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Richard Dehmel – Aber die Liebe

Ein Ehemanns und Menschenbuch

Richard Dehmel, Aber die Liebe, Ein Ehemanns und Menschenbuch, Verlag von Dr. E. Albert & Co., Seperat-Conto, München, 1893.



Hieroglyphe

In allen Tiefen
mußt du dich prüfen,
zu Deinen Zielen
dich klarzufühlen;
aber die Liebe
ist das Trübe.

Jedweder Machen,
drin Sehnsucht singt,
ist auch der Rachen,
der sie verschlingt;
aber ob rings von Zähnen umgiert,
das Leben sitzt und jubilirt.




Meinem Freunde Detlev, dem Dichter Liliencron

Doch hör'ich noch der Tausende Entzücken
und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen
und sehe noch ihn seine Rosen brechen
und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.

Sie lagen jubelnd an den Silberbächen
und ließen sich mit seinen Blumen schmücken
und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken
und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.

Sie waren Alle jammernd hergekrochen
und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl,
er hatte Allen alle weggesprochen,

verschmachtet sank er hin am Bachesrande;
da starrten sie, da sahn sie seine Qual – –
So träumte mir von unserm Vaterlande.

»Auf meiner Schlachtfahne
Soll in leuchtender Schrift
Das edelste Wort glänzen:
Selbstzucht.«
Detlev Freiherr von Liliencron.




Wendekreislauf

Nach einer Abschiedsvisite beim alten Herrn Geheimrath.

Nehmen wir Geschehn für Leben,
haben wir's nicht recht verstanden;
Menschenleben ist das Leben
so nur, wie wir es empfanden –

ja, so schwärmt'ich seelentrunken.
Wie mir alles wohlbehagte,
was ich fühlte, was ich sagte,
in mein Spiegelbild versunken!

Doch jetzt heißt es: mit den Zielen,
mit den Wegen sich beraten.
Zwar den Jüngling ehrt sein Fühlen,
doch dem Manne ziemen Thaten.

Altgeschehnes, Neuerfahrnes,
dunkel drängt es sich zusammen,
und wir wissen nicht zu scheiden
dieses Lodern seltner Flammen;

denn darunter lebt ein Glühen
seltenster Begebenheiten,
und man fühlt ein still Bemühen,
als ob Zeiten sich bereiten.

Nah schon, will der Sonnenwagen
wieder einen Kreis vollenden.
Wird er durch den Steinbock jagen?
wird er sich zum Krebse wenden?

Schaudernd scheint er still zu stehen
zwischen gleichen Finsternissen,
und nun scheint er sich zu drehen,
aber Du – wirst mitgerissen.




Ein Ewiger

Dem Gaste Deutschlands.

Ich lag in einem dunklen Taxushain
und hatte Furcht ...
Im Schatten vor mir saß ein Mann,
der war wie eine große
nebelvolle Höhle,
in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
neue Welten träumte;
nur ab und zu
schob er seine schweren Wühlerhände
durch das Gitter,
und mit grauen,
grausam traurigen Augen
griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
Und über ihn, im Hintergrund der Höhle,
mit unendlich weichem,
kleinem stolzen Munde,
in einen grünen Sack gewickelt,
lag eine schöne geistesirre Frau gekauert,
die weinte über den traurigen Dachs ...
Da hob der Mann
die starre Gottesstirne zu mir her,
darüber ihm die Haare
seidenfein und blond
in langen wirren Wellen lagen,
als ob er eben aufgehört zu fliegen;
und seine scheuen Frauenlippen zuckten
Ich aber sah hinauf,
wo durch den dunklen Taxuswald
der kalte blaue Himmel straalte,
klar, weit, hoch,
und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
und eine Freude wie im Winter
verbrannte meine Furcht zu Funken,
die sprühten einen Namen in das Dunkel,
riesenhaft:
STRINDBERG ...




»Grüße!!!«

Postkarte von und an Arno Holz.

Drei Ausrufungzeichen und »Lieber Freund«
hat er das blos so hingemeint?
Er ist doch sonst nicht von der Sorte,
die Jedem gleich alle zehn Finger reichen;
und ich weiß, er wägt seine schriftlichen Worte
und verschleudert keine Ausrufungzeichen.
Hm; nimmt er mich also für seines Gleichen?
Er weiß doch: in Dem, was ist und scheint,
sind unsre Gehirne sich ziemlich feind!
Also wahrhaft gemeint? – Ja, lieber Freund? –
Dann, hier, beide Hände – zehn Ausrufungzeichen!




Bastard

Nun weißt du, Herz, was immer so
in deinen Wünschen bangt und glüht,
wie nach dem ersten Sonnenschimmer
die graue Nacht verlangt und glüht,
und was in deinen Lüsten
nach Seele dürstet wie nach Blut,
und was dich jagt von Herz zu Herz
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.

In früher Morgenstunde
hielt heut mein Alb mich schwer umstrickt:
aus meinem Herzen wuchs ein Baum,
o wie er drückt! er schwankt und nickt;
sein seltsam Laubwerk thut sich auf,
und aus den düstern Zweigen rauscht
mit großen heißen Augen
ein junges Vampyrweib – und lauscht.

Da kam genaht und ist schon da
Apoll im Sonnenwagen;
es flammt sein Blick den Baum hinan,
die Vampyrbraut genießt den Bann
mit dürstendem Behagen.
Es sehnt sein Arm sich wild empor,
vier Augen leuchten trunken;
das Nachtweib und der Sonnenfürst,
sie liegen hingesunken.

Es preßt mein Herz die schwere Last
der üppigen Sekunden,
es stampft auf mir der Rosse Hast –
er hat sich ihr entwunden.
Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,
hohl fleht ihr Auge: bleibe!
Er stößt sie sich vom Leibe,
von Ekel zuckt des Fußes Wucht,
hin ras't des Wagens goldne Flucht.

Es windet sich im Krampfe
und stöhnt das graue Mutterweib,
mit ihren Vampyrfingern gräbt
sie sich den Lichtsohn aus dem Leib,
er ächzt – ein Schrei – Erbarmen: ich,
mich hält der dunkle Arm umkrallt,
da bin ich wach –-doch hör'ich,
wie noch ihr Fluch und Segen hallt:

Drum sollst du dulden dies dein Herz,
das so von Wünschen bangt und glüht,
wie nach dem ersten Sonnenschimmer
die graue Nacht verlangt und glüht,
und sollst in deinen Lüsten
nach Seele dürsten wie nach Blut,
und sollst dich mühn von Herz zu Herz
aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!




Das Ideal

Doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt;
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,
auf allen kam die Liebe mir entgegen,
doch hab ich meine Sehnsucht stets gebüßt ...

Es stand ein Baum in einem Zaubergarten,
von tausend Blüten duftete sein Bild,
doch eine leuchtete vor allen mild;
es stand ein Baum in einem Zaubergarten.

Und aus den tausend pflückte ich die eine,
sie war noch schöner mir in meinen Händen;
ich aber kniete, Dank dem Baum zu spenden,
von dem aus tausend ich gepflückt die eine.

Ich hob die Augen zu dem Zauberbaume,
und wieder schien vor allen Eine licht,
und meine welkte schon – ich dankte nicht;
ich hob die Augen zu dem Zauberbaume ...

Doch hab ich meine Sehnsucht nie verlernt;
ich ging nach Liebe aus auf allen Wegen,
auf jedem glänzte mir ein andrer Segen,
drum hab ich meine Sehnsucht nie verlernt.




Einsamkeiten

Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;
hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,
hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
Kein Laut; kein Hauch; der bleiche Abend hält
im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
So thut es wohl dem unbewegten Sinn.

Mein Herz nur hör'ich noch; doch kein Verlangen
nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz
ruhn hinter mir versunken – gleich zwei Stürmen,
die sich umarmen und im Wirbel sterben;
was störst du mich, mein allzu lautes Herz!

Sie haben Alle nie wie du gefühlt,
wie Du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;
sie sind auch einsam. Sieh, dort drüben
müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,
ein Bahnlicht – sieh: so glimmst auch du im Trüben.
Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!

Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,
der grau zu Dunkel schwillt; Gesichter, weicht!
sie folgen mir; o hätt'ich Flügel.
Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher
und sehen zu – der Hügel raucht:
wie feucht von Schweiß sich starr und breit
der Dunstalb an die Brust der Erde saugt.
Gesichter, weicht! weicht! Seht mich keuchen!
Sie folgen mir. Oh Qual der Einsamkeit.

Am Bahndamm niederzittr'ich in den Sand,
die glühende Stirne auf die nasse Schiene:
o käme jetzt das Eisenrad gerannt!
Kalt frißt sich mir der blanke Strom ins Mark,
die Hände pressen wild den harten Reifen –
ich kann nicht mehr! Da –- horch: sei stark:

Gellend am Horizont ein hohles Pfeifen,
zwei Augen quellen stechend aus der matten
Dunstferne, und – was will der Schatten,
was dunkelt dort der Erlenbusch?

Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,
er ist schon nah, ich will's begreifen,
es nimmt Gestalt an, – Wahnsinn? Da:
den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,
mein wühlender Blick wird still und weit:
Jubel – stumm schüttelt mich ein Schrei:
Jubel, ein Mensch! – Oh Herz – o Einsamkeit –
und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.




Die drei Schwestern

Eine Geschichte mit Zuhörern.

»Ja – also – die Geschichte, die ich heut erzählen will«, fing der kleine Amtmann bedächtig an, »müßte sich eigentlich so ein richtiger Geschichtenschreiber vornehmen, wenn's was Orndtliches werden sollte; und habe sie sowieso nur stückweise selber mitangesehen, das Meiste von Andern gehört, und da werd'ich wol den Karren nur mühsam vorwärts schieben können. Aber Das sag'ich Ihnen –«
»Na, Sie haben gewiß wieder ein besondres Schrot im Lauf«, knurrte der Förster. »Drücken Sie man los!«
Der Buchhändler des Städtchens aber stieß seinen Freund in die Seite, machte ein schlaues Gesicht und sagte überlegen: »Willst wol Spannung erregen, Furchenrath? Kunstkniffe, Kunstkniffe! Kennt man, zieht nicht! Und wenn du noch soviel dazudichtest.«
»Diesmal ist das Dichten überflüssig«, verteidigte sich der Amtmann. »Trotzdem die Geschichte einfach genug ist«, fügte er nach einer Weile ernst hinzu. »Also –«
»Ein'n Augenblick! Erst mal einschenken!« Der Wirt des Gasthauses raffte sich aus seinem Armstuhl auf und füllte die Gläser von Frischem. Dann schloß er die Thür des kleinen Hinterzimmers und schob sich wieder an den Stammtisch. Der Amtmann hatte sich in das alte, hohe Sopha zurückgelehnt; da saß er in sich versunken, wie eine Grille im Sandloch. Es war ganz still in der Stube; man hörte die Flamme am Dochte der verräucherten Hängelampe nagen. Die dreie merkten, daß in dem hagern Männchen heftige Erinnerungen brannten, und seine Stimmung teilte sich ihnen mit.
»Also« – er richtete sich halb auf und strich über sein spärliches Haar – »ja! sehr einfach.« Seine fadenscheinige Stimme zerriß fast. »Das Mädchen« – er fuhr sich nochmals über den Schädel, dann rückte er sich ganz zurecht. »Ja! Als ich sie das erste Mal zu sehen krigte, war mir, als hätt ich sie schon lange gekannt. Und später wurde mir auch klar, woher das kam; denn ihr Thun und Gang und Wesen war, wie man es in den alten Märchen liest.
Ich selbst war dazumal noch so ein rechter grüner Grashüpfer, etwa zwei Jahre älter als sie, eben erst mündig geworden, und sollte grade anfangen, das Gut meines Vaters zu bewirtschaften, nachdem ich mich genugsam draußen umgethan und mein Militärjahr abgedient hatte. Inzwischen war sie von dem Alten eingestellt worden.
Es wußte niemand so recht, von wannen sie stammte; unsre Leute aber sagten immer, sie sei vom ›leewen Godd‹ gekommen.
Und das war so gekommen. Eines Tages hatte sie bei uns angeklopft und einen Dienst begehrt; und mein Vater, der sonst schwerlich etwas doppelt sagte, besonders zu uns Kindern, hat mir zweimal ausführlich erzählt, wie sie ihn so rührend und zugleich doch so gewißlich angesehen, daß er's ihr nicht abschlagen konnte, trotzdem er fast schon überflüssig viel Hände in Lohn zu haben meinte. Am andern Tage hatte dann aus einem katholischen Nachbardorf der Pfarrer ihre Habseligkeiten geschickt; und ab und zu erkundigte er sich, ob sie brav und anstellig wäre. Und so wurde denn zuerst gar Manches unter den Leuten geredet, wenn auch nie, wie sonst gewöhnlich, spitz und hämisch, sondern immer fein behutsam und ins Fromme deutsam, bis man sie zuletzt das Herrgottskäferchen nannte; denn zufällig hieß sie auch Marie. Der Alte aber ließ sich über keinen von ihren Umständen aus; und man fragte ihn nicht leicht, wenn er nicht von selber sprach.
Und bald spürte er auch, daß es Menschen gibt, die niemals überflüssig sind. Und weil sie sich so wacker in Haus und Stall und Scheune umthat und Alles unter ihren Händen in gleichsam sonntaglicher Sauberkeit gedieh, so machte er sie schon nach einem Jahre zur Obermagd, und es war ihr auch diesmal keine von den andern Dirnen gram darum gewesen. Sie waren ihr alle zu Willen, noch eh sie zu befehlen brauchte; so sehr wirkte auf diese einfachen Seelen die sanfte Gelassenheit ihrer Mienen und die stille Bestimmtheit ihres Treibens. Wie sie überhaupt nicht reich an Worten schien. Und doch war nichts Verstecktes in ihr und Nichts, was etwa Andern die Worte benahm. In ihren Augen konnte man ihre Gedanken spielen sehen wie die Fische in einem klaren Teiche; und wem sie so mit ihrer aufmerksamen Freundlichkeit zu Munde hörte, der wurde noch Einmal so wortfroh wie sonst und meinte, wenn er von ihr ging, von ihren Lippen vieles Gute erlauscht zu haben. Wenn's aber an sie trat, daß sie etwas sagen mußte, durfte man's getrost auf die Goldwage legen, und was sie that, kam aus beiden Armen und stand auf beiden Beinen.«
Der Buchhändler hatte schon zweimal gehustet und stark mit den Augen gezwinkert. Jetzt mochte ihm das Loben aber doch zu bunt geworden sein, und er platzte heraus: »Na, du warst wol schön verschossen!« Und der Förster schmunzelte, daß sich ihm die Bartspitzen um die Mundwinkel sträubten. Der Wirt indessen liebkoste gemächlich seine Ohren, gleich Einem, dem schon sehr viel Menschliches das Trommelfell erschüttert hat.
Da merkte der Amtmann, daß er mehr verraten hatte, als er wollte. Aber als ein Mann, der seine Rechnung mit sich fertig hat und mit Ruhe vom Leben sprechen kann, erwiderte er gemessen: »Ja, meine Verehrten, ich habe nach Dieser Keine mehr leiden mögen.«
Nun wurden auch die Andern wieder ernst, und der Buchhändler schaute fast ehrfürchtig auf die grauen Haare seines Freundes, der aus Liebe einsam geblieben war, der so verschlossenen Gemütes schien und doch so gern erzählte, und dem zum ersten Male jetzt der Schlüssel seines Innern aus den Fingern glitt.
»Ja, also« – begann er aufs Neue – »ja: ich hatte damals schon manche Schürzenschleife aufgebunden. Denn die Worte sprangen mir seit jeher von den Lippen wie reife Erbsen aus der Hülse, und das haben die Dinger ja gern. Nur dieser vermochte ich nichts Schönes zu sagen, so sehr mir der Sinn danach stand. Das ging aber Allen so; denn sie hatte eine Schwäche.«
»Siehst du, Büchermade«, wandte er sich an den Freund, »jetzt kommen auch ihre Fehler an die Reihe – oder besser: ihr Fehl. Ja: Eins fehlte ihr, um ganz fürs Leben geschickt zu sein: die rechte Unbefangenheit. Man durfte ihr nicht von ihr selber sprechen; dann wurde sie fast ängstlich, wie eine Schnecke, der man an die Fühler gegriffen hat. Und war dies doch einmal geschehen, so konnte man die Furcht davor noch lange auf ihrem Gesichte lesen, sobald man wieder in ihre Nähe trat. Daher sich jeder bei uns hütete, ihr stilles Wirken zu stören.
So lagen Entschlossenheit und Schüchternheit, Besonnenheit und Zagheit in ihrer Seele neben einander, wie Fäden, die nicht recht zu einem festen Band verflochten waren. Mich aber rührte das vielleicht besonders – und den Vater wol auch, weil meine tote Mutter von ähnlicher Art gewesen war, obschon gesprächiger und weniger zart von Wuchs.
Ja! – Aber Einer lebte doch auf unserm Hof herum, vor dem sie nicht beiseite wich, was immer für Reden er an sie brachte; der Heinrich Wendel. Das kam nun freilich sehr allmählich erst in Fluß; denn dem krochen für gewöhnlich die Worte aus dem Munde wie die Regenwürmer aus der Erde, und daher hieß man ihn mitunter wol den stummen Heinz oder auch – in unsrer Mundart da oben – den Träumling. Er mochte ein gut Jahr älter sein als ich, und wir kannten uns von jung auf. Wir hatten in der Hauptstadt zusammen auf der hohen Schule gesessen, wie sie bei uns das Gymnasium nennen. Allerdings blos in den unteren Klassen, da er in der Tertia hängen blieb und dann abging, um daheim die Raupen unter seinem Flachskopf möglichst unbehelligt weiternisten zu lassen.
Er war nämlich nicht eigentlich dumm, aber hatte immer etwas mehr im Kopf als das, worauf's gerade ankam. Und wenn man eine Frage an ihn that, dann dämmerte in seinen Augen immer so ein wunderndes Lächeln auf, als ob ein Kind aus Träumen erwacht. Weil er aber ein hübscher Bengel war, hatten ihn die Lehrer gern und schoben ihn anfangs mit fort, zumal er von Zeit zu Zeit eine gute Arbeit lieferte. Die Jungens freilich hänselten ihn wegen seines verlorenen Wesens, und so wurde er so nach und nach noch wortkarger und stillsinniger, als er von Natur schon war; außer daß hin und wieder zu Aller Staunen eine jähe Ausgelassenheit in seltsam kindischen Sprüngen und Tänzen aus ihm herausbrach.
Solch Gebaren überkam ihn noch am Tage seiner Einsegnung – fünfzehn Jahre war er damals -, weil er sich wieder auf seinem Besitztum einhecken durfte; das lag etwa zwei Meilen von dem unsrigen entfernt. Dort lebte er in Gemeinschaft mit seinen drei Schwestern, die sämtlich älter waren als er und ihn sehr verhätschelten. Die Mutter, eine schlichte, nachdenkliche Frau, war schon vor Jahren gestorben – wie man sagte: aus Gram über ihren Mann.
Der war nämlich Einer von den neumodischen Großbauern, denen der gemächliche Erwerbssinn von ehedem im Gewoge unsrer hastigen Zeit so langsam ersäuft, bis sie ihren Reichtum nicht mehr hinterm Pfluge aus dem Acker, sondern auf der Eisenbahn aus den Bankhäusern der großen Stadt holen wollen. Er hatte in amerikanischen Bergwerkspapieren spekulirt und ausnahmsweise Glück gehabt. Zugleich aber hatte die Genußsucht, die hinter dem leichten Gewinn her in die Städte schlich, sein hitziges Blut angesteckt, und man erfuhr, daß er von seinen Reisen meist erst über die Weinstuben und schlimmere Orte hinweg heimkehrte. Und das gab ihm auch den Rest. Denn als er einsmals, in der Dorfschenke, ein Schwindler gescholten wurde, hat ihn in der Wut des Rausches ein unmenschlicher Zorn überwältigt, also daß ein Schlagfall ihn niederwarf, an dem er Tags darauf verstarb.«
Jetzt müßigte sich auch der Wirt zu der Erzählung seines Gastes eine Regung des Beifalls ab und machte »Hm, ja!« Auch schien er daran eine Erläuterung knüpfen zu wollen, denn sein Mund rundete sich sacht, als ob er ein Wort auf der Zunge wälzte.
Der Amtmann aber ließ sich nicht stören und fuhr fort: »Bei alledem war er doch altväterisch oder einsichtig genug gewesen – oder zur rechten Zeit unter die Erde gefahren, um das Gewonnene nicht in weiteren Wagnissen zu verzetteln. Vielmehr hatte er's zumeist in Grund und Boden festgelegt und einen stattlichen Besitz von Land und Wiesen um sein Gehöft gesammelt. Und das Anwesen, das er seinen Kindern hinterließ, war der schönste Bauernhof in der Umgegend und konnte sich mit manchem altvererbten Rittergute messen.
Da also machten sich's die vier Geschwister nach dem Tode des Alten bequem. So lange der nämlich lebte, hatte er sie nicht viel um sich gelitten; teils wol, um ungestörter seinen wüsten Sinnen nachzuhängen, vielleicht auch weil er sich im Grunde seines ungezähmten, aber väterlichen Herzens vor den heranwachsenden Töchtern schämte. Vornehmlich aber sollten sie – wie er selbst sich ausdrückte – mit der Welt mitgehen lernen, wovon ja ein Jeder seine eigene Auffassung hat. Und wenn er sich auch selber nicht wenig drauf zugute that, daß er mit der Mistforke angefangen hatte, und nicht selten mit seiner Unwissenheit und seinen harten Händen prahlte, so sollten seine Kinder doch mal wissen, was vornehme Art wäre; und er träumte gar vielleicht von adeligen Schwiegersöhnen.
Die Fräuleins aber mochten wol der Meinung sein, daß die Wissenschaft und das Weltverständnis, worauf der Alte sie verwies, zur Genüge in seinem Gelde steckten. Denn wie sie aus ihrer Erziehungsanstalt heimkehrten, war nicht viel mehr an ihnen hängen geblieben, als der äußerliche Modekram, allsodaß die guten alteingesessenen Familien, an welche sie sich drängten, ihnen die Lust zu weiteren Besuchen durch einige verbrämte Deutlichkeiten bald benahmen. Und da sie selbst sich für den Umgang mit Ihresgleichen zu fein dünkten, so geschah es, daß sie schließlich ganz auf ihre eigene Vornehmheit angewiesen waren.
Das that indessen ihrem Hochmut keinen Abbruch; vielmehr beschwerten sie sich selbstgenüglich über den Hochmut oder die Gewöhnlichkeit der Andern und fanden eine Weile reichliche Erbauung an derlei Gesprächen. Wie sie überhaupt so unter sich in merkwürdiger Einigkeit lebten; gleich Ratten, die genug zu fressen haben. Und sie unterschieden sich im Ganzen eigentlich nur dadurch, daß sie nicht desselben Alters waren; sonst eben ließ sich nicht viel mehr von ihnen sagen, als daß sie das Glück hatten zu leben – und Andere das Unglück.«
Der Erzähler besann sich, daß er nicht zuviel vorweg verraten dürfte. »Doch«, lenkte er ein, »da es nun einmal den Menschen eigentümlich ist, sich bethätigen und nach ihrer Weise nützlich machen zu wollen, so wurden sie allgemach des Haderns müde, zumal Keiner da war, der ihnen widersprach, und verfielen endlich auf den Plan, sich der Erziehung ihres Bruders anzunehmen. Denn Der hatte allerdings Behagen blos am Müßiggang; und Sommers lag er lang im Busch oder an den Feldrainen herum und sah den Vögeln und Käfern zu, und Winters hockte er in den Spinnstuben und horchte den Gespenstermärchen und Schauergeschichten der Dirnen und alten Weiber. Außer daß er öfters mit vieler Emsigkeit in abenteuerlichen Büchern schmökerte und den Leuten, was er gelesen, noch abenteuerlicher wiedererzählte.«
Hier riß der Buchhändler die Augenbrauen in die Höhe und wollte etwas einwenden. Doch blieb ihm der Widerspruch in den Stirnfalten hängen, da der Amtmann unverdrossen weitersprach, als läse er aus einem seiner Protokolle vor.
»Bedauerlicher Weise, muß ich sagen, wurde er auch nicht unter die Soldaten genommen, indem man bei der Musterung seine Brust zu schwach befand; sonst hätten sie ihn da wol noch ein Bischen zurechtgebogen. Als – von der pfiffigen Betriebsamkeit des Alten schien nur auf die Schwestern je ein Stückchen gekommen zu sein. Und ob auch diese nichts dawiderhatten, daß der Heinz dermaßen seine Zeit verthat – weil er sich's ja leisten konnte, so däuchte ihnen doch, als vergebe er sich etwas durch die Beschaffenheit seiner Neigungen, und sie hätten ihn wol lieber auf den schlimmen Wegen seines Vaters lustwandeln sehen. Daher sie sich die Aufgabe machten, ihm das Bewußtsein seiner künftigen Großgrundbesitzerwürde zu Gemüte zu führen.
Das war nun freilich eine langwierige Arbeit; indes gebrach es ihnen ja gleichfalls nicht an Zeit, und auch an Geduld nicht. Denn sie hatten ihn, wie gesagt, sehr lieb auf ihre Weise, und all ihr Gefühl erschöpfte sich in der Besorgnis um den Bruder, oder richtiger: in den Absichten, die sie mit ihm hatten. Weswegen sie auch umso eifriger waren, ihn nach ihrer Einsicht zu vervollkommnen. Zudem war der Heinz Keiner, der rechten Anlaß bot zu Unmut oder Tadel; eher war er meist von einer unwillkürlichen Nachgiebigkeit und that oder ließ im Augenblick gern, was man von ihm begehrte, fast wie ein Schlafwandler. Nur daß sie immer wieder das Nämliche an ihm aussetzen mußten.
Und so erreichten sie durch ihren Einfluß bloß, daß sein verworrener Geist je länger je mehr in eine gewisse eigensinnige Schlaffheit versank. Denn um in ihrem Sinne den Herren auszuspielen, dafür war er von jeher zu gleichgiltig gegen das Treiben der andern Menschen gewesen; und von der besonderen Bildung seiner Schwestern hatte er doch wol nicht genug genossen, als daß sie ihn auf diesem Wege zu ihrer Weisheit hätten bekehren können.«
Bei dem Worte Bildung war der Buchhändler aufs neue unruhig geworden und schüttelte höchst mißvergnügt den Kopf, als der Amtmann seiner abermals nicht achtete.
»Um jedoch«, sagte dieser rasch, »einen wirklichen Herren seines Gutes vorzustellen, dazu mangelte es ihm am Nötigsten: an Lust und Erfahrung. Und das spürte er auch selbst und scheute sich, seinen Leuten in Wirtschaftssachen dreinzureden.
Einmal soll ihn sogar seine gewohnte Fahrigkeit verlassen haben und soll er ganz wild geworden sein und die älteste Schwester mit einem Messer bedroht haben, als ihn diese gar zu heftig drängte, einen seiner Knechte zu bestrafen; der hatte sie nämlich ausgelacht und ihr erklärt, er ließe sich nur vom Verwalter befehlen. Der Heinz aber, erzählte man im Dorfe, habe sich nach diesem Vorfall mehrere Stunden lang eingeschlossen und immerfort laut mit sich selber gesprochen; und als er herauskam, sei er vor die Schwestern hingetreten und habe ihnen Vieles über Menschenwürde gesagt, vermischt mit Versen von Schiller, die er auf der Schule gelernt hatte.
Seit dem Tage empfanden sie eine Furcht vor dem Bruder, den sie bis dahin immer noch den Kleinen genannt hatten – trotzdem er lang genug war, und glaubten, er sei ein Mann geworden. Daher sie sich von da an scheuten, ihm lehrhafte Vorhaltungen zu machen, sondern alle Pläne, die sie für ihn trugen, so von hinten herum betrieben.«
Hier hielt der Amtmann unwillkürlich inne; denn sonderbar röchelnde Töne begleiteten auf einmal seine Worte, und Alle sahen zu dem Wirte hin, der mit gefalteten Händen aus tiefstem Leibe her dem Gott des Schlafs ein Loblied schnarchte. Offenbar aber störte das plötzliche Schweigen seine Andacht. Er richtete sich gähnend auf, und: »Frisches Gläschen gefällig?«
Und während der Förster sich beeilte, das unberührte Glas zu leeren, nahm der Buchhändler die Gelegenheit wahr, auch einmal zu Worte zu kommen: »Du bist heut wirklich sehr ausführlich«, krähte er den Freund an, mit widerspenstigen Geberden durch das Zimmer stelzierend. »Überhaupt – woher weißt du denn das alles? Und überhaupt – vorhin, was du da von Bildung geredet hast –«
Doch Der fuhr unsanft dazwischen: »Überhaupt – wem's nicht ansteht, wie ich erzähle, der braucht ja nicht zuzuhören; überhaupt – kann ich ja wol aufhören.« Und geärgert verkroch er sich in seine Sopha-ecke.
Der Wirt aber, der eben mit dem gefüllten Glase des Försters zurückkam, meinte, das bezöge sich auf ihn, und indem er seine fetten Schenkel streichelte und verlegen stehen blieb, sagte er behäbig: »Naa, nicht stören lassen, Amtmann! Hört sich alles – blos Gewohnheit – grade wenn man so eins nickt. Muß man kennen. Gewöhnt sich Alles.«
Und nach dieser Anstrengung sank er pustend wieder in den Lehnstuhl.
Nun ging auch der Buchhändler ans Begütigen, und der Hang des Amtmanns zum Erzählen that das übrige, sodaß er wieder aus der Ecke schlüpfte. Und nachdem er kurz vom Bier genippt, schickte er sich an, die Geschichte in seiner umständlichen Weise weiterzuhaspeln. Wozu der Förster befriedigt nickte. »Also von hinten herum«, wiederholte er brummend den Erzähler.
»Also von hinten herum, – ja!« bestätigte der Amtmann. »Und auf diese Art brachten sie den Heinz dann auch bei meinem Vater an. Denn allmählich mochte ihnen doch wol ein Licht darüber aufgegangen sein, daß zu einem Gutsherrn noch ein wenig mehr gehöre, als Vornehmthuerei und Befehlerei und kostspielige Vergnügungslust. Und die wachsende Dickleibigkeit ihres Verwalters und die seidenen Staatskleider der Frau Verwalterin mochten ihnen diese Einsicht noch um einiges erleichtert haben, wenn auch ihr Besitztum stark genug war, etliche fette Bäuche und seidene Klunker nebenher zu tragen.
Und so waren sie denn eines Tages bei uns vorgefahren und hatten meinem Vater, der als ein tüchtiger Landwirt weitum bekannt war, mit vielen Schmeicheleien und Höflichkeiten ihre Lage auseinandergesetzt. Und schließlich baten sie ihn fast mit Thränen, sich ihrer Bedrängnis anzunehmen und den Heinz zu vermögen, daß er sich auf unserm Gute in der Ökonomie vervollkommne – wie sie sich ausdrückten.
Wenn nun gleich mein Vater von ihrem Wesen und dem, was man sonst über sie sprach, nicht sonderlich erbaut war, so that ihm doch das schöne Besitztum leid; und da er außerdem von mir gehört hatte, daß der Heinz ein williger Bursche wäre, wenn man ihn nur recht zu nehmen wüßte, so sagte er zu und beauftragte mich, ihn zu holen.
Dazu war ich denn auch gern bereit, zumal ich dem Heinz von jeher ein gewisses Vertrauen abzugewinnen verstand. Und hatte er einmal seine beredten Anwandlungen, so vermochte ich besser in ihn zu dringen, als insgemein die Andern; auf der Schulbank schon und später noch, wenn ich ihn mitunter in den Ferien besuchte. Und ich bildete mir dazumal nicht wenig ein auf die vermeintliche Kunst, die Menschen nach meinem Willen zu lenken; während es nichts weiter war, als daß ich ihrem Willen in mir Raum gab.
Und so geschah's auch diesmal. Denn der Heinz war froh, sich an was Neuem versuchen zu dürfen, sodaß ich ihm nur mäßig zuzureden brauchte. Ich aber freute mich sehr, daß mir's – so geglückt war. Und so – – kam er zu uns.«
Der Amtmann verschluckte einen Seufzer. »Ja! so geht's!« sagte er brütend, und die Andern nickten.
»Ja, also!« er raffte sich auf, »also – nun war er bei uns. Und er ließ sich ja auch ganz gut an. Wenigstens that er, was man ihm auftrug, ob's schon nicht recht haften wollte. Und wenn er so mit seinem langen blonden Haar und seiner schwarzen Pudelmütze, die er fast nie abthat, durch Hof und Felder schlenderte, glich er eher einem verkleideten Predigtamtskandidaten, der in den Wolken nach Engeln suchte, als dem Sohn eines Bauern.
Dabei aber brachte er's doch fertig, daß ihn Alle wohl leiden mochten; und besonders die Dirnen schickten ihm manchen verstohlenen Blick nach, um so lieber, als er nicht darauf zu achten schien. Das heißt – ich meine nicht – ich will ihm nicht etwa was vorwerfen – nein: er that wirklich nichts dazu, und in seiner Schweigsamkeit steckte nichts von Berechnung oder Hochmut.
Und vielleicht war sein zwecklos Wesen grade der Grund, weswegen – ja – na ja! weswegen die Marie so nahe mit ihm that wie sonst mit Keinem; ja. Aber merkwürdig war es doch, wie die Beiden für gewöhnlich so um einander herumgingen, als wären sie Jedes allein auf der Welt, und dann plötzlich mal zusammentraten und ins Reden gerieten, als hätten sie die ewige Seligkeit entdeckt.
Ja – merkwürdig«, wiederholte er gedehnt, wie wenn er noch immer drüber grübelte, warum ihm selbst das nicht gelungen war.
»Na! sie paßten ihrer Natur nach doch ganz gut zusammen«, bemerkte der Buchhändler wichtig und wackelte ungeduldig mit den Knieen; denn er brannte augenscheinlich schon darauf, daß sein Freund mit der Liebesgeschichte herausrücken würde. Der indessen hatte wol andere Absichten.
»So? meinst du?« fragte er trocken. »Nun ja, sie waren sich ähnlich. Aber Er war ein Mann! Und mich verdroß der ewige lässige Gleichmut seines weichen schönen Gesichtes.
Ja, ein schön Gesicht hatte er,« räumte der Erzähler halb geringschätzig sich selber ein. »Das heißt, richtiger müßte man wol schönlich sagen: so wenig Kraft lag darin. Und so'nes rechten, ehrlichen Zornes war er garnicht mächtig; der artete gleich zur Wut in ihm aus, sodaß Alle sich entsetzten, als die auch bei uns ihn einsmals überkam. Da war ihm nämlich oben von seiner Mütze das Pelzfleckchen heimlich abgeschnitten worden; und er glaubte, man hätte ihm einen Schimpf anthun wollen.
Ich wußt'es freilich besser.« Der Amtmann lachte gewaltsam; es klang fast wie ein Ächzen.
»O ja! Scharfe Augen sind eine verwünscht nützliche Gottesgabe,« sagte er bitter. »Ja, also - am selbigen Morgen hatte ich von ohngefär gesehen, wie die Marie da hinterm Scheunthor das Ding aus der Tasche langte und es so mit einem Blick und einem Lächeln ansah – so – gewissermaßen so wie eine Rosenknospe, die eben aufbrechen will. Und da ich sie genugsam kannte und wohl oder übel einsehen mußte, daß auf diesem Feld kein Weizen für mich wuchs, so biß ich die Zähne zusammen – und hängte meine Hoffnungen an den Nagel – und nahm mir am Abend den Heinz vor – und sagte ihm, was ich gesehen hatte, und was er nun dem Mädchen und seinem eigenen Gewissen schuldig wäre, wenn anders – er nicht vorziehen wollte, sich sofort wieder nach Hause zu scheren.«
Des Amtmanns verschleierte Stimme klang noch eintöniger als gewöhnlich, während er diesen mühsamen Satz fügte, und seine Finger zitterten leise, als er jetzt den Schweiß aus seinen Augenhöhlen wischte. Der Förster schaute steif ins Glas. Der Buchhändler freilich musterte enttäuscht die Decke des Zimmers, obschon er gleichfalls schwieg. Der Wirt aber, der noch immer glauben mochte, daß er etwas gut zu machen hätte, wollte dem Erzähler einen Trost vergönnen, und indem er seine fleischigen Hände auf die Tischplatte legte, daß es klatschte, stöhnte er beifällig: »Sehn Sie, Amtmann – Gut! sehr gut! Hausrecht gebrauchen!«
Da mußte denn auch der Amtmann mitlachen, und der Wirt blickte geschmeichelt seiner trefflichen Bemerkung nach.
Und nachdem sie Alle laut zu einem herzhaften Schlucke angestoßen und nach der Befeuchtung durch mehreres Räuspern sich wieder in Sammlung versetzt hatten, fuhr Jener kräftigeren Tones mit gleicher Ruhe fort.
»Also,« hub er an, »so wurden sie ein Paar. Denn der Heinz hatte diesmal gar keine Verwunderung gezeigt bei meinen Eröffnungen. Vielmehr nickte er nur, als hätte er das längst erwartet, und gab mir die Hand, und meinte: Natürlich! – Das war Alles, obgleich er wenige Stunden zuvor getobt hatte, daß ihm der Schaum auf den Lippen stand. Und die Marie – ja – wollt ich sagen, unsre Leute – ja – auch die schienen nichts Verwunderliches drin zu sehen, ob es doch ganz außer Ordnung war, daß ein reicher Erbe eine hergelaufene arme Magd freite.
Nur mein Vater schüttelte zuerst den Kopf. Aber da ihr Vormund, der Pfarrer, eilends seinen brieflichen Segen schickte, ließ auch er der Sache ihren Lauf, zumal die Beiden sich kaum anders geberdeten, als vor ihrer Brautschaft. Die Marie verrichtete ihre Arbeit still für sich hin wie ehedem, und der Heinz hantirte träumerisch auf Hof und Feld herum wie früher; obschon es mir zuweilen däuchte, daß er über einem Entschlusse brütete. Sonst aber schien es, als ob es immer so bleiben sollte.
Denn wenn sie sich auch dann und wann recht zutraulich bei der Hand faßten und manche lange Unterredung führten in irgend einem verborgenen Winkel, so meinte man doch eher zwei Einsegnungskinder zu sehen, die sich über Abendmahl und Beichte und andere Geheimnisse vernehmen, als zwei Liebesleute, die zusammen ihre Zukunft berieten. Allsodaß mir's weniger sauer wurde, dies Alles so sänftlich mitanzuschauen, als ich anfangs gedacht hatte.
Zudem« – der Amtmann stockte einen Augenblick, dann hob er den Kopf und eine herbe Strenge lag in seiner Stimme – »zudem suchte ich einen eitlen Trost in der jungenhaften Überhebung, daß mir's abermals gelungen wäre, dem Schicksal unter die Arme zu greifen. Denn es stand mir außer jedem Zweifel, daß die Marie den Heinz zu einem brauchbaren Kerl zurechtrücken würde. Und indem ich mich des Glaubens vermaß, das Glück zweier Menschen bewirkt zu haben, verbarg ich mir die Ohnmacht meines eigenen Begehrens, und meine Selbstgefälligkeit galt mir für Selbstlosigkeit.
Es kamen aber nach etlichen Wochen doch häufiger und häufiger die Augenblicke, in denen mir bei aller Verblendung nicht recht geheuerlich zu Mute war. Denn es ist das Herz Beides, ein trotzig und verzagtes Ding, wie die Schrift sagt, – und ich überlegte schon, durch welche unverdächtige Lüge ich meinen Alten dazu bringen könnte, daß er mich noch Einmal in die Fremde gehen ließe.
Da war es mir nun eine große Erleichterung, als ich eines Tages – ganz durch Zufall – mitanhörte, wie der Heinz ihr zu verstehen gab, daß er nicht mehr länger bei uns bleiben wolle, und dann in sie drang, ihren Dienst zu kündigen und mit ihm auf sein Gut zu ziehen. Und zwar mußte ihm das wol ganz plötzlich in den Sinn gefahren sein, wenigstens schien er es zum ersten Male zu verlautbaren; denn die Marie zeigte sich über die Maßen erstaunt und machte einige verwunderte Einwendungen.
Und ich selber staunte fast noch mehr, welche Kunst der Überredung dieser zerfahrene Held hier auf einmal von sich gab und mit was für lieblichen Worten er es auszudrücken wußte, wie gut ihm seine Schwestern wären und wie sie sich an seinem Glücke freuen würden. Und als er dann noch ihre Überraschung ausmalte, wenn er unvermutet so als Bräutigam vor ihnen stehen würde, und das so greifbar schilderte, als hätt er's schon erlebt, und der Marie dabei so recht ingründig in die Augen kuckte, da hörte sie blos noch unverwandt zu, und lächelte wie bezaubert, und nickte nur glückselig von Zeit zu Zeit und wunderte sich garnicht, daß er seinen nächsten Lieben noch kein Sterbenswort von Alledem gemeldet hatte.
Ja, und am andern Morgen thaten sie auch wirklich meinem Vater ihre Entschlüsse kund. Das heißt« – verbesserte sich der Erzähler zögernd – »eigentlich that Ich es. Der Heinz nämlich hatte mich vorher bei Seite genommen und mir anvertraut, was ich schon wußte, und mich gebeten, als ihr Wortführer mitzugehen, weil sie Beide, wie er meinte, nicht geschickt genug in solchen Sachen wären. Und wenn ich auch im Stillen glaubte, mir allmählich einen klareren Begriff von seinen verdrehten Eigenschaften gebildet zu haben, und nahe daranwar, ihn für einen ganz durchtriebenen Schelmen zu halten, so wollt ich doch die Eigenheit des Mädchens schonen; denn ich kannte ja ihre Unbeholfenheit in allen Vorfällen, wo sie für sich selber einzutreten hatte.
Und da mich außerdem –« seine Stimme langte wieder ins Scharfe – »ja! da mich meine kleinmütige Anmaßung stachelte, vor den Andern und mir selber meine Rolle weiterzuspielen, so kam es, daß ich mich abermals zum Sachwalter eines fremden, ungewissen Schicksals aufwarf, oder vielmehr brauchen ließ; diesmal freilich mit der unbehaglichen Einsicht, daß Nachgiebigkeit noch nicht Güte ist.
Trotzdem muß ich die Angelegenheit eindringlich genug vorgetragen haben; und mein Vater, der ohnehin wol der Marie nichts in den Weg legen mochte, vielleicht auch froh war, seiner halben Verantwortlichkeit für das sonderbare Brautpaar enthoben zu sein, ging bereitwilliger auf ihren Wunsch ein, als ich vermutet hatte, und stellte ihr sogar anheim, das Gut vor Ablauf ihrer Dienstzeit zu verlassen.
Das schien der Heinz nun wiederum als selbstverständlich erwartet zu haben. Wie ich nämlich merkte, hatte er seine Siebensachen schon zusammengepackt, und auch die Marie machte ihren Koffer noch am selben Vormittag reisefertig.
Darüber waren wir denn doch ein wenig außer Fassung, zumal es ein Sonnabend war und wir mitten in der Ernte standen und jede fleißige Hand doppelt gut gebrauchen konnten. Aber die Marie schien plötzlich nur noch Sinn für ihr neues Vorhaben zu spüren; und es war, als ob ihr ganzes Schaffen unter einem Bann geschähe. Doch da mein Vater sich gewöhnt hatte, sie in allen Stücken gewähren zu lassen, auch wol an seinem Wort nicht drehen wollte, so schwieg er zu ihrer Eilfertigkeit. Im Stillen allerdings wunderte er sich ebenso wie ich über ihre Zurüstungen; denn unsre Geschirre waren sämtlich im Felde beschäftigt, sodaß es uns unklar blieb, wie die Beiden ihre Habe wegbringen wollten.
Zwischen dem Mittagessen aber eröffnete uns der Heinz, daß sie bei dem schönen Wetter die anderthalb Meilen zu Fuß machen würden und daß er gedächte, ihre Sachen am nächsten Tage mit eignem Fuhrwerk abzuholen. Das mochte er sich wol für seinen Überraschungsplan ausgesonnen haben, da er sonst in Allem ziemlich bequem war.
Nachmittags that dann die Marie noch wacker bei der Arbeit mit, sodaß mein Vater seinen schwachen Verdruß herunterschluckte und auf meine Bitte ihr zu Ehren etwas früher Feierabend läuten ließ. Dann legte sie ihr Sonntagskleid und ihren Brautschmuck an und nahm von den Leuten, die im Hofe versammelt standen, und von meinem Vater Abschied; ich nämlich hatte ihnen schon vorher Lebewohl gesagt. Ja, und der Heinz – mit seinem langen Haar – ging immer hinter ihr her – und nickte jedes Mal, wie sie der Reihe nach an Alle herantrat und Jedem die Hand drückte. Sie sprachen aber Beide kein Wort, und es war so feierlich, daß ein paar von den Dirnen laut aufheulten. Ja, und dann – ja – gingen sie davon – Hand in Hand – wie Kinder –«
Der Amtmann starrte ins Leere, abwesend im Vergangenen unten. »Ja, ein seltsamer Anblick. Der Heinz hatte sich eine lange Haselstaude als Wanderstab zurechtgeschnitzt. Und wie ich so von meinem Giebelfenster aus die Beiden so durch's Hofthor schreiten sah – ihn mit seinem Stecken, sie ein kleines buntes Bündelchen am Arm, da fiel mir auf einmal die Volksweise ein – von dem Schäfer und der verwunschenen Königstochter, und – es schnürte mir das Herz zusammen, als ich – an den Ausgang des alten Liedes denken mußte. Ja, – so schritten sie davon - in den brennenden Abendhimmel hinein – schattenhaft schwarz wie ein Wandelbild, – bis der Wald sie verschlang.«
Der Amtmann schüttelte sich auf aus seiner Entrücktheit; eine dicke Schweißperle war ihm die Backenfurchen heruntergerollt. Er musterte hastig die Mienen der Andern, und sein Blick ging unsicher, als besänne sich sein Inneres mit Unwillen auf ihre Gegenwart. Die aber scheuten sich, ihn anzusehen; ein bedrückendes Mitgefühl bog sich zwischen ihnen durch den Raum, eine unbestimmte Erwartung – und auch der Wirt suchte eine Gemütsbewegung zu bemeistern, indem er langsam die Daumen um einander zu drehen begann.
»Ja, also!« ermannte sich der Sprecher und trocknete flüchtig sein Gesicht, »ja – am nächsten Tage also – wollte er ihre Habseligkeiten abholen. Er kam aber nicht. Und am dritten Tage desgleichen nicht. Und wenn ich mir das auch sehr gut mit seiner eigenen Nachlässigkeit zu reimen vermochte, so kannte ich doch die Sorgsamkeit der Marie und fing an, allerlei trübe Gedanken zu spinnen; bis er endlich am zweiten Sonntag nach ihrem Abzug bei uns vorfuhr. Und was ich da in seinem Gesichte las, machte mich noch argwähnischer: so unstät und verdrossen waren alle seine Geberden, und seine Augen lagen wie erschöpft in ihren Höhlen.
Da ließ es mir denn keine Ruhe, zumal er mir fast ängstlich auszuweichen suchte; und als er losfahren wollte, sprang ich zu ihm auf den Bock und sagte, ich würde ihn ein Stück begleiten. Das konnte er nun nicht wohl abschlagen. Aber ich merkte, daß er die Lippen zusammenkniff, wie er immer that, wenn er hartnäckig schweigen wollte. Und so saßen wir eine gute Strecke neben einander, ohne ein Wort zu finden, und ich verzweifelte schon daran, etwas aus ihm herauszubringen. Denn auch mir wurde allmählich ganz beklommen ums Herz, und dabei war die Luft so schwül an dem Tage, daß man sich kaum regen mochte; blos daß wir ab und zu uns scheu von der Seite her ansahen.
Auf einmal brach er in ein krampfhaftes Schluchzen und Weinen aus, und ich – na – ich war ein junger Bengel – und – wie gesagt, die Luft war so schwül an dem Tage – und – na ja – da weinten wir Beide um die Wette, – und dann – hat er mir Alles offenbart.
Donnerwetter!« unterbrach sich der Amtmann und lachte verlegen, während ihm die Augen flimmerten. Von den Andern rührte sich Keiner.
»Schwerenot, es war doch eigentlich selbstverständlich,« schimpfte er weiter. »Nämlich: die Überraschung und die Schwestern – das stimmte nicht zusammen. Und auch die Marie – kurz, es war Alles anders geworden, als der Heinz es Sich und Ihr und Mir vorgespiegelt hatte. Und wie er mir dann nach und nach den ganzen Hergang erzählte, da konnt ich nicht begreifen, daß ich mich von seinen Hirngespinnsten überhaupt hatte bestricken lassen.
Die Beiden waren also an jenem Sonnabend garnicht zu Hause angekommen. Unterwegs nämlich waren sie auf den Einfall geraten, für die Schwestern einen Strauß wilde Blumen zu pflücken; und dabei hatten sie sich immer tiefer in den Wald verloren und konnten zuletzt die Straße nicht wiederfinden. Und da sie sich im Dunkeln nicht noch mehr verirren wollten, hatten sie sich schließlich im Moos ein Lager zurecht gemacht und derart bis in den Morgen hinein fest geschlafen. Und der Heinz freute sich wie ein Kind in der Erinnerung an dies närrische Begebnis.
Dann, erzählte er, hätten sie ihre Wanderung fortgesetzt und auch bald auf die Straße zurückgefunden. Und so seien sie fröhlich bis vor das Dorf gekommen. Da habe er noch einen kleinen Umweg gemacht und seine Braut durch die Felder geführt und ihr sein ganzes Besitztum gezeigt. Die Marie aber sei immer stiller geworden, als ob all der Reichtum sie bedrückte; und endlich habe sie ganz verschüchtert seine Hand gefaßt, und so seien sie in das Haus getreten, grad als seine Schwestern zur Kirche aufbrechen wollten. Und ich kann mir wol vorstellen, wie das arme Ding in seinem schlichten Bauernrock, mit dem verwelkten Feldblumenstrauß in der Hand und dem Bündelchen am Arm, vor den geputzten hoffährtigen Damen gestanden haben mag.
Ja, und dem Heinz stiegen die Thränen von Neuem ins Auge, wie er das Übrige so ruckweis aus sich herausholte; und in seiner Stimme bebte etwas wie ein keimender Haß.
Ich mußte aber nach Allem vermuten, daß die Schwestern schon längst Kunde hatten von der Überraschung, die ihnen zugedacht war. Denn als die Marie in ihrer Unschuld auf sie zutrat, um ihnen den Strauß zu überreichen, blickten sie gebieterisch an ihr herunter und wandten sich kurz ab und überschütteten ihren Bruder mit Liebkosungen. Und noch eh der ihnen ein Wort der Erklärung gesagt, und da sie wol den roten Zorn über sein Gesicht fliegen sahen, stürmten sie auf die Marie mit ihrem Geschwätze ein, und sprachen sie als gnädiges Fräulein an, und redeten von einem großen Glück und einer hohen Ehre, aber alles so, daß nur sie selber wußten, auf wen sich das bezog und ob sie es im Ernste meinten oder im Spott. Und dazu fuchtelten sie mit ihren Sonnenschirmen und Gesangbüchern um sich her, als wollten sie sich eine Berührung vom Leibe halten. Und plötzlich machten sie eine tiefe Verbeugung vor dem ganz und gar verwirrten Geschöpf und hauchten eine Entschuldigung, daß sie sich im Dienst des Herrn nicht stören lassen dürften, und umarmten und küßten abermals den Heinz, und dann rauschten sie erhobenen Hauptes hinweg.
Und so trieben sie's dann weiter, ohne daß der Heinz ihnen beikommen konnte. Denn die Befürchtung, die ihn so lange auf seinem Gut zurückgehalten hatte, das Gebaren der Schwestern werde in offene Feindseligkeit umschlagen, erfüllte sich nicht. Vielmehr überboten sie sich gegenseitig an auserlesenen Liebenswürdigkeiten im Verkehr mit dem Mädchen; und der Heinz konnte sich's garnicht erklären, warum sich ihre Worte in seiner Erinnerung so scheel und gehässig ausnahmen, während sie beim Anhören eitel Freundschaft zu atmen schienen.
Und ich selbst bin heut noch überzeugt davon, daß sie nichts Böses zu thun vermeinten, und glaube darum wohl, daß sie sich gar freimütig vor ihrem Bruder bewegt haben mögen, ob sie gleich sicherlich all die Hochtrabende Herablassung, mit der sie das Mädchen quälten, genau beredet und berechnet hatten. Ja, sie waren allerwege nur darauf bedacht, ihm zu seinem Glücke zu verhelfen, und meinten ihn gewiß durch eine fromme List vor einem großen Unglück und schmählicher Unehre zu bewahren.
Auch will ich mir, nach soviel Jahren, gar nicht mehr verhehlen, daß diese verbildeten Frauenzimmer in ihrer Dünkelhaftigkeit unmöglich ein Empfinden für den Kern und Wert dieses einfachen Menschenkindes haben konnten; und so urteilten sie wol wie jener Krämer, der den Wein nach Ellen messen wollte. Und indem sie immerfort betonten, die Marie die sei doch keine Magd, die am Gesindetisch essen müßte, bildeten sie sich vielleicht noch ein, ihr eine unverdiente Gnade zu erweisen, während sie zugleich mit hämischem Behagen das schlauste Mittel trafen, ihren schlimmen Willen durchzusetzen.
Denn die Marie, in ihrer unklaren Herzenseinfalt und demütigen Befangenheit mußte sie natürlich wol zu Anfang in solchem Aufwand geschraubter Redensarten eine höhere Stufe der Gesittung vermuten; und bei ihrer eifrigen Geduldsamkeit meinte sie vielleicht durch eine rastlose Dienstbeflissenheit ihren Unwert ausgleichen und das Wohlgefallen ihrer vornehmen Verwandtinnen erwerben zu können. Und darum war sie schon am zweiten Tage emsig wie immer an die Arbeit gegangen und hatte geschafft und gefördert und nach dem Rechten gesehen - was wol sehr not that in dieser verwahrlosten Wirtschaft; und auch dort hatten die Leute sich willig ihren Winken gefügt, ob auch der Verwalter bei den Schwestern Klage darüber zu führen suchte.
Durch solches Wirken aber machte sie den Riß nur immer breiter; denn nun begannen die Schwestern ihre dienstbarliche Tüchtigkeit, wo immer, zu beloben und über die Maßen hervorzukehren. Und indem sie zugleich, besonders vor dem Bruder, mit halben Anspielungen bedauerten, daß sie leider sonst so wenig sich zu schicken wüßte, schoben sie das Mädchen scheinbar unabsichtlich immer leichter in die Stellung einer Magd herab.
Die Marie aber wurde immer schweigsamer unter dem Eindruck dieser Wirrsäligkeiten. Und als der Heinz sie eines Besseren bedeuten wollte, wehrte sie ihn sacht mit ihrer sanften Entschiedenheit von sich. Denn ihr gesundes Gefühl mochte sie gar bald belehrt haben, daß all das Gespreize der Schwestern einer unversöhnlichen Widersacherei entsprang, und daß sie selbst mit Allem, was sie that, nur Wasser auf ihre Mühle schüttete. Und dem Heinz dies zu klagen und dadurch Zwietracht zwischen den Geschwistern zu stiften, das widerstand wol ihrer graden Seele und kam ihr gar vielleicht nicht einmal in den Sinn.
Und so gingen denn die Beiden bald zerstört und sprachlos um einander herum, ähnlich wie es ehemals bei uns gewesen war, wenn sie sich nicht ganz allein und unbeobachtet wußten. Und die Marie vergrub sich immer tiefer in sich selbst und ihre Hilflosigkeit, und ging fast wie zum Troste immer eifriger der Arbeit nach, je mehr die Schwestern sie mit ihren selbstgefälligen Gewissenlosigkeiten peinigten und sich mit ihrer seichten Wohlerzogenheit und ihrem Bildungswortkram vor ihr brüsteten.« Der Amtmann wurde immer spitzer im Gesicht, und sein Zeigefinger spießte seine Worte gleichsam auf.
»Der Heinz aber –« wollte er fortfahren; doch plötzlich schnellte der Buchhändler auf ihn los, als ob es ihm auf seinem Stuhl zu heiß geworden wäre. »Höre mal, erlaube mal, nimm mir's nicht übel!« überstürzte er sich und würgte die Worte heraus wie etwas Bitteres, das ihm schon lange auf der Zunge brannte: »aber wirklich, es scheint, du willst hier gegen die Bildung sprechen! Und die Schwestern – na ja: da bist du doch auch blos Partei und hast dir das alles zusammenclaviert!« Und dabei sah er den Erzähler mit würdevoller Entrüstung, doch gleichsam abbittend an.
Durch des Amtmanns verwitterte Züge flüchtete ein schwaches Lachen, halb spöttisch, halb grimmig. Dann sagte er trocken: »Die Bildung geht ihren eigenen Gang. Ich erzähle ja blos. Und die Bildung, die Du wol meinst, wird darunter nicht leiden! – Uebrigens könntest du endlich deinen Schnabel halten,« setzte er freundlicher hinzu, den zweiten Vorwurf nicht beachtend; worauf sein kritischer Zuhörer sich achselzuckend beruhigte.
»Also was ich sagen wollte – ja! der Heinz aber wähnte, und das ließ er sich nicht ausreden, daß seine Schwestern es mit der Marie ebenso ehrlich vorhatten, wie mit ihm, und daß sie blos den rechten Ton zu ihr verfehlten. Und darum hatte er, Tags bevor er zu uns fuhr, einen Versuch gemacht, ihnen eine Vorstellung von den Eigenschaften seiner Braut zu geben.
Aber Die hätte wol ein Engel vom Himmel nicht belehren können, so durchdrungen waren diese drei Gebildeten von dem Bewußtsein ihrer Weisheit und Unfehlbarkeit; und wenn sie einmal einem Andern im Gespräch das Wort vergönnten, so geschah es höchstens, um sich auszuruhen und alsdann mit frischer Lunge ihr altes Geträtsche noch breiter zu trätschen – wie Hunde, die in Einem fort ihr eigenes Echo anbellen.
Und so hatten sie denn auch dem Heinz nur immer mit denselben Lobpreisungen und Bedauerungen über die Marie erwidert; bis er endlich wütend aufgesprungen war und ihnen drohend befahl, das Mädchen überhaupt nicht mehr mit Redensarten zu behelligen.
Das flößte mir nun gleich schon damals eine unklare Besorgnis ein; und ich machte ihm auch, so sauer mir's ankam, einige Einwendungen gegen seine Schwestern. Er achtete aber nicht darauf, und schließlich gab er mir ganz kurz zur Antwort, und mit einem merkwürdig mißtrauischen Blick, er wüßte, wie gut sie's mit ihm meinten. Und als ich eine Andeutung fallen ließ, ob es nicht besser wäre, wenn die Marie bis zur Hochzeit wieder her auf unser Gut zöge, wies er das noch einsilbiger zurück; und dabei flog durch seine Augen so ein böser, funkelnder Schein, daß mir däuchte, er habe mehr aus mir herausgefühlt, als ich selbst mir dazumal gestehen mochte. Allsodaß ich mich nicht recht getraute, weiter in ihn zu dringen, und es erleichtert hinnahm, als er mir aufeinmal einen schnellen, wortkargen Abschied bot.
Und dann« – der Amtmann nickte trübe vor sich hin – »ja dann vollzog sich eben das Unvermeidliche an ihr; wie an einer jungen Pflanze, die in ein feindliches Erdreich gesetzt wird.
Damals freilich war ich noch zu unreif, all das Unheil zu durchschauen, und verschloß mich wol sogar gegen meine Ahnungen, und betrog mich mit der Hoffnung, daß der Widerspruch der Schwestern vor der Sprache der Natur doch am Ende würde verstummen müssen. Wie ja auch die Hunde ihr Gekläff einstellen, wenn sie ihren Unverstand bemerken. Denn daß wir Menschen allemal in unsre Unvernunft verliebter sind als das liebe Vieh, das hab ich erst verdammt allmählich einsehn lernen«, schloß er bissig seine Abschweifung.
»Ja – also – ich kundete aber doch verstohlen ab und zu die Leute aus, die etwa so vom Dorf zu uns herüberkamen, wie's dort drüben stände. Denn das absonderliche Liebesverhältnis war natürlich bald ruchbar geworden und wurde viel betuschelt und bezischelt, wenn es auch bezeichnend war, daß niemals eine ungezieme Rede über die Beiden geführt wurde. Sonst indessen konnte ich zunächst aus Allem nur entnehmen, daß die Marie noch immer in ihrer unzugänglichen Rastlosigkeit beharrte, während der Heinz immer verdrossener und verdüsterter wurde und oft Tage lang auf seinem Zimmer brütete oder einsam im Walde herumstrich.
Die Schwestern nämlich hatten sich mit seinem Befehl, die Marie in Ruhe gewähren zu lassen, scheinbar völlig ausgesöhnt; und nach Allem, was sie schon erreicht hatten durch ihre Anschläge, mochten sie im Stillen wol sogar erfreut davon gewesen sein. Denn da die Aermste ihren Bedrängerinnen je länger je stiller nachgab und auswich, so erkannten sie gewiß, daß sie vor dem Heinz sich auf die Dauer und ohne Nachteil doch nicht würden behaupten können in ihrer augenfälligen Verfolgung. Und obenein empfanden sie wol eine Art von Furcht vor der schüchternen Tapferkeit des Mädchens, die ihnen um so unbehaglicher sein mußte, als sie sich in ihrer natürlichen Herzensarmut und angenommenen Aufgeblasenheit keinen rechten Vers daraus zu machen wußten.
Denn auf diese gewöhnlichen Seelen wirkten überall und immer nur die Unvollkommenheiten ihrer Mitmenschen. Und indem sie die nach ihrer eigenen Natur auslegten, schöpften sie aus solcher Uebersetzung fremder Schwächen ins Gemeine die sichersten Gifte der Gegenwirkung – und meinten wol noch gar, sich mit Fug und Recht gegen die hochmütigen Absichten einer verstockten, bettelstolzen Dirne zu wehren.
Und so verfielen sie darauf, in ihrer und des Bruders Gegenwart eine wehleidige Niedergeschlagenheit zur Schau zu tragen und sich mit gepreßten Seufzern als die ganz Zurückgesetzten und Geduldeten aufzuspielen und bei Allem, was sie mal Besondres wollten, zu bemerken: wenn es nicht den Wünschen des Fräulein Braut zuwiderwäre. Die Hochzeit aber hintertrieben sie von einem Monat zum andern, indem sie selbst die Beiden mit verleidender Aufdringlichkeit darüber zu befragen pflegten und sich die Ehre nicht nehmen lassen wollten, die Aussteuer der künftigen Gutsherrin schwesterhändig zu besorgen. Wobei sie dann natürlich gleichfalls nicht verfehlten, allerlei Vermutungen über ihr eigenes Schicksal nach vollzogner Heirat einzuflechten.
Das erfuhr ich freilich meistenteils erst später. Aber einzig so geschah es, daß sich die Marie mit ihrer stummen Geschäftigkeit gleichsam wie mit einer Schutzwehr umgab und sich, so weit es nur anging, zum Gesinde hielt, das ihr voll gutmütiger Teilnahme ihre Eigenheiten nachsah und sich ihrer Tüchtigkeit unwillkürlich beugte. Und die wie eine Sommerwolke leicht und schwebend von uns fortgezogen war, unser Herrgottskäferchen, die schwankte nach und nach so blaß und trüb und matt dahin, daß man sie dort bald nach einem hergebrachten Volksvergleich nicht anders als die Waise nannte. Und der Heinz in seiner unstäten Laschheit schien sich vergebens den Kopf zu zergrübeln über die Umwandlung ihres Wesens oder eine Rettung aus dieser Not.
Und als nun dergestalt die Schwestern sie einander immer mehr entfremdet und das Mädchen immer scheuer und ihren Bruder so mürbe gemacht hatten, daß er schon merken ließ, sie hätten wol in Manchem nicht ganz Unrecht, da nahmen sie die Zeit wahr, ihn mit kräftigeren Listen zu bearbeiten.
Es verbreitete sich nämlich das Gerücht in der Gegend, die Geschwister wollten ihren Hof verkaufen. Ob dies nun die Schwestern hinterrücks mit Hilfe des Verwalters in Umlauf gesetzt oder ob sie den Heinz durch neue Sticheleien über die Gemütsart seiner Braut und die Unzuträglichkeiten einer gemeinsamen Wirtschaftsführung gewissermaßen von selbst auf den Gedanken gebracht hatten: jedenfalls, nach seiner Art, wird er ihn wol unbesehn wie einen Wink des Himmels begrüßt haben. Und dann hat er sich gewiß mit blindem Willen wie ein Maulwurf in den Plan hineingewühlt, ohne auf Umstand und Wirklichkeit zu achten und ohne zu prüfen, ob er Ziel und Wege nach dem eignen Nutzen richtete oder sich von Andern sanft in eine Falle locken ließ.
Denn sosehr ich damals selber alles Gute von dem Vorhaben hoffte, so fest steht mir heute, daß es seinen Schwestern nun und nimmer ernst damit gewesen ist, sondern einzig und allein darum zu thun war, den Heinz aus dem Gehege zu schaffen und völlig freie Bahn für ihre herrschsüchtigen Ränke zu gewinnen. Genug, es war Anfang Dezember desselben Jahres, als es plötzlich hieß, er sei mit dem Verwalter in die Hauptstadt gereist, um die nötigen Unterhandlungen über den Verkauf des Gutes einzuleiten.
Es wurde aber zugleich von einem erschütternden Auftritt erzählt, der sich bei seiner Abreise ereignet hatte.« Der Amtmann hielt inne und drückte die Fingerspitzen an die Schläfen, wie wenn er sich zum Gleichmut zwingen wollte. »Ja, es war zum Grauen!« sagte er mit fast erstickter Stimme, als hätte er es selbst mitangesehen oder jahrelang in seiner Erinnerung gleich einem Erlebnis überdacht und ausgestaltet.
»Ja – also – der Heinz hatte schon von Allen Abschied genommen und wollte eben aus der Hausthür treten, als die Marie, die bis dahin ganz ruhig gewesen war, auf einmal ins Wanken kam und über die Schwelle hin, ihm nachstürzte und sich an seine Füße hängte und schluchzend und jammernd immerfort nur seinen Namen schrie. Und als er sie emporzog und zu trösten suchte, flehte sie ihn mit gebrochnen Lauten an, er solle sie nicht verlassen; und wenn er ihrer überdrüssig sei, nur ein ›lütt, lütt Woort‹ solle er dann sagen, und sie wolle selber gehen; sie sei ja nur ein armes Weib, ein armes Weib, stammelte sie vor sich hin, und dabei sank sie wieder, in die Kniee knickend, aus seinen Armen auf die Erde.
Der Heinz aber habe wie entrückt seine Hand auf ihren Scheitel gelegt und sich hoch und teuer verschworen, daß sie ihm das Liebste wäre und in seinem Schutze stände und niemals an ihm zweifeln dürfte. Und mit glühenden Augen um sich sehend, drohte er Jeden erwürgen zu wollen, der ihr etwas Leides anthun würde. Dann hob er sie von Neuem zu sich in die Höhe und küßte sie mit feierlichem Munde und versicherte, daß er nur um ihretwillen von ihr gehe und in wenigen Tagen zurückkehren werde; und die Dorfleute verwunderten sich nachher, daß die Beiden gar nichts miteinander über diese Dinge beraten hatten. Es sagten aber Alle, die dabei gewesen waren, daß ihnen bei den Worten des Heinz ein Bangen angekommen sei wie in der Kirche, und sogar die Schwestern hätten sich vor seinen Blicken abgewandt.
Die!« knirschte der Amtmann, und die Andern hörten, wie sich seine Zähne aufeinander drückten.
»Ja – und die Marie –« preßte er mühsam heraus, »die Marie, gefaßt und ruhig wie zuvor, als hätte seine Rede sie gefeit, hat sich sanft von ihm losgemacht – und ein leises Lebewohl gesagt – und – mit zuckenden Lippen – ihm noch einmal zugenickt; ja, und dann – dann haben sie sich – nicht wiedergesehen.«
Die Zuhörer schauten überrascht und fragend den wunderlichen Erzähler an, der ihrer zu vergessen schien. »Ja richtig! ihr könnt ja nicht wissen«, erinnerte er sich und hob mit tiefem Atemzuge die vorgesunkenen Schultern zurück.
»Ja: es vergingen nämlich nicht Tage, sondern Wochen, ohne daß der Heinz mit seinen Absichten zu Rande kam. Denn dazumal, vor den siegreichen Kriegen, war es nicht so leicht, ein großes Habtum unter annehmbaren Bedingungen loszuschlagen, wie in unsrer unternehmungswütigen und kauflustigen Zeit. Und obenein war der Heinz, bei seiner Unerfahrenheit in jeglichem Geschäft, gänzlich in die Hand des Verwalters gegeben, der gegen das Mädchen auch wol nicht die freundliche Gesinnung hegte. Und wenn ich auch nicht annehmen mag, daß selbiger bewußt und überlegt an Einem Strange mit den Schwestern zog, so weiß ich doch nach Allem, was ich später von ihm selbst ausforschte, daß sie ihm in Hinsicht auf den Abschluß des Verkaufes genaue Weisungen gegeben hatten, die zum mindesten eine rasche Erledigung der Sache unmöglich machten. Und da auch seine eigne Stellung auf dem Spiele stand, so wird er sich des Auftrags eben noch saumseliger angenommen und den versessenen Eifer seines Herrn unmerklich blos zu einer sehr willkommenen Erholungsreise ausgebeutet haben.
Die Schwestern aber, je näher sie auf diesem Wege die Erfüllung ihrer Wünsche rücken sahen, um so mehr verbissen sie sich noch, naturgemäß, in ihre Feindseligkeit; und je passer ihnen die Umstände zu Hilfe kamen, desto mehr verhärteten sie sich in ihrer dummstolzen Bosheit und Niedertracht. Und hatten sie das Mädchen bis dahin blos heimlich gequält, so schlug jetzt ihr Gethue in offenbaren Hohn um; allsodaß die Wehrlose sich in Kurzem ganz und gar zu den gedungenen Mägden hielt.
Und nun beklagten sie sich vor dem Bruder in häufigen Briefen über die Verschlossenheit und unverwandtschaftliche Kälte der Marie, während Diese umso ängstlicher vermied, ihr Verhältnis zu den Schwestern vor ihm zu berühren, und in blindem Vertrauen auf seine Abschiedsworte das Schreiben lieber ganz einstellte, zumal sie überhaupt nicht sehr bewandert mit der Feder war. Ja, nachmals hat mir der Verwalter den letzten Brief an ihren Bräutigam gezeigt, worin sie ihn mit ungelenken Worten bat, doch Geduld mit ihrer ›Neddertracht‹ zu haben und sie nicht ›so swer‹ mit Fragen zu bedrängen. Die Schwestern freilich ließen sich's nur um so angelegener sein, ihn mit ihrem Geschreibe zu verstören. Und so kam das Weihnachtsfest, und der Heinz hatte immer noch nichts ausgerichtet in der Hauptstadt; und es hieß, er werde schwerlich vor der zweiten Woche des neuen Jahres zurückkehren.
Damals war in unsrer Gegend noch die fromme Sitte heimisch, daß die Herrschaft den Christabend gemeinsam mit den Leuten feierte; und auch die Schwestern hatten es, trotz ihrer Aufgeklärtheit, noch nicht recht gewagt, mit diesem ehrwürdigen Brauche zu brechen.«
Die Stimme des Amtmanns zitterte vor Erbitterung. »O es war viehisch,« fuhr er außer sich auf, »wie sie das Fest der Liebe mißbrauchten!
Also – ja –« er bezwang sich – »das ganze Gesinde war versammelt zur Bescherung, und die Frau des Verwalters dazu, und der Baum brannte schon, und Allen schon hatten die Schwestern einen Platz am Weihnachtstisch und ihren Teller angewiesen; nur die Marie stand noch immer abseits von der Freude der Andern und starrte unbeachtet auf die Diele, sodaß es plötzlich stille wurde in der Stube und die Leute betreten bald ihre Herrschaft, bald das Mädchen musterten. Darauf aber schienen Jene blos gewartet zu haben, und während Jeder sah, wie die Bestürzte mit Thränen kämpfte und abwechselnd rot und blaß wurde, schritt die Jüngste von den Schwestern plötzlich auf sie zu, und griff sie lachend beim Handgelenk, und zog sie ans andere Ende des Zimmers, wo auf einer Hutsche die Postkiste stand, die der Heinz seiner Braut aus der Stadt geschickt hatte. Oben drüber aber hatten die Dreie eines ihrer schon getragenen Seidenkleider ausgebreitet, und das boten sie dem armen Geschöpfe, das vor Schimpf und Scham zu vergehen meinte, zum Christgeschenk und als ein Stück der Aussteuer; sie würden's aufarbeiten lassen.
Und die Qual dieser Augenblicke und die Wehmut der heiligen Stunde und all der stumm verwundene Gram der vergangenen Wochen haben da wol auf Einmal dies zermarterte Herz überwältigt, und in der Verzweiflung der Demut hat sie sich niedergeworfen vor ihren Peinigerinnen, und hat sie um Erbarmen angefleht, und hat ihnen jeden Gehorsam versprochen – nur Erbarmen sollten sie üben – und hat sich losgesagt von ihrer Liebe – sie sei ja nur ein armes Weib; und über ihr, aufrecht, standen die Schwestern und horchten nickend ihren Jammer an, wie Richter, die ein Geständnis abnehmen, und belehrten sie noch über ihre Fehler, die Schamlosen, und belobten sie mit Gnadenmienen, daß sie endlich zur Einsicht gelangt sei. Und während das Gesinde murrend aus der Thür schlich vor diesem Schauspiel schmachvoller Eitelkeit, lag sie den Menschern noch immer zu Füßen, stammelnd und wimmernd, sie sei ja nur ein armes Weib, ein armes Weib, als gäb'es für sie blos dies eine Wort, all ihre Not und Ohnmacht zu begreifen.«
Des Amtmanns Sprache wurde immer schwerfälliger, und man sah, daß es ihm Anstrengung kostete, seine Ruhe zu bewahren. »Een arm Wiew!« wiederholte er für sich, die Worte gleichsam stöhnend. »Aber diese Frauenzimmer« – stieß er zornig heraus – »wußten wol von Damen und Herren – und Knechten und Mägden, ja! Aber was wußten Die von Mann und Weib?!« Den Erzähler faßte ein Ekel und er spie auf die Erde.
»Ja – also – die Geschichte ist bald zu Ende«, suchte er sich zu beschwichtigen. »Also – nach jenem Abend sind sie der Marie scheinbar nicht weiter in den Weg getreten; und diese hat sich an den folgenden Tagen ratlos und rastlos von Arbeit zu Arbeit geschleppt, ihre letzten Hoffnungen – denk'ich mir – an die Rückkehr ihres Bräutigams hängend.
Inzwischen aber, am ersten Weihnachtsmorgen, hatten die Schwestern dem Heinz einen Brief geschrieben, worin sie ein trügerisches Spiel mit der Wahrheit trieben – das heißt, nein, ich will ihnen nicht Unrecht thun – vielleicht haben sie sich's wirklich eingeredet – also kurz: sie beriefen sich darin auf das Zeugnis der Verwalterin und des ganzen Gesindes, daß die Marie – – ihn nicht mehr liebe. Und zugleich schmeichelten sie ihm, daß er das schon längst, gleich ihnen, selbst erkannt haben würde, wenn er sich in seiner blinden Treue und Ehrenhaftigkeit nicht mit Vorsatz dagegen verschlossen hätte.
Und der Heinz –« der Amtmann rang nach Worten, »der Heinz – ob er sich das nun in seinem eigenen phantastischen Gehirn zurechtgebrütet hat, um ihre Treue zu prüfen, oder ob die drei Nattern ihm auch Das heimtückisch eingezischelt haben: der Heinz, dieser Unglücksnarr, in seiner blödherzigen Unsinnigkeit hat er sich hingesetzt und hat dem Mädchen geschrieben, er entbinde sie ihres Schwures, wenn sie glaube, sich in ihm getäuscht zu haben.«
Der Amtmann sprang vor übermächtiger Erregung plötzlich auf, sodaß der Wirt ihn erschrocken anblinzte und sich schützend die Hände vor den Leib hielt. Aber es lachte diesmal Keiner. Nur der Sand auf der Diele knirschte; laut und hart. Der Sprecher trat an den Ofen, in den dunklen Hintergrund des Zimmers; vielleicht war er auch blos Deßhalb aufgestanden.
»Ja – und die Marie«, fuhr er beinahe flüsternd fort, »zwei Tage vor Sylvester hat sie den Brief erhalten, als sie grade auf der Tenne Korn zum Dreschen an die Leute ausgab. Da hat sie ihn mit zitternden Fingern erbrochen, und aufeinmal ist sie lakenweiß geworden und hat mit einem krampfigen Ruck sich vor die Brust gegriffen und leise klagend ihr Kinn auf die Forke gestützt. Sie wollte sich wol aber vor dem andern Volk bezwingen, denn sie richtete sich gleich darauf jählings ganz und gar in die Höhe; aber ermattet von Kummer und übermäßigen Anstrengungen, hat sie's nicht ausgehalten, und mit den Armen hoch in die Luft schlagend ist sie ohnmächtig auf das Stroh zusammengesunken.
Dann haben die Dirnen sie auf ihr Kämmerchen ins Bett geschafft und haben die Schwestern gerufen und ihnen den Brief gegeben, weil sie wol hofften, ihr Gewissen damit zu rühren. Auch haben sich die Drei zuerst sehr wehleidig angestellt; da indeß das Mädchen bald wieder zu sich kam, beruhigten sie sich und meinten beim Weggehn, es werde schon alles zum guten Ende gedeihen. Die Marie nämlich hatte erklärt, sie fühle sich wieder ganz wohl; und dabei sollen ihre Backen so frisch und rot geleuchtet haben, wie in der ganzen letzten Zeit nicht. Und nachdem sie den Brief wieder an sich genommen, bat sie mit flehendem Lächeln, man möchte sie allein lassen; und dann – ist sie in tiefen Schlaf gefallen.«
Der Erzähler stockte einen Augenblick. »Und während sie schlief« – seine Stimme klang hohl und rauh, als spräche er mit jedem Worte eine Anklage – »während sie schlief, ist Eine von den Dreien in ihre Kammer geschlichen, und hat das Bild des Heinz, das unter einem Immortellenkranz zu ihren Häupten an der Wand hing, herabgenommen und an dessen Stelle jenen Brief gehängt, und drüber – einen Kranz von Heu! Denn so fanden es am andern Morgen die Leute.
In der Nacht aber – die Marie – ja – sie wird's eben entdeckt haben, und der gräßliche Hohn hat sie von Sinnen gebracht, und da ist sie hinausgelaufen und hat in den Bach springen wollen. Ja: eine alte Frau aus dem Dorfe hat sie gesehen, wie sie in ihrem weißen Unterkleid am Ufer herumirrte, und hat gemeint, es wäre ein Gespenst. Es mag sie aber doch gegraut haben vor der Sünde und dem eisigen Wasser, und so ist sie umgekehrt, und am andern Tage – in der Frühe – fand man sie – am Hofthor lag sie – tot. Da wird wol eine neue Ohnmacht über sie gekommen sein, und dann ist sie in der kalten Winternacht verklamt. Freilich, die Leute sagten nachher, sie sei an gebrochenem Herzen gestorben; doch erklären ja die Aerzte, daß Solches nicht möglich sei.
In der rechten Hand aber hielt die Leiche etwas fest umklammert; und als man ihr die starren Finger auseinanderbog, fiel ein kleines schwarzes Pelzfleckchen in den Schnee.«
Die Stimme in der Ecke verstummte, und die kleine Gestalt am Ofen stand eine Weile regungslos, und Keiner schien zu atmen. Dann knirschte der Sand auf der Diele unter langsamen, mühsamen Schritten, und der Amtmann ließ sich wieder in das Sopha sinken. Auf seiner breiten Stirn lag der Schweiß jetzt so dicht wie ein Schleier von Tau, und die Aderstränge seiner sehnigen Hände waren noch dicker als sonst.
»Teufel!« sagte er heiser; »und ich dachte, daß ich's ganz verwunden hätte.« Er wiegte grübelnd den Kopf.
»Lange genug ist's her, seit wir sie begraben haben«, fügte er weicher hinzu, mit einer schlichten Ergebenheit im Ausdruck. »Ja, ich war auch hinübergefahren, ihr die letzte Ehre anzuthun. Es war ein stolzes Leichenbegängnis, das die Schwestern zugerüstet hatten, und wol das ganze Dorf war mit auf den Kirchhof gezogen. Und unter den Weibern war gewiß keine, der nicht die Thränen ins Auge schossen, als der Heinz wie zerbrochen dem Sarge nachwankte. Und als er stieren Blickes an die Grube trat, um die erste Erde hinabzuschütten, und dabei zusammenknickte und den Schollen nachgestürzt wäre, hätte ihn der Totengräber nicht zurückgerissen: da ging ein Schauder durch die ganze Versammlung. Blos die Schwestern standen thränenlos – unbewegt – wie versteint – und –« der Amtmann hielt gewaltsam an sich – »ja, und hatten ihn doch sehr lieb!«
»Ja! ich will ihnen nicht Unrecht thun«, beteuerte er heftig. »Aber ich hab's gesehen«, keuchte er, »wie über das vertrocknete Gesicht der Aeltesten eine finstre Freude kroch, als sie sich bückte, um der Toten auch 'ne Hand voll Erde nachzuwerfen. Ich hab's – gesehen!« stieß er die Arme von sich und preßte die Daumen auf die geballten Finger, als wollte er etwas zerquetschen.
»Ja!« wiederholte er, sich mäßigend: »und hatten ihn doch sehr lieb – –.« Er senkte das Kinn auf die Brust und verstummte.
Es war wieder ganz still in der Stube; man hätte die Atemzüge zählen können, und des Amtmanns letzte Worte schwebten in dem Raum wie eine rätselhafte Frage.
Bis der Förster mit der Faust auf den Tisch schlug. »Hol der Maulwurf alle Spinnen!« fluchte er gerührt, während der Wirt achselzuckend die Handflächen aus einander breitete und gewichtig dazu nickte, als wollte er in Gnaden den Lauf des Schicksals bestätigen.
Den Buchhändler aber ließ seine Neugier nicht ruhen, und indem er seinen Freund sacht am Aermel faßte, fragte er gespannt: »Und der Heinz?«
»Der?« erwiderte der Amtmann fast hart, »der ist erst schwachsinnig und dann tobsüchtig geworden. Und da er im Wahnsinn einen Mordversuch auf seine älteste Schwester verübte, haben sie ihn ins Irrenhaus gebracht, wo er gestorben ist.«
Der Buchhändler war bei diesen Worten erschrocken zurückgewichen und verhielt sich einige Minuten ruhig. Es mußte ihm indessen an der Geschichte seines Freundes wol noch immer etwas fehlen oder nicht gefallen; denn er machte bald aufs neue ein unbefriedigtes Gesicht und rutschte ungeduldig mit den Armen hin und her. »Und die Schwestern?« fragte er endlich kleinlaut.
»Die Schwestern?« gab der Amtmann unwirsch zurück. »Ja – ich habe nach etlichen Jahren, als mein Vater und mein Bruder an der Cholera starben, unser Gut da oben verkauft; und hier unten in der Mark hatt ich mehr zu thun, als mich um deren Wohlergehn zu kümmern. Doch hört'ich sie, vor ein paar Monaten, so gelegentlich, von einem Pfarrer aus der Gegend, als fromme Wohlthäterinnen rühmen.«
Dem Buchhändler schien die Art, wie sein Freund heut erzählte, garnicht zu behagen, wenn er auch keine weiteren Einwendungen von sich gab. Dem Wirt aber fiel etwas Wichtiges ein, nach seinen Geberden zu schließen; denn er ließ die Unterlippe hängen, wie ein Eierkuchen übern Rand der Pfanne kippt.
»Die Herren haben ja ihr Bier ganz warm werden lassen!« stöhnte er vorwurfsvoll, indem er sich erhob.




Jesus der Künstler

Traum eines Armen.

So war's. So stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:
im roten Saal, reglos, in dunkler Ecke:
dumpf, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:
bang: starr, und fühlend! –
Die schlanken Alabastersäulen leuchten;
vom hohen Saum der Purpurkuppel hängen
und glänzen weit ihr silbern Licht herab
im Doppelkreis die großen weißen Ampeln;
die roten Nischen bergen zarte Schatten
und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk;
es ist so still ...
Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische
zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.
In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da;
die glatten Sockelblenden werfen Strahlen;
die roten Wände füllen lebensweiche
geheime Schmelze um den Rand der Glieder;
von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein;
sie sind so schön ...
Ich aber hocke in der dunklen Ecke
und fühle meines Leibes Magerkeit
und meiner Stirne graue Sorgenfurchen
und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.
In meinem Staub, in meinen Straßenlumpen
mißfarben angetüncht, so hocke ich
auf fahlem Postamente, steif und bang,
vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend:
Stein unter Steinen ...
Nur Einer atmet in der stillen Halle.
Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften
eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,
blutstropfenübersät die bleiche Stirn,
ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel hebt sich
in langen Falten leise auf und nieder.
Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich
der schmale Bart, das schwere, weiche Haar.
Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund;
so lautlos schön ...
Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.
Die stillen Lippen haben sich geöffnet.
Im blanken Alabaster spiegelt sich
des blutbesprengten Hauptes leise Regung.
Klar, langsam thun zwei große blaue Augen
empor zur Purpurwölbung weit sich auf,
sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen
Gemaches überleuchtet dieser großen
verklärten Augensterne dunkeltiefes,
unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.
So steht er auf ...
Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,
die weißen Glieder eigner sich zu röten,
und nur von Sehnsucht starr. Er aber wandelt.
Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht
von Postament zu Postamente schreitet,
und Wen er ansieht mit den blauen Augen,
der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,
Der lebt, Der lebt! –
Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,
in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,
folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,
so stolz, so stolz, umschlungen Mann und Weib.
Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten
sorglosen Lippen ein Erwachen flieht,
der weite Saal erklingt von Menschenlauten,
es schwebt ein Lied.
Es schwebt und klingt: »So wandeln wir in Klarheit
und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel:
in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,
zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!«
So schwebt das Lied ...
Ich aber hocke in der dunklen Ecke,
und fühle meiner Glieder Häßlichkeit
und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,
und fühle neidisch ihre warme Nacktheit
und frierend ihren Jubel – ich ein Stein.
Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,
des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,
ich aber bebe mit in meinen Lumpen
und warte, warte auf die blauen Augen
und will auch leben, auch ein Freier wandeln,
nicht Stein, nicht Stein! –
Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;
vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;
er kommt! er kommt! –
Und er steht vor mir. Da verstummt der Zug;
ich fühle ihre stolzen Augen staunen
und fühle seine, seine Augen ruhn
in meinen, ruh'n, und will mich an ihn werfen
und will ihm küssen seinen milden Mund,
da brechen perlend seine Wunden auf,
die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, – er spricht,
ihm schießen Thränen durch den blutigen Bart,
spricht: »Deine Stunde ist noch nicht gekommen!«
Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;
nackt wie die Armut.




Das Gesicht

Eine halbe Stunde Seelenleben.

Er saß und konnte nicht los
aus dieser drückenden Qual.
Immer wieder
sank es über ihn,
wie ein magnetischer Ring um die Stirn,
und lähmte seine Hand,
seit Wochen nun schon,
seitdem er wieder gesund war,
immer wenn er malen wollte,
immer die eine, große, unerfüllte Lust,
das Ziel der hundert frohen
Mühen und Entwürfe,
das Bild, das Bild:
ihr Gesicht –
was er auch Neues vornehmen mochte.

Er hörte sie im Nebenraum hantieren,
durch den Teppich hindurch.
So verhalten klang es,
so fremd.
Und die Brandflecken auf dem Teppich! –
Er fühlte seine starken
Schultern zucken,
ohne daß er's wehren konnte.
Er sah müde und verächtlich
in die Landschaft auf der Staffelei,
und warf den Pinsel weg,
und sah scheu nach der Wand drüben,
nach dem Menschenbilde da.

Da hing es und wartete,
das letzte von den vielen;
das sie noch gerettet hatte aus dem Brande,
im letzten Augenblick,
aus den fliegenden Flammen.
Es war wie ein Bann:
diese ungelöste Aufgabe,
dies Gesicht.

Oh gewiß – es war ja fertig,
war ja ein Bild,
ein Bild, wie nur Er es malen konnte:
dies Weib da, mit der Narzisse
in den streng gefalteten Händen.
Sie duftete fast,
die vorgebeugte
makellose
leuchtende Blüte
mit dem purpurgelben Krönchen
auf dem weißen Stern,
die berauschende Blüte,
vor den jungen, nackten, vollen Brüsten.
Und darüber so stumm
ihr gewährender Mund;
und darüber die blauen
drohenden Augen,
groß und dunkel ins Weite gerichtet;
und darüber ihre Haarglut,
matt und schwer und rot wie Kupfergold,
grünlich umschattet
vom spitzen, glänzenden Laubwerk
des alten Myrtenbaumes
mit den kleinen,
schimmernd springenden Knospen.
Ja, seine Freunde hatten gescholten,
daß er's der Welt nicht zeigen wollte;
damals.

Aber das war es ja:
auch jetzt nicht!
und nie, niemals,
bis er das Eine gefunden,
das noch drin fehlte,
Ihm nur sichtbar,
das nur Er vermißte in seinen Bildern,
das letzte Rätsel ihres Gesichtes:
Das, warum er sie liebte.

Oh, und nun war's unmöglich,
war es zerstört
dies stille lebendige Rätsel,
von den Flammen gefressen
das Geheimnis ihrer Züge,
von Narben zerrissen
dieser stolze Hals,
diese seltenen Lippen;
und um seinetwillen.
Und er hatte doch gewußt,
mit seiner ganzen Kraft gewußt,
daß es endlich ihm glücken würde,
daß er's ihr ablauschen würde
und auf die Leinewand zwingen,
dies lockende Wunder;
nicht aus den Augen,
nicht aus den Mundwinkeln,
da saß es nicht,
in keiner Einzelheit,
auch in der Stimmung nicht –
das hatte er Alles
versucht und getroffen.
Es war ein Ausdruck, ein Ausdruck;
und er war ihm so nahe gewesen,
in seinem letzten Bilde,
dem an der Wand da drüben,
dem einzigen übrigen.
Und jetzt, jetzt –?
er preßte die Finger ineinander,
er hätte sie blutig drücken mögen.

Und Alles, weil er sie liebte;
grade weil.
Und weil er so stark war.
Ob es wol Strafen gab?
Strafen der Kraft?
aus sich selbst?
Der gebrochene Fuß! –
Ob Liebe Sünde war?
Nicht überhaupt,
aber für Ihn:
Sünde gegen die Kunst,
Uebermannung!
Denn es war ja nicht gleich so gewesen;
was ging ihn ihre Seele an.
Aber allmählich –
oh, das war's ja aber,
das Heilige,
auch für den Künstler,
Das, was ihm die Augen geöffnet hatte,
das Allerheiligste der Form:
die verschlossene Seele,
die Gegenseitigkeit alles Lebendigen! –
Und so war's denn geworden:
das Modell zum Weibe,
der Leib zum Wesen,
und immer gegenseitiger
dem Künstler ihre Schönheit,
und immer gegenseitiger
dem Menschen ihr Geschlecht.
Nein, er wollte es nicht;
nur mit den Augen wollt'er sie haben,
ihre Augen,
die nachtblau dunklen, schwimmenden Blumen,
ihr quellentiefes, stilles Gesicht,
Alles! –
Und doch:
wie er sie dann erkannte,
diese Gestalt,
Blick für Blick,
und Ahnung um Ahnung sicherer wurde,
fester im Bilde,
und sich alles ihr entgegenspannte
in seinen Sinnen,
und ihre Innigkeit mit seiner Sehnsucht wuchs:
es war ja Natur, Natur!
war das Ohnmacht?
jener Augenblick,
nach jenem letzten Bilde,
als er sie am Handgelenk heranriß,
noch zitternd vor schaffendem Entzücken,
und ihr den neuen Ausdruck zeigte,
der sie fast enträtselte,
diese verlangende Keuschheit,
und dann sie ansah,
schwül und durstig,
das Eine Letzte suchend,
und sie's nicht aushielt länger
und an ihm niederwankte,
so warm und schwer,
und er an ihr:
oh Versunkenheit! –
Und dann, dann:
es war zu hart,
zu widersinnig hart:
wie er sie hochgerissen hatte mit tollen Armen,
schreiend vor Lust und doppeltem Ueberglück,
und mit ihr über den Schemel sprang:
dieser tückische Knöchelbruch, –
um den er damals noch lachen konnte
in seiner schwelgenden Liebe,
damals.

Er lauschte.
Was sie wol dachte jetzt.
An ihn nur.
Das fühlte er.
Das war das Schwere,
der magnetische Ring.

Wie still sie wieder saß;
daß er sie nur nicht merken möchte,
da in der kleinen Kammer,
hinter dem Teppich;
nichts rührte sich;
so war's nun Tag für Tag.
Und Abends die Angst,
die heimliche Angst,
mit der sie sich im Dunkeln hielt,
im Halblicht,
oder ihr Gesicht verhüllte,
daß er es nur nicht sehen möchte;
daß er sie nur vergessen möchte,
ihre tote Schönheit,
das Bild ihrer Seele,
diese quälende Unmöglichkeit.
Ja: die Angst in der Luft,
das war's,
das machte ihn zunichte,
diese Liebe.

Ja, und war denn das noch Liebe?
dieser lähmende Zwang!
War nicht Alles blos Erinnerung.
Nicht einmal Nachts,
nicht anrühren konnt'er sie mehr,
ohne daß es wieder vor ihm stand,
das ganze furchtbar rote Schauspiel,
und ihm heiß und kalt die Sinne benahm.
Wie sie ihn geweckt,
ihn herausgehoben hatte
mit seinem kranken, dick verschienten Fuß
aus dem qualmenden Bett,
hinter ihr her schon die leckenden Flammen,
durch die Thür
und hinab die dreizehn dunklen Treppenstufen –
oh, sie war stark,
fast so stark wie Er!
und dann zurückgestürzt war
und sich nicht halten ließ,
wieder hinauf,
um das Bild noch zu retten,
das eine wenigstens,
hinein in das glühende Viereck oben
mit den langen, offenen Flechten,
die im Feuerschein flossen wie blutige Seide –
dies Flimmern!
Und auf Einmal der Schrei,
dieser lange, zerreißende Schrei,
und das polternde Bild,
herunter zu ihm,
und oben sie,
groß,
in entsetzlicher Pracht,
mit den greifenden Armen,
die roten Haare zu bläulichen Funken zerflatternd,
eine sprühende Glorie;
züngelnde Flügel
um den keuchenden Busen;
und die grauenhaft flackernden Augen!
Und Er
hilflos da unten sich krümmend!
Und noch Einmal der Schrei,
der heiße, tierische Schrei,
und sein eigener Schrei:
wie sie wieder sich dreht,
eine brennende Garbe,
noch Einmal hinein –
daß ihn die Sinne verlassen,
bis die Leute ihn wecken
und sie neben ihm liegt,
in den Teppich gewickelt,
nach dem sie zurückgerannt
in letzter, gräßlicher Besonnenheit,
den lodernden Schmerz zu ersticken,
das tapfere, starke Geschöpf –
seine Retterin!

Ob sich das wol malen ließe:
feurige Flügel?
Nein Narrheit;
so wenig wie der Sonnenstrahl,
der da auf der Palette blitzte.
Ach, das Sonnenlicht!
wie ihr Haar drin schillerte früher,
so glatt und wogend;
ob es wol wiederwachsen würde?
Aber was nützte das!
Ihr Gesicht,
das war das Unersetzliche;
die Erinnerung,
die ihn zu ihr zog
und von ihr stieß.

Er stierte zu Boden.
Wenn sie doch gestorben wäre,
ja, gestorben,
nicht blos für Ihn.
Dann würd'er zu ihr beten können,
sein ganzes Leben lang,
ruhig,
traurig,
wie als Kind zur Jungfrau Maria.
Nein, Maria Magdalena
hatte er immer gemeint,
immer wenn er Sonntags knieen mußte:
seitdem er sich heimlich die Bibel gekauft,
bis die Mutter sie fand und ihn schlug, –
Magdalena,
die fühlende Sünderin.

Ach, was sollte dies Grübeln.
Sie lebte ja,
lebte und liebte ihn,
und war gesund,
gesund wie Er.
O das schöne, blühende Wort!
Oh, ihre quälende Häßlichkeit!
ihre mahnende Nähe!
die Lust und der Abscheu!
Ohnmacht!

Er sah wieder auf,
nach dem Teppich,
nach dem Narzissenbild.
Wenn er's verkaufen würde.
Ob er dann vielleicht Ruhe hätte.
Wozu auch diese Versessenheit,
ohne Sinn und Verstand,
auf das eine einzige Bischen Seele.
Wozu denn überhaupt
der ganze pedantische Tiefsinn.
Warum war's ihm nicht genug
an dem farbigen Witz, wie den Andern;
an der Lichtflunkerei,
über die er sonst spottete.
Es war doch so einfach:
was Neues probiren! –
Aber sie, sie blieb ja.
Und wenn er das Bild in Stücke zerschnitte,
die Erinnerung blieb,
solange sie selbst blieb;
und mit ihr der Zwang.
Und die Erinnerung
ließ sich nicht malen.

Freiheit! – Ja:
das war das Ungesunde,
das war unsittlich:
diese widernatürliche
dumpfe Gemeinschaft,
Knechtschaft,
Leibeigenschaft!

Er starrte auf die Palette,
ein Wolkenschatten wischte den Lichtstrahl aus;
wenn er ihr Schminke gäbe –
ihn ekelte.
Und die Form
bliebe ja dennoch zerstört,
die Seele im Gesicht.
Und ihre Scham! ihr Stolz!
dann
würde sie
gehen!
Aber das wollte er doch?
Dann das Bild auf die Ausstellung,
weg damit,
eine Reise;
Gletschersonne!
Ein, zwei Jahre würd'es schon noch reichen,
das Geld für das Bild
und der Rest seiner Erbschaft;
er würde blos arbeiten.
Und er hatte ja genug gelernt an ihr!
er wollt'es den Andern schon zeigen,
warum er so lange im Stillen gesessen! –
Und sie?
Sie war ja klug genug,
die Höhere Tochter;
sie konnte ja Unterricht geben,
oder als Buchhalterin –
oder er würde ihr selber was schicken.
Nein: das würde sie nicht nehmen.
Und:
und wenn die Leute sie nicht haben wollten:
mit ihrem entstellten Gesicht! –
Oh, dies Gewissen!
Warum hatte er dies Gewissen!
Ja: für die Kunst, da war's gut.
Aber fürs Leben:
fürs Leben brauchte man doch kein Gewissen! –
Nicht, weil er sie verführt hatte;
nein!
eher sie ihn.
Oder weil sie eine Verstoßene war –
eine Verstoßene?
um seinetwillen!
Nein: das war ja aus ihr selbst gekommen.
Warum war sie denn wiedergekommen,
noch eh er von Liebe was ahnte;
und immer wieder,
bis sie bleiben mußte.
Das war ihr Verhängnis!
ja, ihr eigenes Verhängnis:
ihr Wille! –
Weil sein Ernst sie lockte;
was die Eltern auch sagen mochten.
Weil sie seinen reinen Willen fühlte.
Aber:
aber war er denn rein?
Ja –
bis er ihn verlor,
in jenem Augenblick,
den Willen zur Form.
Nein, schon vorher:
bis er die Seele sah.
Aber das war ja die Form,
die verschlossene Seele;
was Er gesucht hatte,
was sie empfunden hatte,
warum sie ihm vertraute,
ihm, dem Künstler.
Nein, auch dem Menschen!
dem Menschen, der über sich stand,
über Sich und Natur,
über Seele und Leben.
Und doch nicht!
es war ja das Selbe,
die selben Sinne,
die selbe Natur:
die Kraft des Künstlers, des Menschen.
Ja: da hing es:
jener Augenblick,
jenes Bild:
seine Kunst, sein Wille,
sein Leben, ihr Leben,
Das war Alles das Selbe,
das folternde, drohende Selbe!
denn sein Leben,
das, das war er ihr schuldig,
ihr, seiner Retterin!
sein Leben,
seine Kunst,
seine Arbeit,
seinen Zweck und Glauben!

Er fuhr zusammen,
ein neuer Wolkenschatten
huschte durch die Stille.
Er preßte die Augen zu;
er wollt'es schon gar nicht mehr sehen,
das fordernde, drohende Bild;
er haßte es schon!
Er drückte die Fäuste in die Augen,
daß sie flimmerten.
Er sah es nur mächtiger,
im sprühenden Glanz,
und sah sie, sie,
wie sie jetzt war,
mit dem schiefen, gestaltlosen Mund,
mit dem haarlosen Kopf,
mit den Narben um Nase und Kinn,
mit dem blanken, striemenroten Hals.
Er stöhnte laut auf,
daß ihn graute
vor der hohlen, einsamen Stimme.

Da:
das war doch seine Stimme nicht?
Zagend, suchend
kam es durch den großen Raum:
»Riefest du?«
weich und schwer,
wie der Teppich, den er schwanken hörte.

Er sah nicht auf.
Er fühlte, wie sie fragend stand.
Nur nicht jetzt ihr Gesicht!
Er wollte sprechen.
Da kam sie.

Er wollte den Kopf schütteln;
aber ihre Hand auf seiner Schulter,
ihr Warten!
Es war nicht möglich,
es zwang ihn hoch,
er mußte sie ansehn,
ansehn,
am weißen Morgenkleid hinauf,
ihren Hals,
und –
Rot,
und ein brausendes Schwarz,
Seele,
der Blick,
ihr Gesicht,
es war Uebergewalt,
da stand sie,
hoch,
starr,
erbebend:
»Ich
werde
gehen« –
und wollte sich wenden.
Und Er
sah sie an,
an,
und seine Augen wurden immer weiter,
daß sie nicht loskonnte,
immer durstiger,
und seine Finger tasteten und griffen,
es zu fassen,
zu halten,
das unerkannte
letzte
Eine,
das selige Wunder,
Das, was ihn zu ihr in die Kniee riß,
warum er sie umklammerte,
weinend,
»Offenbarung« stammelnd:
ihre große Sittlichkeit,
die Schönheit ihrer Erschütterung!

Und nun,
weich,
weich, schwer und leise,
sank auch sie herab an ihm,
Knie an Knie,
kindermild,
anders wie damals;
und er küßte die gestaltlosen Lippen
und schlang die Hände um den haarlosen Kopf
und hielt sie von sich,
schauend – schauend – nein:
Das lag nicht in den Augen,
nicht in den Mundwinkeln,
in keiner Einzelheit:
das würde ihn zur Andacht zwingen,
und wenn sie ganz verschleiert vor ihm läge:
diese strömende Hohheit,
diese heilige, siegende Demut.

Und er mußte es sagen,
lachend,
das Ueberflüssige –
»Ich liebe dich«.

Und wie sie sich erhoben von den Knieen,
in ihrer Klarheit,
und der breite Sonnenstrahl
auf der Palette blitzte,
nach der Wand hinüber,
nach dem Myrtenbilde,
da stieg es vor ihm auf,
neu und mächtig:
»Weißt du, wie ich dich malen werde?
Blut und Nacht,
Sterne, nur Auge und Bewegung:
Magdalena,
der Welt den Gekreuzigten zeigend.«

»In den liebenden Armen«,
sagte sie dunkel.

Ein Wolkenschatten ...




Liebe

Tief und tiefer: seliges Geben,
bang Empfangen – welch Verschulden!
Schwellend wühlt sich Leben in Leben:
wildes Wachsen, stilles Dulden.




Zur Beichte

Ich war der Herr der Welt vor dir,
im Traum;
wie eine Sonne warst du mir,
im Traum.
Ich schmückte dich mit allen guten
Glücksehnsuchtsgluten
in diesem Traum,
und hieß dich leuchten, ließ dich schweben.
Und habe mich in den Staub gebogen
vor dir, im Traum,
und dich belogen und betrogen
im Staub, im Traum –
komm, laß uns leben!




Aufblick

Ueber unsre Liebe hängt
eine tiefe Trauerweide.
Nacht und Schatten um uns beide;
unsre Stirnen sind gesenkt.

Wortlos sitzen wir im Dunkeln;
einstmals rauschte hier ein Strom,
einstmals sahn wir Sterne funkeln ...

Ist denn Alles tot und trübe? –
Horch: ein ferner Mund! vom Dom!

Glockenchöre ... Nacht ... und Liebe ...




Heimweh in die Welt

Blieb es doch so lang' vor Liebe stumm;
kann ich doch mein Herz, mein Herz nicht töten.
War ich Dein, nur Dein in Glut und Nöten;
weißt warum?
Weil mein Herz so wild;
weil es Meere braucht,
wenn der Sturm ins Blut mir taucht;
weil es Deine Tiefen so gefühlt.

Doch wenn nun der Frühling wieder sprießt,
o ich fühl's, ich fühl's, so stumm ich blieb,
und im warmen Sturm der junge Trieb
schwillt und schießt:
wird mein Herz so wild,
weil es Meere braucht,
wenn der Sturm ins Blut mir taucht,
weil es so in alle Weiten fühlt.

Hast es doch gewußt. Es war im Mai:
als der schreckende Blitz uns rot umlohte,
als ich meinem Bruder Donner drohte,
wild und frei:
gabst mir deine Hand,
mein in Glut und Schmerz,
sankest mir ans junge Herz,
unten tief das ferne deutsche Land.

Und wenn nun der Frühling blühen will
und die wilden Blitze wieder glühn
und im Sturm die Meere wieder sprühn:
dann, oh still!
gieb mir deine Hand,
Einmal noch ein Schmerz,
Einmal noch ein deutsches Herz.
dann – leb wohl, mein Weib, mein Vaterland.




Es war einmal

Der Himmel dunkelte noch immer,
ich fühlte tief bis in mein Zimmer
der tiefen Wolken vollen Schooß;
die Esche drüben drehte schwer
die hohe Krone um sich her,
zwei Blätter trieben wirbelnd los.

Laut tickte durch die schwüle Stube,
wie durch die stille Totengrube
der Holzwurm ticken mag, die Uhr.
Und durch die Thüre hinter mir
klang dünn und schüchtern ein Clavier
über den Flur.

Der Himmel lastete wie Schiefer,
ihr Spiel klang immer trauertiefer,
ich sah sie wohl.
Dumpf rang der Wind im Eschenlaub,
die Luft war grau von Glut und Staub
und seufzte hohl.

Und blasser tönten durch die Wände
die tastenden verweinten Hände,
sie saß und sang;
sang sich das Lied, in sich gebückt,
mit dem sie mich als Braut entzückt;
ich fühlte, wie ihr Atem rang.

Die Wolken wurden immer dumpfer,
die wunden Töne immer stumpfer,
wie Messer stumpf, wie Messer spitz;
und aus dem alten Liebeslied
klagten zwei Kinderstimmen mit –
da fiel der erste Blitz.




Auf der Reise

Nach Li-tai-po.

Vor meinem Lager liegt der helle
Mondschein auf der Diele;
mir war, als fiele
auf die Schwelle
das Frühlicht schon,
mein Auge zweifelt noch.

Und ich hebe mein Haupt und sehe,
sehe den hellen Mond
in seiner Höhe
glänzen. Und ich senke,
senke mein Haupt – und denke
an meine Heimat ...




Der Pirat

Nach José de Espronceda.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht eine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,
auf allen Meeren er gekannt
von einem bis zum andern Strand,
der »Hai« getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
sitzt singend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
und sitzt und singt und schwenkt den Hut:

»Fliege, mein Segler du, fliege,
unverzagt;
fliegst und segelst zum Siege!
Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,
der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,
weil dein Herr sein Leben wagt!
Zwanzig Prisen
haben wir gemacht,
haben die Staatsmützen
ausgelacht;
hundert Nationen
liegen und grüßen hier
mit ihren Flaggen
zu Füßen mir.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Könige streiten dadrüben
in blinder Gier
um ein paar Aecker Rüben.
Sehet, ich lache! Meine Gefilde
reichen, soweit das weite wilde
Meer entrollt sein frei Pannier.
Da ist kein Wimpel,
wie er auch glänze,
da keine Küste,
wo sie auch grenze,
die nicht Salut gethan
meinem Geschlecht,
die nicht erkannten

mein Hoheitsrecht.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Kaum schrein vom Mars die Jungen:
Schiff in Sicht!
rennt's schon mit vollen Lungen,
hoi alle Segel breit, Fersengeldsegel,
rennt es und rennt es; denn diese Flegel
lieben den König der Meere nicht.
Aber wie Brüder
Ich und Ihr,
meine Getreuen,
teilen die Beute wir.
Ein einzig Eigentum
nehm ich für mich
ohne Rivalen:
dich, Schönheit, dich!
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Verdammt zum Höllenfeuer,
zum Tod am Strick,
sitz'ich und lache euer!
Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,
den häng'ich auf an der Segelstange,
vielleicht von seiner eignen Brigg!
Und wenn ich falle:
was ist das Leben!
Hab es schon damals
verloren gegeben,
als ich die Kette brach,
als ich, ein Held,
mir schuf mein eigen Recht,
mir meine Welt.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

Melodieen wie brausend
Orgelgewühl
spielt mir im Nachtsturm, sausend,
meiner geschüttelten Taue Gestöhne,
meiner Kanonen Donnergedröhne
und des schwarzen Meeres Gebrüll.
Von ihren tobenden
Liedern umschnoben,
geh ich zur Ruhe,
wogenumwoben,
jubelnde Zungen
rund um mich her,
in Schlaf gesungen
vom Meer, vom Meer.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer!«

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
tief in die Stirn gedrückt den Hut.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht seine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,
auf allen Meeren er gekannt
vom einen bis zum andern Strand,
der »Hai« getauft für seinen Mut.




Gastgeschenk

Dies blaß in Flammen gelbundgrüne Mannsblatt,
knabenüppig, und dies zarte
Schneeglöckchen, eben aufgeblüht,
ganz furchtsam weiß,
im irdnen Topf –

die beiden Kinder wuchsen so allein
und hatten niemals einen Duft genossen,
da pflanzt'ich sie zusammen
und brachte sie zu Dir ...




Mädchenfrühling

Aprilwind;
alle Knospen sind
schon aufgesprossen,
es sprießt der Grund,
und
sein Mund
bleibt so verschlossen?

Maisonnenregen;
alle Blumen langen,
stille aufgegangen,
dem Licht entgegen,
dem lieben Licht.
Fühlt, fühlt er's nicht?!




Nicht doch!

Mädel, laß das Stricken – geh,
thu den Strumpf bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
für die jungen blüht der Klee!
Laß, mein Kind;
komm, mein Schätzchen!
siehst du nicht, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen

Mädel liebes, sieh doch nicht
immer so bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
junge sehn sich ins Gesicht!
Komm, mein Kind,
sieh doch, Schätzchen:
über uns der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen ....

Siehst du, Mädel, war's nicht nett
so an meiner Seite heute?
Das ist was für junge Leute,
alte gehn allein zu Bett! –
Was denn, Kind?
weinen, Schätzchen?
Nicht doch – sieh, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen ....




Oben und Unten

Ueber die grauen Dächer weg,
hoch hier oben,
durch die langen roten Nelken,
die vor meinem offnen Fenster
leise zwischen mir
und dem blauen Abendhimmel schwanken,
will mein Auge,
will meine Seele
hinaus, hinauf.

Um die höchste goldene Kirchturmkugel,
im letzten fernen Lichte,
mit hellen Flügeln,
zieht ein Taubenschwarm
zitternde Kreise
über dem Hause
meiner Geliebten.

Aus dem blassen Westen
will der erste Stern und überflimmert
scheu den lauten Dunst und trüben Lärm
der großen Stadt hier unten,
wie der erste, winkende Traumgedanke
aus dem wirren Schwarm der Lebensfragen
in der Seele des Müden taucht –
da klopft es.

Klopft und ist auch schon im Stübchen,
sitzt mir auf dem Stuhle gegenüber,
sagt kein Wort, und nur die roten Lippen
unterm schwarzen Ringelhaar
winken roter als die rote Bluse
auf den scheuen Knospen ihres Busens;
und ich sage auch nichts.

Ihre schwarzen Augensterne zittern
durch die stumme Dämmerung des Stübchens
hoch hier oben
einen süßen jungen Evablick
nach den langen roten Nelken hin;
ihre Augen!

Und ich angle nach ihr mit den Beinen,
diesen Perpendikeln meines Herzens:
Kleine, merkst du,
was die Uhr geschlagen hat? –




Helle Nacht

Nach Paul Verlaine.

Weich küßt die Zweige
der weiße Mond;
ein Flüstern wohnt
im Laub, als neige,
als schweige sich der Hain zur Ruh –
Geliebte du.

Der Weiher ruht, und
die Weide schimmert;
ihr Schatten flimmert
in seiner Flut, und
der Wind weint in den Bäumen –
wir träumen ... träumen.

Die Weiten leuchten
Beruhigung;
die Niederung
hebt bleich den feuchten
Schleier hin zum Himmelssaum –
oh hin – o Traum ...




Lebe wohl!

Eine dicke Tigerschlange liegt
müde um mein Herz geringelt
ihre satten Augen thun sich zu.
Einmal züngelt
ihre dünne Zunge noch. Sie schläft ...
Lebe wohl, mein blutend Täubchen Du.




So im Wandern

Ein silbern klein Herze,
von Golde ein'n Ring,
die gab sie mir, als ich
wandern ging,

und that in das Herze
ihr Bild hinein;
so einsam der Morgen,
bin doch nicht allein ...

Arme Padde im Gleise,
zerquetscht liegst du.
Ich wandre meine Straße
und wandre immer zu.

Schon teilt sich der Nebel
und schimmert die Welt,
im Sonnenschein glitzert
das Aehrenfeld;

die Hummeln summen,
die Lerchen klingen;
die Birken wehen,
die Zweige schwingen;

die Pappeln, die schütteln
die Blätter im Wind;
sie flüstern, sie singen
von meinem fernen Kind.

Das Herzelein nehm'ich
vom seidenen Band
und leg's in das Ringlein
in meiner Hand,

so streit ich und schau
als ein Zeichen mir's an:
so halt ich in Treuen
ohn Ende Dich umfahn ...

Was rennst, Meister Lampe?
heut jag'ich nicht.
Ich wandre, ich schreite;
die Sonne sticht.

In Dorfes Mitten
der Friedhof sich hebt;
wie wird's gar kühl sich ruhen,
wenn man mich einst begräbt!

zwei weiße Rosen biegen
ums Grabkreuz die Aest,
drauf steht mein Nam geschrieben;
bis der Regen ihn löscht ...

Hinterm Kirchlein die Schenke
heißt »Zu den 3 Linden«;
da wird ein Ruheplätzchen
sich auch wol noch finden!

Ei Tausend, mein Schätzchen:
so schmuck, und allein?
Ei komm doch, rück näher;
trink aus, schenk ein! –

Na Schätzel, was weinst denn?
Ja, die Welt ist hohl,
die Welt ist ne Flasche:
trink aus! leb wohl! –

Was wackelt der Pfahl da?
der ist wol betrunken!
Ich wandre, ich schreite,
in Sinnen versunken.

Wir war'n ja so alleine;
und sie, sie so weit!
ich will ihr Alles sagen,
bis sie mir verzeiht ...

Und am End meiner Reise
steht mein elterlich Haus,
da schaut mein lieb Mütterchen
am Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater,
wie'n König auf sei'm Thron,
und will's nicht verraten,
daß er wart't auf sein'n Sohn ...

Nun will ich nicht sinnen,
ob man glücklich kann werden;
der Himmel ist hoch,
und wir leben auf Erden –
schrumm!




Mondnächte




1.

Damals, Seele, ja; ich war ein Kind –
und das alte Forsthaus dumpf und eng.
Und in hellen und in dunkeln Nächten,
wenn ich so am Kammerfenster stand
und die großen Eichen schwarz erschauern hörte,
wurde mir das Dach noch dumpfer.
Denn immer sah ich,
drüben,
drüben fern,
wo aus der Waldnacht um die Felder
die Eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,
immer ruhte dann da drüben
durch die Wolken
jener weitgewobne Schimmerkreis.
Und in bleichen Nächten
war er blaß und flehend
wie ein Heiligenschein,
aber in den grauen
tröstlich blau und schirmend
wie der Glanz von einem klaren Stahlschild
oder mild und gelb wie Kronengold;
und ich wollte König werden.
Meine Mutter aber sagte mir's,
dort lag Berlin ...
Damals wußt'ich nicht, warum mir bangte,
als sie mir die Stirne küßte.
Dort lag die Lichtstadt
und straalte ...

Heute ist auch Nacht;
der Mond will in mein Fenster,
und ich sehe über tausend Dächer.
Im schweren, weichen Schnee
ruhn und horchen mit verhaltnem Atem
die Schatten der Stadt.
Bis in den blauen Silberschein der Ferne
schwillt in langen Falten
weiß und zart die sanfte Decke hin,
wie über die Kissen
eines Täuflings.
Die aber, die darunter schlafen –
und wachen? – –
Schwarz und scharf
stechen die Türme,
Kirche neben Kirche,
in den kühlen Himmel;
stahlspitz flittert ein Glanz
um die finsterhohe Kuppelkrone
jenes Palastes,
und über einem dicken Schlote
stockt ein Schild von Qualm.
Jetzt, unten an der Ecke drüben,
wo eine Gaslaterne
trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,
schimpft ein frierender Schutzmann
ein betrunknes Straßenmädchen aus.
Seele, ja:
da liegt Berlin ...




2.

Der Nebel staut sich,
Hütten dunkeln,
Dorfgiebel fliegen über Lichtern hin,
noch bleicher wird die Nacht;
die jagende Wagenkette,
schwenkend, strafft sich,
die Maschine heult Warnung,
und vorbei.
Ein entlaubter Kirchhof,
und wieder kreisen
um mein klirrendes Fenster
die toten Wiesen,
huschen Büsche,
eilt der fahle Streifen Horizont
auf den kriechenden Wäldern lang;
mich fröstelt.

Drei Monate:
da war die Mondnacht warm und anders.
Wie auf Wolken
trug der kleine Kahn des stummen Fischers
uns den Strom hinab,
selbst die Schatten gaben Licht;
an meiner Seite saß ein Freund,
und ich sagte ihm
alle meine Sünde – und ihr Glück.
Und über ihrem Giebel,
unterm Baldachin der Königspappel,
als wir durch die Brücke bogen,
stand groß und strahlend,
wie in einem Tabernakel,
der goldne Mond
und neigte flimmernd auf das Moos des Daches
sein grünes Haar.
Gestern aber, als ich Abschied nahm:
»Mein Fräulein, Glück?« – Und jener Freund
dachte wol schon damals:
du Tropf und Schuft!

Mein Fenster schwitzt;
das kühlt die Stirne;
gleich und gleich gesellt sich gern.
Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
bleich ins bleiche Feld;
ein Dornbusch zerreißt ihn.
Jetzt: dort starrt,
wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
der grelle Vollmond durch die kahlen Birken;
die Zacken weichen,
mit seinen langen blassen Füßen
läuft er auf den blanken Schienen
meinen rasenden Gedanken nach.




Bann

Wie aus dem Schilf die Wassersee
tauchtest du winkend aus der Schaar
der Andern um uns zu mir her
mit deinem langen schwarzen Haar
und deinem fernen Augenpaar.

Und standest nun und sahst mich an
mit deinem blassen Uebermut,
und deiner Fragen perlende Flut
und deiner Lippen jungjunges Blut
lachte mich an, lachte mich an.

Nur in deinen Augen blieb so fern,
so fern wie auf des Weihers Grund
in winkender Nacht der irre Stern,
ein Zittern und Leuchten stehen; und
mir log dein Mund, mir log dein Mund.

Denn in unsern Träumen – oh, ich weiß:
auch du, auch du! dann tauchen wir
Hand in Hand hinunter, stumm und heiß
sucht Mund den Mund, holen wir leis,
wir uns vom Grund, den Stern vom Grund ...




Gieb mir!

Und du kamest in mein Haus,
kamst mit deinen schwarzen Blicken;
sah ich still die Palmen nicken,
und du gabst mir deinen Strauß.

Gabst die zitternden Narzissen,
die wir in der Wüste pflückten;
deine schwarzen Locken schmückten
meines Divans rote Kissen.

Kehre wieder in mein Haus,
laß die wilden Blumen blühen;
unsre jungen Lippen glühen,
gieb mir, gieb mir deinen Strauß ...




Und dennoch!

Und bist vom auserwählten Stamm
und liebst dein Volk und uralt Blut,
und fast wie Haß ist deine Glut
für deinen schwer gequälten Stamm;

und träumst von euerm Sinai
und der nur Euren Himmelsnäh',
und stehst wie Mose vor Jahwäh
und stehst und schwörst: ich wanke nie.

Und dennoch kam in deinen Mund
das Wort, das einst am Jordan klang;
da rang ein Mensch mit sich – und rang
sich weinend los vom alten Bund

und sprach, indeß sein blutend Herz
aus Schauern schwer gen Himmel stieg:
Nur dein Entsagen ist dein Sieg,
und eins und gleich ist Aller Schmerz.

Wie kam es doch, das Wort der Qual,
des Menschensohnes Siegesnot,
auf Deine Zunge – sein Gebot:
»Sei stark, zerbrich den Trieb der Wahl!«

und liebst ein auserwähltes Volk
und fast wie Haß ist deine Glut?!
Und siehe, um dich rauscht Ein Blut:
der Menschen schwer gequältes Volk ...




Das Menschliche

Und doch, und doch, du stolzes Kind,
viel stolzer fühlt mein kleines Lied,
das kindlich vor dir niederkniet
und fromm beginnt:
Wärst du im Ehrenkleide
der Hohen höchste Zier,
ich fühlte doch trotz Seide
und Hohheit und Geschmeide
als deiner Ehren erste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.

Und doch, und doch, noch stolzer schwebt,
du stolzes Kind, mein kleines Lied,
das nun auf dich herniedersieht
und fühlt und bebt:
Wärst du in Schmach gefallen,
du die Gemeinste hier,
und Mein Herz rein vor Allen,
ich dächte Dein vor Allen,
weil meiner Reinheit reinste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.

Und doch, und doch, du stolzes Kind,
viel stolzer fühlte wol mein Lied,
das stolz vor Deinem Stolze flieht,
wenn still und blind
wol nun ein Bangen käme,
wol zwischen dir und mir,
nun ein Verlangen käme,
dich wild gefangen nähme,
daß wir vergäßen – fühlst du? wir
die Gleichheit zwischen dir und mir.




Antwort

»Lieber kein Glück, nur lauter sein,
Nur keinen Schritt abseits vom Recht,
Nur keine Schuld, lieber kein Glück –
O Gott, ich stürbe, würd'ich schlecht!«
Hedwig.

Ich hab ein Glück! Kennst du den Funken,
der seine hellsten Gluten wagt?
Er glüht. Und ob er feuertrunken
verglüht zu Asche über Nacht:
er glüht! sein Wesen ist sein Schein –
»Lieber kein Glück, nur lauter sein«,
nur lauter!

Ich hab ein Recht! Kennst du die volle
Woge, die zur Brandung schäumt?
Kennst du den Sturmgeist, der die tolle
springende Woge noch toller bäumt?
Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht –
»Nur keinen Schritt abseits vom Recht«,
keinen Schritt!

In meine tiefste Seelenstille
horcht mein erstauntes Ohr hinab;
da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille,
den eine tiefere Macht mir gab!
Ich bin kein Frevler am Geschick –
»Nur keine Schuld, lieber kein Glück«,
nein: keine Schuld.

Seit meiner Jugend droht im Rücken
mir eine flach erhobne Hand;
ich muß mich mit mir selbst beglücken,
seit ich die Welt so feige fand!
Du meine Inbrunst, du mein Recht –
»O Gott, ich stürbe, würd'ich schlecht«,
auch schlecht ...




Nur

Und der Abschied war kein Ende,
und mein Blick bewegte dich;
und es war, als legte sich
still dein Herz in meine Hände ...

Aber wenn du wiederkehrst,
will ich deine Hand nicht küssen,
will es nur empfinden müssen,
wie du deinem Herzen wehrst ...




Büßende Liebe

Aus deinen grauen Augen droht,
mir so vertraut,
wie ein erstarrter Klagelaut
mit bleichen Zügen ein Verbot;
ich weiß, auch du ... Du warst einst Braut.

Das hat in deinen Blick gebracht
dies fahle Licht,
das durch die schwarzen Wimpern bricht;
mir ist, als sahst du einst die Nacht
von Angesicht zu Angesicht.

O komm und gieb mir deine Hand;
in dein schwarz Haar
nimm diese rote Lilie dar,
und um dein dunkelblau Gewand
dies goldne Gürtelschlangenpaar.

So führe mich, indeß du weinst,
den langen Pfad.
So kommen wir der Nacht genaht
und beten beide: Mutter! einst –
wir übten Beide schon Verrat!

Dann legt, indeß wir niederknien,
dann legt die Nacht
auf deines Haares schwere Pracht
die Hand – und flüstert: Liebe ihn,
der sich und Andre friedlos macht!

Dann hören deine Thränen auf,
dann kommt ein Stern;
der winkt so neu, so neu, so fern,
dein graues Auge schaut hinauf,
dein dunkles Auge ... Sinke, Stern!




Bitte

Nur: sage, »Du« ... ich will ja nie,
nie wieder deine Lippen küssen,
nun wir's gefühlt, so Knie an Knie
gefühlt, daß wir uns lieben müssen.

Das Abendrot umfing so brennend
der Eichen hohe Knospenkette;
wir aber sahen nur, uns trennend,
die schwarzen, ragenden Skelette.

Und nickten doch von vielen Bäumen
schon Blüten unsrer Liebe zu
und erstes, keusches Grün; so träumen,
so nicken Kinder ... sage »Du«.




Dann

Doch als du dann gegangen,
da hat sich mein Verlangen
ganz aufgethan nach dir ...
Als sollt'ich dich verlieren,
schüttelte ich mit irren
Fingern deine verschlossne Thür.

Und durch die Nacht der Scheiben,
ob du nicht würdest bleiben,
bettelten meine Augen, und –
Du gingst hinauf die Stufen
und hast mich nicht gerufen,
mich nicht zurück an deinen Mund.

Vernahm nur noch mit stieren
Sinnen dein Schlüsselklirren
im schwarzen Flur, und dann –
Traum ... bis die Schatten kamen,
wo wir im Park zusammen
ins bodenlose Wasser sahn.




Die zweite Nacht

Drum komm, o komm, noch einmal schweigt
so voll ins Feld, so weiß und weit
der Mond ins Feld; noch einmal zeigt
die weite Nacht,
die zweite Nacht,
uns unsre nackte Seligkeit.

O komm, o komm, ich will dich sehn –
und silbern rauscht der Eichenhain;
die langen Wiesenhalme stehn
so still, so weich
am kleinen Teich,
und schimmernd tauchen wir hinein.

Und schimmernd, schimmernd heb'ich dich
heraus ins dunkelgrüne Kraut,
dein schwarzes Haar umrieselt mich,
der Tau wird warm,
und Arm um Arm
erkennt den Bräutigam die Braut.

Und dann, o komm – oh flieh! denn dann:
wir hatten Schooß in Schooß geruht:
von einer gelben Blüte rann,
du sahst es nicht,
im bleichen Licht
ein Tropfen Blut – Dein Tropfen Blut.




Der Brand

Nur Zufall ... Bleiern lag Berlin
im Abendlichte Dach an Dach;
trüb sah sie in das Feuer,
das drüben aus dem Giebel brach.
Die Flammen zuckten.

Im Rahmen meines Fensters,
so stand sie schwarz und stumm vor mir;
und im Nebenzimmer spielte
eine blasse Frau Clavier.
Drüben wühlte die Glut.

Die blasse Frau war meine,
und Diese stand so nah und hold;
flimmernd säumte der rote Schein
die lieben Locken mit dunklem Gold
und Funkengestiebe.

Es zog mich hoch: ich mußte,
ich wollte sie an mich ziehn.
Eine große trübe Wolke Rauch
kroch über ganz Berlin;
die Flammen erstickten.

Ich stand mit scheuen Händen,
das Spiel dort klang so seelenklar;
und oben über der Wolke glomm
und zitterte so wunderbar
ein blasser Stern ...




Ueber den Sümpfen

Wo wohnst du nur, du dunkler Laut,
du Laut der Gruft?
Was rinnt und raunt durch Schilf und Duft
und glüht wie Augen durch die Luft,
durch Rohr und Kraut ...

Es lehnt die Nacht am offnen Thor
und weint und winkt.
Zwei graue Hunde stehn davor
und lauschen mit geneigtem Ohr,
wie's klingt
lockt blinkt ...




Hamburger Lästerbrief

Farewell! a long Farewell!

Durch mein warmes Zimmer duftet ein Veilchenstrauß, von der Morgencigarette steigt ein letztes krauses Wölkchen, im weißen Kachelofen knistert der Kien; fast als säße ich zu Hause. Eben ist der Kellner gegangen, fast unhörbar; nur der Ring am Schlüssel tieckt noch. Und ich schlage mein Notizbuch auf und gehe zur Beichte.
Es ist so süß, sich von Frauen verzeihen zu lassen, daß man dafür gerne mal an ihnen sündigt ... Nichts fürchte heftiger als das Bestimmende, das im Unbestimmten lauert ... Die Scham ist die gefährlichste der Tugenden; eine Maske, die uns allzu leicht auch vor uns selbst verbirgt. Wer seine Schöhzeit sucht und heilig hält, muß das Gewissen der Hacktheit haben ... Nur nicht jene Ideale, die wie Sterne am Himmel stehen! Nachtschwärmer haben dünne Beine. Sieh in dich!... Schwache Herzen lieben die Sterne. Da stehn sie und scheinen, so unsäglich viele, und stehen so hoch; und es ist nicht Unsre Schuld, daß sie Keinem in den Schooß fallen. Das wäre auch lebensgefährlich ... Wer sich aber grämt über die Auswüchse seiner Nacktheit, liebt sie noch; wie ungeratne Kinder. Gleichgiltig werde gegen sie, und dann das Messer!
Das erinnert mich; der Weihrauch fehlt:, ich schneide mir eine Zigarre an. Aber die Veilchen. Also nein! –
Du wirst leiden; das Starke weckt den Scheelblick der Schwachheit. Mach ihn dir zum Wächter deiner Gewisenhaftigkeit ... Wünsche dir kein Glück, du hast es in dir; bewußt sein ist Alles ... Jugendideale: Würfelspiele aus alten Bechern. Und die Alten: sind sie nicht jünger als du? und werden immer kindischer! Um die Weisheit und den Irrtum deiner Väter ist deine Jugend älter als einst ihre und reifer für die Zukunft; wünsche dir kein Glück, du hast es vor dir ... Und die Andern? Werde immer nackter in der Liebe, daß sie deine Häßlichkeiten sehen wie du selbst und ihrer eignen Schönheit treuer werden und die Sehnsucht höher achten als das Glück. Denn wir lieben Alle unsre Zukunft, doch fast Alle sind Patienten des Augenblicks ... Aber prahle nicht mit deinen Flecken, wie die Straßenjungen mit zerrissnen Hosen, daß du sie nicht lieb gewinnst und deine Nacktheit dir ein Opfer bleibe vor dem Thron der Klarheit.
Nein, so geht es nicht; ne Cigarette wenigstens; ah! – Und das Grübeln macht ja doch nicht freier. Noch dazu die fremde Aussicht immerfort; zwischen jeden Gedanken schiebt sich ein anderer Baum oder Erker, und der Tanz der Sinne beginnt. Seltsame Stadt!
Klopstock und Heinrich Heine; Wollkontors und Chinawarenspeicher; Schwäne, Jungfernstieg, berühmte Gräber; heimliche Liebe in öffentlichen Häusern; Hafen, Börse, und der große Brand; halbtausendjährige Giebel, elektrische Monde; »hamburgische Dramaturgie« und weltberühmte Tingeltangel, u.s.w., u.s.w ... o du tolle, bunte, wunderliche Wasserstadt!
Gott, in welchem Wirbel taumelnder Erinnerungen, träumender Erwartungen kommt man schon hereingerollt; und das Traumnetz spinnt sich immer dichter, je weiter man die Sinne öffnen möchte. Selbst auf den Straßen gestern Mittag: tief durch all den rasselnden Lärm, alles schreiende Gewühl der Börsenzeit meint'ich immer einen fernen zauberischen Laut zu hören, wie den langen, feierlichen Grundton in der Brandung eines Wasserfalls. Und vor mir, vom Zimmer aus, glänzt das Becken der Binnenalster; man möchte garnicht weg vom Fenster; Bild um Bild. Vorgestern Nacht schon, wie mein Wagen plötzlich um die Ecke bog, aus der Gassenschlucht heraus auf die breite Promenade – nämlich in fremden Städten muß man stets, die ersten Tage wenigstens, im feinsten Hotel mit der schönsten Aussicht logiren; schlimmstenfalls, nächst verliebten Kellnerinnen, sind deutsche Hotelwirte die geduldigsten Gläubiger – »der Not gehorchend«, wie Schiller sagt – also ja: es war die reine blaue Wunderinsel, plötzlich der weite, schwebende Kranz von hundert leuchtenden Kugeln, wie ein Saum von Riesenperlen hingeschlungen durch die flimmernden Zweige der nackten Linden um den schwimmenden Lichtschild, den sie durch den seidig grauen Nebel wölbten, unten ins nächtige Wasserviereck einen Zaun von zuckenden Schwertern bauend, opalisch bleich, umflochten von schwankenden Silberranken, nach Osten hin dunkel geöffnet, und immerfort ins Bodenlose fließt das funkelnde Gitterwerk, ruht und sinkt und steigt und stürzt der paradiesische Gartenglanz; und jetzt, in blitzender Hast, durch die schwarze Pforte im Osten schießen zwei große glühende Käfer, ein zitternd grüner, ein blutig roter, und ihnen nach – ein dumpfes, rollendes Fauchen – eine schuppig glitzernde Schlange durchs Wasser – ein heulender Pfiff – ah, dort muß ein Brückenbogen sein – richtig, die Lombardsbrücke – und drüberhin der Schnellzug, der mich hergebracht hat und nun weiterras't nach Norden, ins Märchenland:

»Schleswig-Holstein, meerumschlungen,
Schleswig-Holstein, stammverwandt!«

Kindermelodieen unterm Hut, spring ich aus der Droschke, dem geneigten Herrn Portier die Ehre der Bezahlung überlassend, die er mir morgen doppelt vergelten wird – auf der Rechnung. Dafür aber wohnt man doch einmal auf Perserteppichen und Sammetstühlen, noch dazu in einer sogenannten freien Hansestadt, was ja Allerlei zu denken gibt für einen vogelfreien deutschen Reichspoeten.

Herrlich: ja, wir Seelenschreiber!
Herrlich, ja: dies Brotgequäle!
Denn die Kinder; denn die Weiber.
Und so wird man Schreiberseele.

Eine volle Stunde hab'ich wol noch aufgesessen und die künstliche Mondnacht genossen, und kam mir immer nüchterner vor als »eigentlicher« Berliner. Ach du schnurgerade deutsche Reichskasernenstadt! Nicht einmal elektrisch war sie zu kurieren, die geliebte preußische Parademetropole. Ja: wir haben »unsre Linden«. »Feeenhaft!« schnarrt der Herr Assessor auf der Abendpromenade. Das gefällt ihm, diese drei Kolonnen patentirte Siemenslampen, säuberlich in gleicher Höhe aufgereiht die runden Milchgesichter, recht wie eine Compagnie Rekruten, wenn Herr Leutnant einen Witz geruhen. Aber es paßt! Wir haben Stilgefühl, bombenhaftes Stilgefühl: vom Kanonendenkmal auf dem Königsplatz bis zur Kaiser-Wilhelms-Brücke mit den wundervollen Krautstrunk-Kandelabern, ja nicht zu vergessen all die schönen Zinnsoldaten mit und ohne Pferd vor der Schloßterrasse und am Opernhaus. Es lebe die Uniform!
Und mit einigen frommen Wünschen stieg ich ins Bett. Und gegen Morgen träumte mir, die Mongolen seien nach Berlin gekommen; und die Spree war dicht am Ueberlaufen, soviel herrliche Siegesmonumente der berühmtesten Meistergreise preußischer Nation hatten sie hineingeschmissen. Am Ufer aber standen alle jungen deutschen Künstler – viele waren's nicht – und hielten sich die magern Bäuche vor Lachen und klatschten sich die dünnen Schenkel vor Vergnügen, diese unpatriotischen »Hungerleider«; davon wachte ich auf. Es war aber nur das Klappen der Pferdehufe auf dem Asphaltpflaster unten vorm Hotel. Ja, man hat so seine Träume in der freien Hansestadt Hamburg; und was kann der Mensch für seine Träume.
Heute freilich ist es fast zu hell zum Träumen. Der erste klare Herbstfrost; alle Nebel sind gefallen über Nacht, auf der hölzernen Landungsbrücke unten am Bassin liegt ein dicker Pelz von Reif. Ein zarter grüner Wolkenstrich im Norden läßt den weißen Himmel noch kühler scheinen. Und doch: drüben auf dem Jungfernstieg, barfuß, am Eisengeländer, steht ein kleines schmutziges Mädchen. Frierend sieht es sich die stolzen, reinen Schwäne an und die schlanken Dampferjollen mit den lustig bunten Flaggen, wie sie an- und abfahren im Kreise, lange blinkende Doppelfurchen durch das tintige Wasser ziehend. Arme kleine Sehnsucht! Und – heut Abend will ich auch, heidi, zu Schiffe. Ja, und dort im Alsterpavillon saß Heine, wenn er die Börsenstunde schwänzte, und träumte von – erfrornen Schwänen. Nun rennt die Kleine dran vorbei; die breite Glasfront glitzert im Frühlicht wie ein stiller Teich, den die ersten Eiskrystalle überzittern. Ich sehe nach Osten: zwei Dampfer pfeifen sich gellend an.
Nordost. Schräg zur Rechten hinüber. Welche kalte, harte Pracht! Vorn, ein kolossales Postament, die drei finsterroten Sandsteinbogen der Lombardsbrücke; steil empor dahinter, eine Wand von glattem Silber, zwischen hohen schwarzweißroten Wimpelstangen, steigt der Spiegel der Außenalster; ringsherum ins letzte dürre Laub der braunen Bäume tüncht die fahle Morgensonne einen Rahmen goldiger Lichter; Alles ferne überkrönt von gelb beglänzten Villenfronten, schwärzlich blanken Turm- und Erker-Zacken; ganz im Weiten oben Schlot an Schlot, schmal und kahl, lange dünne Fahnen Rauch vor den blassen Himmel heftend. Dort wohnt Hamburgs knochenstarrer Reichtum.
Durch mein warmes Zimmer duftet der Veilchenstrauß, im Kachelofen flattern und summen die Flammen, aber mich fröstelt. Wenn's doch wieder gestern wäre, gestern Morgen, wo das alles kaum zu sehen war dadraußen, vor dem festen, dichten Nebel. Gestern; o du blauer, blauer grauer Montag!
Wie das alles kinderseltsam war. Wie die Veilchen dufteten früh. Ach viel süßer, viel verbotener als heute. Ob sie wol den Brief nun hat? Ob sie das wol ahnte, Sonntag Abend auf dem Bahnhof? als sie mir die Cigaretten nachwarf, ganz zuletzt noch, wie der Zug schon rollte, durchs offene Fenster, und der alte Förster neben mir sich schmunzelnd in den Schnauzbart griff, während mir die Thränen in der Kehle standen.
Nein: es durfte nicht so bleiben. Denn ich liebe doch die Andre noch, und viel seelenwerter, viel vertrauter. Und es ist ein eigen Ding um zweierlei Liebe. Plötzlich sieht man, daß man nur sich selber liebt, sich und seine Lust, und dann kommt ein Grauen, ob man überhaupt noch etwas liebt; denn wer weiß denn, was es ist, dies kalte, gierige Ich! – Nur zuweilen wollen wir uns Veilchensträuße schicken, scheue Blumen der Kinderliebe, und uns jener Sommernacht erinnern, jener einzigen, unterm jungen Eichbaum, wie wir über die Sterne lachten, daß sie gar so albern durch die dunklen Blätter äugten; ach du liebe kleine Dornkatz!
Ja, so saß ich denn und schrieb mit Bruderworten an das Mädchen, das mir gar zu lieb geworden war mit ihrer Kraft zur freien Lust, – und »sollst nun meine Schwester werden«, schrieb ich ihr, »um einer schwereren Freiheit willen: einer Freiheit, die sich selber ihre Sünden setzt, Sünden der ererbten Lust wider die Lust der Zukunft«. Und jene Verse von Julius Hart, die wir damals immer wieder hatten lesen müssen:

»Noch Einmal laß mich deine Hand
inbrünstig küssen, heiß und schwer,
nicht deinen Mund, nicht deinen Mund,
ich ließe dich sonst nimmermehr.«

Und es war sehr schön, was ich von dem neuen Paradies der Unschuld schrieb, wo es nicht mehr Männer geben würde, die in wahllos unverschiedner Tieresglut ihre Sehnsucht an zwei tief ungleiche Weiber hängen können, und nicht mehr Weiber, die zuzweit in Einem Mann Genüge finden. Aber draußen, wie gesagt, stand ein fester grauer Nebel auf der dicken Flut; und die bleidunklen Wellen der Alster gingen schwer unruhig hin und her und auf und nieder im feuchten Wind, wie lauter pochende Herzen; und die Schwäne schwammen in dem dichten Dunst so klein und blaß wie zerdrücktes Papier, weggeworfene Liebesbriefe; und nicht Ein gelbes Blatt mehr an den kahlen Linden.
Ob sie mir wol glauben wird? Ob sie an die Abendstunde denken wird, als wir Drei zusammensaßen und sie mit den trotzig krausen Lippen und heimlich klagender Stimme ihr geliebtes Nordseelied begann – von den beiden Edelkönigskindern, die doch nimmer nicht zu'nander kommen konnten – und ich an den Flügel ging:

Freilich, wenn wir schliefen
in dem viel zu tiefen
Wasser zwischen uns:
schliefe auch das Büßen
dieser sündig süßen
Unschuld zwischen uns.
Aber mit dem Leben
schliefe auch – das Streben.

Nein, mir war nicht wohl zu Mute, als der Bruderbrief nun klappernd in den Postkasten fiel. Und die Dampferpfeifen im Bassin hörten sich so schreiend an, fast höhnisch. Go to a nunnery, Ophelia ...
Rasch unter Leute! Die Börsenzeit ging eben los. Oder lieber noch ins Freie! Richtig: nach Ottensen: Schloß Liliencron. Darauf hatt'ich mich ja schon seit vierzehn Tagen gefreut, seitdem er mir den langen, tollen Brief geschrieben: den Dichterbaron kennen zu lernen, den holstischen Hünen, mit seinen beiden Teckeln, seinen Pferden und seinem grenzenlosen Menschenherzen. Und gegen Baedeker mich versündigend, drücke ich mich sorgfältig um den Börsenmarkt herum; diese Tempel des modernen Gottes sind ja immer in demselben, irgend einem oder mehreren, antiken Säulenstibel zusammengeschustert, und dann die Schaaren dieser »Gläubigen« dazu, das geht mir wirklich wider den Geschmack, trotzdem sich mein Culturbewußtsein der antisemitischen Instinkte so ziemlich entwöhnt hat. Also schnell auf den Wagen, den »fiefrädrigen, wo de Kutscher obenup sit't«, wie mir ein Eingeborner mühsam auf Hochdeutsch bedeutet, mit halbem Blick auf meinen eleganten, fast bezahlten Ueberziehr. Und so rumple ich denn auf meinen fünf Rädern durch die Straßen und Gassen; über drei vier Schleusenbrücken weg, unter denen die Wellen der »Fleete«, so träge wie ihr Name, vom Alsterbecken zum Elbhafen schleichen; hier und da ein schönes altes Giebelhaus, das vom Brand vor 50 Jahren und vom Grundstückschacher noch verschont geblieben ist; hin und wieder eine alte Vierländerin, minder schön mit dieser scheußlich steifen, schwarz lackierten großen Schleife im Genick unterm strohgelben Tellerhut, und lange dürre, schwarzbestrumpfte Waden aus dem kurzen dunkelblauen Wollrock streckend; sonst wol ziemlich dasselbe Treiben wie im Molkenmarktviertel Alt-Berlins, blos – etwas weniger Polizei. Nun durch Sankt-Pauli nach Altona hinein; ringsherum die vielen Tingeltangelhallen, eine neben der andern, mit den unmöglichsten Barock-Gemüsen übertakelt, aber im Ganzen doch ein hübsches Bild, der weite Platz mit den kleinen Linden und zwischendurch der niedrige Schnörkelkrimskrams, wie eine tiefhängende steinerne Guirlande die beiden Schwesterstädte verbindend.
Endlich! »Ottensen Bahnhof« ruft der Conducteur. Nun herum um den »altehrwürdigen Friedhof« mit der berühmten Dreigräber-Linde vor der verwitterten Kirchenwand – was Großpapa Klopstock wol zu Liliencrons Gedichten sagen würde?! Schnell noch einen Durchblick nach der öligen Elbe hinunter, wo die großen Seedampfer trompeten, sehr komische Ungeheuer mit diesen mächtigen Schaumschnurrbärten um die riesigen Kinnladen; und schon steh ich am Portal des freiherrlichen Musensitzes.
Der Herr Baron »waren grade nicht zugegen«, wurde aber bald erwartet. Also pflanzte ich mich in sein Arbeitszimmer, das Wirtschaftsfräulein brachte eine Flasche herben Spanier und, nach kurzem, da sie wol den Fremden in mir witterte, das Nationalgericht: Aalsuppe. Vorzüglich! und Liebesschmerzen machen Hunger. Dann vertiefte ich mich in den »Haidegänger«, sein letztes Gedichtbuch, das auf dem Schreibtisch lag, höchst verwahrlost, als Lampenteller; daneben einige Bände Storm, und zwei von unserm lieben, alten, immer jungen Trutz-und-Lachbart Wilhelm Raabe. Also den Lampenteller; siebzehn Seiten, und meine Träume blieben haften – »auf dem Aldebaran«.

»Die himmelblauen Schmetterlinge leuchten,
Der schwefelgelbe Pfau, der mich umschweift,
Das grelle grün, das meinen Rasen brennt« –

halt! das war die rechte Stimmung für den Spanierwein. Ich las und las.

»Und sie, indem ihr dunkles Auge sich
Mit meinem bindet – –
Verachtung um die Lippen schürzend« –

hatte Er das auch erlebt?!

»Und ich, ein Fürst hier auf dem Aldebaran – –
Hörst du's? ich wünsche, nein ich will, ich will,
Daß du mich liebst auf diesem roten Stern!«

Ob das wol sein Eheweib gewesen war? –

»Viel besser sind die Menschen hier als unten!
Mehr Liebe, mehr Verzeihung und Geduld,
Kein Mißverständnis mehr – –
Doch sie« – – –

ich schrak auf; die Thür ging; er stand vor mir. Ich glaube, daß ich meinen Namen nannte. »Richard?« fragte er. »Detlev!« schlug ich ein. Ein paar knappe Worte, ein Gang durchs Haus, und rasch saßen wir zu Pferde; er auf seinem jüngsten Trakehnerrappen, ich auf einem prächtigen Berbergoldfuchs. In kurzem Trab um den rissigen, epheu-überglänzten Söller herum, durch den planvoll wilden Park an allerlei kecken Wasserstürzen vorbei, und nun scharf hinaus ins neblige Feld, sein Jagdrevier, die »lyrische Haide«, wie er mir lachend zurief mit zwinkernden Augen.
Wundervoll, wie der alte Knabe ritt. Jetzt in zierlichsten Courbetten, leicht und spielend, nach allen Regeln der Schule; jetzt bedeutungsvoll im »stolzen Tritt«; jetzt plötzlich langweg mit den übermütigsten Seitengängen, wie ein Bauernjunge auf ungesatteltem Ponny. Seine liebe Haide freilich nahm sich heute ziemlich trist aus:

» – – und langsam
Auf Moor und Brachfeld welkt der Tag«.

Nur ab und zu brachte ein schöner, kräftiger Platanen- oder Ebereschen-Baum mit seinem dauerhaften Laub oder den leuchtenden Beerenbüscheln etwas Rost- und Scharlach-Röte in das kahle, graue Bild. An diesen einsamen Bäumen, von vergoldeten Eisenranken gehalten, glänzten weiße Marmortafeln, in die der lyrische Besitzer mit blutroter Schrift die Namen der paar lebenden Zunftgenossen hatte meißeln lassen; hinter manchen standen frische Kreuze. »Die der Zukunft leben!« rief er mir zu. Friedrich Nietzsche las ich da; Hermann Conradi unter ihm. Keller, C.F. Meyer; Prinz Emil Carolath, Julius Hart; etwas wetterfleckig, aber umso farbentiefer, und diesem Namen warf ich dankbar einen Handkuß zu. Theodor Fontane, Arno Holz. Noch Einen, den ich im Fluge nur ahnen konnte. Die Karle Henckell und Busse; »o ihre Liebeslieder«, entzückte sich der Freiherr. Fern, verschwimmend, nur zur Hälfte lesbar, ein gewisser Otto Erich. Tief und zart, verschleiert, wie roter Mohn in hellen Sommernächten glüht: Loris. Taghell Zwei, auf die er mit schwärmenden Blicken wies: Bierbaum, Gustav Falke.
Jetzt nahm er pleine chasse eine Hecke. Entzückend: in dem weiten, weingelb flatternden Mantel mit der purpurnen Säumung, den er um den derben Jägerlodenrock geschlagen hatte. Oben legte sich der Burnus in eine seltsame Faltenkappe ein, seinen »Sarazenenhut« nannt'er sie; schwarz wehend überm Ohr ein Reiherbusch, den ein großer prächtiger Karfunkelrubin zusammenhielt; nach vorn und hinten eine lichte Spange von Smaragden um den Kopf, eingefaßt von dunkeln Veilchensteinen – ah, meine Veilchen. Und wie der Rappe schimmerte! Mir kamen die Verse in den Sinn, die Arno Holz, der graugewordene, in seiner farbenfrohen Jugend sang:

»Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir,
Von Seide knittert mein Gewand;
Und jeder Muselmensch hier glaubt mir,
Ich sei der Fürst von Samarkand«.

Noch eine Hecke! drüben stieg schon der Wald auf. Wir wollten nach »Poggfred«, Froschfrieden, wie der Baron sein Sommergut getauft hat; draußen hinter der Alster irgendwo. Nun ritten wir ein in den alten, braunen Steineichen-Dom. Plötzlich rechtsab in eine lange, ernsthafte Tannenstraße; fast hätt'ich vor Lachen die Zügel verloren, eine solche wunderliche Prozession von Monumenten hatte der Schalk sich da hinbauen lassen. Zu beiden Seiten des sandigen Weges, achtbar von einander entfernt thronten hier – wie sag'ich nur gleich – – die Litteraturpagoden. Alle steif die schwachen Beine gekreuzt mit dicken chinesischen Bäuchen und segnenden Händen. Viele saßen schon völlig still; Einige streckten, im Gleichtakt nickend, noch die Zungen aus den schweren Häuptern; ganz am Ende der Allee, im Nebel, schien mir auch Ibsen zu wackeln, ich bin aber kurzsichtig. Auf den pappledernen Postamenten standen mit Messingnägeln die Zahlen der Jahre eingenietet, in denen die verehrten Greise zum ersten Male für den Weihnachtstisch verlegt gethan gewesen worden sein sollen. Die Tannen rauschten so bedächtig, daß mir schon ganz schläfrig wurde.
»So; jetzt werd'ich Ihnen meine Folterlauben zeigen«, sagte der Freiherr, verschmitzt die Reitgerte schwingend, indem er in kurzen Galopp fiel. Gottseidank! Obgleich mir die Worte recht dunkel klangen. »Es sind verschiedne teutsche Tichter zu Besuch bei mir«, drehte er sich um, »die büßen hier für ihre Sünden«. Wir bogen in ein junges Untergehölz; ahah – das konnte ja lustig werden! Tief im Dickicht, auf einem Ameisenhügel, in brünstigem Gebet zu allen Göttern der Vorzeit, kniete Heinrich Hart, sie möchten endlich den »Mose« vom Sinai steigen lassen, womöglich nebst den übrigen 20 Gesängen des »Liedes der Menschheit«; unwillkürlich betete ich mit. Wilhelm Bölsche fand das, wie gewöhnlich, komisch; er stand vor einem Fischerhäuschen und flickte Netze.
Etwas näher an der Straße, unter einem roten Zeltdach, zerbrachen Henckell, Otto Ernst und M.v. Stern sich im Verein die Köpfe, auf Menschheit einen Reim zu finden; Bruno Wille saß daneben und enthüllte ihnen aus der Tiefe eines mysteriösen Sängers der Rumänen, daß die Sache ungereimt besser gehe. Franz Evers hatte sich, da es mit der Menschheit doch zu schwer schien, eben auf die Gottheit gelegt und bejauchzte sie mit großer Flottheit. Wilhelm Weigand, Schaumberg und Schaumberger schleppten Balken, Kalk und Steine zur Errichtung einer Züchtungs- oder Brut-Anstalt, in der sie eine neue Kreuzung aus Apollon und Dionysos erzielen sollten. Friedrich Lange aber füllte reines Menschentum in alte Flaschen, klebte neue Etiketten drauf und schrieb auf jede: »Reines Deutschtum«.
Ganz für sich, links von einem engen Schleifweg, in einer Urmenschenhöhle, hockte Ludwig Scharf vor einem Klumpen Lehm, einen Cyklopen knetend, der in seinen Ketten tobt; Mackay stand von fern und lächelte augurisch. Auf der andern Seite dieses Weges, einen Secirtisch zwischen sich, kämpften Cäsar Flaischlen und Panizza, Erneste Rosmer und Frank Wedekind mit gezückten Messern, Zangen, Nadeln und Pinzetten um den Unterleib eines modernen Menschen; Anna Croissant-Rust schmückte unterdeß den nackten Leichenteil mit Frühlingsblumen aus dem Treibhaus, Feuerlilien und Narzissen, Federnelken und Veilchen, sehr in Angst um ihren Schmelz – überall die Veilchen ...
Die Gestalten fingen nun im Nebel an zu schwanken und zu wachsen, Karl Bleibtreu kam; Er durfte seine Laube in Freiheit genießen, nur mit der ehrenwörtlichen Verpflichtung, in den nächsten drei Monaten allerhöchstens ein Drama, einen Roman, einen Band Gedichte, eine Revolutionsbroschüre, eine Culturgeschichte und drei Schlachtenbilder zu schreiben. Vor ihm, heldenhaft, dehnte sich Konrad, die atheistische Religions-Standarte des internationalen Deutschen Reiches der Zukunft im Arm, und verspeiste einen hartgesottenen Kritiker. Wilhelm Arent war dazu verurteilt, in einem abgelegnen Kämmerchen seine sämtlichen Gedichte auswendig zu lernen. Einige andre Chambre-séparée-Poeten halfen ihm dabei; über ihnen flötete ein Chor von künstlichen Nachtigallen, nach der Melodie »Wir winden dir den Jungfernkranz«, seine göttliche Ballade »Barbier, schlag mir den Seifenschaum«, immer mit dem Refrain:

Schöner weißer,
Schöner weißer Seifenschaum, juchheh!

Noch separirter saßen Peter Hille und Paul Scheerbart, Stefan George und Dauthenday. Ihnen hatte der Freiherr gemeinsam eine Laube bauen lassen, aus groteskem Blattgesträuch von bunten Seidenflicken, mit intimen, seltsam parfümirten Winkelchen darin, aus denen sie sich immer ansehn mußten; und nun weinten sie den ganzen Tag, daß sie nicht aparte Zellen haben sollten. Blos Max Dauthenday: in dessen Augen war ein Schein, der wol einen eignen Garten ahnen ließ und mit echten Gewächsen.
Jetzt schwenkten wir um ein dichte Faulbaumhecke; die Pferde prusteten schon. Da saß Hermann Bahr vor einem großen Spiegel und übte sich in einem neuen unerhörten Stilmanöver; Felix Holländer blus dazu die Hirtenflöte. Neben ihnen Hartleben, »das Weib verachtend«. Mich schmerzte was; durch den Modergeruch des wuchernden Holzes stieg ein Duft wie von Veilchen ...
Die Pferde scheuten plötzlich; eine dunstig fahle Lichtung that sich vor uns auf, von einem neuen, niedern, aber festen Zaun umkoppelt. Dort ging Arno Holz im Kreise um sich selbst herum. »Die Gefilde der Selicken«, erläuterte der Freiherr. Auf dem Kopfe trug der sonderbare Wandler einen großen Papierhelm aus den Patentbriefen aller europäischen Culturstaaten für sein jüngst entdecktes, nie zuvor von Irgendwem gemerktes Kunst-x. Johannes Schlaf hatte sich vor kurzem sonstwohin nach »Dingsda« entfernt und sehr wohl daran gethan; dort hatte er den »Meister Oelze« kennen gelernt, der ihm für das Zukunftsland der nackten Seelen einen stolzen Auferstehungssarg gezimmert hat. Arno ging noch immer seinen Zaun entlang, mit gesenkter Stirn, als trüge er im Schädel einen Klumpen Gold.
Nicht weit von ihm, lange Schöpfkellen schwingend, um eine schillernde Mergelgrube, in der ein dickes goldnes Kalb den fetten Schlamm zu Schaum zerstampfte, tanzten Schludermann und Hulda, Heizwerg und Tozote einen eleganten Contre. Auch Wolfgang Kirchbach, seiner »Weltfahrten« müde, schien der Grube näher »walzen« zu wollen; allerdings bis jetzt noch solo. Die Dame des ersten Paars trat eben aus, sie hatte aus dem seichten Rühricht einen »Talisman« geschöpft, der sie schier zum Manne machte; als solcher hieß sie Fulda. Ernst von Wildenlunge sah's vonferne und überlegte, auf seinem Stammbaum reitend, ob er sich ein Beispiel daran nehmen solle. Und ein andrer Ernst und wolgezogener Edler schwankte noch, ob man besser bei dem nackten »Lumpengesindel« oder bei der Mergelgrube fahre. Mein Freiherr aber lachte über ihre Kopfbeschwerden und nickte Allen vergnügte Winkhand zu, auf seinem Trakehner. Und vor Max Halbe, der auf einem Aste über diesem Trubel wippte und sich die Gesellschaft ansah wie ein Fischreiher spitz und scharf, griff er salutirend an die Mützenspange mit den Veilchensteinen: »Es lebe die Jugend!«
Jetzt hielten wir an einem Edelwildgehege – vor einer platten, aber köstlich Grau in Grau mit Mosaik belegten Tenne, um die ein zartes, fein gefeiltes Gitterwerk eine durchsichtige Rundwand zog; etwas einförmig, aber höchst bestrickend; nur das Dach hätte mehr Licht einlassen sollen. Dadrunter stand nun Gerhart Hauptmann, ganz in Schweiß gebadet, und übte sich die schwierigsten Fechtkunststückchen für seine Mensuren mit den »Vorurteilen« und »Verkehrtheiten« seiner werten Zeitgenossen ein. »Der könnte auch was Bessers thun!« knurrte ich ärgerlich. »Schelten Sie mir meinen Hauptmann nicht!« drohte der Freiherr scherzend. »Ach was –« lief mir die Galle über, während wir weitersausten; »wozu hat denn der Mensch diese wundervollen Lippen, für die ich ihn küssen könnte! diese Mundwinkel, voll Trotz und nackter Sehnsucht! und die kühne Nase, und die helle Schillerstirn! Was geht denn Den die Dumpfheit an, in der die Ratten sich warm fühlen, und das Stammeln der Unmündigen, und die Hamlets der Mittelsorte; mögen sie doch! Ich huste auf das ›Herz‹ des Künstlers: ich kenne sein Mitleid und den Beifall der Gerührten. Für die Adler soll er glühen, die Flügeldreisten, die Sonnenpilger! Seines Gleichen soll der Dichter dichten, Uns, die freien Herren der Zukunft, uns und –« knautz, lag ich im Sand. Mein Hengst hatte das Fuchteln übelgenommen und war steil aus den Zügeln gegangen. Während ich im Bogen durch die Luft schoß, sah ich noch, wie der Freiherr lachend den Karfunkel von der Mütze nestelte, den schwarzen Reiherbusch in die Hand nahm und – nanu? das sah ja aus wie 'ne Schulmeisterrute! Jetzt faßt mich etwas an; »Herrr« will ich aufbrausen und – –
hätte beinah den Tisch umgerissen und das Bierglas mit dem letzten Rest Sherry. Teufel, ich war eingenickt von dem schweren Wein. Vor mir stand Liliencron; diesmal wirklich. Nun Namen-nennen, und: »Entschuldigen Sie, Baron – «. »Nein nein, wundervoll! entzückend!« war er fröhlich mit den kurzen Beinen wieder an der Thür, doppelt Teller bestellend. Jee – das war ja garnicht der Geträumte, der in Lodenjoppe und Smaragdenhut; hier der fixe, vornehm untersetzte Vierziger in dem neu gewesenen Gehrock, mit dem abgegriffnen, kniffigen Filz und der »hoch«modernen hellen Hose. Ach, der Sherry war nicht aus dem freiherrlichen Keller: ging auf Rechnung der Schifferbudike nebenan, wie er munter bekannte, und das Wirtschaftsfräulein war nur Stubenwirtin-etc. Selbst seine lieben Teckel hatte er sich abgewöhnen müssen. Aber die Cigarre, die er mir dann bot, war fürstlich und entschieden von dem ersten Importeur in Hamburg bezogen.
Wir hatten grade beide Platz in der engen Kabuse; ich auf dem zerlegenen Sopha, er auf der Kante eines ausgezogenen Kommodenkastens. »So läßt Teutschland seine Tichter wohnen«, scherzte er entschuldigend; »na! kommt Zeit, kommt Draht, sagten wir als Leutnants.« Zwar, die Aussicht war recht stimmungsvoll, auf den Kirchhof drüben; dafür sorgt ja noch der liebe Gott, ebenso wie für die Teckel und die schönen Pferde und die Schlösser – auf dem Mond oder auf dem roten Aldebaran.
Ach, ich danke Dir, Detlev, alte Märchenseele Du: es waren köstliche, seltene Stunden.
Wie er immerfort »entzückt« war über jeden jungen »teutschen Tichter,« jedes bischen Kraft, das starke gütige Feenkind; und über sich selber, der Ehrliche. Und sein herrlicher Haß auf alle Nüchternheit und alle Eunuchenmoral und alles Fettbürgertum! Und erst sein Plaudern! wie die ferne Melodie der See an heißen Julitagen, wenn man in den Dünen liegt und nur immer horchen möchte,

wie die Woge heimlich schäumt
und von ihrer Tiefe träumt;

ab und zu ein derber Lebenslaut dazwischen, so ein Wort »unter uns Jungfern«, immer begleitet von einer feinen, schwebenden Handbewegung, einer fragenden Wendung des Kopfes, daß das leichte, schlichte Haar über der Säbelnarbe am Stirnrand sich ganz leise regt. Und dies huschende Bübchenlachen: durch den kühnen, immer noch blonden, herbstlaubblonden Rittmeisterschnurrbart, an der netten, stämmigen Nase herunter, von den stillen Augen her, die in Schleiern schwimmen wie ein ewiger blauer Montag, nur manchmal ein Blinken drin, als wenn der Abendstern durch Wiesennebel grüßt, – und ich mußte ihm von meinem Veilchenstrauß erzählen. Da nickte er und zeigte schweigend auf die Wand über dem Sopha, wo er einen breiten Bogen Conceptpapier in seiner riesenkrähenfüßigen Handschrift mit einem Spruch des alten Lichtenberg bemalt und festgenagelt hatte: »Solange wir nicht unser Leben so beschreiben, daß wir alle Schwachheiten aufzeichnen von denen des Ehrgeizes bis zum gemeinsten Laster so werden wir nie einander lieben lernen.« Das war sein einziger Zimmerschmuck, abgesehen etwa von dem maßlos langen Diplomatenschreibtisch, den die Breslauer Dichterschule ihm – – geliehen hat, zur großen Trübsal und Enttäuschung aller Gerichtsvollzieher.
Ja, und noch etwas, damit nichts fehlt am Bilde; was die braune Ungarin in Hamburg, als wir heut um Mitternacht in der »Goldnen Vierzig« an geheimen Früchten naschten, im roten Ampelschein so wunderhübsch herausplapperte: »Du kleiner Flotter!« Weiter nämlich wußte sie kein deutsches Wort, das arme Kind; das genügte wol für ihr Geschäft. Richtig – daß ich nicht lüge; etwas wußte sie doch noch. »Ei' Flass Sekt noch,« flüsterte sie bettelnd. Wir blieben aber standhaft, d.h. nicht seßhaft; denn Lebendiges teile ich nicht gern mit Jedermann.
Und als wir auseinander gingen, lachten wir uns an und pfiffen uns eins; pfiffen auf sämtliche »Vorurteile« dieser, jener und der sonst noch möglichen Welten. Heute Abend auf Wiedersehn am Hafen! Dann –

Gieb mir deine Hand,
Einmal noch ein Schmerz,
Einmal noch ein deutsches Herz –
Dann leb wohl, mein Weib, mein Vaterland! – –

Ach, wie süß die Veilchen duften ...




Wiedergeburt

Nach Paul Verlaine.

Da kam ein stiller Reiter
geritten durch den Hain,
der stach mit seiner Lanze
in mein alt Herz hinein.

Mein alt Herz gab nur einen,
einen Tropfen Blut;
der ist auf den Blumen vertrocknet
in der Sonnenglut.

Mein Auge losch in Schatten,
ein Schrei ging aus mir aus,
und mein alt Herz ist storben
in einem wilden Graus.

Dann hat der Reiter SCHICKSAL
sein Pferd herangeführet
und ist zur Erde stiegen sacht
und hat mich angerühret.

Seine Handschuhhand von Eisen
griff in meine Wunde,
indeß er seinen Wahlspruch sprach
mit seinem harten Munde.

Und als mich also eisig
ergriff die Hand von Eisen,
ward mir ein neues Herz gebor'n,
deß will ich beten und preisen;

ward mir ein neues Herz geboren,
das schlug so jung, das schlug so gut,
und heller Gluten trunken
genas mein Blut.

Da stieg der liebe Reiter
wieder auf sein Tier
und ritt davon und drohend
hob er sein rot Pannier,

sein schwarzer Helmbusch nickte,
ER aber sprach:
»Sei weise, Sohn – dein Gram ist
deine Schmach!«




Gewissen

Wir gingen die Wurzeltreppe des Hügels hinab, zehn zwölf Mann; oben lag die Försterei im dicken Schnee. Die Teckel hielten sich, vor Frost humpelnd, sorgsam hinter uns im festgetretenen Wege. Die klare Kälte machte Alle stumm; der Schnee verschluckte das Geräusch der Schritte. In dem rauhen Reif der Birkenreiser fingerte die Morgensonne; die starren Nadelbärte der Kiefernschonung sträubten sich aus ihren weißen Pelzen. Es sollte ein Dachs gegraben werden. Ich weiß nicht, mir kam der liebe Gott in Sinn.
Die Hunde gaben plötzlich Laut; Rädergeklapper kam. Um die Ecke aus dem Schleifweg bog die alte Semmelfrau vom Dorfe drüben, auf ihrem Köterkarren hockend; ein schußscheuer Jagdhund zog ihn, der einem Nachbarförster aus der Art geschlagen war. Unsre Teckel keifend auf ihn los. Der Hochbeinige weiß nicht, was er dazu sagen soll; den Schwanz eingeklemmt, setzt er sich in Trab. Die Kleinen blaffen lustiger; er begreift, und alle Schwänze in die Höh' stiebt die wilde Jagd, schneeumspritzt, bellend und belfernd den Weg hinunter, die falsche Richtung für die gute alte Frau, die scheltend und jammernd auf dem stuckernden Wagen mit beiden Armen ihre Semmelkiepe umklammert hält. Wir, lachend, hinterdrein mit langen Sätzen; am Bahndamm unten holen wir sie endlich ein. Die Teckel drücken sich beschämt zu ihren Herren, wir lohnen die Alte ab. Und ich denke wieder an den lieben Gott.
Schwitzend schreiten wir weiter. Der Schnee fängt an zu blenden und den Augen weh zu thun; die Bahnschienen flimmern. Von der andern Seite her taucht funkelnd ein Flintenlauf über den Damm, eine wohlbekannte Mütze aus Otterfell. »Der Nachbarförster«, sagt Jemand scheu; Einer wird blaß wie der Schnee. Jetzt steht der Alte oben, straff, im grünen Galastaat, die nackte rote Faust auf der Krone des Hirschfängers. Sein grauer Kinnbart perlt von Eis; die große Hakennase wirft einen Schatten über die Backenfurchen bis zum Ohr, suchend brennen seine dunkelblauen Augen. »Komm her!« ruft er heiser. Der Blaßgewordene gehorcht; sie stehen mitten auf dem Damm, im stechenden Licht. »Zieh den Handschuh ab!« höre ich mit Grauen, fühlend wie der Alte sich beherrscht. »Wo hast du den Ring?« fragt er drohend; keine Antwort. Der Alte zittert; seine Finger spannen sich um den Hirschfängergriff, ein Ruck – die Schneide blitzt. Bis zur Hälfte; auflachend, qualvoll, stößt er sie zurück. Mit unsäglicher Verachtung speit er in den Schnee, zum Gehn gewendet. »Vater!« schreie ich und stürze in die Kniee. Er geht.
Ein Krampf schüttelt mich. Meine starren Augäpfel sehen mich zucken; in weiter Ferne. Sausend peitschen schwere Kiefernzacken mit spitzen Büscheln gegen meine Stirne. Sie verwandeln sich, Stechpalmenzweige rauschen hin und her durch mein Gehirn; ich sehe, wie die roten Beeren lange Curven durch die graue Masse reißen. Aber eine weiche Hand legt ihm immer wieder, schmeichelnd, ihre Finger durch die Haare; die gepreßten Zähne lösen sich; er liegt zu ihren Füßen, den Kopf in ihren Schooß gedrückt. Sie läßt sich in den Lehnstuhl gleiten; das ferne Rot des Frühlingsabends vergoldet ihre braunen Flechten. Auf meinem Schreibtisch neben ihr steht ein zartes venezianisches Kelchglas, purpurzart, ein Lilienkelch, golddurchrieselt, und ein meergrün schillerndes Schlänglein ringelt sich darum empor. Drin starrt ein Stechpalmenblatt, und eine blendende Narzisse. Die hat sie mir eben gebracht; die keusche Blüte berauscht mich.
»Gieb mir den Ring!« schmeichelt sie. »Ich kann nicht«, fleht er mühsam; und ich höre, wie er ihr mit dunkler Stimme die Geschichte des Ringes erzählt. Den hat der Urgroßvater seines Vaters, der Husarenwachtmeister, nach der Schlacht von Torgau für seine Tapferkeit und lange Treue aus des alten Ziethens eigner Hand empfangen, und vielleicht sogar vom großen Friedrich selbst. Er betrachtet das gepreßte Eisenbild des Königs in dem dünnen goldnen Reifen; »und immer der Aelteste erbt ihn«. Ich höre seine Worte wie im Traum; es ist, als ob ich sie in einem Buche lese. »Gieb mir den Ring!« schmeichelt sie. Er kämpft mit sich. »Hast du Gewissensbisse?« flüstert sie; »Du –?«
Will sie mich verspotten? meine Zähne drohen an den Knöcheln ihrer Hand. Sie nimmt sie lächelnd vom Knie und hält mir die Narzisse an die Lippen. Ich schlürfe den Geruch und erinnere mich; »Du hast ihn ja schon«, blicke ich auf ihre Finger. »Den andern«, schmeichelt sie; »den Ring der Andern!« Ihre grauen Augen werden immer dunkler.
Ich fühle ein heftiges Zittern. Meine Blicke beugen sich auf den Rubin an meiner Rechten; er perlt wie Blut aus einer frischen Wunde. »Gewissen ist der Spuk des toten Gottes«, raunt sie meine Sprache nach, mir den Ring abstreifend, und erhebt sich. Ich will es ihr erklären; sie entschwebt. Ich will ihr nach; meine Kniee winden sich, gebannt, am Boden. Ich suche das Wort, dann bin ich frei.
Ich stammle Verse – lange flehende Zeilen; sie verliert sich immer ferner in die Nacht. Ich sehe sie verglimmen; nur der blutende rubin gluht noch durch das Mondlicht. Nein, die Wunde, der tote Freund mit seiner Geige kommt.
Er spielt zu meinen Versen – ferne, flehende Töne – und von dem Mädchen, das ihm untreu war. Die runde Wunde seiner Stirne thut sich auf; Ton um Ton perlt Tropfen um Tropfen aus der kleinen tiefen Oeffnung dunkel nieder in den Schnee, die blasse Schläfe nieder. Immer näher schwebt die rote Spur; die geschlossnen Augenlider zucken, bleicher als sein Sterbehemd, und ich suche das Wort, das Wort – in unsrer Kindheit wußten wir's.
Er schlägt die Augen auf, der Geigenbogen stockt, ein Schrecken würgt mich: das sind nicht seine Augen! das ist »die Andre«. Meine Finger krümmen sich, an sein Gewand zu tasten; meine Blicke werden blind; meine Zunge will sich regen – Rettung, das Wort! Ich sehe meinen starren Körper, lange Ketten Verse pressen die gezerrten Glieder, ich lese und lese, mir graut.

Schwere Ringe ... und die Meinung
leere Schlinge ... werbe, werbe!
Dumpfe Kammer ... und das Erbe
- bringe Jammer – wird Erscheinung.

Die Thür springt auf, Glockenschläge stürzen in mein Ohr, Licht wie Nadelstiche scheint in meine Augen: auf der Schwelle steht meine Mutter: mit unsäglicher Betrübnis sieht sie zu mir her. Meine Arme winden sich nach ihr; vergebens. »Sünde an der Mutter deiner Kinder?!« lese ich von ihren Lippen – »Mutter!« röchelnd ringt es sich von meinen Lippen, laut, das Wort – ich bin wach.
Durch die dunkle Stube lag ein schmaler Streifen grelles Mondlicht quer bis auf mein Bett gespannt; ich bebte ...

Wenn dich aus dem ersten Schlaf
um Mitternacht
dein rasend klopfendes Herz
aus deinen Träumen jagt,
furchtsam horcht dein Atem,
und sich durch dein ödes Zimmer
weiße Schatten vor dir flüchten;
kennst du dieses Grauen?
Wenn sich aus der hohlen Nacht
fern mit klagenden Augen
ein geliebtes Gesicht
aus den blassen Kreisen ringt
und sprechen will;
kennst du dieses Grauen?
Mit langen Händen
will es nach dir greifen
und dich erwürgen
für eine Schuld ...




Der tote Ton

Nach Kornel Ujejski's Phantasie zu Chopin's Trauermarsch.

Ton von Glocken. Droh'n von Glocken. Wo nur? Weh, ich falle!
Wohin wollten doch die stummen, grauen Mönche alle? –
Um mein dunkles Gitter seh ich Nachtgespenster jagen,
und da vor mir, nur zwei Schritte, rollt ein schwarzer Wagen.
Ringsum glimmt die Luft von Kreuzen, und die Fackeln bluten,
und man führt mich an den Armen – ach dies weiche Fluten!
Von alleine gehen meine qualgelähmten Beine,
ach so schön geführt; ich kenne keine Straße, keine;
gehe flutend wie im Traume, ohne Sinn und Willen,
nur im Kopfe, nur im Herzen fühl'ich etwas wühlen.
Etwas prüft da seine Krallen, scharfe, krumme Krallen,
und die Raben klagen drüben, und die Glocken hallen.
Ach, ich höre ferne Chöre – ei so lieb, so liebe;
nur in meinen Augen brennt was, oh so trüb, so trübe.
Und es rieselt etwas Kaltes über meine Mienen,
alle Menschen stieren her, und – Keiner naht von ihnen;
etwas muß in diesen Mienen herrschen, daß sie graut – ja!
und es rieselt etwas Kaltes über meine Haut da.
Und vier Rappen ziehn den Wagen, trauerflorumflossen,
aber mich zieht eine Hand, die hält mich starr umschlossen.
Großer Gott, der Sarg, der Sarg da – kommt wol auf mich los da?!
Da im Sarge, ja im Sarge liegt mein Daseinsloos – ja ...
Wofür schlugst du mich so tückisch, Du, den »Gott« sie schelten?

wo-für? wo-für? aach!
Du, der Herr der Kreaturen, Herr der Sternenwelten,
Mich zerbrachst du! Schmach!
Du ein Gott? Wo denn, sage?!
Stöhnst wol im Gedröhn der Glocken, in der Rabenklage?
Tritt doch her hier, grinsend, prahlend, mit dem Hohn im Blicke,
Du – Scheusal der Nacht!
Bin doch größer, ich mit meinem großen Gramgeschicke,
als du Gott der Macht!
du Giftgott!
du Giftgott! –
Ja: so stöhnen hohl die Glocken ...
Jessus-Maria,
thut so drohn, der tote Ton!
der Ton! – der Ton! – –

Heilig in der weißen Seide
träumt sie, still und schwer,
bleich gekreuzt die Hände beide –
nein, du träumst nicht mehr!
Fühlst nicht mehr den Duft des bittern
Myrtenkranzes, nicht,
nie mehr meine Lippen zittern,
küss'ich dein Gesicht.
Hörst mich fahl Gespenst nicht schreiten
durch die hohle Luft,
weißt nicht, daß wir dich begleiten
in die dumpfe Gruft.
Und dich in den Sarg zu legen,
dazu liebt'ich dich?
dazu deiner Mutter Segen?
drum gebar sie dich?!
Das mein Brautbett? und ich klage
und ich lebe noch?
Gott, nach solchem, solchem Tage,
Gott, was soll ich noch?! –

Oh wie war sie süß und milde:
wie ein Liebeslied,
wie durch dämmernde Gefilde
fern ein Engel zieht.
Keine Sünde gab es, keine,
wenn ich an ihr hing
und von ihrem Mund das reine
Sakrament empfing.
Ja, sie war mein guter Wille,
und sie liebte mich!
Ihrer Seele große, stille
Flamme führte mich,
führte mich – wohin? o Jammer:
oh, durch Himmelsluft
in den Abgrund, in die Kammer
deiner kalten Gruft!
Das mein Brautbett? und ich klage
und ich lebe noch?
Gott, nach solchem, solchem Tage,
Gott, was soll ich noch?! – –

Und nun heben sie den Sarg und – woll'n sie mir wol nehmen?!
Was, Gewalt? sie woll'n mich halten?! Hahahah, ihr Memmen!
Hahahah, ihr tollen Hunde! Laßt mich los! ich rase!
ich bin jung! ich habe Fäuste! ich bin stark! Ich blase
euch zu Staub, ihr mürben Spinnen! Weg da, feile Menge:
Meinem königlichen Gram ist eure Brust zu enge!
Nur ein König darf mein Kleinod reißen mir vom Herzen!
Und sie weichen ... Aber ich, ich großer Fürst der Schmerzen,
wandle durch das dumpfe Staunen – und die Glocken drohn so!
und nun steh ich vor dem Sarge, steh vor meinem Thron – Hoh:
wozu hockst du, Totengräber, da mit deinem Spaten?
wieviel kostet wol solch König, Bruder, zu bestatten?
Ja, begrabt mich! aber tief, tief! mir wird schlecht – wer hält mich!
Schwerer als der Sand da unten drückt hier diese Welt mich ...
Weg den Wedel! Kein geweihtes Wasser soll sie schänden;
ich allein, mit meinen Thränen, darf die Weihe spenden,
Ich, ihr Hoherpriester! Wehe –: aus dem Mönchtalare
schiebt sich eine seltsam lange, eine seltsam klare
Hand, – sie zieht mich in die Kniee, naht mir, – weh, ich falle,
eine Sense saust – – ich stürzte. Und sie kamen Alle,
und sie brachten mich hierher, ach! Ach, aus ein paar Funken

Glück ein Brand von Pein!
Welt, du Tollhaus! wozu bist du? Welt, du Pestspelunke!
Bist du denn? Nein! nein!
Mein Herz ist,
was du bist!
Hier mein klopfend Herz dein Klöppel, du die hohle Glocke!
Wollt ich's werden? heh, wer hing mich in die hohle Glocke?
Gott, bat ich dich, heh?
Bin in meinen Daseinsketten doch kein Knecht am Blocke?!
Ich bin frei! ich geh!
du Giftgott,
du Giftgott! –
Ja, so stöhnen hohl die Glocken ...
Jessus-Maria,
thut so drohn, der tote Ton!
der Ton ... der Ton ...




Zu Gott

Nach Paul Verlaine.




1.

Mein Gott hat mir gesagt: »Sohn, man muß Mein sein! Mein!
Sieh meine durchbohrte Brust, mein strahlend, blutend Herz
und meine wunden Füße, die Magdalenens Schmerz
mit Thränen wusch; und siehst, siehst die große Pein
meiner Arm-und-Hände durch deine Sündenschuld,
siehst das Kreuz, die Nägel, und siehst und fühlst und glühst,
daß diese bittre Welt des Fleisches Nichts versüßt,
als Mein Fleisch und mein Blut, mein Wort und meine Huld.

War ich nicht dein, mein Sohn, dein bis in den Tod?
mein Bruder du im Vater, mein Kind, mein Sohn im Geist!
Und hab ich nicht geduldet, wie die Schrift verheißt?
Hab ich nicht geschluchzt für deine Angst und Not?
Und war mein blut'ger Schweiß nicht der Schweiß deiner Nächte,
mein Freund, mein armer Freund du, der gern zu mir möchte!«




2.

Und ich –: Herr! du sagtest meine ganze Seele.
Ja! ich will zu dir, Herr, suche und finde nicht.
Du, dessen Liebe lodert wie aller Sonnen Licht:
ich Dein sein, Dein? ich Wurm im Staub und voller Fehle!

Du Friedensborn, den alle Kreatur erlechzet,
ach, Einen Blick nur träufle in meinen Gram und Wahn!
Darf ich denn wagen, Herr, nur deiner Spur zu nahn,
ich, der auf eklen Knieen hier vor dir kriecht und ächzet?

Und dennoch such'ich dich, taste, tappe nach dir,
daß auf mein Elend falle nur deines Schattens Zier,
doch Du bist ohne Schatten, Du, dessen Liebe lodert,
du süßer Springquell, bitter nur dem, deß Herz noch modert
im Rausche seiner Schmach, du Licht, ganz Licht, deß Glut
und schwerer Kuß den trüben Menschenaugen wehe thut!




3.

»Man muß, muß mein sein! Ja: ich bin, bin der Kuß
der Welten, bin der Odem, bin dieser Mund, du lieber
Kranker, von dem du stammelst, der glühende; und dies Fieber,
das deine Nächte schüttelt, bin Alles Ich! man muß
nur wagen, mein zu sein! Ja: meine Liebe, die
zu Höhen lodert, wo dein armes Ziegenseelchen
nicht hinklimmt, wird dich, wie der Adler ein Rotkehlchen,
empor zu Himmeln tragen, oh, Himmeln, die – oh sieh,

sieh meine helle Nacht, du weinend Auge du
im Scheine Meines Mondes! sieh dieses Bett von Reinheit,
all diese Unschuld sieh, all diese Ruh!
Sei mein! die zwei Worte sind meine höchste Einheit,
denn dein allmächtiger Gott vermag zu wollen – nein
nur erst vermögen will ich dich: sei, sei Mein!«




4.

- Herr, Herr, zuviel! ich wag's nicht. Ich Dein? Wer? ich, und Dein?
Nein nein, nur zagen darf ich, doch wagen – nein! ich bebe!
ich will's nicht, ich bin unwert! Ich Dein? du, Kelch und Rebe,
du aller Heiligen Herz, du liebreich Brot und Wein,
du, aller Gnadenwinde ungeheure Rose,
du Eifrer Israels, du lichter Falter, dem
nur die junge Blume der Unschuld angenehm:
und ich soll Dein zu sein vermögen? ich lichtlose

Schlacke, ich Frevler, Dein? Herr, bist du rasend?! Ich
Befleckter, dem die Sünde Beruf ist, der – o Fluch –
in allen seinen Sinnen, Gefühl, Geschmack, Geruch,
Gehör, Gesicht, ja selbst in seinem Rausch nicht Dich,
in seiner Reue selbst nur das Entzücken fühlt,
mit dem der alte Adam nach neuen Lüsten in ihm wühlt!




5.

»Drum muß man mein sein! Ich bin's, der in dir rast,
bin der neue Adam, der den alten frißt,
dein Hunger und dein Mannah; und meine Liebe ist
so strömender, je näher du der Quelle nahst.
Ein strömend Feuer ist sie, drin all dein brünstig Blut
auf immer sich verzehrt und wie ein Duft verdampft,
und ist die Sündflut, deren schwangere Wut zerstampft
jedweden schlimmen Keim und all die trübe Brut,

die Ich gesät, daß einst mein Kreuz so heller strahle
und daß auch du dereinst durch ein furchtbar Mirakel
der Gnade Mein sein müßtest, entsühnt all deiner Makel –
sei mein! empor! sei Mein! Empor mit Einem Male
aus deiner Nacht zu Mir, Mir, du verlaßner armer
Staub, dem Nichts blieb als Ich, dein ewiger Erbarmer!«




6.

- Herr! Herr! ich fürchte mich. Mein Herz zittert und zagt.
Ich seh, ich fühl's: man muß, muß Dein sein. Aber wie,
wie, Gott mein Gott, dein werden? du Richter, dessen Knie
selbst der Gerechte kaum anzurühren wagt.
Ja, wie? Denn sieh, es wankt der Grund, darinnen hier
mein Herz sein Grab sich grub, und über mich wie Glut
fühl ich herniederstürzen des Firmamentes Flut
und rufe: Herr! wo führt ein Weg von Dir zu mir?!

Reich mir die Hand, mein Leben, daß dieses Fleisches Weh
und dieser kranke Geist nur fühle deine Spur!
Denn jemals zu empfangen und zu genießen je
die himmlische Umarmung: Herr, ist das möglich nur?
dein zu sein dereinst, selig in deinem Schooß,
an deinem Herzen, Herr, zu ruhn: selig, sündelos?!




7.

»So möglich, wie gewiß. O komm, o siehe, welch
Entzücken deiner harrt! Laß ab von deinem Harme
und deinem Trotz! komm, sinke in meine offnen Arme,
gleichwie der Glühwurm in den erblühten Lilienkelch.
Komm und verdien es dir! Komm an mein Ohr, schütt aus
all deine Niedrigkeit mit deinem höchsten Mute;
sag Alles, Sohn – frei, schlicht und ohne Stolz im Blute;
reich mir der Reue blassen, schmachtenden Blumenstrauß!

Dann tritt an meinen Tisch, einfältiglich; da soll
ein köstlich Mahl, dem selbst die Engel andachtvoll
nur zusehn dürfen, dich erquicken und entsühnen,
da sollst den Wein du trinken, den Wein des immergrünen
Weinstocks, dessen Güte und Kraft und Süßigkeit
dein Blut befruchten werden für die Unsterblichkeit.

Dann geh und glaube fromm, demütig an das Urwort
der Liebe, allwodurch ich dein Leib-und-Seel ich bin;
und kehre ja, mein Sohn, sehr oft von Neuem in
mein Haus ein, meinen Wein dort zu kosten und den Schwur dort
zu leisten auf mein Brot, ohn welches all dein Streben
nur ein Verrat vor mir; und bitte mich, wie Brauch,
mich, Vater Sohn und Geist, und meine Mutter auch,
daß du das Lämmlein werdest, das stumm versprützt sein Leben,

daß du das Kindlein werdest, bekleidet mit dem Linnen
der Unschuld, und dein eigen armselig Sein und Sinnen
vergessest, um einst Mir ein wenig gleich zu werden,
Mir, der zu Zeiten des Pilatus und Herodes,
des Petrus und des Judas auch dir gleich ward auf Erden,
für dich am Kreuz zu sterben eines verruchten Todes.

Und um zu lohnen deinen Eifer in diesen Pflichten,
die also süß, daß ihre Wonnen unsäglich sind,
will ich dich schmecken lassen schon auf Erden, Kind,
den Vorschmack Meines Friedens: meine dunkellichten
geheimen Nächte, wo der Geist sich meinen Söhnen
aufthut und vom ew'gen Kelch der Verheißung trinkt,
wo hoch vom heil'gen Himmel der fromme Vollmond winkt
und aus der rosigen Finsternis die Engelchöre tönen,

verkündend die Entrückung empor zu Meinem Lichte,
die ew'gen Küsse meiner Langmut und Erbarmung,
die Psalmen meines Ruhms und ewigen Traumgesichte,
die ewige Weisheit und die ewige Umarmung
im Taumel deiner süßen Schmerzen, die auch mein:
die strahlende Verzückung, Mein zu sein!«




8.

- Ach! Herr! wie wird mir! siehe, weinend vor Deine Füße
stürz'ich, schluchzend und jauchzend; deine Stimme macht
mir wohl und weh! mein Auge weint, meine Seele lacht!
und all das Weh, das Wohl hat all die selbe Süße!
Aus Thränen jubl'ich, Herr; aus meinem Rausche wecken
mich Hörnerrufe, Waffen winken auf klirrender Au,
funkelnde Schilde, und drüber Engel in Weiß und Blau,
und dieser Hörnerruf füllt mich mit Wut und Schrecken!

Den Taumel fühl'ich, fühle das Graun der Auserwählten!
Ja, ich bin unwert, aber: Herr, Deine Gnad ist groß!
Sieh: voll Gebet, voll Demut: hier, sieh mich Schweißgequälten,
siehe mich Glutbeglückten – obgleich ein namenlos
Erschauern, Herr, den Trost mir Deines Mundes schwächt,
und zitternd geht mein Atem – –




9.

»So, armes Herz, so recht!«




Drei Ringe

Eine Abend-Elegie.

Leitspruch: Neue Ziele,
neue Gefühle:
neue Riegel.
Flügel! Flügel!

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger,
und jeder ein toter, gebrochener Schwur,
und seid mir so heilig, ihr flimmernden Dinger,
seid mir ein treuer,
still wachsender, neuer,
einziger, willig gesprochener Schwur.

Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?
Was blickst du, Perle, so bleich im Gold?
Du Reif dazwischen, schlicht gewunden,
was scheinst du doch so scheu und hold?
Ach, immer die Treue treuwillig versprochen,
und immer treuwillig die Treue gebrochen;
so hat es das Leben, das Leben gewollt.

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken,
und dennoch ein neuer, dämmernder Schwur ...
O Sonne, du rote, was will dein Sinken,
aus Nebeln Winken?
o Gold, dein Blinken?
Du blasse Perle, wie war's doch nur? –

War wol ein Morgen frühlingsmild;
die alte Kirche stand voll Glanz.
Blaß flammte ums Erlöserbild
der Osterkerzen weißer Kranz.
Der Orgel Hallelujah quoll,
uns war das Herz von Gott so voll,
das Kinderherz, voll Bebens.
O Schwur des Glaubens! o Gebot:
Nun seid getreu bis in den Tod,
dann wird euch die Krone des Lebens,
die ewige Krone des Lebens.

Und mit der Mutter still durchs Feld,
wie glänzte weit, wie glänzte grün
und war ein Sonntag all die Welt;
die Weidenbüsche wollten blühn,
ein Zweiglein brach der Knabe.
Doch feierlich im leeren Land
als wie ein Kreuz die Mühle stand;
und sinnend weiter still feldein ...
O Försterhaus am Eichenhain!
O Vater-Wort und –Gabe!

O Gartenzaun am Eichenhain!
da nahm mein Vater meine Hand
und legte einen Ring hinein,
der hatte einen schwarzen Stein,
drin eine goldne Krone stand,
und sprach zu seinem Sohne –
sein Auge blickte ein Gebot:
Nun sei getreu bis in den Tod,
dann wird dir die Krone zum Lohne,
des Lebens goldene Krone ...

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken,
und jeder ein neuer, ein toter Schwur;
was wird so zitternd euer Blinken?
O Sonnenscheiden, Sonnenwinken,
oh weite Flur!
Die Nebel reißen, wie blutende Wunden;
ich habe die Freiheit, die Freiheit gewollt.
O Sonnenblut; wie schwillt's im Gold!
Was glühst du, Rubin, von versunkenen Stunden?

Es war ein Mittag, frühlingswild;
von der Bergeskrone, rot zuckend, kroch
die Wolkenschlange ins Gefild;
der Donner jagte von Joch zu Joch;
Sturm weinte das Dunkel, ein stürzendes Meer;
triefend schrieen die Bäume; und grell und spitz,
lang züngelnd, über uns, um uns her –
mein zitternd Mädchen, weißt du noch?
flocht flatternde Netze Blitz auf Blitz.

Und die Bäume bogen und schlugen sich,
blendend nieder flackte der breite Strahl
und umschlang im Taumel dich und mich
zerknatternd der fahle, steil glühende Wall;
und da lag im Taumel weh Brust an Brust,
jung hing und schauernd Mund an Mund,
sank Auge in Auge im Moose, und –
rauschend schluchzte der Regen in unsre Lust,
stumm lohte der feuergetaufte Bund ...

Und empor! o standest du bleich und bang.
Und da hab ich den Donner des Himmels bedroht,
von der Faust mir peitschend das Wasser sprang,
durch die schreienden Bäume mein Lachen klang:
O lauter, mein Bruder, dein wild Gebot!
Und riß mir vom Finger den Knabenring:
Ich bin mir selbst mein Herr und Gott!
und nahm deine Hand, dran zitternd hing
im Blitzlicht funkelnd der rote Rubin,
und vom Himmel gebadet, vom Himmel umloht,
ich fühlte dich weinen, ich sah dich glühn,
schwur ich: Gieb her! sei treu! nimm hin ...

Ihr Ringe, drei Ringe, um Einen Finger,
und jeder ein doppelt gebrochener Schwur.
Wie der Nebel raucht! und ein brennender Zwinger
umgittert die irrende Sonnenspur.
Ihr brechendes Auge grüßt das Gold,
ich habe freiwillig die Freiheit verschworen;
was glimmst du schlichter Reif so hold?
die Freiheit verschworen, die Freiheit verloren;
ich habe die Liebe, die Liebe gewollt.

Und es kam ein Abend, frühlingsmild;
bang steht, in Schleiern, bleich, die Braut.
Ernst rauschen die Geigen; herb duftend schwillt
der Myrte grünes, weißblühendes Kraut.
Und Ring um Ring; und Schweigen ... nur
durchs Fenster flüsterte der Mai;
und nun will ich uns segnen, stolz und frei,
da horch, da horch: voll Bebens,
fromm die Stimmen der Freunde – o Lied, o Schwur,
o ihr rauschenden Geigen, o Gebot,
gelb zuckende Kerzen im Abendrot:
Nun sei getreu bis in den Tod,
dann wird dir die Krone des Lebens!

Da flocht ich ihr still vom Haupt den Kranz,
still küßte ich ihr dunkles Haar;
glutüberhaucht vom fernen Glanz
hielt ihre Hand in Rosenpaar,
still zitterten die Blüten.
Und durch das schweigende Gemach
mein stammelnder Mund den Segen sprach,
und sprach – mir war das Herz so weit,
von Glauben weit und Seligkeit:
Nun will ich Dein sein alle Zeit,
Ein Leib, Eine Seele, in Glück und Leid
dein Gott, meine Welt, dich hüten.

Und draußen wiegte ein Lindenbaum
goldgrün sein jung Gefieder;
sanft verglühte der Rosen rot schwellender Saum,
und durch den Schimmer, den Duft, den Traum
rauschten die Geigen wieder.
Da gab sie mir an meine Hand,
an meine Rechte zurück mein Pfand,
den Ring mit der leuchtenden Krone, –
stumm glomm ihrer Augen bangselige Not:
Nun sei getreu bis in den Tod,
dann wird uns die Krone zum Lohne,
des Lebens heilige Krone ...

Ihr Ringe, drei Ringe, an meiner Linken:
was blickst du, Perle, so trüb im Gold?
O Sonne, du müde, nun magst du sinken;
o schwere Pflicht, wie schienst du hold!
Gelb taucht ins Moor der letzte Funken,
durchs kahle Land der Nebel rollt;
ich habe die Wahrheit, Klarheit gewollt;
ich war der Liebe so satt ... so trunken!

Denn eine Nacht kam frühlingswild,
kam schwül. Ums Licht der Lampe lag,
vom lauten Regen dunstverhüllt,
das Dunkel dumpf und dufterfüllt;
hohl scholl und hart das Laubendach.
Es klang so einsam, was ich sprach
von meiner Liebe Ueberdruß;
es klang so bang, als ob ich log,
als ich mich flüsternd zu dir bog.
Und ich hielt deine Hand. Weißt du wol noch,
du blasse Andre; wolltest du's?

Wie war sie doch von Arbeit rauh!
wie saßest du so scheu und still
mit deinen Augen groß und grau,
als horchtest du dem Tropfentau,
der durch die Epheublätter fiel.
Und ich hielt deine Hand. Und es war so schwül.
Was ließest du es doch geschehn!
Ich wollte dir nur ins Auge sehn,
in diese Augen stolz und stumm;
Du aber – und wir sanken um;
die Epheublätter zitterten;
ich nahm dein einziges Eigentum.

Und vom Finger dein Ring, der flimmernde,
der in den kalten Sand gerollt;
im dumpfen Schatten schimmerte
trüb um den Perlenstern sein Gold.
Und da hast du trotzig aufgelacht,
von deinem Vater war auch er;
blaß langtest du ihn zu mir her
aus deinen Augen sah die Nacht,
und du nahmst meine Hand – hohl scholl der Strom
des Regens über uns, und trüb
in dem schwarzen Stein die Krone glomm –
sprachst du: Leb wohl! vergiß! nimm; gieb ...

Ihr Ringe, drei Ringe, und doch der neue,
aus scheuer Seele bang dämmernde Schwur?
Dahin der Glaube, dahin die Treue;
oh dunkle Flur!
Starr durch die nackten Pappeln schauen
die Sterne ins verhüllte Feld;
Wahrheit? – Im Moor die Nebel brauen;
laß ab! was willst du? Um dich Grauen,
und – voll von Sonnen steht die Welt!

Was willst du, Sehnsucht meiner Brust?
Sieh, eine Sonne ging zur Ruh,
nun schließ auch deine Augen du;
das Leben ist des Lebens Lust!
Hinein, hinein mit blinden Händen,
du hast noch nie das Ziel gewußt;
zehntausend Sterne, aller Enden,
zehntausend Sonnen stehn und spenden
dir ihre Strahlen in die Brust!

Dir in die Brust ... was willst du, Schweigen,
du laute Sehnsucht, immer noch?
Und ich sehe die Krone, die eine, steigen –
ihr Ringe, drei Ringe, wie war es doch?
die Krone steigen, die Krone sinken,
zur Sonne sinken, die Sonne winken:
Empor! nichts ist vergebens!
fest steht mein flammendes Gebot!
dem sei getreu bis in den Tod –
du trägst die Krone des Lebens,
die Schöpferkrone des Lebens ...




Rückkehr

Ich seh in deine Augen wieder,
so friedetief, so tief und bang;
da schweigen all die falschen Lieder,
die wild in mir mein Unhold sang.

Du darfst den trüben Wahnsinn wissen,
der gräßlich lacht in mir und schreit,
daß ich vom Mutterleib gerissen
zu graunvoll freudelosem Streit,

daß mich Natur mit allen Trieben
im Schooß der Wonne schon verdammt,
daß Die verflucht sind, die mich lieben,
daß Meine Glut nur Unheil flammt.

Du, Du, die Eine, hast ergründet
mein innerst Sündenangesicht,
hast mich entsühnt, zu Glut entzündet
in mir der Reinheit schwaches Licht!

Von Deinen heil'gen Seelenblicken
glänzt meiner Sinne dumpfe Flur,
mir löst ein menschliches Entzücken
die rohen Ketten der Natur!

In Tränen stirbt mein irres Bangen,
ob ich berufen sei zum Glück;
sieh mein verröchelndes Verlangen,
die Klarheit gabst du mir zurück!




Wiegenlied für meinen Jungen

Schlaf, mein Küken – Racker, schlafe!
Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
und das kleine, das ist meines!
Bengel, Bengel, brülle nicht,
du verdammter Strampelwicht.

Still, mein süßes Engelsfüllen:
morgen schneet es Zuckerpillen,
übermorgen blanke Dreier,
nächste Woche goldne Eier,
und der liebe Gott, der lacht,
daß der ganze Himmel kracht.

Und du kommst und nimmst die Spenden,
säst sie aus mit Sonntagshänden,
und die Erde blüht von Farben,
und die Menschen thun's in Garben
Herrr, den Bengel kümmert nischt,
was man auch für Lügen drischt!

Warte nur, du Satansrachen:
heute Nacht, du kleiner Drachen,
durch den roten Höllenbogen
kommt ein Schmetterling geflogen,
huscht dir auf die Nase, hu,
deckt dir beide Augen zu;

deckt die Flügel sacht zusammen,
daß du träumst von stillen Flammen,
von zwei Flammen, die sich fanden,
Hölle Himmel still verbanden – –
so, nu schläft er; es gelang;
Himmel Hölle, Gott sei Dank!




Lied des vogelfreien Dichters

Nach François Villon.

Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn.
Frostklappernd sitz'ich an der Feuerstelle,
in meinem Vaterland ein fremder Mann.
Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
lach ich in Thränen, hoffe voller Leid
und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
und meine Not ist meine Seligkeit:
ich, hoch geliebt, geflohn von Jedermann.

Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse
und dunkel nur, was allen Andern klar,
und fraglich Nichts als das für sie Gewisse,
denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
Gewinner stets, verspiel'ich immerdar;
mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
und hoff' auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut –
ich, hoch geliebt, geflohn von Jedermann.

Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
Wer auf mich schimpft, thut mir die größten Ehren;
der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist.
Mein Freund ist, wer mit klipp und klar beweist:
ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
Und wer mir schadet, lehrt mich: du, Dem trau!
Wahrheit, Lug-Trug, mir Alles Eins fortan;
begreif ich's nicht, behalt ich's nur genau!
ich, hoch geliebt, geflohn von Jedermann.




Lied der Gehenkten

Villon's Epitaph, als er nebst Ellichen zum Galgen verurteilt war.

O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast,
verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
Hier hängen wir, so stücker acht auch neun;
ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen.
Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen –
nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!

Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn;
du weißt ja, der du unser Bruder bist,
obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
Verwende dich von Herzen als ein Christ
beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
und uns behüte vor des Satans Krallen;
die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade –
ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!

Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
Kräh'n, Raben uns die Augen ausgewühlt,
uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt;
niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd;
nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
umschwärmt von Kräh'n, die Winde um die Glieder,
zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen!
Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder;
doch – bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!




Chinesisches Trinklied

Nach Li-tai-po.

Der Herr Wirt hier – Kinder, der Wirt hat Wein!
aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,
wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
dann woll'n wir die Kannen schwingen –
die Stunde der Verzweiflung naht.

Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
meine lange Laute, die ist mein,
ich weiß zwei lustige Dinge:
zwei Dinge, die sich gut vertragen:
Wein trinken und die Laute schlagen!
eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
ist mehr wert als die Ewigkeit
und tausend Silberlinge!
Die Stunde der Verzweiflung naht.

Und wenn der Himmel auch ewig steht
und die Erde noch lange nicht untergeht:
wie lange, du, wirst Du's machen?
du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?
kaum hundert Jahre – das ist schon lange!
Ja: leben und dann mal sterben, wißt,
ist Alles, was uns sicher ist;
Mensch, ist es nicht zum Lachen?!
Die Stunde der Verzweiflung naht.

Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
Seht ihr den Affen? da hockt er und greint,
im Tamarindenbaum – hört ihr ihn plärren?
über den Gräbern, ganz alleine,
den armen Affen im Mondenscheine? –
Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
auf Einen Zug zu leeren – –
die Stunde der Verzweiflung naht.




Fromme Wünsche

Nach Cecco Angiolieri.

Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen,
wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken,
wär ich das Meer, sie läge längst versunken,
wäre ich Gott, Spaß: gäb das ein Entsetzen!

Wär ich der Papst, wie würd'es mich ergetzen,
zu ärgern meine Christen, die Hallunken!
Wäre ich König, ließ'ich wonnetrunken
mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!

Wär ich der Tod, besucht'ich auf der Stelle
die lieben Eltern wieder mal; als Leben
beträt ich nie und nimmer ihre Schwelle!

Wär ich der Cecco – hm, der bin ich eben;
drum wünsch'ich Mir die schönsten Jungfernfelle
und will die häßlichen gern Andern geben!




Die beiden Schwestern

Ethische Burleske.

Leitspruch: Dem Heuchler deine Krallentatze,
doch Großmut, Löwe, seiner Welt!
Sie ist auch deine. Jede Fratze
zeugt für den Gott, den sie entstellt.

Sie war geflochten aus besten Stricken,
aus bleiverknoteten, festen, dicken,
meine Geißel nämlich – und der Stiel
so grad recht handlich zum Prügelspiel.
Doch nein: es sollte ja ernst zugehn,
ich wollte die Hexe blutig karbatschen,
diese alte Prüde mal zappeln sehn.
Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen,
die Lackschuh an, Manschetten, Chapeau,
damit nicht etwa, käm'ich so
als Mensch blos, ohne den Affenschniepel,
Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel!
Ich las noch einmal die Adresse:
Frau Geheime Comm.-Rath S. von Kohn
etcetera – die »Commission«
verschwieg man, schien's, aus Delikatesse.
Eine Krone drüber, riesengroß,
ersetzte das »geborne« Schwänzchen.
Da war ich geladen zum Lesekränzchen.
Denn – verehrter Leser, ich träumte blos ...

Hm! sollt ich sie also wiederbegrüßen.
Wahrhaftig, sie hatte Carierre gemacht
hatte mich immer schon ausgelacht –
na warte, du Kröte heut sollst du's büßen!
Ich übte Probe; verdammt. Das zog,
wie die Knute um Wade und Schienbein flog!
Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste,
ich übte den Handgriff, es ging aufs beste.
Noch ein Blick in den Spiegel: Famos, famos,
das wird ein lustiges Lesekränzchen,
erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen!
Faust?? – Wie gesagt, ich träumte blos.

Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt?
Seltsam! ich sann und sann und sinnte,
meine Gedanken waren wie Stinte:
kaum da, schon wieder weit entfernt.
Ich lief und lief – das war doch rein
zum Rasendwerden mit dieser Fratze!
Doch immer die selbe! das Auge! Nein,
doch nicht! jetzt so – fast wie ein Schwein,
jetzt wie'ne Schlange, nein, wie'ne Katze.
Und doch – zum Teufel, ich irr mich nicht:
um diese kaltlüsternen Blicke immer
das selbe zahme Kaninchengesicht,
nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht,
das selbe süßlederne Frauenzimmer.

Ah – ja natürlich! klar wie Butter!
erst war sie die Tochter von unserm Paster.
Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster,
zwei Jahr drauf war sie Fräulein Mutter.
Das heißt, nicht etwa von meiner Seite,
ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen,
ich nahm die Worte noch für die Leute;
ein Andrer, der hatte sie – besser begriffen.

Dann war sie die Jüngste von meinen Tanten,
nein – Eine von ihren Gouvernanten,
nur daß sie mich beide nicht wiedererkannten;
die brachten uns jungen Sündern bei,
was alles unaussprechlich sei.
Sie lasen immer vor Schlafengehn
bei verriegelten Thüren die Bibel zusammen,
die Reinheit ihrer Seelenflammen
war aus der Reinheit der Blätter zu sehn;
die fettigsten Stellen – will ich nicht nennen,
die keusche Leserin wird sie kennen.

Herrgott, und die Pate, das war sie ja auch!
die mit dem wohlgemeinten Bauch.
Ihr seliger Gatte war sehr verderbt,
er hatte ihr einen Apoll vererbt,
der hatte nur ein Blatt zum Kleide;
drum band sie ihm, so geht die Fabel,
aus dunkelblauer chinesischer Seide
ein christliches Mäntelchen um den Nabel.

Nein Himmel – es war ja ihr Fräulein Base!
Nein – Fräulein Rosaura von gegenüber,
die mit der Entenschnabelnase
und dem lyrischen Epos »Je länger je lieber«.
Sie hatte sich züchtig nach einem Mann
in den vornehmsten Zeitungen umgethan,
doch wollte Keiner die Tugend belohnen;
nun schrieb sie Novellen und Recensionen.
Ganz Deutschland pries den neuen Stern
ob seiner jungfräulichen Reinlichkeit;
besonders Zola'n besprach sie gern
und – warnte vor seiner Peinlichkeit.
In Höherem Auftrag ließ sie auch,
der Staat bewilligte die Mittel,
ein Werk erscheinen mit dem Titel:
»Das verbesserte Volkslied zum Schulgebrauch«.
An den Anfang war als Motto gestellt:
»Hähnchen von Tharau ist's, das mir gefällt«.

Und immer neue! Verdammte Hexe:
kaum bist du Eine, so sind es sechse –
Herrgott, nun ist sie ja gar ein Mann!
der Herr Kollege von nebenan,
der geprüfte Schulamtskandidat,
der die ausgezeichneten Zeugnisse hat;
er schwingt fürs Frauenwohl die Feder.
In Schriften spricht er und vom Katheder
über die höhere Sinnlichkeit
aller wahrhaft sittlich Emancipirten
und die sexuelle Verworfenheit
und perversen Affecte der Prostituirten;
er will ein kirchliches Zuchthaus gründen
zur Korrektur der natürlichen Sünden.
Die termini technici liebt er nämlich,
so ein Fremdwort finden die Damen scharmant;
deutsch klingt gleich alles so beschämlich
und zehnmal weniger intressant.
Drum ist er, nur aus besagtem Grunde,
bei einem Specialarzt ständiger Kunde.

Ah, da geht er ja wieder – Herr, warten Sie doch!
was machen Sie denn so breite Beine?!
Nein, das ist er ja garnicht – ah: Frau von Knoch
mit ihrem Möpschen an der Leine,
seine verehrte Gönnerin.
Ach nein: Frau Consistorialrath Klooß,
mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn
und bald Millionenbesitzerin,
die »Witwen- und Waisen-Beschützerin«,
geborene Freiin von – Kronensproß.
Ihr Neffe, der war ein deutscher Dichter,
so einer von dem modernen Gelichter,
die alles beim rechten Namen nennen
und gar keine moralischen Rücksichten kennen;
dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen.
Und da hat der Mensch die Frechheit besessen,
angeblich aus Mangel an Kleidung und Essen,
und hat sich ne Kugel durchs Herz geschossen.

Und immer neue! mein Atem brannte,
während ich so durch die Straßen rannte;
ich lief und lief, von Schweiß bedeckt.
Aus allen Mienen, aus allen Blicken,
als hätte ein Teufel die Welt beleckt,
schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken.
Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt,
war sie mir über den Weg gekrochen
mit ihrem frommen Kaninchengesicht,
nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht,
mit ihren schlangengeschmeidigen Knochen.
Sie hatte so'was in den Augen,
das schien sich Einem ums Herz zu stricken,
jede Liebe drin zu ersticken
und jede Männlichkeit auszusaugen.
Und wo man hinkam, war sie zu treffen,
sie schien die reine Gesellschaftsklette;
sie ließen sich Alle geduldig äffen
von dieser verzuckerten, glatten Kokette
mit ihren ahnungslosen Mienen,
die – seltsam – nimmer zu altern schienen
und die ich auch niemals jung gesehn;
ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn.
Zwar – sie auch ihr! denn sonderbar:
kein Haus, in dem dies Rackervieh
nicht irgendmal zu finden war,
blos in den Hütten der Arbeit nie.
Und immer, waren mir mal zu Zwein
und ich wollte der Kröte die Wahrheit geigen,
so ein Lächeln und Lispeln: »Lassen Sie sein,
geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!«
und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen:
»Ich weiß ja, alles ist natürlich!«
und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen:
»Im Wort nur ist es ungebührlich!«
dann aber, wie ein sattes Schwein
am vollen Troge pflegt zu liegen,
fing plötzlich so ein glasiger Schein
ihre geilen Blicke an zu lähmen,
ich konnte den Ekel nicht bezähmen,
ich mußt ihr vor die Füße spein.
Das brachte sie jedesmal zum Lachen:
»Sie wollen die Welt wol besser machen?«

Nur manchmal, wenn sie wie in Schauern,
als ob sich ihr Gefühl ertappte,
die Lider über die Augen klappte,
empfand ich was wie ein Bedauern;
vielleicht, daß doch in all dem Schleim
ein kleiner, verschimmelter Edelkeim!
Ich spürte dann immer so ein Jucken
in allen fünf Fingern, ihr die Mucken
mal mit der Karbatsche auszuplätten –
man weiß ja: Prügel und dann ein Kuß
ist verrückten Weibern ein Hochgenuß –
Das war das Letzte, das konnte sie retten.

Herjeeh ja, das war's ja, das wollt'ich ja eben!
ah sieh, da bin ich ja schon zur Stelle.
Sie thronte, von ihrem Stab umgeben,
der kleine Herr Gatte stand dick daneben,
grad gegenüber der Zimmerschwelle.
Die persischen Polster und Teppiche strahlten
im weißen Schimmer der Glühlichtblüten,
die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten,
die Seidenroben rauschten und prahlten;
auch sprach man schon ... Ich legte die Rechte
verbindlich an mein Westenlätzchen
und – fühlte nach meiner Knutenflechte,
sie steckte sicher; na warte, Schätzchen!
Laut: »Gnä'ge Frau, ich habe das Glück,«
sie schien mich gar nicht wiederzukennen,
ich nahm die Ehre, mich zu nennen –
»Ah, der neue Herr Lektor. Ein'n Augenblick.«
Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele,
die Geheime Comm.-Rath S. von Kohn,
als ihre plebejischen Kinderspiele;
sie war ja bei Hofe Vertrauensperson!
Sonst schien sie aber nicht verändert,
nur sozusagen zart conservirt,
die verschleierten Augen pikant umrändert,
und ein wenig à la Tartuffe frisirt.
Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen,
seine Geheime sehr zu gefallen.

Nun fing man an von Kunst zu sprechen.
Der Herr Geheime sprach: »Verßeihn Se,
wenn ich so frei bin aufzubrechen,
ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse.«
»Oh« – »leider« – »bitte« – bedauerndes Lächeln,
Verbeugen und Neigen und Wangenfächeln –
»Ja, leider dringende Commission,«
verschwand mit Würde Herr S. von Kohn;
nun ging es hoffentlich bald los.
Ich sah mich um – i Gott soll schützen,
da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen!
Da rechts – Frau Consistorialrath Klooß,
geborene Freiin von Kronensproß.
Da – Fräulein Rosaura von Entenschnabel,
da die Pate mit dem verbundenen Nabel,
und Frau von Knoch mit ihrem Begleiter,
und die Pastertochter – na und so weiter:
das ganze gediegene Lesekränzchen,
wie sie da saßen und standen die Biedern
auf ihren unaussprechlichen Gliedern,
germanische wie semitische Pflänzchen:
oh Boccaccio, göttlicher Schmetterling,
dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel,
das wär was gewesen für Deinen Rüssel,
wenn nicht auch Dir der Spaß verging!
Ja: ihr ganzes Leben lag vor mir offen,
ich kannte sie Alle – und das Pack
schien nicht ein bißchen davon betroffen,
na wart't! ich fühlte an meinen Frack.
Ja – die Frau Geheime war augenscheinlich
in ihrem Umgang äußerst reinlich.

Gott sei getrommelt und gepfiffen:
jetzt winkte sie. Die ganze Herde
war plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen,
und mit entsprechender Geberde
sprach die Geheime: »Lieben Freunde,
ich bin entzückt und hingerissen,
daß meine kleine Kunstgemeinde
so treu zusammenhält. Sie wissen,
daß wir uns heute dem unendlich
von uns verehrten, wundervollen
Genie von Weimar widmen wollen,
das heißt mit Auswahl selbstverständlich.
Ich darf wol bitten – hier, mein Lieber,«
das ging an meine Wenigkeit,
sie reichte mir den Faust herüber –
»die gestrichenen Stellen zu beachten;
wenn's dann gefällig, wir sind bereit.«
Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten
mir Lesepult und Wasserglas;
ich sah in das Buch. Ei Teufel – das,
das ging wahrhaftig über den Spaß:
da war ja Alles, schien's, gestrichen.
Na, ich nahm Platz; die Diener schlichen
lautlos hinaus – ich machte tief
mein Kompliment – mein Auge lief
die Blätter durch – aha! hier oben
ein ganz besonders dicker Strich!
und salbungsvoll das Kinn gehoben,
begann ich ernst und feierlich:

»Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann,
Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift;
Doch wer den Augenblick ergreift« –
man horchte auf – »Das ist der rechte Mann.
Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut«,
Fräulein Rosaura nickte zart,
»An Kühnheit wird's euch auch nicht fehlen,
Und wenn ihr euch nur selbst vertraut«,
ich griff mir schmachtend in den Bart,
Fräulein Rosaura saß erstarrt,
»Vertraun euch auch die andern Seelen.
Besonders lernt die Weiber führen«,
der Pastertochter wurde schwach,
»Es ist ihr ewig Weh und Ach«,
die Pate schien der Schlag zu rühren,
»So tausendfach« –
Frau Klooß erkannte mit Gewimmer:
Herr Gott, das wird ja immer schlimmer –
»Aus Einem Punkte zu kurieren.
Und wenn ihr halbweg ehrbar thut«,
jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer,
»Versteht das Pülslein wohl zu drücken«,
die Frau Geheime schien zu sticken,
»Habt ihr sie Alle unterm Hut.
Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken«,
schrie ich – »verdammte verquiente Brut,
Wol um die schlanke Hüfte frei,
Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei« – –
da platzte die Bombe, ein Jammergeschrei,
die Frau Geheime lag auf dem Rücken.
Und krach! auf die Diele das Wasserglas
und den Lesetisch, und heraus die Knute:
»Nu täuw, du schielige Zimperpute –
Karline, jetzt kommt der Kontrabaß!
jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!«
und rietsch, da hatt ich sie beim Wickel.
Ei, alle Wetter: dies fette Karnickel,
das war ja wie'ne Feder leicht!
Und plötzlich – Teufel, was war denn Das:
Fräulein Rosaura sank fassungslos
dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß,
die Pate schnappte leichenblaß
nach Luft: in meinen Fingern saß
- die Frau Geheime bibberte nur –
ihre ganze bezaubernde Lockenfrisur.
Und auf der grau strupphaarigen Platte –
mir ekelte – ein Schorf und Schinn
und Speck und Spinster, als klebte drin
die ganze abgekratzte Pomade
von zehn Jahrhunderten festgefilzt,
so eingeschimmelt und verpilzt.

Die ganze Bande lag in Krämpfen –
na wart't, Canaillen, es kommt noch besser,
ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen!
Und schnipp schnapp flitz: mein Federmesser:
herrjeh, wie wurden sie plötzlich munter –
Frau Klooß, geborene Freiin, schrie:
»Allmächtiger Vater, er mordet sie« –
und holter di polter, stuhlüber stuhlunter,
als ob ein Satan zwischen sie führe,
das ganze gediegene Lesekränzchen,
germanische wie semitische Pflänzchen,
klabotter klabatter hinaus zur Thüre.

»So, Schatz!« ich nahm sie sacht beim Kragen,
zum Glück hatt'ich noch Handschuh an –
»jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann
und Weib das manchmal soll passieren,
uns etwas näher inspiciren!«
Quietsch, legte sie los mit Zappeln und Klagen
und Dämpfelassen und Wasserschlagen –
weiß Gott, mir wurde wieder übel.
Na, ich spuckte mir's weg – und »Na warte, du Zwiebel«
langt'ich die Knute vom Teppich hoch,
»bist endlich ruhig mit deinem Loch?
sonst gibt's mit der da aufs Hinterstübel!«
Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen
und Seidenfranjen und Sammetlitzen,
und schlitz – an Knöpfen war nicht zu denken,
so war die Zimpe verschnürt und verschnallt –
das Federmesser! und – – brrr, schnitt's kalt
und heiß mir selber in allen Gelenken,
wie da aus Flunker und Flitter und Flatter,
aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter
und Watte und Wolle und Fischbeinzacken
und Gummi-Busen und –Hinterbacken
mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten
sich diese – vermickerten Knickknochen pellten.

Ich stand – na, wie das Kind beim Drecke.
Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe,
dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke,
dies dürre, vermuffte Altjungferngerippe,
da hatte ich Narr mich so geplagt?!
Zwar Jungfer – Das zu untersuchen
bei diesem verpimperten Hutzelkuchen,
das hätte wol kaum ein Arzt gewagt.
Ich konnte mich immer noch nicht fassen,
blos heimlich wünscht'ich: hätt'ich ihr doch
das Hemde wenigstens angelassen!
Pfui Teufel – wie sie da vor mir kroch
mit ihren Runzeln und Faltenschlitzen
und ihren Zotteln und schlaffen Zitzen
und ihren ausgetrockneten Waden
und eingetrockneten Hinterfladen,
und zwischen den schlotternden Schultern und Armen
auf der vermergelten Wirbelleiste
der griese, grindige Schädel gleißte:
mein Ekel stieg bis zum Erbarmen.

Lern aber einer die Weiber kennen!
Noch eben mitten in Plärren und Flennen:
kaum merkte sie meine Männerschwäche –
ich merkt'es selber erst durch sie,
es war die reine Telepathie:
da grinst und äugelt mich die freche
Vettel mit ihrer geschminkten Fratze
so von unten über die Achsel an,
daß mir's durch beide Nieren rann.
Ich weiß nicht, ob die alte Katze
mich etwa zu – beglücken dachte,
ob sie sich über mich lustig machte,
ob diese abgetakelte Ratte
in ihrer kahlen Scheußlichkeit
meinte, sie sei dadurch gefeit
ich sah nur unter der rundigen Platte.
nur zwischen den gelben, verschmuzten Runzeln,
den Pustelflecken und Zottenzunzeln,
dies weiß und rosa beschmierte Grinsen,
dies schlaue, gemeine Blicken und Blinsen,
und plötzlich faßte mich eine Wut:
mir schien das ganze verfaulte Blut
unsrer vergreisten, verspensterten Zeit
in dieser Hexe zusammengebreit,
und – »So, nu plärre, verwünschte Zicke,
jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand!«
hob ich zum Hiebe die Knutenstricke,
da – – legt sich sanft um meine Hand
und rührt mich bis ins weheste Mark
wie junge Liebe so still und stark
und warm, um meinen Hals gebogen,
ein Arm, – und mild, voll Stolz und Huld,
tönt eines Atems leises Wogen:
»Laß ab! sie büßt mit ihrer Schuld.«

Und wie sich nun mein Nacken wendet,
von Schauern mächtig überwallt,
da steh ich, fast von Scheu geblendet
vor dieser schimmernden Gestalt.
Im matten Glanz der Glühlichtglocken
ist ihre Nacktheit heller Tag,
es geht ein Schein von Stirn und Locken
wie Blütenschmelz im Frühlingshag.
Zur Hüfte nieder um die Brüste
fließt mantelschwer ihr lang braun Haar
und wogt und flimmert goldenklar,
als ob ein Morgenwind sie küßte.
Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten,
zum Gruß geneigt und zum Gebot,
ein Lilienstab, den dunkelrot
zwei volle Rosen dicht umflechten;
so steht sie wehrend, wundersam
beglänzt. Und ich – mich überkam
ein Ahnen wie Erinnerung,
ein Sehnen neu und kinderjung:
ich hatte sie nie noch nimmer wo
gesehn, und wie mir dennoch so
ihr blauklar Auge, seelenweit,
und ihres Mundes Zärtlichkeit
jedwedes Faserchen tief innen
zu lauter Andacht ließ gerinnen –
ach war's denn nicht, als sähe wieder
meine liebe Mutter zu mir nieder?
und nun verwirrt und fromm befangen
mein Blick an ihr zu Boden wollte
und doch, in bangem Hinverlangen,
wie so ihr Haar an Ohr und Wangen
und Brüsten schmeichelnd sie umrollte,
mein Herz nach ihrer Schönheit schrie,
als bebtest Du mir, Du mir wieder,
Du Eine Eine zu mir nieder
in deiner Reinheit, die mir nie
ein Wort noch Winkchen vorenthalten,
nicht Seel noch Leibs geheimste Falten,
als läs'ich ein ergründet Buch, –
und wie's so immer tiefer wühlte
und süß und süßer mich umhüllte
der dunklen Rosen Wollgeruch:
es riß mich nieder ihr zu Füßen
und machte meine Arme breit:
»Wer bist du, Weib, in deiner süßen,
in deiner milden, herben, süßen,
unsagbar süßen Herrlichkeit?«

Und aus der Rechten sacht zur Linken
läßt sie das Blumenzepter sinken,
dann spricht sie über mich geneigt,
nimmt mir die Geißel aus der Hand nun,
nimmt eines Teppichs bunten Rand nun,
indem sie ihn der Andern reicht,
und winkt ihr mit der Lilie: »Geh!
bedecke dich! es thut mir weh,
in deiner Blöße dich zu sehn.«
Und wieder über mich geneigt nun,
indeß die Andre scheu entweicht nun,
tönt ihres Atems leises Wehn:
»Was war's doch, was in tiefsten Lüsten,
wenn Lippen sich und Seelen küßten,
den trunknen Blick dir ganz benahm,
was dich im Überdurst der Wonnen,
so in ein Andres ganz versponnen,
wie willige Blindheit überkam?
Dann warst du Mein! ich bin die Scham.
Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,«
senkte sie lächelnd die Lilienblüten,
»so um alles in Eifer wüten.
Die da, meine mißratene Schwester,«
nickte sie neckisch nach der Thür hin,
während sie mir den Scheitel zauste
und ihre zierlichen Nüstern krauste,
»Die da ist schon über Gebühr hin
durch die eigene Ohnmacht gestraft:
fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft.
Hat ja viele Seelen zu Sklaven,
alle die Biedern, alle die Braven
vom werten Orden der Gleißnerschaft,
alle die zahmen, ewig alten,
sinnenlahmen Halben und Kalten,
scheint ein gar gewaltiger Bund,
ist aber doch nur – nun eben Schund.
Haben die Welt nie aufgehalten,
und Alles, was sie zu Stande brachten,
und ihrer Weisheit letzter Grund
ist – ihr gegenseitig Verachten.
Können sich nicht gesund betrachten,
weil ihrem armen dünnen Blut
jedes freie Lüftchen wehe thut,
und machen drum aus ihrer Not
ein Gebot.
Und, Lieber,« streicht sie zart mein Haar,
»der Heuchler meint die Lüge wahr,
der Wahre muß ihn nur verstehn!
Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn,
man würde sich nicht sehr beklagen;
doch etwas schwerer zu vertragen
ist Häßliches, bei Licht besehn.«

Und während silbern noch im Ohr mir
ihr fröhlich stolz Gelächter klingt,
winkt mit den Rosen sie empor mir
und spricht: »Ein schlechter Boden bringt
aus echter Wurzel schlechte Blüte,
und wer mit schwächlichem Gemüte
sich schämt, der ist zur Scham verdorben,
doch ist sie drum – nit ausgestorben.

Wer Löwe ist, Der gönnt der Katze
den Mäusefang in seiner Welt;
sie will auch leben. Jede Fratze
zeugt für den Gott, den sie entstellt.«

So beugt sie sich mit gnädigem Kusse
in heller Anmut zu mir hin,
ich aber fühle ihrem Gruße
mein ganz Gefühl entgegenglühn –
und nur noch, wie's mich übermannte,
ich wieder an ihr niedersank,
mein Mund auf ihren Brüsten brannte,
ich ihre Lenden ganz umspannte,
ihr Haar mir um die Finger schlang,
die Stirn gewühlt in ihren Schooß –
und sie nur, hold und mütterlich,
am Ohr mich zupft: »Ich bitte dich,
mein lieber Freund! was willst? laß los!
ermuntre dich! du – träumst ja blos.«




Das Urteil des Paris

Eine Culturlegende.

Von den Höhen des Olympos löst sich eine lichte Wolke,
wandert über Flur und Fluten, rastet über Trojas Volke.
Und die Menge sieht mit Staunen, und die Priester sehn mit Beben
an dem glanzgewölbten Himmel diese eine Wolke schweben.
In den Tempel Aphrodites hasten ihre bangen Schritte;
wo der Göttin uralt Bildnis kauert in der Säulen Mitte,
sinken rings sie in die Kniee, küssen mit der Stirn die Erde,
breiten qualverzückt die Arme, flehn mit brünstiger Geberde:

Aphrodite, große Mutter,
Wollustzeugerin, wonnegebärende,
Deinem Schooß sind wir entsprossen,
Aphrodite Kybele!

Aphrodite, große Göttin,
Allbezwingerin, sinneberauschende,
Deiner Brüste Reiz umfängt uns,
Aphrodite Pandemos!

Aphrodite, Unheil droht uns.
Neidisch fühlen die anderen Göttinnen,
daß wir Deinem Dienst nur glühen;
Schönste, schütze deine Stadt!

Und von dannen zieht die Wolken unten durch die grünen Matten
auf dem Ilischen Gefilde kriecht ein seltsam blasser Schatten.
Neue Furcht umstrickt die Beter, und sie wagen nicht zu danken,
und ein dunkles Schicksalsahnen will durch ihre Seelen schwanken,
wie der schwergeballte Schatten durch die Ebene sich windet,
langsam, bis er im Gewässer des Skamandros schwarz verschwindet.
Wo des Ida graue Kuppe schimmert in den blauen Lüften,
ringelt sich die Wolke nieder, bleich verschwimmend in den Klüften ...
Dort, in einem Thal, sitzt Paris, seines Vaters Herden hütend,
Priamos des Trojerfürsten, – tief in Jünglingsträumen brütend.
Über seinem Haupt im Laube eines wilden Apfelbaumes
summt der Westwind Melodieen zu den Stimmen seines Traumes.
Gramverdrossen lauscht der Jüngling ihren sehnsuchtschwülen Klängen,
die mit buntverworrnen Bildern in sein heißes Herz sich drängen.

Ich soll im Elend mein Leben vertrauern,
weil ich schöner als Alle bin?
soll hier verbannt sein zu Hirten und Bauern
um meiner Brüder neidischen Sinn?

Warum kann ihnen mein Vater nicht wehren!
Weil mich ein Kebsweib trug an der Brust,
soll ich verzichten auf Glück und auf Ehren?
Ich soll büßen des Vaters Lust?!

Hör'ich die Stimmen hier in mir ringen,
schüttelt mich Unrast in süßester Ruh.
Sage, ach sage, was wirst du mir bringen,
Zukunft, Göttin der Jünglinge du!

In die Ferne, nach der Heimat, glüht sein Blick in dunklem Harme,
und mit zitterndem Verlangen breitet er nach ihr die Arme;
ach, vergebens! sinkt er müde seufzend in den Schatten wieder.
Plötzlich, aus des Baumes Höhe, fällt ein Apfel vor ihm nieder.
Auf der glatten Schale, zitternd, spielt des Mittagslichtes Flimmern,
durch die kummermatten Lider sieht er's schillern, sieht er's schimmern,
lange Strahlen sieht er goldig flirrend auf und nieder schießen
um die Frucht, er will sie greifen, sieht im Glanze sie zerfließen,
sieht aus lichten Düften weiche, schlanke Nebelsäulen blauen,
auf sein brennend Auge fühlt er einen linden Schlummer tauen,
wie aus weiten Räumen hört er Stimmen läuten wie von Frauen,
staunt, wie nun die Wolkenwogen winkende Gestalten brauen;
ihm entgegen aus den Nebeln tauchen vor ihm auf die Leiber
eines leuchtend nackten Jünglings, drei gewandumwobner Weiber.
Hermes, der Olymposbote, dehnt vor ihm die leichten Glieder,
und mit seiner Göttermiene neigt er lächelnd sich hernieder:

All dein Trachten, schöner Schläfer,
aller Jugend Trachten ist es,
ist der ew'ge Traum der Menschheit:
Göttern gleich, der Wünsche Fülle
mühelos erfüllt zu sehn.

Unaufhörlich wünscht der Schwache
seines Glückes eigne Wahl sich;
aber darum unaufhörlich
steigen Himmlische gewährend
zu Erkorenen herab.

Sieh: mit ihren Gaben naht dir
jede Göttin des Olympos.
Wähle! Du, der schönste Trojer,
diesen Apfel gieb der Schönen,
die Du für die Schönste hältst.

Und er bückt sich flink zu Boden, aus dem Gras den Apfel nimmt er;
kaum berührt er ihn, und siehe, wie von lautrem Golde glimmt er.
Und so reicht er ihn dem Jüngling. Furchtsam läßt ihn Der fast sinken:
Träum'ich denn? ja nein, ich wache! sah ihn ja vorhin schon blinken,
fühl ihn schwer in meinen Händen. Prüfend will er ihn beschauen,
da – mit stolz gemessnem Gange tritt die Ragendste der Frauen
vor ihn hin. Gebietend steht sie. Und des Jünglings Blicke hangen
scheugebannt an ihrer Stirne, die von Hohheit ganz umfangen.
Und er wagt es nicht zu sehen, wie sie würdeschwer die Hülle
festen Griffes wirft zur Erde, sich entblößt in ihrer Fülle.
Und er horcht, und nur ein Leuchten ihrer blanken Schultern blendet
ast sein schüchtern Auge, nun sie laut ihm diese Worte spendet:

Ich bin Here. Meinem Wunsch
huldigt selbst auch Vater Zeus.
Wahrlich, nicht um Ehren buhlt
des Olympos Königin.

Doch geschmäht hat mich dein Volk.
Ducken sollst du mir dein Volk.
Deines Vaters Thron sei Dein,
würdigst du als Schönste Mich.

Jedes Erdengut sei dein,
aller Reichtum, alle Macht!
Und dein Wort, es sei Gesetz,
und dein Wink sei heil'ges Recht!

Schwer versinkt des Schläfers Atem, und er fühlt sich jäh erblassen,
während mit gewalt'gen Schauern Lust und Furcht sein Herz umfassen.
Aus dem Rausche der Beklemmung schwillt auf einmal ein Begehren,
aber eh er aufspäht, hat sie schon geruht sich umzukehren.
Langhinschleppend die Gewänder sieht er sie vondannen schreiten;
und, aus tiefer Brust erseufzend, schaut er ins Gesicht der Zweiten.
Mit gesenkten Lidern sinnt sie, lässig langt sie nach den Hüften,
von des Kleides dichten Falten den geschuppten Gurt zu lüften.
Und der Jüngling folgt verstohlen ihrer Hand. Da bohrt's wie Flammen,
zuckt's wie Blitze ihm ins Auge, und er fährt bestürzt zusammen:
stahlhell treffen ihn der Göttin weiterschlossne Strahlenblicke,
wie sie nun die letzte Spange schnell sich nestelt vom Genicke.
Und verwirrt hört er sie reden, blöde auf den Apfel starrend,
nur der streng geschürzten Lippen flücht'ges Lächeln noch gewahrend:

Höchste Weisheit in dem Rat der Männer,
auf dem Feld der Ehre höchster Ruhm
sollen deinen Scheitel krönen,
krönt dein Mund als Schönste Mich.

Unvergänglich wirst durch mich du herrschen,
noch im Tode wird dein Name herrschen,
herrlicher im Leben herrschen:
Ruhm ist Reichtum, Weisheit Macht!

Und nicht feile Demut sollst du werben
für des Donnrers liebstes Kind, Athene;
deine Stadt sollst du erlösen
aus der Schmach der Üppigkeit ...

Schwerer schwillt und sinkt des Schläfers Atem, seine Pulse springen,
während heiß in seiner Seele Ehrfurcht und Begeistrung ringen.
Hastig will er schon den goldnen Preis der edlen Göttin bieten,
tippt ihm Hermes auf die Achsel: Höre erst noch Aphroditen!
und er stutzt, ein unterdrücktes Lachen meint er zu vernehmen,
stutzt und dreht den Kopf; doch schweigend setzt der Gott sich mit bequemen
langen Schritten, ernsthaft nickend, wieder hin auf seine Hürde.
Unmut wölkt des Schläfers Stirne; nach Athenes keuscher Würde
suchen seine Augen, aber – züchtig ist sie schon verschwunden ...
Und es nahet, schwebend, leise, hold von Locken ganz umwunden,
naht, von wehenden Geweben, naht von Jugend ganz umflossen,
bebend nahet Aphrodite, ganz von zarter Scham umgossen,
und die Lüfte scheinen schmeichelnd sich in ihr Gewand zu schmiegen,
und der Jüngling glaubt den Dichtern, daß sie einst dem Schaum entstiegen.
Aus den langen Wimpern schmachtet feucht ihr Auge ihm entgegen,
zittern bittend ihre Blicke; und ein Rieseln und ein Regen
und ein heimlich süßes Grauen sickert ihm durch Brust und Lenden;
schauen mag er nur und schauen, wie sie nun mit bangen Händen
von den Armen streift die Schleier, wie des Busens weiße Wellen
auf und nieder durch die Spalten ihrer rosigen Finger quellen.
Tiefer tauchen seine Blicke, Nacht will wogend ihn umbreiten,
durch die dünnen Hüllen ahnt er ihres Leibs Verborgenheiten;
schwerer immer ringt sein Atem, wilder, und die Schläfen glühen,
kaum vernimmt er noch die Laute, die von ihren Lippen blühen:

Ach, ich kann nur Liebe geben;
aber jedes Glück sei dein,
jedes, das ich weiß zu weben!
Sage, willst du? bist du mein?
Willst du immer selig sein?

Jedes Weib soll dich begehren
dem dein leiser Wunsch nur lacht!
Und dein Volk wird staunend ehren,
höher rühmen solche Macht
als des Ruhmes kalte Pracht.

Und das schönste Weib auf Erden,
komm, o komm, ich zeig'es dir!
Und noch schöner soll sie werden,
alle Reize geb'ich ihr,
meine Reize! Schaue: hier

und in herrlich kühner Freude schwingt die Himmlische den Schleier,
sieghaft blickend, auseinander. Glanzumspielt in göttlich freier
Nacktheit vor dem Jüngling steht sie. Und sie lächelt. Und zu Füßen,
mit dem Preise, der Berauschte, liegt er vor der Anmutfüßen:
»Nimm ihn! gieb mir! gieb mir Liebe! Liebe!« Da: um seine wirren
steilen Sinne fühlt er's schwimmen, fließen, flimmern, Flügel schwirren,
bleiche Säulen von Gerüchen, die sich schwül zu Nebeln ballen,
und aus weiten Räumen däucht ihm hohl ein Zwiegesang zu hallen:
Fahre hin, du Sohn der Wollust! hast dir selbst den Stab gebrochen,
hast dir selbst das Urteil, hast es Dir und deiner Stadt gesprochen! –
Und erschrocken will der Schläfer auf vom Boden, da erwacht er,
sieht im Gras den Apfel liegen, und aus hellem Halse lacht er:
Hei, solch Träumen lass'ich gelten! morgen geht's hinaus ins Weite,
und nach Sparta zu der schönen Helena geht's auf die Freite,
und dem alten Menelaos raub'ich sie samt ihren Schätzen,
und am Neid der lieben Brüder will ich mich dann weiolich letzen!
Pfeifend langt er sich den Apfel, schleudert lustig ihn gen Himmel,
äugt ihm nach ins Blau, da – sieht er, wie mit schwärzlichem Gewimmel
wirbelnd um des Berges Spitze sich ein Wolkenknäuel rühret;
und ein Ostwind hebt sich plötzlich, der die Wolke mit sich führet,
der sie gärend fortwälzt, bis sie drohend über Troja hanget,
wo, der Liebesgöttin opfernd, alles Volk im Festschmuck pranget.
Seltsam graue Schatten winden sich auf einmal durch die Gassen,
scheu verstummt der tolle Jubel, all die Taumelnden erblassen;
um die Türme, auf den Mauern sehn sie fahl die Sonne glänzen
und mit breitem Saum die Wolke feurig lohend sich umkränzen.
Blutig rote Lichter fliegen unten durch die grünen Auen,
und die Menge sieht's mit Beben, und die Priester sehn's mit Grauen;
sehen angstvoll harrend endlich das Gewölk von dannen rollen,
während fernher – über Hellas – finstre Wetterschwärme grollen.




Die Verwandlungen der Venus

»Zeugen, Geburt und Tod,
Wann wird es stille!
Wo glüht das Urgebot,
Wo wacht der Wille?«
Otto Julius Bierbaum.




Gebet der Sucht

Niemals sah ich die Nacht beglänzter,
diamantisch reizen die Fernen;
durch mein staubiges Kellerfenster
sticht der Schein der Gaslaternen,

schielt auf meine frierenden Hände,
und ich fühle meinen Hunger;
grau sind diese nackten Wände,
und sie flimmern. Und mein junger

irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen
unsre Lüste wollen fruchtbar sein!
Mit den Schatten meiner keuschen
Kammer spielt ein schwüler Schein.

An den hohen Häusern drüben glühen
aus der Finsternis die Fenster,
wo die Freudenmädchen blühen –
niemals sah ich die Nacht beglänzter!

Und die Sterne sind wie brennende Blicke,
Welten sehnen sich nach mir!
Ich verschmachte. Ich ersticke.
Ja: ich frevelte an Ihr!

Selbst in meiner kalten Zelle
fühlte ich das Leben toben,
der ich wagte, dieses schnelle
Herz zu dämpfen; aber oben

über meinem dunklen Thale,
Venus, seh ich angebrannt
Deine flammenden Fanale,
und den Blick hinaufgewandt

ruf'ich aus dem tiefen Turme
meiner Aengste zu dir hoch:
Göttin, wandle dich zum Wurme,
sei im Wurme Göttin noch!

Sausend schaukelt eine Not mein Herz
wie in erster süßer Knabenfrühe;
ich verschmachte! ich verglühe!
jeder Stern ist mir ein Schmerz, –

ihrer Strahlen ferne starre Ruten
martern, wenn du mich nicht kühlst,
wenn nicht Du mit deinem brünstigen Blute
meine brennenden Dürste stillst!

Sieh, es lichtet sich ein neues Fenster,
zuckt ein steiler Kerzenstreifen –
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Ja: entzünde dich dem Reifen,

Ewige, lächle: Deine Kerzen bleiben,
alle andern sind verblichen!
Hinter jenen schwarzen Scheiben
schlafen alle Ordentlichen ...




Venus Anadyomene

Das ist die alte Stimme wieder,
aus langen Träumen jung erwacht;
sie sang die allerersten Lieder,
trunken und schüchtern, – sie singt und lacht:
»Ueber dem grünen Roggenmeere
wiegte die Glut zwei Pfauenaugen,
blühend roch die brütende Leere;
tief im grünen Roggenmeere
lag ein Knabe mit blauen Augen.
Das war, als du noch Fehle hattest,
noch alte Furcht und fremde Scham,
als du noch keine Seele hattest,
die nur aus Deinem Blute kam.
Aber du sahst die Falter leuchten,
mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;
träumte dir von zwei dunkelfeuchten
Augen, und die sahst du leuchten
unter bunten, flatternden Schleifen.
Das war die Zeit des Schaums der Säfte,
die Aehren stäubten gelben Seim,
vieltausendjährige Ueberkräfte
erregten schwellend einen Keim;
ahntest unterm andern Kleide
andre nackte Glieder klopfen,
deine Hände flackerten beide,
in die einsam heiße Haide
quoll ein erster Samentropfen.
Das that die Sehnsucht dieser Erde,
die opfernd um die Sonne schweift;
sie sprach das allererste Werde, –
beichte! die Sprache der Mannheit reift.«




Venus Primitiva

O daß der Kuß doch ewig dauern möchte,
- starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste;
der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte,
tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!

Nein, länger duld'ich nicht dies leere Sehnen,
ich will nicht länger in verzücktem Harme
die liebekranken Glieder Nächtens dehnen;
»O komm, du Weib!« entbreit'ich meine Arme ...

Oh komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide,
fühlt wogend glühn, du Flammenkönigin,
im Aschenflor um dich die Kupferseide.

Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
ich dürste nach der Sünde nach dem Grauen
vor dieses Feuerregens milder Brut,
vor diesen Weh'n, die wühlend in mir brauen.

Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß,
die lange schmachtend lag in spröder Hülle;
ich will mich lauter blühn, lauter und los
aus meiner dumpfen Brunst zu Frucht und Fülle!

Satt werden will ich meiner scheuen Lust:
oh komm, du Weib! nimm auf in deine Schale
die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust;
noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale ...

Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen,
o kämst auch Du so süß und so verstohlen:
so mondesweiß dich in die Sammetwogen,
den Purpurflaum der schwärzlichen Violen,

die ich dir streun will, an mich her zu betten,
daß alle meine Mächte an des Weibes
enthüllten Göttlichkeiten sich entketten,
versink'ich – in den Teppich – deines – Leibes!




Venus Pandemos

Und jenes letzte Mal. Im Nachtcafé
der Vorstadt wieder, müde vom Geruch
der schwülen Sofaplüsche und des Punsches,
der vor mir glühte, und vom Frauendunst
der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.
Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
und Derer, die drum warben; das Gerassel
der Alfenidelöffel am Büffett
ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
ununterbrochen, wie ein Tamburin.
Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
auf den Gesichter um die Marmortische
in seiner gelben Sprache unterhielt;
wozu der schwarze Marmor blank auflachte.
Ich war schon bei der Wahl. Da teilte sich
die rote Thürgardine neben mir:
ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.
Mir grade gegenüber, quer am Ende
des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
nahmen sie Platz; der broncene Kronleuchter
hing über ihnen wie ein schwerer, alter
Thronhimmel; Keiner schien das Paar zu kennen.
Doch hört'ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
»Bejejent muß ik Die woll schon wo sein!« –
Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
die wachsbleich an die schwachen Haare stieß;
die großen, blassen Augenlider waren
tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
ihr Schatten um die eingeknickte Nase,
der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
sah man sein eines schwarzes Auge halb
und drehte sich sein langer, dünner Hals,
langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.
Es wurde immer stiller durch den Raum;
sie sahen Alle auf den stummen Mann
und auf das sonderbar geduckte Weib.
»Sie ist ganz jung«, war um mich her ein Flüstern;
auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge
durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
ihr grauer Blick den Saal belauerte;
das Gaslicht brannte drin wie giftiges Grün.
Jetzt hob sie sich. Sein Glas stand unberührt;
ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
Sie ging; er folgte automatisch nach.
Die rote Thürgardine that sich zu,
der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
doch fluchte keiner; und mir schauderte.
Ich blieb für mich, – ich kannte sie auf einmal:
es war die Liebesseuche und der Tod.




Venus Socia

- Kaffee, Branntwein, Bier –
im Spelunkenrevier,
und ein Lied scholl rührend durch die Thür;
und das sangen und spielten die traurigen Vier,
ein Vater mit seinen drei Töchtern.
Er stand am Ofen, die Geige am Kinn
schief neben ihm hockte die Harfnerin,
und die Jüngste knixte, und aus das Lied,
die Geige die machte ti-flieti-fliet:
»War Eine, die nur Einen lieben kunnt« ...

Die dritte ging stumm
mit dem Teller herum,
ums polternde Biljard, blaß und krumm;
und nun drehte der Alte die Fidel um
und klappte darauf mit dem Bogen.
Und auf Einmal schwieg der Keller ganz,
die Jüngste die hob die Röcke zum Tanz;
die Harfe die machte ti-plinki-plunk,
und die Jüngste war so kinderjung
und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied ...

Sie sang's mit Glut,
das zarte Blut;
und der schwarze, zerknitterte Roßhaarhut
stand zu der plumpen Harfe gut,
mit den weißen papiernen Rosen.
Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk,
und Alle beklatschten den letzten Sprung,
und die Tellermarie stand vor mir; stumpf
»Spielt mir noch Einmal«, bat ich dumpf,
»War Eine, die nur Einen lieben kunnt« ...




Venus Gloria

Ich träume oft von einer bleichen Rose.
Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten,
zum fernen Lichte schmachtend, mit dem matten
dem Blumenblick, aus ihrem dunklen Loose.

Dann bangt sie mich; tief stockt mein Fuß im Moose.
Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen,
den Gipfel mit den immergrünen Eichen;
so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose.

Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen,
ich kann die bange Sehnsucht nicht mehr dämpfen,
aus ihrem Schooß den reinen Duft zu schlürfen.

Da –: Flügel –: frei! und an der Brust die Blume!
schon naht der Hain mit seinem Heiligtume,
wo auch die Rosen immergrünen dürfen ...




Venus Urania

Kommst du, Grollender?
tief von Unten?
Ueber Felsen und Wolken:
suchst du mich, im dunkeln Mantel Du,
schwarzgekrönter Wetterriese,
mit der bleiernen Stirne?

Höher doch! näher! herauf zu mir,
mir und meiner Sonne,
die hier mein zitternder Arm sich
vom Himmel riß,
die mich erleuchtet,
von mir umglüht,
sie meine Seele, ihr Leben ich,
taumelnd versunken in Eine große
einige, einzige Flammenwelt!

Ja, du suchst uns,
willst uns segnen,
Du mit deinen Donnerorgelstürmen,
willst empor zu Unsrer
Flamme, Flammender Du!
Sehnst dich, tief in Unser tiefes
lichtes, allumstrickendes Glück zu blicken,
auch ein Lichtkind,
allverkettender Erschüttrer ... komm!

Ja, ich
kenne dich: du bist
mein Bruder!
Komm, tief schaue,
tief auch Ich dir,
tief durchs nächtige Auge,
in dein heißes zuckendes Herz, das gute:
Du wirfst Frucht,
Liebe aufs schmachtende Feld herab,
wenn du mit wuchtender Faust
krachend zerbrichst
das dumpf drückende Dunstbrett.

Tobe nur, Kommender! nimm,
hebe die splitternde Axt!
Hebe die düstern,
schönen,
schattenumhangenen Lider!
Grüße mich, du glühend,
Ewigkeiten sprühend Auge:
satt, ich will mich satt sehn, satt
an dieser funkelnden Unendlichkeit!

Auf, ihr schmetternden Lippen, jauchzt!
aus eurem rollenden Donnersang rauscht mir
das ewige Lied vom Samen der Sehnsucht,
vom Krieg des Lebens: der Atem der Luft.

Sonne, meine Sonne!
weh – Er – stählerne
Ströme sein Blick,
über uns – brennend –
Sonne, wo bist du –
Licht – oh Sonne –
stehn wir umklammert,
stehn wir von blendenden,
heißen, sausenden Wonnen umzuckt ...

Sonne, mein zitterndes Licht!
Lache! Nur den Baum,
sieh, den Felsen nur
traf sein zischendes Beil.
Hörst du ihn jauchzen?
über der klaffenden Buche,
über den thalab polternden Trümmern,
im flatternden Bart ihn
jauchzen sein eisernes Lied:
Weckender Tod,
komm, reckend loht
von Stamm zu Stamm die straalende Kraft,
Einer stürzt, der tausend drückte!
Stürzen die Ragenden, wachsen die Ringenden;
tausend wachsen, Einer ragt!
Tod-und-Leben-stammelnde Laute dröhnen,
doch darunter schweigt der heil'ge
Mund der Macht ...

Greller doch, Blitze!
spotte nur, Donner du!
triff, zerbrich,
was furchtsam zitternde Kronen trägt!
Uns
segnest du;
uns
prüftest du,
Blut von Deinem Blut, mit heißen
Fingern in deiner Flammentaufe.
Wir
sind fromm und heilig:
mit gefeitem Diademe krönte
uns die Liebe,
unsre sonnenselige Liebe,
zitternd von Wünschen und steiler Kraft!

Oh, und trifft auch Uns,
will ein Bruderopfer Deine Liebe:
nimm uns! herrlich stürzen wir,
vermählt verglühend in Deiner reinen,
in unsrer eignen reinen Glut.

Nein, wir fürchten dich
nicht,
rasend liebender Bruder!
Wir
sind stark wie Du:
ich und meine Sonne,
meine Lust und Seele,
wir zwei Eines,
Eines aller, aller Lust:
wir lieben Alle:
Alle müssen
uns
lieben ...




Venus Religio

Charfreitagsruhe. Fühlst du's auch:
dies bange Grün und diesen Hauch,
der drüber träumt?
Und fühlst du's, wie der Fliederstrauch
von Knospen perlt und überschäumt?

Und sehnen deine Brüste sich
dem Auferstehungsmorgen zu,
wie's Magdalenen innerlich
nicht ließ in Ruh,
bis sie zum offnen Grabe schlich?

Denn übermorgen graut der Tag
ins Frühlingsfeld,
da unterwarf sich Der die Welt,
den einst dein Volk dafür gequält,
daß eine Sehnsucht in ihm lag.

Viel Glocken läuten zu mir her;
so dumpf und sehr! die Luft so schwer!
wem läuten sie?
Das waren Deine Glocken nie
und sind nicht Meine Glocken mehr.

Im Flieder hängt ein altes Laub;
du willst nun mein sein ganz und gar.
Noch steht der Hain wie blind und taub;
ist dir auch klar,
daß unsre Kindheit Feindschaft war?!

Mir ist, daß meine Seele dich
gesucht seit ewig ohne Ruh;
fühlst Du's wie Ich?
Und sehnen deine Brüste sich
dem neuen Ostermorgen zu? –




Venus Genetrix

Aller Wunder wundersamstes,
länger trug's die Seele nicht.
Ihre großen Thränen strömten
über dein und mein Gesicht.

»Nur für dich!« ein Flehn, ein Stammeln
schluchzender Verkündigung;
und mir keimte deine Lilje
aus dem Schooß der Dämmerung.

Doch es wuchs, es hob die Blüte
ihr befeuchtetes Gesicht,
bis wir ahnten und erkannten,
daß die Lilje deine nicht.

Denn in meine Welt gehoben,
dir entwachsen ganz und gar,
lagen wir in ihrem Kelche,
mir du, dir du offenbar,

tranken wir mit unserm Munde
ihre große Trunkenheit,
hat aus ihrem Seelengrunde
uns ein stummer Schwur geweiht.




Venus Mater

Träume, träume, du mein süßes Leben,
von dem Himmel, der die Blüten bringt;
Blumen winken da, die beben
von dem Lied, das deine Mutter singt ...

Träume, träume, Knospe meiner Sorgen,
von dem Tage, da die Blume sprießt,
von dem hellen Blütenmorgen,
da dein Seelchen sich der Welt erschließt ...

Träume, träume, Blüte meiner Liebe,
von der stillen, von der heiligen Nacht,
da die Blume Seiner Liebe
diese Welt zum Himmel mir gemacht ...




Venus Madonna

Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend;
er träumt ein Ziel, sie soll es ihm gebären.
Des Griechen Schönheitsinbrunst sah die Sphären
beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend;

dem Christen aber ward die Reinheit Wesen,
selbst noch die Mutter will er sich verklären
und beugt sich vor Marias Hochaltären,
die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen.

Wann kommt die Zeit, daß Männer freier denken
und ihre eigne Welt von Gottessöhnen
hell mit dem Huldbild ihrer Freiheit krönen,

bis Alle Allen die Erlösung schenken,
die Wir uns schenkten, meine Magd und Sonne,
Du keusche Venus, reizende Madonne!




Venus Nutrix

Aber nicht wieder! nein, nie wieder!
Ja, du wolltest mich beglücken:
wie sie an dein Fleisch sich drücken,
diese kleinen nackten Glieder.
Aber mir diese Lust beschauen,
ist mir ein Grauen.

Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze
in die mütterlichen Augen,
wie sie ließ die Jungen saugen
unter der steifen, scharfen Tatze;
und der jungen blinden Brut
schmeckte das alte Raubtier gut!

Decke die Brust zu, wenn die Lippen
deines Sohnes dich berühren;
laß ihn andre Wonnen spüren
als den Blick der Ahnen und der Sippen!
Nein, ich wollte dich nicht betrüben;
nur – nur anders laß uns lieben!

Bebt'ich doch selber, als ich ihn küßte,
und ich will die Wonnen der Ammen
nicht verdammen:
dunkel ist der Zweck der Lüste.
Aber die Mütter – nein, schweigen wir!
wehe, der Mensch ist ein Sängetier.




Venus Domestica1


Ja, die heilige Familie ...
Josef~ Maria ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
denn das Esulein freute sich eben
an dem Heuduft einer trockenen Lilie.

~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Wenn man so von drei vier Kindeln
erst gewohnt ist ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ alten Windeln
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~

Blos, hm, weißt du, ~ ~ ~ ~ ~
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
bitte, zeige dich nicht nackt vor mir;
deinen Leib, den schenk' ich dir
und vielleicht sogar 'nem Andern ...

Weine nicht, mein Herz! der gute
Josef war ein weiser Mann.
Dein Gesicht ist Dein – und mir ein Bann;
doch was sonst so drum und dran,
hast du sehr gemein mit jeder Pute!

Und, trotz innersten Gelübden,
aber hör' ich manchmal so dies Schrei'n
~ ~ ~ ~ ~ ~ ~
möcht ich auch wol nach Egypten,
blos – alleine, ohne Esulein!




Venus Adultera

Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern!
Nein, das darf dich nicht bekümmern,
ob ich auch »treu« bin; rück nur her!
Komm: ich hab ein Dutzend Seelen,
wer kann all die Kammern zählen,
sechse stehen grade leer.

Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger;
hoh, mein Kind, ich bin viel jünger
als mein narbiges Gesicht
Weißt du, die Runzeln und die Hiebe
thun erst die Würze zu Ehre und Liebe!
Ja, mein süßer Bösewicht:

Viel geliebt, noch mehr getrunken,
manchmal fast im Strom versunken,
heida wie der Schläger pfiff!
Soll das Leben dir was nützen,
lerne auch dein Blut versprützen:
nicht gezuckt! los! blick und triff!

Hast ja auch schon – Blut verspritzt,
oft ... ah! wie dein Auge blitzt:
zürnst wol gar dem frechen Buben?
Was denn: Thränen? o nicht doch! oh!
Herzchen, so'was lernt man so
in der Luft der Ehestuben!

Komm: sei gut, Kind! Gieb mir die Hand!
Hast mich ja lieb, Kind – und hast Verstand:
nein, ich will dich nicht verführen.
Aber gelt, du wärst gern Braut?
Hier das Venushalsband deiner Haut
läßt verhaltene Wünsche spüren!

Sieh mich doch an, du: bin kein Dieb!
habe das Halsband nur so lieb
und deine dunkeln Augenringe.
Sieh doch: mein Blick ist ein zündender Pfeil,
und meine Stimme ein sausendes Seil:
komm, durch Höllen und Himmel soll's dich schwingen!




Venus Perversa

Auch vorbei; und sieben Kreuze
hinter Jede! mein Gelüst ging irr.
Aber – ich brauche tiefere Reize:
Dich: komm, liebe dich vor mir!

Dich nur, Dich nur: deine genossenen Blicke
und deine bittende Scham und deine treuen
Hände lieb'ich ... ja, entzücke
mich mit Deinen Rasereien!

Oh Du! wenn die Knospen deiner müden
Brüste unter deinen tastenden Fingern
wieder schwellen, wie in jüngern
Nächten ... oh du, keinen Frieden

ließ mir's: meine eigenen Freuden
sind mir Schaum, der bitter ist!
aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst,
will ich mich an Deiner Wildheit weiden:

wie du gleich verlassnen Bräuten
deine Sehnsucht nach mir stilltest,
wenn du tief in deinen Heimlichkeiten
mit berauschten Armen wühltest –

wühlst ... stillst ... Seele, bricht dein Blick?
oh du: laß mich diesen Blick genießen,
dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen,
recke dich nicht so starr zurück – –

Ekelt dich? Ah –: fühlst du nun auch den reifen
Menschen? bist du satt der Kuhnatur?! –
Und wir fliehen, wir begreifen
den Triumph der Unnatur ...




Venus Bestia

Ich und mein Freund, wir saßen einmal
in einem menschenheißen Weinlokal;
zwei Tisch weit neben uns saßen
ein Herr und eine Dame, offenbar
- den Ringen nach – ein jüngeres Ehepaar,
deren Blicke sich manchmal vergaßen.
Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,
wir schwiegen unser bestes Schweigen.

Der Gatte nahm jetzt die Speisekarte,
den kleinen Finger gespreizt – dran saß
ein Nagel, langgefeilt und leichenblaß,
der spitz wie eine Kralle starrte;
der Zeigefinger war stumpf beschnitten.
Die Frau saß weich zurückgesunken;
aus ihren Augenhöhlenschatten glühten
wie zwei Kohlenfunken
Blicke hinüber auf seine Finger,
dunkle, glimmende Blicke hin.
Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,
der Zoologische Garten in Sinn;
ja – die Tigerin!
So lag sie neulich hinter dem Gitter,
die ferne Gier im schwarzen Blick,
im weichen Fell ein gelb Gezitter,
und wartete brütend auf das braune Stück
Fleisch, das draußen der Wärter brachte,
das tote Fleisch – es roch so matt,
nicht warm nach Blut – sie lag so satt;
jetzt kam er, ihr purpurnes Auge lachte,
es war doch Fleisch! hoch griff sie zu,
die triefenden Kiefer kniff sie zu,
nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,
die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,
sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,
flackernd leckte der Schweif die Flanken,
im Blick ein Grün von hohlem Hasse –
wie dieser Tigerin zuckender Rachenschlund
war mir das Auge der Frau da, und
da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!

Jetzt hob der Gatte das Genick;
Dem saß der gelbe Wolf im Blick.
Zittrig über sein hartglatt Kinn
strich sein Krallennagel hin,
ein goldnes Münzenarmband hing
ihm ums Handgelenk und machte kling;
seine breitroten Lippen glühten
durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,
die Backen schmeckten ein Gericht,
dann senkte sich wieder sein Gesicht.
Ich sah eine lautlos stürzende Meute,
mit kochenden Zungen, durch bleiche Nacht,
steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,
die witternden Nüstern steil ins Weite,
in keuchender Jagd,
und jeder aus der schäumenden Masse
würde, den heißen Hunger zu kühlen,
blind, auch im Eignen Fleisch und Geschlechte wühlen –
da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!

Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,
sie trafen sich mit ihren Augen;
die schienen sich ineinander zu saugen,
fast durstig und fast überdrüssig,
ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar
gestern das große schwarze Schneckenpaar
in dem nassen Fliegenpilz vor Augen,
das Moderlaub im feuchten Park;
ich sah die beiden schwarzen Schleime
in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark
des roten Pilzes schmausen und saugen
wie in einem Honigseime –
und sah dort drüben den Gattenblick.
Ich mußte, ich schob den Stuhl zurück:
Komm! stieß ich mit dem Freunde an.
Er wunderte sich: Warum denn, Mann?
Komm, sagt'ich; bitte, thu mir die Liebe! –
Wir zahlten. Wir traten auf die Straße,
ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,
und immerfort hört'ich: Rasse, Rasse, Rasse ...




Venus Homo

Bettle nicht vor mir mit deinen Brüsten,
deinen Brüsten bin ich kalt;
tausend Jahre alt
ist dein Blick mit seinen Lüsten.

Sieh mich an, wie Du als Braut gethan:
mit dem Blick des Grauens vor der Schlange!
Viel zu lange
war ich, Weib, dein Mann.

Willst du Gift aus meiner Wurzel saugen?
unverwundbar bin ich deinem Biß!
Folge mir ins Paradies:
sieh mich an mit deinen Menschenaugen ...




Venus Sapiens

Zwielicht ... Sterbend hängt die scharfe
Zunge aus dem Lästermaul.
Sieh, nun weint dein König Saul,
und dein David singt zur Harfe.
Alle Kleider sind zerrissen,
die den alten König schmückten;
brütend hört er den Entzückten
nahen aus den Finsternissen.

Goliath tot! den König schauert;
seine Schwermut ahnt ihr Ende.
Und dein Sänger steht und trauert,
blutig zucken seine Hände.
Aber weiter muß er schreiten,
seine Töne sind ein Bann,
selig greift er in die Saiten:
Komm, o komm, mein Jonathan!

Traure nicht um den gebeugten
Vater, dem vor morgen graut;
denn die Trübsal ist die Braut
aller nicht vom Geist Gezeugten.
Jonathan, du sahst ihn sitzen,
den Berater deiner Reife,
nackt und schamlos, und das steife
Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.

Und du sahst vor seinem Zelt
sterben den Philisterfürsten;
aber Leben braucht die Welt,
laß uns nach dem Geiste dürsten!
Denn es weht von allen Hügeln
immer neu sein ewiger Segen;
lerne nur dein Herz beflügeln,
und er wird auch dich bewegen!

Jonathan, zu jeder Frist
sei nun meiner Liebe sicher;
und sie ist viel sonderlicher,
als mir Frauenliebe ist.
Glutwind droht den jungen Saaten;
nimm den Bogen in die Hände,
daß dein Pfeil mir Warnung sende,
sinnt der Vater Wahnsinnsthaten.

Jonathan, wir sahn uns nackt!
Du mein Bruder, Freund, Berater,
hilf mir, wenn die Glut mich packt:
Jonathan, Ich war dein Vater –
Jona, Jona: unsre Kinder!
- Mutter! weinen meine Saiten ...
David, komm! du Ueberwinder
unsrer Unwillkürlichkeiten ...




Venus Vita

Und einen Feldweg, und um Morgengrauen,
die kahlen Bäume stehen da wie tot,
ich aber wandre, ohne aufzuschauen.
Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
und heute wird kein Morgenrot.
Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
soll ich hinunter, soll ich steigen.
Da däucht mir, in der tiefen Flur
rief mich mein Name; aus ersticktem Munde.
Ich horche; Nichts. Im Osten nur
enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
mir dämmert eine längst vergangne Stunde,
und wieder hor'ich fern und laut
die bange Stimme meinen Namen rufen;
und mir graut.
Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
bekannt; ich bin so wandermatt;
und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?
hinab! – Schon wird der Abhang glatt;
auf Einmal, wie von einem Kinderwagen,
springt mir ein Rad
unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
seh's Funken schlagen;
mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
ich muß ihm nach, es haben! bis zur Kehle
hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,
und immer ruft mich klagend jene Seele
und winkt das Licht,
das Rad – Ich – jetzt: ich greife, fehle,
es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh's zerbricht!
ich fass'es, stürze – wach'ich? meine matten
Finger umklammern es, – nein – nicht:
in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten ...




Venus Mors

Eine rote Feuerlilie schreitet
riesig durch die Weltennacht.
Von der Sonne bis zum Sirius breitet
sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht
des gezähnten Schlundes kocht von Gluten,
düster flammt des Rachens Zackenfirne;
um die wirbelnden Gestirne
schlingt sie hungrig ihre Samenruten.

Gelb aufzüngelnd schlürft sie die getrennten
Welten gierig in den wilden Schooß,
aus den schwarzen Firmamenten
ringen Sonne, Sirius sich los;
lodernd sehn sie die Unendlichkeiten
ihrer alten Sehnsucht überbrückt,
aus den Angeln wanken sie verzückt,
zu einander stürzen die befreiten.

Taumelnd folgen, brodeln, glühen
ringsum die Trabantenlüfte;
aus der brennenden Lilie sprühen
Lavastürme durch die Himmelsgrüfte.
Auf der Erde ras't ihr Licht als Mord,
sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen,
Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen,
alle Kreatur verdorrt.

Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden,
keuchend, schon erblindet beide;
mit den heißen Liebeshänden
nestelt er an ihrem Kleide.
Aber in der Nacht der Seele
wird der grelle Durst zur Wut;
wühlend wittert er ihr Blut,
beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.

Alles saugt der große Flammenschlund,
kreisend will er überschäumen,
rissig klafft der zuckende Muttermund,
Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen
den zerfetzten Riesenblütenrand,
eine neue Welt entrollt der toten,
strahlend quillt sie aus dem morgenroten
furchtbar'n Siriusliebestodesbrand.




Venus Mea

Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,
ich habe nun genug geschaut nach Osten;
die Seele will in ihren Abendlanden
Vollendung kosten.
An dem Thor des neuen Evagartens
steht ein knöchernes Gerippe,
mit dem Ausdruck des Erwartens,
aber nicht mehr in der Faust die Hippe.
Sein Scheitel schimmert; eine Pfauenfeder
ragt aus der Rechten steil zum Himmelsrand,
drin sonnt sich tausendfarbig, was ein Jeder
war und empfand.
In der Stunde einer neuen Frucht
perlt ein Strahl aus diesem Spiegel,
dann verglimmt die Wonnesucht,
still empfängt der dunkle Keim sein Siegel.
Schon dämmert Glanz; krystallne Ketten hängen
klar her zu dir aus väterlichen Sphären.
So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen
und dich verklären,
Seele, bis dein starr Gehirn sich lichtet,
wie die Sonne scheint durch Eis,
und dir deine Brunst beschwichtet
und im Traum selbst deinen Willen weiß.
Noch flimmert's nur; tief lockt die alte Nacht
mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.
Doch du wirst wiederkehren! du bist Macht!
sieh, rings sind Fluten:
wenn zwei Liebende zusammensinken,
die du Einmal nur erleuchtet,
und im Rausche blind ertrinken,
wird die Frucht von Deinem Licht befeuchtet.
So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters
sollst du dem alten Garten kalt entschreiten:
dir weist die Pfauenfeder unsres Wächters
Unsterblichkeiten.




Gebet der Sättigung

Nun verging der Stern der Frühe,
meine Augenlider brennen;
und die Sonne kann mit Mühe
die gefrornen Nebel trennen.

Mich verdrießt mein nächtlich Brüten;
drüben an den Häuserwänden
sprießen diamantne Blüten.
Meine Prüfung kann nun enden! –

Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
Auf die dunstbelaufnen Scheiben
will ich breit mit steifem Finger
Venus Rediviva schreiben!

Denn ich weiß, du bist Astarte,
deren wir in Ketten spotten,
du von Anbeginn, du harte
Göttin, die nicht auszurotten.

Aber Ich war weich wie glühend Eisen;
darum sollst du mich in Wasser tauchen,
bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
und der Stahl wird, den wir brauchen.

Nicht mehr will ich meine Brunst kasteien,
die dann mit berauschter Durstgeberde
wünscht, daß unsre Lüste fruchtbar seien
und ein Wurm zur Göttin werde.

Nach der Nacht der blinden Süchte
seh ich nun mit klaren bloßen
Augen meine Willensfrüchte;
denn ich bin wie jene großen

Tagraubvögel, die zum Fliegen
sich nur schwer vom Boden heben,
aber, wenn sie aufgestiegen,
frei und leicht und sicher schweben.

Glitzernd winkt mein Horst – Du Eine,
die ich liebe: Ja und Amen:
heute komm ich! heut soll meine
Klarheit Deinen Schooß besamen!

Schon errötet dort der Giebel;
Sonne, mach ein bischen schneller!
»Schuster – bring mir meine Stiebel,
heut verlass'ich deinen Keller!«




Loke der Lästerer

Nach August Strindberg.

Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
und schmähen will ich euch auch heut,
Götter der Zeit, euch ewig lästern,
hört mein lachendes Lästergeläut!

Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
ich führe das Wort in meiner Macht!
Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
das bedeutet Totenwacht,
Unfall, Hinfall – singt die Sage.
Götter, nehmt euch bald in Acht!
sehr schnell eilen die lustigen Tage,
Götter, Götter, und Loke lacht!

Ja, ich saß in jüngeren Stunden
zu Gast in eurem Göttersaal:
an dem Strick, den ihr gebunden,
hingeschleift zu euerm Mahl.
Darum: eure eiternden Wunden,
Loke kennt, kennt ihre Zahl!

Ekel fühlt'ich vor den vollen Gefäßen,
und euer Wein war ekler noch;
euer Singsang verdarb mir das Essen,
der fad wie dünne Brühe roch.
Drum: das könnt ihr Loke nicht vergessen,
daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.

Nein, ich will kein Loblied krähen,
will nicht singen für euern Fraß;
nein, ich will euch lieber schmähen
mit meinem großen, schönen Haß!

Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
mir die Zähne ausgebrochen,
aber meine Zunge lästert doch!

Ja: ich habe eure Schmach verraten,
Götter – das war all mein Fehl!
eure heiligen Gräuelthaten,
eurer festen Schlösser Sündenhehl.

Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
der Lästerer Erster in euerm Lied;
ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
Verräter verriet!

Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
dann heißt die Strafe Rachewut.
Sei's! Ja, Götter: ich übte Rache,
hört es, Rache – und rächte gut!

Habe erbrochen die Bundeslade,
habe den Moder ans Licht gekarrt,
euch abgerissen die Maskerade
und eure Nacktheit offenbart.

Habe euern Götzendienst verachtet,
von euren Bildern den Flitter geklopft,
habe das goldne Kalb geschlachtet,
sah das Stroh, womit es ausgestopft.

Habe gerächt, du alte Götterhure,
gerächt all meiner Jugend Weh,
als ich knien gemußt zum eklen Schwure
und dir Weihrauch streun, du Afterfee!

Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
ins Gesicht dem Götterpack,
daß ihr Schloß und Tempel krachte –
hah, wie rannte das Köterpack,

die Göttervetteln, die Götterpinsel:
Der knöpfte die Hosen zu, Die nahm
die Unterröcke mit Gewinsel
vor die welke, verschrumpfte Scham.

Aber die Lüge ging zum Pfuhle
und fischte Nattern im dumpfen Hain;
die ließ die tückische Götterbuhle
Gifte in Loke's Antlitz spein.

Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
Hundert gegen Einen war die That;
doch – in ihren Götterlotterbetten
schrein sie doch von Hochverrat.

Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
aber seine Zunge ist noch frei,
und die alten Göttergerippe
zittern noch von seinem Geschrei.

In den langen Nächten seiner Qualen
sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
schützt ihm liebreich mit krystallnen Schalen
vor dem Natterneiter seinen Leib.

Wenn dann die tückischen Vipernrotten
beißen wollen die treue Hand,
dann hört Loke auf zu spotten:
wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.

Wenn er seine Ketten schüttelt,
dröhnen die Berge und das Feld;
in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
ahnt man bebend das Ende der Welt.

Da hört Loke auf zu lästern,
sondern aus den düstern Augen drohn
sengende Blitze den Götternestern,
und er ruft nach seinem Sohn.

Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
hinten am wilden Wolgaquell.

Und es prasseln und knacken und splittern
die Forsten im Wolkonskywald,
und die Pyrenäen zittern,
wo sein Bauch sich zuckend ballt.

Aber die Brust zerpeitscht zu Schäumen
der Seine alte, heilige Flut,
deren Ufer noch glühn und träumen
von Erlösung und von Blut.

Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
fragen die feigen Götter und schrein.
Ewig folgt auf heute morgen;
mein Bescheid wird euer Gestern sein!

Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
Götter, aus ist dann die Zeit!
Wißt ihr, wenn erst zischt der Drache,
wird euch nie mehr Unheil prophezeit!

Dann erliegt die Welt dem Brande,
der verbrennt, was brennen soll,
der das Gold befreit vom Schlackensande,
der verschont, was lebensvoll.

Und der alte, dürre Norden,
dann vom Feuer reingeglüht,
fruchtbar Ascheland geworden,
saamt sich neu, gebärt und blüht.

Dann, in ewig grünen Hainen,
neu geboren, lebt ein frei Geschlecht
nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
Keiner mehr ein Götterknecht.

Götter, wenn sich dann die Raben
um eure Gräber tummeln auf der Flur,
keine Thräne wird dann Loke haben,
seine ewig junge Hoffnung nur!

Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
schwer in eure Götterruh,
denn er glaubt an jenen seinen Einen,
nicht an Euer Blindekuh.

Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
wie Freundesworte: Götter der Zeit,
ruhet in Frieden ... aber heute
leben die Götter der Ewigkeit!




Die Illusion

Nach José Zorrilla.

Was ist die Freude, das Glück, das Leben
ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm!
Eine Straße, endlos, öd, uneben:
immer müder wird dein Pilgerthum.

Gieb mir Melodieen – oh nur eine,
wiege das Herz in Träume, wenn es schreit,
und dir wachsen ewige Marmorsteine
aus der Asche der Vergessenheit!

Hoffnung. Ruhm. Was soll ich mich beklagen:
ein Diadem zieht straalend vor mir her!
Was thut's, ein Leben wie ein Bettler tragen,
wenn man stirbt wie Pindar und Homer!




An mein Volk

Ich möchte wol geehrt von Vielen sein,
und auch geliebt; ich weiß es wohl.
Aber niemals soll
mein Stolz und Wert mir drum gemein
mit hunderttausend Andern sein.

Ich hab ein großes Vaterland,
zehn Völkern schuldet meine Stirn
ihr bischen Hirn.
Ich habe nie das Volk gekannt,
in dem mein reinster Wert entstand.

In meiner Heimat steht ein Baum,
den liebe ich, der steht so stolz
über dem Mittelholz.
Da träumt'ich manchen jungen Traum;
er wurzelt tief, der hohe Baum.

Da träumt'ich, daß der Mensch allein,
von Hunderttausenden bewacht,
sich eigner macht,
bis auch die Völker sich befrein
zum Volk ... mein Volk, wann wirst du sein?




Machtsprüche




1.

Laßt uns nur ins Blaue schweifen;
scheltet nur, wie weit wir's treiben.
Aber ein Band sollte bleiben:
Jeden, wie er strebt, begreifen.




2.

Jeder nach seiner Art:
die Einen lichten,
die Andern sichten,
bis einmal Einer
den ganzen Kien zu Berge karrt, –
zwecklos war Keiner.




3.

Nicht zum Guten, nicht vom Bösen
wollen wir die Welt erlösen,
nur zum Willen, der da schafft;
Dichterkraft ist Gotteskraft.




Tragische Erscheinung

In einer Wüste lagen viele Menschen,
die fast verschmachteten; sie wimmerten.
Ein schönes Mädchen nur,
mit hilflos braunen Augen,
litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst
brannte ihr seliges Mitleid ...
Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend,
ein fremder Mann vor dieses Volk;
der hob den Zeigefinger ihnen dar.
Aus der gereckten, zitternden Spitze quoll
ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel,
fiel in den Sand;
verwundert sah das Volk den fremden Mann.
Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel
aus seinem Finger in den Sand;
und immer, wenn die rote Quelle troff,
erbleichte schauernd Er, sie aber staunten,
und Einige ächzten: er verhöhnt uns ...
Da schrie er laut mit seiner letzten Glut:
So kommt doch, trinkt! für Euch verblut'ich mich!
Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch:
Sie wollen Wasser ...




Fußnoten

1 Die durch Haken [Tilde] (~) ersetzten Silben und Zeilen hat die Verlagsanstalt aus Rücksicht auf den Gotteslästerungsparagraphen unterdrücken zu müssen geglaubt. Ich kann nicht umhin, mich gegen eine solche Deutung meiner menschlich dichterischen, rein künstlerischen Absichten ausdrücklich und entschieden zu verwahren. R. D.