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Juliane Déry – Beichten

Novelle

Aus: Neue deutsche Rundschau (Freie Bühne), Band 8 (1897), S.1299ff.



Damals war Madame noch jung und noch nicht mit ihrem dicken Bahninspektor verheiratet. Wo waren die Zeiten?

Neulich meldete ihr Dienstmädchen einen Herrn aus Cairo. Verwundert schüttelte sie den Kopf. »Ein Herr aus Cairo?« Doch da stürzte er schon ins Zimmer, ein kleiner Graukopf in Oberstuniform. »Erkennen Sie mich denn nicht? Ich bin ja der Ali Ben Muro! Soeben höre ich, daß Sie in Paris wohnen –« Es dauerte lange, bis sie sich besann. Dann mußte sie hell auflachen. Nun war's an ihm, erstaunt zu sein. Diese gute Dame – war das Mademoiselle Josette? Wie sich doch Frauen verändern! Unglaublich! Nun fing sie gar an, von ihren großen Söhnen zu erzählen. »Was macht denn Granville?« wollte er wissen und von schönen vergangenen Tagen reden. Seine Turkoaugen strahlten. »Ma chère amie! Ma chère amie –!«

Doch ma chère amie seufzte: »Ja. schön, weil sie vergangen!«

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Es giebt Dinge. die nur aus der Ferne wirken – zum Beispiel Felsen. Wenn man darauf ist. findet man nichts daran. So ists auch mit Granville. Als die kleine Josette einmal – ja damals war sie noch freilich die kleine Josette – mit der Schule einen Ausflug nach der nahen Insel Jersey gemacht hatte und auf der Heimfahrt vom Deck des großen Dampfers die auf Roche du Roc erbaute, stolze Stadt erblickte mit ihrem Hafen, den vielen hochbemasteten Schiffen, ihren in der Sonne erglänzenden Dächern und Türmen und den zwischen lichten Felsenriffen üppig prangenden Gärten, erkannte sie ihre Vaterstadt nicht mehr. »Wohin führt ihr mich?« fragte sie, »was ist denn das für ein herrlicher Ort?«

Und doch, man möchte nicht drin begraben sein. Helle, heiße Straßen, die Häuser weder ehrwürdig noch schmuck, das singende Geschrei der Crevettenverkäuferinnen und Krämer, die vor ihren Thüren stehen – ein langweiliges Nest! Nicht gerade häßlich, um mit der Bevölkerung zu reden pour beau ce n'est pas beau, mais pour laid ce n'est pas laid, nein, häßlich auch nicht, nicht einmal das, nur nichtssagend, ein Krähwinkel, so unglaublich es auch klingen mag für eine Hafenstadt. Aber selbst der Seemann wird hier zum Philister. Das Meer kann nichts thun. Was ist denn das auch für ein Meer? Bei schönem Wetter blau, bei schlechtem grau, ein monotones, kleinstädtisches Meer ohne Ueberraschungen. Nirgends Größe, überall nur das Normale, schier abnorm normal. Bei Gott, sogar die Sonne: ohne viel Geschichten geht sie auf und unter. Für Ochsen ist das gut genug. Die Viehzucht gedeiht, überhaupt das Fleisch. Die runden Waden der Granvillerinnen waren ja schon dazumal in ganz Frankreich berühmt. Kuhartige Schönheiten. Offen und leer wie Sonnenblumen. Aber sie passen in die Landschaft: weiter, öder Strahlenhimmel, dünne Wässerchen, hoher Klee – hier zu Lande verliert selbst die Erde von ihrem Nimbus.

Wie anders im Pays de Caux! Dort ist Land, hier die Provinz, die Kehrseite der Normandie, jener Theil, wo ein so guter Verkehr herrscht, daß wenn man irgend wohin fährt, man einen jeden Zug benützen kann, egal in welcher Richtung, denn früher kommt man doch nicht hin; wo, wenn jemand stirbt, die lieben Verwandten ins Haus fallen und über einander her, und steht zufällig im Inventar von einer scheckigen Kuh, die vor so und so viel Jahren in der Wirtschaft war, so verlangen sie die scheckige Kuh heraus und schreien und bestehen auf ihre scheckige Kuh; wo, drückt man einem Kellner einen Franc in die Hand, dieser erst untersucht, ob auch das Geldstück echt sei. und wo die Frömmigkeit so groß ist, daß die Kinder bei ihrer ersten Communion mastbaumdicke Wachskerzen herangetragen bringen, umso kostbarer, je reicher die Herren Eltern. So hoffärtig ist dieses Volk und seine Rede ist weder Ja noch Nein.

Doch hat Granville eine Garnison und das heißt schon etwas in diesem Land der vollen Scheunen und der leeren Herzen. Da wird der Offizier zur schönsten Naturerscheinung. An lebenslustigen jungen Weibern fehlte es ja nicht. Sogar einige braune Orientalen waren unter den Tirallieuren, Söhne Algiers, die es vorzogen. im Mutterland zu dienen. Das waren natürlich die Wunderthiere, nebenbei bildhübsche Leute und von den Damen nicht wenig bevorzugt. Ist denn ein Leutnant nicht schon an und für sich ein Labsal für's Herz und ein Retter in der Not?

Gar für eine kleine Schwärmerin wie Josette. dieses blonde Geschöpfchen, so sehnsuchtsfroh und gefühlvoll, ganz ätherisch, zum Forthauchen zart, mit weißen, rosigen Wänglein und himmelnden, scheu schmachtenden Blauaugen.

Père Blanquet, der am Hafenplatz ein brillant gehendes Hotel besaß, hatte sich wahrlich um andere Dinge zu kümmern, als um den Unterricht seines Töchterchens. Mochte die Kleine alles zusammenlernen. Er hatte andere Sorgen. Und Josette oder Joso, wie ihr Papa und ihre Firmpathin sie nannten, hatte einen wahren Durst nach allem Schönen, Hohen. O diese fahrlässigen Väter! Ihre Erziehung war zu fein ausgefallen. Sogar Klavier spielen konnte sie, noch dazu sehr hübsch. Auf den Casinobällen machte man ihr darüber oft Complimente. Wie reizend spielte sie z. B. »Les cloches du Monastère« oder »Les adieux du Bertrand«, während die Leutnants säbelklirrend unter ihren Fenstern auf und abpromenirten. Auch sang sie süßweiche Romanzen von Béranger mit ihrem kleinen, sentimentalen Stimmchen.

Umsonst warnte sie ihr Beichtvater vor dem Teufel, der in der Musik auf unschuldige Herzen lauere. Und wahrlich was den Teufel betrifft, kannte sich Abbé Amirand aus. Er war ein gar frommer Mann. Aß er auch wie ein anderer und sogar sehr gut, trank er auch wie ein anderer und sogar sehr viel, der Himmel war ihm alles. Die Kirche besaß keinen demüthigeren und zugleich strengeren Seelenhirten. Seine kleinen, weißen, fetten Hände konnten so segnen, als drohen und seine mißtrauischen, spionirenden Aeuglein gar zornig verzückt dreinblicken. Er verstand keinen Spaß und forderte Gottesfurcht mit einer Energie, einem Temperament, als wäre er der Herrgott in eigener Person. Er strotzte nur so vor Kraft und Christentum! Man mußte ihn nur das Hochamt celebriren sehen am Sonntag, wenn die Kirche gesteckt voll war, die große, uralte Saint-Pair-Kirche mit den dicken, massiven Mauern wie die einer Ritterburg. Ein heiliger Bischof schläft dort seinen ewigen Schlaf, es ist wie ein riesiges Grabgewölbe. In feuchten, finstern Nischen stehen die Apostel, auch ein heiliger Thaddäus und über dem Hochaltar, in hellem Kerzenglanz erstrahlend, ein großmächtiger Christus am Kreuz. Das war eine Andacht schier sinnverwirrend weihevoll. Die Orgel dröhnte, der Abbe sang, die Ministranten wollten ihn übertönen, doch die kräftigste Stimme hatte der Kirchendiener, er brüllte wie zehn Heilige.

Verzückt lag Josette auf den Knien und lauschte. Das fromme Kind glaubte Engelschöre zu hören. Sie träumte. Ihr kleines Herz erbebte. Wie war der Mensch doch ein Gefäß voll von allem Schönen, Bösen! Freudig betete sie und schlug die Hände auf die Brust. Dort regten sich junge heiße Elemente. Sie weinte vor Inbrunst. Das Leben war so heilig schön und dann gings in den Himmel. Der Herr Abbé hatte es ja versprochen.

Freilich als sie einmal in der Beichte sich der Sünde zieh, einen Priester Gottes verspottet zu haben, machte er ein bedenkliches Gesicht. Er wußte, daß sich das auf ihn bezog. Zwei andere seiner Beichtkinder, Freundinnen und Gespielen von ihr hatten soeben dasselbe Geständnis abgelegt. Aber natürlich, die jungen Dinger hatten sich, lustig gemacht über ihn. Schau, schau, diese Josette! Diese kleine Heuchlerin! Diese Spitzbübin! Er wollte mehr hören. »Wie denn das?« und verlangte eine absolute Beichte. Ganz zerknirscht stammelte die kleine Josette:

»Mon cher saint abbé –«

»Also was wars denn?«

Sie hätte gesagt – d. h. ihre Freundinnen hätten . . .

»Na. was denn, du Schelm?«

– Daß der Herr Abbé mit seinem breiten, regelmäßigen Gesicht und den wegstehenden Ohren wie der Pagode aussähe im Hôtel de Ville.

»Aha!«

Ihm bangte plötzlich um ihr Seelenheil. Streng trug er ihr auf, viel Rosenkränze zu beten, ließ sie nicht mehr aus den Augen und blickte sie jedesmal vorwurfsvoll und klagend an, daß die arme Kleine erschrocken zusammenfuhr, ja, sie gleichsam zur Verantwortung ziehend, wenn er von der Kanzel feierlich-zornig wie aus Himmelshöhen herabdonnerte: »Gott ist allwissend! Gott ist barmherzig! Gott ist allmächtig!« Und sie konnte doch nichts dafür.

Arme kleine Josette! Das hätte sie sich auch nicht träumen lassen, daß sie den Allwissenden je fragen würde: »Wenn du wüßtest! Wenn du in mein Herz sähest!« zu dem Barmherzigen: »Du bist unbarmherzig!« und zu dem Allmächtigen: »Mir ist nicht zu helfen.«

Verliebt sich in den Turkoleutnant Ali! Ja, was einem nicht alles passiren kann. Und wie! Bis über die Ohren. Sie war trostlos und wiederum nicht, weil sie so selig war. Die Aermste! In allen Himmeln sein und sich vor der Hölle fürchten! Was wird der Herr Abbé sagen und der liebe Gott? Der Mensch muß ja so viel Rücksichten nehmen. Sie verging vor Sehnsucht und starb schier vor Angst. Wenn es jemand wüßte.

Es wußte die ganze Stadt. Die Leute von Granville wissen alles. Selbst die in der Umgebung. Von zehn Stunden Weges kam Tante Pipine ins Haus geschneit wie ein Gericht Gottes: »Ist es wahr?« und nahm das mutterlose Schäfchen in ihre Obhut. Eine handfeste Pächterin in einer Riesenkrinoline, eine echte, rechte Bauerntante mit rotem Gesicht und einer Stimme, daß sich Gott erbarme! Nein, von der berühmten Grazie der Französin war aber auch gar nichts an dieser braven Frau, die auftrat wie ein feister Grenadier und dabei in gewissen Dingen von einer Zimperlichkeit war, von einer Engherzigkeit!

Und es ging den ganzen Tag: »Josette, warum bist du so traurig? Josette, an wen denkst du? Josette, ich sag's dem Papa! Warum bist du blaß geworden?« Vergebens weinte das arme Kind: »Kann ich denn dafür? Je ne le fais pas exprès!«

War sie nicht schon unglücklich genug? Daß es Turkos geben mußte, Heiden! Das war nicht schön vom lieben Gott. Konnten denn nicht alle Menschen gleich sein?

»Was fällt dir ein?« rief die Tante und bekreuzigte sich. So lästerlich zu reden! Nein, diese Jugend von heutzutage! Betrübt schüttelte sie den Kopf, daß ihre Lockenbüscheln unter dem kolossalen, mit Bändern und Blumen überladenen Schäferhut hin- und herflogen. Es gab ja doch so viele andere Leutnants! Mußte es denn just dieser sein? Warum denn gerade er?

»Oh, ma pauvre tante, was bist du doch dumm!« dachte die kleine Josette und ließ sich ihre Liebe nicht nehmen. Sie hatte ja nichts als das. Nein, sie wollte das süße Feuer in sich nicht löschen lassen. Alles, nur das nicht! Unnötige Furcht! Das brannte unauslöschlich. Das ewige Flämmchen am Gnadenaltar war ja nichts dagegen.

Der liebe Gott müßte ihr diese Sünde schon verzeihen und die Tante konnte wirklich auch mehr Einsicht haben! Daß diese so gar nichts begriff! Da sah man eben die Landpomeranze. Es war schon einfach lächerlich, diese ewige Entrüstung: wie kann man nur einen – Ali lieben!?

»Du siehst ja, daß ich es kann! daß ich es muß!« klagte die Kleine. Ihr Herz konnte alles. Das war eine Kraft, davon die Tanten und Papas keine Ahnung zu haben schienen. Das kam über einen wie Sturm und Sonnenschein.

Und wenn sich auch die Tante auf den Kopf stellte! Und wenn die Firmpathin ihr auch tausendmal zu Hilfe kam, die gute Madam Dieulafoi, eine glühende Verehrerin Abbé Amirands, Granvilles eifrigste Kirchengängerin, nebenbei eine äußerst tüchtige Geschäftsfrau, bekannt durch ihre kühne Spekulationen und die waghalsige Art, ihre Gelder anzulegen, wie daß sie ihre kleine Meierei, sowie ihr einträgliches Cidre- und Liqueurgeschäft bereits der Kirche testamentarisch vermacht hatte, um sich auf einen guten Platz im Himmel gleichsam zu abonniren, kurz eine alte Betschwester mit allen Chicanen. Wie auch bei ihr die Lockenbüschel und die Hutbänder hin- und herflogen, während sie, der Tante sekundirend, mit Kopfschütteln, Augenverdrehn und zusammengeschlagenen Händen jammerte:

»Joso, pour l'amour de Dieu!«

Die hatte noch gefehlt. Die kleine Josette wußte nicht mehr, wo ihr der Kopf stand. »Was wollt ihr denn?« rief sie auffahrend. Alles fiel über sie her! Und das große Geschrei, das man gleich machte! Nun ja, wie oft käme es vor, daß man einen schlechten, bösen Menschen liebte, einen Verbrecher, ja, einen verheirateten Mann und was noch eine viel größere Sünde war, sogar einen Abbé. Warum denn nicht auch einen Turko?

Die beiden Weiber kreischten vor Entsetzen. Madame Dieulafoi war kreideweiß geworden.

»Was thu' ich denn? Ich thu' ja nichts!« fuhr Josette fort zu weinen. »Was will ich denn? Ich will ja nichts!«

Nicht einmal tanzen durfte sie mehr mit ihm auf dem nächsten Ressourceball. Gott behüte! Die Tante und die Firmpathin hatten es ihr ja ausdrücklich und strengstens untersagt. Wie oft mußte sie später dieses Balles gedenken! Sie hatte ein rotes Tarlatankleid an von unendlicher Weite, die Oellampen rochen so schlecht, man mußte immer an ihnen herumdrehen, damit sie brannten, in gedämpftes Licht gehüllt, lag der niedrige lange Saal und gedämpft klang auch die Musik zu ihr herüber, als – er plötzlich vor ihr stand. Sie wurde rot und blaß.

»Warum nicht tanzen?« Wie bittend und einschmeichelnd er das sagte! Ihr wurde heiß und kalt. »Porquoi pas« bat er in seinem Arabisch-Französisch und lächelnd legte er seinen Arm um ihre zarte, dünne Taille, vorsichtig und wie in Angst, sie zu zerbrechen, um dann in den Reihen der vielen Uniformen und der hellen, bauschigen Kleider Aufstellung zu nehmen zu dem neuesten Tanz, der Quadrille.

Wie graziös und leicht er sie durch den Saal trug! Er war der geborene Tänzer, vielleicht weil er so schmächtig und klein von Gestalt war. Um so kräftiger war freilich seine Nase. Macht nichts. Herrlich wars, in seinen Armen dahinzuschweben, – himmlisch, himmlisch! Das Tuch seiner Uniform zu berühren, den Hauch seines Mundes, den Geruch seines Haares, seiner Kleider, seines Leibes zu atmen. So etwas hatte sie noch nie empfunden, nicht einmal in Momenten höchster Verzückung auf den Knieen vor Gott. Ja, das Leben war schön, das Leben war grausam! Fürchte dich nicht. lieber Gott, dachte sie schmerzlich, diesen gleichsam beruhigend, wir thun ja nichts! wir thun ja nichts! Wir tanzen nur miteinander Quadrille . . .

Da riß sie sich los.

»Qu'avez vous donc« fragte Monsieur Ali.

Da stand sie in ihrem roten Tarlatankleid wie in eine feurig glühende Wolke gehüllt, daß man von ihr nichts sah. als die spindeldürren Aermchen und ihre großen aufgerissenen Augen; zwei angstvolle, verliebte, schier zitternde Augen.

»Laissez moi! Laissez moi! rief sie in Thränen ausbrechend. Sie hatte ja solche Angst!

Arme kleine Josette!

Aber sie wollte ja das zärtliche, süße, süße, teuflische Gefühl in ihr ersticken, auf des Himmels Gnade hoffend! Sie ging zu allen Messen, fortwährend lief sie in die Kirche, dem lieben Gott das Haus einlaufend und rutschte sich die Kniee wund auf den harten, kalten, ausgetretenen Steinen. Der heilige Barnabas ists, glaube ich, der da sagt: »Kniet weich, auf daß ihr gut betet.«

Arme, arme Josette!

»O nimm mich zu dir!« betete sie zur heiligen Mutter Gottes, die im weißen Kleid und mit goldener Krone hoch schwebend am Altar thronte, wie eine wirkliche Braut zwischen Lilien aus Blech und glänzend grünen Blech- blättern. Und sieh! Lächelnd beugte sich die Gnadenreiche herab und streichelte der Betenden das Haar. Oder erschien es nur so dem armen aufgeregten Kinde? Gleichviel – o Seligkeit! Sie war wie erlöst, gar als sie Jesu gelobte, eine schöne Altarspitze zu häkeln – wie that das dem Gewissen wohl! So erkauft man sich vom Himmel seine Freiheit. Ach, sie war ja so froh! Der liebe Gott war ja gar nicht so fürchterlich, wie die Abbés es sagen, auch war er ja weit, weit weg im Himmel und die Erde gehörte den Menschen. wie auch der Frühling.

Die Sonne stand strahlend über dem Meere und das Meer streute Muscheln aus, kleine Perlmuttermuscheln von der Form eines Rosenblattes. Zwischen rauhem, grauem Gestein lagen sie hingestreut, zartem, glänzendem Laube gleich. Der Strand war voll davon. Wie auf Rosen gebettet lag Josette. Der frische Wind bewarf sie mit goldenen und silbernen Rosenblättern. Ihr Herz wurde groß, ihr Horizont weit, unendlich wie das Meer, hinter dessen hochgehenden Wellen die Chausey-Inseln aufblitzen, sonnenbeschienene lichte Punkte gleich fernen seligen Inseln.

Sehnsuchtsvoll starrte Josette nach ihnen. Sie lebte auf und glaubte zu vergehen. Wie war ihr! O dieses Aufglühen des Leibes, diese Fieberschauern der Seele, ihr himmlischer Mut!

Nun trat sie vor Gott hin. Denn war es nicht das Ohr Gottes, das sich ihr huldvoll neigte? Welch ein erhebender, aber auch schauerlicher Gedanke! Zitternd lag sie im Beichtstuhl. Es war so dumpf in dem kastenartigen Raum, und der heiße Atem des Herrn Abbé, der eigentümliche Hauch, der von ihm ausging – merkwürdig, daß die Männer alle einen so seltsamen Geruch haben, sogar die Priester! Es benahm ihr den Atem. Sie war wie betäubt. Und wie ihr das Herz schlug vor Freude und Angst! Sie hatte ja den lieben Gott so gern, aber den Leutnant Ali hatte sie auch gern. Die Glückliche! die Sünderin! Reuig, selig gestand sie, wie ihr geschehen war. Alles kann man ja nicht beichten. Es giebt Dinge, die das Gewissen gar nicht auf sich nimmt, denn was kann es denn dafür? Bebend hauchte sie nur:

»Ich liebe ihn.«

Abbé Amirand traute seinem Ohren nicht. War denn die Kleine verrückt? Was waren das für Sachen? Er konnte gar nicht fassen und ermahnte sie zum Guten. Nicht etwa, daß die Kirche gegen die Liebe sei, bewahre, befahl sie ja sogar die allgemeine Menschenliebe, aber Turkos und Mohamedaner sind denn das auch Menschen? Er beschwor sie, an ihren Vater zu denken, der zwar nicht sehr oft in die Kirche kam, zu dem er aber umso öfter ins Gasthaus ging. Er meinte es ja mit Allen gut. Sie sei ja kein Kind mehr und sie solle sich schämen. »Chère enfant, mais pensez donc!« Wer wird denn einen – Verdammten lieben!

O Entsetzen! Sie floh aus der Kirche. Die Sinne drohten ihr zu schwinden. Doch horch! Säbelgeklirr. Er wars. Wie eine herzerrettende Vision, ein lebendig gewordenes Sehnsuchtsbild kam er daher mit seinem wiegenden Gang und grüßte mit bescheidener Freude. Sein scharfes, gelbdunkles, in froher Verliebtheit strahlendes Gesicht, die roten Pluderhosen, der verschnürte weiße Rock und der Fez mit der herabwallenden blauen Quaste – ach, was hatte der Mann doch für einen Charme! Seine Schritte hallten laut auf dem alten Pflaster. Und sein pechschwarzer Schnurrbart, die wundervollen Augen – er war entzückend! Und er sollte verdammt sein? Nein, so herzlos war der liebe Gott nicht. Das war ja nicht menschenmöglich!

Und nun kam das Schreckliche: sie glaubte es nicht. Sünde über Sünde! Alles Unglück über ihr armes Haupt.

Aber warum sollte er denn auch verdammt sein? Er war ja ein französischer Offizier! Das Kreuz der Ehrenlegion schmückte seine Soldatenbrust. Der Herr Abbé mußte sich entschieden irren. Der Leutnant Ali war ja ein so lieber weicher Mensch! Und der Aermste sollte dereinst in der Hölle braten? Warum denn? Weil er einen Fez trug? Unmöglich! Nein, nein, da hatte sie vom lieben Gott eine viel zu gute Meinung. Aber wie sagte die heilige Schrift? Man darf nicht grübeln, man muß nur glauben! Ja, nun erst verzweifelte sie. Doch das machte die Sache nicht besser und das Beten von Rosenkränzen nützt auch nicht immer. Sie konnte es nicht fassen in ihrer Güte, ihrem Mitleid, und ach, sie vermochte diese sündhaften Gefühle nicht zu unterdrücken. Es kann nicht sein! Ihr sagte es das Herz, ihr Herz voll Feuer und Ewigkeit. Und sie blieb dabei: Nein, nein! und sagte es auch dem Herrn Abbé im Beichtstuhl unter Zittern und Thränen:

»Ich glaube nicht, daß er verdammt ist.«

Da wurde der Abbe böse. Diese kleine Josette! Das ist eine! Er war empört. Alles hatte seine Grenzen. Eine so grenzenlose Verstocktheit! Ihm standen die Haare zu Berge. Die Autorität der Kirche stand auf dem Spiel. Was sollte denn aus ihr werden, wenn schon Kinder sich aufzulehnen wagten? Doch Kirche her, Kirche hin, ein Priester war auch nur ein Mensch und ließ sich nicht alles gefallen wie Gott, die Freidenkerei schon gar nicht, das wäre! Na warte. du verliebtes Ding! willst es besser wissen? Ich beuge deinen Starrsinn! Denn was zu viel ist, ist zu viel! Ich werde dir geben! Und – er gab ihr keine Absolution.

Das war ein großer Schlag für die kleine Josette. Schrecken erfaßte sie und die Furcht vor Gott. Eine Art Gespensterfurcht. Sie traute sich nicht mehr, allein im dunklen Zimmer zu sein. Eine so wahnfinnige Angst hatte sie nur einmal gehabt im Leben, als sie, ein kleines Kind noch, im Meere hätte baden sollen. Wie hätte sie damals gejammert: »Ich bin ja so klein und das Meer ist so groß!« Und wiederum klagte sie: »Großer Gott. was hab' ich dir denn gethan, daß du so hart gegen mich bist, vielmehr der Herr Abbé?«

Ostern war vor der Thür mit seinen Auferstehungsglocken und der heiligen Communion. Wie man da aufatmet! Der Bann ist gebrochen, das Fasten vorbei, das Fischeessen, die Charwoche mit ihrer dumpfen schwülen Andacht, dem staubigen Wind, der vom Meere her heulend durch die Straßen fegt, und all dem Bußengethtue. Wie verwandelt ist die Welt, die Kirche ein wahrer Festsaal. Der liebe Gott macht die Honneurs. Alt und jung ist aufgeräumt und frommen Jubels voll. Und das Feierliche in der Luft und in allen Herzen! Aufrichtig ist nur die Freude. Josette war ausgeschlossen. Nicht communiziren dürfen. An einem Ostersonntag nicht vor Gott hintreten. Das ging ja nicht. Das mußte sie zum Leben haben. Und ihr neues Kleid war schon fertig, ihr blühweißes Ostersonntagkirchengangskleid. O Heiland und alle Heiligen. Sie verzweifelte. Wo war ihr schöner Gottesglaube? Erstickt in kirchlicher Rechthaberei. Ja. die Kirche konnte triumphiren. Ihrer war die Welt. Schien es denn nicht, als ob selbst das Meer, wenn es sich müde getobt hatte und sich wund geschlagen an den Felsenklippen, zu Kreuze kröche und ein reuiges Vaterunser murmelte, und als ob der Rauch, der aus tausend Schornsteinen bläulich in die Höhe flieg, nichts als frommer, duftender Weihrauch wäre?

Nun aber hielt sich damals ein Missionär in Granville auf, der aus fernen Ländern kam, um hier Fastenpredigten zu halten. Pater Lucien kannte die Welt wie seine Tasche und war ein gar lebenslustiger Herr. Viel dicker noch als der Abbé Amirand, ein wahrer Dorfbarbier vom Priester, der nur mit Hausmitteln kurirte. Ein rechter Spaßvogel, der Scherze importirte und sich für das Land des Apfelweins über den Dichter des »Cid« das Bonmot zurecht gemacht hatte: »Warum hat Corneille ein Monument auf der Brücke zu Rouen?« Antwort: »Parcequ' il a fait le – Cidre!«

Alles lachte, am herzhaftesten der Pater. Er barst schier vor Lebensfreude. Schnell machte er sich populär. Er zwinkerte den Mädchen freundlich zu, verkehrte viel im Casino und liebte den Klatsch. Zu seinen Predigten strömte man nur so. Einmal predigte er ausschließlich für Ehefrauen. Mit rotem Kopf kam Tante Pipine heim und bekam förmlich Wallungen. »Nein, nein!« rief sie und konnte sich gar nicht erholen von all dem Unerhörten, das sie gehört. Und in einer Predigt an die Dienstboten sollte er gesagt haben: »Kommt zur Beichte! kommt getrost! Wer nicht mehr als zehn Francs gestohlen, dem soll vergeben werden!«

Da dachte Josette: du bist mein Mann! – ging hin und öffnete ihm ihr Herz. Im Beichtstuhl in dem weiten Kirchengewölbe mit seiner hundertjährigen Luft lag wieder das junge knospende Geschöpfchen, das so gequält und gemartert war von Gott und der Welt. Sie war ganz aufgelöst. Lieben, wo man nicht darf, nicht glauben, wo man muß – o die Märtyrerin der Sünde! O das furchtbare Geständnis:

»Ich kann nicht glauben. daß die Turkos verdammt sind.«

Tiefe Stille. Dann ein Räuspern und endlich – der Schalk saß Pater Lucien wieder im Nacken und so ein zartes, zappliches Ding war ein gar guter Bissen für seine lachlustige Laune – die leise Bemerkung wie eine Frage:

»Mein Kind, es hat dich jemand sehr lieb . . .«

Sie horchte auf.

Die dicke Stimme des Paters war unglaublich modulationsfähig, wie ein weicher Hauch berührte es ihr zitterndes Ohr:

»Ja, und ich soll es dir sagen.«

Sie bebte und strahlte, vergaß die ganze Welt.

»Nun denn. wer ist es wohl?«

Jauchzend kam es heraus:

»Der Leutnant Ali!«

Ein mühsam verhaltenes Lachen ging durch die kalte Kirche, dann wieder das weihevolle Flüstern des Paters:

»Der dich liebt, ist hier . . .«

Die Kleine wurde ganz konfus. Was sollte denn das heißen«. Machte sich denn der Herr Pater einen Jux mit ihr oder sollte es sein Ernst sein? Ihr wurde übel, sie war einer Ohnmacht nahe.

»Wie? Sie selbst – mein Vater?«

Fast wäre er herausgeplatzt. Es bedurfte seiner ganzen Selbstbeherrschung, um sich einigermaßen zu fassen. Katzenartig schnellte er dann plötzlich in die Höhe und rief mit mächtig bebender Stimme, daß es der armen Kleinen durch Mark und Bein ging:

»Er ists!« und sein ausgestreckter Arm deutete auf das Riesenkruzifix. – – –


*


Zu Füßen des Kreuzes lag die kleine Josette und weinte bitterlich. Draußen zischten jubelnd die Schwalben und prachtvoll schien die kräftige, frische Frühlingssonne. Aber die kleine Josette schluchzte, als wollte ihr das Herz brechen. Verklärt blickte der Heiland drein. Wie eitel Gold funkelten seine aus gelbem Blech gemachten Heiligenstrahlen. Doch öde war die Welt und Josette wollte sterben –

Wenn man einen Menschen liebt, hilft einem kein Gott.