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Juliane Déry – Welthochzeit

Novelle

Aus: Gesellschaft, Monatschrift für Litteratur, Kunst und Sozialpolitik, Herausgegeben von M. G. Conrad und P. Jacobowski, XV. Jahrgang, 1899, Band III, J. C. C. Bruns Verlag der Gesellschaft, Minden i. W. und Leipzig, 1899



Die Kati brachte den Kaffee.

»Ja, was haben Sie denn schon wieder, Herr Riedl? Jesses, was ist denn geschehen?« Ganz entsetzt war sie beim Anblick ihres Herrn. »Also wieder nicht geschlafen?«

Er weinte schier:

»Kein Auge zugedrückt.«

»Wie kommt denn das nur? Ist der Kaffee stark genug? Schmeckt er?« Ein besorgtes, zärtliches Lächeln ging über das breite Gesicht. »Noch ein Stückl Zucker?«

»Is schon recht.«

»Hätt' ich nur eine Ahnung gehabt! Warum haben Sie mich denn nicht gerufen?«

»Red' kein Blech daher!«

»Das muß vom Frühling kommen! Ganz gewiß! Das geht einem halt in die Säfte und dann ist's aus mit der Ruh'!«

»Ah mit Deinem Frühling!« Er stieß die geleerte Tasse auf den Tisch. »Diese Malefizstadt! Diese Nachtbummler! Diese vermaledeiten Nachtvögel! Es ist um aus der Haut zu fahren!«

»Schrecklich!«

»Ja, ihr könnt euch was einbilden auf euer München! Nein, so geht's ja nirgends zu!«

»Armer Herr Riedl! Wirklich, ganz schlecht sieht er schon aus.«

»Ruh' will ich haben! Schlafen will ich! Nur eine Nacht! Das möcht' ich noch erleben! Morgen fahr' ich aufs Land, meiner Seel'!«

»Morgen ist eh Fronleichnam.«

»Ach was morgen! Das dauert mir zu lang! Noch heut' wird gefahren. Auf und davon. Nach Starnberg, faktisch!«

»Da möcht' ich auch gleich mit! Ach, Herr Riedl, ich sag' Ihnen, ich kann auch nicht schlafen.«

Er wurde über und über rot.


* * *


Sein seliger Vater war geradeso gewesen. Wenn ein Kind zur Welt gekommen war – und fast jedes Jahr war eins zur Welt gekommen –, hatte sich der Herr Lehrer acht Tage lang nicht blicken lassen vor lauter Genieren. Als es einmal gar Zwillinge waren, hatte er sich hinter den Ofen verkrochen und mit rotem Kopfe dagesessen. Und mit rotem Kopfe hatten die Zwillinge, ein Mädchen und ein Bub, in der Wiege gelegen, als schämten sie sich auch. Der Bub war unser Riedl. Inzwischen war er ein Vierziger geworden und ein wohlbestallter Rahmenhändler, aber das rote, verschämte Kindergesicht behielt er bis heutzutage und von gewissen Dingen mochte er weder sehen noch hören. Ihm stieg das Blut zu Kopf.

Daß er z. B. beim Weggehen gleich auf ein Pärchen stieß, mußte ihn doch empören! Man konnte ja gar nicht mehr auf die Straße. Überall ein Männlein und ein Weiblein. Vor seinem Geschäft – wer stand da gerade? Eine dicke Köchin mit ihrem Soldaten. »Das könnt' mir fehlen! Bitte, meine Herrschaften, sich anderswo zu postieren!«

Zornig schloß er den Laden auf und hing die goldenen und silbernen Rahmen seufzend vor die Thür. Auch eine Existenz! Rahmen zu fabrizieren für das unmoralische Malervolk. Ja, die Herren Kunstmaler! Die verstehen's gar!

Die Luft war klar, als hätte sie nie Staub geschluckt. Der Marienplatz lag sonnenüberflutet da und noch morgendlich still. Man konnte jeden Laut hören, einen jeden Spatzen sehen. Um die Ecke bogen zwei Gestalten: ein Er und eine Sie.

Er flüchtete sich in den Laden, bis in die äußerste Ecke. Aber selbst dort hatte man keine Ruhe. Die Droschkenkutscher scherzten laut mit den vorbeigehenden Dienstmädchen. Schon in aller Herrgottsfrüh! Aber so ging es den ganzen Tag. Die Sonne schien herein, daß die Vergoldung an den Rahmen blitzte und strahlte. Vorbeihuschende Stimmen. Ein Lachen, ein Charmieren!

Eine Kundin. Ein Blondinchen, ein ganz junges Ding.

»Bitte diese Photographie einzurahmen,« und sie wird ganz rot dabei. »Aber nur ja recht schön!«

»Aber natürlich!«

»Wann wird es denn fertig? Ach bitte, recht, recht bald!«

»Wird schon! wird schon!«

Nun, das Geschäft ging ja, Gott sei Dank! Schon die dritte seit gestern, die ihren Schatz einrahmen ließ – ach ja! ach ja!

Und draußen die Tauben, die sich pickten und liebten und sich nicht einmal von den Fuhrwerken einschüchtern ließen, die sakrischen! Ein Dackel und eine Dackelin.

Er mußte hell auflachen. Über dem Platz vor dem Rathaus der lange, schwarze Kerl, wie der leibhaftige Teufel, mit hohem Zylinder, ein russiger Rauchfangkehrer. Besen und Leiter über den einen Arm und mit dem andern – sein Schätzchen umfangend. Nein, sogar der Rauchfangkehrer!

»Ich schließ' das Geschäft schon früher!« nahm er sich vor. »Was zu viel ist, ist zuviel!« Ihm wurde dumpf im Kopf, so eigentümlich. Es war schwül, und es wehte etwas in der Luft –

Gar gegen Abend, als er zum Bahnhof ging: unter allen Thoren blühten blaue Uniformen. Es wimmelte von Liebespaaren. Studenten mit avec, Maler mit Modellmädels. Wo München nur die vielen hübschen Mädels her hatte? Das konnte man schon gar nicht mehr ruhig mit ansehen. Aus den Kellereien tönte Musik. Der Abendhimmel blaute, als wollte sich eine italienische Nacht herniedersenken, und am Karlsthor sang der kleine Stiefelputzer das gewisse Lied –.


* * *


Ein Bekannter saß im Koupee, der Restaurateur Ellinger aus Tutzing, bei dem er sich nun auch beschwerte. »Nein, nein, das ist nichts für mich! Gottbewahre!«

»Sie dürfen nicht vergessen, daß München sich entwickelt,« meinte Ellinger.

»Na, ich danke! Ein Skandal! Diese Liebesrendezvous! Im Hofgarten zum Beispiel. Man muß ja eine Stunde früher kommen, sonst kriegt man keinen Platz.«

»Aus Ihnen spricht ja der Neid!« Ellinger brach in ein lautes Lachen aus, in das auch die anderen Passagiere mit einstimmten. Aber vollends, als Riedl hitzig losfuhr:

»Ja, und daß man in den Zeitungen hinten die Neugeburten ankündigt – was geht das unsereins an?« erhob sich ein so schallendes Gelächter, daß der dahinsausende Zug schier in Schwanken geriet.

»Heiraten Sie!« kam es wie aus einem Munde.

Sie fuhren in Starnberg ein.

»Also adje, Herr Riedl, gute Nacht!«

»Hoffentlich!«

Ein frisches Mailüfterl wehte ihm entgegen. In blauer Dämmerung suchte er den Weg zum Gasthof. In den Baumwipfeln rauschte es.


* * *


»Der Herr bleibt über Nacht?« fragte die bildsaubere Kellnerin, die ihm die bestellte Kalbshaxe und ein Maß Bier brachte. »Na, morgen wird's bei uns zugehen! Die Fronleichnamsprozession –«

»Aber ich möchte bald auf mein Zimmer.«

»Gleich! gleich!«

Es dauerte eine ganze Weile. Von Tisch zu Tisch flog sie mit ihrem leichten, eiligen, für alle Welt gelachten Lachen.

»Fräulein!«

»Gleich! gleich! O, Sie Schlimmer!« Das galt dem graubärtigen Forstmeister am Stammtisch, der in ihren bloßen Arm kniff.

Ha, Starnberg scheint sich auch zu entwickeln, dachte Riedl.

»Fräulein!«

Endlich ließ sie sich herbei.

»Kommt noch wer? Sie wünschen doch ein Zimmer mit zwei Betten?«

»Im Gegenteil! Ein ganz stilles Zimmer. Das stillste.«

»Nach hinten hinaus?«

»Ja, das ist eine Idee!«

»Vielleicht nach dem Garten?«

Sie traten in eine große Stube. Tisch, Stühle, ein altes Kanapee, gehäkelte Gardinen. Durch ein offenes Fenster wehte Laub herein.

»Ah, da ist's schön still! Das ist ja köstlich! Diese Ruhe!«

Das Bett war auch frisch überzogen.

»Keine Inwohner?« vergewisserte er sich.

»Gottbewahre!«

»Dann ist ja alles gut, wunderbar! Herrschaft, werd' ich da schlafen! Ich freu' mich schon darauf.«

»Soll ich das Fenster schließen?«

»Nein, wozu? Es ist ja so schön still. Und die Luft wie Balsam! Wie heißen Sie, Fräulein?«

»Resi.«

»Sie sind ein Engel, Fräulein Resi. A–h!« und er begann sich schon den Rock auszuziehen. »Aber warum lachen Sie denn in einer Tour?«

»Sie müssen aber sehr müde sein.«

»Tot bin ich.« Trotzdem fragte er noch in der Geschwindigkeit: »Wie ist denn bei euch die Prozession!«

»O großartig!«

»So? Kann man's ansehn? Rentiert sich's? Nun, dann wecken Sie mich um sieben. Pst, Fräulein Resi!« rief er ihr vorsichtshalber nach. »Klopfen Sie stark, wenn ich zu fest schlafen sollte. Wissen Sie, tüchtig klopfen!«

»Ganz recht.«

Es war ein wunderschöner Abend. Abgeschieden von der Welt und Menschheit lag der kleine Garten. Hinter den Bäumen sah man hohe Mauern, Dächer und wieder Baumwipfel. Der Mond ging auf.

»Diese Stille! Diese Stille!«

Er gewahrte noch ein zweites Fenster, in den Hof hinaus. Ein Stück Bahngleise war zwischen Hecken sichtbar und weiterhin der See. Der Wasserspiegel glänzte.

Schwalben jubelten vorbei, heim in ihr Nest.


* * *


Beim Entkleiden vernahm er ein feines Gezirpe. Eine Grille im Garten.

»O du liebes Viecherl! singst du mir ein Eijapoppaja? Nein, ist das herzig! Es geht ja doch nichts über die Natur!« und froh schlüpfte er in das feuchtfrische Bett. »Ah, wie gut!«

Zweistimmig zirpten die Grillen. – »Na, so anzustrengen braucht ihr euch doch nicht!«

Doch sie schienen sich zu vermehren wie Sand am Meere und zirpten immer lauter, immer dieselbe schrille Melodie.

»Die machen sich da, scheint's, Liebeserklärungen, na, sowas!« Er legte sich auf die andere Seite.

Nach einer Weile klappten ihm die Augen wieder auf. »Was war denn das?«

In den Chorus der Grillen mischte sich jetzt ein breiter Ton: Quak! quak! quak! mit wunderbarer Akustik durchs Fenster hereinschauend, laut und lauter, hundertstimmig und so recht wie aus vereinter Kraft.

»Eine Froschliedertafel, meiner Seel.« Alles in ihm drängte sich nach Schlaf. Allein das Gequake! Eigentlich ein Geklapper wie von tausend Ratschen, hell und heller, schrill und schriller, zuletzt ganz atemlos, in rasendstem Allegro, so leidenschaftlich und gefühlvoll –

»Kruzifix noch einmal!«

Über den Wettgesang der Grillen und der Frösche schlug fernes Hundegebell an sein Ohr.

Der Mond schüttete seinen Glanz über Bäume und Rasen. Der Garten glich einem hell­erleuchteten Konzertsaal. Grillen und Frösche arbeiteten unsichtbar drauf los. Ein Chor antwortete dem anderen und dazwischen das Hundegekläff, das näher und näher kam. Trug es der Wind herbei, der vom See herüberschlug?

»Nun fangen die Kanaillen von Nachbars­hunden auch noch an!«

Erst vereinzelt, dann von allen Seiten. Einer besonders hatte einen heiseren Ton. Manchmal schien es still zu werden, dann hob wieder einer an, ein zweiter sekundierte und bald ertönte es in der Runde zugleich aus allen Hundekehlen. Es hatte ja nichts Unharmonisches und paßte herrlich in die Mondscheinstimmung, aber –

»Schon gut! schon gut! jetzt ist Nacht, meine Herrschaften, jetzt wird geschlafen!«

Es kläffte fort und fort, kläglich, wütend, in allen Variationen.

»Ach ja!« seufzte er wie angesteckt: »So kommt man in die Jahre, und was hat man davon gehabt? Nichts von hinten und nichts von vorn!«

Ein Täuber gurrte: Gru! gru!

»So einschichtig zu leben, so allein . . . .«

Die Spatzen piepten im Traum.

»O, ihr verfluchten Schwätzer! Aber die Kati ist gar kein so übles Frauenzimmer. Und dick wird die Person.«

Er stand auf und sah in den Garten hinaus. Fledermäuse huschten durch die Luft. Die Bäume schüttelten sich in Wind und Mondschein. Ein Erdgeruch und Blumenduft! Alles schoß ins Kraut. Pfingstrosen blühten unter dem Fenster, große, volle, im Mondschein schimmernd. Zwei saßen auf einem Stengel.

Er kroch wieder ins Bett. Aber das Schwirren der Käfer, das Rumoren der Mäuse – als wäre der Teufel los.

Was war denn das für ein Gebläse?

»Igel! Naja! Wartet, Mistviecher, ich komm' euch! Was macht ihr da für verdächtige Sachen?«

Wieder ein Fauchen.

»Verflixte Kerle!« – –

Eine Katze miaute.

»Die Katzen! Das sind die Richtigen! Und dann laufen einem die kleinen Katzerln zwischen den Beinen –«

Er that einen Hopser vor Schreck.

Ein Käuzchen rief fern vom See her. Nachts hat man ja ein so feines Gehör. Sogar das Rauschen der Wellen vernahm er und den Wind in den Zweigen.

Ein schauerliches Miauen.

»Die Kerle sind ja von von einer Schamlosigkeit!« Ihm wurde so zornig sehnsüchtig. Dazu das heiße Bett, die kalte Nachtluft!

Vibrierende Flötentöne.

Schnell das Fenster zu!

Aber durch die Scheiben, durch Wände und Ritzen drangen die Klänge herein, weich und üppig. Die Nacht schien voll davon.

»Himmel Sakrament!«

Nein, nie hätte er geglaubt, daß die Nachtigall ein so fürchterliches Tier sei; geradezu lebensgefährlich. Sie warf mit den Trillern nur so herum. Es gab ihm jedesmal einen Riß.

»Maul halten!«

Eine solche Stimmenfülle war ja noch nicht da! Man glaubte unter freiem Himmel zu sein. Und immer gab sie eine neue Nummer zu.

»Nun aber Schluß, vermaledeiter Brüllaffe!«

Ein schmetterndes Schluchzen und Jauchzen.

Da wieder ein süßzitternder, langer Ton. – Er fiel schwer in die Kissen. »Sakra –!« Er konnte nicht einmal mehr fluchen.

Und es schlug zwei Uhr und es schlug drei Uhr.

Das Bett knarrte. Hier war ja alles musikalisch. Er fühlte sich nicht mehr. Wahrhaftig, er schlief. Nur das Ohr wachte und jeder Nerv –

Ein Mövenschrei.

Unten an der Landungsbrücke ertönte die Schiffsglocke. Das Dampfboot rüstete sich zu seiner ersten Morgenfahrt.

Auch im Hause wurde es rege. Thüren gingen. Schritte hallten. Im Hofe erhob sich ein Glucksen und ein Quackern. Man hörte Enten schnattern und mit den Flügeln schlagen.

Plötzlich ein furchtbares Gedonner.

Bum! Der erste Böllerschuß der festlichen Kanonade!

Er flog nur so aus dem Bett. Zugleich erschollen Glockenklänge, weihevoll, jauchzend.

Bum! dröhnte es. Bum! Bum! umsauste es ihn. Da stand er im Kugelregen, wie im vollen Feuer, als es an der Thür pochte und eine volle Stimme rief:

»Aufstehen! Die Prozession! Nicht verschlafen!«

Er fuhr in die Kleider und lief zur Wirtin hinunter.

»Was kostet die Geschichte?«

Sie erschrak bei seinem Anblick. Er aber warf das Geld hin und schrie:

»Wann fährt der Zug nach München?« und stürzte hinaus in Sonnenschein, Weihrauch und Glockengeläute.


* * *


Die Kati wunderte sich nicht wenig: ihr Herr schon so früh zurück, und in welchem Zustand! Bis in die Küche stieg er ihr nach, nahm sie um die Taille, und Dinge hat er ihr gesagt!

»Kati,« hat er ihr gesagt, »dicke Trutzschl, magst mich, ja? Geh', schau', man muß ja mit den Wölfen heulen.«