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Richard Dehmel – Weib und Welt

Gedichte

Richard Dehmel, Weib und Welt mit einem Sinnbild, Verlag von Schuster u. Loeffler, Berlin, 1896.



                                      Erst wenn der Geist von jedem Zweck genesen
                                      und nichts mehr wissen will als seine Triebe,
                                      dann offenbart sich ihm das weise Wesen
                                      verliebter Thorheit und der großen Liebe.
                                              Euch und Mir in Dankbarkeit.




Gondelliedchen

Bitte, bitte, Vögelchen:
Schiffchen hat 'n Segelchen,
segelt übers Meer:
Vögelchen, komm her!
Komm und setz dich, laß dich wiegen,
warum willst du immer fliegen,
machst es dir so schwer!

Singe, kleiner Passagier!
Wenn die großen Wellen krachen,
wird dein Lied uns ruhig machen;
still vergessen wir
Erde, Mensch und Tier.




Das Märchen vom Maulwurf

Vor vielen tausend Jahren, als die Menschen noch keine Kleider trugen, lebte mitten in der Erde ein Zwerg, so tief unten, daß kein Mensch etwas von ihm wußte. Und er selber wußte von den Menschen auch nichts, denn er hatte sehr viel zu thun. Er war ein König über die andern Zwerge, und schon fünf mächtige Höhlen hatte er sich ausputzen lassen, und war ganz alt und grämlich dabei geworden, so viel hatte er zu befehlen.

Es war aber nicht dunkel da unten in den Höhlen, sondern eine glänzte immer bunter als die andre, so viel Diamanten und Opale hatte das Zwergvolk drin aufgebaut, und die Wände waren von blankem Krystall, jede in einer besonderen Farbe. Und da saß nun der König der Zwerge, in seinem Mantel von schwarzem Sammet, auf einem großen grünen Smaragdstein, und faßte sich an seine spitze Nase und überlegte mit seinen alten Fingern, ob auch Alles hell genug wäre. Er fand es aber durchaus nicht hell genug.

Da machten ihm die andern Zwerge eine sechste Höhle zurecht, mit Wänden von lauter Rubinen, die wie ein einziger Feuerschein glühten, und das dauerte tausend Jahre, aber er fand auch Das noch nicht hell genug. Als er nun immer trauriger wurde in seinem schwarzen Sammetmantel, kamen die Andern alle zusammen, und die jüngsten sagten zu den alten: laßt uns eine blaue Höhle machen!

Dafür wären sie beinahe totgeschimpft worden, denn bis dahin hatte das Zwergvolk die blaue Farbe nicht leiden können. Weil aber alle andern Farben in den sechs Höhlen schon verbraucht waren, sagten endlich auch die ältesten Zwerge ja und gaben den jungen die Hände. Dann gingen alle an die Arbeit und putzten heimlich eine siebente Höhle aus, mit Wänden von echten Türkisen, die so hellblau wie der Himmel waren, und das dauerte wieder tausend Jahre.

Die gefiel nun dem Könige wirklich, und der allerälteste Zwerg, der fast so alt war wie der König selbst, schoß vor Verwunderung einen Purzelbaum. Darauf trugen sie den großen Smaragdstein in die neue Höhle, und der König setzte sich auf ihn und freute sich, wie schön sein schwarzer Sammetmantel zu den hellblauen Wänden paßte. Nachdem er aber fünfhundert Jahre so gesessen hatte, fand er auch Das nicht mehr hell genug; er wurde trauriger als je zuvor und seine Nase immer spitzer.

Fünfhundert Jahre saß er noch und überlegte seinen Kummer, sodaß er schon ganz fett zu werden anfing. Endlich ließ er sich die jüngsten Zwerge kommen und sagte: macht mir eine Höhle, die ein Licht hat wie alle Farben in eine verschmolzen! Aber Das verstanden auch die allerjüngsten Zwerge nicht, und glaubten, ihr König sei verrückt geworden.

Da beschloß er, sie zu verlassen und selbst nach seinem hellen Lichte zu suchen. Er stieg herunter von seinem Smaragdstein, und schnitt den schwarzen Sammetmantel etwas kürzer, sodaß er Hände und Füße frei bewegen konnte, und fing an zu graben. Weil aber unten in der Erde die Andern schon alles abgesucht hatten, so meinte er, das Licht, wonach er solche Sehnsucht hatte, müsse wol mehr oben liegen, und grub sich in die Höhe; und weil das Zwergvolk damals den Spaten noch nicht erfunden hatte, so mußte er die Finger zum Wühlen nehmen. Das that ihm nun sehr weh, denn er war das nicht gewohnt; aber er hatte solche Sehnsucht nach dem Licht.

Dreitausend Jahre wühlte der König der Zwerge und grub sich höher und höher hinauf. Die Haut um seine Finger war schon ganz dünn davon geworden, sodaß die kleinen Hände ganz rosarot aus seinem schwarzen Sammetmantel kuckten; aber immer sah er das Licht noch nicht. Nur tief von unten schimmerte noch ein blaues Pünktchen zu ihm herauf, aus seiner siebenten Höhle her; aber um ihn und über ihm war Alles schwarz. Auch etwas magerer war er geworden, und die Nase noch spitzer.

Da überlegte er, ob er nicht lieber zu seinem Volk zurückkehren sollte; aber er fürchtete, dann würden sie ihn absetzen und wirklich in ein Irrenhaus sperren. Also ging er wieder an die Arbeit mit seinen rosaroten Zwerg- händen, und grub nochmals dreitausend Jahre lang, und es wurde immer dunkler um ihn her, bis schließlich auch das blaue Pünktchen unter ihm verschwand. Als er nun garnichts mehr sehen konnte, hörte er auf zu wühlen und sprang in die Höhe und wollte sich den Kopf einstoßen, so furchtbar traurig war ihm zu Mute.

Da ging auf einmal die Erde über ihm entzwei, und er schrie laut auf vor Entzücken und schloß die Augen vor hellem Schmerz, so viel Farben gab es da oben, als ob ihn tausend bunte Messer stächen, bis ins Herz. Denn hoch im Blauen über der Erde, viel höher als er gegraben hatte, so hell wie alle Farben in eine verschmolzen, stand eine große stralende Kugel, und Alles war Ein Licht.

Als er es aber ansehen wollte und seine Augen wieder aufschlug, da war er blind geworden und fiel auf die Stirn. Und er fühlte, wie weh Das that, und wie sein schwarzer Mantel vor Schreck mit ihm zusammenwuchs, und daß er kleiner und kleiner wurde und seine Nase immer spitzer, und plötzlich rutschte er zurück in die Erde.

Seit dem Tage giebt es Maulwürfe hier oben, und darum haben sie ein schwarzes Sammetfell und rosarote Zwerghände und sind blind. Und manchmal, wenn die Sonne recht milde scheint, dann stoßen sie ein Häufchen Erde hoch und stecken die spitze Nase an die Luft, vor Sehnsucht nach dem Licht.




Maiwunder

Maikönig kommt gefahren
in seinem grüngoldnen Wagen
mit Saus und Gesinge.
Seine Zügel sind Sonnenstralen,
zwölf große blaue Schmetterlinge
ziehn ihn über Busch und Bach,
daß die weißen Blütenglocken
in seinen Locken
schwingen und springen,
und Hans kuckt ihm nach
und hört sein Lied:
Wer zieht mit? zieht mit?

Kommt das Maienweibchen,
trägt ein weißes Kleidchen,
trägt ein grünes Kränzchen,
sagt zu unserm Hänschen:
Eia, Hans,
komm zum Tanz!
Einen Schritt Frau Nixe,
einen Schritt Herr Nix,
Ringeldireih, Ringeldireih,
Dienerchen,
Knix!




Entladung

Ich kam mit meinem Alpenstocke
und offner Brust vom Berg geschlendert,
begegnet mir im Ordensrocke
ein Zug von Nonnen, grau bebändert,
zehn schwarze Paare.

Den Blick zu Boden, steif und stumm,
so kamen sie dahergestiegen,
ich seh die Thäler ringsherum
in leichenhaftem Glanze liegen,
Gewitter drohte.

Fern unten, wo noch Sonne gährte,
zog durch den wolkendunkeln See
ein Dampfschiff seine blanke Fährte,
und Tücher winken hell Ade;
ich schau nach Oben.

Wie sieht die Bergwand düster aus!
ein greller Kirchturm steht davor
und fordert frech den Blitz heraus;
die Tannen sträuben sich empor
wie Warnungszeichen.

Und herrisch kommt der Wind gesaust,
die Straße lang, mit Staub und Frische,
und nimmt die Birken in die Faust
und schüttelt sie wie Flederwische;
es donnert schon.

Die keuschen Ordensröcke stieben;
nur rasch vorbei, ihr armen Schwestern!
ihr dürft nur tote Heilige lieben;
rasch! eure stumpfen Blicke lästern
Natur und Leben.

Ah: wie die Gletscherkanten glühn!
vom Dampfer hör'ich Juchzer klingen;
der Regen klatscht ins wilde Grün,
und mit dem Wirbelwinde ringen
zwanzig Nonnenwaden.

Da hob ich meine Alpenstange
und schlug ein Kreuz auf ihren Trott
und lachte laut und lachte lange
und herzlich herzlos wie ein Gott –
sie hörten's.




Begegnung

Ich sah dich schon.
Im Sonnenschein
beim Roggenfeld am Wiesenrain
stand wilder Mohn;
die Kelche blühten blutrot breit,
den Schooß voll blauer Dunkelheit,
und jäh aus einer Knospe quoll
ihr glühendes Seelchen, unruhvoll.

So sah ich dich, du knospiges Kind, erglühn,
gestern im Feld am stillen Fichtenhain,
als im Vorübergehn mein Blick dich küßte;
mit allen Adern schienst du aufzublühn,
so scheu und rein,
als ob ich um Verzeihung bitten müßte.

War's ein Erglühn? war's nur ein Widerschein:
das Rot des roten Sommerkleids um dich,
das Abendrot, das fern verglomm im Tann?
War's ein Erglühn? – das erste war es dann,
das deine jungen Schläfen so beschlich,
so bang, so schwer sahst du mich an,
so fast voll Angst zurück nach mir,
als du verschwandest sacht im dichten
Gewühl der silbergrünen Fichten.

Doch meine Seele folgte dir,
dein blautief Auge blieb in mir.

Ich sah dich schon,
du flüchtendes Kind:
heiß durch den Roggen strich der Wind
und bebend neigte sich der Mohn.
Ich hab eine rote Blüte verwehn,
zwischen den Halmen zerflattern sehn,
und habe den Blättern nachgeträumt;
und immer ist mir noch, ich schaue
in ihren Kelch, der glutumsäumt
sich jäh vertieft ins Dunkle, Blaue –




Ein Stelldichein

So war's auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Hollunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Glück.

Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehst du wie ein Geist im Leichentuch –
lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht! sie that es selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab ...

Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.




Ausblick

Jetzt einen Schritt, dann stürzt vom Rande
mein Leben in die Schlucht hinab.
Wie hängt die Sonne tief im Lande!
Ich recke mich auf meinem Stande,
und alle Sehnsucht fällt mir ab.

Denn dort aus Wald- und Wolkenkränzen
ragt mir erreichbar Firn an Firn,
die Wirklichkeit ist ohne Grenzen:
wie nah die fernen Dörfer glänzen,
der Strom dazwischen wie ein Zwirn!

Ich lehne mich zurück mit Grauen:
was ist hier groß, was ist hier klein!
Da blüht ein Enzian; nun schauen
zwei Menschenaugen in den blauen,
einsamen, winzigen Kelch hinein.

In gelben Pollen reist der Samen,
Unendlichkeiten ahnen mir,
und selig ruf' ich einen Namen –
du Mutter meiner Kinder, Amen,
mein Leben Du, ich danke dir!




Am Ufer

Die Welt verstummt, dein Blut erklingt,
in seinen hellen Abgrund sinkt
der ferne Tag,

er schaudert nicht; die Glut umschlingt
das höchste Land, im Meere ringt
die ferne Nacht,

sie zaudert nicht; der Flut entspringt
ein Sternchen, deine Seele trinkt
das ewige Licht.




Manche Nacht

Wenn die Felder sich verdunkeln,
fühl'ich, wird mein Auge heller,
schon versucht ein Stern zu funkeln
und die Grillen klingen schneller,

jeder Laut wird bilderreicher,
das Gewohnte sonderbarer,
hinterm Wald der Himmel bleicher,
jeder Wipfel hebt sich klarer,

und du merkst es nicht im Schreiten,
wie das Licht verhundertfältigt
sich entringt den Dunkelheiten,
plötzlich stehst du überwältigt.




Aus banger Brust

Die Rosen leuchten immer noch,
die dunkeln Blätter zittern sacht,
ich bin im Grase aufgewacht,
o kämst du doch,
es ist so tiefe Mitternacht.

Den Mond verdeckt das Gartenthor,
sein Licht fließt über in den See,
die Weiden stehn so still empor,
mein Nacken wühlt im feuchten Klee;
so liebt'ich dich noch nie zuvor!

So hab'ich es noch nie gewußt,
so oft ich deinen Hals umschloß
und blind dein Innerstes genoß,
warum du so aus banger Brust
aufstöhntest, wenn ich überfloß.

O jetzt, o hättest du gesehn,
wie dort das Glühwurmpärchen kroch!
Ich will nie wieder von dir gehn!
O kämst du doch!
Die Rosen leuchten immer noch.




Heimat

Und auch im alten Elternhause
und noch am Abend keine Ruh?
Sehnsüchtig hör'ich dem Gebrause
der hohen Pappeln draußen zu.

Und höre sacht die Thüre klinken,
Mutter tritt mit der Lampe ein;
und alle Sehnsüchte versinken,
o Mutter, in Dein Licht hinein.




Dann

Wenn der Regen durch die Gosse tropft,
bei Nacht, du liegst und horchst hinaus,
kein Mensch kann ins Haus,
du liegst allein,
allein: O käm er doch! Da klopft
es, klopft, laut – hörst du? leise, schwach
tönt's im Uhrgehäuse nach;
dann tritt Totenstille ein.




Die stille Stadt

Liegt eine Stadt im Thale,
ein blasser Tag vergeht;
es wird nicht lange dauern mehr,
bis weder Mond noch Sterne,
nur Nacht am Himmel steht.

Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
es dringt kein Dach, kein Hof noch Haus,
kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
kaum Türme noch und Brücken.

Doch als den Wandrer graute,
da ging ein Lichtlein auf im Grund,
und aus dem Rauch und Nebel
begann ein leiser Lobgesang
aus Kindermund.




Der entzückende Krüppel

Er ritt ein dunkelgraues Eselchen,
zwei bunte Tiere liefen vor ihm her,
wir konnten sie von ferne nicht erkennen.
Wir gingen still durch eine stille Flur,
ich und die Frau, die mir aus Liebe treu ist,
wir gingen langsam eine lange Straße.
Die Pappeln zeigten schon vergilbte Blätter,
ein Dornbusch setzte neue Blüten an,
der Himmel schien auf abgemähte Wiesen
und streute Schatten auf die bunten Tiere,
Dorfkinder trabten um das Wunder mit.
Als nun aus ihrem Schwarm das Ohreuschütteln
des Eselchens allmählich mehr hervortrat,
erkannten wir, die Tiere hatten Hörner
und ihre Farben waren nicht Natur:
vor einem blaugetünchten Ziegenbock
lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege.
Der Reiter aber auf dem Eselchen
war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf,
und lächelte mit jungen roten Lippen,
und seine blauen Augen rührten mich.
Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen
hing allerlei unnützer Tändelkram,
wie Liebesleute sich zu schenken pflegen,
und jedes Stück war grell in Rot und Blau
und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt,
ich dacht' an Hölle, Himmel und den Tod.
Der schöne Junge aber nickte hold
und rief uns beiden zu: »kauft, liebe Leute!«
und hob glückselig seine Waare hoch.
Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar
mit kläglichem Gemecker angesprungen,
daß sich der Kinderschwarm bei Seite drückte,
und ich erschrak bis in die Eingeweide:
ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt.
Die Beine hörten mit den Knieen auf,
die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf,
der rechten mangelte der Zeigefinger.
So saß er zügellos auf seinem Grauchen
und schüttelte den wilden schwarzen Krauskopf
und hob glückselig seinen Kram noch höher
und sah uns rührend und entzückend an.
Und während ich noch stand und schauderte,
durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte
die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens,
sagte die Frau, die mir aus Liebe treu ist:
»Der arme Bursche! wie er sich verstellt!«
Der schöne Krüppel aber lächelte
und sprach: »So wenig wie mein Eselchen!
nur meine beiden Ziegen thun mir leid.«
Sie fragte: »Warum dann bemalst du sie?
das muß dir doch sehr große Mühe machen;
durch welch ein Unheil bist du so entstellt?«
Da wurden seine roten Lippen traurig,
er blickte scheu auf seine Heiligenbilder
und sagte leise vor sich hin: »Geschäftspflicht« –
die blauen Augen winkten uns Lebwohl.
Noch lange sahn wir in der langen Straße
zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben,
und sahn sein dunkelgraues Eselchen
und ab und zu sein buntes Ziegenpaar,
der Himmel schien auf abgemähte Wiesen.




Die Reise

Tipp, tapp, Stuhlbein,
hüh, du sollst mein Pferdchen sein!
Klipp, klapp, Hutsche,
du bist meine Kutsche,
wutsch!

Wipp, wapp, zu langsam,
hott, wir fahren Eisenbahn!
Alle meine Pferde,
um die ganze Erde,
rutsch!

Tipp tapp, zipp zapp,
halt, wann geht das Luftschiff ab!
Fertig, Kinder, eingestiegen,
wollen in den Himmel fliegen,
futsch!




Das Kind

Na lach doch, Kind! Dein Zuckerschneckchen,
schwarz Sammetjäckchen, rote Bäckchen,
dein ausgestopftes Häschen,
dein Mäulchen, Händchen, Näschen
hat all der liebe Gott gemacht.
Ei, Herzekindchen, rasch: zerbeiß,
zerreiß, zerschmeiß –
ei, wie der liebe Gott nu lacht!




Ein Grab

Das sind die Abende, die bleich verfrühten.
Die Georginen, die im Sonnenscheine
wie rot und gelbe letzte Rosen glühten,
stehn fahl, Rosetten aus verfärbtem Steine.
Der Nebel klebt an unsern Hüten.

Komm, Schwester. Dort der Zaun von Erz
umgittert Eine, die zu früh verblich.
Komm heim; mich friert. Sie liebte mich.
Sie hatte Nichts vom Leben als ihr Herz;
still that sie wohl, still litt sie Schmerz.




Ruhe

Nach Verlaine.
Auf die Nachricht vom Tode des Dichters.

Ein großer schwarzer Traum
legt sich auf mein Leben;
Alles wird zu Raum,
Alles will entschweben.

Ich kann nichts mehr sehn,
all das Gute, Schlimme;
kann dich nicht verstehn,
o du trübe Stimme.

Eine dunkle Hand
schaukelt meinen Willen,
meine Wiegenwand,
still, im Stillen.




Ernte

In diesem Jahr verlor ich einen Freund.
Hier unterm Nußbaum sprachen wir uns aus.
Das Laub wird gelb; es wartet auf den Wind.
Ist Das der Schluß?

Hier unterm Nußbaum gab mir eine Frau
in diesem Jahr errötend ihre Hand.
Still weht ein Blatt und tropft ins welke Gras.
Ist Das der Schluß?

In diesem Jahr ... Vor meine Füße fällt
ein dumpfer Schlag zu Boden und zerplatzt
und aus der Kapsel rollt die rauhe Frucht.
Das ist der Schluß.




Stiller Gang

Der Abend graut; Herbstfeuer brennen.
Ueber den Stoppeln geht der Rauch entzwei.
Kaum ist mein Weg noch zu erkennen.
Bald kommt die Nacht; ich muß mich trennen.
Ein Käfer surrt an meinem Ohr vorbei.
Vorbei.




Die Harfe

Unruhig steht der hohe Kiefernforst,
die Wolken wälzen sich von Ost nach Westen,
lautlos und hastig ziehn die Krähn zu Horst,
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Aesten,
und dumpfer tönt mein Schritt.

Hier über diese Hügel ging ich schon,
als ich noch nicht den Sturm der Sehnsucht kannte,
noch nicht bei euerm urweltlichen Ton
die Arme hob und ins Erhabne spannte,
ihr dunkeln Riesen rings.

In großen Zwischenräumen, kaum bewegt,
erheben sich die graugewordnen Schäfte,
durch ihre grüngebliebnen Kronen fegt
die Wucht der lauten und verhaltnen Kräfte
wie damals.

Und Eine steht, wie eines Erdgotts Hand
in fünf gewaltige Finger hochgespalten,
die glänzt noch goldbraun bis zum Wurzelstand
und langt noch höher als die starren alten
einsamen Stämme.

Durch die fünf Finger geht ein zäher Kampf,
als wollten sie sich aneinanderzwängen,
durch ihre Kuppen wühlt und spielt ein Krampf,
als rissen sie mit Inbrunst an den Strängen
einer verwunschnen Harfe.

Und von der Harfe kommt ein Himmelston
und pflanzt sich mächtig fort von Ost nach Westen,
den kenn ich tief seit meiner Jugend schon,
dumpf tönt die Waldung aus den braunen Aesten:
komm, Sturm, erhöre mich!

Wie hab ich mich nach einer Hand gesehnt,
die mächtig ganz in meine würde passen!
wie hab ich mir die Finger wundgedehnt!
die ganze Hand, die konnte Niemand fassen!
Da ballt'ich wüst die Faust.

Ich habe mit Wollüsten jeder Art
mich zwischen Gott und Tier herumgetrieben:
ich steh, und schmerzhaft reiß ich mir den Bart:
nur Eine Wollust ist mir treu geblieben:
zur ganzen Welt.

Komm, Sturm der Allmacht, schüttel den starren Forst,
schüttelst auch mich, du urweltliches Treiben,
in scheuen Haufen ziehn die Krähn zu Horst,
gieb mir die Kraft, Einsam zu bleiben,
Welt!




Geheimnis

In die dunkle Bergschlucht
kehrt der Mond zurück.
Eine Stimme singt am Wassersturz:
O Geliebtes,
deine höchste Wonne
und dein tiefster Schmerz
sind mein Glück –




Drama

Sie ist nur durch mein Zimmer gegangen
und hat mir nur ihr Schicksal erzählt,
und ich habe sie mit Trost gequält
und saß und starb fast vor Verlangen.

Sie hat geträumt von meinen Händen:
sie aß von ihres Mannes Brot,
da kam ich an und drückte sie tot,
sie hielt ganz still. Wie wird das enden –




Klage

In diesen welken Tagen,
wo Alles bald zu Ende ist,
sturmzerfetzte Sonnenblumen
über dunkle Zäune ragen,

Wolken jagen
und den Boden flammenfarbne
Blätterstürze schlagen:

da müssen wir nun tragen,
was wir uns mußten sagen

in diesen welken Tagen.




Zukunft

Du reiche Frau, du edle Frau,
mit deiner Sehnsucht unterm Herzen,
du möchtest jubeln und erschrickst;
ich sehe dich in deinen Schmerzen,
wie du beim Schein der Ambrakerzen
die seidne Wiegendecke stickst.

Du zählst die Fäden, silbergrau
und schwarz und blutrot, und dir schweben
viel tausend Hände vor, die weben,
viel tausend graue Mutterhände,
die weben, weben ohne Ende;
ich seh dich, wie du grausig nickst
und dunkel durch dein Zimmer blickst.

Und tausend Kinder siehst du stehen,
die still an einem Stricke drehen,
früh alt vor Hunger und Gebrest,
und siehst die Väter sich erheben,
alle, die häßlich müssen leben,
damit es Schönheit könne geben,
sie stürmen dein geschmücktes Nest:

Madam, dies blutige Garn, wer spann es?!
Da würdest du in Todeswehen
entzückt sein, könntest du dich sehen,
wie sich zum mörderischen Fest
die schmutzige Faust des Arbeitsmannes
um deine weiße Kehle preßt.




Enthüllung

Du sollst nicht dulden, daß dein Schmerz dich knechte,
du bist so gern vor Freude wild!
Komm vor den Spiegel – – O wie schwillt
dein düstres Haar, wie lebt dein Bild,
wie blüht dein Mund – als wenn durch Nächte
der Blitze bläuliches Geflechte,
der Honigduft der roten Disteln quillt!

Dein weißes Kleid ist wie zum Hohne
mit türkischen Märchenblumen toll durchzackt.
Ich träume dich auf schwarzem Throne.
Du bist verschleiert bis zur Krone.
Doch wärst du keusch wie Magelone:
wir Träumer sehen Alles nackt!

Gieb her, gieb her den Trauerschleier,
ich reiß ihn lachend dir entzwei,
ich bin dein Einziger, dein Befreier,
dein Herr – was starrst du so ins Feuer,
so schmerzhaft – – O verzeih! Verzeih!




Bewegte See

Noch Einmal so! Im Nebel durch den Sturm,
das Segel knatterte, die Schiffer schrieen,
das Bugspriet stand im Wasser wie ein Turm,
ich fühlte deine Angst in meinen Knieen
und sah dein stolz und fremd Gesicht.

Noch Einmal wollte mir dein Auge drohn,
wie eine Flamme stand dein Haar im Winde,
und in den Wellen rang ein Ton
wie das Gewein von einem Kinde,
da wehrtest du mir nicht:

Um meine Lippen lag dein naß wild Haar,
um deine Schulter lag mein Arm gezogen,
und unsern Kuß versüßte wunderbar
der Schaum der salzigen Sturzwogen,
da schrie ich laut vor Freude auf.

Noch Einmal so! Was thust du jetzt so kalt,
hast du denn Furcht vorm offnen Meere?
Es peitscht dich warm! Komm bald, komm bald,
im Hafennebel tanzt die Fähre –
hinaus! hinauf!




Der Sturm

Der Sturm ging noch die ganze Nacht,
ganz daß die Nacht dem Abend glich.
Ich bin fortwährend aufgewacht:
wie war der Abend schauerlich!
Uns schnitt der Ton bis unters Herz;
dann haben wir noch mehr gelacht –
Du, dein Mann, und ich.




Beschwichtigung

Die Nacht wird kühl; mein Schatten kriecht
im Sand am Rand des Ozeans.
Der Mond vergießt sein fremdes Licht
und nimmt den Sternen ihren Glanz.
Die See rauscht.

Was quäl ich mich! Hier trieb vielleicht
schon manches Paar sein loses Spiel,
und sind erglüht und sind erbleicht
und sprachen dann vom Tode viel,
Die See rauscht.

Wenn alles Land gefroren ist,
wenn übers eingeschneite Feld
die Sonne ihren Glanz ergießt,
dann wird dir fremd sein, was dich quält.
Die See rauscht.




Mannesbangen

Du mußt nicht meinen,
ich hätte Furcht vor dir.
Nur wenn du mit deinen
scheuen Augen Glück begehrst
und mir mit solchen
zuckenden Händen
wie mit Dolchen
durch die Haare fährst,
und mein Kopf liegt an deinen Lenden:
dann, du Sünderin,
beb'ich vor dir –




Jesus bettelt

Schenk mir deinen goldnen Kamm;
jeder Morgen soll dich mahnen,
daß du mir die Haare küßtest.
Schenk mir deinen seidnen Schwamm;
jeden Abend will ich ahnen,
wem du dich im Bade rüstest –
o Maria!

Schenk mir Alles, was du hast,
meine Seele ist nicht eitel,
stolz empfang'ich deinen Segen.
Schenk mir deine schwerste Last;
willst du nicht auf meinen Scheitel
auch dein Herz, dein Herz noch legen –
Magdalena?




Immer wieder

Ehe wir uns trennen konnten,
o wie hielt mich dein Gesicht,
sahen wir noch Einmal, dicht,
dicht an deines mein Gesicht,
in den Winterwald zurück,
wo die Bäume sich noch sonnten,
wo die Abendwolken prangten,
wo ins feuergoldne Licht
die verworrnen Zweige langten,
und wir baten Gott um Glück.




Alles

Laß uns noch die Nacht erwarten,
bis wir alle Sterne sehn;
falt die Hände – in den harten
Steigen durch den stillen Garten
geht das Heimweh auf den Zehn.

Geht und holt die Anemone,
die du einst ans Herzchen drücktest,
geht umklungen von dem Tone
einst des Baums, aus dessen Krone
du dein erstes Fernweh pflücktest.

Und du schüttelst aus den Haaren,
was dir an der Seele frißt,
selig Kind mit dreißig Jahren,
Alles wirst du noch erfahren,
Alles, was dir heilsam ist.




Hans im Glück

Hättest du mich doch gesehen,
wie ich durch den Sommer ging:
Augen blos für meine Zehen,
böse jedem Schmetterling.
Glück und Unglück nannt'ich dumm;
gott, wie ging ich Weiser krumm!

Jetzt ist Feld und Himmel grau,
und viel Unglück wird geschehen,
treulos Weib, geliebte Frau,
denn du hast mich angesehen,
und ich gehe wie ein Licht;
gott, wie leuchtet mein Gesicht!




Verklärte Nacht

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond läuft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen,
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:

Ich trag ein Kind, und nit von dir,
ich geh in Sünde neben dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen;
ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensfrucht, nach Mutterglück
und Pflicht – da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt,
nun bin ich dir, o dir begegnet.

Sie geht mit ungelenkem Schritt,
sie schaut empor, der Mond läuft mit;
ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:

Das Kind, das du empfangen hast,
sei deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um Alles her,
du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von dir in mich, von mir in dich;
die wird das fremde Kind verklären,
du wirst es mir, von mir gebären,
du hast den Glanz in mich gebracht,
du hast mich selbst zum Kind gemacht.

Er faßt sie um die starken Hüften,
ihr Atem mischt sich in den Lüften,
zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.




Das Schloß

Ich bin arm, du bist reich,
darum bau ich dir ein Schloß
aus meinen purpurnsten Träumen.
Das steht am grauen Nordseedeich,
wo die funkelndsten Wellen schäumen.

Denn unsre Liebe ist so groß,
daß die ganze Welt mir ein Spiel ist,
und alle Meere um unser Schloß
erschauern, was mein Ziel ist.

Mein Ziel ist eine tiefe Nacht,
wir schwimmen auf unserm Schlosse,
und die Wellen springen an unsre Yacht
wie trunken schreiende Rosse.

Und ich laß ein brandrotes Nordlicht scheinen,
du liegst vor mir in Flammen,
und unser glühendes Schloß stürzt ein,
und wir stürzen mit ihm zusammen
und ertrinken –




Erfüllung

Daß du auch an meinem Herzen,
Herz, nur neue Sehnsucht fühlst
und dich in vergangne Schmerzen
schmerzlicher als je verwühlst:
ist das nicht Erfüllung, Du?

Wenn die Erde schmilzt vom Eise,
daß die Luft nach Frühling schmeckt,
und in immer neuer Weise
wild ihr Grün zum Himmel reckt:
ist das nicht Erfüllung, Du?

Wenn wir dann noch Ostern feiern,
weil ein Mensch sein Leben ließ,
der den Frevlern wie Kasteiern
gleiche Seligkeit verhieß:
ist das nicht Erfüllung, Du?

Laß die tragische Geberde,
sei wie Gott, du bist es schon:
jedes Weib ist Mutter Erde,
jeder Mann ist Menschensohn,
Alles ist Erfüllung, Du!




Morgenstunde

Ob du wol auch so schlaflos liegst
und dich in wachen Träumen wiegst
vor Glück, wie sehr die Sehnsucht brennt?
Ich starr' ins dunkle Firmament:
der Morgenstern, in großem Bogen,
ist langsam längst heraufgezogen
und läßt mich lächelnd fühlen, was uns trennt.

Vor meinen schwachen Augen
- nun weiß ich doch, wozu sie taugen –
stralt er, je ferner her, je flimmernder.
Weihnächtig glänzt die graue Stille;
o zögre, Alltag! ohne Brille
sieht man die Welt unendlich schimmernder.

Schon aber glitzert sein Gezitter blasser;
nun steh ich auf und geb der Lilie Wasser,
die du mir gestern heimlich brachtest.
Und wenn du mich dafür auslachtest:
sanft nehm'ich sie von ihrer Stätte
und leg sie auf mein warmes Bette
und fühle lächelnd, wie du nach mir schmachtest.




Schneeflocken

Gnädige Frau, es schneit, es schneit!
Tragen Sie heut Ihr weißes Kleid?

Gnädige Frau, hier in der Ferne
schneit's bei hellichtem Tage Sterne.

Und diese Sterne flimmern genau
wie die Zähne der gnädigen Frau.

Oder wie Blüten von weißem Flieder,
gnädige Frau, an Dero Mieder.

Oder die Blicke des Herrn Gemahls
am Tage Ihres Hochzeitsballs.

Nein, sie flimmern, ich kann mir nit helfen,
gnädige Frau, wie tanzende Elfen.

Hänseln jeglichen Parapluie;
will man sie fassen, zerflimmern sie.

Flimmern in Wirbeln, flimmern in Bildern,
die sind wirklich nit zu schildern.

Gnädige Frau, so wild, so mild
wie ein opalisch flimmerndes Bild.

Und, ach Gnädigste, diese Sterne
tanzen auf manchermanns Nase gerne.

Und auf solchermanns Nase, gnädige Frau,
zertanzen sie zu Thränentau.

Zertanzen sie wie kichernde Lieder:
morgen, morgen tanzen wir wieder!

Gnädige Frau, leb wohl! Schluß, Kuß!
Frechheit – aber wer muß, der muß.




Orientalisches Potpourri

Gestern Nachmittag, meine braune Geliebte,
die du nach Ruhm begehrst vor allen Frauen
deines Volkes, saß ich in einem Treibhaus,
und von allen Palmen und andern Gewächsen
flogen mir neue Gedichte zu.

Hier ist eins von einem Agavenwildling:

Meine Geliebte!
Grau in staubiger Wüste
stand mein dorniges Blattwerk
jahrlang mit durstig schwellendem Fleisch.
Plötzlich schoß über Nacht
ein steiler Schaft, knospengekrönt,
aus dem staubgrauen Schooß
in die feurige Morgenluft.
Schick mir zu Mittag, Geliebte,
deine tausend durstigen braunen Bienen:
viertausend goldgelbe Blütenglöckchen
haben sich aufgethan und triefen,
triefen, triefen von Honigsaft.

Oder eins von einer verschulten Musa:

Meine Geliebte!
Wen mit deinen üppig langen
Blättern willst du denn umfangen,
die du überreichlich treibst?
Fühlst du nicht den Abend glühen?
Wenn du ohne Blüte bleibst,
Schönste, kannst du nie verblühen,
Aermste, nie mit Früchten prangen.

Oder von einer seltnen Wasserviole:

Meine Geliebte!
Mondblau steht mein Kahn,
himmeltief der See;
fern beim hellen Uferschilf
ziehn zwei weiße Enten
ihre Bahn.
Sehnsüchtig und rot
spiegelt sich mein Mund:
tauche auf, Geliebte, Dunkle,
aus dem blauen Grund,
hol mich in den Himmel!

Oder von einem gewöhnlichen Igelkaktus:

Meine Geliebte!
Ich bin so rund wie die Erde,
mein Fleisch hat Heilkraft,
und meine Blume ist zum Küssen schön.
Aber hebe mich nicht aus meinem Erdreich:
mein Fleisch hat Stacheln,
und leicht entroll'ich deiner Hand.
Willst du mich küssen,
bitte, knie nieder!

Solche Gedichte, meine braune Geliebte,
könnt'ich dir noch viertausend und einige dichten
an Einem Nachmittag,
und die würden meine vielen verehrten
neuen deutschen und neuesten jüdischdeutschen
lyrischen Brüder sicher furchtbar rühmen –

aber du bist mir zu lieb dazu.




Der Schlangenkäfig

Hitze schwingt. Ein Raum voll Schlangen
strömt durch Glas und Gitterstangen
Dunst; zwei Menschen stehn davor.
Die gesättigten Gewürme hängen
still in buntverflochtnen Strängen,
einem Manne raunt ein Weib ins Ohr:

Du, die Schlangen muß ich lieben.
Fühlst du die verhaltne Kraft,
wenn sie langsam sich verschieben?
Eine Schlange möcht ich mir wol zähmen,
möcht ihr nit ein Gliedche lähmen,
wenn ihr Hals vor Zorn sich strafft.
Eh sie noch vermag zu fauchen,
werden ihre Augen nächtig,
Sterne tauchen
wie aus Brunnenlöchern auf –
setz'ich ein Rubinenkrönche
auf ihr Stirnche: Still, mei Söhnche,
züngle, Jüngle – Ringle, lauf,
spiel mit mir! – du, Das wär prächtig.

Hitze schwingt. In gleichen Zwischenräumen
tippt ihr Finger an die Scheibe,
ihre Augen stehn in Träumen.
Während sich zwei Vipern bäumen,
sagt ein Mann zu einem Weibe:

Du mit deinem nächtigen Blick,
bist du so wie die dadrinnen?
Noch, du, kann ich dir entrinnen!
Daraus spinnt man sein Geschick,
was und wie man haßt und liebt;
komm! wir wollen uns besinnen,
daß es Tiere in uns giebt.

Hitze schwingt. Zwei dunkle Augen
woll'n sich in zwei graue saugen,
doch die stählt ein blauer Bann,
und zwei Menschen sehn sich funkelnd an.




Warnung

Mein Hund, du, hat dich blos beknurrt
und ich hab ihn vergiftet;
und ich hasse jeden Menschen,
der Zwietracht stiftet.

Zwei blutrote Nelken
schick ich dir, mein Blut du,
an der einen eine Knospe;
den dreien sei gut, du,
bis ich komme.

Ich komme heute Nacht noch;
sei allein, sei allein du!
Gestern, als ich ankam,
starrtest du mit Jemand
ins Abendrot hinein – Du:
denk an meinen Hund!




Erwartung

Aus dem meergrünen Teiche
neben der roten Villa
unter der toten Eiche
scheint der Mond.

Wo ihr dunkles Abbild
durch das Wasser greift,
steht ein Mann und streift
einen Ring von seiner Hand.

Drei Opale blinken;
durch die bleichen Steine
schwimmen rot und grüne
Funken und versinken.

Und er küßt sie, und
seine Augen leuchten
wie der meergrüne Grund:
ein Fenster thut sich auf.

Aus der roten Villa
neben der toten Eiche
winkt ihm eine bleiche
Frauenhand.




Im Reich der Liebe

O Du, dein Haar, wie stralt dein Haar,
das ist wie schwarze Diamanten!
O – weil wir uns als Herrscherpaar
der ewigen Seligkeit erkannten,
Du!

Schmück mir die Stirn du, nackt und bloß,
mit diesem Band aus blauer Seide!
Das ging dir los von deinem Schooß,
als wir noch strauchelten im Kleide
jener Welt.

Hier sind wir Gott gleich, sieh mich an;
oh Gott, wie Eins sind wir geworden!
Hier kannst du ruhig deinen Mann
mit mir betrügen, für mich morden,
Du –




Drohung

Herrin, Hexe reich an Mächten,
seit ich dir in dunkler Stunde
lösen durfte deine Flechten,
quält mich in der flachen Rechten
eine kleine blaue Wunde,
die mir deine Nadel riß.

Bleib mir nicht zu lange ferne,
denn ich will nicht an dir leiden;
eh die Wunde wird zum Brande,
hier mein Zauberwort zum Pfande,
laß ich lieber, laß ich gerne
mir den Arm vom Rumpfe schneiden.

Wisse, ich bin stark genug,
dich noch mit der schwachen Linken
an mein Herz zurückzuwinken;
aber dann, verwegne Magd,
nehm ich Einsam meinen Flug
zu den hellen Bergeszinken!




Aufstieg

Als Engel durch die Finsternis,
so wollten wir zu höhern Sonnen;
doch hab'ich dich erst ganz gewonnen,
als Gott uns aus dem Traume riß.

Blau fuhr sein Blitzstral durch die Weiten
und zwang uns zur Hinunterschau,
da lag die Erde grell und grau
mit allen ihren Wirklichkeiten.

Wie lachte Satan über mir,
als du mich zu verlieren meintest,
wie schrie er selig, als du weintest:
Sie träumt nicht mehr, sie lebt mit dir!




Störung

Und wir gingen still im tiefen Schnee,
still mit unserm tiefen Glück,
gingen wie auf Blüten,
als die arme Alte
uns anbettelte.
Und du sahst wol nicht,
als du ihr die Hände drücktest
und dich liebreich zu ihr bücktest,
wie durch ihr zerrissenes Schuhzeug
ihre aufgeborstnen
blauen Füße glühten.
Ja, ein Mensch geht barfuß
im eignen Blut durch Gottes Schnee,
und wir gehen auf Blüten.




Furchtbar schlimm

Vater, Vater, der Weihnachtsmann!
Eben hat er ganz laut geblasen,
viel lauter als der Postwagenmann.
Er ist gleich wieder weitergegangen,
und hat zwei furchtbar lange Nasen,
die waren ganz mit Eis behangen.
Und die eine war wie ein Schornstein,
die andre ganz klein wie'n Fliegenbein,
darauf ritten lauter, lauter Engelein,
die hielten eine großmächtige Leine,
und seine Stiefel waren wie Deine.
Und an der Leine, da ging ein Herr,
ja wirklich, Vater, wie'n alter Bär,
und die Engelein machten hottehott;
ich glaube, das war der liebe Gott.
Denn er brummte furchtbar mit dem Mund,
ganz furchtbar schlimm, ja wirklich; und –

»Aber Detta, du schwindelst ja,
das sind ja wieder lauter Lügen!«

Na, was schad't denn das, Papa?
Das macht mir doch soviel Vergnügen.

»So? – Na ja.«




Ein Ring

Ich trug einen Ring mit drei Opalen,
viel Märchen schuf der bleiche Stein,
scheu wie das Glück sind seine Stralen,
Wasser soll ihren bunten Schein
wie Gift zernagen.

Ich kenn ein Weib, das hat all meine
bleiche bunte Sehnsucht lieb;
sie gab mir mehr als edle Steine,
doch sollt'ich Alles wie ein Dieb
heimlich tragen.

Ich hab eine Frau, die schenkt mir klar,
wie eine Quelle unverschlossen,
ihren Frieden immerdar;
sie weinte, ihre Thränen flossen
auf die Opale.

Ich trug den bleichen Ring zurück,
aber das Märchen hat gelogen;
noch glänzt der Stein und glänzt mein Glück,
glänzt wie der bunte Regenbogen
im Wasserstrale.




Wirrsal

Weine nicht, mein treues Weib!
Jene Andre, die mich auch liebt,
die beglückt wol meinen Leib,
aber Du hast meine ganze Seele.

Und du bist ihr nicht verhaßt.
Mußt du sie nicht mit mir lieben,
die so innig zu mir paßt
wie mein ganzer Leib zu meiner Seele?

Sie beglückt doch diesen Leib,
den sie liebt und der sie auch liebt,
wie er Dich beglückt, mein Weib!
Und dann hat sie meine ganze Seele –




Mit gedämpfter Stimme

Ist das noch die große Stadt,
dies Geraune rings im Grauen?
diese Männer, diese Frauen,
kaum erschienen, schon verschwunden;
und die Sonne steht so matt
wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.

Drück dich dichter an mich an,
wie der Nebel an die Mauern!
Keiner stört den stillen Bann,
wenn wir Blick in Blick erschauern.
Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch,
jeder wilde Laut wird stumm.

Hebe deinen dunklen Schleier,
daß dein Atem mich erquickt!
Keiner stört die stille Feier,
wenn sich uns in diesem Dunste
fester Hand in Hand verstrickt.
Diese Straße mündet in den Himmel.

Oder weißt du, wo wir sind?
Küsse mir die Augenbrauen!
küsse mir die Seele blind!
Diese tote Stadt ist Babel,
und ihr blasser Dampf umspinnt
eine tausendjährig trübe Fabel.

Alle Farben sind ertrunken;
nur auf deinem schwarzen Haare
flimmern noch die Purpurfunken
deines Hutes aus Paris
über deinem Lippenpaare,
und mein blauer Wettermantel tröpfelt.

Du, was träumst du? Deine Augen
waren eben wie zwei Kohlen,
die sich von der Glut erholen;
ja, du bist Semiramis!
Und in seinem dunkelblauen Mantel
führt dein Odhin dich ins Paradies.

Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
bis der Gott zu seiner Göttin kam,
und du hast manch braven Mann,
ich manch gutes Weib verlassen;
aber dies ist unsre letzte Irrfahrt,
drück dich dichter an mich an!

Sag mir – nein: horch! was für Töne?
warum stehn wir so erschrocken?
Dies verhaltene Gestöhne
aus den Wolken, dies Gedröhne,
kannst du diesen Lärm begreifen?
Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.

Vor verschiednen hundert Jahren
herrschte hier ein Gott der Leiden
über traurige Barbaren.
Komm, wir woll'n die Götter trösten,
daß sie sich in Dunst auflösten,
wir zwei seligen, verirrten Heiden.




Aus schwerer Stunde

Ich konnte nur noch lächeln;
ich war so traurig im Grunde,
daß meine eigne Stimme mir fremd klang.
Da traf mich Deine Stimme,
und ich konnte wieder lachen wie als Kind,
und Einmal weinten wir vor Glück.
O ich danke dir,
in dieser schlaflosen Nacht,
wo du fern von mir
zwischen Tod und Leben liegst.
Sieh, ich falte wie als Kind die Hände:
Bleib mir, laß mich nicht allein,
ich habe Furcht bekommen
vor den einsamen Nächten.
Wenn du stürbest,
nein, ich würde nicht weinen,
meine Seele ist geübt im Trauern;
aber ich würde nie mehr lachen können.




Beschwörung

Du bist nicht hier – ich fühle schwer,
wie deine blasse Hand mich preßte,
und wie Todfeinde sind mir plötzlich
die lachenden Geburtstagsgäste.

Immer verdrehter wird das Fest,
die Blumen welken in den Kränzen,
um meinen Bart sind die Gerüche
der Medizinen und Essenzen

von deinem Krankenbette her,
es ist vielleicht dein Sterbelager,
ich seh dein glanzlos Haar daliegen
und dein Gesicht, blutleer und mager.

O sieh nicht so die Bäume hoch,
warum sie mit den kahlen Zweigen
so starr und schwarz vor deinem Fenster
ins graue Himmelsdickicht zeigen.

Sieh tief in deine Nacht hinab,
da glänzt mein Bild mit Gottesfarben
und läuft vom Blute Derer über,
die Dir zum Opfer in mir starben.

O sieh, sieh, wie mein Blick dich tränkt
und meine Lippen nach dir beben
und meine Hände zu dir beten
und dich beschwören: bleib mir leben!




Zuversicht

Ich hab dich selig gemacht,
mein Geliebter,
und du mich, du bist mein,
und darfst nicht bei mir sein
in meinen furchtbaren Schmerzen.
Bis in Mark und Bein
bin ich dein,
und darf nicht nach dir schrein
vor den Menschen,
wenn ich sterben muß
ohne deinen Kuß.
Nein nein nein:
du hast mich selig gemacht,
Tag und Nacht
fühl'ich mich an deinem Herzen
leben, das an mein Herz schlug!
Ja, ich fühl's, ich bleibe leben,
hab dir noch so viel zu geben,
o mein Leben,
gab dir nie, noch nie genug!




Eva und der Tod

Der Wintermorgen schien ein Frühlingsmärchen;
der Reif der Zweige sproß im Sonnenschein
am blauen Himmel hin wie Blütenpärchen.

Ein Lüftchen, das sich hob und stumm verfing,
trieb Silberflocken von den hohen Ulmen
des langen Weges, den ich einsam ging.

Ich hörte noch, daß fern ein Schlitten schellte,
dann wurde Schweigen auf dem schweren Schnee;
ich schritt und sann und fühlte nichts von Kälte.

Denn gestern war mir ein geliebtes Wesen
nach heißer Seelennot und Leibesqualen
von einem Sohn, nicht meinem Sohn, genesen.

Und der das Kind von ihr entgegennahm,
empfing ein Pfand des Lebens, nicht der Liebe,
sie aber gab es mit zu später Scham.

Ich suchte tief nach trübem Dankesworte,
da sah ich fern am Ende meines Weges
auf einmal eine schwarze Gitterpforte.

Zu ihren Seiten dehnten sich zwei Mauern,
die waren überwipfelt von Cypressen,
ihr starrer Wuchs erfüllte mich mit Schauern.

Und aus der Pforte traten schwarz und groß
und langsam nach einander sieben Männer;
die kamen langsam, schweigsam auf mich los.

Aus fremdem Lande schienen sie zu sein,
die langen Mäntel, breite weiße Kragen,
und plötzlich rief ich außer mir: Nein! Nein!

Doch aus der Pforte trat da schon ein achter,
der war ganz dürr und größer als die andern,
und stand und nickte, sacht, und immer sachter.

Und eisig lief es mir durch Blut und Bein:
die sieben wollen sich mein Liebstes holen.
Ich stand und bettelte und bebte: Nein!

Und seh durch Thränen, wie die schwarzen Schemen
den Sonnenschein verdunkeln und den Schnee,
und glaube fern ein Lachen zu vernehmen.

Und als ich mir die Augen mühsam reibe,
steht hoch ein nacktes Weib vor jenem Gitter,
mit schwarzem Haar und Blick und braunem Leibe.

Und lacht ganz hell und winkt dem dürren Mann
und hebt im andern Arm ein zappelnd Kindchen
und sieht mich fernher lebensselig an.

O dieses Blickes Herrlichkeit und Hohn,
nur Einer hätte Das wie Ich empfunden:
Du Einziger, mein Detlev, Liliencron!

Ich seh den Dürren ihr entgegenstelzen:
er bückt sich – widerwillig – er verschwindet –
zu ihren Füßen scheint der Schnee zu schmelzen.

Die ganze Landschaft schmilzt, das kleine Kind
schwimmt riesengroß auf sieben schwarzen Strudeln
und lacht mich aus – Mensch! Detlev! war ich blind?

Ich selber lache! meine Wimpern tropfen:
die sieben sind ja nichts als Leichenträger,
die sonst Schuh flicken oder Hosen stopfen!

Und jenes Weib, das ist ja nur die Frau
des Totengräbers, und ihr brauner Kittel
ist keine Haut, ich seh es ganz genau!

Du aber lebst mir, und der Himmel blaut,
und bald ist Frühling, und du wirst mich küssen
trotz deines Sohns, du meine braune Braut!




Verhör

Du liegst sehr blaß in deinen weißen Kissen,
und deine matten Lippen sind zerbissen;
hattest du sehr viel Schmerz? –
»Ich weiß nicht mehr.«

Du siehst sehr träumerisch zur Zimmerdecke,
sieh nach dem Bettchen drüben in der Ecke:
liebst du dein Kindchen sehr? –
»Ich weiß noch nicht.«

Schriebst du zuweilen, wenn die Wehen kamen,
mit deinen irren Fingern meinen Namen
auf deine Bettdecke? –
»Du weißt es ja.«

Kannst du noch immer, ohne hinzudenken,
dein Kind und seinen Vater ruchlos kränken
und mit mir selig sein? –
»Weißt du das nicht?«




Böser Traum

Was kannst du gegen Träume, Mensch, die tückisch
selbst auch den Männlichsten mit Engelshänden
oder mit Teufelsfäusten in den Himmel
samt Hölle seines Kinderglaubens führen?
In solchem Traum erschien mir heute Nacht
der böse Feind und sah mich furchtbar an.
Er hatte das Gesicht von einem Freunde,
mit dessen Weib ich einiger bin als er,
und setzte auf mein wehrlos Herz ein Messer
und sprach – nein, was er sprach, vergaß ich schon.
Er sah mit Wollust, wie die rostige Spitze
auf meiner Haut im Takte meiner Pulse
sich hob und senkte, sah mich gierig an.
Ich aber bohrte meine blauen Augen
in seine braunen tief empor und sagte:
Wenn du mich kenntest, zögertest du nicht.
Und als sein Blick ineins mit meinem sank
und bläulich wurde, dacht'ich: Wärst du nicht
der böse Feind, so müßtest du mich lieben,
ich habe dich von einer Last erlöst.
Was ich dir nahm, ist niemals dein gewesen;
was du mir nehmen kannst, war niemals mein.
Doch wenn du mußt, so töte mich! mein Tod
wird dir viel weher thun als je mein Leben,
das Keinem weher that als mir. Wach auf!




Mit heiligem Geist

Liebe Mutter! mir träumte heute
von der Insel der seligen Leute.
Da saß auf einem Hügel der Au
eine nackte gekrönte Frau,
in ihrem Herzen stak ein Schwert,
aber sie lachte unversehrt.
Denn neben ihrem natürlichen Thron
stand ihr lieber großer Sohn;
in seinen Fingern, voll Sonnenglanz,
hing ein blutiger Dornenkranz.
Der begann sich mit grünen Spieren
und raschen Blüten zu verzieren;
und umringt von den seligen Leuten,
die sich an dem Wunder freuten,
suchte mir Er die Blumen aus
zu einem leuchtenden Osterstrauß.
Den umflocht er mit blauem Bande
von seiner Mutter Nachtgewande
und gab ihn mir und sprach dazu:
Sag Deiner lieben Mutter, du,
weil ihr auf Erden niemals wißt,
wann die Zeit erfüllet ist,
sollt ihr immer glauben und hoffen,
der Tag sei endlich eingetroffen.
Und bis einst jedes Weib gewinnt
den rechten Vater für ihr Kind,
soll jede Irrende die Treue
dem falschen brechen ohne Reue,
soll ihre Sehnsucht nicht verfluchen,
ihren Qualen den Heiland suchen
und seinen liebenden Gewalten
so Leib wie Seele offen halten.
Wenn Das mit heiligem Geist geschehn,
wird sie selig auferstehn,
wie meine Mutter auferstand
mit Mir einst im Gelobten Land.




Besuch

Eine treue Seele lag
still zuhaus mit krankem Leibe;
zwischen ihren Fingern staken
zwei drei blühende Weidenzweige,
und die Sonne schien aufs Bett.

Zögernd rührte sich die Hand,
tastete nach meinem Haupt,
aus den sanften Blütenfasern
fiel der gelbe Samenstaub,
wie am Morgen unsrer Liebe.

Trat ein Mädchen blaß herein,
brachte eine blasse Rose,
legte die gebeugte Blume
nieder neben meinem Schooße,
wie zum Abend unsrer Liebe.

Folgte eine hohe Frau;
rot von Nelken eingefaßt
duftete in ihrem Arme
goldgelb eine Ananas,
wie der Mittag unsrer Liebe.

Und die treue Seele sprach:
Sieh, aus allen Himmelsstrichen
bringt mir heute deine Liebe
Frucht und Blüten und Gerüche.
Und ihr stiller Aufblick stach
uns ins Herz.




Gethsemane

Lautlos steht der starre Hain der Palmen,
tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,
ihre blauen Thränen weint die Nacht.
Nur von dumpfen Menschenlauten schauert
der verstummte starre Hain, und schauert;
einsam stöhnt und stöhnt und trauert
auf den Knien ein Mann in Betteltracht.

Höre, höre, Geist der Wahrheit,
meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:
der ich wandelte in Kampf und Starrheit,
Liebe lehrt'ich und Geduld.
Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt'ich leben,
übermächtig der Natur;
nur mein Glaube war mir Leben.
Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,
sahn die That, des Baumes Schatten nur.

Uebermenschlich hab'ich mich vermessen,
und sie haben fromm gemeint:
Ich, ich lebte selbstvergessen.
Einer, Er nur – Judas! Freund!
warum willst du mich verraten?!
O zertrennte mich doch mein Gebet,
daß ich zwiefach lebte Wort und Thaten,
Menschen menschlich irrend zu beraten,
auch dem Zweifel ein Prophet!

Und zum Mond die Arme wild gebreitet
und die Augen in die Nacht geweitet,
läßt er seine dunkeln Blicke irr'n.
Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,
durch das Dickicht brechen bleiche Stralen,
und sie bohren ihm die fahlen
Dolche gierig in die glühende Stirn.

Wehe, wehe, Geist der Liebe:
voller Reinheit schwebst du klar und hoch,
doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
und mich kettete die Erde doch!

Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
Allen wollt'ich liebend glühn,
aber meiner Mutter mach'ich Schmerzen
und mit sehnsuchtwundem Herzen
weint um mich die Magdalenerin.

Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
wollt'ich trösten all mein arm Geschlecht;
doch im Mitleid glimmt die Rache schon,
auch der Reichste hat auf Liebe Recht!
Judas, Judas, kommst du mich zu richten?
ist Entsagung, ist Gewalt mein Loos?
Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
um das Reich des Friedens aufzurichten?
Freiheit, lebst du im Gewissen blos?!

Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen,
spürt er heftiger die Anfechtungen,
seine zarte Stirne trieft von Schweiß.
Und er fühlt wie Blut die großen Tropfen
von den Schläfen in die Gräser tropfen,
seine brennenden Pulse klopfen
an die Erde hart und laut und heiß.

Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
wird denn Sieg um Opfer nur gewährt?
Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
hier der Todesbecher, hier das Schwert!
Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
eine Lebensleuchte wollt'ich stehn,
aber jetzt in Todesnöten
sieh mich zittern, sieh mich beten:
laß den Kelch an mir vorübergehn!

Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!
weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.
Sollen Tausend um mich Einen bluten?
Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.
Nein, ich fühl es: nicht wie Ich will, Vater,
dunkler Geist, der alle Seelen speist,
allen Fleisches Schöpfer und Berater,
Du des Lebens, Du des Todes Vater,
Deiner Hand befehl ich meinen Geist!

Und er horcht, und sieht die Nacht erglühen,
starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen
auf, und dumpfe Menschenlaute nahn.
Und verzückt den Seherblick gehoben,
steht und hört er seine Häscher toben,
und ein Lächeln schluchzt nach Oben:
Judas, komm! ich schreite nur voran –




Venus Consolatrix

Dann kam Stern Lucifer; und meine Nacht
erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
und wie aus unerschöpflicher Phiole
durchflossen Silberadern die Console,
die schwarz, seit lange leer im Winkel stand.
Auf einmal fing die Säule an zu leben,
und eine Frau erhob sich aus dem Glanz,
die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
von gelben Rosen zwischen grünen Reben.
Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
so blutrot wie die Blüte Aloë,
und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
Sie breitete mir beide Arme zu,
ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
die starken Pulse springen und sich senken,
da nickte sie und sagte zu mir: Du –
du bist mühselig und beladen, komm,
wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen,
du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
durch das dein kleines lebt; o komm, sei fromm!
Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
und nestelte an ihren seidnen Litzen
und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
die braunen Warzen ihrer bleichen Brüste,
dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
das einst den kleinen Heiland selig machte,
bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
Maria ich, die Nazarenerin,
oh sieh, es ist desselben Fleisches Blut,
für das der große Heiland sich erregte,
bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
Maria ich, die Magdalenerin –
komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
und lerne dich erlösen und gesunden!
Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen
und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
wie heilige Runen glänzten auf der prallen
Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
in Linien, die verliefen wundersam
bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
willst du mir nicht auch in die Augen sehn?
und meine Blicke badeten in ihr.
Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
mich selig tiefer, immer tiefer streben,
ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn,
weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
und ihren Kranz von Rosen und von Reben
umklammernd, während wir verbeben,
stamml'ich: o auf – auf – auferstehn! –




Die Glücklichen

Nun will ich mir die Locken
mit Birkenlaub behängen,
der Frühling sitzt am Wocken,
von dem er mit Gesängen
um meine Wildnis grüne Schleier spinnt.

Und du auf deinem Throne
im Astwerk unsrer Linde,
beglänzt mit deinem Sohne
vom goldnen Mittagswinde,
bist meine Jungfrau mit dem Wunderkind.

Ein Lamm mit weißem Felle
auf unserm Wiesenlande,
mit einer Silberschelle
und blauem Seidenbande,
bringt uns zum Lachen, wenn wir traurig sind.

So würden wir uns gerne
mit aller Welt vertragen,
nicht Sonne Mond noch Sterne
um unser Glück befragen,
doch meistens haben wir kein Brot im Spind.

Drum stehn im jungen Schilfe
mit aufgesperrter Miene,
als schnappten sie nach Hilfe,
zwei steinerne Delphine
am Wasser, das um unsre Insel rinnt.




Der Arbeitsmann

Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
mein Weib!
Wir haben auch Arbeit, und gar zuzweit,
und haben die Sonne und Regen und Wind,
und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
nur Zeit.

Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,
mein Kind,
und über den Aehren weit und breit
das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,
o dann fehlt uns nicht das bischen Kleid,
um so schön zu sein, wie die Vögel sind:
nur Zeit.

Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,
wir Volk.
Nur eine kleine Ewigkeit;
uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
als all das, was durch uns gedeiht,
um so froh zu sein, wie die Vögel sind.
Nur Zeit!




Erhebung

Gieb mir nur die Hand,
nur den Finger, dann
seh ich diesen ganzen Erdkreis
als mein Eigen an!

O wie blüht mein Land,
sieh mich doch nur an,
daß ich mit dir über die Wolken
in die Sonne kann!




Der Fluß

In den abendgelben Fluß
grub mein Ruder schwarze Trichter,
ohne Wort und ohne Kuß
sahn wir auf die Wellenlichter,
sahn wir eine dunkle Bucht
still das kahle Ufer spiegeln,
sahn der Berge starre Wucht
seine wirbelvolle Flucht
vor uns, hinter uns verriegeln.

Als wir dann um Mitternacht
in der Stadt mit Flüsterlauten
auf der hohen Brückenwacht
standen und hinunterschauten,
schienen uns die schwarzen Mauern
in dem grauen Wasserschacht
ihren Einsturz zu belauern.

Still, die Sonne kommt herauf,
klar verfolgen meine Träume
bis zum Meere seinen Lauf,
durch die morgenroten Bäume
steigt der blaue Nebel auf.




Eines Tages

Morgen

Auf, mein schwarzer Zaubrer, auf,
eile, spinne Gold, es tagt,
schmücke deine stolze Magd!
Laß die Stralen nicht verwittern,
die vom Morgensterne splittern!
Heute Mittag muß die Erde
sich entzücken am Geschnauf
deiner wilden Siegespferde –
auf, mein goldner Zaubrer, auf!

Laß mich träumen, Zauberin,
sprich mir nicht vom Tag der Schlacht;
nimm die Stralen, spinn sie, spinn.
Mich verstört das Marktgepränge,
wo die Erze vor der Menge
zur verstaubten Sonne dröhnen.
Ueberirdisch ist die Nacht,
wo die heiligen Gesänge
meiner sieben Schlangen tönen;
sprich mir nicht vom Tag der Schlacht,
laß uns träumen, Zauberin –
nimm den ganzen Himmel hin ...

Mittag

Aber jetzt, mein Held, mein Sieger,
komm, mein König, komm, mein Krieger,
gieb dich nicht den Gaffern preis!
Wirf sie weg, die blanken Bälle,
die so kalt, so gläsern klingen
und vor Hitze fast zerspringen;
führe mich an eine Quelle,
dies Getümmel riecht nach Schweiß!
Komm, was stehst du bei den Leuten,
du ermattest nur im Schwarm,
und bis Abend muß dein Arm
noch ein drittes Reich erbeuten!

Königin, du störst mein Spiel.
Auf mein Volk herabzusehen,
wahrlich, das war nicht mein Ziel.
Schau: in diesem kleinen Ball,
weiß man ihn nur recht zu drehen
und das wird man bald verstehen,
spiegelt sich das große All.
Spiele mit! Komm, Siegerin,
nimm den ganzen Erdball hin ...

Abend

Ist das nicht das Dritte Reich?
ach, mein grauer Pilger, säume!
Bannt dich nicht der dunkle Teich,
über den die Lilienbäume
ihren süßen Atem breiten?
Und schon naht der Elefant,
drauf der Buddha Ewigkeiten
über unsre Seelen spannt.
Ja, mein Pilger: spiele! träume!

Pilgerin, mir kommt ein Bangen;
siehst du nicht im bunten Laube
jene großen Schlangen hangen,
die mir fremd sind? und ich glaube,
daß sie Träumern Unheil brüten.
Ahnst du nicht, wonach ich suche?
nicht nach üppigem Geruche;
laß uns wachen, Pilgerin.
Brich dir eine dieser Blüten,
und, im Haar die weiße Blume,
folge mir zum Heiligtume,
nimm die Ewigkeit da hin ...

Nacht

Willst du mich denn nie erhören?
Nennst du dazu mich die Deine,
um mich langsam zu zerstören?
Ich zerfalle fast in Stücke;
wohin führt nun diese Brücke,
die der Mond in Schatten legt?
Immer neue Meilensteine!
ich bin müde! mich bewegt
keine Liebe mehr zum Ruhme,
auch zu keinem Heiligtume,
nimm mir aus dem Haar die Blume –
sieh, mein Einziger, ich weine.

Weine, weine, wein es aus,
o nun darf ich mich dir beugen,
Weib, dort schimmert unser Haus.
Hinter jener hellen Scheibe,
nur noch Seele, nur noch Sinn,
die du bist und der ich bin,
werden wir mit nacktem Leibe
einen neuen Menschen zeugen –
o du Meine, nimm mich hin!




Die gelbe Katze

Shakespeare: »Und das ist der Humor davon.«

Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte. Mit dieser Nutzanwendung pflegte mein Bruder Ernst mir seine Erlebnisse zu berichten. Jetzt ist er tot. Kurz vor seinem Ende schrieb er mir Folgendes.

... Wenn die Frau, für die ich meine eigene verlassen wollte, mit mir von ihrem Manne sprach, kam sie mir immer häßlich vor. Ihre bräunliche Haut wurde dann gelblich, das wilde Haar schien schwarzer und tiefer in die Stirn gewachsen, der Pechglanz ihrer Augen wurde stechend und der Ausdruck des schwungvollen Mundes hilflos. Ich nannte das ihr Dienstmädchengesicht; aber es war mir unerklärlich.

Sie beherrschte den Mann; aber das konnte sie doch nicht mehr fesseln. Sein Körper war ihr unerträglich geworden, sein spöttischer Witz nicht minder. Seine Rachsucht fürchtete sie nicht, und seine Gutmütigkeit verachtete sie. Für Freiheit schwärmte sie wie eine russische Fürstin. Warum also blieb sie noch bei ihm?

Freilich hatte sie ein Kind von ihm. Aber das faßte sie nicht gerne an, trotzdem sie es sehr lieb zu haben glaubte. Mit meinem Töchterchen spielte sie lieber und sehnte sich nach einem Sohn von mir.

Auch auf sein Geld war sie nicht angewiesen; er hätte ihr das ihre nicht vorenthalten, er war ein Ehrenmann. Daß er mich im Duell erschießen könnte, befürchtete sie ebenso wenig; ich hätte ihm zu Ehren mein Leben nicht aufs Spiel gesetzt – (hier log mein Bruder Ernst) – und ihr zu Liebe braucht'ich's nicht, mein Dasein war ihr werter als das Urteil der Leute.

»Ist es, weil du dich vor deinen Eltern schämst?« fragte ich sie eines Tages, während wir auf einem Ausflug waren.

»Ja, vielleicht« – sie lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. Dann machte sie ihr Schlangengesicht, als wollte sie das Wort verschlucken; und gleich drauf lachte sie wie eine Bachantin.

Wir gingen durch mein Lieblingsdorf, ein Krondorf aus der Zeit des großen Friedrich. Es war ein Karfreitag. Zu Ostern wollte sie in ihre Heimat reisen; der Frühling am Rhein war ihr das Paradies. Wenn sie davon sprach, erschien sie mir wie die leibhaftige Jungfrau Maria; ihre nachtbraunen Augen verklärten sich.

Die Kastanienknospen standen schon ganz dick und grün; manche machten schon die Finger auf. Die Ahornblüten glänzten goldgelb durch den blauen Abend. »Daraus mach' ich mir ein Feenszepter«, sagte sie, »wenn ich mit meinem Vater durch die Berge reite.«

Ich sah sie an – »Es giebt auch böse Feen, Du« – und wollte sie küssen. Zwischen die schwarzen Brauen trat ein queres, zuckendes Fältchen, wie immer wenn sie sich mir überlegen fühlte. Die üppige Nase zuckte mit. Ich küßte nicht.

Plötzlich wurden ihre Pupillen lüstern groß. »Sieh, wie unheimlich!« flüsterte sie und zeigte über die Straße. Alle ihre Sommersprossen, selbst auf den Lippen, schienen verschwunden. Der schwellende Mund wurde dunkler. Das war ihr Hexengesicht; das sechste, das ich an ihr kannte.

Ich ging mit ihr hinüber. Auf einem künstlichen Hügel stand ein seltsames Häuschen hinter dem Zaun. Es war stets unbewohnt, ich kannt'es schon. In der hellen Dämmerung sah es noch spukhafter aus.

Zwei riesige Platanen streckten ihre noch kahlen Aeste wie Leichenknochen über das flache Dach. Die Wände waren fahl und fleckig. Links wiegte ein verkrümmter Lebensbaum sein finstres Laub. Mitten aus der Vorderwand schob sich ein rundes Spitztürmchen vor, das an chinesische Hüte erinnerte; die Thür war verschlossen. Um die kleinen Bogenfenster krochen Borten aus gothischem Schnörkelwerk; die Scheiben waren so schwarz wie die Pupillen meiner Begleiterin. Zwischen der rechten Ecke des Hauses und dem Stamm der einen Platane ging die gelbrote Sonne unter.

»Hier möcht'ich manchmal wohnen«, sagte die schöne Frau. In diesem Augenblick kam langsam über den Hügelrücken, grade wie aus der Sonne heraus, eine große gelbrote Katze und setzte sich vor die verschlossene Thür.

Das Bild verstimmte mich, so tief voll Stimmung es war. Die schwarzbraunen Augen des Viehes erinnerten mich unbestimmt an eine Kindesmörderin aus einem Wachsfigurenkabinett. Die Sonne war verschwunden; das Fell sah nun noch gelber aus, fast seidig. Sie starrte blinzelnd herunter auf uns; mich fröstelte. Ich klatschte in die Hände; sie lief weg.

Die schöne Frau war zusammengefahren und sah mich unwillig an. »Ich liebe Hauskatzen nicht«, sagte ich rauh. Sie nickte stumm und nahm hingebend meinen Arm. Wir wandten uns zur Heimkehr, aber der böse Eindruck verließ mich nicht. Je zärtlicher sie mit mir sprach, umso verstimmter wurde ich. Ich schob es auf den Karfreitag. Immerfort durch unser Geflüster hörte ich Jesu Trostwort an den gekreuzigten Mörder: Heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein.

Fast verlegen küßt'ich sie zum Abschied, und sagte lachend: »Auf Wiedersehen, Magdalena«. Sie machte ihr Jungfraungesicht.

Die Nacht drauf träumte mir – (mein Bruder Ernst hielt nämlich Träume gleichfalls für Erlebnisse) – ich sähe aus dem Fenster und schräg mir gegenüber stünde das seltsame Häuschen. In den schwarzen Scheiben glomm das Sternlicht. Plötzlich wurden sie blendend hell, das ganze Haus stand erleuchtet bis in den löchrigen Schornstein hinauf, Fenster und Thürflügel klappten auf, und aus Allem was offen war, Luken und Löchern, vom Dach herab und von den Wänden, sprangen unzählige schwarze Katzen und stoben lautlos in die vier Winde. Zuletzt kam langsam eine große gelbe aus der Thür, starrte blinzelnd nach mir her, und verlor sich gleichfalls in die Finsternis. Dann schloß das Haus sich ebenso lautlos und war mit Einem Schlage wieder dunkel.

Der Morgen kam. Ich saß mit meiner Frau beim Kaffee; wir besprachen unsre Trennung. »Wenn du mit Bestimmtheit fühlst«, sagte sie mit ihrer treuen Stimme, »daß die Andre für dein Glück geschaffener ist als ich, darf ich dich nicht halten« – da ging die Flurglocke.

Das Dienstmädchen meldete, ein fremdes Fräulein wünsche mich zu sprechen; ich ging ins Nebenzimmer. Eine große junge Dame trat mir entgegen; ich erschrak. Sie war ganz in gelbe Seide gekleidet, ihr schwarzes Haar bedeckte ein Strohhut mit einem Zweig von künstlichen Ahornblüten; sie hatte alle Züge der schönen Frau, nur nicht so sarazenisch, gleichsam zahmer. Ich stand sprachlos.

War sie's doch vielleicht? Nein! Gestern war sie verreist. Und jeder Zug war mir doch fremd. Und eine Schwester hatte sie nicht.

Die Dame lächelte kindlich; ihre tausend Sommersprossen schillerten. »Sie kennen mich wol nicht«, fragte sie leise; ich verneinte beklommen. »Ich bin die gelbe Katze«, sagte sie schnurrig; mich fröstelte. Dann fiel mir ein: vielleicht ein Scherz der schönen Frau – sie hatte Bekanntschaft in Bühnenkreisen. Die Dame blinzelte und zwischen ihre Brauen trat ein queres Fältchen; »ich soll Sie abholen«, flüsterte sie.

Aus ihren Augen sah ein schlangenhafter Glanz, der mich bestrickte. »Gleich?« fragte ich. »Gleich!« Wir gingen.

Wir gingen schweigsam die Treppen hinunter; vor der Thür stand ein Wagen. Wir fuhren durch zahllose Straßen, ebenso schweigsam; sie schien mich garnicht zu beachten. Die Straßen wurden enger, die Häuser immer höher, die Gegend mir unbekannt. Einmal nickte sie flüchtig; da sah ich eine schwarze Katze durch einen Thorweg huschen. Einmal strich sie sich ihr wirres Haar mit ihrem gelben Handschuh glatt. Endlich hielt der Wagen; ich folgte ihr willenlos.

Wir gingen durch einen dumpfigen Hof, dann mehrere eiserne Stiegen empor, und durch viele halbdunkle Gänge. Ein wahres Labyrinth von Haus; die Luft roch modrig. Vor einer pechschwarzen Flurthür machte sie Halt und drückte auf ein Unsichtbares. Die Thür sprang auf, ich stand geblendet. Eine stechende Lichtpracht schlug mir, wie von tausend Kronleuchtern, entgegen.

Als ich zu mir kam, stand ich in einem Saal, der unabsehbar schien; vor mir, hinter mir, nach allen Seiten Spiegelwände. Und mitten durch den Saal, der Länge nach, von allen Seiten wiedergespiegelt, stand eine endlose Reihe von lautlos sich drehenden schwarzgekleideten Da- men und lautlos hopsenden mausegrauen Herren, wie nach dem Rhythmus einer übersinnlichen Tanzmusik.

Keine der Damen – (hieraus entnahm ich, daß mein Bruder Ernst noch immer träumte) – hatte blos Einen Herrn, die meisten zwei manche auch drei; einige schienen ein Dutzend zu haben, falls mich die Spiegel nicht täuschten. Alle trugen sie, so lustbar sie sich drehten, einen sonderbar hilflosen Trübsinn zur Schau, fast wie Automaten; die mittelste hielt ein weinendes Kind im Arm.

Immer wenn sich Eine der Damen dem Einen ihrer Herren etwas tiefer hinbog, that Der einen besonders hohen Hops, sodaß die mausegrauen Frackschöße, die sonst bis auf den Boden schlappten, die Luft durchschwänzelten. Dann warfen ihm die andern Herren, zumal die dicken, wütende Blicke zu; aber die Dame lächelte kindlich, dann wurden selbst die dicksten wieder sanft.

Mir fing an schwindlig zu werden; ich sah mich um nach meiner gelben Führerin. Ein Schauder beschlich mich: alle ihre Sommersprossen waren verschwunden. Die Pupillen hexenhaft groß, stand sie wie die Fürstin dieses Tanzspiels da und schüttelte die bachantischen Locken. Ihr Haar war aufgegangen, der Strohhut lag am Boden. In der Rechten hatte sie den falschen Ahornblütenzweig und schwang ihn wie ein Szepter. Das Gesicht war dunkelbraun, die schwungvolle Nase schien eingebogen. Sie nickte mir zu.

In diesem Augenblick sprang hinter ihr die Spiegelthür von Neuem auf; und stumm herein, in mausegrauem Frack, die Schöße zwischen den Fingerspitzen, grade auf mich los, kam der Gatte der schönen Frau gehopst. Ich wollte laut hell auflachen, da seh ich in der Spiegelthür, die langsam wieder zugeht, entsetzt mich selbst im mausegrauen Frack, und plötzlich fang'ich auch mit an zu hopsen.

Ich ringe verzweifelt nach Stillstand. Ich werfe der schönen Frau die ernstesten Blicke zu. Vergebens. Je tiefer sie mir in die Augen blinzelt, umso höher hopse ich.

Ich suche dem Gatten näher zu kommen. Ich will ihn zwingen mich festzuhalten. Er sieht mich spöttisch an und hopst.

Ich will ihm beweisen – ich hopse. Ich will ihm zeigen – er hopst. Ich will ihn ermorden – wir hopsen.

Ich will der schönen Frau zu Füßen stürzen. Ich will sie beschwören gnädig zu sein, ich kann nicht: ihre braune Haut wird häßlich gelb, ihr Haar scheint mähnenhaft gesträubt und tiefer in die Stirn gewachsen, ihr Blick wird stechend, der Ausdruck des üppigen Mundes hilflos: sie hat ihr Dienstmädchengesicht.

Ich schreie schmerzhaft auf – ich bin wach.

Neben mir am Bett stand meine Frau mit unserm Töchterchen und strich mir durchs Haar. »Vater«, sagte die Kleine, »du hast so furchtbar komisch ausgesehn.« Ich küßte Beiden die Hände ...

Seit diesem Morgen – so schloß mein Bruder Ernst sein seltsames Schreiben – ist mir die gelbe Katze nicht mehr gefährlich. Bald darauf starb er in einem Duell, trotzdem er sehr gut schoß. Nichts wirkt bestimmender als das Unbestimmte.




Nacht für Nacht

Still, es ist ein Tag verflossen,
deine Augen sind geschlossen,
deine Hände, schwer wie Blei,
liegen dir so drückend ferne,
um dein Bette schweben Sterne,
dicht an dir vorbei.

Still, sie weiten dir die Wände:
gieb uns her die schweren Hände,
sieh, der dunkle Himmel weicht,
deine Augen sind geschlossen,
still, du hast den Tag genossen,
dir wird leicht.