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Grazia Deledda – Das Kleid des Witwers.

Erzählung

aus: Süddeutsche Monatshefte, Herausgegeben von Paul Nikolaus Cossmann, 10. Jahrgang Zweiter Band, April 1913 bis September 1913, Süddeutsche Monatshefte G.m.b.H. München, 1913, S. 642ff.
Aus der italienischen Handschrift übersetzt von Emma Müller-Röder*

Ohne Hast ging die Fahrt, weil die junge Frau bei schlechter Gesundheit war und großer Schonung bedurfte. Zusammengekauert, mitunter lang ausgestreckt, ruhte sie auf dem von zwei schwarzen, schläfrigen kleinen Ochsen gezogenen Karren. Der junge Gatte hingegen war ein schöner, kräftiger Mann mit frischem rotem, manchmal allzurotem Gesicht: wann ihm das Blut bis in die von krausem Gelock bedeckte Stirn stieg. Aber wenn er so — bald vor Zorn, bald vor Freude — bei jedem Anlaß errötete, erschien er noch schöner, und seine leuchtenden schwarzen Augen strahlten dann wie die eines Kindes. Eines Kindes Lächeln schien es auch, wenn zwischen den vollen roten Lippen die festen, elfenbeinweißen Zähne hindurchschimmerten. Im Vergleich zu ihm sah die Frau wie eine Alte aus, doch wie eine Kind gebliebene Alte mit braunem, spitzem Gesicht, in dem die bläulichen, schweren Lider über den großen, traurig blickenden Augen sich nur mühsam hoben und senkten. Taten diese Augen sich aber wirklich einmal auf, so betrachteten sie wie erstaunt die Schönheit der Natur; sie füllten sich mit Licht und Leben, und das ganze Gesicht ward überraschend hell und jung.

Der junge Gatte ging neben dem Karren her, darauf bedacht, ihn an zu heftigem Stoßen zu hindern. Von Zeit zu Zeit beugte er sich über seine junge Frau und redete ihr zu: »Giula, Giula, sieh mich doch einmal an! Du sagst ja gar nichts mehr! Bist du müde?«

Giula hob alsdann die Augenlider und sprach ein paar Worte; aber was sie sich zu sagen hatten, war bereits gesagt, und bald schloß sie die Augen wieder, ließ sich von dem schwerfällig sich fortbewegenden Karren einwiegen, und alles deuchte ihr ein Traum: die Vergangenheit, die Gegenwart, die Zukunft.

Es war im Mai, und die Sonne glühte bereits vom wolkenlosen Himmel. Zum Schutz vor ihrem allzuheißen Strahl war aus der einen Seite des Karrens ein grobes Leintuch zwischen zwei Stangen ausgespannt; und wie das Fuhrwerk aus der grauen Straße zwischen dem dichten Grün über die einsame Hochebene dahinrollte, sah es aus, als glitte ein Segel schwerfällig durch ein bewegtes Meer. Diese Vorstellung ward noch vertieft durch den kreisrunden Horizont, an dem aus lichtem Dunst große Silberwolken aufstiegen, die sich unter einem jeweiligen Windstoß von Sonnenaufgang her bald wieder zerteilten. Hielt der Wind aber inne, so war alles wieder regungslos still, und so weit das Auge reichte, folgte Buschwald auf Buschwald, Gestein auf Gestein.

Unmerklich waren sie dennoch aufwärts gelangt, und mit einemmal tauchte auf der Höhe der Straße, vor ziehenden Wolken, ein schwarzer Punkt auf. Heißer wehte hier der Wind, schwer vom Duft der wohlriechenden Kräuter des Waldes, und die junge Frau richtete sich auf und sog mit zitternden Nasenflügeln die kräftige, reine Luft ein, die für sie die Jugend bedeutete.

»Giula, Giula, wie geht’s? Bist du noch immer schläfrig? Wir sind schon halbwegs, und Großmutter zündet jetzt schon das Feuer an und füllt den Napf mit glückbringendem Korn, zum Willkomm für uns. Giula, wir sind halbwegs. Hier ist der Nuraghe von Mesu Caminu.«

Giula hob die müden Lider, schloß sie aber bald wieder, und auch der Mann wurde still und nachdenklich. Er tat ein paar Schritte, schien etwas sagen zu wollen — schüttelte dann aber den Kopf, als wollte er all das Blut hinunterschütteln, das ihm wiederum vom Herzen in den Kopf gestiegen war, und blickte starr geradeaus auf den schwarzen Punkt, der immer größer wurde und schließlich gleich einer Mauer vor der Straße stand.

Langsam wandte nun auch die Frau den Kopf und sah dorthin; beide hatten den gleichen Gedanken, aber der eine suchte dem andern sein Ge­sicht zu verbergen, um ihm diesen Gedanken zu verbergen. Und beide überkam ein beklemmendes Gefühl, als hätte die Straße dort ein Ende und es ginge nicht mehr weiter.

Da oben, in dem Nuraghe, hatte man ein Jahr zuvor den entkleideten, nackten Leichnam eines reichen Witwers gefunden, der Giula zur Frau begehrt. Damals war sie noch ein gesundes, kräftiges Mädchen. Sie, die Waise, hatte fünf kleine Geschwister aufgezogen, für sie alle das Korn ge­worfelt, das Brot gebacken. Eine solche konnte jener Witwer gerade brau­chen: eine Frau, die auch für seine zahlreichen Knechte das Brot bereiten, sein Haus und seine Habe sicher behüten würde, kurz, eine treue Magd, die ihn wenig kostete.

Nach seinem Tode nun war Giula mit zweien ihrer Brüder nach Nuoro gezogen und bei einem reichen Besitzer in Dienst getreten, der aber nicht Witwer war, sondern eine schöne Frau und zehn Kinder hatte und mit Giula und ihren Brüdern zusammen sieben Dienstboten, die kaum genügten, die Schaf- und Schweineherden zu hüten, die Pferde zu besorgen und die Arbeiten in den Korkeichenwäldern zu verrichten.

In der ersten Zeit war Giula sich in diesem unruhigen Hause vorgekommen wie in einem bewegten Meer: Auf das Knarren der Wiege, in der der Jüngstgeborene lag, antwortete das knirschen des Mühlsteins; die wilden Knaben stießen sie hierhin und dorthin, wenn sie ihr begegneten bei ihrem Umherrennen, das nur die Nacht zum Stillstand brachte. Dann aber hatte die Herrin ihr ihre bestimmte Arbeit zugeteilt, und deren Ein­förmigkeit hatte allmählich gleichsam eine Hülle um sie gebreitet, eine Hülle, die sie von den übrigen Hausbewohnern schied. Bei Tage worfelte sie das Gerstenmehl und bei Nacht buk sie das Brot für alle.

Und im Herbst hörte man Giula auf einmal singen. Das gleichmüßige, leise Geräusch ihres Liedes begleitete sie mit einem Vierzeiler, der so ein­tönig klang, daß das Eselchen, das im Hof die Mühle drehte, bisweilen dabei einnickte und stehenblieb. Um es wieder in Gang zu bringen, streckte alsdann die Magd, die in der anstoßenden Küche den Kleinen wiegte, den Kopf heraus und sang mit lauter Stimme einen andern Vierzeiler als Erwiderung auf den ihrer Kameradin, die verwundert aufsah und wie aus einem Traum aufwachte. Dann schlug auch sie einen andern Ton an und versuchte es mit einer nuoresischen Battorina:


»Assa bessida è s’istella
Cessi, bella, assa bentana,
Pro ti cumponner, galana,
Chin s’amante ...«1


Aber das Eselchen schlief alsbald ein, und die andere sang noch lauter als zuvor:


»Assa bessida è s’istella
Cessit su mazzine a runda,
Sos chi azes muzare bella
Sonadebolla su trumba ... »2


Kurz, in diesem Hause konnte man nicht träumen, weder bei Tage noch bei Nacht. Zur Nachtzeit mußte Giula das Brot backen, und weithin drang der kräftige Geruch, weithin hörte man das gleichmäßige Geräusch der Schaufel, die das Brot in den Ofen schob, und das Geplauder der Weiber, die, am Boden sitzend, mit hurtigen Fingern den grauen Gerstenteig zu großen, flachen Broten formten, die Giula einschob. Sie war blaß und mager geworden, denn der beim Worfeln entstehende Staub verzehrt den, der ihn beständig einatmet. Und die Glut des Backofens, die stille, unbarmherzige, stete Glut brannte unausgesetzt auf Gesicht und Brust der Bäckerin, die vor dem Ofen kniete, um das Brot, das quoll und sich hob als ob es lebte, mit der Schaufel zu regieren; und solch beständige Glut brennt und verzehrt, insonderheit, wenn drinnen, in der Brust der Bäckerin, eine andere Glut brennt und zehrt.

Wenn Giula mit schlaftrunkenen, fieberigen Augen in die Tiefe des glühenden Ofens sah, und die Flamme sich in ihren Augen widerspiegelte, dann erschaute sie, deutlicher, schärfer als die grauen, lebendigen Brote, die Gesichte ihres Geistes. Sie erblickte eine mit Buschwald und Felsen bedeckte, weithin sich dehnende Hochebene, die der Abendschein blutrot färbte; und der runde Backofen mit der niedrigen Öffnung erinnerte sie an den Nuraghe, wo man die Leiche des Witwers gefunden, dem sie sich verlobt hatte.

Und so siechte sie langsam hin, bis eines Tages ein anderer Bewerber durch einen ihrer Brüder anfragen ließ, ob sie ihn noch wolle. Er war nicht reich, wie der tote Witwer, dieser Freier, sondern ein bescheidener Ziegenhirte, auch er eine Waise, von einer alten Frau aufgezogen, die er Großmutter nannte. Aber in seinem Häuschen gab es wenig zu tun, eben weil er weder Knechte noch Pferde hatte, und Giula würde sich dort oben ausruhen können, wieder frische Bergluft armen und gesunden. Sie sagte zwar Nein; aber die Brüder, die mit ihr dem selben Herrn dienten, und die andern, hier und dort untergebrachten Geschwister kamen eines Sonntags gemeinsam zu ihr, um sie zu der Heirat zu bewegen. Alle fünf sahen sie an wie damals als Kinder, wann sie darauf warteten, daß sie das Brot austeilte, ihnen Wasser reichte und das übrige zum Leben notwendige. Und so sagte sie Ja. Da war der junge Hirte aus seinem Dorfe herabgestiegen, um sie zu heiraten, und nun führte er sie heim, auf dem mit Farren überdeckten Wagen. Wie in alten Zeiten hatten die ihm benachbarten Hirten den kleinen, schläfrigen Ochsen Orangen auf die Spitzen der Hörner gesteckt und Kränze von Immergrün um die schlaffen Hälse ge­legt. Was die jungen Eheleute einander zu sagen hatten, das war bereits gesagt; und damit sie endlich wieder die Augenlider öffne, die so grau aussahen wie das Gerstenbrot, das sie so lange bereitet, sagte er nun: »Giula, Giula, sieh mich doch einmal an! Wir sind ja nun halbwegs!«

Bei dem Nuraghe angelangt, machte er Halt. Es war der höchste Punkt der Straße, und von hier oben aus sah man das Meer. Der von Gestrüpp und Gestein umgebene uralte Bau bot einen düstern Anblick; aber alle Vorüberkommenden pflegten hier zu rasten, namentlich wenn die Sonne brannte, und an dem von Bäumen entblößten Platz allein der Nuraghe kühlen Schatten bot.

Auch das junge Ehepaar folgte dem Brauch. Er war wieder fröhlich geworden, wie Giula ihn früher gekannt, von einer ein wenig gellen Lustigkeit; sein Gesicht glühte, und seine Augen blickten bald sanft, bald grau­sam wie die eines ausgelassenen Kindes. Er redete laut, doch seine Stimme verhallte gleichsam in dem tiefen Schweigen ringsum: einem Schweigen, das Giula, in deren Ohr noch das geschäftige Leben nachklang, das den Hof ihres Herrn erfüllt, bestürzt machte. Etwas Ursprüngliches lag über diesem Ort, und es war, als wäre die ferne Welt, das Dorf auf der Höhe, die Stadt dort unten, Herren und Knechte, arm und reich und alles Menschengesetz gar nicht mehr vorhanden.

Giula stieg vom Karren herunter und schüttelte ihre Röcke aus. Sie war klein, aber gut gebaut, trotz übergroßer Magerkeit; und als sie das Kopftuch abnahm, kam ein weißer, blaugeäderter Hals zum Vorschein und ein schwer herabhängender blonder Zopf, dessen Blond allerdings aussah, wie vom Feuer versengt. Ihr Mann betrachtete sie einen Augenblick und erbebte. »Giula,« sagte er, während er einen Quersack vom Karren herunternahm, »erinnerst du dich?«

Lächelnd sahen sie einander an, und das war der glücklichste Augenblick ihres Hochzeitstages. »Und nun wollen wir unser Hochzeitsmahl halten«, sagte er, dem Quersack die mitgenommenen Vorräte entnehmend. Zwischen gelbblühenden Adonisröschen nahmen sie Platz und hielten ihr Mahl. Dann und wann faßte er ihre Hand und lächelte ihr zu mit seinen schönen, zwischen den vollen Lippen schimmernden Zähnen; und obwohl sie nicht gerne Wein trank, nötigte er sie, ihm Bescheid zu tun.

»Nun müßten wir eigentlich auch einen Wettgesang anstimmen, aber mit wem? Wir haben ja keine Gäste bei unserm Festmahl!«

Er stand auf und schaute sich um, wie um sich zu vergewissern, daß sie wirklich allein seien; und sie blickte zu ihm auf, wie er so groß dastand vor dem leeren blauen Hintergrund, und es war ihr immer wieder, als träumte sie.

»Ach, Giula, wir haben ja niemand zu Gast, niemand mit dem wir ein Lieb anstimmen könnten«, sagte er, kniete sich vor sie hin und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Und Giula blickte jetzt wie mütterlich auf ihn nieder; aber ihr Herz klopfte heftig und immer heftiger, wenn er ihre Hand preßte, den Kopf hob und sie ansah. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen, da er nun die Arme hob und ihr Gesicht zu dem seinen herabzog, als wolle er ihr ein Geheimnis anvertrauen.

»Also du erinnerst dich noch, Giula, wie wir uns zum erstenmal geküßt? Hier war’s, weißt du noch? Du warst fünfzehn Jahre und ich sechzehn. Dein Vater hielt hier seine Schafe, und wir waren zur Schafschur heraufgekommen. Ja, weißt du noch, mein Vögelchen? Und auch er war dabei, euer Nachbar, der damals noch nicht Witwerwar und an dich nicht dachte ... Aber warum willst du mir keinen Kuß geben? denkst du immer noch an ihn?«

Sie wich seinem Kusse nicht mehr aus; sie schloß die Augen und überließ ihm die bebenden Lippen; aber ihr Gesicht war leichenblaß, und um die bläulichen Lider lag ein dunkler Rand.

»Giula, Giula«, rief er erschrocken, stand auf und

hob sie in seine Arme. »Sieh mich an!«

Sie sah ihn an und lächelte, aber in ihren Augen standen Tränen. Er sah nur ihr Lächeln und war alsbald wieder jung und froh wie damals vor zehn Jahren. Er fing an, sie zu necken, spielte mit ihrem Haar, plau­derte von der Großmutter, die daheim auf sie warte. Und unter seinen Küssen ward ihr armes, blasses Gesicht noch einmal rosig und jung; be­glückt nahm er sie auf seine Arme wie ein Kind, tanzte mit seiner leichten Last umher und trug sie endlich in den kühlen Nuraghe hinein, als wolle er sie selbst vor der Einsamkeit und dem Schweigen ringsum verbergen.


* * *


Sie war wie tot. Gestorben vor Glück, vor Angst. Nur die Stimme war ihr noch geblieben, ein leiser, rauher Klang, mit dem sie die Erklä­rung eines Geheimnisses begehrte, ohne die sie nicht in die ewige Ruhe eingehen konnte.

»Cosma, liebes Herz, nun, da wir einander angehören, kannst du mir alles sagen. Bist du’s, der ihn tötete? Sag’ es mir. Jetzt, da wir ein Fleisch sind, kann ich ja dein Geheimnis nicht verraten. Also, sag’ es mir. Im Grunde meines Herzens weiß ich es doch!«

Er hob ihr Gesicht zu sich auf, und sie blickten einander in die Augen. In den ihren stand Angst und Entsetzen und Hoffnung, als erflehe ihre schon über der Tiefe schwebende Seele noch die Rettung, die sie selbst als unmöglich erkannt. Er sah sie an und fühlte, daß er verloren war — aber die Tiefe faßte auch nach ihm. »Ja!« sagte er endlich und schloß die Augen.

Sie schrie nicht, sie regte sich nicht. »Cosma,« sagte sie still, »warum tatest du’s?«

»Weil er dich mir nehmen wollte, und du mich aufgegeben hattest, weil er reich war und ich arm ... Ja, darum!«

»Und was tatest du mit seinen Kleidern?«

»Ich verbarg sie hier im Nuraghe, tief in der Mauer drin.« Und er sah sich um, als wolle er mit seinem Blick die Stelle suchen. Doch als er sich ihr wieder zuwandte, sah er mit Schrecken, daß ihr Gesicht wieder leichen­blaß war; die Augen waren zwar offen, aber ihr Blick starr, leblos.

»Giula, Giula!« rief er. Sie antwortete nicht. Und wieder nahm er sie auf seine Arme und trug sie hinaus; sanft legte er sie nieder, zwischen die gelben Adonisröschen, und strich mit der Hand über die bläulichen Lider, um die nun weißen Augen zuzudecken, deren leerer Blick ihn schreckte.

Er weinte nicht, er klagte nicht; aber er konnte sich nicht entschließen, sie wieder auf den Karren zu betten und sie in seinem Bräutigamskleid in sein Dorf heimzuführen. Still saß er neben ihr, bis die untergehende Sonne Busch und Gestein ringsum blutrot färbte. Dann versank auch der Nuraghe im Schatten, und Schweigen und Dunkel umgab die Tote. Wie sie so still dalag, mit den arbeitsharten, nun erschlafften Händen, deuchte es ihn, als habe sie nun endlich Schlummer gefunden und Ruhe nach so vielen Nächten heißer Mühe.

»Warum hattest du ihn auch angenommen?« fragte er sie. Und dann dachte er an die bevorstehende Heimkehr, zu der des jungen Paares wartenden Großmutter, und daß die alte Frau nun noch für ihn das Witwerkleid nähen müsse. Ein letztes Mal nahm er seine junge Frau auf seine Arme, bettete sie auf den Karren und deckte sie mit dem Leintuch zu, das er am Morgen als Sonnendach für sie ausgespannt. Die Orangen und die Kränze nahm er den Ochsen ab und legte sie neben die Tote. Er schirrte die schwerfälligen Tiere wieder an, aber es kam ihn schwer an, sich wieder auf den Weg zu machen. Es war schon Abend geworden; über der Wölbung des Nuraghe zog der Mond herauf, und Cosma sah vor sich seinen tiefdunkeln Schatten. Ja, auch er war nun Witwer; aber so, ohne Knechte, ohne Habe, ohne Kinder brauchte er keine zweite Frau. Nur könnte er der alten Großmutter die Mühe ersparen, für ihn noch das Witwerkleid zu nähen. Und ohne sich klar bewußt zu sein, betrat er nochmals den Nuraghe, suchte und fand die Kleider des Ermordeten, tat sie in den Quersack und nahm sie mit sich. Und unabweislich, zwingend, brach sich bei ihm der Gedanke Bahn, alles, was an diesem Tage geschehen, sei von Gott gewollt, zur Strafe für sein Verbrechen.

Als er aber das Witwerkleid des Ermordeten selbst anlegte, wurde es erkannt. Da man ihn verhaftete, gestand er und ward verurteilt.



* * * * * * * * * * * * * * * * * * * *


* Zur Übersetzerin konnten leider keine Daten ermittelt werden. Falls noch Urheberrechtsansprüche bestehen sollten, bitten wir die UrheberrechtsinhaberInnen sich mit uns in Verbindung zu setzen; wie entfernen dann auf Wunsch sofort den oder die betreffenden Texte und bitten um Entschuldigung.

1 Wenn der Abendstern aufgeht, komm ans Fenster, du Schöne, um mit dem Liebenden Zwiesprach zu halten. —

2 Wenn der Abendstern aufgeht, macht der Fuchs die Runde; wer eine schöne Frau hat, tut gut, ins Horn zu blasen.


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