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Luise Deusch – Gedichte

Gedichte

Verlag von J. F. Steinkopf, Stuttgart, 1909



Mein Gebet

 

Meine Seele sei in deinen Händen,

Daß ein wirrer Traum ihr schade nie;

Bricht sie aus der Enge dumpfen Wänden,

Du Allmächtiger, du liebe sie.

 

Und ihr hoffnungsgroßes Auge mache

Tiefer noch für deines Schönen Reich;

Ihrer Lippe allbewegte Sprache,

Lautres Tönen schenke ihr zugleich.

 

Gabst du das Ersehnte mir, zu sagen,

Das mit mir in tausend Seelen schwingt,

Werde meine, Herr, zu dir getragen,

Dem das höchste sie der Lieder singt.

 

Lass’ mich nie vergessen, daß ich tauche

Meine Stirn in deine Quelle ein,

Bis zu meinem letzten Erdenhauche

Lasse eine Priesterin mich sein.

 

Was ich still und offen soll erfahren

Und mit Lieb und Leid vorübergeht —

Einzig, Herr des Reinen und des Wahren,

Um mein Lied nur ist mein tiefst Gebet!

 




Vorfrühling

 

Linde gestrichen

Kommt südliche Luft.

Schatten entwichen

Verwandelt in Duft,

Im keimenden Walde

Erwacht der Born,

Schon treibt an der Halde

Der Schlehendorn.

Raunendes Rinnen

In Au und Hag,

Silbriges Spinnen:

Vorfrühlingstag!

 

Schneetau befeuchtet

Schollen mit Glast,

Im Buschwerk leuchtet

Der Seidelbast,

Durch ros’ge Ruten

Erwartung bebt,

Auf Goldlichtfluten

Der Lenzgeist schwebt.

In alle Runde

Beflügelt trag’

Voraus die Kunde:

Vorfrühlingstag!

 

Wecke das Schaffen

Nahe und weit,

Güldene Waffen

Halte bereit,

Für deines Fürsten

Siegreiche Tat,

Siehe wir dürsten,

Bis daß er naht!

Jedem am Pfade

Die Losung sag’:

Ostern und Gnade,

Vorfrühlingstag!

 




Nicht fragen

 

Frage mich nicht, woran ich gedacht,

Dachte, was einst ich besessen;

Frage auch nicht, warum ich gelacht,

Lachte, und kann nicht vergessen.

 

Wolle nur stumm mir vorübergehn,

Gehen, und niemals mich fragen,

Denn es gibt Wunden und es gibt Weh’n,

Die kein Berühren ertragen.

 

Erst wenn das Stürmen zur Ruhe ging,

Ebben die Stimmen der Schmerzen;

Erst in die Stille — dann, wenn ich sing’,

Sing ich aus reinerem Herzen.

 




Am Meer

 

Dich grüß ich am Morgen, einziges Meer,

Dich grüß ich am Abende draußen!

Dein unermeßliches Wogenheer,

Ergriffen hör ich es brausen;

Du bist mir ein leuchtender Gottestraum,

Davor wir in Andacht stehen,

Und ich bin nur eine Flocke Schaum

Und müßte zitternd vergehen.

 

Nicht satt kann ich werden von Tag zu Tag

An diesem Kommen und Fliehen;

Das ist wie gewaltiger Herzensschlag,

Tiefst schöpfendes Atemziehen;

Es wohnet ein rastlos wirkender Geist

In deinen wandernden Wogen,

Diese Welle vor mir hat die Erde umkreist, —

Wird morgen zur Sonne gezogen.

 

Und so groß du auch bist, doch kannst du nicht

Das lauschende Herz mir erfüllen,

Das sucht noch ein anderes Angesicht

Und dringt in die ewigen Hüllen;

Von dem du mit herrschender Stimme singst,

Sein bin ich in Demut und Schauer,

Weil du, o Meer, die Kunde mir bringst

Von Gottes Dasein und Dauer.




Im Hochgebirge

 

Hier rast’ ich, o Mutter, und staune dich an,

Erschüttert von deiner Größe,

Dann treibt es mich wieder stürmisch voran,

Bis völlig dein Arm mich umschlösse;

Dein Lächeln verleugnet den tückischen Firn,

Deiner Stimme Lawinendröhnen,

Berückend weißt du die fürstliche Stirn

Mit furchtbaren Zacken zu krönen.

 

Ich werfe mich nieder, wo mich umfängt

Das Grün der verschwend’rischen Matten,

Und will, von keinem Grauen beengt,

An Düften und Blüten mich satten.

Da horch! herüber der Firnwind pfeift,

Aufschrecken mich Adlerschreie, —

Mein brustzersprengend Verlangen greift

Hinauf in die selige Bläue.

 

Bald steh ich, vergessend der Erde Rest,

Vom Staube der Ebne gereinigt,

Begehend unsagbar heiliges Fest,

Dem schaffenden Wesen vereinigt,

Und möchte zugleich vom äußersten Hang

Die Arme als Flügel entbreiten,

Erhoben von mächtig tragendem Drang

Durcheilen Unendlichkeiten!




Vor Beethovens Bildnis

 

Welch Meisterwerk entringt sich seinem Bande?

Wenn deine herben Züge ich betrachte,

Gemahnt mich’s an den Fels im Wüstenbrande,

Den der Prophet zum Heereslabsal machte,

An einen Löwen, der in Gitterkammer

Noch König bleibt. Mit einem Mut wie Eisen

Entwandest du dem Schicksal seinen Hammer,

Gewaltig ihn zum Schlüssel umzuschweißen,

Der dir erschloß der hohen Götter Säle,

Wo klarste Bronnen wundertönend quellen

Und deines Geistes dürstende Kanäle

Von unmeßbaren Fluten überschwellen.

Drum brüte nicht, ob dich dein Schöpfer kränkte,

Der deiner Sinne einen weggerufen,

Daß ungestörter ihn die Weihe tränkte,

Die ausgeflossen von der Allmacht Stufen.

 




Die Zeder

 

Im Abendlande steht ein Zedernbaum;

Den Königssproß vom Libanon

Entführte einst ein Frankensohn

Und sprach: Nun wurzle mir in neuem Raum!

 

Doch kein Gefährte grünet trostreich dort,

Den Wipfel schwingt ein fremder Wind,

Wohl einmal spricht ein sinnig Kind:

Dich möcht ich sehn an deinem Jugendort!

 

Oft steigen auf und nieder Bilder hell,

Er schaut des Hermon-Frühlings Blühn,

Im Haine rastend Reiter kühn,

Und Pilger an des Jordans Silberquell.

 

Dem Fürstenhaupte fern am Wolkensaum

Neigt sich der Zedernbaum gen Ost —

Da weckte ihn der Fremde Frost,

Tief schmerzt das Mark — fahr wohl, du Heimatstraum!

 




Mädchenlied

 

Ob ich dieselbe wie gestern noch bin,

Spähend auf goldene Straßen hinaus?

Seltsames, Neues bewegt mir den Sinn,

Fremd den Gespielen, ja fremde dem Haus.

 

Suche mein Bild ich im Wassergerinn,

Gehe ich weiter auf sonnigem Plan:

Leuchtet mir lockend ein andres darin,

Glaub ich, es rede mein Schatten mich an.

 

Gestern auf totem Feld noch gegangen,

Wähnt ich mich bis in die Seele allein;

Heute von Blütenweben umfangen,

Küssend durchs Auge ins Herz mich hinein!

 

Anders geworden bin ich seit gestern,

Fühle die Tiefe der menschlichen Brust, —

Möchte umhalsen die arglosen Schwestern:

Ist denn auch euch solches Wunder bewußt?

 




Brautgruß

 

Liebst du die Zeit, die an des Winters Schwelle

Noch einmal schäumend uns den Becher füllt,

In der dem Lebensborn die volle Welle

Im alten Reichtum noch einmal entquillt?

Liebst du die Zeit, die, eh’ so schnell sie scheidet,

Nur um so kräftiger zu leben ringt,

In feur’gem Reiz durch Berg und Tale zieht,

Den Wald mitprunken dem Gewande kleidet —

Dann wieder lauscht, wie in den Kronen singt

Der Sturm sein allgewaltig, brausend Lied?

 

*

 

Liebst du die Zeit, die noch mit mildem Hauche

Erträumen läßt des Lenzes Blütenguß,

Wenn schon die letzte Rose dort am Strauche

Trinkt dürstend jeden flücht’gen Sonnenkuß?

Vom Jahreskranz das Edelste und Beste

Der Herbst vereint in goldner Schale beut;

Die Gabe, duftdurchhaucht und sonngeglüht,

Sie sei das Sinnbild heut zu deinem Feste!

Wie blüht und klinget doch zu dieser Zeit

Der Liebe wunderbares, hohes Lied!

 

*

 

Doch nicht wie hier, wo nur in kurzer Spanne

Des Lebens Fülle sich zusammendrängt,

Für immer weile du im sel’gen Banne

Des Zaubers, der dich heute hold umfängt!

Es will des Himmels Güte dir gewähren

Das Höchste, was ein Erdendasein krönt; —

Wenn feucht dein Aug’ zum Sternenwagen sieht

Erlauschest du im leisen Sang der Sphären

Dieselbe Weise, die auch dich durchtönt:

Der Liebe heiliges, urew’ges Lied!

 




Am Morgen

 

Wie schläft es ruhig sich und fest,

Wenn man sich in den Schlaf geweint,

Und uns ein dumpfes Leid verläßt

Dem zu erliegen man vermeint.

 

Und wenn der Schlummer leicht und leis

Gelöst der Kette letzten Ring,

Daß unsre Seele nicht mehr weiß,

Was sie im Wachen schwer umfing.

 

So anders zu des Morgens Schein

Hebst du die feuchte Wimper jetzt,

Wie in der Luft, gewitterrein,

Die Gräser nicken, taubesetzt.

 




Wie sollt ich dich verdammen

 

Wie sollt ich dich verdammen

Um meiner Pulse Schlag?

Es schloß uns ja zusammen

Ein kurzer Feiertag.

All meine Stunden trinken

Noch aus dem goldnen Krug,

Bis sie in Schmerzen sinken

Vor Lieb und Liebestrug.

 

Und Abend ist’s geworden,

Die Glocken läuten fromm;

An grauen Waldes Borden

Sprech’ ich zum Nebel: Komm,

Sollst mir das Bahrtuch spinnen,

Wenn Frost mich müde macht,

So werd’ ich Ruh’ gewinnen

Vor Lieb und Liebesmacht.

 



Erwachen

 

Ich sah dich im Traume, du winktest mir zu

Und tratest mit klagender Miene daher,

Du trugst in den Händen mein blutendes Herz . . .

Nun weiß ich, warum ich so müde und leer,

Warum mir das Atmen, die Erde so schwer.

 

Ich habe wohl oft dich im Traume gesucht

Und wußte am tätigen Tag nichts davon,

Ich suchte mein eigenes, lebendes Herz

Und wollte erlauschen den pochenden Ton

Und wieder gewinnen, was mit dir gefloh’n.

 

Und schüttle den drückenden Schlummer ich ab,

Geweckt von des Morgens veränderter Last,

Verlange zurück ich mein pochendes Herz,

Weil du nicht die einzigen Rechte mehr hast

Und fordernd und stark mich das Leben erfaßt.

 




Eifersucht

 

Alle Steine möcht’ ich fragen,

Ob du hier vorbeigegangen,

All die hundert Fensteraugen,

Ob sie nicht an dir gehangen?

 

Viele Sonnenstäubchen fliegen,

Deinen Locken wohl entfallen,

Deiner lieben Stimme denkend

Wähn’ ich ferne Glocken hallen.

 

Bei den Birken auf der Höhe,

An der schlanksten will ich lehnen,

Eine täuschende Sekunde

Mich an deinem Herzen wähnen.

 

Als ein Waldbach wollt ich eilen,

Daß du oft an mir dich labest —

Und ich all die Küsse zählte,

Die du einer andern gabest!

 

Risse dich in wildem Zürnen

Aus den ungetreuen Träumen,

Um vereint mit dir im Sturze

Zu zerschellen, zu zerschäumen.

 



Vorgefühl

 

Ob du von solcher Stunde weißt,

Die schwergewichtig dir genaht,

Und drohend wie ein dunkler Geist

Bedeutsam dir zur Seite trat,

Die wie mit einem schwarzen Tuch

Der Zukunft weite Bahn verhängt,

Und auf dir lastend als ein Fluch

Dich wie Gewitterluft umfängt?

 

Und wenn dir solche Stunde kommt,

So wisse, daß sie ein Prophet,

Der will dich mahnen, daß dir frommt

Geduld und Fassung und Gebet,

Damit dein Haupt ertragen kann

Was von der Schickung ihm bestimmt,

Nicht unbereitet trifft’s dich dann,

Wenn sie ein teures Gut dir nimmt.

 




Am See

 


Herbst

 

Verweilet noch, ihr klaren Tage,

Noch im Vergehen schimmernd hell,

Als sänget ihr des Frühlings Sage

Bei Farben aus des Lichtes Quell.

 

Weitum verstreut die heißen Funken

Der Herbst noch im Vondannenziehn,

Er weiß, wie bald dahingesunken

Sein purpurgoldner Baldachin.

 

So geht er denn in stiller Größe,

Die wundersam entzückt und rührt;

Wer so den eignen Lauf beschlösse,

Wenn er sein Ende nahe spürt.

 

Dann legt er sich zum Schlummer nieder,

Ein Lächeln auf dem Angesicht,

Singt leis ihr Wellen, leise Lieder:

Süß ruht sich’s nach getaner Pflicht!

 



Winter

 

Zum Hafen flieht der letzte Kahn,

— Die Flut verfolgt ihn finster —

Als dränge er sich bang heran

Zum alten, treuen Münster.

 

Die Stunden hin der Nebel spinnt,

Umhüllt Gefühl und Denken;

Und daß so schwer das Blut mir rinnt,

Will’s mich in Traum versenken?

 

In Frieden ruhen Erd und Luft,

Daß sich die Sinne scheuten

Und wie aus andern Welten ruft

Ein Avemaria-Läuten.

 

Es dunkelt, und die Schiffe sind

Geborgen all im Hafen,

Es schwebt kein Ton und geht kein Wind —

Will Not und Schmerz entschlafen?

 




Frühling

 

Fortwandern möcht ich am Seegestade,

Die klingende Welle den Takt mir schlägt,

Steigen hinan die felsigen Pfade

über den Berg, wo der Frühling schläft.

 

Will dich dort suchen, glänzender Knabe,

Erhebe dein blütenumkränztes Haupt,

Zeige mir mit deinem Sonnenstabe

Alles in weckendes Licht getaucht.

 

Die Augen, die dich sonst selig schauten,

Erkennen dich überströmend noch nicht;

Sag mir’s mit deinen süßesten Lauten,

Daß du allheilend schon um mich bist!

 




Sommer

 

Da leuchtet der See, ein Edelstein;

Kaum kenn’ ich die Stadt am Strand,

Die Sonne streut Silberflitter ein

In ihr alterndes Gewand.

 

Die Ufer verlaß ich, flutumschmiegt,

Zum Meere dehnt sich der See;

Seekönig, weißt du, woran es liegt,

Daß dein ich bin von je?

 

Du sahst, wie in lauterer Jugendlust

Mein fröhlicher Nachen trieb,

Du sahest auch, was in meine Brust

Mit schweren Runen sich schrieb.

 

Nun ist’s, als ob deine Tiefe barg,

Was ich im Leben verlor,

Da schaut es wie aus kristallnem Sarg

Als liebes Antlitz hervor.

 

O gehet wie über ein Heil’genbild,

Ihr Wellen, nur ruhigklar,

Und seiet ihm Hüter treu und mild

Für immer und immerdar.

 




Gebt mir Sonne

(Bitte des Tauben.)

 

Gebt mir Sonne, gebt mir Farben,

Dran die Welt so überreich;

Wenn die Töne mir erstarben,

Leben, sei nicht trüb und bleich!

 

Wie der Wüstenwandrer schmachtet

Nach dem kühlen Quellenhain,

So mein dürstend Auge trachtet,

Daß es Schönheit söge ein.

 

Unersättlich möcht’ es fassen

Jeden Schimmer, jeden Zug,

Der enteilend will verblassen;

Gebt doch einmal mir genug!

 

Von der Schönheit Götterarmen

Will ich Tröstung mir erflehn,

Will an ihrem Hauch erwarmen

Und genesen auferstehn.

 




Abschlüsse

 

Mir will ein Gang das Leben scheinen

Durch wechselnder Gemächer Flucht,

Wo eines reich und jenes schlicht,

Dies düster und das andre licht,

Und oftmals hätt’ ich gern versucht,

Die Gegensätze zu vereinen.

 

Und jedesmal, wenn eins durchschritten,

Schließt hinter mir die Pforte sich;

Ein Blatt entfällt dem Strauß der Brust

Ertragen lernt sie den Verlust,

Begleitend tönt mir’s feierlich:

»Daß jeder Rückweg abgeschnitten!«

 




Frühling

 

Der junge Frühling geht durchs Holz

Und gibt den hohen Willen kund,

Die alten Eichen, streng und stolz,

Sie neigen sich dem Wundermund,

Und lassen alle gerne gehn

Die Zeichen abgewelkten Ruhms,

Zu schmücken sich mit den Trophä’n

Des neu erstandnen Königtums.

 

Und greif’ ich selbst begeistert zu

Nach Kränzen heilig, goldnem Laub,

Solch überreicher Herr, wie du,

Vergibt wohl einen Tempelraub!

Vor seinem Hochaltare ward

Gewährt mir Absolution,

Der ich ein Beter eigner Art,

Zugleich auch bin sein Echoton.

 




Blick und Gedanken

 

Blick und Gedanken

Zu dir gekehrt,

Hab ich mit Schranken

Vielfach umwehrt,

Daß nicht die heißen

Lodern dir zu,

Jäh nicht zerreißen

Hüllen der Ruh.

 

Höher dein Friede

Denn alles mir gilt,

Einzig im Liede

Sehnsucht entquillt;

Und dich zu missen,

Wohl ist es Pein,

Ließ ich’s dich wissen,

Liebt’ ich nicht rein.

 

Also mein Wesen

Ging in den Tod,

Von dir zu lösen

Krankheit und Not;

Dürft’ ich dich sehen

Kräftig und frei,

Still wollt’ ich gehen

Und lächeln dabei.




Alpenblume im Tal

 

Wo seid ihr, reine Lüfte, hin,

Der Atem meiner Berge?

Wer drückte in die Tiefe mich

Zum welken Volk der Zwerge?

Ihr Winde, die ihr brausend fuhrt

Um meine kühne Wiege,

Vergäß’ ich meiner Hochgeburt,

Vergäßt ihr eurer Flüge!

 

O Heimat, uralt, ewigjung,

Du gabst, du bist mein Leben,

Ich fühle deinen starken Puls

In meinen Adern beben,

Daß, wenn mich Gletscherhauch bereift,

Mein Duft sich ihm vermähle,

Wenn mich des Adlers Schatten streift,

Dann dehnt sich meine Seele.

 

Zunächst des Himmels Scheitelpunkt,

Dort hab ich Heimatrechte,

Dort stellt sich jedes, wie ein Held

Zu enden im Gefechte;

Dort rauscht mein Adler einsam, groß

Um jungfräuliche Zinnen,

Dort dürfte ich im Ätherschoß

In Sonnenstaub zerrinnen.


Man sagt mir: Liebe unsern Grund

Und sei der Unsern eine;

Dann kennt ihr meine Heimstatt nicht,

Nur wenn in Lichtesreine

Der Wolkenzug des Himmelsrands

Entspannt die Silberflügel,

Ein Traumbild meines Jugendlands

Erscheint im blauen Spiegel.

 

Mit ganzem Wesen bleib ich sein,

Mit Fasern all und Poren,

Und werde, wenn dies Leben stockt,

Dem All zurückgeboren,

Derselbe frühe Feuerstrahl

Vom Adleraug’ den Schlaf entführt,

Und mich in meiner Heimwehqual

Mit dem Befreiungskuß berührt.

 




In Sehnsucht

 

Geheimnisvoll sind sie verwünscht und gebannt,

Allnächtlich ein Schiff zu besteigen,

Das treibt, ein tiefrotes Segel entspannt,

Auf grundloser Wellen Reigen;

Der himmlische Wagen rollt ruhig fort

In sicher gemess’nem Geleise,

Sie aber, sie wissen nicht Richtung, noch Port

Und suchen auf irrende Weise.

 

Ein Ungenanntes, von keinem erschaut,

Das erschien und versank mit der Woge,

Das die Seele ersehnt wie der Jüngling die Braut,

Das verlockt wie die Flamme des Loge,

Und den Kompaß entkräftet; selbst wer ihn befragt,

Erfährt nicht das Ziel seiner Reise,

Weiß keiner, wohin noch die Strömung sie trägt,

Sie fahren nur immer im Kreise.

 

Von Vorsicht, von Klugheit, von Mitleid geregt

Viele Glocken am Ufer gehen,

Manche warnende Stimme den Luftkreis bewegt,

Viele Feuer den Nebel durchspähen;

Doch wer nie in Ängsten vor Strudel und Riff

Verließ den umfriedeten Hafen,

Wie weiß er, was dränget und treibet zu Schiff

Frau Sehnsuchts unselige Sklaven?


Nur wer in ihr trauriges Auge gesehn,

Das Versehrte ihm alle Organe,

Und wer unter Kämpfen und blutvollen Weh’n

Entronnen dem zwingenden Wahne,

Nur wer im gebrechlichen eigenen Boot

Lernt Steuer und Ruder regieren,

Nur der wird erreichen die draußen in Not

Und mag einst zum Pharus sie führen.

 




Vertrösten

 

Wie ich meine Liebste kleide?

Bin ein armer Liedermann,

Der ihr kein Geschmuck und Seide,

Keine Schühlein schenken kann;

Der ihr auch kein Feuer schüren

Und ihr bauen kann kein Nest,

Den man gar vor fremden Türen

Oft vergeblich warten läßt.

 

Währt zu lange dir das Warten,

Sehnst du dich nach solchem Tand?

Hab’ doch meinen stillen Garten,

Mein geheimes Wunderland,

Habe meine Silberstollen

Und Kristalle blinken dort,

Liebste wirst du glauben wollen,

Bis gehoben ist mein Hort?

 

Sag ein Wörtlein mir nur leise,

Sängers Ohr fängt jeden Laut —

Daß, ob eigen meine Weise,

Du doch gern dich ihr vertraut.

Meine Schätze sind Gedanken,

Die kein Räuber nehmen kann,

Einmal, Liebste, wirst du danken

Mir, dem reichen Liedermann!



Einst

 

Wir alle, alle sind gebunden;

Die frei sich wähnen, sind es nicht.

Wir alle, alle tragen Wunden

Und tiefe Sehnsucht nach dem Licht.

 

Wir müssen dulden rauhe Zügel,

Mühsame Steige, dornumhegt;

Um stolzgespannte Geistesflügel

Wird uns ein wehes Band gelegt.

 

Wir suchen, unverdrossne Ringer,

Uns frei zu machen immer noch;

Bis uns zuletzt ein stärkrer Finger

Bezwingt und führt in hartem Joch.

 

Und endlich müssen wir uns legen

Noch lassen in ein eng Verlies,

Um vollzureifen für den Segen,

Den uns ein weiser Herr verhieß.

 

Bis einmal er die dunkle Zelle

Zerbricht, und sich die Stunde zeigt,

Da in die Freiheit, in die Helle

Die stauberlöste Seele steigt.

 


Dann sind die Fesseln all gesprungen,

Um keine ist uns fürder leid,

Und ewig wird der Sieg gesungen,

Wo Stimme sich an Stimme reiht.

 




Der Mächtigste

 

Man sagt, wenn jemand arglos überschritte

Die Stelle unsrer künft’gen Ruhestätte,

Uns kalter Schauer jählings überglitte.

 

Ich frage, ob man nie vernommen hätte

Voraus der Freude wonnigleichten Gang,

Das feine Klirren ihrer Silberkette?

 

Sie wirkt so zart nach ihrem Frauenrang;

Viel fester greift der Schmerz nach seinen Rechten,

Ein Herr ist er, der jeden noch bezwang.

 

Und wenn wir einmal festlich Kränze flechten,

Bereitet seine Fesseln schon der Tod

Und wird uns unbarmherzig alle knechten.

 




Sonnenwende

 

Neige dich, Weide, am weinenden Bach,

Rausche, du Eiche, dem Flüchtigen nach,

Berget euch, Tiere, mit Trauergebärde,

Hülle in Jammer dein Antlitz, o Erde:

Baldur, der Gott, dein Gemahl, er ist tot!

 

Der erst vor Monden die Riesen besiegt

Und dich in werbendem Kusse gewiegt,

Der dich auf kräftigem Arme getragen

In seinen goldenen, fliegenden Wagen,

Baldur, dein Held und dein Gatte ist tot!

 

Er, dessen Auge dein Licht, deine Welt,

Mitten im Zuge, im Fluge gefällt!

Norne, du Stumme, was hast du gesponnen,

Haßtest du, Dunkle, den Träger der Sonnen,

Baldur, den Leuchtenden, Reinen, zu tot?

 

Wo sich das Herrliche uns offenbart,

Tücke und Neid nur geschäftiger ward;

Durfte der Blinde die Untat verrichten,

Unverstand, darf er das Edle vernichten?

Baldur, der Gute, der Beste, ist tot!

 


Opfer, Gedanken und jeglich Verdienst,

Schlingen nur sind sie im Nornengespinst;

Nirgends ist sturmloser Frühling hienieden,

Selten ist Reifen, Erschöpfen beschieden,

Baldur, der Hohe, der Reiche, ist tot!

 

Glücklich, wer einmal das Wissen vergaß,

Glücklich, wer niemals das Ende ermaß:

Blind ist das Schicksal, mit eisernen Füßen

Tritt es so Eichen, als Halme der Wiesen,

Baldur, den Frohen, den Lockigen tot!

 

Schweige, du irdischer Lippe Beschwören,

Keine wird jemals die Mächtige hören;

Sank doch der Gott selbst, der Sohn eines Gottes,

Beugt euch erhabener Klage des Todes

Baldurs, des Frommen, Geweihten, der tot!

 



Nachklang

 

Mein Tag ist versunken, ich danke dir viel,

Du gabst mir das echte, das Weibesgefühl.

 

Dies seltsame Schwanken von Schwäche und Macht,

Hast Armut und Fülle zugleich mir gebracht.

 

Und Altes zerging, ein erbleichender Traum,

Nun schaut ich den wirklichen blühenden Baum.

 

Einen Odemzug lang sein Düften ich trank,

Eine Blüte aufs schauernde Haupt mir sank.

 

Eines Herzschlags Dauer schwieg Wunsch wie Leid, —

Einbricht nun die dunkle, die kalte Zeit.

 

Wie der Sonne Schimmer im Spätrot noch lebt,

Bei ruhendem Winde das Laub noch bebt.

 

So hüt ich mein Kleinod und schließe es ein,

Wie den Kuß der Flamme der Edelstein.

 




Tau und Duft

 

Sternkerzen sanft verbrannten

Und Morgenfeuer strahlen,

Grün glänzt die Welt und golden,

Gefüllte Opferschalen

Stehn Blätter und die Dolden.

Vom jungen Ministranten,

Dem Winde, angestoßen,

Bewegt sie leises Schwanken

Und klare Tropfen flossen

Am Fuß herab, dem schlanken.

 

Dann hohen Ganges nahet

Die Priesterin, die Sonne,

Zu sammeln all die Spenden,

Die Gaben stiller Wonne,

Mit ihren goldnen Händen.

Dafür von ihr empfahet

Den Lohn an Räucherwerke

Ein jedes der Gefässe,

Als ob in Duftesstärke

Sich die Natur ergösse.

 




Tolles Zeug

 

Frühling, Frühling, deine Schuld,

Deines Rauschebades!

Heut ist einmal Sorgenmord,

Alle müssen über Bord,

Meinethalb zum Hades!

 

Tolles Zeug, Allotria,

Kann ich wohl noch leisten;

Klingle euch die Ohren voll,

Selbst wenn strafend mich Apoll

Ließe dafür geisten.

 

Heute kann der Übermut

Nicht die Haut mehr kosten,

Heutzutag wird’s sanfter sein,

Auch mein armes Leierlein

Müßte ja schon rosten.

 

Frühling, Frühling, gehst du schon,

Heiter, ohne Treue?

Schütte mir in Schoß und Haar

Blüten noch fürs ganze Jahr,

Daß ich selber streue!

 




Im Süden

 

Nur einmal möcht ich, reicher Süden,

Mich deiner Schönheit überlassen,

Um all den Zauber deiner Blüten

Ins weit erschlossne Herz zu fassen.

 

Ein einzig mal doch sollte blühen

Mir deines Himmels heitre Gunst,

Wie würde ich bewundernd glühen

Vor Werken deiner höchsten Kunst.

 

Mir ist, ich müßte selig weinen

Auf deiner Seen blauen Schild,

Und als ein Band von Edelsteinen

Umschlang’ mich deiner Tage Bild.

 

Um deine sonngeküßten Klippen

Dein Meer den Königsmantel legt,

Und stiller Marmorbilder Lippen

Ein traumbefangnes Wort bewegt.

 

Auf Trümmern, die mit Licht und Rosen

Dein warmes Mitleid übergießt,

Sind mir die Schatten deiner Großen

So nahe, daß mein Aug’ sich schließt.

 


Vom Schauen müd möcht ich mein heißes

Haupt in blaue Veilchenbeete graben,

Und dabei ein innig süßes, leises

Heimweh nach dem deutschen Walde haben.

 




Neapolitanisch

 

Eines Neumonds tiefe Mitternacht

Nenn’ ich deiner Augen dunkle Pracht,

Gleich Sorrento’s Myrtenbalsam ist

Deiner leisen Rede süße Macht.

Heiter glänzen deine Blicke nicht,

Trauern nur wie ein verstecktes Licht;

In mein Segel legt der Wind sich schwer,

Und dein Busen wallt in Traumbegehr,

Weil du nicht in Liebe glücklich bist.

 

Gestern als der Silbermond erschien,

Zogen seltsam Schatten über ihn:

Eines bösen Blickes arge List

Fürcht’ ich hinter deinem Wandel glüh’n.

Meine Barke sucht die Ruh des Strands

Und ich bete meinen Rosenkranz;

Heißer keiner zu den Heil’gen geht

Und doch schauerts mich wie Sterbgebet,

Weil du nicht in Liebe glücklich bist.

 




Mondnacht

 

Kennst du die silberne Blume,

Die leise duftend hängt

Still an des Himmels Busen,

Wenn ihn die Nacht umfängt?

 

Die Erde sah entschlummernd

Den klaren Blätterkranz,

Davon auf ihren Wangen

Liegt weicher Widerglanz.

 

Siehst du der Knospe Dehnen

Und voll den Kelch enthüllt,

Ihr träumerisches Schließen,

Bis wiederum sie schwillt?

 

In ihrem Dufte schwärmen,

Das darf nicht jedermann,

Sie haucht mit Zauberkräften

Geheimnisvoll uns an.

 

Dann schießt es durch die Adern

Bald feurig, bald eisig kalt,

Und schickt an unsre Lager

Bezwingende Traumgewalt.

 


Und wenn du wolltest brechen

Die Blume, o Menschenhand,

So müßtest du entsagen

Jedwedem Erdenband.

 

Sie bleibt die silberne Blume

Und glüht in fremder Pracht

Still an des Himmels Busen,

Wenn ihn umschlingt die Nacht.

 



Sonnensegen

 

Schon will sich der Morgen erheben

Er hörte, im Traume noch halb,

Wenn leis’ seine Schwingen erst beben:

Die Sonne, die Sonne ist nah!

 

Schnell eilt er zum Kamme der Hügel,

Zu öffnen das mächtige Tor,

Laut tönen die goldenen Riegel:

Die Sonne, die Sonne ist da.

 

Zu dem Antlitz, dem gottesgleichen,

Alles Leben in Ehrfurcht schaut!

Der ist König von allen Reichen,

Wer die Sonne, die Sonne sah.

 

Wer die Schauer der Ewigkeiten

In der Fülle des Lichtes trank,

Den wird, wenn es nachtet, begleiten,

Was ihm durch die Sonne geschah.

 

Es empfing von dem Glanze der Hohen

Meine Seele ein bleibendes Mal,

Das ihr kündet mit innerstem Lohen,

Daß die Sonne, die Sonne ihr nah!

 

 


Beschwörung

 

Sag’ nicht mehr die Worte, erinnerungsweich,

Sing’ mir von andern, besänftigungsreich,

Lass’ mich vergessen den lustheißen Reihn,

Mit deinen Liedern lulle mich ein.

 

Wähl’ aber keines im purpurnen Buch,

Bring einen andern, heilenden Spruch,

Sag’ von dem Lande nicht, wo ich daheim,

Nicht von der Liebe, von der ich noch träum’.

 

Sing mich in Schlaf, und im Nachtwandelschritt

Wo du dich wendest, da ziehe mich mit,

Ob ich bei Worten von tröstendem Bann

Finde den Ort, wo ich ausruhen kann.

 

 



Weihe

 

Wie magst du wünschen, fremde Schmerzen,

Sie sollten milde fern dir sein?

Ein Müssen ist’s der Dichterherzen

Zu tauchen tief in andre ein,

Und oft an eignen Totenkerzen

Entzündet sich ihr Fackelschein.

 

All unsre Besten müssen zahlen,

Daß sie erleuchtet sind und groß,

Sie müssen ihres Hauptes Strahlen

Ersammeln in des Leidens Schoß,

Wie erst seit Christi Wundenmalen

Der Weltkreis seines Lichts genoß.

 

 



Fragen

 

Die wir das Beste suchen,

Sind selber nur verwirrt,

Und sollten fast uns fluchen,

Daß wir so schwer geirrt.

Wer hat ein Glück gestiftet,

Wo nicht die Wurzel krank?

Das Reinste ist vergiftet,

Vergällt der Lebenstrank;

Und für der andern Seelen

Mit Schuld beladen sein,

In rettungslosem Quälen

Schafft’s unaussprechlich Pein,

Verdorrt die frohen Triebe,

Zerreißt das schönste Band,

Verarmt die treuste Liebe,

Wenn ihr Vertrauen schwand!

Die Rose sinkt entblättert

Wann sie am schönsten schien,

Wie hoch der Weinstock klettert —

Ein Frost zerstöret ihn.

Kein Bleiben und kein Halten,

Im Wind zerfällt das Zelt, —

Das ist der Menschen Walten,

Das ist das Los der Welt.

Wo winken reine Hände,

Wo klingt so klares Wort,

Daß endlich einmal fände

Das Herz den Ankerort?

Und wo, in welchem Schoße

Ruht unbekannter Preis?

Wo für uns Ruhelose

Schließt endlich sich der Kreis?

Wird uns nach allem Sorgen

Der heißen Erdenhast

Ein ungekränkter Morgen

Und eine Friedensrast?

 

 




Weltgeschichte

 

Es hebt gewaltig Sausen

An allen Enden an,

Die Völkerstürme brausen

Zu Land und Ozean.

Da stürzen heil’ge Mauern,

Da triumphiert die Wut,

Die Erde bebt in Schauern

Und trinkt ihr eignes Blut,

Bis an granitnen Wänden

Die Eisenfaust zerkracht,

Glutschein von Geistesbränden

Erlischt in Schicksalsnacht.

Wir nennen’s Weltgeschichte,

Wie nennt’s der Herr des Alls?

»Ins Meer ein Tropfen zischte

Zerschmelzenden Metalls.«

 




James Monmonth

 

I.

 

»So ernst der Mund, dein Auge trüb,

Was drückt dich, Anny, trautes Lieb?

Ist’s weil ich zieh’ mit Monmouths Heer

Bangst du um meine Wiederkehr?

Der Arm, der dich nur sanft umschlingt,

Der Feinde stärksten niederzwingt;

Dein Lieben treu, dein Lächeln mild,

Das ist mein Talisman, mein Schild!«

 

»Und wär’ mein Herz auch todeswund,

So würde lächeln dir der Mund, —

Doch was mir trübt der Zukunft Licht,

Das ist ein schweres Traumgesicht:

Dich sah ich stehn auf hohem Thron,

Du setztest selbst dir auf die Kron’,

Und gar ein Königsmantel groß

Purpurn von deinen Schultern floß . . .

Mir aber ward so weh zu Sinn,

Von ferne strebt’ ich nach dir hin,

Kaum aber sah ich mich am Ziel —

Die Krone dir vom Haupte fiel,

Du selber fielst — die Purpurpracht

Sank über mich als düstre Nacht! . . .

Mir ist bei dieses Spätrots Strahl,

Als küßt’ ich dich zum letztenmal,

Als ob, wann du auch wiederkehrst,

Du dann nicht mehr derselbe wärst —

O John, wenn Treue schwört dein Mund,

Was lebt in deiner Seele Grund?«

 

»Wohl streiten wir um einen Thron,

Ums Recht für einen Königssohn;

Gewann’ ich selbst der Krone Zier,

Ich legt’ sie stolz zu Füßen dir!

Und wenn die Schlacht auch tödlich droht,

John Orkneys Liebe lacht dem Tod —

Anny, leb wohl, dein Kuß, dein Kuß

Macht fest mich wider Stich und Schuß!«

 

 

II.

 

Die Trommel schlägt, die Pfeife gellt,

Zu Felde zieht der Königssohn;

Das Banner flattert stolz geschwellt.

Gott, schütz’ den Prinzen, schirme John!

 

Und brandend tost’s auf weitem Plan,

Im Zorne heult der grimme Nord:

Weh dir um deinen eitlen Wahn,

Weh, Bürgerkrieg und Brudermord!

 

James Monmouths Stern gab hellen Glanz

Und seine Fahne hoch sich schwingt:

Glück auf zum goldnen Siegeskranz,

Den festlich uns der Abend bringt!

 

James Monmouth, hefte deinen Stern

Nur fest ans hohe Himmelszelt, —

Was du getan an deinem Herrn,

Vernichtend auf dich niederfällt.

 

Dem Norden zu die Botschaft fliegt

Auf dunklem Fittig sturmesschnell:

Der Herzog Monmouth ward besiegt,

Gefangen bringt man den Rebell!

 

 

III.

 

Der Himmel lastet dumpf und schwül

Auf Londoncitys Volksgewühl,

Ein Feiertag ohn’ Feierklang —

Die Sünderglocke wimmert bang;

Ein Murmeln durch die Menge schwillt,

Dem Prinzen und Rebellen gilt.

Wer ist die junge, blasse Dirn,

Das Goldhaar wirrt um ihre Stirn,

So weiß hat sie nur Anny Mill,

Was sucht sie hier auf Tower-Hill?

Und wen erbarmt ihr ängstlich Flehn:

»Habt ihr John Orkney nicht gesehn?«

Da — — jählings ihr der Fuß versagt,

Wo hoch ein schwarz Gerüste ragt — —

Sie sieht, wie einer niederkniet,

Sein blankes Schwert der Henker zieht,

Und drauf ein Haupt zur Erde rollt,

Ein Haupt, das sie wohl kennen sollt’,

Und, wie ein Purpurmantel groß

Ein breiter Strom daniederschoß —

»Ihr Heiligen! O grauser Hohn,

Das sei der Monmouth? John ist’s, John!«

Ihr Wehelaut durchschnitt’ den Stein

Und Ohnmacht hüllte Anny ein;

Der Doppelschlag zermalmt die Maid,

Man trägt nach Haus sie und ihr Leid.

Und für des Toten Ruhe geht

Aus mancher Brust ein still Gebet.

 

 

IV.

 

Noch Jahre unterm Eschenbaum

Schön Anny saß in müdem Traum;

Das Gold verlor ihr blondes Haar,

Das oft des Liebsten Wonne war.

Ihr Auge in die Ferne geht,

Die Spindel wie von selbst sich dreht . . .

Kennt Vater und die Schwester nicht,

Kaum, daß sie nur verloren spricht

Und flüstert leis in irrem Ton:

»O John, o John, — die Kron’, die Kron’!«

 

 



Alcibiades

 

Ich bin ein ungestümer Lebenszecher

Und will nur volle, nur bekränzte Becher,

Ich will von Eros, Charis und dem Ruhme

Den satten Kranz, die heißgefärbte Blume,

Und wenn die letzte von der Stirn entfällt,

Tönt ihr ein Evoë, geliebte Welt.

 

Auch du, o Sokrates, warst ihr nicht feind,

Nicht als du schiedest, du mein Lehrer, Freund!

Du trugst das Leben wie wir unser Kleid,

Das man am Abend ablegt sonder Leid,

Noch größer bist du als Achill in Rüste

Und heiter zogest du zur Schattenküste.

 

Daß ich ein andrer bin, wer kann es schelten,

Kann einem Irrstern glatt Geleise gelten?

Ein Mischling bin ich aller Elemente

Und aus dem Doppelpaar der Temperamente,

Bald kreist im Wirbel Kräfteüberschwang,

Bald reißt zum Abgrund finstrer Schwermutsdrang.

 


Hab Schönheit viel geküßt und Lorbeers viel

Gebrochen, oft in frevlem, leichtem Spiel,

Für den und jenen Herrn hob ich den Schild,

Doch wer mich treulos hieß, dem dröhnt er wild. —

Nun ich allein, fühl ich ein seltsam Raunen:

Bist du nicht müd des Glücks und seiner Launen?

 

Ja, müd des Glücks und meines Vaterlandes,

Das mich verstieß zum Bettler dieses Strandes,

Dort hieß man lachend mich den Komödianten,

Seht her, wie herrlich spiel ich den Verbannten!

Ein Spiel wie Leben, und dem Reiz der Neuheit

Geb ich mich hin in aller Geistesfreiheit.

 

Nur eine Würze noch ersänn ich gern,

Ein köstliches, bisher den Sinnen fern;

Vielleicht die Nacht noch Ungenossnes zeigt,

Ein Traum, der selbst die Göttersehnsucht schweigt,

Wer will mich halten, hindern, daß ich wandre

Nach einem Borne, minder schal denn andre?

 

Kommst du, mein Knabe, mit dem Abendtranke?

Doch halt, was trieb dich für ein Scherzgedanke?

Die Stirn umnickt der Kranz des Schlummermohnes,

Was bleichte nur die Wangen meines Sohnes?

Und dieser Schale Totenschädelform —

Für den Hellenen ist es schlechte Norm!

 

Der schwüle Duft verlockt ihn und er trinkt.

Geleert aus matter Hand die Schale sinkt.

Gelehnt das Haupt in blassen Jünglings Schoß

Erkennt er sterbend — Hermes Thanatos.

Und aus des Hauses Zinnen schlagen Flammen

Empor und rauschen über ihm zusammen.

 

 




Jumneta

 

Jahrhundertalte Kunde

Ward uns aus Saga’s Munde:

Der stolzen Stadt der Wenden,

Jumneta’s, Mauern ständen

Im tiefen Ostseegrund.

 

Kühn waren die Bewohner

Und nie des Rechtes Schoner,

Aus freier Meeresweite

Heimwärts mit reicher Beute

Ihr starker Drache schwamm.

 

Einst jäh ergriff die Mauern

Ein Wanken und Erschauern,

Die See mit gier’gen Lippen

Verschlang mitsamt den Klippen

Die Stadt und all ihr Volk.

 

Es bleichen die Gebeine

Im grünen Zwielichtscheine,

Gespenstisch das Gemäuer

Lugt durch den Wogenschleier;

Der Schiffer sich bekreuzt.

 


Und Fische überschnellen

Die Giebel und die Schwellen,

Aus Fugen ausgewaschen,

Drängt sich in dichten Maschen

Das Seegras ums Gestein.

 

Des Domes Pfeilergänge

Durchrauscht das Flutgedränge,

Die Glocke kommt ins Schwingen

Ins Summen und ins Klingen,

Zum Schiffer tönt’s hinauf.

 

In blauen Mondennächten

Entringt den Wogenmächten

Jumneta sich, die Zinnen

Erschimmern, silbern rinnen

Die Tropfen dran herab.

 

Wie eine Wundermäre

Jumneta steht, die hehre,

Um ihre weißen Hallen

Die Wasser singend wallen

Und schwebt der Glockenton.

 


Bis es mit Tagesleuchten

Rücksinkt in Meeresfeuchten;

Nachhallen noch die Glocken,

O Fischer, flieh ihr Locken,

Sonst wird dir’s angetan.

 

Weiß nicht, ob du’s begehrtest,

Daß du mit wiederkehrtest, —

Gewiegt vom Wellenrollen

Wirst gerne schlafen wollen

Bei solchem Schlummersang.

 

Steigt er aus fernen Fluten,

Wenn sie im Dämmer ruhten,

Und wenn die leisen Wellen

Zu Lande träumend schwellen:

Das ist Jumneta’s Ruf.

 

 




Jung-David

 

Rauschtest du nicht oft in Königshalle,

Psalterlied, du selbst von Königsart?

Hat nicht oft vor Herrscherspeerespralle

Gütig mich Jehovas Hand bewahrt?

Mich zu segnen mit dem heilgen Oel

Sandte er den Fürsten Samuel;

Mich, den Jüngsten in der Brüder Reihe,

Den Geringsten kürte seine Weihe;

Sonne frag’ ich, Quell und Morgenwinde,

Ob ich mich in Traumesbann befinde?

 

König bist du, Saul; um deinen Wagen

Wacht die Schar der Söhne voll gezählt;

Keiner aber soll dein Szepter tragen,

Ahnst du, König, wer dafür gewählt?

Keiner hätte treuer dich geehrt

Als der Knabe, den dein Haß beschwert;

König Saul, es klagt dein Harfenschläger,

König Saul, es warnt dein Waffenträger:

Weil du von dem Bund des Herrn gewichen

Ist sein Angesicht für dich erblichen!

 


Wanke, König, nicht auf deinem Sitze,

Bebend vor der Philistäer Troß,

Zittre du vor des Allmächt’gen Blitze,

Der auf Ungerechte niederschoß! —

Wär ich Cherub, bät ich Zebaoth:

Laß mich Saul befrein aus seiner Not!

Nicht im Übermute will ich greifen

Nach dem hochgelobten Herrscherreifen,

Aber über uns die Stunden schweben

Emsig, dein und mein Geschick zu weben.

 

Mich erweckte mitternächtig Rufen,

Heldenbild in meine Seele trat:

Jüngling, geh aus deines Vaters Hufen,

Hörtest du den Hohn des Goliath?

Deine Herde laß am Bachesrain,

Andrer Hirte sollst du künftig sein,

Und ein Wunder gelte deine Schleuder;

David, gürte deine Knabenkleider:

Dein der Mut, als Saul mit allen zagte,

Dein der Segen, den ich ihm versagte.

 


Ward mir Simsons Stärke nicht, vom Wiesel

Die Behendigkeit ersetze Schild und Stahl,

Meine Waffen schliff das Bachgeriesel —

Fliege, Stein, und triff mir dort den Pfahl!

Hei, noch einer! und zum dritten Mal,

Sichrer flog kein Pfeil und Wetterstrahl!

Lache, Riese, nicht des Spiels, ich treffe

Bei Jehovas Schemel! deine Schläfe,

Staubgeboren nur ist deine Stärke,

Staub verschlinge dich und deine Werke!

 

Einen Augenblick noch beugt euch, Knie,

Hebt ihr Arme euch zum Firmament —

Auf! eh diese Sonne nachtwärts ziehe,

Gottes Volk, dein Dankesopfer brennt;

Auf! und zu den Wagen Israels,

Seht ihr dort den Mantel Samuels

Wehen, eine heilige Standarte

Wenn vor seinem Zelt der König harrte,

Tret’ ich zu ihm, wann der Streit geendet:

Sieh, ich bin nur, den der Herr gesendet!

 




Heilandsmutter

 

Schlaf wohl, du mein gottgezeugter Sohn,

Die Mutter bewacht deinen Schlummer.

Es trüben die kommenden Schatten schon

Die Lust ihr mit zärtlichem Kummer.

 

Schlaf wohl, mein Knabe, geheimnisumhüllt,

So frühe geehrt und geächtet;

Von Bangen ist mir die Brust erfüllt,

Mit dem Himmel die Liebende rechtet.

 

O würde mein Arm zur kräftigen Wehr,

Die alle Übel verdränge,

Und schwölle die Träne zum wogenden Meer,

Das deine Verfolger verschlänge!

 

Von herzdurchbohrendem Schmerze sprach

Der Mann dort im Tempel, der heil’ge,

Nun hält mich in sorgendem Ahnen wach

Die Zukunft, die zögernde, eil’ge.

 

Der hier an sterblicher Brust entschlief,

Dereinst als ein Sterblicher leidet;

O du mein Rätsel, so weltentief,

Wirst je du des Schleiers entkleidet?

 


Noch schlafe, mein göttlich erlesenes Kind,

So nahe dem irdischen Kummer;

Arabia’s Palmen, fächelt ihm Wind

Und hütet den leidlosen Schlummer.

 

Ich liege, Jehova, vor deinem Thron,

Mein Herz soll als Opfer dir brennen;

Ist dieses, mein Kind, dein wahrhaftiger Sohn,

So mußt du zu ihm dich bekennen.

 



Hispania

 

Die einst mit Europa’s Diadem

Begeisterte Sänger verglichen,

Wo hast du gelassen dein stolzes Emblem,

Wie ist dein Stern so erblichen?

Wer hat entführt deinem Throne die Macht,

Und deine Schiffe dem Ruhme?

Wo ist geblieben dein Duft, deine Pracht,

Du südliche Wunderblume?

 

Wo ist deiner Künste bestrickender Glanz,

Der einst deine Schönheit gehoben?

Und wo deiner Gärten schimmernder Kranz,

Der reich dich mit Anmut umwoben?

Du bist nicht mehr das strahlende Weib,

Um das die Lanzen gesplittert,

Was hilft es, wenn den ersterbenden Leib

Verblaßter Zierat umflittert?

 

Die Perlen, die das Weltmeer gebar,

Du hast sie verspielt und verschwendet;

Und stürmtest verwegen in Todesgefahr,

Bon alten Siegen geblendet.

Wo sind deine Helden zu Land und See,

Und Hirten, die adelsgleichen?

Was gilt noch das Wort: daß nicht untergeh’

Die Sonne in deinen Reichen?

Zur Gruft ist gezogen der herrliche Cid,

Sein Ruhm kann dich nimmer erretten;

Und den im Dom von Valladolid

Hast gelohnet du schmachvoll mit Ketten.

Sie nahmen ins eigne Grab ihre Ehr’

Die Herrscher so groß von Kastilien,

Es warf der Sturm dein Szepter ins Meer

Und brach die bourbonischen Lilien.

 

Und in der Alhambra Löwensaal

Seh’ ich dich dein Trauern verbergen,

Ich seh’ dich knien im Eskurial

An deiner Könige Särgen;

Als sollte die tote Vergangenheit

Dein heißes Beten beleben,

In Verzweiflung noch und in Niedrigkeit

Dich ihre Glorie umgeben.

 




Die Weißgeborenen

 

Der König von Hannover,

Der pflegte des Gestüts,

Und hegte edle Rosse

Arabischen Geblüts;

Vor Ständen, gelbmarmornen,

Voll besten Hafers Gold

Ward seinen ›Weißgebornen‹

Gewährt der Fürstensold.

 

Der König von Hannover

Hat seltne Höflingsschar,

Feingliedrig, stolz gestaltet,

Mit glänzend weichem Haar;

Die reinste Seide tragend

Behaucht wie Apfelblüt’,

Ein Feuerauge sagend

Fast menschliches Gemüt.

 

Der König von Hannover

Bestieg sein Prunkgefährt,

Und fährt durch Volkesreihen

Von Gruß und Ruf geehrt;

Acht Hengste vor den Rädern,

Geschirrt in Scharlachpracht

Mit weh’nden Straußenfedern

So geht’s hinein in — Nacht.

Der König von Hannover,

Der kam um Thron und Land,

Es hat der starke Sieger

Den blinden Herrn verbannt.

Er fuhr aus seinen Pfählen.

Der Staub im Nachtwind stob,

Und schonendes Verhehlen

Ihm zwiefach Dunkel wob.

 

Der König von Hannover,

Er schlummert im Exil,

Träumt ihm vom Löwen-Ahnen

Und kühnem Kronenspiel?

Und will der Traum ihn reißen

Zu letzter Lebenstat,

Führt ihn mit seinen Weißen

Zur alten Königsstadt?

 

Der König von Hannover

Die kranken Augen schloß,

Da bäumt am fremden Zügel

Sich hoch das Sachsenroß.

Und von des Königs Rossen

Die letzten, schwinden sie

Noch vor den letzten Sprossen

Der Welfendynastie?

 



Vorbei

 

Der Himmel entsendet ein Meteor

Zum nachtgefesselten Meere,

Wo jauchzend sich hob der Wogen Chor,

Und weit vor ihrem smaragdenen Tor

Erlischt es in weltferner Sphäre.

 

Wie Schiffe im weglosen Dunkel vergehn

Die Wünsche, ihr Jubeln und Grollen;

Mit ruhigen Augen niedersehn,

Als könnten sie nimmer die Erde verstehn,

Die Sterne im Weiterrollen.

 



Efeu
 

l.

 

Ich habe dir nicht gute Nacht gesagt,

Als man dich in dein letztes Bett gelegt,

Ob du mir dennoch dafür bieten wirst

Den Morgengruß, wenns einmal drüben tagt?

 

Daß dich verließ die alte Freudigkeit,

Das hab ich dunkelbang vorausgefühlt,

Und über alles bleibt von mir verehrt

Dein Lieben mit der stillen Tapferkeit.

 

Und liebevoll, wie jemals, fühl ich nun,

Wenn sanft mein Fuß die welken Blätter streift

Und gläubig mir das nächste Sprossen ahnt,

Auf meinem Haupte deinen Segen ruhn.

 

 

II.

 

Ich knie’ vor keinem Heiligenbild

Will ich vom Staub mich reinigen,

Und habe nie den Geist gebeugt

Als nur vor Gott, dem Einigen.

 


Doch gibt’s ein Bild, vor dem ich steh,

Oft unbelauscht die Hände schlingend,

In stummbewegtem Zwiegespräch

Ihm meines Herzens Weihrauch bringend.

 

Das mich bewacht und mich berät

Und weiß um jegliches Erleben,

Vor dem ich prüfe meinen Tag:

Hast du auch nichts mir zu vergeben?

 




Seine Geige

 

Das ist schon lange, lange her,

Daß du den Bogen führst nicht mehr,

Seitdem das letzte, traute Lied

Verhauchte wie der Wind im Ried

Am Abend.

 

Es ist verstummt, und du bist fort,

Dein Bogen ruht, du weilest dort.

Die Saiten lockerte die Zeit,

Nur eines wächst, die Einsamkeit

Am Abend.

 

Oft rühre scheu das Holz ich an

Und denke, wie sonst du getan;

Nur Liebe weiß, was in ihm schlief

Und was aus ihm die Liebe rief

Am Abend.

 

Habt acht, daß nicht die Saite springt,

Habt acht, wie sie so geistig klingt — —

Es schwankt ein zitternd weicher Glanz

Im Räume, eh’ es dunkelt ganz

Am Abend.

 




Kinder

 

Wir sind ein reifend Halmgewoge

Auf dieser durst’gen Erdenau,

Und Kinder sind der Blumen Süße,

Die Kinder sind der reine Tau.

 

Sie sind die weichen Morgenstrahlen,

Und Falter sind sie, sonnbeschwingt;

Sie wissen nichts von unserm Quälen,

Das mühevoll um Früchte ringt.

 

Im Kreise ihrer heitern Spiele

Ist alles duftig, wahr und klar,

Ein Wiederglanz vom Paradiese

Liegt noch auf ihrem Lockenhaar.

 

Und wenn von Mittagslasten müde

Die Ähre sich zur Erde neigt,

Erquickt sie’s, wenn zu ihren Füßen

Ein liebes Blütenlicht sich zeigt.

 

Was würde aus der Halmenmenge,

Entbehrend Morgenschein und Tau?

Was wäre, wenn die Kinder fehlten,

Was wär’ uns noch die Erdenau?

 


Sie sind ein goldnes Borngeriesel,

Entsprungen aus der Hoffnung Spur,

Sie sind aus Gottes ew’gem Herzen

Ein stets erneuter, heiliger Schwur.

 



Waldstille

 

O, das war Waldesruhe,

Die heut mich überkam

Und die aus meiner Seele

Die alte Unrast nahm!

Als sei jedwede Fehle

Und alle Schuld gebüßt,

So hat die Wunderbare

Zur Ruhe mich geküßt.

Zur Stille, die das klare,

Das große Fühlen gibt,

Und die vom Geist des Waldes

Empfangen, die er liebt.

 

Oft ging mein Traum der Jugend

Auf fernen Urwaldszug;

Ihr tiefen Heimatwälder,

Nun seid ihr mir genug!

Ich wurde mit euch älter,

Doch wie ein Kind zu euch

Kehr’ ich, den greisen Hütern

In eures Hains Bereich,

Erfleh’nd von allen Gütern:

Daß ich wie solch ein Baum

Ausleben darf die Tage,

Ausfüllen meinen Raum.



Nachtanbruch

 

Goldene Perlen die Sonne verstreute

Eh’ sie im purpurnen Bette versank,

Wehende Wipfel und Wendgeläute

Mischen der Erde den Schlummertrank.

 

Leise auf schmiegender Sohle gegangen

Kommt nun die Nacht mit den Sternen im Haar,

An ihren güldenen Gürtelspangen

Hängt eine Sichel von Silber klar.

 

Schnitt sie und halten die segnenden Hände

Spenden des süßen, geheiligten Mohns?

Schreitet sie trauernd längs dem Gelände,

Bringerin schmerzlichen, bitteren Lohns?

 

Naht sie mit mächtigen Zaubersprüchen,

Spricht sie ein schlichtes und starkes Gebet?

Wird von dem Blatte des Tages gestrichen,

Was dort Verschuldetes, Arges steht?

 

Kommt sie, zu lindern das Laute, das Wilde,

Schwindet verwirrender, täuschender Schein?

Leitet sie leise in die Gefilde

Sammelnder, ewiger Ruhe uns ein?

 


Selig, wer im verrauschenden Heute

Frieden der waltenden Nacht sich gewann,

Selig, wer sie im Abendgeläute

Schuldlos gesprochen erwarten kann.

 



Csárdás

 

Hört ihr die Geigen locken und laden,

Rufend zum Feste die stolzen Magnaten?

Kränze und Banner prangen im Saale,

Goldner Tokayer füllt die Pokale,

Töne und Tänze, die Lust der Magyaren,

Fügen die Gäste zu wechselnden Paaren;

Stolz von den Czakos nicket der Reiher,

Weich um die Wangen rieselt der Schleier,

Und in das Funkeln von Edelgestein

Blauen und dunkeln die Augen darein;

Und durch das Wogen der bunten Gewänder

Schlingen die Geigen verknüpfende Bänder,

Lenken das Wiegen und Schmiegen und Winden,

Sprödes Versagen und strahlendes Finden!

Hier vor der Schwelle in mal’rischer Gruppe

Hält der Zigeuner wandernde Truppe,

Kinder der Pußten, sonnenverbrannt,

Heißen Geblütes und fiedelgewandt;

Lassen die Saiten sprühen und klingen,

Lassen sie klagen, lassen sie singen,

Lassen die Seufzer schwirren und schweben,

Spielen ihr eigenes irrendes Leben,

Zaubern urplötzlich die üppigsten Ranken,

Zünden die Liebe und Liebesgedanken.

»Leise beweget das Schilf sich im Winde,

Nachtigall flötet in duftender Linde,

 

Lautlos wandeln der Sterne Heere

über der Steppe trockenem Meere,

Seewärts ziehen die wilden Schwäne,

Heimlos schweifen wir Pußtensöhne,

Wüßten fürs Leben kein Zielen und Danken,

Wäre nicht Liebe und Liebesgedanken!« —

Auge in Auge dem ersten der Geiger

Gräfin Ilonka im Schmucke des Reiger

Wiegt sich, ihr Partner aus edlem Geschlechte

Führt sie mit Anmut im Reigengeflechte.

Rascher und toller in wonniger Hast

Tönt es schon voller und kommt es gerast:

»Willst du mich fliehen, hörst du mein Werben,

Weißt du, wie Falter und Schwäne sterben?

Sterben in Flammen, sterben im Klange,

Saiten zerspringen im Liebesgesange!

Komm, wirf sie von dir, die rauschende Schleppe,

Komm mit hinaus auf die endlose Steppe,

Und von den eilenden Rossen getragen

Laß mit den Wolken im Wettlauf uns jagen;

Du bist die Braut und ich bin der Freier,

Du bist die Flamme und ich bin das Feuer,

Komme im Wetter und trage dich, Fee,

Brausender Retter, auf Heiden und See,

Jauchze im Sturme und lache der Schranken,

Frei ist die Liebe und Liebesgedanken!« —

Reich wie ein Gott, der die Quellen versendet,

Wellen und Wogen der Geiger verschwendet;

Herrscher der Heide bei den Gefährten,

Trüg’ er beseligt der Dienstbarkeit Härten

Um ein Berühren des seidenen Kleides,

Eine Minute des Reigengeleites,

Eine Sekunde von Ewigkeit voll,

Horch, wie’s dem Munde der Geigen entquoll:

»Kanntest, Ilonka, du süßres Verlocken,

Das dich umgibt wie die Fülle der Glocken,

Das dich umwindet mit magischem Kreise,

Sprengend der Seele zu enges Gehäuse?

Daß meine Lieder zum Meere doch würden,

Dich in den Schleiern des Schaumes entführten;

Laß von den eiteln, gleißenden Freunden,

Wähle den einen, den Wettergebräunten!

Hörst du im Hofe die Rosse schon scharren,

Komm, laß die Feurigen länger nicht harren,

Wo mit dem Himmel die Steppen verblauen

Sollen dich Wonnen der Liebe betauen,

Voll bis zum Grundton gehör’ ich dir an

Wie der Orion der himmlischen Bahn,

über uns webt in den Sternen, den blanken,

Wachend die Liebe an Liebesgedanken!«

Eng um der Tanzenden Leiber und Wangen

Schmiegen die Rhythmen sich, singende Schlangen,

Stricken um alle die Festesbetäubten

Schwingende Netze von Häupten zu Häupten.

Trüber und zuckender brennen die Lichter,

Tiefer gerötet sind alle Gesichter,

Wenn in den Adern zu rinnendem Feuer

Sich mit dem Blute vermählt der Tokayer;

Hier eine Blüte, ein Lockenring,

Welkend verglühte, die Schläfe umhing.

Keiner der schwindenden Stunden gedachte,

Jede erloschne die nächste entfachte,

Jeder, die schönste der Nächte zu dehnen,

Möchte vom steigenden Tage entlehnen!

Endlich, unheimlich empfinden es alle,

Durchschreitet die Göttin des Schweigens die Halle;

Unsichtbar, dennoch gebieterisch waltend,

Hoch in der Rechten ihr Stundenglas haltend

Weist sie zur Ferne des Westhorizontes

Nach der verblichenen Fahne des Mondes.

Laßt drum der Geigen schmelzende Stimmen

Frei durch die Fenster ins Frühdämmer schwimmen,

über die Heiden, über die Moore,

Gegen der Mitternacht einsame Tore;

Verbrause, du Zimbal, im letzten Ergüsse

Ermattend wie mit eines Sterbenden Kusse,

Und bei dem verklingenden Seufzer der Geige

Zerschellt an der Erde den Kelch mit der Neige.

Der kühlstille Morgen im Nebelgewande

Drängt weiter, treibt weiter die unstete Bande,

Zu wandern auf täglich geänderten Pfaden,

Ein flüchtiger Takt aus dem Sang der Nomaden;

Zu Wagen und Rosse der glänzende Reihn

Gewendet vom Schlosse, vorbei wie ein Schein!

Verwischt die Geleise, die Spuren im Kraute,

Lebendig der Wind nur, der echovertraute

Als einziger Gast noch vom Reiche der Heide

Und klagt am verlassenen Leichnam der Freude:

»Die Lichter erlöschen und Kränze entlauben,

Die Töne verwehen und Leben verstauben,

Und Dunkel und Schweigen, das sind unsre Lose

Und Asche und Staub ist das Ende, das große,

Wenn nicht die Welten erbarmend umranken

Würde die Liebe mit Liebesgedanken!«

 



Zürnen

 

Wie wäre so wert uns der Rosen Geschlecht

Ohne Dorn, ohne hütenden Dorn?

Wie ließe sich streiten für Wahrheit und Recht

Ohne Zorn, ohne mutigen Zorn?

 

Wenn die Lüge stolziert und die Frechheit sich spreizt,

Wenn die Schwachen drückt die Gewalt,

Wenn am Wege der Jugend lauert und reizt

Der Sünde vielschöne Gestalt;

Dann darf auch das Weib im Zorne erglühn,

Das ist ihr ein heiliger Schwung,

Dann sollen und müssen die Dornen sprühn

Ein Feuer der Reinigung.

 

Was war’ ohne sichtendes Aug’ das Gejaid,

Und der Strom ohne sprudelnden Born?

Was ist ohne Frische die schönste Maid,

Was ein Können ohne den Sporn?

 

So lass’ ich wohl fühlen den Dorn, meinen Dorn,

So möcht’ ich nicht sein ohne Zorn, ohne Zorn.

 



Adlertod

 

Nächst der Moräne versteinertem Guß

über des Abgrundes gierigem Spalt

Mitten im Schweigen ein schreckender Schuß,

Der in die Bläue sich wölkend verhallt.

Eine gewaltige, sausende Flocke

Stürzt der getroffene Adler herab,

Brüderlich auf dem vorspringenden Stocke

Bietet der Fels ihm ein luftiges Grab.

 

Ob der Verwundete schmerzlos verschied

Gipfelhoch fallend in senkrechtem Grad?

Zuckt noch die Schwinge, kehrt sich das Lid

Nach dem erlöschenden Sonnenpfad?

Nein, nicht so willig von Licht und von Leben

Läßt, wer gefühlt sich in jauchzender Höh,

Größe erwartet das schwerste Ergeben,

Größe das tiefste Vernichtungsweh.

 

Nähe und Weite sein Blick noch umfaßt,

Eh ihn das Grau’n der Erstarrung beschleicht,

Trifft auf des Schützen hochklimmende Hast

Ob er die kostbare Beute erreicht;

Sieht noch in Schärfe, wie jener sich mühte

Jenseits der Kluft, die kein Pfad überbrückt,

Todestriumph wallt im Adlergemüte:

»Nimmer des Frevels Vollendung dir glückt

 

»Der du mein köstliches Dasein gekürzt,

Nie deine Hand meinen Leichnam entweiht;

Daß er als Preis dir dein Prahlen nicht würzt,

Bin ich durch Schranken der Schluchten gefeit;

Leicht ist’s, mich Räuber der Lüfte zu schelten

Um den gerechten Tribut meiner Klau,

Leicht ist’s, zu opfern dem fernher geschnellten

Feigen Geschosse des Königsbluts Tau.

 

»Herrscher der Höhen, was frug ich nach euch!

Meine Geliebte die Sonne allein!

Drunten das Antlitz der Flache wie bleich,

Ihre Geschöpfe wie staubesgemein!

Wie sie den Fuß meiner Berge umschmeicheln, —

Glaubt ihr, die Wachsamen kennen euch nicht,

Heute noch duldend das widrige Heucheln,

Morgen enthüllend ihr Rachegesicht?

 

»Tat und Vergeltung im Wechsel gesetzt

Bilden der Starken unfriedbaren Kampf;

Ungestraft keiner den Gegner verletzt,

Sühnend schon wittr’ ich im tödlichen Krampf

Brausen zwei Adler, ein schwarzer, ein weißer:

Trifft euch der weiße, Lawinengedröhn’!

Drohend als furchtbarer Hüttenzerreißer

Faßt euch der schwarze, der grimmige Föhn!

 

»Nähe des Todes entfärbt den Azur,

Schleiert in Dunkel mein schneeiges Reich;

Wende dich, Jäger, auf ruhmloser Spur,

Vor eines Königes Ende entweich’;

Geh und verbirg dich beim schwunglosen Schwarme,

Donnernd mein Ewiges über euch kreist,

Öffne mir, hohe Natur, deine Arme,

Dir meine Hülle, dem Geiste der Geist!«

 

Müde die Falten der Fittige streckt

Schweigend der Fürst übers steinerne Bett,

Still auf die Wände die Dämmerung deckt

Samtener Teppiche Tiefviolett.

Unter ihm irrt in der nächtlichen Ferne

Dem der Gemordete sterbend geflucht,

über ihm stehen die heiteren Sterne,

Sonnen wie die, die er strebend gesucht.

 




Eine Welle

 

Wie eine Welle eilt zum Strand

Und wiederum von bannen schrickt,

So hab einst ich an deiner Hand

Der Hoffnung blühend Ziel erblickt,

Und wie sie fortgerissen rennt

Um ganze Reiche weit,

So bin nun ich von dir getrennt,

Verklingend mit der Zeit.

 

Mich tröstet, wo die Flut gewallt,

Daß sie nicht immer spurlos blieb,

Und noch gewonnen an Gehalt,

Wenn sie am Felsgesteine rieb;

So manche Welle seligschwer

Geht mit geheimer Last an Gold,

Damit sie unwert nicht und leer

Hinab zum Ozeane rollt.

 




Der Schlüssel

 

Was du je an mir erfahren,

Liebster, schließe sicher ein:

Meine Lust in Maienjahren,

Einzigsüßen Liebesschein;

Die Gebete all, die frommen,

O, sie konnten gläubig sein,

Was dir je von mir gekommen,

Alles schließe heilig ein!

 

Und der Schlüssel sei verborgen,

Daß ihn keiner mehr erriet,

Lass’ ihn ruhn so manches Morgen

Und so manches Jahr, das flieht;

Oder, wenn die Tage trüber

Und dein Wandervogel zieht,

Wirf ihn in den Brunnen lieber,

Daß ihn keiner, keiner sieht.

 



Vertrauen

 

Nicht harmlos, kindlich, unerfahren

Führt es mich durch den Lebenskreis,

Es trögt in seinen vollen Haaren

Verborgner Kämpfe Dornenreis.

 

Es hat oft blutend fortgefochten

Verfolgt, getäuscht und dennoch treu;

Und lächelt glorienschein-umflochten,

Geprüft, geläutert, göttlich-neu.

 

Es bleibt das Erste meiner Güter,

Ist, was ein alter, wohlgeglühter,

Vielwerter Stahl dem heißen Streiter,

Ist mir ein siegender Begleiter.

 

Es reicht den Kelch mir im Verschmachten,

Die Leuchte mir in schwerstem Nachten

Und, wenn im Braus mein Schiff verschwindet

Das Tau, das an die Gottheit bindet.

 




Dunkle Blumen

 

Sie sagte mir nicht, für wen sie die bunten,

Würzigen, wilden Blumen gebrochen,

Verriet nicht den Ort mir, wo sie gefunden

Die Kinder brütender Sommerwochen;

Ich glaube, sie standen ganz tief im Gehölz,

Wo der Waldsee verbirgt sich dem Blicke,

Dort wartend im Dunkeln, in prächtigem Schmelz,

Bis die Blume die Blumen pflücke.

 

Und sie sagte mir nicht, wer die Knospe, die eine,

Die samtne ihr gab an das Mieder,

Doch weiß ich’s vom purpurnen Wangenscheine

Und der feuchten Schwere der Lider,

Daß wieder einmal ein Knoten sich schlang

Am Netze der Liebesgeschicke,

Und die Stunde nicht fern, wo das Wild nicht mehr bang,

Wo der Jäger die Blume sich pflücke.

 

So sagt sie auch nicht, für wen ward gebunden

Ein Strauß heut von Blüten, von blassen,

Für wen sie mit Kränzen die Bahre umwunden,

Wen die Erde noch heute wird fassen.

Ich lese nur aus dem bleichen Gesicht

Das Lied vom zersprungenen Glücke,

Denn den Tod bekümmert der Garten nicht,

Wenn ihn lüstet, daß Blumen er pflücke.




Sternschnuppen

 

Es war an einem Abend, einem stillen,

Und aufzugehn begann die Himmelssaat.

Eh ich in meiner Liebsten Pförtlein trat,

Hob ich die Hände, wie um sie zu füllen —

Oder sprachest du mir nicht von Liebe?

 

Kein einzig Korn fiel golden zu mir nieder;

Die Himmelsähren bleiben droben stehn,

Indes wir Armen unten hungernd gehn,

Und Wolken breiten dunkeles Gefieder —

Oder sprachest du mir nicht von Liebe?

 



Abend

 

Stille verblühet im Westen das Rot

Von wachsenden Schatten gesogen,

Und ringsum erging ein Ruhegebot,

Der Wind hat sich müde geflogen;

Auf murmelnden Wellen läßt er sich sacht

Antreiben zum flachen Gestade,

Ein Träger der wallenden Schleier der Nacht,

Ein Bote der himmlischen Gnade.

 

Zur Stunde, wo leise verblühet das Rot,

Kommt schweigend ein Schütze gezogen,

Seine Waffe gebietet dem Glück wie der Not,

Tiefste Ruhe verbreitet sein Bogen.

Er liebt in der Zeit, wo das Spätlicht erbleicht,

Zu suchen das Ziel seines Pfeiles,

Und trifft das Erwählte so sicher und leicht

Als böt’ er den Becher des Heiles.

 



Campanula

 

Du Allerschönste im hohen Saal,

Den das glänzendste, weiteste Dach bedeckt,

Um den die schimmerndste Mauer sich streckt,

Wo die Lüfte bereiten dein duftendes Mahl,

Campanula!

 

Dort stehest du still wie am Hochaltar,

Ob der Bergquell ein köstlich Geschmeide dir bringt

Und der muntere Wind dir ein Liebeslied singt.

So kurz, o so kurz ist das Sonnenjahr,

Campanula!

 

Wer ist wohl der Kühne, der um dich wirbt?

Enzian, der Kecke, in tiefblauem Stahl?

Ein armer Dichter aus schattigem Tal,

Der dein Schloß erstürmt und am Siege verdirbt,

Campanula?

 

Was wiegst du und schüttelst dein silbernes Haar?

Geschaut nur vom Auge der Einsamkeit

Willst in deinem Reiche, so blauend weit,

Vergehn gleich der Kerze am Weihaltar,

Campanula?

 




Der Nordpol

 

Die Märe ging und trug’s ins Binnenland:

Von einem König, der im Norden sitzt,

Eis ist der Thron und Schnee sein Prunkgewand,

Gefrornes Feuer aus der Krone blitzt.

 

Um seinen Stuhl den weiten Baldachin

Aus blauem Frost die Atmosphäre spannt,

Darüber strahlt in Purpurgalerien

Der königliche Namenszug gebrannt.

 

Des Herrschers Ohr berückt kein Stundenschlag,

Die Weltuhr scheint zu hemmen ihren Gang,

Einäugig schaut er vielfach langen Tag

Und brütet weiter Nächte mondenlang.

 

Erhüb er sich in voller Majestät,

Der Erde Triebkraft stünd’ auf seinen Wink,

Verfinstert irrte haltlos der Planet,

Als ausgebrochnes Glied im Sterngeblink.

 

Nicht Luft- noch Wellensegler dringt zum Firn,

Die Schwingen wendet scheu der Albatros,

Erstarrend bäumt sich vor der Gletscherstirn

Des Nordmeers vorgeeiltes Wogenroß.

 


Der König thront in unzählbare Zeit

Und trotzt des Menschen Erdregentenwahn,

Und sein Gemahl, die Todeseinsamkeit,

Schleicht lähmend uns in schweren Nächten an.

 




Einem Künstler

 

Vor deinem Werke muß ich beten

Und fromm bin ich vor deinem Bild,

Als sollt’ ich aus dem Schlummer treten,

Erwacht, ins selige Gefild!

Es ist ein hauchgelenktes Gleiten

Auf einer See voll Licht und Ruh’,

Ein sinnverlornes Walddurchschreiten,

Wenn kaum sein Herzschlag raunt dazu.

Du läßt ein hohes Lied uns wissen,

Das Lob der Reinheit klingt der Stein;

Die Hand, den Meißel möcht’ ich küssen,

Das soll der Dank der Frauen sein

Dem Meister, der uns von erhöhten

Weltstillen Zinnen Flammen bringt,

Mich macht mit seinem Werke beten,

Mit seinem Geist mich fromm durchdringt.

 




Spätherbst

 

Wer hat dich, o Mutter, verstoßen von Haus

Und löschte die festlichen Lichter dort aus?

Nahm Säulen und Wänden die grünen Girlanden,

Vertrieb alle Gäste und frohen Musikanten,

Zerbrach dir die Scheiben, die freudigen, bunten,

Zerriß noch die Fahnen von oben bis unten?

 

Der Feldherr des Winters kam schnaubend geritten,

Da fielen die Kränze vom Schwerte zerschnitten;

Er stürmt in die Säle

Und kreist um den Thron,

Mit rauhem Befehle

Im Übermutston

Bedroht er, o Mutter, den Sitz dir und Reich,

Dein Mund, einst so lachend, wie schließt er sich bleich!

Und willst du entfliehen dem drängenden Freier,

So gehst du geleitlos, so folgt kein Getreuer.

Nicht im Gewand der Freude

Von Rosenduft durchtränkt,

Du irrst im Bettlerkleide,

Daran dein Kind sich hängt;

Dein Kind, des Spielens müde,

An deine Brust sich schmiegt,

Noch trauend ihrer Güte,

Auch wenn ihr Quell versiegt.

 

In den fremden Weiten

überm öden Feld,

In den Einsamkeiten,

Die kein Echo hellt,

Unter schwarzen Fichten

Wartet stille Bucht,

Die kaum Rehe sichten,

Die der Sturm nicht sucht.

Ein weiches, weißes Kissen

Wird leise hingelegt,

Kein Sehnen und Vermissen,

Kein Schmerz mehr uns bewegt:

Im Bette der Heide

Dort ruhen wir aus,

Dort träumen wir beide,

O Mutter, von Haus.

 




Daheim

 

Immer, meine Heimat, liebt ich dich,

Mit den Jahren immer inniger.

Glänzten Südlands große Sterne mir,

Müßt’ ich deiner blassen Nebel denken.

Träte fern mein Fuß auf Teppichgrund,

Dächt’ ich deiner felsgewundnen Pfade.

Und wenn weiches Schmeicheln mich berührt,

Denk’ ich deiner arbeitsrauhen Hände,

Fremder Grüße Wohllaut geb’ ich hin,

Um ein karges Wort aus welkem Munde;

Monde tauscht’ um eine Stunde ich,

Ständ ich an geliebtem Krankenbette,

Aus der Schale, die die Heimat reicht,

Dankbar Gut und Schlimmes zu empfangen.

 




Auf der Alb

 

Hell ist mein Hochland, und schneeige Weite

Füllte des Raumes beschränkendes Maß,

Fern an der Hügel umflortem Geleite

Schimmern die Forste in bläulichem Blaß.

 

Was wir dort unten im Tale nicht wissen

Atmet des Hochlands geheiligtes Ruh’n,

Frei ward ich oben von Wunsch und Vermissen,

Die uns dort folgten auf brennenden Schuh’n.

 

Lauschend und dankend den reinen Winden,

Selbst wie geklärt in des Himmels Kristall,

Seh’ zwischen Wäldern die Sonne ich schwinden

Gleich einer Fürstin durchs Tempelportal.

 




Erkenntnis

 

Das sind die Ärmsten, sind die Bedrängten,

Die ich nicht kannte, und kaum noch gesehn,

Wie aus dem Schoße der Erde gestiegen

Seh’ ich die Scharen genüber mir stehn.

 

Schleichenden Fußes, gebeugt unter Lasten,

Hager, gefurcht, und die Haare gebleicht;

Alle verklagen mich, näher und lauter,

Daß keinem, nein, keinem die Hand ich gereicht.

 

Oder die Jungen, mit heftigen Fäusten,

Senden mir Blicke, verstumpft oder grell,

Heiß ihre Lippen nach frechen Genüssen:

Kennst du uns? Scholl es wie Meutegebell.

 

Kennst du die Schächte und Schlünde des Lebens,

Du, auf der sanften, geebneten Bahn?

Fühlst du des Elendes glühende Asche

Oder der Sinne wilden Orkan?

 

Glaubst du Verdammnis, jetzt oder später?

Wo sind die Schulden, bei uns oder dir?

Hast du nach uns je gefragt, und die Hände,

Strecktest du einmal sie mir? — — »Oder mir?«

 


So aus der Wolke, der Schar, aus der Menge

Dringen erschreckende Stimmen an mich,

Gräßlicher Ton dem erschlafften Gewissen,

Tageslicht, blendend und fürchterlich.

 

Weg meine Kissen, fort die Gewänder,

Nackt wie die Seele steh’ ich vor euch:

Bei mir ist das Unrecht, Versäumnis, die Sünde,

Ganz, ohne Markten, ohne Vergleich.

 

Nie hab ich Liebe und Mitleid besessen,

Schlecht war die Münze, erbärmlich und klein;

Ihr, die ich sorglos nicht sah und nicht kannte,

Nenn ich mich noch gut und nenn ich mich rein!

 

Liegt mir fortan als Last auf dem Herzen,

Daß es des Jammers nimmer vergißt,

Und sein selbstisches Leiden und Sorgen

An den Tiefen des Lebens demütig mißt.

 




An das Schicksal

 

Ich klag dich nicht an um Verlust und Verzicht

Und nicht um dein hartes Versagen,

Das lege ich alles zum andern Gewicht,

Nur lass’ es zu Ende mich tragen!

 

 

Und mein Auge hab’ ich in deines gesenkt,

In das starrende, seelenlose,

Ohne Weigern und Güte hältst du verschränkt

Deine kühlen Hände im Schoße.

 

Kein Erfüllen verlang ich von deiner Ruh,

Das Glück brauchst mir du nicht zu geben,

über kurz oder lang bin so kalt ich wie du

Und so fertig mit Wünschen und Leben.

 

Nur das: warum du uns Feinde gabst

Und so wenig der Kraft, sie zu lieben,

Nur das: warum du die Bösen labst,

Und der Gute wird elend vertrieben;

 

Und das: warum nur der Menschen Schar

Noch wider einander wütet,

Ganz wie es in rohester Vorzeit war,

Als hätte kein Gott sie gehütet.

 

Und du hältst die starre, die fühllose Wacht

über Vergehn und Gestalten;

Ob du gesehen, ob du bedacht,

Du Senderin dunkler Gewalten?

 

Einen Hauch deines kühlen Odems gib,

Dies Eine sollst mir nicht versagen;

So mag ich, wie immer mein Urteil blieb,

Bis zum letzten Ende es tragen.

 



März

 

Alle Bäume tauen Tränen,

Schlafvergoss’ne, freudenscheue,

Prüfen erst der Glieder Dehnen,

Trauen kaum der heitern Bläue:

Himmel, der so strahlend steht,

Wolke, die so luftig zieht,

Lasset keinen Schnee mehr fallen,

Laßt den zarten Knospen allen,

Die mit vielen Frösten rangen,

Laßt die ersten tiefen, langen,

Sehnendsüßen Atemzüge,

Himmel, lächle keine Lüge!

Menschenaugen sahn uns gestern,

Als ein jedes noch die festern

Winterfesseln an sich trug,

Die der Sonne Kraft zerschlug.

Heute alle Poren perlen

An uns Reben, Buchen, Erlen;

Was uns so mit einem Schlage

Riß aus eisigem Geflechte,

Sind’s der Himmel frohe Mächte,

War’s des Menschenauges Frage:

Tragt auch ihr ein stilles Leben,

Will es Antwort, Echo geben?

 




Abschied vom Urner See

 

Fließe, ströme, felsbeschatteter

Kristallentrunkener See;

Schön und breit deine Wellen

Gleich Heldenliedsstrophen gehn —

Verhallend an der Berge,

Deiner Schildmauern Wand.

Am freieren Ufer schwanken

Gräser und Laub mattgolden,

Hier steht und sinnt schon der Herbst

Summend in die Melodie.

Doch morgen greift er aus

Und stört die Flut,

Von Bucht zu Bucht

Treibt er ihr Heer.

Heut ist noch Friede,

Abendsonnig schön,

Und um der Mythen

Rötliche Stirnen

Die Nebelbinden wehn,

Sonst zierend ihr Haupt

Des Morgens nur.

Von Herbsteshauch

Die erste Spur.

Tief in der Bucht

Das Schattenbild

Des kühnsten Berges,

 

Von goldnem Grund umstrahlt,

Es taucht in Dünste

Der frühen Nacht.

 

Fließe, ströme, kristallentrunkener,

Felsbeschatteter See;

Schwinde, verklinge, du Flut,

Unvergeßlich mir,

Glänzend und labend

Durch alle Tage

Mit deinem Heldenliedshall.

 




Beim Herbstfest

 

Wollet die fröhlichste Arbeit ihr sehn,

Müßt ihr in Neckarlands Rebgärten gehn,

über der Hügel vollaubigem Kranz

Hebt sich ein Himmel von stählernem Glanz.

 

Schafft an den Hängen der Winzer Gemisch,

Lädt die Terrasse mit gastlichem Tisch;

Um uns die Luft voller Weinesarom,

In unsern Pulsen ein feuriger Strom!

 

Und spielenden Donners Salut auf Salut,

Rebe, der gilt deinem fürstlichen Blut!

Du bringst des Jahres edelsten Sproß,

Gewählt und geweiht zu der Götter Genoß.

 

Wenn nun der Tag sich verschleiert im West,

Schallender, leuchtender währet das Fest,

Lustige Feuer entsprühen dem Hang,

Alle umlagert bei Volksliedersang.

 

Aber mit jählings entfremdetem Ohr

Lausch’ ich zur Höhe des Berges empor,

Dort, den umnachteten Hügel herab

Nahet ein Reiter in lautlosem Trab.

 


Mitten im Kreise schon fliegt sein Gewand,

Bäumt sich der Rappe und stürzt in den Brand —

Keiner begriff, daß er mächtiger loht

über des Sommers glänzendem Tod!

 

Unter Gejauchze und grellem Getön

Sah ich ein Sterben so heldenhaft schön,

Fernab der Menschen verschwirrendem Reihn

Segnet Natur seine Asche nun ein.

 




Her und hin

 

Mit voller Seele bin ich heimgekommen

Von meinem sonnenfrohen Reiseleben,

Viel reiche Münze hab ich eingenommen

Und kann sie gern und sorglos weitergeben.

 

Noch fliegen von entschwebter Tage Reigen

Fernhin mit hellen, farbigen Gewändern

Die holden Geister, die mit schlankem Neigen

Umflochten mich mit goldgesternten Bändern,

 

Drauf Namen stehn von Menschen und von Orten,

Noch gestern liegend außer meinem Kreise,

Lebendig, sinnreich nun für mich geworden

Und Bruderspur dem eigenen Geleise.

 

Das Segel stell’ ich mutig auf im Weste

Und warte nicht zu lang im stillen Hafen,

Auch widrig, wendet sich der Kurs zum Feste,

Empörte Wogen werden meine Sklaven.

 

Dann stoße in dein klingend Horn, du Seele,

Wie eine Möve holet ihre Beute

Gewandt aus gischtdurchsauster Wasserhöhle,

Sei dein das stürmische wie heitre Heute.

 




Wie bin ich frei

 

Wie bin ich frei, so froh und frei!

Nacht zog und Sturm und Frost vorbei,

Nach lindem Regnen duftend quillt

Die braune Scholle, keimgefüllt,

Erlöschend sinkt der matte Mond

Und es wird Tag, die Sonne thront;

Von meinen Lippen flieht die Scheu,

Wie bin ich frei, so froh und frei!

 

Ich eile wolkenhaft und leicht

So weit mein Aug’ und Fittig reicht,

Es schaut der Erde wogend Heer,

Er streift der Himmel Strahlenmeer.

Aus schaurig dunklen Schatten stieg

Mein sehnend Ich zu Kraft und Sieg,

Als ob ich frei, so froh und frei,

Der Göttin Sonne Tochter sei!

 




Der Weihnachtsengel

 

Mitgejubelt hat mein Mund

In der heiligsten Nacht,

Als mit seligem Schrecken

Dort die Hirten erwacht,

Und im Glanze der Sterne

Und der himmlischen Schar

Geeilt, zu verehren

Den Heiland der Welt;

Die ärmste der Wiegen,

Den Rand seiner Krippe,

Mit betender Lippe

Inbrünstig geküßt.

*

Jener Stunde voll,

Ohne Maß der Zeit,

Bleiben zu Boten

Jener Nacht geweiht

Ich und meine Brüder,

über Land und Meer

Wecken wir Chöre,

Die Liebe zu loben,

Gekommen zur Erden,

Durch Armut zu werden

Ihr herrlichster Herr.

*

 

Mitzugrüßen trat ich ein

Sprechend: Friede sei mit euch!

Jede Seele dieses Hauses

Sei’s vernehmend himmlisch reich.

Sehet, über dem Dache

Steht der Stern aller Welt,

Durchglänzend die Nächte

Und füllend das Herz,

Als Heimat in Fremde

Und Tröstung im Leide,

Verklärung der Freude,

Der heilige Christ.

 




Im Hain

 

Im Haine alter Kastanien,

In duftender Dämmerung

Kommen die Winde zur Ruhe

Von ungemessenem Schwung.

 

Und neigen in träumenden Hauchen

Den sturmeskundigen Mund

Auf weiße Sternenblumen

Am dunkeln Schattengrund.

 

In vollem Himmelsglanze

Schwebt Ufer und Wellengang,

Ein ruhendes Blau dort oben

Und ein Blau in wogendem Drang.

 

Und mitten der stillen Wolke

Durchglänzte Lichtgestalt

Wie eine einsame Seele

Sehnsüchtig aufwärts wallt,

 

Wie meine singende Seele

In lebenslanger Flucht

Weit über dem schönen Bilde

Der Schönheit Heimat sucht.

 




Reiner Klang

 

In dem goldnen Land des Sonnenaufgangs,

Das die Meeresbläue rings umschleiert,

Wo ein kindlich frohes Volk noch heute

Heiter seine Blumenfeste feiert,

Lebte einst ein hochberühmter Künstler,

Den sie Meister nannten der Metalle.

Was von ihm gegossen und gehämmert,

Fand in Fürsten- oder Tempelhalle

Nichts, das an Vollkommenheit ihm gleiche.

Waffen schuf er, Schmuck und köstliche Gefäße,

Tiere, denen nur die Stimme fehlte,

Götterbilder voll erhabner Größe,

Daß die Opfernden erschauernd nahten.

Und der Herr des Ostens ließ einst rufen

Meister Olishama, und zum Staube

Neigt sich dieser vor den Thronesstufen.

»Eine Glocke sollst du, Meister, gießen,

Meiner neu erbauten Sommerwohnung

Zierde, aus den edelsten der Erze;

Und so reich sei sie an Hall und Tonung,

Daß solch nie gehörte Wunderstimme

Man der Stunden dreißig weit im Kreise

Mag vernehmen, und das Volk sich freue

über Herrscherpracht und Künstlerweise.

Geh und lass’ dir meine Schätze öffnen,

Daß sie werde, wie ich dir geboten,

 

Und wenn nicht, berühmter Olishama,

Halte dich bereit zum Weg der Toten.«

»Wie du sagst, o Fürst, soll es geschehen.«

Olishama trat aus dem Palaste,

Suchte seine stille Wirkestätte,

Die so manchen Tag ihn nun umfaßte.

All sein Wille war beim neuen Werke

Und vom herrlichen Geschenk der Erde

Schmolz er Gold und Silber, bestes Kupfer,

Einsam weilend beim erglühten Herde

Drin die Masse schwoll und brandete.

Um sein feinstes Können zu bewahren,

Blieb er ohne Schüler, ohne Helfer;

Er nur wollte höchsten Ruhm erfahren

Oder am Unmöglichen zerschellen.

Nur sein schönes Kind war die Vertraute

Seines Schaffens und besorgten Prüfens,

Ob die Flamme seine Erze braute

Und sie läuterte zum edlen Flusse?

Unablässig schürte er und wachte,

Nahrung konnte, Schlummer er vergessen,

Bis ein Kunstwerk ward, wie er’s erdachte!

Feindlich aber blieben die Metalle,

Die sich rein und eben sollten finden;

Widerspenstig in des Ofens Tiefe

Wollte keins dem andern sich verbinden.

In der Lava schauervollen Schönheit

Blitzten weiß und goldne irre Bäche,

Schäumte drohendes Dämonenzischen:

Hüt’ dich, wenn ich meinen Kerker breche!

Endlich schien der Aufruhr sich zu ebben,

Mählig sich die Mischung zu bereiten;

Und dem Meister schien die Stunde richtig

In die Form den Feuerstrom zu leiten.

Mächtig schoß er und die Dämpfe wogten,

Bis das Dräuen stiller ward und stille...

Zeit verrinnt in hoffnungsschwerem Harren,

Bringt sie Heil und siegt der Schöpferwille,

Brütet sie Mißlingen und Verdammung?

Sieh, der Meister schon den Hammer schwinget

Und die Form zersprengen seine Streiche,

Daß ihr Inneres zutage dringet . . .

Olishama, zittert er in Freude?

Will ihn Schrecken und Verzweiflung packen?

Vor ihm steht kein tadellos Gebilde,

In der Fläche hafteten noch Schlacken,

Und der Klang war unrein, ohne Seele,

Und dahin war Mühe, Kunst und Ehre!

Noch einmal denn mit ihr in die Gluten,

Ach, vielleicht gerät ihm doch das Schwere,

Wenn er das Versehene entdeckte.

Rastlos probt er, alle Sinne wendet

Auch die Tochter zu dem Schmerzenswerke;

Schon in Ungeduld der Herrscher sendet,

Der die Arbeit nun vollendet wünschte,

Die doch immer nicht sich lasset meistern.

Fiebernd schlagen Olishamas Pulse,

Zu den Göttern ruft er, allen Geistern,

Sterben kann er, nur nicht unterliegen.

Und es sah sein Kind, wie er sich mühte,

Odorima sann auf Rat und Hilfe, —

Die dem Schnee glich und der Kirschenblüte,

Und verhüllt ging sie zum Himmelstempel,

Dort mit Opfer und Gebet zu knien,

Bis die Gottheit durch den Mund des Priesters

Dunkle Offenbarung ihr verliehen:

»Was das Liebste von des Vaters Gütern,

Das verlangt der Widerstand der Erze.«

Langsam kehrt die Jungfrau ihres Weges,

Fern am Himmel stand die Mondeskerze

Und der Nachtigallen Schwermutslieder

Klangen wie ein Abschied von der Erde —

Schwiegen sie, weil Odorima seufzte? —

Nichts verriet in Ton sie und Gebärde,

Als dem Vater wieder sie gesellet.

Mit der Flammen mächtigstem Entfachen

Sucht der noch die Erze zu bezwingen;

Unverwandten Blicks den glüh’nden Rachen

Und die Lavamasse prüft das Mädchen,

Das den Umgang leise hat erstiegen.

Stumm erhob sie dort die schlanken Arme,

Und — war es ein Stürzen, war’s ein Fliegen?

Lautlos sank sie in die Glutenwogen.

Olishamas Schreckenslaut erstickte . . .

Wie er starrte nach dem gier’gen Schlünde,

Wie er sich, zu halten, niederbückte,

Nichts erhob sich wieder aus der Tiefe,

Nichts, das er für seine Trauer rette

Von der Lieblichkeit der zarten Glieder

Tauchte aus der seidenweichen Glätte,

In der fügsam nun die Flüsse ruhten,

Wie von einem Götterwort gebunden.

Ahnungsvoll empfand’s des Meisters Seele,

Daß des Rätsels Lösung sei gefunden,

Daß es galt, das Wagnis zu erneuen:

Köstlicheres als des Königs Schätze,

Als die Adern aus der Erde Herzen

Bannt nach unverständlichem Gesetze

Selbstlos hingegeben alle Mühen.

Odorima, nicht um eitle Blendung

Hat dich glüh’nder Tod dahingerissen,

Um den Preis gewannest du Vollendung,

Um die Lebensblüte ew’ge Dauer!

Klar, geschmeidig ist der Strom geflossen

Im Gefäß der Form sich einzusargen...

Wundervoll die Glocke steht gegossen,

Goldglanz spielend und von reinstem Klange

Grüßte sie das satte Licht des Tages,

Ihres Schöpfers hohen Ruhm verkündend

Mit dem Zittern ihres ersten Schlages,

Sanft und mächtig, ahnungstief und hallend,

über Flüsse ging ihr Ton und Felder,

Sank verhauchend an das Seegestade,

Zu den Bergen trugen ihn die Wälder

Dreißig Stunden weit von Turmeshöhe.

Dankbar sprach der Fürst: »Mein Meister, sage,

Welches Lohnes billig du begehrest,

Willst du, daß ich dich zum Ritter schlage,

Wähl’ der Tochter ich den edlen Gatten?«

Olishama drauf: »Mein Herr, bewahre

Deine Gnade denen, die’s bedürfen;

Ob ich Stunden lebe oder Jahre,

Bin ich eins hinfort mit meiner Glocke.«

Ernst durchschritt er staunendes Gedränge,

Lobendes Bewundern überhörend

Fühlt er nur den Strom der Feierklänge

Himmlisch klar und schön die Lüfte weihen.

»Odorima, süße Opfergabe,

Starbest nicht, o Blüte meines Lebens,

Du Versunkene im Flammengrabe

Schwebst, ein guter Geist, in reiner Höhe!

Deine Seele lebt in jenem Klange,

Deine Stimme segnet unsre Grenzen;

Wo du einen Geist im Schaffensdrange

Ahnst, wirst du ihn wachend grüßen,

Wie du Olishamas Kunst erhalten!«


Einsam fand er sich im stillen Hause,

Klar die Töne in den Abend wallten,

Selig sich im weiten Kreis zu wiegen

Bis sie, mit des Meisters Herzschlag, schwiegen.

 




Andre Welt

 

Einst ein Traum: Ein hocherschloss’nes Tor

Und ich staunend vor der leeren Schwelle;

Ob ein Hallenraum sich dort verlor,

Ob ein offnes Land sich weit erstreckte?

Licht Und Glanz quoll allerfüllend vor,

Warm und überirdisch und verdeckte

Meinem Auge die entfernte Sicht,

Wenn es gleich der Seele Sehnsucht weckte.

Lebendes erschaut ich dorten nicht

Und kein Laut war meines Traums Begleiter

Voll und meeresähnlich floß das Licht,

Selig herrschte es allein und heiter.

Lange schaut’ ich’s. Bis die Seele glitt

Leise nieder auf der Schattenleiter,

Vom Geschauten nahm sie hütend mit

Ihrer Heimat ungetrübtes Strahlen.

Und so viel sie von der Erde litt,

Und so oft der Nächte dunkle Qualen

Wanden einen schweren, festen Flor,

Siegreich wähnend sich zu hundert Malen —

Wenn ich dich, o Traum des Lichts, verlor

War die Seele nächtlich irr gegangen!

Immer rang sie sehnend sich empor,

Wenn der Erde Stimmen wirrer klangen;

Nach dem still durchglänzten Ozean

Zieht sie sichres Wissen und Verlangen,

 

Und er haucht sie unvergänglich an.

Klarheit trägt sie nun in sich beschlossen,

übles rührt sie nicht, noch Finstres an.

Werden Menschen lieb mir zu Genossen,

Kommt die Stunde, da mein Herz erzählt,

Wie das Wunderbare sich ergossen.

Wen es mit mir warm und reich beseelt,

Gleich als säh’n wir Hand in Hand die Helle,

Hab’ ich mir für alle Zeit gewählt,

Und harmonisch wallt des Lichtes Welle.

 




Pfingstabend

 

Wolken liegen um die Erde schwer,

Tot die Luft, die Aue menschenleer;

Über Dächern, sommerheiß und trocken

Hängen in den Türmen stumme Glocken.

 

Später Abend drückt mitsommerschwül,

Herzen schlagen bang auf heißem Pfühl,

Ob die leisen Schritte auf den Gassen

Guter Geister Nähe ahnen lassen?

 

Was an reinem Sehnen tief sich regt,

Was an bangen Wünschen Jedes trägt,

Alles nimmt vom Freisten zum Geringsten

Auf ihr Herz die warme Nacht der Pfingsten.

 

Donner rollt, die Wolke rauscht herab,

Daß die Gottheit sich der Erde gab,

Mattes stärkend, Hartes zu erweichen

Künden ihrer Blitze Flammenzeichen.

 

Wenn am Morgen flüchten Traum und Schlaf,

Les’ ich in den Zügen, wen es traf;

Wer im Geist durch Feuer ist gegangen

Kann die Welt, kann Macht und Weh umfangen.