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Juliane Déry – Der Wind liegt schlecht

Skizze

Aus: Jugend, Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben, 4. Jahrgang, Nr. 48, 29. April 1899, S. 286 f.



Die nachstehende Skizze hat die am 31. März Nachts verstorbene unglückliche Schriftstellerin unmittelbar vor ihrem tragischen Ende an uns abgeschickt mit einer begleitenden Karte, die ebenso wie die Manuscriptsendung den Poststempel Berlin, 1. April 4-5 Uhr vormittags trägt. In hastigen unregelmäßigen Zügen enthält die Karte das Folgende: Wollen Sie vielleicht meine letzte kleine Arbeit bringen? Ich hatte gar keine Zeit mehr, sie in's Reine zu schreiben, Lassen Sie das besorgen, – bitte!

»Redaktion der Jugend«




»Ist das Mondlicht oder Tagesschimmer?« fragte der kleine Herr. Ein so strahlendes Zwielicht herrschte, als sie das Boot flott machten. Der Wind pfiff, es war kalt.

Er wollte sich einen Plaid um die Knie wickeln, doch der flatterte, kaum konnte er ihn falten. Er lehnte sich an den Mast und schlief ein.

Als er die Augen aufschlug, umfing ihn eine schier schwindelnde Helle. Das Boot hob und senkte sich wellauf, wellab, das Wasser wogte, und droben schimmernde starre Riesenflächen wie aus Marmor. Dazwischen ein luftiger, kaltgleißender Türkis. Im Hafen lagen Kriegsschiffe, eine ganze Flotte. Ferne Dünengipfel grünten. Man sah alles wie durch ein Vergrößerungsglas. Ueber dem Wasser erhob sich eine bläuliche Wand.

Der eine Seehundsjäger, der am Steuer saß, machte große verträumte Augen. Sein schwarzer Bart wehte. Der andere kauerte an der Schiffsspitze.

Die Wolken bekamen leuchtende Ränder. Die blaue Wand schien sich zu bewegen. Eine Welt von Licht und Wind.

»Wie viel Uhr ist's?« fragte der kleine Herr.

»Vier Uhr«, sagte der an der Schiffsspitze und schob seinen Kinnbart in die Höhe.

Ein Lichtstreif zuckte hinter der blauen Wand auf.

Der Schwarzbärtige starrte hin.

Als brannte es hinter der Wand. Sie glühte, barst, der blitzende Streif wuchs zum hellen Gluthschein.

Die Segel flatterten. Der Wind riß dran.

Am Horizont schimmerte es, wie wenn ein goldiger Strand sich zeigte.

Schneeweiße flockige Wolken und massive, zartfarbige, wie durchsichtiges Eis.

Die Sonne funkelte thauend, blendend.

Der Schwarzbärtige starrte nur so: nur ein weichflüssiger Flammenball, nur eine glatte, glitzernde Scheibe, eine spritzende, lachende Gluth.

»Back fock Herr!« Sie mußten die Segel einziehen.

Die Luft flackerte. Zwischen Himmel und Meer war es wie illuminirt, alles strahlte.

»Sind das Enten?«

»Ja, zwei Stück.«

In der Ferne blitzten die Kriegsschiffe, weiß, zündend, sie funkelten.

Der kleine Herr freute sich.

»Dort liegt ja die ›Grille‹?«

»Hm.«

»Und die Torpedoboote! Sehen Sie?«

Die Wolken flammten. Bären mit schillerndem Fell und brennende, fliegende Gestalten.

Er fröstelte.

»Kein guter Jagdwind, wie?«

Zuckende Strahlenfäden nach allen Seiten hin, fein, scharf, stechend. Und die Kriegsschiffe – wie schneeiges Feuer.

Eine Möve durchschnitt heiß strahlend die Luft, ein goldener Vogel.

Und wieder Bären, Ungethüme und schlanke Leiber mit goldenem Busen und flammendem Haar.

Die Küste ergleißte.

»Seit wann ist denn die holländische Küste so nah?«

Flimmernder Dunst, ein Brilliren.

Ein Schwarm Austernstecher, die sich über die Wellen niederließen und verschwanden.

Aus Wolkenlöchern Strahlenschauer.

»Und der Wind steift sich immer mehr!« schimpfte der Kinnbärtige.

Eine weißglitzernde Sonnenstraße, wo das Boot dahinglitt, Milliarden tanzender, demantener Perlen.

Vergoldete Fluthen, leuchtender Schaum.

Ein prasselnder Sonnenstrahlenfall in's Meer hinab, Guß auf Guß, eine rinnende Sonnensäule.

Der Mast bog sich.

»Ein Hundewetter!« fluchte der Kinnbärtige.

Auf jeder Wellenspitze Feuergefunkel, zuckende, wirr strahlende Sonnensplitter.

Plötzlich ein Streifen stiller, silberner Himmel und ein silbernes Meer. Lila Ströme wogen drein, ein Silber, ein Lila, ein Silber, ein Lila –

Ein Riesenadler, der seine Fittige ausbreitet, lichtseidene Schwingen von einem Himmelsende bis zum andern.

Eine weißhelle Sandfläche, von bewegten, athmenden Wogenhügeln getragen.

Wellenrauschen, ein Geplätscher.

 »Dort liegen ja die Schweinehunde,« sagte der Kinnbärtige.

Der kleine Herr nahm sein Opernglas.

»Fünf Stück.«

»Sieben.«

»Acht Stück.« zählten sie.

Windesgeheul.

Der Adler hatte einen Flügel verloren.


* * *


Sie lagen auf der Sandbank und kochten sich Kaffee. Die Dornkaatflasche ging von Hand zu Hand.

Die kleine Sandinsel erschien noch ziemlich ferne. Die Wellen plätscherten.

»Wo sind wir?« fragte der kleine Herr, »wie heißt die Bank?«

»Evermanns Gat.«

Er prüfte den Wasserstand. Immer wieder steckte er die Schiffsstake ins Wasser. Die Sonne stand schon hoch.

»Nanu?«

»Das Wasser fällt nicht«, hieß es, »der starke Nordost läßt das Wasser nicht fallen.«

»Ich glaube nicht, daß Sie zum Schusse kommen, der Wind liegt auf der Bank.«

Und wieder: »Der Wind liegt schlecht.«

»Wollen Sie nicht laden?« fragte der Schwarzbärtige. Er sah aus wie der fliegende Holländer.

»Machen wir.« Der kleine Herr zog Schuh und Strümpfe aus und stülpte sein Beinkleid hoch. Er lachte. »Die kleinen können Sie sich behalten, die fetten nehme ich.«

Die Beiden sagten sich etwas auf friesisch. Er zog sich die funkelnagelneue steife Wachsmütze über die Ohren mit einer Miene: Chic, wie? Seinen gelben Ueberzieher behielt er an. Nun noch die Flinte umgeschultert.

»Also los?«

»Los!«

Sie sprangen in's Wasser, um hinüber zu waten. Der Kinnbärtige blieb im Boot.

Ihre Gestalten widerspiegelten sich auf dem nassen Sandboden. Der kleine Herr hüpfte vor Aufregung. Der andere trug die hohe Robbenstange. Rings das schimmernde Meer. Die Sonne verschwand, vor ihnen die glatte weißliche Fläche. Auf den Zehen liefen sie wie auf einer geschliffenen Platte, von Luft getragen. Das Boot lag schon weit hinter ihnen. Wolkenbänke auf Wolkenbänke. Nur hie und da eine fliegende Möve. So still, so hoch, so blank war die Welt, nur Himmel weit und breit.

»Ich seh' nur sechs.«

»Wo sind die andern?« flüsterten sie. »Das Ufer scheint steil.«

Der Wind wirbelte auf, die Luft verfinsterte sich, über ihnen hing nur noch eine graue Regenwolke.

»Der eine hebt den Hals hoch, der hat uns weg.«

»Ist schon im Wasser.«

»Die andern ihm nach!«

»Verflucht!«

»Dort links liegt noch einer.«

Bum! Der kleine Herr feuerte. Mit krachendem Geplätscher verschwand der Seehund in den Wellen.

Sie kamen bis an den Uferrand.

Sie legten sich auf den Bauch und bewegten Arme, Schenkel und Beine, so ernst und feierlich, wie ganz närrisch. Es regnete. Der Flugsand ging ihnen in die Augen, ihre Gesichter brannten, nasser Sand klebte dran. Kein Seehund war zu sehen. Nur Seeschwalben, die über das bewegte Wasser flogen. Sie erhoben sich und suchten nach Spuren im Sand.

»Hat er was abgekriegt? – Sehen Sie Thran?«

Nichts war zu sehen. Das Meer war schon im Steigen. Sie kehrten ins Boot zurück.

Lange mußten sie warten. Endlich hatten sie Fahrwasser.


* * *


Das Schiff flog, die Sonne schien, der Wind johlte, und Wellen spritzten bis an die Mastspitze, als wäre die Sonne in sie gefahren.

»O du Racker!« Spritzt Einem mitten ins Gesicht, von hinten in den Nacken hinein, klatschend, lachend. »Eine Frechheit!« Ein eisiger Guß, sprühend, scharf. »Das war eine giftige.« Eine schallende Wasserohrfeige. »War nicht von schlechten Eltern.«

Die Männer fluchten und lachten. Der kleine Herr saß wie in einer Lake. Die Taschen seines Wachsmantels standen weg, so voll Wasser waren sie. Das sprang und spie und plätscherte und strahlte.

Sie huschten nur so hin. Nasse Segel, herrlicher Sonnenbrand und der Wind!

Schon sahen sie den Hafen. Dunkel lagen die Kriegsschiffe da, wie müdes Gelb. Auf der Schiffsbrücke stand ein dichter Haufen Herren, Damen und Kinder. Der Emdener Dampfer legte an. Wehender Rauch, das helle Gebimmel der Schiffsglocke, hallende Stimmen. Eine kleine Gruppe blickte nach dem Boote hin und grüßte den kleinen Herrn, man winkte und lachte. – Dem war gar nicht recht behaglich. Bis auf die Haut durchnäßt und so ohne Beute!

»Wenn wenigstens die Sonne schöner aufgegangen wäre!« klagte er.

Der Schwarzbärtige fuhr auf: »Was, noch schöner?«

»Erlauben Sie, die vielen Wolken! Nein, nein, das war kein – richtiger Sonnenaufgang.« 



Juliane Déry – Der Wind liegt
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