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Max Dauthendey – Die Ammenballade - Neun Pariser Moritaten

Acht Liebes-Abenteuer, gedichtet von acht Ammen am Sarge des Herrn Heinz - Neun Pariser Moritaten

Max Dauthendey, Die Ammenballade - Neun Pariser Moritaten, E. W. Bonsels & Co., München

 

Die Ammenballade

Herr Heinz lag früh im Lenzen
In einem langen Sarg,
In rädergroßen Kränzen
Sein Schelmgesicht er barg.


Am Hemd floß rot ein Fädchen,
Dieweil er holde Ehr’
Von seinen schönen Mädchen
Verteidigte zu sehr.


Herr Heinzen lag erschossen,
Es war ein arger Schlag;
Die schönsten Tränen flossen
An seinem Todestag.


Es war ein Schlag ein harter,
Acht seiner liebsten Frauen
Mußten von dieser Marter
An einem Tag ergrauen.

 
Sie fanden sich zusammen
Und hielten Totenwacht
Und haben Kind und Ammen
Zum Sterbhaus mitgebracht.


Sie saßen hell in Tränen
In dickem Trauerflor,
Voll Schmerz bis zu den Zähnen
In Schwarz bis an das Ohr.


So saßen wie acht Geister
Die Frau’n im fünften Stock,
Und unten beim Hausmeister
Die Ammen Rock bei Rock.


Auch sie hockten beisammen
Schauernd bis ins Gebein.
Es schenkten die acht Ammen
Sich heißen Kaffee ein.


Sie schürten in dem Ofen,
Das Feuer machte Glut,
Nie fehlt’s an Redestoffen
Dem Domestikenblut.

 
Kaffee er läßt die Zungen
Wie Flämmlein weiter gehn,
Und Jede wird gezwungen
Brühheiß was zu gestehn.


So auch die warmen Ammen,
Sie hielten nicht mehr an,
Taten ihr Herz auskramen
Und jede kam daran.


Und Jede ihrer Herrin
Darin den Vorzug gibt,
Kein Weib sei in der Welt drin
Vom Heinzen mehr geliebt.


Herr Heinz er war ein Sünder
Den man mit Himmeln lohnt.
Denn — lobten die acht Münder,
Zu schön er küssen konnt.


»Ja nie«, begann die Eine
»Niemand den Mann verdamm
Für den die Frau die meine
Fast zum Schafott hinkam.

 
Die Mutter wollt nicht geben
Den Heinzen ihr als Mann,
Brigitt nahm ihr das Leben
Wofür sie fast nichts kann.«


Die sieben andern Ammen
Taten ans Herz sich fassen,
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.


»Die Mutter«, sprach die Achte
Und wischte sich den Mund,
»Brigitte sehr bewachte
Als sie in Blüte stund.


Sie war mit 16 Jahre
Noch ein gar wildes Kind,
Trug lockenrunde Haare
War wirbelig wie der Wind.


Sie schritt mit runden Waden,
Quecksilbrig war ihr Gang.
In ihrer Mutter Laden
Zu sitzen sie sich zwang.

 
Gemälde und Antiken
Bot sie dort alt zum Kauf,
Doch jung den Käuferblicken
Fiel die Brigitte auf.


Die Mutter sehr begierig
Erwartet’s Angebot.
Brigitte fand das schmierig
Und wurde öfters rot.


Heinz hatte keinen Taler
Und wollt um’s Mädchen frein.
Herr Heinz war auch kein Maler,
Nur Liebe flößt’s ihm ein.


Die Liebe sprach: gehe male
So gut Du kannst das Kind,
Und sag der Kaiser zahle,
Sonst freist Du in den Wind.


Die Mutter glänzt wie Firniß,
Entzückt hört sie die Bitt:
Der Raiser wünscht das Bildnis
Von Fräuleinchen Brigitt.

 
Man wünscht sie dort zu schauen
Gemalt auf Leinewand.
Herrn Heinz wollt man’s vertrauen
Und seiner Pinselhand.


Die Mutter eigenhändig
Nahm ihre Tochter her
Und fragte sie lebendig
Ob sie dagegen war.


»Der Kaiser will Dein Bildnis
Und das ist seine Bitt’.
Der Herr dort macht den Grundriß,
Sieh Dir ihn an Brigitt!«


Brigitte unbefangen
Sah sich den Herren an
Und kriegt nicht rote Wangen,
Die Jede kriegen kann.


Jede die nie im Leben
Herrn Heinz den Schelm ansah,
Mußt einen Ruck es geben,
Denn dazu war er da.

 
Sein Blick war wie zwei Hände
Die um die Taille faßten,
Trug Frauen durch die Wände,
Wenn sie ihm grade paßten.


Doch diesmal tat er selber
Rot vor Brigitte stehn,
Fühlte sich schwach wie Kälber
Die ihren Metzger sehn.


Brigitt backfischverächtlich
Sah zu dem Maler auf.
Ihr Blick sprach sehr beträchtlich:
Steig mir den Buckel ’nauf!


Die Mutter tat’s nicht achten.
Sie sprach: »Herr Heinz mein Herr,
Ich hege kein Verdachten,
Dem Handwerk alle Ehr’,


Doch bring ich die Brigitte
In Dero Malersaal,
So bei der Sitzung, bitte,
Sitz ich auch jedesmal.

 
Man kann ein Kind nicht einsam
Aus seinen Händen geben,
Da ich von Gott es annahm
Als Kapital für’s Leben.«


Herr Heinz durft sich nicht sträuben
Sonst weckte er Verdacht,
Tat gern die Mutter stäuben
Weil sie’s ihm sauer macht.


Tagtäglich naht Brigitte
Und sitzt als Kopfmodell.
Die Mutter hält auf Sitte
Und weicht nicht von der Stell.


Heinz rühret alle Farben
Auf seine Leinewand.
Die Pinsel schnell verdarben
Trotzdem kein Bild entstand.


Brigitte fühlt ein Zwicken
Weil sie still sitzen soll.
Sie kann sich nicht dreinschicken,
Das Zwicken macht sie toll.

 
Herr Heinz wird weiß wie Butter,
Da er nichts flüstern darf.
Die Ohren dieser Mutter
Sie hören teufelsscharf.


Er hat auch keine Eile,
Starrt lang auf’s Kopfmodell.
Brigitt, nach einer Weile,
Eilt’s ihr an jeder Stell.


Er bot ihr Zigaretten,
Trotzdem man so schon raucht.
Brigitte möcht’ sich retten,
Da frische Luft sie braucht.


Nach Wochen wie ein Drachen,
Sah sie die Mutter nahn.
Bös tat die Mutter lachen,
Und rief: »der Malermann,


Er hat nicht einen Taler
Just hör ich’s vis-a-vis!
Und er ist auch kein Maler
Nur ein verliebtes Vieh.«

 
Und ach! Die Mutter machte
Der ganzen Sache halt,
Da man’s ihr hinterbrachte
Daß Heinz um Liebe malt.


Herr Heinzen kriegte Fieber
Und legte sich zu Bett,
Und wünschte, daß er lieber
Gar nicht mehr leben tät.


Sein Hoffen auf Brigitten
Hing an dem dünnsten Haar.
Zu lang hat er gelitten,
Daß er ganz runter war.


Brigitt hatt’ eine Freundin
Ein ideales Haus.
Zum Laden kam sie oft hin
Und sprach sich bei ihr aus.


Die Freundin sie war älter.
Mit seelisch hohem Klang
Sprach sie: »Brigitt gefällt er
Dir nicht? Mir ist so bang!

 
Vergeblich war sein Werben,
Die Liebe ihn durchbohrt.
Herr Heinz er liegt im Sterben
— Vielleicht ist er schon fort.«


Brigitte rief erschrocken:
»Adele hör mich an!
Ich fühlte stets ein Locken
Was ich nicht deuten kann.«


»Adele«, fleht Brigitte.
»Dieweil Du älter bist
Hart ich gern eine Bitte:
Sag mir was Liebe ist!«


»Die Liebe«, seufzt Adelen.
»Die Liebe ist ein Bann,
Der Dich zuweilen quälen
Zuweilen kitzeln kann.


Man kann dann kaum still sitzen
Sie zwickt an jeder Stell« — —
»O, schweige,« rief voll Hitzen
Brigitt das Kopfmodell.

 
»Ich hatte immer Eile,
Kam ich ins Ateliä,
Und wünscht’ nach einer Weile
Daß irgend was geschäh.


Lebhaft träum ich im Bette
Nachts von der Staffelei,
Von Pinsel und Palette —
Und’s Leintuch reißt entzwei.«


»Brigitte«, sprach Adelen,
»So sollte es ja kommen,
Ich kann’s Dir nicht verhehlen:
Mir ist ein Stein genommen.


Denn sonst in seinen Schmerzen
Stirbt ja der arme Mann.
Du mußt ihn liebend herzen
Damit er leben kann.«


»Und ist er auch kein Maler
Mausarm nur ein Student,
Und hat er keine Taler
Weil er nur Schulden kennt,

 
Was scheeren mich die Taler,«
So ruft Brigitte schlank.
»Ich brauch auch keinen Maler,
Wird er mir nur nicht krank!


Nie durft er mich anfassen
Weil ich mich dumm benahm,
Er wurde hohl wie Tassen
Und mager von dem Gram!«


»Ich gehe ihn zu holen«!
Adele rief: »Ich geh!
Dann küßt Ihr Euch verstohlen,
Indes ich Wache steh.«


Adele ist entwichen
Und lief wo Heinzen wohnt.
Vom Tod schon angestrichen
Stand der auf wie der Mond.


Kam weiß zur Ladenkammer.
Dort ward ihm wohl zu Mut,
Weil statt des kalten Jammer
Brigitt am Rock ihm ruht.

 
Sie taten Beid’ erwarmen,
Brigitte küßt mit Lust,
Und rief in seinen Armen:
»Hätt ich das längst gewußt!


Du hättest nicht gelitten
Und wärst nicht krank und weiß.
Verzeih Deiner Brigitten!
Sie tat es nicht mit Fleiß.«


Herr Heinz vom Glück erkoren,
Noch schwach von Fiebernacht
Hört dies in seinen Ohren
Und weiß nicht was er macht.


Sein Kopf fällt wie ’ne Tonne
Schwer in Brigittes Schoß.
Ohnmächtig macht ihn Wonne,
Brigitte läßt nicht los.


Er rutscht ihr vor die Füße
Steif wie ein Leichenam.
Das kommt von dem Geküsse,
Weil es zu plötzlich kam.

 
Starrkrampf hat ihn genommen
Und machte ihn scheintot.
»Adele, Du mußt kommen!«
Brigitte schrie sich rot.


Adele sieht den Schrecken,
Noch nie kam ihr das vor —
Sie stürzt zur Apotheken
Und schreit nach dem Doktor.


Indessen rauft Brigitte
Verzweifelt jedes Haar,
Ruft: »Heinz stirb nicht, ich bitte,
Heinz, sag es ist nicht wahr!«


Da stand die Mutter plötzlich
Breit unterm Ladentor.
Ach Gott, jetzt wird’s entsetzlich!
Jetzt geht ein Drama vor.


Die Mutter tat ersticken.
Sie schrie: »Wie sieht’s hier aus!
Der Mensch läßt sich noch blicken?
Sofort wirf ihn hinaus!«

 
»Ach Mutter«, rief das Mädchen,
»Sieh ihn Dir doch erst an!
Es hängt an einem Fädchen
Sein Leben nur noch dran.«


»Das hilft nichts«, kreischt die Alte,
»Du machst mir Höllenschand;
Wenn ich ihn hier behalte,
Wirst Du mir stadtbekannt.


Wer will Dich dann noch haben,
Wenn Du die Leut’ belehrst,
Daß Du Dich Bettelknaben
Zum Schleuderpreis verehrst.«


»Ach Mutter«, fleht sie wieder,
»Ich liebe ihn so sehr.
Ich kniee vor Dir nieder,
Doch geb ich ihn nicht her.«


Die alten Zähne lachen:
»Ach Gott, wie mich das rührt!
Nur daß bei solchen Sachen
Mein Portmonnä nichts spürt.

 
Du willst ich soll Dich geben
Dem billigen Student?
Zu lieb ist mir Dein Leben,
Das seinen Preis nicht kennt.


Nie sag ich hier mein Amen,
Nie wird hier etwas draus!
Ich nehm’ Herrn Heinz den Lahmen
Und schleife ihn hinaus.«


Zu Stein erstarrt Brigitte,
Es friert sie jedes Haar.
Dann naht Adel’ als Dritte
Mit einer Krankenbahr.


Man trägt Heinz aus der Türe.
Brigitt will hinterdrein,
Wenn nicht dazwischenführe
Die Mutter ganz gemein.


Die Mutter fährt dazwischen
Und schreit: »Du gehst nicht fort!
Du sollst mir nicht entwischen!
Dies ist mein letztes Wort.«

 
Sie tut die Türe riegeln
Mit höhnischem Gesicht.
Jetzt muß es sich besiegeln:
Liebt Brigitt’ oder nicht.


»Die Mutter steht im Wege
Die Mutter sie muß fort,
Wenn ich auch Hand anlege —
Dies ist mein letztes Wort.«


Ein Messer sonst für Butter,
Auch Käs man damit schnitt,
Mit ihm stürzt sie zur Mutter,
Und stößt’s ihr in die Mitt!


Die Mutter schreit: »Brigitte!«
Dann fällt sie um mit Tod.
Ach, nach solch hartem Schritte
Hat Jeder seine Not.


Brigitte kniet und zittert:
»Ach, Mutter sei beklagt!
Du hast mich so erbittert,
Hättest Du Ja gesagt!«

 
Madonna und Gottvater
Sie mögen ihr verzeih’n.
Nach rascher Tat der Kater
Wirkt furchtbar hinterdrein.


Brigitte zieht die Leiche
Auf’s nächste Kanape,
Und fühlt ein kalt Geschleiche
Vom Herz bis in den Zeh.


Dann seufzend eilt Brigitte
Wohin man Heinzen trug.
Kaum hört er ihre Schritte,
Als er sein Aug aufschlug.


Er lag beim Kerzenschimmer
In seinem Eisenbett,
In dem Studentenzimmer.
Ach, wenn er’s besser hätt’!


Adele sitzt daneben
Und wacht mit jedem Ohr,
Tat ihm Umschläge geben
Wobei sie selber fror.

 
Da kam Brigitte blühend
Und fiel ihm um den Hals.
Ihr Mund der rief so glühend:
»Dein bin ich jedenfalls.«


Heinz sprach: »Ich fühle Leben
Und steig wie aus dem Grab.«
Da seufzt Brigitte: »Eben,
Und mich senkt man hinab.«


»Was willst Du damit sagen?«
Fragt Heinz die junge Braut.
»Die Mutter liegt erschlagen,«
Gestand Brigitte laut.


»Es klebt an meinen Händen
Noch warmes Mutterblut.«
— Heinz glaubte zu verenden —
Schon wieder gings nicht gut.


»Ich tat’s der Liebe Willen,
Gott segnet diesen Mord!
Kalt Blut soll keiner stillen,
Es laufe lieber fort.

 
Dies Blut, es wollt’ uns trennen,
Dies Blut besaß kein Herz;
Dies Blut es wollt nur kennen
Verstand als größten Schmerz!«


Brigitte muß heiß sprechen.
Adele ward ganz steif,
Sie fühlte Seitenstechen —
Brigitte sprach so reif.


Doch dann als sie die Beiden
Verzweifelt küssen sah,
Wollt’ sie mit Freuden leiden —
Sie fühlt sich dazu da.


Adel’, fühlt sich gehoben,
Adel’ war ideal,
Sie muß es laut geloben:
»Ich helf auf jeden Fall.«


»Brigitte«, sprach Adele,
»Fürcht nicht die Polizei!
Ich schwor’s bei meiner Seele,
Ich sag’s daß ich es sei.«

 
Sie tut nicht lange warten
— Adele war stets prompt —
Sie lief durch Straß und Garten
Bis sie zur Leiche kommt.


Sie meldet sich in Eile
Sogleich der Polizei,
Nach einer kleinen Weile
Lief alle Welt herbei.


Man sucht Fräulein Brigitte,
Daß man es ihr erzähl;
Spricht vorsichtig mit Sitte:
Der Mutter etwas fehl,


Man will sie nicht erschrecken,
Sagt: Mutter ist nicht wohl. —
Brigitt möcht sich verstecken,
Sie wird verwirrt und toll,


Sie sagt: »jawohl sie habe
Das alles selbst getan,
Und bis zu ihrem Grabe
Denke sie ewig dran.«

 
Die Leut’ sind voll Entsetzen,
Man ruft die Polizei.
Heinz sprach: »sie tat nur schwätzen,
Und es war nichts dabei.«


Brigitt mit schweren Worten
Sagt: »Höret ihn nicht an!
Adele tat nichts morden.
Ich habe es getan.«


Dann mit verrauftem Haare
Sagt sie dem Heinz Lebwohl,
Weil sie wohl fünfzehn Jahre
Und länger sitzen soll. —


Kaum kam sie aus dem Kerker,
Kaum ist die Strafe gar,
Fühlt sie die Lieb noch stärker
Als sie je vorher war.


Heinz muß ihr Küsse geben,
Die schönsten von der Welt.
Seht Ihr wie doch im Leben
Lieb’ über’s Zuchthaus hält.

 
Wo Zweie tüchtig küssen,
Da sollt’ man weit und breit
Endlich einsehen müssen:
Manch Mord hat Heiligkeit.


Brigitt sitzt jetzt in Schmerzen,
Weint mehr als Jede weint,
Die er mit Liebe tat herzen,
Heinz der Madonnenfreund.


Denn meine Frau Brigitte,
Sie kaufte ihn mit Blut.
Tat einfach alle Schritte,
Die man dem Liebsten tut.


Und jetzo,« schloß die Amme,
»Will ich Kaffee einschenken,
Kein Mensch zu schnell verdamme!
Das Leben gibt zu denken.«


»Ja,« kam’s von einer Andern
»Hab’s Herrn Heinz nie verdacht,
Sein Herz tat fleißig wandern,
Es war dazu gemacht.

 
Auch meine Frau tut gleichen
Der Frau Brigitte sehr,
Zwei Männer ganz als Leichen
Gab sie für Heinzen her.«


Die sieben andern Ammen
Taten ans Herz sich fassen,
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.


»Die Fürstin,« sprach die Eine,
Und wischte sich den Mund,
»Warf Perlen vor die Schweine
In ihrer Hochzeitsstund.


Es ward Bonaventura
Bald untreu ihrem Mann,
Weil von ihm kaum ’ne Spur da,
Von dem was da sein kann.


Mit einem Wort, es lebte
Der Fürst nur von Morphin.
Der Fürstin wiederstrebte
Alles was Medizin.

 
Sie fühlte sich verstanden
Vom Attaché de l’O  . . .
Und da sie sich schon kannten,
Traf man sich leicht mal wo.


Sie kam im dichten Schleier
Zum ersten Rendez-vous.
Im Wald fühlt man sich freier,
Nur Bäume sehen zu.


Doch wie die Fürstin schwärmend
Anschaut den Attaché,
Schien er ihr nicht erwärmend,
Weil Jemand in der Näh.


Ein Mann suchte für Tinte
Galläpfel, und es blitzt
Sein Aug wie eine Flinte,
Sein Blick, der zielt und sitzt.


Der Mann folgt ihren Schritten,
Zuerst war sie empört.
Er hat in Waldesmitten
Ihr Rendez-vous gestört.

 
Und auch am nächsten Tage
War überall er da.
Der Wald war eine Plage
Frau Bonaventura.


Gewisse Augen sitzen
Von manchem Mannsgesicht.
Dann muß jed’ Weib erhitzen,
Will sie es oder nicht.


Sie konnt ihn nicht vergessen.
Und er der so geschaut,
Das ist Herr Heinz gewesen —
Sein Herz nahm sie zur Braut.


Der Attaché nicht näher
War der von Heinz entzückt.
Er glaubt es wär ein Späher
Vom Fürsten ausgeschickt.


Darum schlug er zur Schonung
Für Auge und für Ohr
Auf morgen seine Wohnung
Als Rendez-vousplatz vor.

 
Die Fürstin in Gedanken
Sagt’ gleichgültig nur »Ja«
Denn bei den Liebeskranken
Ist wenig Stimme da.


Fürstin Bonaventura
Hat sich nicht eingestellt.
Sie fand, ’s war mehr Natur da,
Wenn sie den Waldweg wählt.


Und diesmal wich die Fürstin
Dem Augenblick nicht aus,
Sie lehnte sich an Heinz hin
Sprach: »Hier bin ich zu Haus.«


Denn bei ihm fand sie Sprache,
Er schwört bei jedem Kuß.
Natürlich war die Sache
Und nicht blos, weil man muß.


Er tat nicht Galle suchen,
Er suchte ihren Mund.
Und unter grauen Buchen,
Da trieben sie es bunt.

 
Wie Zweige von Epheue
War Leib an Leib gerankt.
Sie schwuren schwere Treue
Und niemals würd’ gezankt.


Sie konnt’ ihn los nicht lassen,
Noch wie der Mond aufging.
Küßt sie ihn ohne Maßen —
Der Wald fast Feuer fing.


Sie sprach: »Ich bin entschlossen,
Noch heute reiß ich aus,
In meiner Staatskarossen
Fliehn wir zur Stadt hinaus.«


Sie nahm all ihre Broschen
Und’s silberne Besteck.
Der Fürst fror in Galoschen,
Starb Mittags noch am Schreck.


Herr Heinz und seine Fürstin
Sie flohn durch Feld und Straß’.
Die Pferde flogen glatthin
Weil nichts im Wege saß.

 
Doch an dem nächsten Flecken
Traf sie ein langer Brief;
Und dieser tat bezwecken,
Daß nachts man nicht mehr schlief.


Der Attaché schrieb klagend:
Er wollt’ sie nochmals sehn,
Der Fürstin Lebwohl sagend,
Nur so könnt’ er bestehn.


Er sei im städt’schen Garten
Mittags von Eins bis Zwei.
Und möcht nicht länger warten,
Auf’s Höchst’ bis Viertel Drei!


Und sei sie nicht entschlossen,
Und käme nicht genau,
So hätt’ er sich erschossen —
Er schösse nicht in’s Blau.


Die Frau wollt er verfluchen,
Dies Weib das ihn betört;
Sein Geist würd’ sie aufsuchen,
Auch wenn er nächtlich stört.

 
Die Fürstin las das Schreiben
Dem Heinzen Satz um Satz.
Heinz zwang sie nicht zu bleiben
Sprach: »Geh hin, schönster Schatz!


Hast meine warmen Küsse
Als einen Talisman,
So daß Revolverschüße
Und Dolch nichts schaden kann.«


Die Fürstin ging zum Garten
Wie Heinzen ihr’s empfahl.
Sie tat bis zwei Uhr warten
Und tat es ohne Qual.


An Heinz dacht’ sie beständig,
Um Zwei ging sie nach Haus.
Froh, daß sie ganz lebendig,
Zog sie die Uhr heraus.


Schob sacht den Zeiger weiter,
Den sie vorher verstellt,
Denn deshalb hat sie leider
Das Rendez-vous verfehlt.

 
Sie hat sich schlau gerettet
Aus dieser schweren Stund.
Und Heinz hat recht gewettet:
Sie kehrte heim gesund.


Doch abends da sie eben
Im Bett ihr Haar aufsteckt,
Sieht sie was Weißes schweben
Was Schüttelfrost erweckt.


Sie muß ans Bettend starren,
Als müßt’ dort Jemand stehn,
Mit Angst in allen Haaren
Muß sie das Weiße sehn.


Heinz sagt, es ist ’ne Falte
Im Vorhang. S’ geht nicht fort.
Sie fühlt die Luft die kalte —
Der Attaché sitzt dort.


Sie floh in Schreckensnöten
Zu Heinz unter die Deck.
Da muß der Geist erröten
Und später blieb er weg.

 
Doch eh’ er ging für immer
Sprach er: »Bonaventur,
Du Weib, Du bist noch schlimmer
Wie’s Weib sonst von Natur.«


Und früh las sie im Blatte,
Man fand den Attaché
Erschossen wo sie hatte
Verfehlt ihn ganz exprès.


So tat Bonaventura
Aus Liebe zu Herrn Heinz.
Für ihn war sie jetzt nur da,
Und alles war ihr eins.


Liegen so Zwei im Bette
Und kommt auch noch ein Geist,
Sind sie der Nachwelt fette
Beweis was Liebe heißt.


Und heut weint meine Fürstin,
Noch mehr als Jede weint.
Es starb ihr Lebensgeist hin
Mit Heinzen ihrem Freund.

 
»Auch ich«, schloß hier die Amme
»Will jetzt Kaffee einschenken.
Wahr ist’s, kein Mensch verdamme!
Das Leben gibt zu denken.«


»Herr Heinz er ist mir teuer«,
Sprach eine andre Amme
»Vom Mond und aus dem Feuer
Holte er meine Dame.


Und wenn ein Mann bezwungen
Des Feuers Uebermacht,
Dann sei von ihm gesungen
Wohl eine ganze Nacht.«


Die sieben andern Ammen
Taten ans Herz sich fassen.
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.


»Ein Rätsel«, sprach die Eine
Und wischte sich den Mund,
»War Fanny meine Kleine,
Als sie im Brautstand stund.

 
Die Fanny war verlobet
Mit einem Rommandant,
Der stets wo Feuer tobet
Auf Feuerleitern stand.


Und dieser selbe nämlich
Saß Abends mal beim Wein,
Und schenkte sich bequemlich
Vom Affenthaler ein.


Hat plötzlich da vernommen.
Man rief: »Herr Kommandant!
Sie müssen eiligst kommen,
Nicht weil was angebrannt,


Weil Ihre Braut, die Dame
Im Hemd steigt auf das Dach.
Der Mond tat’s der Infame,
Er zieht sie schlafend nach.


Der Kommandant voll Fieber
Trinkt schnell sein Glas noch leer.
Ein Feuer wär ihm lieber,
Als diese Mondaffair.

 
Und in der Menschenmenge
Die sich’s Tableau beschaut,
Dem Bräutigam wird’s enge —
Zu locker geht die Braut.


Im Hemd geht sie spazieren
Und war auch ohne Hut.
Das muß ihn sehr genieren,
Da sonst man das nicht tut.


Ihr schien nichts aufzufallen,
Sie balanciert am Dach
Vor diesen Menschen allen —
Schon ’s Hinschaun machte schwach.


Der Kommandant nervöse
Darf nicht befehlen laut.
Das macht ihn mehr noch böse
Als ohne Hut die Braut,


Daß er hier lautlos stehen
Und dieses ansehn muß,
Wie Alle sich ergehen
Und sichtlich mit Genuß.

 
Nämlich zur Mandoline
Hört man ein Lied das lockt.
Herr Heinz mit Schwärmermiene
Am Nachbardache hockt.


Der will die Dame retten,
Probiert es mit Musik.
Im Volke schließt man Wetten
Und hängt am Augenblick.


Herr Heinz sang eine Ronde
So schön, s’war nicht zu viel,
Daß er der Dam’ im Monde,
Besonders gut gefiel.


Sie schritt auf ihrer Zinne,
Die Freud war unten groß —
So wie er sang von Minne
Ließ sie den Mond gleich los.


Es wichen die Gespenster,
Es glänzt Fanny’s Gesicht.
Sie folgt zum Giebelfenster,
Weil Heinz ihr viel verspricht.

 
Sie tut mit Heinz verschwinden —
Dem Kommandant macht’s Qual.
Im Dachstuhl muß er finden
Die Dame seiner Wahl.


Sie lehnt in einer Ecken
In Heinzens Paletot.
Er braucht sie nicht zu wecken,
Wach war sie so wie so.


Heinz weilte bei der Kranken,
Man konnte nicht viel sehn.
Sie sprach, sie tat ihm danken
Und wüßt jetzt was geschehn.


Sie sprach, nichts tät sie reuen,
Es hab der Mond zur Nacht
’nen Freund ihr zum Erfreuen
In dem Herrn Heinz gebracht.


Eh sie aus’nander gingen,
Bat sie Herrn Heinzen sehr,
Er möcht’ ihr öfters singen,
Sie höre gerne mehr.

 
Herr Heinz versprach es innig,
Er käme zu Besuch. —
Der Kommandant war sinnig
Und grübelnd wie ein Buch.


Er wurde aus dem Wesen
Der Fanny nicht mehr klar.
Seit sie beim Mond gewesen,
Verblieb sie sonderbar.


Auch tat ihn fast umbringen
Herrn Heinzens Sängerruhm.
Auch er möcht’ sehr schön singen
Und blieb nicht gerne stumm.


Der Kommandant bedachte
Sich kopflos eine Nacht,
Bis er’s zum Wahnsinn brachte
Und Brandstiftung gemacht.


Von jetzt ab war im Städtchen
Fast jede Nacht ein Brand,
Und stets rettet die Mädchen
Vom Dach der Kommandant.

 
Man ging schon nicht mehr schlafen,
Die halbe Stadt blieb wach,
Und manche Mädchen trafen
Bekannte auf dem Dach.


Der Rommandant ging breiter,
Breit baute ihn sein Ruhm.
Und sang er auch nicht leider,
So blieb er auch nicht stumm.


Täglich tat Bränd’ er legen,
Es ließ ihn nicht mehr ruhn.
Mädchen und sich zum Segen
Macht’ er sich viel zu tun.


Doch immer ward das Wesen
Der Fanny ihm nicht klar.
Seit sie im Mond gewesen,
Verblieb sie sonderbar.


Er dacht’: sie muß ins Feuer!
Verbrennt ihr altes Haus,
Wirk’ ich auf sie dann neuer
Und zieh sie glühend ’raus.

 
Doch stets tut anders kommen
Was man bedenkt voraus,
Und was man vorgenommen,
Führ man nicht immer aus.


Das Feuer hat gewütet,
Die ganze Stadt es sah.
Die Fanny war vergütet,
Die Fanny war nicht da.


Bei Heinzen saß die Fanny.
Heinz sang für sie sein Lied,
Der Heinz sang schön wie gar nie,
So schön daß man nichts sieht.


Wohl hörten sie vom Brennen,
Doch war’s nicht wunderbar.
Man ließ die Leute rennen
Und blieb wo’s heißer war.


Der Kommandant vergeblich
Sucht Fanny aus dem Dach,
Verbrennt sich sehr erheblich
Und denkt ganz furchtbar nach.

 
Sein Wahnsinn wie noch gar nie
Brennt heller als das Haus.
Er schreit verzweifelt: »Fanny!«
Doch sie sieht nirgends ’raus.


Er steht auf höchster Leiter,
Vor Schrecken wird er schmal,
Vorher war er viel breiter;
Er krümmt sich wie ein Aal.


Er schrie: »’ne ganze Anzahl
Der Bränd’ hab’ ich gelegt!
Bestraft hat mich das Schicksal,
Wie’s so zu gehen pflegt.


Verbrannt ist meine Fanny,
Und ist der Brand jetzt aus,
So seh ich sie wohl gar nie —
Bringt mich ins Irrenhaus!«


Man ruft: »Sie ist gerettet!
Seht, Fanny kommt und lacht.«
Und wieder wird gewettet:
Herr Heinz hat das vollbracht.

 
Man sieht sie tanzend gehen,
Sie kommt von Heinzens Haus,
Und da ’s doch Alle sehen,
Macht sie sich nichts daraus.


Wohl ist es schon bald Morgen,
Doch Heinz führt sie entzückt.
Sie kommen ohne Sorgen,
Wie Zwei die sich beglückt.


Fanny blieb lachend stehen,
Sie spricht zu ihrem Heinz:
»Wenn Häuser auch vergehen,
Man findet wieder eins.


Durch Dich bin ich entkommen
Dem Mond und Feuerherd.
Längst wär’ ich schon verglommen
Und würde ausgekehrt.«


Sie spricht: »Ich muß was müssen!«
Und herzt ihn um und um,
Und rief: »Freiheit im Küssen
Auch vor dem Publikum!«

 
Herr Heinz blieb der Geehrte
Vor Frauen und vor Welt,
Auch wenn es Manchen störte
Daß er so gut gefällt.


Und heute sitzt Frau Fanny
Am Sarge hier im Haus,
Und weint sich wie noch gar nie
Die schönen Augen aus.


Man kann den schwer vergessen,
Den öffentlich man küßt.
Erst dann hast Du besessen,
Wenn man Dir neidisch ist.


»Auch ich«, sprach jetzt die Amme
»Will mal Kaffee einschenken,
Wahr ist’s: kein Mensch verdamme!
Das Leben gibt zu denken.«


»Ja«, sprach ’ne andre Amme,
»Die Liebe Räusche bringt,
Das Herz gleicht einem Schwamme,
Den Durst zum Trinken zwingt.

 
Herr Heinz schlich mal im Dunkeln
Bis an ein Ehebett.
Denn Martha’s Herz konnt funkeln,
Weshalb er’s holen tät.«


Die sieben andern Ammen
Mutzten ans Herz sich fassen,
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.


»Frau Martha war ’ne feine
Müllerin blond und glatt.
Niedlicher gab’s gar keine
Zehn Meilen um die Stadt.


In ihrer weißen Mühle
War’s blank wie Mondenschein,
Und stand die Mühle stille
War Martha nicht allein.


Herr Heinz trieb sich vernarrt da
Schon einen Tag herum.
Am Fenster steht Frau Marta
Und fühlt, ein Herz geht um.

 
Herr Heinz er schnappt nach Fliegen,
Und tat besonders faul
Bei Dotterblumen liegen,
Und Fliegen schnappt sein Gaul.


Was will Herr Heinz nur tuen
Mit seinem Messerlein?
Es läßt ihn nicht mehr ruhen,
Und er sticht sich’s wo ein.


Es dauert auch nicht lange,
Ach, seht sein Blut tropft warm!
»Es stach mich eine Schlange!«
Spricht Heinz und zeigt den Arm.


Er zeigt ihn in der Mühle
Der schönen Müllerin,
Sie bleibt dabei nicht kühle
Und muß ihn näher ziehn.


Er simulierte Fieber
Und bleibt acht Tage da.
Und es ging erst vorüber,
Nachdem noch mehr geschah.

 
Am Neunten muß er weiter,
Der Müller drängen tat.
Heinz sprang in seine Kleider
Und sollt’ hinein zur Stadt.


Die Müllerin die sagte:
»Der Abschied hart mir fällt,
Denn was ich niemals wagte.
Das hast Du angestellt.


Wirst jetzt wie beide Arme
An meinem Leib vermißt.
Die Welt im Liebesharme
Für mich ganz krüpplig ist.


Für Zuchtvieh und für Hühner
Man Ausstellung bald hat,
Dann werde ich auch kühner,
Der Müller fährt zur Stadt.


Dann sehe ich Dich wieder
Mit Deinem Schlangenbiß.
Der Abschied drückt wie’s Mieder,
Ach, gäb’s kein Hindernis!«

 
Der Müller an der Türe
Er ruft Frau Martha laut,
Dieweil er gern erführe
Was sie Herrn Heinz vertraut.


Herr Heinzen unverhohlen
Nahm sich noch einen Kuß,
Und ruft: »Ich hab gestohlen,
Weil man hier stehlen muß.


Herr Müller müßt’ es leiden,
Ich hab ’nen losen Mund,
Tat stets aus Wiesen reiten
Auch wenn »verboten« stund.«


Er macht sich aus dem Staube,
Der Müller flucht und droht.
Frau Martha in der Taube
Sie wird im Traum noch rot.


Ja, ach! die Sehnsucht findet,
Die Stunde ist ein Jahr.
Und wenn das Herz sich windet,
Scheint’s Leben in Gefahr.

 
So eilte auch Frau Martha
Zum Schützenfest zur Stadt,
Weil’s bis zur Viehausstellung
Zu lang gedauert hat.


Heinz mietet voll Erwartung
Ein kleines Gartenhaus.
Macht Schulden voll Entartung,
Doch reißt sich immer raus.


Im Garten bei Rabatten
Deckt er den schönsten Tisch.
Frau Martha selbst tut braten
In Sekt den besten Fisch.


Des Nachts möcht’ sie spazieren
Zum Schützenfest hinaus,
Ihr Kleid tut sie genieren,
Sie zieht es darum aus.


Vom Heinz nimmt sie ’ne Hose,
Die war vom Militär,
Sie sitzt ihr nicht zu lose
Und wirkt auch nicht zu leer.

 
Des Uniformrocks Watte
Drückt etwas um die Brust.
Doch gut sitzt die Kravatte,
Und man spaziert mit Lust.


Die Menschen im Gedränge,
Die weichen selten aus,
Und oft geht aus der Enge
Ein Mensch getrennt heraus.


Der Heinz er tat verlieren
Die Martha; angst und bang
Sucht er auf allen Vieren
Und sucht sie stundenlang.


Verfolgte die Soldaten
Und untersucht ihr Haar.
Doch meist sie kurzes hatten
Und Martha’s länger war.


Die kommt spät heim zur Mühle
Als Korporal abnorm.
Dem Müller ’s nicht gefiele,
Säh’ er die Uniform.

 
Doch fühlt sie kein Erschöpfen
Der Ausflug tat so gut.
Sie tut den Rock aufknöpfen
Und fühlt Soldatenmut.


Sittsam schleicht sie zur Kammer
Legt an die Weibertracht.
Ruft ohne Katzenjammer:
»Herr Müller, gute Nacht!«


Der ließ sich gar nicht stören!
Früh denkt er nur: »was hat —
Das ist doch zum Empören —
Die Frau für ’ne Kravatt?«


Die Martha ach, sie hatte
Noch immer um den Hals
Die Militärkravatte,
Gut stand’s ihr jedenfalls.


Doch tat sie sich schnell fassen.
Als sie der Müller weckt,
Sprach sie zu ihm gelassen,
Sie halte nichts versteckt

 
Kravatten sei’n erfunden
Galvanisch für die Zähn’,
Und düstre Fistelstunden
Die würden auch vergehn.


Der Müller mußt es glauben
Wollt er es oder nicht,
Wenn ihm auch Zipfelhauben
Sammt Kopf daran zerbricht.


Und als es sich so machte
Daß er mal Zahnweh hat,
Frau Martha heimlich lachte,
Sprach: »Kauf Dir ’ne Krawatt’!«


Doch ach, bei der Geflügel-
Ausstellung in der Stadt,
Da hält er ihr die Zügel,
Martha nicht Freiheit hat.


Der Müller die Frau Martha
Mit keinem Worte schont,
Und spricht: »Du bist vernarrt, da
Herr Heinz die Stadt bewohnt.«

 
Der Müller will nur sprechen
Von Viechern und er höhnt:
»Du sollst nicht Ehe brechen,
Heut’ werd’ ich preisgekrönt.«


Dann bei der Hahnparade
Kriegt ein Diplom der Mann,
Gewinnt bei dem Glücksrade
’nen Bramaputrahahn.


Macht dann im Glück ’ne Pause
Daß er sich Wein bestell’,
Den Hahn bringt zum Gasthause
Er spät im Korbgestell.


Stellt sorgsam ihn ins Zimmer
Und dunkel war’s zur Nacht.
Gut schläft er dann wie immer,
Hat nicht an Heinz gedacht.


Doch Martha möcht’ kopfstehen
Vor Liebe und vor Wut,
Und nur der kann’s verstehen,
Der Andere lieben tut.

 
Da kam ans Bett geschlichen
Der Heinz, ruft: »Martha komm!«
Fast wäre sie verblichen.
Denn es spricht vom Diplom


Im Schlaf der feiste Müller
Und Martha wartet heiß.
Erst als er wieder stiller,
Verläßt sie ihn ganz leis.


Sie fühlt des Heinzen Lippen,
Das hat so wohl getan.
Doch plötzlich hört man kippen
Das Korbgestell vom Hahn.


Der Müller könnt’ erwachen —
Heinz zieht die Martha schnell —
Als sie die Tür aufmachen,
Scheint Mond aufs Korbgestell.


Den Hahn tut Mondschein wecken
Er glaubt, ’s ruft Tagespflicht,
Da er im Korb muß stecken,
Verwechselt er das Licht.

 
Es kreischt der Bramaputra
Sein höchstes Kikeri.
Der Müller dreht sich um da
Und brummt: »das Hahnenvieh!«


So hat Herr Heinz entführet
Ein Weib vom Ehebett.
Wer liebt, für den gebühret,
Daß er es besser hätt’.


Und heut fühlt sie Herzschwäche,
Ein Mühlrad könnt man drehn.
Die Tränen wie Sturzbäche
An Heinzens Sarg hingehn.


»Und jetzt«, schloß hier die Amme
»Will ich Kaffee einschenken.
Wahr ist’s: kein Herz verdamme!
Tut’s auch die Ehe kränken.«


»Ja wirklich«, sprach die Eine
»Nichts ist vor Lieb gefeit,
Herrn Heinz liebten einst reine
Zwilling zur Veilchenzeit.

 
Und da gibts nichts zu lachen,
Die Lieb ist wundersam.
Und Liebe konnt’ es machen,
Daß Totes wiederkam.«


Die sieben andern Ammen
Mußten ans Herz sich fassen.
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.


»Aurora und Alice,
So hieß ein Zwillingspaar.
So ähnlich waren diese,
Es fehlte dran kein Haar.


Durch einen Blumenladen
Ernährten sie sich keusch.
Wie Rosen still auf Drahten
Lebten sie ohn Geräusch.


Heinz kam zur Rosenhecke
Hinter den Ladenpult
Und nur zum Ankaufszwecke
Empfing man ihn mit Huld.

 
Es wagten nie die Damen
Die Käufer anzusehn.
Selbst wenn Ausländer kamen,
Blieb jede schamrot stehn.


Sie sahen nur auf Hände,
Man schlug nie auf den Blick,
Erkannten ohn’ Umstände
Den Mensch am Handmimik.


Konnten durch Handschuh lesen
Was jeder Käufer denkt,
Wenn sie dem obern Wesen
Auch keinen Blick geschenkt.


Sah’n nur den kleinen Finger
Und wußten es sogleich:
Trotz Diamantendinger
Sind Menschen doch nicht reich.


Sie müssen noch was haben,
Noch ein besondres Air,
Denn sonst bei allen Gaben
Sind ihre Hände leer.

 
Bei Heinzens Hände fielen
Sie beide fast zur Wand.
Sie war ganz ohne Schwielen
Und doch die Schicksalshand.


Zum ersten Male tauten
Die beiden Damen auf.
Und ihre Blicke blauten
Ihm bis zum Hals hinauf.


Von Beiden die Aurora
Sie ward besonders rot.
Was flüstert ihr ins Ohr da:
Der Mann der bringt den Tod!


Wogegen die Alice
Den Heinzen fast anblickt,
Und eben es war diese
Die dann am Heinz erstickt.


Herr Heinz kauft hundert Rosen
Und alle ohne Draht,
Weil er die Stengellosen
Von je verachtet hat.

 
Herr Heinz kam jeden Morgen
Und kaufte wie verrückt,
Ihm taten Freunde borgen,
Weil’s Geben sie entzückt.


Im Herbste wo die Veilchen
In zweiter Blüte stehn,
Da mußt nach einem Weilchen
Ein Zwilling einsam stehn.


Denn Heinz er hat’s entschieden:
Er nahm Fräulein Auror’.
Ihm schien die mehr zu sieden,
Und kam ihm wärmer vor.


Alice stand im Laden
Am Sonntag Nachmittag,
Heut ging die Stadt zum Baden,
Herbstglut am Himmel lag.


Sie mochte nicht mal denken
An das geringste Bad.
Konnt den Gedank nicht lenken
Von Heinz, den sie nicht hat.

 
Sie ist schon längst entschlossen,
Und heute wird’s getan,
Sie füllt sich einen großen
Waschkorb mit Veilchen an.


Sie ist mit ihrem weißen
Firmungsgewand geschmückt.
Tat Tränen stolz verbeißen
Und hat sich tief gebückt.


Im Waschkorb zu ersticken
Sucht sie durch Veilchen Ruh.
Ein Talglicht blöd von Blicken
Sieht ihr mit Tränen zu.


Auf einen weißen Bogen
Schrieb sie es vorher hin:
»Aurora, bin betrogen,
Weil ich Dein Zwilling bin.«


Mit Heinz kommt heim Aurora
Und sucht im Ladenraum:
»Alic’ war doch zuvor da!
Jetzt sieht man sie ja kaum.«

 
Die Talglichttränen stanken,
Das Licht war eben aus.
Es raucht noch in Gedanken —
Aurora schlich hinaus.


»Ach, Heinz komm doch mal näher
Ich glaub es ist wer tot,
Es riecht nach Leichen eher
Als wie nach Rosenrot.«


Heinz kommt ganz in Gedanken
Zum Veilchenkorbe hin,
Fühlt seine Kniee wanken
Und sagt: »Es liegt wer drin.«


Tief unter blauen Veilchen
Lag die Alice weiß,
Sie zuckte noch ein Weilchen
Und starb dann schnell mit Fleiß.


Untröstlich war Aurora,
Herr Heinzen schluchzt mit Macht.
Ein Licht war noch zuvor da,
Und jetzt war’s still und Nacht.

 
Und noch nach langen Jahren
Sieht man den Heinzen viel,
Mit seltsamen Gebahren
Zur Veilchenzeit oft still,


In einer Hand voll Veilchen
Den Kopf hineingesteckt,
Das treibt er so ein Weilchen
Bis ihn Aurora weckt.


»Ich wollte es nur fühlen«
Spricht Heinz dann lebensmüd,
»Ob Veilchen wirklich kühlen,
Wenn’s Blut im Herzen glüht.«


Heut sitzt am Sarge diese
Aurora und sie weint,
Denkt: glücklich ist Alice
Jetzt kriegt sie meinen Freund.


Und seufzend streut Aurora
Ihm Parmaveilchen hin:
»Ach wärst Du wie zuvor da,
Weil ich noch lebend bin!«

 
»Jetzo«, schloß hier die Amme,
»Will ich Kaffee einschenken,
Lieb ist ’ne wundersame
Sache und gibt zu denken.«


Jemand muß heut noch sterben,
Ein Hund heult so heut Nacht!
Die Zähn’ klappern wie Scherben,
Jed’ Amme Kreuze macht.


Insichgebückt wie Knäule
Zwei Kreuz’ noch Jede macht.
Endlos ist’s Hundsgeheule,
Ja, Jemand stirbt heut Nacht.


Und eine Amme wieder
Sprach: »Alles nimmt ein End,
Enden tun alle Lieder,
Man ist das schon gewöhnt.


Durch Horchen hört man eben
Wie man beim Reden spricht.
Heinz wär’ heut noch am Leben,
Horchte Babette nicht.

 
So denk’ ich mir das Ganze:
Der Teufel war im Spiel.
Oft sitzt an einer Wanze
Sein Pech, wann er es will.«


Die sieben andern Ammen
Mußten ans Herz sich fassen,
Sie rückten eng zusammen
Und stellten fort die Tassen.


»Babett tut Schornstein’ fegen,
Wird Schornsteinrat genannt.
Und schwarz ist sie deswegen
Und dadurch stadtbekannt.


Einmal da rutscht sie ’runter
Herrn Heinz just in die Arm’.
Vom Dach fiel sie hinunter,
Noch war sie ganz rußwarm.


Er trug sie in sein Zimmer
Und wusch sie etwas klar.
Und daraus ward was schlimmer,
Etwas was furchtbar war.

 
Nämlich ’ne Mordgeschichte
Entstand aus diesem Akt.
Vorher da schloß im Schornstein
Der Teufel seinen Pakt.


Der Teufel kam gekrochen,
Sprach: »Babett, kriegst ’nen Mann,
Wenn nach so’n so viel Wochen
Ich mir ihn holen kann.


Du mußt ihm dann erzählen
Was ich Dir sagen tu.
Denn nur so darfst Du wählen
Und gibst dem Teufel Ruh.


Dafür darfst Du auch küssen,
Kriegst einen ganzen Mann.
Du kannst nichts Beßres müssen.«
Was liegt der Babett d’ran!


Kaum ist sie einverstanden,
Schmeißt Jemand sie vom Dach.
Sie tut bei Heinzen landen —
Der Teufel sieht ihr nach.

 
Der Heinz hat sie gewaschen
Und als sie rein genug,
Läßt sie Heinz Küsse naschen,
Nascht selber zart und klug.


Bald lebten sie wie Tauben,
Sie liebte selbstbewußt,
Tat seine Lampen schrauben
Wenn eine Lampe rußt.


Des Morgens stieg sie wieder
Zum Schornsteine hinauf,
Abends zu Heinz hernieder;
Das war ihr Lebenslauf.


Doch endlich nach acht Wochen
Da kam dann der Termin.
Der Teufel kam gekrochen
Saß im Kamine drin.


Babett gleich einem Storchen
Kehrt just beim Advokat.
Auf einem Bein zu horchen
Sie die Gewohnheit hat.

 
Dort war grad Herrenessen
Man renomierte sehr,
Und bei den besten Fressen
Fiel über Heinz man her.


Man sprach, man könnt nicht zählen
Wie groß sein Harem sei.
Er tät die Mädchen schälen
Und liebte sie zu Brei.


Und alle Frauen wüßten,
Zu hitzig ging er um.
Doch All’ ihn lieben müßten,
Nur Eine bliebe stumm.


»Und diese seltne Eine«,
Lachte der Advokat,
»Ist eine selten Reine
Die ich mal küssen tat.«


Die Ohren der Babette
Die wuchsen riesengroß.
Wenn sie doch keine hätte!
Jetzt ist der Teufel los.

 
Der Advokat spricht: »Heute
Sieht man’s dem Heinz nicht an,
Welch ideale Leute
Der Heinzen lieben kann.


Das war damals Sylvester,
Da saß ich auf dem Land,
Wo meine Milichschwester
Tief in Prozessen stand.


Im Haus war eine Dame,
Sie schrieb die Schreibmaschin’.
Rosalie war ihr Name,
Sie schrieb stets still dahin.


Rosalie zu Sylvester
Auch sie goß mit uns Blei.
Sprach: »Advokat, mein Bester,
Steht mir ’ne Frage frei?


Sagt mir doch das Orakel
Hier aus dem Blei heraus!«
Besah mir den Spektakel
Und ward nicht klug daraus.

 
Sie fragte mich so eigen,
Als müßt’ in diesem Jahr
Sich was besondres zeigen,
Dran ihr gelegen war.


Und später traf ich richtig
Im Dunkeln sie allein,
Und dies soll immer wichtig
Bei allen Damen sein.


Laß mir das nicht entgehen,
Ich habe sie geküßt.
Sie ließ es auch geschehen
Und ich bekam Gelüst,


Das Neujahr zu beginnen,
So gut’s am Lande geht.
Wollt’ um mehr Küsse minnen —
Doch Rosa widersteht.«


Die Ohren der Babette
Sie sind schon wie ein Faß.
Wenn sie jetzt keine hätte,
Sie hörte doch etwas.

 
»Ich fragt’ warum den einen
Kuß sie gelitten hat,
Sie sprach: »Ich war im Reinen
Nicht ganz, Herr Advokat,


Mit mir. Ich dacht voll Lachen
Als man den Kuß mir nahm:
So dürfte es sich machen
Wär’ hier mein Bräutigam.


Ich tue ihn erwarten
Jetzt volle zwanzig Jahr.
Frag stündlich nur die Karten,
Auch dies macht mich nicht klar!«


Ich hörte zu allmählig.
Sie sprach sich einfach aus,
Herr Heinz er mach sie selig,
Sie kenn ihn von zu Haus.


Sie war damals ’ne kleine
Liebliche Kindsperson,
Ein Kindermädchen reine
Mit Sucht nach höhrem Ton.

 
Sie schob den Kinderwagen
Und sagte höchstens: »ach«!
Heinz tat um Lieb sie fragen
Und sie sprach: »Heinz, hernach«!


Denn er ging noch zur Schule
Mit der Primanerschaar,
Las ihr König von Thule
Wo eine Buhle war.


Sie traf unter Kastanien
Den Heinz da jede Nacht,
Nahm gerne die Geranien,
Die er ihr mitgebracht.


Sie hielten sich die Hände,
Doch mehr gab sie ihm nicht,
Weil es ihr besser stände,
Wenn sie sich ihm verspricht.


Er steckte an den Finger
Ein Ringlein ihr aus Stahl,
Wertvoller als Golddinger
Die’s sonst gibt jedesmal.

 
Sie tat sich ihm geloben —
Schwur Heinz stählerne Treu,
Darum hielt sie sich oben.
Noch heut ist sie ihm neu.


Und treu will sie ihm bleiben
Auch in dem neuen Jahr.
Es ist nicht zu beschreiben,
Wie Rosa komisch war.«


Da brüllten alle Herren,
Es brüllt der Advokat.
Solch Lachen muß verzerren,
Er wußt nicht, was er tat.


Er hob sein Glas zur Höhe
Und rief: »Es leb der Kuß!
Treu beißen auch die Flöhe,
Weil man sich nähren muß.«


Plötzlich ertönt ein Poltern —
Der Schornstein stürzt fast ein.
Mit ihren Liebesfoltern
Fällt die Babett’ herein.

 
Sie muß zuerst sich schütteln,
Dann schreit sie hoch in Wut:
»Dem Anwalt und den Bütteln
Schmeckt das Verschwärzen gut!


Herr Advokat, Sie brennen
Sich ganz gemein den Mund,
Wenn Rosa Sie verkennen
In ihrer besten Stund.


Gleich muß der Heinz mir her da!
— Wie ihr doch dreckig lacht! —
Wüßt ich doch ob aus Rosa
Mein Heinz sich viel noch macht!«


Vor Staub und Ruß konnt Niemand
Den Andern richtig sehn.
Das Lachen schnell dahinschwand,
Der Ruß nur blieb bestehn.


Das End vom Herrenessen
Schien ein Kinnbackenkrampf.
Weit auf standen zwölf Fressen
Und der Verstand war Dampf.

 
»Der Teufel!« schrieen Alle
Und selbst ein Staatsanwalt
Rief: »ja, in diesem Falle
Kam er in Weibsgestalt.«


Babette aber eiligst
Flog sturmgebläht nach Haus.
Herr Heinz übt grad kurzweiligst
Die Kunst am Waldhorn aus.


Sie hört schon aus drei Straßen
Wie schön er tremoliert.
Sie muß ans Herz sich fassen,
Weil sie dort was verliert.


Sie fühlt sich wie erstochen —
»Heinz gehört Rosa an!
Rosa ist er versprochen!
Sie hat kein Recht daran!


Es zieht die Trän’ wie Säure
Linien durch’s Rußgesicht.
Wie schön bläst Heinz der Teure!
Und Schwärze kennt er nicht.

 
Keine hat er vergessen,
Doch auch behalten — nie,
Auf nichts war er versessen,
Nur auf die Rosalie.


So denkt es sich Babette
Ganz schmierig im Gesicht.
Wenn sie nicht Ruß dran hätte,
Wär sie wie ein Gedicht.


Rosa wollt’ er nicht rühren
Der Heinz, wie sonst er’s tat,
Weil er ja zum Verführen
Die andern Alle hat.


Auch denkt sich jetzt Babette
Im Herz den Hexenschuß:
»Wenn keins gesprochen hätte!
Da ich doch horchen muß!«


Denn Heinz er ging zur Stunde
Nachdem Babette sprach
Zur Herrentafelrunde
Und machte einen Krach.

 
Schlug sich dann ohne Sorgen
Im Wäldchen mit dem Herrn.
Kaum lag er tot am Morgen,
Da hätt’ ihn Jeder gern.


Ihm fließt vom Herz ein Fädchen
Tiefrot und leuchtet sehr,
Weil Heinz von seinen Mädchen
Verteidigte die Ehr!


Babett wenn auch gewaschen
Fühlt stündlich sich nicht rein.
Schuld sitzt in ihren Taschen
Schwarz wie Kamine sein.


Sie möcht’ am Sarge toben,
Weil sie jetzt nichts mehr hat
Als in dem Schornstein oben
Den Titel Schornsteinrat.


»Nun möcht ich«, sprach die Amme
»Einmal die Tassen schwenken,
Der Rest schmeckt stets infame,
Leben tut Gräber schenken.

 
Jemand muß heut noch sterben
Ein Hund heult in die Nacht.
Die Zähn’ klappern wie Scherben,
Jed’ Amme Kreuze macht.


Und Alle Kälte fühlen,
Der Ofen ist fast leer.
Man muß den Ofen füllen,
Und Eine redet mehr.


Klagt: »Männer selbst mit Glatzen
Die sind im Klatsch zu Haus.
Bis Speicheldrüßen platzen,
Und länger hält man’s aus.


Zufällig bin ich selber
Vertraut mit Rosali’.
Wir sind nicht blöde Kälber,
Wie Jener uns verschrie.


Wohl schrieb sie Schreibmaschine,
Kindsmädchen war sie keins.
Mit Königinenmiene
Verlobte sie sich Heinz.

 
Sie traf den Heinz nicht blöde
In einem Luftkurort,
Und dort in luft’ger Oede
Da fiel das treue Wort.


Er lernte sie dort kennen
Als sie im Sarg schon lag.
Gar gräulich ist’s zu nennen —
Es war ihr Scheintodstag.


In einer Stallremise
Stand aufgebahrt der Sarg,
Weil im Hotel man diese
Zufälle gern verbarg.


Kurgäste leicht erschrecken.
Der Wirt sprach irritiert:
»Tut mir die Leich’ verstecken,
Sonst mein Hotel verliert.«


Heinz fand die junge Dame
Im Sarg abseits gestellt.
Hielt diese Art infame
Und in der Nacht gequält

 
Von überbösen Träumen,
Eilt er wo man sie barg.
Als könnt’ er was versäumen
So wartet er am Sarg.


Scheucht von ihr Mäus und Ratten
Und hält die Totenwacht.
Denn Rosa’s Eltern taten
Erst kommen Abends acht.


Die Zeit wird ihm nicht lange
Konnt’ Rosa sich besehn.
Ganz blaß auf jeder Wange,
Fand er sie wunderschön.


Die Finger so symetrisch
Das Ganze war ihm neu,
Und Rosa noch ein Backfisch.
Herr Heinzen sonder Scheu


Sprach: »Schöne, junge Dame
Weshalb kam ich zu spät!
Würd’ wahr jetzt die Annahme
Daß man noch leben tät,

 
Ich würde sie verehren
Mehr als ein Leben lang.
Warum tun Sie sich wehren?
Zeigen Sie Lebensdrang!


Ach, Sterben ist elendig,
S’ist kalt ’ne Leiche sein.
Ach, würden Sie lebendig,
Wir liebten uns zu Zwein.«


Sie hat ihn angeblinzelt —
Heinz glaubt, daß er schlecht sieht,
Bis Rosa etwas winselt,
Und’s Heinz zu Rosa zieht.


Er sieht die Leich’ sich rühren,
Neu war auch dieses sehr.
Die tat ihr Herz anschüren
Und lebte mehr und mehr.


Der Heinz mocht’ Niemand sprechen,
Holt seine Frühbouillon,
Will ihr den Mund aufbrechen
Und einfiltern davon.

 
Doch geht’s nicht in der Eile.
Der Heinz stürzt in das Haus,
Holt eine Nagelfeile,
Bricht ihr zwei Zähne aus.


Die Suppe macht ihr Hitze,
Auf wacht sie tout-à-coup
Fliegt auf mit einem Sitze —
Fort war die Totenruh.


Heinz lacht im vollen Glücke,
Die Leiche sie wird rot,
Ihr Mund lacht mit der Lücke
Und wünscht zur Suppe Brot.


Spricht als sie stark gegessen:
»Hab jedes Wort gehört,
Schön ist’s im Sarg gewesen
Man war so ungestört.«


Sie lacht dabei so eigen,
Heinz ihr den Arm dann gibt.
Sie konnt’ dem Sarg entsteigen
Die Rosa ganz verliebt.

 
Heinz nahm sie auf die Arme
Und trug sie zum Hotel.
Dort unterm Kellnerschwarme
Der Wirt ruft: »Ober, schnell!


Ist das nicht unsre Leichen
Aus dem Remisenstall?
Sie tut ihr furchtbar gleichen,
Und lebt auf jeden Fall.«


Der Ober wirft die Sauce
Der Remoulade hin.
Er wackelt in der Hose
Und sagt: »Ja, die lag drin.«


Die Gäste an dem Fenster
Vom großen Speisesaal
Stehn blaß da wie Gespenster,
Und das Hotel wirkt fahl.


Rosa von Heinz getragen
Sie fand das Leben neu.
Spricht: »Schön ist’s, nicht zum sagen,
O Heinz, Dir bleib ich treu!

 
Ich war doch tot noch eben,
Es hat mich nichts gefreut.
Jetzt darf ich Dich erleben,
Mein Scheintod mich nicht reut.


Dir Heinz sag ich’s auf’s Neue:
Der Scheintod ist ein Glück.
Man bleibt dem Leben treue
Und kommt darauf zurück.«


Rosalie blieb am Leben.
Des Abends schon um acht
Die Eltern Segen geben,
Daß sie Verlobung macht.


Der Heinz war kreuzzufrieden
Mit seiner Rosabraut,
Doch selten wird hienieden
Ein Glück blitzschnell gebaut.


Die Braut tat’s nicht gestehen
Daß Mutter sie sogar.
Heinz braucht’s nicht nahzugehen
Da er nicht Vater war.

 
In hoher Töchterschule
Ward es ihr angetan,
Singend das Lied von Thule,
Kam sie als Buhle dran.


Der König war Primaner
Im Wäldchen vor der Stadt,
Dazu Amerikaner
Der wieder reisen tat.


Maifest war’s in Kastanien
Wo Bilder man gestellt,
Sie trug im Haar Geranien
Was sehr bei ihr gefällt.


Manch Jungfrauengemüte
Kam unschuldig in Schuld
Zur Maienkäferblüte,
Denn Mai bringt Ungeduld.


Darnach ward sie anämisch,
Manche die ahnten ’s doch,
Die Menschen sind so hämisch —
Bei Unglück lacht man noch.

 
Die Mutter schickt die Rosa
Zu jenem Luftkurort,
Trotzdem man es schon so sah.
Doch ward’s nicht besser dort.


Dort plötzlich tat ein Wunder
Fast eine Medizin.
Die Rosa schluckt’s hinunter
Und fällt dann scheintot hin.


Die Mutter die zu Hause
Stets über Rosa stöhnt,
Trifft’s wie ’ne kalte Brause.
Doch kaum ist sie’s gewöhnt,


Ward Rosa neu lebendig
Und Abends echte Braut.
Die Mutter eigenhändig
Sie segnet Heinzen laut.


Heinz wollt’ an Rosa haben
’ne Art von Ideal.
Weil Alle ihm gleich gaben,
Was man gibt allemal.

 
Drum hat es ihm gefallen,
Daß Eine an ihn denkt,
Eine im Erdenwallen
Selbstlos in ihn versenkt.


Die Rosa konnt’s vollbringen,
Sie wartet zwanzig Jahr.
Wenn auch die Jahre gingen,
Die Brautschaft ewig war.


Sie glaubte stets das Eine
Daß er noch kommen würd’,
Doch hielt sie sich alleine
Und ward Heinz nie zur Bürd’.


Wie war sie heut’ beklommen,
Als jäh ein Telegramm
Mit: Rosa eiligst kommen!
Von Heinzen plötzlich kam.


Sie fand gar keine Worte,
Eilte mit jüngstem Blut.
Ich schrie noch an der Pforte:
»Ach, Gnädige, Ihr Hut!«

 
Wir, ach Du meine Güte,
Kamen halbtot per Bahn,
Noch immer ohne Hüte
Bei Heinz dem Leichnam an.


Rosalie konnt’ kaum denken
Vor’m Sarg bei all’ den Frau’n.
Ich glaubt’ es müßt sie kränken,
Heinz so geliebt zu schaun.


Doch nein. Tief wie befreiet
Atmet sie auf wie nie.
Haucht: »Heinzen, es verzeihet
Verständig Rosalie.


Ich bleibe wie versprochen
Auf ewig Deine Braut,
Wir haben nichts gebrochen
Auch wenn’s darnach ausschaut.«


Rosalie tat nicht weinen,
Erquickt vom Wiedersehn
Und tief mit sich im Reinen
Blieb ganz verzückt sie stehn.

 
Ich glaub, könnt’ er es machen,
Heinz hätt’ sie jetzt geküßt,
Doch ideale Sachen
Man mit dem Leben büßt.


Es rinnt ein blutig Fädchen
Ihm rot vom Herzen her.
Schuld dran sind alle Mädchen,
Doch Rosa um so mehr.


Heinz hat auf sie geschworen,
Doch dieser Advokat,
Hat’s hinter beiden Ohren,
Der’s Maul nicht halten tat.


Welch’ Zufall, daß Babette
Just im Kamin’ gehockt!
Sonst ohne Zweifel hätte
Kein Teufel heut frohlockt.


»Und jetzt«, schloß hier die Amme
»Kann sich’s schon Jeder denken.
Nie kommt man mehr zusammen,
Nochmals will ich einschenken.«

 
Insichgebückt wie Knäule
Ein Kreuz schnell Jede macht.
Endlos ist’s Hundsgeheule,
Ja, Jemand stirbt heut Nacht.


Sie tun den Ofen füllen,
Der Ofen der wird schwer,
Tun sich in Tücher hüllen
Und Eine redet mehr:


»Ich war beim Heinz die Ammen
Und sprech mich nicht gern aus.
Doch sitzt man so zusammen,
Dann muß es mal heraus.


Sein Vater hatte Mienen
Und war einst reich und schwer,
Gar hart ist ja’s Verdienen,
Und leichter gibt man’s her.


Die Mutter klug wie Raben,
Jetzt alt und reich an Harm
Vergötterte den Knaben,
Er war ihr rechter Arm.

 
Sie hat darauf gehalten
Daß Heinz kein Weib sich nahm,
Sie litt durch ihren Alten,
Dem Ehe nicht bekam.


Nicht Jeder ist geschaffen
Zur Ehe, und sein Blut
Springt wilder als die Affen
Und bringt die Frau in Wut.


Da war die Arabella,
Die Solotänzerin.
Ein Jeder auf der Stell sah,
Durch’s Tanzen riß sie hin.


Den alten Heinz entzückte
Die Arabella so,
Daß sie sein Herz verrückte,
Läuft nach inkognito.


Die schöne Frau Gisela
Des alten Heinz Gemahl,
Sie schminkt sich auf der Stell da,
Denn Gram der macht sie fahl.

 
Die Heinzens hatten immer
Den Abenteurerblick,
Doch’s Ehefrauenzimmer
Liebt nur das Eheglück.


Und Gisela sie hatte
Kraftblut, denn, Saperment!
Sie war ’ne wilde Ratte
Aus Adelspergament.


Lud Arabell entschlossen
Zum Minenwerke hin.
In einem Brief ’nen großen
Stand die Erwartung drin:


Es möchte Arabella ,
Nur einen Nachmittag
Vortanzen Frau Gisela,
Weil’s ihr am Herzen lag.


Sie möchte sie befreien
Von Kummer und von Schmerz.
Haß sollt’ sie nicht entzweien,
Denn dann ging’s niederwärts.

 
Sie wollt’ die Schöne schauen
Die ihren Mann entzückt,
Und unter klugen Frauen
Da wär das nicht verrückt.


Wißt, zwischen Kohlenminen
Die Papa Heinz besaß,
Da lag das Wohnhaus drinnen,
Und drinnen saß der Haß.


Der Haß der Frau Gisela,
Er lockt zum Tode hin
Die arme Arabella,
Die Solotänzerin.


Um’s Wohnhaus wie ’ne Insel
Grün man den Garten sieht.
Und drin wie kühne Pinsel
Ein Pappelweg sich zieht.


Heinz sitzt in Pappeln oben
Weil sich ihm Aussicht bot.
Sein junges Herz tat toben,
Er hält sich nur mit Not.

 
Denn er sieht Arabella,
Sie tanzt in dem Salon.
Sein Heinzenherz brennt hell da;
Er ist des Vaters Sohn.


Er sieht nicht die Pistole
Die Jemand heimlich hält,
Sein Auge wie ’ne Kohle
Für Arabella schwält.


Die Arabell entkleidet
Sie tanzt, und weil sie nackt,
Der Heinz besonders leidet —
Sein Puls kommt aus dem Takt.


Mit seinen neunzehn Jahren
Beschleunigt sie sein Blut.
Sie tanzt mit offnen Haaren —
Dem Jüngling ist nicht gut.


Er sieht die Mutter eben
Beim allerschönsten Pas
Pistolenschüsse geben —
Und dann war nichts mehr da.

 
Heinz hängt am Pappelbaume
Bis sich der Rauch verzieht.
Im Hause wie im Traume
Er Zweie liegen sieht.


Mit einem Schuß zwei Leichen —
Das ist doch viel zu viel!
Ein Weilchen tut verstreichen,
Dann Eine aufsteh’n will.


Die Eine war es eben
Auf die er sehr erpicht,
Die Arabell tut leben
Sie, die ihm viel verspricht.


Die Arabell reißt’s Fenster
Zum Garten fast heraus,
Als sähe sie Gespenster
So springt sie nackt hinaus.


Doch ach, die Mutter drinnen,
Die Schuld von dem Malheur,
Sie läßt sie nicht entrinnen
Und stürzt sich hinterher.

 
Ins Knie sinkt Arabella
Und bettelt um Pardon,
Ins Knie sinkt Frau Gisela
Ruft: »Gehn Sie nicht davon!


Ich kann ja gar nicht töten
Ich wäre doch ein Schuft,
Mein Mut der ging mir flöten,
Ich schoß nur in die Luft.


Ich sag es unumwunden:
Sie tanzten wunderbar,
Von allen Lebensstunden
Dies meine Beste war.


Nichts tun wir uns einander
Ich muß gestehen laut:
Sie sind wie ’n Salamander,
Anders bin ich gebaut.


Wohl! Ich gesteh es gerne
Daß ich auf Rache sann,
Doch jetzt liegt sie mir ferne,
Ihr Tanzen mich gewann.

 
Ach, nehmen Sie die Kleider
Und Ihre Stiefel schnell,
Kalt ist der Juli leider
Ich bitt’ Sie, Arabell.«


Die Arabell geladen
Bleibt noch bis morgen da.
Heinz zittern beide Waden —
Zu viel ihm heut geschah.


Nachts wie ’ne dritte Leiche
Liegt Jungheinz in dem Park
Anstöhnend eine Eiche —
Der Tag war ihm zu stark.


Wie Feuerwürmer irren
Irrt er von Baum zu Baum.
Er hört ’nen Rocksaum schwirren —
S’ist Arabell, sein Traum.


Auch sie will nach dem Schrecken
Im Dunkeln sich ergehn,
Im Herzen dunkle Flecken —
Zu viel ist heut geschehn.

 
Heinz wirft sich in die Kniee
Fleht mit erwürgtem Hals:
»O Arabell, nicht fliehe!
Dein bin ich jedenfalls.«


Die Arabell verwirret
Erkennt des Vaters Sohn.
Sieht, daß sie sich nicht irret,
Erkennt ihn gleich am Ton.


Sie braucht nicht lang vergleichen
Denn Liebe ist nicht fern.
Heinz blasser als die Leichen
Fragt: »Hast Du mich nicht gern?«


»O«, stöhnt die Arabella
Und wirft sich ins Geschirr,
»Ich tanz’ Dir auf der Stell da,
Doch mehr tu’ ich nicht hier.


Ich darf Dich ja nicht küssen,
Am Vater wär’s ein Mord,
Lieg nicht zu meinen Füßen!
Ich muß noch heute fort.«

 
Der Mond wirft sich hernieder
Die Rosen werden blau,
Und tanzend rührt die Glieder
Die Salamanderfrau.


Die schöne Arabella
Tanzt wild in der Allee.
Dem Heinz wird auf der Stell da,
Als ob er’s brennen seh!


Ihm tut der Garten kreisen,
Er zuckt bei jedem Satz,
Er fühlt sich wie auf Reisen
So wechselt stets den Platz


Sein Herz. Bald sitzt’s im Nacken
Bald in der Fingerspitz,
Bald tut’s am Rumpf ihn packen,
Und Arabell mit Hitz’


Und Arabell ohn’ Enden
Sie tanzt sich fast zum Mond,
Bald aufrecht bald auf Händen,
Weiß nicht mehr wo sie wohnt.

 
Bald wird aus Arabella
’ne Arabellenschaar,
Es drehen sich so schnell da
Tausend und mehr sogar.


Erst als der Tag schon anfing
War Arabella tot.
Der Heinz wußt’ nicht wie’s zuging,
War ganz bespritzt mit Kot.


Erwacht wie aus ’nem Schlummer
Steigt wie vom Karussel.
Sein Blick war niemals dummer —
Vor ihm lag Arabell


Verdreht wie eine Winde.
Auch pfiff mit viel Geschmatz
Gleich wie von einer Linde
Auf ihrer Nas’ ein Spatz.


So tanzte sich zu Tode
Die schöne Arabell.
Dies wurde nachher Mode,
Bei Liebe ganz speziell.

 
Der Heinz war lang noch blöde
Nach dieser Schreckensnacht.
Das hat ihn zur Einöde,
Wo Rosa war, gebracht.


Doch bald tat er genesen,
War blöd nicht von Natur.
Gleich darnach ist’s gewesen
Daß sie ihm Treue schwur.


Doch stets sprach Frau Gisela:
»Laß sie nur Treue halten!
Bei Dir Heinz ich stets hell sah,
Du bleibst nicht lang beim Alten.«


Nie glaubte doch die Gute
Rosa werd’ Heinzens Tod.
Jetzt ist’s ihr schlimm zu Mute
Da Ehe sie verbot.


Gar öfters muß sich rächen
Was schön man arrangiert.
Man fordre nie versprechen,
Weil Keiner weiß was wird.«

 
Endlos tönt’s Hundsgeheule —
Wer stirbt nur heute Nacht?
Insichgebückt wie Knäule
Ein Kreuz schnell Jede macht.


Keins gerne Abschied nähme.
Horch! Jemand klopft ans Haus.
Wenn Heinz jetzt wiederkäme!
Vielleicht steht er schon draus.


Die Ammen angstbetrunken
Stehn auf wie Schilf im Wind,
Denn draußen hat gewunken
Am Tor ein Findelkind.


Sein Zettel sagt: Ein Erbe
Des Heinz sitzt an der Tür.
Ach, daß er nicht verderbe!
Er könne nichts dafür.


Es tragen die acht Ammen
Das Kind zum Ofen gleich
Und rücken eng zusammen —
Ein neuer Heinzenstreich!

 
Denkt Jede. Doch geschwollen
Vom Wachen sind sie sehr,
So daß sie schlafen wollen,
Und morgen spricht man mehr,


Denkt Jede. Denn im Munde
Geht gern die Zunge um.
Und dann in frühster Stunde
Erfährt’s das Publikum!


Denkt Jede. Die Geschichten
Die dieser Heinz gemacht,
Sie lassen fort sich dichten —
Vorläufig weiß man acht.


So sitzen sie zusammen
Teilweis mit offnem Mund.
Es schnarchen die acht Ammen
Nichtsahnend und gesund.


Gefüllt mit Redestoffen
Geht mancher Mund nicht zu
Und darum bleibt er offen,
Doch Jedem schmeckt die Ruh.

 
Das Kind auf fremdem Schoße
Sieht Schatten an der Wand.
Es hält neun Todeslose
Des Findelkindes Hand.


Es tut am Ofen spielen
Denn das ist Kindermod’,
Die Ofenklappen fielen
Zu — und jetzt kommt der Tod.


Der Tod kommt aus dem Ofen
In der Gestalt von Gas,
Rettung war’ noch zu hoffen —
Doch Keiner tut ja was.


So sitzen die acht Ammen
Entstellt im Morgengrau.
Der Tod hält sie zusammen,
Früh sieht’s die Bäckersfrau.


Brigitt, Bonaventura
Und Fanny eilen bei
Martha und die Aurora
Babett und dann noch zwei,

 
Rosalie und die Mutter,
Sie ringen All’ die Händ’,
Die Ammen blaß wie Butter
Man kaum noch wiederkennt.


Das Kind auf fremdem Schoße
Lehnt auch tot an der Wand,
Wie eine Todesrose
Den Frauen unbekannt.


Jetzt wird auch keine Ammen
Mehr den Kaffee einschenken,
Bald drauf mit Heinz zusammen
Muß man neun’ Särg versenken.


Geschlossen war den Ammen
Jetzt ewiglich der Mund,
Nie mehr klatscht man zusammen
Nach dieser letzten Stund.


Sonst könnt ich mehr berichten,
Was sich um Heinzen webt.
Doch aus ist die Geschichten —
Seid froh, daß Ihr noch lebt.

 


Neun Pariser Moritaten


Die alte Hetäre Anastasia.

Achtzig Jahr sind ihre Beine,
Wackeln im Laternenscheine,
Nachts wo stinkend Kästen stehn,
Muß von Tür zu Tür sie gehn.


Lumpen sammelt sie auf Gassen
So viel ihre Säcke fassen,
Schleicht gebückt die ganze Nacht,
Weil der Hunger Beine macht.


Mit Aristokratenhänden
Tut sie jeden Lumpen wenden,
Taxiert ihn auf Goldgehalt,
Denn kein Lumpen wird zu alt.


Unter Asche, Staubpapieren
Kann sich Manches hinverirren
Was die Welt verachten tat
Und was trotzdem Taxe hat.

 
Anastasia, die Großmutter,
Mühsam sucht sie Lumpenfutter,
Freudvoll flucht der alte Mund
Ueber jeden Lumpenfund.


Nimmt sie Lumpen in die Hände,
Singen sie ihr ganze Bände,
Lumpen sehn sich düster an,
Dunkle Zeiten hängen dran.


Zeiten die sich nie vergessen
Sind auf Lumpen wie versessen,
Anastasia weiß das gut,
Mancher Lumpen klebt wie Blut.


Manchen wirft man fort mit Schimpfen,
Doch der Blick muß sich einimpfen,
Als wär dir der Lump verwandt,
Kommt er stets dir in die Hand.


Solcher Lump will dich nicht lassen
Findst ihn in den fernsten Gassen,
Findst ihn jeden zweiten Tag
Diesen Lumpen der dich mag.

 
Heut in dunkeln Morgenstunden
Hat sich wieder was gefunden,
Jemand sie beim Namen rief,
Daß ihr’s kalt im Rücken lief.


Unterm Mond blauangelaufen
Stand da Eine, konnt kaum schnaufen,
Eine Alte, kahl am Hirn,
Einen Schatten um die Stirn.


Fuchtelt mit dem Lumpenhaken,
Lacht mit ausgedorrten Backen,
Reißt Großmutter fast entzwei,
Kreischt laut, daß sie Fatma sei.


Anastasia tut die alten
Dohlenaugen grinsend falten:
»Verdammt, als ob’s gestern sei
Kennt man Fatma am Geschrei.«


Fünfzig Jahre sind’s und drüber,
Stehn sich wieder gegenüber:
»Wird nie ausgetanzt der Ball
Auf der Erde Bettelstall?

 
Sah sie oft schon nachts hier streichen,
Wollt gern ihrem Rock ausweichen.
Manche Lumpenzeit nie stirbt,
Gleich wie manch Lump nie verdirbt.«


»Fatma ist nicht auszurotten«,
Tat die Fatma kichernd spotten.
»Nur die Zeit die geht herum,
Und die Flasche bringt sie um.«


Fatma zieht aus tiefster Tasche
Eine abgenützte Flasche
Ladet Anastasia ein:
»Heute soll ein Festchen sein!


Laß die Lumpensäcke laufen!
Wollen alten Kümmel kaufen,
Lad dich in mein Kellerloch,
Käferinden hab ich noch.


Wollen uns mal bene tuen,
Ganz wie einst in Atlasschuhen
Wenn wir uns gut prall geschnürt
Blank geschminkt, laut aufgeführt.

 
Heute sind wir Klappersteine,
Einmal schwammen wir im Weine,
Und die Welt war Tag und Nacht
Damals nur für uns gemacht.


Oefters zahltest du die Zechen,
Dafür will heut ich mal blechen,
Manches schiebt sich lange auf,
Einmal aber kommt man drauf.«


Anastasia ohne Tücke
Fühlt der Freundschaft Scherbenstücke,
Mehr noch als der Kümmel lockt
Das was rings um Fatma hockt.


Jene drallen Jugendzeiten,
Wo sie um die Venus freiten,
Wo sie wie der Mond zur Nacht
Sich geputzt und fein gemacht.


Die Kulisse ist verschoben,
Ach der Mond der hängt noch oben,
Sieht sie mit dem Hintern an,
Weil er nur noch spotten kann.

 
Und die beiden Alten wandern
Eine an dem Arm der andern,
Kaufen Doppelkümmel rein,
Schließen sich bei Fatma ein.


In der Fatma Kellerkammer
Finstert’s wüst wie Altersjammer,
Für das Wiedersehensfest
Brennt man einen Unschlittrest.


Fahl schaun beide Klapperköpfe,
Sind wie vielgeflickte Töpfe.
Eine stiert die Andre an:
Daß man so sich ändern kann!


Sie die flottesten Hetären,
Heute zwei Schindangermähren!
Strotzend war ein Mal ihr Ruhm,
Nur noch Lumpen gehen um.


Einen Zeitungsknäul sie finden
Und drin alte Käserinden,
Beide kauen ohne Zahn,
Und der Kümmel gibt Elan.

 
Kümmel schmatzend tun sie schwätzen
Und der Schnaps und’s Unschlitt setzen
Hitzige Gesichter hin
Und ein Wetter will ausziehn.


Fatma kreischt: »War ich nicht immer
Ein geschultes Frauenzimmer?
Wog mich auf für schweres Gold, —
Durch die Finger ist’s gerollt.


Meine schönen Schulterbogen
Haben Opern überwogen,
Wenn ich in der Matinee
Halbnackt in der Log’ mich seh.


Keinen konnt die Oper rühren,
Nur mein Fleisch mußt Jeder spüren,
Und der Blick von jedem Gauch
Hing wie Zangen mir am Bauch.


Weißt du wenn’s mir eingefallen,
Konnt ich glühen wie Korallen.
Hatte es mir mal beliebt
Fragte Keiner was er gibt.

 
Mancher lebte so geschwinder,
Warf für mich fort Weib und Kinder;
Sah mich einer zärtlich an,
Ruinierte ich den Mann.«


Anastasia mit Vergnügen
Spricht: »Verdammt tust doch lügen!
Doch auch dich belog die Welt,
Weil sie heut nicht zu dir hält.«


Fatma’s Zung geht wie ’ne Spule,
In ihr schwillt die alte Buhle,
Prahlt vom Schlittennachmittag,
Wo der Schnee mal künstlich lag.


Einer hatte ihr zu Füßen
Tausend Fässer Salz streun müssen
Von dem Schloß am Waldesrand
Eine Meile in das Land . . . .


Anastasia unterdessen
Hat sich schweigend heißgesessen,
Etwas reißt sie wie die Gicht
Und wie Pfeffer brennt’s Gesicht.

 
Schmählich ist’s ihr eingefallen:
Dieser Eine unter allen
War es, dem sie sich verschwor —
Fatma doch kam ihr zuvor.


Fatma ist mit ihm verschwunden,
Schwieriger als Todesstunden
War ihr dieser Schicksalsschlag,
Heute noch wurmt sie der Tag.


Schnaps nach Schnaps muß sie schnell trinken
Weil die alten Wunden stinken,
Ueberall im Kellerloch
Schleicht jetzt dieser Eine noch.


Damals dorrten ihr die Brüste,
Keiner mit Verstand so küßte,
Keiner mehr so stark verstund
Einzubrennen seinen Mund.


Hitzig war er wie die Heiden,
Sie ließ ihn mit Wollust leiden,
Wollt ihm darum wiederstehn,
Um ihr Herz seufzen zu sehn.

 
Und im Grund mußt man sich schämen,
Tadellos war sein Benehmen,
Dralle Schweine waren wir
Und er immer Kavalier.


Fatma mit den Heuchelbrüsten
Konnt’ mir diesen Mann verwüsten!
Sah wie ich für ihn geschwärmt,
Hat ihn sich mit Kunst erwärmt.


Heut noch läg er mir zu Füßen —
Scheusal Fatma, sollst mir’s büßen!
Mache sie zu kaltem Aas,
Weil sie sich an mir vergaß.


Und die Alte muß ausspucken:
»Diese Fatma will ich ducken!
Dieses soll mein Festlein sein,
Heute ist die Rache mein.«


Anastasias Augen stechen,
Ihre Hände wollen rächen . . . .
Schnell fliegt’s Schnapsglas an die Wand,
Als ob sich ein Gift drin fand.

 
Und nach langen fünfzig Jahren
Tut ein Feuer in sie fahren,
Keiner wußte wies geschah —
Mundoffen schweigt Fatma da.


Aufrichtet sich stier die Alte,
Blut brennt ihr in jeder Falte,
Und zum Schlag holt aus der Blick —
Fatma fröstelt’s im Genick.


Aus dem Kiefer, aus dem hohlen
Fällt das kleine Wort »gestohlen«:
»Ja, gestohlen hast du ihn!«
Anastasia schleudert’s hin.


Ihre Fäuste ihre steifen
Nach dem Lumpenhaken greifen.
Ehe Fatma noch konnt schrein,
Schlug das Eisen wütend ein.


Dann hört man’s nur ein Mal klatschen,
Als tät eine Tür zupatschen —
Fatma fiel zur Diele tot,
Und die Bretter wurden rot.

 
Anastasia nicht zufrieden
Läßt ringsum die Rach’ aussieden.
Stühle, Alles was sie fand,
Links und rechts fliegt’s an die Wand.


Sprühendheiß sind ihre Glieder;
Bei der Leiche hockt sie nieder,
Und sie pufft sie dann und wann,
Zählt ihr auf, was sie getan:


»Glaubst du Liebe läßt sich narren?
Alle sollten Gold dir karren!
Stahlst mir frech das Allerbest!
Finster ist mein Lebensrest.


Tatst mir seine Lippen schmatzen
Schielend nur nach seinen Batzen!
Dieser Eine, er war mein —
Stecktest dir ihn auch noch ein!


Konnt’ dir kein Gewissen klopfen?
Gabst ihm geile Liebestropfen,
Hast an Liebe nie geglaubt
Nur wie Elstern Geld geraubt.

 
Denk ich heut noch meiner Qualen,
Kann’s dein Leben nicht bezahlen,
Dafür ist dein Tod zu klein,
Solltest tausend Mal tot sein.


Mein Herz ward zur Schinderkammer,
Widerlich lag drin mein Jammer;
Lange hebt man so was auf,
Einmal aber stößt man drauf.


Lebt ein Mensch auch unter Lumpen,
Keiner soll sein Ich verschlumpen,
Auch beim kleinsten Lebensstrund
Schmeckt die Rache stets gesund.«


Anastasia muß sich schneutzen,
Schatten an den Wänden kreuzen,
Paffend sieht das Unschlitt aus,
Als ging Mordlust aus dem Haus.


Eine Weil tut’s Licht noch fackeln,
Und die Kammer scheint zu wackeln;
Anastasia starrt hinein,
Nickt erschöpft beim Leichnam ein.

 
Weiß nicht mehr, nach wie viel Stunden
Hat sie endlich heim gefunden;
Reulos ging sie von dem Ort,
Ungerächt blieb dieser Mord.


Wär es auch herausgekommen,
Feig hätt’ sie sich nicht benommen;
Töter macht nicht das Schaffott,
Ist man schon im Grunde tot.


Leda auf den langen Stühlen

Leben ist so eingerichtet:
G’scheidt ist Jedermann im Stillen,
Doch wer noch so klug es sichtet,
Handelt dumm meist wider Willen.


Hast Du Dir auch vorgenommen,
Dunkle Kräfte nicht zu leiden,
Fühlst sie mit verstopften Ohren;
Denn Gefühl läßt sich nicht meiden.


Leda war bei der Gesandtin
Zu Besuch, mit Gönnermiene.
Sah sie Einen und erfand ihn
Lieb, genoß sie’s mit Routine.


Immer lag auf langen Stühlen
Sie in den Salons herum
Und ließ ihre Wimpern fühlen,
Wie ein Impfer sein Serum.

 
Lange Stühle wie Altäre
Trugen festlich Leda’s Glut,
Wenn der Stuhl mal kürzer wäre,
Machte es sich nicht so gut.


Leda’s indische Mußline
Hüllten gut gepflegte Reize,
Und verkappt lebten die Sinne,
Wie die Falken bei der Beize.


Hatte sie mal klar bekommen,
Wen sie wünschte sich als Sieger,
Hat sie Rücksicht nie genommen,
Machte Jünglinge zu Tiger.


Nun bei der Gesandtin sollte
Heut man eine Hochzeit geben,
Ihre Tochter trauen wollte
Einem Grafen man für’s Leben.


Sorglos kam man vom Altare,
Spät erhob man sich vom Mahle.
Leda dann wie Liebeswaare
Auf den längsten Stuhl im Saale

 
Sich hinlegt; tut mit den Wimpern
Durch die festerhitzte Menge
Nach dem Bräutigame klimpern —
Diesen zieht es aus der Enge,


Fühlt gleich seinen Absatz wanken,
Hört laut seine Lackschuh knarren,
Sieht, daß sie ganz in Gedanken
Mit ihm fortgegangen waren.


Leda hat mit schwüler Wange
Kaum ihr Auge aufgehoben,
Und die Hochzeitsnacht ward lange,
Wenn nicht ewig, dann verschoben.


Weil sich Ledas Augen dehnen,
Fühlt er seines Blutes Schwächen,
Sieht am langen Stuhl sich lehnen,
Möcht den langen Stuhl zerbrechen.


»Heute Nacht laß mich nicht warten,«
Läßt sich Leda’s Stimm vernehmen,
»Rechts der Pavillon im Garten«, —
Nochmals tat ihr Aug ihn lähmen.

 
Dann erhob sie sich vom langen
Stuhl, er durft sie nicht berühren,
Ist vom Bräutigam gegangen;
Der konnt kaum die Braut noch spüren.


Wackelnder als ging’s auf Eier,
Schlug sein Herz das Neugetraute,
Daß ihm vor der Hochzeitsfeier
Hinterm Hochzeitsfracke graute.


Abends nach dem Feuerwerke,
Als sich alles retirierte,
Fühlt der Bräutigam die Stärke,
Daß er Leda gern düpierte.


Schleunig schrieb er ein paar Zeilen,
Schlich dann völlig ungesehen
Hin, wo sich die Wege teilen
Und zum Pavillone gehen.


Will die Absag auf der Stelle
Durch die Ritz der Türe schieben,
Aber einmal vor der Schwelle,
Ist es nicht dabei geblieben.

 
Selbst durch’s Brett der weißen Türe
Sieht er brenzelig ein Funkeln,
Als ob’s aus der Hölle führe —
Leda’s Augen sind’s im Dunkeln.


Und sein Blut schlägt Narrenflammen,
Drückt die Hand auf die Türklinken;
Hinter ihm stürzt was zusammen, —
Ach, sein Brautstand tat versinken.


Schnell steht er im Handumdrehen
In dem Pavillon dem Großen,
Muß im Dunkeln weitergehen,
Einen langen Stuhl umstoßen.


Er greift zu mit beiden Händen,
Leda tut vor Wonne stöhnen —
Es war nicht mehr abzuwenden,
Er muß ihrer Liebe fröhnen.


Wenn er nur Gedanken hätte —
Aber Liebe kann nicht denken,
Denkt nicht an die Braut die nette,
Wider Willen muß er kränken.

 
Nie mehr hat er heimgefunden,
Floh mit Leda vor dem Morgen,
Widerwillig schlug er Wunden
Und macht’ andern Leuten Sorgen.


So kann’s Leben an Dir handeln
Ganz wider Dein Grundbenehmen,
Tut es so mit Dir anbandeln —
Sollte sich das Leben schämen.


Der Metzgerlehrling Paul

Schön und nicht nur obenhin
Schien dem Paul die Metzgerin,
War er auch der Lehrling nur,
Trug er doch schon Schnurrbartspur.


An der blut’gen Schlächterbank
Machten ihn zwei Augen krank,
Schlug er Kälber in’s Genick,
Leicht trug er den Todesblick.


Doch das Aug der Metzgerfrau
Machte ihm den Blick voll Tau,
Und der Schleifstein fiel ihm hin,
Dran er’s Messer sollt abziehn.


Eingeweid kroch um ihn her,
Kalb und Schwein verwechselt er,
Sieht die Metzgerin ihn an,
Unser Paul gleich sterben kann.

 
Und mal mittags war’s im Laden,
Seine Lehrlingskameraden
Neckten ihn, er war wie Teig,
Und vielleicht im Grunde feig.


Sie saß grade an der Kassen,
Und der Paul er mußt erblassen:
»Wollt Ihr einen Spaß schnell sehn?«
Rief er, tat das Messer drehn.


Stieß sich’s bis an’s Heft in’s Herze
Und fiel um bleich wie ’ne Kerze,
Denn er wußte schrecklich gut,
Nur der Tod beweist den Mut.


Was half’s, daß die Metzgerin
Tausend Schreie schreit um ihn!
Nichts mehr seine Leiche rührte,
Wenn er’s noch so gern auch spürte.

 


Die Dame und das Grammophon

Einmal in der Sommerfrische
Stand auf einem Gasthaustische
Schön poliert ein Grammophon,
Dieses hatte Menschenton.


Prächtig schrie sein Blechzilinder.
Solches lockt zuerst die Kinder,
Doch auch Damen ist Geschrei
Nicht so gänzlich Einerlei.


Manche stand mit langem Halse
An dem Trichter und der Walze,
Denn nicht Jeder sieht gleich, wie
Vor sich geht die Melodie.


Keiner glaubt von diesem Dinge,
Daß es Stimmen fertig bringe,
Niemand gar vermutet hätt’,
In dem Dinge ein Quartett.

 
Ist ’ne Nummer abgelaufen,
Darf man sich ’ne andere kaufen.
Und weil es die Walze kann,
Kommt auch ein Tenor daran.


Der Tenor brüllt aus dem Trichter
Und verzückt sind die Gesichter.
Manche Dam’ hätt’s gern heraus,
Wie sieht der Tenor wohl aus.


Und mein Gott, wer hätt’s erwartet!
Schicksale sind abgekartet,
Eine Dame — das kommt vor —
Wird besessen vom Tenor.


Ach, er singt so unverfroren
Sich in’s Herz ihr und die Ohren.
Aus der Walze die sich schiebt,
Singt ein Mann, den’s nicht mehr gibt.


Ihn, der einst hineingeschrieen,
Möcht die Dame an sich ziehen;
Und die Dam’, mit einem Wort,
Geht nicht mehr vom Trichter fort.

 
Ach, total tut sie erwarmen,
Möcht den Trichter fest umarmen,
Endlich kauft sie’s Grammophon,
Hätt sie nur was mehr davon!


Aber ich darf’s nicht verhehlen.
Sie tat nur die Nachbarn quälen,
Kaum kam der Tenor in’s Haus,
Stirbt ein jedes Stockwerk aus.


Und auch sie wär dran gestorben,
Wär’s Gehör nicht erst verdorben.
Jetzt ihr’s nicht mehr schaden kann,
Denn sie wurde taub daran.


Doch weil sie nicht blind, die Tauben,
Schraubt sie weiter an der Schrauben,
Schont auch gar nicht den Tenor,
Bis er seine Stimm verlor.


Wenn sich auch die Walzen drehen,
Kein Tenor tut mehr entstehen;
Denn das Grammophon, das hat
Endlich mal die Sache satt.

 
Nur die Dam ist noch vorhanden
Und nach Jahren noch, da fanden
Wir sie an dem Grammophon
Horchend und verzückt davon.


Keiner könnt’ es ihr beibringen,
Daß die Walzen nicht mehr singen.
Trotz sie taub auf jedem Ohr,
Hört sie heut’ noch den Tenor.


Die Gouvernante Esther

Ein kleines ganz winziges Zimmer
Sieht oben vom Dach auf die Welt,
Im Fenster liegt Abendgeflimmer,
Keins ahnt was das Zimmer enthält.


Im Zimmer da sitzt Fräulein Esther,
Gouvernante von unten im Haus,
Sie preßt ihre Zähne noch fester,
Denn traurig sieht’s rings um sie aus.


Zum Teufel man soll’s ja nicht sehen!
Die Leute sind so ideal.
Die Esther liegt nämlich in Wehen,
Die Wehen die werden fatal.


Die Esther die preßt ihre Hände,
Die Esther verzerrt ihr Gesicht,
O Gott wenn so Jemand sie fände!
Auf Sitte legt jeder Gewicht.

 
Besonders beim Stande der Lehrer —
Die Esther, sie preßt auf den Mund
Aus Marmor den Briefebeschwerer,
Der erst auf dem Schreibtische stund.


Gottvater, sie darf ja nicht schreien!
O Himmel, Du ahnst es wohl nicht,
Wie schwer heut die Menschen verzeihen —
Ach, Lieb ist nicht nur ein Gedicht.


Die Lieb ist entsetzlich zu tragen,
Und hauptsächlich, wenn was entsteht,
Und Niemandem darf man es sagen,
Wenn’s nicht standesamtlich hergeht.


Denn Alle es stündlich betonen:
Vermeide Geschichten mit Herrn!
Und hier gleich danebenan wohnen
Nähmädchen, die horchen so gern.


Kein Seufzer, kein Schrei darf hindringen,
Die Zungen, die schlügen mich tot —
Die Esther, sie fängt an zu singen,
Sie singt im Gesang sich blaurot.

 
Sie singt hohe Coloraturen
Und singt viele Volkslieder laut;
Erleidet gebärend Torturen,
Weil sie sich zu schreien nicht traut.


Daneben die Nähtermaschinen
Die poltern und stampfen, Gottlob,
Sie rasseln wild überm Verdienen,
Daß leis sich manch Seufzer dreinschob.


Und dann singt sie wieder hinreißend,
Sie denkt: ach, die Lieb war es wert,
Wenn man seine Schmerzen verbeißend
Im Singen die Kinder gebärt.


Denn Liebe kann mächtig erheben
Und klein ist dagegen das Leid.
Die Menschen, die nie was erleben,
Die urteilen auch nicht gescheidt.


Nur spät erst bei nächtigen Stunden,
Da haben voll törichter Scham
Die Nähmädchen Esther gefunden,
Als ihr schon das Sterben ankam.

 
Die Mädchen, sie hörten im Winde,
Der nachts um die Dachstuben strich,
Die Stimme wie von einem Kinde,
Die nicht von den Ohren mehr wich.


Erst glaubte man, ’s käm vom Kamine,
Doch horchte man bald an der Wand,
Die Jüngste, genannt Josephine
Am schnellsten die Sache verstand.


»Daneben hat’s Fräulein geboren,
Durch’s Schlüsselloch sah ich’s im Gang.«
Sie rief es rot bis in die Ohren,
Weil’s doch gar so aufregend klang.


Die Esther gestorben im Singen
Lag neben dem Sopha in Ruh;
Im Hause die Klatschmäuler gingen,
Und kein Mund im Haus ging mehr zu.


Die Hochzeithemden Frida und Heinerich

Bett an Bett zwei Betten standen,
Drauf sich zwei Pakete fanden.
Frische Wäsche war darin,
Zwei legten sie vorhin hin.


Diese Zwei sind dann gegangen
Und mit Blicken mit schmerzlangen
Schieden sie vom Zimmerort,
Denn man ging für immer fort.


Und in den Paketen drinnen
Lagen Hemden zwei aus Linnen,
Eines davon war ein Herr,
Doch das andere weiblicher.


Beide Hemden sich gut kannten
Und sich laut beim Namen nannten.
Das vom Herrn hieß Heinerich,
Frida rief das andere sich.

 
»Heinerich, was soll’s bedeuten?
Was geht vor mit unsern Leuten?
Etwas muß im Gange sein,
Man schließt uns hier seltsam ein.«


»Frida, mußt Dich nicht erschrecken,
Sonst kriegt Leinewand Stockflecken,
Sieht man’s Leben zu genau,
Wird leicht jeder Faden grau.«


»Heinerich, mir wird’s so eigen!«
»Frida, später wird sich’s zeigen.«
»Heinerich, mir wird so schwül!«
»Echte Leinwand, Weib, bleibt kühl.«


»Heinerich, ich fühl ohn Ende
Jene Finger jener Hände,
Jenes Blut, das mich sonst wärmt,
Schien mir heute so verhärmt.


Heute stehn wir vor dem Tode,
Gestern noch in der Commode —
Heinerich, wer hätt’s gedacht,
Leichen schmücken wir zur Nacht.«

 
»Frida, was treibt Dich zu Schlüssen,
Die sich erst beweisen müssen?
Unser Leben war nie schwer,
Lustig ging’s stets in uns her.


Denk nur an die Hochzeitshitzen,
Die in unseren Fäden sitzen!
Dampfend lag Dein Spitzenlatz
Oft an meinem Brusteinsatz.


»Frida, mach nicht mehr Grimassen!
Man muß Dich sonst bügeln lassen«.
»Heinz, etwas ins Zimmer tritt
Kalt wie einer Scheere Schnitt.


Eiskalt werden meine Spitzen,
Siehst Du es am Bett nicht sitzen?
Ach, ich sehe es genau,
S’ist der Tod mit seiner Frau.«


Beide Hemden unter Zittern
Bei dem Bett den Tod kalt wittern,
Und es krachte jede Naht,
Weil der Tod sie schütteln tat.

 
Horch! Ein Poltern auf den Treppen.
Männer jetzt zwei Leichen schleppen.
Frida kannte sie sogleich,
Und auch Heinerich wird bleich.


Denn der guten Hemden Leute,
Gar zu mies ging’s ihnen heute,
Elend sucht den Tod, weil’s muß —
Tot zog man sie aus dem Fluß.


In derselben Nacht im Zimmer
Lagen Zwei im Bett wie immer;
Eins im Tode, außen fremd,
Schmückte sie ihr Hochzeitshemd.


Johanna mit der Rumflasche

Die Seit hat viele Beine,
Zwei kannst Du an Dir sehn,
Zum Kommen ist das eine,
Das andere zum Gehn.


Ist Jemand fortgegangen,
So sieht man sich allein,
Hast Du an ihm gehangen,
Fallen Dir Tränen ein.


So weinte auch Johanna,
Beweinte ihren Franz,
Ihr Herz sonst süß wie Manna
Verbitterte sich ganz.


Am Sarg saß sie daneben
Mit Tüchern in der Hand,
Und Tränen wollt sie geben,
Bis ihr das Aug leer stand.

 
Dann hat sich ein Gedanke
Zu Hanna hingesetzt,
Er pufft sie in die Flanke,
Sie hat’s nicht unterschätzt.


Sie sammelt sich entschlossen
Und nickt voll Seelenruh
Ihm, der sie angestoßen,
Verständnisinnig zu.


Sie nimmt ein Kohlenbecken,
Füllt’s mit Holzkohlen an,
Den Tod soll das bezwecken,
Wenn man nicht anders kann.


Am Fensterbrett da lachen
Die Blumenstöck’ ihr zu,
Gelbe Kanari machen
Laut singend viel Getu.


Und daß der Tod vollkommen,
Trinkt sie ’nen Liter Rum,
Der Tod hat Platz genommen,
Und doppelt kam sie um.

 
Zu Franz kam dann Johannen
Im Himmelbette an.
Niemand durft’ sie verdammen,
Da sie’s aus Lieb getan.


Nur ist ihr Himmelsnäschen
Jetzt rot — Franz lächelt stumm —
Sie leert noch oft ein Gläschen
Gewöhnt ans Liter Rum.


Kasian

Schrecklich viel darauf beruht,
Wenn die rechte Hand nicht weiß,
Was die linke Hand Dir tut.
So erging es Kasian,
Stets gedenkt er siedend heiß,
Was zwei Hände ihm getan.


Zum Verzweifeln häßlich ist er,
Nur daß nichts er dafür kann,
Hebammen sind manchmal Biester,
Sie ist Schuld am Kasian.


Ueber sie er heut noch murrt,
Ihre Hand tat es ihm an,
Sie zog auf die Nachgeburt
Und warf fort den Kasian.


Aus Versehen es geschah,
Daß man’s nicht mal strafen kann,
Ach, so häßlich steht er da,
Schon von Weitem denkt man dran.

 
Nachgeburten sind kaum Wesen,
Fort warf man den rechten Mann,
Schöner war er sonst gewesen,
Scheußlich ist jetzt Kasian.


Immer wirkt er nur als Rest,
Glücklich er nie werden kann,
Heut am Nachgeburtstagsfest
Tötete sich Kasian.


Seele ganz und ohne Leib
Fühlt er sich jetzt würdig an,
Fand im Himmel gleich ein Weib,
Das ihn seelisch lieben kann.


Nur der Erde bleiben fern
Leute wie der Kasian,
Reste hat die Erd nicht gern,
Glück macht nur ein ganzer Mann.


Die Bettlerjungfrau Fifine

Heute früh im nebelnassen
Morgen rückten durch die Gassen
Heulende Fleischklumpen an,
Menschen man nicht sagen kann.


Eine wüste Bettlerheerde
Schwoll an wie der Schlamm der Erde,
Als ob reif mit einem Schrei
Ein Geschwür geborsten sei.


Und die eleganten Straßen
Schienen kaum den Kot zu fassen,
Der Geschäftsgang stockte still,
Jeder fragte was das will.


Tausend Mäuler voll Gegreine,
Menschenstummel ohne Beine
Schoben, karrten sich heran,
Wie ein Lumpenberg kam’s an.

 
Vor dem Polizeigebäude
Sammelte sich an die Meute,
Unheimlich und trauervoll,
Keiner wußte was das soll.


Drunter die Dämonenalten
Schienen stutzig Rat zu halten,
Fragten endlich scheu versteckt
Nach dem Polizeipräfekt.


Schwierig sie die Rede bauten,
Die sie erst wie Speichel kauten.
Nur das Eine wurde klar:
Irgend wo ’ne Jungfrau war.


Von der Jungfrau war die Sprache
Und von einer Mördersache.
Endlich schrie sich Jemand rot:
»Unsere Jungfrau, die ist tot!


Tot ist sie, tot ist Fifine!«
Tausend schrien’s mit einer Miene,
Ein Geheule wüst entstand,
Als käm’s Weltend in das Land.

 
Weiter tat sich’s klar dann machen:
Gestern konnt Fifin noch lachen,
Heute früh liegt Fifin tot
Grauerwürgt im Morgenrot.


Die Fifin, die eine, ihre
Bettlerköchin im Quartiere,
Sie die in der Garküch stand
Von dem Betteleiverband.


Unsterblich ist sie gewesen
Nicht nur durch gekochtes Essen,
Mehr noch durch die Jugendkraft
Und die holde Jungfraunschaft.


Fifin war am heutgen Tage
Unbedingte Lebensfrage,
Soviel ward allmählich klar,
Daß ihr Tod nicht richtig war.


Noch mußt man den Mörder missen.
Wer hat sie auf dem Gewissen?
Und es sprach sich scheu herum:
Ungerächt geht sie jetzt um.

 
Keiner konnt den Mörder raten,
Selbst nicht Polizeisoldaten,
Und man murrte schon darob,
Als sich Jemand vorwärtsschob.


Uebernächtig in den Haaren
Drängte Jemand durch die Schaaren,
Auch sein Inneres verstört
War, als ob’s ihm nicht gehört.


Seine Arme, die erschreckten,
Hängten sich um den Präfekten,
Schreiend klappt er in die Knie:
Unschuldig wär er wie nie.


Aufrichtig mit ganzer Miene
Schwur der Mörder von Fifine:
»Niemand hat den Mord gemacht,
Liebe hat sie umgebracht.


Alle sollten es nur wissen:
Niemand hat sie am Gewissen,
Tot lag sie mit stummem Mund
Schon in erster Morgenstund.

 
Nämlich Jeden ließ sie schwitzen,
Jeder wollte sie besitzen.
Alle diese Bettelleut
Hatten sich um sie gebläut.


Endlich mußte man sich einen:
Lieben sollt’ Fifine Keinen,
Jungfrau bleiben vorderhand
Für den Betteleiverband.


Doch ich kann’s nicht mehr verhehlen,
Heimlich tat sie sich vermählen,
Und ich bin der Jungfrau Mann,
Der sie nur beweinen kann.


Gestern traute uns ein Pater,
Abends war’n wir im Theater.
Wunderschön war es darin,
Wollten heute wieder hin.


Wohl ist Liebe nicht zum Lachen,
Fifin nahm zu ernst die Sachen.
Jeden Augenblick sie schwor:
So was Schön’s kam nie mehr vor.

 
Sonst tat sie nur immer kochen
Alle Tage alle Wochen,
Nicht weil sie nach Essen roch
Hielt sie jeder Bettler hoch.


Sie stand in der Bettlerküchen
Ueber allen den Gerüchen,
Schon ihr Anblick hat genährt,
Heilig wurde sie erklärt.


Reichlich gab sie zum Erbauen
Brüste, Wangen schön zu schauen.
Ich vertiefte mich mit Lust —
Keiner hat das End gewußt.


Hör sie noch in’s Ohr mir sagen,
Jede wäre zu beklagen,
Die nicht eine Nacht bekäm —
Auch wenn’s bös ein Ende nähm.


Während alle Pulse rasen,
Rief sie lachend in Extasen:
»Möglich ist’s daß ich am Tag
Jetzt nie wieder kochen mag.«

 
Liebe die vergoldet Lumpen,
Fifin rief’s bei Talglichtstumpen: ,
»Küßt Du mich, wird’s allemal
Hell wie im Theatersaal.«


Und kein Kuß ging ihr daneben,
Ihre Lieb mußt man erleben.
In und um sie ohne Maß
Ueberall ein Herz ihr saß.


Erst im frühsten Morgenschlummer
War’s, als preßte mich ein Kummer,
Als ob etwas drückt auf’s Dach,
Wurde ich beklommen wach.


Schrecken riß mich fast in Fetzen,
Eiskalt saß ich im Entsetzen.
Grau wie’s Licht vom frühen Tag
Fifins Leiche bei mir lag,


Mit dem Lächeln ohne Gleichen
Unwahrscheinlich wie nur Leichen. —
Schnell ich einen Ruck mir gab
Und sprang auf wie aus dem Grab.

 
Nicht’s wollt sich an Fifin rühren,
Furchtbar war ihr Tod zu spüren,
All mein Schrein blieb ohne Zweck —
Meine Füße rannten weg.


Und ich lief und kann’s nicht nennen,
Wie und wohin ich tat rennen,
Vorwärts lief ich ohne Ziel,
Hinter mir lag’s leichenstill.


Hab noch’s Aug voll Totenflecken,
Seh die Stadt voll Leichen stecken.
Und ich bitt Euch: nehmt mich auf,
Daß ich nicht ins Wasser lauf!«


Jenem Mann, der so gesprochen,
Hing die Kinnlad wie gebrochen.
Alle sahen es ihm an:
Lügen sind da keine dran.


Der Präfekt sprach: »Meine Herren,
Keiner darf sich hier beschweren.
Ist das Leben mal vorbei,
Nützt Euch keine Polizei.

 
Geht jetzt heim, Ihr guten Leute!
Fifin ward der Liebe Beute.
Die Natur ’s nicht Jedem giebt,
Daß er so wie Fifin liebt.«


Und gleich feuchten Brunnensteinen
Sah man Tausend lautlos weinen,
Jedes Herz ward Fifin’s Grab,
Jammernd senkt man sie hinab.


Heimwärts dann die Bettler krochen,
Weiterschleppend ihre Knochen,
Aber jeder Bettelblick
Trug verklärter sein Geschick.


Stolz gab Jeder Dir zu lesen:
Fifin ist dran Schuld gewesen,
Daß man dort wo’s elegant
S’ Herz gezeigt vom Bettlerstand.


Trotz des Stankes und des Schimmel
Hat der Aermste einen Himmel,
Lieb’ macht selbst ’ne Bettlerin
Zu des Tages Königin.