – Du weißt ja, was er für Pläne mit mir hat. Reich, vornehm – unermeßlich reich muß seine Schwiegertochter sein! Er würde ja lachen, wie er noch nie in seinem Leben gelacht, wenn ich ihm sagte, wie arm Regina ist, wie schrecklich arm. Ach, Mutter, sprich nicht mehr davon, ich bitte Dich, – und so stolz ist sie, so unglaublich stolz. Ihr Stolz ist so groß, wie ihre Liebe zu mir, sonst wäre ich schon längst fort, ihr mit meinen zersplitterten Kenntnissen ein Heim zu gründen.«

»Nun – sie will nicht?«

»Nein, sie will nicht gegen den Willen meines Vaters seinen Namen tragen. Und es wäre auch mir fürchterlich, meinem Herzensweib ein Ungewisses Los zu bereiten. Ihr, die, seit sie lebt, mit Armut und Drangsal auf der Schattenseite des Lebens gekämpft hat. Ich möchte ihr ein warmes, weiches Nest bereiten – und ich kann nicht.«

Er schwieg – auch sie sprach kein Wort mehr.

Nie helfen!

Eine Mutter, die nie helfen kann!

Ist das eine gute Mutter?

Nein. Eine gute Mutter kann immer helfen. Hilft immer. Hilft gerade da, wo alle andere menschliche Hilfe erlahmt – so weit ihre Kraft reicht, und die reicht weit.

Nachdenklich saß Frau Kaunitz in ihrem Gemach, die Blicke auf den kleinen Schreibtisch geheftet.

Dort drinnen im Schubfach lag etwas verborgen, seit fünfundzwanzig Jahren. Oft schon hatte sie die Hand danach ausgestreckt, in tiefer Seelennot, doch jedesmal zog sie sie feig wieder zurück.

Jetzt ist es Zeit. Gott hat ihr den Sohn wiedergeschenkt nach tödlicher Krankheit, hat ihn von neuem an das Mutterherz gelegt. Nun kein Zittern mehr vor dem finsteren Mann!

»Nie helfen!« Und sie hielt sich doch für eine so gute Mutter, die freudig ihr Leben für das Glück ihrer Kinder gegeben hätte.

 

* * *

 

Reginas Mutter, die am äußersten Ende Hamburgs wohnte, war nicht wenig erstaunt, eines Tages die reiche Frau Kaunitz bei sich zu sehen, in ihrer engen, armseligen Wohnung. Und wie war die reiche Frau erstaunt, als ihr Regina entgegentrat! So schön, so stolz, so ernstmilde wie ein gottgesandtes Wesen – wie man sich die Schutzengel der Kinder vorstellt!

Nach Stunden erst sah man Frau Kaunitz wieder aus dem Häuschen gehen und lächelnd den Weg nach ihrem Wagen nehmen, der in einiger Entfernung von da an einer Straßenecke hielt. Heim. Dann an ihren Schreibtisch schreiten, wo sie das bewußte Schubfach öffnete, und einen Brief herausnahm. Ihr Gesicht war blaß. Fest drückte sie, wie vor einem übermenschlichen Entschluß, die Hand auf die Brust, tief aufatmend.

»Soll dies Herz immer nur zucken und bluten in ewigem Schmerz? Soll es nie triumphieren, nie aufjauchzen? Mut! Mut!«

Auch sie hatte nun einen Willen, einen unerschütterlichen.

Energisch trat sie heute ins Zimmer ihres Mannes und hörte, als sie von Regina zu erzählen begann, wirklich das brutale, übertriebene Gelächter, von dem Bruno sprach. Ja gewiß, so hat Herr Kaunitz nie in seinem Leben gelacht.

Doch die Frau sprach ruhig weiter mit ihm, ganz ruhig, obwohl ihr schwächlicher Körper vor wilder Erregung bebte. Sie nahm ihre ganze Kraft zusammen. Mit bleichen Lippen erzählte sie ihm, daß sie einst als junge Frau seinen Schreibtisch ordnend, einen Brief ihres Vormundes gefunden hatte, worin deutlich zu sehen war, daß der stattliche, schöne Herr Kaunitz sich an sie, das kleine schwächliche Kind verkauft habe. Daß der Kauf durch die Hand des gewissenlosen Vormundes gegangen sei, ohne ihr Wissen. Sie hätte sich geliebt geglaubt, und wußte nicht, daß der stattliche, schöne Kaunitz ein Bankerotteur war, der nur den großen Geldsack des kleinen Mädchens heiraten wollte, und leider auch das »kranke, reizlose Ding«, vor dem ihm graute, mit in den Kauf nehmen mußte.

Das hätte sie alles durch den Brief erfahren – den sie nun ihrem Mann vor die Augen hielt – ja, schon in den Flitterwochen erfahren, und so wäre sie sein schweigendes, treues – aber freudenloses Weib gewesen, bis die Kinder kamen. Die süßen Kleinen hätten ihr dann ein Glück gebracht, so rein, so unermeßlich, und doch so schmerzlich, denn er, der Vater, blieb gleich hart und rauh gegen sie. Dann ging ihre geliebte Tochter Amalie fort, auf seinen Wunsch – sie ließ es geschehen, dann der Sohn – sie ließ es wieder geschehen – sie ließ alles sklavisch geschehen, weil sie seinem Willen gegenüber machtlos war und weil sie den Mann liebte, grenzenlos liebte, weil ihr ganzes Leben und Atmen Liebe war, wunderbare Liebe, Gehorsam und Ergebenheit für den hassenswerten Mann, vom Anfang ihrer Ehe bis jetzt.

Ihm zu Liebe ist alles im Hause geschehen. Amalie, Bruno und sie selbst opferten und thaten alles seinetwegen. Das war es, was ihnen trotz allem so imponierte: Die Macht seines unerschütterlichen Wollens. Die Festigkeit, die er allein von allen besaß. Amalie und Bruno hatten wohl von der Natur seine Gestalt, das Imponierende der Erscheinung mitbekommen, doch einen Teil der Energielosigkeit und den schwachen Willen der Mutter – aber auch ihr großes, kindliches Herz.

Frau Kaunitz sprach noch lange, lange mit ihrem Manne. So geduldig hatte er ihr noch nie zugehört. Des stattlichen Kaunitz Herz wurde nach und nach größer, weiter, weicher.

Er staunte: so kann ein Weib lieben, ein ganzes Leben lang, einen Mann, von dem es nicht einmal wieder geliebt wird! Einen Mann, von dessen seelischer Niedrigkeit es überzeugt ist!

Er sprach das nicht aus, weit entfernt, aber er sann darüber nach, wie über etwas Unfaßbares, Unbegreifliches, Ungeheuerliches!

 

* * *

 

Weihnachten kam wieder.

»Laß es vorübergehen, Mutter!« bat Bruno, »wie einen anderen grauen Wintertag. Es ist nur für Kinder. Wir haben ja keine!«

Die Mutter nickte, Bruno seufzte tief, er dachte sehnsüchtig an ein eigenes Heim! Beide sahen vor sich hin, beider Augen wurden feucht. Ein farbiges Augenblicksbild huschte vorüber: Ein holdes, ernstes Weib mit üppigem Haar, inmitten einer Schar lachender Kinder – und beide sahen ein und dasselbe Bild.

»Aber komme wenigstens abends nach Hause, Bruno«, bat die Mutter.

»Ja, gewiß, Du Liebe, Gute, ich komme zu Dir.« Weihnachtsbescherungen! Das war nun einmal eine Spezialität der kleinen Frau Kaunitz.

Sie wollte Bruno doch mit einigem überraschen, trotzdem er sich’s verbeten.

Und wieder war’s ein Weihnachtsgeflüster, ein Zischeln, ein Trippeln und Huschen im Hause, Duft und Glanz überall, fast wie ehedem!

Unten, als Bruno über den Hof ging, erwartete ihn Fritz, der Stallbursche, in Wichs an der Thüre und nötigte ihn in den Stall.

Da stand ein prächtiges, edles Reitpferd, ein Geschenk des Vaters. Bruno tätschelte es lächelnd und ging die Treppe hinauf. Da hing am Kleiderhaken im Korridor ein neuer Pelzrock für ihn. »Aha«, dachte er, »die gute Mutter hat sich’s doch nicht nehmen lassen.« In seinem Zimmer lagen Malutensilien, stand eine Staffelei, alles luxuriös ausgestattet nach reicher Leute Geschmack. Auf dem Flügel im Salon ein Stoß Noten, und so ging’s fort und fort auf Schritt und Tritt, in allen Stuben und Ecken eine Überraschung für Bruno.

»Und hier sieh mein Weihnachtsgeschenk,« sagte die Mutter selig lächelnd und hielt triumphierend ein Stück Papier in die Höhe, ein Kabeltelegramm aus Amerika. Bruno las: Gestern wurde uns ein Sohn geboren. Jetzt bin ich ganz glücklich. Amalie.

»Hurrah Mutter!«

»So suche doch, Bruno,« ermahnte die Mutter. »Du hast ja noch nicht alles.«

»Noch etwas? Aber Mutter, was könnt Ihr mir denn noch schenken?«

»O es giebt schon noch etwas. Suche nur! Wer da suchet, der findet, heißt’s im Evangelium!«

»Wirklich noch etwas? Aber ich habe ja so viel, wo soll ich denn hin damit?«

»Nu, Du wirst schon ein Plätzchen dafür finden. Suche nur! vielleicht kommt das Beste zuletzt!« sagte die Mutter mit geheimnisvollem Zwinkern und ihre Stimme bebte; sie deutete auf die Portiere, die ihr Boudoir vom Salon abschloß.

»Ach so,« erwiderte Bruno, »richtig, das war ja früher immer das Allerheiligste.«

Lächelnd, aber beinahe schon ermüdet, schritt er nach der Thüre und zog die Portiere zurück. – »Ach Gott!« Da stand Regina in ihrem einfachen Wollenkleide, das reiche Haar mit einem Myrtenzweig geschmückt, an der Brust einen Strauß von Myrten und Orangenblüten. Mit strahlenden Augen blickte sie auf Bruno – langsam die Arme gegen ihn erhebend.

Nun war alles vergessen: Die Härte des Vaters, die traurige Jugend Reginas, die Leidensjahre der Mutter, alles, alles! Das ganze Haus war von Güte und stiller Freude durchströmt. Sogar Herr Kaunitz schmunzelte vergnügt, ihm wurde ja auch eine schöne Weihnachtsgabe zu teil, er empfand zum erstenmale, was er noch nie im Leben empfunden hatte: Jemand glücklich gemacht zu haben!

»Und das ist gar kein so übles Gefühl,« dachte er.

»Ich bin doch die Glücklichste hier,« glaubte die kleine Frau Kaunitz, »denn nur eine Mutter kann so glücklich sein. Amalie weiß es jetzt auch, und Regina wird es hoffentlich einst erfahren!«

Bruno geleitete die Geliebte an den Flügel und legte die Hand auf die Tasten – und wie ein seliges Schluchzen klang das alte Kinderlied: »O du selige, o du fröhliche, gnadenbringende Weihnachtszeit.«

Der stattliche Herr Kaunitz konnte sich nicht enthalten, während er auf und ab ging, die Hände auf dem Rücken, den Mund zu spitzen, und den Schlußvers halblaut mitzusingen.

Frau Kaunitz sah ihn erstaunt an, und zum erstenmal in ihrem Leben mußte sie über ihren Gatten lachen! –

Wirklich lachen! Er war drollig anzuschauen mit dem gespitzten Mund.

»Das ist ja wahrhaftig Humor,« kicherte die kleine Frau schadenfroh glückselig in sich hinein. »Er wird alt, der finstere Mann, Gott sei Dank, er wird alt!« –