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Juliane Déry – Sonnen-Sehnsucht

Märchen

Aus: Jugend, Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 1. Jahrgang, Nr. 10, 7. März 1896, S. 150 ff..



Ihr Vater war der reichste König, ganz Indien gehörte ihm vom Himalaya bis zum Ganges, von China bis nach Persien. Ein Himmel wie aus tausend Sonnen wölbte sich darüber hin, und himmlisch schön war auch die Erde in ihrer Unerschöpflichkeit. Urwälder von Riesenkakteen blühten da und Palmen, ein jedes Blatt wie eine Ruhematte, mit zentnerschweren Fruchttrauben und mächtigen Kronen, die sich im Windhauch leise bewegten. Und welch' berauschend schöne Bilder boten sich dem Auge dar! Das Meer mit seinen stolzbewimpelten Schiffen, das bunte Panorama in den Häfen und die herrlichen Städte an den Ufern der Flüsse mit wasserdurchrauschten Gärten und säulengetragenen Pagoden, wo die Götter mit vergoldeten Bäuchen sassen, ganz wundervolle Kuppelbauten.

Doch noch viel herrlicher war der Palast des Königs. Das Dach aus Gold, die Wände aus Marmor, und Rubin und Demant zierten Waffen und Geräthe. Eine Treppe führte zum Meer hinab, ein Wunder von einer Treppe. Die Stufen aus weissem Alabaster – und gar die Terrasse! Eine solche Mosaik gab's auf der ganzen Welt nicht, aus Amethyst und Saphir, ganz unbeschreiblich!

Den schönsten Flügel bewohnte die Prinzessin. Ueberall Trophäen goldfrohen Reichthums. Aufgehäuft waren die Schätze. Das Auge war geblendet, so sinnverwirrend war der Juwelenglanz. Der hereinstrahlende Sonnenschein wurde mit goldenen Filtern gefiltert. Sklaven lungerten umher und hohe Minister beugten sich vor der Königstochter bis zur Erde und harrten der Befehle ihrer königlichen Hoheit. Der König trug sein Kind auf Händen und auf Aller Lippen schwebte es wie ein Gebet: »O schöne Gül-Bejase!«

In golddurchwirkte Seide war ihr Leib gehüllt und Perlen und Geschmeide schmückten Hals und Arme. Ihre Haut war wie warmes Gold. So ruhte sie auf schwellenden Kissen. Für den Demant allein, der auf ihrem Pantoffel glänzte, konnte man halb Asien kaufen. Träumend lag sie in ihren Gemächern, die Ambraduft entströmten oder Sklavinnen trugen sie in goldenen Sänften dahin und fächelten sie mit grossen Palmwedeln. Doch am liebsten lustwandelte sie in ihren Gärten.

Smaragdfarbene Bäche schlängelten sich zwischen bunten Blüthenbüschen hin. Umflammt von der Sonne, schien Alles hier zu brennen. Die Farben waren wie Feuer. Springbrunnen plätscherten, Milliarden goldener Wasserperlen zerstoben in funkelnden Staub. Und die süssen Duftwolken, die gen Himmel stiegen! Es war traumhaft schön, ganz zauberhaft. Paradiesvögel liessen ihre lichtgoldenen Schwanzfedern niederwallen, rothe und grüne Papageien wiegten sich in den Zweigen, und tausend farbige Colibris flatterten in der Luft. Gazellen sprangen umher, und wohin das Auge fiel, sah es blühende Rosen. Schwerglühende Centifolien in fleischigen Kelchen, gross wie Mädchenköpfe, und in allen Farben: lachend roth und traurig roth wie blutiger Sammt oder glänzend weiss, so wie weisse Seide, ach, so schön, dass Gül-Bejase ganz berauscht war. Und doch sagten ihr die Rosen: »Du bist noch viel schöner!«

Was die Rosen nicht alles sagten! Sie leuchteten auf ihren schlanken Stielen und wiegten sich leise. Sie fieberten schier und dufteten so süss. Ganz betäubend dufteten sie und schienen wie betäubt. Zumal eine blassgelbe glühte ganz wunderbar. Sie glich einer verzauberten Prinzessin, und Thautropfen glänzten auf ihrem Rosenantlitz. Gül-Bejase lehnte sich an ihre zarten Wangen: »Warum bist du so blass und glühst so sehr?« fragte sie. Blass und glühend stand sie selber da und ihre Thränen flossen.

»Prinzessin, Du weinst ja!« riefen die Sklavinnen bestürzt.

»Ich weiss nicht,« sagte Gül-Bejase, »ist's Sehnsucht, ist's Erinnerung? Ich muss an etwas denken, das ich noch nie besass.« Und sie hätte sich die spitzen Dornen in's Herz stossen mögen, so traurig war sie, selbst eine einsame Rose voll von schmerzlichem Glühn.

Da schenkte ihr der König ein wunderliebes Kätzchen, damit sein Liebling wieder fröhlich werde. Das hatte ein seidenweiches Fell und Schelmenaugen. Gül-Bejase gewann es auch lieb und liess sich von ihm gern schmeicheln und kosen. So possirlich war es, dass es sogar bei ihr schlafen durfte, wenn sie Nachts in ihrem goldenen Bette lag. Selbst die Nacht hatte Sonnenathem hier, sie war viel schöner, als anderswo der schönste Tag, nur allzustrahlend, allzuglühend, dass man gar nicht schlafen konnte. Die Welt war so entzückend, man kam nicht zur Ruh'. Die Rosen dufteten so stark, die kranken Rosen. –

»Ich Arme!« seufzte Asiens reichste Königstochter.

Nun liess ihr der Vater ein neues Diadem anfertigen aus taubeneigrossen Rubinen. Das durfte sie sich auf's Haupt setzen und sich damit im Spiegel besehn, und es stand auch gar herrlich zu ihrem ebenholzschwarzen Haar. Die Sklavinnen klatschten entzückt in die Hände, doch Wunder that auch die Krone nicht, und verzagt blickte Gül-Bejase zur ewigen Sonne empor. – Einmal sass sie auf der Terrasse und starrte sehnsüchtig in's Meer hinaus, als sie ein Schiff nahen sah, wie sie noch nie eines gesehen. So ganz anders als die einheimischen Boote. Trauerfarben waren seine Segel und verwittert. Unruhig schlug es mit den schwarzen Flügeln wie ein dunkler Nachtraubvogel und als es nun im Hafen einlief, zog es die Segel nicht ein, als ob es jeden Moment wieder auffliegen wollte. Ein Mann stieg an's Land. Seine Kleidung war von fremdem Schnitt, grau und düster, wie die Segel seines Schiffs. Sieh, ein ferner Seefahrer! dachte Gül-Bejase. Doch wie staunte sie, als sie ihn die Treppe heraufkommen sah und geradewegs auf sie zu. Rasch liess sie ihren Schleier fallen, da nach Landessitte kein Mann ihr Antlitz sehen durfte, doch bemerkte sie, dass er hoch von Gestalt war und schön von Angesicht, wie seine Haut so weiss war und alles an ihm hell: Der kühne Blick, der flachsblonde Bart, der ihm über die Brust herniederwallte, und dass er trotz seines langen Bartes noch jung und, obgleich derb und schlicht, voll natürlichen Adels war. Wie gebannt schritt sie ihm entgegen.

»Wer bist Du?« fragte sie. »Ich heisse Ingunar.«

»Woher kommst Du?« Er zeigte nach Norden.

»Und was willst Du hier?«

»Die Sonne will ich sehen!«

Da schlug sie ihren Schleier zurück, als könne sie nicht anders, und er sah ihr Angesicht. Ein Ausruf des Entzückens entfuhr seinen Lippen, und geblendet von ihrer Schönheit murmelte er:

»Ich muss die Sonne haben!«

Da bäumte sich ihr königlicher Stolz.««

»Weisst Du denn, Fremdling, zu wem Du so sprichst? Ich bin die Prinzessin Gül-Bejase!« sagte sie, »bedenk' das wohl!« Und sie zeigte ihm die Schätze ihres Vaters.

Den Palast mit dem Golddach und die marmornen Hallen. Die herrlichen, mit Rubin und Demant besetzten Waffen und all die Kostbarkeiten, bei deren Anblick Einem Hören und Sagen verging. Die purpurnen Teppiche, wahre Wunder persischer Webekunst, die Krystallgefässe und all das Geschmeide aus köstlichem Elfenbein, Juwelen und prangenden Meerkorallen. Die singenden Springbrunnen, Papageien, Colibris und die glühenden Rosen. Das berückend schöne Panorama der Städte, die sich in klaren Stromwellen widerspiegelten, die wasserdurchrauschten Gärten, das ganze sonnendurchglühte Paradies, ein Entzücken für das Auge. Selbst in den Flüssen flossen Goldkörnchen mit im Sande. Die Erde konnte all den Reichthum kaum ertragen und all die Gluth und Schönheit. Doch Ingunar fasste ihre Hand und sagte: »Komm mit mir!«                        .

»Bist Du denn ein König?« fragte sie. »Nein,« sagte er stolz, »ich bin ein freier Mann«.

»Ist Dein Palast aus Marmor und Gold?«

»Aus Lehm ist meine Hütte.«

Und weiter fragte sie:

»Scheint bei Euch die Sonne auch so strahlend?«

»Nein. Eis bedeckt die Erde.«

»Eis? Was ist das?« fragte sie und dann: »Habt Ihr duftende Rosen?«

»Nur Eisblumen, duftlos und kalt. Komm!« rief er. »Willst Du?« – Da zitterte sie und bat:

»So lass mich denn Abschied nehmen vom Vater!«

»Thu' das nicht!« herrschte er und führte sie von hinnen. Schon waren sie eine Strecke weit, als Gül-Bejase lebhaft ausrief: »Mein Diadem! Die Krone hätt' ich fast vergessen!« – »Lass die Krone!« bat er.

Wieder folgte sie ihm ein Stück Weges, als sie nochmals inne hielt und flehte:

»Lass wenigstens mein Kätzchen mit mir nehmen!«

Doch er wehrte ihr auch dies. Und sie gehorchte und ging mit ihm und blickte nicht einmal zurück.

In seinen Armen trug er sie auf's Schiff, das schon ungeduldig die Segel blähte. Nun breitete es die dunkeln Schwingen aus und vorwärts ging's durch Wellen und Lüfte. Ein Albatros flog voran, der Wind war hinterdrein. Das Schiff flog, als hätt' es tausend Flügel.

Viel Tage und Nächte waren sie schon gefahren und sie wusste nicht einmal, wie seine Heimat hiess.

»Wie heisst Deine Heimat?« fragte sie.

»Spitzbergen,« sagte er.

Als sie von fern eine Küste erblickte, rief sie fröhlich:

»Das ist wohl Spitzbergen?«

»Nein, Cypern.«

Wiederum sahen sie das Gestade. Orangen- und Pinien-Haine senkten sich in's Meer hinab, und Granatäpfel glühten aus dem Dunkel.

»Aber das ist doch Spitzbergen?«

»Nein, Italien«, lautete die Antwort.

»Aber in Italien ist's schön kühl!« fand Gül-Bejase und hüllte sich fester in ihren Schleier ein, denn sie war ja an die tropische Hitze gewöhnt. Noch hatten sie nicht Gibraltar erreicht, als sie wieder fragte: »Nun aber kommt bald Spitzbergen?«

»In noch hundert Tagen,« sagte Ingunar.

Weiter flog das Schiff, ohne zu erlahmen. Der Albatros wies das Ziel. So kamen sie bis an die britischen Inseln.

»Sieh die Riesenwolke, die das Meer umspült!« rief Gül-Bejase.

»Es ist England«, sagte er, »das im Nebel liegt«.

Sie fröstelte. Von ferne grüsste die Sonne. Immer fremder ward die Welt, die Nacht lang, der Tag grau.

»Aber so grau ist's doch nicht bei Euch?« fragte sie besorgt, dass Ingunar gar nicht wusste, was er sagen sollte. Eidergänse flogen auf. Schon nahten sie der Insel Island. Seehunde lagen im Sand mit rund aufgerissenen Augen. Ob sie wohl bellen? dachte Gül-Bejase. Doch sie blieben stumm wie Fische. Nichts regte sich, als wagte nichts zu leben. Eisige Lüfte gingen.

»O wären wir schon daheim!« seufzte Gül-Bejase.

Ingunar hatte Mitleid mit ihr.

»Wollen wir umkehren, Gül-Bejase?« .

Sie fror ganz jämmerlich, dennoch rief sie:

»Ich will zu Dir, zu Dir!«

Und weiterging's durch rollende Wogen. Schneewolken hingen da über und hauchten sie an mit kaltem Todesathem.

Wo blieb der Albatros? Fort war er, verschwunden. !hm war zu kalt in diesen Regionen. Eine schlichte Möve flog vor ihnen her zwischen Gletscherfelsen. Eisklüfte bildeten Höhlen. Eisbären brüllten.

»O Ingunar!« weinte Gül-Bejase. Bart und Augenbrauen waren ihm erstarrt und hingen ihm wie Eisklumpen im Antlitz. Der Schnee fiel in Ballen. Eisriffe ragten gen Himmel, Eisriffe hingen herab. So ging's durch weisse Finsternisse.

»O wie mich friert!« schluchzte Gül-Bejase.

Ingunar hüllte sie in Pelze ein, die er bei sich hatte, sie aber klagte noch immer: »Mich friert!«

Da nahm er sie in seine Arme.

Die Möve flog davon, das Schiff war am Ziel. Unter einem Felsenvorsprung stand Ingunars Hütte. Stroh deckte das Dach. »Da sind wir!« rief er. Doch als er sie über die Schwelle trug, war sie schon halb erfroren. In einer Ecke stand ein Herd von Feldsteinen aufgebaut. Ingunar hauchte sich auf die Hände und schürte Feuer an. Allmählig erholte sich Gül-Bejase.

»Sieh die schönen Eisblumen am Fenster!« rief er, um sie zu erfreuen.

»Aber die kann man ja nicht in's Haar stecken«, meinte sie. Kein Pelz, kein Feuer konnte sie erwärmen, nur in Ingunars Armen war ihr wohl. Und er suchte sie zu trösten: »Wein' nicht, Gül-Bejase! Wenn der Frühling kommt, bring' ich Dich heim zu Deinen Rosen.«

Sie schüttelte das Haupt. »Ja, und dann sollst Du die goldene Krone wieder tragen.«

Aber sie wollte nichts wissen von Krone und Rosen. Sie war ja kein Kind mehr. Nichts wollte sie, nichts, als das nackte Leben, so lieb hatte sie ihn.

»Nur leben!« bat sie und schmiegte sich an ihn, denn es ward Nacht. Drei Monde lang währte die Nacht. Als es wieder Morgen war und Frühling und Ingunar sie fragte: »Willst Du in Dein Sonnenland zurück?« rief sie flehend: »Nein! nein!«

Es war aber auch wunderschön hier. Das Feuer brannte an ihrem Herd, das Glück in ihrem Herzen.

Vor der Hütte blühten jetzt Heidekraut und weisses Moos. Stumm war die Welt. Das Nordlicht beschien sie wie eine Ampel eine hohe Halle. Ausgelöscht war alles Leben. Ihre Herzen waren die einzig fühlenden Wesen in dieser Oede.

Sie wohnten ja am Ende der Welt, gleichsam an deren Ausgangspforte. Die verstorbenen Seelen mussten an ihrer Thür vorbei. »Komm' mit!« riefen sie. Doch Gül-Bejase wollte nicht fort, nicht einmal in den Himmel.

Sie konnte gar nicht sterben. – – –

Wie kann man mich nur verlassen? dachte die Sonne und grämte sich nach der schönen Königstochter. Und machte sich auf und folgte ihr nach, den langen, weiten Weg, bis sie endlich matt und müde ankam. Als Gül-Bejase sie herankriechen sah, erkannte sie sie kaum.

»Ach, Du bist's!« rief sie lachend.

»Ich will nur sehen,« meinte die Sonne »ob's hier gar so schön ist«. Doch es schien ihr zu gefallen, denn sie kehrte nun immer wieder, Jahr um Jahr. – So kam der Norden zur Sonne.

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Juliane Dery - Sonnen-Sehnsucht.

Juliane Dery - Sonnen-Sehnsucht.

Juliane Dery - Sonnen-Sehnsucht.

Juliane Dery - Sonnen-Sehnsucht.