ngiyaw-eBooks Home


Anna Croissant-Rust – Der Tod

Ein Zyklus von siebzehn Bildern

Anna Croissant-Rust, Der Tod, Georg Müller Verlag, München und Leipzig, 1914


Der Alte

Neben dem hohen, grauen Dom steht ein kleines Haus; das Dach neigt sich halb zur Erde, alle Fenster sind voll von Blüten; Efeu und Geißblatt haben die schiefen Mauern überrankt und sind hoch hinaufgeklettert, daß es aussieht, als wüchsen sie aus den Rissen des Häuschens heraus. Es gleicht mit dem großen, bunten Garten ringsum einer grünen, blühenden Wildnis. Wenn gegen Mittag die Sonne glüht, wenn die Schatten des Domes weichen, so geht's wie ein Zauber von den Beeten voll altmodischer Blumen aus. Da sprühen die langen Reihen brennender Liebe, und glänzen die vielfarbigen Rittersporne und Nelken und Feuerlilien und Verbenen. Eine lachende, freudige Pracht erwacht in dem alten Kärtchen, und eine süße Farbenherrlichkeit scheint aus allen Ritzen des halbverfallenen Häuschens zu quellen. Mitten drin sitzt ein alter Mann und schaut fröhlich wie ein Kind über den bunten Garten.

Das ist wie das Leben, diese köstliche Buntheit; kaum zu entwirren in ihrer Vielgestalt, in ihrem Ineinanderfließen von Formen und Farben und doch erkennbar in jeder einzelnen Blüte, in jeder einzelnen Form. Stachelsträucher und wilde Disteln stehen dazwischen – wie im Leben – wer sieht sie denn? Wem tun sie weh in all der Schönheit und Sommerpracht? Wie sein Leben, ja, so ist sein Garten. Alles Herbe, Stachlige, Wehe hat er längst vergessen, es war einmal, ja, aber es ist verschwunden unter den Blumen, er weiß nichts mehr davon.

Von seiner Jugend blieb ihm nur ein heller Schein und eine starke Fröhlichkeit zurück, wie sie in ihm ersteht, wenn seine Krokusse und Tulpen und Hyazinthen die Köpfe aus der schwarzen Furche der Frühjahrserde recken; sein Mannesalter war voll Sonne, reich an Arbeit und Erleben wie diese schöne, wirre Wildnis, wie seine Sommerbeete war es – da sitzt er nun als Greis, und alles verwebt sich ihm zu einer kindlichen Heiterkeit, sein Leben, das Blühen ringsum, die Sonne, die Vögel, die Menschen, die kommen.

Alle kennen sie ihn ja, und alle kennt er sie in der Stadt, die hinter den hohen Mauern seines Gartens liegt, und alle haben sie ihn gern, die Jungen und die Alten. Fort zu ihnen kann er freilich schon lange nicht mehr, dafür kommen sie zu ihm seit vielen, vielen Jahren. Wer ansässig ist, und wer zuzieht, nur zu Besuch da ist, alles drückt seine Gartenklinke nieder. Generation um Generation ist durch die kleine Pforte aus- und eingegangen, er fragt nicht, wenn einer fehlt, es sind so viele andre da, er fragt nicht, wenn ein Neuer dazukommt, er freut sich nur. Sie freuen sich auch, jeder bringt ein Lächeln, ein heiteres Wort, ein Stück Glück mit für den fröhlichen Alten im weißen Haar, und nimmt für sich ein warmes, sonniges Gefühl heim von ihm, der ihre Namen gar nicht weiß, kaum ihre Gesichter kennt, und sie doch so sehr liebt. Mit den zwitschernden Schwalben um die Wette schießen die Kinder durch die Gartenwege, junge Frauen, die Arme voll mächtiger Blumensträuße, küssen ihn lächelnd beim Gehen, die Alten klopfen ihm liebevoll den Rücken, und ihre faltigen, ernsthaften Gesichter nehmen einen Abglanz seiner Fröhlichkeit mit nach Hause.

Stets sind Tritte von vielen kleinen Füßen um ihn, gute, feste, bedächtige Schritte hört er auf den Kieswegen, und um seinen Stuhl, Frauenhände streicheln sein Haar, nur Lachen und Glück umgibt ihn bis zum Abend, wo die Männer ihm mit festem Händedruck Lebewohl sagen und ein Scherzwort zurufen. Wie ein ununterbrochenes Fest ist das, doch ein Fest für ihn, dem er mit stillem Lächeln zusieht. Er weiß es nicht mehr, daß ihm Frau und Söhne und Töchter und Enkelkinder gestorben sind, er hat so viele Söhne, so viele Töchter, so viele Enkelkinder, die um ihn sind und ihm diese Welle heitern Glückes bringen, auf der er ruht, halb eingelullt, ohne Gedanken an Zeit, an Zukunft und Vergangenheit.

Manchmal möchte der alte, alte Mann auch zu ihnen kommen; es dämmert in ihm auf von einer Welt jenseits der hohen Mauer, einer Welt, die nicht zu ihm kommt. Gerade unter der Mittagszeit, wenn der Garten still liegt und nur erfüllt ist von dem spitzen Schrei der hin und her schießenden Schwalben, wenn die vollen Lebenstöne verklungen sind, die ihn so glückselig wirr machen, wenn sie sich in eine dunkle Ecke des Gartens geflüchtet haben, um erst allmählich wieder aufzuwachen und um ihn zu branden, wenn er den Schlag der Uhr hört vom Dom. –

Dann möchte er aufstehen, im Garten herumgehen, da und dort ganz nah hinsehen, nicht nur an allem vorbeigefahren werden, möchte mit seinem Stock die Türe aufstoßen und neugierig wie ein Kind schauen, wie's da draußen aussieht. Ja, wenn ihm einer hülfe! Aber wenn er das will, ist keiner da, läßt sich keiner blicken, und wenn er auch noch so hart mit dem Stock auf den Boden stößt. Wenn sie dann endlich kommen, wollen sie gar nichts davon wissen. »Nein, nein, es ist nicht schön draußen,« sagen sie alle, »gar nicht schön, bei dir aber ist das Paradies.«

Er lächelt pfiffig. Das sagen sie so, weil sie ihn nicht draußen haben wollen. Er ist zu alt!

Heute will er's ihnen aber zeigen. Und er stützt sich auf seinen Stock und will sich hoch aufrichten im Stuhl, da hört er Tritte, Tritte eines Fremden im Garten, er kennt ja sonst jeden Schritt, und sie kommen so schnell, so sicher näher die Schritte, ganz anders sind sie wie das bedächtige, fast ruhende Schreiten der andern, wenn sie bei ihm sind, und nun steht er auch schon neben ihm, der Fremde, und wie wenn er es erraten hätte, bietet er ihm den Arm und hilft ihm auf. Fest hängt sich der Alte daran, das geht ja wie spielend, er muß vor sich hin lachen! Listig sieht er zu dem hochgewachsenen, hagern Fremden hinauf und kichert: Der legt bloß den Finger auf den Mund und warnt ihn – und er nickt selig über seinen Streich.

So stapfen sie sachte, wortlos durch den Garten, der Fremde stößt die Pforte auf und führt ihn leicht, o so leicht hinweg – dahin, wo ihn die Sehnsucht lockt, wo's ihn viel schöner dünkt als in dem alten Gatten, der nun verlassen steht für immer in seiner krausen Blumenpracht.



Industria

Dicker, schwarzer Qualm zeigt stundenweit die Stelle, wo die große Fabrikstadt liegt. Drohend, wie eine gewitterschwangere Wolke, hängt der Rauch der unzähligen Kamine über den Dächern. Man sieht nicht Haus, nicht Baum, nicht Feld. Weithin pfaucht der Atem des Riesenungeheuers Industrie, das die Stadt unter seinen Krallen geknechtet hält. Sein giftiger Atem versengt die Knospen, kein Baum trägt Früchte, keine Blume entfaltet sich ganz, verkrüppelt und halb welk hängt sie am Stengel. Unter der Sommersonne ballt sich der Dunst und verhängt den blauen Himmel mit Grau. Und in das Grau hinein wehen die Schlote mit langen, weichen, schwarzen Fahnen.

Der Sand der Ebene glüht; aus den heißen, engen Straßen, aus den schmutzigen Arbeitervierteln, den Riesenbauten der Fabriken, steigt träg und faulig ein Dunst der Verwesung in die Höhe.

Matt und unlustig sind die Menschen in der großen Arbeiterstadt, ihre Farbe ist bleich, und ihre Augen sind trüb.

Ein Hämmern und Pochen, ein Knarren und Rasseln, ein Pfeifen und Stampfen und Dröhnen, ein Pfauchen und Pusten und Zischen erfüllt die Luft, aus den Tiefen der Fabriken grollt gebieterisch eine unerbittliche Gewalt, die herrscht, und die die Nacken beugt.

Ruhig fließt der mächtige Strom in der Sonnenglut. Das leichte Gegitter der Brücke scheint in der erhitzten Luft zu zittern. Kein Baum und kein Strauch säumt das Ufer. Schwarze Schienengeleise laufen nebenher, an den mächtigen Quaderbauten der Kais vorbei, vorbei an den plumpen Lagerhäusern, die faul und breit hingestreckt daliegen. Schwere Frachtschiffe und dunkle, große Nachen liegen fest verankert davor; den ganzen Strom hinunter streckt sich zu beiden Seiten das wirre Gerippe großer und kleinerer Masten in die Höhe. Ein kleines Schiff mit weißem Segel kreuzt in der Ferne, die Kähne der großen Schiffe, die im Hafen schlafen, schaukeln leise. Mächtige Dampfer kommen angefahren, majestätisch wie Riesenwasservögel; die Wellen steigen hoch auf mit weißem Gischt an ihrer stolzen weißen Brust. Im weiten Bogen ziehen sie übers Wasser und legen sich still nieder, lautlos, wie Wasservögel sich ins Röhricht legen.

Mit bläulichen elektrischen Sonnen schmückt der Abend die Ufer. Hunderte von zitternden, schimmernden Lichtstreifen glänzen im Strom, der dunkel fließt, träg und schwer wie geschmolzenes Blei. Tausende von hellen Vierecken unregelmäßig, launisch durcheinandergeworfen, so tupfen die Fenster der hohen Häuserkomplexe das Dunkel.

Das Ungeheuer schläft; nur noch leise pfaucht sein Hauch, nur gedämpft klingt noch sein Rasseln und Stöhnen.

Wie leichte Herbstnebel zieht der Rauch über die Ebene, tot stehen die vielen Kamine, nur eine große, wilde, braunrote Flamme lodert aus dem hohen Dach eines Fabrikgebäudes wie eine Drohung in die Nacht.

Die Arbeiter in den niederen, hallenartigen Räumen sind in Schweiß gebadet. Den ganzen Tag hat die Sonne auf dem Dach gebrütet und sie schlaff gemacht, nun in der schwülen Nacht schleppen sie sich stumpf hin unter der Bürde schlafloser Stunden in der erdrückenden Luft. Maschine reiht sich an Maschine. Es ist ein dumpfes Stampfen, ein hastiges Schieben und Keuchen, ein immerwährendes Auf und Nieder der schweren Kolben ringsum; die Räder drehen sich mit leisem Pfeifen, und kleine Lichter hüpfen und sprühen aus den blinkenden Metallzylindern und Stangen im Widerschein der elektrischen Lampen. Von der Decke tönt das wirre Gesumm der vielen kleinen Räder, der ganze Raum ist erfüllt von dem Sausen der Transmissionen, dem Surren der Riemen.

Müde und schwer stehen die Arbeiter auf ihrem Posten.

Riesenhafte, graue Schatten hüpfen an den Wänden hin, huschen über die Decke, winden sich durch das Gewirr der Seile und Bänder.

Wie huschende Gespenster sehen sie aus, wenn eine der großen Lampen jäh aufzuckt. Sie verkriechen sich, sie springen über den Boden, sie tanzen auf dem sausenden Schwungrad der Dampfmaschine, das mit zurückgehaltenem Getöse seine mächtigen Speichen dreht, sie schnellen sich hoch hinauf und wirbeln an den Wänden wieder herab.

Wird nicht plötzlich das Stampfen der Maschine eiliger? Rennen nicht die Riemen, sich immer mehr überhastend? Sieht es keiner? Müd und schwer stehen die Arbeiter auf ihrem Posten.

Droben zwischen den Riemen der großen Dampfmaschine verschwindet ein Schatten. Jetzt taucht er wieder auf. Dort über dem großen Rad. Unbeweglich hält er dort, lauernd. Langt nicht eine Hand blitzschnell in das Getriebe?

Schneller, immer schneller drehen sich die Räder, lauter, immer lauter knirscht das gequälte Metall, wilder, immer wilder rasen die Riemen im verrückten, wahnsinnigen Hin und Her. Das Sausen und Zischen und Grollen in der Halle wächst zum Getöse, Feuerregen stieben aus dem wütenden Stahl. Ein Angstgeschrei erwacht und erstirbt im starren Entsetzen, das alle lähmt. Bewegungslos stieren sie nach dem Hexentanze, der immer gräßlicher wird. Das sind keine Maschinen mehr, keine toten Massen, lebende, wildgewordene, blutdürstige Geschöpfe sind's, die brüllend und stöhnend und keuchend sich freizumachen suchen, um denen Vernichtung zu bringen, die sie knechteten.

Sie zerreißen ihre Fesseln, sie werden frei, sie kommen!

Droben in dem Riemenwerk kichert's und grinst's. Ein Hohnschrei gellt in das Stöhnen der wütenden Bestien. Einer der starren Menschen stürzt vorwärts, stürzt zu dem großen, sausenden Schwungrad – will retten – eine knöcherne Hand schießt blitzschnell herunter, faßt ihn, ein Ruck – hoch fliegt er im Bogen gegen das Gebälk der Decke, zurück, und wieder wird er aufgefangen von den Knochenarmen und wieder in die Höhe geschleudert, wieder geborgen und wieder gegen die Eisenrippen des Daches geschnellt. Dann sinkt die unförmliche Masse mit dumpfem Klatschen zur Erde. Der droben biegt sich vor, sieht noch einmal grinsend in den Hexensabbat, nickt und gibt dem mächtigen Rad einen Fußtritt – ein Krach! alles steht still. Wie ein Spuk ist's verflogen, mit einem tiefen Seufzer haucht die Dampfmaschine den letzten, hastig hervorgestoßenen Atem aus. Totenstille – die kleinen Bestien kuschen sich vor ihrem Herrn und Meister.



Der Vogel

Im Tal kommt die Helle des Frühmorgens zögernd, sacht, mit leisen Spähblicken unter der Dunstdecke durch. Über den Nebeln aber hat sich die Sonne schon breit gemacht und lungert auf Berglehnen und über Wäldern.

Der Tag wird mattglänzend, spröde und glasig. Einer jener matten Frühsommertage, die blank-weiß aufstehen, eine Zeitlang zaudern, kleine Wolken über den Himmel ausschicken und mit heulendem Sturm, Schauer und Blitzen enden.

Schon wird die Luft schwerer, und der Mann, der über die Felsen gestiegen kommt, vom Tal herauf, schnauft hastig und wischt sich den Schweiß. Und doch ist die Sonne nicht grell; dünn, verschwommen in den Umrissen liegen die Schatten der Sträucher und Bäume auf dem hellen Fels, und unten in der Schlucht ruht langgestreckt der Nebel, wie eine Schlange durchs Tal geringelt.

Der Mann steht still auf der Höhe und sucht sein Dorf, sein Haus.

Überall Nebel, ein träges Meer. Nur das goldne Kreuz des Kirchturms sticht durch und gleißt und schillert über dem Grau. Heute kommt er nicht mehr heim, er hat noch einen weiten Weg übers Joch und muß wieder nieder ins Tal, und er schleppt eine schwere Last auf dem Rücken. Daß sie ihn heute gar so drückt! Daß er so vorsichtig steigen muß, und ihn der Schwindel packt, wenn er dem Rande nahe kommt! Dann steigt's ihm gleich zum Herzen, und der Atem will ausbleiben – besorgt sieht er zu dem dichten, milchweißen, schweren Himmel auf. Am Rand hocken kleine, graulich-gelbe Wolken, sollte ein Wetter drohen? Er schüttelt den Kopf. Er ist doch sonst nicht so furchtsam.

Sicher steigt er sonst über Platten und Geröll, scharf ist sein Auge und fest sein Tritt. Er kennt die kürzesten Steige, wenn's auch die waghalsigsten sind, nie ein Fehltritt, niemals Schwindel, nur heute engt's ihm den Atem, zaudert der Fuß und schreckt er zurück vor dem Abgrund. Aber er muß höher, immer höher. An der wilden Schlucht vorbei, zur Rechten starrende Felsen; dann hören auch die auf, und stundenlang zieht sich der nackte, kahle Grat hin.

Dort hält er und schaut hinab. Von tief drunten hört er das Rauschen des Baches, schwarz starrt der Nadelwald aus dem Nebel; auch das Kreuz seiner Kirche sieht er nicht mehr, nur ein dünner verwehter Glockenton kommt zu ihm. Jetzt spielen wohl seine Kinder ums Haus und hetzen die weiße Katze. Wie sie setzt! Über die Balken, über den Zaun, über die Wiese, am Apfelbaum hinauf! Und dort kauert sie, und die Blondköpfe stehen mit roten Backen und schauen hinauf und rufen und trippeln vor Ungeduld. Und der Herd raucht, und die Hennen gackern, am Haus rinnt der eilige Bach vorbei – rinnt – rinnt – immerzu.

Er springt auf. Ob er wohl geschlafen hat? Sein Kopf ist wirr und taumelig, und er muß doch weiter, weiter.

Er schaut auf. Über ihm sieht eine kleine dunkle Wolke unbeweglich. Wie ein phosphoreszierender Ring sprüht um sie das Licht, das fahl und matt wird am Himmelsrand. Er schreitet fort, dann sieht er wieder auf. Und wieder die Wolke, und wieder über ihm. Wird sie nicht größer, rückt sie nicht näher? Sein Herz klopft auf einmal wild, daß es ihn schmerzt, die Augen brennen, weiß, heiß und endlos liegt der schmale Grat da. Und wieder muß er ausschauen. Und wieder die Wolke. Langgestreckt, dunkel, zerzaust, segelt sie tiefer, über ihm, senkt sich auf ihn zu, immer näher auf ihn zu.

Sie wird größer und größer, schießt über das Sonnenlicht, verdunkelt es, weit breitet sie sich aus – nein!

Es ist keine Wolke, ein Riesenvogel ist's mit ausgespannten Flügeln, mit schwarzem Gefieder! Weiß leuchten seine Fänge, weiß der Schnabel, weiß glimmen die Augen im fahlen Licht. Ohne Laut sinkt er tiefer und tiefer.

Der Mann hastet weiter, er ringt nach Atem und keucht, seine Knie brechen, das Rauschen der mächtigen Flügel stürmt über ihm, dunkel wird's ringsum, Nebel steigen aus der Schlucht, aus dem Tal, er sieht den Pfad nimmer und strauchelt –

Da schießt der Riesenvogel auf ihn nieder und umkrallt ihn. Einen Augenblick schwebt er frei mit ihm über dem Abgrund, dann fassen ihn die mächtigen Fänge, und er sinkt – sinkt – –



Ballnacht

Violinenjubel schwingt sich hoch auf über trunkene, taumlige Lust. Rings buntes Wogen und Gleißen und Treiben. Duftige Spitzen und Glanz der Seide, weiße Nacken, blitzende Zähne. Aus dem Gewirr taucht schweres, schwarzes Haar, ein sehnsüchtiges Augenpaar, das Schimmern eines Diadems im Sprühen der Lichter, Feuerseide in starren Falten, duftige Blumen, schwerer Duft, ein schlichtes, weißes Kleid um einen jungen Mädchenleib, rote, begehrliche Lippen – und alles ist wieder verhuscht, verschlungen, verschwunden in dem Winden und Wogen und Drehen des Tanzes.

»Er hat mich geküßt, er liebt mich!«

Wie sie sich an ihn preßt, wie sie rast, wie ihr Blut stürmt und pocht. Flammen zucken und lohen in ihrem Leib, Flammen brechen aus den Augen; schwingen, fliegen, sausen möchte sie durch die Luft und schreien in unbändiger Lust. Immer so weiter mit dem glühenden Wind im Antlitz, mit pochendem Herzen, im Rausch, im Rausch, weiter, nur weiter!

Immer zu! Getragen werden von ihm, seine Hand um ihren Leib, ihren schlanken Leib, fest, fester –

»Elfenkind!« – seine Stimme hört sie wieder, halb verloren im Wirbel des Tanzes. Näher preßt sie sich an ihn, enger in seine Arme, ihre Augen schließen sich, die Stirne sinkt auf seine Schulter, die Lippen zucken, sehnen sich –

Schneller, schneller!

Kreischt ihr Violinen, rast ihr Bässe, zuckt und flammt ihr Lichter nur weiter! in brennender Seligkeit.

Ihr Mund irrt nach seinen Lippen, o Taumel, o Rausch! fliegt sie, wird sie getragen? und schwebt höher und höher?

Zu hoch! Das Feuer sengt sie im Herzen, im Kopf, wie es glüht, wie es lodert! Und es qualmt und nimmt ihr den Atem, sie erstickt! er hält sie zu fest! Sie will sich lockern aus seinem Arm, aber er rast weiter im Tanze, sie will ihn von sich drängen, sie kann nicht, schwer und bleiern sind die Glieder. Die Lichter werden zu Sonnen, drehen und wirbeln sausend um sie, sie fallen von der Decke, schießen von den Wänden, krümmen sich vor ihr höhnisch am Boden, zischen auf wie Schlangen, schlagen Räder wie Pfauen, sausen auf zur Decke und stürzen rot fauchend zurück. Ungetüme werden sie, die mit giftigen Blicken auf sie zurasen, mit sprühenden Augen sie umdrohen –

Immer schneller wird der rasende Wirbel um sie, blaue, gelbe, rote, grüne Schillerstreifen schlingen sich ihr um Arme und Brust. –

Und die Paare, sie stehen auf dem Kopf! Sie kreischen und lachen, sie werfen höhnend ihre Köpfe von sich, hoch – hoch bis zur Decke. Dort kreisen und rasen sie mit weit offenem Maule und rollenden Augen, zwischen den aufzischenden Lichtschlangen durch. Und die Lichtschlangen schießen plötzlich alle auf sie zu, bohren sich in ihre Brust, die flirrenden Sonnen umkreisen sie enger, die bunten Streifen umschnüren sie – Luft! Luft!

Es wird grau, es wird dunkler, Asche fällt von der Decke, hüllt sie ein, Nacht wird's, Nacht! Nur ein fahlgelber Schein sticht durch das Dunkel. Über sie neigt sich ein weißer Schädel, haarlos, mit toten Augenhöhlen, eine knöcherne Hand faßt die ihre. Es ist zu Ende. Mit einer kleinen Schwenkung des Chapeau claque und einer tadellosen Verbeugung vor ihr dankt er für den letzten Galopp.



Weiße Rosen

Mittagsschwüle liegt über dem See, träg schlagen die Wellen ans Ufer. Eine schwere Wolkenwand hängt ohne Regung an den Spitzen der Berge, und drüber weg wirft die Sonne mattblitzende Speere über das tiefe Graublau des Wassers. Einsam schaukelt ein Kahn im Röhricht, in dem große Wasservögel schläfrig sitzen.

Weiß und hell schimmert das Klostergebäude am Gestade aus dem Kranz der Linden, und das Kirchlein ist fast untergetaucht unter die hohen Wipfel. Still und kühl ist's in seinem Frieden, sacht klirren die Fenster, wenn der Wind vom See her weht. Dann stiehlt sich auch ein feiner Duft durch die offenen Scheiben, denn draußen wiegt sich ein weißer Rosenstrauch hin und her. Blasse Sonnenlichter schlüpfen durch das Blätterwerk des Strauches, tanzen langsam auf den Fliesen des Kreuzganges in dem grauen, kühlen Frieden.

Vor dem Bild des Erlösers, in einem der hohen Stühle sitzt eine Nonne, das friedliche Runzelgesicht tiefgebeugt; in ihrem Schoß ruht ein Strauß weißer Rosen, über die sie die Hände zum Gebet gefaltet hat – sie schläft. Der Duft der weißen Rosen! Sie ist wieder im Vaterhaus, in dem kleinen düstern Garten unter dem Rosenstrauch, der über die Mauer des Nachbargartens hängt, sie steht auf den Fußspitzen und will nach den Blüten greifen. Aber immer wieder schnellt der Zweig zurück, und immer wieder streckt sie sich danach und kann ihn nicht fassen. Vor Eifer kriegt sie glührote Backen, Nachbars Rosen muß sie haben, sie sind zu schön! Da sieht sie plötzlich ein lachendes Knabengesicht zwischen den Zweigen. »Diebin! Diebin! Na wart' du nur!« Vor Schrecken vergißt sie davonzulaufen, steht und errötet.– Oh, da fliegt ein Strauß Rosen über die Mauer, ihr gerade ins Gesicht, von dem lachenden Buben sieht sie nichts mehr. –

Der Tanz der blassen Sonnenflecken im Kreuzgang wird eifriger, wird bunter. Ein knisterndes Rauschen geht durch den Strauch, der Wind fährt über den See, bläst gegen die Fenster, daß sie klirren, und schüttelt die Rosen – Welle um Welle pocht ans Ufer, die alte Nonne träumt weiter.

Sie geht mit ihrer Schulmappe sittsam an den Häusern hin und schaut nicht links und rechts, ganz wie es Mutter haben will, aber sie weiß, daß er hinter ihr geht. Ihr kleines Herz klopft unruhig, ihre Schritte werden immer schneller, da ist sie ja an ihrer Gartenpforte und Nachbars Tür daneben sieht offen. –

Wie sie da hineinkommt, weiß sie selbst nicht, aber sie steht auf dem Kiesweg und ein Strauß weißer Rosen fliegt über ihren Kopf weg vor ihr nieder. Schnell will sie sich danach bücken, aber da sieht sie vor sich das lachende Gesicht des jungen Studenten – vier Wangen glühen, vier Augen leuchten, Mund preßt sich an Mund, der Rosenstrauß liegt vergessen am Boden.

Die blassen Sonnenflecken verwischen sich, Wolken ziehen über das Licht, in der Kirche wird es dunkel, und die schwere Wand rückt näher. Ganz schwarz wird der See und zitternde Schauer jagen über seinen Rücken, unstäte Wellen schickt er ans Ufer, die Kette des Kahnes klirrt, und mit schrillem Schrei fahren die Wasservögel auf.

Das Wetter kommt. Ein johlender Ton ist in den Bergschluchten erwacht und gellt über den See. Hoch bäumt er sich auf und sinkt zurück und bäumt sich wieder auf. Die schwere Wolke kommt ihm entgegen, tief und tiefer, es ist, als mischten sich Wellen und Wolke.

Da birst sie. Wie ein Zischen fährt der Blitz durch das Wettergrau, und der Donner läuft rollend an den Felswänden hin. Die Nonne träumt weiter.

Sie steht unter dem Rosenstrauch und hat eine weiße Rose in der Hand. Er hält sie im Arm und küßt ihr lachend die Tränen weg.

»Wer wird denn weinen? Übers Jahr komme ich wieder und hole dich. Nimm die weiße Rose, sie muß sich röten, wenn ich wiederkehre, denn dann wirst du mein Weib.«

Der Sturm rast um die Mauern und braust in den Kronen der alten Linden, Blitz um Blitz zischt nieder und wirft hastige Lichter in das Dunkel des Kreuzganges, Donner und Widerhall reichen sich die Hände, verschlingen ihre Stimmen; die alte Nonne träumt weiter.

Die Wellen dröhnen ans Ufer, der Schaum sprüht und zerstäubt im Sturm, Hagel prasselt. Ein Blitz – die ganze kleine Kirche strahlt vor Helle – sie erwacht. Alles glänzt von Licht und Schönheit, einen ganzen Regen weißer Rosenblätter wirft der Sturm über sie, die Rosen blühen!

Es ist Sommerszeit, wie die Sonne flammt! Da zuckt's wieder auf, die Rosen in ihrem Schoße glühen.

Er kommt! Er kommt! Da steht er in strahlender Jugend! Sie breitet ihre Arme aus, die Augen muß sie schließen vor Helle, ihr Haupt sinkt auf die Brust – so gleitet sie langsam zur Erde.

Wie die Rosen duften!

Und der Sturm johlt sein Lied weiter, der Donner kracht, und von dem Dach der kleinen Kirche weht eine lodernde Flamme in die Nacht des Unwetters.



Die Wanduhr

Nach langen, trüben Tagen mit dichtem Schneegestöber scheint zum erstenmal wieder die Sonne, die echte, blanke Wintersonne über der Stadt, und die beschneiten Kappen der Frauentürme heben sich scharf ab vom hartblauen Himmel.

Alle Dächer tropfen, die Straßen sind naß vom zerrinnenden Schneewasser. Lustig klingeln die Trambahnen über die sonnigen Plätze, alle Welt bummelt, ordentlich lenzahnend und vergnüglich sieht es aus. Nur der kalte Ostwind! Heimtückisch lauerte er schon den ganzen Tag an den Ecken, und nun gegen Abend saust er ganz plötzlich durch die Straßen und über die Plätze und überfällt einen förmlich, daß man Frühlingsgedanken und Sonnenschein schnell genug vergißt, sich gern wieder in seinen Pelz verkriecht und den warmen Ofen sucht.

Schon überziehen sich die Wasserlachen wieder mit einer dünnen Eiskruste, an den Straßenenden ballt sich's zu grauen Nebeln, aus den Schatten und Winkeln der Häuser kriecht langsam die Nacht und richtet sich höher auf, stetig wachsend und wachsend.

Am Himmel hängt noch die ganze Helle des Tages, aber aus dem Qualm der Straßen flammt schon die erste Laterne auf. Winzig klein sieht sie aus, braunrot, vom Dunst fast verschlungen; dann eine zweite, dritte, fünfte, immer mehr, bis überall Licht an Licht entzündet ist, während im Westen die letzte Sonnenröte düster drohend aus finsterem Gewölk flammt, in langen, blutigroten Streifen.

Aus den großen angelaufenen Scheiben eines Cafés fällt heller Schein. Es ist wohlig warm drinnen, und die Fiaker, die in der schneidend kalten Ostluft neben ihren Wagen auf und ab stampfen, werfen neidische Blicke nach der Tür des behaglichen Lokals.

Eine leichte Rauchschicht schwebt nieder über den hellen Marmortischen, Zeitungen rascheln, dazwischen tönt das schwache Klirren der Tassen und Teller, förmlich eingehüllt von dem gedämpften Hin- und Herwogen des Geplauders. Es ist keines der modernen Prachtcafés, mehr ein behäbig komfortables Lokal Altmünchener Schlages. Der Wirt geht händereibend zwischen den Reihen der Gäste hin und her, grüßt nach allen Seiten, drückt dem die Hand und setzt sich bei jenem zu einem Trunk nieder. Das Publikum stammt mehr aus kleinbürgerlichen Kreisen, meistens lustig-behagliche Menschen, die sich gemütlich unterhalten wollen.

In der hintersten Ecke, vor der langsam tickenden alten Wanduhr sitzt ein Mann an einem kleinen Tische allein. Er paßt nicht recht in den Rahmen des Lokals, zu den gemächlichen Menschen. Seine Haltung ist gebückt, er senkt den Kopf, wie es Menschen tun, die schweren Kummer tragen. Wenn man nur seine Rückenlinie sieht und den hageren Hals, kann man ihn für einen alten Mann halten, auch ist sein Haar grau und sein Gesicht faltig. Und doch ist er noch jung, wenn auch seine Gesichtsfarbe graugelb und seine Hände mager und zittrig sind, mit blauen Adern, die hoch hervortreten, wie die eines alten Mannes. Er stiert vor sich hin auf den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Was er bestellte, steht unberührt vor ihm; – ein trockener Husten schüttelt ihn von Zeit zu Zeit, den er mit aller Kraft zurückzuhalten bemüht ist. Dann schaut er scheu nach den behaglichen, plaudernden Menschen ringsum, zieht die Achseln höher, wie wenn er sich verbergen wollte, streicht mit einer verlegenen, linkischen Bewegung die glanzlosen Haare zurück und streift die feuchte Stirne.

Niemand kennt ihn, niemand beachtet ihn. Keiner sieht den Ausdruck der Hilflosigkeit in seinen unruhigen Augen, wenn ihn der Husten packt. Von schlaflosen Nächten reden diese Augen, von Kummer und stierer Furcht. Allein gebangt, allein gefürchtet, allein gekämpft, allein verzweifelt. –

Es wird leer und leerer um den Einsamen. Das Café wird still, und von der Wand tönt vernehmlich das Ticken der großen Uhr. Wie durch den Ton gebannt, starrt er plötzlich nach ihr. Und sie hält ihn fest. Er muß nach den Zeigern schauen, die so unerbittlich vorwärts rücken, immer weiter, unaufhaltsam. Er will seine Augen wegwenden, aber immer wieder zwingt's ihn hin, muß er sehen, wie die Zeiger weiterschreiten, wie sie eilen, wie sie schneller, immer schneller werden, wie sie rennen, rasen. Seine Lippen öffnen sich, er will schreien, seine Hände strecken sich aus, er will aufspringen, aber gebannt, ohnmächtig muß er dem rasenden Tanze zusehen.

Und da ist es nicht mehr die alte Wanduhr, ein fletschendes, weißes Beingesicht ist's, das ihm von der Wand herunter zugrinst; über das grinsende Gesicht aber laufen unaufhaltsam im Wirbel die Zeiger wie Riesenspinnen. Starr und gelähmt fühlt er, wie sie näher kommen, wie diese Riesenspinnen zu dürren, fleischlosen Armen werden, die nach ihm greifen, die sich rasend um ihn drehen, die schon seinen Mund, seine Augen berühren, die ihn im Wirbel mit fortreißen wollen. Eiseskälte packt ihn, seine Füße werden steif, sein Herz hört auf zu schlagen – jetzt! jetzt packen sie ihn! Ein halberstickter, gurgelnder Angstschrei – mit dumpfem Krachen stürzt die Wanduhr neben ihm nieder.



Mittag

Weiche, warme Frühlingsluft weht über der alten grauen Stadt. Der Himmel ist lichtblau, durchsichtig wie Glas und voll strahlenden Glanzes. Aus allen Gärten strecken die Bäume ihre Blütenzweige, über die Stadtmauern hängen ganze Büschel roter und weißer Blüten, der feuchte Graben hat sich mit bunten Blumen geschmückt, in den Anlagen, unter den mächtigen Kastanien- und Lindenbäumen, brechen alle Knospen auf, wie von roten, gelben und weißen Flocken sind die Sträucher überrieselt; in den uralten Wipfeln ist ein Jubilieren und Singen von Hunderten von Vögeln, und auf dem Rasen jauchzen und spielen die Kinder. Alle Fenster sind weitgeöffnet, weiße Gardinen bauschen sich im warmen Winde, heiteres Lachen und Plaudern und Singen tönt aus den Häusern. Ein Hauch von Trunkenheit und Frühlingsseligkeit liegt über der grauen Stadt, die still lächelnd in der Sonne ruht, mit Blumendüften überschüttet, von Vogelgesang umschmettert, in blühende Gärten eingebettet.

Hinter dem hohen Dom, von einer Sandsteinmauer umschlossen, schläft ein stiller Garten. Wie ein Teppich hängt sich dunkler Efeu über die Einfriedung, riesige Platanen und Ulmen beschatten den Rasen, das helle, hohe Patrizierhaus mit den gewundenen, schmiedeeisernen Verzierungen, mit der graziösen Verschnörkelung seiner Balkone liegt mit geschlossenen, sanftgrünen Läden hinter dem stillen Garten. Orangen- und Lorbeerbäume säumen die Sandsteinstufen der Terrasse, aus barocken Vasen fallen üppige Schlingpflanzen auf das Gitterwerk der Brüstung. Die Flügeltüren vom Gartensaal zur Terrasse sind geöffnet, und ein Schein von verblaßter Seide und Goldverzierungen und weißem Marmor fällt heraus. Nichts regt sich im Saal, nichts im Garten. Das alte Haus schläft in tiefer Ruhe, und kein Ton der Außenwelt dringt durch die dicken Mauern. Nur im Garten hört man ganz von fern die Kinderstimmchen, und wenn man sich weiter in das Dämmergrün des Parkes verliert, tönt das Rauschen des großen Stromes wie eine immerwährende, gedämpfte, heilige Melodie.

Verloren und vergessen liegt der Garten in seiner wilden Frühlingspracht. Ein buntes Durcheinander altmodischer Blumen ist in den langgestreckten Beeten zwischen der steifen Buchseinfassung in die Höhe geschossen. Der süßstrenge Geruch des Goldlacks, der zage Duft der Narzisse mischt sich mit dem herben Atem des Buchses und dem Hauch des Flieders. Gelbe Märzenbecher und dunkelviolette Iris, glührote pralle Pfingstrosen und blaue Männertreu, neben zartrosa Federnelken und tiefschwarzen Pensees tauchen den Garten in eine märchenhafte Farbenpracht.

Etwas Träumendes, Geheimnisvolles, ein Hauch vergangener Zeiten weht über den Laubengängen, aus denen lächelnde, weiße Göttinnen schauen.

Man hört keines Vogels Stimme, kein Fußtritt knirscht auf dem Kies der Wege, nichts zeigt, daß das weiße Haus bewohnt ist; kein Fenster öffnet sich, niemand schreitet die Stufen hinab, der Saal hält seine Flügeltüren weitgeöffnet, aber niemand tritt heraus.

Vergessen, verloren, verträumt. Und doch ist's wie das Rauschen seidner Frauenkleider in der Luft; in den Bosketten schlummern Kichern und Gelächter, samtne Gewänder schimmern und spitze Degen blitzen. Mit stillem Lächeln halten die weißen Göttinnen Wache über die Geheimnisse des Gartens.

Und dort, am Ende des Laubenganges? Der Greis, der in dem weitbauchigen, geschweiften Lehnstuhl liegt, in die bunte türkische Decke eingehüllt? Ist er wiedererstanden aus jenen Tagen, in denen gepuderte Schöne durch den Park wandelten? Wo es in verschwiegenen Nischen seufzte und girrte, wo aus grünen Lauben heimliches Liebesgeflüster drang und in den dunklen Bosketten Lippe auf Lippe brannte? Oder ist er hier zurückgeblieben, ein stummer Träumer, ein sinnender Zuschauer, aus jener Zeit des Glanzes, als der Park noch widerhallte von dem berauschenden Lärm galanter Feste? Mit geschlossenen Augen ruht das feine, blasse Greisengesicht auf dem Purpursamt des Sessels. Ein zartes Tuch ist wieder und wieder um den welken Hals geschlungen, vorn verknotet, fällt es in reichen Spitzen auf die geblümte Seide des Schlafrockes. Schneeweißes Haar legt sich lang von den Schläfen gegen den Nacken; über der Stirn und den Ohren gerollt, ist es zu einem regelrechten Zopf mit schwarzem Band gebunden. Das ist der alte Freiherr, der Sonderling, der mit einem einzigen alten Diener schon viele, viele Jahre – wie lang, denken wenige in der Stadt – das »Schloß« in seiner verblaßten Pracht bewohnt.

Wenige erinnern sich daran, ihn auf der Straße gesehen zu haben, wenige wissen noch von dem Aufruhr, den seine Erscheinung einst hervorbrachte. In Kniehosen und seidenen Strümpfen, gepudert und mit dem Dreimaster, in Spitzen und Jabots, den vergoldeten Knopf seines Stockes unter dem Kinn, wandelte er ehemals steif und langsam durch die Straßen. Er sah nicht rechts, noch links, hörte keine der hämischen Bemerkungen und wußte nichts von dem tollen Gelächter, das ihm folgte. Riß einmal einer im Hohn den Hut tief zur Erde, so dankte er mit einem kurzen Kopfnicken. Der Souverän grüßte den Untertan. Er sprach nie mit jemandem, nie kam ein Mensch zu ihm, seit er das Erbe der Väter angetreten und in die Stadt gezogen war. Tagein und tagaus lag im Anfang die ganze Nachbarschaft auf der Lauer, heimlich hinter den Gardinen und offen und ehrlich, über das Fenstergesimse mit halbem Leibe hängend. Eine Reihe von Kindernasen drückte sich platt an dem schweren eisernen Parkgitter, die frechsten Jungen legten sich oben auf der brüchigen Mauer platt auf den Bauch, saßen rittlings, stundenlang, oder baumelten vergnüglich mit beiden Beinen in das freiherrliche Gebiet hinüber. Leider erblickten sie nicht viel, die Laubgänge waren dicht und der Park eine undurchdringliche, grüne Wildnis. Manchmal allerdings erschauten sie den Freiherrn, wie er die Stufen herabstieg und in den langen, geradlinigen Wegen auf und ab stelzte. In einiger Entfernung folgte der Diener mit dem Regenschirm, denn nur, wenn es feuchtes und bedecktes Wetter war, spazierte der Freiherr in den offenen Wegen hin und her, sonst unternahm er die Promenade im Laubgang, und seine merkwürdige, bunte Silhouette und die des gravitätischen Dieners tauchten auf, verschwanden und kamen wieder zum Vorschein und verhuschten aufs neue zwischen den grünen Buchenhecken und den weißen Götterbildern. Auch der Diener trug Kniestrümpfe, die lange Weste und den Tuchfrack. Die Kleider des Freiherrn waren von Seide und Samt, mit reicher Stickerei geziert, und atmeten den Duft vergangener Jahrhunderte aus, wie wenn sie viele Jahre in den mächtigen Eichenschränken gelegen hätten, unter Lavendel- und Rosenblättern.

Allmählich gewöhnte man sich an den Sonderling. Man deutete nach der Stirn, man kicherte, lächelte leise, zuckte die Achseln, verzog den Mund, die laute Heiterkeit wich, es blieb etwas zurück wie Scheu, Scheu vor dem stolzen, müden Haus mit seiner abwehrenden Ruhe, vor der uralten Herrlichkeit des Parkes, vor dem stillen Garten mit seiner wilden Blumenpracht, vor den fremden Göttern, den zwei fremden alten Menschen. Man gewöhnte sich daran, denn es war immer dasselbe Schauspiel, und das Volk wurde müde. Kaum daß ein paar neugierige Kinderaugen am Gitter spähten. Der Alte ging auch nie mehr aus und lebte wie verschollen auf seiner großen, blühenden Insel.

Nur wenn manchmal zur Nachtzeit sich alle Läden des weißen Schlosses öffneten, wenn Hunderte von Kerzen einen breiten Lichtstrom über den Park warfen und das Haus wie ein helles, leuchtendes Märchen aus den Wipfeln der Bäume tauchte, wenn aus den sonst verschlossenen Gemächern, verstohlen erhascht, die Pracht seidner Vorhänge und reicher Spitzen strahlte, wenn von den Wänden aus breiten Barockrahmen kokette Frauen mit weißer Brust und hochgezogenen dunklen Brauen lachten, die mit gespreizten Fingern ihre kurzgeschürzten Gewänder hielten, wenn ernste Kavaliere in heroischer Stellung, mit seitwärts gedrehtem Kopf, die Hand am Degen, aus den Rahmen niederzusteigen schienen, wenn in den dunklen Gängen des Gartens plötzlich farbenbunte Lampions glühten und die Wasser der Springbrunnen zu rauschen begannen, dann schworen wohl viele, es sei ein gedämpftes Gebrause von vielen Stimmen aus den Sälen gedrungen, mit einem feinen Klirren von Tellern und Tassen und Löffelchen. Champagnerpfropfen hätten geknallt, flüchtige Schatten seien an den Fenstern vorbeigehuscht, und glückliches Lachen habe wie ein leichter, feiner Silberton aus den geöffneten Fenstern geklungen. Mitten in der Nacht sank das Haus wie auf einen Schlag in seine stumme Dunkelheit zurück und schlief unter dem breiten Dach der Platanen. Schwarz starrte der Park, und das Wipfelrauschen mischte sich mit dem verklingenden Nachtgesang des Stromes.

Der alte Freiherr träumt. Eine breite Welle süßen, schmeichelnden Fliederduftes bringt der sonnenwarme Mittagswind. Wie war es schön, sein Fest! Wie prächtig die Tafel, schimmernd in seidenglänzendem Linnen, mit dem Funkeln der Kristallkelche, der schweren Wucht der silbernen Aufsätze, den mächtigen Schalen voll seltener Blumen. Wie eine strahlende Insel hob sich der blitzende, schimmernde, helle Tisch ab von dem heitern Ernst des grünen Samts der Tapeten und Möbel.

Und nun kamen sie alle an, alle vom oberen Stockwerk herab, wo sie monatelang steif und starr in ihren goldenen Prachtrahmen gestanden, bis er sie zum Leben, zur Freude, zum fröhlichen Genießen erweckte. Das war ein Geschäker und Gelächter die breite Treppe herunter, zwischen mächtigen Lorbeerbäumen, überstrahlt von den Flammen der Gueridons! Das war ein Knistern und Rauschen der Seide, ein Blitzen und Glitzern der Geschmeide, ein Gleißen der Stickereien, ein Neigen und Beugen schimmernder Nacken, ein Prahlen und Strahlen leuchtender Augen! Und Golddegen blitzten zwischen der starren Seide und dem vornehmen Samt, glitzernde Schnallen sprühten auf zierlichen Hackenschuhen, und Busennadeln warfen zuckende Lichter aus kostbaren Spitzen, die fein wie Spinngewebe. Hoch und ernst schritt im Schwärm schöner Frauen die Schönste.

Ihre Augen tief und leuchtend, wie der See im Frühlingslicht, ihre Wangen rot und zart wie Apfelblütenblatt, ihr Mund eine purpurne Knospe, von Tau benetzt. Sie, seine Sonne, seine Jugend, sein Leben! Ihretwegen strahlten die Kerzen, funkelte das Silber, dufteten seltsame Blüten in den Schalen, ihretwegen erfüllte der Festglanz, erfüllten die heiteren Gäste die Säle. Von ihr, der Ernsten, Stolzen wollte er ein glückliches Lachen, ihre triumphierende Schönheit wollte er feiern, sie anbeten, harren, bis ein Strahl des Glücks aus ihren Augen auf ihn fiel, wenn er sie pries, die Göttin der Schönheit, der Jugend. Oh, er weiß es wohl, wenn sie auch jetzt hoheitsvoll und still durch die Reihen der entzückten Gäste schreitet, wenn ihre Augen auch tagelang starr und unbeweglich aus dem großen Bilde im Ahnensaal blickten und über ihn wegsahen nach dem blühenden Garten – er kannte sie mit einem verstohlenen glücklichen Lachen, wie sie mit schelmischen Winken ihm voranglitt durch die Türen! Er kannte sie, wie sie vor ihm herflatterte, zum Greifen nah, in ihrem bunten, duftigen Kleide, das wie vom Frühling selbst gewebt schien, wie sie sich neckisch zum Tanze schürzte und ihm mit Fliederzweigen winkte! Er sah sie um die Ecken seines Hauses huschen, im tollen Jagen durch die Parkwege fliegen, er sah sie still in der Fliederlaube sitzen mit sehnsüchtigen Augen – er hörte ihren leisen Tritt über die alten Treppenstufen, ihr Zagen vor seiner Schwelle, das hastige Rascheln der Seide in seinem Zimmer, fühlte den Fliederduft, der ihrem Haar entströmte, fühlte ihren erschreckten, scheuen Kuß.

Mochte sie auch herb aus dem hohen Rahmen blicken und seiner bittenden Augen nicht achten, er fühlte noch die Wärme ihres jungen Körpers, den Hauch ihres Mundes – er wartete, er wußte, die Stunde würde kommen, in der sie sich ihm ganz offenbarte.

Wie der Flieder duftete! Wie eine breite Welle von Glück und Sonne und Schönheit und Frieden zog's über den Garten auf ihn zu. Der alte Freiherr öffnete plötzlich seine großen, blauen Augen, ein seltsames Lächeln glomm auf in ihren Tiefen. – Langsam kam sie den Gartenweg herauf, nicht ernst und streng, strahlend in Schönheit und Freude, voll demütigen Glücks. Ganz leise, ganz unhörbar waren ihre Schritte auf dem Kies, wie eine Glorie wob sich das Licht um sie, Vögel umflatterten sie, Schmetterlinge setzten sich auf ihr buntes Gewand, und sie kam näher und näher. Das Licht wurde flammender, der Gesang der Vögel süßer, eindringlicher, das Rauschen des Stromes schwoll zum Brausen. Reicher, üppiger blühten die Blumen, wie wenn sie vergehen wollten in Glanz und sterben in Duft, die weißen Göttinnen streckten sehnsüchtig die Arme aus – und sie kam langsam auf den alten Freiherrn zu. Eine demütige Königin, eine zitternde Herrscherin; ihre Augen mächtige Sonnen, ihre Lippen glühende Brände. – Endlich, endlich!

Vergehen, verstummen in der Woge von Schönheit und Glück. Er breitet die Arme aus, sein Kopf sinkt zurück, die Sonne leuchtet auf seinem weißen Haare, selige Schauer schütteln ihn, ein glühendes Verdämmern, ein letzter Seufzer des Glücks – vom Dome tönen die Mittagsglocken, ein feierlicher Akkord, der sich eint mit der Harmonie der stillen, glühenden, blühenden Frühlingspracht.



Die Mutter

Den ganzen Tag schon stiebte der Schnee in großen Flocken herunter, und am Abend war die ganze Stadt weiß und still. Kaum tönte das Rollen der Wagen auf dem weichen Schnee, die Tritte der Fußgänger wurden unhörbar; es war, als schlichen die Menschen auf Samtpfoten, als sei alles Harte, Herbe, Geräuschvolle verschwunden – der Rhythmus der Großstadt, die ewig unruhige Melodie des rastlosen, drängenden Lebens wurde leise, verschwommen, und erstarb ganz in der Vorstadt, die mit ihren kleinen, koketten Villen unter den hohen Bäumen wie im Schlaf ruhte. Kaum ein paar Lichter blinzelten noch aus den Häusern durch das Schneegestöber. Der Wind jagte die Flocken fast horizontal, und der Schnee klebte sich hoch hinauf an die Scheiben.

Eine der Villen ist hell erleuchtet, es sieht aus, als erwarte man Gäste dort, denn viele Lichter brennen. Sie ruht trotzdem still, kein Ton dringt heraus, kein Wagen hält vor dem Tore, kein Gast steht vor der Tür.

Nur eine Mutter wacht bei ihrem totkranken Kinde und wartet auf den Arzt, der in der Nacht noch kommen muß.

Viele Nächte schon hält sie das Kind im Arm, sie läßt es keinem andern, sie verwehrt jedem den Eintritt, sie verwehrt jedem, das kleine graue Gesicht anzuschauen, sie verwehrt, ihm, dem Fiebernden einen Trunk zu reichen, es zu betten. Sie hat es unter Qualen geboren, es gehört ihr, nur ihr – es ist ein Teil von ihr, und keiner soll es berühren, keiner soll's ihr nehmen, und wenn es der Tod ist! Sie trotzt ihm. Sie hält es fest, sie will es halten, und ihre Liebe und ihr Wille müssen mächtiger sein denn alles!

Mag es auch elend und matt sein und schlaff und verfallen, ihre Liebe wird es retten; sie sieht es wieder gesund und froh, die Augen wie Blumen, die Wangen wie bereifte Früchte, es jauchzt und lacht, und das Haus ist voll von Glanz und Leben. So muß es wieder werden. Es wird sich wenden; die Tage und Nächte der Trübsal müssen enden.

Sie kann nicht mehr weinen, nur mit aller Glut wünschen, mit allen Fibern ersehnen: es muß gesunden!

Wie schwer es in ihrem Arm wird! Als wollte es sie zu Boden drücken! – Wie der Wind draußen braust!

Hört sie nicht Schritte?

Der Arzt kommt, er wird ihr Rettung bringen!

Sie horcht gespannt. – Nichts, nur der Sturm an den Fenstern, der den Schnee gegen die Scheiben schleudert.

Müde lehnt sie sich zurück; schläft das Kind nicht in ihrem Arm?

Ihr fallen selbst die Augen zu. Ein dichter, grauer Nebel breitet sich über die Stube, nur ein helles Licht brennt weiter, sie sieht es halb, und es macht sie ruhig, bringt ihr Trost. Hört sie nicht das Kinderjauchzen? – Frühling – die Blumen –

Da geht leis die Türe. Der Doktor. Endlich! Sie winkt ihm still ihren Gruß. Was er heute für einen weiten schwarzen Mantel trägt, und wie tief ihm der Hut im Gesicht sitzt! Ganz hager und groß und fremd kommt er ihr vor. Sie will ihm das sagen, aber wie er sich über das Kind in ihrem Arm beugt, fallen ihr schon wieder die Augen zu.

Er wird alles recht machen, er lächelt ja, er nickt! – sacht nimmt er ihr das Kind aus den Armen und geht langsam von ihr weg.

Ein eiskalter Luftstrom kommt plötzlich ins Zimmer, die Tür schlägt krachend zu. Es ist dunkel ringsum. Warum ist es dunkel?

Die Lampe erloschen, das Feuer aus, ihr Körper ist starr, bewegungslos. Das Kind! Sie tastet nach dem Kinde. Sie will es hochheben, schreiend springt sie auf.

Es ist fort, er hat es mitgenommen, es ist fort für immer. – Der Tod! Der Tod war da!



Schatten

Das Gerassel des Wagens, der das junge Mädchen nach Hause gebracht, erstirbt in der Ferne. In einen weichen Stuhl gekauert, horcht sie, wie das letzte Rollen auf dem gefrorenen Boden verklingt. Langsam streift sie die Handschuhe von den Fingern und nimmt das seidene Tuch von den Haaren.

Es ist ein starres Leuchten in ihren Augen, ein vages, stolzes Lächeln auf ihren Lippen, sie hört gemurmelte Worte, hastige Fragen, sieht scheue und brennende Blicke.

Ihr Boudoir ist erfüllt von dem schweren Duft welkender Blumen. Mächtige Ballbukette, zierliche, kokette Sträuße, arme, kleine Blümchen, hochfahrende, stolze Blüten, die sich mit steifen Blättern spreizen, und weiche, zarte Blumen voll üppigen Duftes, Blumen mit zagen, schüchternen Farben, brennende, harte Blumen, welke, kleine Veilchen, sie alle liegen auf dem Tisch, achtlos hingeworfen.

Wie eine Siegerin ruht das junge Mädchen in dem weißen, knisternden Seidenkleid, juwelengeschmückt.

Plötzlich springt sie auf. Hochgereckt den schlanken Leib, steht sie mit flammenden Augen inmitten des Zimmers, die Blicke auf den großen Spiegel gerichtet, der ihr Bild wiedergibt.

Da sind ihre rötlichen Haare, die unter dem prickelnden Lichte der vielen Kerzen förmlich phosphoreszieren, da ist ihre schmale, feine Stirn, die düsteren Brauen über den glänzenden Augen, die stolze Nase, die Lippen, zuckend unter dem Gefühl des Triumphes der eigenen Schönheit. Immer näher tritt sie dem Spiegel, immer näher ihrem Bilde, es überkommt sie wie ein Taumel, ein Rausch. Alle Kerzen muß sie entzünden, daß sich's um sie legt, wie eine Gloriole des Lichtes; es glüht aus ihren Augen, es leuchtet aus dem Weiß ihrer Haut, es sprüht wie kleine, herrschsüchtige Sonnen aus den Diamanten an ihrer Brust.

Gehoben, getragen, verklärt steht sie in der weißen, blendenden Lichtflut.

Sie folgt den feinen Linien ihres Nackens, ihrer Schultern, ihrer Arme, sie berauscht sich an den weichen Formen ihres Körpers, sie liebkost die leise knisternde Seide, die ihn umschließt – hoch hebt sie den vielarmigen Leuchter über ihr Haupt, daß er wie eine Flamme brenne über dem Haupte der Königin.

Es ist ein Gottesdienst, ein Kultus der Schönheit, ein Triumph der Jugend, ein Sich-Hin­geben mit allen Fasern des Seins – Vergehen, Zerfließen in diesem Wonnerausch!

Ist sie das? Ist sie das wirklich?

Ein Schwindel erfaßt sie vor ihrer eignen Schönheit, ein Schauer schüttelt sie, wie sie ihre eignen flammenden Augen auf sich gerichtet sieht.

Sind das ihre Augen?

Nein, das sind fremde, brennende, düstere Augen, die sich unbeweglich auf sie richten, die immer größer, wilder, glänzender werden, mächtige Sonnen, die das Leuchten der Kerzen überstrahlen – sprühende Mächte, die alles unterjochen, die sie blenden wollen.

Mit einem Ausschrei wirft sie den Leuchter zu Boden und will fliehen.

Da weht sie's an wie ein kalter Hauch, ihr Spiegelbild erlischt, eine tote, schwarze Fläche starrt ihr entgegen, die Kerzen zucken auf, und ein riesengroßer Schatten hebt sich aus der Tiefe des Zimmers.

Von Fieberschauern geschüttelt sinkt sie zusammen. Klein, gekauert, bettelnd liegt sie auf dem Boden und ringt mit dem Schatten, der seinen großen Faltenmantel um sie schlägt und alles Licht, alle Jugend, alle Schönheit begräbt.



Frühlicht

Grauweißer Schnee zergeht in den Straßen, fällt faul vom Nachthimmel und klebt sich an die Fenster der Kellerwohnung. Ein schläfriger Lichtstreifen aus der Laterne gegenüber kriecht durch die Scheiben; wie wenn er sich wieder fortstehlen wollte, schleicht er an der Mauer des feuchten Loches hin. Nur manchmal zuckt er widerwillig auf, wenn der Wind draußen an der Flamme zerrt.

Auf Bündeln alter Lumpen, mit Lumpen bekleidet, mit Lumpen zugedeckt, liegen zwei Kinder in der Ecke, eng aneinandergedrückt, die mageren Körper von Frost geschüttelt. Im einzigen Bett schnarcht der Vater und schlägt im Branntweinrausch um sich und murmelt und flucht und drängt die kranke Frau neben sich bis zur Bettkante. Sie sitzt aufrecht, sie zittert im Fieber und in Angst, ihre glühenden Augen stieren in den Laternenschein. Denn dort sitzt er. Dort hinter dem verblichenen Vorhang, wo der Schimmer die Mauer hinabgleitet, dem Boden zu. Dort sitzt er und wartet, regungslos. Wie lang schon! Sind's Stunden, Tage, Jahre?

Sie weiß es nicht, sie sieht ihn dort sitzen, immer, immer. Er lauert auf sie, oh! sie weiß es schon lange. Sie hat ihn ja gerufen an den Tagen, wo sie der Mann, sinnlos vom Rausch, getreten und geschlagen, in den elenden Nächten ihrer Krankheit; sie hat ihn gerufen, die siechen Kinder im Arm – aber da sitzt er und grinst und wartet und kommt nicht. Nur den einen Fuß kann sie sehen, und wie die beinernen Zehen baumeln, und wenn er manchmal den Kopfvorstreckt, dann grinst er und winkt mit den weißen Knochenfingern und schlägt sein Gebiß knackend aufeinander. Aber er steht nicht auf. Weit lehnt sie sich vor, ihre Finger verkrampfen sich in die Decke, heiser schreit sie, die Arme weit nach ihm ausgebreitet: »Hol' mich!«

Er steht ganz auf, sie hört's, wie die Gelenke klappern und krachen, er zuckt die Achseln, daß die langen Arme schlottern, er bleibt vor dem Vorhang stehen und sieht sich um. Langsam, bedächtig. Den trunkenen Mann sieht er sich an, die Kinder, die in der Ecke kauern. Nicht sie, nicht sie.

»Hol' mich!« kreischt sie.

Da kommt er näher, immer näher. Wie sein weißer Schädel leuchtet! Wie Eis geht's von ihm aus, ihr Atem erstarrt, ihr Herz steht still, sie muß nun wie gelähmt nach ihm starren – er hält etwas verborgen hinter dem Rücken! – »Nein, nein! laß mich noch!« bettelt sie und verkriecht sich unter die Decke, sie tastet nach dem Manne neben sich, sie umklammert ihn mit starren Fingern: »nein, nein!« Aber er ist da, sie sieht ihn, er steht neben ihr, er wartet, und sie kann nimmer rufen, nimmer betteln, ihre Stimme ist heiser, sie wimmert nur noch, sie winselt, ihre gieren Augen hängen an ihm.

»Noch ein bißl, oh! noch ein bißl – die Kinder! oh! oh! –« rührt er sich? Ganz langsam zieht er ein schwarzes Tuch vor, pustet in die Hände und reibt sie. Dann hält er das schwarze Tuch ausgebreitet vor sie hin. Das kleine viereckige Stück Zeug ist zwischen ihr und dem Licht, zwischen ihr und den Kindern, zwischen ihr und ihm. Sie will es wegschieben, es kommt ihrem Gesicht immer näher, es nimmt ihr den Atem, ruckweise sinkt sie zurück, aber das weiche, schwarze Tuch klebt sich an sie, enger, dichter, wärmer – so heiß! – so eng! – –

Nun ist es eine schwüle Sommernacht, und sie liegt im Heu, matt und schwer, und gebiert ihr erstes Kind. Der Brunnen rauscht, und die Kühe brüllen im Stall unter ihr – und da, da schreit das Kind – –

Sie will auf, ein paar zuckende Griffe –

»Sakrament!« flucht's neben ihr schlaftrunken im Bette.

Der andre steht und gähnt und wartet. Das Tuch bläht sich leicht und wird dann straffer, immer straffer –

Der Lichtschein ist erloschen, der fahle Frühmorgen steht vor den Fenstern, da geht er schlenkernd über die Dielen, seine Hand streift die Kinder, er sieht noch einmal nach dem Mann zurück –

Das schwarze Tuch liegt ruhig.



Die Kornmutter

Begungslos stehen die Wipfel der großen Lindenbäume in der Sonne, und doch ist ein Flimmern und Glitzern um ihre Blätter, wie wenn sie von Glas wären, ein Flimmern auch um das weiße Haus dahinter, das die Hitze förmlich aussprüht, wo es der Schatten der hohen Bäume nicht deckt. Der Kies auf dem Weg erglüht; man meint, die Bänke des Gartens müßten rauchen vor Hitze, und die Mauer, die ihn umschließt, Risse kriegen, so liegt die Sonne seit dem frühesten Morgen dort.

Auch die Ebene, die sich weit hinter der Gartenmauer hinzieht, starrt regungslos, Feld an Feld, ein gelbes, schimmerndes Ährenmeer, das weit in der Ferne mit dem Horizont eins zu werden scheint. Dort unten ist der Himmel weißlich, milchig, wird allmählich hellblau, wölbt sich höher in immer dunklerer Farbe, wird wieder blasser dem Rand zu und setzt sich mit gelbweißem Strich auf das dunkle Moor am andern Ende, eine immense glitzernde Glaskugel.

In dieser ungeheuren Glaskugel siedet und quillt die Hitze, als wolle sie alles zersprengen, als müsse das zitternde Glas bersten. Ein blasser Duft zieht von dem schwarzen Moor über das Feld; wie wenn dünne Schleier zwischen all dem Gold wehten, sieht sich's an, wie wenn sie durch das Korn huschten. Wie um keinen zu wecken. Denn alles schläft, selbst die Vögel sitzen schlaftrunken auf den Ästen, nur ein Flug zankender Sperlinge rumort im Gatten, ist wie geschleudert – husch – über die Mauer weg und in den Feldern versunken.

Alles schläft den Schlaf der Ermattung an diesem quälend heißen Sonnenmittag.

Nur ein kleines Mädchen ist wach. Es steht am Fenster der Kinderstube und schaut mit brennenden Backen in die Ebene. Die Wärterin, die seinen Fieberschlaf bewachen sollte, nickt im Lehnstuhl.

Dort unten in der Ebene, dort unten in den Feldern ist das, wonach sich das kranke Kind die ganze Zeit im Bettchen quält, wonach es sich sehnt, woran es immer denken muß. Dort unten ist ja ihr Reich, das Moor und die goldenen Kornbreiten gehören ihr. Das Moor, braunviolett und geheimnisvoll, wo im Dunkel die Irrlichter tanzen, hohe, blaue wandernde Flammen, die näher und näher kommen – ja die hat das Kind schon gesehen. Aber in das Feld gehen seine Träume, das weitgedehnt und goldig ruht, und zwischen dessen Ähren nun ein heimliches Leben beginnt. – Oh, sie weiß wohl, wer nun durch das hohe Korn wandern wird. Die Kornmutter! Ihr Gewand ist eitel Gold und voller Geglitzer und schleierumweht, wie ein grauweißer glitzriger Schatten sieht sie aus, sagt die alte Kinderfrau, aber nur Sonntagskinder können sie sehen, die mit unsichtbaren Krönlein zur Welt gekommen sind, oder die, denen Unheil droht. Und sie ist ein Sonntagskind. Warum hat sie die Kornmutter nie gesehen? So lange sehnt sie sich schon danach! Mit Unruhe und Furcht, ja mit einer rastlosen Gier. Ihre Fieberträume sind erfüllt von der geheimnisvollen Frau, die segnend durch die Fluren wandelt, und vor deren Schritten sich die Ähren tief beugen. Hat sie nicht oft mit scheuer Ehrfurcht die schmalen, fast unmerklichen Pfade, mit den tiefgebeugten Ähren gesehen, die Pfade, die sie gewandert, die Kornmutter mit dem goldenen Haar und den Augen, die wie Kornblumen blau sind?

An solch heißen, stillen, brütenden Sonnenmittagen geht sie durchs Korn.

Dort, wo der große Eichbaum steht, der sich ganz allein über die Ebene erhebt, hat sie einmal ein Eckchen ihres Kleides gesehen, aber gleich war alles in den Kornwellen verschwunden.

Und eben? – Jetzt?

Tauchte nicht ein Schleier zwischen den Halmen auf, tauchte unter und wieder auf?

Der kleine fiebernde Kopf glüht, und das Herz pocht vor neugieriger, sehnender Furcht. Mit nackten Füßen im langen Hemd läuft das kleine Mädchen über die Gänge, die Treppe hinab, auf deren Steinstufen grüne Lichter ruhen, die durch die Linden fallen – alles schläft. Es läuft durch den Garten in das blanke, blinkende Licht hinaus, in die heiße, dampfende Ebene, die wie gekauert, wie abmattend liegt.

Immer größere Hast kommt in das Trippeln des Kindes, wie verloren jagt die kleine weiße Gestalt auf der endlosen Ebene zwischen den starrenden Getreideähren dahin. Endlich hält sie, und in der unerbittlichen Hitze des Mittags kommt ein Schauern über das fiebernde Kind, ein plötzliches Frostgefühl, Angst und Sehnen und Furcht und Begierde – denn dort kommt sie.

Ganz nahe ist sie schon. So groß und so voll Glanzes, die Goldhaare wie ein leuchtender Schein ums Haupt. Sie beugt sich nieder zu dem kranken Kind, das langsam in die Knie sinkt, langsam vornüber, schlotternd im Fieber, aber die Augen immer noch emporrichten will in die grelle, scharfe Helle, bis sie müde werden, immer müder und der kleine weiße Körper im Korn versinkt.



Finale

Tausende von Lichtern sprühen über der bunten Menge in dem prächtigen Theater. Kleine Sonnen funkeln aus den Kristallrosetten des Lüsters, aus dem Gold der Verzierungen, die sich leuchtend von dem tiefen Rot des Hintergrundes abheben. Kleine Sonnen funkeln im Geschmeide auf Haar und Nacken der Damen, funkeln in der Stickerei der Uniformen, funkeln in Hunderten von Augen. Das glitzert und sprüht zwischen dem Schwarz der Fracks. Kopf an Kopf drängt sich bis unter die Decke des Hauses.

Zwischenakt. Wie eine Welle, mächtig anschwellend, sinkend und wieder schwellend zieht ein gedämpftes Gemurmel durch den Raum; Fächer neigen sich zum Gruße, Stühle rücken, Seide rauscht – es ist ein heimliches Geflüster, ein Grüßen und Winken, ein Ineinanderwogen bunter, strahlender, siegreicher Farben, ein Sich-Wiegen, Sich-Strecken, Sich-Baden im Licht, in Fülle und Glanz, ein Reigen des Lebens, ein Finden, ein Lieben, ein Hassen, ein Genießen. Wie ein Triumph ist es über Nacht und Grauen und Tod.

Über den Tod.

Niemand denkt an ihn, niemand weiß von ihm, niemand sieht ihn, wie er hinter den Kulissen steht, wartend und lächelnd!

Er wartet auf die ersten Töne der Musik. Leise verlischt der Glanz, und alles ist im Dämmer. Eine süße, sehnsüchtige Weise stiehlt sich aus den Akkorden, sie schwillt an, wird eindringlicher, hebt sich zur Bitte, zum Flehen. Immer lauter wird sie, wächst im Zürnen und Begehren, im Werben und Fordern, tönt und glüht in Leidenschaft. Ein kurzes Verstummen, ein kurzes Warten – ein ausbrechender, glänzender Jubel, und nun schwingt sich ein Siegerlied empor, ein Lied des Lebens.

Dann wird's still. Langsam hebt sich der Vorhang, die zarte Melodie setzt wieder ein. Im blühenden Garten ein Menschenpaar in Sonne und Frühling. Frühling und Liebe, Liebe und Leben. – Niemand sieht, wie er eintritt – schon leuchtet seine Fackel! Ein Aufzucken, ein Lodern, ein Schrei! – schon stürzt er über die Bühne und schwingt den Feuerbrand über sich.

Hoch hebt er ihn, wie mit einem Zepter gebietet er seinen Opfern. Von Entsetzen gepackt fliehen sie, stürzen sie, sinken sie. Er schreitet lachend weiter, er holt sie doch! Riesengroß steht er und winkt. Wie sein rotgelber Flattermantel weht! In quirlenden, sprühenden, glühenden Falten fliegt er hinter ihm drein, bauscht sich weit im Eilen und Hasten. Sein langes, graues Haar knistert, sein Atem haucht Glut aus.

Höher schleudert er die Fackel, immer höher, und fängt sie jauchzend wieder auf. Weiter und weiter wird sein Mantel, breitet sich aus und hüllt alles Leben ein.

Unter ihm ersticken die Bitten, verstummt das Röcheln, erstirbt der letzte Schrei.

Nur ein schwarzes, wirres, wildes Chaos bleibt, an dem er die letzte Glut seiner Fackel löscht.



Die Jünglinge

Langsam und ein wenig trübselig stiegen die drei Burschen den Paß hinauf. Der Abschied hat sie traurig gemacht, wenn auch nicht viel Worte gemacht wurden dabei, und wenn's auch nicht allzulang dauert, bis sie wieder von den Bergen heruntersteigen dürfen in ihr Tal – sie haben ihr Dorf, ihre Heimat in all ihrer engen Heimlichkeit hinter sich lassen und wieder in die Fremde wandern müssen, ins noch immer Ungewohnte. Freilich ist sie eng, diese Heimat, ist ein weltverlassener, verlorener, förmlich verschämter Winkel, aber es ist ihrer Väter, ihrer Mütter Heimat und nichts geht ihnen darüber . . . Nicht die große Stadt, nicht die neuen Kameraden drinnen, nicht das, was sie dort an Seltenem, Erstaunlichem gelernt und erfahren, von dem sie in ihrem Hochgebirgsdorf nichts geahnt, nach dem sie sich gesehnt, freilich, und das ihnen teuer und wertvoll ist. Aber dort unten hat sie die Mutter geboren, dort ist alles vertraut und warm und umschließt sie und spricht zu ihnen mit tausend Stimmen und hat zu ihnen gesprochen aus den Blüten der Halde und dem Donnern der Lawinen, aus dem Brausen des Föhns und den grollenden Hochgewittern, seit sie denken. – – – Von dem kleinen Fenster aus schaut ihnen die Mutter gewiß jetzt nach, wie sie den Pfad zum Joch emporklimmen, der sie über Schnee und Eis ins Weite führt. Schnee, Schnee und wieder Schnee haben ihnen die Osterferien zu Hause gebracht. Sie waren wie verloren hinter den weißen Mauern, es gab keine Stadt, keine Schule, keine Unruhe mehr: wie weggelöscht war auch, was sich auf der Schulbank in ihre Herzen gefressen, was sie zagend und lebensbang gemacht hatte. Warfen sie nicht stets alles von sich und lebten ein Leben ohne Zeit, wenn sie vom Joch niederstiegen und in der Ruhe und dem Frieden ihres Heimattales untertauchten? Und sie waren wohlbehütet in der Güte und stillen Fröhlichkeit rings um sie, sie ließen sich wieder treiben von dem sachten linden Strom, ohne Nachdenken, in einem leisen Dämmern, ganz wie Kinder, die alles an Liebe nur so hinnehmen, wie wenn's ihnen gebühre.

Wenn sie aber mit ihren Ränzeln oben auf dem Joch standen, da fiel's ihnen aufs Herz, da kam das Heimweh, da wachten sie auf und konnten nicht lange genug zurückschauen.

Schüchtern, dünn stieg ein bläulicher Rauch aus den Kaminen und beugte sich gleich wieder demütig nieder. So klein, so unscheinbar waren die Häuser, arm und verlassen und geduckt, wie von einem herrischen Wind gegen die Felsen geschleudert und noch immer zitternd und verängstigt; so erschien das Dörfchen den Dreien doppelt armselig, wo neben ihnen die Gletscher anstiegen in ihrer Starrheit und Größe.

Das Mittagsgeläute der kleinen Kapelle dünkte ihnen zaghaft und bettelnd, es überkam sie ein Gefühl halb der Sehnsucht, hinabzusteigen und halb des Mitleids mit den armen Hütten drunten und denen, die drin wohnten, arm und gedrückt und unwissend.

Arm, ja. Man ließ sie ja die weiten Wege und die steilen Pfade über die Berge steigen und ließ sie die Straße viele Stunden weit laufen neben den Schienen her und neben der Post, wie die ärmsten Handwerksburschen.

Die Eisenbahn und die Post waren für die Söhne reicher Leute, nicht für die armer Lehrer, oder alter Gebirgsärzte, oder kranker Wittfrauen.

Arm, ja, und auch gedrückt waren sie. Wenn sie nur erst aus den Schulbänken heraus waren und die Nacken aufrichten durften wie die andern und nicht gebückt und gedemütigt gehn mußten in ihren verspotteten, alten, engen Dorfkleidern, belächelt von den Mitschülern! Wenn sie sich erst rühren konnten – – – wie weit würde da die Welt, so weit und licht und schimmernd wie die, die sie vom Paß aus sahen hüben und drüben.

Oh, noch viel reicher, viel farbiger, viel mächtiger würde sie sein als diese weiße Winterwelt, und sie wurde reich durch sie, durch ihr Wissen, durch das, was sie hintrugen und aus ihr herausholen konnten für die andern, für die in dem engen Tal drunten. – – – Davon sprachen sie jetzt. Und davon, daß sie zum letztenmal über den Paß steigen würden im Hochsommer, wenn der Himmel wie eine feuchtblaue Kugel über den gesprenkelten Schneefeldern stehen, wenn das Grün ihrer Matten heraufleuchten wird, wenn sie das feine Geläut der weidenden Kühe wieder hören durften, die zerstreut an den Hängen grasten, wenn sie in die niedern Häuser die Botschaft bringen konnten, daß sie nun frei und das große Leben für sie beginnen sollte!

Beinahe wie Erlöser kamen sie sich vor, und es war Triumph in ihren Blicken und Mitleid mit der Dumpfheit da unten, als sie zum letztenmal zurückschauten. Sie hatten sich bei der Hand gefaßt und ihre Augen glänzten, während sie auf das Dorf blickten.

Eine leichte Nebelschicht schwebte über den Dächern; diese begannen zu verschwimmen, waren auf einmal wieder nah und gleich wieder verschwunden.

Der Wind blies feucht über den Schnee auf der Paßhöhe, von Tausenden von kleinen Tröpfchen prickelte die Haut, und die höchsten Gipfel begannen sich zu verschleiern. – »Der Föhn kommt, es gibt Wetterumschlag!« meinte einer, »wir müssen eilen.« – Aber sie blieben trotzdem stehn, gebannt und wehmutsvoll, und sahen noch immer hinunter ins Tal, das allmählich näher rückte, ganz in violettblaue glänzende Farben getaucht, wie sie der Schirokko anzuzaubern versteht. Sie hielten sich noch immer bei den Händen und hörten nicht auf den Ton, der drohend über ihnen erwacht war, hoch oben.

Wie das ferne, dumpfe Brüllen eines riesenhaften, furchtbaren Tieres klang es, und näher und näher kam es, in wilder Eile zuletzt, und da war's ein Dröhnen und Gebraust, ein Donnern und Stürzen. – – – Droben war's losgebrochen und kam sausend herunter, ein wirres, wildes, weißes Chaos, mit zersplitterten Bäumen durchsetzt, Geröll und Trümmer mit sich führend.

»Die Lahn!« schrie der eine entsetzt!

»Mei Muatterl«, der andere.

Der Dritte sagte nichts mehr, denn die Lahn war schon über sie weggebraust und hatte mit fortgerissen, verschüttet, begraben, was an ragenden Hoffnungen, an stolzem Schauen ins Leben und an Heimgefühl hier oben geatmet.



Die Hure

Der Föhn stöhnt in den dämmrigen Straßen, eine dunkle Abendglut kauert am westlichen Himmel; in ihrem Widerschein glimmen die Wasserpfützen, trüb vom zergangenen Schnee, wie Blutlachen, und leuchten im Dunkel fast tückisch auf.

In der Ferne, über den Dächern, biegen sich ein paar hohe Bäume vor dem Sturm und wehren sich gegen ihn. Prachtvoll, wie sie in die Höhe schnellen, jäh, dann kerzengerade stehen, sich wie in Wut schütteln und doch wieder beugen müssen, um sich, wild und zerzaust, dennoch aufs neue aufzurichten. Wolkenhunde, eine dichte, schwarzgraue Meute, jagen am Himmel hin; immer toller wird die Jagd, immer noch mehrt sich die Schar und wird dunkler und dichter, bis sie sich im wirren Knäuel überhastet und endlich in schwarze Finsternis stürzt.

Wie gehetzt stürmt ein blasser Mond durch die düstere Schar, scheint einen Augenblick wie erstarrt still zu stehen, um alsbald in jäher Flucht wieder weiterzujagen.

Die Stadt liegt förmlich geduckt in ihrem Kessel und lauert und lauscht auf den Tumult über ihrem Haupte und blinzelt mit unruhigen Lichteraugen empor.

In der Vorstadt, die höher liegt, knattern die Fenster, wenn sich der Föhn einen Anlauf nimmt und gegen sie stürmt, die Läden rattern unter seinem ungestümen Griff, das Lied der Kamine wird wach und johlt und schreit und stöhnt in die Nacht. –

Die Menschen horchen auf und werden furchtsam vor dem hohen Lied des Werdens und Vernichtens, vor dem Gesang der Kraft und der Zerstörung, und möchten schreien vor Überschwang, und sind doch bang und zag im Herzen.

Zuhöchst oben in einem hohen Hause, wo der Föhn am ausgelassensten tobt, liegt ein Zimmer, das weit hinaussieht über Vorstadtgassen und Vorstadtdächer, bis zu den Bäumen hin, die sich so zornig wehren, bis über sie weg, ins Hügelland, wo zwischen Feldern und Wiesen, der Fluß in weiten Windungen beschaulich zieht.

In dem Zimmer oben brennt kein Licht, nur die Mondstreifen schnellen sich über den Fußboden.

Die im Bett liegt, das fiebernde Weib, kennt die Stadt und die Straßen und die Felder und Wiesen und die Hügel. Aber Felder und Wiesen und Hügel hat das Weib längst vergessen, es trottet in den Straßen und hält unter den Laternen und lacht und zeigt sich und spricht süße und rohe Worte. Fühlt Männerhände, heiße und kalte, schweißige und brutale in den ihren, wenn es die alten knarrenden Treppen hinaufsteigt. Es kennt jeden Ton der Treppen, es haßt ihr Stöhnen und Ächzen, es bespeit die Stufen, wenn sie knarren und sich widerwillig treten lassen, es haßt die ausgetretene Schwelle, über die die vielen Männerfüße schreiten, es haßt das enge Zimmer so hoch da oben.

Heute stöhnt der Wind dem Weib in die Ohren; es wendet sich ohne Ruhe herum, ein Wehren, eine Empörung ist in ihm, wie in den Bäumen da draußen, die sich wehren und dennoch hin- und hergerissen werden, die sich beugen müssen und sich doch immer wieder aufrecken. So reckt sich das Weib auf, und so reißt es ihren Körper nieder, und schnellt ihn wieder hoch. Wie die zögernden Wolkenhunde oben, jagen sich bei ihm auf einmal die Gedanken, die Bilder, die Erinnerungen.

Da sind plötzlich die Felder, die Wiesen, die Hügel, da ist ein Haus, über den Hügeln; ein Haus wie ein anderes, klein, weiß, mit einem spitzen Giebel und einem Höfchen, auf dem die Hühner scharren. Und Kinder spielen und beißen in rotbackige Äpfel, eines nimmt sie an der Hand: »Du, bleib nicht immer stehn, komm mit.« – –

Nun sind sie in den Wiesen, in den Feldern, an den Hügeln, im Wald. Dunkel und kühl ist es dort. Dunkel und kühl. – Das Weib wirft den Kopf hin und her. Der Wald – was ist es mit dem Wald? Dunkel und kühl? – Heiß ist es, heiß zum Ersticken im Wald.

Der Himmel ist schwarz und die Wolken fallen in die Bäume, eine Hand reißt die ihre an sich, ein wilder Griff, der sie in die schwüle Dunkelheit drängt. – – –

Leise und hämisch lacht das Weib. Das war der Erste. Dann kam die Stadt, der Zweite, der Dritte, der Fünfte – Männer, Männer, Männer. Große und Kleine, Alte und Junge, Häßliche und Schöne, Harte und Zarte – pfui Teufel! sie bespeit sie, wie sie die Treppenstufen draußen bespeit. Was? Rüttelt heute wieder einer an ihrer Tür?

Sie lacht höhnisch. »Ja, ja, du! Bleib du nur draußen, heut kommt keiner herein. Rüttel du nur zu, bis du umfällst. Ruhe will ich haben, Ruhe – hörst du? Da drinnen brennt's. – So? – was? Ich darf keine Ruhe haben? – Verflucht, du Hund! Scher dich zum Henker! – Bist du fort? – Seid ihr fort, ihr alle da draußen? – Packt euch und steht mir nicht die Treppe herauf! Die Stufen knarren doch, hört ihr das nicht? – – »Fort sollt ihr!« schreit das Weib auf, »fort!« Es sitzt nun aufrecht, mit vorgestrecktem Leib horchend – »ja sie ist zu, sie bleibt zu, und nicht mach ich auf heut!« – »Äh!« ein schadenfrohes, heiseres Meckern, das Weib streckt die Zunge heraus, nach der Tür hin.

Immer schriller und dünner wird das Lachen, plötzlich liegt der Körper wie hingeworfen zurück und liegt still, eine lange, lange Zeit. –

Was? geht da nicht doch die Türe? Tritt nicht doch einer sacht herein? Ein Großer, Hagerer, Dunkler? –

Sie sieht ihn und sieht ihn nicht. Warum gleitet er hinter ihr Bett? – Sie streckt abwehrend die Hand aus, setzt sich auf und will mit ihm reden, doch schon sinkt sie wieder in sich zusammen. Ist er da – ist er fort? Sie weiß es nicht.

Das Dorf, die Felder, die Wiesen, die Kinder, die rotbackigen Äpfel, – wie das alles an ihr vorüberfliegt! Die Kinder, der Wald, der Liebste –

Nun rührt er sie an.

»Nein,« schreit sie heiser, »nicht heut! Geh fort.«

Ist er nun fort?

Die Kinder, der Wald, der Liebste. – Oh, nun rüttelt er an der Türe! Nun packt er sie an!

Nein, ihr Liebster ist's!

Wie heiß! Wie dunkel! Jetzt fallen die Wolken herunter! Es blitzt!

O nein, das ist die Sonne in dem kleinen, weißen Haus. Nun weiß sie's wieder, die Sonne in den niedern Stuben, und da sitzt jemand am Fenster bei den Blumen, eine alte Frau –

Er hält ihre Hände, er zieht sie in die Höhe!

»Mutter!« schreit sie auf, »Mutter!« und versucht ihn im letzten Wehren von sich zu stoßen.

Aber er reißt sie an seine Brust und hält sie fest.

Ganz klein wird sie, ganz, ganz klein.

Auf einmal streckt sie sich und ergibt sich ihm mit einem Wehschrei, der schrill und kurz und hart endet.



Kindergrab

Wie der Föhn weht durch die Nacht! Über die Berge weht er, über die Weiten. Über den Schnee streicht er, über den feuchten Grund. Wasser sickert in die Erde, in die dunkle, schwere Erde.

Naß ist dein Bett und kalt, mein Kind. O du, daß du schläfst! Daß du schläfst beim Wehen des Windes, beim Tropfenfall des Wassers, das an dein enges Bett klopft.

Wach auf! Deine Mutter ruft. Meine Arme warten auf dich, wollen dich tragen, wollen dich wärmen. Wach auf, meine Brust sehnt sich nach dir, will dich nähren, will dich betten.

Hörst du mich nicht? Horch nicht auf das Wehen des Windes, auf den Tropfenfall des Wassers, horch, deine Mutter ruft!

Meine Lippen wissen Liebesworte, die sie dir nie sagen, wissen Küsse, die sie nie küssen konnten. Wie sie mich pressen, die Worte, wie sie mich brennen, die Küsse! Mehr, o viel mehr als die Tränen, die ich um dich geweint.

O du, daß du von mir gehen konntest! Daß du schlafen kannst, wenn ich dich rufe! Hörst du nicht meine Stimme in der Nacht, fühlst du nicht meine Tränen durch den Schnee, durch die Erde?

Komm, o komm zu mir!

Ich weiß ein stilles Zimmer. Der Schnee flockt draußen nieder, Dächer und Giebel sind weiß verschneit, aber ein kleiner Krokus blüht am Fenster, mit vielen, vielen Knospen wartet er, mit vielen, vielen hellgrünen Blätterspitzen streckt er sich aus dem feucht-warmen, dunklen Grund ans Licht. Siehst du ihn?

Schau, wie die Flocken draußen tanzen! Und herinnen tanzt das Feuerlein, Feuerlein im Ofen. Es will spielen mit dir! Fangen sollst du's. Wie es hüpft! Hin und her mit dem roten hurtigen Zünglein, da – dort, da – dort. Husch ist's im Ofen, husch wieder bei dir, krabbelt dir über die Finger, zwinkert dir ins Auge, und weg ist's wieder. – –

Und nun wird's Frühling. Ich führ' dich in einen großen Garten mit uralten Bäumen; drin blühen hochköpfige Blumen in bunten Reihen, und Schmetterlinge fliegen lustig drüber in der Sonne. Und du spielst und lachst und tollst mit vielen Kindern, die dich jubelnd umringen.

Weg auf, Weg ab jagt ihr. Und es ist ein Springen und Singen und Tanzen den langen, langen Tag. Ich stehe und warte, bis du müde bist. Meine Arme breite ich aus, und du kommst zu mir, hältst dick fest: »Mütterlein.« Deine großen Augen schließen sich, und ich sage dir von roten Beeren im Wald, von rotbackigen Äpfeln und von gelben Birnen. Die holen wir, du und ich. Wir wollen über Berg und Tal springen, wir zwei, wir wollen uns haschen auf der Blumenwiese und uns Märchen erzählen im kühlen Grund. Der Bach schwätzt vorbei, die Bachstelze wippt, die Mücken summen: »Es war einmal.«

Es ist heller, lichter Sonnentag, und du wirst ausziehen mit den andern. Wie eure Fahnen sich bauschen im Wind! Wie ihr frohlockt und singt! Und weit, weit zieht euer Sang in die Ferne. Und das Leben winkt, und die Zukunft glüht, und das Herz ist dir schwer und voll. Drück an die Brust den Freund, daß er fühle die Lust, das Weh, die scheue Sehnsucht deiner jungen Tage. – –

Es will Sommer werden. Breiter wird dein Weg, und blühende Bäume neigen sich am Rand. Menschen kommen dir entgegen, grüßen dich, und ziehen mit. Blüte um Blüte pflückst du, Kränze umwinden dich.

Bist du müde? Die Sonne sprüht, das Ährenmeer schwillt, und hoher Wald steht fern.

Noch fällt kein Blatt, noch zieht keine Wolke, noch siehst du den Weg.

Da dunkelt der Forst, und du läßt deinen Pfad. Schleier wehen, weiße Ruhebänke schimmern, und eine Stimme singt in der Ferne ein süßes Sehnsuchtslied.

Arme breiten sich aus nach dir, doch es sind nicht meine Arme, Augen brennen nach deinen, nicht meine Augen sind's, Worte schmeicheln sich um dich, aber es sind nicht meine Worte, Lippen finden deine Lippen – aber es ist nicht deiner Mutter Kuß.

Das Lied schweigt.

Wilde Blumen umblühen dich, schwere Schwüle hüllt dich ein, schwere Schwüle drückt dich nieder.

Ist es Nacht, ist es Tag?

Der Wald schauert. Nieder brütet die Wolkenwand über den Wipfeln. Sahst du den Blitz? Der Regen stürzt nieder; krachender Donner, Wildwasser tosen, es dröhnt der Forst.

Komm, o komm! Flieh das Drohen des Waldes, brich aus dem Nebel, fürchte dich!

Bist du's? Bist du's wirklich? Du kehrst zurück, traurig und verlassen? Ich nehme dein Haupt in meinen Schoß und lege meine Hand auf dein Herz. Sei still. Ich halte dich.

Alles will ich dir geben, damit du wieder lachen kannst. Fröhlich will ich dich machen und stolz. Hohe Berge will ich dir zeigen, schroff und titanisch, und brausende Ströme, die Lasten tragen. Die Eisberge sollst du erklimmen und droben über die Welt sehen, auf großen, wilden Meeren wirst du fahren und dem Sturm trotzen.

Was willst du mehr? Was soll ich dir noch geben?

Schlafende Paläste sollst du sehen in lichten Nächten, und heitere Schlösser im Festglanz. Schlanke, tanzende Mädchen sollen dir zulächeln und ernste Frauen sich dir neigen.

Willst du noch mehr?

Ich höre Schwerter klingen und höre Trompetengetön. Ich höre wilde Rosse stampfen und höre dumpfes Getöse. Rufen höre ich und Beten und Stammeln und Fluchen; und Jagen und Gedröhn und irre Schreie.

Verzweiflung weint und Liebe weint und stille Sehnsucht und dunkle Trauer. Höre mich! –

Hab' ich dich verloren? Läßt du mich einsam stehn im grauen Regen? Mein Schluchzen tönt von den Felsen wieder.

Am schwarzen Himmel flammt hoch ein schwefelgelbes Licht auf und zeigt mir einen endlosen Pfad. Stumme dunkle Wasser branden mir zur Seite und wirre Bäume starren in der Ferne. Weinen und Wimmern neben mir. Weint wer mit mir um dich?

Kehr zurück!

War das dein Lachen? – Was willst du? – Ich kann dir nichts mehr schenken! Gab ich dir nicht meine schönen Kleider, meine zierlichen Schuhe? Hast du nicht mein Geschmeide, meine blitzenden Ringe?

Ich will dir mein Haar geben, mein langes, schwarzes Haar; und meine Jugend will ich dir geben, meine Liebe, mein Leben, alles, alles

Sieh, ich bettle hier vor dir, o komm zurück! Kennst du mich nicht? Ich bin alt geworden, alt und grau. Meine Hände zittern, meine Augen sehen dich nicht mehr. Meine Hände können dich nicht fassen, mein Mund kann nicht mehr die Worte sagen, die sonst kein Mund für dich gewußt, ich kann dir meine Jugend nimmer schenken und nicht meine Liebe. Nur mein Leben, nur mein Leben.



Erntezeit

Endlos ziehen sich die Getreidefelder auf der fruchtbaren Ebene hin; rotgolden leuchten die schweren Halme, die im Morgenwind schwanken.

Erste Lerchenstimmen erwachen; zag noch und scheu, werden sie lauter und lauter, je höher die Glut im Osten die Frühwolken erklimmt. Die letzten zarten, seidnen Nebel zerflattern vor den Strahlen der Sonne.

In der Krankenstube erlischt das Nachtlämpchen, furchtsam, wie geängstigt von der Fülle von Licht, das durch die hohen Fenster dringt. Die Wärterin schläft zusammengekauert in ihrem großen Lehnstuhl.

Aufrecht sitzt der Kranke und schaut in den trunkenen Sonnenmorgen hinaus.

Blitzende Sensen ziehen übers Feld, und Mädchenlachen tönt in den Lerchenjubel, der sich höher und mächtiger hebt.

Draußen herrscht der Sommer und streut glühende Farben über die Welt. Sieghaft leuchtet er in die Krankenstube.

O Leben, o Wonne!

Die müden Augen des Kranken schauen mit hastiger, banger Sehnsucht auf das Blühen und Reifen draußen, mit matter Gier lauscht er auf die Töne des Lebens, sein Herz zittert bang und schwer.

Einmal, einmal noch!

Er beugt sich vor, er will sie in sich saugen, all die Schönheit, will die Wärme trinken, will gesunden. Weinend streckt er seine Arme dem Licht entgegen – dort! – dort wo die Fruchtzweige des Baumes vor seinem Fenster im warmen Winde schauern – seine Arme strecken sich abwehrend aus, werden starr und starrer, er schreit auf, wie ein Schrei um Erbarmen ist's. Dann fällt sein Kopfruckweise zurück, seine Augen sind weit aufgerissen im lähmenden Entsetzen – durch die Scheiben grinst der Tod; hinter ihm flammt der glühende Tag, und eine Mädchenstimme singt fern ein Erntelied.



Dunkle Nacht

Das Schweigen ist erstarrt in den Gebirgen, die Wolken wuchten auf die Felsen nieder, die Felsen halten die schwarzen Wälder geknechtet. Die Nacht ist stumm, die Nacht ist dunkel, ist müde und atmet schwer den Duft des ersten Heues aus. Wie eine Prozession düsterer Mönche ziehen die hohen Heuhaufen die Hänge hinauf und hinab. Dort, auf dem großen Plan, stehen sie wieder lautlos, kauern still, ein riesiges Feldlager, das den Feind erwartet. Flammen Wachtfeuer auf? Tönen Signale? Gelbroter Fackeln warnende Zeichen? Mitsommernacht ist's! Ferne Johannisfeuer leuchten! Wie unruhige Augen, die im Fieber wachen, zucken sie jäh an Gipfeln auf, glimmen am schwarzen Grat hin, glimmen und verlöschen lautlos.

Kein Schrei der Lust wird laut, kein Sang erschallt, keinen Ton trägt die Nacht. Wie erdrückt von dem schweren Schweigen verzittern die flammenden Scheite, erstirbt das Leben, erstirbt die Luft in diesem engen düstern Hochtale.

Die Wolken sinken immer tiefer; der Regen rauscht, rauscht die ganze Nacht. Vom Turm schlägt die Stunde hart in das matte Geriesel.

Ich liege wach und denke des Tages; ich liege wach in meinem großen Zimmer in dem alten Holzhause und lausche bang in die Nacht. Und nun ein Stöhnen – der Wind schleicht sich um meine Fenster; der Föhn ist erwacht, der Föhn ruft! – Bald brüllend, in scharfen Stößen, herrisch und gewaltsam, bald müde und bettelnd, stößt und winselt er ums Haus. Die Stimme des Tages, bald scharf und dringlich, bald leis und ermattet geht durch meine Seele, will sich jauchzend heben, sinkt aber und verklingt. Oh, lauter Tag, was bist du gegen diese Nacht? Ein wirrer Schall, verweht, ein rauschender Zug von Wandervögeln in der hellen Luft, entschwunden, eh ich ihn so recht geschaut; fröhlicher Kinder tanzende Schritte um den hohen Baum vor dem Hause, knarrender Wagen emsiges Schaffen, stampfende Pferde, die kommen und gehen, Scherzen und Lachen, rüstige Wanderer über Berg und Tal, lachende Menschen, kreisende Becher, Tücherschwenken im Wind – vorbei! vorbei! Wie dröhnten die Schritte in dem alten Hause, wie ächzten die Dielen! Es wird aus seinem Traum geweckt, erschrocken zittert es. Nun herrscht die Nacht, nun liegt es wieder still, und sinnt dem wirren Sinn des lauten Tages nach. Es herrscht, was war.


Sechs junge Seelen sind erloschen in dem großen Zimmer, in dem ich wach liege, und den dunklen Stimmen lausche. Sieben junge Kinder wollten sterben. Der Winter hatte haushohe Wälle um das altersbraune Wirtshaus gebaut, doch drinnen sah man den Schnee nicht kommen und nicht gehen, sah nicht die Sonne und schauerte nicht vor dem Sturm. Sieben junge Seelen rangen mit dem Tode, auf sieben jungen Stirnen flammten rote Male, sieben junge Herzen zuckten im Fieber. Viele Stunden weit, über Schnee und Eis, durch Sturm und Gefahr hatten Angst und Not den Arzt geholt. Zwei Händchen streckten sich ihm noch entgegen, die andern lagen schwer wie Blei, oder matt, wie vom Hagel betäubte, vom Sturm verwirrte, zerbrochene Vögel unter der Decke, und nur noch die Augen fragten, Augen, die schon zagend nach dem traurigen Pfad blickten, der sie hinwegführen sollte. Zwei Händchen legten sich noch in seine Hand, die bebte in großer Qual, die andern lösten sich langsam aus seinen Fingern und ergaben sich endlich; weiß und still, wie fremde tote Wesen lagen sie auf dem Laken.

Ich höre das Läuten der Schlittenglocken, dann das hastige Klingeln der erregten Pferde, die die Köpfe hin- und herwerfen, höre das dumpfe Gemurmel im Haus, die schweren Tritte, das Zufallen der großen Eichentüre, das wie ein Schlag in die gespannte Stille fällt; sehe unsichern Lichtschein auf Treppe und Flur, bange Gesichter, die den Tritten des Arztes lauschen.

Zwei, drei Treppen nimmt er auf einmal, achtlos wirft er den Mantel, den Hut weg – – er kann nicht sprechen, als er vor den kleinen Betten steht, nur heisere, rauhe Worte, die keiner versteht, kommen ihm.

Die Kinder des Mannes, den er hintergangen, müssen sterben; mit roten Malen sind ihre Stirnen gezeichnet, ihre Wangen, ihre Körper überflackert, der Tod sitzt auf ihren Kissen. Der junge Arzt taumelt von Lager zu Lager: zu spät! zu spät! er kann die schwindenden Seelchen nicht halten. Nur dies eine, das noch matt aufzuckt, wird er halten können, sein und jener blassen Frau Kind, die mit ruhlosen Augen im Dunkel sieht und nach ihm sieht. Was sagen ihm diese finsteren, irrenden, geliebten Augen? Wessen zeihen ihn diese dunklen Blicke? Das ist kein weher, wilder Schmerz, das ist keine gepeinigte Seele, die ausschreit und Schutz sucht und sich hilflos zu ihm flüchten will: diese Blicke sind voller Feindseligkeit, sind voller Mißtrauen und Härte; diese Augen klagen ihn an. Sie tasten über die kleinen Betten, über die sterbenden Kinder und bleiben an ihm haften, sie weisen ihn aus, sie verhöhnen ihn! Ein lautes Hohngelächter gellt ihm in den Ohren, obwohl die Stube in Schweigen ruht, und nur ein Ächzen, ein Stöhnen, ein Laut der Klage die Stille des Sterbezimmers unterbricht. Die geliebte Frau stößt ihn von sich, weil er ihre Kinder nicht retten kann, weil er sie nicht für sie dem Tode entreißt. Er liest ihr die grausamen Motte von den Lippen, die Worte, die sie nicht ausspricht, weil der Vater der Kinder im dumpfen Schmerz am Boden liegt wie ein gefällter Baum, hilflos lallend wie ein Kind. Er hört ihre höhnenden Worte und ihre Anklagen. Sie glaubt ihm nicht, daß er des Todes nicht Meister werden kann, daß es nicht in seiner Macht liegt, sie glaubt ihm nicht, daß es keine Rettung mehr gibt!

Und als das schwere, graue Morgenlicht gegen die kleine rote Flamme im Krankenzimmer kämpft, hat der Tod die sechs Seelchen mit fortgenommen und nur das eine dagelassen, das schwache, blasse Wesen, das Fieber und Not überstanden, und nun fest im Schlafe ruht, seinen Sohn.

Am Bett dieses letzten Kindes kniet die Frau, kniet der Vater der Toten, da reichen sie sich die Hände, sinken sich in die Arme; ein Schmerz ergießt sich in den andern, ein Weh fließt über in das andere – und er muß abseits stehen! Wie hat ihn diese Frau geliebt! Wie hat sie sich an sein Herz geflüchtet, gequält und verjagt durch die Trunkenheit ihres Mannes. Selige Stunden hat sie ihm geschenkt, selige Stunden bei ihm genossen, innerlich losgelöst von allem, was um sie und mit ihr war, losgelöst sogar von ihren Kindern. Sie hat ihm den Sohn geschenkt, dies Kind, an dessen Bett sie nun dem Verratenen die Hände preßt, dies Kind, das der Mann, der nicht sein Vater ist, mit Lauten der wahnsinnigsten Angst beschwört, daß es ihm bleibe, das er mit stammelnden Worten der Liebkosung überschüttet, sein letztes Kind!

Und er muß wie ein Fremder stehen, ein Ausgestoßener, wie ein Verbrecher! Niemand schenkt ihm einen Blick, niemand ein Wort:


Sechs junge Kinder starben,
Sechs junge Kinder starben.


Er wird weiterleben nach dieser fürchterlichen Winternacht, nachdem er das verfluchte, von der Lüge verpestete Haus verlassen, in dem sein Sohn aufwachsen wird in der Lüge, sein Sohn, der ihn nie Vater nennen, der ihm den kalten, feindseligen Blick der Mutter schenken, der zu jenem andern »Vater« sagen wird.

Sechs junge Kinder starben.

Ich liege wach in meinem großen Zimmer in dem alten Holzhause, um das der Föhn stöhnt, und lausche den Stimmen der Nacht.