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Anna Croissant-Rust – Die Wanduhr

Novelle

Anna Croissant-Rust, Die Wanduhr, Aus: Gesellschaft, Monatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik, Herausgegeben von M. G. Conrad und P. Jacobowski, XV. Jahrgang, 1898, Viertes Quertal., J. C. C. Bruns Verlag der Gesellschaft, Minden i. W. und Leipzig, 1898



Nach langen, trüben Tagen mit dichtem Schneegestöber scheint zum erstenmal wieder die Sonne, die ächte, blanke Wintersonne über der Stadt, und die beschneiten Kappen der Frauenthürme heben sich scharf ab vom hartblauen Himmel.

Alle Dächer tropfen, die Straßen sind naß vom zerrinnenden Schneewasser. Lustig Klingeln die Trambahnen über die sonnigen Plätze, alle Welt bummelt, ordentlich lenzahnend und vergnüglich sieht alles aus. Nur der kalte Ostwind! Heimtückisch lauerte er schon den ganzen Tag an den Ecken und nun gegen Abend saust er ganz plötzlich durch die langen Straßen und über die Plätze und überfällt einen förmlich, daß man Frühlingsgedanken und Sonnenschein schnell genug vergißt, sich gern wieder in seinen Pelz verkriecht und den warmen Ofen sucht.

Schon überziehen sich die Wasserlachen wieder mit einer dünnen Eistruste, an den Straßenenden ballt sich's zu grauen Nebeln, aus den Schatten und Winkeln der Häuser kriecht langsam die Nacht, richtet sich höher, immer höher auf, stetig wachsend und wachsend.

Am Himmel hängt noch die ganze Helle des Tages, aber aus dem Qualm der Straßen flammt schon die erste Laterne auf. Winzig klein sieht sie aus, braunrot, vom Dunst fast verschlungen; dann eine zweite, dritte, fünfte, immer mehr, bis überall Licht an Licht entzündet ist, während im Westen die letzte Sonnenröte düster drohend aus finsterem Gewölk flammt, ein langer, blutigroter Streifen.

Aus den großen, angelaufenen Scheiben eines Cafés fällt heller Schein. Es ist wohlig warm drinnen, und die Fiaker, die in der schneidend kalten Ostluft neben ihren Wagen auf- und abstumpfen, werfen neidische Blicke nach der Thüre des behaglichen Lokals. Eine leichte Rauchschicht schwebt nieder über den hellen Marmortischen; Zeitungen rascheln, dazwischen tönt das schwache Klirren der Tassen und Teller, förmlich eingehüllt von dem gedämpften Hin- und Herwogen des Geplauders. Es ist keines der modernen Prachtcafés, mehr ein behäbig komfortables Lokal Altmünchener Schlages. Der Wirt geht händereibend zwischen den Reihen der Gäste hin und her, grüßt nach allen Seiten, drückt dem die Hand und setzt sich zu jenem auf einen Trunk nieder. Das Publikum ist mehr aus kleinbürgerlichen Kreisen, meistens lustig-behagliche Menschen, die sich gemütlich unterhalten wollen.

In der hintersten Ecke, vor der langsam tickenden, alten Wanduhr sitzt ein Mann an einem kleinen Tische allein. Er paßt nicht recht in den Rahmen des Lokals, zu den gemächlichen Menschen. Seine Haltung ist gebückt, er senkt den Kopf, wie Menschen thun, die schweren Kummer tragen. Wenn man nur seine Rückenlinie sieht und den hageren Hals, kann man ihn für einen alten Mann halten, auch ist sein Haar grau und sein Gesicht faltig. Und doch ist er noch jung, wenn auch seine Gesichtsfarbe graugelb und seine Hände mager und zittrig sind wie die eines alten Mannes, mit blauen Adern, die hoch hervortreten. Er stiert vor sich hin auf den Tisch, den Kopf in die Hände gestützt. Was er bestellte, steht unberührt vor ihm; – ein trockener Husten schüttelt ihn von Zeit zu Zeit, den er mit aller Kraft zurückzuhalten bemüht ist. Dann schaut er scheu nach den behaglichen, plaudernden Menschen ringsum, zieht die Achseln höher, wie wenn er sich verbergen wollte, streicht mit einer verlegenen, linkischen Bewegung die glanzlosen Haare zurück und streift die feuchte Stirne.

Niemand kennt ihn, Niemand beachtet ihn. Keiner sieht den Ausdruck der Qual und der Hilflosigkeit in seinen unruhigen Augen, wenn ihn der Husten packt. Von einsamen, schlaflosen Nächten reden diese Augen, von herbem Kummer und stierer Furcht. Allein gebangt, allein gefürchtet, allein gekämpft, allein verzweifelt. –

Es wird leer und leerer um den Einsamen. Das Café wird still, und von der Wand tönt vernehmlich das Ticken der großen Uhr. Wie durch den Ton gebannt, starrt er plötzlich nach ihr. Und es hält ihn fest. Er muß nach den Zeigern schauen, die so unerbittlich vorwärts rücken, immer weiter, unaufhaltsam. Er will seine Augen wegwenden, aber immer wieder zwingt's ihn hin, muß er sehen, wie die Zeiger weiterschreiten, wie sie eilen, wie sie schneller, immer schneller werden, wie sie rennen, rasen. Seine Lippen öffnen sich, er will schreien, seine fiebernden Hände strecken sich aus, er will aufspringen, aber gebannt, ohnmächtig muß er dem rasenden Tanze zusehen.

Und da ist es nicht mehr die alte Wanduhr, ein fletschendes, weißes Beingesicht ist's, das ihm von der Wand herunter zugrinst; über das grinsende Gesicht aber laufen unaufhaltsam im Wirbel die Zeiger wie Riesenspinnen. Starr und gelähmt fühlt er, wie sie näher kommen, wie diese Riesenspinnen zu dürren, fleischlosen Armen werden, die nach ihm greifen, die sich rasend um ihn drehen, die schon seinen Mund, seine Augen berühren, die ihn im Wirbel mit fortreißen wollen. Eiseskälte packt ihn, seine Füße werden steif, sein Herz hört auf zu schlagen – jetzt! jetzt packen sie ihn! Ein halberstickter, gurgelnder Angstschrei, – mit dumpfem Krachen stürzt die Wanduhr neben ihm nieder.