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Richard Dehmel – Erlösungen.

Eine Seelenwandlung in Gedichten und Sprüchen

Richard Dehmel, Eine Seelenwandlung in Gedichten und Sprüchen, G. J. Göschen'sche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1891.



                              Leitspruch:
                              Jugendsehnen, Jugendirren:
                              ach, was mag sich draus entwirren?
                              Nimmer ruht der Wünsche Spiel:
                              jeder Tag entfernt das Ziel!


Vorwort


Keine Furcht! ich will nicht etwa, nach Art der Kasperle-Poeten vor den Jahrmarktbuden, hier den Ausrufer machen und erklären, was der Sinn des Buches »nämlich« sein soll. Ueber sein Innerstes Nichts, höchstens die Eine Bitte: diese Seelenwandlung zu lesen als die Geschichte einer Jugend, eben nicht blos als ein Bändchen von Gedichten zu durchblättern! –
Ein mehr Aeußerliches ist es, worüber ich mich kurz erklären will: die Abweichung von dem alten widersinnigen Brauche, jede Verszeile mit großer Letter anzubrechen, und die mancherlei Stellen in Sperrschrift. Es herrschen Vorurteile gegen solche Auffälligkeiten; man wittert poetische Schwächen dahinter oder – poetische Eitelkeit. Aber man vergesse nicht: die Druckschrift hat doch nur den Zweck, die lebendige Sprache zu ersetzen. Je rascher das gelesene Wort die Vorstellung des gehörten erweckt, umso besser ist der Zweck erfüllt. Daher alle Regeln der Rechtschreibung, daher die Interpunktionen und all die andern Erleichterungen dieses Verkehrs zwischen Auge und innerem Ohr. Und grade derVersdichter, der seine bannenden Wirkungen eben den verborgenen Sinnlichkeiten der lebendigen Sprache ablauscht, sollte kein mögliches Mittel verschmähen, durch das er sein gedrucktes Wort so schnell, eindringlich und fließend, als wenn er selbst es sprechen würde, dem Leser zu Gemüte führen kann. Zumal Dem, der laut liest, wird damit gedient sein; und erst der laut gelesene Vers führt in die Tiefen des Urteils wie des Genusses! –
Freilich wird es immer Stellen geben, wo all das Mannigfaltige an Stimmung und Empfindung, das der Dichter in Einer Wendung, Einem Bilde, Einer lautlichen Verknüpfung durch seine Kunst zusammenklingen läßt, den Hörer je nach seiner Sonderart zu Widersprüchen gegen Vortrag und betonendes Gefühl des Künstlers reizen würde. Aber eben Da hat Dieser umso mehr das Recht und vielleicht ein wenig gar die Pflicht, gleichsam als ein treuer Eckart seiner eigenen, in Lust und Schmerzen geborenen Kinder zärtlich den Finger zu heben und der unholden Welt still seinen schützenden Willen zu weisen. Und dem Leser bleibt ja unbenommen, sich nicht daran zu kehren. Wo aber etwa Unzulänglichkeit zu solchen Mitteln greift als Krücken der rhythmischen Ohnmacht, wird sie grade durch die Krücken erst recht ins Auge springen.

R. D.





Erste Stufe:

Ringen und Trachten


Wenn du auch irrst
auf den Pfaden des Strebens:
Nichts ist vergebens,
denn du wirst.
Nur: bleibe Herr deines Strebens!


In Kraft und Schönheit


In Kraft und Schönheit will ich singen
mein freies Lied! um Wahrheit nicht
braucht zitternd meine Glut zu ringen:
ich selbst bin wahr! – Auf Sturmesschwingen
zur lichten Lohe will ich zwingen
die Flamme, die der Glut entbricht!

In Kraft und Schönheit will ich lieben,
was Fleisch und Seele heiß umarmt!
Ich bin dem Geist der Brunst verschrieben:
der Same, der die Glut getrieben,
der fruchtbar bis zu Mir geblieben,
nach frischem Blut er lechzt und barmt!

In Kraft und Schönheit will ich hassen
den Feind der Kraft, der schönen Lust:
die Eklen, die im Schlamm der Gassen
die reine Saat zu Kot verprassen, –
die Dumpfen, die verglimmen lassen
den heil'gen Funken ihrer Brust!

In Kraft und Schönheit all mein Leben,
mein Trachten all: Das sei mein Wort!
Dann mag sich wider mich erheben
der Qualm der Zeit: es wird mein Streben
auf lichter Lohe ihm entschweben
und Flammen zeugen fort und fort!



Erste Sehnsucht


Frühling im Lande! – Gärend quoll sein Blut,
des Körpers enge Last den Wesen rings
in schwellenden Wonnewogen schier zersprengend,
durch alle Thäler, über alle Höh'n;
die strotzenden Knospen schienen nur zu harren
auf den Erlösungshauch, der endlich sie
aus ihrer starren Hülle sollte reißen,
sich satt zu trinken an der jungen Luft
und lebensselig all ihr keusches Grün
dem flammenden Kuß des Lichtes zu vermählen.

Hinein ich lauschte in dies trunkne Werden,
ein einzig lauschend Aug' und Ohr und Herz,
erlauschte Alles – Nichts – o Alles all:
des Baums, der Gräser Durst, den schmetternden Vogel,
den Gießbach, der zur Ebne zischend sprang,
und in der tiefen Ferne, unentwirrbar
dem zitternden Duft, der Menschenstadt Gewimmel.
Und Menschen, Bach und Halm und Baum und Vogel,
von Einer Brunst umschlungen fühlt' ich Alles,
in Eine Inbrunst Alles untertauchen,
in Eines branden mit dem strömenden Glanz –
und eine Sehnsucht mir die Brust bestürmen,
mich hinzugeben in das All der Welt
und von mir all mein Eigen Sein zu werfen.

Doch klammernd hielt mich die Erinnrung fest;
und taumelnd, in zerknirschten Wonnen ahnt' ich,
daß Menschenkindern nur ein Menschenherz,
selbstloser Liebe voll, die Fluten birgt,
erlöst zu werden von des Leibes Schranken
und selbstvergessen in das All zu sinken:
ein Andres Herz, selbstloser Liebe voll.
Nach Liebe, Liebe schrie es laut in mir,
nach einem Herzen, das für Mich nur schlüge,
für mich, für mich, der – selber lieblos immer!

Da brach's empor, da sah ich nackt mein Weh
und sah's und schlug die Hände vors Gesicht
und warf zur Erde mich und weinte.


Zweierlei Treiben



1.


Dir selbst entrinnen:
wohin und wie?
kommst nie von Hinnen,
zum Ziele nie!

Laß dich doch gehen,
laß dich doch treiben!
nur: lerne sehen,
lerne – dich reiben!



2.


Treiben? – Gut!
nur: keine Gesetze!
Ich bin die Flut,
ihr – seid die Klötze.



An die Krämerseelen


Oh wie sie messen, wenn sie Liebe schenken,
daß nicht zuviel der liebe Nächste nehme!
wie sie gewissenhaft den Handel lenken,
daß man nur recht der Menge sich bequeme!

O wie sie schelten, wenn mit tausend Händen
aus meiner Brust mich selbst ich möchte streuen,
um tausendfach mein Lieben auszuspenden,
um tausendfach mein Lieben zu erneuen!

Nein, nein! ich kann mich nicht wie Ihr begnügen,
ich kann nicht tropfenweis mein Herz verschütten:
eh' wollt' ich, meiner Liebe Fluten schlügen
empört in Stücken eure Bettelhütten!



Fehdebrief


Ich hasse dieses Mittelstraßenleben,
ich will nicht eure wohlgemeinten Reden,
ich passe nicht in euer Alltagsstreben,
ich will das Glück nicht, das da feil für Jeden!

Ich habe eine Welt in meinen Sinnen,
die Ihr nicht ahnt mit euern Biedergeistern!
Drum lasset das Bedauern, laßt das Meistern –
ich fühl's: ich werde einst die Schlacht gewinnen!

Und habt ihr dennoch Recht mit euern Lehren
und sollt' ich zu entketten nicht vermögen,
was in mir stöhnt und schreit dem Licht entgegen:
so werd' ich dennoch euern Rat nicht ehren!

Ich lege eher nicht das Schwert von Händen,
bis Wunden – oder Kronen mich ermatten;
und eher nicht entgürt' ich meine Lenden,
bis im Olymp ich – oder bei den Schatten!



Bekenntnis


Ich will ergründen alle Lust,
so tief ich dürften kann;
ich will sie schlürfen ganz und gar,
und stürbe ich daran.

Ich will entlodern all die Glut,
die mir im Herzen brennt;
ich will nicht zähmen ihrer Wut
hinrasend Element.

Ward ich durch frommer Lippen Macht,
durch sanfter Küsse Tausch?
Ich ward erzeugt bei wilder Nacht
in tollem Wollustrausch!

Nun will ich leben auch in Lust,
da mich die Lust erschuf; –
schreit nur den Himmel an um mich,
ihr Beter von Beruf!



Eine gantz new Schelmenweys


Wir Schelmbe sind ein feinen hauff,
da kann kein Herrgott wider auf!
Die Welt ist voll von Vnsern Preiß,
seit Adam stahl im Paradeys.

Uns bleibt kein geldt in unsern Sack,
Wir seyn ein fürnemb Lumpenpack,
Wir han das Allergrößt gefolg,
kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch.

Zu nie keyn arbeitt taugen Wir
als für dem Edlen Malwesier.
Dem dienen wir und seyn nit faul:
ein jede Flaschen findt jr maul.

Wir han nit Weib, wir han nit Kind,
wir sind die rechten Sausewind.
Vnd läßt vns Eine Dirn nit ein:
die Ander wird so süsser seyn!

Wir schieren umb kein pfaff uns nit,
Wir han uns Eignen segen mit.
Vnd pfeiffen wir am letzten loch:
der Teuffel nimbt in Gnad vns doch!


Novemberfahrt


Ja, lacht nur, lacht! am Wege da
ihr pelzvermummten Gaffer!
Uns gab ein heißres Blut, hahah,
der Wein- und Weiberschaffer!
Und wenn wir etwas zittrig sind
und etwas rot die Nase,
so meint nur nicht, das sei vom Wind:
das Wetter liegt im Glase!

Wir fahren in die Welt hinein,
wenn Uns es will behagen;
wir fahren in dem Sonnenschein,
den wir im Herzen tragen!
Und wenn die olle Sonne sieht
so junge Dreistewichte,
dann wird sie gleich vor Angst verliebt
und macht ihr schönst Gesichte.

Hurrah, Novembersonnentag,
du Wunderwanderwetter:
derweil am Herd das Zimperpack
sich wärmt den Katterletter1!
Hurrah, so stark dein herber Duft,
so würzig seine Schwere!
Hurrrah – ich schlürfe deine Luft,
als ob es Rheinwein wäre!



Empfang


In den Kreis der Zechgenossen
bin ich wieder eingekehrt,
wo man mit den alten Possen
Bacchus und Gambrin noch ehrt.

An Comment und Schlägerhieben
hänget da der Freundschaft Band,
doch im Wappen steht geschrieben:
Freiheit, Ehre, Vaterland!

Zwar ertönt bei ihren Festen
manches große, volle Wort:
zugeschnitten aus den Resten
toten Ernstes – nun ein Sport!

Und sie haben mich empfangen,
wie man's Einst beim Willkomm hielt;
doch aus ihrer Worte Prangen
blassen Augs die Lüge schielt.

Und ich saß und saß und suchte
eines Blickes warmen Strahl, –
bis ich ihrem Anstand fluchte
und mich still vondannen stahl.

Wechselwirkung


Ich wüßte nicht mich nach der Form zu richten,
wird mir bedeutet von gestrengen Richtern.
Und freilich: leicht ereignet sich's an Dichtern,
daß sie formloser leben als sie dichten.

Denn leider müssen sie die Menschen sichten
dem Inhalt nach, der hinter den Gesichtern:
zwar Mancher hält's mit formgerechten Wichtern,
doch Mancher wägt nach schwereren Gewichten.

Und Mir ergeht es gar blos wie dem Trichter,
der von sich giebt, was man hineingetrichtert.
Gebt mir Gefühl – in echter Form, in schlichter:
und formvoll wird vonselbst sich alles schlichten!

doch wenn empfindungslos ihr splitterrichtert,
so werd' ich formlos nur nach Mir mich richten!



Protest


Zur Deutschheit wollet ihr bekehren,
lügt ihr der Menschheit ins Gesicht?
die Manneswürde wollt ihr lehren
und ehrt die Menschenwürde nicht?

Doch mögt ihr ruhig weitersingen
von eurer eignen Herrlichkeit:
nur laßt den armen Zöllner ringen,
wehrt Ihm das Ziel nicht, das so weit!

Verbannt ihn nicht aus euren Hallen,
darin auch seine Gottheit wohnt!
Noch läßt er's gerne sich gefallen,
daß Ihr als Pharisäer thront.

Ein Wahnbild gläubisch anzustarren,
steht eurer fetten Tugend gut;
nur laßt Den auf Erlösung harren,
der weiß, wie weh der Hunger thut!



Abschied


Ich habe Alles euch gegeben,
nun wollt ihr auch das Letzte noch:
nun soll ich knechten auch mein Streben,
zertreten mich für euer Joch?

Ich hab' in mir um euch gerungen,
für mein Herz wollt' ich eures auch,
Stolz, Liebe, Haß um euch bezwungen:
nun danket ihr nach altem Brauch!

Nun soll ich feige das Gefüge,
dran mitzurüsten ich geweiht,
verleugnen für die große Lüge,
an der sich jetzt berauscht die Zeit?!

Ja, eine Zeit gemacht zum Beten!
für jeden engsten Kreis ist heut
ein neuer Heiland uns von Nöten:
der alte starb, zu dem ihr schreit!

Doch nicht, daß man aus Luggeweben
die Dornenkrone selbst sich flicht:
ich habe Alles euch gegeben,
doch mein Gewissen geb' ich nicht!


Ruhig Blut!


Nur kein thörichtes Ereifern,
wenn die Wichte dich begeifern!
Diese Kautschukseelen fliegen
nur so höher vor Vergnügen,
um so mehr sie Hiebe kriegen.



Im Regen


In langen Tropfen rinnt es um mich nieder,
sie schlagen prasselnd durch die schlaffen Blätter,
die Vögel sträuben triefend das Gefieder:
es stimmt zu mir! es ist ein artig Wetter!

Trübsel'ger rauscht es in den Lüften immer,
der Himmel brütend scheint zu überlegen
das Loos der Erde – nirgend stört ein Schimmer:
versunken Laub und Licht, – nur Regen, Regen.

Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere:
kein Schein von Freude rings, kein Hauch von Trauer.
Und ziellos starr' ich, – schreit' ich, – fort, – ins Leere:
in mir und um mich grau – – und immer grauer.



Nächtliche Frage


Was will und wogt so wehe
mein Herz empor,
wenn ich dort oben sehe
der Sterne Chor?

Wie ferner Größe Glänzen
bestrickt ihr Licht
und läßt in meinen Grenzen
mich ruhen nicht, –

es bannt ihr zitternd Blinken
den bangen Blick
wie fernen Glückes Winken:
hinan – – zurück!

Und immer doch dies Beben,
und immer mehr!
Oh Stäubchen, Menschenleben,
und doch zu schwer?



Zuflucht


Hinterm kleinen Haus am kleinen Weiher,
dicht umdunkelt rings von Weidenruten,
breitet nickend eine junge Pappel
ihre Zweige zu den tiefen Fluten.

Seltsam heimlich ist's an diesem Orte;
schon als Knabe hab' ich hier gesessen
und umschwiegen von den hohen Binsen
weinend so mein junges Leid vergessen.

Wieder starr' ich in das schwarze Wasser,
aber keine Thräne kann ich finden;
nur die Pappelzweige seh' ich winkend
dort sich spiegeln in den stillen Gründen.



Nur ein Hund


Ja, Dir wird's schwer, mich zu verlassen!
dein Auge bricht, als ob du weinst,
und warst doch blos ein Kind der Gassen!
Ja, damals ahnt' ich nicht, daß einst
als letzter Freund ein Hund mir bliebe:
da sucht' ich noch bei Menschen Liebe.

Mein Hund, in deine treuen Augen
hab' manche Frage ich versenkt,
für die nicht Menschenblicke taugen,
wo man ein Tier braucht, das nicht denkt,
die Ohnmacht auch in Ihm zu sehen,
mit der wir selbst durchs Leben gehen.

Du hast mir nie ein Leid bereitet:
Das kann kein Mensch, der liebste nicht!
Nun liegt dein Leib vom Tod gebreitet,
verlöscht dein tröstend Augenlicht ...
Was will mir denn wie Glück noch scheinen?
mein Hund, mein Freund: ich kann noch weinen!



Trost


Es ist nicht gütig, in ein Auge schauen,
in dessen Schooß ein schweigend Weh sich windet:
das Rätsel lockt, die Scham des Mitleids schwindet,
denn eine tiefe Wollust schläft im Grauen.

Ihr Eitlen! wollt ihr Den mit Trost erbauen,
der selbst kein Wort für seine Schwermut findet?
Die Kränze, die der Schmerz um Särge bindet:
die echte Thräne wird sie stumm betauen!

Und meint ihr denn, wer Einsam sich befragte
mit seinem Leid, er hätt' es nicht bezwungen?
Wer mühsam sich in dunkler Tiefe plagte,
der weiß auch, wann zum Gipfel er gedrungen;

doch wer an seinem Leben nie verzagte,
hat um des Lebens Deutung nie gerungen!



Im Nebenzimmer


Schweigen auf Einmal
drinnen? – Horch!
Quellende Laute,
schmeichelnd raunende,
flüsternd berückende,
perlen daher;
quellende Klänge,
jauchzend wallende,
rauschend stürmende,
drängen, umwogen, erwühlen mich.
Weib, dich schauen!
Glühender Lippen schwellende Knospe,
schwellender glüht sie, erblüht zum Lied.
Schauen –! lauschen –!
Weib, die Laute,
Weib, die Laute:
fühlt sie dein Herz?!



Der Versucher


Da steht, da steht sie im Gewimmel!
an ihrem Busen in der Rechten,
wie Nachtgewölke ruhn am Himmel,
die aufgerafften dunklen Flechten, –

umstricken meinen Blick wie Schlangen,
mir träumt von Paradiesesnächten ...
Was schlägst du plötzlich so voll Bangen
den Mantel, Weib, um deine Flechten?!



Erste Begierde


O daß der Kuß doch Ewig dauern möchte,
den taumelnd auf die Lippen dir ich preßte,
als Du zum Abschied botest mir die Rechte,
daß starr wie Binsen stand der Schwarm der Gäste!

Nein, länger duld' ich nicht dies stumme Sehnen,
ich will nicht länger in verzücktem Harme
die liebekranken Glieder nächtens dehnen;
»O komm, du Weib! entbreit' ich meine Arme..

Oh, komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide,
sieht wogend glühn, du Flammenkönigin,
im Aschenflor um dich die Kupferseide.

Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
ich dürste nach der Sünde: nach dem Grauen
vor dieses Feuerregens wilder Brut,
vor diesen Weh'n, die wühlend in mir brauen.

Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß,
die lange schmachtend lag in spröder Hülle:
ich will mich lauter blühn, empor und los
aus meiner leeren Brunst zu Frucht und Fülle!

Matt werden will ich meiner schwülen Lust:
oh komm, du Weib! nimm auf in deine Schale
die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust:
noch trank ich nie aus euerm Rauschpokale ...

Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen,
o kämst auch Du so süß und so verstohlen!
so mondesweiß dich in die Sammetwogen,
den Purpurflaum der schwärzlichen Violen,

die streun ich will, an diese Brust zu betten:
daß alle meine Mächte an des Weibes
enthüllten Göttlichkeiten sich entketten,
versink' ich – in den Teppich – Deines – Leibes!«



Meeraugen


Was will in deinen Augen doch
dies trauervolle dunkle Weh,
so tief und sehr?
so still und schwer
wie die Stürme, die schlafen gingen
im Schooß der grauen See.

Versinken will, versinken stumm
in dieser Augen müden Schooß
mein Herz – und will
wie Du so still
und schwer in Dein Herz tauchen
und reißen die Stürme los!

und will sich wiegen so mit dir
in rasender lachender Seligkeit
auf freiem Meer, – –
bis tief und sehr
die Wogen wieder ruhen,
verstürmt dein dunkles Leid.



Verführung


Ich weiß es wol, wie's keimt von Trieben
und quillt in dir und aufwärts bricht;
doch Mich, mich liebst du dennoch nicht,
sonst – müßte ich dich wiederlieben.

Sonst kämst du jauchzend hergeflogen
und fragtest nicht nach Ruf und Pflicht
und tauchtest schauernd mein Gesicht
in deines Busens heiße Wogen.

Sonst würdest du dich um mich flechten,
so wie die Winde zärtlich dicht
im Busch den Blütenzweig umflicht,
in heimlich bangen süßen Nächten.

Sonst wär' auch Ich nicht stumm geblieben,
wenn so dein Mund von Liebe spricht:
Ich nicht! – Nein, nein! du liebst mich nicht,
sonst müßte ich dich wiederlieben.



Das alte Lied


Die Rosenknospe gab sie mir,
als sie vondannen schied;
ich wollte lächeln, als ich ihr
versprach dafür ein Lied.

Sie sah mir weinend ins Gesicht,
sie wollte lächeln auch:
wir konnten Beide lächeln nicht,
Das ist so Abschiedsbrauch.

Nun lächelt sie in Einem fort,
die Ferne heilt das Weh;
die Rosenknospe ist verdorrt,
das Lied ist aus ... Juchheh!



Totenrache


Eine sehr betrübende Geschichte.


Durch die schlafende Lagune
seufzend zieht der lange Kahn
seine Bahn,
einsam zieht er durch der dunkeln
langen Wellen glattes Funkeln
wie ein großer schwarzer Schwan ...

Nun im Zelt der Barke flüsternd
regt sich eines Mundes Glut,
und die Flut
ebnet sich in weiten Kreisen:
heißer wird der Strom der leisen
Laute, – still! das Ruder ruht.

»Donna Anna, Deine Schwüre
sind viel dunkler als die Nacht!
Stolz verlacht
hab' ich all die Lästerzungen,
aber – wenn sie wahr gesungen:
hüte dich! mein Auge wacht!«

»Liebster, willst du mich betrüben?!
fühlst du nicht, daß nie von Lust
je gewußt
meine Küsse, bis sie Deinen
bang und süß sich durften einen?«
und sie sinkt ihm an die Brust.

»Schwöre –« will er prüfend wehren,
aber an ihm liegt sie dicht:
»Fühlst es nicht?
wie der Vogel in die Weiten,
sehn' ich mich nach Seligkeiten!«
hebt sie schmachtend ihr Gesicht.

Und er sieht und fühlt bezwungen
ihres Leibes weiche Pracht,
warme Macht;
seine jungen Wangen blühen,
rötlich schwankt der Ampel Glühen,
Küsse stöhnen durch die Nacht.

Und den Mund umzuckt von Schlangen
sieht sie, wie er trunken ist,
sich vergißt, –
doch ihr Spott ist kaum verflogen:
wütend über sie gebogen
fühlt er ihrer Seele List, –

und ein Ringen – und ein Keuchen, –
»Gott, Erbarmen –« stickt ein Schrei
dumpf entzwei, –
hohl ein Brodeln im Canale, –
stille wird's mit Einem Male, – –
fern vom Turme schüttert's: Drei ...

Wochen fliehen, – wachend, träumend
sehnt er sich nach ihrem Mund
müd und wund;
immer um die dritte Stunde
macht er nächtlich dort die Runde,
starrt er in den blauen Schlund.

In der dunklen Wasserschale
sieht er ruhn den bleichen Mond,
ruhn den Mond,
hört er seufzen die versunknen
bleichen Lippen und die trunknen
Küsse, die er so belohnt –!

und ihn lockt ein banges Rühren,
und von tiefer banger Macht
süß und sacht
fühlt er sich hinabgebogen,
sinkt er in die warmen Wogen,
schließt sich über ihm die Nacht ...

Auf der schlafenden Lagune
wie ein großer schwarzer Schwan
irrt ein Kahn;
wo die Uferwellen glimmen,
sieht man früh ein Ruder schwimmen
auf der leeren Wasserbahn.



Gespenstische Sühne


Graf Richard, was jagst du und jagst durchs Feld,
als fliehst du vor deinem Gewissen?! –
Es war deine Pflicht, es war dein Recht!
dein Weib beim Knecht:
das haben sie büßen müssen!

Graf Richard, was fliehst du und fliehst durch die Nacht:
die Tote liegt still auf der Bahre! –
wie damals so still, wie damals so kalt,
als mit Gewalt
sie zogst zum Traualtare! – –

Dahin, dahin am Eichenhain!
herunter vom Feld! die Straße hinein!
zurück, zurück zum Schlosse! –
Wie schleichen die Nebel herüber vom Moor,
wie schaun aus dem Walde die Schatten hervor!
Dem Reiter wird wirr und dem Rosse.

Dahin, dahin mit hängendem Zaum!
vorüber, vorüber an Baum und Baum!
will die Burg denn noch immer nicht ragen? –
Noch Einmal küssen in heimlicher Stund'
die blasse Wunde, den weißen Mund!
Ich – hab' sie – aus Liebe erschlagen! – –

Was taucht hervor aus Dunstes Wogen,
was schimmert so sanft, so bleich?
was kommt so lockend einhergezogen,
was breitet die Arme so weich! –
Allmächtiger Vater, sie lebt! sie verzeiht!
nun bin ich erlöst, nun bin ich befreit!

Was schwebt zurück, was schwebt entgegen
vorbei an Stamm und Stamm?
was wallt und winkt mit leisem Bewegen
herunter vom sichern Damm! –
Halt stille doch, Liebchen! ich nehm' dich aufs Pferd!
ich hab' dich so lange, so heiß begehrt! – –

Ich will dich haben – heut wirst du Mein –
nicht länger vergebens dein Ehemann sein! –
Und glühenden Blicks er sich vorwärts bengt,
und glühenden Auges der Rappe keucht ...
Die Nebel quellen vom Moore.

Willst wieder entweichen –? so stirb, Geduld!
will länger nicht betteln um Deine Huld!
jetzt fasse ich dich! jetzt halt' ich die Braut – –
Braut – gurgelt's, verröchelt's im Schlamm, im Kraut ...
Die Nebel rollen am Moore.



Das Weib des Matrosen


Nach einem französischen Volkslied.


Der Seemann kommt vom Krieg zurück,
so sacht!
verbrannt so sehr, verstaubt so sehr!
»Wo kommst du, armer Seemann, her?
so sacht, so sacht?«

Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück,
so sacht.
»Schnell Wein! vom Weißen, der hinten steht!
schnell! eh' der Seemann weitergeht!
so sacht, so sacht!«

Der wackre Seemann sitzt und trinkt,
so sacht.
Er sitzt und trinkt und summt ein Lied;
die schöne Wirtin er weinen sieht –
so sacht, so sacht.

Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin? sagt!
so sacht?
thut leid Euch Euer weißer Wein,
von dem sich schenkt der Seemann ein?
so sacht, so sacht?

»Mein weißer Wein thut mir nicht leid:
so sacht:
mein toter Mann kam mir in Sinn,
Ihr seht ihm gleich um Aug' und Kinn
so sacht, so sacht.«

O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt!
so sacht!
zwei Kinder von ihm hattet Ihr –
hört' ich im Dorf – nun habt Ihr vier?
so sacht, so sacht?

»Man hat mir manchen Brief geschickt,
so sacht,
und zeigte seinen Tod mir an;
da nahm ich einen andern Mann –
so sacht, so sacht.«

Der wackre Seemann leert sein Glas,
so sacht.
Und ohne Dank, mit nassem Blick
ging er zu seinem Schiff zurück –
so sacht, so sacht.



Sommerabend


Klar ruhn die Lüfte auf der stillen Flur;
fern dampft der See; in Dünsten goldig flimmernd
verschwimmt der Sonne letzte rote Spur;
die zarten Wolken wallen hoch und schimmernd.

In laue Dämmrung hüllt sich das Gefild,
die Nebel wachsen aus der warmen Erde;
ein matter Duft vom feuchten Grase quillt,
heim zieht der Hirte mit der satten Herde.

Die letzte Biene summt zum Korbe dort,
und schweigend wird es auf der weiten Halde;
nur eine Grille singt noch einsam fort,
und sanft ein Rauschen wacht im nahen Walde.

Zu weicher Ruhe löst sich jede Kraft,
der Wind selbst schläft wie aus der Welt geschieden,
kaum regt die Aehre sich am schwanken Schaft ...
So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!



Abendnebel


So war's auch damals schon – so lautlos,
du tote Braut, so bleich die Luft,
und unterm Dach der Trauerbuche
am Gartensaum hing dumpf ein Duft
von Lindendolden und Hollundern
wie Weihrauch in der Leichengruft:
verstummt auch wir, doch – stumm vor Glück.

Begraben – erster Schwur und letzter Schwur!
Oh sinke, Nacht! Im blassen Dunstgeschwele
du einsam Licht, so fern und schwach,
lisch aus, du Mahnbild der verlornen Seele!
Lisch aus! was lockst du mich ins graue Feld?
was such' ich noch und irre – und bestehle
um seine Ruhe nur mein Weh?

Bang schweigt die Flur, kaum wagt die stille Nacht
zu nahen dieser Stille, – jeder Hauch
im feuchten Korne wie ertrunken, –
erdrückt vom Himmel, florumsunken
die dunkeln Weiden wie erstarrter Rauch, –
wie furchterstickt das Blatt am Strauch, – –
und dumpf aufschluchzend wünsch' ich mir den Tod.


Wollust


Nach Shakespeare's 129. Sonett.


In wüster Schmach Vergeudung heil'ger Glut
ist Wollust, wenn sie praßt, – und leergepraßt
bricht Schwüre sie, verleumdet, lästert, haßt,
buhlt mit dem Grauen, bangt und giert nach Blut, –

gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt, –
sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,
sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,
als hätt' ein Tollkraut die Vernunft zerfetzt, –

maßlos im Rausch, im Taumel, in der Wahl, –
im Wunsche Wahnsinn, Wahnsinn in der Brunst, –
erdürstet Ueppigkeit, genossen Dunst, –
verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual ...

Ach, Jeder kennt und – Jeder geht den Weg:
zu dieser Hölle diesen Himmelssteg!



Und Wir?


Nach dem italiänischen Poëm eines Wahnsinnigen.


Vom Felsen her zum grünen Holze,
vom grünen Holze hin zum Hügel
eilt, Vögelchen, dein freier Flügel:
Ziel nicht, Weg nicht ist Dir bekannt.

Und Wir? wir Menschen mit unserm Stolze?
Wie Räder um eiserne Zapfen schwirren,
im ewig gleichen Kreis wir irren:
immer getrieben, immer gebannt.



Die Wahrheit


Ein Traum.


Ich rang in Zweifeln schon die ganze Nacht.
Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm;
doch darf ich folgen? ist's ein Geist der Wahrheit?
ist's Eitelmut? so zagte meine Seele.
Und Furcht ergriff mich vor dem unverstandnen
Gebet der Kindheit: Nicht wie Ich will, Vater –
in deine Hand befehl' ich meinen Geist!
Und heft'ger rang ich, wie einst Jesus rang ...
Da führte mich der Geist hinweg. Ich stand
an eines Weltmeers sturmgeworfner Fläche.
Sehr finster war's. Doch fernher sah ich ragen,
im düstern Graulicht düstrer noch getürmt,
ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
Die Wogen rollten und die Tiefe brüllte,
und ich erkannte: eine Sintflut war's,
die eine alte Welt hinunterschlang.
In grauenhafter Ohnmacht mit den Wellen
zwei letzte Menschen rangen, Mann und Weib.
Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchten
des Weibes Glieder krampfig zuckend hoch,
noch einmal ächzte sie: und ihrem Schooß
entwand im Schaume sich ein blühend Kind.
Aus Wolken plötzlich quoll der volle Mond,
die Fluten schwiegen und die Wellen hüpften,
und wiegend trugen sie das neue Leben
auf sanften Armen an das Felsgestade.
Und nun gewahrt' ich auf dem schroffen Gipfel
ein andres Weibeswesen. Schwarzverhüllt
in regungsloser Starrheit thronte sie;
sie saß, als ob ihr Haupt den Himmel rührte,
und Scheu befiel mich vor der Wundersamen.
Doch lächelnd langte nach ihr auf das Kind.
Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe
und nahm es mit gelassner Hand ans Herz
und säugte es – und küßte es – und schaute
ihm lang' ins Auge, und mit mildem Glanz
umfing ihr Blick des Kindes Angesicht;
es war, als wachte drin die Seele auf.
Und in dem Arm der Göttin wuchs das Kind
und wuchs und wuchs und – sprach das erste Wort.
Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
und setzte mit gelassner Hand es wieder
hinab ans Ufer, wo ein neues Land
sich aus den Fluten hob, und – hieß es gehen;
mit stummem Wink wies in die Ferne sie,
dann saß sie ehern thronend wieder da.
Auf stand der Knabe, Scheu befiel auch ihn,
der erste Schmerz schlich über seine Stirne;
doch still gehorchend ging er, schritt und wuchs,
und immer wachsend schritt er weiter immer,
bis ich im Nebeldunst des Horizonts
ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.
Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
aus weitem Auge schaute sie ins Dunkel,
als harrte immer neuer Menschen sie,
aus ihrer Brust die Schmachtenden zu tränken.
Da wallte heiß in mir ein Sehnen auf:
nur Einmal wollt' ich ihr ins Auge sehen,
dies Zauberauge, das dort über mir
aus seiner Höhe jen der tiefen Flut
so rein und mild im Mondlicht schimmerte.
Und flehend hob ich zu ihr auf die Hände:
Oh, komm! komm her zu mir und sieh mich an,
wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
thu mir das Wunder deiner Seele auf!
oh gieb mir Frieden! gieb mir deine Ruhe!
Da stieg sie dröhnend von dem Felsen nieder,
vor ihren Schritten teilte sich die See,
und näher, näher, immer näher kam sie,
in trunknem Jubel wankt' ich in die Kniee:
Sie kommt! sie neigt sich mir! mir, Mir allein!
Verzückte Thränen schossen mir ins Auge,
in tausend Farben floß um mich das Licht, –
da stand sie vor mir, beugte sich herab,
mit bleierner Faust umspannte sie mein Haupt
und bog es hoch, aus meinen Thränen mußt' ich
ins Aug' ihr schauen und – und brach zusammen:
Stein war es! Stein! ein flimmernder Opal!
Laut schrie ich in die Nacht – und wachte auf;
da sah ich weinend in den vollen Mond.



Sternzauber


Wallst du nieder aus den Weiten,
Nacht, mit deinem Silberkranz?
zieht in deine Ewigkeiten
mich des Dunkels milder Glanz?

Als ob treue Augen winken:
alle Liebe sei enthüllt!
als ob sanfte Grüße sinken:
alle Sehnsucht sei erfüllt –

will ein Stern sich nun entbreiten,
in mein schwimmend Aug' er taucht,
seligste Versunkenheiten
in mein schwellend Herz er haucht.

Zu ihm heben mich Gewalten,
wie zu mir er sinkt und sinkt;
und ein Quellen, ein Entfalten
seines Scheines mich umschlingt

und entführt mich in die Zeiten,
da noch keine Menschen sahn
dieses Fühlen, dieses Gleiten,
dieses rätselvolle Nahn.

Der Wunsch


Ein Traum.


Und wieder saß ich spät mit mir allein,
der Geisterstimmen dumpfe Schlacht belauschend,
die wild im Hirn um meine Seele rangen,
und wußte nichts von mir: ein schwirrend Heer
von Wünschen, kreiste vor mir selber ich
und sah die Wunschgespenster sich verknäueln
in Wut und Gier, von Wut ich mit erwühlt,
von Qual und Wollust, wie die Flatternden
sich würgten und sich fraßen und sich lüstern
umwanden, neue Schaaren zu gebären.
Bis sich auf einmal, im verzückten Rausch
des Mitgefühls, mir in die Augenhöhlen
die Nägel meiner Finger krallend gruben,
daß ächzend ich emporfuhr aus dem Brüten.
Und taumelnd wankt' ich auf, zum Fenster hin,
inbrünstig langend nach der sanften Nacht ...
Da dehnte sich im Dunstlicht unter mir
Berlin – mit seinen Türmen, seinen Kuppeln,
mit seinen Schloten, seinen Ruhmessäulen
heraufgebaut ins fahle Blau, als langte
aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin
und reckte alle Finger bettelnd hoch:
nur leben will ich – leben – atmen – essen!
Und rauschen hört' ich die Milliarden Wünsche,
die ungestillten, die das Mauerwerk
das nachtumarmte barg in seinem Schooß:
den Hunger, der mit dürrem Knöchel sich
das Grablied trommelte auf nackter Diele, –
die Not, die winselnd durch die Straßen kroch, –
das Elend, das in Träumen wüst sich narrte ...
Und ich erschrak ob meiner eitlen Qual;
und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos,
stieß mich zurück in meine Einsamkeit.
Und trübe starrt' ich in die grelle Lampe
und trüber noch auf meinen Schatten, der
langwehend an der Wand hing, schwankend, nickend –
und starrte – – und entsetzte mich: der Schatten
bewegte, drehte sich, und winkte, nickte,
und wandelte vor mir, und trat zu mir, –
und eine Stimme tönte matt und hohl:
Komm! Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod! Komm, schaue! –
Wir wandelten. Ein greller Mittag lag
schwül brütend auf dem gelben Sand der Wüste;
und um mich nur der schwarzvermummte Führer,
der stummen Mundes immer weiter wallte;
in seine Spuren trat ich wie gebannt.
Da gähnte jählings uns ein Abgrund an ...
Zurück ich wich; doch ruhig stand der Düstre
und wies zur Rechten, wo emporgetürmt
am Abhang ragte ein gewalt'ger Bau,
und aus dem Mantel klang es schwer und dumpf:
Der Tempel der Erfüllung! – und ich bebte,
von ungewissen Schauern angefaßt.
Da tönte wieder mir die Grabesstimme:
Drei Wünsche sind gewährt dir! wähle! sprich!
Und rasselnd sprangen droben auf die Pforten ...
Und grübelnd stiert' ich in des Tempels Schlund, –
mir war, als wogten die Milliarden Wünsche
des Erdrunds drin, die ungestillten alle, –
von Schmerz und Lust erglüht' ich, – durstgeschüttelt
mein ganz Gefühl, zu strafen den Versucher, –
und heiser schrak ich auf in Haß und Wonne:
So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden
erfüllt sein jedem Einzigen! – – Jedem Einzigen:
gleichgiltig scholl es wider im Gewand.
Und rückwärts deutete der Ungerührte
dem Saum der Wüste zu; der regte sich,
und aus dem Boden hob ein Tummeln sich,
als schwärmten Geier wimmelnd um ein Aas.
Und fort vom Rand her schob es schwärzlich sich
gleich Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll,
erbrauste, schwoll und löste sich, und rollte
und wälzte tosend auseinander sich
heran zu uns, die Ebne überströmend
wie Qualmgebrodel sturmgepeitscht, und näher
und näher immer zog's, und schüttete
sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen
von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun;
die Erde stöhnte, wie sie rasend rannten
und keuchend flogen; und da schossen schon
die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend,
hinauf am Abgrund, zu den Stufen hin
den gleißenden des Tempels, – ihnen nach
der Unzählbaren brandendes Gewühl.
Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier;
doch unbewegt stand neben mir der Führer ...
Und aus dem Säulenthor zurück nun tauchten
mit dem errafften Gut, dem höchsterstrebten,
dem tiefstersehnten, Die zuerst gewählt;
und freudebangend, zitternd spähte ich.
O Wahn, o Hoffnung –! wie sie kindisch johlten
und tanzten, in den Händen Tand und Spielwerk!
doch Andre kamen – fibernd spähte ich:
Da schleppte unter beiden Armen Einer
verstaubte Folianten, Einer krümmte
sich goldbepackt, behutsam trug ein Dritter
ein Pflänzlein, eine Schöne äugelte
verliebt mit ihrem Diamantenschmuck,
und jetzt – aufstammelnd griff ich in die Luft –
wildjauchzend stürmte aus dem Thor ein Häuptling,
die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er,
und oben auf den Stufen rangen Zwei
zum Mord verknotet um ein jammernd Weib.
Mitfühlend wand sich, bog sich krampfgespannt
mein Arm; da – ließ – mich's – los; ein weher Grimm,
ein ekler Zorn, ein unermeßlicher,
stand auf in mir und bäumte mein Genick,
zum Himmel stieß ich die gepreßten Fäuste:
O rotte, Allmacht, aus dies Wurmgezücht!
vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur,
wer in der Einen Sehnsucht sich verzehrt,
die Alle glücklich macht! es lebe nur,
wer Alle will von Leid und Schmerz erlösen! – –
Erlösen – tönte die vermummte Stimme;
- der zweite Wunsch! klang's schaurig mahnend nach.
Und plötzlich, mir zu Füßen kam's gerollt
herab vom Abhang knackend, schollernd, krachend
hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber,
verrenkt im Todeskampf; doch toller immer
den Berg empor zur Tempelhalle tobte
der Unzählbaren brandendes Gewühl;
und aus dem Säulenschooße quoll und quoll es
die Stufen nieder – krachend, schollernd, knackend –
von Sterbenden und Leichen – mir zu Füßen
den Schlund hinunter. Und die Sonne sank
und sank und sank, und immer neue Haufen
Zerschmetterter verschlang der grause Rachen ...
Aufschreien wollt' ich – flehen, daß nur Einer,
nur Einer spräche das geweihte Wort, –
auf that mein Mund sich, doch der Laut zerriß:
der Freund, der liebste, prallte her zermalmt –
zermalmt die Brüder beide – beide Schwestern!
und da, da – »Mutter!« – meine Mutter klomm
da, da! hinauf; jetzt bat sie; weh – für Mich,
für ihres Sohnes Glück blos flehte sie
und – starb für ihr Gebet! – Stier sah ich an
das Gräßliche, hohlglotzend, thränenleer;
verdorrt mein Herz mir däuchte, irr mein Sinn;
mein eigen Angesicht, im Dämmerdüster
rings um mich schwamm es, fahl, zerfurcht, versteint
von Gram und Grauen; in die Kniee brach ich,
die Fäuste schlug ich hämmernd mir ans Ohr,
zu töten das Gedröhn das marternde
der Knochen, die zum Abgrund rasselten
im Rücken mir; da – – neigte nieder sich
Der im Gewand, ein mildes Dunkel hüllte
mein flirrend Aug', ein tiefes Schweigen floß
süßkosend um mein Haupt, und wie ein Hauch
sanftraunend klang die Frage: Und dein dritter,
dein Eigner Wunsch? dein letzter?! – säuselnd sog
der Nachtwind ein das lockende Gemurmel ...
Und stammeln wollt' ich; doch die Worte kreisten
im Hirn mir, hetzten sich in toller Jagd,
gestaltlos, schemenhaft, – und eine Angst,
ein Schrecken vor mir selbst, und eine Furcht
vor meiner Eignen Gier, der lauernden,
umklammerten die Kehle mir, – zerknirscht
im Staub ich lag: nicht wagt' ich mehr, zu wünschen.
Und endlich, bettelnd, stöhnt' ich: Gnade! Gnade!
und schlug die Augen auf – –, da grüßte mich
langwehend, nickend an der Wand der Schatten,
und schwelend stand die Lampe – und verlosch.



Erscheinung


So müd hinschwand es in die Nacht,
sein flehendes Lied, sein Bogenstrich;
und seufzend bin ich aufgewacht.
Wie hat er mich so sanft gemacht,
so sanft und klar
der Traum – und war
doch also trüb und feierlich.

Hoch hing der Mond; das Schneegefild
lag weit und öde um mich her,
wie meine Seele weit und leer.
Und neben mir – so kalt und wild,
so stumm und stolz wie meine Not,
als wollt' er weichen nimmermehr,
saß starr – und wartete – der Tod.

Da kam es her, wie einst so mild,
so bang und sacht,
aus ferner Nacht;
so kummerschwer
kam seiner Geige Hauch daher,
und vor mir stand sein stilles Bild.

Der mich umflochten wie ein Band,
daß meine Blüte nicht zerfiel
und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
die große Sehnsucht ohne Ziel:
so müd er nun, so trüb er stand,
und stand so dumpf und feierlich,
und sah nicht auf, noch grüßte mich, –
nur seine Töne ließ er irr'n
und weinen durch die bleiche Flur,
und mir entgegen schaute nur
auf seiner Stirn,
ein Auge hohl und rot und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und trüber quoll das trübe Lied,
und quoll so heiß, und wuchs und schwoll,
so heiß und voll
wie Leben, das nach Liebe glüht, –
wie Liebe, die nach Leben schreit,
nach ungenoßner Seligkeit,
so wehevoll,
so wühlend quoll
das strömende Lied und flutete, –
und leise leise blutete
und strömte mit
auf seiner Stirne, rot und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.

Und müder glitt die müde Hand,
und vor mir stand
ein blasser Tag,
ein ferner blasser Jugendtag,
da dumpf im Sand
zerfallen seine Blüte lag,
da seine Sehnsucht sich vergaß
in ihrer Schwermut Uebermaß
und seiner Traurigkeiten müd
zum Ziel Er schritt, –
und lauter weinte auf das Lied,
das mahnende Lied, und flutete,
und seiner Saiten Klage schnitt
und seine Wunde blutete
und weinte mit
in meiner Seele starre Not,
als sollt' ich hören ein Gebot,
als sollt' ich fühlen, was ich litt,
und fühlen alles Leidens Schuld
und alles Lebens süße Huld, –
und also, blutend, wandt' er sich
ins bleiche Dunkel – und verblich.

Und bebend hört' ich hohl vergehn,
entfliehn das Lied, und wie so zart
so zitternd ward
der langen Töne fernes Flehn, –
und fühlte kalt ein Rauschen wehn
und grauenschwer
die Luft sich rühren um mich her,
und wollte bebend doch ihn sehn,
sein Lauschen sehn,
Der wartend saß bei meiner Not,
und wandte mich, – da lag es kahl.
das weiße Feld: und still und fahl
zog fern vondannen – auch der Tod.

Hoch hing der Mond; und mild und müd
hinschwand es in die leere Nacht,
das flehende Lied, –
und schwand und schied,
des toten Freundes flehendes Lied;
und seufzend bin ich aufgewacht.



Weihnachtsglocken


Tauchet, heil'ge Klänge, wieder
ganz in meinen Glauben mich!
Quellet, quellt, ihr alten Lieder:
füllet ganz mit Reinheit mich!

daß ich in die Kniee fallen,
Ein Mal wieder beten kann,
Ein Mal wie ein Kind noch lallen
und die Hände falten kann!

Denn ich fühl's: die Liebe lebet,
die in Ihm geboren worden,
ob sie gleich in Rätseln schwebet,
ob gleich Er gekreuzigt worden;

denn ich sehe fromm sie werden –
heute, Ewig fromm – die Menschen,
wenn es klinget: Fried' auf Erden
und ein Wohlgefall'n den Menschen!



Das Wunderblümlein


Altes Weihnachtslied ergänzt.


Uns ist ein' Ros' entsprungen
aus einer Wurzel zart;
wie uns die Alten sungen,
von Jesse kam die Art;
und hat ein Blümlein bracht
mitten im kalten Winter,
wol zu der halben Nacht.

Das Blümlein war so reine
und duftete so süß;
mit seinem milden Scheine
verklärt's die Finsternis;
und leuchtet immerdar,
tröstet die Menschenkinder
holdselig, wunderbar.

Ein Stern mit hellem Scheine
hat es der Welt verkündt,
den Hirten und den Heiden,
wo man dies Blümlein findt.
Nun ist uns nicht mehr bang,
seit aus der dunklen Erde
solch köstlich Knösplein sprang.

Der Vogel Wandelbar


Ein Spott- und Trost-Märchen.


War einst ein Vöglein Wandelbar,
an welchem Alles seltsam war.
Ein rechter Wildfang wollt' es sein
und hatte doch ein Humpelbein,
das arme lust'ge Vöglein.

Allein das Vöglein hatte auch
ein wundersam Gefieder;
das schillerte wie Purpurschaum,
und auf der Brust der weiche Flaum
wie ein Perlmuttermieder.

Vom vielen Zwitschern eigner Art
das Schnäblein ihm ganz silbrig ward,
und seiner Aeuglein Scheinen
gar lieblich launisch wechselte
gleich blauen Edelsteinen.

So trug sich Vöglein Wandelbar
von Außen sonderlich fürwahr,
doch was das Sonderlichste war:
tief Innen trug's unwandelbar
ein Herz von lautrem Golde!

Und Alles war dem Vöglein gut,
wie's hüpfelte und glänzte, –
und Jeder nahm's in seine Hut:
solang 's im sichern Hofe saß,
er ihm das Nest umgrenzte.

Bis unser Vöglein langsam
sich wuchs zu einem Vogel aus;
da mußt' es aus dem warmen Haus
allein ins weite Land hinaus.
Das schien ihm, ach, so bangsam.

Die Andern liefen gar so schnell,
das Ihre zu erjagen;
da kommt mit seinem Wackelschritt
solch armes Entlein nicht gut mit,
und – muß den Spott noch tragen.

Sie fließen es und traten es
und rupften es gescheit,
und in dem wilden Drängen
blieb bald sein schutzlos Schimmerkleid
an Busch und Dornen hängen.

Zwar Mancher blieb auch stehen:
vermahnten dann und schalten
den ungeschickten Wandelbar,
und wußten doch, daß lahm er war,
und – blieben selbst die Alten!

Doch endlich war es ihm geglückt,
mit letzten Kräften, arg zerpflückt,
ein Bäumlein zu erschwingen;
da dacht' er endlich auszuruhn
und sich in Schutz zu bringen.

Verwandelt war nun ganz und gar
der arme Vogel Wandelbar,
so funkelnd einst; nur hier und da
ein gleißend Federlein noch sah
aus seinem grauen Kittel.

Und auch der Aeuglein helles Licht
war blaß wie welk Vergißmeinnicht;
allein das Silberschnäbelein
war ihm geblieben noch vonklein,
wenn's auch nur schwach noch zirpte.

So saß er fern denn vom Gewühl
und sang mit bitterm Wehgefühl,
wie er so gar verlassen!
und wußte doch, daß Lahme nicht
zu soviel Schnellen passen.

Ein Rabe aber kam vorbei,
den ärgerte die Melodei
und auch das Silberschnäbelein,
er schrie: »Ich mag nicht solch Geschrei!
geh, packe dich vonhinnen!

ich will mir hier mein Nest herbau'n,
und für uns Beide ist kein Raum!«
und stieß das Vögelchen vom Baum
und riß ihm aus dem Kleide
auch noch sein letzt Geschmeide.

Da war ihm aller Mut dahin,
der Mut sogar zum Klagen;
mit seinem müden Humpelbein
schlich matt und weinend es feldein
und dachte voll Verzagen:

»Jetzt nenne Garnichts mehr ich mein,
jetzt kann ich nur gleich sterben!
jetzt will ich in die Wüstenei,
wo Keinen störet mein Geschrei,
und still für mich verderben.«

Ja, garnichts garnichts mehr war sein
von all dem schönen bunten Schein;
sogar das Schnäblein hatte ganz
verloren seinen blanken Glanz
von all den vielen Thränchen.

Und als das Vöglein das gesehn,
ist fast sein Herz gebrochen;
zum Sterben hat sich's hingesetzt, – –
da kam der goldne Mond zuletzt
und hat zu ihm gesprochen:

»Du armes Vöglein Wandelbar,
was härmst du dich denn immerdar
um deine Tandjuwelen?
Du töricht Vöglein Wandelbar,
hast du vergessen ganz und gar,
was Keiner dir kann stehlen?!

Ward dir denn nicht viel mehr geschenkt
als blos der Prunk, an den sich hängt
der Andern leeres Streben?
Was weinst du denn und machst dir Schmerz?
ward dir tiefinnen nicht ein Herz
von lautrem Gold gegeben?!«

Da ward dem Vogel Wandelbar
auf einmal Alles licht und klar;
da wußt' er bis an seinen Tod
unwandelbar trotz aller Not,
warum sich's lohnt zu leben!



Frühlingsahnung


Die Felder liegen weiß;
wohin ich schau'
ins fahle Nebelgrau,
scheint Schnee und Eis.

Doch da – ein Sonnenstrahl
bricht durch den Flor
und zieht den Blick empor
mit Einem Mal,

und von der Erden
ringt jung ein Duft
sich durch die Luft: –
will's Frühling werden?



Schneeglöckchen


Sie ist erwacht,
des Winters einzige Blume.
In Tod und Nacht
träumte die stumme
Botin des Frühlings
von Licht und Leben.

Wie sie sich heben
alle die sprießenden Spitzen,
zum Himmel bange
bebend sich richten!
aber droben
die Sonne schläft.
Roh durchs Land die Stürme toben,
lachen kalt der schlichten
furchtsam strebenden Zarten,
heulen ein Lied von Krieg und Streit:
Nur die Starken, Harten
preiset der Reigen
der eisernen Zeit!

Duftlos neigen sich
die weißen reinen
scheuen Köpfchen
zur Erde wieder
entsagend nieder
und weinen
selber ins Grab sich.

Doch nicht minder,
du einsame Blume,
tröstet dein Blühen
die Menschenkinder.
Nicht ist vergebens
dein kurzes Mühen:
alles des Lebens
Brausen und Glühen,
das uns der Frühling schickt,
du fühlst es nahn!
Mit neuem Glauben blickt
auf seine Bahn,
winkt ihm Dein Gruß,
rastlos wandernd der Mensch.

Keimt doch zitternd in Ihm auch
manche lautere Blume
aus dem dunklen Grunde des Herzens,
die verblühen muß,
ehe die andern
sicher strebenden,
mächtiger treibenden
Wurzeln sich regen:
Zielen entgegen! –



Nebel und Schatten


Bruchstück.


Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld!
hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe:
hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
Kein Laut; kein Hauch; der bleiche Abend hält
im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
So thut es wohl dem unbewegten Sinn ...

Mein Herz nur hör' ich noch; doch kein Verlangen
nach Leben ist dies Klopfen, – Lust und Schmerz
ruhn hinter mir versunken gleich zwei Stürmen,
die sich umarmen und im Wirbel sterben, – –
was störst du mich, mein allzu lautes Herz?!

Was willst du Schatten dort im Erlenbusch?
und schwankst? und winkst? – – –
– – – – – – – – – – – – – – – – – – –



Narzissen


Weißt du noch, wie weiß, wie bleich
in den Maiendämmerungen,
wenn du meinen Hals umschlungen,
wenn ich dich ans Herz gerissen,
um uns schwankten die Narzissen?

Weißt du noch, wie heiß, wie weich
in den lauen Juninächten,
wenn wir müde von den Küssen
um uns flochten deine Flechten,
Düfte hauchten die Narzissen?

Wieder leuchten, wieder grüßen:
wenn die Dämmerungen sinken,
wenn die lauen Nächte winken:
hauchen Düfte die Narzissen, –
weißt du noch, wie heiß – – wie bleich?



Läuterung


Wie mit zauberischen Händen
greifen Träume in mein Leben,
will ein Altes sich vollenden,
will ein Neues sich begeben ...

Eine Flamme sah ich lodern
hoch und rein aus goldner Schale,
und die Flamme schien zu fodern:
wirf dein Leid in diese Schale!

Und anbetend hingezwungen
fühlt' ich Gluten mich umfangen,
rauschend küßten ihre Zungen
Auge mir und Stirn und Wangen.

Und ich fühlte stumm vergehen
all mein Leid mit Einem Male,
rauschend mich als Flamme wehen
selber in der goldnen Schale ...

Wie mit zauberischen Händen
greifen Träume in mein Leben.
Will ein Altes sich vollenden?
will ein Neues sich begeben?


Offenbarung


Da träumte ich von einem Weibeswesen, das ich nicht kannte, einem nie geseh'nen, oft geahnten, seltsam wirklichen. Wir lagen im Taumel der Einheit, und ich schaute dem Wesen in die Augen: bis hinab in die Seele. Und die Seele schien mir wie ein Buch, und in dem Buche las ich: Gattenliebe, Sinnlichkeit, – Mutterliebe, Keuschheit, – Menschenthum, Empfänglichkeit, – Wahrheitswille, Beharrlichkeit. Und es war, als ständen diese Eigenschaften vor mir auf zu seltsam wirklichen Gestalten, nie geseh'nen, oft geahnten Weibeswesen; die schlangen einen Reigen. Und obschon Alles voll Bewegung war in diesem Reigen innerlich, genoß ich schauend nur Eines: heitere Ruhe.


Erleuchtung


Plötzlich thut, was dunkel war,
dir sich grund und offenbar;
und dann kannst du nicht verstehen,
daß du sonst es nicht gesehen.

Aus dem Grund der Welt durch dich
offenbart der Welt es sich;
aus der Ewigkeit geboren
bleibt es ewig unverloren.




Zweite Stufe:

Liebe


Was Natur in trüben Bächen
still durch alle Seelen gießt,
Dichtermund soll's heilig sprechen
daß es immer reiner fließt.

Aus der Enge in die Weite
drängt der Geist und lockt das Leben;
doch es kann sich erst erheben,
Wen ein groß Gefühl befreite.


Verloren?


Wie versunkne Himmelreiche
Dir im Auge sah ich quellen
deiner Seele stille Quellen,
und es tauchte aus den Wellen
meiner Unschuld frühe Leiche.

Und von fern auf goldnen Wogen
kam ein Leuchten hergezogen,
und den bleichen Mund umschwebte
sanft ein Glühn, als ob er lebte
und noch Einmal Gott erbebte.

Doch im Wasser hört' ich's wallen,
hohl ein Qualgelächter schallen:
und ich sah mit schwarzen Krallen
drohn die Sünde, und im dunkeln
Schlund ihr grünes Auge funkeln.

Und es rauschte, und die Leiche
schwand hinab; der Glanz verglühte ...
Gieb mir Du zurück die Blüte,
meiner Reinheit tote Blüte,
die versunknen Himmelreiche!



Des Traumes Ziel


Ich träume oft von einer bleichen Rose.
Sie blüht in eines hohen Berges Schatten,
zum Lichte fleht sie mit dem schmachtend matten
dem Blumenblick aus ihrem dunklen Loose.

Und mich ergreift's, daß tröstend ich sie kose.
Doch weiter muß auf meinem Pfad ich schreiten:
zum Gipfel, wo die Lorbeern stolz sich breiten!
So steh' ich zaudernd zwischen Berg und Rose.

Denn wie ich auch den Fuß mag von ihr kehren:
ich kann der tiefen Sehnsucht nicht mehr wehren,
aus ihrem Schooß den süßen Duft zu schlürfen.

Da: bin ein Gott ich worden durch die Reine?
auf schweb' ich mit ihr zu dem heil'gen Haine,
wo auch die Rosen immergrünen dürfen!



Frühlingsgebet


Frühling, Wonnegebieter,
sonnestarker, lauterster Gott der Erde,
willst du endlich erscheinen,
mir auch erscheinen?
Nach soviel Stürmen,
soviel quälender Wetterwut,
nach manchem falschen Sonnentage
voll kalten, stechenden Glanzes:
willst du endlich geboren werden,
mein Heiland? –

Ja! mir künden heilige Schauer:
du auferstehest,
den ich dunkel geahnt
in den Dämmertagen der Kindheit
und den ich verloren, vergessen
im selbst sich vergötternden Jünglingsrausch ...

Oh, senke die Strahlen
Deines milden Himmelsauges
sänftigend, verklärend mir
in die sehnsucht offne Seele
O durchfülle mich ganz mit Deinem Odem,
Frühling, äther entsprossener,
Segen atmender, reiner Sonnensohn!
Erfülle mich mit deiner Werdelust,
nicht der gärend schäumenden,
der ziellos wilden, taumelnden Lust
stürmenden Knabenübermutes:
mit Deiner ruhig quellenden,
still knospenden,
sicher schaffenden Freudigkeit
erfülle mich, du Glückbeseelter! –

Schon jauchze ich.
Ja! du erhörst mein Gebet!
Du bist in mir, Frühling:
bist, was in mir jubelt –
du erhörtest mich schon
vor meinem Gebet!
Du, Du, Frühling, wurdest
mir in bangender Seele
heimlich ein anderer, neuer Frühling:
mein erster Frühling!

Erster Frühling,
einziger Frühling,
bleibe! weile!
verlaß mich nicht,
flüchten gleich die Tage!
Dann werden machtlos nahen
meinem geweihten Haupt
des Sommers sengende Sorgen
und des Herbstes trüber Mißmut
und des Winters kalte Oede.

Erster Frühling,
einziger Frühling,
mein Frühling –
Du brachtest mir die Erlösung:
bringe mir auch das Himmelreich!


Rose und Goldkäfer



1. Käfers Ende


Ich habe den Traum der Rose belauscht,
der still, vom kühlen Duft umsprüht,
aus ihrer Blumenseele glüht;
ich hab' ihn mit allen Sinnen belauscht,
bis ich berauscht.

Von Sonnenstrahl die Rose träumt,
der sich tags ihr flammend ins Innerste wühlt,
der im Mondlicht nachts sie weich umspült,
der mit schaffender Macht das All durchschäumt;
von ihm sie träumt.

Doch von dem Goldkäfer weiß sie nicht,
der still zum stillen Glutkelch klimmt,
in dem die Sehnsucht zehrt und glimmt
nach ihr, nach ihr. Sie achtet's nicht.
Sein Auge bricht.



2. Ende der Rose


Es prangt die Rose in stolzer Pracht
und freut sich ihrer Glut und lacht:
Ich hab' die tiefduftigste Seele, ich!
ich bin die Königin sicherlich
von meinen Blumenschwestern.

Ein schimmernder Käfer zur Rose schwirrt;
von Lust, von Liebe er surrt und girrt
der schönen Stolzen, der Alles lauscht
mit jedem Sinn, wenn der Dufthauch rauscht
aus ihrem Feuerkelche.

Und sie neigt sich dem Käfer in kühler Gunst:
Ich kann nicht lieben mit irdischer Brunst,
ich glühe allein dem Sonnenschein,
der das All durchwogt, ins Herz hinein
mir seine Flammen zu gießen!

Und als der dritte Abend nah
und der Goldkäfer wieder zur Rose sah,
von Furcht und Hoffnung still entfacht:
da war die stolze Blütenpracht
verwelkt im Strahl der Sonne.


Menschenthorheit


Die Nixe in der stillen Flut,
sie weiß nicht, daß der Tod
aus ihrem wasserdunklen Blick
den Erdensöhnen droht.

Sie kann nicht lieben, hassen nicht:
du Menschenkind allein
schaust in das rätseltiefe Auge
die Eigne Seele hinein.

Da schwillt und quillt entgegen dir
verdoppelt Glück und Weh;
du schaust und schaust, vergehst, versinkst, –
verwundert rauscht der See.



Zweifel


Psalm eines Verstoßenen.


Jetzt ist es aus! jetzt bin ich ganz zerrissen!
Nun brach vom Herzen mir das letzte kleine
Stück Hoffnung noch, das letzte eine
gerettete aus meinen Bitternissen.
Wimmernd zerbarst die letzte Saite
des Glaubens mir an Glück und Fried:
der Jammer heult in mir sein marternd Lied,
und gramverwüstet starr' ich in die Weite.

Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!
O raffte mich empor ein glühender Wind,
verschlüg' er mein Gebein verdorrt in Steppen,
durch die aashungrig nur der Schakal schleicht!
ich kann die Last nicht weiterschleppen ...

In des Frühlingswaldes dichteste Schatten
flüchte hinaus, mein Leid, mit mir!
in die bangesten Schluchten will ich mich bergen,
daß ich allein sei, allein mit dir,
bis du endlich magst ermatten,
bis ich auch dich dann zu den Särgen
schichten kann, die im Grabgewölbe
meines tiefdumpfeinsamen Busens stehn.

Oh, jetzt nicht mehr: »hinan, hinauf,
kühnen Wunsches, seligen Mutes voll,
mit Adlersfittigen, über steile Pfade,
zu Dir, Dir, Sonne meines Lebens« – –
vorbei! hinweg! –

O wie träumt' ich süß,
ich Wahnverzückter,
versunken in ihren Strahlenblick,
in das goldene Sonnenauge:
»Bin ich nicht auch stark und gut?
stärker als ich ahne?!
Sonnenauge, Du winkest mir?
Sonnenseele, sehnest dich nach mir?!
Sonne, dich fassen! Sonne, dich halten!
Sonne, für und für
deine reine Flamme lassen walten
durch die flackernde lodernde Seele mir!
Ueber Gipfel mich heben! auf Wolken schreiten!
Meine Gluten in deine gießen!
Sicher dich tragend, von Dir getragen,
zum Doppelgestirn uns zusammenschließen!
Sprühende Funken nach unten spreiten
den Erdensöhnen, den Menschenbrüdern!
Rauschend auf sausendem Feuerwagen,
Sonne dich singen, Sonne dich sagen
in ewigen Lauten, ewigen Worten, ewigen Liedern!«
- – Aus! aus! – –

Nein! nein! sah ich sie lächeln
ungerührt, ungetrübt:
Verzichte, verzichte!
Entsagung übe!
sonst wirst du zunichte
an deiner Liebe!

Nein, ich fühl's: ich bin nicht stark!
konnte sie, ach, nicht an mich reißen
mit meinen Blicken, den schwellend heißen!
Meine Flammen nicht wärmend schaffen,
sengend nur mich selbst erschlaffen! –

Winselnder Thor, der nicht vermocht
Liebe um Liebe zur Blüte zu wecken:
und verwegen willst du die Fingerchen recken
nach den höchsten Früchten der Menschheit?!
Hörst du sie höhnen, die tollen Geister:
»Erhabener Meister,
hüte dich, Lieber,
du klimmst im Fieber,
leicht gleitet ein Leben zur Tiefe!
Nur Wenige führt auf der fährlichen Bahn
die Sonnengnade zum Gipfel hinan;
den Andern ist es, als riefe
im Abgrund lockend die Wasserfee,
und sie schauen hinunter die schwindelnde Höh'
und können es nicht ertragen
und wanken hinab
ins Grab!
Laß ab zu wagen,
du Wahnesmeister,
du Sonnendreister!
Hüte dich, Lieber,
du klimmst im Fieber,
du wirst zerschellen
unten in des Sturzbachs Wellen!« – –
Wehe, wie sie mich zerfleischen!
wie sie gierig mein Herzblut heischen!
Gnade, Gnade, ihr Finstern!

Weichet von mir, ihr Nachtgedanken:
ich bin euer Herr!

Wie sie zerrend durchs Hirn mir schwanken –
Mitleid! Mitleid! – –

Oh meine Sonne, warum fliehest du mich?
warum den Schatten gabst du mich zum Fraß?
Soll ich denn immer nur in Tiefen ringen,
nie von den Gipfeln jauchzen meine Lust! –
Ach, genug der Seligkeit des Strebens!
habe genossen sie,
habe gelitten sie:
die bittere süße
Wunde der Menschheit,
in der wißgierig,
wollüstig uns weidend am eigenen Schmerz,
von Ewigkeit zu Ewigkeit
wir wühlen, weinen, wühlen! –

Und keine Rast dem selbstgehetzten
kranken Wild als nur der Tod?
keine? – –

Recke nicht wehrend den Arm mir entgegen,
du sanfter Gewaltiger! Nein, nicht zwingen
läßt sich Erlösung: ungerufen
sollst du mir die Ruhe bringen
einst ... einst?

Aber – wem winkest du?
welch ein Gebilde verbirgt dich mir?
So feierlich wallt es einher!
doch thront der Friede auf den ernsten Zügen,
und diese Stirne scheint mir nicht zu lügen.
Was rührt mich an?!
Oh, rettend Licht!
ja – ich erkenne dich, Arbeit,
strenge Trösterin, herbe Helferin!
Dank –! Dank –!

Oh nimm mich ganz in deine Arme,
befreie Du mich von meinem Harme!
du bist der Menschheit beigesellt,
daß sie bei Dir Vergessen findet,
wenn nieder sie am Schmerz des Strebens fällt,
sich in den Wehen der Entsagung windet.
Denn auch ihr zwei Heilandinnen:
du, Kunst göttliche,
Hoffnung, himmlische du:
wurdet nicht ihr auch geboren
aus der Vermählung der Arbeit
mit dem qualvoll ringenden Erdensohn?!

An Deinen Busen will ich jetzt mich bergen,
Kunst, milde ernste Tochter der Mühsal,
wollen die Zweifel mich wieder beschleichen,
die mir die Kraft aus der Seele nagen,
die mir die Mannheit zerfressen,
daß ich ermattet sinke
aus der Umarmung der Arbeit ...

Und Du, Hoffnung,
Allerbarmerin,
totgeglaubte,
willst auch Du mir wiederkehren?



Hoffnung


Ob sie mich liebt? Spricht ihrer Blicke Leuchten
zu mir der Liebe selig stumme Frage?
Ist's nur die große Hoffnung, die ich trage,
daß mir erfüllt die bangen Wünsche däuchten?
Ob sie mich liebt?

Ob sie mich liebt? Sie lächelte so mild,
als vor Verlangen stumm mein Gruß verhauchte;
sie bebte sanft, als mir entgegentauchte
aus ihrem Auge mein verklärtes Bild ...
Sie liebt mich wol.



Im Traume


Ach, aus Träumen fahr' ich!
in die graue Luft,
in die kalte, starr' ich;
ach, dein Samum war ich,
Du mein Ambraduft!

Durch die stumme Wüste
bebtest du dahin,
und dein Atem küßte
und dein Kuß versüßte
Seele mir und Sinn.

Einsamkeiten hingen
tief ins weiße Land;
sonnenstill ein Ringen,
und mit heißen Schwingen
hielt ich dich umspannt,

hielt ich dich umschlungen,
hielt ich dich umglüht, –
und mit Flammenzungen
hab' ich dir gesungen
meiner Wonne Lied.


Sehnsucht


Volksweise.


In meiner Liebsten Garten
die lange schwarze Nacht
wollt ich wol gerne warten,
bis daß sie mir aufgemacht.

Viel weiße Liljen blühen um
tieftiefen Brunnens Schlund;
drin funkeln die goldnen Sterne,
drin glänzt der silberne Mond.

Und wie in den Brunnen schauen
die lieben Sterne hinein,
ist mir ins Herze gefallen
Deiner lieben Augen Schein.

Die Sterne an dem Himmel,
die stehen gar so fern;
in meiner Liebsten Garten,
da ständ ich gar so gern.




Gewittersegen


Psalm zwischen Wolken.


Kommst du genaht, Grollender?
tief von Unten?
Suchest du uns, Dunkelumwallter,
schwarzgekrönter Wetter riese,
mit der bleiernen Wolkenstirne?
Höher doch! näher! herauf zu mir,
Mir und meiner Sonne,
die ich erstürmt
mit meiner Kraft,
die mich erleuchtet, von Mir umglüht,
Sie meine Seele, ihr Leben Ich,
zusammengeschmolzen in Eine große
einige einzige Flammenwelt! –

Ja, du suchest uns:
du willst uns segnen,
weihen uns mit deinen Donnerworten!
sehnest dich nach unsrer Flamme,
Flammender!
sehnest dich, zu blicken
tief in unser leuchtend
allumfangend Glück,
Du auch ein Lichtgeborner,
allumkreisender
Erschüttrer Du!

Ja! ich kenne dich:
du bist mein Bruder!
Tief schaue ich dir
durch das nächtige Auge
in das heiße zuckende Herz:
Du bist gut!
du wirkest Heil
auf die lechzenden Fluren herab,
wenn du mit wuchtender Faust
krachend zerreißest
die schwer hangende Luftlast.

Tobe nur, wilder Friedensstreiter!
hebe die düstern Lider,
die schatten umbrüteten Wimpern!
grüße mich, du sprühend
ewigkeit erschließend Auge,
daß ich satt mich schauen kann
an dieser funkelnden Unendlichkeit –!
Oeffnet, ihr schmetternden Lippen, euch!
aus eurem rollenden Donnersang rauscht mir
das ewige Lied vom Ringen der Wesen,
vom Krieg des Lebens – der Atem der Welt!

Sonne, meine Sonne!
siehe: er hört uns!
Licht sein Blick,
über uns, um uns!
in uns Licht,
wir selber licht,
stehn wir umlodert,
stehn wir und zagen nicht:
zittern vor Wonne und Andacht!
Ob auch berstend der Baum zerspellt,
in Trümmer zerprasselt ein Menschenwerk
unter der brüllenden Lohe:
nicht vergehen sie,
neu erstehen sie,
neue Gebilde:
Eines stirbt, das Tausend nährt!
Stürzen die Starken, wachsen die Schwachen;
Tausend wachsen, Einer ragt!
Tod und Leben – stammelt die Lippe;
was darunter schweigt, ist ewig! –

Greller doch, Blitze!
grolle nur, Donner du!
triff, zermalme
die furchtsam Zitternden:
Uns segnest du,
Uns schonest du,
wir sind Eines dir –
in deiner Flammentaufe ahnten wir's!
Wir sind fromm und heilig,
sind gefeit
durch die Liebe,
durch die sonnenselige Liebe,
durch die Kraft der Einigen Glut!

Oh! und triffst du auch Uns,
suchst ein Bruderopfer du:
nimm uns! herrlich stürzen wir,
vermählt zerglühend in Deiner hehren,
in unsrer Eignen reinen Flamme! –

Nein! wir fürchten dich nicht,
rasend liebender Bruder:
Wir sind groß wie Du:
ich und meine Sonne,
meine Seele,
wir zwei Eines,
Eines der All Einen Welt,
wirselbst die Welt:
wir lieben Alle:
Alle müssen Uns lieben!



An meine Königin


Bin ich ein König? – Da ein Kind ich war,
da träumte ich von einem goldnen Throne,
von eines großen Volkes Jubelschaar,
von einem Purpurmantel, einer Krone.

Ich ward ein Jüngling, und der leere Glanz
verblich im Sonnenschein des Ewig Schönen:
da träumte ich von einem andern Kranz,
mit dem ein großes Volk mich sollte krönen.

Jetzt träum' ich nicht von Kronen, nicht von Kränzen,
von keinem Ziele, das der Stolz gebar;
ich forsche nicht, wo meines Reiches Grenzen;
ich weiß nur, Aufwärts muß ich immerdar!

nur immer fliegen, wie der Adler fliegen,
den es empor zum Quell des Lichtes reißt!
ich kann nicht wie die Lerche mich begnügen,
die flatternd ihre Ackerfurche preist!

Ich weiß kein Ziel! vollendet aus den Tiefen
Gestalten nah'n, zerreißen die Umhüllung!
nun streb' ich nur, des Strebens Macht zu prüfen:
das Leben – ging durch Dich mir in Erfüllung!

Du gabst ein Reich so groß, so schön mir eigen,
daß meine ganze Sprache mir zu wenig,
all meines Stolzes Seligkeit zu zeigen, –
und jauchzend rühme ich: Ich bin ein König!



Jetzt und immer


Seit wann du mein? ich weiß es nicht:
was weiß das Herz von Zeit und Raum!
Mir ist, als wär's seit Gestern erst,
daß du erfülltest meinen Traum, –

mir ist, als wär's seit Immer schon,
so ganz und gar sind wir vertraut:
so ewig lange du mein Weib,
so immer wieder meine Braut!



Abendgang


Die Flur will ruhn:
in Halmen, Zweigen
ein leises Neigen.
Aus Wiesen nun
die Nebel steigen:
Ob's wohl zu hören?
lauschen ich will ...
Still, Liebchen, still:
wir stören
dies sel'ge Schweigen!



Kahnfahrt


Sacht von Baum zu Baum die lauen
Wellen meinen Nachen schaukeln,
Traumesblüten gleich die blauen
Schilf libellen mich umgaukeln,
Schatten küssen die schlummernde Flut.

Durch die dunkeln Locken der Erlen,
welch ein funkelndes Verschwenden,
streut die Sonne aus goldenen Händen
silberne Perlen
in die smaragdene Schale der Flut.

An den grauen Säulen schweben
still nach Oben meine Träume,
wo die Bäume
sehnend ihre Arme heben
in des Himmels leuchtende Flut.

Leise aus dem lichten Scheine
weht ein Blatt zu meinen Füßen
nieder, – und des Friedens reine
weiße Taube seh' ich grüßen,
fernher grüßen
meiner Seele dunkle Flut.

Am Krankenbett


Ihr Auge klagte, was ihr Mund verschwieg:
ihr hilflos Leid, daß Andre mit ihr litten.
Wir seufzten trüb; aus unsern Blicken stieg
vermählt ein angstvoll Füreinanderbitten.

Und als wir so zutiefst uns angeschaut,
da war auf Einmal alles Leid verwunden,
der bange Seufzer schwoll zum Liebeslaut, –
wir hatten uns vergessen: uns empfunden ...



Nach der Krankheit


Nun blüht auf deinem Antlitz wieder Leben!
Im Zittern deiner Lippen steht's geschrieben,
ich les' es tief aus deiner Augen Grunde,
ich lausch' es mir von deinem warmen Munde,
wie's in dir jubelt: Ihm geblieben!

Nun quillt auch mir im Herzen wieder Leben!
Als räng' ich mit dem Tod um all mein Lieben,
hab' ich dein irres Auge angefleht,
mein ganz Gefühl ein einziges Gebet, –
ein einz'ger Dank jetzt: mir geblieben!

Nun jubelt Alles, Alles wieder Leben!
Hinaus zum Frühling hat es mich getrieben,
als müßte jede Knospe davon springen,
als müßt's im Liedchen jedes Vogels klingen,
daß Alles, Alles uns geblieben!



Allgegenwart


Bin ich auch fern dir,
bin ich doch bei dir;
denn Du bist in mir
und Ich in Dir.

In jedem Herzschlag,
der mich durchwebt,
bist Du's, die bebet,
bist du's, die lebt.

Aus jedem Atemzug
ringsum der Allnatur
weht mir entgegen
Dein Odem nur, –

die wir belauscht, beahnt,
die wir erfühlten:
Alles in Allem mahnt,
Seele, an Dich.

In Allem fühl' ich dich:
dich in dem Sausen,
dich in dem Brausen
des Winds im Wald, –

fühl' in dem Wisperlaut
alles des Lebens Dich,
in dem Geflüster traut
der Wesen Dich, –

dich in der Wiesenluft,
dich in dem Wasserduft,
die mich umhüllen
wie Du so still, –

Dich in dem Sonnenstrahl,
der mir ins Auge bricht,
Dich, meine Sonne,
mein Lebenslicht, –

Dich in der Thräne jetzt,
die mir vom Herzen schleicht,
sehnend zitternd
zum Auge steigt.



Deine Nähe


Zitternd bin ich aufgesprungen,
glühend, mit dem Tageslichte,
dir zu singen die Gedichte,
die im Traum ich dir gesungen:

nie ertönte Zauberklänge,
wunderzarte, weiche, milde, –
nie erbrauste, heiße, wilde,
heilig rauschende Gesänge;

mußten alle alle preisen
Deinen, immer Deinen Namen,
bis der Erde Völker kamen,
fromm zu lauschen meinen Weisen;

kamen aus den fernsten Landen,
sprachen wohl in allen Lauten,
aber wie sie Dich nur schauten,
haben Alle mich verstanden.

Eines nur der tausend Lieder,
Eines nur noch Einmal singen!
ewig würd' es weiterklingen!
Ach, ich finde keines wieder:

tief im Herzen welch ein Bangen,
welch ein zagendes Beginnen,
welch ein bebendes Besinnen,
seit du von mir bist gegangen!



Entweihung


Wag' es selber kaum verstohlen
deinen Namen mir zu stammeln;
ist mir immer doch, als müßt' ich
still mich erst zur Andacht sammeln.

Und ich muß es schweigend leiden,
darf nicht heil'gen Zorns entbrennen
wenn die Andern ohne Scheu mir
diese keuschen Laute nennen, –

mit denselben Lippen nennen,
die des Neides Siegel tragen,
die mit Kuß und Lächeln feilschen,
die zur Lüge Weisheit sagen!

Fort! ich will aufs Pferd mich werfen,
in die freie Flur es lenken,
will zu meiner Mutter flüchten:
ganz in Reinheit Dein zu denken.



Frieden der Nacht


Nun ist der letzte Funken hingeschwommen,
der um die schwarzen Wipfel noch gespielt, –
im Strome auch der letzte Schein verglommen,
den zitternd noch die Welle hielt.

Tief im Gefild die blauen Nebel schleichen,
vermählen Erd' und Himmel sich im Duft; –
und wiegend tauscht die Pappel ihre weichen
schwermüt'gen Küsse mit der Luft.

Ich fühle lauschend meine Pulse stocken,
als strömt' ich in die Finsternis hinein;
der Nachtwind taucht mir in die feuchten Locken,
und meine Seele schlummert ein.



Waldnacht


Ganz still ist's, – nur ein Rauschen
schwillt durch die Bäume sacht,
als ob sie flüsternd lauschen
dem Schlummerhauch der Nacht.

Und in dem großen Schweigen –
da bin ich ganz allein,
da bin ich ganz mein eigen:
ganz nur Dein.



Käferlied


Maikäfer, surr,
bleib du sitzen nur!
Breite deine Fühler aus,
mach zwei kleine Fächer draus,
schwing sie hin und her,
zähle mi wat vör!
Zähle: ich will mit dir zählen,
wieviel noch Minuten fehlen,
bis die Liebste mein
wieder wird zuhause sein!
Maikäber, Maiker:
sonst holt dich der Deiker!



Jünglings Sehnsucht


Möchte von dannen
dies Sehnen bannen!
Weiß nicht, was thun ich will!
weiß nicht, ob ruhn ich will!
Jetzt Alles tragen
und stolz verzagen,
jetzt Alles wagen
und zu ihr jagen!
Ein unstät Rasten
all mein Thun,
ein zaudernd Hasten
mein Wille nun!
Möchte von dannen
dies Sehnen bannen:
ach, aber bin
so glücklich drin! –



Mädchens Sehnsucht


Möcht' ein Lied dem Liebsten singen,
daß er tief ins Herz mir sieht;
doch es will mir nicht gelingen,
und mein Sinn ins Weite flieht.
Ob es mir an Tönen fehle?
ob zu Ihm mein Sinn gleich flieht?
Aber meine ganze Seele
ist ein einzig Sehnsuchtslied.



Natur und Sehnsucht


1.


Schlaflos lieg' ich, wie im Fieber
starr' ich in die Schatten hin,
ob mir eben nicht ihr lieber
Augenstrahl erglänzte drin,

ob nicht solche Grüße brächten
auch zwei Seelen sich von fern,
wie in heitren Sommernächten
fällt vom Himmel Stern zu Stern.


2.


Wie der Mond im Wechsel wandelt
ruhlos je und je,
bis das blasse Antlitz wieder
ihm verklärt die See:

muß ich einsam immer schweifen,
schweifen ohne Ruh' –
ach, wann strahlet Frieden wieder
mir dein Auge zu?!


3.


Aus des Abends weißen Wogen
taucht ein Stern;
still von fern
kommt der blasse Mond gezogen.

Fern, ach fern
aus des Morgens grauen Wogen
langt der stille blasse Bogen
nach dem Stern!


4.


An dem Fluß die alte Stelle
hab' ich suchen müssen,
wo die Weiden niederhängen,
um die Flut zu küssen.

Doch es rinnt die kühle Welle
ungerührt von hinnen:
und ich muß bei ihren Klängen,
Liebste, Deiner sinnen!


5.


Stumm und schwer die Blätter hangen,
regungslos die Bäume stehen,
und ich fühl' ein seltsam Bangen
durch die heißen Lüfte wehen,

bis ins heiße Herz mir zittern,
ob ich flüchte, ob ich weile ...
Oh, ich lechze nach Gewittern!
komm, Geliebte! eile! eile!



Ballnacht


Schwirrende Klänge,
rauschend Gewirre!
Ich im Gedränge
einsam irre;
weiß es und weiß es, du bist nicht hier,
und muß doch spähen, suchen nach dir!

Aller der Blicke
gaukelndes Plaudern,
der Händedrücke
flüchtiges Zaudern, –
Alles ein großer wogender Traum:
leer mir, leer mir der schwüle Raum!

Köpfe sich neigen,
Füße schweben,
Körper sich beugen:
sinnlos Leben!
Flutendes, flitterndes, zitterndes Licht
trübe ins trübe Auge mir bricht.

Wie dort die Sterne
durchs Fenster glimmen!
Fort in die Ferne
möchte ich schwimmen
auf ihren Strahlen zu Dir, zu Dir,
die du erglühend träumest von mir.



Tiefste Sehnsucht


Wollte gerne gleich vergehen,
wenn du jetzt ans Herz mich nähmest, –
mit dir, ohne dich vergehen,
wenn du nur ganz stille kämest,

nur die glühende Stirn mir küßtest,
nur mein brennend Auge kühltest:
daß du all mein Sehnen wüßtest,
all mein heiß Verlangen fühltest!



Geständnis


Daß deiner ich so ganz vergessen
in einem wilden Augenblick,
in wüster Laune mich vermessen
zu lösen Dein und mein Geschick:
kannst du's verzeihn?

Mein Sinn so trüb! die Nacht so dunkel!
heiß schoß ins Auge mir das Blut!
im Strome unten welch Gefunkel!
ein weher Schrei, ein Sprung zur Flut!
Kannst du's verzeihn?

Kannst du dem Freunde mit mir danken,
daß Du noch mein, daß Ich noch Dein?
Du Reinste, kannst du ohne Wanken
dem Frevler noch dein Leben weihn? –
Kannst Du verzeihn?!



Rückkehr


Ich seh' in deine Augen wieder,
so friedevoll, so still und tief;
da schweigen all die falschen Lieder,
die schrill in mir der Zweifel rief.

Du darfst den trüben Wahnsinn wissen,
der gräßlich lacht in mir und schreit,
daß ich vom Mutterleib gerissen
zu graunvoll freudelosem Streit,

daß mich Natur mit allen Trieben
im Schooß der Wonne schon verdammt,
daß Die verflucht sind, die mich lieben,
daß meine Brunst nur Unheil flammt!

Du, Du, die Eine, hast ergründet
mein innerst Sündenangesicht,
hast mich entsühnt, zur Glut entzündet
in mir der Reinheit schwaches Licht.

Vor Deiner Seele heil'gem Zwange
weicht meiner Sinne dumpfe Nacht:
Natur von ihrem rohen Drange
erlöst der Liebe höhere Macht.

In Thränen stirbt mein bittres Bangen,
ob ich berufen sei zum Glück;
besänftigt ist mein trüb Verlangen,
der Menschheit gabst du mich zurück!



Sühne


Erwachen endlich denn die Töne wieder,
die mir so dumpf und schwer im Herzen schliefen?
Oh steigt empor aus euren dunklen Tiefen,
schwingt rauschend auf zum Licht euch, meine Lieder!

Nehmt mit die Thränen alle im Gefieder,
die Thränen der Geliebten, die euch riefen!
aus euren sel'gen Höhen laßt sie triefen
wie Tau des Himmels dann auf mich hernieder!

daß sie mir fluten durch die stillsten Gründe
der kranken Seele und gesund sie baden,
bis ich, erlöst von aller meiner Sünde,
mich vor mir selbst kann zu Gerichte laden

und jubelnd vor mir selbst entsühnt mich künde:
weil jede Thräne eine Welt voll Gnaden!



Einst!


O weine nicht! die Wunden heilen bald,
die uns ins Herz der Sehnsucht Dornen rissen.
Du wirst noch jubeln, wenn mit Allgewalt
das Licht hervorbricht aus den Finsternissen!

Denn siehe: um dein Haupt ein Kranz erblüht,
wie schöner niemals ihn ein Weib getragen,
drin jeder Schmerz als Purpurblume glüht,
den dir um Mich die Liebe hat geschlagen!

Schon tauch' ich meine Hand ins Morgenrot,
das einst auch Deine Stirne wird verklären,
wenn eine ferne Sage unsre Not
und wenn als Sterne glänzen Deine Zähren!



Gebet an die Geliebte


Hoffe, hoffe! daß auch Ich kann hoffen!
Schleicht der Winter schon in unser Leben,
das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen?
sahen darum wir den Himmel offen,
daß wir nun zu Grabe sollen streben?!

Glaube, glaube! nimm mir nicht den Segen,
daß ich Einen durch mich glücklich wisse!
Oh, es geht sich schwer auf meinen Wegen:
Schnee und Eis starrt von den Höh'n entgegen,
und im Abgrund gähnen Finsternisse!

Nein! von Liebe will ich Nichts dir sagen!
mußt es selber fühlen, ob die Gluten
dir empor zu heil'gen Flammen schlagen,
in der Lohe uns gen Himmel tragen,
Schnee und Eis zerschmilzt in Lavafluten!



Du zürnest nicht


O zürne nicht, wenn mein Begehren
aus seinen Tiefen lodernd bricht!
soll es sich selber nicht verzehren,
muß zuckend es hinaus ans Licht.

Fühlst ja, wie heiß mein Leben glutet
und wenn empor die Flamme bricht,
dich meine Liebe jäh umflutet,
dann bebst du, – – doch du zürnest nicht.



Sieg


Nun haben wir den schwersten Kampf gerungen
im heil'gen Krieg um unsres Wesens Einheit,
als heiß wir rangen mit der eignen Kleinheit,
bis Eines wir im Andern uns bezwungen,

bis endlich von den Herzen uns gesprungen
das letzte Band selbstsüchtiger Alleinheit,
bis Meine Inbrunst ganz von Deiner Reinheit,
Dein zager Trotz von Meiner Kraft verschlungen.

Und ob wir nur mit Mühe uns gefunden,
und ob sich blutig unsre Herzen stießen
im harten Streite dieser wehen Stunden:
so gläub'ger dürfen wir des Siegs genießen, –

denn in der Tiefe sahn wir durch die Wunden
die vollen Pulse unsrer Liebe fließen!



Erkenntnis


Aller Wunder wundersamstes
hast es dir gestanden jetzt,
und ein Strom von heil'gen Thränen
hat das Antlitz dir genetzt.

»Nur für dich!« ein schluchzend Stammeln.
quoll es dir vom Herzen los;
unsre Liebe, unser Leben
floß in Eines, weltengroß.

Und an meine Brust geworfen,
dir entrissen ganz und gar,
wußtest du in Qual und Wonne
Dir und Mir dich offenbar.

Was in deines Auges Tiefen
matt geglüht, dir ungewußt,
heiß und lauter quoll es über:
alle Sehnsucht, alle Lust.

Und es tranken meine Lippen
deine große Seligkeit,
und es hat in jener Stunde
uns ein stummer Schwur geweiht.

Lied des Mädchens


Bin ich von Sinnen,
bin ich bethört?
Alles tiefinnen
ist mir verstört!
Kann mich nicht fassen, kann nicht zurück zu mir,
mein ganzes Leben lebt nur in dir!

Bin deine Treue,
mein Treuer du!
brachtest mir neue.
süßere Ruh'!
Die scheue Ruhe, der stille spröde Sinn –
ich fühl's und schaure – sind ganz dahin.

Schwach bin ich nimmer,
bin's doch für dich!
fordre du immer:
ich gebe mich!
Kann nichts mehr wollen, als nur dein eigen sein:
nimm mich, o nimm mich! ich bin ja dein!

Bin ja so fröhlich.
daß du mich liebst!
macht doch so selig,
was du mir giebst!
Will nicht mehr mein sein: in Demut stolz dein Weib!
will ganz nur dein sein mit Seel' und Leib!



Nachtgebet der Braut


O mein Geliebter, in die Kissen
ausweinen will ich meine Lust!
darf sagen nicht, nur wissen, wissen,
was also wogt in dunkler Brust!

Doch bin ich wachend dir enthalten,
so will ich mich im Traum dir nahn,
mich wie die Rose dir entfalten
und deine Sonnenglut empfahn

und deine Flammenküsse trinken,
dir Flammen küssend wiedersprühn:
bis lodernd wir zusammensinken,
in langen Schauern stumm verglühn.

Oh stiller Sehnsucht bange Wonne –
o stiller Sehnsucht sel'ge Qual –
oh Traum du, meiner Nächte Sonne –
o mein Geliebter – – mein Gemahl!



Liebe und Leidenschaft


Auch die Leidenschaft erwacht zu ganzer Gewalt erst mit der ganzen Liebe. Ganze Liebe ist auch ganze Sinnlichkeit; aber sie ist geweiht durch die Versenkung der Seelen ineinander, durch den Verzicht auf selbstischen Genuß. Dieser Drang, im Andern aufzugehen, ist dem Weibe eigentümlich; der Mann erwirbt ihn vom Weibe, durch das Weib. Und so liegt ein gewaltiges Stück Entsagung in der höchsten Liebe desMannes zum Weibe. Das Weib ist selbstlos in seiner Liebe; aber der Mann ist selbstloser, denn er muß es erst werden. Dem Weibe birgt in jedem Augenblick die Liebe alle Erfüllung in sich; der Mann entäußert sich seiner, ehe sie sich erfüllt, eh' seine Leidenschaft zu Liebe wird. Darum aber auch erlöst den Mann die Liebe zur Vollentfaltung seiner Kräfte; das Weib bleibt in der Liebe ruhen.


Eine Weihnachtsstunde


Laß, Liebster, die Lampe noch stehen
und rücke mit mir zum Kamin,
und laß in die Flammen uns sehen
und lauschen dem Zauber darin!

Und lege dein Haupt ans Herz mir
und blicke nicht traurig drein,
daß wir am Heiligen Abend
im Dunkeln sitzen! allein!

Horch, wie im Ofen wispert
die Glut ihr heimlich Lied!
schau, wie ein Lichterreigen
über die Diele zieht!

Draus schwillt's wie ein Singen und Weben
von Märchenherrlichkeit,
drin spielt's wie ein Schwingen und Schweben
von Träumen der Kinderzeit:

als wir noch fromm gebetet
zum lieben Jesuchrist,
der für uns arme Sünder
vom Himmel kommen ist, –

als wir noch nicht verstanden,
warum auf Golgatha
ein brechend Menschenauge
einst mild zur Erde sah.

Und denke der großen Liebe,
die treu bis in den Tod
gerungen und gelitten
für all der Brüder Not!

Und denke des großen Glaubens,
den Er zur Menschheit trug
noch in der letzten Stunde,
da man ans Kreuz ihn schlug!

Und blicke nicht trüb, mein Liebster,
daß Du noch ringst allein!
und hoffe wie Er, daß Einstens
die Goldne Zeit wird sein! – –

Nun sehe dein Auge ich leuchten
und strahlen Eigne Glut,
nun richtet das Haupt dir wieder
empor der alte Mut.

Du bist mein Stolzer, mein Starker!
du führst es Alles aus!
Oh gründe und baue nur weiter
an deinem stolzen Haus! –

Und übers Jahr ist's anders –
neig' her dein Ohr geschwind:
da schmücken wir ein Bäumchen
für ein lieb Menschenkind.



Mein Auge


Du bist mein Auge! – Du durchdringst mich ganz,
mein ganzes Wesen hast du mir erhellt,
mein ganzes Leben du erfüllt mit Glanz,
mich Strauchelnden auf sichern Pfad gestellt!

Mein Auge du! – Wie war ich doch so blind
an Herz und Sinn, eh' Du dich mir gesellt,
und wie durchströmt mich jetzt so licht, so lind
verklärt der Abglanz dieser ganzen Welt!



Vision


Mein weißer Schwan, du ziehest vor mir leise
durch meiner Dichtung dämmerblaue Fluten, –
zur Ferne ziehst du, wo die Wellenkreise
sich zitternd mischen sonnengoldnen Gluten.

Wir lassen tragen uns und weiter tragen,
vom stillen Scheine so dahingezogen:
bis wir die sel'gen Inseln sehen ragen,
vom Ew'gen Licht umleuchtet, aus den Wogen.

Dann nehme auf ich dich in meinen Nachen,
dann berg' ich uns am heimatlichen Strande;
und all die Wasser werden murmelnd lachen
und rauschend jauchzen um die hellen Lande.

Und durch die Wellen wird ein Klingen gehen,
den Pfad zum Licht zu weisen auch den Brüdern,
und durch die Lüfte wird ein Singen wehen
von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern.



Symbol


Der Menschheit Seele nahm Gestalt im Weibe,
im Traum vom Weibe deuten sich die Zeiten:
des Griechen Schönheitsinbrunst hielt die Weiten
umfaßt in Aphroditens Götterleibe, –

des Christen Sehnsucht nach der Reinheit Wesen,
des Weibes reinste Liebe zu verklären,
wallt zu Marias heiligen Altären,
die keusch des Sohns des keuscheren genesen.

Wann kommt die Zeit, da aus der Menschheit Gründen
ein neues Urbild tröstend wird erscheinen,
der Reinheit endlich wird die Schönheit einen
und Allen, Allen die Erlösung künden,

die Ich, Geliebte, einst in Dir gewonnen:
du reinste Venus – schönste der Madonnen!



Lobgesang


Wie das Meer
ist die Liebe –
unaufhörlich,
unergründlich,
unermeßlich:
Woge um Woge
drängend getrieben,
Woge in Woge
wühlend verschlungen,
sturm-und-wettergeworfen nun,
sonnelachend nun,
bebend nun dem Mond
die rastlos wechselnde Fläche,
doch in der Tiefe
leises Fluten ewiger Ruhe,
unerschüttert,
undurchdringlich dem suchenden Blick,
matt verdämmernd in nächtiges Dunkel, –
und in der Weite
sanftes Wallen ewiger Ruhe,
unbewegt,
unerfaßlich dem suchenden Blick,
still verschwimmend in Himmelslüfte, –
Ahnung der Unendlichkeit – –
ist das Meer,
ist die Liebe.



Trauschwur


Nun wollen wir zur Andacht uns bereiten,
nun leg' in meine Deine Hand und höre
den Schwur der Treue, den ich heute schwöre,
Dir schwöre – vor dem Geist der Ewigkeiten!

Und was die Völker Heiligstes gesprochen,
zu meiner Sprache wird's in dieser Stunde
und wird ein neu Gesetz in meinem Munde
und jede alte Deutung sei zerbrochen!

Und also frevl' ich an der heil'gen Sage,
daß heil'ger noch ich meinen Ernst dir künde;
denn Ich bin größer jetzt als meine Sünde,
denn Schöpfer bin ich, während ich zerschlage!

Ich bin der Herr Dein Gott! – Du sollst mich ehren:
auf Meine Kraft dein ganzes Leben bauen,
in Glück und Not voll Demut Mir vertrauen,
nach Keiner Hilfe außer mir begehren!

Du sollst mir glauben! sollst vor den Gewalten,
die in mir kreisen, dich anbetend beugen,
von meiner Sanftmut selig allen zeugen,
vor meinem Zorne fromm die Hände falten!

Und sollst mir dienen, deinem Schicksalswalter:
mit deiner Klarheit meinen Geist erfüllen,
mit deiner Reinheit schmückend mich umhüllen,
der Ich dein Herr, dein Gott und dein Erhalter!

Denn Du bist meine Welt! – Dich will ich hüten,
will mit dir sein, will Eins sein deinen Bahnen, –
belauschen, stillen dein geheimstes Ahnen,
umkränzen dich mit meinen reichsten Blüten.

Und will dich heiligen! was Lautres, Reines
mit dunkler Macht ich immer fühle reifen,
Das will in Dir ich fassen und begreifen!
und all mein Wirken sei versenkt in Deines!

Und will michselber heiligen: meine Fehle
an Unserm Bund entsühnen und versöhnen,
mich mit dir, in dir immerfort verschönen:
Du Meine Welt, du Deines Gottes Seele!



Es werde!


O meine bleiche Braut! du blasse Wolke
im Arm des Sturms! du zuckend Haupt,
an meine Brust geneigt aus deinen Schleiern!
erbleichst, erbebst du mir –?
O nun erglühst du, heimlich glimmend Auge,
du tau gefüllter Kelch der schwanken Lilie,
und heißer küss' ich dich – wir sind allein!
Allein –! in rosige Dämmrung taucht
die Ampel sacht das schattige Gemach
und Dich, du weiße Taube, – flüchte nicht:
dem keuschen Himmel selbst verwehr' ich nun
dich anzulauschen! sieh: der Vorhang rollt,
und jeden Spalt verhüll' ich faltenschwer,
daß nicht die Nacht die schwärzlich blauende
erröte, muß sie deine Schönheit schaun,
daß nicht der Sterne reines Silberlicht
sich neidisch trübe, sehn sie Deine Reinheit! –
Thu ab die Myrtenkrone, den Gürtel nun:
du bist allein! die jungen Rosen nur
um dein verschwiegen Pfühl, die schlummernden,
duftselige Träume spinnen
von purpurner Entfaltung scheuer Knospen,
die Rosen nur – – und ich!
Und wie in Träumen taumelnd, düfteleicht,
versunknen Blicks auf weichen Lüften schweb' ich
und winke, winke dir:
es stürzen und schwinden
tiefer und tiefer die irdischen Dunstgewande,
auf seidnen Wogen treibst du her zu mir,
und Schooß an Schooß gespült von strömenden Schauern
von goldnen Dunkelheiten sanft umschäumt,
wiegen wir uns auf tastenden Schwingen
bang umwunden hinüber
in die Gärten der Ewigkeit: –
Keime der Sehnsucht sprießen da,
blühende Ranken holder Erfüllung flechten
da zusammen die einsam pulsenden Seelen,
Puls in Puls zu Flammengarben fluten
glutvermählt die lohenden Wünsche,
und im weherlösten, schwellenden Busen schmilzt
die starre Furcht vor Tod und Unendlichkeit: –
grauenlos im Grauen hangen
ganz erloschnen Dranges alle Sinne,
still verblutet in seligen Thränen der Wille,
dürstend umsaust ihn der Odem der Allmacht,
und den welt umfangenden Fittig senkt die Inbrunst,
auszuruhn vom Fluge am Herzen Gottes,
und in matter Hand
beut sie die funkelnden Tropfen
Seinem befruchtenden Hauche dar: ich fühle –
fühlst du? Geliebte – rinnen die Quellen des Lebens –
Mund an Mund Ihm – trinke – trink' ich –
trunken
stamml' ich nach das Schöpferwort.



Glück


Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind? –
Wirf nicht den Zweifel in dein Glück hinein!
des Menschen Glück ist seines Wesens Kind:
wer glücklich ist, verdient es auch zu sein!



Kranzgedicht zur silbernen Hochzeit der Eltern


Fast scheu' ich mich, Euch diesen Kranz zu reichen,
der deutungsvoll sich um zwei Leben schlingt
so liebeheilig mir, daß tief im weichen
Gefühle ringend mir das Wort versinkt ...
Doch schön're Sprache, als sie je ertönte,
von jedem dieser lichten Blättchen blinkt;
von jedem Glück, das euern Weg verschönte,
von jeder Sorge spricht sie, jedem Leid,
mit denen Kraft und Liebe Euch versöhnte.
Erinnrung heißt die Sprache, und sie reiht
so seltsam ineinander Traum und Leben,
daß Augenblick und längst versunkne Zeit
zu reichsten Wirklichkeiten sich verweben.
Und so, aus dieses Kranzes Schimmerschein,
Gestalten seh' ich, Bilder sacht sich heben:
die Zweiglein schlank, die Blättchen zierlich fein
empor zu Stamm und Laubwerk vor mir schießen
in Eures Lebens Garten tret' ich ein, –
oh leuchtend Bild! ich muß die Augen schließen ...
Ich seh' euch wandeln. Frühlingsrein die Luft
der Hoffnung bunte Blumen um euch sprießen,
aus allen Kelchen quillt Ein Glanz, Ein Duft,
und vor euch liegt ein Pfad, den zu beschreiten
das Vöglein Glück euch lieblich lockend ruft ...
Schon wallt ihr ihn; und an des Weges Seiten
in langer Reihe seh' ich Paar an Paar
fruchtschwere Bäume ihre Zweige breiten,
als wollte Tag für Tag und Jahr um Jahr
der Sommer eures Wirkens mir sich künden.
Und dichter seh' ich, wie vor Sturmgefahr,
die starken Aeste ihren Wuchs verbünden
zu einem schirmend festen Wetterdach,
um vor des Menschenlebens Weh und Sünden,
vor des Geschicks geschäftigem Ungemach
die jungen Pflanzen sorglich zu behüten,
die unter Lust und Wollust, Schmerz und Ach
aus Eurer Liebe keimten, sproßten, blühten ...
Und jetzt – in Nebel hüllt sich mir das Bild;
die langen Tage, die von Arbeit glühten,
verdämmern sanft; der Abend, köstlich mild,
zur Ruhe lädt, es schweigt der Sinne Drängen,
und jede heiße Sehnsucht scheint gestillt,
als ob in Eins Natur und Seele klängen.
Da schwebt zur Erde ein entfärbtes Blatt,
und halb schon sinkend auch die andern hängen:
der Herbst macht schüttelnd seine Lagerstatt.
Doch golden sehe ich den Herbst euch winken!
ob auch entlaubt die Aeste: freundlich matt
von ihnen her die reifen Früchte blinken, –
und so wird Mühe Segen, That Genuß ...
Und einst: des Winters Flocken seh' ich sinken,
im Eise stockt des Lebens hurtiger Fluß,
die letzte Abendröte ist geschieden,
doch heilig rühret nun des Mondes Kuß,
und eine leise Sehnsucht nach dem Frieden
der Nacht ward schönstes, einziges Gefühl, –
dann werden treue Hände ohn' Ermüden
voll Ehrfurcht betten euch das weichste Pfühl,
dann werdet ihr in treuen Augen finden
das heimatlich geborgenste Asyl,
dann werden zärtlich treue Lippen zünden
das wärmste Feuer euch am stillen Herd,
aus treuer Herzen dankerfüllten Gründen
wird all die Liebe, die ihr einst beschert,
in neuer Milde leuchtend, auferstehen:
so leuchtender, da Ihr sie einst gelehrt ...
Doch wohin irrt mein Blick! noch sind zu sehen
die Bäume ja im farbigsten Gewand!
in blauer Höh', auf lauem Winde wehen
die letzten Sommerfäden durch das Land, –
wie Glücksgedanken weilen sie im Fluge
bald hier, bald dort an einer Blüte Rand
und schlingen, langhinflatternd, sich im Zuge
um Halm und Gräschen fest, um Busch und Baum, –
und wie ich ihnen nach ins Weite luge,
da zeigt aufs Neue mir mein Führer Traum
ein schimmernd Wunder: vor mir seh' ich ragen,
umsponnen rings vom zarten Silberflaum,
von Einem starken Stamm emporgetragen,
zwei hohe Wipfel, deren voll Geäst
unlösbar ineinander ganz geschlagen.
Und wie ich staunend nähertrete, läßt
der Silberbaum auf mich herniederregnen
viel Zweiglein zierlich, Blättchen feingepreßt,
als wollt' er mich mit seiner Fülle segnen.
Ich schaue auf; da – ist das Bild entrückt, –
von Duft und Licht ein wogendes Begegnen, –
doch an mein Herz halt' ich den Kranz gedrückt!
Sein Glanz kann mit dem Traume nicht verbleichen,
denn Liebe hat und Hoffnung ihn gepflückt
von Eurem Lebensbaum, dem segensreichen.



Zu einer Hochzeit


Nun den Wunsch zur Pflicht ihr wandeln
wollt fürs Leben, stets aufs Neue:
lernet ja die Kunst behandeln,
daß den Wunsch die Pflicht auch freue!

Denn es ist die Pflicht des Strebens,
alle Wünsche zu versöhnen!
Doch es ist die Kunst des Lebens,
sich die Pflichten zu verschönen! – –



Die Begegnung


Ich sah dich schon ...
Im Sonnenschein
beim Aehrenfeld am Wiesenrain
stand wilder Mohn;
ich sah den Flimmerstrahlen nach,
da wurde eine Blüte wach,
und aus der spröden Knospe brach
das Feuerseelchen an den Tag ...

So sah ich Dich, du knospend Kind, erglühn,
da wir im Walde trafen uns allein
und im Vorübergehn mein Blick dich küßte, –
auf deinen Wangen scheue Blumen blühn,
so sanft und rein,
als ob ich um Vergebung flehen müßte!

War's ein Erglühn? war's nur der Widerschein
des roten Sommerkleides, das dich hüllte,
des Abends nur, der rot verglomm im Tann?
War's ein Erglühn? das erste war es dann,
das also dir die jungen Schläfen füllte:
so bangend schautest du mich an, –
so furchtsam fast zurück nach mir,
als du verschwandest sacht im dichten
Gewühl der silbergrauen Fichten ...

Doch meine Seele folgte dir:
dein blautief Auge blieb bei mir...

Ich sah dich schon,
du flüchtend Kind:
Durchs Kornfeld strich der heiße Wind,
es neigte bebend sich der Mohn, –
ich habe die roten Blätter verwehn,
zwischen den Halmen zerflattern sehn
und habe der Blüte nachgeträumt, –
und immer glaub' ich noch zu schauen,
von seiner zarten Glut umsäumt,
den Blumenkelch – den dunklen – blauen ...



Erwachen


Schwüle Stille füllet die Rotunde;
um die blanken Säulen
hängt die Mittagsglut.
Auf der Marmorstufe
matt das Mädchen ruht;
eine Rose führet sie zum Munde.

Müde schwimmen ihre Kinderaugen;
in den kühlen Kelchgrund
tief hineingetaucht,
lange Seufzer ihre
heiße Lippe haucht,
dürstender den linden Duft zu saugen.

Nach der Halle schaut sie, durch die gestern
Daidalos, der junge
Gastfreund, zog herein.
Und sie sinnt: »Warum wohl
gab er mir allein
heut die Blume? warum nicht den Schwestern?

Warum hat er so mich angesehen,
anders als die Schwestern,
da die Hand er gab? –
Bin ein kindisch Mädchen!
weiß nicht, was ich hab'!
Wie ich glühe! ich will baden gehen.«

Und sie hebt sich von der warmen Schwelle;
aus dem Blütenschoße
ein gelöstes Blatt
traumbefangen kosend,
wandelt sie zum Bad,
öffnet sie versunknen Blicks die Zelle.

Und sie steht gebannt, und steht und staunet:
vor ihr liegt der Gastfreund
schlafend hingedehnt.
Und verwirrt belauscht sie,
bang ans Thor gelehnt,
wie das Niegeschaute in ihr raunet.

Lauscht die starken nackten Jünglingsglieder,
lauscht sein schlummerselig
weiches Lächeln an,
will davon – und weiß nicht,
was sie hält im Bann!
stillverwundert starrt sie auf ihn nieder.

Da erschrickt sie: dunkle Wünsche wallen
ihr ums Herz, ein lohend
Rot ihr Antlitz säumt!
und auf Einmal weiß sie,
was in ihr geträumt,
und die Rose läßt sie zitternd fallen –

und entflieht – ein Sehnsuchtslaut verwehet ...
Da erwacht der Jüngling,
sieht die Ros' am Thor, –
und auf Einmal, jauchzend,
reißt er sie empor:
»Klytia war hier! Ihr Götter – sehet!«



Grusz


Und nähm' ich alle zarten Blüten
und schüttete sie über dich:
sie könnten alle nicht verschütten
die Zartheit, die Dich selbst umflicht.

Wie Aphroditen einst die Wellen –
so würden sie umbranden dich,
bis Deine Anmut überquellend
empor aus all dem Dufte bricht.



Stromüber


Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.

Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer floß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl; –
ich aber sah dir ins Gesicht

und fühlte deines Mundes Weh'n
und deiner Augen jungen Schein
und – eine Andre vor mir stehn
und stammelnd schluchzen: Ich bin dein ...

Das Licht erglänzte nah und mild,
im grauen Wasser still verschwand
der starren Weiden zitternd Bild;
und knirschend stieß der Kahn ans Land.



Klage der Gattin


Nach einem chinesischen Liede.


Verlaßne Nester hängen am Bache in den Weiden,
die Zittergräser beben im Winde auf der Haiden.
Oh Lieber, warum wandte
sich von mir deine Glut?
O Herz, mein Herz, wie wehe
dein Bangen thut!

Am Grabeshügel rauschen ein schaurig Lied die Rüstern,
am Ufersaum beklommen im Schilf die Lüfte flüstern.
Oh Lieber, ach! wer raunte
von mir dir Schlimmes zu?!
O Herz, mein Herz, nun findest
du nimmer Ruh'!



Schutzengel


Nicht vom Kirchhof will ich Epheu pflücken;
glänzt von Epheu doch das ganze Dörfchen!
davon will ich pflücken
für mein Kämmerchen, –
spricht der junge junge Jägersmann.

Guten Tag, du schönes schönes Mädchen!
gieb mir doch dein liebes liebes Händchen!
Weißt, ich suche Epheu
für mein Kämmerchen; –
darf ich wohl von Deinem Epheu pflücken?

Komm herein, du schöner schöner Jäger!
will dir vielen, vielen Epheu geben ...
Hinten um mein Fenster,
um mein Kämmerchen,
schmiegt sich dicht der dunkle dunkle Epheu.

Kommt das kleine Brüderchen gelaufen:
Schwesterchen, was will der große Jäger? –
Und ich küßt' es auf die reine Stirne
und ging still nachhause
in mein Kämmerchen:
ich der junge junge Jägersmann ...

Das Weib des Jägers


Nach einem indianischen Liede.


Auf dem Fluße Jukon
streift der Wind,
und mein Trauter jagt das Renntier
auf den Bergen Boojukon.
Chami, Chami, schlaf mein Kind!
schlaf, mein Kleiner, schlafe!

Der Herd ist kalt,
das Brennholz all verbrannt;
zerbrochen ist mein Beil,
mit meinem Trauten wandert
das andre durch den Wald.
Ach! und die Wärme der Sonne schläft
in der Höhle des Großen Bibers,
wo sie auf den Frühling wartet.
Chami, Chami, wach nicht auf!
schlaf, mein Kleiner, schlafe!

Suche keine Fische, Mutter!
lang' schon ist der Kasten leer;
selbst der Rabe kommt nicht mehr,
auf dem Fischgestell zu hocken.
In die Berge ging mein Trauter,
o wie lang' ist's her!
Wenn ich seine Pfade wüßte!
wenn ich bei ihm wär'! –
Chami, schlaf mein Kind! schlaf ruhig!
schlaf, mein Kleiner! schlaf, mein Kind!

Wo ist Der in diesem Augenblick,
den ich über Alles liebe?
Schläft er wohl erschöpft am Bergeshange?
Warum bleibt er doch so lange?
warum kehrt er nicht zurück?!
Wenn er bald nicht kommt,
werd' ich selber gehen,
in die Berge gehen,
werd' ich gehen meinen Trauten suchen!
Chami, Chami, schlafe!
schlafe sanft, mein Kind!

Ha, da kommt der Rabe! –
Wie er lacht so hohl,
wie er krächzt so höhnend!
warum lacht er wohl?
Und sein Schnabel glänzt
naß und rot von Blut,
und sein böses Auge
funkelt Haß und Wut!
Warum lachst du, Rabe? –
Chami, Chami, schlafe!

Mich freut noch, Frau, der frische Fraß,
das saftige Fleisch, das prächtige Stück,
das deinem Gatten ich weggehackt.
Friedlich schlief er tief im Gras;
da kam der Rab',
da nahm der Rab'.
Ja, ganz still im Grase schläft er! –
Schlaf, mein Chami! schlaf, mein Kleiner!
schlafe ruhig! schlafe sanft!

Ja, zwanzig Renntierzungen
auf seiner Schulter trug er:
bloß Er hat keine Zunge mehr im Munde,
den Namen seiner jungen Frau zu rufen!
Wölfe, Raben und Füchse
streiten um seine Beute, –
ja! ganz still im Grase schläft er,
stiller als das Kind, Frau,
das an deinem Busen schläft! –
Chami, Chami! ach, mein Kind!

Wölfe, Raben und Füchse
kämpfen um einen Fetzen
von dem Leichnam deines Gatten!
Ja – ganz still im Grase liegt er,
und so stark und zähe
waren seine Sehnen doch!
ja, viel stärker – ja, viel zäher
als des Kindes Sehnen, Frau,
das an deinem Busen liegt! –
Chami, Chami! schlafe, schlafe!
wach nicht auf! mein Kind, mein Kind!

Ach – –! Ha, dort! dort kommt er,
kommt mein Gatte, mein Trauter!
beuteschwerbeladen,
langsam steigt er den Berg herab! –
Eile, eile, Alte!
hole Holz zum Spalten!
sieh, mein Trauter lacht!
Sieh nur, wie der Rabe,
Dieser Lügner, fort sich macht! –
Chami, Chami, aufgewacht!
Chami, kleiner Schläfer!
wache auf, mein Kind!
rufe deinen Vater!

Sieh: er bringt uns Renntierfelle,
bringt geschmolznes süßes Markfett,
bringt uns frisches Wildbret mit!
Und für Dich, mein Kleiner,
hat er gar geschnitzt ein Spielzeug
aus den glatten Renntierknochen,
als er müd und abgehetzt
und das Wild belauernd
lag am Bergeshange.
Wache du auf doch jetzt!
sieh nur, wie der Rabe bange
sich vor seinem Pfeil verbirgt!
Wache doch auf, du Schläfer!
lache und springe mit mir!
Chami, jauchze mein Kleiner!
Chami, dein Vater ist hier!



Wiegenlied


Nach Schuberts Melodie, Op. 98 Nr. 2.


Träume, träume, du mein süßes Leben,
von dem Garten, der im Himmel blüht, –
Engel wohnen da und weben
um dein Seelchen deiner Mutter Lied:

Träume, träume, Blüte meiner Liebe,
von der stillen, von der heiligen Nacht,
da die Blume seiner Liebe
diese Welt zum Himmel mir gemacht!

Träume, träume, Knospe meiner Wonne,
von dem Lichte, das die Blume trinkt, –
von der goldnen Himmelssonne,
die der Blüte Deiner Seele winkt!



Liebe und Ehre


Eine Sphärenphantasie.


Eine Schar von Geistern, den Genius der Kraft geleitend.


Jauchzet, frohlocket dem Herrn der Gewalten,
Geister der Lust, der Liebe zum Leben,
die wir aus Sonnen Gluten entfalten,
die in den Tiefen wirkend wir schweben!
Sehet von Erden zu Monden ihn schreiten,
Samen ihn streun mit allmächtiger Hand:
um seine Schultern kreisen die Weiten,
kränzend ums Haupt ihm Gestirne sich breiten,
gärende Nebel sein wallend Gewand!


Gesang der Menschen aus der Tiefe.


Doch was frommt dem Sterblichen
ewiger Liebe maßlos Recht?
Aus seines Schicksals engem Becher
wirft sie dem Schwachen bald Wonne, bald Schmerz!


Eine andre Geisterschar, den Genius der Ordnung geleitend.


Hört sie, die zur Freude wir erschufen!
durch das Weltall dröhnet dumpf ihr Rufen:
Qual nur zeugt der Liebe wilder Gott.
Doch er lebt, der rohen Triebe Meister!
ihm lobsingen alle reinen Geister,
ihm erschallt kein Klagelied zum Spott!
Von dem Joch der Lüste zu erlösen,
band in Pflichten er den Drang der Wesen.
Die nach Reinheit schmachten,
Er erhört ihr Trachten:
der Gewohnheit sanfte Kraft
läutert nun die trübe Leidenschaft!


Die Menschen.


Doch wer stillt die Sehnsucht,
wer erbarmt des Erdensohns sich dann,
der – ein Sklave der Freiheit selbst –
ew'ger Gesetze eherne Ketten schleppt!


Genius der Kraft.


Aus dem Strudel der Liebe quellen
alles des Lebens schäumende Wellen,
hebt sich der Wesen drängendes Heer.
Folget nur willig den reißenden Wogen:
fühlet euch taumelnd von dannen gezogen,
fort in der Wonne uferlos Meer.
Das ist ein Wallen, das ist ein Streben,
das ist ein rastlos Fallen und Heben
hin durch Höhen und Tiefen des Glücks!
doch wer zaudernd wehret den Mächten,
die des Daseins Fäden ihm flechten,
spürt die Leere des Augenblicks.
Immer in Zweifeln versinkt der Gedanke
oder nur höher wälzt er die Schranke,
türmt er den Kerker des Geistes empor;
aber im Zaubermantel der Liebe
rafft dich der Sturmwind Ewiger Triebe
auf vom Staub zu der Seligen Chor!
Soll dein Sehnen nicht eitel verrauchen,
mußt in den Wirbel der Lust du tauchen,
an dich reißen, was dir gefällt:
nur durch die Pforte, durch die dich ins Leben
schufen die Brünste, kannst du entschweben
brünstig zurück in den Schoß der Welt!


Die Menschen.


Bebend lauscht der gefangene Blinde:
Soll er folgen den lockenden Klängen?


Die Genien der Lüste.


Folget, o folget! so fällt die Binde,
fallen die Banden, die euch bedrängen:
steigt aus dem drückenden Dunkel der Pflicht
auf zu der Freiheit entzückendem Licht.


Die Menschen stimmen ein.


Auf aus dem drückenden Dunkel der Pflicht,
auf zu der Freiheit entzückendem Licht!


Die Genien der Pflichten.


Wehe, weh den armen Thoren,
wenn verrauscht ihr Traum vom Glück!
immer sinkt zum Staub zurück,
was vom Staube ist geboren.


Genius der Ordnung.


Nach dem Urquell seines Lichtes wendet,
stets verlangend, sich dein Blick empor;
doch ins Dunkel flieht er, stets geblendet, –
trüber noch ums Auge wogt der Flor!
Zwar versinkst du in der Strahlenfülle
taumelnd eine selig kurze Frist;
doch erwachend spürst du, daß die Hülle
deines Auges Heil und Zuflucht ist.
Willst du nicht dem leeren Drang entsagen,
der nur buhlt um eine flücht'ge Lust?
wer nur immer will nach Wonnen jagen,
wird nur bittrer seines Wehs bewußt!
Der Genuß geht im Genuß verloren,
eilender berührt er als ein Hauch;
nur vom Augenblick wird er geboren,
mit dem Augenblicke stirbt er auch.
Doch ob allem Wechsel still erhaben
thront die Freude der Zufriedenheit:
öffne deine Hände ihren Gaben,
leg' in ihren Schoß dein eitles Leid!
Lerne auf das frevle Glück verzichten,
das sich nähren muß von Andrer Schmerz!
zeuge dir aus deiner Sehnsucht Pflichten:
wirb ein treues, gieb ein treues Herz!
Ohnmacht rächt den Taumel der Sekunden;
aber ewige den Bund der Kraft,
und verseelt wird euer Drang gesunden,
läutern sich vom Leid der Leidenschaft!
Ruhelust erlöst dich von den Schmerzen,
drin die Wollust dich gefangen hält: –
wer so ruht in einem Menschenherzen,
ruht im Herzen dieser ganzen Welt!


Die Menschen.


Friedlich winkt aus Nacht und Grauen
dem einsam irrenden Pilger ein Licht:
Trügt es? führt es zum rettenden Herd?


Die Genien der Pflichten.


Sagt es euch die treue Stimme nicht,
die wie tiefste Wahrheit in euch spricht,
die dem Zweifel siegreich immer wehrt:
wollt ihr eurem Glauben nicht vertrauen?
Nur der gläub'ge Pilger wird die Auen,
wo der Friede wohnet, schauen!


Die Menschen stimmen ein.


Ja, dem Glauben laßt uns trauen!
gläub'ge Pilger werden wir die Auen,
wo der Friede wohnet, schauen!


Die Genien der Lüste.


Jammer und Fluch! in Trägheit verstricken
wollen sie listig das blinde Geschlecht,
wollen den Sterblichen schmeichelnd berücken
um seines Lebens schöpferisch Recht!
Sehnendes Ringen, werbend Verlangen,
heiligste Keime irdischer Werke,
sollen vergehn an der Eigenen Stärke,
würgen den Drang, dem selbst sie entsprangen?!


Gesang der Menschen.


Wehe! in ewigem Zwiespalt
hadern die ewigen Mächte
um die Seele des Menschensohns!
Unerschüttert thronend
schleudern von Zweifel zu Zweifel
ihres Zwistes Opfer sie uns:
nimmer rührt sie der irdische Schmerz.
Ach, wann kommt der Heiland,
der den Glauben uns schenkt
an die Liebe der Himmlischen,
der die Hoffnung uns bringt
auf Erlösung der Sterblichen?
Wann darf schaun der Gequälte
einst
seines Geschickes lebendiges Antlitz,
das aus bleierner Maske stets
auf den Gebannten herab
rätselumschauerten Auges starrt!


Genius der Kraft.


Will der Gram euch lauernd beschleichen,
lasset die Waffen der Lust euch reichen:
auf in der Liebe fröhlichen Krieg!


Die Genien der Lüste.


Jauchzet! euch schützen die schrankenlos schaltenden
Diener des Meisters, des rastlos gestaltenden!
Sein ist die Herrschaft, sein ist der Sieg!


Genius der Ordnung.


Aus der Wünsche schwelendem Gewühle
flüchte, bis dir klar die köstlich kühle
Quelle einer keuschen Seele lacht!


Die Genien der Pflichten.


Jubelt! euch hüten die heilsam waltenden
Diener des Meisters, des friedsam erhaltenden!
Sein ist der Preis, sein ist die Macht!


Die Menschen.


Weh, es starb der Glaube uns
an die Liebe der Himmlischen!
Weh, uns stirbt die Hoffnung auch
auf Erlösung der Sterblichen!
Ach, wann kommt der Heiland?
Wer verklärt das düstre Geschick uns?!


Der Genius der Menschheit erscheint.


Die ihr im Abgrund
dumpf nun schweigt,
lauscht: aus dem Abgrund
die Rettung steigt!
Denn aus den Tiefen,
drunten ihr kreist,
wurde und wuchs
auch der Menschheit Geist!
Und zu den Tiefen wieder,
die ihn erschufen,
neigt er sich nieder,
den ihr gerufen ...
Habet erfüllt in der Taufe der Not
aller Erkenntnis innerst Gebot:
Dem ihr vergebens
fluchet, das Leid
webet des Lebens
farbiges Kleid, –
nur wer empfunden des Daseins Pein,
kann sich erlösen, kann Ewig sein!
Denn wenn in Zweifels läuternden Fluten,
denn wenn in Schmerzes stählenden Gluten
einsam der Mensch zu vergehen meint:
dann erscheint,
der zu den Mächten des Alls ihn eint,
der zu ewigem Wirken befreit
Eigenwesens Vergänglichkeit,
der im Erschaffenen schaffend sich weist,
erscheint der Menschheit heiliger Geist!


Die Menschen.


Hört des Erbarmers mahnende Stimme!
Ja, wir vergaßen des Zieles,
des Alle versöhnenden, einenden Ziels:
künft'ger Vollendung goldene Zeit!
Aber, ein gütiger Vater,
zürnet den irrenden Kindern er nicht,
weist er den Suchenden wieder den Weg:
höret den gütigen Vater!


Die Genien der Lüste und Pflichten gemeinsam.


Welche wundersamen Töne
gehn auf Einmal durch die Schaaren?
was bewegt die undankbaren,
nie zufriednen Erdensöhne? –
Wehe! will es uns selber nicht
wie ein Zagen und Ahnen beschleichen,
daß wir müssen dem Mächtigen weichen?
Lauschet, was der Gewaltige spricht!


Genius der Menschheit.


Aller der Kräfte Schaar
ist Ihm verbündet,
wenn ihr ergründet,
was sie gebar!
Die um euch ringen,
die in euch toben,
haben auch seine
Schwingen gehoben;
denn von dem Kampfe,
drin sie sich plagen,
läßt Er sich tragen
willig nach Oben! –
Nur nicht gewaltsam
von euch wehret,
was unaufhaltsam
Leben begehret!
Müßt euch versenken
tief in den innern Streit,
fühlend zerdenken,
was in euch schreit!
Wie's immer wühlet:
wenn ihr's zerfühlet,
seid ihr befreit!
Nur wie ihr wisset, was wogt in der Brust,
quillt es als Schmerz, quillt es als Lust! –
Denn die Fülle der waltenden Mächte
will nicht das Gute, will nicht das Schlechte.
Was auch die Weiten zeugend durchschweift:
wie ihr's gebrauchet, wie ihr's begreift,
wird es das Böse, wird es das Rechte!
Die euch gebildet, die euch erhalten,
schaffend zerstörende
tötend gebärende
Werdegewalten:
habt ihr als eures
ihr Wirken erkannt,
habt ihr in euren
Dienst sie gebannt.
Die in euch wühlen,
alle die Geister,
müssen dann fühlen
Mich ihren Meister!


Die Genien der Lüste und Pflichten gemeinsam.


Ach – so nahe schon dem Lohne,
wird uns entwunden der lockende Preis!
Mühlos nimmt sich ein Andrer die Krone,
schmückt um die Stirne das Lorbeerreis!
Auf den Thron, den selbst wir türmten,
daß der Sieger ruhe drauf,
den für Uns im Zwist wir schirmten,
steigt nun zur Herrschaft der Friede hinauf!


Gebet der Menschen.


Danket dem gütigen Vater!
Rühmet der Menschheit
heiligen Namen!
Die Uns umdrängen,
die Ihn erzeugten,
dunkle Gewalten,
müssen sich beugen dem herrlichen Sohn! –
Allgewaltiger Geist des Heils!
siehe: in Demut schauen wir auf!
auf zu den leuchtenden Höhen,
wo Dein bleibender Tempel strahlt! –
Die wir wandeln in Finsternis,
Ewiger, führe uns zu dir!
Denn wir spüren es:
unbezwinglich
waltet der Wille der Tiefe:
immer im jungen Bild
sehnt er das alte,
Eigenen Willens Wiedergeburt,
senkt er die Schuld in das neue Geschlecht! –
Vater, erlöse uns!
Vater, laß uns
täglich glühn Dein nährend Licht,
daß wir wachsen und fühlen,
welche der Mächte,
die uns lockend versuchen,
bauen die Bahn in Dein seliges Reich:
künft'ger Vollendung goldene Zeit! –
Geist der Menschheit,
heiliger Geist!
aller Gewalten
allgewaltiger Sohn du!
Vater der Zukunft,
ewiger Vater:
nimm an dein Herz uns!
Geist der Menschheit,
wen Du erfüllest
mit Deiner Sehnsucht,
Der ist erlöst! –


Die Genien der Lüste und Pflichten gemeinsam.


Weh! der Trotz der Schwachen schwand,
ist in Demut ganz vergangen.
Weh! nun schwindet auch ihr Bangen,
das sie gab in unsre Hand.
Lust und Pflicht, die ihnen schienen
höchster Urgewalten zwei,
rufen sie nun selbst herbei,
einem Höheren zu dienen.
Geist der Liebe, Geist der Ehe,
weh! in Schweigen harren Beide:
wie der Mächtige entscheide,
wer den Urteilsspruch bestehe.


Genius der Kraft.


Wollt ihr verzagen?
jammernd entsagen?
heißerem Streit winkt süßer der Sieg! –
Aus den Gewalten
blöder Gestalten
liebend empor der Sterbliche stieg:
brünstig bezwang er den brünstigen Feind:
Kampf und Liebe sind ewig geeint! –
Nur wer ringet, fühlet den Vollgenuß;
aus dem Besitz erst wand sich der Ueberdruß!
Schwül ist des Friedens Luft,
Ruhe die dumpfe Gruft,
drinnen der Werdedrang lichtlos verdorrt!


Genius der Ordnung.


Doch die lautren Triebe
froher Nächstenliebe
wuchsen in der Pflichten sichrem Hort.
Eine zarte Blume
ist die Menschlichkeit;
nicht wo wild einherstürmt die Natur,
in dem Heiligtume
milder Sitte nur
sprießt die scheue Knospe und gedeiht!


Die Menschen.


Führe uns, Vater!
breite herab
dein gnädig Licht!
Denn es schreitet die Wahrheit
ihre ewige Bahn
verhüllten Wandels,
die Füße im Staub,
das Haupt in Wolken,
mit neidischer Hand
die spärliche Leuchte
durchs Dunkel tragend;
aber wir sehen sie wandeln
und müssen ihr folgen,
nicht wissend – warum,
nicht wissend – wohin!
Breite, Vater, herab dein Licht!
führe uns, Vater!


Genius der Menschheit.


Wollt ihr verstehen
tiefster Gewalten
Schöpfen und Schalten,
müsset ihr sehen,
was sie entfalten!
Keine der Andern
Untergang bringt:
Eine der Andern
Leben bedingt.
Denn es vergehet
nur der Gestalten Art;
doch was als Wesen sich offenbart,
immer bestehet.
Ewig notwendig
ist das Ursprüngliche,
zeugt das Verjüngliche
immer lebendig:
aber sein Wesen
könnet ihr lesen,
schauet ihr an,
wie es Gestalt gewann.
Denn nur das Endliche
ist das Verständliche;
doch – die Erscheinung
ist die Vereinung
alles Bestehenden,
alles Vergehenden ...


Die Genien der Lüste.


Aus den Gewalten
blöder Gestalten
liebend empor der Sterbliche stieg! –
Jauchzet! euch führten die schrankenlos schaltenden
Diener des Meisters, des rastlos gestaltenden:
Er, Er brachte der Menschheit den Sieg!


Die Genien der Pflichten.


Doch die edlen Samen,
die zur Blüte kamen,
wuchsen in der Ehe sichrer Wacht! –
Jubelt! euch halfen die heilsam waltenden
Diener des Meisters, des friedsam erhaltenden:
Er, Er wahrte der Menschheit die Macht!


Die Menschen.


Vater, erleuchte uns!
zeige das Glück uns!
Mit dem Genusse
reizet die Lust;
doch den Frieden
birgt die Pflicht.
Ach, aber enge
scheinet die Pflicht,
und so weit
ist doch die Welt!
Und der Augenblick nur lockt,
doch mit der Zukunft
drohet die Zeit! –
Vater, erleuchte uns!
weise die Wahl uns!


Genius der Menschheit.


Wenn auf der Wage deiner Gedanken
unstät deine Wünsche schwanken:
schmähe nicht den Augenblick!
Augenblick bestimmt die Zeiten:
lerne dir ihn vorbereiten,
dann verstehst du dein Geschick! –
Drum mitnichten
sollst du verzichten
auf die Lust: sie wecket die Kraft!
aber – daß sie nicht ziellos erschlafft,
lerne dir Pflichten
draus erdichten!
Denn aus Einem Leib
schieden in Mann und Weib
einst die Gewalten
ihre Gestalten:
nur so kräftiger, freier zu schalten,
schöner in ihnen sich selbst zu entfalten.
Und so werde im Menschen die Lust
ihres unendlichen Zieles bewußt:
was sich nur schied, daß es wachse an Stärke,
eine die Lust am erlösenden Werke!
Also gewinnt die Werdegewalt
in Gesetzen neue Gestalt,
bauen der Menschheit sicheren Grund
Lust und Pflicht im heiligen Bund!


Genius der Kraft, Genius der Ordnung gemeinsam.


Ihr habt gehört der Wahrheit Wort:
nicht streiten Lust und Pflicht hinfort,
wenn ihr dem Einen Ziele lebt,
zu welchem Alles aufwärts strebt:
die kämpfenden Mächte feiern Versöhnung
im Dienste der Menschheit und ihrer Verschönung.
Denn immer reiner sich enthüllt
der Drang, der alle Wesen füllt;
so ward der Liebe dunkle Lust
als Ehe ihres Ziels bewußt,
so bauen der Menschheit heiligen Grund
nun Liebe, nun Ehe im wachsenden Bund!


Die kleinen Genien.


Die kämpfenden Mächte feiern Versöhnung
im Dienste der Menschheit und ihrer Verschönung;
nun bauen des Menschenglücks wachsenden Grund
die Pflicht, die Liebe im willigen Bund!


Die Menschen.


Nun jubelt, lobsinget den Mächten der Welt:
wir sind versöhnt, wir sind befreit,
genießen den seligen Augenblick
und fürchten nicht die künft'ge Zeit!


Genius der Menschheit.


Denn Eines füllt den Augenblick
und hebt dich über alle Zeit
und senkt dich in und außer dich:
die Liebe, die der Pflicht sich weiht


Jubelgesang Aller.


Nur Eines füllt den Augenblick
und hebt uns über alle Zeit
und schenkt uns an die ganze Welt:
die Liebe, die der Pflicht sich weiht,
die frei aus tiefer Eigner Kraft
sich Sünden dichtet, Ziele schafft! –



Frühlings Einzug


Der Frühling stieg zur Erde nieder:
o helle Lust, o stille Scheu!
Im Herzen regt sich Alles wieder,
so alt vertraut, so selig neu!

So schnell geschah's – kaum kann ich's fassen,
der graue Winter sei nun tot!
Man fühlte sich so glückverlassen,
man liebte fast schon seine Not!

Ach, Seligkeit: es scheint die Sonne!
und schickt der Lenz auch Regen dann:
er weint sich aus von seiner Wonne,
daß er so klarer lächeln kann!

Ich möchte alle Menschen fragen,
ob sie nicht jauchzen woll'n mit mir!
Nein, ganz verschwiegen will ich's tragen!
Ach, Liebchen, nein! ich sag' es Dir!



Morgenandacht


Sehnsucht hat mich früh geweckt; –
wo die alten Eichen rauschen,
hier am Waldsaum hingestreckt,
will ich dich, Natur, belauschen.

Baum und Strauch gar scheint erwacht;
voller pulset alles Leben,
wenn im kühlen Tau der Nacht
warm die ersten Strahlen beben.

Was denn nur zuerst gefaßt?
soviel Großes! soviel Kleines!
wie es sich zusammenpaßt
in ein übermächtig Eines! –

Wie der Wind im Hafer schwirrt,
rings im Gras die Grillen rispeln!
wie im Busch der Vogel girrt,
um sein Nest die Blätter lispeln!

wie die Bienen taumelnd sammeln,
still durchs Moos die Käfer schlüpfen – –
Oh Natur! was soll mein Stammeln,
seh' ich alles Dich verknüpfen:

wie es sich ins Herz mir gießt,
all das Große, all das Kleine, –
wie's mit mir zusammenfließt
in das übermächtig Eine!



Im Wandern


Handwerksburschenweise.


Ein silbern Herze,
von Golde ein'n Ring
die Liebste mir gab,
als zum Scheiden es ging;

und that in das Herze
ihr Bild hinein, –
so einsam der Morgen,
bin doch nicht allein ...

Arm Fröschlein im Gleise,
zermalmt liegst du!
Ich wandre meine Straße
und wandre immer zu ...

Schon teilt sich der Nebel,
erglänzet die Welt,
im Sonnenschein glitzert
das Aehrenfeld;

die Hummeln summen,
die Lerchen singen;
die Birken wehend

die Zweige schwingen;

die Pappeln, die schütteln,
die Blätter im Wind;
sie raunen, sie lispeln
von meinem fernen Kind.

Will nehmen das Herzlein
vom seidenen Band –
und leg's in das Ringlein
in meiner Hand, –

so schreit' ich und schau'
als ein Zeichen mir's an:
so halt' ich in Treuen
ohn' Ende Dich umfahn ...

Bleib sitzen nur, Häslein!
heut jag' ich dich nicht ...
Ich wandre, ich schreite;
die Sonne sticht ...

In Dorfes Mitten
der Friedhof sich hebt;
wie wird's gar kühl sich ruhen,
wenn man mich einst begräbt!

zwei weiße Rosen biegen
ums Grabkreuz die Aest',
drauf steht mein Nam' geschrieben, –
bis der Regen ihn löscht ...

Hinterm Kirchlein die Schenke
heißt »Zu den drei Linden«;
da wird zum Ruh'n ein Plätzchen
wohl auch noch sich finden ...

Ei Tausend, Frau Wirtin,
Euer Töchterlein das?!
Ei, füllt mir geschwinde
noch Einmal das Glas! – –

Was wackelt der Pfahl da?
der ist wohl betrunken –!
Ich wandre, ich schreite,
in Sinnen versunken.

Wir war'n ja so alleine,
und sie – war so weit!
ich will ihr Alles sagen,
und ach – wenn sie verzeiht!

Und am End' meiner Reise
steht mein elterlich Haus,
da schaut mein lieb Mütterchen
zum Fenster nach mir aus;

und drinnen sitzt mein Vater,
wie'n König auf sein'm Thron,
und will's nicht verraten,
daß er wart't auf sein'n Sohn ...

Nun will ich nicht sinnen,
ob ich glücklich kann werden:
ich hab' ja die Liebe
und 'ne Heimat auf Erden!



Mondnacht


Silbern vom Gewölk ins Land,
kühlend fließt die Flut
aus des Mondes milder Hand,
dämpfend alle Glut.

Durch den Wald ein Schimmer schwebt,
tauchet in den Fluß,
und das schwarze Wasser bebt
unter seinem Kuß.
Hörst du, Lieb? die Welle fleht:
küsse, küsse mich!
Und von Schauern sanft umweht,
Sanfte – küss' ich Dich.



Letzter Wunsch


Was mich brünstig einst getrieben,
Allen es verklärt zu künden,
all mein Streben, all mein Lieben,
ruht nun still in seinen Gründen.

Fühle nur die Reine, Schöne,
die ich tiefst im Herzen trage;
und mir sind so fremd die Töne
meiner Jünglingsthränenklage.

Wage dennoch nicht zu singen,
wie mein Glück sich mir enthüllte;
möcht' es doch zu arm gelingen,
was so reich sich mir erfüllte.

Reicher als erstrebt mein Lieben,
liebereicher so mein Streben,
und nur Ein Wunsch ist geblieben:
daß wir auch den Brüdern leben,

daß ein Wandel ohne Fehle
nun in Thaten auch bewähre,
wie dies Ruhen Seel' in Seele
uns den Wunsch zur Kraft verkläre.

Kunst und Liebe


Jetzt sing' ich dir das letzte Liebeslied.
Ein Brausen füllt mein Ohr wie Sturmesklage,
seit mich in seinen Priesterdienst beschied
der Geist der alten und der neuen Tage.

Der duldet nicht in seines Tempels Bann
die sinnberückend leichtgeschürzten Klänge;
und wehrend wandelt eine Scheu mich an,
daß fürder ich von unsrer Liebe sänge.

Denn Meine Sprache ist für Alle da!
Doch was wir so von Aug' zu Auge sehen,
was so in Seufzern zwischen uns geschah,
ist eine Sprache, die nur Wir verstehen.




Zur dritten Stufe:

Leben und Arbeit


      Dem Neuen mag sich Altes einen!
      Kunst geht dem Leben Hand in Hand:
      im Alten nur kann Neues sich bescheinen,
      Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand.

An Friedrich Nietzsche


Und es kam die Zeit,
daß Zarathustra abermals
aus seiner Höhle niederstieg vom Berge;
und viel Volkes küßte seine Spuren ...
Der Jünger aber, der ihn liebte,
stand von ferne,
und der Meister kannte ihn nicht.
Und der Jünger trat zu ihm und sprach:
Meister, was soll ich thun,
daß ich selig werde? –
Zarathustra aber wandte sich
und schaute hinter sich,
und seine Augen wurden weit,
und sagte Antwort:
Folge mir nach! –
Da ward der Jünger sehend
und verstand den Meister
und folgte ihm
und verließ ihn ...
Da er aber seines Weges wanderte,
ward er traurig
und sprach also zu seiner Sehnsucht:
Wahrlich! viele sind,
deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras,
und im Herzen beten sie zum Gotte Tamtam;
wahrlich, allzu früh erschien er diesem Volke!
Seinen Adler sahen sie fliegen,
welcher heißt – der Wille zur Macht
über die Kleinen;
und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust,
die Schlange Klugheit.
Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind,
welche heißt – der Wille zur Macht
über den Einen:
den Gott Ich.
Wiedergeburten feiern sie
und Wiedertaufen ihrer Götzen,
aber Keiner wußte noch
sich selber zu befruchten
und seinem Samen jubelnd sich zu kreuzigen.
Der Du Deine neue Sünde lehrtest,
habe Dank! o dürft' ich dir
dein letztes Wort vom Munde küssen,
du lächelnder Priester des zeugenden Todes!
Aber wir leben,
und mancher Art
sind die Sonnenpfeile
und Blumengifte
des zeugenden Todes!
Ach, daß du Manchem auch zu spät erschienest! –



Selbstentäuszerung: Selbsterfüllung


An Einen und Jeden.


Ich sah durch deine Seele in die Welt
und in die eigne Seele: stumm versanken
im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken,
es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.

Dein Auge sah ich wesenlos erhellt:
Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken
zusammenströmend unsre Zwiegedanken,
in Deiner Seele ruhte Meine Welt.
Und heilig däuchten mir – ob dumpf und kalt
die Welt es leugne – unsrer Lüste Hehle,
verklärt zu Lauterkeiten unsre Fehle
durch dieses Blickes tiefe Lichtgewalt;

denn Inbrunst ist die Freiheit der Gestalt
vom Zwang der Welt, vom Bann der eignen Seele.



Der Unterschied


Es heißt ein Tropf, wer nie sich selbst gehört,
ob matt und wund er sich für Andre plage;
doch Jesus ward zum Gottessohn geehrt,
weil Er uns wies, wie man sich selbst entsage.



An die Kleingläubigen


Ist euch der »Heiland der Welt« als Gott nur wert der Verehrung?
Gilt euch ein menschlicher Gott mehr als ein göttlicher Mensch?! –



An eine Gütige


Es mag mir oft nicht im Gesichte stehen,
wie tief du dich ins Herz mir eingeschrieben;
ach, oft schon hat es mich zum Wort getrieben,
um dennoch wortlos meines Wegs zu gehen.

So ist – wie Du dich mühtest auch, zu sehen –
ein Ungeseh'nes zwischen uns geblieben:
das alte Rätsel, daß sich Menschen lieben,
die dennoch starr im Eignen Kreis sich drehen.

Wie fruchtlos schon des Kindes Spiel sich mühte,
daß ganz Ein Kreis sich auf den andern lege!
Bald lag er und durchschnitt die Bahn des andern,
und bald verschlang er gar des andern Wege.

In Einem Kreis nur ist gemeinsam Wandern:
dem allumschlingenden grundloser Güte.



An die Charaktervollen


Ihr meint, daß ernst und fest ihr seid,
nur weil ihr kalt und streng euch stellt? –
Das Wahre braucht kein künstlich Kleid,
und wahrer Ernst schaut heiter in die Welt!



Vorsicht!


Wer seine übeln Sitten oder Thaten
dir allzu offen zeigt und gern,
Den halt dir fern!
Die Diebe, die sich selbst vorweg verraten,
sind just die dümmsten
oder – die schlimmsten!



Wirkung der Zeit


Manche Gewöhnung, zuerst gar Verstellung, ist Eigenschaft plötzlich;
gleich, ob gut sie ob schlimm! Prüfe nun, wie du das nützst!



Blick in das All


Wir haben uns gesucht und nicht gefunden:
wir sahen Götter, weil wir wollten sehn!
Wir hatten uns durch eigne Kraft gebunden,
daß wir die eigne Kraft nicht fühlten weh'n.
Der Geist war leiblos aus dem All geschwunden:
er sollte göttlich über Allem stehn.
Wir wollten nur am Wesen uns begeistern,
und konnten dennoch nicht die Form bemeistern.

Und machtlos fühlte sich auf seiner Höhe
der Menschengeist, der Göttergeist sich gab,
daß er aus Sich den Geist des Alls verstehe:
sein Hoheitswahn ward seiner Hoheit Grab.
Es zwang ihn nieder ein gewaltig Wehe,
verzweifelnd wies zum Staub er sich hinab;
zum Wesen ward der Dinge Schein gewirre,
und Wahrheit schien ihm, daß er ewig irre.

Doch aus der Selbstbezähmung umgeboren
zu neuem Geiste fand er neue Kraft;
und was er an erhabnem Wahn verloren,
gewann als Streben neue Wesenschaft.
Zu neuen Höhen sah er sich erkoren,
denn Demut hob ihn aus der Schwachheit Haft:
der Geist im Leib vom Geist ins All verbunden,
so hat im All der Geist sich erst gefunden.

Er sah, wie in der endlos großen Kette
der Formen endlos groß ein Sehnen wohnt,
sich selbst zu heben in der Wesenwette,
in der die Form der Drang der Form entthront.
Und aus dem Drange sprach's: Natur – sie hätte
ein Streben, das sich endlich nicht belohnt?
der Menschheit Ringen um die Allenthüllung,
es bürgt auch für des Ringens Vollerfüllung!

Ein Wahn ist's, daß den Endlichkeitsgestalten
verschlossen ewig sei das Rätselbuch
der Allkraft, deren Pulse in uns walten!
ein Wahn, daß uns die Lösung nur ein Fluch,
daß unsrer Geistesmächte voll Entfalten
der Formwelt drohe den Zusammenbruch!
Kann sich im Stoffe gleich die Kraft erkennen,
kann sich vom Stoffe doch die Kraft nicht trennen.

Und ist es Uns noch nicht vergönnt, zu schauen
des Körper-Seelen-Wechsels Werdefleiß,
ist Uns noch unverstanden, was wir bauen,
ist Uns die Mühe noch der Mühe Preis:
so kann uns doch nicht vor dem Zweifel grauen,
ob nicht für solchen Lohn die Qual zu heiß!
wir sind ein Stück der Immerkraft: wir wissen,
daß wir nicht wollen – daß wir schaffen müssen!



Das Ziel


Alle Wege führen nach Rom: zum Glauben. Und wärest du der Ewige Faust: du glaubst, denn du bist ein Mensch! Alle glauben an sich selbst, die Meisten an sich selbst und eine Gottheit ihretwegen, Einige an die Menschheit und an sich der Menschheit wegen.


Gottheit, Menschheit, Kunst


Als der kindliche Mensch das Auge noch wandte nach Oben
und im ewigen Raum suchte ein ewig Geschlecht,
als er die selige Ruhe, die Keinem gönnte die Erde,
weit ins unendliche All wähnte und sehnte verbannt:
da umgab er sich gern mit den Bildern seiner Geahnten,
auf dem erstrittenen Herd thronte der friedliche Gott.
Aber dem heiligen Wahn entwuchs die wirkliche Schönheit;
weil er edel geirrt, wurde ein Edleres wahr.
Wo er die Gottheit geglaubt, da hatte die Menschheit gewaltet:
glaub' an die Menschheit, Mensch! und du bist selber ein Gott!



Erklärung


Warum ich schweigend immer sitze,
wenn unter Euch die Rede kreist?
kaum lächeln kann zu euerm Witze,
der doch die Andern mit sich reißt? –

O glaubt mir! schwer genug bedrückte
mich selber dieser stumme Bann,
eh' mir des Rätsels Deutung glückte
und meine Ruhe ich gewann.

Wie bangt' ich, noch ein froher Knabe,
der kindisch leicht die Worte fand,
wenn plötzlich mit dem Zauberstabe
dies Schweigen meine Zunge band!

Wie riß als Jüngling die Genossen
zu toller Laune oft auch ich:
mich zu betäuben durch die Possen,
wenn diese Schwermut mich beschlich! –

Und dennoch wollte sich gewöhnen
Mein Geist an Eure Sprache nicht:
denn Meine Sprache rang nach Tönen,
und was ich dachte, war Gedicht.

Das Heiligtum der Musen


Ich sah im Traum Apollos Tempelhallen;
doch ringsum hört' ich dumpfe Donner grollen,
und sah vom bleichen First – wie Thränen rollen –
die letzten schwachen Sonnenlichter fallen.

Herab zu mir – wie Trauerflore wallen –
der schroffen Felsen trübe Schatten quollen;
es schaufelte der Sturm die Wolkenschollen,
als wollt' er türmend draus ein Grabmal ballen.

Und ich verstand des Gottes Gram und Zorn
und schöpfte Mut aus seinem heil'gen Born
und klomm empor aus meinen Finsternissen,

und flehend warf ich mich vor seinen Thron:
Erhöre, großer Vater deinen Sohn –
vergieb den Armen, die von Dir nicht wissen!



»ΔEINON TO TIKTEIN.«


Dieses ist der Kunst ewige Eigenschaft: die Gewalt des Rhythmus über die Natur. In der Natur ist Nichts: Alles geschieht. Um uns, in uns, aus uns fließt es. Dieser Bewegtheit Empfängnis und Widergeburt ist Rhythmus. Nicht den wirkenden Schein bloß, nicht den Leib bloß, den das Kunstwerk zeigt: auch die bannende Seele, Form und Wesen zugleich, schafft der Rhythmus; grundlos schafft er, gleich dem Drange der Natur. Dies ist das Müssen des Künstlers, das ewig Bleibende, das Unbegreifliche, der Zwang der sein Wille ist: der Wille zur Macht über den Stoff, der Wille zur Form. Und so setzt er seinem Drange, seiner rhythmischen Inbrunst, als dem Drange der Natur – das menschliche Maß, das ewig Wechselnde, Beliebige, Berechnete, durch das er die Frucht seiner Wehen zur Welt hebt. Dieses also ist das Aeußerliche, Zweckmäßige, Antastbare, mag es nun als Symmetrie, Proportion, Komposition, Takt, Strophe, Metrum oder sonstwie greifbar sein; immer ist es nur des Rhythmus ordnende, helfende Magd. Heilig aber ist die Form, die Tochter des Rhythmus! ihr Leib ist ihre Seele ... Ach der Armen, welche nur die Magd erkannten! Weh der Eklen, die bloß Buhlschaft treiben mit der Tochter! –

Der rechte Ton


Nur kein ängstliches Besinnen:
laß doch sprudeln, laß doch rinnen,
was im Herzen wogt und quellt!
Aber – daß es nicht zerfließe,
in das engste Maß es gieße:
in den Augenblick die Welt!



Scheinkunst


Bild und Nichtbild: Bild der Züge!
Bild des Wesens ist es nicht!
und die Wahrheit wird zur Lüge,
weil sie nicht von Herzen spricht!

Aengstlich haften bleibt sie Oben:
Punkt für Punkt und Strich um Strich,
Alles einzeln ist zu loben,
aber nie vereint es sich!

Und so höre ich die kalten
hohlen dürren Worte nur,
merke die Berechnung schalten:
wahren Wesens keine Spur!

Schulgerecht nach neuern Meistern
lernt man heute das Begeistern,
Wahrheit nach dem A B C –
ach, ihr thut mir leid und weh!



An die »Ibsenreifen«


Erst schmäht den Meister alle Welt,
dann wird ihm blindlings nachgebellt,
als gäb' es bloß die Eine Spur
zum Mutterherzen der Natur.

Der Alte lauscht dem Ruhm der Welt,
die einst den Jüngling angebellt,
er lauscht dem Wandel der Natur
und sitzt und sinnt und lächelt nur:

Ihr – seid zu grün mir allzusamm,
die reife Frucht fällt ab vom Stamm!



Le roman expérimental


An die Zolaisten.


Experiment ist Alles schließlich,
die Etikette schon ist schal, –
und weil ihr nun mal ungenießlich,
sagt doch: roman excré mental!

Ich seh' euch rutschen auf den Steißen
und drücken; zwar hat Jeder noch
sein Eignes Leibweh, aber – – pfeifen
thut Alle ihr aus Einem Loch.



Sinnbild


Neulich erwacht' ich und griff zum Kruge; da hing einer Spinne
hundertmaschiges Netz über die Oeffnung gespannt.
Aergerlich schieb' ich ihn weg und – rücke ihn just in die Sonne:
hundertfältiger nun glänzte das Wasser mir zu.
Künstler, enthülle die Tiefen des Lebens im Strahl deines Geistes,
auch das Gemeine, doch nur – wie es das Reine umstrickt!



Die gröszere Aufgabe


Schwer, den zerstörenden Geist der Zeit in Gestalten zu bannen;
schwerer den klärenden noch, weil er verborgener wirkt.
Aber wir fühlen: er wirkt! Ihm folgen war immer des Lebens
höchstes Ziel und Gebot, höchstes darum auch der Kunst.



Der gröszere Meister


Ob das »Schöne« du schaffst, ob lieber das »Wirkliche« nachformst:
ist das Schöne nur echt, ist nur das Wirkliche wahr!
Freilich: das Schöne ist echt allein durch die Wahrheit des Wesens,
aber das Wirkliche schon wahr durch die Echtheit des Scheins.


Zwei Rezepte



1. Für die Sudelköche


Wann lernt denn die Menge das Echte erkennen!
Schreibt nur recht süß und schleckericht,
dann wird man's schön und lieblich nennen:
das Wörtchen schönlich giebt's ja nicht.



2. Für die Schmudelköche


Wenn ihr nur stets denselben Mist bekräht:
zuletzt heißt's doch – Originalität.



Moderne Lyriker


Ach, wie matt ist ihr Schwung! und doch, wie tönt er vertraut Mir!
Gingen die Adler zur Ruh', ziehen die Eulen auf Raub.



Ein bengalisches Licht


Auf einen Lyriker.


Seht: das Dunkel scheint zu blühen!
schaut: die trübe Nacht errötet!
und ein schmachtendes Erglühen
rings die Finsternisse tötet.

Nebel durch die Schatten schwimmen,
rosig hüllen sie das Grauen,
locken mich, dies holde Glimmen
näher immer zu beschauen.

Ach! welch Flackern nun und Schwelen,
welch ein Qualmen übler Dünste! –
Keusche Nacht, man will dir stehlen
deinen Reiz durch Zauberkünste.



Naturtrieb


Die Lerche singt, der Rabe schreit –
Das ist nun so seit Ewigkeit;
sänge er auch, ihm würd's schon passen, –
und dennoch kann er 's Schrein nicht lassen.



Der Reim


An die Rezensenten.


Wir sollen Herz und Schmerz nicht reimen,
und Glück und Blick macht noch mehr Pein;
daß aus der Liebe Triebe keimen,
will nicht in euern Kopf hinein.

Ich will's euch weiter nicht verwehren
und laß euch gern, verehrte Herr'n,
die Schalen alle zum Verzehren:
schält ihr nur recht heraus den – Kern.



An einen Kritokraten


Wahrlich! gewissenhaft prüfst du: du tüftelst das Kleine ins Kleinste,
und an jedem Quadrat findest ein Eckchen du schief.
Bist ein ehrlicher Mann! du hast ja die Teilchen besehen,
und nun glaubst du getrost, daß du das Ganze gesehn.
Nein! ich tadle dich nicht, wenn noch so vernichtend dein Urteil:
hast du die Blume zerpflückt, wirklich! sie ist nicht mehr schön.



Kunstgenusz


1.


Der Schöpfung Hülle
birgt Wesens Fülle
nur Dem, der in sich selber hegt,
was in dem Schöpfer sich geregt.

2.


Suchst du im Bild nach allen Zügen
des Lebens, wird dir keins genügen.
Das eben ist es: weil's nicht Leben,
kannst du ihm selbst ein Eignes Leben geben.



Im Goethehaus zu Frankfurt


Ich hatte mich gesträubt, hier herzutreten;
es trieb mich von der Gasse doch herauf.
Hier ging mir's wie ein heilig Rätsel auf:
es hilft uns nicht, wir müssen manchmal beten!



Vor der sixtinischen Madonna


Reinster Schönheit rein Empfangen:
Freude krönet das Genießen
und die Freude ein Verlangen,
sich als Liebe zu erschließen.



Jugendweisheit


Nehmen wir Geschehn für Leben,
haben wir's nicht recht verstanden:
Menschenleben ist das Leben
so nur, wie wir es empfanden –

Ja, so schwärmt' ich seelentrunken!
Wie mir Alles wohlbehagte,
was ich fühlte, was ich sagte:
in mein Spiegelbild versunken!

Doch jetzt heißt es: mit den Zielen,
mit den Wegen sich beraten!
Zwar den Jüngling ehrt sein Fühlen,
doch dem Manne ziemen Thaten!



Ums Brot


Nur Einem, Einem möcht' ich sagen,
was mir das Herz so gar beklemmt,
so schwer sein Hochverlangen hemmt!
O könnte ich noch Einmal klagen,
wohin ich Einst mein Leid getragen:
an meiner Mutter Brust!

Von all den Andern weiß ich Keinen,
der ganz in mir sich selbst vergißt,
nicht meine Pein an seiner mißt; –
und froh und glücklich muß ich scheinen.
O könnte ich noch Einmal weinen
an meiner Mutter Brust!

Sie würde keinen Vorwurf sagen,
nur trösten ihr gequältes Kind,
die Stirne küssen mir so lind ...
Ich ward ein Mann, ich muß es tragen:
ich darf nicht weinen mehr und klagen
an meiner lieben Mutter Brust.



Zeitorakel


Altgeschehnes, Neuerfahrnes
drängt in Eines sich zusammen;
und wir wissen nicht zu scheiden
dieses Lodern seltner Flammen.

Doch darunter lebt ein Glühen
seltenster Begebenheiten;
und man fühlt ein still Bemühen,
als ob Zeiten sich bereiten.



Dichterfreundschaft


An Heinrich und Julius.


Euch suchte ich. O kindisch weich Bewegen,
o stürmisch Wogen alter Liebeslust!
der schwellende Strom dem rollenden Meer entgegen,
so stürz' ich mich an eure Brust.
Noch Einmal rauschen auf aus ihren Gründen
der ersten Jugendsehnsucht scheue Laute,
zur Brandung schäumend: in die Flut zu münden,
die brausend lockende, die urvertraute ...

O langer Weg! oh, einst! wie jede Welle
nach jedem Wölkchen sah am Himmelsrande,
nach jedem Hälmchen griff am Ufersande,
daß Eines nur mitströmend weiterquelle!
oh keines! fort! nur Bilder, wirr, zerflossen! –

Welch Sausen da auf Einmal! ausgegossen
durch alle Lüfte schien ein Gottessegen,
der Allmacht Schleusen prasselnd aufgeschlossen:
oh Tau der Reinheit – Liebe – Himmelsregen!

Es trank der Strom der Frühlingswolke Thränen,
die tausend Augen, die herniederquollen,
die träufenden Küsse: seine Adern schwollen,
die Pulse barsten, ein unendlich Wähnen
erlösten Dranges bäumte seine Sinne, –
aus seinem Bette brach er, zu umfangen
des Erdballs Wall, des Firmamentes Zinne, – –
zurück, zurück! Ein müdes, sanftes Bangen
umstrickte schmeichelnd seine taumelnden Wogen:
die tausend Küsse, die er aufgesogen,
wie Lenzhauch nun sein lockiges Haupt umflogen,
umschlangen die geballten Fäuste, bogen
sie spielend auf und kos'ten sie und zogen
in seinen Schooß sie wieder, und ein Säumen
versunkner Sehnsucht floß durch seine Seele –
und doch ein Brüten, daß noch Eines fehle;
so rann er matt des Weges, wie in Träumen ...

So fand ich Euch – und lauschte. O Erwachen!
o brüderlich Erkennen, jauchzend Lachen!
o Meeresstimmen, süße Schwesterlaute!
erfüllter Ahnung Klänge, urvertraute! –
Zur tiefen See des vollen Stromes Sehnen
erfaßt mich, in die Arme euch zu fallen,
zu fühlen eurer Herzensfluten Wallen,
an eurer sturmgeworfnen Brust zu lehnen.

In Eure Seele schütten will ich Meine
mit allen Himmelswassern, die sie tränkten,
mit allen Quellenpulsen, die mich drängten
euch zu umhalsen: daß in Eine Eine
glücksingende Woge unser Leben brande,
die glanzumzittert von dem Strahlennetze
der großen Sonne Liebe rings die Lande,
die dürren, für den Neuen Frühling letze.

Schon keimt es sacht; schon hör' ich Osterglocken
vom Strand der Zukunft grüßen übers Meer, – –
dann schläft die Flut – doch horch! ein fern Frohlocken,
der Dank der Menschheit, drüber her ...



Deutsches Thun


Eine Xenien-Epistel.


Lieber Freund! Zu Besuch bin ich eben bei Goethen und Schillern,
da – aus dem Schornstein herab – fliegt dein toscanischer Gruß.
Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden
hatt' ich verlassen und war bis in die Küche gefolgt,
wo sie im Dienste des Morgens besorgten das pfeffrige Frühstück
gegen den nächtlichen Rausch ihrer verjammerten Zeit.
Doch nun empfahl ich mich schnell; und Goethe lächelte nickend,
denn er witterte wohl etwas Italisches gleich.
Und mein Handwerkszeug ergriff ich und wollte geschwinde
dir im gefügigen Reim weisen mein herrisch Gesicht;
aber da saß mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern
fest in der Nase und hat ganz das Gehirn mir betäubt.
Ja! sie haben gar Manchen auf ihrem olymp'schen Gewissen,
seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr.
Oder liegt es dem Deutschen im Blut, um den pochenden Kraftleib
immer zu hüllen ein Kleid, das er der Fremde geraubt?!
Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach der Römischen Elle,
gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her?
Will in die Tiefen der Welt, in der Menschheit Tiefen er dringen,
steigt er hinab durch den Schacht, welchen der Britte ihm grub!
Oder sucht er im Glauben zu ruhn, so klimmt er zum Himmel
gar auf der Leiter empor, die ihm der Jude gefügt! –
Doch nun heb' ich den Blick: da versinkt der Erscheinungen Fülle,
und es entschwebt dem Gewirr sieghaft ein Einiger Geist!
Zwar die Schwingen zum Flug, er riß sie aus fremdem Gefieder;
aber die Kraft war in Ihm! aber die Kraft, sie ist           deutsch!
Ruhend seh' ich ihn jetzt in den Höh'n, den ersehnten, sich wiegen,
daß er rauschender noch rege den Fittig dereinst:
bis er die Fernen erreicht, wo dem Blick auch die Völker verschwinden,
wo ihn, das ewige Haupt neigend, die Menschheit begrüßt!
Ja – mein Volk! den Beruf, den heiligsten, sollst du erfüllen:
lösen den Hochmutsbann, welcher die Völker zerdrückt.
Dazu wurdest du Volk, zu tilgen die Sünde der Völker:
hast du die Andern erlöst, hast du dich selber erlöst!
Nein! kein Gallier war's, kein Römer, kein Britte, kein Jude:
Menschen waren sie all, denen die Höhe du dankst! - –
So auch hab' ich getrost mir gesattelt das Roß des Hellenen,
daß ich mit Eigener Faust reite Parade vor Dir.
Lächeln wirst du vielleicht: Dazu die erhabenen Worte,
daß umso sicherer nur throne das ärmliche Ich?! –
Aber so geht es wohl stets: der Gedanken jeglicher deutet
immer aufs Ganze zurück, immer vom Ganzen auf Uns.
Und so schwanket der Mensch dahin zwischen Rechten und Pflichten;
heilig erscheint ihm sein Recht, heilig erscheint ihm die Pflicht.
Darum hab' ich mich auch der Zweifel und Fürchte begeben,
ob ich erringe das Ziel, das von mir selbst mich erlöst.
Denn ich hab' es erkannt, die Versöhnung ruht in derArbeit:
Arbeit ist uns Pflicht, Arbeit zugleich unser Recht.
Unerbittlich treibt Natur die Wesen zum Wirken,
heischt es vom Menschen der Mensch; aber – es ward ihm die Wahl!
Und für das Reich Meiner Wahl will treu bis ans Ende ich kämpfen,
ob ich erliege im Streit, ob ich erringe den Sieg.
Nämlich: wählte ich falsch, so hab' ich zum Ganzen gestrebt' doch!
nämlich: wählte ich falsch, lebte Mein Leben ich doch!



Kunst, Wahrheit, Volk


Aus Traum zu Leben.


Es war im Mai; ein Mittag weich und schwül.
Weitauf das Fenster – saß ich: ins Gewühl
der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
von Silberfelsen, fern im blauen Meer
des Himmels drüben, aus der Brandung schwollen
der Stadt tiefunten um mich her.
Am Horizonte hing vom blassen Kranz
des Dunstes, wie ein Band aus Frühlingsglanz,
sanft um der Siegesgöttin goldne Glieder
in langer Bahn das weiße Licht hernieder;
zu flattern schien's im lauen Wind.

Die Sonne blickte müde wie ein Kind;
die Lüfte seufzten wie im Traum ...

Da: klirrend rührte sich der erzne Saum
am Fuß der Göttin, – und ich saß und lauschte, –
mir war, daß fernher eine Stimme rauschte, –
hell flirrend schossen um die Spitze
des Säulenknaufes singende Blitze:
die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
Doch plötzlich – sausend flog hinab die Wehr,
zur Erde wallte auf den Strahlenstufen
das hohe Weib, und hohl wie Glockentöne
aus ehernem Munde hört' ich laut sie rufen:

»Genug des eitlen Ruhmes! Kommt, ihr Söhne,
ihr Töchter all des Volkes, kommet her!
Ich will euch künden eine neue Mär:
hin werf' ich Helm und Waffen in den Staub,
genug von Kampf und Haß! aus mildern Sphären
vom Baum des Friedens pflückt' ich schimmernd Laub.
mit reinerm Glanz die Stirn mir zu verklären!
Die Frucht der Schönheit bring' ich auf die Erde,
die Kunst, die Seligkeit der Ewigkeiten:
vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde,
auf stiller Flut ins Meer der Freude gleiten!
Ein trüber Rausch nur ist des Daseins Not,
ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod:
entzückt ob allem Erdendunste schweben,
Das ist die Wahrheit, Das ist das Leben!«

Da stand sie funkelnd in der Sonne, – winkte, –
hoch in der Rechten weithingleißend blinkte
die goldne Frucht ... Und jauchzend ihr entgegen
aus allen Thoren brausende Scharen quollen,
auf allen Straßen Jubelgrüße schollen,
in jedem Aug' ein Glanz, als hätt' ein Regen
von Glück geweckt die Blüten jeder Seele.
Mitkeucht' ich vorn im Schwarm. Aus heißer Kehle
durströchelnd, niederstürzt' ich in den Sand,
umklammerte des Weibes Prachtgewand:
»Gieb!« fleht' ich ächzend – »Gieb uns, gieb uns!« ächzten
die Abertausende, die mit mir lechzten.

Doch dumpf und hohl die Glockenstimme tönte
herab zu uns, wie Grabeston sie dröhnte:
»Nicht dürft' ihr nah'n mit irdischer Begier,
im Abglanz nur begreift die Schönheit ihr!«
Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
lag schwer das Wort gleich Nebeldunst und Wolke.

Auf Einmal aber – leise, heiser, bang
ein Angstgeflüster durch die Stille klang:
»Sie log uns! wir verschmachten! weh, sie log!«
Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
es durch die Scharen, laut und lauter schwellend:
»Sie log, log, log uns« – toll und toller gellend,
wutschreiend, hohneswild, – und Flüche schallten,
und Fäuste langten drohend nach den Falten
des prunkenden Kleides und – – ein Schreck! ein Graun!
die tobenden Reihen starrten wie erdrückt:
ein Bild des Stolzes hatte sie berückt, –
da stand's, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun!
Ein Schauer zuckte durch den Riesenleib,
es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
matt knickte nieder Haupt und Arm,
die blanke Frucht fiel prasselnd in den Schwarm,
zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.

Und vom Gesicht des Weibes sah ich flattern
die glatte Haut wie abgeschürfte Blattern,
aus blöden Augen glomm ein trüber Schein
wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
die dünnen Lippen knifften welk sich ein,
und aus dem Zahngelücke kroch es blechern:
»Ach ja – ach je – die Kunst wird alt so sachte!
ihr habt schon recht! na, seid man still! ich dachte:
ihr könnt noch glauben an die ewige Jugend!
Na, laßt man, Kinder! seht: ich bin ja ehrlich!
und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
man macht dann eben aus der Not 'ne Tugend...
Ja – alles Dasein ist ein morscher Plunder,
der Geist verpufft sich selbst wie mürber Zunder,
der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
und kriegt davon das Grimmen in den Bauch;
ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten!
Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten
aus diesem Pestbeet säuberlich seciren, –
ein schwaches Auge liebt das Mikroskop
und nicht das Sonnenfernglas zu regieren, –
und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob!
Die Decke von der Fäulnis aufzuheben:
Das ist die Wahrheit, Das ist das Leben!«

Und wieder lautlos, in beklommnen Träumen,
ein Nicken rings, – und dünne Seufzer wehten,
wie Herbstlaub rieselt von den blassen Bäumen;
dann – sah ich Manchen grinsend näher treten.

Da schien's als wüchse wieder hoch die Alte,
und prahlender die dürre Stimme hallte:
»Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
heut braucht man bloß der – Wissenschaft zu glauben!
Und da ihr reif seid Alles zu verstehn,
sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!«

Und mit den Spinnenfingern krallte
ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
schon blinzten durch des Kleides Spalten
des greisen Leibes schlaffe Falten:
Da – wie ein Frühlingsdonner schwoll es an –
ein Ekelschrei zerriß den dumpfen Bann,
und wie die Brandung von der morschen Klippe
zurück ins freie Meergewoge schäumt,
so stürmten, flohen scham-und-zorngebäumt
hinweg die Scharen von dem Angstgerippe ...
Um rannte mich die tolle Flut, doch jauchzend lachte
erlöst aus voller Brust ich und – – erwachte.

Weitauf das Fenster, saß ich; ins Gewühl
der lauten Straße sanft das Mailicht fiel.
Tiefunten, aus dem dunklen Schattenloch
des Hofes drüben, schien zum Glanz zu steigen
ein blühender Kirschbaum, rein als hinge noch
das Morgenrot in seinen schimmernden Zweigen.
Und wo er über die graue Mauer nickte,
stand blaß ein Straßenkind und gab
von seinem Brote einer Armen ab,
die kranken Fußes, lächelnd weiterkrückte;
das Brot war trocken, das Stück war klein,
das Händchen schmutzig, – doch des Auges Leuchten
so rein wie über ihm der Sonnenschein,
der ringsher um die schwarzen frühlingsfeuchten
Dächer der gärenden Stadt, als wären's Bräute,
weißseidne Schleier wob und Perlen streute.

Am Horizonte glimmte in den Dünsten,
schwach wie ein Irrlicht schwimmt in Sumpfgespinsten,
die plumpe Göttin jetzt. Doch näher, an der Ecke
dicht unter mir, floß hell der weiche Glanz
um eine andre Säule; bunt Geflecke,
grell, ein zerhackter Regenbogenkranz
in lustigem Farbenwirbel, prangte dran;
und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
sie lauschten; Einer las, gebückt und schief,
ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
Verbißner Grimm aus knochigen Mienen sprach,
auf furchigen Stirnen dick die Sorge lag;
und als der Haufen auseinanderwich
und als sie sich die rußigen Hände drückten
und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
da – ja da fühlte man: es schlich
manch schlimmer Wunsch aus haßgepreßter Kehle;
doch aus den Blicken zuckte im Sonnenstrahl –
so bricht der Funke aus dem harten Stahl –
hell die Begeisterung der wilden Seele.
Und wie der Schein dortoben das rauhe Land,
die schlafenden Keime rings der rohen Erde:
so, Einer lautern Hoffnung voll, umwand
in Eins sie Alle diese Lichtgebärde.
Und in mir rief und sang es: »Sonnenflamme!
wir Alle sind von Deinem goldnen Stamme!
in Jeder Brust von Dir ein Funke glüht,
der angefacht empor zur Lohe blüht!
Kein Wahn ist diese schwebende Kraft, kein Traum:
kein dunstig Hirngespinst – kein schillernder Schaum!
Wie Du aus Licht und Dunkel Farben wirkst,
im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgst,
wie in der dumpfen Schlacke, dir entflossen,
dein Flammenblut du in die Welt gegossen,
das aus dem kalten Staube der Gestalt
vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
so in den Schatten der Vergangenheiten
die Glut der lichten Sehnsucht dieser Zeiten
am Blut der Zeit, am Volke, aufbeleben:
Das ist die Kunst, die Wahrheit, – Das wirkt Leben!«



Bergpsalm


Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen –
in langen Wogen rauschen Gras und Rohr –
es zischt der See – die Weiden, silberblassen
zerwühlten Hauptes, seufzen laut empor.
Empor, empor! dort wo die Kiefern sausen,
auf kahler Höhe will ich einsam stehn –
und meine ferne Heimat dämmern sehn –
und hören, wie die dunkeln Wolken brausen.

Ihr grauen Pilger über mir – wohin?
O könnt' ich fassen eure rollenden Locken,
wie ihr ausschütten in den Sturm – aus Sinn
und Seele – meiner Dumpfheit Nebelflocken!
O meine Heimat –! schimmernd winkt der Fluß
und grüßt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,
wie aus dem Zauberwald der Kinderträume
der Mutter Blick, der Mutter reiner Kuß ...

Was weinst du, Sturm?! Hinab, Erinnerungen!
dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
es zuckt ein Schrei auf Millionen Zungen
nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
nicht sickert Einsam mehr von Brust zu Brüsten
aus stiller Tiefe nur der Sehnsucht Quell:
heut stöhnt ein Volk nach Liebe, wild und gell, –
und Du kannst schwelgen noch in Wehmutslüsten?!

siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn
dort überm Wald der Schlote und der Essen?
auf deine Reinheitsinbrunst schwarz ein Hohn
der Arbeit, deren Geist ihr Schmutz zerfressen!
Du hast gebuhlt mit deiner Sehnsucht bloß,
in dumpfer Glut dich selber nur genossen:
schütt' aus den Segen, der dir zugeflossen,
und deine Sünde stirbt im Eignen Schooß! –

Und blutig glüht es um die zackigen Türme,
ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt;
ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,
herniedersprießt ein Sonnenpalmenblatt.
O Herz der Weltstadt, Millionenstimme,
die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:
hinquillt wie Heilandsblut in diese Zeit,
der Strom der Liebe quillt aus deinem Grimme!

Den Kelch des Schweißes seh' ich geistverklärt,
das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert – –
Was lacht der Sturm?! Im Rohr der Nebel gärt,
knarrend die Kiefer ächzt, mein Mantel knattert:
Empor aus deinem Rausch! Wünsche, ins Grab!
nicht laß in Träumen deine Glut vermodern,
laß du aus Thaten deinen Glauben lodern! –
Empor, mein Geist! Hinab, mein Herz – – hinab!



Der befreite Prometheus


Vom Kaukasus herniederschritt Prometheus:
er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
Der Riese durfte wieder sich erheben
vom Felsen, dran er büßend hing:
er durfte nun hinab nach seiner Erde,
hin zu den Menschen, die so sehr er liebte,
daß er der eignen Seligkeit vergessen
und für sie stahl das Feuer vom Olymp.

Nicht dauerte den Götterkönig
des Himmelssohnes, des abtrünnigen.
Warum auch wagte den Gedanken er,
den Menschen Göttergut hinabzutragen?
Er hatte seinen Lohn dahin,
den Dulderlohn,
nach der Olympier unerbittlichem Gesetz! –
Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus;
und Laune war's und Gnade, daß sein Blitz
vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
die donnerkeilgeschmiedeten ...

O lange Qual! oh Leib – zerfleischt, entstellt!
Noch deckten Schwären die zerschundnen Knöchel;
kaum konnten die verkrümmten Finger schützen
die roten Male all, die frisch noch glänzten, –
auf all den Wunden, die ihm Tag um Tag
der Geier gierige Schnabelschläge rissen.
O Tage voller Wut und Ohnmacht!
oh Tag der Bitternis, da ihm die Kraft,
die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
zum Ersten Male
versagte vor der Uebermacht des Neides,
des weltbeschattenden, der alten Götter!
oh Tag, als in Verzweiflung starb sein Mut! –

Doch nun war Alles überwunden.
Versprüht die Kampfglut in den tiefen Augen;
erloschner Groll, verlohte Leidenschaft
die einz'ge Saat der tiefzerfurchten Züge, –
so tief, als sollten tausend Thränen drin
zu den verdorrten Wurzeln seiner Seele,
zum Grabe eines Lebens niederfolgen.
Um seine schmerzvernarbte Stirne zauste
der kalte Wind des Haars ergraute Büschel.
So schritt er abwärts, der gebeugte Riese ...

Nur ruhen wollt' er, ausruhn bei den Menschen,
sie um sich sammeln wie ein alter Vater seine Kinder, –
ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten,
den Frieden sehen, der emporgeblüht,
seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
seit er den unstät Irrenden
gebaut den ersten warmen, festen Herd, –
sich freuen der Geschöpfe jetzt,
die tierischwild in Hader, Haß und Habgier
sich um das nackte Leben schlugen einst,
die seine That ja erst zu Menschen schuf!

Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
ins ebne Land; da sah er schöne Fluren,
bebaute Aecker, wohlgehegte Gärten,
und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da lachte seine Seele: Siehe, Zeus!
war Das nicht wert der hundertjähr'gen Pein?
ja, meine Menschen will ich wiedersehn! – –

Und in die Dörfer ging er, in die Städte –
und ging und ging – und suchte hin und her
und fand –
weh, wehe, wehe – Alles wie zuvor.
Haß, Hader, Habgier schlugen sich im Streit
mit andrer Habgier, anderm Hader, anderm Haß, –
nur Eines fand er auf der Erde neu,
den Neid: den eklen winzigen Neid,
den Neid der Menschen um Besitz, –
und war doch da Genug, genug für Alle.
In Hütten sah er, in die Burgen sah er;
doch es war Alles Eines,
war Alles wie zuvor – und schlimmer noch ...

Zuletzt in eines Priesters reiches Haus
trat matt er ein. Dort wohnte ja der Friede,
den er vergebens bei den Andern suchte;
dort wo des Dankes stilles Sinnbild ihm
in heil'ger Lampe glomm die ew'ge Flamme,
dort auf geweihter Schwelle wollt' er rasten
noch Einmal unter Menschen – und sich dann
auf immer in die Einsamkeit verbergen.
Zum Hausherrn sprach er, der im Hofe stand:
Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir! –

Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
dem großen Mann ins düstre Angesicht,
und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,
und durch die Thür quoll eine fette Stimme:
Ich habe selber nichts; geh weiter, Narr!
Prometheus, der ist tot – und kommt nicht wieder;
ja, damals waren bess're Zeiten noch
als heute –!
Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.

Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken faßte
den Qualgewohnten, auf die heil'ge Schwelle
schlug er dahin, und stöhnend schluchzte er
zum Himmel auf: Oh Zeus! sehr furchtbar strafst du!
so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
Das war das Letzte! ich will sterben gehn! –
Und gellend jählings brach
ein Lachen hoch aus der zerrißnen Brust,
und rasend sprang er auf,
und brüllend rannte er dahin, dahin der Riese:
Fort von den Menschen! fort! zum Meer! ins Meer!
im Meer, da find' ich Ruhe! endlich Ruhe! – –
Da stand er oben auf der steilen Klippe ...

Und wieder sah im ebnen Lande unten
die schönen Fluren er, die blühenden Triften,
bebaute Aecker, wohlgehegte Gärten,
und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da gärte auf in ihm vergeßne Kraft,
da kochte auf in ihm verlernter Grimm,
vom Felsen ächzend riß er Stück um Stück,
und Stück um Stück in toller Blindheit schmiß er
brüllend ins Meer,
gell durch den Sturm
mit weinendem Gelächter flog sein Jammer:
O könnt' ich gleich die ganze Brut zermalmen,
die so mein Gut, mein göttliches, veraast!
Ha, meine Menschen, hahahah – –!

Da horch, was klang da? schwoll da nicht ein Schrei,
ein Menschenschrei voll Not und Angst empor?
Hinab er stierte: rollend ging die See,
von seinen Würfen zischend aufgerührt,
und auf dem Gischte trieb zerschellt ein Kahn,
und in den Wogen rang ein Mensch ums Leben.
Doch jetzt: schon schäumte von der stiller'n Flut
ein andrer Nachen her, draus warf sich
ein zweiter Fischer in die Brandung.

Und oben auf der Klippe stand Prometheus
und stierte, – stierte und erkannte sie:
auf seiner Wandrung hatt' er sie gesehen,
die ersten Menschen waren's die er traf:
Todfeinde waren's, – und jetzt kämpfte dort
der Feind dem Feind vereint um Feindes Leben! –
Und endlich siegten sie den schweren Sieg
und schleppten keuchend sich zum kahlen Strand
und schauten in die Augen sich
und sanken in die Arme sich,
sprachlosen Glückes, stummer Liebe voll.

Und oben auf der Klippe stand Prometheus
und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken
und – sah sie lachen, hörte jauchzen sie.

Da glühte auf in ihm vergeßner Glaube,
da lohte auf in ihm verlernter Mut,
und in die Kniee nieder brach Prometheus
und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
Oh Zeus! ich danke dir – du armer Gott –
ich bin so reich! ich fühle Menschenliebe!
o laß mich leben – ewig leben:
ich will – noch Einmal gehn – zu meinen Kindern!



Das Urteil des Paris


Eine Culturlegende.


Von den Höhen des Olympos löst sich eine lichte Wolke,
wallet über Flur und Fluten, weilet über Trojas Volke.
Und die Menge sieht mit Staunen, und die Priester sehn mit Beben
an dem glanzverklärten Himmel diese Eine Wolke schweben.
In den Tempel Aphrodites lenken sie die bangen Schritte; -
wo der Göttin uralt Bildnis raget in der Säulen Mitte,
sinken hin sie in die Kniee, küssen mit der Stirn die Erde,
breiten qualverzückt die Arme, flehn mit brünstiger Geberde:

Aphrodite, große Mutter,
Wollustzeugerin, wonnegebärende!
Deinem Schooß sind wir entsprossen,
Aphrodite Kybele!

Aphrodite, große Göttin,
Allbezwingerin, sinneberauschende!
Deiner Brüste Reiz umfängt uns,
Aphrodite Pandemos!

Aphrodite, Unheil droht uns!
Neidisch fühlen die anderen Göttinnen,
daß wir Deinem Dienst nur glühen;
Schönste, schütze deine Stadt!

Und von dannen zieht die Wolke; unten durch die grünen Matten
auf dem Ilischen Gefilde kriecht ein seltsam blasser Schatten.
Neue Furcht umstrickt die Beter, und sie wagen nicht zu danken;
und ein dunkles Schicksalsahnen will durch ihre Seelen schwanken,
wie der dichtgeballte Schatten durch die Ebene sich windet, –
bis im Wasser des Skamandros ihren Blicken er entschwindet.
Wo des Ida graue Kuppe schimmert in den blauen Lüften,
senket sich die Wolke nieder, bleich verschwimmend in den Klüften ...
Dort in einem Thal sitzt Paris, seines Vaters Herden hütend,
Priamos des Troërfürsten, – tief in Jünglingsträumen            brütend.
Über seinem Haupt im Laube eines wilden Apfelbaumes
summt der laue West die Weise zu den Stimmen seines Traumes.
Gramverdrossen lauscht der Jüngling ihren sehnsuchtschwülen Klängen,
die mit buntverworrnen Bildern ihm das heiße Herz bedrängen.

Ich soll im Elend mein Leben vertrauern,
weil ich schöner als Alle bin?!
soll hier verbannt sein zu Hirten und Bauern
um meiner Brüder neidischen Sinn?!

Warum kann ihnen mein Vater nicht wehren!
Weil mich ein Kebsweib trug an der Brust,
soll ich verzichten auf Glück und auf Ehren?
Ich soll büßen des Vaters Lust?!

Hör' ich die Stimmen hier in mir ringen,
packet mich Unrast in süßester Ruh'!
Sage, ach sage, was wirst du mir bringen,
Zukunft, Göttin der Jünglinge du!

In die Ferne, nach der Heimat schweift sein Blick in dunklem Harme,
und vor mächtigem Verlangen reckt er weithinaus die Arme:
Ach vergebens –! und mit müdem Seufzer sinkt zurück er wieder.
Plötzlich aus des Baumes Höhe fällt ein Apfel vor ihm nieder.
Zitternd auf der glatten Schale spielt des Mittagslichtes Flimmern,
durch die kummermatten Lider sieht er's schillern, sieht er's schimmern;
goldig flirrend lange Strahlen auf und nieder vor ihm schießen;
träge will die Frucht er greifen, sieht im Glanze sie zerfließen;
weiche Dünste ihn umhüllen, lichte Nebel ihn umwallen;
auf sein brennend Auge fühlt er einen linden Schlummer fallen, –
wie aus weiten Räumen hört er wunderreine Stimmen hallen, –
schaut, wie aus den Wolkenwogen sich verklärt Gestalten ballen;
ihm entgegen aus dem Nebel tauchen vor ihm auf die Leiber
eines leuchtend nackten Jünglings, drei gewandumwobner Weiber.
Hermes, der Olymposbote, dehnt vor ihm die            schlanken Glieder,
und mit seiner Göttermiene neigt er lächelnd sich hernieder:

All dein Trachten, schöner Schläfer,
aller Jugend Trachten ist es,
ist der ew'ge Traum der Menschheit:
Göttern gleich der Wünsche Fülle
mühelos erfüllt zu sehn!

Unaufhörlich seines Glückes
Eigne Wahl erfleht der Mensch sich;
darum unaufhörlich immer
steigen Himmlische gewährend
zu Erkorenen herab!

Sieh! mit ihren Gaben naht dir
jede Göttin des Olympos.
Wähle! Du, der Troër Schönster,
diesen Apfel gieb der Huldin,
welche dir die Schönste däucht!

Und er bückt sich rasch zu Boden, aus dem Gras den Apfel nimmt er;
kaum daß leicht er ihn gerühret, wie von lautrem Golde glimmt er.
Und er reicht ihn hin dem Jüngling, staunend läßt ihn Der fast sinken:
Träum' ich denn? ja nein, ich wache! sah ihn ja vorhin schon blinken,
fühle schwer ihn ja in Händen! – Prüfend will er um sich schauen,
da – mit stolz gemeßnem Gange tritt die Ragendste der Frauen
vor ihn hin. Gebietend steht sie. Und des Jünglings Blicke hangen
scheugebannt an ihrer Stirne, die von Hoheit ganz umfangen.
Und er wagt es nicht zu sehen, wie sie würdevoll die Hülle
festen Griffes wirft zur Erde, ihm entblößt der Glieder Fülle.
Nur ein Leuchten ihrer Schultern fast sein schüchtern Auge blendet,
dann bloß horcht er, wie sie zu ihm sich erhobnen Hauptes wendet:

Ich bin Here. Meinem Wunsch
frönet selber Vater Zeus.
Wahrlich! nicht um Ehren buhlt
des Olympos Königin.

Doch geschmäht hat mich dein Volk.
Beugen sollst du mir dein Volk.
Deines Vaters Thron sei Dein,
preisest du als Schönste Mich!

Jedes Erdengut sei dein,
aller Reichtum, alle Macht!
Und dein Wort, es sei Gesetz!
und dein Wink sei heil'ges Recht!

Schwer des Schläfers Atem woget, jäh die Wangen ihm erblassen,
während mit gewalt'gen Schauern Lust und Furcht sein Herz umfassen.
Nach der Herrlichen auf einmal sein beklommner Mut begehret;
aber eh' er aufspäht, hat sie schon verhüllt sich abgekehret.
Langhinschleppend die Gewänder sieht er sie vondannen schreiten;
und aus tiefer Brust erseufzend schaut ins Antlitz er der Zweiten.
Mit gesenkten Lidern sinnt sie, lässig langt sie nach den Hüften,
von des Kleides dichten Falten den geschuppten Gurt zu lüften.
Und der Jüngling folgt verstohlen ihrer Hand. Da bohrt's wie Flammen,
zuckt's wie Blitze ihm ins Auge, und er fährt bestürzt           zusammen:
stahlhell treffen ihn der Göttin weiterschlossne Strahlenblicke,
wie sie nun die letzte Spange schnell sich nestelt vom Genicke.
Und verwirrt hört er sie reden, blöde auf den Apfel starrt er,
nur der streng geschürzten Lippen flücht'ges Lächeln noch gewahrt er.

Höchste Weisheit in dem Rat der Männer,
auf dem Feld der Ehre höchster Ruhm
sollen deinen Scheitel krönen,
kürest du als Schönste Mich!

Unvergänglich wirst durch mich du herrschen,
noch im Tode wird dein Name herrschen,
herrlicher im Leben herrschen:
Ruhm ist Reichtum, Weisheit Macht!

Und nicht feile Demut sollst du werben
für des Donnrers liebstes Kind, Athene:
deine Stadt sollst du erlösen
aus der Schmach der Üppigkeit!

Schwerer wogt des Schläfers Atem, schwellend seine Pulse springen,
während heiß ihm in der Seele Ehrfurcht und Begeistrung ringen.
Hastig will der edlen Göttin schon den goldnen Preis er bieten,
da – rührt Hermes ihm die Achsel: »Höre erst noch Aphroditen!«
und ein schalkig boshaft Lachen meint der Jüngling zu vernehmen.
Doch als stutzend er sich umdreht, setzt der Gott sich mit bequemen
langen Schritten, ernsthaft nickend, wieder hin auf seine Hürde.
Unmut wölkt des Schläfers Stirne; und Athenes keusche Würde
will er prüfen doch und schauen, aber – still ist sie entschwunden ...
Und es nahet, schwebend, leise, milden Scheines ganz umwunden,
naht – von wehenden Geweben wie von Wolken sanft umflossen,
bebend nahet Aphrodite, steht von holder Scham umgossen;
und die Lüfte scheinen schmeichelnd sich in ihr Gewand zu schmiegen,
und der Jüngling glaubt den Dichtern, daß sie einst dem Schaum entstiegen.
Aus den langen Wimpern schmachtet feucht ihr Auge ihm entgegen,
schmelzen zärtlich ihre Blicke; und es schleicht ein heimlich Regen
und es rinnt ein süßes Grauen nieder ihm durch Brust und Lenden;
schauen mag er nur und schauen, wie sie nun mit zagen Händen
von den Armen streift die Schleier, wie des Busens weiße Wellen
fallend wallend durch die Spalten ihrer ros'gen Finger quellen.
Tiefer tauchen seine Blicke, wilde Schauer ihn umbreiten,
durch die zarten Hüllen ahnt er ihres Leibs Verborgenheiten;
schwerer immer wogt sein Atem, heißer seine Schläfen glühen,
kaum den weichen Lauten lauscht er, die von ihren Lippen blühen:

Ach, ich kann nur Liebe geben;
aber jedes Glück sei Dein,
welches meine Zauber weben!
Sage: willst du mir dich weihn?
willst du immer selig sein?!

Jedes Weib soll dich begehren,
dem dein leiser Wunsch nur lacht!
und dein Volk – wird höchst dich ehren,
höher rühmen solche Macht
als des Ruhmes kalte Pracht!

Und das schönste Weib auf Erden
in der Ferne weis' ich dir!
und noch schöner soll sie werden!
alle Reize geb' ich ihr –
meine Reize! Schaue: hier –!

und in herrlich kühner Freude schwingt die Himmlische den Schleier,
sieghaft blickend, auseinander; glanzumspielt in göttlich freier
Nacktheit vor dem Jüngling steht sie; und sie lächelt; und zu Füßen,
mit dem Preise, der Berauschte, liegt er vor der Anmutsüßen:
»Nimm ihn! gieb mir! gieb mir Liebe! Liebe –!« Da: um seine wirren
matten Sinne fühlt er's schwimmen, sieht er's flimmern, hört er's schwirren;
schwüle Dünste ihn umflechten, dichte Nebel aufwärts wallen;
wie aus weiten Räumen däucht ihm dumpf ein Zwiegesang zu hallen:
Fahre hin, du Sohn der Wollust! hast dir selbst den Stab gebrochen!
hast dir selbst das Urteil eben, hast es deiner Stadt gesprochen! –
Und erschreckt vom Boden will er auf sich raffen, da – – erwacht er,
sieht im Gras den Apfel liegen, und aus hellem Halse lacht er:
»Hei, solch Träumen lass' ich gelten! Morgen geht's hinaus ins Weite!
und nach Sparta zu der schönen Helena geht's auf die Freite,
und dem alten Menelaos raub' ich sie samt ihren Schätzen,
und am Neid der lieben Brüder will ich mich dann weidlich letzen!«
Pfeifend langt er sich den Apfel, schleudert lustig ihn gen Himmel,
lugt ihm nach ins Blau, da – sieht er, wie mit schwärzlichem Gewimmel
wirbelnd um des Berges Spitze sich ein Wolkenknäuel rühret;
und ein Ostwind hebt sich plötzlich, der die Wolke mit sich führet.
Gärend wälzt sie fort sich, bis sie drohend über Troja hanget,
wo – der Liebesgöttin huld'gend – alles Volk im           Festschmuck pranget.
Seltsam graue Schatten winden sich auf einmal durch die Gassen,
bang verstummt der tolle Jubel, scheu die Taumelnden erblassen.
Um die Türme, auf den Mauern sehn sie fahl die Sonne glänzen
und mit breitem Saum die Wolke feurig lohend sich umkränzen;
blutigrote Lichter fliegen unten durch die grünen Auen;
und die Menge sieht's mit Beben, und die Priester seh'ns mit Grauen, –
sehen angstvoll harrend endlich das Gewölk von dannen rollen,
während fernher – über Hellas – finstre Wetterschwärme grollen.



Jesus in Gethsemane


Lautlos ruhet, starr der Dom der Palmen,
schaun zum Mond die Schatten aus den Halmen,
weint die blauen Thränen still die Nacht.
Nur von heißen Menschenlauten schauert
dumpf der stumme starre Hain – und schauert:
einsam kniet und bebt und trauert
dort ein Mann und stöhnt mit weher Macht.

Höre, höre, Geist der Wahrheit,
meine Reue, meine dunkle Schuld:
der in Kampf ich wandelte und Starrheit,
Liebe lehrt' ich und Geduld!
Ach, ein Baum des Lichtes wollt' ich leben
übermächtig der Natur:
nur mein Glaube war mein Leben –
ach, sie sahn nicht Jesu Streben,
sahn die That, des Baumes Schatten nur!

Uebermenschlich hab' ich mich vermessen,
und sie haben fromm gemeint:
ich – ich lebte selbstvergessen!
Einer, Er nur wußte – – Judas! Freund!
warum – hast du – mich – verraten?!
könnt' ich doppeln mich durch mein Gebet,
spalten meine Worte, meine Thaten:
Menschen menschlich irrend zu beraten,
meiner Zweifel ein Prophet!

Und zum Mond die Arme wild gebreitet
und das Auge qualentief geweitet,
seine heißen Blicke schmachtend irr'n.
Und herab die bleiche Bahn der Strahlen
sieht er ziehn die Scharen seiner Qualen,
durch die Schatten ihm die fahlen
Dolche bohrend in die glühende Stirn.

Wehe, wehe, Geist der Liebe:
ganz in Reinheit thronst du klar und hoch, –
doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
und ich sah der Erde Schönheit doch! –
Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
Allen wollt' ich liebend glühn,
doch die Mutter ringet drob in Schmerzen
und mit sehnsuchtwundem Herzen
weint um mich die Magdalenerin!

Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
wollt' ich sammeln all mein arm Geschlecht;
doch: im Mitleid schläft die Rache schon, –
weh: auch Reichen gilt der Liebe Recht!
Judas, Judas, kommst du mich zu richten:
heißt Entsagung – heißt Gewalt mein Loos?!
Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
der Erlösung Reich emporzurichten?
Freiheit, lebst du im Gewissen bloß?!

Und aufs Antlitz zagend hingezwungen,
fühlt er heftiger die Anfechtungen,
und von Schweiß die Dulderstirne trieft.
Und ins Gras wie Blut die großen Tropfen
fühlt er brennend von den Schläfen tropfen,
an den Leib der Erde klopfen
seine Seele furcht-und-angstgeprüft.

Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
wird denn Sieg um Opfer nur gewährt?!
Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
hier die Todesschale – hier das Schwert!
Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
eine Lebensleuchte wollt' ich stehn, –
aber jetzt in Todesnöten
sieh mich zittern, sieh mich beten:
laß den Kelch an mir vorübergehn!

Allzu willig war dem Fleisch mein Geist, –
weh: entbrächen meines Glaubens Gluten!
sollen Tausend um den Einen bluten,
diese Erde stehn durch mich verwaist?! –
Nein, ich fühl' es: nicht wie Ich will, Vater,
dunkler Geist, der Aller Seelen speist,
allen Fleisches Schöpfer und Berater,
Du des Lebens, Du des Todes Vater:
Deiner Hand – befehl' ich – meinen – Geist!

Und verzückt er lauscht – und sieht erglühen
fern die Nacht der Bäume: Fackeln sprühen,
durch die Schatten dumpfe Laute nah'n.
Und verklärt den Seherblick gehoben,
steht und hört er seiner Häscher Toben,
und ein Lächeln schluchzt nach Oben:
»Judas, komm! ich – schreite – nur – voran!«



Glaube, Liebe, Glaube


Eine Romanze aus alten Zeiten.


Reicher war in Spanien Keiner
als der Reichste von Sevilla,
als der reiche Ben Manasse,
aller Juden Stolz und Trost.

Denn schon lange ging ein Murren
drohend durch die Christenschaaren
ob der zähen Macht des Volkes,
das den Heiland einst erwürgt.

Doch das Gold des Ben Manasse
schützte Alle; – seinen Reichtum
grüßten selbst die Christenfürsten.
Und die Priester schwiegen noch.


Schöner war in Spanien Keine
als die Schönste von Sevilla,
als des großen Juden Tochter,
einz'ge, schöne, Sulamith.

Und die Söhne ihres Stammes
kamen weither sie umwerbend,
emsig wie die Bienen schwirren
um den Mandelblütenbaum.

Aber sie erhörte Keinen;
denn es liebte sie ein Ritter,
Don Alvaro de Niebla,
denn den Ritter liebte sie.

Heimlich war ihr reines Lieben:
ach, der fromme stolze Ritter
haßte ihres Vaters Glauben
und verachtete ihr Volk!

Und weil sie so sehr ihn liebte,
und weil Er so sehr sie drängte,
nahm sie heimlich seinen Glauben; –
und nun hieß sie Margarita.


Viel geweihtes Wasser floß schon
damals über Judenstirnen;
denn – die Furcht des Heil'gen Geistes
tauft hinweg die Menschenfurcht.

Und die Christen drohten lauter!
nur die Fürsten schwiegen still noch
vor dem Gold des Ben Manasse, –
doch die Priester murrten schon.

Er, der greise Jude selber,
ob auch treu dem Gott der Väter,
schaute oft voll tiefer Sorge
auf sein liebes, einzig Kind.


»Sulamith, mein schutzlos Täubchen,
willst du einen Mann nicht wählen
aus den Söhnen deines Stammes,
der ein sichres Nest dir baut?«

Ach, mein Vater! nein, mein Vater!
frage nicht! Ich kann nicht lieben,
Die ich sah von unserm Stamme.
Du, mein Vater, bist mein Schutz!

»Sulamith, mein einzig Kleinod,
sieh: er ist sehr alt, dein Vater!
Wirst du auch allein, verlassen
treu dem Gott der Väter sein?!«

O mein Gott, mein Gott –! Mein Vater,
frage nicht! Ja, ja, ich schwöre:
immer treu zu sein dem Glauben,
den ich habe... Oh mein Gott!

»O du Leuchte meines Alters,
o du Morgen meiner Tage,
Sulamith, Tau meiner Nächte,
Sulamith, – ich segne dich!«


Weinend lag, so oft die Nacht sank,
weil sie ihren Vater liebte,
weil sie ihren Liebsten liebte,
Margarita Sulamith.

Und an jedem Abend wollte
sie den Ritter bitten, mit ihr
hinzutreten vor den Vater, –
doch sie schwieg: er war so stolz.

Und an jedem Morgen wollte
Alles sie dem Vater sagen,
doch sie konnt' ihn nicht betrüben,
und sie schwieg: er war so alt.

Ja, sie liebte ihren Vater,
liebte mehr ihn, weil so gut er,
mehr ihn, weil so fromm er glaubte,
mehr, je mehr sie um ihn log.

Ja, sie liebte ihren Ritter,
liebte mehr ihn, weil so stolz er,
mehr ihn, weil so heiß er glaubte,
mehr, je mehr sie um ihn litt.

Liebte seinen, ihren Glauben,
liebte ihn, den Mann am Kreuze,
liebt' ihn um sein großes Leiden,
mehr, je mehr sie selber litt.

Aber morgens, aber abends
lächelte vor ihrem Vater,
lächelte vor ihrem Liebsten
Margarita Sulamith.


»Margarita, meine Sehnsucht,
siehst du wol den Mondschein beben
um die weichen Wellenbrüste
dort im Guadalquivir?!

Margarita, meine Sehnsucht,
siehst du dort den Abendfalter
taumeln durch die Fliederblüte?
Margarita, siehst du nicht!«

Ach, Alvaro! ach, ich seh' ihn
in ein großes Feuer flattern.
Ach, und sieh: der Mond verbirgt sich
hinterm Turm des Domes dort!

»Margarita, dort im Dome
wartet doch der Altar unser!
Laß mich nun nicht länger bitten,
Margarita! Folge mir!«

Oh, Alvaro – schone meiner!
denk' an meinen alten Vater!
laß uns warten – heimlich – bis er –
bis – –, und scheu verstummte sie.

»Sag's nur! bis er tot, der Jude!«
stieß er zitternd durch die Zähne,
stürzte wild er aus dem Garten, –
und sie wankte blaß ins Haus.


Und es kam auf stillen Sohlen
durch die Sommerglut geschlichen
nach Sevilla ein gefräßig
katzenhaft Gespenst – die Pest.

Auf den Gassen, in den Kammern
lag zum Sprunge sie gekauert;
und nun leckte sie die Fänge,
reckte sie zum üppigen Schmaus.

Ueber tausend tausend Leiber
spannte sie ihr bläulich Tischtuch;
und das Mahl mit ihr zu teilen,
kam ihr Bräutigam – der Tod.

Tag und Nacht sie gierig schwelgten;
rings die Leichenfeuer brannten,
ihres grausen Liebesfestes
Hochzeitsfackeln, – Tag und Nacht.

Und der geile Bund ward fruchtbar:
aus dem Schooß der Pest gekrochen
kam ans Licht ein blindgeboren
gräulich Vampyrzwillingspaar, –
und es hob sich in die Lüfte,
hakte sich in alle Ohren,
kroch durch alle Christenherzen:
blinde Angst und blinder Haß.

Schwirrend durch ganz Spanien flog es, –
und es zischelten die Priester,
und es raunten auch die Fürsten,
und es knirschte wild das Volk:

Drückt sie tot, die Judennattern!
sie vergiften uns die Brunnen!
Die den Heiland einst gekreuzigt,
wollen würgen nun auch Uns!


Gier'ger immer fraß die Pest noch;
unter Christen, unter Juden
wütete ihr großer Hunger;
fraß und fraß und ward nicht satt.

Hielt im Bann den Haß der Christen,
hielt im Bann das Gold der Juden;
Jeder floh die Hand des Andern,
Freund den Freund, und Feind den Feind.

Kind verschloß sich vor dem Vater,
Weib verschloß sich vor dem Manne, –
nur die Leichenknechte karrten
beutelüstern durch die Stadt.

Denn durch alle Schlösser langte,
durch die Bretterthür der Hütte,
durch das Eisenthor der Steinburg,
mit der Krallenfaust die Pest;

langte durch die rissige Lehmwand,
langte durch die Marmormauer, –
und der große Ben Manasse
war auch Einer, den sie griff.


In dem hohen Prunkgemache
auf den seidnen Polsterpfühlen
wälzte sich in Fieberschauern
einsam Spaniens reichster Mann.

Sein Gesinde all verbarg sich,
seit den Hauch der Pest es spürte;
seinem Kind befahl er selber,
fern zu bleiben seinem Leib.

Nur der alte treue Asser
lugte manchmal durch den Thürspalt,
reichte seinem Herrn an langer
Stange hastig Wein und Brot.


Sieben Tage schon in Qualen
wand sich einsam Ben Manasse,
sieben Tage schon in Aengsten
um sein einzig, schutzlos Kind.

Immer in den wilden Träumen
sah er in ein großes Feuer
sein gehetztes Täubchen flattern
vor der Wut des Christenvolks.

Nein, o Qual! das Feuer brannte
in ihm selber! immer wilder!
nagte heiß an allen Knochen,
züngelte schon um sein Herz.

Wehe, wie es zuckend glühte –!
»Wehe, weh! mein Kind verbrennt drin!
Herr, Du bist ein Gott der Juden –
Herr, und bist der Christen Gott!

Herr, o Herr! du siehst das Herz nur!
Herr, sie ist mein einzig Kleinod!
Ich, Herr, bin dir treu gewesen –
Herr, mein Gott, verzeihe mir –

Asser – Herr, verzeih mir – Asser!
Asser, hörst du –? Gott, ich sterbe!
Asser – aber nicht herein hier –
Asser, – rufe mir – mein Kind!«


Vor dem hohen Prunkgemache
lehnte bleich in wirrem Brüten,
ihres Vaters Tod belauschend,
Margarita Sulamith.

War er nicht sehr alt, ihr Vater?!
war sie jung nicht und voll Liebe?!
war er nicht ein starrer Jude?!
war Alvaro nicht ihr Glück?!

Aber Jammer, wie er stöhnte!
wie er wimmernd drinnen raste,
wie er auf den Knieen rutschte,
röchelte zu seinem Gott!

Da: was war das? Heil'ge Jungfrau,
für sie selbst zu Gott er schluchzte!
Da, wer schrie das: Ja, Jehovah,
Du bist auch der Christen Gott –!

O mein Heiland, o mein Vater!
Jesus, – jetzt ein Winseln – Kratzen:
»Sulamith, du sollst nicht sterben!
Sulamith, vernimmst du mich?

Sulamith, die Christen kommen!
Sulamith, mein schutzlos Täubchen,
Sulamith – geh, – laß dich – taufen!
Herr, verzeih mir! räche nicht!«


Da riß taumelnd sie die Thür auf,
fort den alten Diener stieß sie,
stürzte nieder zu dem Juden:
»Vater, Vater, o vergieb!

Wenn ich's gleich nicht wert bin, Vater!
Ach, er bat so! mein Alvaro!
Christin bin ich! O vergieb mir,
Vater, daß ich dich betrog!«

Christin? Fluch, mein Kind betrog mich!
oh Jehovah, Deine Rache! –
»Vater, Vater, meine Thränen!
meine Reue –! Segne mich!«

Und in heißer Kindesliebe
weinend mit dem Vater rang sie,
küßte die geballten Fäuste,
küßte den verzerrten Mund, –

bis die pestzerfreßnen Finger
segnend um ihr Haupt sich legten,
bis er mit den blauen Lippen
Segen hauchte – und verschied.


Zu den Füßen Don Alvaro's
krümmte sich der alte Asser:
»Herr! das – Mädchen, das Euch liebet,
ruft nach Euch. Sie hat die Pest.«

Herr, mein Heiland, Margarita –!
fort, verfluchter Jude, eh ich – –
Doch er schlug nicht; stieren Auges
schwankte er dem Alten nach.


Dreimal kam und ging die Sonne.
An dem Lager Margaritas
kniete schlaflos Don Alvaro.
Dreimal kam und ging der Mond.

Wild mit seinem Gotte rang er
um das eine eine Leben,
das er liebte –; furchtbar scholl sein
Beten durch die öde Nacht.

»Oh, Alvaro, bete nichtmehr!
küsse, küsse mich! ich sterbe.«
Nein, nicht sterben, Margarita!
Margarita –! Herr, sie stirbt –

Fluch ihm, ewig Fluch dem Juden,
der im Tod sein Kind noch würgte!
»Weh, Alvaro! weh, was thust du!
wehe –!« und ihr Auge brach.


Tot –? Da fuhr der Wahnsinn in ihn.
»Tot? nein, nein, du lebst! du lebst ja!«
Brünstig ihren Leib umschloß er,
preßte zu ihr sich ins Bett:

»Margarita, meine Sehnsucht,
hörst du? küsse mich! o sprich doch!
küsse, küsse mich zu Tode!
lebe doch –! o küsse mich!«

Sieben Tage, sieben Nächte
hielt den Leichnam er umklammert,
kos'te die verwesten Glieder,
kos'te den zerfallnen Mund.

Sieben Tage, sieben Nächte
schrie er tobend seinen Gott an,
ihn zu töten; – grausig gellte
durch Sevilla sein Gebet.

Und dazwischen, gräßlich lästernd,
fluchte er dem toten Juden, –
selbst die frechen Leichenknechte
flohn entsetzt vor seiner Wut.

Bis am achten Tage endlich
aus der Stadt die Pest gesättigt
mit dem Tod vondannen keuchte.
Aber Ihn verschonten sie.


Vor dem Kruzifix, gesundet,
lag zum Ersten Mal er wieder;
aus dem düstern Auge lohte
himmelauf ein stummer Schwur.

Zehen volle Monde trug er
dann die Martern schwerster Buße,
geißelte die welken Glieder,
fastete den matten Leib.

Bis es mählich stille wurde,
das verbuhlte wilde Herze;
dann sein Gut den Armen gab er,
und ging hin und ward ein Mönch.

Und zog aus auf alle Gassen,
predigte auf allen Plätzen,
predigte in allen Kirchen,
predigte vor jedem Haus, –

bis es durch ganz Spanien brauste:
Drückt sie tot, die Judenpestbrut,
die den Heiland uns gekreuzigt,
die ein Fluch der Christenheit!

bis die Fürsten in Gesetzen
vor den Juden Spanien schützten,
bis ihr Blut zum Himmel rauchte,
bis sie wichen aus dem Reich.

Und so reinigte vom Aussatz
seine holde Heimaterde,
ward ein Retter seines Volkes –
und ward Prior, und ward Bischof,

ward Erzbischof von Sevilla
Spaniens großer Judenhasser,
Spaniens erster Judenwürger:
Don Alvaro de Niebla.



Dahin ...


Ueber Rußlands Leichenangesicht
faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
auf das stumme, weiße, kalte Antlitz
hohlen Auges starrt die Nacht und lauscht.
Gellend hallt ein Geläute.

Dumpf ein Stampfen von Hufen – ein Schlitten kreischt,
fahl flatternder Reif – der Schlitten fliegt;
es dampfen die Pferde, die Peitsche pfeift,
stiebende Furchen die Kufe pflügt;
flimmernd zittern die Birken.

»Knecht, was hörtest du von – Bonaparte?«
Bang aufschreckend der Bauer horcht erschauernd,
wie da hinter ihm das steinern bleiche
Antlitz mit den harten Lippen
Laute so voll Trauer spricht.

Rückwärts horcht der Alte – hockt und starrt,
starrt und staunt mit frommer Furchtgeberde:
drüben weit im Osten aus der Erde
drohend taucht die rotgeballte
Mondfaust in die öde Nacht, –

düster wie von Blut die lange Straße glimmt,
wie von Blut die blanken Birken perlen,
wie von Blut umtropft das Haupt im Schlitten thront, –
»Knecht, was sagt man von dem großen Kaiser?!«
Klagend schrillt das Geläute.

Auf zuckt der Bauer, die Peitsche klatscht,
die Glocke schreit, hohl rauscht's im Schnee, –
und schwer nun, feiervoll und sacht,
wie uralt Lied so dumpf und weh,
kommt Wort um Wort gezogen:

»Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
fressen wollte sie den heil'gen Mond, –
doch der heil'ge Mond steht noch am Himmel,
und zerstoben ist die schwarze Wolke.
Volk, was weinst du?

Stolz der kalte Sturm die Wolke rollte,
fressen sollte sie die stillen Sterne, –
aber ewig blühn die stillen Sterne,
nur die Wolke hat der Sturm zerrissen;
und den Sturm – verschlingt die Ferne.

Und es war ein großes schwarzes Heer,
und es war ein stolzer kalter Kaiser, –
aber unser Mütterchen das heil'ge Rußland
hat viel tausend tausend stille warme Herzen,
aber ewig lebt das Volk.«

Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocke wimmert;
auf den nackten Birken flimmert
rot der Reif, der mondbetaute.
Den Kaiser schauert.

Durch die leere Ebne irrt sein Auge:
über Rußlands Leichenangesicht
faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
hängt der große rote dunkle Mond,
eine blutige Thräne Gottes.



Vierter Klasse


Es rollt und rüttelt und dröhnt und stampft
und klirrt und rasselt und schnaubt und dampft;
an kreisenden Feldern vorüber im Flug
durch Pommerns Ebne saust der Zug.

Ich schaue und schaue und weiß es kaum;
ich lausche nur immer in stolzem Traum,
wie donnernd um Axe und Axe kreist
in Form gegossen der Menschengeist ...

Da schreit ein Kindchen neben mir;
der Traum entweicht, es bangt mich schier.
Das Weinen klang so weh, so lind;
so zart, so mager ist das Kind.

Im Wagen trüb die Dämmrung graut,
das Gaslicht fahle Schatten braut;
aus rotgewürfeltem Bettchen sticht
so blaß heraus das kleine Gesicht.

Von Kisten und Kasten eingeengt,
von Säcken und Päcken eingezwängt,
bringt schaukelnd die Mutter ihr Kind zur Ruh'
und summt ein Wiegenlied dazu.

Und rings umher ein müd Geschwirr
gebrochener Laute, rauh und wirr;
und Mienen, knochig, derb und stumpf;
und Menschendünste, dick und dumpf.

Zusammengehockt mit zagem Mut,
mit ihrem letzten dürftigen Gut,
aus Posen und Preußen sitzen sie da
und wollen nach – Amerika.

Nur wenn das Wörtchen »Drüben« fällt,
ein Hoffnungsschein ihr Auge hellt;
und Alle atmen tiefer dann,
und Alle sehn sich nickend an.

Doch durch ihr Seufzen, ihr murrend Gestöhn,
durch Rädergescholler und Eisengetön
wie ew'ger Hoffnung Stimme zieht
der Mutter leises Wiegenlied.

O Heil'ger Stall von Bethlehem!
dein Wunder ist noch heut zu sehn,
wenn arm und schwach ein Weib beglückt
ihr Kind ans bange Herze drückt! –

Nun schläft's, nun deckt sie's ein recht warm
und legt's behutsam aus dem Arm
und schmiegt an ihren Mann sich dicht
und schaut ihm liebreich ins Gesicht;

und Er versteht den Mutterblick
voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
und mit der starken Schwielenhand
zeigt er hinaus ins finstre Land:

»Sei ruhig, Marie! du wirst schon sehn,
da drüben wird Alles anders gehn;
da schaff' ich uns eigen Feld und Vieh,
da ist's genug, wenn Ich mich müh';

Du kannst dich ruhen manche Stund',
ihr werdet Beide wieder gesund;
und unser Kind hat, wenn es groß,
im neuen Land ein besser Loos!«

Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
zerschmelzen in dem Einen Blick,
mit dem sich diese Bauernseelen
von ihrem Kinde stumm erzählen ...

Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
saust weiter und weiter der jagende Zug.

Ich horche und horche und weiß es kaum;
ich träume einen gläub'gen Traum,
wie hoffend und liebend Aufwärts kreist
zu neuen Formen der Menschengeist ...

Im Wagen schweigend schwebt die Nacht,
der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
die Bäurin auch – ist eingenickt,
aufs Knie des Mannes hingebückt.

Der sitzt noch wach mit mir allein;
wir gucken uns still in die Augen hinein,
bis bald von der Zunge ein Wörtchen sich dreht
und hin und her das Flüstern geht.

Und Er erklärt mir, wie es kam,
daß sie verkauften ihren Kram
und dem Agenten sich verdingt,
der nun sie in den Urwald bringt.

Es war kein neues Wort dabei,
es war die alte Litanei
von saurem Schweiß und Hungerlohn,
an der nur neu des Jammers Ton! –

Und wie dann gar noch Weib und Kind
ihm schwach und krank geworden sind,
da hätten sie endlich das Schwerste gewagt,
dem Dörfchen Lebewohl gesagt.

»Und hat sie auch zuerst geweint,
so hat sie doch zuletzt gemeint:
fällt's uns auch schwer, wenn nur das Kind
ein ander Loos als wir gewinnt!«

So schwinden Stationen im Fluge vorbei
und Glockensignale und Kellnergeschrei,
und bleicher tanzen die Lichter schon:
der Morgen steigt auf seinen Thron.

Und um uns her bewegt es sich
und reckt und dehnt und regt es sich,
und langsam werden Alle wach
und blinzeln in den jungen Tag.

Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
an denen jeder Halm uns grüßt
und jeder Sonnenstrahl das Herz
zum Lachen zwingt – trotz Not und Schmerz.

Die Fenster nieder! schallt's im Chor,
und Alle drängen sich freudig vor
und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
mit Türmen und Masten Hamburg winkt.

Die Mutter aber, still bewegt,
ihr Kindchen an die Brust sich legt
und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
und – – Himmel, was stiert sie und küßt es nicht?

was stiert und stiert sie, daß mir graut –?
Da winselt leis ein Klagelaut,
da liegt's im Schooß ihr starr und tot.
Der Vater, der stammelt: Barmherziger Gott –!

Im Wagen plötzlich wird es stumm,
die Bauern sehen scheu sich um,
manch blödes Auge schwimmt und flimmert.
Mein Kind, mein Kind! die Mutter wimmert ...

Es kreischt die Maschine, es stockt der Lauf;
die Schaffner reißen die Thüren auf.
Ich stehe im hallenden Bahnhofsraum,
da braust das Leben, es gilt kein Traum;

es gilt, daß man sich's ganz gesteh',
wie unbekümmert um Glück und Weh
in ewig eigenen Bahnen kreist
schaffend und formend der Menschengeist!

Zu eng


Aus den Papieren eines Arztes.


Vier Treppen hoch, nach Hinten hinaus:
ein hundertfenstriges Vorstadthaus.
Die Kammer schmal
und niedrig und kahl;
ein rissiger Spiegel, zerschlissen ein Bette,
ein Wassernapf; kein Stuhl, kein Tisch;
und von den Wänden glänzte frisch
der Armut schimmlichte Tapete.
Kaum konnt' ich durch die Thür und kaum
mich drinnen bewegen: so füllte den Raum
ein plumper Sarg, schmucklos und roh,
ein Armensarg. Und auf dem Stroh
des Bettes saß ein magrer Mann,
noch jung, allein mit jenen alten Zügen,
mit denen Gram und Not die Zeit betrügen.

Ich grüßte scheu. Er sah mich an
und nickte stumpf
und seufzte dumpf
und stierte brütend wieder hin
aus hohlem Aug' zum offnen Sarg,
in den ich gestern mit ihm barg
die tote Curbelstepperin,
ihr totes Kind im welken Arm.
Mich peinigte sein starrer Harm;
drum nahm ich ihn fast grob am Kragen
und habe derb ihn angesprochen,
er solle erzählen, sein Leid mir sagen,
nicht sitzen, als hätt' er's selbst verbrochen!
bis er sich endlich zusammengerüttet
und seine Seele mir ausgeschüttet.

»Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen;
es war ein einziges, langes Quälen.
Es mag wol bald zwei Jahr her sein,
da zogen wir hier Beide ein, –
das heißt, noch eh' wir Bekanntschaft gemacht, –
Schlafstelle blos, in Aftermiete:
ich für den Tag, sie für die Nacht.
Sie steppte damals Trauerhüte
in der Fabrik bis abends Acht
und kam erst gegen Neun nachhaus;
ich mußte auf den Droschkenbock
für meinen Fuhrherrn nachts hinaus.

So ging es wol zwei Monat lang;
wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank.
Herbst war's; in ihrem dünnen Rock
und bei dem weiten, nassen Gang –
sie war schon immer zart gewesen –
da hat sie wol was weggekriegt.
Ja, Herr! da gab's kein Federlesen:
Geld hatten wir alle Beide nicht,
ihr Bischen blos im Kassenbuch,
fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug,
wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen,
wir mußten uns hier zusammen bequemen,
bis wieder sie konnte auf Arbeit gehn.

Ja, Herr! und da, da ist es geschehn.
Wir hielten's aus nicht auf die Länge,
wir beide! man ist ein Mensch doch blos!
und unsre Sehnsucht war so groß, –
wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!

Seitdem ist sie mit mir gegangen;
hat's auch zur Heirat nicht gelangt,
wir haben unserm Schöpfer gedankt,
daß wir so eben durch uns zwangen.
Wir thaten unser Lohn in Eines
und legten noch zurück ein kleines.
So haben wir unsern Weg genommen,
ganz gut, – bis ihre Zeit gekommen.
Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten.
Sie konnte nicht mehr die Maschine treten;
was Andres hatte sie nicht gelernt,
die Eltern hatten sie früh entfernt.
Nun lebten wir Beide von meinem Lohn,
und's war für Mich zu knapp fast schon.
Was half uns da nun unser Plagen,
was half uns da nun unser Sparen:
wir mußten die Sachen zum Juden tragen!

Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren,
ich hab' mich vor keiner Mühe geschämt,
ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt, –
sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu,
sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt, –
und dann, dann kam das Kind dazu:
ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern,
ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern, –
da hab' ich verloren meine Ruh',
da hab' ich zum ersten Mal betrogen,
den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen,
und noch einmal, und noch einmal, –
mir schnitt zusehr ins Herz die Qual, –
und Mancher thut's jahrein jahraus,
um's beim Budiker zu versaufen,
und ich, ich wollte Essen kaufen,
und, Herr – bei mir, bei mir kam's raus!

Mir wurde noch von Glück gesagt,
daß mich mein Herr blos weggejagt.
Ihr und dem Wurm da gab's den Rest:
nach Arbeit bin ich in Ost und West
seit vierzehn Tagen herumgelungert,
und dabei, scheint's, sind sie verhungert.«

Er nickte stumpf
und keuchte dumpf
und glotzte hohlen Augs mich an
mit einem Blick so müdgehetzt,
so jeder andern Regung bar,
daß mir's den Rücken niederrann.
Ich hatte, zu trösten, mich hingesetzt
und sah, daß Trösten Hohn hier war,
wo also stumm das Elend schrie.
Ich drückt' ihm blos das spitze Knie,
den dünnen Arm und nahm den Hut
und sagte: »Kommen Sie zu mir morgen,
ich werde Arbeit für Sie besorgen.«
Er dankte: »Herr Doktor, Sie meinen's gut;
ich will auch kommen, und ehrlich mich schinden,
und werde auch wol weiterfinden, –
blos sie, sie wird davon nicht wach!
Ja, Herr! blos einen kleinen Verschlag,
ja hätten wir blos gehabt ein Loch,
daß wir nicht immer uns mußten sehen:
es wäre Alles nicht geschehen,
sie lebten alle Beide noch!
Wir hätten gewartet, wir hätten gespart,
wir waren ja beide von frommer Art, –
wir hätten uns selber' ne Droschke geschafft,
dann hatt' ich ja Verdienst die Menge, –
so aber ging's uns über die Kraft:
wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!«

Und nach dem Sarge stierte er wieder,
da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider:
»O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär',
dadrinnen in dem engen Kasten!
jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten,
jetzt ist's ihr auch zu eng nicht mehr!«
Er stieß ihn heiser heraus den Witz,
er wollte lachen vor wühlendem Weh;
da riß es ihn um – so brach's in die Höh',
da schmiß es ihn nieder von seinem Sitz,
und weinend warf er sich über die Leiche
und küßte das Antlitz, das abgezehrt bleiche.

Da bin ich stille weggegangen,
mir graute vor der schmalen Kammer,
und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
als sei ich auch schuld an all dem Jammer.



Ein Märtyrer


Jetzt sollt ihr hören ein rauhes Lied,
von Zagen und Erbarmen leer!
Der Winternachtsturm schreit im Ried
und peitscht das Schilf wie Heu umher;
vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr! –

Die Hütte umheult er am Haiderand
und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
und reißt an den Haspen und Sparren,
daß im Froste sie kreischen und knarren
und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
und dichter zum Schooße der Mutter sich kauern.

Die streckt von Aengsten dumpf gerührt
zum Vater, der finster mit hastiger Faust
Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
die bittenden zitternden Hände:
»Ach, Mann! geh nicht durchs Moor! mir graust!«
Doch stumm aus dem Packen ein Blatt er zaust
und weist ihr die Worte am Ende:

Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
weil Jeder nur immer sich selber bedacht;
so habt ihr euch selber zu Knechten gemacht!
drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen!
Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
die Fünkchen zu sausenden Flammen! –

Die Backen ihm zucken, hart er spricht:
»Drum bettle nicht! drum quäl' mich nicht!
ich hab's den Genossen geschworen!
Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
sonst mach' ich den Sieg uns verloren!« –

»Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
dein Weib und die jammernden Kleinen!
Geh nicht, geh nicht – die zweite Nacht
das Eis erst steht! o Gott, es kracht,
es bricht! o sieh mich weinen!

es schreit zum Himmel! dein Leben ist mein –«
Da flackert sein Auge von Zorn und Pein:
»Schrei lieber zu Teufel und Hölle!«
und grimmig wuchtet die Last er hoch
und knirscht, schon tritt er die Schwelle:

»Hat's etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
daß Morgen um Morgen ich muß in den Schacht
die Knochen für'n Hungerlohn tragen?
und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
für Glück und Gerechtigkeit wagen?!

Leb wohl!« – Ins Schloß die Klinke knallt.
Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
Des Mondes Stirne blank und kalt
am fahlen Horizonte droht.
Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
Wie Thränenströme flimmern im Eis
des Mondes bleiche Blicke.

Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht, –
doch bald: dann hat er die Brüder erreicht,
schon glitzern – – da knistert's, da biegt es sich sacht –
ein Hilfegestammel – da spellt es und kracht
und schollert – – ein Seufzer verbrodelt im Moor, – –
schrill winselt's im Schilf, hohl röchelt's im Rohr;
hui! zischt es und pfeift's in den Binsen ...

Oh rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
nach Opfern schreit der Sturm im Ried! –
Doch fernher rauscht der Frühlingsföhn;
dann beben die Schollen, es sprießt die Saat,
die Ernte der Schnitter des Elends naht!

Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,
dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,
die Helden alle, die Niemand weiß, –
und jedes Toten verwitterter Mund
wird klaffend nach Rache dann blecken
und tausend Lebendige wecken!



Die Magd


Maiblumen blühten überall,
er sah mich an so trüb und müd, –
im Faulbaum rief die Nachtigall:
die Blüte flieht! die Blüte flieht!
Von Düften war die Nacht so warm,
wie Blut so warm, wie unser Blut,
und wir so jung und freudenarm, –
und über uns im Busch das Lied,
das zuckende Lied: Die Glut verglüht!
und Er so treu und mir so gut ...
In Knospen schoß der wilde Mohn,
es sog die Sonne unsern Schweiß;
es wurden rot die Knospen schon,
da wurden meine Wangen weiß.
Ums liebe Brot, ums teure Brot
floß doppelt heiß im Korn sein Schweiß;
der wilde Mohn stand feuerrot, –
es war wol fressendes Gift der Schweiß, –
es ward auch seine Wange weiß;
und die Sonne stach im Korn ihn tot ...

Die Astern schwankten bleich am Zaun,
im feuchten Wind die Traube schwoll;
im Hofe zischelten die Frau'n,
der Apfelbaum hing schwer und voll.
Es war ein Tag so regensatt,
wie einst sein Blick so blaß und matt;
die Astern standen braun und naß,
vom gelben Blatt der Nebel troff;
da stieß man sie voll Hohn und Haß,
die sündige Magd, hinaus vom Hof ...

Nun blüht von Eis der kahle Hain,
die Thräne friert im schneidenden Wind;
aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
Die hungernden Spatzen bettelnd schrein,
vom blanken Dach die Krähe krächzt;
am schlaffen Busen zitternd ächzt
mein Kind, und Keiner läßt uns ein;
wie die Worte der Reichen so scharf und weh
knirscht unter mir der harte Schnee.

So weh – oh, bohrt es mir im Ohr:
du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
Und dennoch beten sie empor
zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?! –
Oh, brennt mein Blut – was that denn ich?
war's Sünde nicht, daß sie gebar? –
Mein Kind, mein Heiland – weine nicht:
ein Bett für dich – dein Blut für mich –
vom Himmel rieselt's silberklar:
wie träumt es sich so süß im Schnee –
was that denn ich? – wie müd und weh!
war's Liebe nicht –? war's – Liebe – nicht?



Ein Dankopfer


Robert Koch,
dem Forscher, dem – Menschen.


Dumpf knirscht das Stroh der Lagerstatt;
»Oh Luft, oh Luft!« zuckt auf ein Mund.
»Oh mein blasses Kind! mein welkes Blatt,
mein krankes Glück!« keucht stumm und wund
ihr Weh die heiße Lunge hoch;
»ich darf nicht küssen mehr mein Kind« –
quillt hohl ein Hauch – »o stürb' ich doch!«

Hart rasselt durch die Kammer hin
der blanke Nähmaschinenstahl;
und die Tochter hebt das fahle Kinn,
und es stockt das Rad; ein Sonnenstrahl
malt Flammen auf die kahle Wand
und auf der Mutter Schneegesicht
und auf der Tochter feuchte Hand.

Und brennend Hand in Hand sich saugt
und die sieche Brust an die sieche Brust,
und brennend Aug' in Auge taucht:
Oh süßes Licht! – o du leuchtende Lust!
o dunkler Tod –! blüht ein Gebet
wie Rosen durch den goldnen Schein;
»O leben – leben!« die Lippe fleht ...

Vom Tische rauscht das Zeitungsblatt
aufs Bett; und wieder rasselt hart
der kalte Stahl. Und die Mutter matt
schlägt auf das Blatt und liest – – und starrt –
und starrt und liest, – und purpurn sprießt,
auf der weißen Wange der Nelkenfleck
sprießt purpurn auf; und sie starrt und liest.

Das – ist – keine Lüge? Blank von Glut,
hin über die Dächer ihr Auge glüht, –
und es wächst und es winkt aus der Sonnenflut
eine schimmernde Stirn, und ein Fittig sprüht,
und tausend Seelen ruhen drauf,
und es küßt sie alle ein Heilandsmund,
und er trägt sie alle zur Sonne hinauf, –

und es träufen hernieder, ein funkelnder Tau,
Lichtperlen des Lebens zum dunkeln Grund, –
und nun jauchzen die Seelen auf blumiger Au, – –
und es schluchzt durch die Kammer ein stammelnder Mund
und ein Schrei der Wonne zum Himmel gellt:
»Er macht uns Alle gesund, gesund!
nun darf ich dich küssen, mein Kind, meine Welt!«

Und »Mutter, Mutter!« die Tochter keucht,
und es stockt das Rad, und am Bett sie liegt,
wo von zuckender Lippe zum Kusse geneigt
hin über die Zeilen ein Blutquell bricht;
auf flackert verlöschend ein letzter Blick,
hohl quillt ein Hauch von letzter Lust:
»Gerettet Du – mein Kind – mein Glück!« –
Umklammert ruht in feuchter Hand
die starre Hand; die Abendglut
malt flammende Rosen an die Wand;
schwarz leuchtet Wort an Wort im Blut,
wie Ein Geist tausend Leben regt;
und durch die stumme Kammer weht
der Geist, der alles Leben hegt.



Bismarck


Abendglocken am 20. März 1890.


Glocken – Glocken –
sonst den Donner klagen wir,
sonst den Flammensturm frohlocken wir:
heut frohlocken, Volk, um Dich –
heut um Dich, Bismarck,
klagen unsre Zungen, –
aber immer
widerhallt aus unserm
Mund die Kraft.

Immer hungernd,
dumpf, bang nach Opfern
ruft der Mund der Kraft.
Doch auch immer
auf zu dumpfen Jubellauten
thut den Mund die dunkle
Mutter dann;
denn auch immer
zeuget, zeuget Opfer sich
jung
immer jung der Schooß der Kraft ...
Nur ein Hauch
kommt und rühret das Gebot der großen
Mutter die Erkornen;
doch dahingezogen
folgen sie gebannt und wachsen
zu den Wolken, –
folgen sie und wankend
bebt der Boden, –
folgen sie
und
fallen.

Einem Schooß entrungen,
Einem Muttergrunde,
rollt der Strom
und
quoll der Glut-
Block,
der nun – kalt – die Wogen
staut empor.
Hingetürmt, stolz,
hochenthoben dem Gebrause,
starr thront das Lavahaupt,
ruhet die gewalt'ge Sohle, –
schaut: starrer immer,
nur gewaltiger noch
von der Wucht der Brandung
eingebohrt dem Boden, der ihn schuf!
Aber aufgebäumt nun,
voller prallt und wühlt und kocht die hohe Flut,
schaut: voller immer,
und es wankt die Sohle, wankt das starre
stolze Haupt,
das zur Macht den Drang der Woge
dämmend hob.
Horcht: grollend krachen,
rauschend drohen
ringsum dunkle Jubelklagelaute, –
horcht in Ehrfurcht:
heut der Kraft gefallen
ist ein Opferzeuge! –

Ruhe, ruhe,
Bismarck, graue Klippe du –
rolle, rolle,
Volk, du auferwachte junge Stromflut –
hohl verhallet
eurer keuchenden Umarmung
dumpfer Odem,
ausgerungne Opferschlacht! –
Doch die Woge, doch wohin die Woge?
denn auch Er, der heute
übers alte Haupt dir, Du Gesunkner,
hoch hinweggeschäumt im Zollern-Stolze:
ja, ein Schaum nur sprüht er,
der die Woge,
die empörte junge Woge krönt.

Doch wohin, wohin die junge Woge? –
Lausche, deute, lausche,
der dein Haupt Du selbst gefürstet,
der erfüllet
das Gebot der großen Mutter Du:
lausche du den fernen Glocken,
wenn du wandelst
stumm im öden Parke, wo im Winde
schwanke Schatten streun die hohen
dunklen Lebensbäume:
lausche dann und deute
du der Glocken bange Laute dann:
Sohn der dunklen
immer jungen
nimmer satten Mutter Du –
der Kraft ...



Deutung


Wüstenlied an meinen Stern.


Da ich nun in Einsamkeiten
träume von dem goldnen Land,
von den fernen Seligkeiten
unerfüllbar schöner Zeiten,
und der goldne Kreis der Weiten
weiter sich und weiter spannt, –
rührt auf Einmal mich ein Bangen:
welchem, welchem Ziele zu?
tief und tiefer ein Verlangen:
Quelle meiner Sehnsucht Du!



Schutz


Doch hatte niemals tiefere Macht Dein Blick,
als da du Abschied fühlend still am Ufer
standest, schwandest; nur Dein Auge
blieb und bebte über den Wassern.

Dunkel folgte der Schein den leuchtenden Furchen;
und ich sah den Schaum der tiefen Flut,
sah dein weißes Kleid zerfließen:
Du stumme Seele! –

Dein Phönix.




Fußnote


1 Anm. d. Setzers: Die Quatre Lettres?