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Hedwig Dohm – Der Friede und die Frauen

Essay

aus: Das Ziel, Jahrbücher für geistige Politik, Herausgegeben von Kurt Hiller, Georg Müller Verlag, München und Berlin, 1916, S. 167 ff.

               Lieber, alter, treuer Freund!


Höre mich! Hilf mir!

Ich leide etwas an Kriegspsychose. Du weisst, dass mein ganzes Sein und Streben in der Frauenbewegung wurzelt. Werden die Folgen dieses Krieges nicht verhängnisvoll für uns Frauen werden? Nicht wahrscheinlich, dass die Bewegung für Jahrzehnte einen Stillstand, wo nicht eine Zurückdrängung erfahren wird? Beweist dieser Krieg doch, dass der Mann Herr über das Schicksal der Welt ist, das Weib nur seine Handlangerin. »Der Krieg hat die Frauenfrage gelöst,« schreibt ein massgebender Schriftsteller. Und er meinte damit, dass die der Mütterlichkeit nah verwandten Werke der Barmherzigkeit, wie sie während des Krieges so hingebend von den Frauen geübt wurden, ihr echter und rechter Beruf seien. Ist nicht neuerdings die Männerwelt entzückt von all den strickenden Frauen? (Kaum eine Frau in Deutschland, die nicht strickt, ich stricke mit.) Ihr Entzücken gilt aber weniger den wohlig zu erwärmenden Füssen frierender Soldaten als den Händen der Frau, die endlich erkannt hat, dass ihre naturgewollte Zukunft auf ihren fleissig sich rührenden Händen beruht, nicht auf ihrem Kopf, den als Kulturfaktor die Schöpfung nicht vorgesehen hat. Jener Herr aber, dem der Krieg die Frauenfrage gelöst hat, hätte bitterlich schneidender sagen können: Solange sich die Männer in den Schlachten zu Millionen gegenseitig töten, müssen die Frauen – Lieferantinnen für lebendiges Kriegsmaterial – für Millionen neuer Männer sorgen. Frauen! in die Wochenstuben mit euch! Begrabt eure Ansprüche auf Gleichberechtigung mit dem Mann! Fort mit dem Stimmrecht! Gebärt! Gebärt!

Wenn ein Mann wie jener bekannte Volkswirtschaftler jede Mutter bedauert, die keinen Sohn hat, den sie in den Heldentod schicken kann, so begreife ich allenfalls diese heldisch männische Denkart. Nie aber werde ich begreifen, dass auch Frauen sich für die »Seligkeit des Sterbens« ihrer Söhne und Gatten auf dem Schlachtfeld enthusiasmieren. Eine dieser brausenden Chauvinistinnen nennt die Petition, die eine Frauen-Friedensliga um Erhaltung des Friedens (wohlgemerkt vor Ausbruch des Krieges) an unsern friedliebenden Kaiser sandte – schamlos, ehrlos, schimpflich, und sie erbot sich, von Haus zu Haus zu wandern, um Unterschriften zu sammeln für den Krieg.

Wäre ich grausam, ich würde dieser Frau sieben Söhne anwünschen, damit sie sich an den qualvollen Zuckungen der zerfetzten Leiber ihrer verröchelnden Söhne mit patriotischer Wollust weiden könnte. Ich ziehe aber vor, glühende Kohlen auf ihr Haupt zu sammeln und wünsche ihren Sieben kein anderes Kreuz als das – Eiserne.

Eine andere dieser scharf berittenen Walküren predigt den Hass gegen die, so uns bekriegen, den heiligen Hass, in den wir sterblich – nein, unsterblich verliebt sein sollen.

Ich schaudere vor dieser fanatisch-patriotischen Hasswut, die in Scheiterhaufenglut brennt. Ein Rabengekrächz über heiligen Gräbern.

Die so inbrünstig den Hass gegen feindliche Völker lieben, warum lieben oder billigen sie nicht wenigstens den Hass der Franzosen und Engländer gegen die Deutschen! Auch er entwuchs der Vaterlandsliebe. Muss die Vaterlandsliebe zum Sarg der Menschenliebe werden!

Ach, Du Lieber, ein Dichterwort liegt mir im Sinn: »Geh an der Welt vorüber, es ist nichts.«

Oder weisst Du, was mich aufrichten kann? Sage es mir! Hilf Deiner Freundin und Schülerin.




               Meine liebe junge Freundin!


Lass doch jenen Frauen, die Du so lebhaft der Hölle empfiehlst, die beglückende Vorstellung, dass sie fühlen und denken wie die Mutter der Gracchen. Gönne den strammen Minerven die Befriedigung, auf der Weltbühne Heroinenrollen spielen zu dürfen. Sie haben wohl keine Söhne, die des Grabes gewärtig im Felde stehen, denn wo die Leiber der Söhne sterben, sterben die Herzen der Mütter. Es gibt keine Vaterlandsliebe, die den Hass heiligt. Verbrechen zu rächen, ist das Amt der Furien; können wir uns ein Gemisch von Furie und mater dolorosa vorstellen?

Was nun Deine Befürchtung für die Frauenbewegung betrifft, so könnte sie einige Berechtigung haben, wenn der Krieg ein unabwendbares Weltgeschehen wäre. Es zu einem abwendbaren zu machen, liegt nicht zum wenigsten in eurer Hand. Vereinigt euch, ihr Frauen alle – alle zu einem grandiosen, internationalen Frauenbund. Jede Einzelne von euch ein Apostel des Friedens, eine Heilsarmee, die nur einen Krieg kennt, den Krieg gegen den Krieg. Schliesst euch den männlichen Parteien an, die eines Sinnes mit euch sind. Und seid ihr zu einer überwältigenden Majorität angewachsen (eine Propaganda ohnegleichen wird dieser letzte Krieg für euch sein), so werdet ihr mit eurem Führer, dem Geist der Zeit, das Gespenst einer Zeit, die abgelaufen ist, in den Orkus jagen.

Und sind es die Staatshäupter mit ihrem kriegssüchtigen Anhang, die den Krieg wollen – stürzt sie! Revolutioniert das Land. Eure Revolution aber wird zugleich eine Prozession sein, denn eure Schwerter sind Palmen, euer Hurra ist ein Hosianna. Es gibt Gesundbeter. Ihr aber sollt den Krieg zu Tode beten. Mit aller Kraft eurer Seele denkt Frieden, redet

Frieden, träumt Frieden, glaubt Frieden, und eure Gebete werden zu titanischen Rufen werden, die selbst eines tauben Gottes Ohr vernehmen muss.

Medien, im Trancezustand, materialisieren Geister. Seid Medien, die einen unselig verschiedenen Frieden zu greifbarer Wirklichkeit materialisieren für alle Zeiten, alle Völker. Lasst sie lachen über das Luftschloss eines ewigen Friedens. »Aus Luftschlössern werden die Paläste der Erde.«

Missversteh mich aber nicht. Auch ich, wie Du, wie wir alle – stehe erschüttert vor der düster dämonischen Grösse dieses Krieges, in dem Grauen und Todesverzückung sich mischen, vor dem dithyrambischen Heldenfeuer deutscher Heere, die in den Schlachten sich verbluten. Dennoch – nie wieder darf ein solcher Krieg sein, nie wieder darf einer blühenden Jünglingsschaft Recht zum Leben in einen Zwang zum Tode verwandelt werden, nie wieder »geh an der Welt vorüber, weil sie nichts ist«. Nicht Flucht aus dem Leben – nein, das kraftvoll lebendige Mitschaffen an einem geläuterten Neu-Deutschland sei der Frau der Zukunft edelstarkes Ziel. Der Frieden nach dem Krieg wird für uns sein, als kehrten wir aus der Fremde in die Heimat zurück. Nach der unsterblichen Bibellegende hat durch die Schuld des Weibes der Mann das Paradies verloren. Helft ihm ein neues Paradies erobern, in dem der Frieden den Krieg, die Güte den Hass, die Wahrheit die Lüge besiegt. Ein Paradies mit einem deutschen Gott? Nein. Der Gott der Liebe – er ist international.


Hedwig Dohm - Der Friede und die Frauen

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