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Jacob Jan Cremer – Stille Welt

Novelle

Jacob Jan Cremer, Stille Welt, Aus: Holländische Novellen, Nacherzählt von Adolf Glaser, Georg Westermann, Braunschweig, 1875



»Adieu, Fritz! Adieu, mein Junge, mein guter Junge!«

»Adieu, liebe, gute, treue Mutter!«

»Vergessen wirst du mich nie, nicht wahr, mein Liebling?«

»Vergessen, liebste Mutter Else? Dich vergessen? Dann müßte ja mein Herz härter werden als Stein! Ach, du gute, liebe Seele, daß du nun so allein bleiben mußt!«

Die Augen der Beiden füllen sich mit Thränen.

»Du mußt nun gehen, Fritz,« sagt die Alte, indem sie sich umsieht, damit er ihre rollenden Thränen nicht sehen soll.

»Wenn der große Zeiger auf Zehn steht, nicht eher; noch zwei Minuten also,« entgegnet der Bursche, und indem er nach einem Vogelkäfig, der an der Wand hängt, deutet, setzt er hinzu: »Nicht wahr, du giebst ihn Röschen;« und darauf drückt er die Hand an die feuchten Augen.

»Geh' nur ruhige mein Junge, du weißt, was deine Mutter Else verspricht, das hält sie auch, sonst würde ich dich ja auch gewiß nicht von mir lassen; aber gehe, gehe, bevor es zu spät wird.«

»Nun denn, leb' wohl, beste, beste Mutter!« Seine Thränen benetzen ihre Stirn.

»Leb' wohl, mein liebes Kind, mein Fritz, Gott segne dich für deine Liebe!« Ihre mageren Finger pressen seine heißen Hände.

In dem sehr niedrigen, aber rein und nett ausgestatteten Zimmerchen, in welches wir den Leser führten, herrschte hierauf einige Augenblicke lang eine traurige Stille. Der Abschied schien Beiden gar zu schwer zu werden und es war ein rührendes Bild, wie der hübsche, eben zum kräftigen Jüngling erblühende sechzehnjährige Bursche die alte hinfällige Frau so zärtlich umfaßte. Er hielt den Hals der Alten mit beiden Armen umschlungen; sie war ihm von frühester Jugend an eine Mutter gewesen, obgleich sie eigentlich nur eine viel ältere Schwester seiner Mutter war. Die peinliche Stille wurde endlich durch den zärtlichen Kuß, den die Alte mit dem Burschen wechselte, geendet.

Die Hausuhr schlug Zwölf.

»Fort, nun fort, mein Fritz, es ist Zeit, gehe, mein Junge!«

Und Fritz sprach kein Wort mehr. Noch einmal umarmte er die alte liebe Frau, dann ergriff er seine Mütze und das kleine Felleisen, welches auf dem Tische bereit lag, wendete sich eilig zur Thür, drückte die Klinke nieder und stand in der Dorfstraße.

Da geht er weiter. Doch plötzlich hemmt er seinen Schritt, denn es fällt ihm etwas ein; er bleibt stehen, wendet sich um und kehrt eilig nach dem Häuschen zurück. Die alte Frau sitzt dort, den Kopf in beide Hände gestützt.

»Mutter Else,« ruft er, »vergiß nicht, was der Doctor dir anbefohlen hat; du mußt dich schonen, auch wenn ich fort bin, und nun noch einmal Lebewohl! Bald sehen wir uns wieder, so Gott will!«

Nachdem er dies hastig gesagt hat, giebt er ihr noch einen letzten Kuß und eilt dann ohne Aufenthalt fort.

Es war eine schwere Aufgabe für den wehmüthig gestimmten Fritz, das stille, ländliche, ihm so theure Lehrbeck zu verlassen, um dafür mitten in einer großen, steinernen Häusermasse seine Jünglingsjahre zu verleben. Ach! Alles, was er im Vorbeigehen sah, hätte er mit sich nehmen mögen: Den Schäfer mit seinen Schafen und dem Hunde, die keinen Begriff davon hatten, wie glücklich sie waren, daß sie in Lehrbeck bleiben konnten; die Schafhürde auf dem Hügel, wo er so oft des Abends ein Plauderstündchen mit dem Schäfer verbracht hatte; die lieben freundlichen Häuschen, die meistens mit Stroh bedeckt waren und worin die guten Lehrbecker sich schlafen legten und aufstanden, wie auch er es früher gethan hatte und hinfort nicht mehr thun sollte; Alles, Alles hätte er mit sich nehmen mögen, besonders aber das ganz kleine Häuschen, worin die treue Mutter Else ihr Zimmerchen mit ihm getheilt hatte, die gute Pflegemutter, die nun so verlassen war und sicher bitterlich weinte. Und außerdem –

»Gehst du nun wirklich bestimmt fort,« klang plötzlich eine zarte Stimme hinter einer Umzäunung von wohlriechenden Fliederbüschen hervor; »warte einen Augenblick, Fritz, ich bin gleich bei dir.«

Der gute Bursche hatte schon ein beengendes Gefühl gehabt, als er der Umzäunung nahe gekommen war, welche das Besitzthum des Hubert Weifelt und der Katharine, seiner Frau, umschloß, die ihn so manchmal mit Kaffee und Kuchen bedacht hatte; aber die Erinnerung an diese Genüsse war es nicht, was ihm vor Augen schwebte, Röschen war es, das muntere vierzehnjährige Mädchen, für welches er, der ungefähr zwei Jahre älter war, von jeher eine Art von brüderlicher Zuneigung hatte, Röschen war ein reizendes Kind. Wie blonde Seide umwallten die Locken ihr Köpfchen und die dunkelblauen Augen blickten kindlich froh in die Welt, die rothen Wangen und die immer lachenden Lippen entzückten Jeden, der das frische, anmuthige Mädchen erblickte. Fritz hatte kaum erwartet, das allerliebste Kind noch einmal zu sehen; es lag ihm ohnehin so schwer auf dem Herzen und er fürchtete, den Muth völlig zu verlieren, wenn sich Alles, was ihm lieb war, so stückweise von ihm losriß. Rasch ist sie nun in das Haus gelaufen und kommt sofort wieder heraus, hinter ihr folgt die Mutter, der ein paar Thränen im Auge stehen. Röschen trägt einen ziemlich großen Pack in den Händen und sagt, indem sie Fritz denselben überreicht: »Das hat Mutter für dich gebacken und ich habe ihr dabei geholfen, du nimmst es nach der Stadt mit, nicht wahr, Fritz?«

Dem Jungen wird es ganz traurig zu Muthe, als ihm dieser neue Beweis von Wohlwollen und Anhänglichkeit zu Theil wird.

»Aber Röschen,« sagt er, indem er seine Betrübniß unterdrückt, »das ist wirklich zu viel, ein so großes Rosinenbrot für mich allein! Nein, Frau Weifelt, das kann ich nicht annehmen, behalten Sie es nur selbst, dann können Sie nächsten Sonntag den Herrn Pastor und seine Frau zum Kaffee damit bewirthen.«

»Ei was,« fällt Katharine ihrem jungen Freunde in die Rede, »wir haben noch mehr von der Sorte, nimm es nur mit und iß jeden Tag ein Stück davon, und wenn es alle ist, backe ich ein neues. Das Tuch, worin das Brot eingewickelt ist, magst du nur behalten, bis du wieder kommst, und nun Lebewohl, Fritz, und gieb mir die Hand. Vergiß deine Heimath und deine Freunde nicht, wenn es dir gut geht, und denke immer an die gute Else, die dich mit Sehnsucht hier erwarten wird. Wir Alle werden uns freuen, recht viel Gutes von dir zu hören. Komm, Röschen, wir dürfen ihn nicht länger aufhalten, sonst kommt er zu spät.«

Mit großen Thränen im Auge nahm Fritz Abschied und blickte nach, als Frau Weifelt das weinende Röschen mit ins Haus nahm. Dann wollte er rasch zum Dorfe hinaus, aber am Ende desselben erwartete ihn ein neuer Beweis von herzlicher Freundschaft. Am Ausgang der Straße hatten sich nämlich seine besten Freunde versammelt, um den allgemein beliebten Cameraden eine Strecke weit zu begleiten. Einer davon sieht sehr erhitzt aus. Er war heute bereits im nächsten Städtchen gewesen, um dort auf gemeinschaftliche Rechnung ein Angedenken zu kaufen, was in Lehrbeck nicht zu bekommen war.

Die jungen Burschen hatten sich am Rande des Weges in das Gras niedergesetzt und bewunderten das eingehandelte Geschenk.

»Da kommt er!« ruft nun Christian.

»Und wie traurig sieht er aus,« sagt Peter.

»Er läuft, als wolle er zur Hochzeit,« setzt Hans hinzu.

Gleich darauf befindet sich Fritz inmitten seiner Freunde, die ihn als den besten Kegelspieler und verträglichsten Burschen des Dorfes gern begleiten. Nachdem sie eine Weile fortgegangen, zieht Christian einen in Seidenpapier gewickelten Gegenstand aus seiner Rocktasche.

»Da ist ein Andenken von uns zusammen,« sagte er.

»Eine Kleinigkeit, Fritz,« fügt Peter hinzu.

»Daraus kannst du des Sonntags rauchen,« setzt Hans hinzu, indem er dem Freunde gutherzig auf die Schulter klopft.

»Aber Freunde, das ist zu viel,« sagt der überraschte Fritz, »das hättet Ihr nicht thun sollen.«

»Ei was,« rufen die Anderen, »wir geben es dir gern.«

Fritz betrachtet das Geschenk seiner Freunde mit dem gemischten Gefühl von Wehmuth und Freude. Einige Augenblicke starrt er auf das Porträt, welches den Pfeifenkopf ziert, und seine Cameraden blicken ihm unterdessen erwartungsvoll in das Gesicht.

Endlich fragt Christian hastig: »Nun, Fritz, was sagst du? Ist sie es, oder ist sie es nicht?«

»Wie kommt das liebe Gesichtchen auf einen Pfeifenkopf?« fragt Fritz ganz verwundert; »seht nur, wie ähnlich!«

»Nun, was habe ich gesagt?« ruft Christian hochroth vor Freude; »weißt du, Fritz, wie das kam? Wir wollten dir einen Pfeifenkopf zum Andenken schenken. Ich mache mich um vier Uhr auf nach der Stadt. Pfeifen genug, aber die eine zu theuer, die andere zu schlecht. Endlich, als ob es so sein sollte, sehe ich diese in einem Laden hängen. Hol' mich der Teufel! das ist Röschen Weifelt! wie sie leibt und lebt. Ich frage: Was kostet sie? So viel. Ich nehme sie, sage ich, und denke bei mir, das wird Fritz freuen. Gekauft und bezahlt. Vor einer viertel Stunde war ich wieder hier. Jungens, sage ich, seht einmal! Hübsch, sagen sie. Wem gleicht das? sage ich. Meisters Marie, sagt Peter.«

»Auf ein Haar,« fällt Peter dem eifrigen Sprecher ins Wort.

»Fehlgeschossen! Was sagst du, Fritz?« fährt Christian fort. »Hans meint, es sei Kuhstall's Elsbeth, Louis, es gleiche Müller's Lieschen, jeder 'was Anderes; aber ich bleibe dabei, es ist Röschen!«

»Röschen auf ein Haar, wenn sie etwas älter ist!« ruft Fritz wieder, und Christian blickt triumphirend umher, während die anderen Jungen tüchtig lachen. Sie meinen, wenn Fritz es so findet, ist es ihnen auch recht, und Fritz findet es so und drückt Allen die Hände, aber dem Christian am stärksten, und sagt, wie überrascht und dankbar er sei und wie sehr es ihn betrübe, daß er Lehrbeck verlassen müsse und alle seine Freunde und die gute Pflegemutter.

Noch einige Schritte gingen sie mit ihm, aber dann nahmen sie Abschied, denn um ein Uhr mußten sie wieder auf dem Bauplatz, in der Werkstätte, oder in dem Laden sein, und so herzlich sie auch ihrem scheidenden Cameraden zugethan waren, so hatten sie doch junge gesunde Magen, die ihr Recht verlangten und sich um keinen Abschied kümmerten.

Fritz verfolgte seinen Weg. Wohl fünfzig, nein, hundert Mal sah er sich nach dem Lehrbeck'schen Kirchturm um, der kleiner und immer kleiner wurde, bis es zuletzt schien, als ob ein Nebel ihn verdüsterte. Ob dies wohl an den Augen lag? Er hatte in den Augen genau das Gefühl, wie bei seines Vaters Begräbniß, da konnte er auch nichts um sich her genau sehen und erkennen. Aber nach Innen richtete sich der Blick in die Vergangenheit, und Fritz sah eine kleine Malerwerkstatt unter einem Dache. Hier standen große und kleine Farbetöpfe, dort lagen Pinsel und Bürsten, und an der Wand hingen Kasten mit Farben. Mitten in der niedrigen Werkstatt stand sein Vater, ein Mann von ungefähr vierzig Jahren, bleicher Gesichtsfarbe und Haaren, die schwärzer waren als das Elfenbeinschwarz, welches er im Topfe anrührte. Wie schlimm er hustet! Es ging einem durch Mark und Bein. Fritz, sagte er einmal, du hast einen Engel von einer Mutter gehabt, ja einen Engel. Als sie noch ein Mädchen war und bei ihren Eltern lebte, und ich als Gehülfe im Hause sah, wie Viele sich um sie bemühten, sagte ich gar oft, ich wolle zehn Jahre meines Lebens hergeben, wenn sie mein würde, und deine Mutter, Fritz, hat ja gesagt, und wurde mein Weib, aber sie wurde es nur, um mir bald die Lehre zu geben, daß man nach höheren Dingen, als irdischem Glück zu trachten habe; sie kränkelte von Anfang an, und als du geboren wurdest, Fritz, da ging sie von mir fort. Als der Vater dies sagte, konnte er kaum weiter reden. Zehn Jahre, fuhr er fort, liegt deine Mutter nun bei den Todten und dein armer Vater hat seitdem keine Stunde ungetrübter Freude mehr gehabt, denn die Sehnsucht nach der Hingeschiedenen läßt mir keine Ruhe, und ich sehe nur aufwärts nach ihr und dem Vater im Himmel, der uns bald wieder vereinigen wird. Ungefähr noch zwei Jahre keuchte und hustete der Vater und Fritz stand ihm so viel als möglich in seinem Handwerk zur Seite, dann starb er mit dem Namen seiner unvergeßlichen Frau auf den Lippen. Es waren schreckliche, düstere Tage, der Sterbetag und der Tag des Begräbnisses.

Dies Alles sah und fühlte Fritz noch einmal nach und er durchlebte auch die letzten Jahre nochmals, wo er bei der treuen Mutter Else so gut aufgehoben war, als ob Vater und Mutter noch für ihn sorgten. Die gute Seele hatte von der ersten Stunde seines Lebens an, die ja zugleich die Todesstunde seiner Mutter war, liebreich für ihn gesorgt, und nach des Vaters Tode, als nichts übrig geblieben war, um den Unterhalt des Knaben zu bestreiten, hatte sie das Ihrige mit ihm getheilt und ihn wie ihr eigenes Kind gehalten.

Und nun? Wohin ging er nun?

Nach der großen Stadt, wo er im Hause eines Vetters von mütterlicher Seite sich in dem bereits angelernten Handwerk vervollkommnen soll.

Fritz hatte diesen Vetter nie gesehen, weil derselbe niemals Zeit gehabt hatte, nach Lehrbeck zu kommen. Der Vetter war ein tüchtiger Malermeister, der sechs oder sieben Gehülfen beschäftigte. Vater und Mutter Else waren im Vergleich mit ihm ganz arme Menschen, aber nichtsdestoweniger schien der Vetter ein Mann, der, wenn es darauf ankam, bewies, daß er seine Blutsverwandten nicht verschmähte, denn als Mutter Else ihn um die Aufnahme ihres Pflegesohnes als Lehrling ersuchte, ging er darauf ein und nahm den Jungen als Kostgänger in seine Wohnung. Vielleicht gab es eine Ursache, warum er nicht wagen durfte, den Wunsch der Mutter Else abzuschlagen. So zog nun der sechzehnjährige Fritz, voller Lust zu seinem Handwerk, wenn auch mit traurigem Herzen, nach dem Orte, wo er seine Ausbildung finden sollte.


* * *


In einer der belebtesten Seitenstraßen der großen Stadt, nach welcher Fritz sich auf die Reise begeben hat, wohnt Herr J. D. Eiser, Haus- und Schildermalermeister.

Es ist sechs Uhr an einem warmen Nachmittag. Herr Eiser sitzt in sehr bequemer Haltung am offenen Fenster einer Stube, welche in den Garten geht, und man kann ihm ansehen, daß er in diesem Augenblicke denkt oder fühlt: Ich, Johann Daniel Eiser, bin hier in meinem Lehnstuhl der Mittelpunkt der Welt und wer etwas von mir will, muß hierher zu mir kommen.

Einige Augenblicke ist es still umher, endlich wendet Herr Johann Daniel Eiser das Haupt nach rechts und links, als suche er etwas, und als er den Gegenstand seines Forschens nicht entdeckt, läßt er einen gellenden Pfiff vernehmen. Fünf Secunden vergehen. Eine Donnerwolke überzieht das Gesicht des Herrn Eiser und noch einmal erschallt ein mehrere Minuten anhaltendes gellendes Pfeifen, worauf er vor sich hin murmelt: »Donner und Wetter, muß ich zweimal pfeifen! Wenn ich es das dritte Mal thun muß, dann geht es nicht gut! Aha!« setzt er mit Grinsen hinzu, als sich ein Tritt auf der Treppe bemerklich macht.

»Was giebt es, lieber Mann?« sagt Frau Eiser, die mit einem Gesicht wie glühende Kohlen in das Zimmer tritt; »ich bin oben bei der Wäsche beschäftigt, was hast du?«

»Gott im Himmel, wann wirst du endlich lernen, die Thüren hinter dir zuzumachen!« schreit Herr Eiser der erschreckten Frau entgegen, »siehst du nicht, daß ich ganz erhitzt am offenen Fenster sitze?«

»O Gott!« sagt Frau Eiser, indem sie hastig die Thür zumacht, und dann wiederholt sie: »Ich war mit der Wäsche beschäftigt, beim Plätten, das macht warm im Juli. Willst du etwas?«

»Herr Gott, ich verschmachte vor Durst!« entgegnet der Mann; »das kannst du dir doch an den Fingern abzählen.«

»Willst du etwas trinken? Eine Tasse Kaffee vielleicht?«

»Bist du verrückt? Die kannst du selbst trinken.«

»Vielleicht ist dir ein Glas kalte Milch recht?«

»Ich glaube, du bist nicht bei Trost; immer kommst du mit solch' albernen Vorschlägen.«

»Willst du denn ein Glas Bier, lieber Mann?«

»Es ist mir einerlei, laß uns um des Himmels willen nicht so lange darüber reden. Vom Plaudern vergeht der Durst nicht.«

»Dann sei so gut und steh' einen Augenblick auf, damit ich an den Schrank kann, wo der Kellerschlüssel liegt.«

»Gott, was du für Umstände machst um einen Schluck schlechten Biers. Hast du nicht ein Glas Wein in der Nähe?«

»Willst du lieber Wein?«

»Ist das ein Gezerre! Willst du dies, willst du das! Ich hätte es schon längst auf den Tisch gestellt, wenn ich wie du meinen Mann vor Durst verschmachten sähe!«

Frau Eiser wischt sich das glänzende Gesicht und eilt aus der Stube und murmelt dabei gutmüthig: »Ja, Durst ist ein schlimmes Ding.«

Es ist kaum zu begreifen, wie ein Mensch so ohrzerreißend und schrillend pfeifen kann, wie es jetzt von Herrn Eiser geschieht.

»Himmel, was ist geschehen?« ruft seine Frau, indem sie in das Zimmer zurückspringt

»Mache die Thür zu!« donnert ihr Ehegemahl. »Das sage ich dir nun heute zum hundertsten Male.«

Frau Eiser macht die Thür zu und geht, und findet es hier unten noch heißer, als am Plättebrett. Nach einigen Minuten kommt sie mit einer Flasche Wein zurück.

Der Hausherr sitzt in derselben graziösen Haltung, aber jetzt mit geschlossenen Augen. Frau Eiser zieht mit aller Macht am Korkzieher und endlich gelingt es ihr, die Flasche zu öffnen.

Ihr Mann sitzt mit geschlossenen Augen dabei. Sie gießt Wein in ein Glas und bietet es ihm mit den Worten an: »So, lieber Mann, das wird dir wohl thun.«

»Aber siehst du denn nicht,« sagt Eiser in verdrießlichem Tone; »ich war gerade eingeschlummert! Wenn man so den ganzen Tag bei der Arbeit ist –«

Der Mann hatte einige Stunden zugesehen, wie seine Gehülfen für ihn Geld verdienten.

»Was hast du da?«

»Ein Glas Wein, Lieber, du wolltest ihn ja gern.«

»Stelle es nur hin, ich werde nachher – wie spät ist es eigentlich?«

»Ist deine Uhr stehen geblieben?« fragt Frau Eiser geduldig, indem sie nach der schweren goldenen Kette blickt, die ihr Gemahl auf der Brust trägt.

»Nein, aber sie geht vor,« sagt er mit einem tiefen Seufzer, und fügt hinzu: »Wozu nun wieder das lange Reden? Ich hätte inzwischen schon dreimal nachgesehen.«

Frau Eiser geht in die Nebenstube, wirft dort einen Blick auf die Pendüle und kommt mit der Nachricht zurück: »Gleich halb sieben.«

»Gleich! Gleich halb sieben!« brummt ihr Mann. »Was heißt das? Zwei, fünf oder zehn Minuten vor halb sieben? Das ist wieder eine so dumme Auskunft.«

»Aber lieber Mann,« entgegnet die gutmüthige Frau, »was kommt es doch auf ein paar Minuten an? Oder willst du vielleicht ausgehen?«

»Und wenn morgen meine Uhr nicht ganz genau geht, wie soll ich dann zur rechten Zeit bei der Arbeit sein. Ich werde –«

Herr Eiser sitzt wieder mit geschlossenen Augen, aber das letzte: »Ich werde« klang seiner Frau so befehlend in die Ohren, als wolle er sagen: »Spanne meine Geduld nicht länger auf die Probe,« und eilig begiebt sie sich wieder in die Seitenstube.

»Genau eine und eine halbe Minute vor halb sieben,« berichtet die zurückkehrende Frau.

»In Zukunft werde ich selbst nachsehen,« zankt Herr Eiser. »Aber wo hast du mein Glas, Lene? Ich habe überall gesucht und kann es nirgends finden.«

»Neben dir, Lieber, auf der Fensterbank.«

»Richtig.«

»Nun, adieu, lieber Mann, meine Eisen werden kalt.«

»Welchen Tag haben wir heute?«

»Es ist schon der vierte Juli.«

»Der vierte? Ach, richtig, da fällt mir ein, daß heute der Junge aus Lehrbeck ankommen wird.«

Frau Eiser versteht nicht, was das heißen soll.

»Was machst du für ein Gesicht?« fragt er.

»Ich? Nun, ich höre verwundert zu.«

»Verwundert? Bist du verrückt? Hundert und tausendmal habe ich es dir vorgekaut.«

»Ich will nicht selig werden, wenn das wahr – ich meine, wenn ich das behalten habe. Ein Junge zu uns ins Haus? Und wer und als was? Und wohin soll ich ihn legen?«

»Ach, laß mich zufrieden! Ich bin so müde wie ein Pferd.«

Frau Eiser würde ihren Mann gern verlassen und sich wieder an die Arbeit begeben haben, aber nach dem, was sie soeben gehört hatte, war dies unmöglich, und freundlich, aber dringend wiederholte sie ihre Frage, bis sie denn doch endlich das Wie und Was erfuhr, zum zehntausendsten Mal, wie ihr Mann sagte, der außerdem meinte, es sei gar nicht nöthig, so viel Aufhebens von der Geschichte zu machen. Der Junge sei es so gut gar nicht gewöhnt, und außerdem würde man Kost und Wohnung wohl berechnen können.

»Siehst du,« so schloß Herr Eiser, »du kannst von Glück sagen, daß ich nach dem Datum fragte, denn der ganze Philipp oder Fritz, wie er heißt, war mir aus dem Gedächtniß entschwunden. Wie spät war es doch?«

»Aber lieber Mann, du weißt es ja,« entgegnet die Frau in verdrießlich gutherzigem Tone; »es ist halb sieben vorbei. Aber ein Kostgänger! Ich kann es noch immer nicht fassen. Als unser Wilhelm von Paris zurückkam, wußte ich schon nicht, wie ich es eintheilen sollte, um Jedem sein Zimmerchen einzurichten. Mariechen muß doch auch etwas für sich allein haben. Ich bin wahrhaftig in Verlegenheit.«

Johann Daniel Eiser schlürft sein Glas Wein leer und sagt, indem er seine Augen wieder schließt: »Vor acht Uhr wird er nicht hier sein.«

Frau Eiser geht kopfschüttelnd ab. Nach einer guten viertel Stunde schlägt ihr müder Ehemann seine Augenlider wieder auf, denn es war geschellt worden.


* * *


Der Leser irrt sich nicht, wenn er in dem Jüngling, der hereintritt, Fritz Warner wiedererkennt. Mit dem kleinen Felleisen unter dem linken Arm und dem Rosinenbrot in dem an den vier Ecken zusammengebundenen Tuch in der rechten Hand, steht Fritz vor seinem reichen Vetter, der seine Haltung keinen Augenblick verändert hat.

»Ich bin es, Vetter,« sagt Fritz. »Nehmen Sie es nicht übel, daß ich etwas spät komme. Die Stadt ist so groß und –«

»Wo hast du dich umhergetrieben?« fiel hier der Malermeister dem Burschen rasch ins Wort. »Den ganzen Tag haben wir schon auf dich gewartet! Daß du mir in Zukunft niemals zu spät kommst, verstehst du? Ordnung muß sein!«

In diesem Augenblick trat Frau Eiser herein, und noch bevor Fritz sich von dem Schrecken über des Vetters unfreundliche Begrüßung erholt hatte, sagte dieser: »Nun, siehst du deine Base nicht?«

Fritz wendet sich um und sagt: »Guten Abend, Base, ich habe Grüße von Mutter Else auszurichten; sie hat mir auch einen Brief an Sie mitgegeben, er ist noch im Felleisen.«

»Also lebt die auch noch?« fällt ihm Eiser hierauf ins Wort, indem er unter die die alte Base meint, von welcher Fritz sprach und deren Wohlwollen er in früherer Zeit sehr hoch zu schätzen wußte. »Lebt die alte Else noch, und schielt sie noch mit dem rechten Auge? Sie war immer eine gute Seele. Nun, es freut mich für die Alte,« setzte er hinzu, »daß sie durch dein Weggehen etwas Erleichterung hat.«

Fritz fühlte etwas, als wenn ihm ein Stich in das Herz gegeben würde.

»Du willst also hier Maler werden?« sagt Eiser, indem er die Hände über den Magen faltet und die Augen wieder schließt.

»Ja,« antwortet Fritz, der gern noch mehr gesagt hätte. Aber er thut es nicht und drückt nur schmerzlich die Lippen auf einander.

»Bist du nicht müde und durstig, Bürschchen?« fragt Frau Eiser.

»O nein, nein, gar nicht,« entgegnet Fritz und drückt abermals die Lippen zusammen.

»Nun, ich dächte ein Glas Bier würde dir gewiß schmecken,« meinte sie freundlich;, »es erfrischt bei dieser Wärme.«

»Bist du verrückt!« ruft ihr Mann. »Du fängst gut an. Denkst du, daß solch ein Junge Wein oder Bier trinken mag? Ein Glas kaltes Wasser ist für ihn das Beste, denn zu Hause wird ihm wohl nichts Anderes gereicht worden sein.«

Wenige Augenblicke darauf überreichte Frau Eiser dem Ankömmling ein großes Glas Wasser, in welches sie heimlich etwas Wein gegossen und ein wenig Zucker gethan hat.

Kurze Zeit danach versammelt sich die Familie Eiser im Gartenzimmer zum Abendbrot. Außer Herrn und Frau Eiser erscheinen noch die beiden Kinder derselben, Wilhelm und Marie. Wilhelm ist ein feiner Herr, seitdem er von Paris zurückgekommen, wo er sich als Maler ausgebildet und einen langen Schnurrbart, Lackstiefeln und ein bleiches Gesicht zurückgebracht hat. Ein Geschäftsfreund seines Vaters hatte den jungen Menschen in sein Atelier aufgenommen, aber es besteht ein großer Unterschied zwischen Farbe und Farbe, es giebt grobe Farbe in Töpfen und feine Farbe in Blasen. Zu der ersten Sorte gehören dicke Pinsel, und außer einem gesunden Verstand muß man Mark in den Knochen dabei haben. Zur zweiten Sorte gehören, wie Einige meinen, feine Finger, geniale Gedanken, elegante Kleider und Lebensgenuß. Wie leicht wird nicht der Sohn eines einfachen Anstreichers ein großes Genie! Er nimmt etwas feine Farbe und der Arbeitsmann ist Künstler. Daß Jemand, wie der junge Eiser, der so viel natürliche Anlagen zu einem langen Schnurrbart hat, sich lange mit grober Farbe, dicken Pinseln und Schablonen aufhalten soll, ist nicht anzunehmen. Bist du toll? hatte sein Studiengenosse in Paris zu ihm gesagt. Mache es wie ich und wirf dich auf die Kunst, dann laufen dir alle Weiber nach! Es war viel Geld nach Paris geschickt worden, und nachdem der geniale junge Eiser vier Jahre seinen Studien obgelegen hatte, erhielt er zuletzt von Hause einen Brief, der nichts weiter enthielt, als die Worte: Komme sofort wieder hierher zurück! Mutter Eiser war stumm vor Erstaunen, als sie ihren Künstlersohn wiedersah. Ganz wie ein vornehmer Herr! Zwar etwas bleich, aber das kam von der großen Wärme, die in Paris herrscht. Frau Eiser fand es zwar recht schlimm, daß die Wärme eine solche Wirkung habe, aber Wilhelm war sonst ein ganz prächtiger Mensch, und seine Mutter fand die Bilder, die er mitgebracht hatte, und wovon das eine ein badendes Mädchen und das andere eine junge Dame bei der Toilette vorstellte, ganz wunderbar schön, allerdings etwas sehr bloß, aber wenn das bei der großen Wärme in Paris so sein mußte, dann hatte sie auch nichts dagegen einzuwenden. Des Vaters Zorn war bei dem Anblick der Kunstwerke seines Sohnes sofort entwaffnet. Das war etwas Anderes! Allerdings! dann sollte er die Bahn der Kunst nur weiter wandeln. Wilhelm konnte die Leiter werden, auf welcher der Name Eiser so hoch stieg, daß ihn das ganze Land anstaunen mußte.

Und Marie? Marie war ein neunzehnjähriges Mädchen, etwas bleich, etwas schlank, aber ganz hübsch und außerordentlich gutmüthig.

Während des Essens erblickte Vater Eiser plötzlich das eingepackte Rosinenbrot, und indem er darauf hindeutete, sagte er mit vollen Backen: »Was hast du denn dort?«

Zögernd und stotternd entgegnete Fritz: »Ach, wissen Sie, es ist ein Geschenk, ein Abschied, ich wollte es der Base –«

»Nun, so laß doch einmal sehen,« fiel ihm der Meister in die Rede, »etwas mitbringen und nicht auspacken, ist doch eine seltsame Manier.«

Fritz stand auf und fühlte dasselbe, was er einmal als Schulknabe empfunden hatte, als ihm der rothköpfige Philipp mit den Worten: Dieb, das ist mein Eigenthum! einen Schieferstift wegnahm, worauf der Lehrer, während Fritz selbst vor Schrecken ganz bleich geworden war, eindringlich zu ihm gesagt hatte: Pfui, Fritz, schämst du dich nicht?

Fritz überreichte das Rosinenbrot nicht dem Vetter, sondern dessen Frau.

»Aber lieber Himmel, das hättest du nicht thun sollen, Vetterchen!« sagte Frau Eiser, indem sie dem Burschen freundlich zunickte.

»Donner und Wetter!« rief Eiser, »das ist ja ein Gebäck, welches der alten Else selbst ähnlich sieht, voll Rosinen von oben bis unten.«

Es war Fritz, als müsse er aufspringen und dem vorlauten Witzemacher Stillschweigen gebieten, aber dann schien es ihm wieder, als seien seine Beine gelähmt und sein Mund gewaltsam verschlossen.

Darauf zerschnitt der Meister das Rosinenbrot und vertheilte es so gut, daß Fritz nichts davon erhielt.

Während sie noch aßen und sich in Lobeserhebungen über das Gebäck ergingen, fragte Frau Eiser den Vetter, ob er nicht auch ein Stückchen möge, aber Fritz konnte in Wahrheit darauf antworten, daß er keinen Hunger habe. Der Meister begriff dies sehr gut und begriff noch obendrein, daß solche Burschen lieber trockenes Brot essen. »Nicht wahr, Vetterchen, aus Süßigkeiten machst du dir nichts?«

Fritz war von gutherziger Art, und es würde ihm wohl unmöglich gewesen sein, das Gebäck auf die Seite zu bringen und allein zu verzehren, aber auf diese Art, das war doch zu arg!

Der erfindungsreiche Geist der Frau Eiser hatte für Fritz ein ziemlich erträgliches Schlafkämmerchen hergerichtet, sie hatte vorläufig eine Matratze auf den Boden gelegt und einen Stuhl dabei gestellt, später konnte die Einrichtung vielleicht verbessert werden.


* * *


Fritz saß am Abend lange auf und dachte an Lehrbeck, an Mutter Else, an Frau Weifelt und an Röschen. Den Pfeifenkopf mußte er doch noch einmal besehen. Es war keine Frage, in vier oder fünf Jahren mußte Röschen so aussehen. In fünf Jahren! Dann war er vielleicht schon todt, vielleicht auch Malergehülfe mit neun oder zehn Gulden in der Woche; Meister, das wurde er wohl nie! Fünf Jahre! Ob er es wohl so lange in dem Hause aushalten würde? Der Vetter war allerdings ein sehr geschickter Meister, aber seine Art und Weise hatte dem jungen Menschen gar nicht gefallen.

Fritz kam endlich aus seinem Nachdenken zu sich selbst zurück, und da er sehr müde geworden war, dachte er daran, sich zur Ruhe zu legen. Vorher aber kniete er neben der Matratze nieder, um, getreu seiner Gewohnheit, wie es ihn Mutter Else gelehrt hatte, ein Abendgebet zu sprechen. In der Angst seines Herzens mochte er wohl etwas laut dabei gesprochen haben, denn mit einem Male erschallten laute Schläge an die dünne Bretterwand seiner Kammer und eine rauhe Stimme rief: »Laß dich bei der Komödie engagiren, wenn du gern Selbstgespräche hältst. Willst du wohl den Schnabel halten.«

Fritz erschrak heftig, er sprach sein Gebet leise zu Ende, schlief bald darauf ruhig ein und träumte von seinem lieben Lehrbeck.

Daß Fritz zum Arbeiten und nicht zur Erholung bei Vetter Eiser im Hause war, darüber konnte er ruhig sein. Von Morgens früh bis Abends spät mußte er arbeiten, aber er that es gern, denn von der Arbeit sollte er ein Mann, sollte er selbständig werden. Die Selbstsucht des Meisters brachte dem Lehrling Vortheil, und Fritz lernte sein Handwerk in größter Vollkommenheit und übertraf bald den tüchtigsten Gehülfen. Zwar wurde ihm niemals eine Belohnung zu Theil und der Meister, weit entfernt, ihn durch freundliche Worte zu ermuthigen, forderte als Zeichen der Dankbarkeit immer größere Dienstbeflissenheit von ihm. Aber Fritz erkannte auch, daß das Haus des Vetters für ihn die Schule des Handwerks sei. Er machte sich den Vortheil seiner Stellung zu Nutzen und ertrug die Nachtheile ohne Murren.

Ungefähr ein halbes Jahr nach seiner Ankunft in Eiser's Wohnung verfügte er sich eines Abends nach seinem Kämmerchen, als er dem Vetter Wilhelm begegnete, der ihn aufforderte, mit ihm in seine Stube, oder, wie er es nannte, in sein Atelier zu treten.

»Du hast doch gewiß oft gewünscht, meine Stube einmal zu sehen,« meinte der junge Künstler, »komm herein, aber mache vorher die Füße gehörig rein. Warum hast du nicht schon früher darum gebeten?«

»Ich wußte nicht,« entgegnete Fritz harmlos, »daß etwas Besonderes hier zu sehen sei.«

»Das kommt davon, weil du nicht weiter denkst, als deine Nase lang ist. Siehst du gern Gemälde?«

»O ja, Vetter, wenn sie hübsch sind.«

»Denkst du, daß ein Künstler, der vier Jahre in Paris seine Studien machte, etwas Mittelmäßiges zu Wege bringen wird? Wie findest du dies Gesichtchen?«

»Dies gemalte Frauenzimmer?«

»Nun natürlich!«

»Mir scheint – ich finde –« stotterte Fritz.

»Sag' nur gradezu, verteufelt nett!« rief der junge Eiser. »Ein Mäulchen zum Verlieben, hast du jemals ein so reizendes Geschöpfchen gesehen? Und so famos gemalt?«

»Dazu hast du gewiß bestes Kremser Weiß und Zinnober genommen,« sagte Fritz ausweichend.

»Perlen vor die Schweine!« rief Wilhelm gekränkt. »Das ist eben das Höchste in der Kunst, mit wenig Mitteln so viel zu erreichen. Und weißt du auch, wer das ist?« fuhr er dann fort. »Die heilige Genovefa ist es, von der das Gedicht »Der Gang nach dem Eisenhammer« handelt, die sich mit einem gewissen Fridolin hielt und dann, wenn ich nicht irre, in Paris guillotinirt wurde, wenigstens nennen sie sie dort die Schutzpatronin der Stadt.«

»Ich habe noch nichts von ihr gehört,« sagte Fritz. »Hast du sie vielleicht gekannt?«

»Bist du toll?« lachte Wilhelm. »Es ist ja nur eine Idee, eine Phantasie, siehst du denn nicht den Schein um ihren Kopf?«

»Meinst du den gelben Kreis?«

»Dummkopf! Es ist der Heiligenschein, weißt du das nicht, du bist doch sonst so fromm? Im Uebrigen ist sie etwas leicht gekleidet, aber das will man so. Verteufelt hübsch! Nicht?«

»Ich verstehe nichts davon,« stammelte Fritz. »Was sagen denn deine Mutter und Schwester dazu?«

»Dumme Frauenzimmer!« lachte Wilhelm. »Wenn es nach deren Ansicht ginge, dann würden meine Ideale und Phantasien in ganzen Ladungen von Musselin und Kattun begraben; aber du, Vetterchen, du bist ein strammer gesunder Junge, wahrhaftig, in dir sitzt viel mehr, als man denken sollte. Sage mir nun einmal frei heraus, wie findest du meine heilige Genovefa? Stelle dich einmal hier her und sieh' von dieser Seite durch die Faust nach dem Bilde hin. Nun, was meinst du? Wie findest du sie?«

Fritz schwieg einige Augenblicke und sagte dann: »Offen gesagt, Vetterchen, sehr unanständig.«

Von diesem Augenblicke an war Fritz dem jungen Künstler ein Horreur.


* * *


Wenn Frau Eiser aus natürlicher Gutherzigkeit nichts gegen unseren Malerlehrling hatte und sogar dafür sorgte, daß es ihm besser ging, als es ihr Ehemann eigentlich wollte, so war ihre Tochter Marie dagegen gradezu glücklich über den neuen Hausgenossen. Marie war ein gutes Geschöpf und sie konnte nichts dafür, daß sie keine Schönheit war, eben so wenig, wie sie dafür konnte, daß ihr Vater sie bei jeder Gelegenheit durch rauhe Redensarten auf das Tiefste verletzte und der Bruder ihr allen Verstand und alle Bildung absprach. Marie war eben nur ein höchst einfaches Bürgermädchen, aber Fritz fand sie sehr liebenswürdig und lange nicht so dumm, wie man sie nannte. Anfänglich mag das Mitleid ihn für das Mädchen eingenommen haben, bald aber fand er, daß sie ein vortreffliches Herz hatte und daß man sie auch um ihrer selbst willen lieb haben konnte.

»Schon bei der Hand, Bäschen?« fragte er eines Morgens früh, als er, durch das herrliche Wetter herausgelockt, eine Stunde früher als gewöhnlich aufgestanden war und das Mädchen mit einer Näharbeit im Garten antraf.

Marie erschrak bei der unerwarteten Anrede und machte eine Bewegung, als wolle sie ihre Näharbeit verbergen, aber bald fiel ihr ein, daß dies vor dem jungen Menschen nicht nöthig sei, und sie fragte ihn freundlich, ob er gut geschlafen habe und ob ihn der schöne Morgen ins Freie locke.

»Ja, Bäschen, ich bin gern früh des Morgens im Freien und komme hier doch so selten dazu. In Lehrbeck brachte ich jeden Morgen einige Stunden im Freien zu, bald beim Schäfer, bald bei anderen Freunden, und dadurch bin ich so gewohnt, ein paar Frühstunden herumzuschlendern, aber jetzt, wo ich dich so eifrig arbeiten sehe, schäme ich mich fast meiner Trägheit.«

Marie wurde roth und sagte hastig: »Du mußt nicht davon sprechen, Fritz, der Vater würde es nicht in der Ordnung finden; ich bin darum so früh aufgestanden, weil meine Eltern und Wilhelm nichts von dieser Arbeit wissen sollen. Du hast sie zufällig gesehen und wirst mich hoffentlich nicht verklatschen.«

Fritz versprach fest, daß er die frühzeitige Arbeitsamkeit des Mädchens nicht zur Sprache bringen wolle, aber er sah Marie fragend an, als wolle er sagen: Ist es denn etwas Böses, daß du arbeitsam bist? Nein, ein Unrecht war es nicht, aber der egoistische Vater würde sich keine Vorstellung machen können von einer Liebesthat, die nicht ihn beträfe; er würde fragen: Nun, Marie; schon so eifrig? Gewiß meine neuen Hemden? Und wenn dann die Mutter hinzusetzte: Was ist es für eine Arbeit, mein Kind? so würde das arme Mädchen stottern und keine Antwort hervorbringen. Der Vater würde vielleicht darauf sagen: Wir müssen das arme Mädchen nicht in die Klemme bringen, sie hat gewiß irgend etwas für meinen Geburtstag unter den Händen! Das Eifergenie aber würde die Vermuthung aussprechen, daß seine Schwester gewiß irgend eine geheime Liebschaft habe und ihrem Herzallerliebsten ein Dutzend Vatermörder arbeite. Auf diese Weise würde sich Marie endlich genöthigt sehen, ihr Geheimniß zu verrathen, so gern sie es verschwiegen hätte.

Friedrich Groß, der Gehülfe ihres Vaters, der vor einem halben Jahre von der Leiter gefallen war, hatte einen blinden Vater und zwei arme Schwestern zu Hause, die während der Krankheit des Schwerverwundeten sich in der bittersten Noth befanden, denn der alte Groß konnte schon seit mehreren Jahren gar nichts mehr arbeiten und die beiden Mädchen mußten durch ihre Näharbeit für Alles sorgen. Vater Eiser hatte gesagt, Friedrich's eigene Ungeschicklichkeit sei daran schuld; wahrscheinlich habe er nach einem Dienstmädchen oder sonst etwas gesehen und dabei die Arbeit versäumt; es sei gewiß für drei Gulden Farbe mit ihm auf die Straße gefallen. Dabei gedachte er nicht das Geringste für den Armen zu thun.

»Herr Eiser,« hatte der Pastor zu ihm gesagt, »ich hoffe, Ihre christliche Liebe wird Sie veranlassen, den armen Leuten einigermaßen beizustehen.«

»Ohne Zweifel, Herr Pastor,« war die Antwort gewesen, »sehen Sie, mein Herz treibt mich dazu, aber ich habe auch sittliche Verpflichtungen meinen Kindern gegenüber.«

Nach langem Hin- und Herreden gestattete er endlich, daß der Pastor wöchentlich fünf Groschen für die Haushaltung des Verunglückten von ihm abholte.

Die Mildthätigkeit anderer Menschen anzureden, dazu war die Familie Groß zu feinfühlend, und so mußten die armen Mädchen ihre Arbeit verdoppeln, um nur einigermaßen durchzukommen.

»Sieh, Fritz,« schloß Marie, »Dorothea Groß bringt mir zuweilen etwas von ihrer Näherei, ich stehe früh auf und kann dann, ohne daß der Vater etwas bemerkt, ein ganzes Stück Arbeit thun, aber du mußt nicht davon reden, denn ich glaube sicher, daß der Vater mich deshalb auszanken würde.«

»Auszanken?« rief Fritz und seine Augen funkelten.

»Leider!« sagte das Mädchen, dem es in diesem Augenblicke war, als höre sie schon die Worte des Vaters: Was? So weit ist es mit dir gekommen, und du willst das Bettelpack am Ende gar in die Familie bringen. Du denkst wohl, es ist besser, einen Mann, dem ein Arm oder Bein fehlt, als gar keinen zu haben! Du solltest dich schämen, Mädchen! Keinen Stich mehr, hörst du, denn man könnte wahrhaftig meinen, daß ich deine verliebte Narrheit begünstigte.

Während Marie so dachte, schien sie dem Jüngling, wie sie so da saß und mit der Nadel eifrig an der Leinwand arbeitete, immer schöner zu werden. Schweigend saß er lange Zeit an ihrer Seite, und indem er auf die Arbeit blickte, die sie verrichtete, wurde es ihm immer mehr klar, daß der innere Werth den Menschen höher stelle, als alle äußeren Vorzüge.


* * *


Der 5. September war für die Familie Eiser stets ein wichtiger Tag, denn er war der Geburtstag des Mannes und Vaters, des Herrn Johann Daniel in eigener Person. Man kann sich denken, welche Last von Sorgen dieser Tag der guten Frau Eiser bereitete. Herr Eiser hielt darauf, daß ein solcher Tag festlich begangen wurde, ohne daß es zu viel in die Kosten lief. Des Morgens früh mußte die Feierlichkeit bereits ihren Anfang nehmen. Er liebte es dann, beim Frühstück seinen Stuhl mit Blumen geziert und an seinem Platz ein Bouquet zu finden. Die Geschenke mußten hübsch aufgestellt sein, und die Kinder waren von frühester Jugend daran gewöhnt, ihrem Vater am 5. September ein Angebinde zu geben, wozu ihre Sparbüchse herhalten mußte.

Gegen Ende August sagte die Mutter regelmäßig: »Mann, die Kinder möchten gern ihre Sparbüchsen einmal nachsehen.«

»So?« sagte er dann; »aber nichts herausnehmen, hört Ihr!« Und dann gab er sie hin und bekam sie stets leer zurück, aber davon merkte er niemals etwas.

An solchem Festtage hielt Herr Eiser außerordentlich viel von Ueberraschungen, und da die Mutter, um die Wahrheit zu sagen, in solchen Dingen äußerst ungeschickt war, so ging ihr der Vater manchmal etwas zur Hand, indem er ihr gegen Ende der Hundstage von allerlei Ueberraschungen erzählte, die in früheren Jahren zur Ehre von Freunden und Verwandten stattgefunden hatten.

Eine solche Ueberraschung, die natürlicherweise ganz unerwartet kam, mußte nothwendigerweise stattfinden, wenn grade die meisten Gäste anwesend waren, welche kamen, um Glück zu wünschen. Bisher kamen stets Besuche genug am 5. September, denn zwei Tage zuvor stand die gute Frau Eiser von früh bis Abends beschäftigt, Vorbereitungen zu treffen, damit die freundlichen Gratulanten eine kleine Erquickung zu sich nehmen konnten.

Der 5. September war angebrochen und der Held des Tages befand sich in einer so festlichen Stimmung, daß er sich fast verwunderte, als er die Kirchthürme nicht mit Fahnen geschmückt sah.

Langsam und im Bewußtsein seiner vollen Würde trat er, mit seinen besten Kleidern angethan, aus seiner Schlafkammer und ging die Treppe hinunter in das Frühstückszimmer, um sich dort festlich empfangen zu lassen.

Langsam und mit niedergeschlagenen Augen kommt Fritz in demselben Augenblicke die Treppe herauf. Es ist ihm anzusehen, daß er in einer sehr betrübten Stimmung ist. Herr Eiser räuspert sich.

Fritz, der den Vetter nicht sogleich bemerkt hat, blickt auf und sagt: »Guten Morgen, Vetter.«

»Sonst nichts?« fragt der Vetter nach einer Pause mit einem besonderen Nachdruck auf das Sonst.

Der junge Mensch blickt den Vetter einigermaßen verwundert an und sagt dann: »Ja, Vetter, ich habe diesen Morgen eine traurige Nachricht bekommen. Mutter Else –«

»Bist du rasend?« ruft das Geburtstagskind, indem es blutroth im Gesichte wird. »Weißt du nicht, was sich schickt, wenn du mich zum ersten Male an diesem Tage siehst? Du denkst wohl nur an dich selbst und nicht an das, was Andere angeht?«

Fritz sieht sich ängstlich um, denn er weiß wirklich nicht, woher der Wind weht, und sagt: »Vetter, ich verstehe Sie nicht.«

»Das ist doch, so alt ich bin, zum ersten Male, daß mir das geschieht,« spricht das Geburtstagskind. »Weißt du nicht, Bursche, daß dein Meister und Vetter heute seinen Geburtstag feiert?«

»Ich weiß es,« sagt Fritz, »und wünsche Ihnen Gottes besten Segen dazu, aber der Kummer über meine liebe Pflegemutter ließ mich allein an diese denken.«

»Was auch geschehen sein mag,« entgegnet Eiser höchst entrüstet, »ich wünsche nicht, daß anderer Leute Kummer mir die Freude dieses Tages verbittere. Ein solches Ohrwurmsgesicht will ich nicht sehen. Du hast wirklich wenig Gefühl für deinen Vetter und Wohlthäter!« Nachdem er dies gesagt hat, geht er gravitätisch weiter und Fritz begiebt sich traurig auf seine Kammer.

Nicht ohne Ursache hatte sich auf des armen Fritz Stirn eine düstere Wolke gelagert. Ein Arbeitsmann, der von Lehrbeck gekommen war, hatte dem armen jungen Menschen die Nachricht gebracht, daß Mutter Else krank sei; er solle ja nicht erschrecken oder ängstlich sein, hatte der Bote hinzugesetzt, es sei durchaus keine Gefahr dabei, aber freilich, sie sei alt; übrigens sei es nicht schlimm und sie befände sich nur etwas unwohl und sonst sei Alles beim Alten, ausgenommen, daß in Lehrbeck gegenwärtig das Nervenfieber herrsche.

Dieser eigenthümliche Bericht traf das gefühlvolle Herz des jungen Mannes sehr stark. Die künstliche Freude, welche heute im Hause des Vetters herrschen sollte, konnte er nicht theilen und es wäre ihm unmöglich gewesen, zufolge des Programms, als Anführer der Gehülfen und Lehrlinge ein Gedicht vorzulesen, in welchem doch nur Lügen standen, und dem Vetter zum Schluß einen Kranz auf den Kopf zu setzen, in welchem sich drei Rosen befinden sollten: eine gelbe, als Sinnbild seiner Frau, eine rothe, welche den Sohn, und eine weiße, welche die Tochter bedeuten sollte. Er hatte wenig Lust, um Schlag zwei Uhr, wie es im Programm der Feier festgestellt war, nach der Gemäldeausstellung mitzuziehen, wo das ganze Eiser'sche Haus die ausgestellten Bilder und ganz besonders die heilige Patronin von Paris bewundern sollte, die von dem Künstler dort hingesendet war. Er hatte überhaupt keine Lust zu Festlichkeiten und Vergnügungen. Seine geliebte Pflegemutter war krank, jedenfalls weit schlimmer, als sie ihn hatte wissen lassen; bei ihr war sein Herz und seine Sorge und außerdem gedachte er all der Lieben in Lehrbeck, die von der gefährlichen Krankheit bedroht sein konnten.

Das Gedicht zur Ehre der Geburtstagsfeier, von dem wir bereits sprachen, war ganz besonders für diese Gelegenheit durch den Gelegenheitsdichter Herrn Kalk verfertigt. Kalk wohnt gegenwartig in einer Kellerwohnung, und über dem Eingange liest man auf einem Schilde die Worte: »Im Sängerthal. Alle Arten Gelegenheitsgedichte zu fröhlichen und traurigen Anlässen, sowie auch Toaste sind hier zu haben bei J. Kalk, Dichter und Schriftsteller.«

Das Gedicht des genannten Dichters, welches für den Geburtstag bestimmt war, und worin auch des Kranzes mit den drei Rosen auf das Sinnreichste gedacht wurde, verherrlichte den Meister so außerordentlich, daß man selbst für einen Engel des Himmels keine schöneren Ausdrücke hätte finden können.

Die gute Frau Eiser war nicht wenig in Verlegenheit, als Fritz, nachdem er Einsicht von dem Gedichte genommen hatte, erklärte, solch' eine Vergötterung werde er niemals aussprechen. Frau Eiser hatte den Vorschlag gemacht, man könne hier und da einige Worte auslassen, aber bald hatte sie eingesehen, daß das Gedicht dann überhaupt kein Versmaß und keinen Reim mehr habe. Wer aber außer Fritz sollte das Gedicht vortragen? Die Gehülfen wußten wohl sonst mehr zu plaudern als nöthig war, aber bei solcher Gelegenheit drückte sich jeder hinter des Anderen Rücken. Groß, der früher wohl das Wort geführt hatte, war durch den erlittenen Beinbruch außer Stande dazu, und Frau Eiser sprang eilig, nachdem ihr Mann in die Frühstücksstube eingetreten war, nochmals nach oben, um zum letzten Male zu versuchen, ob Fritz sich bewegen lasse, den Vortrag des Gedichtes zu übernehmen. Sie machte ihn darauf aufmerksam, daß der Kranz mit den Rosen bereit liege und daß Vetter Eiser gewiß sehr erzürnt sein werde, wenn die Sache nicht ihren gehörigen Verlauf nehme.

Fritz sah die bittende Frau freundlich und fast mitleidig an, und indem er das Gedicht zur Hand nahm, fragte er: »Aber kann ich denn Vetter Eiser in das Gesicht sagen:


Die Stirne strahlt von heiliger Klarheit,
Dein Stolz ist die Bescheidenheit,
Dein reiner Mund sprach nie Unwahrheit,
Nur Segen deine Hand verleiht;
Die Engel Gottes schauen hernieder
Und bieten dir den Göttertrank,
Als Lohn dem Manne, der so bieder,
Und dessen Seele rein und blank.


Es ist zu albern, zu albern!« rief der junge Mensch mit einem erzwungenen Lächeln. »Liebe Base,« fuhr er dann in eindringlichem Tone fort, »ich bitte Sie, unterlassen Sie diese Albernheit. Wenn der Vetter wirklich so ist, wie Meister Kalk ihn besingt, dann muß solche übertriebene Lobhudelei sein bescheidenes Herz unangenehm berühren, und wenn nicht –«

»Gott im Himmel, die Ueberraschung, die Ueberraschung!« unterbrach ihn Frau Eiser. »Ich gebe zu, daß Alles wahr ist, was du da sagst, aber wenn mein Mann heute keine Ueberraschung erlebt, wird er wüthend. Fritz, ich bitte dich –«

Aber Fritz, so schwer es ihm auch wurde, der armen Base etwas abzuschlagen, und so sehr er sonst bereit war, jedem ihrer Winke zu folgen, um ihren geringsten Wünschen nachzukommen, war doch in diesem Punkte unerbittlich.

Nein, er durfte und konnte es nicht.

»Schlechter Mensch!« rief die arme Frau des Mannes, dessen einziger Stolz die Bescheidenheit war. »Schlechter Mensch!« rief sie, denn die Furcht hatte sie dazu getrieben, den guten aufrichtigen Jungen zu verkennen, und feuerroth, weniger aus Zorn als aus Furcht, verließ sie rasch das kleine Zimmerchen.

In größter Unruhe wurde das Frühstück von ihr genossen, und ihr Ehemann, der bereits durch die Begegnung mit Fritz und die Besichtigung der Geschenkes die nicht ganz nach seinem Wunsch ausgefallen waren, unangenehm gestimmt war, konnte nicht begreifen, daß grade heute seine Frau so unaufmerksam war und ihn beim Frühstück schlecht bediente.

Kaum war das Frühstück vorbei, so winkte Frau Eiser ihrem Manne, einen Augenblick mit ihr aus dem Zimmer zu kommen.

»Was willst du?« fragte Eiser.

»Komm einen Augenblick heraus,« antwortete die Frau, während sie puterroth wurde.

»Soll ich sogar heute noch jedem deiner Winke gehorchen!« sagte Eiser. »Komm hierher, wenn du mir etwas zu sagen hast.«

Zögernd näherte sie sich ihm und theilte ihm mit aller Vorsicht, und so leise, daß Marie, die ebenfalls im Zimmer war, es nicht hören konnte, die Nachricht mit, daß die Ueberraschung, welche er selber ausgedacht hatte, an Fritzens Weigerung Schiffbruch zu leiden drohe.

»Kannst du nicht fortgehen, wenn deine Eltern Geheimnisse besprechen!« sagte der Meister zu Marie, die grade beschäftigt war, die Krumen, die um seinen Stuhl lagen, zusammenzufegen, und er stieß sie dabei mit dem Fuße.

Marie seufzte auf und ging fort.

»Der verfluchte Junge!« rief das Geburtstagskind voll Aerger, als das Mädchen das Zimmer verlassen hatte. »So ein Esel! Er will nicht? Das werde ich ihn lehren!«

Und Herr Eiser war bereits aufgestanden, um den Vetter Mores zu lehren, als seine Frau ihn noch zur rechten Zeit daran erinnerte, wie er auf diese Weise verrathen würde, daß die Ueberraschung ihm vorher bekannt war.

In diesem Augenblicke ging die Thür auf und Fritz trat herein.

»Vetter Eiser,« fing er an, und die ängstliche Besorgniß war ihm auf dem Gesichte zu lesen, »obschon Sie vorhin mir sagten, daß Sie sich die Freude dieses Tages nicht durch anderer Menschen Leid wollten stören lassen, so sehe ich mich doch genöthigt, Ihnen mitzutheilen –«

»Schweig'!« fiel ihm Eiser in die Rede, und er würde gewiß noch mehr hinzugefügt haben, hätte ihn nicht die rechtzeitige Bemerkung seiner Frau von vorhin davon abgehalten.

»Es thut mir leid, Vetter Eiser, aber ich bin doch genöthigt, Ihnen zu sagen, daß ich eine unwiderstehliche Neigung fühle, meine gute Mutter Else zu besuchen. Sie ist krank und die schreckliche Furcht drückt mich, daß der Zustand der guten alten Frau schlimmer ist, als der Bote mir zu sagen wagte. Ich möchte noch heute so schnell als möglich –«

»Heute, heute!« rief Eiser mit zornigem Ausdruck. »Undankbarer! kann es dein böses Herz über sich gewinnen, an einem solchen Tage wo anders hin zu verlangen? Das nenne ich Mißachtung und Beleidigung. Mit Wissen und Willen Pläne zu stören, das heißt, ich meine, ich wollte sagen, daß du die größte Plage bist, die ich je im Hause gehabt habe, daß ich dich gern missen will, und daß auch ohne dich Alles zu Ende geführt, ich meine, daß du meinetwegen gehen kannst, wohin du willst. Aus meinen Augen, fort! O, welch' ein Aerger!«

Fritz hielt es für überflüssig, noch etwas zu sagen. Der wüthende Meister schnippte einmal über das andere mit den Fingern vor Aufgeregtheit. Seine Frau suchte nach Kölnischem Wasser, und Fritz wendete sich nach der Thür.

Bevor er jedoch das Zimmer verließ, blieb er noch einen Augenblick stehen und sagte im ruhigen Tone: »Wenn Sie mich gehen lassen, möchte ich Sie um mein Taschengeld bitten, das mir noch von fünf Wochen zukommt, ich werde es für die Reise nöthig haben.«

Eiser's Antwort auf diese gerechte Forderung war derartig, daß wir sie lieber verschweigen wollen. Wir bemerken nur, daß er den Jungen mit widerlichem Gelächter verhöhnte und ohne das ihm rechtmäßig zukommende Geld abziehen ließ.

Als Fritz darauf in seine Kammer kam, zählte er den Inhalt seiner Geldbörse wieder und wieder nach, aber so viel er auch zählte, es wurde nicht mehr und die kleine Summe reichte nicht aus, um mit der Eisenbahn bis zu der Station zu fahren, von wo aus er dann nach Lehrbeck zu Fuße gelangen konnte.

Rathlos starrt der arme Junge vor sich hin, da mit einem Male hört er den jungen Herrn des Hauses ein französisches Liedchen trällern.

Ein Gedanke kommt ihm. Er zögert einige Augenblicke und tritt dann in das Zimmer des jungen Künstlers.

Dieser steht, mit einer großen Haarbürste bewaffnet, vor dem Spiegel und giebt eben seiner Frisur die letzte Vollendung. In großer Toilette wird er gleich darauf im Familienkreise erscheinen, weniger zur Ehre des häuslichen Festes, als des Besuches willen, der der Gemäldeausstellung zugedacht ist.

Die Art und Weise, wie Fritz empfangen wird, ist nicht sehr liebenswürdig und dem armen Jungen schwindet aller Muth, um das, was er so sehr bedarf, zu erbitten.

»Vetter Wilhelm,« sagt er endlich, »ich fürchte, daß meine geliebte Pflegemutter gefährlich krank ist. Die arme Alte, liegt so verlassen und ich möchte gern zu ihr eilen, wenn ich –«

»Meinetwegen kannst du ausrücken!« ruft der Künstler, indem er mit einem letzten Bürstenstrich seine geniale Haartour vollendet.

Fritz bleibt einen Augenblick in Verlegenheit stehen, dann aber ermannt er sich und fährt fort: »Sieh' einmal, Vetter Wilhelm, die Pfeife, die du immer so schön fandest; so leid es mir thut, sage, würdest du mir drei Gulden darauf leihen? Ich bin so sehr in Verlegenheit.« Und Fritz reicht dem Vetter mit zitternder Hand das Geschenk hin, von dem er sich nie trennen zu können geglaubt hatte.

»Für dies häßliche Ding soll ich drei Gulden geben?« lacht Wilhelm mit der Geberde der Verwunderung. »Daß ich ein Narr wäre! Merci, ich habe keine Lust dazu. Und dir Geld leihen? Ich glaube gar! Der Wein, der Wein, der Wein, das Spiel, die Schönen!« singt er darauf mit ohrzerreißender Stimme.

Als Fritz sich entmuthigt und traurig zurückzieht, begegnet er grade der Frau Eiser, welche soeben als letzte Auskunft zu ihrem Sohne eilt, um diesen zu bestimmen, daß er das Gedicht recitire, welcher Bitte der junge Künstler, wahrscheinlich, nachdem ihm seine Mutter verschiedene Gegenleistungen zugesagt hat, Gehör schenkt.

Es schien also, als ob Niemand Mitleiden mit der Sorge des armen Burschen empfand, Niemand ihm zu Hülfe kommen wollte, und doch war Jemand , im Hause, der dies that.

»Warum stehst du da so traurig, Fritz?« fragt ihn Marie, als er, in trübe Gedanken versunken, an der Hausthür stehen bleibt. In wenigen Augenblicken hat das Mädchen erfahren, was die Ursache der trüben Stimmung des guten Fritz ist.

»Du hängst wohl sehr an deiner alten Tante, nicht wahr, Fritz?« fragte sie.

»Ach, du kannst nicht begreifen, Marie, wie sehr mir die gute Mutter Else am Herzen liegt. Und sie nun krank, vielleicht gefährlich krank zu wissen, ohne zu ihr kommen zu können, siehe, das ist – –« aber er unterdrückte seine Worte, denn er wollte die arme Tochter nicht mit einer Anschuldigung des Vaters kränken. Bald darauf setzte er hinzu: »Wenn dein Vater mir das rückständige Taschengeld gegeben hätte, würde ich sofort abgereist sein, aber es nimmt sich eben Niemand meiner an und selbst auf diese schöne Pfeife, die ich noch gar nicht in Gebrauch hatte, will dein Bruder mir keine drei Gulden leihen.«

»Du hast also drei Gulden für die Reise nach Lehrbeck nöthig?« fragt Marie.

»Ach ja!« seufzt Fritz, und setzt nach einer Pause hinzu: »Ich würde gern zu Fuß gehen, aber die Reise ist gar zu weit und die kostbare Zeit geht mir damit verloren.«

»Es ist traurig!« sagte Marie und ging fort.

»Auch sie!« lispelte der junge Mann mit unterdrücktem Verdruß. »Auch sie weiß weder Hülfe noch Rath für mich! Auch sie weiß nichts von Mitleid!« Er stützte den Ellenbogen gegen die Mauer und den Kopf in die Hand und sann lange über ein Mittelnach, um sein Ziel zu erreichen, aber es kam kein Licht in seine Gedanken.

Da mit einem Male hörte er eine sanfte Stimme seinen Namen rufen, er sah um und erblickte Marie, die ihm winkte, mit ihr zu gehen. Bald standen sie in der einsamen Malerwerkstatt sich gegenüber.

Man konnte nicht sagen, daß Marie schön sei, aber in diesem Augenblicke hatte ihr Gesicht einen unaussprechlich lieblichen Ausdruck, sie hielt die Augen niedergeschlagen, und während ein sanftes Roth ihre Wangen färbte, sagte sie: »Es thut mir so leid, daß du über die Krankheit deiner Tante bekümmert bist und kein Geld hast, um zu ihr zu reisen. Wenn du es nehmen willst, Fritz, hier sind zwei und ein halber Gulden. Du weißt, wofür ich sie gespart habe, aber das schadet nichts, Groß kann schon wieder etwas verdienen mit kleiner Malerarbeit, die er recht hübsch mit seiner linken Hand ausführt. Nimm also nur das Geld, Fritz, um deinetwillen und der alten Else willen möchte ich, daß du nach Lehrbeck reisest.«

Aus froher Ueberraschung hatte Fritz anfänglich eine Farbe wie Feuer bekommen. Die gute Marie! Aber sein Gesicht erhielt bald wieder den trüben Ausdruck von vorhin.

»Gutes Mädchen,« sagte er, »wie soll ich dir für den Beweis zartfühlender Bereitwilligkeit danken? Aber nein, Marie, du hattest dies Geld für einen Armen bestimmt und darum, siehst du, darum allein kann ich es nicht annehmen, denn ich würde den Armen dessen berauben.«

Fritz blieb betrübt vor dem Mädchen stehen, die in Verlegenheit gerieth. Er schlägt das Anerbieten ab und doch würde er das Geld so unaussprechlich gern von ihr annehmen.

Das Einzige, was er von einigem Werthe besitzt, obgleich dieser Werth nur größtentheils in seiner Einbildung besteht, ist seine Pfeife, die Pfeife, ans welcher Röschen's Bild gemalt ist.

»Hier! Hier!« ruft er mit einem Male lebhaft, »hier ist die Pfeife und Röschen's Bild dabei, ja, nun darf ich dein Geld nehmen. Wenn du in acht oder vierzehn Tagen das Geld nicht zurück hast, so kannst du sie verkaufen, nein, nicht verkaufen, aber versetzen, denn ich habe gehört, daß es hier ein Haus gießt, in welchem man stets Geld auf Pfänder leihen kann, dort würde ich sie denn doch einmal wieder einlösen können!« Damit holt er sein Kleinod zum Vorschein, reicht es der hülfbereiten Marie im Tausch für die so sehnlich erwarteten Geldstücke hin und fragt schließlich noch: »Du hebst sie mir doch gut auf, nicht wahr?« Mit welchen Worten er beweist, wie wenig er daran denkt, daß seine Pfeife aus ihren Händen in andere übergehen könne.

Nun hat Fritz Reisegeld, er giebt seinem Bäschen einen dankbaren Händedruck und eilt davon.

Nachdem er sich entfernt hatte, betrachtete das Mädchen den Gegenstand, auf den er so viel Werth legte. Es war ein hübsches Mädchen, dessen Bild auf dem Pfeifenkopf prangte. Marie wußte wohl, daß ihre Augen nicht so groß, ihre Nase und ihr Mund nicht so schön geformt waren.

Als Fritz gleich darauf, mit einem sehr kleinen Bündelchen unter dem Arm, noch einmal hereinkam, sich von ihr verabschiedete und eilig das Haus verließ, war sie sehr roth geworden, aber sie wünschte ihm von Herzen eine gute Reise.


* * *


Bevor wir unseren Jüngling auf seinem Zuge nach Lehrbeck begleiten, werfen wir erst noch einen flüchtigen Blick auf den Verlauf des Festes, dessen Held Johann Daniel Eiser war. War die Illusion der Feierlichkeit schon am frühen Morgen ein wenig gestört worden, so mußte das, was später folgte, einen Mann wie Meister Eiser bitter kränken und im höchsten Grade erzürnen.

Es kamen nicht viele Briefe und Besucher, sogar weniger als im vorigen Jahre, wo die Sache schon etwas lahm war. Kein Brief von Freund Heller, dem Farbenlieferant; Vetter Park, der Müller, war nicht mit seiner Lida gekommen, der Architekt Reißmann hatte keine Karte geschickt.

»Unbegreiflich!« sagte Frau Eiser, »selbst Bruno kommt nicht, der dir doch Alles verdankt, nicht wahr, Mann?«

»Alles!« sagte Eiser.

»Es ist unbegreiflich!« wiederholte seine Frau.

So unbegreiflich war das nun nicht, wenn man bedenkt, wie oft die Fehler der Menschen immer größer werden und die Selbstsucht des Herrn Eiser nachgerade zu einer Höhe gestiegen war, daß er allen Bekannten vor den Kopf stieß. Die Wenigen, welche Besuche machten, waren solche, die ihren Vortheil dabei im Auge hatten und sich die Kundschaft des Malermeisters erhalten wollten.

Es war schade, daß die Freude des Tages immer mehr getrübt wurde! Sehr schade in-Bezug auf die Ueberraschung, denn obgleich die Zusage einer tüchtigen Belohnung den Künstler bestimmt hatte, Fritzens Rolle zu übernehmen, so trat doch ein Umstand ein, der es verhinderte, dieselbe nach Wunsch durchzuführen.

Von sieben Malergehülfen in ihrer Sonntagstracht und mit feierlichen Mienen begleitet, trug Wilhelm das Gedicht mit ausgezeichnetem Pathos vor.

Als aber die Schlußstrophe kam:


Wir wollen nun den Festeskranz
Um deine Schläfe ziehen,
Den Kranz, worin im schönsten Glanz
Drei zarte Rosen blühen – –


da kam bereits bei der letzten Reihe die zweite Rose in eine schreckliche Verlegenheit, so daß sie in Stottern gerieth, während die erste Rose rother wurde, als Rosen zu sein pflegen. Denn wo war der Kranz? Vergeblich sah sich Frau Eiser danach um.

»Das ist recht unangenehm!« rief der gefeierte Vater.

»Vielleicht ist er oben,« sagte der Künstler und verließ eilig das Zimmer. Die Mutter eilte ihm nach und Marie folgte, um suchen zu helfen. Die Gehülfen zogen sich in ein Häufchen zusammen, einige waren verlegen, andere lachten schadenfroh. Die wenigen Gäste saßen mit traurigen Gesichtern, und Eiser, welcher sich den Anschein geben wollte, als wisse er gar nicht, um was es sich handle, fragte: »Was ist denn geschehen? Ich begreife gar nichts davon!«

Der Kranz wurde gesucht, überall gesucht, aber nirgends gefunden. Die Mutter hatte ihn nämlich in Wilhelm's Kammer vorsichtig auf einen Stuhl niedergelegt, Wilhelm hatte unvorsichtigerweise seine Hauskleidung darauf geworfen und das Dienstmädchen beim Reinigen des Zimmers Alles zusammen aufgehoben und aufs Bett gelegt.

Erst als der Künstler Nachts zu Bett ging, fand er den Kranz mit den Rosen.

Nach der Eintheilung des Tages begab sich hierauf die Familie Eiser mit sämmtlichen Besuchern, die Zeit und Lust dazu hatten, nach der Gemäldeausstellung. Unterwegs fand das Geburtstagskind Gelegenheit, sich gegen seine Ehehälfte über die unverzeihliche Anordnung der Festlichkeit auszusprechen. Die arme Frau that Alles, um ihn zu beruhigen und vertröstete ihn, um die mißglückte Rosengeschichte ihm aus dem Kopfe zu bringen, auf den Genuß, der ihnen jetzt bevorstand.

»Meine Freikarte!« sagte Wilhelm sehr hochmüthig zu dem Portier der Ausstellung.

»Wer sind Sie?« entgegnete dieser.

»Wilhelm Eiser.«

»Eiser, Eiser? Richtig, hier ist sie.«

Wilhelm wollte hineingehen und winkte den Uebrigen zu folgen.

»Mit Erlaubniß, meine Herren und Damen,« sagte der Portier, »dort bei jenem Herrn sind die Karten zu fünf Groschen zu haben.«

»Aber ich bin der Vater dieses Herrn,« sagte Meister Eiser unwillig, indem er auf Wilhelm deutete.

»Viel Ehre für Sie,« entgegnete der Portier, »aber trotzdem muß ich Sie bitten, eine Karte zu nehmen.«

Wilhelm hatte gesagt, daß sie Alle auf seine Karte eintreten könnten, und es gereichte dem Vater daher nicht zu geringem Verdruß, als er nun für sich und seine acht Begleiter bezahlen mußte.

Als sie darauf eingetreten waren, begann ein Suchen, welches noch viel peinlicher war, als zuvor zu Hause das Suchen nach dem Kranze mit den Rosen.

Sie suchten alle Zehn in den großen Sälen, in den kleineren Sälen, in den Zimmern und den Gängen, aber die heilige Genovefa war nirgends zu finden. Zum dritten Mal betrat der Künstler mit seinem Gefolge eins der Verbindungszimmer, als er von der Seite ein unterdrücktes Lachen vernahm und eine flüsternde Stimme, welche sagte: »Wenn du die vielen Bilder in den Sälen gesehen hast, so komm einmal hierher, um zu lachen. Sieh' dir nur einmal da oben das Kunststück an!«

Wilhelm folgte der Richtung des deutenden Fingers, es war seine Genovefa.

»Bei meiner Seele, was für ein Ding!« flüsterte der Andere. »Eine Dame im pfirsichblüthen Tricot in einem Petersiliengarten, ein Kalb mit Hirschohren dabei, es ist gräßlich!«

»Gott bewahre uns! Wer ist der Verbrecher?«

Der Andere schlägt im Kataloge nach.

»Nr. 420. Wilhelm Eiser. Eine neue Berühmtheit! Die heilige Genovefa. Arme Heilige, daß dir so etwas geschehen muß!«

»Laß uns gehen, ich ersticke vor Lachen!«

»Was haben Sie über das Bild zu sagen?« klingt plötzlich eine Stimme von der Seite.

»Ueber welches?« fragt der Herr, der vor Lachen ersticken will, indem er sich etwas erschreckt nach dem Frager umsieht.

»Ueber welches? Nun, über dieses!« sagt Johann Daniel Eiser, während er auf das Kunstwerk seines Sohnes zeigt.

»Ist es von Ihnen?«

»Ja, mein Herr, es ist von mir, und darum, sehen Sie, möchte ich wohl wissen, was Sie darüber zu sagen haben?«

»Zu sagen?« klingt die Antwort. »Wenn wir uns erlaubten, über irgend etwas eine Bemerkung zu machen, so betraf es den schlechten Platz, den man Ihrem Gemälde angewiesen hat. Hinge dasselbe tiefer und besser im Licht, so würde es noch mehr Vergnügen bereiten.«

Hierauf entfernten sich die Herren mit einem höflichen Gruße.

Und die Familie Eiser mit ihren Gästen?

Sie machten ihrer Entrüstung über die schändliche Placirung des Gemäldes in gedämpftem Tone, aber in starken Ausdrücken Luft. Die Gäste, welche, anstatt eines glänzenden Triumphes, eine jämmerliche Niederlage mit angesehen hatten, bewunderten zwar und priesen die Genovefa im Tricot, wie sie es bei keinem anderen Gemälde auf der Ausstellung gethan hatten, während Eiser Vater in furchtbarer Wuth einen der Commissaire der Ausstellung im großen Saale zur Rede stellte und demselben sagte, man solle nur auch einmal diesen Lappen – wobei er auf einen Calame zeigte – worauf nichts als Bäume zu sehen seien, dahin hängen, wo er hinge, oder vielmehr, wo sein Sohn hinge, und daß sie seinen Sohn dafür einmal hier hinhängen sollten; worauf die wenig höfliche Antwort das Selbstgefühl des Herrn Johann Daniel Eiser so tief verletzte, daß er nahe daran war, Scandal zu machen.

Die Familie Eiser mit ihrer Gesellschaft verließ hierauf die Ausstellung. Auf der Treppe derselben stieß der Malermeister einen armen elenden Knaben, welcher dort Streichhölzer verkaufte, mit einem Fußtritt aus dem Wege und die Treppe hinunter. Zu Hause ging Frau Eiser sofort in die Hinterstube, um sich ein wenig auszuweinen, und Marie betrachtete unterdessen noch einmal die Pfeife, die Fritz ihr als Pfand zurückgelassen hatte. Wilhelm ging aus dem Hause und kam erst in der Nacht, oder  vielmehr  früh  am  anderen  Morgen  zurück, wo er dann den Kranz mit den Rosen auf seinem Bette fand.


* * *


Die Thurmuhr hatte grade ein Viertel nach Zwölf geschlagen, als Fritz Warner in das Büreau der Omnibusgesellschaft eintrat, wo er sich erkundigen wollte, ob es noch früh genug sei, um den abgehenden Eisenbahnzug rechtzeitig zu erlangen.

»Geht nicht um diese Zeit ein Eisenbahnzug ab?« fragte er den ersten Menschen, der ihm entgegenkam.

»Da hätten Sie früher aufstehen müssen,« klang die Antwort. »Der letzte Omnibus ist schon vor zehn Minuten abgefahren.«

»Ist es schon zu spät?« ruft Fritz mit ängstlicher Hast. »Um welche Zeit geht denn der Zug ab?«

»Um zwölf Uhr dreißig,« antwortete der Mann, »es sind noch zwanzig Minuten.«

»Zwanzig!« wiederholt Fritz, und kaum hat er das Wort gesprochen, so läuft er mit aller Macht davon, um den ersehnten Zug noch zu erreichen. Er läuft durch mehrere Straßen; die Furcht, daß er zu spät kommen möge, beflügelt seine Schritte, denn wenn er den Zug verfehlt, muß er bis zum Abend warten und kommt erst in der Nacht nach Lehrbeck. Er kann und darf den Zug nicht verfehlen.

Indem er so über einen Platz läuft, ruft ihm der Kutscher einer leeren Droschke zu: »Wollen Sie noch mit dem Zuge fort, junger Herr?«

Hastig wendet sich Fritz um und bringt keuchend ein Ja hervor.

»Steigen Sie nur ein, schnell, oder Sie kommen nicht mehr mit,« fährt der Kutscher fort, der inzwischen vom Bock gesprungen ist und dem halb ohnmächtigen Fritz in den Wagen hilft.

»Kann ich sonst nicht mehr zurechtkommen?« stößt er hervor.

»Nicht möglich,« sagt der Kutscher.

Fritz steigt ein, ganz außer Athem und ohne jede Ueberlegung, und bevor er noch recht bedenkt, was er gethan hat, trifft die Peitsche das alte Roß und rasch geht es durch die Straßen dem Ziele entgegen.

Ob er es wohl rechtzeitig erreichen wird? Obschon die Hoffnung dazu größer geworden war, so erfüllte den Knaben doch eine neue Befürchtung. Sein Geld reichte grade für die Eisenbahnfahrt, aber er hatte gar keine Ahnung davon, was die Droschke kosten werde. Der Schweiß brach ihm bei dem Gedanken aus, es möge mehr sein, als er entbehren könne, und mit diesem ängstlichen Gedanken beschäftigt, bemerkt er nun, daß die Station erreicht ist.

»Wir sind da!« sagte der Kutscher, der hastig vom Bocke gesprungen ist und die Thür geöffnet hatte. »Einen Gulden für die Fahrt und dann wie der Wind an die Casse.«

»Einen Gulden!« Es war dem armen Jungen, als wenn ihm das Blut aus den Augen springen sollte. Ein Reicher, der plötzlich, durch eine Staatsumwälzung oder andere Umstände in Armuth verfällt, kann beim Empfang dieser Nachricht nicht in größeres Entsetzen gerathen, als Fritz, da der Lohnkutscher einen Gulden von ihm forderte.

»Nur schnell, nur schnell, Freundchen,« mahnte der Mann, »es ist keine Minute Zeit zu verlieren, sogleich werden die Saalthüren geschlossen, und dann können Sie bis zum Abend warten.«

Fritz kommt zur Besinnung. Er faßt die Hand seines Gläubigers, und indem er ihn mit seinen treuen blauen Augen stehend ansieht, sagt er mit eiligen, aber eindringlichen Worten: »Ach, guter Mann, sollten Sie nicht mit der Hälfte zufrieden sein, ich habe wirklich nicht mehr; meine Pflegemutter ist krank, ich muß zu ihr, bitte, lassen Sie mich fort.«

»Das ist eine schöne Geschichte,« entgegnet verdrießlich der Kutscher, »mein Pferd ist gelaufen, daß ihm die Zunge zum Halse heraushängt. Haben Sie wirklich nicht mehr?«

»Glauben Sie mir, wahrhaftig! es ist Alles, was ich entbehren kann,« ruft Fritz.

»Zum Donnerwetter!« sagt der Kutscher, »Sie sehen doch so fein aus. Sind Sie also auch nur ein armer Schlucker? und Ihre Mutter ist noch krank dazu? Nun, wissen Sie was, mein Schimmel wird mich nicht verklatschen, nehmen Sie Ihr Geld nur wieder zurück. Aber nun,« fährt er fort, indem er den jungen Menschen drängt, das Stationsgebäude zu betreten, »schnell, schnell, soeben werden die Thüren geschlossen.«

Fritz hatte nicht einmal Zeit, dem gutmüthigen Manne seinen Dank zu sagen. »Ich muß mit! Ich muß hinein!« ruft er dem Stationswächter zu, der die Glasthür geschlossen hat und seiner Pflicht getreu die Achseln zuckt und den Kopf schüttelt.

»Aber sehen Sie denn nicht, daß der Bursche mit muß!« ruft der Droschkenkutscher, indem er mit der Faust gegen die Thür drückt, daß die Fensterscheiben davon dröhnen. »Machen Sie doch auf, die Mutter des armen Burschen ist krank! Solch' ein gefühlloser Kerl! Kommen Sie nur eilig mit!« setzt er schnell hinzu und zieht den ganz verstörten Fritz die Treppe hinab. In wenigen Secunden haben beide eine Stelle erreicht, wo ein eisernes Gitter den inneren Bahnhof von den Stationsräumen trennt. »Schnell hinüber!« ruft er Fritz zu. »Eins, zwei, drei! So ist's recht! Nun fort! Dort um die Ecke und dann –«

Aber Fritz hört ihn nicht mehr. Nachdem er Dank! Dank! gerufen, ist er an den Zug gekommen. In demselben Augenblicke ertönt die Locomotivpfeife und der Zug setzt sich in Bewegung. »Hinaufspringen!« ruft eine Stimme aus der Ferne. Fritz hört es, springt, sich an eine Thürklinke festhaltend, auf den Wagentritt, der Zug bewegt sich schneller, es wirbelt ihm vor den Augen. »Nur festhalten!« klingt es nochmals von der Ferne und Fritz hält sich mit beiden Händen fest, bis eine Conducteursfaust ihn mit einem derben Fluche packt und in den geöffneten Wagen schiebt.

Bleich wie eine Leiche sinkt er dort auf eine Bank nieder.

Unterdessen klopft der Droschkenkutscher seinem alten Pferde auf den Hals und sagt: »Komm, Schimmel, du hast jetzt ausgeruht. Wir haben einem armen Schelm geholfen! Ich wollte, daß ich reich wäre!« Und er verläßt die Station.


* * *


Am Nachmittag verfolgte Fritz Warner, den Lehrbeck'schen Kirchthurm vor Augen, eilig seinen Weg nach dem geliebten Dörfchen. Das Wetter war rauh geworden und der Wind bog die Bäume an der Seite des Landweges, der leise Regen, welcher während der Eisenbahnfahrt begonnen hatte, hatte sich verstärkt.

Das ängstliche Gefühl, welches den jungen Menschen, seitdem er am Morgen die traurige Nachricht erhalten hatte, erfüllte, vermehrte sich bei jedem Schritt.

Beim Abschied von seinem Geburtsorte hatte Fritz sich mit einem fröhlichen Wiedersehen getröstet; das Wiedersehen sollte nun unverhofft gekommen sein, aber es war kein fröhliches, sondern ein kummer- und sorgenvolles. Die düstere Vorstellung dessen, was ihn in der kleinen Wohnung seiner lieben Pflegemutter erwarte, machte ihn gleichgültig gegen Alles, was unterwegs seine Stimmung hätte erheitern können.

Endlich steht er vor der Thür der wohlbekannten kleinen Wohnung. Wie hat er sich angestrengt, um sie zu erreichen, und nun zögert er, einzutreten.

Während der besorgte Jüngling aus Furcht, seine Besorgniß bestätigt zu finden, einige Augenblicke zögert, bevor er die Thür öffnet, wendet sich Mutter Else auf ihrem Krankenbette unruhig hin und her, schaut mit mattem Blick nach der Thür und seufzt leise: »Wo nur mein Fritz bleibt!«

»Mutter hat gesagt, Fritz könne heute nicht mehr ankommen,« sagt ein junges Mädchen, das, mit einem wollenen Strickstrumpf in den Händen, am Bette der Kranken sitzt. »Der Mann, welcher ihm die erste Nachricht bringen konnte, hat ihm nur gesagt, daß du nicht ganz wohl seiest und er sich keine Sorgen machen solle, heute freilich, wo der Doctor gesagt hat, daß das Fieber zugenommen habe, hat der Schulmeister an Fritz geschrieben, er solle hierher kommen, und so meint die Mutter, daß er wohl morgen hier sein könne. Aber jetzt ist es Zeit, die Arznei zu nehmen.«

Während das gute Kind, das, älter geworden, dem Bilde auf der Pfeife, die jetzt in der Schieblade von Meister Eiser's Tochter aufbewahrt ist, sprechend ähnlich sehen wird, das Arzneiglas stark schüttelt und der Kranken darauf einen vollen Löffel Medicin reicht, wird die Thür geöffnet und ein Wohlbekannter tritt in das Zimmer ein.

»Fritz! Fritz! mein guter Junge!« klingt die schwache Stimme der Kranken.

»Arme, kranke Mutter!« ruft der Jüngling aus, der bei dem Anblick der verfallenen Gesichtszüge seiner geliebten Pflegemutter todtenbleich geworden ist. Einen Augenblick verwirrt ihn dieser Anblick, bald jedoch kommt er wieder zu sich selbst, zieht zuvor seinen durchnäßten Rock aus, beugt sich darauf über die Kranke und mit dem Ausrufe: »Muß ich dich so wiederfinden!« küßt er sie wiederholt auf die bleiche Wange.

»Ich danke Gott, daß du bei mir bist,« sagt Mutter Else und ein Lächeln strahlt auf ihrem Gesichte, »o, ich wußte wohl, daß du nicht zaudern würdest, ich zählte die Stunden, denn, Fritz, ich fühle – – nicht wahr, mein lieber Sohn, du findest mich arg verändert?«

Fritz konnte nicht antworten.

»Ach!« fuhr die schwache Frau fort, »die Kräfte haben in den letzten Tagen sehr abgenommen! Zuerst glaubte ich, es sei die gewohnte Gicht, wie jeden Herbst, die bald wieder vorübergeht, aber ich weiß jetzt nur zu gut, daß Gott anders mit mir beschlossen hat. Weine nicht, mein guter Junge; wenn du mir jemals Verdruß bereitet hättest, dann müßtest du weinen, aber nun mußt du mich nur immerfort freundlich ansehen.«

Und während die alte kranke Frau darauf schweigt, faßt sie mit den mageren Händen den Kopf ihres weinenden Lieblings und flüstert kaum hörbar: »Ich habe dich so lieb, mein Junge!«

In der Stube herrscht eine ergreifende Stille.

»Aber Fritz,« tönte da mit einem Male eine liebe, sanfte Stimme, »willst du denn Röschen gar nicht sehen. Ich erschrak so, als du hereintratest, und jetzt bin ich doch so froh, daß du hier bist; gieb mir nur deine Hand, ich stehe hier dicht bei dir!«

Er wendete sich um und erblickte durch seine Thränen das freundliche Gesicht Röschen's, auf dem der Strahl unschuldiger Theilnahme lag. Beim Eintreten hatte er das Mädchen gar nicht bemerkt, aber nun faßte er ihre beiden Hände, und indem er ihr in die hellen Augen sah, fühlte er, wie lieb ihm das Mädchen war, nach seiner Pflegemutter das Liebste auf der Welt.

»Ja, Fritz, ich bin wirklich so froh, um Mutter Else willen,« fuhr Röschen fort, »morgen wird sie gewiß besser sein und dann wollen wir uns recht freuen, daß du wieder hier bist.«

Fritz lauschte den Worten des lieblichen Kindes, aber rasch wendete er sich wieder zu der Kranken, die leise seinen Namen genannt hatte.

»Lieber Sohn,« sprach die Alte, und die immer schwächer werdende Stimme verrieth, daß die Freude des Wiedersehens ihr geschadet hatte. »Lieber Junge, vielleicht ist es morgen« zu spät, darum komm nahe zu mir her und höre zu.«

Und während Fritz sein Ohr nahe zu dem Munde der schwachen Frau bringt, vernimmt er in oft abgebrochenen Worten die folgenden Mittheilungen:

Else Kraling, die viel ältere Schwester der früh gestorbenen Mutter des Fritz Warner, war in ihrem dreißigsten Jahre Wittwe geworden. Sie selbst hatte nichts in die Heirath mitgebracht, aber ihr Mann hinterließ ihr bei seinem Sterben ein kleines Capital, von dessen Ertrag sie sorgenlos leben konnte. Kaum vier Monate nach dem Tode ihres tief betrauerten Mannes fand in ihrem Hause eine Scene statt, die sie heftig erschreckt und betrübt hatte. Ein weitläufiger Vetter aus der Stadt, den Else nur ein Mal, bei Gelegenheit ihrer Heirath, gesehen hatte, war in verzweifelter Stimmung zu ihr gekommen und hatte ihr von einer verfehlten Speculation und allerlei Angelegenheiten erzählt, wovon sie das Wenigste begriff. Nur das Eine hatte sie vollständig verstanden, daß der Vetter mit den Seinigen unglücklich und verloren sei, wenn er nicht innerhalb vierundzwanzig Stunden über eine Summe von viertausend Gulden verfügen konnte. Der verzweifelte Vetter hatte von Ertrinken und Todtschießen gesprochen, so daß der armen Else der Angstschweiß ausbrach und sie dem unglücklichen Menschen das Sündige seines Vorhabens eindringlich vorstellte. Darauf war er ihr um den Hals gefallen, hatte sie mit einer Fluth von dankbaren Redensarten überschüttet und sie seine Retterin und Erhalterin genannt. Die gute Else war tief erschüttert und entschloß sich, dem Vetter die gewünschte Summe zu geben, wofür der Vetter ihr einen Empfangsschein schrieb, mit dem Versprechen, das Capital zu fünf Procent zu verzinsen. Nachdem er das Geld empfangen hatte, war er mit einigen kühlen Dankesworten fortgegangen.

Dieser Vetter war Johann Daniel Eiser gewesen, damals ungefähr dreißig Jahre alt. Die mitleidige arglose Wittwe war das Opfer ihrer Gutmüthigkeit geworden. Von Anfang an blieb Eiser mit der Zahlung der Interessen im Rückstand und so oft auch Else an ihn schrieb, er hatte nichts weiter als Ausreden und Versprechungen für die Zukunft, die niemals in Erfüllung gingen. Unerklärlich mag es scheinen, daß Mutter Else diesen Unfug duldete, und eben so unerklärlich, daß sie mit Niemand, weder mit ihrer Schwester, noch mit ihrem Schwager Warner, jemals von der Angelegenheit sprach, aber Alles dies hatte seinen Grund in der nie wankenden Treue der alten Frau, von welcher sich der schlaue Eiser das Wort hatte geben lassen, daß sie niemals mit irgend Jemand von der Angelegenheit reden wolle. Lieber schränkte sich die alte Seele aufs Aeußerste ein, lieber lud sie den Schein des Geizes auf sich, als daß sie ihrem Worte ungetreu geworden wäre. So hielt die gute Frau ihr Versprechen, und als sie beim Tode ihres Schwagers Warner auch noch die Sorge für dessen Söhnchen auf sich nahm, versuchte sie es zwar noch einmal, den Vetter Eiser zur richtigen Zahlung der Interessen oder Zurückgabe des Capitals zu vermögen, aber ganz ohne Erfolg. Das Einzige, wozu er sich verstand, war das Versprechen, daß er Fritz, wenn dieser sechzehn Jahre alt geworden sei, zu sich nehmen und zu einem tüchtigen Maler ausbilden wolle.

»Fritz, mein lieber Sohn, ich habe nun mein Gewissen beschwert,« beschloß Else ihre Mittheilung, »weil ich dir gesagt habe, was ich, meinem Versprechen zufolge, niemals Jemand mittheilen durfte. Gott weiß es, daß ich es nicht um meinetwillen gethan habe. Die Sache wäre ja doch ans Licht gekommen, denn nach meinem Tode hätte man den Schuldschein gefunden, und darum ist es besser, daß du davon weißt. Sieh' dort,« sagte sie, indem sie mit ihrem schwachen mageren Finger nach einer Stelle deutete, »dort steht ein Kästchen. Der Schlüssel dazu liegt hier in der Schublade. Nimm ihn heraus. So. Nun drehe zweimal um. Siehst du das zusammengefaltete Papier mit dem Siegel darauf? Darin ist der Schuldschein enthalten. Ganz recht, das ist das Papier. Liebes Kind, ich darf dir den Nachlaß um des Vetters willen nicht kürzen und darum magst du dereinst, wenn du Geld bedarfst, von diesem Papier Gebrauch machen. Vetter Eiser wird so schlecht nicht sein, um die Richtigkeit abzuleugnen und Fritz – ich hoffe – ich – ach – ein Schluck Wasser! Mir ist – Fritz –«

Da der junge Mann sah, daß die Kranke einer Ohnmacht nahe war in Folge der übergroßen Anstrengung, brachte er ihr mit zitternden Händen das Verlangte, befeuchtete ihre Schläfe und wendete sich zu Röschen mit der Aufforderung, daß sie rasch ihre Mutter und den Arzt rufen solle, aber schnell! schnell!

An demselben Tage starb Mutter Else noch nicht. Erst zwei Tage später entschlief sie, aber von diesem Tage an hatte sie kein Wort mehr gesprochen. Nur zuweilen warf sie einen Blick voll Liebe und Dank auf ihren Liebling, der in tiefster Seele betrübt war. Das Einzige, was den armen Burschen tröstete, war das Bewußtsein, daß es ihm gelungen war, die geliebte alte Frau noch lebend wiederzusehen.


* * *


Sechs Jahre sind vorübergegangen. Der Grabhügel, unter welchem Mutter Else schläft, würde kaum mehr zu erkennen sein, wenn Fritz Warner nicht eine Eichel dort eingepflanzt hätte, die glücklich gekeimt hatte und, immer höher wachsend und geschont, ein schlankes Bäumchen geworden war.

Röschen's Vater, Hubert Weifelt, hatte damals nicht gezögert, die ihm angetragene Vormundschaft über den minderjährigen Fritz, anzunehmen. Mit seiner Erlaubniß war Fritz in Lehrbeck geblieben, denn es wäre ihm unmöglich gewesen, wieder in das Haus des Mannes zurückzukehren, der seine Pflegemutter hintergangen hatte und ihn fortwährend an deren letzte Stunde, in welcher sie über seine Hartherzigkeit sprach, hätte erinnern müssen.

Fritz dachte nicht daran, das Geheimniß, welches ihm die sterbende Pflegemutter anvertraut hatte, zu seinem Vortheile zu benutzen, aber nichtsdestoweniger kam dasselbe an das Licht. So leise und vorsichtig auch Mutter Else damals zu Fritz gesprochen hatte, so war ein Theil des Gespräches doch auch zu Röschen's Ohren gedrungen und namentlich hatte das Mädchen, dessen Anwesenheit von Mutter Else nicht besonders beachtet wurde, wohl bemerkt, daß die sterbende Wittwe ihrem Neffen die Schuldverschreibung anvertraute. Sie theilte dies ihrem Vater mit und Hubert Weifelt zog, bevor er Fritz etwas über seine Absicht sagte, einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu Rathe, der ihm den einfachen Weg angab, auf welchem er die Schuld, die auf rechtmäßige Weise schwerlich einzutreiben war, zur Anerkennung bringen konnte.

Ungefähr ein Jahr, nachdem Fritz aus dem Hause des Meisters Eiser gegangen war, betrat der einfache Bauer das Haus des Malermeisters.

Dort wird eben grade kein Fest gefeiert, denn die gute Frau Eiser liegt sehr krank. Wie ihr Mann sagt, ist es nur ihre eigene Schuld, weil sie immer die Thüren offen gelassen hat, und er wundert sich nur darüber, daß nicht auch er vom Nervenfieber befallen wurde. Sie hatte ihn ewig im Zuge gelassen und außerdem überlud sie sich fortwährend den Magen, wie ihr liebevoller Gatte behauptete. Wahrscheinlicher wäre es allerdings, die Ursache von Frau Eiser's Krankheit in den Nervenaufregungen zu suchen, welche ihr das ausschweifende Leben ihres Sohnes, dem sich derselbe seit jenem Tage in der Gemäldeausstellung ergeben hatte, fortwährend bereitete.

Herr Eiser betritt nur selten das Krankenzimmer und wenn er durchaus einmal dort erscheinen muß, hält er ein mit Essig getränktes Tuch unter die Nase gegen die Ansteckung. Nur Marie verpflegt die gute Mutter mit sorgenvoller Liebe, obgleich häufig die Stimme des Vaters sie daran erinnert, daß sie die Haushaltung nicht verwahrlosen dürfe, woran er gar oft den bitteren Vorwurf knüpft: »Solch faules Leben da oben schmeckt dir wohl besser? Obgleich du grade jetzt doppelt die Hände rühren solltest!«

Uebrigens ist die Familie sehr im Rückgange. Der Sohn preßt seinen Eltern ab, was er kann. Während die Frau zum Sterben krank liegt, wendet der Mann seine Blicke nach einer jungen Wittwe, die zehn Häuser entfernt, an der anderen Seite der Straße wohnt und deren verstorbener Mann ihr ein ansehnliches Vermögen hinterlassen hat. So oft Eiser an der Wohnung dieser Wittwe vorübergeht, grüßt er so freundlich als es ihm nur möglich ist.

Die junge Wittwe kann dies nicht unbemerkt lassen, einmal sagt sie zu ihrer Zofe: »Es ist Herr Eiser aus der Nachbarschaft, dessen arme Frau so schwer krank liegt; hole ein Pfund Muskatellertrauben und bringe es mit meiner Empfehlung zu ihr hin.«

Der Malermeister verzieht keine Miene, als der Bauer aus Lehrbeck vor ihm steht. Er weiß schon seit lange, daß Else Kraling gestorben und Fritz Warner ihr Erbe ist.

Die alte Geschichte ist längst aus der Welt, denkt er, und als nun die rechtmäßige Forderung an ihn gestellt wird, springt er von seinem Sitze auf und schreit: »Seid Ihr verrückt! Ich sollte eine solche Summe an Else Kraling schuldig gewesen und geblieben sein? Ist das meine Unterschrift?«

Aber der Bauer läßt sich nicht einschüchtern; der Maler soll bezahlen. Einer der erfahrensten Advocaten hat die Sache bereits in der Hand und wenn sie nicht gütlich beigelegt wird, soll das Gericht entscheiden und den Schuldner nicht nur zur Zahlung des Capitals, sondern auch der Zinsen und Unkosten bei Vermeidung von Arrest verurtheilen.

»Was will der Kerl?«

»Nichts weiter als Geld.«

»Schreit nur nicht so, es ist eine Kranke im Hause.«

»Das thut mir leid.« Und ganz leise fährt Weifelt fort: »Wenn Ihr also nicht taub seid, so frage ich noch einmal um die Gelder, die Ihr dem Erben der Else Kraling schuldig seid.«

»Ich weiß nichts davon, und wäre es wahr, denkt Ihr, daß ich Geld liegen habe und sofort eine Summe von viertausend Gulden bezahlen kann?«

»Der Advocat hat berechnet, daß es mit Zins und Zinseszins beinahe viermal so viel beträgt.«

»Kerl, seid Ihr besessen?«

»Schreit nicht so laut, aus Mitleiden mit Eurer Kranken! Geht es dem Rechte nach, so wird kein Deut weniger, als die berechnete Summe bezahlt; in Güte begnügt sich der Gläubiger mit der runden Summe von fünftausend Gulden.«

»Niemals!«

»Dann werden wir uns vor dem grünen Tische wieder sehen.«

»Bleibt, Mensch, bleibt. Was wollt Ihr denn eigentlich von mir?«

»Bezahlung, nichts weiter als Bezahlung.«

»Ich kann über keine dreihundert Gulden verfügen.«

»Frau Kraling hat so lange Zeit Geduld gehabt, und auch ihr Erbe wird Rücksicht nehmen, wenn der Schuldner unvermögend ist, und Fritz Warner wird zufrieden sein, wenn Ihr diese neue Schuldverschreibung über fünftausend Gulden unterzeichnet und Euch zur Entrichtung von fünf Procent Zinsen verpflichtet.«

»Schlau ausgedacht! Da die erste Verschreibung ungültig ist, will man sich eine zweite gültige verschaffen. So dumm ist Eiser nicht.«

Der Bauer wendet sich zu der Thür, aber sobald dies der Malermeister bemerkt, erfaßt ihn die Angst vor den Folgen seiner Weigerung, und der Gedanke, daß die reiche Wittwe dadurch gegen ihn eingenommen werden könne, veranlaßt ihn mildere Saiten aufzuziehen.

Diesmal sagt der Bauer im Umwenden: »Nun denn, auf Wiedersehen; es haben sich Briefe gefunden, die der Herr Eiser an Frau Else Kraling geschrieben hat, diese werden wir auf dem grünen Tische finden. Auf Wiedersehen!«

»Bleibt!« schreit Eiser aus aller Macht, und wenige Augenblicke darauf steht Johann Daniel Eiser's Name unter der neuen Schuldverschreibung. Die Verwünschungen, welche er dabei ausstößt, kann die gute Else nicht mehr hören.


* * *


Frau Eiser unterlag wirklich dem Typhus, und wir mögen nicht darüber entscheiden, ob ihr Mann Alles angewandt hat, was zu ihrer Herstellung hätte dienen können. Bald nach ihrem Tode machte Marie mit ihrem Vater bei der reichen Wittwe in der Nachbarschaft einen Besuch, da man sich durchaus für Trauben und andere Aufmerksamkeiten, welche sie der lieben Verstorbenen erzeigt hatte, bedanken mußte.

»Ein lieber Mensch, der Eiser!«

Marie mußte ein Sophakissen arbeiten für die gute Wittwe, die so freundlich gegen die arme Verstorbene gewesen ist.

»Ein liebes Mädchen, die Marie!«

Marie arbeitete des Tages in der Haushaltung und dachte in den stillen Abendstunden an die gute Mutter, die ihr fehlte, an den unglücklichen Bruder, der wenige Tage vorher mit verschiedenen Werthgegenständen das Haus, die Stadt, möglicherweise auch das Land und seine Gläubiger verlassen hatte; sie dachte an den guten Fritz, der nicht wiederkam, aber, seinem Versprechen getreu, einige Monate nach seiner Abreise die geliehenen Gulden mit einem dankbaren Brief zurückgesandt hatte.

Die Krankheit ihrer Mutter hatte sie die Rücksendung der Pfeife vergessen lassen, und nun konnte sie ihm dieselbe zu ihrem großen Bedauern nicht wiedergeben, da ihr Bruder auch ihre Habseligkeiten durchsucht und nebst einigen geringen Schmucksachen die Pfeife mitgenommen hatte. Sie dachte auch an die Wittwe, die wirklich keine Närrin war und die der Vater jetzt, nachdem sie seine Werbung ausgeschlagen, ein Ungethüm nannte, in welchem er sich getäuscht habe. An Alles das dachte Marie in den stillen Abendstunden und sie wünschte dann oft dort zu sein, wo ihre Mutter hinging, oder, was ihr noch lieber wäre, wo Fritz ist.

Sechsmal haben inzwischen die Linden geblüht und Fritz hat die Zeit nicht unbenutzt vorübergehen lassen. Sein Handwerk versteht er so gut wie der Beste und Arbeit hat er im Ueberfluß; auch hat er sich schon ein Häuschen gebaut, das dort links von den hohen Pappelbäumen steht. Aber noch bewohnt er es allein, denn kurz zuvor, ehe der Bau fertig war, vereitelte ein Unglücksfall vorläufig die Erfüllung seines liebsten Wunsches und schob seine Vereinigung mit Röschen noch auf längere Zeit hinaus.

Es war an einem sehr stürmischen und kalten Herbstabend gewesen, Alles im Dorfe war still und auch auf dem Hofe Hubert Weifelt's hatte man sich der gewohnten Ruhe überlassen. Der Knecht hatte sein Nachtlager in dem Heukämmerchen, in der unmittelbaren Nähe des Viehes, dessen Versorger er war. Er mußte ohne Licht zu Bett gehen und brummte oft darüber, daß er nicht, wie bei seiner früheren Dienstherrschaft, die Laterne mitnehmen durfte. Was er aber noch Besonderes zu thun hatte, wissen wir nicht, so viel aber ist gewiß, daß er trotz des strengen Verbotes seines Dienstherrn ein Stückchen Kerze und eine Schachtel Streichhölzer hielt, und eben so gewiß ist es, daß in der erwähnten Decembernacht die Flamme der Kerze oder ein Funken davon beim Ausblasen mit irgend einem leicht entzündbaren Stoffe in Berührung kam und daß auf dem Hofe des reichen Bauers Weifelt eine große Feuersbrunst entstand.

Der Knecht hatte die Folge seines Einschlafens bei der brennenden Kerze oder das Abfallen des Funkens nicht bedacht, denn er selbst wurde das Opfer derselben. Wahrscheinlich war er eingeschlafen und erstickte durch den Rauch, und was aus seiner Leiche wurde, wissen die Flammen. Daß das Feuer in wenigen Augenblicken eine schreckliche Ausdehnung erhielt, wird Niemand befremden, wenn er bedenkt, daß die Kammer des Knechtes nur ein kleiner Raum war, der zwischen dem Heu- und Strohvorrath lag.

Weifelt wurde durch die Unruhe des Viehes erweckt und kaum hatte er im heftigsten Schrecken die Wahrheit bemerkt, so fielen bereits Feuerfunken in die Stube, wo er mit seiner Frau schlief. »Wache auf, Katharina!« rief er. »Es brennt! Feuer! Feuer!«

Wir wollen den Verlauf der Feuersbrunst nicht näher schildern, und nur von den Folgen derselben reden. Der ganze schöne Hof sammt Nebengebäuden und Viehställen, mit den großen Vorräthen an Heu und Feldfrüchten, und der größte Theil des Viehes verbrannte zu Asche. Ein altes Vorurtheil hatte leider den sonst so verständigen Bauern die Versicherung seines Besitztums von Jahr zu Jahr verschieben lassen.

Aber der Verlust des größten Theils seines Besitzthums war nicht das Schlimmste. Frau und Tochter, die im Anfang fast starr vor Schrecken waren, hatten sich später zu kühn in die Flammen gewagt. Die arme gutmüthige Frau versuchte so viel wie möglich zu retten und ging in ihrem Eifer so weit, daß die Flammen und herabstürzenden Holzstücke ihr gefährliche Wunden beibrachten. Das reizende Röschen mit dem allerliebsten Gesichte half ihrer Mutter mit Todesverachtung, als es darum galt, den Dienstmädchen den Ausgang aus dem brennenden Hause zu verschaffen. Ein glühender Balken traf das unglückliche Mädchen und verletzte es so schwer am Kopfe, daß es längere Zeit gefährlich krank wurde und für Zeitlebens die Spuren der Brandwunden im Gesichte trug.

Das arme Kind! Wie oft hatten die Burschen des Dorfes und vor allen Fritz Warner ihr gesagt, daß sie das hübscheste Mädchen sei. Nun konnten sie dies nicht mehr sagen, und selbst Fritz, wenn er sie auch noch lieber hatte, als vorher, konnte doch nicht mehr behaupten, daß sie schöner sei, als alle anderen Mädchen in Lehrbeck.

Wohl hatte Fritz mehrmals wiederholt: »Es wird mir in meinem eigenen Hause nicht eher heimisch, als bis du darin bist.« Wohl hatten Röschen's Eltern schon vor dem Brandunglück ihre Einwilligung zu der Verbindung gegeben, aber dennoch verzögert sich die Erfüllung der Herzenswünsche des liebenden Paares, weil die arme, schwache Mutter, die in einer dumpfen Gemüthskrankheit verharrte, seit der schrecklichen Nacht, wo sie fast im Feuer umgekommen wäre, die Hülfe und Pflege der Tochter nicht entbehren kann, denn das sanfte Röschen allein vermag es, die Unglückliche aufrecht zu erhalten. Wie hätte Fritz daran denken können, das Mädchen dieser Pflicht zu entziehen! Geduldig harrte er, und die Selbstverleugnung verlieh seiner Liebe eine um so höhere Bedeutung.

Hubert Weifelt hatte nur wenig von seinem Vermögen gerettet. Um Haus und Hof wieder aufzubauen, hätte er einiger Tausend Gulden bedurft.

Wie ein Blitzstrahl fuhr der Gedanke durch Fritz Warner's Gehirn, daß das Geld, welches Johann Daniel Eiser ihm schulde, die ihm so theuren Menschen wieder zum Glücke führen könne.

Als er mündig geworden war, hatte Weifelt von seinem Besuche in Eiser's Hause erzählt und ihm die neue gültige Schuldverschreibung von fünftausend Gulden eingehändigt. Die Angelegenheit war damals durch Fritz nicht weiter verfolgt worden, denn er konnte sich nicht entschließen, anders zu handeln, als es seine Pflegemutter während ihres Lebens gethan hatte; jetzt aber war dies etwas Anderes. Mutter Else selbst würde ihn dazu aufgefordert haben, das Geld zu erheben, um Hubert Weifelt zu helfen. Es ist ja so selig, geliebten Menschen hülfreich die Hand zu reichen.

Somit entschloß sich Fritz Warner, nach der Stadt zu reisen und die Schuldverschreibung, die sein Vormund vor einigen Jahren von dort mitgebracht hatte, einzufordern.

Es war ein vergeblicher Weg, als Warner sich nach der Wohnung begab, worin er früher die Bekanntschaft des Malermeisters gemacht hatte, und es kostete den jungen Mann Mühe genug, um endlich in einer abgelegenen Gegend die Stube zu finden, wo der zurückgekommene Handwerker lebte. Schon beim Aufklimmen der steilen engen Treppe hatte er die Ueberzeugung gewonnen, daß er den Zweck seiner Reise als verfehlt betrachten mußte, und als er den verkommenen Mann in seiner ärmlichen Wohnung erblickte, war es ihm vollständig klar, daß hier das Elend in seiner ganzen Schrecklichkeit zu Hause war.

Johann Daniel Eiser war bei all seiner Selbstsucht doch nicht klug und schlau genug gewesen, um sich auf der künstlischen Höhe, zu der er sich hinaufgearbeitet hatte, zu halten. Er hatte sich nach und nach vollständig daran gewöhnt, Andere für sich sorgen zu lassen, und als er in Folge seiner Trägheit und Rücksichtslosigkeit im Rückgange war und auch die letzte Hoffnung, sich durch eine reiche Heirath zu retten, verloren geben mußte, da klagte er die Welt und die Menschen an, als die alleinige Ursache seines Elends.

Zuletzt hatte er noch ein Mittel versucht, welches in der That allen seinen Handlungen die Krone aufsetzte. Wenige Monate bevor seine Gläubiger – denn er hatte seiner Zeit ähnliche Versuche gemacht wie bei Else Kraling und nicht Alle waren so nachsichtig wie diese – ihn packten, warf er seine Augen auf den Sohn eines reichen Mannes, der in seiner Nachbarschaft wohnte und eine Schenkwirthschaft eröffnet hatte. Dieser schien ihm eine geeignete Partie für seine Tochter zu sein. Der Besitzer der Schenkwirthschaft war der Sohn eines Branntweinbrenners. Nach einer wildverlebten Jugend wollte er sich nun auf diese Weise durchschlagen. Man sprach noch immer von dem großen Reichthum, den der Vater gesammelt hatte, aber man vergaß dabei, daß das Geld längst durch den Sohn verbraucht war.

Eiser's Plan glückte über Erwarten. Der liederliche Bursche war trotz des Rufes, daß er großen Reichthum besitze, so sehr in Mißcredit, daß man ihm bereits dreimal als Freier die Thür gewiesen hatte, und es kostete Johann Daniel Eiser nicht viel Mühe, um seine arme Tochter an den bleichen, abgelebten Schenkwirth zu verkuppeln.

Das arme Mädchen weinte sich halb todt, aber ihr Entschluß wurde durch die schrecklichen Worte bestimmt: »Heirathe den Mann, wenn du nicht willst, daß dein Vater an den Bettelstab kommt.«

Damals hatte Eiser äußerlich noch den Anschein eines wohlhabenden Mannes, und wie es öfter zu geschehen pflegt, täuschten sich die beiden sauberen Schwindler gegenseitig. Der Schenkwirth hoffte, sich durch das Geld seines Schwiegervaters vom drohenden Ruin zu retten, und der Schwiegervater hoffte wiederum, daß der Mann seiner Tochter ihm aus drohenden Verlegenheiten helfen werde.

Die arme Marie wurde das Opfer dieser falschen Speculation.

Wenige Wochen nach dem Hochzeitstage brach das Verhängniß über beide Männer herein.

Als der Schwiegersohn erfuhr, daß seine Hoffnungen auf das Vermögen des Malermeisters nichts als eitel Wind waren, erfaßte ihn ein grimmiger Haß gegen den Vater seiner jungen Frau, und er verbot ihr, jemals einen Fuß in die Wohnung des Vaters zu setzen. Als nun auch das lang vorbereitete Unheil über Johann Daniel Eiser hereinbrach und er gradezu ins Elend gerathen war, da konnte das arme junge Weib den Kampf zwischen Pflicht und Pflicht nicht ertragen, und die beiden gewissenlosen Männer, von denen jeder sein Unglück reichlich verschuldet hatte, wurden die Ursache, daß das gute, aufopferungsfähige Geschöpf von Tag zu Tag kränker wurde und endlich ihrem Jammer im Tode erlag.

Dieses schreckliche Trauerspiel war lange vorüber, als Fritz den Urheber davon im Elend wiedersah. Das Gespräch, welches der junge Mann mit dem Unglücklichen führte, der nun, anstatt gefeiert und bedient zu werden, fast von aller Welt verlassen, und dazu noch arg von der Gicht geplagt war, wollen wir nicht mittheilen und bemerken nur, daß, als Warner die Kammer seines Vetters verließ, die Schuldverschreibung von ihm in Stücke gerissen auf dem Tische lag.

Konnte er seinem Vormund und Röschen's Vater das Verlorene nicht ersetzen, nun, so beschloß er, um so eifriger zu arbeiten, um sich und seinen Lieben ein sorgenloses Leben zu verschaffen.


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Wenden wir nun einmal den Blick nach dem Friedhofe des Dorfes Lehrbeck, wo der Todtengräber soeben ein frisches Grab öffnet, in welchem die unglückliche Frau des Hubert Weifelt begraben werden soll. Getreulich hat die gute Tochter sie bis zum letzten Augenblicke gepflegt und jetzt beweint Röschen den Verlust der theuren Mutter, als ob das Leben von nun an keine Freude für sie haben könne. Aber die Zeit heilt alle Wunden, und der zarten Sorgfalt des guten Fritz Warner gelingt es, das geliebte Mädchen nach und nach über das unglückliche Ereigniß, das ihre Eltern und sie selbst betroffen und dem Leben ihrer Mutter ein vorzeitiges Ziel gesetzt hat, zu trösten.

Hubert Weifelt hatte sich mit dem Reste seines Vermögens so eingerichtet, daß er sorgenlos leben kann, und als bald darauf Röschen Warner's Frau wurde, lachte eine neue Sonne des Glücks und der Zufriedenheit diesen guten Menschen, die sich durch Noth und Trübsal bewährt hatten und jetzt erst so recht empfanden, welch' ein köstliches Gut die wahre Liebe ist.


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Noch ein kleines Nachspiel ereignete sich kurze Zeit nach der Verheirathung der beiden schwer geprüften Liebenden. Da Fritz seit seiner Niederlassung in Lehrbeck wieder mit seinen Freunden aus früheren Zeiten in herzlicher Berührung stand, so hatte es sich ereignet, daß er grade einige derselben, die ihm damals bei seinem Abschiede von Lehrbeck den Pfeifenkopf zum Andenken verehrt hatten, Freundschaftsdienste erzeigen konnte, und so war ihm doch manchmal die Erinnerung an jenes ihm damals so theure Geschenk aufgestiegen.

So kam der Jahrmarkt heran und auf demselben ließ sich ein Mensch sehen, der allerlei Taschenspielerkunststücke machte und sich damit ein elendes Auskommen erwarb. Fritz erkannte in demselben den verunglückten Künstler Wilhelm Eiser und unter dessen Gerätschaften, die er zur Ausübung seiner Taschenspielerei mit sich führte, befand sich jener Pfeifenkopf, den Fritz nun für ein gutes Stück Geld wieder an sich brachte. So konnte er sich vergegenwärtigen, wie schön sein Röschen geworden, wenn das Brandunglück nicht über sie hereingebrochen wäre, aber er mußte sich dabei eingestehen, daß ihr Gemüth sich inzwischen in einer Schönheit entfaltet hatte, die der wahre Grundstein seines Glückes geworden war, und die er höher schätzte, als die vergängliche äußere Schönheit.