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Juliane Déry – Die sieben mageren Kühe

Komödie in drei Akten

Juliane Déry, Die sieben mageren Kühe, S. Fischer Verlag, Berlin, 1897.
Vielen Dank an Prof. Michelle James der Brigham Young University, die uns die Digitalisate zur Nachkorrektur der Transkription von Sophie Literature zur Verfügung gestellt hat.

Personen


von Hoff, Oberfinanzrath.


Frau von Hoff.


Stephanie, Beider Kind.


Gusti, Beider Kind.


Richard Grobinger, Doktor der Medizin, Stephanie's Bräutigam.


Der alte Grobinger.


Frau Grobinger.


Karl Prix junior.


G. K. Mayer.


Mali, Dienstmädchen.

Wien.

An einem Frühlingstag von 1 Uhr Mittags bis 8 Uhr Abends.



Erster Akt

Wohnzimmer bei Hoff's. Die Mittelthür führt ins Vorzimmer, links eine Thür ins Nebenzimmer und eine kleine Tapetenthür in die Küche. Rechts zwei Fenster mit Spitzenvorhängen. Zwischen denselben ein Schreibtisch mit einem Regulator darüber. Rechts von der Mittelthür eine altmodische Credenz, links ein Schrank. Links vorne ein Tischchen mit Photographien darauf, und je einen Fauteuil zu beiden Seiten. Vor dem ersten Fenster ein Nähtisch, ein Altvaterstuhl davor. In der Mitte ein runder Tisch mit billigen Sesseln. Eine Hängelampe. Ein alter Teppich. Der Tisch ist gedeckt. Es ist Mittag. Draußen scheint die Sonne. Ein Fenster ist offen. Man hört das Geräusch der Straße. Es ist eine Parterrewohnung.

(von Hoff und Prix sitzen links am Tischchen. Gusti lehnt am Stuhl ihres Papas).


von Hoff.

(Typus des höheren Beamten, vollendeter vormärzlicher Bureaukrat, 50 Jahre alt, schon stark ergraut. Er trägt den linken Arm in der Binde. In die Höhe fahrend).

Nein, sag ich, nein!


Gusti

(achtzehn Jahre alt, frühreif, ein resches Ding).

Aber Papa!


Prix

(junger Kaufmann, frisch, sympathisch. Ist gleichfalls aufgesprungen).

Aber Herr Oberfinanzrath!


von Hoff.

Nein, nein und nein!


Prix.

Aber warum denn nicht?


von Hoff.

Darum, wenn Sie es wissen wollen!


Prix.

Das hätt' ich wirklich nicht gedacht.


von Hoff.

Ich auch nicht! Wieder eine Verlobung? Das könnt' ich brauchen! Ich hab genug davon! Bis daher! Mir soll einer kommen!


Prix.

Herr Oberfinanzrath, heute sind Sie leidend, ich komme lieber morgen.


von Hoff.

Morgen bin ich auch leidend. Das bin ich jetzt immer. Ich komme aus den Leiden nicht heraus. Aber setzen Sie sich, junger Mann. Das können wir ja in Ruhe abthun, nicht wahr? (setzt sich an den Mitteltisch) Bitte! der Tisch ist bereits gedeckt, Sie müssen schon verzeihen, wir essen nämlich um eins. (zieht die Uhr) Es ist übrigens gleich eins. Also Herr – Herr – wie ist nur Ihr werter Name?


Prix

(sitzt rechts) Prix.


von Hoff.

Also Herr Prix. Ist der Oberrechnungsrath Prix vielleicht Ihr Onkel?


Prix.

Nein, bedaure.


von Hoff.

Gut, so ist er nicht Ihr Onkel, macht nichts. Sie verlangen die Hand meiner Gusti? Schön. Ich will mit Ihnen auch offen reden. Ich geb' Sie Ihnen nicht! (Prix springt auf) Aber darum brauchen sie nicht aufzustehen. Gut, so stehen Sie auf, meinetwegen. Ich will nur sagen, daß ich noch eine Tochter habe, meine Stephanie. Und die ist bereits Braut und zwar schon seit einiger Zeit.


Gusti

(schluchzt). Seit einiger Zeit!


von Hoff.

Seit einigen Jahren, meinetwegen. Aber das geht niemand etwas an. Genug daran, sie ist verlobt. Mit dem Doktor Grobinger. Kennen Sie ihn vielleicht?


Prix.

Ja, ich habe das Vergnügen.


von Hoff.

Herr!


Prix.

O bitte, ich habe nichts gesagt.


von Hoff.

Ich kann Ihnen nur sagen, er ist kein schlechter Arzt! Wenn er auch noch keine Praxis hat. Arzt ist Arzt, und eine Prinzessin von Dänemark hat auch einen Arzt geheiratet. Sie sehen also, ich brauche mich nicht zu schämen. Und wir haben schon eine Braut im Haus. Sie begreifen also, wenn ich manchmal nicht weiß, wo mir der Kopf steht, daß erst meine Stephanie versorgt werden muß und bis dahin, bitt' ich, mich in Ruh' zu lassen! (erhebt sich).


Prix.

Und darf man fragen, wann denn das sein wird?


Gusti.

Nie! nie!


von Hoff.

Du, Gusti!


Gusti.

Seit sieben Jahren heißt es, daß sie sich heiraten werden, aber es kommt nie dazu.


von Hoff.

Hätt' ich vielleicht deine Schwester einem armseligen Mediziner geben sollen, einem Nichts? Gewiß hat er erst fertig studirt.


Gusti.

Hast ihn ja studiren lassen.


von Hoff.

Teufel, er mußte doch erst Doktor werden. Oder nicht?


Gusti.

Das hat aber lang gedauert.


von Hoff.

Gusti, ich sage Dir –


Gusti.

Immer ist er durchgefallen.


von Hoff.

So? Aber wie kommt es, daß er jetzt doch Doktor ist?


Gusti.

Also warum heiraten sie sich denn noch immer nicht?


von Hoff.

Weil man von der Luft nicht leben kann, Dummkopf! Weil er erst eine Position haben muß und weil die Positionen nicht aus der Erde wachsen. Nein, dieses Kind! Schauen Sie nur, was sie gleich für ein Gesicht macht - Schämst du dich nicht? Was wird der Herr von dir denken?


Prix.

Ich weiß faktisch nicht, was ich mir denken soll, Herr Oberfinanzrath –


von Hoff.

Aber ich weiß es! Nichts da! Erst die Ältere, dann die Jüngere.


Gusti.

Sehen Sie, Herr Prix, ich hab's Ihnen ja gesagt. Hab ich's Ihnen nicht gesagt?


Prix.

Herr Oberfinanzrath, das ist ja keine Kleinigkeit.


von Hoff.

Nein, Donnerwetter! Und wenn Sie in Gold steckten, und wenn Sie sagten: Ich bin der Kronprinz von Portugal oder meinetwegen von Griechenland! Ein Bräutigam im Haus, wissen Sie denn, was das heißt? Es bleibt doch unter uns, nicht wahr, aber es ist ja nicht mehr auszuhalten! Mein Gott, er ist ja ein charmanter Mensch, aber man ist doch nicht sein Sklave! Und was das nur Geld kostet! Aber ich bin kein Millionär, ich sag' es offen, es thut mir leid. Freilich ist es eine Heirat aus Liebe. Er vergöttert meine Stephanie – aber ein Arzt muß doch auch zu leben haben! Und wer soll die Stellung verschaffen? Ich natürlich! Sie sind ja Oberfinanzrath, heißt es. Und dann seine Eltern! Und die Mitgift! Und das Mädel kommt herunter. Und was die Leute sagen! Man fragt sich: Was wird daraus? Und es wird nichts draus – Herr, und da kommen Sie daher und sagen: Ich will Ihre andere Tochter!?


Prix.

Aber das Fräulein Gusti und ich, das ist doch ein ganz anderes Kapitel.


von Hoff.

Es thut mir leid! Es thut mir leid! Sie kommen mir übrigens sehr bekannt vor. Prix – Prix – Wohl mit dem Kaiserlichen Rath verwandt?


Prix.

Nein, ich hab das Weingeschäft vis-à-vis.


von Hoff

(perplex) Was –?


Prix.

Nun ja, das Eckgeschäft, Sie wissen. Hab ich denn keine Karte bei mir? (giebt ihm seine Karte)


von Hoff

(liest) Karl Prix junior, Essig und Liqueure, Import französischer Weine – Slibowitz, Kümmel, eigene Brennerei (lacht auf) Es ist großartig! Ja sagen Sie nur, was denken Sie sich eigentlich, daß Sie sich herausnehmen – Nur die bloße Idee! Nein, das ist wirklich zu viel! Alles hat seine Grenzen –

(Frau von Hoff kommt durch die Tapetenthür)


von Hoff.

Du, Amalie, denk' dir das Glück! Aber was uns nicht Alles passirt! Komm, erlaube, daß ich dir den Herrn Karl Prix junior vorstelle, der Herr Weinhändler von drüben, ich bitte! Er verlangt die Hand unsrer Gusti. Ja, wenn ich Dir sage –


Prix

(betreten) Herr, Sie lachen?


von Hoff

(bitter) Ja, ich lache. Aber was wollen Sie? Ich bin gar nicht erstaunt. Heutzutage muß man auf Alles gefaßt sein. (zu Frau von Hoff) Na, was sagst Du? Aber wir haben schon so ein Glück!


Gusti

(weinend) Mama, sag Du dem Papa –


Frau von Hoff.

(sanft, die Güte selbst; sie hinkt merklich)

Ich weiß von nichts. Ich weiß von nichts.


von Hoff.

Da ist nichts weiter zu sagen. Gehn Sie, junger Mann. Es hat mich sehr gefreut. Ich danke Ihnen und bedaure nur – Ich danke Ihnen wirklich! Der Oberfinanzrath von Hoff weiß die Ehre zu schätzen – Sehr schmeichelhaft für ihn in der That – Nein, soweit ist es mit ihm doch noch nicht gekommen!


Prix.

Soweit? Wieweit?


von Hoff

(zu Frau von Hoff) Aber es ist doch merkwürdig, was? Wenn es noch das erstemal wär' – Aber wir haben schon so ein Glück! Weißt Du noch dieser Herr Mayer damals – War das nicht derselbe Fall?


Prix.

Herr, Sie spaßen! Ich bin Ihnen zu wenig? (erregt) Aber sagen Sie nur, ich bitte, ich bin Ihnen nicht gut genug? Mein Geschäft paßt Ihnen nicht?


von Hoff.

Darauf hab' ich keine Antwort. Genug! Aber alles wiederholt sich im Leben. Unglaublich! – Sie kennen ja vielleicht den Delikatessenhändler Mayer?


Prix.

Den G. K. Mayer? Wie kommt der hieher?


von Hoff.

Nun, der kann Ihnen sagen, wie ich über die Sache denke. Sehen Sie zu ihm, thun Sie mir den Gefallen, der hat sein Geschäft auch um die Ecke. Fragen Sie ihn, was ich ihm zur Antwort gegeben, als er um meine ältere Tochter angehalten hat. Er hat uns nämlich auch beehrt. Ja, ja, wir haben schon so ein Glück. Wenn ich nur wüßte, wie ich dazu komm'. Ich kann wirklich stolz sein, da zeigt es sich wieder! Nein, solche Verhältnisse –


Prix.

So, Fräulein Gusti, jetzt haben wir's gehört.


Gusti.

O, Herr Prix, ich bin nicht mein Papa –


Prix.

Nein, Sie sind nicht Ihr Papa, das steht fest, und Ihren Herrn Papa will ich auch gar nicht heiraten. Aber interessant bleibt die Sache doch, hochinteressant sogar – (zu Frau von Hoff). Sie kennen mich, gnä' Frau, Sie kaufen ja den Wein bei mir ein – Aber ich bin ja auch gar nicht beleidigt –


Gusti.

Mama! Mama!


Frau von Hoff.

Aber, Leopold, bedenke doch –


Prix.

Lassen Sie das, gnä' Frau, wir müssen halt verzichten.


Gusti.

Gehen Sie nicht, Herr Prix! O mein Gott!


Prix.

Lassen Sie mich, Fräulein Gusti, Ihr Herr Papa hat ja ganz recht –


von Hoff.

Ich weiß nicht, ob ich recht hab'. Vielleicht nicht. Aber man hat nun einmal seine Vorurtheile. Wenn man eine gewisse Stellung einnimmt – Das geht ja nicht nur so! Mein seliger Vater war Ritter der eisernen Krone 3. Klasse und mein Schwager ist Sektionschef im Ministerium des Innern. (gemütlich, voll Galgenhumor). Gehen Sie junger Mann, seien Sie gescheit! Reden wir nicht mehr davon! Wir müssen ja zu Tisch (zieht die Taschenuhr). Ich liebe die Pünktlichkeit. Jetzt muß ich essen. Ich sag' Ihnen, ich hab' einen solchen Hunger –


Prix.

Ich wünsche guten Appetit.


von Hoff.

Gleichfalls. Adieu, Herr Prix, und wenn ich Ihnen wieder mit etwas dienen kann –


Prix.

Danke, sehr verbunden!


von Hoff.

Bitte, bitte, gern geschehn! – Was wünschen Sie noch?


Prix.

Nichts, nichts. Es fällt mir nur ein – In London bin ich einmal befragt worden – ich steh' ja dort mit dem größten Essig- und Weinkommissionsgeschäft in Verbindung – Ist es wahr, daß Wien um Hundert Jahr zurück ist? Leider Gottes, ja! hab' ich gesagt, nur mit wenigen Ausnahmen. Aber zu diesen will ich auch gehören! Mich soll keiner Baron schimpfen! Ich bin ein einfacher Kaufmann und ich bin stolz darauf und das Fräulein Gusti wird es auch sein. Denn ich krieg' sie noch, mir ist gar nicht bang. Sie hat mich ja auch lieb, gelt ja, Fräulein Gusti? Einstweilen wünsch' ich Ihnen Glück zu Ihrem zukünftigen Schwiegersohn, dem Herrn Doktor. Sehn Sie, das ist einer! Alle Achtung! Was sind wir dagegen, ich und der G. K. Mayer? Mein Compliment! (ab durch die Mitte).


von Hoff.

(zu Gusti). Das hättest Du mir auch ersparen können, wahrhaftig! Nein, das halt' ich doch nicht aus. Hieraten will sie. Sie will auch heiraten! Ich sag' euch, treibt es nur so fort! (am Fenster). Da ist ja sein Geschäft, richtig! (zu Frau von Hoff). Du, deutschen Champagner führt er auch, meiner Seel'!


Frau von Hoff.

Weißt Du, Leopold, so darf man doch nicht denken.


von Hoff.

Aber ich bin nun einmal ein altmodischer Mensch, das weißt Du. Oder hast Du es schon vergessen? Erinnere Dich doch gefälligst, denk' nur an den Herrn Mayer und wie ich ihm heimgeleuchtet habe!


Frau von Hoff.

Weißt Du, Leopold, daß es ihm jetzt sehr gut geht? Diesem Herrn Mayer?


von Hoff.

Meinetwegen. Ich gratuliere ihm. Mir geht's nicht gut, soviel weiß ich. Dieser Mosje, dieser Prix, hat mir noch gefehlt mit seinem Essig- und Importwein. Na, ich danke! Und ich stell' mich noch mit ihm her – Ein arroganter Kerl das!


Frau von Hoff.

Arrogant? Mein Gott, er macht doch gar keine Ansprüche und das ist ja so selten heutzutage.


von Hoff..

Also Du willst ihm die Gusti geben? So! Aber warum fragst Du mich dann? Halt Dich nicht zurück. Ich bitte! (zu Gusti). Kannst Dich schämen! Ein feines Mädchen von Familie – Eine solche Eroberung!


Gusti.

Papa, schau! Aber das ist ja alles Unsinn. Mensch ist Mensch, besonders, wenn man ihn lieb hat.


von Hoff.

Hörst Du? Sie liebt ihn. Da nützt Alles nichts. Wie alt ist sie denn eigentlich?


Frau von Hoff.

Achtzehn.


Gusti.

Neunzehn werd' ich! Und wer bin ich denn? Mit eurer Familie! Ich kann froh sein, wenn er mich nimmt.


Frau von Hoff.

Wein' nicht, Gusti! Wenn er Dir bestimmt ist, kriegst Du ihn doch.


Gusti.

Ist er nicht sehr nett? Mama, ich sage Dir! So gebildet! Ein so ein lieber Kerl! – Soll ich denn eine alte Jungfer werden, wie die Stephanie?


von Hoff

(zurechtweisend). Eine Braut ist keine alte Jungfer.




Gusti.

Wenigstens wäret Ihr eine Tochter los! In vierzehn Tagen könnt ich verheiratet sein. Dann wäre ich versorgt und ich hab' ihn so lieb. Ach, Mama! Geht es uns denn gar so gut? Welch' ein Haus! Am liebsten möcht' ich davonlaufen!


Frau von Hoff.

Aber Gusti, was fällt Dir ein?


Gusti.

Weil ich das nicht mehr mitansehen kann.


Frau von Hoff.

Was denn? Was meinst Du?


Gusti.

Ach, Mama!


Frau von Hoff

(zu ihrem Mann). So unrecht hat sie nicht, Leopold. Für ein Mädchen aus guter Familie trifft sich so schwer etwas Passendes –


von Hoff.

Muß sie denn heiraten? Wo steht denn das geschrieben? Sie kann ja Lehrerin werden. Die Tochter vom Hofrath Deimel ist auch Gouvernante.


Frau von Hoff.

Und bei was für Leuten – geh!


von Hoff.

Amalie, ich bewundere Dich! Wenn es auf Dich ankäme, Du würdest Deine Tochter einem Schuster geben! Hast ja recht! Wozu denn Rücksichten nehmen? Nicht wahr? – Geh, Unsinn! Sie liebt ihn ja gar nicht, diesen Essigsieder!


Gusti.

Das muß ich doch besser wissen!


Frau von Hoff

(setzt sich an den Nähtisch und nimmt eine Flickerei.) Gusti, schweig!


von Hoff.

Das mein' ich auch! Kinder reden nicht! Genug, daß wir einmal hineingefallen sind. Denn diese Verlobung, die ganze Geschichte mit Stephanie hätte auch anders ausfallen können! (zu Frau von Hoff). Ja, schau' mich nur so an! Da hat Dein Bruder recht, da muß ich schon dem Herrn Sektionschef recht geben. Hochmütiger Kerl! Seitdem er das Verdienstkreuz hat, ist mit ihm schon gar nicht mehr auszuhalten. Aber ich gönn' es ihm. Ich hab' ja auch mein Kreuz und ich verdien' es – mein Hauskreuz, jawohl!


Frau von Hoff.

Aber, Leopold!


von Hoff.

Aber ich schweig' schon, was willst Du? Ich bin ja schon still. Was ich nur hab', daß ich Jedem mein Herz ausschütten muß, aber wenn's zu voll ist, läuft's über – Nein, einmal und nie wieder!


Gusti

(geht zur Mutter). Mama, was soll ich thun?


Frau von Hoff

(vergebens bemüht einzufädeln). Papa wird schon nachgeben. Wein' nicht! Geh', fädl' mir lieber ein.


Gusti

(thut es unter Schluchzen).


von Hoff

(streng). Schweig! Kein Wort mehr! Ich will nicht! Punktum, Streusand. (zu Frau von Hoff). Weißt Du, wie lang diese Verlobung schon dauert? – Jawohl, wir machen uns schön lächerlich. Die Leute müssen sich ja den Buckel voll lachen, und wie mein Herr Schwager triumphirt, kann ich mir denken!


Frau von Hoff.

Aber er hat ja nichts mehr gegen die Heirat, nur meint er, sollte sie auch endlich zu Stande kommen!


von Hoff.

Dann soll er für die Position sorgen! Ich kann nicht. Mit der Stelle als Assistenzarzt ist's wieder nichts.


Frau von Hoff

(entsetzt, läßt die Arbeit fallen). Himmel! Warst Du schon beim Cizek?


von Hoff.

Ja, ich war beim Cizek. Und ich muß sagen, Excellenz war sehr freundlich mit mir. Außerordentlich! (ganz gerührt). Er drückte mir die Hand, fragte, was ich denn am Arm habe – So guter Laune hab' ich ihn noch nie gesehn. »Was macht Ihre schöne Tochter? Ist sie denn noch immer verlobt?« Wie gesagt, er war von einer Zuvorkommenheit, noch nicht dagewesen, von einer Liebenswürdigkeit –


Frau von Hoff.

Nun also, nun?


von Hoff

(in einem anderen Ton). Er kann nichts thun. Glaubst Du, das geht nur so? Beim Professor Grau war ich auch. Ich lauf' mir gewiß die Füße ab, aber wenn ich auch Oberfinanzrath bin in der so und sovielten Rangklasse, auch meine Macht hat ihre Grenzen! Alles kann ich nicht durchsetzen, und mein Einfluß – – Aber wird denn heute nicht gegessen?


Frau von Hoff.

Gleich, lieber Leopold, Richard muß jeden Moment kommen.


Gusti

(an der Tapetenthür). Mali, auftragen!


Frau von Hoff.

Aber Herzl, Du hörst ja, daß Richard noch nicht da ist –


Gusti.

Aber wenn Papa Hunger hat – Also dann nicht, Mali!


von Hoff

(ihr nachahmend). Aber wenn Papa Hunger hat – (scherzt) Wart' Du! Ich werd' Dir geben – Du Weinhändlersgattin, Du! Zum Lachen! Das will heiraten! Geh', als ich noch so ein kleines Mädel war –


Gusti.

Ach was, ich krieg' ihn doch!


von Hoff.

So? Was Du nicht sagst!


Gusti.

Aber Papatschi, wenn ich Alles so wüßte! Du bist ja so gut, leider nur zu gut!


von Hoff.

Amalie, ich sag' Dir, sie soll mit mir nicht spaßen!


Frau von Hoff

(ermahnend) Gusti! Gusti! Geh, Kind Gottes, mach' das Fenster zu. Mann hört ja nicht das eigene Wort.




Gusti

(schließt das Fenster)


von Hoff.

Aber nicht hinüberschauen! Das verbitt' ich mir!


Gusti.

Aber ich schau' gar nicht hinüber. Ich schau' nur hinaus. Wie die Sonne scheint! Nein, es ist so schön, Mama!


Frau von Hoff.

Hör', Leopold, wir sollten uns die Sache doch noch überlegen.


von Hoff.

Wenn er nur kein solcher neumodischer Weinhändler wäre! (auf und abgehend) Ich weiß nicht, andere Leute haben Glück mit ihren Töchtern. Für die Stephanie hätt' ich mir auch etwas anderes geträumt. Ich fürchte, sie wird an ihrem Doktor nicht viel Freude haben. Ein Hallodri! Jetzt könnt er schon wirklich da sein! Was haben wir denn zu essen?


Frau von Hoff.

Radieschen als Vorspeise, dann Gerstelsuppe, Rindfleisch, Zwiebelsauce – Richards Lieblingsspeisen. Dann Essiggurken, weil er sie gar so gern ißt. Und Spritzkrapfen – nur mit zwei Eidottern – er muß doch seine Mehlspeise haben. (ruft) Mali!

(Mali kommt durch die Tapetenthür.)


Mali

(plump, brummig. Sie hat den Kopf verbunden).

Gnä' Frau wünschen?


Frau von Hoff.

Nein, sie schauen wieder aus, Mali!


Mali.

Der Herr Doktor hat mir ja gestern einen Zahn ausgerissen.


Frau von Hoff.

Schon gut. Gehen Sie zum Prix, holen Sie eine Halbe Wein für den Herrn Doktor!


von Hoff.

Nicht beim Prix! Was fällt Dir ein? Mit dem dummen Menschen wollen wir nichts mehr zu thun haben!


Frau von Hoff.

Aber, Leopold, er kreditirt uns. (zu Mali) Also nicht zum Prix! Gehen Sie zum Wirt nebenan. Eine schöne Empfehlung und er soll es nur aufschreiben.


von Hoff

(ärgerlich) Eine schöne Empfehlung!


Frau von Hoff.

Geh, Leopold, Du weißt manchmal auch nicht was Du sprichst. (zu Mali) Also gehn Sie! Was ist das? Was haben Sie da in der Hand?


Mali.

Die Rechnung vom Apotheker, bitt' schön. Vielleicht könnt' ich das Geld gleich mitnehmen? (giebt ihr die Rechnung).


Frau von Hoff.

Das eilt wirklich nicht. Gehn Sie nur zu, Mali! (Mali ab durch die Tapetenthür.)


Frau von Hoff

(liest) Dreiundzwanzig Gulden.


von Hoff

(auffahrend) Dreiundzwanzig Gulden?


Frau von Hoff

(niedergeschmettert) Dreiundzwanzig Gulden!


von Hoff

(nimmt die Rechnung und liest selbst) Dreiundzwanzig Gulden. Ich begreif' es nicht! Es ist mir ein Räthsel. So viel Aufwand auf einmal! Warum konntet Ihr früher gesund sein zum Kuckuck! Was habt Ihr denn nur? Nie ist ein Krankheitsfall vorgekommen und jetzt fortwährend – Als ob wir das Geld nur so hätten!


Gusti

(pikirt vom Fenster herüber) Ja, früher war kein Arzt im Haus!


Frau von Hoff.

Aha, fängst Du schon wieder an?




von Hoff.

Diesmal hat das Mädel wirklich recht. Was seh' ich, Amalie, Du hinkst ja?


Frau von Hoff.

Glaubst Du? (macht einige Schritte, mühsam das Hinken verbergend).


Gusti.

Du hinkst wirklich, Mama, ich versichere Dich.


Frau von Hoff.

Wie kommt das nur? Richard hat mir gestern das Hühnerauge operirt. Jesus, hat der ein scharfes Messer! Gleich war das Hühnerauge weg und ein Stückl Haut dazu. Aber Ihr habt recht, es schmerzt mich noch ein bisl. (setzt sich.)


Gusti.

Du kannst noch von Glück sagen, Mama. Es ist schrecklich! Wenn er nur eine Praxis hätte! Vielleicht ließe er uns dann in Ruh'. Was macht Dein Arm, Papa?


von Hoff.

Frag mich gar nicht! Zum Glück ist es der linke. Aber weiß der Teufel, auch der linke Arm schmerzt, wenn man mit ihm allerlei versucht. Diese ewige Massage!


Frau von Hoff

(hustet).


von Hoff.

Dein trockener Husten gefällt mir nicht, verstanden?


Frau von Hoff.

Wie soll ich denn husten? Ich weiß nicht, Leopold, Du bist so nervös geworden in den letzten Jahren! Das Herdfeuer schadet meiner Brust, aber ich muß ja selber kochen, wenn es Richard schmecken soll.


Gusti

(herausfahrend). O ich bring ihn doch noch um!


Frau von Hoff.

Von wem sprichts Du so? Gusti, nimm Dich in Acht! (Richard kommt aus der Mitte).


Richard

(30 Jahre alt, etwas verlebte Züge, halb Gigerl, halb Gelehrter, trägt Zwicker, burschikos).

Hab die Ehre!


Frau von Hoff.

Ach, da sind sie ja endlich, Herr Doktor!


Richard

(wirft ein Päckchen auf den Tisch). Küß' die Hand, Schwiegermama. Kinder, im Prater war es schön! Die ganze Aristokratie ist unten. So viel Hofequipagen! Einfach pompös! (Mit verändertem Ton). War Niemand da?


von Hoff.

Du, Amalie, ob niemand da war?


Frau von Hoff.

Nein, Herr Doktor, niemand.


Gusti

(hämisch). Nicht die Spur von einem Patienten!


Richard.

Macht nichts. Wie geht's, Kleine? Befinden sich euer Wohlgeboren gut? Mädl, Mädl, Du hast geweint! Warum hat sie denn geweint? War sie wieder schlimm? (will sie beim Kinne fassen).


Gusti.

Lassen Sie mich! Warum küssen Sie nicht Ihre Braut? Nein, Mama, das brauch ich mir nicht gefallen zu lassen, ich laß' mich nicht mehr mißhandeln!


Richard.

Pardon, wir sind ja in den Prix verliebt. Was macht denn die Firma Prix?


Gusti.

Immer solche Sachen! Fällt Ihnen nichts Gescheiteres ein?


Frau von Hoff

(ermahnend). Gusti! Gusti! – Gleich wird gegessen, Herr Doktor, augenblicklich! Ich bitte tausendmal um Entschuldigung! (ruft aufgeregt durch die Tapetenthür) Mali! Auftragen! Der Herr Doktor ist schon da! Aber sie ist um Wein gegangen, die Gans! (Mali kommt mit der Weinflasche durch die Mitte).


Frau von Hoff

(nimmt ihr die Flasche aus der Hand.) Na, endlich! Ich laß' eine Messe lesen. Auftragen! Schnell!


Mali.

Na, Jesus, ja! Na, Jesus, ja! (ab durch die Tapetenthür).


Richard

(lebhaft). Wo ist denn die Stephanie? (Sie kommt von links). Ah, küß' die Hand! Hier bitte! (reicht ihr einen Veilchenstrauß).


Stephanie

(eine stolze Schönheit, etwas verblüht) Danke. (zögernd, piquirt). Vom Schottenring?


Richard

(zieht die Hand mit dem Strauß zurück). Was meinst Du?


Stephanie.

Nun, aus der berühmten Blumenhandlung –


Richard.

Wie? Am Ende gar eifersüchtig?


Stephanie

(stolz). O, es fällt mir gar nicht ein!


Richard.

Das wäre auch! Aber Kind – Lächerlich! Gelt nein? Lieben und lieben lassen! Das Leben ist ja so schön! Wenn man nur das nötige Kleingeld hat. Schwiegerpapa, warum sind Sie kein Millionär geworden? (riecht am Strauß).


von Hoff

(abgewendet). Ein Flegel das!


Richard.

Ich sag' euch, Kinder, Geld muß man haben, das seh' ich jetzt erst. Nur kein armer Schlucker sein! In einem feschen Zeugl fahren und beim Sacher ein paar Hunderter springen lassen – das heißt leben!


Stephanie

(überrascht, schroff). Na, höre, Richard, Du gefällst mir!


Richard.

Ja, nicht wahr, ich bin gar nicht so dumm, (zeigt auf Gusti) wie die dort aussieht? Aber Du wirst doch Spaß verstehen? Lieb sein! Brav sein! Wo ist das Pratzerl? So, das ist für Dich. (Giebt ihr das Bouquet und ein anderes Frau von Hoff). Das ist für die Schwiegermama –




Frau von Hoff.

Ich danke, Herr Doktor, das ist aber liebenswürdig –


Richard.

Gelt ja, ich bin ein lieber Kerl? (öffnet das Packet). Das da ist für mich – (Auf Gusti zeigend) Die kriegt nichts, die ist zu schlimm! So, und das ist für den Schwiegerpapa. (giebt ihm ein Blatt).


von Hoff

(sieht hinein). Die Rechnung! (leise, seiner Frau das Blatt zeigend). Ich sag' dir, Amalie, wenn das noch lang so fortgeht – (zu Richard) Pardon, aber diese kostspieligen Instrumente waren wohl wieder sehr nötig, Herr Doktor?


Richard.

Diese Instrumente – einfach Handwerkszeug! Aber, lieber Schwiegerpapa, womit soll ich Ihnen den Hals öffnen, wenn Sie, sagen wir, bei Tisch eine Gräte verschlingen? (zeigt die Instrumente). Das ist für die Tracheotomie – fürs Kiefersprengen, schaut euch das nur an! – Für Trepanieren des Schädels – Interessant, nicht?

(Mali bringt die dampfende Suppe)


Richard.

Für Resektion des Magens – Die Mali! Natürlich! Die muß alles sehen. Aber nicht schneiden!


Mali

(schreit) Jessus, stechen Sie mir nur nicht die Augen aus! Bei Ihnen ist man immer in Lebensgefahr! (ab durch die Tapetenthür).


Gusti.

Das ist aber wirklich wahr. Essen wir jetzt. Papa hat einen solchen Hunger!


von Hoff

(hat zu alledem den Kopf geschüttelt). Ich glaub', mir fällt der Magen heraus. (setzt sich).


Richard

(setzt sich gleichfalls) Pardon! Aber, lieber Schwiegerpapa! Warum bedienen Sie sich nicht? (Alles setzt sich. Stellung:)


                                              Richard


                    Gusti                                        Stephanie


                    von Hoff                                   Frau von Hoff


von Hoff

(hält ihm den Teller mit Radieschen hin). Bedienen Sie sich nur!

Richard.

Aber, lieber Schweigerpapa –

von Hoff

(schroff) Aber ich bitte!

Richard

(bedient sich) Also wie befinden Sie sich? Was macht Ihr Rheumatismus?

von Hoff.

Danke. Mein Rheumatismus befindet sich vortrefflich. (Zu Frau von Hoff). Gieb mir gleich Suppe! Ich danke für Radieschen!

Frau von Hoff.

Sofort, Papa. Da! Laß Dir's gut schmecken!

von Hoff.

Endlich! (will essen).

Richard

(auflachend). Aber, Schwiegerpapa, was thun Sie da? Das ist ja kein Löffel, das ist ja ein Instrument für laryngoskopische Zwecke.

von Hoff.

Wahrhaftig! Aber das kommt davon, wenn ein Arzt im Hause ist.

Stephanie

(räumt die Instrumente auf den Schreibtisch).

Richard.

Jawohl! Sagt nur, was würdet Ihr ohne mich anfangen? Aber recht habt Ihr. krank muß man sein, nur dann kann einem geholfen werden.

Gusti

(spottend). Wir sind gewiß krank. Wir thun Alle unser Möglichstes.

Richard

(lustig). Aber mit Kranken allein ist uns Heilkünstlern nicht gedient! Die schreien und wehren sich zu viel. Und wenn unsere Wissenschaft blühen soll –

Gusti

(einfallend) Nein, tot sind wir freilich noch nicht.

Richard.

Geh, geh! Ist's wahr? Da schaut mir nur die kleine Rebellin! Aber hübsch wird sie! So, jetzt ärgert sie sich. Nicht ärgern! Das kann Ihrer Wohlgeboren nur schaden. Und was wird dann der Herr Prix sagen?

Gusti.

O, der benimmt sich gescheiter, als ich weiß schon wer.

von Hoff.

(ernst). Nehmt euch in Acht! Mir wird schließlich die Geduld reißen!

Frau von Hoff.

(zu Gusti) Aber Gusti! (zu Stephanie) Wie? Das hast du gehört?

von Hoff.

Was giebt's denn, Stephanie? Was tuschelst Du mit der Mama?

Stephanie.

Nichts, Papa. Ich erzähl' nur nämlich – da sitz' ich heut morgen am Fenster und zwei Buben gehn vorbei, schauen herauf und da hör' ich, wie der eine zum andern sagt: Das ist die ewige Braut.

Gusti.

Frechheit!

von Hoff.

Frechheit!

Gusti

(lebhaft) Papa, den kleinen Finger! Wir haben das Wort zugleich ausgesprochen. Gieb! Schnell! So! (legt ihren kleinen Finger in den seinen und sagt wie betend:) Lieber Gott, mach' der Qual ein Ende!

(Der alte Grobinger steckt den Kopf zur Thür herein).

Der alte Grobinger

(dicker gesunder Kerl, rotes Gesicht; in Kleidung und Manieren der brutale Provinzler). Darf man?

von Hoff

(erschrocken). Himmel, der auch noch!

Richard

(fidel, mit dem Stuhl herumkehrend). Der Papa! Alle Wetter!



Der alte Grobinger

(mit einem Handkoffer, lustig). Jawohl, der Papa! (zurücksprechend). Komm, Kathi, komm!

(Frau Grobinger folgt ihm).


Richard

(eilt zu ihnen). Und die Mama auch! Aber wo kommt Ihr denn her?


von Hoff

(ohne sich vom Fleck zu rühren). Um Gotteswillen, Herr Grobinger, was ist Ihnen nur eingefallen?


Der alte Grobinger

(breitmäulig). Ungebetene Gäste, he? Na ja, freilich! Aber alles hat seinen Grund. Gelt, Kathi? Wir bringen etwas mit, etwas Gutes, eine großartige Nachricht! (zu Richard). Errätst Du nichts? Soll ich's ihm gleich sagen? Du bist zum Spital-Assistenten ernannt in St. Pölten!


Richard

(freudig erregt). Papa, wie? Ist's möglich?


Frau von Hoff

(hat sich erhoben). Welch' ein Glück! Herr Doktor, wir gratulieren!


Stephanie

(steht gleichfalls auf). Na, schau Richard!


Gusti

(bleibt sitzen). Ich kann's gar nicht glauben!


Richard

Papa, also wirklich?


Der alte Grobinger.

Jawohl. Sechshundert Gulden Gehalt, Wohnung, Heizung, Licht, Luft – alles frei!


Frau von Hoff.

Siehst Du, Leopold, der Herrgott hilft doch! Hab' ich nicht immer gesagt: Nur Geduld! Stephanie, mein Kind, ich muß weinen vor Freude!


von Hoff

(erhebt sich feierlich). Da muß ich Ihnen wirklich danken, Her Grobinger! (schüttelt ihm die Hand).


Der alte Grobinger.

Ja, das glaub' ich. Wissen Sie, wenn die einflußreichen Herren nichts ausrichten, müssen wir kleine Leute dazuschauen – Du kennst mich, mein Sohn, wenn ich etwas in die Hand nehme – Ich gratuliere Dir auch. Ich gönn' es Dir wirklich. Also wie gehts? Lustig und fidel? Ja, wenn ein Bräutigam im Haus ist, geht's her wie im ewigen Leben. Aber Sie sind beim Essen, wir wollen nicht stören.


Frau von Hoff

(freudestrahlend). O, Sie stören nicht! Nein, eine solche Nachricht!


von Hoff.

Bitte, nur Platz zu nehmen, Herr Grobinger! Hier vielleicht – (bietet seinen Stuhl an). Setzen Sie sich gefälligst.


Der alte Grobinger

(setzt sich auf Stephanies Platz und legt den Koffer auf den Stuhl der Frau von Hoff). Danke. Da sitz' ich schon ganz gut.


Frau von Hoff

(hinter der Frau Grobinger stehend). Die Freude! Ach, Frau Grobinger, ich sag' Ihnen – Aber Sie setzen sich ja nicht! (zu Gusti). Mach Platz, Kind! (Gusti muß aufstehn). Hier, bitte! Wir haben zwar noch nicht gegessen, aber bitte nur Platz zu nehmen.


Frau Grobinger

(eine Provinzlerin, komische Figur). Aber da sitzt ja schon wer anderer –


Frau von Hoff.

Ach nein, nur die Gusti. Und die macht sich nichts daraus, gelt nein, Gustl?


Richard.

Aber jetzt allgemeiner Aufstand! – Nein, das ist wirklich entzückend! Lassen wir uns wohl sein, Mama!


Frau Grobinger

Nein, das können wir nicht annehmen.


Der alte Grobinger

(humoristisch gebieterisch). Setz' Dich! Wenn es die Frau von Hoff erlaubt – Mach' keine Umstände! Du weißt, das ist kleinstädtisch. Laß Dich nicht bitten, Alte!

(Frau Grobinger setzt sich geschämig.)


Der alte Grobinger.

Ist die Suppe in den Tellern da für uns?


Frau von Hoff.

Aber gewiß! Bedienen Sie sich nur! Es hat sie noch Niemand berührt.


Gusti

(wirft sich links in einen Fauteuil, schnippisch). Ich hab' nichts berührt. Und die Stephanie auch nicht. Nicht ein bischen haben wir noch gegessen.


Frau von Hoff

(leise mit der Hand abwehrend.) Schweig, Gustl!


Der alte Grobinger.

Iß doch, Kathi! Warum nicht? Ein bischen Suppe kann nicht schaden. (zu Stephanie). Aber was macht denn die Braut? (zu Richard leise). Herrgott, werden die Mädeln alt! (laut). Aber Du, Richard, schaust großartig aus! (zu seiner Frau). Was sagst Du, wie der Richard auschaut! Ja, Wien ist halt Wien (essend, zu Richard). Bist ja ein ganzer Cavalier geworden! Mit Respekt zu sagen, ein Prinz ist nichts dagegen!

(Mali kommt mit Speisen).


Frau von Hoff.

Schnell, Mali! Das Rindfleisch, die Sauce! Der Herr Doktor hat eine Anstellung bekommen!


Mali

(in ihrer mürrischen Weise). Na, Gott sie Lob und Dank!


Frau von Hoff.

Wir freuen uns ja Alle so! Aber Sie müssen schon vorlieb nehmen. Wenn wir gewußt hätten, daß wir so liebe Gäste bekommen – Aber gerade heute haben wir nichts (Geschäftig, halblaut). Gehn Sie, Mali, richten Sie das Filet, das in der Speis ist. Nur englisch abbraten. Schnell, schnell!


Mali

(schlägt die Hände zusammen). Herrje, nein! Dann haben wir ja morgen nichts!


Frau von Hoff.

Nix reden, Mali!


Mali.

In Gottes Namen! (Ab).


Richard

(essend). Nein, Papa, das ist wirklich schön. Aber was macht Ihr? Wie gehts, Mama, was macht St. Pölten?


Der alte Grobinger.

Mein Gott, man lebt. Man lebt wie man kann. Man könnte auch besser leben. Und wir werden auch noch besser leben, was meinst Du, Richard? Der Herrgott hat auch bisher geholfen – (zu Hoff). Richtig, ich danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit.


von Hoff

(verstimmt am Schreibtisch lehnend). Nicht nötig. Unter Verwandten ist ja das selbstverständlich, zumal jetzt wo Sie Ihre Stelle verloren.


Der alte Grobinger.

Verloren? Das ist nicht richtig. Da befinden Sie sich im Irrtum, werter Herr! Ich war lang genug Agent! Ich danke bestens. Mich abrackern für die paar Kreuzer – fällt mir nicht mehr ein! Ich hab' mich schon genug abgerackert. Ich möcht' mich auch einmal auf meinen Lorbeeren ausruhn. Ich laß mich pensioniren. Sie lassen sich noch nicht pensioniren? Wollen es noch weiter bringen? Na ja! Aber ich habs schon weit genug gebracht. Ein pensionirter Bettler! Aber ich habs schon weit genug gebracht. Ein pensionirter Bettler! Aber nicht k. und k., kein kaiser- und königlicher, Gottlob! Wenigstens brauch' ich nicht zu verhungern, gelt nein, Richard? Mein Sohn ist meine Pension! (Klopft Richard lachend auf die Schulter).


Richard.

Ich weiß gar nicht, was Du willst, Papa? Was kann ich denn thun?


Der alte Grobinger.

Du wirst schon können! Laß mich nur machen. Hab' ich Dir nicht auch die Assistentenstelle verschafft? Siehst Du, der Alte ist doch zu was gut. (Zu Frau Grobinger). So iß doch! Ich begreif' Dich nicht! Auf was wartest denn?


Frau von Hoff.

Darf ich Ihnen dieses Spitzl vorlegen? Das esse ich nämlich so gern. (Bedient sie).


Frau Grobinger.

Dank' schön! Wirklich sehr liebenswürdig! Aber was haben Sie denn, gnä' Frau? Sie sehen nicht gut aus.




Der alte Grobinger

Mach' keine Bemerkungen! Die Frau von Hoff sieht aus, wie sie aussieht. Das geht Dich gar nichts an! Bedaure Dich lieber selber! Und iß jetzt! Das ist viel gescheiter! Wer weiß, wann uns die Herrschaften wieder einladen. (Hoff macht eine ärgerliche Geste). Nun ja, weiß man, was geschehen kann? (zu Richard) Aber was sagst Du zu mir?


Richard.

Daß ich mich riesig freue! Aber sag' nur, Papa, wie hast Du das nur gemacht?


Der alte Grobinger.

Ja, mein lieber Freund, das war nicht so leicht. Aber ich hab' mir gedacht: Da hilft nichts! Das ist ja eine Lebensfrage. Da heißt's handeln! Man wird eben praktisch. Ja, ich bin zur Besinnung gekommen... Ich kenne das Leben: Aber jetzt wollen wir uns den Appetit nicht verderben. Was geschehen muß, wird geschehen. Sie verstehen mich wohl nicht, Herr von Hoff, – Pardon, Herr Oberfinanzrath – (brummt) Titel ohne Mittel!


Richard.

Aber Papa!


Der alte Grobinger.

Weil ich so was gut leiden kann. Ich sag' Dir, jetzt denk' ich über diese Dinge ganz anders. (Wendet sich mit seinem Stuhl zu Hoff) Aber was treiben Sie, Sie werden ja ganz grau?


von Hoff.

Wundert Sie das?


Stephanie

(in der Nähe ihres Vaters, zu diesem halblaut) Armer Papa! Sind das schreckliche Leute!

(Mali bringt das Filet).


Der alte Grobinger.

Schau, was da kommt! Das laß ich mir gefallen! Sapperlot! Da freu' ich mich schon drauf! (greift nach der Schüssel) So, mein schönes Kind! (blickt auf, erschrocken über Malis Kopfbund und ihr häßliches Aussehen) Pardon! Gott bewahre, das reine Spital!

(Mali ab durch die Tapetenthür).


Der alte Grobinger

(bedient sich). Aber soweit gehts uns ganz gut. Ich bin gesund, deine Mutter ist gesund – wir sind gesund. (Zu Hoff) Aber Sie sollten auch mithalten. Oder geht nichts mehr in den Magen? Nein? Es wird schon gehn, kommen Sie!


von Hoff

(mit verschränkten Armen). Danke, wir essen nicht.


Gusti.

Nein, wirklich, das sind wir gar nicht gewöhnt!


Frau von Hoff

(wirft ihr tadelnde Blicke zu).


Der alte Grobinger.

So? Das ist aber schade. Dieses saftige Stück schmeckt nämlich delikat.


Gusti.

Ja, es riecht wenigstens vortrefflich. (sich im Fauteuil herumwerfend, unartig) Mama, ich hab' Hunger!


Der alte Grobinger

(unbeirrt fortfahrend). Nein, Richard, ich kann Dich gar nicht genug ansehen. So hast Du noch in Deinem ganzen Leben nicht ausgeschaut. Und weißt Du, daß jetzt erst Deine Jugend kommt?


Richard.

Das glaub' ich selbst, Papa. Und da ich jetzt auch einen Wirkungskreis habe –


Der alte Grobinger

(einfallend). Ja, das ist ein Glück! Und es kommt noch ganz anders. Merk' Dir, Du wirst es nicht weit bringen! Das bist Du uns auch schuldig.(nimmt sich wieder) Das viele Essen ist Gift für mich. (zu seiner Frau) Weißt Du noch, was der fremde Herr gesagt hat, der mit uns gereift ist? Das war ein reicher Fabrikant, sag ich Dir! Also, wir sprechen so und ich erzähl' ihm, daß ich einen Sohn hab', der Doktor ist, ein bildschöner Mensch, ein Spitalarzt, und da sagt er – Es war ein nobler Herr, nicht mehr ganz jung, so im Alter vom Herrn Oberfinanzrath, aber noch sehr fesch, mein Gott, ich weiß ja nicht, es kann ja auch ein Gutsbesitzer gewesen sein! Kurz und gut, er hat gesagt: Schauen Sie nur, daß er jetzt eine glänzende Partie macht!


Richard.

Aber Papa!


Frau Grobinger

(erschreckt). Aber, Mann! Ich sitz' wie auf Kohlen.


Der alte Grobinger.

Gut, also reden wir nicht davon. Ich will nichts damit gesagt haben. Au contraire, im Gegenteil. Mich solls nur freuen, wenn Alles gut ausgeht (trinkt). Auf Ihr Wohl, Herr Oberfinanzrath! (zu Frau Grobinger). Du, Madam', gieb Dein Glas her! Keine Faxen! Nur natürlich sein! (zu Hoff). Aber ein Gläschen Wein werden Sie doch mit uns leeren?


von Hoff

(mit Gewalt an sich haltend). Nein, danke, keinen Tropfen! (leise mit wütenden Gesten zu Stephanie) Ach, Stephanie! Stephanie!


Gusti.

Bewahre! Wir vertragen keinen Wein, er ist zu kostspielig.


Frau von Hoff

(verlegen lächelnd). Aber Gusti, was fällt Dir ein heute? Solche Witze!


Der alte Grobinger

(unbeirrt, leise zu Richard). Sag', wie können Menschen so herunterkommen? Was waren das für Leute früher – (Trinkt). Das viele Trinken ist Gift für mich. (Mit einem Blick auf Gusti). Aber hübsche Mädeln giebts in Wien, das ist schon wahr. Wir haben ein paar gesehen, - liebe Schnecken, sag' ich Dir! Besonders die eine – weißt, Kathi, das bildschöne Mädl, d. h. die junge Dame, sehr elegant, hochfein! Da hab' ich an Dich gedacht, Richard. So achtzehn Jahre alt, also im passenden Alter –


Richard

(ernstlich zurechtweisend, leise). Papa, ich begreif' Dich nicht!


Der alte Grobinger.

Na, na, so verzeih' mir! Ich hab' ja nichts gesagt. Nicht wahr, Fräulein Stephanie, was hab' ich denn gesagt? Ich bin einfach gut aufgelegt.


Stephanie

(nähert sich). Ach, Sie können sagen, was Sie wollen – Wann mußt Du die Stelle antreten, Richard?


Richard.

Wann ist die Stelle anzutreten, Papa?


Der alte Grobinger.

Nun gleich, in einigen Tagen.


Frau von Hoff

(freudig). Schon in einigen Tagen?


von Hoff

(kurz). Macht nichts, die Hochzeit kann sofort stattfinden.


Der alte Grobinger.

Sehen' S', wirklich? Was Sie nicht sagen!


von Hoff

(seine Ruhe verlierend). Schweigen Sie! Mit Ihnen hab' ich nichts zu schaffen! Was gehen Sie mich an? Machen Sie mich nicht böse, Herr Grobinger, ich sag' Ihnen nur soviel!


Richard.

Papa, was fällt Dir ein? (zu Hoff). Gewiß soll die Hochzeit stattfinden. Ich bin bereit, gleich, wenn Sie wollen. Mit dem größten Vergnügen!


Der alte Grobinger.

Gut, wir werden ja sehn. Überstürz' Dich nur nicht! (zu Hoff). Muß denn die Zeremonie sofort sein? Augenblicklich?


von Hoff.

Morgen! Unbedingt!


Der alte Grobinger

(lachend). Gehen S', bis morgen können wir Alle tot sein.


von Hoff.

Aber meine Geduld ist zu Ende!


Frau von Hoff

(begütigend). Nun ja, es sagt ja Niemand was. Aber Leopold! – Nein, schon morgen? Stephanie, die Freude! Frau Grobinger, nicht wahr?


Stephanie.

Ach, Mama, es ist aber auch die höchste Zeit!


von Hoff

(zähneknirschend). Du hast Recht, mein Kind, Herrgott bin ich froh!


Gusti.

Ja es ist ein wahres Glück!

(Mali stürzt herein).


Mali.

Ein Patient ist da!


von Hoff

(ironisch aufatmend). Gott sei Dank!


Frau von Hoff

(die Hände zusammenschlagend.) Alles kommt, alles Glück! Und so auf einmal!


Richard

(beglückt). Ein Patient!


Gusti.

Ja, Ihr erster Patient, der von selber kommt, aus freiem Willen! (An der offenen Außenthür). Zwei Männer bringen ihn. Er hat sich das Bein gebrochen. (Ruft die Treppe hinunter:) Was? Er ist ausgeglitten? – An einem Kirschenkern?


Richard.

Ich komm' schon! (zu Hoff, der sich hinausbegeben will). Wohin?


von Hoff

(scharf ironisch). Ich will Kirschenkerne vor die Thüre streuen!


Richard.

Was soll denn das heißen?


Gusti.

Schnell, Herr Doktor, schnell!


Richard.

Ich komm' schon! Nun aber Ruh! Was ist denn das? Bitte, sich zu beherrschen! Wo ist denn der Mann? (Zu Mali). Führen Sie ihn ins andere Zimmer. Sagen Sie, ich komm' schon. Ein Skandal! Weil ein Patient kommt. Was ist denn dabei? Es werden noch andere kommen. Führen Sie ihn von hinten herein. (Malie zurückhaltend). Pst! Führen Sie Alle von hinten herein. (Immer mehr in Eifer kommend) Jetzt wird's zugehen! Na, ich danke! Aber ich ordinire nur bis vier. Wer später kommt, wird nicht vorgelassen. Man kann sich doch nicht zerreißen! Ich komme schon! Er kann doch ein bischen warten! Es ist großartig! (Mali immer zurückhaltend). Hören Sie – was wollt' ich nur noch sagen? Ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Richtig, morgen bin ich nicht da! Für Niemand. (Ganz in Ekstase). Verstehen Sie mich? Wenn die Leute noch so drängen – Morgen kann ich nicht! Morgen heirat' ich! Und überhaupt geh' ich nach St. Pölten! (Mali ab).


Der alte Grobinger (dämonisch).

Bis morgen kann die Welt zu Grunde gehn.




Zweiter Akt.

Dasselbe Zimmer. Der Tisch ist abgedeckt. Eine grüne Ripsdecke ist darüber gebreitet. Augenblicklich sind Tisch und Stühle mit Wäschegegenständen bedeckt. Frau von Hoff und Frau Grobinger besichtigen dieselben.


Frau von Hoff.

Nun, Frau Grobinger, wie gefallen Ihnen die Sachen?


Frau Grobinger.

Wunderbar! Nein, gnä' Frau, wie mir die Hemden gefallen!


Frau von Hoff.

Nicht wahr, ganz nett? Sehen Sie nur die Nachtkorsets! Die Säumchen überall! Und wie das Alles ausgeführt ist!


Frau Grobinger.

Großartig!


Frau von Hoff.

Die Anstandsröcke. Schauen Sie sich nur die Stickerei an. Und da die Spitzen – das ist der Brautunterrock.


Frau Grobinger.

Sehr schön! Wirklich, ich muß sagen, wunderbar!


Frau von Hoff.

Mein Gott, der Trousseau der Kronprinzessin war wahrscheinlich großartiger. Sacktücher.


Frau Grobinger.

Ach, das schöne Monogramm!


Frau von Hoff.

Und wie das geschlungen ist!


Frau Grobinger.

Wunderbar!


Frau von Hoff.

Mein Gott, nur ganz bescheiden, was man sagt, eine Ausstattung comme il faut. (Zu Stephanie die durch die Tapetenthür kommt) Nicht wahr, Stephanie? – Die Bettwäsche. Das ist nur für's Einfache – aber das schauen Sie sich nur an. Hübsch, gelt? Und wie das genäht ist! Diesen Ajoursaum hab' ich so gern. Schaun Sie sich nur das Capricepölsterl an! Da sind die Leintücher.


Frau Grobinger.

Aber muß das ein Stück Geld kosten! Echte Rumburger Leinwand? (befühlt sie).


Frau von Hoff.

Natürlich! (legt die Sachen in einen länglichen Korb, der vor ihr steht) Ich weiß noch gar nicht, was das Alles kosten wird. Es ist noch nicht bezahlt.(Zu Stephanie) Kind, wer hätte das gedacht! So schnell! Auf einmal! Aber mich hat schon den ganzen Tag das linke Auge gebissen. Geh', Herzl, mach' das Fenster wieder auf, daß der Eßgeruch hinausgeht.


Stephanie (öffnet ein Fenster).


Frau von Hoff.

Kommt schon Papa?


Stephanie.

Nein, Mamatschi.


Frau von Hoff.

Er ist nämlich ins Pfarramt gegangen.


Frau Grobinger.

Also wirklich? Die Hochzeit soll schon morgen sein?


Frau von Hoff.

Wir wollen hoffen. Die Verkündigung war ja schon. (Hebt ein zierliches Beinkleid in die Höhe) Frau Grobinger, schauen Sie! Ich bitte Sie! Nein, ich sag' Ihnen! (lacht).


Frau Grobinger.

Wie herzig! (Erblickt eine Photographie auf dem Tischchen links.) Aber wer ist denn das? Jesus, das ist ja das Fräulein Stephanie! Meiner Seel' und Gott! Jesus, nein, waren Sie aber schön!


Stephanie

(betroffen). Finden Sie? War ich schön?


Frau Grobinger.

Nein, wirklich, wunderschön! Sie können mir glauben! Es ist kein Compliment. Dieses Haar – mir gefällt das Haar so gut! (deutet auf das Bild) So – so – wirklich zum Verlieben!


Frau von Hoff.

Aber Frau Grobinger, was fällt Ihnen ein? Unsere Stephanie ist noch immer sehr schön. Ach Stefferl, Stefferl, Du wirst mir doch sehr abgehn!


Stephanie.

Geh, Mamatschi, nicht! Mir ist schon ohnedies so furchtbar zu Mute!(geht an's Fenster).


Frau von Hoff.

(zu Frau Grobinger) Ein solches Kind, sag' ich Ihnen! Ich bin gewiß keine eingebildete Mutter, aber in dem Mädchen steckt viel. Eine große Natur! So tüchtig! So häuslich! Wissen Sie, da nimmt sie den Besen und kehrt – da werden alle Kästen weggerückt, da wird gewirtschaftet – Und alle Kleider macht sie sich selbst. Und wie! Geh, Stefferl, zeig' Dein Kleid. Wie das steht! Freilich muß man auch so gebaut sein, nicht wahr, Frau Grobinger?


Stephanie.

Aber, Mama!


Frau Grobinger.

Das ist wahr, Fräulein Stephanie, Sie sind immer so fesch und so einfach –


Frau von Hoff.

Wie eine Aristokratin! – Na, ich sag' ja nichts mehr. Sei nur nicht bös. So, das wird Euch gleich nachgeschickt – (will den Korb heben).


Stephanie

(eilt hinzu). Aber Mama, was fällt Dir ein? Den schweren Korb!


Frau von Hoff.

Laß, ich kann schon.


Stephanie.

Aber Mama! Laß' mich! Ich brauch' Dich nicht! Du machst mich wirklich noch böse! (Will den Korb selbst heben).


Frau von Hoff.

Gut, gut. (Nimmt den Korb bei dem einen, Stephanie beim andern Henkel, sie stellen ihn beiseite).


Stephanie.

(zürnt). Nein, eine solche Frau! Hat Fußschmerzen und schleppt sich so ab –


Frau von Hoff.

Ich hab' keine Fußschmerzen! Was Ihr nur wollt? Ein bischen Diakolum-Pflaster und es ist wieder gut. Ein altes Hausmittel ist oft besser, als der beste Doktor, nicht wahr, Frau Grobinger?


Frau Grobinger.

Freilich! Aber bitt' schön, schläft noch mein Mann? (lauscht an der Thür links). Ja, Gott sei Dank! Schlaf' nur! Da hat man wenigstens Ruh!


Frau von Hoff.

Wollen Sie sich nicht auch ein bischen hinlegen? Machen Sie sich doch bequem! So eine Fahrt ermüdet. Möchten Sie ein Nachtcorset von mir? Geh, Stephanie, hol' ein Nachtcorset für die Frau Grobinger! Aber Sie werden sich doch nicht genieren?


Frau Grobinger.

Nein, danke! Bitte nicht! Bitt' schön! Aber nein, Fräulein Stephanie, Gott bewahre! Aber ich bin ja so kommod. Aber wissen Sie, um was ich bitten möchte? Aber Sie dürfen nicht böse sein! Aber ich bin schon so gewöhnt. Darf ich stricken? (hat sich links in ein Fauteuil gesetzt, holt eine Stickerei vor und strickt).


Frau von Hoff.

Aber versteht sich! Aber liebe Frau Grobinger! (sieht Stephanie an und lächelt). Ich könnte jetzt nicht arbeiten! Wo nur mein Mann bleibt? Ach, Frau Grobinger, ich wollt', ich wär' schon um einen Tag älter!


Frau Grobinger.

Ach ja! Ach ja! Man hat schon etwas durchzumachen im Leben! Da kann ich auch was sagen. (seufzt schwer auf).


Frau von Hoff.

Arme Frau Grobinger, das ist schon wahr. Aber ich glaub', so im Grunde ist er ein ganz guter Mensch.


Frau Grobinger.

Ja, wenn er schläft, ist er gut. Ach, gnä' Frau, ich sag' Ihnen, wie hab' ich das nur verdient? (weint in ihren Strickstrumpf).


Frau von Hoff.

Ja, nicht wahr, daß er sich jetzt ins Privatleben zurückziehen will, ein so rüstiger Herr, die Gesundheit selbst?


Frau Grobinger.

Mich fragen Sie?


Frau von Hoff.

Ja, sagen Sie, was denkt er sich denn eigentlich?


Frau Grobinger.

Ich weiß von nichts. Ich misch' mich da nicht hinein. Soll er thun, was er will! Ja, ich bin ein beneidenswertes Weib! (schluchzt wieder auf).


Frau von Hoff.

Weinen Sie nicht! Aber liebe Frau Grobinger! Ich sag' immer, der Mensch muß immer unter sich sehen. Zum Beispiel über uns wohnt ein Lehrer mit sieben Kindern und einer kranken Frau – Was soll ich Ihnen sagen? Die hochgradigste Schwindsucht – (blickt unter den Tisch). Nein, diese Mali! Wie sie abstäubt! Fingerdick liegt der Staub.


Frau Grobinger.

Da haben Sie recht, gnä' Frau, das sag' ich auch. Aber was wollen Sie, mein Mann ist darin anders. Jesus, was hab' ich ihm schon gepredigt! Aber nein, da hilft nichts, er will immer höher hinaus, schaut nur immer über sich. Unter uns wohnt ein Banquier, mein Gott, er ist halt reich, warum denn nicht? In St. Pölten wohnen viele reiche Leute, Sie dürfen nicht glauben, daß nein – Aber da heißts immer: warum ein anderer und ich nicht? Und ich kann ja doch nicht dafür? Wir passen halt nicht zusammen. Ach, gnä' Frau, daß mich unser Herrgott so gestraft hat! (weint bitterlich).


Frau von Hoff.

Armes Weib!


Frau Grobinger.

Und das geht so fort schon seit dreißig Jahren!


Stephanie.

(am Fenster). Der Kaiser.


Frau Grobinger

(alles vergessend, eilt hin). Der Kaiser! Wo? Wo?


Frau von Hoff.

Schnell! Schnell! So laß doch die Frau Grobinger hin! Du kannst ihn ja genug oft sehn!


Frau Grobinger

(beim Fenster). So! Das war also unser Kaiser? Nein! Schauen Sie nur die Dame dort! Und das Buberl? Ich bitt' Sie gar schön! Was ist das für ein Offizier? Ein Burg-Gendarm? So? Wir haben auch Militär. Aber Wien ist halt doch schön! Wo ist mein Hut? Ich geh ein bischen hinunter. Es ist ja so schön! Sagen Sie, ist die Alserstraße weit von hier?


Frau von Hoff.

Aber gar nicht. Wenn Sie hinunterkommen, dann rechts durch das Gaßl, dann linker Hand bei der Kirche, wissen Sie, wo die Tramway geht – aber das sagt Ihnen ein jedes Kind.


Frau Grobinger.

Ich geh' nur zu unserer Bekannten. Sie wissen ja, zu der Frau von Lunglmayer, der Schwester vom Apotheker in St. Pölten, die hier verheiratet ist – Aber Sie sind doch nicht bös?


Frau von Hoff.

Aber Frau Grobinger, gehn Sie nur, freilich! Bei uns ist's heut ohnedies so ungemütlich – Aber wissen Sie, wenn man so etwas vor hat – Da ist Ihr Sonnenschirm. Wie hübsch! Schau, Stephanie, was man in St. Pölten für schöne Sachen kriegt!


Frau Grobinger.

Also adieu, meine Damen! Wenn mein Mann nach mir fragt, ich bin bei der Frau von Lunglmayer.


Frau von Hoff.

Gewiß, gewiß! Adieu, Frau Grobinger! Gute Unterhaltung! Au revior! (Hat sie hinausbegleitet). Die hat eine glückliche Natur, das ist schon wahr. Hast Du ihren Hut gesehen? Ich sag' Dir, die wird Aufsehen machen. (am Fenster). Stephanie, komm schnell! Arme Frau! (lacht). Aber geh', wir dürfen sie nicht auslachen. Schau das hübsche Cape! Aber der Gang! Na, na, fallen Sie nur nicht auf die Nase! – Der Mayer! (fährt zurück).


Stephanie

(wehmütig). Da geht er. Er sieht wirklich nicht schlecht aus. Gar nicht wie ein Kaufmann, eher wie ein Professor.


Frau von Hoff.

Ich möcht' wetten, daß er Dich noch immer liebt –


Stephanie.

Aber Kerl! Wie doch das Leben ist! Da geht er jetzt vorbei und hat mich noch gern und ich heirate einen andern. Nein, nicht wahr?


Frau von Hoff.

Ach, Kind wenn nur nichts dazwischen kommt!


Stephanie.

Aber, Mama, was sollte denn dazwischen kommen?


Frau von Hoff.

Ach, ich kann's gar nicht glauben! Siehst Du siehst Du! Na, was sagst Du? Aber Du freust Dich ja gar nicht?


Stephanie.

Freut sich denn der Richard?


Frau von Hoff.

Was sind denn das für Reden?


Stephanie.

Nun ja, ich muß immer glücklich aussehen. Alles betrachtet mich und wenn ich nicht strahle, weh mir! Gleich zittert Ihr. Daher kommt es auch, daß ich mich nie getraut habe – Wie hätt' ich das können! Daran war nicht zu denken!


Frau von Hoff

(erschrickt). Was willst Du sagen? Um Gotteswillen!


Stephanie.

Gleich erschrickst Du! Aber so warst Du immer. Und der Papa auch Der schon gar! Ich durfte ja nicht den Mund aufthun! –


Frau von Hoff.

Geh, mach' mich nicht auch verrückt.


Stephanie.

Aber, Mama, ein bischen bang darf mir doch sein? Oder ist das auch nicht erlaubt?


Frau von Hoff

(gekränkt, ärgerlich). Geh, laß mich!


Stephanie

(thut ihr schön). Aber, Mama, wer sagt denn etwas? Aber Mama, was soll ich denn thun? Ich kann ja doch nicht springen vor Freude?


Frau von Hoff.

Geh, Du bist schlecht!


Stephanie.

Was willst Du nur? Ich bin ja sehr glücklich! So schau mich nur an! Geh, Mamatschi, nicht! Es kommt Jemand. Meiner Seel'! Das wird Papa sein.

(von Hoff kommt durch die Mitte).


von Hoff.

Ich bin's, Kinder. Alles ist in Ordnung. Morgen wird getraut.


Frau von Hoff

(freudig). Hörst Du, Stephanie?


Stephanie.

Ja, Mama, ich höre.


von Hoff

(setzt sich erschöpft und trocknet sich die Stirne, zu Stephanie) Geh, laß das Rouleaux herab! Es ist wie im Juli! (Stephanie thut es, durch die Jalousien strömt die Sonne herein. Hoff fährt fort) Morgen ist bekanntlich Sonntag. Nach dem Hauptamt ist die letzte Verkündigung und dann kann's losgehen, hat der Pfarrer gesagt.


Frau von Hoff.

Aber da heißt's vorbereiten!


von Hoff.

Nichts wird vorbereitet. Es werden gar keine Geschichten gemacht. Niemand wird eingeladen.


Frau von Hoff.

Daß wir sogar mit meiner Familie auseinander sind!


von Hoff.

Daraus mach' ich mir gar nichts, erlaube! Dein Herr Sektionschef soll nur für sich bleiben mit allen seinen Orden! Ein anderer könnte sie auch haben, wenn er nur wollte. Aber nicht jeder ist so ein Streber. Also, wie gesagt, keine Einladungen außer den Zeugen. Trauung, Vermählungskarten, aus ist's. Ich bin froh, wenn Niemand kommt. Die Verschwägerung ist nicht danach. Wir können nicht sehr stolz sein. Merkwürdig, und wo ich soviel auf Familie sehe – Aber ich muß von allem Guten haben, das ist schon wahr. (zu Stephanie). Du darfst nicht bös sein, mein Kind, aber Dein Herr Schwiegervater könnte mir gestohlen werden.


Frau von Hoff.

Ach, Kinder, ich hab' eine solche Angst!


von Hoff.

Unsinn! Etwas Wein kannst Du meinetwegen bestellen. Ein kleines Diner. Ich hab Hunger. Ich möchte auch wieder einmal essen.


Frau von Hoff.

Lacht mich aus, aber ich zittere nur so. Himmel! Ein Glück noch, daß das Brautkleid fertig ist.


Stephanie.

Was ziehst Du an, Mama?


Frau von Hoff.

Richtig, was soll ich anziehen?


von Hoff.

Dein neues Seidenkleid, was sonst?


Frau von Hoff.

Aber, Leopold, was für ein neues Seidenkleid?


von Hoff

(mit Humor). Nun, das ich Dir vor zehn Jahren geschenkt habe.


Frau von Hoff

(lacht). Geh Du! – Aber Ihr habt recht, ich bin ein dummes Weib. Den Hochzeitsstrudel mach' ich selbst –


Stephanie.

Nein, diese Mama! Sag', wie kann man nur so gut sein? (hält sie fest).


Frau von Hoff.

Ja, ja, aber jetzt laß mich nur! Ich hab' zu thun. Denn wenn ich mich auf die Malie verlasse – Laß mich, Herzl! (will gehen). Richtig und die Sachen –


von Hoff.

So? Und sonst brauchst Du nichts? Das ist ja gut. (Giebt ihr Geld).


Frau von Hoff.

Armer Leopold!


von Hoff.

Unsinn! Jetzt nimm! Es muß ja sein! Mir ist's ja recht. Solang noch etwas da ist – Apropos Wein – laß es nur bei ihm holen, bei dem – Junior drüben. Man soll nicht stolz sein, besonders wenn man keinen Grund hat.


Frau von Hoff.

Und wißt Ihr, die Gusti scheint ihn wirklich sehr gern zu haben. Sie ist ganz vernarrt. Ja, die ist eine. Die kanns! Aber jetzt laßt mich! Es ist ja soviel zu besorgen! – Gusti! Gusti! (ab durch die Tapetenthür).


Stephanie.

Sie kriegt ihn auch, gelt ja, Papa?


von Hoff.

(müde). Ich weiß es nicht. Jetzt heißt's sparen.


Stephanie.

Armer Papa!


von Hoff.

Ja, der Mensch hält viel aus, aber schließlich bricht er doch zusammen.


Stephanie.

Aber, Papa, schau! Jetzt hat ja Alles ein Ende! Jetzt heirat' ich und Ihr seid mich los. Ich dachte, das wird Dich glücklich machen.


von Hoff.

Wenn Dur nur glücklich bist, mein Kind. Hoffentlich verdient er Dich. Er und kein anderer! Weißt Du noch? – Wein' nicht!


Stephanie.

O bitte, am Hochzeitstag darf man weinen. Das schickt sich sogar! Nein, wie mir jetzt zu Mut ist, das weiß Niemand!


von Hoff.

Was hast Du?


Stephanie.

Nichts. (Leidenschaftlich) Ich möchte nur etwas thun, etwas Dir zu Liebe!


von Hoff.

Ich wüßte schon.


Stephanie.

Was denn? Sprich!


von Hoff.

Aber wirst Du nicht bös werden?


Stephanie.

Aber Papa!


von Hoff

(gezwungen lustig). Also wenn Du mal Zeit hast und es Dir nicht viel Umstände macht – ein Enkerl möcht' ich haben!


Stephanie.

Nicht, bitte! Geh', Du bist garstig!


von Hoff.

Also ja?


Stephanie.

Schon gut. Gleich! Augenblicklich! (entflieht durch die Mitte).


von Hoff

(ruft ihr nach). Aber gewiß! Nicht vergessen! – Ach, ich lach' noch!

(Die Thür bleibt offen, man sieht im Vorzimmer Frau von Hof und Gusti).


Frau von Hoff.

Also die Myrthen kaufen!


Gusti.

(mit Hut und Sonnenschirm, eifrig). Ja, Mama!


Frau von Hoff.

Und zum Fleischhauer gehn!


Gusti.

Ja, Mama!


Frau von Hoff.

Und zum Zuckerbäcker!


Gusti.

Ja, Mama!


Frau von Hoff.

Und den Wein bestellen beim Prix!!


Gusti.

(vollends eifrig, ganz freudig:) Beim Herrn Prix? Ja, liebe Mama!


Frau von Hoff.

Und nichts vergessen!


Gusti.

Nein, liebe Mama! (ab durch die Außenthür).


von Hoff

(hinzueilend). Halt! So war's nicht gemeint! (ruft ihr nach) Gusti! Sie braucht doch nicht zum Prix zu gehen. Da muß ich bitten! Gusti! Gusti! Ja, freilich, fort ist sie! (schließt die Außenthür). Na, Du bist aber eine schöne Mutter! Wie kann man nur so gedankenlos sein!


Frau von Hoff

Geh, jetzt hab' ich den Kopf wirklich auf etwas ganz anderes. (Geht draußen nach links).


von Hoff.

(indem er hereinkommt und die Thür hinter sich zumacht). Aber was geht's mich denn an?

(Der alte Grobinger kommt mit Hut und Stock von links).


von Hoff.

Ah, da sind Sie ja! Wie geht's? Wohl geruht?


Der alte Grobinger

(gähnt). Das viele Schlafen ist Gift für mich.


von Hoff.

So, so! Sie gehen aus?


Der alte Grobinger.

Zu dienen.


von Hoff.

Bravo! Es ist prachtvoll draußen.


Der alte Grobinger.

Ich geh' aus – jawohl, Herr von Hoff, und zwar in einer wichtigen Angelegenheit. Wissen Sie das?


von Hoff.

Dann gehn Sie nur. Richtig, Sie fragen ja gar nicht. Morgen also, morgen ist der große Tag.


Der alte Grobinger

(kurz, ungläubig). So!


von Hoff.

Ja, um zwölf Uhr, alles ist abgemacht.


Der alte Grobinger.

Abgemacht ist es auch schon? Ja, was wollen wir denn noch mehr? (zögernd, nachdenklich). Aber was wollt' ich nur –?


von Hoff.

Ausgehen wollten Sie!


Der alte Grobinger.

Ich werde auch schon ausgehen, fürchten Sie sich nicht. Alles geschieht noch, muß geschehen, und zwar, wie ich sehe, schleunigst. Morgen um zwölf, sagen Sie?


von Hoff.

Ja, oder wär's Ihnen um elf lieber?


Der alte Grobinger.

Nein, nein, ich hab' gegen die Stunde nichts einzuwenden, zwölf ist eine ganz schöne Stunde. Aber warum denn schon morgen? Eine Hochzeit über Hals und Kopf – Haben Sie denn das wirklich gern?


von Hoff.

Erlauben Sie, nach siebenjähriger Verlobung heißen Sie das eine Hochzeit über Hals und Kopf?


Der alte Grobinger

(freundlich). Kommen Sie, Herr Oberfinanzrath, wir wollen ein bischen miteinander reden. Man hat ja noch Manches zu besprechen, nicht wahr? Ich glaub' es wenigstens. – In welcher Kirche, wenn man fragen darf? (hat sich links ans Tischchen gesetzt).


von Hoff.

(setzt sich auf die andere Seite). In der Alserkirche.


Der alte Grobinger.

So? Das ist ja sehr schön. (Nach einer Weile ruhig). Aber ich glaub' nicht, daß diese Hochzeit morgen stattfindet.


von Hoff

(ruhig). Aber ich weiß es.


Der alte Grobinger

So?


von Hoff

(nickt). Bestimmt.


Der alte Grobinger.

Na, ich wünsch' es. Das kann ich Ihnen sagen. Und es wär' auch zu wünschen. Nur mein' ich, gehört mancherlei dazu. Haben Sie schon an Alles gedacht? Ja? Sind Sie denn so bereit? Wirklich? Das wundert mich. Ich meine nur, he he he, mein lieber Herr von Hoff, ohne Geld giebt's keine Hochzeit!


von Hoff

(bitter) Ich weiß es.


Der alte Grobinger.

Dann ist es gut. Dann gratulir' ich nur. Hier meine Hand. Ich gönne gewiß einem Jeden sein Glück und wenn alle Leute so wären wie ich – Aber sagen Sie nur, färben Sie sich die Haare?


von Hoff.

Nein, das ist echt.


Der alte Grobinger.

Ja, das Leben ist schwer. Man thut gewiß, was man kann und ich bin überzeugt, daß Sie sogar mehr gethan haben. Es ist ein Gefrett! Und ich sag' Ihnen, nur unsere sozialen Zustände sind schuld. So ists ja noch nie zugegangen! Alles will leben und die Zeche muß bezahlt sein. Woher nehmen? Wo man's kann. Natürlich!! Das ist's ja! – Aber Sie halten mich für einen schlechten Kerl?


von Hoff

(in einem Ton, der eher wie Bejahung klingt) Nein.


Der alte Grobinger.

Das bin ich auch nicht. Aber versetzen Sie sich in meine Lage. Ich weiß, Sie sind so gute Leute, wirklich hochanständige, liebe Leute und wir haben Sie ja auch Alle sehr gern –


von Hoff

(aufspringend). Herr, was wollen Sie? Herr, was soll das?


Der alte Grobinger

(sitzen bleibend). Gehn Sie! Ich sag' nur, daß Sie so anständige Leute sind und daß wir Sie Alle so gern haben, und da fahren Sie gleich auf und fragen: was ich denn will? Sehn Sie, so sind Sie! Gleich ist der Teufel los! Man kann ja doch mit Ihnen reden? Sie sind ja ein gescheiter Mensch? Ja, Sie sind ein Schlaukopf, Herr von Hoff, Sie verstehen Ihre Tochter an den Mann zu bringen!


von Hoff.

Meine Tochter! Sie unterstehen sich – Sie – (bezwingt sich) Glauben Sie, ich werde grob mit Ihnen sein? Machen Sie sich nur keine Illusionen! (schmerzlich) Meine Stephanie! Mein armes Kind! Das hast Du jetzt davon! Siehst Du! Wenn ich bedenke, wie oft hätt' sie schon heiraten können!


Der alte Grobinger.

Einmal!


von Hoff.

Das ist oft genug! Ich sag Ihnen, bringen Sie mich nicht auf!


Der alte Grobinger

(erhebt sich langsam). Mit Ihnen ist wirklich schwer auszukommen. Gehen S', Sie hätten auch besser gethan, Ihre Tochter damals hinzugeben!


von Hoff.

Schau, schau!


Der alte Grobinger

(umhergehend). Zufällig kenn' ich die Firma. Der Mann wird ja auf sechzigtausend Gulden geschätzt – ein so hochgeschätzter Mann! Es geht mich ja nichts an, aber der G. K. Mayer bleibt doch der G. K. Mayer!


von Hoff.

Und der Oberfinanzrath von Hoff der Oberfinanzrath von Hoff!


Der alte Grobinger.

Gehn Sie, was ist das? Die Zeiten sind vorbei! Hast Du was, so bist Du was! Hast Du nichts, so bist Du nichts! Geld regiert die Welt! Haben und nicht haben, das ist hier die Frage. Und was hat denn Ihr Fräulein Tochter? Nun, ich weiß, von dieser Bagatelle spricht man ja gar nicht – denn es ist eine Bagatelle! Heutzutage! Ich bitt' Sie gar schön!


von Hoff.

Schreien Sie nicht so! Machen Sie keinen Lärm! Wir haben Gäste! Hören Sie – (bezwingt sich). Sie sind ja unser Gast, Herr Grobinger, der Lärm muß Sie ja doch genieren!


Der alte Grobinger.

Heutzutage! Bei diesen Zeiten! Ja, Sie haben ja keine Idee! Und wenn man nur einen einzigen Sohn hat, die einzige Hoffnung, auf die man sich stützt – Soll ich denn betteln gehen auf meine alten Tage?


von Hoff.

Ja, sehn Sie, man giebt nicht mir nichts, dir nichts eine Agenten-Stelle auf und wirft das tägliche Brot den Leuten vor die Füße!


Der alte Grobinger

(zornig) Ich thu', was ich will! Das geht niemand was an! Mir hat niemand etwas zu sagen! Verstehn Sie mich? (kläglich). Aber tretet nur auf mir herum! Da hat man sich abgerackert und wenn man alt und schwach ist, kann man sich nicht einmal ausstrecken. Arbeite, Arbeitsthier! Altes Schinopferd, arbeite! Aber wenn es nicht mehr geht! Am guten Willen fehlt's wirklich nicht. Aber es ist nichts mehr da, die Knochen wollen nicht mehr, die Kraft ist hin, das Lastthier, man hat es zu Tode gemartert! Wie Sie mich da sehn, bin ich ein ausrangirter Gaul und kann von meinen Renten leben, die ich nicht hab'! Was soll ich thun? was soll ich thun? Aber so macht doch kurzen Prozeß! Wer wird denn noch viel Geschichten machen mit so einem alten Kerl? Bringt mich um!


von Hoff.

Sie sind also gegen diese Heirat?


Der alte Grobinger.

Darauf hab' ich keine Antwort.


von Hoff.

Aber gegen die Verlobung waren Sie nicht?


Der alte Grobinger.

Ich wäre gegen die Verlobung gewesen?


von Hoff

(knirschend). Schuft!


Der alte Grobinger.

Gehn Sie, damit imponiren Sie mir nicht. Teufel, soll ich denn zu Grund gehn? Leben will ich!


von Hoff.

Bitte!


Der alte Grobinger.

Aber wovon denn? Was hab' ich denn?


von Hoff.

Nichts, drum willst Du Alles haben!


Der alte Grobinger.

Was bin ich denn?


von Hoff.

Nichts, drum willst Du alles sein! So seid Ihr, Haifische, Raubritter dieser Welt! Faul zur Arbeit, flink zur Freude, faul wie ein Schwein und leichtlebig wie eine Lybelle! Aber was gehn Sie mich an? Ich will auch leben! Warum, weiß ich freilich selber nicht. Viel Gutes hat man nicht davon. Ich kann Sie nicht auch noch erhalten! Diese Zumuthung nur! Das hätt' ich wissen sollen! – Ja, Sie haben sich wieder ausgezeichnet. Jetzt kenn' ich Sie durch und durch! (klopft ihm ironisch auf die Schulter).


Der alte Grobinger

(schauspielerisch, mit grotesker Heuchelei). Gestern noch sag' ich zu meiner Frau: Ich bring' mich um, das ist das beste für alle Theile. Ich häng' mich auf, und die Geschichte hat sich gehoben. Aber ich kann's nicht! Ich hab' mich schon oft gefragt: Wie machen das die Leute? Der Teufel weiß, ich bin's nicht im Stande. (klopft sich auf den Magen). Das läßt es nicht zu, es denkt: Ich bin auch noch da, und ist ein guter Christ und bringt sich nicht um. Das Leben ist ja so schön! Ja, ein verflixter Kerl das!


von Hoff

(ihn scharf beobachtend). Was wollen Sie denn eigentlich?


Der alte Grobinger

(immer rückhaltloser). Ein gutes Leben! Ich caprizire mich darauf. Mein Vater hat nichts für mich gethan, mein Sohn soll es. Und er kann es auch. Ein Mann wie er! Ein fertiger Arzt! Lächerlich!


von Hoff.

Aber wer hat ihn dazu gemacht? Sie vielleicht? Geben Sie acht! Ich sag' Ihnen, treiben Sie mich nicht zum Äußersten!


Der alte Grobinger

(unentwegt, mit komödiantenhafter Manier sich auf die Brust klopfend). Herr! Ich bin ein armer Teufel ohne einen Kreuzer Geld, aber meinen Sohn hab' ich doch studiren lassen! Ja, ohne einen Kreuzer Geld hab' ich ihn nach Wien geschickt und ihn studiren lassen! Oder hab' ich ihn gehindert? Nein, wirklich nicht, denn ich habe Sinn für Höheres! Darum taug' ich auch nicht zum Agenten! Sie mögen ein ausgezeichneter Beamter sein, Ihnen muth' ich's zu, aber ich will es besser haben – tot oder lebendig! Wozu hat man Kinder? Es kommt noch! Es kommt noch! Ich hab' es schon bis zum Vater eines Doktors gebracht. Nach meinem Tod – ich kann ja noch warten – bring' ich's vielleicht bis zum Großvater eines Millionärs. Ich will seine Millionen im Grabe genießen! Bis zum Urgroßvater eines Millionärs. Ich will seine Millionen im Grabe genießen! Bis zum Urgroßvater eines Barons – da red' ich mit keinem Menschen mehr! Ja, ich kann's noch erleben, der Stammvater eines Ministers zu sein! Die Zukunft gehört mir! Jawohl, Sie – wer weiß, vielleicht der Großvater eines Schusters, Urgroßvater eines Hausmeisters! Denn, mein Lieber, heutzutage weiß man nie, mit wem man's zu thun hat!


von Hoff

(in höchster Wut). Mensch! – Pardon, Sie sind ja ein großes Thier, wie Sie sagen – Wissen Sie, was Sie sind? Ein Narr! Ein Comödiant! Und was für einer! O Sie niederträchtiger Mensch! Aber Sie werden sehen, ich werf' Sie noch hinaus! Gleich nach der Hochzeit! So gedulden Sie sich doch!


Der alte Grobinger

(mit teuflischer, gleichsam aufjauchzender Gemeinheit). Aha, jetzt kommt's heraus! Jetzt erst geben Sie sich zu erkennen! Das Gesicht nur! Schauen Sie sich nur im Spiegel an! (Frau von Hoff kommt hinkend durch die Tapetenthür). Sehn Sie nur Ihren Herrn Gemahl an! Das ist sein wahres Gesicht! . . G'schnasnoblesse! Haben nichts von hinten und von vorn und tragen die Nase hoch. Bettelprotzen! Aber seit sieben Jahren predig' ich: diese Hochzeit ist noch wohl zu überlegen und ich bleibe dabei: diese Hochzeit ist noch wohl zu überlegen!! (ab durch die Mitte).


von Hoff

(läuft zu Thür und ruft ihm nach) Schuft!


Frau von Hoff

(mit zusammengeschlagnen Händen). Was ist geschehn? Maria und Josef!


von Hoff.

Aber nichts! Laß ihn reden! Er ist ein Narr. Er rappelt. Das ist ja Alles Unsinn! Er kann mir lang gut reden. Das geht mir da herein und da hinaus.


Frau von Hoff.

Jesus! Jesus!


von Hoff.

Also Geld ist alles? Das hab' ich nicht gewußt. Aber ich will mir's merken, ich will mich danach richten. Jetzt werd' ich gescheiter sein! Es ist auch höchste Zeit!


Frau von Hoff

(ist auf einen Stuhl gesunken). Und draußen verdirbt mir der Strudelteig - ach was!


von Hoff.

Wie kann man nur so durch und durch gemein sein? Aber es geschieht mir schon recht! Hab' ich denn nötig, meine Tochter zu verheiraten? Kann ich nicht auch ohne das existieren?


Frau von Hoff

(zeigt nach links). Nicht so laut! Wenn er Dich hörte!


von Hoff.

Er? Wer er? Wer ist hier der Er im Hause? Und wer ist er denn, daß ich ihm mein Kind geben muß, mein Sein und Leben, diesem wildfremden Menschen?


Frau von Hoff.

Sprich keinen Unsinn! Jesus, Mann, benimm Dich doch anständig!


von Hoff.

Anständig benehmen, in meinem eigenen Hause muß ich mich anständig benehmen – weit hab' ich's gebracht!


Frau von Hoff.

Heiliger Gott, wenn schon der morgige Tag vorbei wäre!


von Hoff.

Am liebsten möcht' ich jetzt gleich Alles hinhauen, auf der Stelle! Alter Schuft! Alter Gauner! Du wirst noch sehn, das nimmt kein gutes Ende!


Frau von Hoff.

Jesus, nicht so laut!


von Hoff.

Was weißt Du? Du weißt noch gar nichts. Ich sag' Dir, der Mann hat recht! Ins Gesicht sollte man mir spucken! Schon längst hätt' ich ihn hinauswerfen sollen mitsamt dem Herrn Bräutigam!


Frau von Hoff.

Leopold, ums Himmelswillen!


von Hoff.

Wir sind ausgeplündert! Wir sind so gut, wie ruinirt!


Frau von Hoff.

Nicht so laut! Ich beschwöre Dich! Kannst Du nicht ruhig sagen: Wir sind . . (das Wort bleibt ihr in der Kehle stecken). Jesus, ist's möglich? Barmherziger! Ich hab' geglaubt, so was passirt nur reichen Leuten!

(Es klingelt).


von Hoff.

Wer ist das? Ich will niemanden sehn!


Frau von Hoff.

Nur ruhig, ums Himmelswillen! Es wird sich ja schon alles geben. (blickt ins Vorzimmer hinaus, mit verändertem Tone). Je, der Herr Mayer!


von Hoff.

Jetzt kann ich ihn nicht brauchen!


Frau von Hoff.

Aber Leopold, was fällt Dir ein? (liebenswürdig). Kommen Sie nur, Herr Mayer! Bitte, wir einzutreten! Nein, der Herr Mayer!

(Mayer kommt).


Mayer

(ein behäbiger Herr, anfangs der Vierzig, Glatze). Küß' die Hand, gnä' Frau.


von Hoff

(barsch). Womit kann ich dienen?


Mayer.

Aber wenn ich ungelegen komm' –


Frau von Hoff.

Aber nein! Keine Spur! Im Gegentheil! Sagen Sie, sind Sie nicht soeben vorüber gegangen? Daß Sie sich nie sehen lassen!


Mayer.

Ach, gnä' Frau, Sie werden mich noch hinauswerfen.


von Hoff

(in den Bart). Das kann ihm schon passiren!


Frau von Hoff.

Aber Leopold – ! Das ist aber schön, Herr Mayer! Bitte, nur Platz zu nehmen!


Mayer.

(setzt sich an den Mitteltisch). Ich bin so frei.


Frau von Hoff.

(setzt sich zu ihm). Nun also, wie geht's?


Mayer.

Mein Gott, gnä' Frau, es sind halt schlechte Zeiten!


Frau von Hoff.

Ich sag' auch, das Leben ist keinen Schuß Pulver wert. Ach, wir haben soviel Aerger! – Aber Ihnen soll's ja sehr gut gehen? Sie sind ja ein reicher Mann geworden, hab' ich mir sagen lassen. Ja, schauen Sie, was man nicht alles hört!


Mayer.

Aber, gnä' Frau, das ist gar nicht so arg! Klein anfangen und groß aufhören, das ist alles, was man möchte. Aber reden wir nicht von mir –


Frau von Hoff.

Warum denn nicht? Wenn man so dasteht, wie Sie! (zu Hoff). Du warst noch nie im Geschäft vom Herrn Mayer? Da geht's zu, sag ich Dir!


von Hoff

(ärgerlich). Und Du bist von einer Lebhaftigkeit, sag' ich Dir! (zu Mayer). Aber Sie müssen wissen, daß Hochzeit im Hause ist.


Mayer.

Ah!


von Hoff

(setzt sich an die andere Seite vom Mayer). Sehn Sie uns denn das nicht an?


Mayer

(erschrickt). Wirklich? Ah! Aber dann komm' ich ja gerade recht.


von Hoff.

So? Sie haben uns etwas zu sagen?


Mayer.

Ja, das hätt' ich freilich.


von Hoff.

Aber ich muß bitten, schnell!


Frau von Hoff.

Mein Gott, was ist denn geschehn, Herr Mayer?


Mayer

(kämpft mit sich).


von Hoff.

Aber Sie reden ja nicht!


Mayer.

Ich denke nach, ob ich nicht aufstehn soll und gehn.


von Hoff.

Sie machen mich sehr neugierig.


Mayer.

Soll ich also wirklich reden? Aber erfahren müssen Sie's ja doch. Freilich daß ich's gerad sein muß – es ist furchtbar! Das ist nämlich so: ich hab' hier eine Schwägerin wohnen d. h. ihr Mann war der Bruder von dem Mann meiner Schwester –


von Hoff

(rückt näher, spöttisch). Ah!


Mayer.

O, es kommt noch viel interessanter, Herr von Hoff! Doch erlauben mir die Herrschaften, erst eine Bemerkung zu machen, die meine Wenigkeit betrifft. Schauen Sie, gnä' Frau, jetzt komm' ich selbst auf mich zu reden, aber es rentiert sich wirklich nicht, denn wer wird von so einem Menschen reden, der sich in ein Fräulein verliebt, sie nachher nicht kriegt und doch nicht vergessen kann . . . Das ist ja der helle Wahnsinn! Den Kerl sollte man ja einsperren! Ja, das sind Zustände! Aber man gewöhnt sich an Alles und ich mach' auch niemand einen Vorwurf, davor bewahr' mich unser Herrgott! Ich war Ihnen halt zu gering, da ist nichts zu machen, und ein anderer war Ihnen lieber, das begreif' ich auch, d. h. eigentlich nicht. Ich bin schon so begriffstutzig. Manchmal geht's mir nicht in den Kopf hinein, dann das Leid und der Neid etc. etc. – kurz, ich hab' mir den Schädel zerbrochen: ist er denn besser, als ich? Kann er denn mehr, als ich?


Frau von Hoff.

Ach, Herr Mayer, wenn wir damals gewußt hätten, was wir jetzt wissen –


von Hoff

(streng). Amalie, ich bewundre Dich! – Aber Sie wollen ja von Ihrer Frau Schwägerin reden?


Mayer.

Kommt schon Herr von Hoff, kommt schon! Sie ist, wie gesagt, nur eine weitläufige Schwägerin, aber, wie das schon ist, ihr Mann ist gestorben, und jetzt ist sie Wittwe, und hat eine große Tochter, ein junges Flitscherl, und da kommt sie zu mir und sagt: Was soll ich thun? Jetzt hat meine Lini gar eine Liebschaft! Und weint und hat zu der Geschichte kein rechtes Vertrauen, – und ich soll kommen, dem Mädel die Leviten lesen etc. etc. Da frag' ich: Wer ist denn das Bürscherl? Ein Docktor soll's sein, sagt sie, und Richard Grobinger schreibt er sich.


von Hoff

(springt auf). Das ist eine Lüge!


Mayer

(ganz ruhig). Das hab' ich nämlich auch gesagt. Unmöglich, hab' ich gesagt, der Doktor Grobinger hat eine


wunderschöne Braut und kann kein solcher Schuft sein! Aber da hab' ich mich überzeugt.


von Hoff.

Genug!


Mayer

(steht auf). Und Sie können sich auch überzeugen.


von Hoff.

Eine solch Impertinenz!


Mayer.

Sie haben recht. Mein Wort darauf, daß ich Ihnen recht gebe. Was ich gesagt hab', ist eine großmächtige Lüge, und ich bin schon so ein niederträchtiger Mensch!


Frau von Hoff.

Jesus Maria! Aber das kann ja nicht sein, Herr Mayer!


Mayer.

Aber nein! Ich sag' ja, es ist nicht wahr! Ich bitte um Verzeihung! (wendet sich um Gehen).


von Hoff.

Bleiben Sie! Jetzt muß ich bitten, sich näher zu erklären!


Mayer.

Ich sag' nichts mehr. Jesus mein Gott! Stundenlang geh' ich schon herum, trau' mich nicht herauf und weiß nicht: Soll ich oder soll ich nicht? Es ist mir schwer angekommen – Und was hab' ich davon? Das hab' ich davon! Für wen halten Sie mich denn? Wenn ich auch kein studirter Herr bin, geschniegelt und gebügelt, ein anständiger Kerl bin ich doch!


von Hoff.

Herr, ich verbiete Ihnen –


Mayer.

Aber ich sag' ja nichts! Fürchten Sie sich nicht, ich thu' ihm nichts, er gehört schon Ihnen, dieser großartige Doktor! Es gibt ja soviel Eseln unter den Doktoren, ich sag' immer, die Statistik möcht' ich sehn. (zeigt auf Hoff's arm). Auch sein Werk? Der Mensch hat Sie alle hypnotisirt, es ist ja nicht anders möglich! Schon längst hätt' ich kommen sollen! Sind denn die Leute blind? hab' ich mich gefragt. Ich hab' ja das Fräulein Stephanie abgöttisch geliebt! Sie hätt' es bei mir wie eine Königin gehabt! Glücklich hätt' ich mich geschätzt! Wenn ich's schon sag', nicht wahr? – Aber so wahr ich lebe, der Mensch darf sie mir auch nicht heiraten!


von Hoff.

Mein lieber Herr Mayer, Sie sind wahnsinnig!


Mayer.

Also wirklich? Ich frage Sie, Herr von Hoff, es bleibt also dabei, Sie wollen Ihre Tochter diesem Lump, Don Juan etc. etc. zur Frau geben?


von Hoff.

Was? Mein zukünftiger Schwiegersohn wäre ein – etc. etc.?


Frau von Hoff.

Jesus! Jesus! Nein, Herr Mayer, das hätt' ich von Ihnen nicht gedacht.


Mayer.

Ja, sehn Sie, gnä' Frau, so bin ich! Ein so schlechter Mensch, sag' ich Ihnen! Aber Sie haben recht, was geht's mich an? Soll das Fräulein Stephanie thun, was sie will. Bin ich denn ihr Vater? Oder ihr Bruder? Nein, nur der verschmähte Bewerber, das ist die ganze Verwandschaft! Ich war wieder einmal ein Esel, verzeihen Sie mir, und viel Glück zur Hochzeit! (will gehn).


von Hoff

(hält ihn zurück). Beweise will ich haben, Beweise!


Mayer

(die Uhr ziehend). Jetzt um 4 Uhr hat er mit ihr ein Rendez-vous.


von Hoff.

Das glaubt Ihnen, wer will!


Mayer.

So lesen Sie diese Karte (giebt ihm eine Korrespondenzkarte).


von Hoff.

Ah!


Mayer.

Sie können ja das Datum sehn –


von Hoff.

(liest). Wien, 30. Mai (dann die Adresse). Fräulein Lina Hayek, Strohgasse 5.


Mayer

(im Tone tiefster Theilnahme). Das ist da beim Schanzl.


von Hoff

(giebt ihm die Karte zurück). Ich danke.


Mayer

(zerreißt sie).


Frau von Hoff.

Leopold, das ist ja nicht menschenmöglich! Jesus Maria, wie kann man nur eine Geliebte haben?


von Hoff.

Doch, man kann eine Geliebte haben – Pfui Teufel! Ich will nichts mehr hören! Laßt mich! Mir wird übel! (sinkt in einen Stuhl).


Frau von Hoff

(ängstlich). Auch das noch! Leopold, was ist Dir? Soll ich ihn rufen? Ich ruf' ihn. Was soll ich denn thun? (ruft gegen die Thür links). Herr Doktor!


von Hoff

(aufspringend). Vor diesem Doktor ist mir übel! Ist er zu Haus? Kerl, wenn ich über Dich komm'! Um vier Uhr hat er das Rendez-vous? Was glaubt er denn? Das geht ja nicht nur so!

(Der Regulator schlägt vier).


Frau von Hoff.

Vier Uhr.


von Hoff.

Und er ist zu Haus? Ja, aber dann – ich sag' ja, es ist nicht wahr! Es kann nicht sein! Eine solche Niederträchtigkeit ist ja unmöglich! (zu Mayer). Sehen Sie, ich hab's ja gewußt. Es wäre ja himmelschreiend! Sie wissen ja nicht, was ich für ihn gethan! Das weiß ja kein Mensch! Und er sollte so infam sein? Nein! Nein! (will nach links, Richard tritt ihm entgegen).


Richard

(mit Hut und Spazierstock). Was wollen Sie, Schwiegerpapa? Jetzt hab' ich keine Zeit! Herrje, mich so zu verspäten!


von Hoff.

Wohin gehen Sie?


Richard.

Aber ich sollte ja schon da sein! Halten Sie mich nicht auf!


von Hoff.

Bleiben Sie! Morgen ist Ihre Hochzeit!


Richard.

Freilich, freilich, aber jetzt muß ich fort!


von Hoff.

Morgen ist Ihre Hochzeit, sag' ich!


Richard.

Ja, ja, ich weiß es. Es soll mich freuen. Aber jetzt ruft die Pflicht. Adieu! (ab stracks durch die Mitte).


von Hoff

(ihm nachrufend). Wohin ruft Sie Ihre Pflicht? (Pause). Er hört nicht mehr. Geh' nur, geh'! Aber komm mir nicht mehr unter die Augen!


Frau von Hoff.

O himmlischer Vater, Jesus, Herr Mayer, wer hätte das gedacht!


Mayer.

O gnä' Frau, ich bin ja ganz weg!


Frau von Hoff.

Aber ich hab' ja gewußt! Ich hab' ja nicht umsonst gezittert!


von Hoff.

Jetzt wein' nicht. Das nützt nichts. Ein Früchtl das! Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ein Galgenstrick! Aber wenigstens weiß man's. Ich bin wirklich froh. Ich danke Ihnen Herr Mayer, ich kann gar nicht sagen, wie sehr Ich Ihnen Danke! – Was sagst Du, Amalie? Na, was sagst Du? Aber Glück muß man haben! Wo ist die Stephanie?


Frau von Hoff.

Leopold, um aller Heiligen willen – !


von Hoff

(besinnt sich, verzweifelt). Sollen wir zum Gespött der Leute werden?


Frau von Hoff.

Ich würde mich ja schämen, auf die Gasse zu gehn!


von Hoff.

Nein, Stefferl, er ist schon Dein! Warum vergafft Du Dich in einen Laffen und einen rechtschaffenen Kerl schlägst Du aus? Aber darin sind wir Alle groß! (zu Frau von Hoff.) Hast Du ein Sacktuch bei Dir? (Sie giebt ihm ihr Taschentuch). Wir wissen von nichts – wir wissen von nichts. Ich kann ihn doch jetzt nicht hinauswerfen. Nein, jetzt wird geheiratet! Das bleibt ihm nicht geschenkt! Na, warte, Kerl! Bisher warst du eine Macht, aber nun stürz' ich dich von deiner Höhe und mache dich unschädlich...! Wie gut, daß die Mitgift da ist. Was noch fehlt, werd' ich schon auftreiben. (greift nach seinem Hut) Wünsch' mir Glück, Amalie, es darf ja kein Kreuzer fehlen, Gott bewahre! (läuft fort durch die Mitte).


Frau von Hoff.

Aber Leopold, das ist ja die ganze Hochzeit nicht wert! (jammert). Mein armer Mann! Meine armen Kinder! ...


Mayer

(desparat). Ich könnt' mir ja den Kopf herunterreißen –


Frau von Hoff.

Nein, es gibt kein vollkommenes Glück. Nun sich unser Herzenswunsch erfüllt, bricht uns das Herz! (sinkt auf einen Stuhl).


Mayer.

O gnä' Frau, geben Sie mir eine Ohrfeige, ich bitte Sie darum!




Dritter Akt.

Dasselbe Zimmer am späten Nachmittag. Mali kommt aus der Mitte. Sie bringt einen Karton und will damit nach links. Stephanie kommt von dort und tritt ihr entgegen.


Stephanie.

Was giebt's?


Mali.

Man hat diese Schachtel gebracht. Ich glaub', von der Modistin.


Stephanie.

Von der Modistin?


Mali.

Ja, es ist der Brautkranz, glaub' ich.


Stephanie.

So stellen Sie's nur auf den Tisch.


Mali.

Wollen Sie's nicht ansehen, Fräulein Stephanie?


Stephanie.

Nein, stellen Sie's nur hin!


Mali.

(stellt die Schachtel auf den Tisch und nimmt den obern Theil der Hängelampe heraus).

(Es klingelt).


Stephanie

(zieht die Rouleaux auf, es strömt frische Helle herein). Es klingelt.


Mali.

Ich geh' schon (geht).

(Richard tritt ein).


Stephanie.

Du bist's?


Richard.

Ja, wo ist mein Papa?


Stephanie.

Ich weiß es nicht.


Richard.

Niemand da? Alles ausgeflogen? Ja aber – (öffnet links die Thür und fragt betroffen) Was hat denn deine Mama?


Stephanie.

Weiß ich's denn? Sie sagt es nicht – Ach wenn doch schon Alles vorbei wäre!


Richard.

Nein, sag', also wirklich? Schon morgen? Na, höre! Ich kann's gar nicht glauben. Nein, daß es so rasch gekommen ist!


Stephanie.

So rasch?


Richard

(nachdenklich). Ja, es wird ernst, es wird ernst. Aber wenn wir auch heiraten, wollen wir doch gute Freunde bleiben, nicht wahr? – Ist das Abendblatt schon da? (nimmt die Zeitung). Also was gibt's Neues? (liest und unterbricht sich dann lebhaft). Ja, aber sag' nur, wo ist denn meine Mama?


Stephanie.

Ausgegangen.


Richard.

Ausgegangen? Wohin denn nur? Diese Mama! Schau, schau! (will wieder lesen, wirft aber die Zeitung weg). Ich kann nicht lesen!


Stephanie.

Wo warst Du denn?


Richard

(ausweichend). Nirgends. (geht auf und ab). Ah bah! Alles ist ja so egal! Ob man in Wien wohnt oder in St. Pölten, ob man ledig ist oder verheiratet, glücklich oder unglücklich – ich sag' Dir, alles kommt auf eins heraus!


Stephanie.

Das hätt' ich auch nicht gedacht, daß ich einmal nach St. Pölten komm'.


Richard.

Wirst Du's auch dort aushalten können? Eine Wienerin, wie Du?


Stephanie.

Man muß ja.


Richard

(bitter). Man muß! man muß! (Pause). Auf meine Praxis freu' ich mich übrigens. Und so arg ist St. Pölten auch nicht. Unterhalten kann man sich überall. Dann macht man einen Sprung nach Wien, auf eins, zwei ist man da – Wie gesagt, wenn ich nur meinen Beruf hab' und mein bischen Freude, alles andere ist mir so egal!


Stephanie

(verächtlich). So, so!


Richard

(öffnet den Karton). Ah, der Brautkranz! Sehr schön! Famos! Die Myrthe bedeutet Unschuld, der Schleier Scham – schäm' Dich, Du bist unschuldig! (lacht frivol).


Stephanie.

Wunderbarer Witz!


Richard

(auf einen jähen Einfall hin) Geh', setz ihn auf!


Stephanie.

Jetzt? Du bist nicht gescheit.


Richard.

Wenn ich Dich darum bitte!


Stephanie.

Unsinn! Mit dem Kleid? Das würde schön zusammenpassen. Morgen siehst mich ja!


Richard

(lebhaft). Aber ich möcht' Dich gleich sehn, augenblicklich! Den Gefallen kannst Du mir doch thun. Es ist ja niemand da. Komm!


Stephanie.

Wie kann man nur so kindisch sein? Aber da hast Du's. (setzt den Kranz auf. Der Schleier fällt ihr über den Rücken). Na?


Richard.

Also so sieht das aus?


Stephanie.

Nun, hast Du mich genug bewundert?


Richard

(aufgeregt, enttäuscht). Laß noch! laß! Ich bitt' Dich! – So sieht das aus?


Stephanie.

Gefällt es Dir nicht? Mein Gott, mit dem Kleid. – Ich hab's Dir ja gesagt – (nimmt den Kranz wieder herunter).


Richard

(wirft sich in einen Stuhl, brütend).

Meinetwegen – meinetwegen. Was geht's mich an?


Stephanie

(mit schmerzlichem Humor). Armer Richard! Aber thu', wie ich. Mach' Dir nichts draus. Ja, mein Lieber, ich hab's mir auch anders gedacht. Doch was ist da zu machen? Wir werden uns halt nicht lieben. Arme Leute müssen mit Wasser kochen. Wir können uns ja achten. Du wirst sehen, wie ich Dicht achten werde. Das soll ja auch ein wundervolles Gefühl sein!


Richard.

Du bist ja sehr gut aufgelegt!


Stephanie.

Hab' ich denn keinen Grund? Ich bitte Dich! Komm' ich zeig Dir etwas. Schau, was da steht.

(zieht ein Blatt Papier aus der Tasche und zeigt es ihm).


Richard

(springt auf und nimmt es ihr aus der Hand).

Meiner Seel'! Sag, wann hab' ich das geschrieben? Nein, wie die Zeit vergeht!


Stephanie.

Geh', lies es nicht! Wenigstens nicht laut!


Richard.

Warum denn nicht? (liest verwundert).

Weißt Du, wer mein Glück ist?

Du bist mein Glück.

Weißt Du, was mein Ziel ist?

Du bist mein Ziel.

Weißt Du, wann ich seelig werde?

Am Tag, der uns vereint.

Der Tag, der Tag!

O käm' er doch bald!

(gibt ihr das Blatt mit Grazie zurück).


Stephanie.

Siehst Du, nun ist er da! Sind wir nicht glücklich? Ja, ja, so geht's. Sehnsucht, wo bist Du? Nun könnt' ich dich brauchen!


Richard

Geh', Du hast mich nie geliebt!


Stephanie.

Bewahre, das Alles war um Deiner schönen Augen willen.


Richard.

Was denn? Was war? Geh!


Stephanie.

Schäm' Dich – ja? (Setzt sich seufzend in den Großvaterstuhl).


Richard

(einhergehend, beide Hände in den Taschen).

Es können nicht alle Leute Heilige sein! Ich wenigstens bin nur ein Mensch und geb' mich auch nicht für etwas anderes gut. Fällt mir nicht ein! Auch ich leb' nur einmal!


Stephanie.

Das aber gründlich? Nicht wahr? – Aber Du hast recht!! Du hast recht!


Richard.

Was hab' ich denn gethan? Was thu' ich denn? So sag' mir's doch! Und wer ist denn schuld an allem? Ich hab' Dich treu – will sagen, geliebt ... (Pause). Aber jetzt nimmt ja Alles ein Ende! Gottlob!! Morgen wird der Hund an die Kette gelegt. Ob er zum Kettenhund taugt? wer fragt darnach, Kusch' Dich, nicht gemuckst! Aber mucks' ich mich denn? Ja, das Leben ist dumm, so was Dummes, wie das Leben, ist mir noch nicht vorgekommen!


Stephanie

(steht auf). Ach, das Leben! Du bist dumm und ich war dumm, wir verdienen geohrfeigt zu werden!


Richard.

Gut. Jetzt hab' ich wieder genug. Adieu! (will wieder gehen).


Stephanie.

Wohin?


Richard.

Wo ich herkomm' und wo ich hätte bleiben sollen – die paar Stunden auszukosten. – Vielleicht verstehst Du mich? Umso besser! – Wenn es auch wahr ist, Du bist von einer Liebenswürdigkeit – Was Du nur willst, möcht' ich wissen, warum Du nur so aufgeregt bist?


Stephanie

(legt einen Moment ihre beiden Hände auf seine Schulter).

Ich bin nicht aufgeregt, ich bin nur unglücklich! Jetzt weißt Du's. (Pause). Ich sag' es Dir, es muß heraus, jemanden muß ich's doch sagen. Ich hab' lang genug geschwiegen – und wollte auch jetzt nicht reden. Erst morgen, wenn alles vorbei – Ja, so bin ich! Aber das dauert mir zu lang, ich halt' es nicht mehr aus. (leidenschaftlich). Ich bin unglücklich! So, jetzt ist mir viel leichter.


Richard.

Bravo! Das laß ich mir gefallen. (Tritt an sie heran). Was hast Du plötzlich gegen mich?




Stephanie

(ruhig). Du warst sieben Jahre mein Bräutigam, das hab' ich plötzlich gegen Dich.


Richard

(pfeift). Du bist verrückt, mein Kind –


Stephanie.

Gut, so bin ich verrückt. Laß mich, ich bitte Dich, fordere mich nicht heraus! (will nach links).


Richard.

Bleib!


Stephanie.

Aber ich will nach Mama sehen. Sieht man, daß ich geweint habe?


Richard.

Und ich ersuche Dich, zu bleiben.


Stephanie.

Was hab' ich denn gesagt? Ich hab' ja nichts gesagt.


Richard.

Nein, Du hast nichts gesagt. (Hervorbrechend). Aber Du wirst noch mehr gegen mich haben! Merk' Dir das! Das ist noch alles nichts! Wart' nur ab, es kommt noch ganz anders!


Stephanie

(sinkt auf einen Stuhl und weint).


Richard.

Seit wann ist denn das eigentlich – (höhnisch). seitdem Du mich nicht mehr – liebst?


Stephanie.

Ich weiß es nicht. Wenn man mit jemand immer und ewig beisammen ist, weiß man da, ob man ihm lieb hat oder nicht? Und wenn man's auch weiß, darf man's dann sagen? Darf man, nachdem man ein Jahr verlobt war, sagen: nun ist's genug! Wie dann erst nach zwei, drei, vier – sieben Jahren? Das geht ja nicht! Leider! Nein, nein! Setzt man sich ein Reiseziel, so will man's auch erreichen. Und hat man auch Lust auszusteigen, man setzt die Reise fort, ja, ist einem auch das Ziel verleidet, man fährt weiter, weiter, bis man ankommt, wohin man das Billet genommen.


Richard.

Ich danke Dir!


Stephanie

(trocknet sich die Thränen) Aber muß man denn glücklich sein? Ich schäm' mir ja die Augen aus dem Kopf Wie steh' ich da? Die Egoistin der Familie. Alles opfert sich. Meine armen Eltern! Ich komm' mir wie eine Verbrecherin vor, ich schleich' nur so umher –


Richard

(brutal). Du brauchst nicht unglücklich zu werden!


Stephanie.

Was sprichst Du da? Als wenn das nur so ginge! Mein Gott, auf die Idee wär' auch schon ein anderer gekommen. Nein, mein lieber Freund, es giebt kein Zurück! Und wo bliebe auch die Sühne? Wir müssen ja gutmachen! Ja, ich hab' Großes mit Dir vor, Du sollst mir ein exemplarischer Schwiegersohn werden!


Richard.

Ich freu' mich schon darauf – Herrgott!... Aber daß Du mir diesen Kranz nicht aufsteckst! Oder ich reiß' ihn Dir herunter! Ich kann Dich damit nicht sehn! Du schaust damit aus, daß es eine Schande ist! So geh' ich mit Dir nicht in die Kirche!


Stephanie.

Dann wirst Du es bleiben lassen.


Richard.

Das wäre freilich das Beste. Und nichts wär' mir lieber, kannst mir glauben! Ah, wie wär' ich froh!


Stephanie.

Und ich erst! O Himmlischer! (ab links).


Richard

(geht erregt auf und ab. Der alte Grobinger kommt durch die Mitte).


Der alte Grobinger

(athemlos) Richard, Richard, was hab ich Dir zu sagen!


Richard.

So? Ich bin gerade in der Laune.


Der alte Grobinger

(wirft Hut und Stock auf den Kranz, ganz außer sich). Nein, wenn Du wüßtest! Ah! Ah! Ich komm' gar nicht zu mir!


Richard.

Was ist denn los?


Der alte Grobinger.

Wir sind betrogen, unerhört betrogen worden!


Richard.

Auf einmal? Jetzt komm' Du mir auch noch –


Der alte Grobinger.

Siehst Du, Richard, hab' ich Dir nicht immer gesagt –


Richard.

Nur Du schweig, Papa! Denn Du bist an allem schuld! »Kannst froh sein, wer bist Du denn?« hast Du gesagt. Ja, hast Du nicht Erkundigungen eingezogen, daß es hochachtbare Leute sind in den besten Verhältnissen und daß diese Heirat ein Treffer, ein wahrer Haupttreffer ist?


Der alte Grobinger.

Aber wir sind betrogen, das ist's, was ich schreie, auf's Infamste betrogen worden! Hörst Du denn schlecht? Aber ich hab' ja meinen Ohren auch nicht trauen wollen, ich hab' geglaubt, mich trifft der Schlag! Ja, ja, freilich hat es damals geheißen, sie sind gut situirt, ihre Vermögensverhältnisse lassen nichts zu wünschen übrig – Schmarren! Bettler sind's, auf den Hund sag' ich Dir, und nun kannst Du die Tochter eines Bettlers heiraten! Hast Du viel Lust dazu, ja?


Richard

(faßt sich mit beiden Händen am Kopf.) Ich versteh' kein Wort.


Der alte Grobinger.

Du wirst schon verstehn. Wenn Du erst alles weißt! Ui Jegerl! ui Jegerl! Lüge war alles, alles Lüge! Gesund sind sie, hat es geheißen. Ich schau' auf Gesundheit, das ist jetzt Mode – gesund sind sie, blühende Menschen, eine wahre Pracht von Menschen – Ha ha ha! Krüppel sind's, ich hab' mich erkundigt, in Grund und Boden krank und ich hab' sie sogar sehr im Verdacht, daß sie nur aus Berechnung einen Arzt zum Schwiegersohn wollten, um auf billige Manier kurirt zu werden. Sag' selbst, ich frage Dich: Darf ein Grobinger das Kind kranker Leute ehelichen?


Richard.

Papa, mach' mich nicht verrückt! Wenn einem ohnedies so zu Muthe ist -


Der alte Grobinger.

Ich hab' dieser Heirat nichts in den Weg gestellt, ich bin ja nicht so, wirklich nicht. Aber was zu viel ist, ist zu viel! Ha ha ha! Uns so anzulügen! Was haben sie damals gesagt? Die Braut ist zwanzig Jahre alt? Siebenundzwanzig Jahr alt ist sie!


Richard.

Papa, keinen Blödsinn reden! Das fehlt mir noch, weißt?


Der alte Grobinger.

Daß Du es nur einsiehst! Jesus, Jesus, wenn ich schon in Verzweiflung bin! Richard, ich sag' Dir, sogar die Achtung der Leute haben sie verscherzt. Alle Welt lacht sie aus, man sagt, es gäbe keine größeren Narren, Dummköpfe, die sich von schlechten, gewissenlosen Leuten ausziehen lassen. Himmel, Herrgott, mir stehn ja die Haare zu Berge! Wie gesagt, die Leute sind am Bettelstab! (Mit Nachdruck) Seit Du den Fuß in ihr Haus gesetzt, geht's abwärts mit ihnen! Dabei das große Haus, das sie führen, ich bitte Dich! Haben sie nicht auch Dein Studien bezahlt? Woher denn? Früher sollen sie ganz bescheiden gelebt haben - dieser Herr von Hoff ist ein – (leise an Richards Ohr)

Schwindler, ein Betrüger!


Richard.

Nun aber schweig! Hörst Du? Nun ist's genug!


Der alte Grobinger.

Ach geh', ich weiß gar nicht mehr, was ich rede. Es ist ja keine Bagatelle! Schau', ich bitte Dich, wie ich nur zittere – Nein, wenn das nicht mein Ende ist – ! Richard, um's Himmelswillen, Du darfst sie nicht heiraten!


Richard.

Aber sonst geht's Dir gut, wie?


Der alte Grobinger.

Aber, so richt' Dich zu Grunde, thu', was Du willst! Nimm sie, so nimm sie doch, wenn Du ohne sie nicht mehr existiren kannst! In Gottes Namen! Ich wünsch' Dir gute Unterhaltung! (cynisch) Geh!


Richard.

Aber ich kann ja doch kein solcher Lumpenhund sein!




Der alte Grobinger.

In einem solchen Fall? Ich will kein ehrlicher Kerl sein, wenn ich da nicht zum Schurken würde. Es wäre ja Sünde! Jetzt, wo Du so dastehst! (springt auf, faßt Richard am Arm). Man ist nur einmal jung, hat nur einmal seinen Höhepunkt. Und was ist das Leben? Was man daraus macht. Richard, sei gescheit! Jetzt oder nie! Du siehst, es pressirt. Bisher warst Du nichts, doch Deine Zeit ist gekommen, Deine Glanzperiode!


Richard

(verzweifelt sich losmachend). Am liebsten möcht' ich mich umbringen!


Der alte Grobinger

(sentimental.) Straf' mich Gott, wenn ich an mich denke. Ich bin heut ein alter Mann und hoffe nur, daß mich der Herrgott bald zu sich nimmt, lieber heut als morgen! Und wenn Du auch das größte Glück machst, ich will nichts davon haben. Gott behüte, nicht so viel – denn Du wirst noch das größte Glück machen, denk' an mich! Andere Leute, wie Du, machen die schönsten Partien, ganz andere Leute, sag' ich Dir!

(Frau Grobinger kommt aus der Mitte).


Frau Grobinger.

So, da bin ich. Die Frau von Lunglmayer läßt Euch grüßen.


Der alte Grobinger

(ironisch). Freut uns außerordentlich!


Frau Grobinger.

Denkt Euch nur, ihr Sohn hat sich auch verlobt.


Der alte Grobinger.

Ihr Sohn? Verlobt? Mit wem?


Frau Grobinger.

Wie heißt sie nur geschwind? Ihr Vater soll Fabrikant sein, Maschinenfabrikant, glaub' ich.


Der alte Grobinger.

Der Maschinenfabrikant Horak?


Frau Grobinger.

Mir scheint auch. (denkt nach, lebhaft.) Freilich!


Der alte Grobinger.

Ich sag' ja, die einzige Tochter, ein riesenreiches Mädchen! Siehst Du, Richard das ist eine Heirat!! Und so ein schiecher Mensch wie der junge Lunglmayer! Da bist Du ein ganz anderer Kerl! Und Du sollst nicht ein noch größeres Glück machen? Das machst Du auch, Du wirst sehen, das größte Glück, Ihr sollt eure Wunder sehen, die Welt soll was erleben!

(von Hoff kommt aus der Mitte.)


von Hoff

(müde, zerschlagen, sich mühsam haltend, zum alten Grobinger.) Ah, da sind Sie ja! (zu Richard.) Und Sie sind auch da? Hm, hm – Aber wo ist denn meine Frau? Wird denn heute nicht genachtmahlt? Es muß ja schon sehr spät sein nach meinem Hunger zu urtheilen.


Richard

(zieht die Uhr) Halb acht.


Der alte Grobinger.

Was? Schon? (zu seiner Frau.) Geh, Alte, schau, ob unsere Sachen in Ordnung sind.


Frau Grobinger.

Mann, Du willst wirklich –?


von Hoff.

Wie, Sie wollen fort?


Der alte Grobinger.

Ja, Herr von Hoff, wir wollen Sie nicht mehr belästigen.


von Hoff.

Was sind das für Geschichten? Wenn Ihnen das bisher nicht eingefallen ist – Bleiben Sie nur! Auf das einmal kommt's nicht mehr an.


Der alte Grobinger.

Nein, danke, Herr von Hoff. (zu seiner Frau wütend.) So geh' doch, Alte!


Frau Grobinger.

Die armen Leute! (geht nach links).


von Hoff.

Was hat denn Ihre Frau?


Der alte Grobinger.

Ach Gott, wir sind ja Alle weg! Ich wundere mich nur, daß ich noch lebe. Sehn Sie nur meinen Sohn an. Der arme Doktor ist ja trostlos. – Richard, nimm Vernunft an! Was einmal nicht zu ändern ist –


von Hoff.

Wenn ich Sie verstehe, so soll mich der Teufel holen!


Der alte Grobinger.

Sie verstehn mich nicht? Wenn ich offen reden darf, Herr von Hoff, ich verstehe Sie auch nicht. Sagen Sie, ich bitte Sie, was ist Ihnen nur eingefallen?


von Hoff.

Sie rappeln schon wieder.


Richard.

Papa!


Der alte Grobinger.

Sie wissen ja, wie die Welt ist. Die urtheilt nicht, wie wir. Gehn Sie, lehren Sie mich die Welt kennen und dieses Gesindel von Menschen!


von Hoff.

Verschonen Sie mich! Bei Ihnen ist man ja seines Lebens nicht sicher.


Richard.

Hören Sie nicht auf ihn, Herr Oberfinanzrath!


Der alte Grobinger.

Aber so ganz unrecht haben die Leute nicht, Herr Oberfinanzrath! Ihre Familie hat sich ja für meinen Sohn geopfert! Das ist's ja, was mich kränkt. Bei Ihren Verhältnissen darf man so etwas nicht thun! Wie kommen Sie denn dazu? Ich wette, Sie haben sich's vom Mund abgespart. Ja, das sieht Ihnen schon ähnlich!


Richard.

Papa, schweig' oder Du wirst sehn.


von Hoff.

Und das werfen Sie – mir – vor?


Der alte Grobinger.

Ich werde mich hüten, Ihnen etwas vorzuwerfen! Da wär' ich ja ärger, als ich weiß nicht, wer! Aber muß denn diese Heirat sein? Wer wird sich denn so auf meinen Sohn capricieren? Nein, Herr von Hoff, Sie hätten ihm sagen sollen: Das geht nicht, mein Lieber! Suchen Sie sich einen reicheren Schwiegervater! Das ist nichts, weder für Sie, noch für mich,

für Sie schon gar nicht, denn Sie dürfen Ihre Zukunft nicht verscherzen!


von Hoff

(ringt nach Fassung). O du gemeiner Kerl!


Der alte Grobinger.

(zu Richard). Laß mich! Drück' mir nicht den Arm so! (zu Hoff). Und mein Sohn hätte das nicht annehmen sollen. Das hab' ich ihm auch gesagt. Nein, Richard, das hättest Du nicht annehmen sollen! Denn erstens hast Du es nicht nötig gehabt und dann – wie kommt der Herr von Hoff dazu?


Richard.

Wenn Du jetzt nicht aufhörst – !


Der alte Grobinger.

Geh, Du bist mir auch der Rechte! Du hättest im Gegentheil das Haus des Herrn von Hoff meiden sollen, da ja aus der Heirat doch nichts werden kann. Aber das hast Du nicht wissen können, freilich! Wer hätte an so etwas gedacht? Ich am allerwenigsten. Eher hätt' ich geglaubt, die Welt geht zu Grunde. – – Ist das Dein Hut? Du kannst mir doch sagen, ob das Dein Hut ist? (hält Richard dessen Hut hin).


von Hoff.

Nein, das glaubt mir kein Mensch!


Der alte Grobinger

(mit Richards Hut, zornig).

Sie haben mich gut verstanden! (zu Richard). Wenn Du auch immer drein redest. Schau lieber, daß Du nach St. Pölten kommst, Deine Stelle anzutreten, das ist viel gescheiter!


Richard

(zu Hoff, in höchster Verlegenheit). Lassen Sie ihn reden! Ich bin ja außer mir!


Der alte Grobinger.

Was sag' ich denn? Gewiß bist Du außer Dir. Ich vielleicht nicht? (zu Hoff). Ich wünsch' Ihnen jetzt nicht in meiner Haut zu stecken, das kann ich Ihnen sagen. Es ist ja schrecklich! Daß ich das erleben muß! Es ist ja entsetzlich! Und doch ist's das Einzige. Sie werden noch einmal sagen: »Der alte Grobinger hat recht gehabt. Er war gar kein so schlechter Mensch.« Wenn sich einer das Leben rettet, ist er drum ein schlechter Mensch? Der Mann wird freigesprochen! Sein Vertheidiger wird sagen: Meine verehrten Herrn Richter, er hat in der Verzweiflung gehandelt, der Angstschweiß hat ihm auf der Stirne gestanden, richten Sie ihn, wenn Sie können! . . . (in Ekstase). Um's Himmelswillen, sollen wir denn unglücklich werden, wir Alle miteinander, Sie und ich, mein Sohn und Ihr Fräulein Tochter –? Nein, nein, und wenn er an ihr ehrlich handeln soll –


von Hoff

(einen Schritt zurück, mit ausgestrecktem Arm).

An meiner Tochter wird er nicht mehr ehrlich handeln, dafür steh' ich! Heiraten wird er sie! Eure Stunde hat geschlagen!


Frau von Hoff

(kommt von links). Jesus Maria, was giebt's denn schon wieder?


von Hoff

(mit vor Wut zitternder Stimme). Schuft! Schuft! Amalie, Du bist Zeuge, daß ich ihn Schuft heiße. Denn der Kerl ist im Stande und läugnet es ab!


Der alte Grobinger.

Komm, Richard, denn wirklich nun ist's höchste Zeit!


Richard.

Schweig! Laß mich endlich zu Worte kommen! (zu Hoff). Aber Sie sollten mich doch kennen. Mir eine solche Charakterlosigkeit zuzumuten! Dazu bin ich ein viel zu nobler Kerl!


von Hoff.

Ich hab' wirklich nichts dagegen wenn man einen noblen Charakter hat, aber was zu viel ist, ist zu viel!


Richard.

Aber ich trete ja von der Heirat nicht zurück!


von Hoff

(immer mehr außer sich). Ich trete von der Heirat nicht zurück – Gott, bist Du ein Gott der Schurken oder bist Du anständiger Leute Gott?


Frau von Hoff.

Das ist wirklich zu viel! Das muß ich schon selber sagen. Wenn Du Dir auch alles gefallen läßt – Lassen Sie meinen armen Mann in Ruh'! Eine Schande, was Sie aus ihm machen!


von Hoff.

Laß' sie! Ich bin der Verdammenswerte! Warum war ich auf's Hirn gefallen? Herrgott, was hab' ich gethan? Einem Menschen Wohnung, Nahrung, Kleidung gegeben, noch dazu einem Unmenschen, der so viel wohnt, sich so viel nährt und kleidet!


Frau von Hoff

(händeringend.) Nicht so laut! Ich beschwöre Dich! Du vergißt immer, daß wir Parterre wohnen.


Richard

(zu seinem Vater). Schäm' Dich! Wie thät' ich so etwas – jetzt im letzten Moment – !




Der alte Grobinger

(leidenschaftlich). Aber wenn von diesem Moment alles abhängt, ja, von diesem einen

Moment –?


von Hoff.

Nein, das übersteigt doch alles! Du wirst sehn, der Kerl bringt mich noch unter die Erde!


Frau von Hoff.

Die Leute bleiben stehn, meiner Seel' und Gott!


Richard.

Schweig, Donnerwetter! – Hören Sie nicht auf ihn! Lassen Sie sich sagen, Sie haben es mit einem Ehrenmann zu thun!


Der alte Grobinger

(in wilder Entschlossenheit). Und wenn Du einen Moment kein Ehrenmann bist? – –


von Hoff.

Hyäne! Tiger! Und ärger als das! Tiger leben nicht von Tigern, Hyänen nicht von Hyänen, aber Du, Kerl, hast mich aufgefressen! – (zu Frau von Hoff) Mach' das Fenster zu!


Frau von Hoff.

(hinkt gegen das Fenster, kommt wieder zurück, ganz rathlos) O himmlischer Vater, dann möcht ich sagen: laß die ganze Hochzeit lieber sein!


von Hoff.

Nie und nimmer! Ich alles, er nichts? Nicht einmal das bischen Heiraten kann man von ihm haben? Niederträchtiger! (zum alten Grobinger.) Und Sie haben es gewagt, diesen Stegreifritter das Leben zu geben? Das war eine Infamie sonder Gleichen!


Richard

(auffahrend in verändertem Ton.) Ah!


Der alte Grobinger.

Ich kann das Leben geben, wem ich will!


Richard.

O Papa, wie hattest Du recht!


von Hoff.

Ein Lump! Sein ganzer Papa! Ja, alles haben Sie zum Arzt, nur nicht das Ehrgefühl, nur nicht das Talent! Aber eine Geliebte haben Sie, ich sag' es Ihnen ins Gesicht!


Der alte Grobinger.

Was meinen Sie damit?


von Hoff.

Was ich damit meine?


Richard.

Was wissen Sie? Wer kann das sagen?


von Hoff.

Du wirst noch läugnen? (ruft) Mali! (an der Tapetenthür.) Gehn Sie, Mali, laufen Sie zum Herrn Mayer! Er möchte herüberkommen. Ich laß' ihn bitten, aber gleich! – Erbärmlicher Wicht! Aber mein Schwiegersohn wirst Du doch! Wir verzichten nicht auf dieses ungeheure Glück!

(Gusti kommt hereingestürzt.)


Gusti

(mit Hut und Schirm, erschrocken.) Was giebt's denn? Alle Parteien laufen zusammen!


Frau von Hoff.

Die Schande! Die Schande!


Der alte Grobinger.

Ein Skandal!


von Hoff.

So macht doch das Fenster zu, Kruzifix noch einmal!


Gusti

(schließt das Fenster.) Der Herr Prix hört alles hinüber, da kommt er schon, mein Gott!


von Hoff.

Nun ein Ende gemacht! Wo ist denn die Stephanie, zum Teufel!

(Stephanie kommt von links.)


von Hoff

(führt sie Richard zu). Da, sie gehört Ihnen!




Richard.

(zu seinem Vater, ihm den dargereichten Hut aus der Hand reißend). Wie hast Du recht! wie hast Du recht!


Stephanie.

Papa, ich flehe Dich an!


von Hoff.

Was kostet die Geschichte? (wirft sein Portfeuille dem alten Grobinger vor die Füße). Da! Ich zahle baar! Mit meinem Herzblut zahle ich!


Stephanie.

Papa, ich beschwöre Dich, laß ihn laufen!


Frau von Hoff.

Ja, Leopold, hast Du dieser Heirat Dich und die Deinen geopfert, so kannst Du jetzt auch diese Heirat opfern!


Richard

(zu Hoff, im Tone des Getränkten). Entscheiden Sie sich! Bitte nur zu befehlen!


von Hoff.

(ballt die Fäuste gegen ihn). Ich bring Dich um!


Der alte Grobinger.

Nun, das war deutlich.


Richard.

Was? Sie wären wirklich im Stande –? Aber merken Sie sich, es ist nicht meine Schuld. Daß es nachher nicht heißt – Ich bin kein Schurke!


Der alte Grobinger.

Dann geh'!


Richard.

Nein, wie mir zu Mut ist – Herrgott! Nein, wie peinlich, wie furchtbar! So da zu stehn! Ein Mensch, wie ich! Ah, wenn ich jetzt ein Schurke wär', tauscht' ich mit keinem König! (geht).

(Frau Grobinger kommt von links, sie bringt den Handkoffer).


Der alte Grobinger.

(nimmt ihn). Na endlich! Komm! Wir treten von der Heirat zurück! Der Richard ist bereits zurückgetreten. Schnell! (schiebt sie zur Thür' hinaus und will ihr folgen).


von Hoff.

Halt! (Der alte Grobinger bleibt stehen). So entwischst Du mir nicht! Warum nicht gar! (auf die Thüre weisend). Hinaus!


Der alte Grobinger.

Schämen Sie sich! (ab).


von Hoff

(streckt sich, aus froher Brust).

Ah, wie athme ich auf! Vergelts Gott tausendmal! Dir, Kerl, dank' ich den glücklichsten Moment meines Lebens!


Gusti.

Siehst Du, Papa, das hättest Du schon längst thun sollen!


von Hoff

(hebt sein Portefeuille vom Boden auf).

Aber was willst Du? Man ist auf den Kopf gefallen. Was kümmern mich die Leute? Ich pfeif' auf die Welt? Ich werde doch meine Tochter keinem solchen Schurken geben? Das fällt mir ja nicht im Traume ein!

(Inzwischen ist Dämmerung eingetreten. Mali bringt die angezündete Lampe und steckt sie in das Hängegestell. Rechts vorn steht Gusti. Links am Tischchen sitzt Stephanie und hat die Hände vor das Gesicht geschlagen. Frau von Hoff ist über sie gebeugt. Mali entfernt sich wieder).


von Hoff.

Ja, wein' nur! Ja schaut nur! Jetzt werden andere Saiten aufgezogen! Ich geh' vor Allen! Ich bin die erste Person! Was ich will, geschieht! Und nun genug! Essen will ich Himmel-Sakrament!


Frau von Hoff

(entfernt schnell den Kranz. Zu Gusti, ängstlich). Deck' auf! Schnell, schnell!


Gusti

(thut es eiligst).


von Hoff.

Und die Leute sollen sich scheeren! Ja, die lieben Wiener – ein neugieriges Pack! (öffnet die Außenthür, man sieht auf dem erleuchteten Gange Leute stehen). Was suchen Sie hier? Was wünschen Sie?(bemerk Prix). Ah, Sie sind's, Herr Prix? Kommen Sie nur herein! (läßt ihn eintreten und schließt die Thüre).


Prix.

Pardon, Herr Oberfinanzrath, aber ich bin wirklich erschrocken –


Frau von Hoff.

Aber, Herzl, wie deckst Du auf? Für eine Person zu viel!


von Hoff.

Laß' nur. Der Herr Prix wird mit uns essen. Und wenn sich auch mein Herr Schwager im Ministerium auf den Kopf stellt –


Prix.

Wirklich, Herr Oberfinanzrath, Sie erlauben?

(Mali bringt das Essen).


Mali.

Der Herr Mayer ist da. (ab durch die Tapetenthür).


Frau von Hoff.

Stephanie, ums Himmelswillen!


von Hoff

(öffnet die Mittelthür). Hab' die Ehre, Herr Mayer! Das ist schön! Nur hätten Sie etwas früher kommen sollen. Sie haben etwas versäumt. Noch ein Couvert! Der Herr Mayer bleibt auch da! Setzten Sie sich, Herr Mayer.

(Alles setzt sich rasch. Stellung:)


                                             von Hoff


                         Stephanie                         Gusti


                         Mayer                              Prix


                                         Frau von Hoff



Mayer.

Aber, wie komm' ich zu dieser Ehre?

von Hoff.

Gehen S', Sie sind mehr als ich! Sagen Sie führen Sie Hummer?

Mayer.

Versteht sich, ganz frischen.

von Hoff.

Caviar auch?

Mayer.

Das ist ja ein Spezialität von mir.

von Hoff.

Wirklich? Und sage Sie nur, lieber Herr Mayer, dieser grüne Käse, den ich früher so gern gegessen, der Gorgonzola existirt auch noch?

Mayer.

Ich bezieh' ihn sogar direkt.

von Hoff.

(drückt ihm die Hand). Wir wollen gute Freunde bleiben. Ich hab' seit sieben Jahren nichts gegessen! (zu Stephanie). Ja, mein Kind, für eine Wurst geb' ich Dich hin!

Frau von Hoff.

So iß doch jetzt! Geh' Leopold, nimm Dir!

von Hoff

(erschöpft). Gleich, gleich, bedient euch nur. Was ist denn das, Herr Prix? Sie essen ja nichts.

Prix.

Danke, Herr Oberfinanzrath! Ich bin ja so glücklich! Ich kann gar nicht essen.

von Hoff.

Was können Sie denn? (legt Gustis Hand in die seine). Da nehmen Sie sie! Ich hab' heut' die Spendirhosen an.

Prix

(springt auf). Herr Oberfinanzrath, ist's wahr?

von Hoff.

Aber noch nicht Hopp geschrien!! – Wie steht's mit Ihrem Keller, Herr Weinhändler? Ich gebe viel auf gute Weine. Ja, man verändert sich, mein Lieber! Führen Sie Burgunder?



Prix.

(lachend). Vom besten Jahrgang!


von Hoff.

Auch alten Bordeaux? Denn meine Gesundheit ist angegriffen.


Prix.

Von der beliebtesten Marke! Fräulein Gusti, ach, wie bin ich froh!


von Hoff.

Und ich erst! Führen Sie Rheinwein? Tokayer?


Prix.

Von allem, vom Besten!


von Hoff.

Mein lieber Schwiegersohn! – Amalie sind wir nicht glückliche Eltern? Wir sind unsere Kinder los! (sich am Kopf fassend). Kinder! Kinder!

(Alles erhebt sich).


Gusti.

(in die Hände klatschend). Bravo, Papa, bravo!


Prix und Mayer

(stimmen glücklich lachend mit ein, während der Vorhang fällt). Bravo, Herr von Hoff, bravo!



Ende.