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Felix Dörmann – Eriwan

Text zu einer Operette von Oskar Nedbal

Felix Dörmann, »Eriwan«, Operette in drei Akten, Musik von Oskar Nedbal, Ed. Strache Verlag, Wien, Warsdorf i. B., Leipzig, 1919.


PERSONEN:

 

Fürst Eulogius Jermolin, Statthalter von Georgien

Prinzessin Irene, seine Tochter

Fürst Cyprian Gagarin

Prinz Gogi Gagarin, sein Sohn

Nelly Schrott

Eriwan

Mimi Mack, Pensionsvorsteherin

Totja, Eriwans Diener

Gori, ein alter Bauer

Damian, Polizeiminister von Georgien

Olly

Molly

Bianka

Mercedes

1. Offizier

2. Offizier

3. Offizier

 

Klosterschülerinnen, Hochzeitsgäste. Georgisches Volk.

 

I. Akt: Klosterschule

II. und III. Akt: Schloß in Georgien.



ERSTER AKT.

 


Nr. I. Introduktion.

(Irene, Nelly, Mack, Mädchenchor.)

 

I.

 

In des Klosters kühle Hallen

Dringt kein Hauch der Welt hinein.

Keine kühnen Worte fallen,

Keusch bleibt jedes Herz und rein!

Kleine Engel schon hienieden

Wandeln fromm wir Hand in Hand,

Selig, selig wemʼs beschieden,

Daß er nie die Welt gekannt!

 

Mack.

Jetzt ist Erholungspause,

Im Garten steht die Jause.

Vertragt euch, bis ich wiederkommʼ!

Wie brave Kinder, sanft und fromm.

 

1. Gruppe.

Ist er fort, der alte Drachen,

Der so lästig und gemein?

 

2. Gruppe.

Darf man endlich wieder lachen.

Jung und lustig wieder sein?

 


Alle.

Ach, man möchte schreiʼn und toben

Über diesen dummen Zwang

Und muß stets die Tugend loben.

Notabene mit Gesang!

 

Nelly.

Wir dürfen niemals kokettieren

Und niemals sieht man einen Mann.

Ja, wozu hat man denn seine Reize,

Wenn man sie gar nicht verwenden kann?

 

Chor.

Wenn man sie gar nie verwenden kann.

 

Nelly.

Verbotene Dinge zu lesen

Ist auf die Dauer wirklich fad.

Wir alle, die wir hier versammelt —

 

Chor.

Wir brennen alle auf die Tat.

 

Nelly.

Ja, die kühnsten aller Abenteuer,

Die sind uns Mädchen grade recht,

Wenn man mit Tugend immer überfüttert,

So wird man schon aus Bosheit schlecht!

 


Chor.

So wird man schon aus Bosheit schlecht!

 

 

Nr. 2. Die Mädchen, die kleinen . . .

Duett:Nelly, Irene.

 

I.

 

Nelly.

Liebe Seele, weiß und rein,

Siehst die Welt im falschen Schein.

Weiß es besser, ganz genau

Rosenrot und himmelblau,

Ganz erfüllt von Glanz und Licht

Ist die Erde sicher nicht!

Und der Männer kecker Chor

Kommt mir sehr verdächtig vor!

 

Irene.

Gönnʼ mir den Traum und laß es sein

Und führʼ mich nicht ins Leben ein!

 

Refrain.

 

Irene.

Die Mädchen, die kleinen,

Im Bettchen so weiß,

Sie schlafen und träumen

Mit Wangen so heiß!

 


Nelly.

Die Herzchen, sie schlagen,

Das Blut jagt im Kreis,

Sie träumen vom Liebsten

Und seufzen ganz leis!

 

Irene.

Die Mädchen, die kleinen,

Sie wissen noch nichts,

Sie schauern entgegen dem Leben.

 

Beide.

Ein rosiger Schleier

Die Welt noch verhüllt,

Bald wird ihnen alles gegeben.

 

II.

 

Irene.

Einer, einer muß es sein,

Einer, einer ganz allein!

 

Nelly.

So ein Mann wird nur geträumt,

Weil er stets zu kommen säumt!

 


Irene.

Und ich glaube fest daran,

Kommen muß er, dieser Mann,

Heute tritt er noch herein

Und er wird der Rechte sein!

 

Nelly.

Träumʼ deinen Traum, ich laß es sein

Und führʼ dich nicht ins Leben ein!

 

Refrain:

Die Mädchen, die kleinen — usw.

 



Nr. 3. Man lernt in einem Pensionat.

(Gogi und Mädchenchor.)

 

Mädchen.

Ein Mann, ein Mann, ein junger Mann!

Soeben trat er herein.

Was will er bei uns und wen geht es an.

Wer kann der Fremde nur sein?

Ein Mann, ein Mann, ein junger Mann,

Wir möchten ihn gerne besehʼn

Von allen Seiten, so gut man nur kann

Es soll ihm bestimmt nichts geschehʼn!

Er kommt, er ist da!

Betritt den Raum!

Er lebt, er lacht

Es ist kein Traum!

 


Gogi.

Eine soll ich hier nur suchen.

Doch so viele stehʼn herum.

Soll ich gar deswegen fluchen?

Keine Spur das wärʼ zu dumm.

Kinder, möchtet ihr mir sagen,

Hat euch niemand noch gelehrt,

Wie man in modernen Tagen

Einen Mann begrüßt und ehrt?

 

Mädchen.

O, wir lernen leicht und gerne.

Wie begrüßt man einen Herrn?

 

Gogi.

Betritt ein Mann das Zimmer,

So springt das Mädchen auf

Und eilt entgegen immer

Dem Mann, im raschen Lauf.

Und dann so willʼs die Sitte,

Der man sich fügen muß

Dann sagt das Mädchen: Bitte.

O bitte, einen Kuß!

 


Mädchen.

Eine kann man lieben;

Doch so viele auf einmal

Ist ein bißchen übertrieben —

Allzu schwierig ist die Wahl.

 

Refrain:

 

Gogi.

Man lernt in einem Pensionat

Gewiß so mancherlei,

Doch war bis heute offenbar

Das Küssen nicht dabei.

Man hat vom Küssen nie genug

Und gibt kein Mädchen frei,

Man teilt sich nur die Sache ein

Und küßt sie nach der Reihʼ.

 

II.

 

Mädchen.

Du bist uns sehr willkommen,

Du allerliebster Mann.

Doch wird es uns auch frommen?

Wir zweifeln sehr daran.

 

Gogi.

Es wird nicht lang gestritten,

Die Hauptsachʼ ist der Schluß.

Wozu erst lange bitten?

Nur her mit einem Kuß!

So ein Dutzend rote Lippen

Besser sind als zwei,

Etwas naschen, etwas nippen,

Da ist nichts dabei.

 

Refrain:

 

Gogi und Mädchen.

Man lernt in einem Pensionat

Gewiß so mancherlei

usw.

 

 

Nr. 4. O Berge, o Heimat!

Lied: Eriwan.

 

I.

 

Aus der Heimat fortgetrieben,

Fremder Mann im fremden Land,

Ist die Sehnsucht nur geblieben

Nach dem fernen Heimatland.

Wolltʼ ich jemals wiederkehren,

Auf der Heimat Boden stehʼn,

Nicht in Freiheit, nicht mit Ehren,

Heimlich darf es nur geschehʼn!

Denn die Fremden, die da kamen,

Die nach Kämpfen, schwer und heiß,

Unserer Heimat Boden nahmen,

Setzten auf mein Haupt den Preis!

 


Refrain:

 

O Berge, o Heimat,

O brausendes Meer,

Wie lastet die Sehnsucht

Am Herzen so schwer!

O Berge, o Heimat,

Wie streichelt dein Wind!

So streichelt die Mutter

Ihr weinendes Kind!

 

II.

 

Um der Menge Beifall ringen

Muß der Fremdling jetzt für Geld,

Muß den stolzen Sinn bezwingen,

Weilʼs dem Schicksal so gefällt!

Zu dem Schlosse, das vom Hügel

Nach den weißen Bergen sah,

Führt mich nur der Sehnsucht Flügel —

Ewig fern und ewig nah!

Mußte tief herunter steigen,

In der Heimat war ich groß,

Lerne dulden, lerne schweigen,

Das ist des Verbannten Los.

 

Refrain:

 

O Berge, o Heimat

usw.

 

 

Nr. 5. Junge Herzen liebestoll.

Duett: Eriwan, Irene.

 

I.

 

Irene.

Ja, du bist es, bist der Eine,

Den der Traum mir fern gezeigt,

Dir gehörʼ ich, dich begehrʼ ich

Und mein Sehnen selig schweigt!

 

Eriwan.

Tief da drinn das wilde Pochen

Besser als mein Mund gesteht,

Daß ein süßer Sturm auf einmal

Brausend über mich geweht!

 

Irene.

Haltʼ mich fest, daß ich nicht falle,

Denn mir ist so süß, so schwer,

Drückʼ an dich mich, eng und enger,

Tang und länger, mehr und mehr!

 

Eriwan.

Mit Lachen und mit Weinen

Grüßʼ ich mein junges Glück.

O Sonne, mußt mir scheinen,

Kehrʼ nicht in die Wolken zurück!

 


Refrain:

 

Eriwan und Irene.

Junge Herzen

Liebestoll.

Süßer Schmerzen

Übervoll!

Mund zu Munde,

Hand zur Hand

Sich zum Bunde

Selig fand!

Frühlingsweben

Süß und sacht,

Blüten beben,

Schwül die Nacht!

Liebesfeier,

Glück zu Zweiʼn,

Zauberschleier

Hüllʼ uns ein!

 

II.

 

Eriwan.

Wie zum Spiel nur, leichten Sinnes

Kam ich her, ein kecker Scherz,

Zaudernd, zweifelnd und begierig

Und auf einmal sprach mein Herz!

 


Irene.

Dumpfe Tage, bange Sorgen

Flohen, als ich dich ersah,

Und ich weiß, du bist der Rechte.

Hell im Herzen jubeltʼs ja!

 

Eriwan.

Mag die Welt den Bund besiegeln.

Mag sie zürnend rufen: Nein!

 

Beide.

Ich und du, wir wissenʼs besser,

Du bist mein und ich bin dein.

 

Irene.

Das Bächlein sollʼs erlauschen

Und weiter tragen dann,

Die Bäume sollenʼs rauschen:

Nur du wirst mein süßer Mann!

 

Refrain:

 

Junge Herzen

Liebestoll

usw.

 



Nr. 6. Nach der Hochzeit.

Duett: Gogi, Nelly.

 

I.

 

Nelly.

Ein Lumperl, mein Lieber,

Das sollen Sie sein,

Gar niemals zu Hause

Und niemals allein!

Mit lustigen Damen

Verjubeln das Geld,

Bei dunklen Affären

Ein strahlender Held.

Das ist jetzt vorüber,

Jetzt wird man solid,

Die Gattin am Arme

Nach Hause man zieht.

Es geht nicht so weiter.

Drum machen wir halt,

Und bist du nicht willig,

So brauchʼ ich Gewalt!

 


Gogi.

In meinem kleinen süßen Bettchen

Schlief ich jede Nacht,

Daß anders man könnte,

Habʼ ich niemals mir gedacht.

Ich möchtʼ bitter weinen

Wer hat das vollbracht

Und mich so schlecht gemacht?

 

Nelly.

Lügen kann er wirklich gut!

Ist das Frechheit oder Mut?

 

Gogi.

Meiner Seelʼ, sie glaubt mir schon,

Meiner Frechheit wird der Lohn.

 

Refrain:

 

Gogi.

Nach der Hochzeit, meine Liebe,

Nach der Hochzeit wirst du schauʼn.

Nach der Hochzeit, meine Liebe,

Werdʼ ich mich so manches trauʼn!

Nach der Hochzeit, meine Liebe,

Drehʼ den Spieß ich um,

Dann bin ich klüger, meine Liebe,

Und du — dumm!

 


II.

 

Nelly.

Zwei schnäbelnde Tauben,

Gar niemals allein —

 

Gogi.

Von morgens bis abends

In süßem Verein.

 

Nelly.

Du schaukelst die Kinder —

 

Gogi.

Ich koche den Tee —

 

Nelly.

Mit offenen Haaren

Im Schlafrock ich gehʼ!

 

Gogi.

Theater, Gesellschaft,

Das taugt ja nicht viel —

 

Nelly.

Weit schöner ist abends

Ein Dominospiel.

 


Gogi.

Familienvater,

Gesättigt von Glück —

 

Nelly.

Du denkst nur mehr schaudernd

An ehʼmals zurück!

 

Gogi.

Du läßt so wunderschöne Bilder

Ach, vor mir entstehʼn,

Ich hab in den kühnsten Träumen

Schönʼres nicht gesehʼn!

O Glück in der Stille

Und Kinder ohne Zahl

Hoch lebe die Moral!

O, das ist schön und gut,

Ich zerplatzʼ beinahʼ vor Wut!

 

Refrain:

 

Beide.

Nach der Hochzeit, meine Liebe — usw.

 



Nr. 7. Finale I.

(Melodram.)

 

Klosterschülerinnen.

Sei gegrüßt,

Sei gegrüßt,

Schreite glücklich stets

Durchʼs Leben hin!

Sei gegrüßt,

Sei gegrüßt,

Und behalte uns,

Behaltʼ uns gut im Sinn!

Glück und Heil,

Glück und Heil,

Jede Stunde sei

Für dich von Glanz erhellt!

Glück und Heil,

Glück und Heil,

Sei die glücklichste Frau dieser Welt!

 

Eriwan.

Junge Herzen

Liebestoll,

Süßer Schmerzen

Übervoll —

 

Irene.

Eriwan!

 


Eriwan.

Mund zu Munde,

Hand zu Hand

Sich zum Bunde

Selig fand.

 

Beide.

Frühlingsweben

Süß und sacht,

Blüten beben,

Schwül die Nacht!

Liebesfeier,

Glück zu Zweiʼn,

Zauberschleier

Hüllʼ uns ein!

 

(Melodram.)

 

Nelly.

Nach der Hochzeit, meine Liebe,

Nach der Hochzeit wirst du schauʼn

Nach der Hochzeit, meine Liebe,

Wird er sich so manches trauʼn!

 

Alle.

Nach der Hochzeit, meine Liebe.

Drehst den Spieß du um,

Dann bist du klüger, meine Liebe,

Und er — dumm!

Vorhang.


ZWEITER AKT.

 

Nr. 8. Introduktion.

(Nelly, Jermolin, Gagarin, Mädchenchor.)

 

I.

 

Nelly und Chor.

Zu der Hochzeit eingeladen,

Kamen alle her,

Eisenbahn so viele Tage

Und dann noch das böse Meer.

Ach, was hat das Meer, getrieben,

Doch wir blieben fest,

Weil sich keine, weil sich keine

Schnöde unterkriegen läßt.

 

Nelly.

Und was sagt ihr dazu?

 

Chor.

Und was sagt ihr dazu?

 

Refrain:

 

Jermolin.

Schwarze, rote, blonde, braune

Mädeln, Mädeln ohne Zahl!

 


Gagarin.

O, das wirkt auf unsere Laune,

Macht uns jung mit einem Mal!

 

Jermolin.

Schwarze, Rote, Blonde, Braune,

Wie das lacht und wie das girrt!

 

Gagarin.

Wie der Fuchs am Hühnerzaune

Sind wir selig und verwirrt.

 


Nelly und Chor.

Warf das Meer die großen Wellen

Bis zu uns heran,

Haben lachend wir gerufen:

Liebes Meer, strengʼ dich nicht an!

Und das Meer hat gute Miene

Schließlich doch gemacht,

Und es hat mit uns der Himmel,

Erde, Sonne mitgelacht.

 

Refrain:

 

Schwarze, rote, blonde, braune

Mädeln. Mädeln ohne Zahl!

usw.

 



Nr. 9. Puppenlied.

 

I.

 

Irene.

Püppchen mit den Wuschelhaaren,

Denkst du noch der alten Zeit?

Als wir doch zwei Kinder waren,

Lang der Zopf und kurz das Kleid.

Dir allein dürftʼ ich sie klagen,

Kindersorgen groß und klein

Haben immer uns vertragen,

Niemand konnte uns entzweiʼn.

War es einmal schief gegangen,

Du verstandest meinen Schmerz,

Und die heißen Kinderwangen

Drücktʼ ich an dein treues Herz.

Püppchen, mein Püppchen, sagʼ an:

Weißt du, wie man helfen kann?

 

Refrain:

 

Mein kleines Herz, es tut so weh

Und weiß nicht aus noch ein,

Und wo ich stehʼ und wo ich gehʼ,

Bin ich so ganz allein.

Mein kleines Herz ist so verliebt

Und darf es nicht gestehʼn,

Und wenn es keine Rettung gibt,

Muß ich zugrunde gehʼn!

 

II.

 

Püppchen, jetzt darfst du nicht schweigen,

Mache doch kein Schafsgesicht!

Deine Freundschaft sollst du zeigen,

Hören, was man zu dir spricht.

Hast du denn in deiner Kehle

Keinen Ton? Sei nicht so dumm!

Zeigʼ mir deine treue Seele,

Puppe, du bist kalt und stumm.

Puppe, heutʼ muß ich dich hassen,

Denn es rinnt in dir kein Blut,

Und du kannst es nicht erfassen,

Was die Liebe mit mir tut.

Püppchen, mein Püppchen, ich merkʼ.

Bist ja doch nur Holz und Werg!

 

Refrain:

 

Mein kleines Herz, es tut so weh

Und weiß nicht aus noch ein —

usw.

 



Nr. 10. Ja, ja, ja!

Duett:Nelly, Gogi.

 

I.

 

Nelly.

Bräutigam, du armer Wicht,

Denke doch daran,

Heute gehtʼs um deinen Kopf,

Wirst ein Ehemann!

Zeigt sich wo ein schönes Kind,

Drehʼ dich schleunigst um,

Stellʼ dich taub und stellʼ dich blind

Und womöglich stumm.

 

Gogi.

Um mich istʼs wirklich schadʼ,

Das weiß ich ganz genau,

Bestimmt bin ich geradʼ

Für mehr als eine Frau.

 

Refrain:

 

Gogi.

Ich habʼ noch langʼ nicht ausgetobt.

Man hat mich viel zu früh verlobt!

 

Nelly.

Ja, ja, ja!

 


Gogi.

Ja, ja, ja!

Mein Vater war ein Tunichtgut

Und mir, mir steckt das auch im Blut!

Ja, ja, ja!

 

Nelly.

Ja. ja. ja!

 

II.

 

Nelly.

Armer Bursch, du tust mir leid,

Jetzt ist es vorbei,

Hättʼst gewehrt dich seinerzeit,

Wärst du heutʼ noch frei!

Bist ein Bub und noch kein Mann,

Fügst dich brav dem Zwang,

Wenn ein Mensch sich wehren kann,

Macht ihm keiner bangʼ!

 

Gogi.

Wärst du erschienen doch.

Noch ehe man uns traut,

Wärʼ ich entkommen noch

Der vielgeliebten Braut.

 


Refrain:

 

Gogi.

Ich habʼ noch langʼ nicht ausgetobt.

Man hat mich viel zu früh verlobt —

usw.

 

 

Nr. 11. Melodram und Szene.

(Eriwan, Gori, Chor.)

 

Eriwan.

Boden der Heimat,

Ich trete dich wieder,

Land meiner Väter, sei mir gegrüßt!

Zitternde Glieder

Wanken und beben.

Reißen mich nieder,

Erde, zu dir.

Hier, wo die Eltern

Beide gewandelt,

Kniet ein Verstoßener.

Zitternd und arm!

Tief in der Seele

Als ewige Wunde

Trug er das Heimweh.

Erde, nach dir!

Trinke der Tränen

Stürzende Fluten.

Teurer Boden.

Der mich gebar.

Laß dich umfassen,

Lasse dich streicheln.

Dulde der Lippen

Bebenden Kuß!

 

Chor.

Es steht ein Schloß am Hügel

Und schaut weit überʼs Land,

Das stolze Schloß am Hügel

Ist Schamyls-Burg genannt!

Geschlagen und vertrieben

Vom Feinde hart und roh,

Den kleinen Sohn im Arme

Er aus dem Lande floh!

Nun bringen wir Geschenke,

Von Tränen übertaut,

Von Münzen und Geweben

Der fremden jungen Braut.

Legt eure Gaben nieder

Und zieht von dannen sacht,

Für Schamyl und die Seinen

Hättʼ jeder mehr gebracht.

 

Chor.

Lieber Sturm, so ziehʼ doch überʼs Meer,

Bringʼ uns Grüße doch von Schamyl her!

Sagʼ ihm, daß sein Volk noch sein gedenkt.

Der es mild und stark gelenkt!

 


Eriwan.

Lieber Sturm, so ziehʼ doch überʼs Meer,

Bringʼ uns Grüße doch von Schamyl her!

Sagʼ ihm, daß sein Volk noch sein gedenkt,

Der es mild und stark gelenkt!

 

Der alte Gori.

Die Stimme fremd und fremd der Mann,

Und doch unser Kleid! Wer bist du, sagʼ an!

Ein seltsamer Schauer fliegt über uns her —

 

Eriwan.

Ich bringʼ euch Grüße, weit überʼs Meer!

Ein Sterbender dachte beim letzten Hauch

An Heimat und Volk — war treu euch auch.

 

Chor.

Schamyl!

 

Eriwan.

Der Held ist verblichen

Ferne vom Reich.

 

Alle.

Und sein Kind — und sein Sohn?

 

Eriwan.

Der steht vor euch!

 


Alle.

Eriwan, Schamyls Sohn!

Der Hetmann und Herr!

Gesegnet sei und sei bedankt,

Daß du gekommen!

 


Eriwan.

Brüder, entfaltet die heiligen Fahnen,

Wieder erstanden ist Schamyls Gestirn,

Horcht auf die Stimmen der tapferen Ahnen,

Brausend vom Meer zum Firn.

Die Freiheit bleibe unser höchstes Gut,

Für Freiheit geben wir das letzte Blut,

Für Freiheit, für Freiheit

Gut und Blut!

 

 

Nr. 12. Haserl-Lied.

(Nelly, Jermolin, Gagarin.)

 

I.

 

Nelly.

Alte Knaben, alte Knaben,

O bitte, seid gescheit!

Alte Knaben, alte Knaben,

Ihr geht ja viel zu weit.

 


Jermolin und Gagarin.

O wir haben, o wir haben

Uns deinem Dienst geweiht!

O wir haben, o wir haben

Ein Glück für dich bereit.

 

Nelly.

Mein Herz, mein Herz ist wohl beschützt

Und nicht der kühnste Angriff nützt.

Mein Herz, das ist ein fester Schrein,

Nur wer von mir den Schlüssel kriegt, der kann hinein.

 

Jermolin und Gagarin.

Ihr Herz, ihr Herz ist wohl beschützt

Und nicht der kühnste Angriff nützt.

Ihr Herz, das ist ein fester Schrein,

Nur wer von ihr den Schlüssel kriegt, der kann hinein.

 

Refrain:

 

Nelly.

Ein Haserl, ein reizendes Haserl im Stall,

Natürlich, das wärʼ euer Fall.

Wenn brav aus der Hand ich so fressen euch möchtʼ,

Das wärʼ euch Hallodri schon recht.

 


Alle drei.

Das Haserl, das Haserl, das ist nicht so dumm,

Das (Ihr) kriegt man (mich) bestimmt nicht herum.

Das Haserl, das Haserl, so harmlos und klein,

Ja. das fällt euch (uns) ja doch nicht herein.

 

II.

 

Jermolin und Oagarin.

So ein Mädel, so ein Mädel

Die Lebensgeister weckt,

So ein Mädel, so ein Mädel

Wirkt stärker noch als Sekt.

 

Nelly.

So ein Mädel, so ein Mädel.

Geködert mit Respekt,

So ein Mädel, so ein Mädel.

Das wärʼ halt ein Effekt.

 

Jermolin und Gagarin.

Und kommt die Liebe erst ins Spiel,

So schießt der Mensch leicht übers Ziel.

Betrunken muß ein jeder sein,

Nur Jugend, die ist Trunkenheit auch ohne Wein.

 


Nelly.

Und kommt die Liebe erst ins Spiel,

So schießt der Mensch leicht übers Ziel.

Betrunken muß ein jeder sein,

Nur Jugend, die ist Trunkenheit auch ohne Wein.

 

Refrain:

 

Alle drei.

Ein Haserl, ein reizendes Haserl im Stall — usw.

 

 

Nr. 13. O schweige, mein Herz.

Duett: Irene, Eriwan.

 

I.

 

Eriwan.

Das Herz zerbrach in Weh und Qual,

Ich mußte kommen noch ein letztes Mal.

 

Irene.

O schweigen Sie, o gehen Sie doch fort!

Wenn jemand Sie erkennt an diesem Ort —

 

Eriwan.

Bin ich verloren, Liebste, ja, ich weiß,

Auf meinem Kopfe steht ein hoher Preis.

 

Irene.

So gehen Sie, ich flehe Sie drum an!

Eriwan.

Ich bleibe, Kind, weil ich nicht anders kann!

Von meiner Heimat und von dir entfernt,

Habʼ ich des Glückes Lachen längst verlernt!

 

Irene.

Was wollen Sie von mir? Was führt Sie her?

 

Eriwan.

Du weißt jetzt, wer ich bin!

 

Irene.

Wohl weiß ich, wer!

 

Refrain:

 

O schweige, mein Herz, o schweige,

O schweige doch endlich still,

Den Becher, den bittern, trinke zur Neige,

Weil es das Schicksal so will.

 

II.

 

Eriwan.

Einmal, da hat mein Herz geglaubt,

Daß nichts uns mehr trennt, das Glück uns raubt!

 

Irene.

Nicht frei hin ich, bin eines andern Braut —

 

Eriwan.

Und liebst den andern, sagʼ es klar und laut!

Du schweigst, du zitterst, Kind, und du erblaßt?

So wirf sie von dir, diese böse Last!

Und komm mit mir, die Welt ist schön und groß.

Und dreimal selig wird für uns das Los!

 

Irene.

Ich kann es nicht, ich hin zu schwach und klein!

 

Eriwan.

Ich will, du mußt, wir müssen glücklich sein!

 

Irene.

Vergiß, mein Freund, daß du mich je geliebt!

 

Eriwan.

Solang ich atme — nein, mein Traum zerstiebt!

 

Refrain:

 

Irene.

O schweige, mein Herz, o schweige,

O schweige doch endlich still!

Den Becher, den bittern, trinke zur Neige,

Weil es das Schicksal so will!

 


Beide.

Blühende Blütenzweige,

Rauh will der Reif sie beschneiʼn.

O schweige, mein Herz, o schweige,

Abschied genommen muß sein!

 

 

Nr. 14. Liebe, Freiheit, Mannesehre.

Lied: Eriwan.

 

I.

 

Droht dir ein Wetter,

Kneife nicht aus,

Bahnʼ dir den Weg

Durch Donner unʼd Braus.

Nur vorwärts stets

Und nie zurück,

Dann zwingt dein Arm

Dir Sieg und Glück,

Eiserne Faust

Lenkt das Geschick!

Liebe, Freiheit. Mannesehre,

Alles, was das Leben schmückt,

Schicksal, deinem Sohn gewähre,

Hilf mir, hilf mir, daß es glückt!

Bald entfaltʼ ich die Standarte —

Gehtʼs hinunter, gehtʼs hinauf? —

Alles, alles auf eine Karte!

Schicksal, nimm jetzt deinen Lauf!

 

II.

 

Lasse den Schwachen

Kriechen im Staub,

Ängstlicher Zweifel

Beute und Raub.

Dem Sturmwind fliegʼ

Beherzt voran,

Kommʼ mit dem Blitz

Am Ziele an.

So nur allein

Zeigt sich der Mann!

Liebe, Freiheit, Mannesehre — usw.

 

 

Nr. 15. Finale II.

(Gogi und sechs Offiziere.)

 

Alle.

Wir waren die lustigen Sieben

Vom ersten Regiment,

Wir haben es toll getrieben,

Kreuzdonnersapperment!

Das Leben, ja das Leben,

Das hat uns sehr geschmeckt,

Noch einmal laßt uns heben

Die Gläser voll mit Sekt!

Hurra! Hurra! Hurra!

 


Gogi.

Kriegen wir ʼmal Riesenglatzen —

Wer, ich fragʼ, ist schuld daran?

Ganz allein die süßen Fratzen,

Weil man sie so lieben kann!

Müssen wir am Bettelstabe

Einmal wandern kreuz und quer,

Krächzt gewiß am Weg ein Rabe,

Ja, wenn nicht die Liebe wärʼ!

Mag es kommen, wieʼs da wölle,

Sagʼ ich doch zu jeder Frist,

Daß der Weg, der Weg zur Hölle

Ganz allein der wahre ist!

 

Alle.

Wir waren die lustigen Sieben

Vom ersten Regiment

Wir habenʼs toll getrieben,

Kreuzdonnersapperment!

Das Leben, ja das Leben,

Das hat uns sehr geschmeckt,

Noch einmal laßt uns heben

Die Gläser voll mit Sekt!

Hurra! Hurra! Hurra!

 


Brautchor.

Nimm den Schleier nun

Aus unsern Händen

In Gnaden an,

Den weißen Schleier,

Weil man Schönʼres nicht

Bei aller Liebe

Schenken dir kann.

Mögʼ er dich bewahren

Immer vor Gefahren!

Möge das Leben

Freude dir geben,

Glück für immer dich umschweben!

 

Eriwan.

Die goldʼne Münzenkrone

Hat dir das Volk gebaut.

O trage sie zum Lohne

Am Ehrentag als Braut.

Dich heutʼ damit zu schmücken,

Bin ich vom Volk erwählt,

Mögʼ dich der Schmuck nicht drücken,

Der dir den Schleier hält.

Und gehst du mit der Krone zum Altare

Und rufst du nicht: Wehʼ mir, die Krone fällt!

So fällt mein Haupt noch in derselben Nacht,

Die dich zur Gattin eines andern macht!

 


Irene.

Ich kann es nicht, haltʼ ein!

Eriwan.

Es ist so weit!

Du gehst mit mir!

Die Wege sind bereit!

Mit dir das Glück, das Leben lichtumloht!

Und ohne dich das Ende und der Tod!

 

Irene.

Aus der Hut des Elternhauses

Holt mich meines Gatten Hand,

Ich verspreche, ihn zu lieben,

Ihm zu dienen unverwandt!

 

Jermolin.

Meines Alters Trost und Stütze —

 

Gagarin.

Gehʼ ich hin dem fremden Mann.

 

Gogi.

Liebe fordert dieses Opfer.

 

Irene und Nelly.

Schweren Herzens seiʼs getan!

 

Chor.

Wir geloben, sie zu ehren!

Deines Stammes letztem Reis

Sei Ehrʼ und Preis!

 

Eriwan.

Halt!

 

Jermolin.

Was heißt denn das?

 

Gagarin.

Was will der?

 

Gogi.

Was ist denn das?

 

Klosterschülerinnen.

Was will der Mann?

 

Eriwan.

Ihr feiert Hochzeit, Herren dieses Hauses,

In einem Schlosse, das andre Herrn gesehʼn

Ehʼ ihr erschienen seid als stolze Sieger!

Wollt ihr zum Glück den blutigen Lorbeer auch?

Noch lebt der letzte Sproß aus Schamyls Haus,

Als ewige Drohung, daß er wiederkehrt

Und seine Völker sammelt euch zum Trotz!

Er kam zurück, ich weiß auch, wo er haust!

 

Jermolin und die Seinigen.

O sagʼ uns, wo?!

 

Eriwan.

Er ist nicht weit, von hier!

Jermolin.

Ein hoher Preis ist auf sein Haupt gesetzt!

 

Gagarin.

Sagʼ den Ort!

 

Eriwan.

Den Ort? Den Ort? Wohlan, es sei!

 

Irene.

Wehʼ mir, die Krone fällt!

 

Die andern.

Die Krone fällt!

 

Eriwan.

Die Krone fällt? — Dann gilt der Augenblick!

Brüder, entfaltet die heiligen Fahnen —

usw.

 

Vorhang.

 



DRITTER AKT

 

 

Nr. 16. Mutzl, mein Putzi.

(Jermolin, Nelly.)

 

I.

 

Jermolin.

Interessant

Und höchst pikant

Ist und bleibt ein Lilaband.

 

Nelly.

Geben Sie mirʼs wieder!

 

Jermolin.

O, der Duft!

Dieses Band in meiner Hand

Fesselt Sie an mich galant —

Ihr Parfüm ist Flieder.

 

Nelly.

O Sie Schuft!

 

Jermolin.

Wer was verliert, bezahlen muß!

Mein Finderlohn, das ist ein Kuß!

 

Nelly.

Sie sind . . . Sie sind . . . — O, was Sie sind!

Jermolin.

Verliebt, mein schönes Kind.

 

Refrain:

 

Jermolin.

Mutzi, mein Putzi,

Jetzt wird es ernst,

Jetzt wirst du müssen

Endlich mich küssen,

Damit das Spiel du lernst.

Mutzi, mein Putzi,

Was sträubst du dich?

Du bist gefangen,

Schönste der Schlangen,

Der Sieger bin jetzt ich!

 

II.

 

Nelly.

So gemein,

Das kann allein

Immer doch ein Mann nur sein.

 

Jermolin.

Ach, es kennt die Liebe

Kein Gebot!

Nimm, was mein,

Und gib, was dein —

Nur ein Kuß kann dich befreiʼn.

Nelly.

Nein, ich bin für Hiebe.

 

Jermolin.

Wehʼ sie droht!

 

Nelly.

Jetzt fangen wir zu boxen an

Jetzt wird sich zeigen, wer was kann!

 

Jermolin.

Sie sind . . . Sie sind ... O, was Sie sind!

 

Nelly.

Gewiß kein schwaches Kind!

 

Refrain:

 

Nelly.

Mutzi, mein Putzi,

Jetzt wird es ernst

jetzt wirst du müssen

Boxen statt küssen,

Damit du Mores lernst!

 


Jermolin.

Mutzi, mein Putzi,

Erbarme dich!

 


Nelly.

Du bist gefangen!

 

Jermolin.

Schönste der Schlangen!

 

Nelly.

Der Sieger bin jetzt ich!

 

 

Nr. 17. Sie sind mir so schrecklich sympathisch.

(Irene, Nelly, Eriwan, Gogi, Jermolin, Gagarin.)

 

I.

 

Jermolin und Gagarin.

Gogi, Gogi, was fällt dir ein?

Sollst ja doch ein Ritter sein!

 

Irene und Nelly.

Gogi, machʼ die Sache gut,

Vergieß kein Blut!

 

Die Männer.

Gogi, Gogi, er nahm die Braut,

Gogi, jetzt wird fest gehaut!

 

Die Damen.

Ach, wie sind die andern schlecht!

Nur du hast recht!

 

Refrain:

 

Gogi.

Sie sind mir so schrecklich sympathisch,

Ich habʼ Sie so fürchterlich gern,

Ich möchte Sie lieben fanatisch,

O stehʼn Sie nicht zürnend und fern!

Ich bin nicht für blutige Rache

Und daß man den Kopf sich zerhaut,

Wir ordnen in Frieden die Sache,

Ich laß Ihnen willig die Braut!

 

Zwei Herren.

Gogi, Gogi, das dulden wir nicht!

 

Die Damen.

Hörʼ nicht, was der Vater spricht!

 

Die Männer.

Machʼ doch den Entführer tot!

 

Die Damen.

Umsonst gedroht!

 

Die Männer.

Gogi, Gogi, du wirst verbannt!

 

Die Damen.

Dafür kriegt er ihre (meine) Hand!

 

Die Männer.

Deine Ehre ist verletzt!

 

Die Damen.

Umsonst gehetzt!

 

Die Männer.

Mit Säbel und Pistolen

Gefochten und gekracht,

Und so, wie wirʼs befohlen.

Wirdʼs gemacht!

 

Refrain:

 

Eriwan.

Sie sind mir so schrecklich sympathisch — usw.

 

Nr. 18. Schlußgesang.

 

Junge Herzen

Liebestoll,

Süßer Schmerzen

Übervoll!

Mund zu Munde,

Hand zu Hand,

Sich zum Bunde

Selig fand! — usw.

 

Vorhang.