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Jacob Jan Cremer – Auf der Eisenbahn

Novelle

Jacob Jan Cremer, Auf der Eisenbahn, Aus: Holländische Novellen, Nacherzählt von Adolf Glaser, Georg Westermann, Braunschweig, 1875



Es war an einem reizenden Sommernachmittag, als ich ein allerliebstes Mädchen von ungefähr zwölf Jahren nach dem Eisenbahnstationsgebäude begleitete. Es war das dritte Kind einer meiner Bekannten; da die Ferien zu Ende waren, mußte die Kleine wieder nach der Erziehungsanstalt zurückkehren, und ich, der eine Geschäftsreise zu machen hatte, war gern bereit gewesen, Marie bis zu der Station zu bringen, wo sie abgeholt wurde und keines weiteren Schutzes bedurfte.

Ihre Eltern reisten den folgenden Tag nach der Schweiz. Es würde nicht freundlich von mir gewesen sein, wenn ich meine jugendliche Reisegesellschafterin gar nicht angeredet hätte, und darum fragte ich sie:

»Nun, Marie, findest du es angenehm, daß du wieder nach der Schule gehst?«

»Weshalb?« klang die Antwort, »es ist mir ganz einerlei.«

»Zu Hause gefällt es dir doch gewiß besser, nicht wahr?«

»Das kann ich nicht sagen. Papa ist immer so beschäftigt. Unsere Dienstmädchen sind die widerwärtigsten Wesen und ich muß mit den Kleinen bei ihnen in der Kinderstube sitzen, was sehr langweilig ist.«

»Wenn du erst größer bist, liebes Mädchen, dann –«

»Aber in der Pension bin ich schon groß,« fiel das Mädchen mir mit Eifer in die Rede. »Die Vorsteherin und die Lehrerinnen nennen mich Mademoiselle, und da ich eine von den ältesten Mädchen in der Classe bin, kann es mir nicht gefallen, wenn ich zu Hause wie ein kleines Kind behandelt werde.«

»Ei, ei!«

»Schwester Bertha ist kaum sechzehn Jahre alt geworden, und weil sie eingesegnet ist, darf sie überall dabei sein und doch sagt Bertha immer so häßliche Dinge von Mama und schreibt Briefchen an einen Herrn mit einem Schnurrbart, das hat Minna in der Kinderstube selbst erzählt.«

Ich lachte, eigentlich weil ich nichts zu sagen wußte; es war aber auch gar nicht nöthig, denn die Mademoiselle aus der Pension fuhr ohne Unterbrechung fort:

»Aber ich weiß recht gut, warum Mama mehr von Bertha hält. Weil sie so schön französisch spricht und viel hübscher ist als ich. Es ist mir ganz einerlei,« beschloß die Kleine, »ich bin froh, daß die Ferien vorüber sind. Frau Müller und Emma und Lina werden sich freuen, wenn ich zurückkomme.«

Wir hatten das Stationsgebäude erreicht. Aus Rücksicht auf die kleine Dame, die mir mit einer »Empfehlung vom Papa und das wäre für das Billet« ein Papierchen überreichte, in welchem sich der Betrag für einen Platz erster Classe befand, nahm auch ich erste Classe und wir traten gleich darauf in das Wartezimmer hinein.

Im Wartezimmer befanden sich nur wenige Passagiere; der größte Theil davon hatte sich durch die offenstehenden Glasthüren, welche herrliche Kühlung hereinließen, auf den Perron begeben und ging dort auf und ab.

Wir waren früh genug gekommen; meine jugendliche Reisegefährtin schien etwas ermüdet zu sein und nahm sofort auf einem der Stühle Platz. Sie packte aus ihrer kleinen Reisetasche allerlei aus, zuerst ein Fläschchen mit Eau de Cologne, dann Bonbons; aber alles das allein zu genießen behagte ihr nicht und sie bot mir von ihren Herrlichkeiten an.

Ich dankte und nickte ihr freundlich zu. Das Kind war wirklich allerliebst und erschien mir jetzt viel anmuthiger als vorhin, da sie von ihren Eltern sprach. Während sie nun noch mit ihren Sachen beschäftigt war, zog eine zimperliche Stimme meine Aufmerksamkeit auf sich. Diese Stimme gehörte einer Dame von mittlerem Alter, welche mit einer allerliebsten Blondine von höchstens achtzehn Jahren in das Wartezimmer eingetreten war.

»Mein Himmel! Das ist nicht auszuhalten, wie es hier zieht. Die Glasthüren offen! Ist denn Niemand um – –? Alettchen, mache geschwind zu, aber schnell, es ist entsetzlich.«

»Aber Mama!« klang Aletta's Stimme.

Eine hastige Bewegung mit Mama's Sonnenschirm nach der Thür schnitt Aletta's Zögerung ab; offenbar sehr verlegen wollte sie gehorchen und ging auf die Thür zu; ich nahm mir die Freiheit, ihr behülflich zu sein, und mit einem: »Ich danke Ihnen,« ging sie zu ihrer Mutter zurück.

»Wo ist denn das Reisetäschchen?« begann die Dame wieder. »Gott im Himmel! Du hast es im Wagen gelassen. Wie nachlässig! Du mußt gleich –« und während die Mama, heftig erregt, ihre Blicke auf die Thür geheftet hielt, durch welche sie soeben eingetreten war, sah das Mädchen, wenig geneigt, einem zurückfahrenden Wagen nachzulaufen, überall umher und entdeckte denn auch den vermißten Gegenstand an der Seite des Sessels, auf welchem die Mutter kaum vorher Platz genommen hatte.

Die Dame lehnte ihr Haupt gegen die Lehne des Sessels und flüsterte etwas, was ich nicht verstehen konnte. Aletta antwortete ebenfalls unhörbar. Die Dame sprach dringender und nachdem Aletta entschieden ablehnend wieder geantwortet und den Kopf dazu geschüttelt hatte, öffnete die Dame die Augen, welche sie vorher geschlossen hatte, blickte mit einem Seufzer zum Himmel und es war mir, als hörte ich sie flüstern: »Das ist mein Tod!« Kaum war denn auch der Seufzer ausgestoßen, so sah ich das liebe Mädchen eiligst die Reisetasche öffnen und ein paar Medicinfläschchen herausnehmen. Auf eine hastige Andeutung der Dame ging sie dann mit hoch erröthetem Gesicht zum Klingelzug in der Ecke des Zimmers und zog ängstlich die Glocke.

Wie bedauerte ich das arme Kind, als sie darauf den eintretenden Kellner in unserer Gegenwart um ein Glas Wasser ersuchen mußte, und dann, nachdem er dasselbe gebracht hatte, mit zitternden Händen aus den beiden Medicinfläschchen wenige Tropfen hineinzugießen hatte.

Um sie nicht länger in Verlegenheit zu setzen, gab ich meiner kleinen Reisegefährtin einen Wink, um mit ihr das Wartezimmer zu verlassen, aber in demselben Augenblicke öffnete der Conducteur wieder die Glasthür und rief mit lauter Stimme die Worte: »Einsteigen, meine Herrschaften!« in das Wartezimmer.

Nur wenige Secunden darauf saß ich neben Marie im Wagen. Uns gegenüber befand sich bereits ein ältlicher Herr, der einen Knaben an seiner Seite hatte, als plötzlich die Thür noch einmal geöffnet wurde und sich die Stimme des Conducteurs: »Wenn ich bitten darf, meine Damen,« vernehmen ließ.

Draußen wurde etwas gesagt.

»Bitte um Verzeihung,« klang wieder die Stimme des Conducteurs, »es sind nur vier Personen darin und acht Plätze.«

Wieder wurde etwas Unverständliches entgegnet.

»Das ist ganz unmöglich, meine Damen. Wollen Sie nur gefälligst einsteigen, es ist die höchste Zeit.«

Noch eine Gegenrede.

»Aber, mein Himmel, verehrte Damen, es wird ja nicht geraucht! Schnell, wenn ich nun bitten darf –!« Gleich darauf wurde der Kopf der Dame von mittlerem Lebensalter sichtbar, verschwand aber sogleich wieder. Ich sah ein, daß Aletta einen Vorwurf bekam, weil sie zuletzt einsteigen wollte. Wer sollte der Mama von drinnen heraus die Hand reichen? Nach dieser öffentlichen Zurechtweisung schlüpfte das Blondköpfchen, belastet und beladen, zuerst herein, und war sofort bereit, der Mutter beim Einsteigen so viel als möglich behülflich zu sein.

Da saßen sie endlich einander gegenüber: die Mutter schien jeden Augenblick bereit, ihren Geist aufgeben zu wollen, die Tochter fand es warm, sehr warm! Plötzlich bemerkte sie, daß das Fenster an unserer Seite offen stand. Sie warf einen ängstlichen Blick auf ihre fortwährend sterbende Mutter; ich sehe sie mit sich kämpfen, zögern, sie wollte das Wort an mich richten, aber sie wendete sich verlegen wieder nach der andern Seite.

»Wünschen Sie, daß ich das Fenster schließen soll?« fragte ich, als das Mädchen wieder nach mir hinsah.

»Sie sind sehr freundlich,« klang es leise und verlegen; »wenn ich bitten dürfte.«

Aus Rücksicht für das arme Kind schob ich das Fenster herauf, aber kaum hatte ich ihr damit geholfen, ihrer Kindesliebe ein Opfer zu bringen, als ein: »Himmel – – Aletta! ich soll wohl ersticken?« aus dem Munde der Mutter, und darauf ein nervöses Blicken nach dem kaum geschlossenen Fenster das arme Mädchen erröthen ließ und mich veranlaßte, zu unser Aller Erleichterung, das Fenster wieder herabzulassen, so daß die frische Luft recht erquickend hereindrang.

Die Fahrt ging ohne besondere bemerkenswerthe Ereignisse weiter. Ich gerieth auch mit dem ältlichen Herrn und seinem verzogenen Söhnchen in das Gespräch. Der Vater konnte nicht satt werden, mir von den Vorzügen und Anlagen seines Jungen zu erzählen, und das kleine, schon sehr geckenhaft gekleidete Männlein hörte mit einem gewissen triumphirenden Selbstgefühl allen diesen Lobeserhebungen zu. Später stieg noch ein sehr gesprächiger Kaufmann in den Waggon ein und so gelangten wir endlich an die Station, wo meine kleine Reisegefährtin aussteigen mußte. Ich steckte ihr vorsichtig das Papierchen in die Hand, worein das Geld für die Eisenbahnfahrkarte gewickelt war, und sagte ganz leise:

»Dafür kannst du dir Bonbons und ein Fläschchen Eau de Cologne anschaffen.«

»Aber nein! Das geht ja nicht!« entgegnete die kleine Marie, aber einige Augenblicke später, als sie aussteigen mußte und mir mit einem herzlichen Kuß für meine Güte dankte, flüsterte sie mir schnell ins Ohr: »Ich werde es aufheben bis zu den nächsten Ferien und dann etwas für Mama kaufen, dann wird sie freundlicher gegen mich sein.«

Ich übergab die Kleine darauf der Obhut einer Dame, welche auf sie wartete, und sah, wie sie im Weggehen noch drei- oder viermal nach mir umblickte und mit ihrem freundlichen Gesichtchen mir herzlich zunickte.

Armes Kind! Sie war wirklich nicht häßlich.

Und ohne Unfall erreichte der Zug den Ort seiner Bestimmung. Wo meine Reisegefährten blieben, weiß ich nicht. Nur so viel bemerkte ich beim Aussteigen, daß die Dame von mittlerem Lebensalter in Worten und Mienen zu erkennen gab, wie sie dem Tode näher als dem Leben, und die Hauptschuld dieses entsetzlichen Zustandes in dem Mangel an Sorge von Seiten Aletta's zu suchen sei. Was mich betrifft, ich nahm, nachdem ich einige Besuche gemacht hatte, ein Zimmer im Gasthof, da ich in der Stadt übernachten und erst am anderen Morgen wieder zurückreisen wollte.

Mit dem ersten Zuge begab ich mich wieder nach der geliebten Heimath zurück.

Schwere Morgennebel hingen über den Feldern, aber man durfte hoffen, daß der Nebel sich verziehen und ein schöner Tag darauf folgen würde.

Willkommen, liebe Sonne!

Nun durchbrach sie den Schleier. Zuerst wurden die nahe liegenden Aecker und Bäume sichtbar, aber nach und nach zeigte sich die ganze Landschaft vom hellen Glanze bestrahlt.

Willkommen, liebe Sonne!

Auch über meinen Geist war ein Nebel gezogen, aber dein goldener Strahl wird ihn verscheuchen und dann –

Es wird mir schwer zu sagen, wie lange ich in die vorbeifliegende Landschaft starrte, während mein Geist noch vom Nebel bedrückt wurde, aber endlich sah ich, während der Zug nach und nach langsamer vorwärts ging, in der Nähe einer der Stationen ein seltsames Schauspiel. Ich sah einen Bauernburschen, einen frischen kräftigen Bauernburschen, und auf seinen Armen trug er ein altes Mütterchen, die mit ihren mageren Armen seinen braunen Hals umschlungen hielt.

Es war wohl ein seltsames Schauspiel! Das gelbbleiche und gerunzelte Gesicht des alten Weibchens, ruhend auf der Schulter dieses Burschen, dessen lebhafte Gesichtsfarbe durch die Anstrengung noch höher geröthet war.

Der Zug hielt still. Ein Mann und eine Frau, die erst kurz verheirathet sein konnten, drückten nach einander herzliche Küsse auf den Mund der Alten, und zwischen dem Geräusch der Dampfmaschine und dem Lärm der Station vernahm ich doch von beiden Seiten herzliche Abschiedsworte und die Ermahnungen an den Burschen, die Alte gut in Acht zu nehmen.

Was die beiden jungen Eheleute sprachen und der kräftige Bursche darauf erwiederte, konnte ich verstehen; ich konnte auch sehen, daß die Alte nickte und ihre Lippen bewegte, aber was sie sagte, hörte ich nicht.

Diese Reisegesellschaft konnte ich mir nicht entgehen lassen. Glücklicherweise hatte ich die dritte Classe genommen, und da mehrere Passagiere ausgestiegen waren, gab es Raum genug in dem Wagen.

»Hier, Leute! Hier!« rief ich durch die offenstehende Thür hinaus, und der junge Ehemann, der mich zuerst gewahr wurde, sagte hastig zu dem Burschen, der das Mütterchen trug:

»Schnell, Konrad! Dort in dem Wagen ist Platz; der Herr wird helfen. Aber schnell, vorsichtig; ich werde dich von hinten unterstützen, und wenn der Herr ein bischen helfen will –«

»Laß mich nur allein einsteigen,« entgegnete Konrad.

»Auch gut,« versetzte der Andere. »Nun, Adieu, Mutter! Halte dich gut und auf Wiedersehen zur nächsten Kirmeß!«

Das Mütterchen, welches neben mir auf dem Schooße ihres Sohnes saß, sagte mit einer zitternden Stimme:

»Adieu, Wilhelm! Adieu, Hannchen! Gott segne Euch, Kinder, hört Ihr.«

Puff! Ohne viel Komplimente warf der Conducteur die Thür zu. Hannchen erhob sich draußen auf die Zehen empor, um der Mutter zum letzten Male zuzunicken; Wilhelm rief noch:

»Vorsichtig beim Aussteigen, Konrad!« Und – – fort ging der Zug.

Aber der Bauernbursche, der in der Nähe gesehen älter war, als ich anfänglich gemeint hatte, wischte sich den Schweiß von seinem Gesicht und sagte:

»Wie ist es, Mutter, sitzest du auch gut?«

»Köstlich! Köstlich!« klang es, für mich kaum verständlich.

In diesem Augenblicke trat der Conducteur in den Wagen und blickte genau so um sich, als wollte er sagen: Ihr Reisenden müßt wahrhaftig froh sein, daß ich Euch nur mitnehme.

»Ihr habt doch zwei Billets?« frug er sofort meinen Nachbar.

»Eins für Mutter und eins für mich,« war die Antwort, »hier sind sie.«

»Wollt Ihr die Frau nicht auf die Bank setzen?« begann der Conducteur in herablassendem Tone.

»Danke schön!« klang die Antwort, und als der Conducteur mit einem raschen Achselzucken sich weggewendet hatte, erkundigte ich mich bei meinem Nachbar, was der Alten wohl fehle.

»Was ihr fehlt –? Ja, was soll ich darauf sagen,« antwortete der Bauer. »Es ist das Alter, wissen Sie, einzig und allein das Alter. Mütterchen wird immer schwächer und schwächer, obgleich sie noch gar nicht so sehr alt ist, nämlich zweiundsiebzig. Sie ist von Kindheit klein und mager gewesen, aber seit dem Mai vergangenen Jahres ist sie so zusammengeschrumpft, daß es merkwürdig ist; sonst gesund von Herz und Sinn und immer fröhlich und aufgemuntert,« und mit lauter Stimme frug er die Alte: »Nicht wahr, Mutter, wir zwei gehen noch zusammen zum Vergnügen auf Reisen?«

Die alte Frau lächelte und nickte mit dem Kopfe.

»Aber würden Sie nicht wirklich besser thun, Ihre Mutter neben sich auf die Bank zu setzen?« fragte ich wieder.

»Gott bewahre!« entgegnete der Bauer; »sie ist zu schwach und sie liegt so bequem gegen mich angelehnt, wie ich vor vierunddreißig Jahren auf ihrem Schooße lag.« Und wieder fragte er mit erhobener Stimme die Alte: »Nicht wahr, Mutter, vor vierunddreißig Jahren hast du mich das Tragen gelehrt? Ich mag schwer genug gewesen sein!«

Was die Mutter antwortete, konnte bei dem Wagengerassel nicht gehört werden, aber es war sicher zustimmend, denn sie lächelte dabei.

»Nun reisen Sie wohl zu einem Arzte?« fragte ich, aber der Bauer lachte und entgegnete: »Doctoren können der Mutter nicht helfen. Unser Doctor sagt: ›Kräftig essen und den Muth behalten‹, und der Pfarrer sagt: ›Wir kommen und wir gehen‹, und die Mutter ist so gefaßt und ruhig, wie ein Kind, das zu Bette muß. Ich, meinestheils, kann nicht dran denken – Thorheit! – –« Und lauter sagte er wieder: »Nein, Mutter, bleib nur ruhig mit dem Kopfe auf meiner Schulter liegen, du bist heute früh auf gewesen. Oder willst du durch das Fenster sehen? Das geht schnell, nicht? Sieh den Baum – schwupp! er ist vorbei. Der alte Christian wird dich recht beneiden, daß du noch auf der Eisenbahn gefahren bist. Siehst du die Windmühle? Eins, zwei, drei – da sind wir vorüber.«

Das alte Mütterchen gab ein Zeichen der Verwunderung und der gesprächige Bauer fuhr gegen mich gewendet fort:

»Wissen Sie, lieber Herr, weshalb wir mit der Eisenbahn reisen? Wir wohnen in Pappeldamm und jeden Tag hieß es: Wie es sich doch wohl auf der Eisenbahn fahren mag? Nun ist Wilhelm, mein Bruder, seit einiger Zeit verheirathet, und gar oft sagte die Mutter: ›Wie mag es Wilhelm und Johanna nur gehen? Wenn ich das doch noch sehen könnte!‹ Da dachte ich denn: Das soll die alte Frau doch noch erleben, sie soll auf der Eisenbahn fahren und sehen, wie Wilhelm und Hannchen eingerichtet sind. Und so sind wir denn zusammen auf die Reise gegangen; denn allein hätte sie es doch nicht machen können. Seit zwei Jahren kann sie nicht mehr gehen und muß immer getragen werden: des Morgens vom Bett auf den Stuhl und des Abends vom Stuhl aufs Bett und bei gutem Wetter ins Freie.«

»Aber es war doch keine kleine Last für Euch, mit der alten Frau die Reise zu machen,« warf ich dazwischen.

»Eine Last? Warum nicht gar!« entgegnete der Bauer; während der Ausdruck seines Gesichts sagte: da will ich Ihnen ganz etwas Anderes erzählen. »Daß die Mutter zwei Jahre nach der Geburt meiner Schwester, als der Vater starb, Wittfrau blieb und dann für ihre vier Kinder mit diesen Händen – –« hier zeigte er auf die runzeligen Hände des immer nach außen blickenden Weibchens – »Alles allein besorgen und das Wenige, was da war, zusammenhalten mußte, sehen Sie, das war eine Last. Daß sie uns vier in Arbeitsamkeit und Gottesfurcht voranging und uns in Ehren groß gebracht hat, das war eine Last, denn ohne dieses kleine magere Mütterchen hätten wir auf der Straße gelegen. Ich mag gar nicht daran denken, aber das weiß ich, wenn morgen ihr letzter Tag kommt, dann geht ihre Seele direct in den Himmel, das glaube ich so gewiß, wie ich an unseren Herrgott selbst glaube.«

Ich nickte zustimmend und dachte bei mir selbst, daß die alte Frau, wie sie da von ihrem Sohn getragen wurde und in seinen Armen wie ein Säugling an der Mutter Brust ruhte, wohl jetzt schon wie im Himmel sei.

Die Sonne schien so hell und der Nebel, der über der Gegend gelegen und auf meine Seele gedrückt hatte, war völlig verschwunden.

Die Dampfpfeife verkündigte die Ankunft bei der nächsten Station. Ich half dem braven Sohn mit seiner theuren Last aus dem Wagen und dann sah ich ihn, während er auf einen anderen Zug warten mußte, draußen auf einer Bank Platz nehmen und das alte Mütterchen auf Alles aufmerksam machen, was sie noch gern einmal sehen wollte, bevor sich ihre Augen auf immer schlossen.

Viele Menschen sahen sich nach dem seltsamen Schauspiele um und es waren Manche darunter, die sich des Lachens nicht enthalten konnten, aber ich bemerkte doch auch Solche, die etwas Anderes empfanden. Was mich betraf, so hätte ich gern das alte Mütterchen an mein Herz drücken mögen, denn ich verdankte ihr einen jener Lichtstrahlen, wie wir sie in diesem Erdendasein oft so nöthig haben.