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Dolorosa – Tagebuch einer Erzieherin

Roman

Dolorosa, Tagebuch einer Erzieherin, Leipziger Verlag G.m.b.H., Leipzig. [o. J.]


Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten
Auf allen Gräbern taute still: Genesen.

Liliencron.



I.

Wer hat die unergründlichen, purpurnen Tiefen der Liebe gemessen? Wer hat ihre letzten, verborgenen Geheimnisse enthüllt? Und wer, den es gelüstete, die seltenen, schmalen, verworrenen Wege im Reiche der Liebe zu wandeln, hat sich nie verirrt?

Die Fraue Troubadour spannte mild klingende, metallene Saiten auf ihre Harfe und griff mit frauenzarten, lilienweißen Fingern tönende Akkorde; die waren wie ein Abgrund und wie ein Meer. Da beugte sie den Kopf, als wollte sie lauschen . . .; und sie horchte auch, aber nicht auf ihr Präludieren, sondern in die Vergangenheit, Und als sie die Stirne wieder erhob, da war ihr Angesicht blaß, und ihre Augen waren weit geöffnet und sahen so tief und traurig aus; glänzte nicht eine Träne in den dunklen Wimpern? Und der anmutige, sinnliche Mund der Fraue Troubadour war so ernst geworden, als sie anhob:

»Es gibt Dinge, meine Freunde, die man nicht in Liedern singen kann. Leicht ist es, einen kurzen, köstlichen Traum, oder eine lichte Stimmung, oder ein jubelndes Glück, oder einen reinen Gedanken in klingende Strophen zu bannen, leicht ist es, die Wildheit und den Brand der Sinne und alles Herzeleid in edle Worte umzuschmelzen. Es gibt aber auch Dinge, ihr Freunde, die arm und niedrig und alltäglich und gemein erscheinen; und doch ist nichts niedrig, was Aphroditens Stern bescheint.

»Lieblich sind die Nächte im Juni, wenn der Jüngling und das Mädchen mit verschränkten Armen und ineinandergeschlungenen Händen durch blühende Auen gehen. So heiß und einfach ist ihr Liebesdrang, und ihre jungen Lippen zittern schmerzlich süß von dem Übermaß der Küsse, und ihre Herzen schlagen zum Zerspringen, und ihre brennenden Augen suchen einen blühenden Busch, unter dem sie ihre letzte Seligkeit finden und verbergen wollen . . . Ach, ihr Lieben, Herzenseinfältigen! warum sucht ihr schämig zögernd einen Strauch? Warum sinkt ihr nicht hier, wo ihr steht, ins duftende Gras nieder und sprengt die letzten Pforten zu eurem Glück? Ringsum schweigt die Nacht, keiner sieht euch zu, als der ewige Stern der Venus!

»Und ferne, in der großen Stadt, da braust und tobt in der Nacht die Leidenschaft, wie am Tage der Lärm der Maschinen. Über den Dächern wogt und lastet sie, wie blutigroter Nebel, und die Sünde streicht mit gemalten Wangen und raschelnden Röcken und habgierigen Blicken durch die Straßen und wirft sich der liebehungrigen Sehnsucht und der perversen, lüsternen Begierde in die Arme. O, welche Nächte! Himmel und Erde sind gerade gut genug, um ihrer Lust und Gier zu dienen! – Aber dann zieht hell und kühl und rein der neue Morgen herauf und zerstreut den Nebel und besänftigt die tobenden Herzen und schließt die fieberigen, rotgeränderten Augen und bettet die Allzustürmischen zu friedlichem, traumlosem Schlummer und löst die Spannung aller Leidenschaften. Und der Venusstern blitzt silbern am mattblauen Himmel.

»O, Sünde! bist nicht auch du Liebe, die in maßlosem Überschwange sich selbst verlor?«

Die Fraue Troubadour blickte im Kreis der Freunde herum; die hatten ihr nachdenklich zugehört. Jeder war im Herzen bewegt. Die letzten Worte der Frau und der Akkord, den sie zuletzt angeschlagen hatte, zitterten noch schwebend in der Luft. Die Fraue Troubadour lächelte ernsthaft und sagte wieder:

»Ich will euch, meine Freunde, eine Geschichte von einem trüben Leben sagen; dieses Leben gehörte zu den Dingen, die so niedrig und alltäglich und gemein erscheinen, daß man nicht davon singen kann. Keine große, herrliche Tragödie, wie ein Gewitter. Kann einer davon singen, daß ein edles Purpurgewand durch den Staub der Straße geschleift wurde?

»Einige ausgeschriebene Tagebücher kamen mir in die Hände, Briefe, und sonst Blätter, und ein eichener Kasten mit allerlei altem Tand; eine kostbare Reitpeitsche, und seltsame Bilder, und Gedichte, und Kindersächelchen, und . . .

»Aber was liegt daran? – Ich will euch die schlimme, trübe Geschichte sagen; nur vergeßt mir nicht, ihr Freunde, daß aus all dem bizarren Lärm doch immer die Harfenakkorde der Liebe hervorklingen.«

Das sprach, an ihre Harfe gelehnt, die Fraue Troubadour.


II.

Kamilla von Kramm war damals achtzehn Jahre alt. Sie war kurze Zeit im Hause ihres Vaters, denn sie hatte vor wenigen Wochen das Examen als Lehrerin bestanden. Ihm war diese »Emanzipiertheit« nicht recht gewesen, aber die Tochter war »eigensinnig wie ein junges Pferd«, wie er es in Gedanken nannte, und so hatte er ihr den Willen gelassen. Und dann – es war schließlich ganz gut gewesen, daß die jungen klugen Augen, die einen so ernsthaft forschend ansehen konnten, in diesen letzten Jahren nicht in sein wüstes Treiben hatten hineinschauen können. Himmel, hatte er gehaust! Sinnlos und zügellos in allen Lastern gewühlt. Mitunter nach wüsten Nächten im Kreise leichtfertiger Frauen oder am Spieltisch waren ihm doch lichte Momente gekommen. Aber rasch hatte er immer wieder die Erkenntnis verscheucht, daß er mit rasender Eile dem Strudel zutrieb, der ihn unerbittlich herunterreißen mußte. – Jetzt, da seine Tochter heimkehrte, hatte es ihm doch einen Stich ins Herz gegeben, wie Kamilla ihn so lange angeblickt hatte. Gut, daß sie nichts gesagt hatte! Und gut, daß sie ihm hernach gar nicht mit Worten und Fragen unbequem geworden war und ruhig ihre eigenen Wege ging. –

Eines Nachmittags aber ließ Herr von Kramm die Tochter im Hause und im Garten suchen, weil der Gutsnachbar Graf Herzfeld die junge Menschenblüte zur Frau haben wollte. Der Vater hatte große Mühe, seinen wilden habgierigen Jubel zu verbergen: der Graf war ja so reich! Nun würde das Rittergut wieder sein werden, von dem ihm wahrhaftig kein Stein und keine Scholle mehr gehörte, und nichts würde an seinem Leben geändert. Der Graf war zwar schon sechzig Jahre alt, aber noch so rüstig! Herr von Kramm sagte freudestrahlend zu.

Immerhin aber mußte, der Form wegen auch die Tochter um ihr Jawort gefragt werden.

Kamilla kam. Sie trug ihr fast zu reiches helles Haar aus Bequemlichkeit in zwei glatten Zöpfen, die schlicht um den Kopf gesteckt waren; wie eine Krone lagen sie über dem jungen Gesicht. Die schönen Arme, die vom Ellenbogen an aus den halblangen Ärmeln hervorsahen, und der kräftige, weiße Hals, der reizend aus dem leichten Kleiderausschnitt aufragte, waren so schlank und voll zugleich, und die ganze hohe Gestalt im blaßblauen Sommergewande war so lieb und jung und mädchenhaft. Ein unschönes Begehren, das fast einem Triumphe glich, zuckte rasch über das welke Gesicht des Freiers. Kamilla aber grüßte den Gast mit der respektvollen Höflichkeit, die seinem Alter zukam, und blickte ein wenig erstaunt den Vater an; denn es war nicht seine Gewohnheit, sie zu seinen Freunden zu rufen. –

Und dann tat sie das Unwahrscheinliche, das Ungeheuerliche: sie sagte dem Grafen ganz freundlich und ruhig, in klaren, offenen Worten, daß sie ihn nicht heiraten könne. Sie sah dabei in ihren Schoß und bemerkte nicht, daß der Vater vor Zorn und Überraschung tiefrot wurde. Der Freier fragte gekränkt, welche Gründe sie habe, seinen Antrag abzulehnen, und ob er ihr seine Vermögenslage auseinandersetzen dürfe. Da lächelte Kamilla flüchtig und antwortete; daß die Rücksicht auf materielle Güter sie nie zu einem Entschlusse bewegen könnte, von dem ihr Herz nichts wisse – die beiden Männer wechselten einen funkenschnellen Blick, in dem beide erkannten, daß sie einander durchschauten – und daß wirklich ihr Herz noch nicht gesprochen habe. Sie müßte offen sagen, daß sie dem Herrn Grafen nicht die Liebe entgegenbringen könnte, die ein Mann von seinem Weibe verlangen kann; und darum würde sie niemals seine Frau werden. –

»Vielleicht« sagte der Graf im Fortgehen, »gelingt es Ihnen noch, Ihre Tochter zu einer Sinnesänderung zu bewegen, Herr von Kramm?« Dabei traf den Rittergutsbesitzer ein lauernder, drohender Blick. »Das müßte mit dem Teufel zugehen!« knirschte Robert von Kramm. –

Er fand Kamilla in ihrem Zimmer und fing sofort an, der Tochter bittere Vorwürfe zu machen. Das Mädchen blickte erstaunt auf: »Was kann dir daran liegen, Vater, wenn ich ihn nicht liebe?« »Was mir daran liegt?« schrie Robert von Kramm, »alles hängt für uns davon ab, alles! Er ist mein Hauptgläubiger; wenn er mir aus Rache die Hypothek kündigt, bin ich verloren, und es bleibt mir kein Ausweg, als die Kugel!« Sie hatte dem Vater, dessen wüster Lebenswandel ihr im Herzen weh tat, eigentlich nie in Zuneigung und Vertrauen nahe gestanden; jetzt aber rührte sie das fassungslose Entsetzen des alternden Mannes. Mit einer instinktiven, unbeschreiblich innigen Geberde legte sie die Arme um seinen Hals: »O, Vater, das nicht, das nicht! Und wenn wir auch alles verlieren sollten: wir können doch noch arbeiten, Vater! Sieh, wie gut ist es nun, daß ich imstande bin, zu arbeiten und zu verdienen!«

Robert von Kramm sah ihr ins stolze Gesicht; sein Blick glitt an ihrer hohen, jungfräulichen Gestalt herab: soviel Reinheit und Frische und Jugend hatte er jenem alten Faun anvertrauen wollen, dem langjährigen Genossen seiner Sünden! Ein heißer Schmerz fuhr dolchscharf durch sein Herz, dann lächelte er trübe: »Jugend behält recht, Kamilla! Ach, möchtest du dein Leben lang so rein und aufrecht bleiben! – Ich werde ihm heute noch deinen definitiven Entschluß schreiben – und dann laß uns das Beste hoffen, mein Kind.« Da warf sich Kamilla in jäh ausbrechender Zärtlichkeit an des Vaters Brust; der Alte aber zitterte und bebte, wie ein Baum unter den Hieben der Axt, und stöhnte: »O, Kamilla! Kamilla! wirst du mir jemals alles vergeben können?« Sie weinte an seinem Herzen: »O, Vater, sprich nicht so! Wir werden uns lieben und werden arbeiten und so glücklich sein, wie wir hier nie geworden wären!« –

Er hatte den Zusammenbruch vorher gewußt, er hatte ihn auf Tag und Stunde voraus berechnen können, und als dann der Schlag kam, war er doch zu stark. Der alte Edelmann, der sein Hab und Gut in Spiel und Wein und Lust verjubelt hatte, konnte die letzten, todbitteren Stunden, die ihn aus großen Augen anblickten, nicht ertragen; und er konnte den Gedanken nicht fassen, mit allen Kräften ein Neues zu erobern, das Neue der ehrlichen Arbeit. Für Kamilla das neue Land, für ihn eine gute Kugel! – Robert von Kramm traf gut. –

Und dann für Kamilla die grauen schrecklichen Tage und Wochen, und das schmerzliche Loslösen von der Heimat, und all' der niedrige alltägliche Jammer, die tausend Kleinigkeiten, die eine finanzielle Katastrophe begleiten! – Wenigstens hatte ihr der liebe, alte Prediger eine Stellung verschafft; sie sollte zwei ganz jungen Mädchen Lehrerin und Erzieherin sein. –

So trat Kamilla von Kramm ins Leben ein.


III.

Christa Herz war ein wenig scheu, mißtrauisch und umständlich; Hanni aber flog der jungen Erzieherin mit dem ganzen zärtlichen, fröhlichen Ungestüm ihres Wesens jubelnd entgegen und gleich in die ausgebreiteten Arme der jungen Dame hinein. Hanni war kein hübsches Kind, aber so lieb! so herzig! Es wurde hell, wo ihre offenen, wilden, rötlichblonden Locken aufleuchteten, Kamilla sagte sich immer wieder, daß sie den schmerzlichen Erinnerungen nicht nachhängen dürfe. Das tat sie auch am ersten Abend in dem neuen Heim, nachdem sie lange von Herzen geweint hatte. Sie schalt sich selbst, trocknete ihre Tränen und dachte mit tapferem Mute an die Zukunft, an ihre Zöglinge, deren Zutrauen und Neigung sie gewinnen mußte. Leicht schien dies bei Hanni zu sein, was aber barg sich hinter Christas gesenkten Augenlidern? Im Laufe des Abends hatte Kamilla mehrmals einen halb scheuen, halb forschenden Blick aus Christas dunklen Augen aufgefangen, der ihr seltsam naheging. Vor dem Schlafengehen, als die jungen Mädchen ihrer Gouvernante gute Nacht wünschten, war Hanni ihr wieder mit naiver Selbstverständlichkeit an den Hals geflogen; Christa aber war ein wenig nähergetreten und hatte ihr mit niedergeschlagenen Augen die Hand gereicht. In diesem Augenblicke empfand Kamilla plötzlich die Herzenseinsamkeit des dreizehnjährigen Mädchens, dessen Mutter ein bedauernswertes Leidensleben auf der Chaiselongue führte und ihren heranwachsenden Töchtern so wenig bieten konnte; sie zog Christa herzlich an sich: »Wir wollen recht gute Freunde werden, nicht, Christa?« Da sah sie ein jähes Erglühen über das Gesicht des Kindes fliegen; im gleichen Augenblicke beugte sich Christa nieder; sie sank ganz in sich zusammen und drückte die heißen Lippen fest und lange auf Kamillas Hand. Als sie sich aber wieder aufrichtete, war ihr Angesicht womöglich noch ruhiger und gleichgültiger als es zuvor gewesen. –

Trotz allen guten Willens und aller Tapferkeit hatte Kamilla Kramm sich das Leben in dem fremden Hause schwer und hart vorgestellt. In der Tat aber gestaltete sich alles überaus einfach, wie von selbst. Gleich in den ersten Tagen übersah das Mädchen mit seinen hellen Augen, die allen Menschen so merkwürdig klar und durchdringend ins Gesicht blickten, den ganzen Hausstand, der eigentlich ohne Hausfrau war; und ganz von selbst machte es sich, daß sie hier und da eine kritische Frage oder Anordnung dazwischen warf, die den Dienstboten recht unbequem war. Frau Herz aber war entzückt von dem jungen, energischen Geschöpf, welches ohne vieles Reden hier zum Rechten sah und dort eingriff und in kurzer Zeit, ohne daß man sich dessen bewußt geworden war, die Zügel so vollständig in die kleinen, festen Hände genommen hatte, daß sich keiner mehr das Haus ohne Kamilla denken konnte. Das Merkwürdigste war, daß man ihr Regiment nicht sah, sondern nur fühlte. Die klaren, jungen Augen waren überall; und doch war Kamilla eigentlich immer in der Gesellschaft ihrer Zöglinge.– Hanni ging im Tanzschritt durchs Leben und blieb sich in allen Situationen gleich. Auch als Schülerin erwies sie sich als rasch, munter und gelehrig. Freilich ging ihr Können nicht tief, aber sie griff alles mit wahrhaft herzerfreuender Frische und Heiterkeit an. Kamilla hatte wenig Mühe mit ihr, nur Freude. Aber Christa, ach Christa! Ohne Zweifel war sie unvergleichlich klüger als ihre Schwester und manchmal überraschte sie die Lehrerin durch gediegene, wohlüberlegte Kenntnisse; doch ihre Seele war spröde wie Granit, während Hannis Gemüt weich war, wie ein Täfelchen von Wachs.

In den Unterrichtsstunden saß Christa Kamilla gegenüber; Hanni hatte ihren Platz zur Rechten der Erzieherin, Ihre munteren grauen Augen flogen bald hierhin, bald dorthin; aber sobald sie gefragt wurde, war sie dennoch immer bereit. Christa saß ruhig, das Gesicht ein wenig gesenkt, und blickte still vor sich hin; ihre Antworten wurden meistens so interesselos und schwerfällig gegeben, daß es Kamilla oft große Überwindung kostete, auf dieses Kind immer die gleiche freundliche Sorgfalt zu verwenden. Dann verdoppelte sie ihre Güte, redete Christa wie eine Freundin zu, weil sie hoffte, durch liebreiches Entgegenkommen die Starrheit dieses Mädchens zu überwinden; aber das junge Gemüt war und blieb unzugänglich. Zuweilen hatte Christa besonders schlimme Tage. Dann blickte sie düster und melancholisch vor sich auf den Tisch oder zum Fenster hinaus. Wenn Kamilla sie anredete, sah sie mit einem raschen, leidenschaftlich flehenden Blicke auf; das dauerte eine Sekunde; dann kam der trübe, gelangweilte Ausdruck wieder, und Christa sagte leise: »Ich weiß es nicht, Fräulein von Kramm. . . .«

Am Abende eines solchen Tages saß Kamilla, als ihre Zöglinge schon lange zur Ruhe gegangen waren, in ihrem Zimmer und versuchte zu lesen. Die Mädchen schliefen auf der andern Seite des Korridors. Aber Kamillas Augen schweiften über das Buch weg; sie war traurig gestimmt und nachdenklich, denn die Sorge um Christa verdrängte jeden andern Gedanken. Plötzlich ließ sich an ihrer Türe ein ganz leises Pochen vernehmen; Christa trat rasch ein, ging auf Kamilla zu, sank vor ihr in die Kniee und flüsterte und weinte durcheinander, indem sie den dunklen Kopf in Kamillas Schoß barg: »O, Sie wissen gar nicht, Fräulein von Kramm, wie schlecht ich bin! So schlecht, daß ich mit Absicht faul und unaufmerksam hin! Ich weiß, daß ich Sie damit betrübe, und ich tue es doch. . . . Und das Schrecklichste ist, ich kann nicht anders! . . . O, ja, ich könnte doch anders sein! – Ach, und dabei habe ich Sie lieb . . . Das glauben Sie nicht. . . . Jetzt hob Kamilla mit sanfter Hand das aufgeregte, tränenfeuchte Gesicht des Kindes in die Höhe: »Christa! Wenn wir ein Unrecht einsehen, haben wir auch die Kraft, es gutzumachen. Und das willst du doch, Christa?« Aber das Kind in seinem fassungslosen Schluchzen war nicht imstande, zu antworten; der ganze junge Leib zitterte; das wilde Weinen erschütterte alle Glieder. Kamilla sah, selber bebend, die schrankenlose Gewalt, mit der die Leidenschaft des Schmerzes das junge Mädchen, das sich zu ihren Füßen wand, gepackt hielt; einen Herzschlag lang durchflutete sie ein dumpfes Lustgefühl, dann beugte sie sich gütig nieder: »Christa! meine liebe, kleine Christa! höre auf zu weinen – und gib mir lieber das Versprechen, in Zukunft gut zu machen, was du schlecht gemacht hast! Und nun nicht mehr weinen! Ich will es, Christa!«

Bei Kamillas letzten Worten richtete das junge Mädchen sich auf und trocknete ihre Tränen. Das schöne, verweinte Gesicht sah merkwürdig freudig aus; ein tiefes, heimliches Glück glühte die Erzieherin aus den scheuen, fragenden Augen an. Und wieder, wie am ersten Abende, den Kamilla im Herzschen Hause verlebt hatte, neigte sich Christa und küßte mit heftiger Inbrunst die Hand der jungen Dame. Kamilla war im Herzen tiefbewegt; sie nahm das junge Mädchen in aufwallender Zärtlichkeit in die Arme und küßte sie auf die klare Stirne: »Liebe Christa!« . . . Die Erzieherin hatte dem Kinde nun noch manches sagen wollen; aber als sie sie aus ihren Armen freiließ, flüsterte Christa schnell: »Danke, danke – gute Nacht!« Und ehe die Erstaunte etwas erwidern konnte, war das Mädchen lautlos hinausgeschlüpft. Kamilla tat im ersten Impulse einige Schritte hinter ihr her, dann kehrte sie wieder um: »Besser, man läßt das erregte Kind allein, dann wird sie sich am leichtesten beruhigen und schlafen! Auch ist es besser, daß Hanni nichts merkt, und überhaupt niemand aus dem Hause!« –

Nun war es Kamilla erst recht nicht mehr möglich, zu lesen; sie entkleidete sich langsam, löschte das Licht, legte sich nieder und versuchte, in Ruhe die seltsamen Erlebnisse der letzten Viertelstunde zu überdenken. – Wie ein Traum war es gewesen: Das Kind, welches wie eine Erscheinung zu ihr hereingeglitten war, nur mit dem Nachthemde angetan, das ihr schneeweiß bis auf die Füße niederwallte. Die Kinder hatten ihr vor mehr als einer Stunde gute Nacht gesagt; so lange also mußte Christa wach gelegen und mit sich selbst gekämpft haben. Und dieses heftige, leidenschaftliche Bekenntnis und das Schluchzen und Zittern des sonst so ruhigen Kindes und diese Demut, die sich bis zur Übertreibung erniedrigte! – Kamilla seufzte; das eigenartige, schwer zu lenkende Kind war ihr nach dieser tollen und eigentlich doch rührenden Szene noch rätselhafter als vorher geworden. – Christa Herz lag indessen tief erregt, mit heißen Wangen und weltoffenen Augen im Bette. Sie warf sich unruhig herum und konnte keinen Schlaf finden. Seltsame Wünsche quälten sie, die sie selbst nicht in Worte fassen konnte. Sie ängstigte sich unbeschreiblich vor irgend etwas, was sie sich in Gedanken vorzustellen versuchte; aber es war, als wollten die Gedanken eine gläserne Mauer erklettern: nirgends ein Anhalt. Dann dachte Christa mit lebhafter, schwärmerischer Zärtlichkeit an Kamilla Kramm. O, Kamilla mußte sie für böse und feindselig halten; aber sie hätte für sie ins Feuer gehen können, wenn Kamilla – ja, wenn sie es befohlen hätte! – Christa stöhnte: die erwachende Sinnlichkeit hatte sie zum ersten Male mit Krallen gepackt und schüttelte sie, wie im Fieber; und alle ihre junge Leidenschaft glühte und flackerte für Kamilla Kramm, die blonde, die stolze. Wie hoch und aufrecht ging sie einher, wie hell und gebieterisch klang ihre Stimme, wie zwingend schauten ihre grauen, klaren Augen! Und wieder lächelte Christa Herz und flüsterte mit schauerndem Entzücken, indem sie an Kamillas helle, befehlende Stimme dachte, wohl dreißigmal die letzten Worte der jungen Dame vor sich hin; »Ich will es, Christa!« – Kamilla erwähnte diesen Abend dann niemals; auch Christa hatte sich wieder scheinbar zurückgezogen und jenes Ereignis hatte nach außen hin gar keine Spuren hinterlassen. Christa war zwar in den ersten darauffolgen den Wochen aufmerksamer und liebens- würdiger, aber in der folgenden Zeit wurde sie launenhafter als je. Mitunter verhielt sie sich tagelang in mißmutigem Schweigen und gab eben nur die unumgänglichsten Antworten; dann sah man sie manchmal auch mit rotgeweinten Augen aus dem Garten kommen. Der Vater schickte Christa zum Arzt; der murmelte etwas von »Frühreife« vor sich hin und verschrieb eine Medizin gegen Bleichsucht. Aber sie half nichts. – Denn Christa träumte allnächtlich in die Dunkelheit hinein und horchte auf ein Lied, das aus unbekannten Fernen an ihre Seele drang; wie im Fieber flammte ihr Gesicht und in Frostschauern bebte ihr Leib, der sich nach schmerzhaften Küssen sehnte. –

Dann traf es sich einmal, daß Christa allein unterrichtet wurde, denn Hanni war krank, sie lag im Zimmer ihrer Mutter. Frau Herz sah die kleinen Unpäßlichkeiten ihrer Töchter nicht ganz ungern, weil sie, die allermeist an die Stube Gebannte, sich dann vom Morgen bis zum Abend der oft schmerzlich entbehrten Gesellschaft eines lieben Kindes erfreuen konnte. – –

Purpurne Gedanken träumen zwischen Kamilla und Christa; heimliche Wünsche liegen in der Luft zwischen beiden Mädchen, die nur durch sechs Lebensjahre voneinander getrennt sind; einsame Sterne seid ihr, die allein im nächtlichen Dunkel schweben. Nur lange, zärtliche Lichtstrahlen schießen zusammen durch die Nacht; nur eure Blicke tauchen ineinander, ihr jungen Mädchen, und wenden sich zaghaft wieder ab, weil eines das andere nicht erkennt. –

Kamilla hatte Christa Herz an jenem Abende seltsam lieb gewonnen. Mit eigentümlich gemischten Gefühlen, die zwischen herzlichem Bedauern und einer Art perverser Neugierde schwankten, beobachtete sie die unberechenbare Launenhaftigkeit der Jüngeren. Hatte Christa jenen Abend bedauert? Hatte sie nicht wieder gewagt, sich ihrer Lehrerin zu nähern? Christa war, wie Kamilla sich überlegte, seit dieser Stunde der Selbstvergessenheit kaum mehr ein einziges Mal mit ihr allein gewesen; selbst wenn die Lehrerin eine vertraute Aussprache gewünscht hätte, so hätte sie die Gelegenheit dazu eigens herbeiführen müssen. Heute war nun ein Tag, an dem die jungen Mädchen stundenlang nur aufeinander angewiesen waren.

Kamilla Kramm fühlte ein heimliches Beben . . . aber dann gab sie sich einen energischen Ruck: lächerlich! sie durfte sich doch vor dem Kinde nichts vergeben! Die Autorität wahren! Das war's. Hanni stand vollkommen unter ihrem Willen; dieses heitere Kind empfand die Autorität der Erzieherin nicht als eine Last, sondern als eine höchst bequeme, sichere Richtschnur. Christa hingegen fühlte sie sich oft unter den Händen weggleiten. Das junge Mädchen lehnte sich nie auf; o nein. Mit offener Auflehnung wird man fertig; nicht mit diesem passiven Widerstande, der unsichtbar und unhörbar ist und sich nicht fassen und nicht greifen läßt. – Der Vormittag war schwül gewesen und endlos lang. Der Unterricht fand heute in Kamillas Zimmer statt. Christa war ein wenig befangen. In ihrem lichten mohnfarbenen Sommerkleide erschien sie Kamilla wie eine Blume, die in der Glut der Sonne die roten Blütenblätter hängen läßt; und sie lächelte stolz, Kamilla gab Christa die Geschichtsstunde. Die Weltgeschichte war eines der Wissensgebiete, auf dem die Interessen der jungen Mädchen sich begegneten. Kamilla war, nach ihren vorigen Bedenken, sicherer und selbstbewußter als je; Christa aber sank in sich selbst zusammen. Nur von Zeit zu Zeit warf sie einen scheuen, glühenden Blick auf Kamillas blondes Haar, welches in dem Licht des Mittags schimmerte und leuchtete. Kamilla sprach mit ihrer hellen, klaren Stimme über das Pensum des heutigen Tages. Ihre Schülerin saß ruhig mit niedergeschlagenen Augen da. Dann stellte Kamilla eine Frage; und nun fuhr Christa zusammen und sah die Lehrerin mit diesem raschen, flehenden Blicke an . . . »Ich fragte dich, Christa.« Da faßte Christa sich ein Herz: »Ich habe Ihre Frage nicht verstanden, Fräulein.« Kamillas Brauen zuckten; aber sie wiederholte ruhig die Frage. Das Kind blickte zitternd auf die Erde und sagte nichts. Nun wurde die Erzieherin ernst: »Hast du überhaupt meinen Vortrag angehört, Christa?« Und zu ihrem grenzenlosen Erstaunen antwortete Christa leise: ». . . nein, Fräulein von Kramm . . . »An was hast du also gedacht, Christa?« »Ich weiß es nicht«, sagte das Kind zusammenschauernd und sagte noch einmal: »Ich habe etwas gedacht, aber ich weiß es nicht . . .«

Kamilla Kramm war schrecklich blaß geworden. Langsam stand sie auf, schob ihren Sessel zurück und ging um den Tisch. Christa hatte sich gleichfalls instinktiv erhoben und stand mit gesenkten Lidern und bebenden, bleichen Lippen aufrecht. Da hob Kamilla die Hand, schloß sekundenlang die Augen und schlug das junge Mädchen ins Gesicht.

Christa trat nicht zurück, regte sich nicht und bewegte nicht einmal den Kopf. Nur ihre Lippen hatten aufgehört zu zittern. Dann stieg ihr langsam das Blut im Halse empor und färbte ihre Wange mit Rosenglut. Es flog Kamilla durch den Sinn, »ist das nun Trotz oder Gleichgültigkeit?« Im nämlichen Momente sah sie den unendlich reizenden Farbenwechsel in Christas blassem Angesicht; der Gedanke an die Strafe war ihr vergangen; eine unklare Wonne griff ihr ans Herz; halb besinnungslos und doch selber jeden Schlag als ungeheure Lust empfindend, gab sie dem jungen Mädchen blitzschnell nacheinander noch zehn, zwölf harte Schläge ins Gesicht . . . Dann hielt sie entsetzt inne.

Christa Herz bog leise, leise den Kopf zurück. Ihr schönes Gesicht glühte in herrlichem Feuer, und um ihre Lippen, ihre jungen, herben Jungfrauenlippen, erblühte das selig ernste Lächeln der ersten Liebe. – Kamilla Kramm sah erstaunt auf Christas strahlendes Glück; dann trafen sich die Blicke der beiden jungen Mädchen. Da breitete Christa mit einer unbeschreiblich anmutigen Bewegung die Arme aus, umschlang die Hüften der Erzieherin und zog sie auf den Sessel nieder, sie selber glitt an Kamillas Seite zur Erde. Christas Zöpfe hatten sich gelöst und hingen wie schwarze Schlangen um ihren weißen Hals. Ihr feines Köpfchen sank immer tiefer, zitternde Mädchenlippen preßten sich inbrünstig auf Kamillas zierliche Schuhe, und ein Schluchzen: Christa barg den glühenden Kopf leidenschaftlich in den Schoß der Älteren und stammelte süße, törichte Worte. . . .

Leise taten sich alle Himmel junger Liebe auf, und eine Flut roter Rosen stürzte auf die Jungen, Zärtlichen, Glücklichen.


IV.

Zwischen Kamilla und ihrer Schülerin entwickelte sich ein seltsam reizvolles Verhältnis. Kamilla hatte nun endlich den Schlüssel zu dem Charakter dieses Kindes, welches gegen Güte und Nachsicht einen wahren Widerwillen empfand. Christa war ein hartes Gewächs, das in der Glut der Sonne nicht gedeihen konnte, aber auf steinigem Boden und in Sturm und Regen aufschoß und freudige Blüten trieb. Kamilla staunte, und Christa war selig. –

Es blieb übrigens Geheimnis zwischen ihnen beiden; selbst Hanni merkte nichts davon. Eine unsichtbare Brücke war zwischen Kamilla und Christa, die keiner sonst empfand. Kamilla gab ihre Anordnungen in derselben ruhigen, überlegten Art wie immer, und ihr Tadel war leise und ernst; die Jüngere war zurückhaltend, wie es in ihrem äußerlich sanften Wesen lag. Aber Christa sah mit tiefem, errötendem Schauder den unbeugsamen Willen in Kamillas Blicken und die unerbittliche Strenge, die ihr beim kleinsten Vergehen die Strafe ankündigte, indes Kamillas Mund freundlich verweisende Worte sprach. Dann schlich Christa sich am Nachmittag mit Zittern und Zagen in das Gemach der Lehrerin; ihr Atem stockte, und ihre Zähne schlugen aneinander aus Furcht vor der schmerzhaften Strafe. Aber sie nahm die Züchtigungen demütig und mit fast leidenschaftlicher Bereitwilligkeit hin . . . Und wenn sie wieder von Kamilla ging, dann glühte ein tiefes, heimliches Glück aus ihren Augen und ein sanftes Rot blühte auf ihren lieblichen Wangen; wie ein Mädchen, das vom Liebsten geht, mußte Kamilla oft denken. –

Christa Herz erholte sich zusehends und wurde an Leib und Seele frisch und heiter. Sie zeigte nun ganz offen ihre schwärmerische Verehrung für Kamilla; die aber hielt sie in fester Zucht. Und wie ein edles Pferd dem leisesten Druck gehorcht, so war Christa aufmerksam und lenksam geworden und achtete auf Wink und Blick der jungen Erzieherin. –

Und Tage kamen, an denen Kamilla erkannte, daß sie recht gehandelt hatte, als sie das eigenartige Mädchen unter eine fast überstrenge Herrschaft genommen hatte; das war, als Christa mit kindlichem Vertrauen zu ihr kam, um ihr die ersten Beängstigungen der erwachenden Jungfräulichkeit zu bekennen. In diesen jungen Nöten eilt das junge Mädchen zu derjenigen, zu welcher es das allermeiste Vertrauen empfindet. Kamilla Kramm nahm das feine Gesichtchen des Kindes, das vor ihr auf den Knieen lag, in ihre Hände und sprach leise und herzlich zu ihr, wie eine Mutter zu ihrem Kinde spricht, sie sah, wie die liebenswürdige Röte jungfräulicher Scham Christa bis unter die Haare stieg; da wurde ihr wunderbar heiß ums Herz . . . O, wenn es schon so schön war, das Vertrauen einer jungen Menschenknospe zu besitzen, wie schön mußte es dann erst sein, ein Kind ganz sein eigen zu nennen! In dieser Stunde schlang Kamilla zum erstenmal die Arme um Christas Hüften, zog das junge Mädchen leise zu sich empor, küßte es herzlich auf den Mund und flüsterte; »Freundin . . .«


* * *


Langsam vergeht die Zeit für den Weinenden, schnell für den, der glücklich ist. Die Jahre in diesem Hause erschienen Kamilla von Kramm im späteren Leben wie ein einziger Traum voller Licht und Seligkeit und reicher, keuscher, beglückender Mädchenfreundschaft. Es ist nur gut, daß Christa Herz, die Kamilla so sehr geliebt hat, hernach im ersten Kindbette gestorben ist und all den Jammer nicht hat ansehen müssen; vielleicht aber, wenn Christa am Leben geblieben wäre, so wäre es auch mit Kamilla anders gekommen . . . Wer weiß, welches das Ende einer feinen, reinen Jugend sein wird? Wer weiß, in welchen Kehricht die Kränzel einst getreten werden, die hold und myrtenfrisch über den klaren Stirnen der Jungfrauen grünen? . . .


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Mit siebzehn Jahren wurde Christa Braut, und mit achtzehn Jahren folgte sie ihrem jungen Gemahl in die Ferne. Ihr allzureiches, allzuheißes Herz hatte sich an den ersten, der da kam und um sie freite, wie an den Herrgott angeklammert. In der Brautzeit hatte sie manchmal vor Kamilla auf den Knieen gelegen und die Arme um Kamillas Taille gelegt und gezittert und gewimmert; »Ach schlag' mich doch, denn ich vergehe ja vor Liebe!« – Dann wieder hatte sie sich von der leichtherzigen Heiterkeit ihres Herzgeliebten mitreißen lassen, und das schwere, schmerzhafte Drängen ihres Blutes war in unbändige Fröhlichkeit umgeschlagen. So waren sie denn in die Ehe hinein geschlüpft wie Kinder, sie und Hans Moser, wie zwei glückliche, verliebte, zärtliche Kinder. – Kamilla hatte mit bewegtem Herzen die seltsamen Wandlungen mitangesehen, die Christa in diesen wenigen Jahren durchgemacht hatte, und sie sah mit Bangen den Tag voraus, an dem ihrer vielgeliebten Freundin die Augen aufgehen mußten über die liebenswürdig-heitere Oberflächlichkeit ihres jungen Gatten, die so gar nicht zu Christas schwerblutiger Sehnsucht nach Schmerzen und nach großen Ekstasen passen mochte. Aber diese Enttäuschung blieb, wie gesagt, der jungen Frau erspart. Ihre Ehe war ein einziger Liebestraum gewesen; sie hatte die glühende Sehnsucht ihrer schwärmerischen Jugend über Hans Moser ergossen, wie eine Lichtflut, und ihre Tage und ihre Nächte waren von Millionen Strahlen ihrer hellen Liebessonne erleuchtet gewesen; und als ihr Glück noch größer wurde, als das kleine Kind kam, schlief Christa Moser lächelnd ein und ging schmerzlos an der leichten Hand eines Fiebertraumes hinüber in das unbekannte Land. –

Als Christa das Haus verlassen hatte, bemerkte Kamilla erst, wieviel ihr die junge Freundin gewesen war, nämlich alles. Kamilla hatte alle die Jahre lang schlicht, energisch und selbstverständlich ihre Pflicht getan und hatte dem Hause des Konsuls wie eine Hausfrau vorgestanden. Sie hatte nie etwas anderes, als die Erfüllung ihrer Pflichten, begehrt; und nun empfand sie auch, daß sie nie einen Wunsch nach anderm gehabt hatte, weil eben Christa das Leben ihres Lebens gewesen war. Sie hielt Christas Seele in der Hand, sie spielte auf ihr, wie auf einem Instrumente, sie hielt in den Jahren der Entwicklung das stürmische und doch so demütige Gemüt des Kindes zurück und gab es erst frei, als dann plötzlich, nach dem ersten Ballfeste, das Christa besucht hatte, die Liebe zu einem Manne darin aufbrach. Bald nach Christas Hochzeit ging auch der Konsul Herz, dessen Frau schon vor Jahr und Tag gestorben war, auf Freiersfüßen und führte eine Witwe heim. Da fühlte sich Kamilla erst recht überflüssig in dem Hause, das ihr schon durch das Fehlen der geliebten Freundin arm und leer erschien, und ging. Sie war bei Christa in den letzten Wochen vor ihrer schweren Stunde, sie half ihr, die süßen Freuden und Sorgen hoffender Mutterschaft zu tragen, und sie drückte der sterbenden Freundin die dunklen, glühenden Augen zu. Sie konnte nicht für Christas kleinen Sohn sorgen, weil der seiner jungen Mutter schon nach einem Tage als Englein nachgeflogen war. – Kamilla war innerlich und äußerlich gänzlich gebrochen. Konsul Herz, der für das junge, tapfere Mädchen tiefste Dankbarkeit hegte, bat sie herzlich, sich in seinem Hause zu erholen. Aber Kamilla war nicht imstande, wieder in den Räumen, womöglich gar in dem Zimmer zu leben, in denen jeder Gegenstand die Erinnerung an Christa trug. Sie dankte dem Konsul vielmals und ging in ein einsames Dorf im Riesengebirge. Es war Herbst, und Kamilla war ganz allein dort; der sommerliche Schwarm der Gäste war längst verflogen, und das blasse, blonde Mädchen mit dem wunden, einsamen, elenden Herzen fand sich von unerträglichen Blicken und Worten unbehelligt in einer einfachen, fremden Umgebung.


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Kamilla, die während ihres ganzen Lebens bisher fast keine Gelegenheit zu schriftlichem Gedankenaustausch mit anderen gehabt hatte, fühlte oft das Bedürfnis, sich durch das geschriebene Wort mit Gedanken, die in ihr aufstiegen, endgültig auseinanderzusetzen. Ihre energische Natur drängte danach, jeden Impuls in eine Tat umzusetzen, wenn es auch nur ein kurzer Satz war, der ihr aber dann alle innerliche Klarheit wiedergab.


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Aus Kamilla von Kramms Tagebuch.


Hier in der ernsten, herbststillen Bergeinsamkeit bekommen alle Dinge der Welt und des Lebens ein anderes, so anderes Gesicht. Ich kann am Tage nicht grübeln und nicht weinen, weil ich vom Morgen bis zum Abend der Natur in die hart und doch gütig blickenden Augen schaue. Aber die Abende in dem großen, dunklen Zimmer mit den braunen, schlichtgefügten Holzwänden? Am Abend ist diese dunkle Einsamkeit schwer zu ertragenen.


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Aus meinen tränenumtrübten Gedanken steigt Christas süßes Angesicht und lächelt mich an, wie einst, wenn sie in holder Demütigkeit vor mir auf den Knieen lag . . . O Christa! warum mußtest Du mit einem Manne fortziehen!


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Ich kann mir nichts Anmutigeres denken, als die freiwillige, aus halbbewußter Sinnlichkeit entsprossene Unterwerfung eines jungen, reizenden Mädchens unter einen ihm überlegenen Willen; zumal unter den Willen einer liebevollen und zärtlichen älteren Freundin. In der reizendsten Weise, im liebenswürdigen, halb ernsten Spiel des Herrschens und Dienens führen sie einander den seligen Gärten der unschuldigsten und doch wollüstigsten Liebe zu.


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Ich wußte selber nicht, daß Christas Liebe mir so alles und alles war; daß ich nicht entbehrte, was die Natur eines vierundzwanzigjährigen Mädchens gebieterisch fordert. Ich fand mein Glück in der demütigen Zärtlichkeit dieser liebenswürdigen Jungfrau. Ach, soviel Schönheit ist nun tot und schläft in Ewigkeit unter den Toten. Ein unzerreißbares Band, aus Tränen und dankbarer Liebe gewebt, verbindet mich mit der Vergangenheit; aber ich fühle auch, daß neue Fäden sich an meine Seele hängen wollen, und sie werden eine Brücke der Sehnsucht bauen . . .


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Kamilla konnte es nach einer Zeit nicht mehr in der Einsamkeit aushalten. Das Alleinsein bedrückte sie, wie eine körperliche Last. Dazu wurde es Spätherbst. Die rauhe Jahreszeit schreitet im Gebirge überaus schnell vor, wenn sie einmal begonnen hat. – Als das Mädchen in das große, dunkelgetäfelte Zimmer eingezogen war, hatten zwei Betten darin gestanden. Es graute Kamilla, wenn sie das andere Bett im vollen Mondlicht Nachts stehen sah, und sie bat die Hausfrau, das überflüssige Möbel zu entfernen. Das geschah; der große leere Raum aber, der nun entstanden war, machte das ohnehin wenig trauliche Zimmer nicht wohnlicher. Am liebsten hätte sie den leeren Platz wieder ausgefüllt, aber sie schämte sich und schalt sich kleinlich. –

Tagsüber saß die junge Dame meist am Fenster und sah hinaus. Sie wußte nicht recht, was sie mit der vielen Zeit beginnen sollte. Die Unterhaltung mit der Hausfrau sagte ihr nicht zu, und an Lektüre hatte sie zeitlebens nicht viel Gefallen gefunden. Eines Tages also begann sie nach einer neuen Stellung zu suchen, und dank der vorzüglichen Empfehlungen, die sie besaß, gelang ihr dies auch in wenigen Tagen. So kaufte sie denn in der nächsten größeren Stadt noch mancherlei Garderoben- und Toilettengegenstände ein, die ihr als notwendig erschienen, und reiste kurz darauf nach der Stätte ihres neuen Wirkungskreises ab. –

Ihr neuer Zögling, Wanda von Buchwald, war ein armes, bedauernswertes Geschöpf. Dieses unglückliche Kind war im körperlichen Wachstum zurückgeblieben; auch seine Sehkraft war nur sehr schwach und hatte durch eine schwere Krankheit noch mehr gelitten. Die Schwäche und Unfähigkeit des armen Körpers hatte auch die geistige Entwickelung zurückgehalten; Wanda befand sich jetzt, im Alter von elf Jahren, etwa auf der Entwickelungsstufe eines sechsjährigen Kindes. Dieses schwachgeistige kleine Mädchen war wie ein unglückliches Pflänzchen, welches jeden Augenblick einzugehen drohte, und mußte mit endloser Güte und Liebe umhegt werden, um überhaupt dem Leben erhalten zu bleiben. Vor kurzem war die Mutter des Kindes gestorben; der betrübte Vater, der sein Kind, so wenig Hoffnung, es groß zu ziehen, auch bestehen mochte, um jeden Preis behalten wollte, hatte mit Sorgfalt aus der großen Zahl der Bewerberinnen diejenige ausgewählt, welche seiner Tochter am ehesten die liebevolle Mutter ersetzen könnte; die Wahl war auf Kamilla gefallen.

An einem trüben, wolkenschweren Spätherbsttage zog Kamilla in Herrn v. Buchwalds Haus ein. In ihrer schlichten, dunklen Trauerkleidung, in ihrem ganzen Wesen eine milde, durch mitleidige Zärtlichkeit gedämpfte Melancholie, hatte sie das Glück, gleich in den ersten Stunden das Vertrauen des mutterlosen Kindes zu gewinnen. Mit rührender Unbeholfenheit schmiegte Wanda sich am Nachmittage, als sie mit der Erzieherin im dämmernden Zimmer saß, in Kamillas weiche dunkle Kleiderfalten. Da hob Kamilla in tiefer, schmerzlichsüßer Muttergüte das arme Kind auf ihren Schoß, legte das Köpfchen zärtlich an ihr Herz, küßte Wanda recht herzlich auf das dunkelblonde, eigentümlich feine Haar und fing an, ihr alte Kindermärchen zu erzählen. Fast ohne es zu wollen, traf sie den schlichten Ton, den die Kleine allein verstehen konnte; sie sprach ganz einfach, leise und eindringlich – und Wandas armes Herzchen, das mit dem Tode der Mutter ganz verschüchtert war, taute auf. Noch fester schmiegte sich das Köpfchen an das große, freundliche Mädchen an, und die schmalen Kinderlippen stammelten: »Mütterchen . . .«

Kamilla von Kramm war das »Mütterchen« geworden. Der Name blieb. Sie sorgte auch wirklich mit Muttertreue für das zarte, gebrechliche Wesen, das ihrem Schutze anvertraut war und fand darin eine neue, bisher nicht gekannte Befriedigung. Aber eine lange Zeit des Tages und viele Stunden des Abends waren unausgefüllt; denn Wanda mußte unter Tags eine gewisse Zeit schlafen und wurde auch sehr frühe zu Bett gebracht. »Mütterchen« zog ihr freundlich scherzend die Kleider aus, hob sie in ihr Gitterbettchen, legte die blassen, dünnen Händchen zusammen und sprach ihr ein einfaches Kinder-Nachtgebetlein vor, Wandas Augen hingen dabei unverwandt an »Mütterchens« Lippen. Wenn das kleine Gebet beendet war, beugte sich Kamilla noch einmal zu dem Kinde nieder und küßte es auf den Mund; dann behielt sie eine Hand der Kleinen in ihrer warmen, weichen Rechten, Wanda flüsterte noch einmal: »Gute Nacht, lieber Gott, gute Nacht, Mütterchen!« – und schlief dann gehorsam in wenigen Minuten ein. Die Erzieherin blieb immer noch eine lange Zeit am Kinderbettchen sitzen und horchte sinnend auf die leichten kurzen Atemzüge der Schlummernden. Mit einem Seufzer stand sie dann wohl auf und ging leise, um ihr Sorgenkind nicht zu wecken, hinaus und über den Korridor hinüber in das helle, behagliche, gemeinsame Wohnzimmer. Meist ruhte Kamilla halb sitzend, halb liegend, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, die Füße auf einem niedrigen Hocker, in der bequemen Sofaecke und hing, von einer seltsamen, inneren Unruhe erfüllt, ihren Gedanken nach. Das junge Mädchen kannte sich gar nicht mehr in seinem eigenen Herzen aus. Früher war darin alles einfach und klar gewesen; jetzt verspürte sie dort ein verworrenes Wünschen nach etwas, was sie selber nicht ganz begriff. Und immer wieder raffte sie ihre Gedanken zusammen und richtete sie alle auf das Kind. Das Kind! – In seiner rührenden Hilflosigkeit war es dennoch der einzige Gegenstand der Liebe des jungen Weibes. Ein Kind haben! Ein Kind und – – –

Aber so träumte Kamilla von Kramm nur, wenn sie allein war. Herr von Buchwald war selten daheim. Er wußte die Tochter ja in guten Händen. Wenn er aber zu Hause blieb, so verbrachte er den Abend nicht allein in seinem Zimmer, sondern er setzte sich nach Tisch ins Wohnzimmer und bat Kamilla, ihm Gesellschaft zu leisten. Er sprach zwar wenig und blickte nur selten von seiner Zeitung oder seinem Buche auf. Die Erzieherin aber saß dann aufrecht in ihrer Ecke und beschäftigte sich ebenfalls mit Lektüre, oder mit einer Handarbeit.

Manchmal flogen Kamillas flimmernde Blicke über das Buch und die Arbeit ihrer Nadel hinweg und suchten scheu den dunkelblonden Kopf des Mannes. Zum erstenmal in ihrem Leben empfand Kamilla die Gegenwart eines Menschen als Pein. Sie trug schwer am Erwachen der Begierde. Noch war ihr selber nicht klar, was sich in ihrem Innersten begab. Sie, die immer durch sich selbst hatte hindurchschauen wollen, wie durch helles Glas, sie hatte umtrübte Augen; denn vor ihren Blicken schwamm alles rot vor Zorn und Ekel. Sie hätte weinen mögen über sich.

So war der Männerkopf, den sie mit heimlicher Angst betrachtete: schmal und beträchtlich lang. Die Stirn war im Verhältnis zum übrigen Gesicht sehr breit und kantig. Kurzgeschnittene, dunkelblonde Haare deckten dicht den eckigen Schädel. Unter breiten Brauen wachten helle, muntere Augen, die immer fröhlich blickten; der starke, aufwärts gewöhnte Schnurrbart beschattete sehr rote Lippen. Leopold von Buchwald war durchaus keine ungewöhnliche Erscheinung; kein Zug seines Gesichtes war auffallend genug, um einen besonders starken Eindruck hervorzurufen. So war die ganze Art: etwas Kräftiges, Kühnes, Eindringliches – welches Kamilla immer wieder zwang, mit einem entsetzten Flackern in den blauen Augen zu ihm hinüberzusehen. Aber es war kein Grund, sich zu entsetzen. Herr von Buchwald war immer gleichmäßig heiter, lebhaft und von einer gewissen behaglichen Ritterlichkeit.

Einmal sah Kamilla ihn in Erregung. Die Briefe, die mit der letzten Post angekommen waren, wurden ihm gebracht. Er öffnete und las ruhig hintereinander zwei der Briefe; der dritte, der nun obenauf lag, hatte eine kapriziöse Form und war mit goldfarbigem Siegellack verschlossen. Als Herr v. Buchwald diesen Brief öffnete, stieg ihm plötzlich ein tiefes Rot bis über die Stirn und unter die kurzen Haare. Kamilla sah und empfand es mit unbewußter Eifersucht. Indessen der Mann den Brief las, flatterte der Umschlag auf die Diele. Einer raschen Eingebung gehorchend, ließ Kamilla ein Blatt Papier, welches um ihre Handarbeit gewickelt war, auf die gleiche Stelle niederfallen, hob beides schnell auf, verbarg das Kuvert blitzschnell in ihrer Taille und warf anscheinend beide Gegenstände zusammen geknittert in den Kamin. Dann nahm sie ruhig wieder ihren Platz ein. – Herr von Buchwald wollte den Brief inzwischen wieder ins Kuvert schieben und sah sich suchend danach um. Die Erzieherin blickte naiv auf: »O, Herr von Buchwald, vermissen Sie einen Briefumschlag? Verzeihen Sie, ich habe ihn eben aus Versehen in den Kamin geworfen!!« Da sagte er höflich: »– bitte sehr, das tut natürlich gar nichts!« und schob den Brief in die Brusttasche.

Kamilla zog sich bald zurück. In ihrem Zimmer las sie beim Lampenschein auf dem eleganten Papier in dünnen, roten, verschnörkelten Buchstaben den aufgedruckten Namen: Kara Engel, Die Trägerin dieses Namens war ihr unbekannt. Trotzdem schloß sie das Kuvert sorgfältig ein. –

Furchtbar sind die Tage, in denen ein Weib sich des Hungers ihrer Sinne bewußt wird. Denkt zurück, ihr Frauen, an jene Zeit! und besinnt euch, wie ihr oft erschauernd mit zitternden Händen nach euren schmerzenden Brüsten gegriffen habt; denkt daran, wie euch vor euch selbst, als wie vor einem Ungeheuer, gegraut hat, wenn ihr euch momentan, etwa beim Auskleiden, eurer Nacktheit bewußt geworden seid; denkt an eure fiebernde Angst vor dem Großen, Unbekannten, das euch bedrohte, denkt an den Krampf, der eure Schenkel schüttelte, wenn ihr müde und doch nicht schläfrig zur Nacht auf dem einsamen Lager geruht habt; und freut euch, wenn eine verständige Hand euch in dieser schweren Zeit geleitet hat! –

Kamilla Kramm empfand dies Kommende, Unabwendbare als Scham und Sünde. In ihrer Not flüchtete sie immer wieder mit ihrem Herzen zu dem Kinde. Das Kind! Kamilla liebte dieses Kind in seiner Armseligkeit; sie liebte Wandas Hilflosigkeit, wie nur eine Mutter lieben kann. Das Begehren nach dem Manne trieb sie zu dem Kinde; und wiederum ersehnte ein Dunkles in ihr durch das Kind den Mann. –

Abende kamen, an denen Kamilla den Blondkopf, der ihr gegenüber am Tische zu sitzen pflegte, heftig vermißte. Sie fragte sich mit Herzklopfen, in welcher Gesellschaft er weilen mochte. Am Morgen, beim gemeinschaftlichen Frühstück, studierte sie dann heimlich seine Züge, die matt aussahen; aber seine Augen lachten, und hin und wieder lächelte er kaum merkbar. Kamilla aber sah es doch. Mit einem eigentümlichen Schmerz wendete sie dann den Kopf ab, nickte Wanda lächelnd zu und reichte dem Kinde ein Brötchen oder schenkte ihm Tee ein, damit nur er die Unruhe ihres Innern nicht bemerken sollte.

Und andere Abende kamen; da hing die Sehnsucht flügelschwer über dem traulichen Raume. An diesen Abenden war es, wo Kamilla den Trotz und den Zorn verlernte. Alles, was in ihr war, löste sich auf in Sehnsucht, in Sehnsucht. Dabei hätte sie nicht einmal zu sagen gewußt, ob sie ihn liebte. Sie glaubte, nein. Damals dachte sie noch, daß Liebe ein starkes und treues Einverständnis zweier Seelen sei; und sie war ehrlich genug, sich selbst ein solches Einverständnis zwischen ihr und Leopold nicht vorzulügen.

Leopold von Buchwald hatte es längst gesehen. Er träumte sogar des Nachts mitunter von Kamillas flimmerndem, flehendem Sehnsuchtsblick. Aber er wollte nicht den Kampf beginnen. Er wartete lächelnd ab, daß diese blonde Blüte sich ihm von selbst entgegenneigte. – Leopold von Buchwald wollte überhaupt eigentlich nur, was ihm als freies Geschenk zufiel. Er war ein Genußmensch; aber er gab sich wenig Mühe zur Erlangung des Genusses. Er sehnte sich auch nicht sehr nach Kamilla, denn er sah und hatte sie ja täglich. Er sah mit hellsichtigem Blick den Kampf der Leidenschaften, die des Mädchens Herz durchtobten, und er gehörte zu jenen Naturen, denen das Beobachten einer Entwicklung mindestens ebensoviel Freude macht, wie der Genuß selbst.

Außerdem hing sein Herz an Kara Engel. Er liebte sie, die ein schönes, wildes und kapriziöses Geschöpf war, schon seit einigen Jahren; seine tote Frau hatte es auch schon gewußt, und es hatte ihr das letzte Jahr ihres Lebens verbittert . . . Aber das war nun aus, und das Leben behielt Recht. Mit Frau Engel, der Vielumfreiten, machte Herr von Buchwald übrigens eine Ausnahme. Denn er begehrte sie mit schmerzhafter, glühender Leidenschaft. Nun, da sein Weib tot war, hätte er sie heimführen können; aber vor diesem Schritte schreckte er zurück, weil Karola Engels Ruf nicht so tadellos war, wie er es wohl gewünscht hatte. Es war zwar keiner, der Frau Engel hätte irgend etwas Bestimmtes nachsagen können; aber es war ein undefinierbares Etwas, was sie umschwebte. Oder waren nur der Neid und die Eifersucht anderer Damen daran schuld? Er wußte es nicht. Er quälte sich mit diesen Gedanken. –

Es war nun schon gegen den Frühling hin. Die Erzieherin ging oder fuhr täglich mit Wanda spazieren. Mit großen Augen blickten beide, das arme, kranke, kleine Mädchen und die Jungfrau, an diesen Vorfrühlingstagen in den hoffnungsvollen Lenz, der hier, inmitten der großen Stadt, an Bäumen und Sträuchern knospete. Kinder mit bittenden Augen und blassen Gesichtchen drängten sich an die feingekleidete junge Dame heran und boten Veilchen und Springauf zum Kauf. Oft nahm sie den Kindern zwei Sträußchen ab und gab das eine der Kleinen, die leuchtenden Auges danach griff; das andere befestigte sie selbst an ihrer schlanken Taille. Manch einer sah mit Wohlgefallen dem feinen, zierlichen Mädchen nach, das so gerade und selbstbewußt durch die Straßen schritt und doch beständig mit dem Kinde an ihrer Hand fröhlich scherzte und schäkerte.

Einmal traf Kamilla auf dem Spaziergange ihre liebste Freundin aus der Mädchenzeit, die sie im Laufe der Jahre aus den Augen verloren hatte. Cilly war schon seit mehreren Jahren glücklich verheiratet und besaß zwei liebe Kinder, auf die sie sehr stolz war. Die Wiedersehensfreude der beiden jungen Damen war groß. Cilly begleitete Kamilla nach Hause; die kleine Wanda nahmen sie zwischen sich, jede an einer Hand, und alle drei gingen fröhlich plaudernd weiter, »Ist es deine Kleine?« fragte die glückliche junge Mutter herzlich und interessiert. Kamilla verneinte; sie fragte und berichtete lebhaft; trotzdem wurden ihre Blicke immer wieder ohne ihren Willen von einer eigen artigen Frauenerscheinung angezogen, die vor ihnen daherschritt. »Wie ich mich freue, Kamilla«, sagte die junge Frau, »und nicht wahr, du vergissest dein Versprechen nicht, mich recht bald zu besuchen? Und Wanda kommt auch mit«, lächelte sie freundlich zu der armen Kleinen herab. Und die Erzieherin sagte mit Freuden zu; und dennoch wanderten ihre Augen zu jener Frau hin. Die ging mit zierlichen Füßen, mit, leicht wippendem Gange, vor ihnen her; das graziös geraffte Kleid aus schwerem dunkelgrünen Sammet bauschte sich elegant um die wundervollen, üppigen Hüften und schmiegte sich eng an schöngeformte Beine; ein maisgelber Unterrock mit schwarzem Spitzengeriesel lugte diskret unter dem Kleidsaum hervor.

Kamilla begriff sich selbst nicht mehr. Was war es, was ihre Augen und ihre Gedanken anlockte? Jene Dame hatte nichts Außerordentliches oder gar Auffallendes an sich; es war wohl einfach eine jener glücklichen Frauen, welche keinen andern Zweck des Lebens haben, als für ihren Mann hübsch und elegant auszusehen und auf möglichst anmutige Weise die Zeit hinzubringen. Als Kamillas Blicke wieder einmal zu der Dame hinwanderten, wurde Frau Cilly aufmerksam und sagte: »Du kennst sie auch, nicht wahr?« »Die Dame, welche da vor uns hergeht?« erwiderte Kamilla, »nein, kennst du sie?« Frau Cilly sagte flüchtig: »Kara Engel – eine geschiedene Frau.« Aber offenbar fand sie die Dame gar nicht interessant, denn sie nahm sofort das Gesprächsthema wieder auf, welches durch den kleinen Zwischenfall nur auf eine Minute unterbrochen worden war.

Kamilla Kramm aber war der Name ins Herz gefahren, wie ein Dolch: nun begriff sie das merkwürdige instinktive Interesse, welches sie jener Fremden ohne ihren Willen hatte widmen müssen, Kara Engel! Das also war sie, mit der Leopold in irgend einer Verbindung stand; welcher Art diese war, wußte sie ja freilich noch nicht. Für ihr Leben gern hätte die Erzieherin Frau Engels Gesicht gesehen. Ein Zufall kam ihr zu Hilfe. Frau Engel blieb plötzlich einen Augenblick lang stehen, als ob sie über etwas nachdächte, dann kehrte sie um und ging den Weg, den sie gemacht hatte, zurück. Kamilla sah sie näher kommen; und dann, sekundenlang, ließ sie ihre Augen voll auf dem Gesicht der andern ruhen.

Kara Engels Gesicht war blendendweiß, von jener ganz merkwürdigen, fast unwirklichen Blässe, die manchen Rotblondinen eigen ist; doch wirkte dieses Gesicht eben nicht blaß, sondern nur weiß. Das überreiche rote Haar war in großen Puffen um das Gesicht arrangiert Das merkwürdigste an diesem Antlitz aber waren die Augen, diese eigentümlich schillernden und dabei lichtscheuen Augen. Frau Engel hatte einen großen, dunklen Sonnenschirm, trotz der frühen Jahreszeit, in der Damen meist noch keine Sonnenschirme zu tragen pflegen, sorgfältig aufgespannt und hielt ihn zum Schutze gegen die Frühlingssonne vor ihr Gesicht, und dennoch blinzelte sie scheu und mußte einen Augenblick vor der Sonnenflut auf den Steinfließen die Lider senken; als sie sie wieder erhob, sah Kamilla eben noch, daß diese lichtscheuen Augen sehr groß und von unbestimmter Farbe waren, dann war Frau Engel vorbei. Cilly, ganz vertieft ins Gespräch, hatte gerade mit Wanda gescherzt und auf Frau Engel nicht mehr geachtet. So entging ihr auch das jähe Erschrecken, welches Kamillas Gesicht mit tiefem Rot überflutet hatte. Die drei setzten ihren Weg fort. Beim Abschiede aber sagte Frau Cilly zu der Erzieherin, indem sie sie prüfend ansah: »Weißt du, liebste Kamilla, du siehst doch nicht so recht frisch aus, wie ich dich früher gekannt habe. Ich kenne dich, Kamilla! Du bist immer eine der Pflichttreuesten gewesen; aber man muß es auch nicht übertreiben, Kamilla, namentlich nicht auf Kosten der Gesundheit! Und ich bin fest überzeugt, daß du dir in deinem hiesigen Wirkungskreise zu viel zumutest. Arme Kamilla! Komme nur recht bald zu mir, wir reden dann eingehender über alle deine Angelegenheiten, Liebste. So verabschiedeten sich die alten Freundinnen herzlich.

Kamilla ging mit der kleinen Wanda in ihr Zimmer hinauf und gab dem Kinde ein Spielzeug in die Hände; dann schloß sie ihre Schreibmappe auf und nahm das immer noch duftende Briefkuvert, welches von Kara Engels Hand beschrieben war, heraus. Lange betrachtete sie die originellen Schriftzüge, die seltsam gut zu dem Bilde der Schreiberin paßten. Endlich schloß sie den Umschlag seufzend wieder fort und ging zu Wanda. Im Vorbeigehen am Spiegel streifte Kamillas Blick zufällig ihr eigenes Bild, und sie erschrak über den Ausdruck eines heftigen, schreckhaften Schmerzes, der sich mit grausamer Deutlichkeit auf ihrem Angesichte ausprägte. Also soweit war es? So furchtbar hatte der Schmerz der Eifersucht in wenigen Minuten ihre jungen, mädchenhaften Züge verstört, daß ihr selber graute? So also – liebte sie jenen? . . . Und in diesem Augenblicke hatte sie eine Vision. Sie sah in einem gräßlich grellen Aufblitzen zukünftiges Leid vor sich und kommende Verzweiflung, die sie eines Tages packen und sie nicht mehr aus den Krallen lassen würde, bis sie die längst leergeweinten Augen zum ewigen Schlummer schließen würde. Entfliehen? . . . Ja, das war es; entfliehen mußte sie, entfliehen der eigenen Leidenschaft und der seinen, um alles Unheil zu verhüten. Entfliehen . . . Und als sie das Wort auszudenken wagte, da kam von neuem der Anfall der hoffnungslosen Verzweiflung; da sah die junge Kamilla das unerbittliche Raubtier, die grausame, fürchterliche Geschlechtsbestie, in sich selbst aufstehen und ihre Kraft und ihr Leben und ihre Seele und alles mit seinen Krallen zerfetzen und mit wütenden Zähnen zerreißen . . . . Und da stand die kleine Wanda von ihrem Fußbänkchen auf, wo sie bisher ruhig spielend gesessen hatte, ging mit ungeschickten, kurzen Schrittchen auf die Erzieherin zu, legte die mageren Ärmchen um ihre Hüften und lachte sie kindlich an: »Mach mir doch Musik, Kamilla – ich hab dich auch so lieb!« Da loderte in Kamilla, die so still und ruhig aussehen konnte, die Flamme der Leidenschaft empor; mit einem wilden, fröhlich jauchzenden Schrei hob sie die kleine Wanda auf ihren jungen, starken Armen in die Luft und rief mit plötzlich ausbrechender Lustigkeit: »Ja, komm, Wanda, wir wollen spielen und singen!«


V.

Singt ihr nicht die seligen Wunder des Maien und preiset ihr nicht das Prangen der Jugend, die ganz voll Lust und Liebe und Glückseligkeit ist, wenn man euren Liedern glauben darf? – Ach, die Blütenwunder des Maien schüttelt die rauhe Hand des Sturmes von den Zweigen, ertränkt der graue, rieselnde Regen in Wasserfluten, mordet oft der Eishauch der Nachtfröste. – Und die Jugend ist, wie ich glauben muß, erst schön, wenn sie dahin ist. Das vergangene Leid bedeckt ein barmherziges Vergessen mit seinen milden Schleiern, und vergangene Freuden sind immergrüne Pflanzen, die zu immer neuer Lust, so oft man sie betrachtet, wieder süße, herrliche Blüten treiben. Aber die Jugend selber ist eine traurige Zeit, und sie sieht mehr Regentage, als sonnige. Jugend trauert am schmerzlichsten über unerhörte oder verratene Liebe, Jugend knirscht zwischen zusammengebissenen Zähnen die zornigsten Flüche, Jugend ist häufiger als das Alter bereit, ihr blühendes Leben, das ihr schal und nichtig oder zum Verzweifeln dünkt, in das finstere Nichts des Todes zu werfen, und Jugend weint die meisten und die bittersten Tränen. –

Kamilla Kramm wollte sterben. Sie erstickte fast in Bitterkeit. Und dann gingen ihr wieder die hellsten, leuchtendsten Sterne auf. Und alles dieses geschah, weil sie einen Mann liebte, der eine andere begehrte. Ihr kam es nicht in den Sinn, einen anderen, würdigeren Gegenstand ihrer Liebe zu suchen. Von allen sah sie nur ihn; als gäbe es keinen Mann außer ihm. Sie dachte, daß ihre Sehnsucht ihn meinte und minnte, während nur der brutale animalische Trieb in ihr nach Befriedigung fieberte.

Wanda ging es in diesem Frühling so gut, wie noch niemals. Sie gedieh zusehends unter der mütterlichen und aufopfernden Pflege des jungen Mädchens. Bei Wanda allein fand Kamilla Frieden. Sie sah auch in ihr nicht sein Kind, sondern nur das Kind. Aber Tag und Nacht sind vierundzwanzig Stunden lang, und höchstens neun von diesen vierundzwanzig hatte sie das Kind; denn Wanda schlief die längste Zeit, um immer wieder ihre schwachen Kräfte zu sammeln.


* * *


Frau Engel hatte eine Abendgesellschaft gegeben, und Leopold von Buchwald hatte sich wieder unendliche Mühe gegeben, das spröde Weib zu erobern, und wieder vergebens.

Es war Sonntagmorgen, er wachte früh auf, da alles noch im Hause schlief. Er liebte diese Morgen voll Tau und Frische. Es war Juni, und die reine, duftige Morgenluft strömte in breiten Wogen zum weitoffenen Fenster herein. Tief atmete der Mann die Morgenluft und dachte an den schwülen und schweren Abend, der hinter ihm lag. Wie war es doch gewesen?

Frau Kara Engel war einer jener seltsamen Abendschmetterlinge, die den Tag müde und trage vertun und erst mit den abendlichen Schatten zu ihrem eigentlichen Sein und Wesen zu erwachen scheinen. Das helle Tageslicht störte sie, und in der Sonne mußte sie blinzeln; ihre großen, grünlichen Katzenaugen öffneten sich nur der Dämmerung und dem künstlichen Lichte ganz weit. Dann funkelten diese wilden Weiberaugen wie Tieraugen über dem großen, blutroten Munde und den breiten, etwas vorgeschobenen sinnlichen Kinnladen. Niemals war ihm die primitive, nahezu animalische Weibheit Frau Engels so aufgefallen, wie am letzten Abend. Mit einer naiven, selbstverständlichen Herrscherwürde hatte sie unter ihren Gästen gesessen, mit einem Wink, einem Blick alle regierend und das Gespräch lenkend. Kein Mensch wußte, ob Frau Engel eigentlich klug oder dumm war. Sie führte alle hinters Licht. Sie hörte zu und warf nur selten, wenn es ihr beliebte, einen Satz oder eine Frage dazwischen, die eventuell der ganzen Unterhaltung eine andere Richtung gab. Im ganzen sprach sie wenig. Sie war schön und sie bezauberte; das war ihre Logik, die zwingende Logik, der sich alle ihre Freunde unterordneten . . . Es hätte auch niemand gewagt, sich Freiheiten gegen Frau Engel herauszunehmen; dabei stand sie eben nicht in einem ganz makellosen Rufe da. Die Geschichte ihrer Ehe und ihrer Scheidung war mindestens dunkel gewesen; einigermaßen dunkel war auch die Frage, woher sie die Mittel zur Bestreitung ihres ziemlich luxuriösen Haushaltes bezog. Aber es war ihr nichts Unehrenhaftes nachzuweisen, und darum waren selbst die strengsten Sittenrichter genötigt, die schöne Frau als ehrenhaft anzuerkennen.

Der Mann schloß die Augen und dachte daran, wie reizend und wie schön sie gewesen war, als sie nach dem Symposion im Kreise der Gäste saß. Sie war klug genug gewesen, sich keine Rivalinnen in jungen oder unverheirateten Damen einzuladen; nur einige verheiratete Damen waren anwesend. In ihren dunklen Seidentoiletten hatten sie der jungen Frau eben nur als Rahmen ihrer eigenartigen, pikanten Schönheit dienen müssen . . . Frau Kara Engel trug ein langschleppendes, meergrünes Taffetkleid, welches ihre geschmeidige, korsettlose Figur eng umschloß. Sie konnte des Stahlmieders entraten, denn ihr Körper war von jener aufregenden unheimlichen Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des buntgefleckten Jaguars. Wie ein Raubtier war sie auch in den Sessel geschmiegt; man hatte die Empfindung, als könnte sie jeden Augenblick aufspringen, um irgend etwas Unerhörtes zu beginnen. Und dennoch waren bei all dem Aufreizenden in ihrer Erscheinung ihre Haltung und ihre Bewegungen so eigentümlich lässig, müde und lüstern gewesen . . . Den Mann überlief ein Schauer. Zu ihrer schneeweißen Haut hatte das Grün der Seide, noch gedämpft durch ein nebelfeines Überkleid aus zarten, weißen Spitzen, prachtvoll gewirkt; die leuchtendroten Haare lagen lose über der niedrigen Stirn und waren im Scheitel zu einem hohen, eigenartigen Gebäude aufgetürmt; einzelne Locken stahlen sich aus der Frisur heraus und ringelten sich wie feurige Nattern auf dem schlanken Hals, der in einem ganz kleinen, dezenten Ausschnitte sichtbar wurde. »Frau Engel ist wie eine elektrische Batterie«, hatte einer gesagt Das war garnicht so unrichtig gewesen; denn fortwährend fühlten sie alle das geheimnisvolle Fluidum des Weibes gleich einem elektrischen Strome von ihr ausgehen und heimlich warteten sie alle auf den elektrischen Schlag . . . Aber der kam nicht.

Dann war es ihnen im Zimmer zu schwül geworden; sie waren erst auf die Veranda hinausgegangen und von dort nach kurzer Zeit das kleine Treppchen zum Garten hinabgestiegen. Frau Engel hatte die weiße Hand leicht auf Leopold von Buchwalds Arm gelegt; da hatte er ihren Arm sanft unter den seinen gezogen und war dann langsam mit ihr um das Rasenrondell in der Mitte des Gartens herumspaziert. Der städtische Garten war nicht groß, aber dennoch groß genug, daß sie bei ihrem langsamen Gange ein wenig hinter den andern zurückbleiben konnten. Frau Engel hatte mit ihrer ein wenig heiseren, aufregenden Stimme gesagt: »Bleiben wir nicht zurück, mein Freund – es könnte übel gedeutet werden!« Und gleichzeitig hatte sie, wie zum Trost, eine Sekunde lang seinen Arm an sich gepreßt . . . Da hatte Leopold die Besinnung verloren und atemlos gestammelt: »Und wenn, Frau Engel? Was sollen uns Fremde kümmern? Ach geben Sie mir Hoffnung, Frau Kara! Ein Wort sagen Sie mir nur, ein Wort, daß ich hoffen darf! Seit Monaten verschmachte ich nach Ihnen . . . Und du mußt mein Eigen werden, du mußt, denn ich liebe dich, ich liebe dich, Karola!« Da hatte Frau Engel sich leise von seinem Arme befreit und sanft und vorwurfsvoll gefragt: »Warum betrüben Sie mich, mein Freund, indem Sie so zu mir sprechen? Habe ich Ihnen jemals Veranlassung gegeben, Böses von mir zu denken? Denn so sprechen, heißt ein armes, schutzloses Weib aufs Tiefste beleidigen!« »Verzeihung, Karola!« hatte er gefleht, »meine übergroße Liebe.« . . . Und da war einer dazwischengetreten und hatte die schöne Frau angeredet, die sich auch gleich mit holdseligem Lächeln dem Frager zugewendet hatte.

Hernach, als sie wieder in die Gemächer zurückgegangen waren, hatte Frau Engel beim Stufensteigen sich noch einmal leicht auf Leopolds Arm gestützt, und gerade als sie das Zimmer betraten, hatte sie ihn mit einem großen Blick angesehen, mit einem merkwürdigen, unerklärlichen Nixenblick, in dem so vieles lag: Furcht, und Ermutigung und leiser Vorwurf, und Leidenschaft, und eine rührende Hingebung . . . Hingebung? Leopold seufzte skeptisch; war Kara Engel überhaupt der Hingebung fähig? Und heiraten? Ach, Frauen wie Kara Engel liebt man zwar, im Notfalle ruiniert man sich um ihretwillen, aber man heiratet sie doch nicht! Ja, aber warum eigentlich nicht? – – –

Dieser Gedanke war ihm unbehaglich. Rasch sprang er nun aus dem Bette und erfrischte sich, indem er einen kräftigen, feinzerteilten Wasserstrahl über den Kopf und Nacken fließen ließ. Munter und elastischen Schrittes betrat er dann das Familienwohnzimmer, in dem Kamilla und Wanda ihn schon erwarteten.

Kamilla konnte sich wieder einmal nicht sattsehen an ihm. Kein Mann, den sie kennen gelernt hatte, besaß diese unbeschreibliche Frische, die sein Wesen und Auftreten so eigentümlich belebend und reizvoll machte. Die Erzieherin mußte sich manchmal in seiner Gegenwart unwillkürlich an die sonntäglichen Schlittenfahrten daheim auf dem elterlichen Gute erinnern. Wenn sie in seine hellen Augen sah, fiel ihr ein, wie sie Sonntags vormittags aus der Kirche heimgefahren waren, wenn der Schnee unter den Hufen klang und unter den Kufen knirschte, und die Schellen der Pferde melodisch läuteten, und die Felder weithin wie ein weißes Lichtmeer funkelten, und die Luft so kalt und rein war, und die ganze Welt so feiertagsfrisch . . .

Heute standen Rosen auf dem Tische; über die Rosen weg schaute er das Mädchen immer an; da senkte sie die Lider.

»Sie hätten sich mit einer Rose schmücken sollen, Fräulein von Kramm«, sagte er dann. Kamilla errötete leicht und sagte in einiger Verwirrung: »Weshalb denn?« Im nächsten Augenblicke ärgerte sie sich über diese unbeholfene Antwort; Herr von Buchwald aber lachte und sagte: »Ach, Sie meinen, Sie bedürften keines besonderen Schmuckes? Das ist wahr, aber trotzdem kommen Sie nicht darum; denn um so angenehmer wird diese Bestimmung der Rose sein!« Und da eben die Frühstückstafel beendet war, stand Herr von Buchwald auf und küßte erst, wie er es jeden Morgen tat, sein kleines Mädchen auf die kränklich-blasse Stirn; dann nahm er aus der Vase eine wunderschöne, voll erblühte Rose, wendete sich mit einem sieghaften Lächeln zu Kamilla und steckte ihr die Blume selber in den Gürtel. Sein Kopf neigte sich einen Augenblick, und seine Haare streiften Kamillas dünnes Waschkleid am Busen. Das junge Mädchen erschauerte in tiefster Seele. Hatte er es bemerkt oder nicht? Kamilla wußte es nicht. Als er wieder aufsah, fing sie einen tiefen Blick von ihm auf, und sie glaubte ein plötzliches, dunkles Begehren darin zu lesen. Aber sie mußte sich getäuscht haben; denn gleich darauf ging Herr von Buchwald mit kurzem Gruße aus dem Zimmer, und wenige Minuten später hörte sie ihn pfeifend den Korridor durchschreiten und das Haus verlassen. –

Kamilla brachte diesen Vormittag hin, wie alle anderen Vormittage. Sie machte mit Wanda einen kurzen Spaziergang, spielte mit dem Kinde, schrieb dann einen Brief, während die Kleine ihre Schäferei aufbaute. Was war denn heute anders, als sonst? Was macht denn das aus, daß nahe an einem jungen Herzen eine rote Rose blüht?

Zum Mittagsmahle kleidete Kamilla sich um; sie nahm sich Zeit, denn sie wußte Herrn von Buchwald noch außer dem Hause. Sie zog ein Kleid aus mattblauem, zarten Stoffe an. Dann trat sie vor den Spiegel. Kamilla war nicht frei von Eitelkeit. Mit dem starken Blondhaar, der weißen Haut und den weichen blauen Falten, die ihre mädchenhafte Gestalt umgaben, fand sie sich sehr hübsch und lächelte freudig; dann steckte sie sich noch die rote Rose an den Busen. So stand sie da, ein reisendes Bild der Jugend und Anmut, als rasch die Türe geöffnet wurde und Herr von Buchwald auf der Schwelle erschien. Verwirrt wendete sich Kamilla um; sie hatte sein Klopfen überhört.

Der Mann sah sie im Glanze ihrer Jugend, und sein Herz erschrak sehr. In diesem Augenblicke hatte er die Rote vergessen und sah nur den blonden Schatz, der liebreizend und liebeverlangend seit Monaten in seinem Hause lebte. Die rote Glut der Freude und der Begierde schlug flammend in sein weißes Gesicht; mit einem Sprunge war er bei dem Mädchen und schloß es in die Arme. Instinktiv wollte Kamilla sich ihm entziehen. Da beugte er sich über sie und küßte leidenschaftlich ihren schlanken Hals; und indem er seine Lippen, die noch von der Heftigkeit seines Kusses brannten, dem Ohre des Mädchens näherte, stammelte er die uralte Lüge:

»Ich liebe Dich, Kamilla, ich liebe Dich!«

Ihr Auge wurde dunkel; ein warmes, lachendes Glück rann heiß durch ihren Leib; da reichte sie ihm die Lippen, und er küßte sie.

Leise machte sie sich frei. Da sprach er in Hast und Leidenschaft: »Diesen Nachmittag mußt Du mir schenken, Kamilla; wir schicken Wanda mit dem Mädchen fort – und Du mußt bei mir bleiben!« Die Erzieherin schüttelte sanft den Kopf: »Das kann nicht sein. Ich gehe mit Wanda zu meiner Freundin Cilly. Es ist Kindergesellschaft dort. Die Kleine freut sich seit vielen Tagen darauf. Ich kann sie nicht um meinetwillen darum betrügen.« Ihre Ablehnung schürte seine Sehnsucht noch: »Um deinetwillen, sagst du, Kamilla – und ich bitte doch um meinetwillen!« Aber das junge Mädchen blieb fest: »Verlange nichts Unmögliches von mir! Zuerst gehöre ich dem Kinde.« Und mit einem lieblichen, strahlenden Lächeln fügte sie hinzu, als sie sah, wie sich sein Gesicht verdüstert«: »Haben wir nicht noch viel Zeit zum Glücklichsein?«

Er sah in ihre reinen, hellen Augen, und es überkam ihn etwas wie Beschämung vor ihr, die über der Treue die Liebe vergaß. So geh, mein Mädchen«, sagte er leise, und denke wenigstens, daß ich dich erwarte, mein Mädchen.«


* * *


»Niemals«, sagte Frau Cäcilie König zu Kamilla, »niemals habe ich dich so schön und vergnügt gesehen, wie heute. Du warst ja zeitlebens ein hübsches Mädchen, aber heute blühst du gradezu in Gesundheit. Ich muß mich wohl neulich doch getäuscht haben, als ich dich nicht so recht munter fand.«

»Das mußt du wohl«, erwiderte die Erzieherin. »Aber sage selber, Cilly: müßte sich nicht der Griesgrämigste dieser süßen Jugend freuen?«

»Du bist ein Kindernarr, Kamilla«, sagte die junge Frau. »Für dich wäre es das einzig Rechte: Kinder zu haben, Mutter zu sein.«

»Kinder!« sprach Kamilla schmerzlich. »Aber wer heiratet ein armes Mädchen? Du wirst mich wohl auslachen, Cilly: ich finde keinen Mann.«

»Wie!« lächelte Cäcilie, »in meine reizende Kamilla sollte sich noch keiner verliebt haben? Kleine Schelmin, das willst du mir doch nicht weismachen?«

Da zog ein glückliches Lächeln wie volles Sonnenlicht über des Mädchens Angesicht; aber sie schwieg. »Ich bin nicht neugierig, Liebe« sagte die junge Frau herzlich und drückte der Freundin die Hand. »Aber ich meine, wenn du das Glück bis heute noch nicht hältst, so ist es dir wohl nicht mehr fern. Und wenn du in hellen oder dunklen Stunden eine Freundin brauchst, so denke, daß du mich hast, und komme zu mir.« –

Gegen Abend ging das Mädchen heim; das Kind hielt sie zärtlich und fürsorglich an der Hand. Wanda plauderte in ihrer kindlich unbeholfenen Weise ohne Unterlaß, und das Fräulein wurde nicht müde, auf alles zu antworten. Aber je mehr sie sich dem Hause näherte, desto eigener wurde ihr ums Herz. Eine süße Befangenheit beklemmte ihr den Busen. Die Straßen waren jetzt, da die Glut des Sommertages einer blumenduftenden, abendlichen Milde gewichen war, sehr belebt. Junge Mädchen gingen miteinander spazieren, sie gingen Arm in Arm, in Gruppen zu dreien oder vieren, und hatten helle Kleider an. Sie kicherten unaufhörlich und steckten die Köpfe zusammen, aber Kamilla mußte denken, daß alle diese Jungen laut und fröhlich lachten, um ihre heimlich-glühende Sehnsucht den Gespielinnen zu verbergen. Es kamen auch andere Mädchen, die hingen am Arme eines Mannes. Wie ruhig blickten diese Mädchen! Glücklich, daß sie einen Freund oder einen Liebsten ihr eigen nannten. Lächelnd, stolz und triumphierend, in reizender Frauenwürde schritten sie dahin. – –

. . . Und dann das Abendmahl zu Dreien in dem großen, traulichen Wohnzimmer. Das Fenster stand offen und ließ der erquickenden Luft freien Zutritt; nur die dunklen Vorhänge waren herniedergelassen. Trotzdem hatte sich ein Abendfalter ins Zimmer verirrt, der das Licht umkreiste. Lautlos trugen ihn seine großen dunklen Schwingen in engen Kreisen um die Lampe herum. Die Kleine wollte ihn durchaus haben und griff vergebens danach. Kamilla sah das anmutige Tier dem sicheren Tode zustreben und sie stand auf, um es zu fangen und ins Freie zu lassen. Indem sie den Schmetterling behutsam ergriff, trafen sich ihre Augen mit Herrn v. Buchwalds Blicken. Jäh erglühend wendete sie die Blicke rasch ab und tat das Tier sanft aus dem Fenster. Mit gesenkten Augen trat sie wieder an den Tisch. Sie und Leopold hatten sich verstanden; und das arme Tier, das im Dunkel geboren ist und der Nacht gehört und dennoch aus einfachem Naturdrange der Flamme zueilen muß, wurde ihnen beiden zum tiefen und mit Schmerz erkannten Symbol . . .

Als die Erzieherin das Kind zu Bett brachte, blieb Leopold in einem heftigen Seelenkampfe zurück. Er hatte keine Schwestern gehabt. Die Geliebte seiner Jugend war sein Weib geworden. Er war ihr verhältnismäßig treu gewesen und hatte keine andere neben ihr ernstlich geliebt. Die zweite, die dann einen seltsamen, herzverwirrenden Eindruck auf ihn machte, war Frau Engel. Er liebte sie schon, als sein Weib krank war, und er hatte, seitdem er sie das erstemal gesehen, die Vorstellung nicht loswerden können, daß dieses Weib sein Schicksal und vielleicht sein Dämon sei . . . Kamilla war also eigentlich erst die dritte Frau, die in sein Leben eintrat, wenn man von gelegentlichen flüchtigen Liebeleien, die nur Stunden oder Tage dauern, und bei denen man nicht nach Woher und Wohin fragt, absehen will. Ihm war das Weib noch ein Ereignis und ein tiefer Schauer. Darum zögerte er noch, die Junge, die Reine, begehrend an sein Herz zu ziehen. Ein inneres Gefühl mahnte ihn, an diesem schwülen, warmen Sommerabend, der nach Sünde und glühender Lust wahrhaft schluchzte, zu entfliehen. Aber dann trat sie wieder in ihrer Jugend Blüte vor sein geistiges Auge – und er blieb und verscheuchte die Gedanken, pfiff ein Lied vor sich hin und zwang sich, an die Worte dieses Liedes zu denken . . .

Kamilla kleidete das Kind mit sanften Mütterhänden aus, setzte sich dann am Bettchen nieder, schlug das Gitter zurück und hielt Wandas Händchen. Mit ihrer lieben, hellen Stimme sprach sie dann der Kleinen die traulichen Verse vor, welche beginnen: »Breit' aus die Flügel beide, o Jesu, meine Freude, und nimm dein Küchlein ein . . .« Und leise, wie ein kleines Vöglein zwitschernd, sprach das Kind das Abendgebet nach.

Kamilla hielt an sich, um nicht vor tief-innerster Bewegung zu weinen. Die Kleine schlief, von dem auch für sie ereignisreichen, frohen Tage ermüdet, gleich ein. Das junge Mädchen hütete noch eine Weile lang des Kindes ersten Schlummer. Dann plötzlich begann ihr Herz hoch zu schlagen; da stand sie leise auf, befestigte das schützende Gitter am Kinderbettchen und schlich hinaus. Das Herz klopfte ihr so stark, daß sie unmöglich sogleich das Wohnzimmer betreten konnte; sie blieb einen Augenblick an der Türe stehen und lauschte unwillkürlich ins Zimmer hinein. Drinnen war alles lautlos. Vielleicht war er hinausgegangen, vielleicht . . .

Rasch öffnete sie die Türe. Leopold von Buchwald stand am Tische und blickte starr auf die Türe, durch die sie eintreten mußte. Leise, ganz leise, schloß das junge Mädchen die Türe. Er ging ihr entgegen, und sie ihm; eines tat dem andern sein Herz auf; ohne daß Worte gewechselt wurden, umfing er sie zart und stark. Den Arm schlang er um ihren Nacken und führte das Mädchen ans Fenster. Dort schob er den Vorhang beiseite und trat mit ihr ans offene Fenster; der Vorhang schlug wieder zusammen und trennte sie von dem lichten Zimmer. Süß und warm und duftig war die dunkle, sternlose Juninacht. Das Mädchen schmiegte sich in seinen Arm, er preßte sie fest ans Herz: da hob sie das weiße Gesicht zu ihm auf; mit tiefster Lust küßte er sie. –

Und die Minuten und die Viertelstunden verflogen; sie hatten beide das Denken vergessen.

Kamilla dachte nicht mehr daran, daß es für sie die Sünde war.

Es gibt Mädchen, die erst in der Liebe zur vollen Entfaltung aller ihrer Kräfte kommen. Und es gibt andere, leicht verletzliche Naturen, für welche es Sünde ist und eine Schuld, die sie selbst sich nie vergeben können. Von diesen Mädchen eines war Kamilla.

Aber an jenem Abend war keine Frivolität und keine Schuld und kein Unrecht dabei. Es war ein stilles, ungeheures Glück, nach dem ihr gesunder, junger Leib und ihre ganze Seele durstete; und sie nahm es freudig auf. Sie zierte und wehrte sich nicht, als er sie an den Händen ergriff und ins Zimmer zog und sie immer heißer küßte. Und alle Unruhe wurde von ihr genommen, und innigste Befriedigung erfüllte sie ganz, als er ihr den Schleier des großen Mysteriums aufdeckte, welches die heilige, zeugende Natur für uns mit Nacht und mit ehrfurchteinflößendem Grauen bedeckt hat – – –


VI.

Die nächsten beiden Monate brachten sie auf dem Lande zu. Reif lag der Sommer über den Feldern und träumte auf der breiten, von Kirschbäumen eingesäumten Dorfstraße. Die Liebenden genossen hier ein ruhiges, durch nichts getrübtes Glück. Sie bewohnten in einem weitläufig gebauten Bauernhause mehrere große, freundliche, weißgetünchte Stuben, in denen ländliche Einfachheit und bescheidene Behaglichkeit zu Hause waren. Kamilla fühlte sich unsäglich glücklich. Sie dachte nicht über die Zukunft nach, und wenn ihr ja ein flüchtiger Gedanke daran aufstieg, so war es die leise und freundliche Hoffnung, der Freund werde ihren freien Bund durch den ehelichen Ring zu einem unauflöslichen machen.

Wanda war noch wohler und gesünder, als sie im Frühling gewesen war. Sie lag den ganzen Tag in der Sonne. Das schmale, wachsbleiche Kindergesichtchen hatte, da es beständig von dem freien, gesunden Lichte bestrahlt wurde, eine natürliche Farbe angenommen. Die Kleine spielte mit den Hühnern oder lag lang ausgestreckt in dem Gartenwege, an dem auf buchsbaumeingefaßten Rabatten Nelken, Ranunkeln, Jungfer im Grünen und Studentenblumen üppig wucherten. Dann gab es junge Hunde, und damit neue Freude. – Das junge Mädchen glaubte nun an Wandas vollständige Genesung. Aber als sie dem Freunde diesen hoffnungreichen Glauben mitteilte, schüttelte Herr von Buchwald trübe lächelnd den Kopf. Er mochte indessen dem Mütterchen nicht sagen, daß er Wandas Munterkeit für die letzte und einzige Blüte in diesem armen, kleinen Leben hielt.

Einmal kam vormittags eine Depesche an; nachmittags erschien dann ein verdeckter Wagen und brachte Frau Engel. Die Bäuerin hatte alle Rosensträucher ihres Gartens plündern müssen; es war ein großer, herrlicher Strauß daraus gebunden worden, den Wanda der eleganten Besucherin überreichen mußte. Ein ältlicher Herr mit jovialem Gesicht und großer Glatze sprang zuerst aus der Kutsche, um Frau Engel herauszuhelfen. Aber schon war Herr von Buchwald hinzugeeilt und hatte der jungen Frau den Arm geboten. Er führte sie durch das Haus in den prangenden, duftenden Garten, in dessen Sommerlaube der Kaffeetisch bereit stand. Der Begleiter der Dame belud sich mit Frau Engels Shawls und den verschiedenen kleinen Gegenständen, die manchen Damen unentbehrlich zu sein scheinen.

Kamilla sah mit wilden Eifersuchtsqualen, daß Herr von Buchwald von dem Augenblicke an, wo der Wagen, der Frau Engel brachte, fern auf der staubigen Dorfstraße sichtbar geworden war, nur noch für die Andere Blick und Sinn gehabt hatte. Mit großer Überwindung ihres brennenden Schmerzes suchte sie sich einzureden, daß er es nur täte, um die Aufmerksamkeit der Fremden von ihrem Liebesbunde abzulenken. Aber sie glaubte sich selbst ihre fromme Lüge nicht recht.

Als sie gemeinschaftlich den Kaffee getrunken hatten, schlug Leopold der jungen Frau einen Rundgang durch das Gehöft vor; Frau Engel willigte ein und schaute sich suchend nach ihrem Sonnenschirme um, ohne den sie im hellen Lichte kaum sehen konnte. Er war im Wagen zurückgeblieben. Zum ersten Male an diesem Nachmittage wendete sich die junge Frau an die Erzieherin:

»Fräulein, seien Sie so freundlich – meinen Schirm! Ich habe ihn im Wagen vergessen.«

Die Worte waren gleichgültig, aber der Ton, in dem sie gesprochen waren, so schneidend scharf und hochmütig, daß der ganze, noch unvergessene Adelsstolz der jungen Aristokratin sich empörte. Zwischen ihren starken Brauen bildete sich eine tiefe Falte, dieselbe böse Falte, welche die Leute des alten Kramm gefürchtet hatten. Selbst Herr v. Buchwald blickte betroffen auf. Eine sekundenlange, verlegene Pause entstand, in der sich Kamillas Erregung ebensoschnell wieder legte: warum sollte sie jener nicht den kleinen Dienst erweisen, durch den sie sich ja nichts vergab! Langsam stand sie auf; aber da griff der ältere Herr, der bisher noch nicht viel gesagt hatte, ein, und sagte mit heiterer Stimme: »Nein, es ist nicht zu verantworten, daß sich das gnädige Fräulein bei dieser Hitze nach der Remise bemüht! Ich eile, Ihnen den Schirm zu bringen, gnädige Frau.« Die Erzieherin blickte ihn dankbar lächelnd an, denn sie erkannte seine feine und taktvolle Absicht, und sagte: »Ich führe Sie, Herr Romberg, wenn Sie nichts dawider haben. Ich bin mit dem Gehöft doch schon besser vertraut, als Sie.« Die kleine, peinliche Szene war scheinbar verwischt, Kamilla ging mit dem Herrn fort; Wanda sprang hinterher.

Als sie zurückkehrten, störten sie offenbar ein kleines Tête-à-tête, denn Leopold war ein wenig verwirrt und sah zur Seite, Frau Engel aber lachte eigentümlich und ließ ihre weiße Hand auf Herrn von Buchwalds Schulter liegen. Kamilla wurde kreideweiß, ihre Blicke wurden stählern; starr sah sie die Fremde an, und die Blicke der beiden Frauen kreuzten sich wie feindliche Säbelklingen. Mit der unfehlbaren Instinktsicherheit echter Frauen hatten sie beide ihre Nebenbuhlerschaft erkannt. Jede fühlte in ihrer Art einen wahnsinnigen Schmerz, und jede war entschlossen, sich den Mann nicht nehmen zu lassen, koste es, was es wolle . . .

Leopold reichte der Dame den Arm, um sie spazieren zu führen. Kamilla blieb mit Herrn Romberg zurück; auch Wanda, welche die ungewohnten Erlebnisse dieses Tages, wenn sie auch noch so gering waren, sehr aufgeregt hatten, blieb in der Laube und drückte das Gesichtchen in »Mütterchens« Rock. Kamilla strich mit leise zitternden Händen liebkosend über die dünnen, fahlblonden Härchen des Kindes, denn niemand sollte ihren schwer bekämpften Schmerz sehen und fühlen. Herr Romberg, auf den das Fräulein in ihrer bescheidenen Liebenswürdigkeit sichtlich einigen Eindruck gemacht hatte, bemühte sich, sie zu unterhalten. Kamilla antwortete mit der ihr eigenen Freundlichkeit, so gut es ging, und zwang ihre Augen, nicht hinzusehen in der Richtung, von wo bald hier, bald da Frau Engels Lachen herüberflatterte. Eine halbe Stunde waren sie nun schon fort, die zwei. Die Erzieherin litt einen stechenden Schmerz bei Frau Engels Lachen, aber selbst dies war noch besser, als garnichts zu hören und auf die qualvollsten Gedanken zu kommen. Und nun kamen sie wieder den breiten Gartenweg entlang geschlendert Frau Engel lehnte sich nur leicht auf des Mannes stützenden Arm. Wie eine große, feuerrote Blume schwebte sie daher. Ihr Rock, aus allerleichtestem Sommerstoff, mit vielen flatternden Krausen und Rüschen besetzt, wehte bei jedem Schritte, wie ein vom Winde bewegtes, großes, krauses Blütenblatt Ihre losen, weiten Ärmel verhüllten kaum die verführerisch weißen Arme. Und mit raffiniertem Farbengefühl hatte Frau Engel in pikantem Kontrast zu dem feuerroten Chiffon ihres Kleides einen türkisblauen, dünnen Seidenshawl um Hals und Schultern genommen. Da sie näher kamen, zog die Dame dieses Tuch mit einem leisen, etwas frivolen Lächeln enger um den Hals. Kamilla sah dabei, daß Frau Engels Toilette einen viel tieferen Ausschnitt hatte, als sonst bei sommerlichen Straßenkleidern üblich und schicklich ist.

Ach Gott, und alle diese ausgeklügelten Toilettenkünste galten nur ihm, dem Manne, dem Kamilla ihr Herz geschenkt hatte und ihre reine Jugend! Die Erzieherin hielt mit großer Mühe an sich, um ihren Zorn und Schmerz zu verbergen. Einen Augenblick dachte sie daran, Unwohlbefinden vorzuschützen und für den Rest des Nachmittags Urlaub zu erbitten. Sie wollte Wanda mitnehmen und oben, im großen, luftigen Schlafzimmer das Kind ans Herz ziehen und ihr Leid ausweinen . . . Aber nein! So schmerzhaft die Eifersucht auch brannte, lieber alles mit ansehen, als die Augen zumachen. –

Frau Engel war schlechter Laune, weil sie Herrn von Buchwald nicht mehr wie früher ganz im Banne ihrer pikanten Schönheit fand. Und ihr lag alles daran, ihn so fest an sich zu ketten, daß er nicht mehr von ihr loskonnte und sie zur Frau nahm. Frau Engel spielte ein gewagtes Spiel. Sie liebte ihn gar nicht, und was sie durch die Ehe mit ihm gewinnen wollte, war einzig und allein der Reichtum und die gesellschaftliche Stellung Herrn v. Buchwalds. Sie lebte von dem kleinen Reste ihres Vermögens, welches nicht mehr lange ausreichte. Bis dieses verbraucht war, mußte sie den Verehrer eingefangen haben! Frau Engel war klug. Sie wußte, daß ihr Ruf nicht der tadelloseste war. Darum führte sie unter Verleugnung ihrer sinnlichen, genußsüchtigen Natur nun schon seit Jahr und Tag ein wenigstens nach außen hin korrektes Leben. Daß Herr Romberg einen Teil der Kosten ihres Haushaltes trug, war ein Geheimnis zwischen ihnen beiden, und Frau Engel wußte genau, daß niemand durch den diskreten alten Junggesellen das kompromittierende Geheimnis erfahren würde.

Kara Engel kämpfte ihre üble Laune nieder und beobachtete mit gespannter Aufmerksamkeit Herrn von Buchwald, ob sie irgend ein Einverständnis mit der Erzieherin entdecken könne. Sie war jetzt äußerst liebenswürdig gegen Kamilla, damit das junge Mädchen sich ganz sicher fühlen möge und sich ganz unbefangen gebe. Ihr feines, eifersüchtiges Frauenempfinden hatte sie nicht getäuscht. Im Laufe des Nachmittags fing sie mehrmals Blicke des jungen Mädchens auf, in denen eine ganze Welt von Liebe und Schmerz lag . . . Also so stand es mit den beiden! Da galt es für Frau Engel, klug zu sein und alle Künste der Verführung spielen zu lassen, um ihn sicher zurückzuerobern. Er sollte nur erst wieder in der Stadt sein! Für heute begnügte sie sich damit, gegen Wanda recht lieb und zärtlich zu sein. Aus einem ihrer eleganten Pompadours holte sie eine reichgefüllte Bonbondüte heraus und schenkte sie der Kleinen. Das kleine Wesen schmiegte sich dankbar an Tante Karas Kniee. Frau Engel zitterte für ihre Toilette, aber sie ließ die unbeholfene Zärtlichkeit doch zu. Sie hatte Kinder niemals gern gehabt, und Herrn von Buchwalds kränkliches, kleines Mädchen war ihr geradezu unangenehm; dennoch duldete sie Wandas Annäherung, weil sie dachte, daß der Weg zum Herzen des Vaters durch die Liebe des Kindes am aller sichersten erreicht werde. Und sie hatte sich darin nicht getäuscht. Leopold war aufs freudigste überrascht, als er die teure Frau mit dem Kinde liebevoll scherzen sah.

»Das liebe Kind«, sagte Frau Engel später beim Fortgehen, als sie an Herrn von Buchwalds Arm den großen Garten durchschritt, in mitleidigem Tone, »wie traurig, daß es die mütterliche Fürsorge entbehren muß! Es tut mir weh, lieber Freund, daß Ihre Wanda auf bezahlte Fremde angewiesen ist.«

»Ihre Wanda« – wie sie das gesagt hatte, mit welchem schmerzlichen Vibrieren der Stimme, das bei ihr, der allzeit Heiteren, Lebenslustigen, doppelt ergreifend wirkte! Trotzdem runzelte Leopold die Stirne und sagte ernst:

»Sie sagen bezahlte Fremde – aber wenn ich mir ein Wesen denken kann, das ganz und gar keine Mietlingsseele hat, so ist es Fräulein von Kramm. Das Kind hat in der Dame eine Mutter gefunden, wie ich sie besser nicht wünschen kann!« Frau Engel wußte nichts darauf zu erwidern, darum sprach sie nur mit ganz leisem, verstecktem Spott in der Stimme: »So – um so besser für das liebe Kind!« und redete dann von etwas anderem. – –


* * *


Auch dieses Tages Leid ging für Kamilla vorüber. Als die Erzieherin an Herrn Rombergs Seite hinter dem anderen Paare zum Wagen schritt, der Frau Engel endlich fortführen sollte, und als sie sah, wie jene sich mit berechnender Koketterie fest an Leopolds Schulter anlehnte, flimmerte es ihr blutrot vor den Augen, und sie meinte, diese Stunde nie überwinden zu können. Als die Pferde anzogen, grüßte Leopold die Abfahrenden und winkte mit dem Strohhut. Das junge Mädchen ging rasch in den Garten zurück, denn das Kind war müde und mußte schlafen gehen. Wanda schlief sofort ein. Das Mädchen ging auf den Fußspitzen vom Bettchen fort, öffnete das Fenster und lehnte sich über die Fensterbrüstung. Der Abend war überaus schwül, wie vor einem Gewitter. Die versinkende Sonne hatte Himmel und Erde mit großer Glut übergossen. Dunkler schwammen in dem roten Lichte düstere Gewitterwolken. Und ein Sturm fuhr über den Himmel und jagte die Wolken rasch höher hinauf; die schoben sich wie eine graue Wand vor das Abendrot, bis nur noch die Wolkenspitzen rosig glühten.

Kamilla hatte das einfache, oft beobachtete Naturschauspiel mit schmerzlichen Empfindungen betrachtet, als sei es ein Bild und Zeichen ihres eigenen Leids. Vielleicht stand Leopold noch immer und sah dem Wagen nach, der nun schon weit, weit fort sein mußte. Es stieg heiß in ihren Augen auf, und schwere Tränen lösten sich von ihren Wimpern. Kamilla wehrte den Tränen nicht. Am Fenster stand sie, und das leise Weinen ließ ihren Busen zittern, und die Flut der Tränen wollte kein Ende nehmen. –

Leopold kehrte ins Haus zurück und suchte Kamilla. Auf der Diele traf er die Bäuerin, die ihm mitteilte, daß »dat lütte Mäken« ihr Gutenacht gesagt habe. Er stieg langsam die Treppe hinauf, um die Freundin oben zu suchen. Während des Nachmittags hatte Herr von Buchwald fortwährend die ungleichen Frauen miteinander verglichen, und Kamilla war ihm als die Begehrenswertere erschienen. Jene war wild und eigenartig schön, und in manchen Stunden gar verführerisch, wie eine moderne Lilith; diese aber war gütig und rein, ein schlicht und stark empfindendes Gretchen. Leise trat er in das Schlafzimmer seines Kindes ein und sah mit tiefer Bewegung das betrübte Mädchen, welches um ihn weinte. Er hatte nie im Leben ein Weib um seinetwillen weinen sehen, und Kamillas stummer Schmerz rührte ihn tief. Mit ihrem Blondhaar stand sie wie ein schönes Bild gegen das Wolkengrau des Himmels. Plötzlich flammte ein weißblaues Wetterleuchten herrlich über die ganze Wolkenwand. Kamilla wendete sich geblendet und erschreckt ab; da stand der vor ihr, um den sie so großes Leid trug. Leopold tat die Arme auf und zog das bebende Mädchen zart an sich, und als sie, die noch immer weinte, sich leise seinem Arm entwinden wollte, hielt er sie fester und sprach sanft:

»Fühlst du denn nicht, Kamilla, daß mir neben dir keine andere mehr etwas bedeuten kann?«

Mit einem ungläubigen, glücklichen Lächeln sah sie zu ihm auf; da küßte er ihr mit Zärtlichkeit die Tränen von den Wimpern. »Ist das wirklich wahr flüsterte das junge Mädchen, schon halb beruhigt. Seine Augen funkelten so heiter, und das Lächeln seines Mundes war so schön und ehrlich, als er liebevoll erwiderte: »Ja, das ist wahr, Kamilla; das ist gewiß wahr.« Sie glaubte es ja so gerne, und sie schmiegte sich an ihn und schloß die Augen vor Glück, als er sie küßte.

Es wetterleuchtete stark; die Luft kühlte sich schnell ab, Leopold stieg mit dem Mädchen in den Garten hinunter. Die fürsorgliche Bauersfrau hatte den Tisch in der Gartenlaube inzwischen schon abdecken und die Stühle entfernen lassen, so daß alles dort wieder ganz einfach und ländlich, wie gewöhnlich, aussah. Leopold gab ein warmes Tüchlein um die Schultern der Freundin und ging ins Haus zurück, um eine Flasche Wein und Gläser zu holen. Dann saßen sie dicht nebeneinander, genossen den köstlichen Wein und freuten sich der abendlichen Kühle und Stille. Manchmal bellte irgendwo im Dorfe ein Hund, dann war wieder kein Laut zu hören. Blumen dufteten süß und schwer. Der Himmel war sehr dunkel, und die Blitze zerrissen das Gewölk mit überirdischem Flammenschein. Leopold hob sein Glas und sprach: »Auf unsere Liebe, Kamilla!« Da hob auch das Mädchen glücklich ihren Kelch und sah ihm ins Gesicht. Im nämlichen Augenblicke flog wieder ein breiter, blendender Blitz über den ganzen nächtigen Himmel hin, daß der Wein in den klaren Kelchen das Licht widerspiegelte. Sie tranken aus, der Mann drückte dem Mädchen voll innerer Glut die Hand. Wieder flog ein Blitz durch die Nacht; es war seltsam und feierlich, und Kamilla sagte andachtsvoll:

»Den Himmel sehe ich offen, Leopold.« Da legte er den Arm um sie und führte sie ins Haus. – – –


VII.

Manchmal versuchte Kamilla sich selbst glauben zu machen, daß sie die Liebe für ihn fühlte, die große Liebe, die einmal über jedem Leben leuchten soll und den Herbst gleicherweise wie den Frühling mit ihrem ewigen Sonnenschimmer erhellt. Das war an den Tagen, wo sie ein Wort über die Zukunft von ihm erhoffte und ersehnte. Der Mann aber sagte dieses Wort nicht.

Er war wohl, so versuchte das junge Mädchen sich selbst zu trösten, von seinen Berufsgeschäften allzusehr in Anspruch genommen. In der Ruhe des Landaufenthaltes hatte er mehrere wichtige technische Erfindungen beendet, die nun patentiert wurden. Er rechnete, schrieb und zeichnete den ganzen Tag. Abends war er matt und abgespannt. Kamilla fand sich mit der begreiflichen Vernachlässigung ihrer Liebe brav und vernünftig ab und verlangte nichts Unmögliches von ihm. Und wenn ihm hin und wieder die Arbeit zu viel wurde, legte er Meßinstrumente und Stift hin und ging zu der Erzieherin ins Wohnzimmer hinüber. Er fand sie dann immer nach seinem Geschmack hübsch angezogen, zärtlich und heiter und zu verliebten Scherzen aufgelegt. Herr von Buchwald sah freilich die Tränen nicht, die Kamilla heimlich um ihn weinte. –

Dazu kam, daß Wanda nicht lange nach ihrer Rückkehr vom Lande zu kränkeln begann. Mehrere Male mußte sie tagelang zu Bette liegen. Einmal war es ganz besonders schlimm. Das Kind hatte heftiges Fieber und verfiel in eine Art von Starrkrampf, Kamilla und Leopold standen, banger Verzweiflung voll, neben dem Kinde, und über das Bettchen hinweg trafen sich ihre unglücklichen Blicke. Dann kam der Arzt und konnte glücklicherweise schnell helfen. An diesem Abend fanden sie sich wieder einmal in Eintracht in ihrem großen Schmerze.

Nach diesem Anfalle kam wieder eine bessere Zeit für das kranke Kind. Alle im Hause atmeten auf. Kamilla klammerte sich mit ihrem Jammer über den Geliebten an die Liebe zu dem Kinde. Des Abends in ihren Gebeten schrie sie zu Gott: er solle ihr das Kind lassen, das ihr Herzenstrost war, da sie die Seele des Mannes sich entgleiten fühlte, und das doch auch immer ein Bindeglied zwischen ihr und ihm bilden würde. Denn Herr von Buchwald hätte es nie übers Herz gebracht, die Kleine von ihrem zärtlich geliebten »Mütterchen« zu trennen. Also war das Kind ihr doppelt teuer und unentbehrlich.

Frau Engel wählte für ihre erste Abendgesellschaft in diesem Winter diese Zeit, in der es Wanda leidlich gut ging. Herr von Buchwald sollte durch die nagende Sorge um das kranke Kind nicht gehindert werden, sich ganz dem pikanten Zauber ihrer Gegenwart hinzugeben! Leopold hatte der Erzieherin nichts von dem bevorstehenden Feste gesagt. Er war in seinem Innern aufgeregt und unruhig gewesen, denn er empfand die erneuerte Annäherung an Frau Engel als ein Unrecht, welches er Kamilla antat. Er schwankte auch eigentlich bis in die letzten Stunden, ob er zu der schönen Sirene hingehen sollte.

Am späten Nachmittage brachte Kamilla ihm Briefe in sein Arbeitszimmer hinüber. Es befand sich einer von Frau Engel darunter. Dem jungen Mädchen war es ein Stich ins Herz, wenn sie die Ankunft eines solchen duftenden, auffällig geformten Billets bemerkte. Diesmal aber zwang sie sich geradezu, keine törichte Eifersucht aufkommen zu lassen. Als sie heiter zu ihm ins Zimmer trat, sah sie wieder mit dem alten Entzücken seine unvergleichliche Frische und Munterkeit. Sie ging verliebt auf ihn zu und küßte ihn. Da aber hatte er Frau Engels Brief erspäht. Mit leichter Ungeduld wehrte er die Zärtlichkeit des jungen Mädchens ab:

»Aber Kamilla, nimm dich doch zusammen! Wie leicht können wir gesehen werden,«

Es war eine Zeit, so fuhr es Kamilla blitzschnell und schmerzlich durch den Sinn, da es ihm ganz gleich gewesen wäre, ob viele uns gesehen hätten. Herr von Buchwald sah auf den Brief. Eine verführerische Macht ging von dem parfümierten Blättchen aus . . . Die Erzieherin wollte wieder gehen und fragte noch: »Du bist doch heute abend daheim, mein Freund?«

Er kämpfte einen kurzen Kampf mit sich selbst: aber in dem duftenden Briefchen war ein Dämon, der lächelte frivol und lockte und winkte. »Daheim?« sagte Leopold zerstreut, »nein: ich gehe heute abend in Gesellschaft.« »In Gesellschaft?«

Kamilla begriff mit einemmal, wohin er ging. Ihre Augen weiteten sich, der Schmerz sprach aus ihrem blassen Gesichte. Da wurde Leopold ungeduldig und sagte hart und trotzig:

»In Gesellschaft, ja, Kamilla, – hast du vielleicht etwas dagegen?«

Sie war nicht imstande, zu antworten. Schnell ging sie hinaus, um nicht laut zu weinen. Draußen besann sie sich wieder, daß sie dem Kinde nicht ihre Tränen zeigen dürfte und drängte den Schmerz gewaltsam zurück. –

Leopold erschien dann nicht zum Nachtmahle. Als Wanda schlief, setzte Kamilla sich ins Wohnzimmer. Vielleicht hatte sie dem Freunde in Gedanken Unrecht getan. Vielleicht war ihre Eifersucht unbegründet. Warum aber ging er zu Frau Engel?

Da klang sein leichter Schritt im Nebenzimmer. Das Mädchen gab sich keine Mühe, ihre Traurigkeit zu verbergen, als sie sah, daß er für die Gesellschaft angekleidet war. Leopold fühlte sich sehr unbehaglich und ärgerte sich gleichzeitig darüber. Der Trotz stieg wieder in ihm auf, und er sagte:

»Ich glaube, du willst mich absichtlich reizen, Kamilla. Sage mir nur, ich bitte dich, was du mit dieser unfreundlichen Miene bezweckst?«

Sie wußte darauf nichts zu erwidern; sie hob nur die blauen, tränenvollen Augen zu ihm auf. Er sagte höhnisch, um die gute Regung in seinem Innern zu unterdrücken:

»Fängst du an, mich zu tyrannisieren? Da wärest du nämlich an den unrechten Mann gekommen!«

Sie konnte seinen Spott nicht ertragen. Sie brach in Tränen aus und sagte weinend:

»Quäle mich wenigstens nicht unnütz . . . Geh, geh, geh!« rief sie in wildem, zornigem Schmerz, »geh zu ihr, die du ja viel lieber hast, als mich!«

»Also eine regelrechte häusliche Szene machst du mir«, sagte er. »Nun, wenn du es durchaus hören willst: so sehr, wie du mich jetzt eben langweilst, hat Frau Engel mich freilich noch nie gelangweilt! – Gute Nacht, mein Kind! Ich hoffe, daß deine Laune sich morgen wieder gebessert hat.«

Mit diesen Worten ging er, und eine Minute später hörte Kamilla die Korridortüre ins Schloß fallen.


* * *


Monate voll stummer Qual waren vorübergegangen. Auf dem Hause lag jener Druck, der die Gemüter stumpf macht, wenn ein geliebtes Wesen mit dem Tode ringt. Das Mägdlein Wanda lag am hoffnungslosen Siechtum darnieder. Ein Siechtum war es eigentlich nicht zu nennen. Das schwache Lichtlein verglimmte langsam, das zarte Pflänzchen, welches im letzten Sommer einmal ein wenig geblüht hatte, welkte. Sie wußten es alle, daß die Kleine bald sterben mußte; aber nur Kamilla rang in sinnloser Wut und Verzweiflung mit dem dunklen Engel, der schon seit Wochen am Bettchen stand und ganz unmerklich täglich ein kleines Stückchen Leben mehr in Besitz nahm.

Kamilla ballte die Fäuste und rang die Hände Tage und Nächte lang gegen den Engel, denn mit Wanda ging ihr alles dahin, ihr ganzes Leben, welches mit diesem Hause durch so feste Fäden verbunden war. In dem Jammer ihrer Liebe hatte sie längst den Stolz verloren, der ein edles und hochherziges Frauenzimmer zwingt, sich von einem unwürdigen, ungetreuen Manne mit Hoheit loszusagen. Im Gegenteil: je mehr er sie vernachlässigte, desto demütiger liebte sie ihn, und sie klammerte sich wie ein Ertrinkender an die Hoffnung, ihn wieder für sich zu gewinnen.

Frau Engel hatte erreicht, was sie wollte. Halb gewährend und im letzten Augenblicke immer versagend, hatte sie den Mann mit kluger Berechnung zum verliebten Narren gemacht. Als sie ihn so weit hatte, spekulierte sie auf seine Vaterinstinkte und zeigte ein leidenschaftliches Interesse für die kleine Wanda. Herr von Buchwald ließ sich nur zu gern täuschen.

Alles, was Frau Engel tat, geschah auch nicht aus bösem Willen und nicht aus der Absicht, irgend jemand zu schädigen. Mit naivem Egoismus suchte sie ihre eigene kleine Person mit dem Luxus zu umgeben, den sie so unsäglich liebte, und sie hatte in ihrer Art recht, wenn sie ihre eigenartige Schönheit als mächtigste Waffe benutzt«.

Frau Engel kam täglich, um nach der Kleinen zu sehen. Der Erzieherin graute vor der Stunde. Sie brachte es nicht übers Herz, dabei zu bleiben. In ihrem Zimmer saß sie und horchte in ohnmächtiger Wut ins Wohnzimmer hinüber, wo Wanda, gestützt von Decken und Kissen, auf der Chaiselongue ruhte. Mitunter bat Wanda selbst, »Mütterchen« möge nicht fortgehen. Dann blieb sie. Und wie Pulvergeruch und der Dunst der Kämpfer über einem Schlachtfelde, so wogten die roten Leidenschaften über den drei Erwachsenen, die ein Kind sterben sahen.


* * *


Dann kam Wandas Todesstunde.

Frau Engel war da und blickte voll tiefer Ergriffenheit auf das sterbende Kind. Ihre Augen waren tränenleer, aber in ihrer Seele klang ein trostloses Schluchzen, wie Kinderweinen . . . Anderen war gegeben worden, was ihr versagt worden war. Und doch hatte auch sie in ihren jungfräulichen Mädchentagen sich nach eines Kindes Liebe gesehnt. Wie anders hatte alles werden sollen, wie anders . . .

Leopold sah kaum die Frau, die seine Seele seit Monaten fast ganz ausfüllte. Er sah nur noch sein Kind, und sah, daß es litt,

Kamilla war nach der wütenden Verzweiflung der letzten Zeit seltsam ruhig geworden. Aus ihren Augen war der Schmerz gewichen. Daß liebe Gesicht war blaß vom vielen Nachtwachen, aber verschönt von vergeistigter Mütterlichkeit.

Es war auch noch eine Diakonissin da, um die sich aber niemand kümmerte.

Wanda wollte auf Mütterchens Schoß genommen werden. Die Erzieherin begriff später, wenn sie dieser Stunde gedachte, selber nicht, daß sie nicht in Weinen ausgebrochen war. Sie lächelte das kleine Mädchen gütig an, umhüllte es mit einer warmen Decke und nahm es auf die Kniee, indem sie den linken Arm fest um das Kind legte, welches im gleichen Augenblicke ruhig wurde. In der warmen Rechten hielt sie Wandas erkaltendes Händchen.

Der dunkle Engel wurde licht und lächelte, wie sonst nur Mütter lächeln können. – –


* * *


Als das Leben wieder im Alltagsgeleise war, entdeckte Kamilla, daß die Hoffnungen, die in den Trauer tagen manchmal blitzgleich durch ihr Herz gezuckt waren, sich nie erfüllen würden. Seine Bewegung und Ergriffenheit hatte sie für wiederkehrende Liebe gehalten. Sie lächelte bitter, wenn sie sich der einzelnen kleinen Züge erinnerte: zum Beispiel jener Stunde, in der er ihr gedankt und sie so warm und ehrlich, wie nur er bitten konnte, gebeten hatte, auch weiterhin in seinem Hause zu bleiben, so lange sie sich darin wohl fühlte. Da hatte sie wirklich geglaubt, die Zukunft könnte sie noch fester binden, als die Vergangenheit.

In den ersten Wochen saßen sie, wie früher, fast allabendlich zusammen. Sie hatten nie viel miteinander geredet; auch jetzt sprachen sie nicht viel, aber sie waren in Frieden und freundlicher Harmonie. Von Liebe war keine Rede. Aber das Mädchen hätte es auch als eine Entweihung betrachtet, wenn sie beide an sinnliche Liebe gedacht hätten, da der Hügel des Kindes noch frisch war. –

Herr von Buchwald war auch oft bei Frau Engel. Sie verlebte diesen Winter so zurückgezogen, wie noch niemals einen, und der Karneval sah sie still daheim. Leopold war ihr unsäglich dankbar, daß sie auch häuslich reizend sein konnte.

An einem der ersten warmen Tage, die noch halb dem Winter, halb schon dem neuen Frühling angehören, arrangierte Frau Engel einen Ausflug in kleiner Gesellschaft. Leopold und Kamilla waren auch dabei. Auch Herr Romberg, Frau Engels getreuer Begleiter fehlte nicht; an diesem Tage bemühte er sich besonders lebhaft um Kamilla. Denn er fand sie rührend schön in ihrem schwarzen Trauerkleide, welches ihre weiße Haut sehr leuchtend hervorhob. Ganz heimlich hatte er vielleicht auch die Absicht, Frau Engel mit seinem zur Schau getragenen Interesse für die junge Erzieherin Verdruß zu bereiten. Er wollte sie ärgern, weil sie ihn heute zu Herrn von Buchwalds Gunsten vernachlässigte. – Die verschiedenen Teilnehmer an der Partie waren überaus guter Dinge; niemand bemerkte die seltsame, unaufmerksame Stimmung, die unbehaglich zwischen Kamilla und Herrn Romberg lag. –

Am Abend saßen Leopold und Kamilla einander gegenüber. Es war ganz still. Da legte der Mann nach einem langen Nachdenken die Zeitung beiseite und sagte:

»Du bist mir eine wahre Freundin geworden, Kamilla . . .«

Das Mädchen blickte auf, sah ihm gerade ins Gesicht und antwortete mit ein wenig heiserer Stimme: »Ich hoffe, daß du nicht daran zweifelst, Leopold.«

»Nein«, sprach er verschleierten Tones, »und darum sollst du, Kamilla, die erste sein, der ich es mitteile; denn ich weiß, daß du noch immer freundlichen Anteil an mir nimmst; Frau Engel ist seit heute meine Braut.« –

Fiel nicht der Himmel über ihr ein?

Kein Zug ihres Gesichts verriet ihre Gemütsbewegung. Fast heiter erwiderte sie: »Ich freue mich mit dir – und ich gratuliere dir. Im übrigen begreifst du wohl, Leopold, daß ich nun dein Haus verlasse.« – Der Mann protestierte heftig, leidenschaftlich, traurig. Das dürfe sie ihm nicht antun, das nicht . . . eine Zeitlang müsse sie wenigstens noch bleiben. Sie hielt an sich; sie vermied, ihm in die Augen zu sehen. Er trat zu ihr heran, hob ihr das Kinn auf und blickte ihr geradenwegs bis in die Seele; dabei lächelte er mit dem frischen, gesunden Lächeln, welches sie einst betört hatte. Seine Zähne blitzten, seine Lippen glühten so schön. Dem Mädchen wurde bang; mit einem bittern Lächeln und einem unbeschreiblichen, flehenden Blicke streifte sie seine Hände von ihrem Körper ab und sprach hart:

»Du hast eine gemütliche Auffassung der Treue.«

Da ließ er sie. – –

Das Mädchen war bis ins Innerste verwundet. Sie bat nun Frau Cäcilie König um Gastfreundschaft, die ihr in liebreichster Weise gewährt wurde. Frau Cilly fragte nichts; sie ahnte wohl, welches Leid der Freundin geschehen war. Sie kannte Kamillas straffen Willen, der sich nach den ersten Wochen von selbst wieder aufrichten würde.

Äußerlich war dem jungen Mädchen kaum etwas von ihrem Herzeleid anzumerken. Frau Cilly hatte ihrem Manne im Vertrauen ihre Vermutungen mitgeteilt. Herr König aber lachte sie aus: er kenne, wie es scheint, Fräulein von Kramm besser als sie, die ihre älteste Freundin sei? Sie sollte doch einmal beobachten, wie reizend und sorglos die junge Dame mit den Kindern spielt und schäkert. Ein Liebeskummer, bei dem man so liebenswürdig und vergnügt ist, wie Fräulein von Kramm, kann wahrhaftig nicht tief gehen!

Eines Tages meldete dann die Zeitung, daß Herr von Buchwald und Frau Engel sich verheiratet hatten. Kamilla las es des Morgens nach dem Frühstück, als sie mit Cilly in gemütlicher Lektüre bei halbgeleerten Frühstückstassen saß. Herr König war schon seinem Berufe nachgegangen, die beiden Kinder waren ebenfalls schon fortgetollt. Das junge Mädchen hörte ein dumpfes Sausen in ihrem Kopfe und hatte den Gedanken: so muß es sein, wenn man irrsinnig wird. – Die Hausfrau warf einen zufälligen Blick auf das Blatt, das der Freundin aus der Hand gesunken war; sie sah, daß Kamilla die Augen schloß und tief Luft schöpfte. Taktvoll verließ Frau König das Zimmer und murmelte etwas von häuslichen Geschäften. – –

Zwei Tage später wurde Herr Bankier Romberg der Hausfrau vormittags zur Besuchsstunde gemeldet. Sein feierliches Aussehen fiel ihr auf. Herr Romberg trug der Dame ein wenig verlegen und altmodisch-liebenswürdig seinen Wunsch vor, um Fräulein von Kramms Hand zu bitten. Frau König konnte ein ganz leises Lächeln nicht unterdrücken und ließ Kamilla ins Zimmer bitten. Als das junge Mädchen den Namen des Besuchers hörte, war sie nicht einen Augenblick in Zweifel, was er wollte. Sie strich mit nervösen Händen rasch noch einmal über ihr völlig glattes Haar und ging dann hinein. Der Freier stand schnell auf, trat ihr entgegen und ergriff ihre freundlich zum Gruß ausgestreckte Rechte mit beiden Händen; dann wußte er nichts zu sagen. Frau Cilly fühlte sich überflüssig und verließ leise den Salon. Kamilla bat den Gast, wieder Platz zu nehmen, und setzte sich ihm gegenüber. Dann begann Herr Romberg seine wohlüberlegte Rede.

Kamilla hörte kaum ein Wort von dem, was er sagte; ein Sturm von Empfindungen durchwogte ihre Brust; das zweite Mal hielt einer um ihre Hand an, den sie durchaus nicht liebte . . . Aber wie anders lagen die Verhältnisse heute und damals! Damals war sie blutjung, eine mutige, feurige Jungfrau, der die Welt offen stand; heute ein trauriges, enttäuschtes Weib. Und der ältliche Freier sprach so ehrlich und meinte es so brav . . . Mit großer Umständlichkeit erklärte er ihr seine pekuniären Verhältnisse. Dem Mädchen fiel ein, wie stolz sie eine Auseinandersetzung damals von Seiten des alten Grafen abgelehnt hatte. Heute war es ihr ein wohltuender Gedanke, auf Lebenszeit versorgt zu sein. »Wollen Sie mir Ihre Hand reichen?« schloß Herr Romberg mit einiger Feierlichkeit.

Es war nur noch eine sekundenlange Überwindung für Kamilla nötig, ehe sie aufblickte, ihn mit ihren redlichen, hellen Augen voll ansah und fest sagte: »Ja,«

Dann küßten sie sich. –

Frau König kam wieder herein und fand die Freundin mit dem Freier Hand in Hand. Ein unbestimmter Schmerz zog durch ihre Seele, und sie konnte sich dieser unerwarteten Verlobung nicht recht freuen. Aber sie vertraute dem guten, rechtlichen Sinne der Freundin, die gewiß auch in dieser Lebenslage das Richtige treffen würde. Sie konnte Kamillas Handeln ganz verstehen, denn auch sie hatte als sehr junges, armes Mädchen mehr aus Achtung, als aus Liebe geheiratet. Aber die Liebe hatte sich eingestellt und war tief und fest geworden. Das alles überlegte sie sich, indem sie auf das Brautpaar zuging und als erste ihre Glückwünsche aussprach.

Kamilla sah blaß, aber sehr lieblich aus, der Bankier war gerührt. Als praktischer Mann besann er sich indessen nach kurzer Zeit wieder auf die Forderungen des realen Lebens und bat Frau König um die Erlaubnis, daß er sie, ihren Mann und Kamilla am Abend abholen dürfe, um bei einem kleinen Souper in einem eleganten Restaurant die Verlobung zu feiern. –

So wurde Kamilla von Kramm eine Braut, –


VIII.

Als die Wiederkehr des Hochzeitstages der beiden Rombergs zum zweitenmale gefeiert wurde, hielt Frau Kamilla fröhlich ihr zweites Kindlein im Arm. Es war ein kräftiges Bübchen, und sie nannten es Georg.

Die Eheleute waren über diese neue Vergrößerung ihrer Familie sehr glücklich; nun bekam die einjährige, überzarte kleine Angela einen munteren Kameraden. Sie waren überhaupt mit ihrer Ehe so zufrieden, wie nur irgend möglich, denn beide hatten erreicht, was sie wollten; Oskar Romberg hatte eine schöne, vornehme, repräsentable und tugendhafte Gemahlin gewollt, und sein Weib hatte Vergessen gesucht für das schluchzende Leid, welches seit ihrer ersten Liebesnacht nimmer geschwiegen hatte. Das Beste und Feinste in ihr, die stolze Unberührtheit und Unnahbarkeit ihrer Seele, hatte Leopold Buchwald zerbrochen. Kamilla hatte während ihrer Brautzeit jeden Tag und jede Stunde mit sich gekämpft, ob sie es Oskar sagen sollte; mittlerweile war die Hochzeit herangerückt. Auf der Hochzeitsreise hatte sie es auch nicht über die Lippen gebracht. Und dann hatte sie sich gleich Mutter gefühlt. Da hatte sie denn weiter geschwiegen, um den in ihrer Seele kaum geheilten Riß nicht noch in sein Leben hineinzutragen.

Dann war das Kind da, und die junge Frau kam sich durch die Würde der Mutterschaft geheiligt und entsühnt vor. In den Kindern fand sie das süße Hoffnungsglück ihrer jungen Mädchenzeit wieder, und dann auch ein reifes, sommerliches Glück, welches dem Wehen des Juniwindes über flüsternde Ährenfelder gleicht. Die Kinder! Das Wort allein war eine Wonne. Des Abends, wenn die Kleinen schliefen, erzählte sie ihrem Manne stundenlang von den herzigen Eigenschaften, welche sie neuerdings an ihren Babies entdeckt hatte. In ihrem lachenden Glück bemerkte die junge Mutter nicht, daß Oskar immer zerstreuter zuhörte.

Herr Romberg hatte Frau Engel, nunmehr Frau von Buchwald, zu lange geliebt, um sie je ganz vergessen zu können. Einige Zeit nach der Rückkehr des Rombergschen Paares von der Hochzeitsreise fand Oskar plötzlich, daß man einen schweren gesellschaftlichen Fehler begehen würde, wenn man nicht mit Buchwalds verkehrte. Kamilla wehrte erschreckt diese Zumutung ab: weshalb sie überhaupt nötig hätten, sich gesellschaftliche Lasten aufzubürden? Sie hätten ja ihr friedliches Glück, welches in Bälde, wenn das erwartete Kind da sein würde, noch viel größer werden würde. Sie war nicht imstande, zu sagen, daß sie die Räuberin eines Glückes, das ihr gebührt hätte, nicht wiedersehen wollte; das gestand sie sich selber nicht einmal ein, daß sie Leopold nicht mehr begegnen wollte . . . Aber Herr Romberg bestand darauf, und seufzend, um nicht seinen Verdacht zu erregen, schickte sich die junge Frau in das Unvermeidliche.

Die erste Begegnung erwartete sie mit einigem Herzklopfen, aber es ging besser, als sie es sich gedacht hatte. Eine natürliche Würde umschwebte sie, als sie Leopold die Hand reichte und ihm, dem allezeit Heiteren, klar in die Augen blickte; er suchte darin zu forschen, aber er entdeckte auch nicht den leisesten Schatten, der die Lauterkeit dieser Augen trübte. In gleicher Weise sah auch Oskar Romberg der jungen Frau von Buchwald ins Gesicht; in ihren irisierenden Katzenaugen aber sah er ein frivoles Lächeln und unverhüllte Ermunterung. Er hatte kaum gewagt, so viel zu hoffen. Das Weib eines anderen war für ihn eigentlich außerhalb des Bereiches seiner Wünsche. Wenn aber die Schöne ihm selber in den Weg träte? Nun, dann . . . Kaum wagte er, diesen Gedanken zu Ende zu denken.

Die beiden Familien besuchten einander nun öfter. Kamilla gab sich auch redliche Mühe, ihre Abneigung gegen Kara zu überwinden, und äußerlich war ihr wenigstens nichts anzumerken. Als erst das Kindchen da war, verspürte sie diese Abneigung auch nicht mehr. Da konnte sie keinem Menschen mehr gram sein, weil sie die ganze Welt vor Glück hätte umarmen können. – Oskar freilich ging öfters auch ohne seine Frau zu Buchwalds und entschuldigte Kamilla immer mit ihrer Sorge um das Kind. Der Tag blieb nicht aus, an dem er Frau Kara zum erstenmal wieder allein antraf. Er bemerkte sofort, daß die Dame schlechter Laune war. Nachdem er ihr galant die Hand geküßt hatte, fragte er daher:

»Was bedeuten die Falten auf Ihrer Stirn, schöne Frau? Kann ich nichts tun, um Ihnen die heitere Stimmung wiederzugeben?«

Frau Kara lachte ärgerlich: »Diesmal nein, mein Freund.«

Aber er drang in sie; ihre Reize fingen wieder an, ihm die Sinne zu verwirren. Halb lachend, halb ärgerlich zeigte sie endlich eine ganze Anzahl juwelenbesetzter Schmuckgegenstände, die sie sich zur Auswahl hatte senden lassen. Eines davon, ein wertvolles Armband, hätte sie für ihr Leben gern besessen. Aber gerade am Tage vorher hatte Herr von Buchwald ihr das erstemal ernstliche Vorhaltungen über die schrankenlose Verschwendungssucht gemacht; sie wagte nicht, heute schon wieder mit einer so großen Bitte zu kommen.

Oskar überlegte, ob er sich erlauben dürfte, der jungen Frau den Gegenstand anzubieten. Er nahm das Armband in die Hand und betrachtete es nachdenklich, indem er noch nicht recht wußte, in welche Worte er sein Angebot kleiden sollte. Da beugte sich der Kopf mit den roten, losen Locken ganz nahe zu ihm hin, so daß er das feine Parfüm spürte, und ein weicher Mund sagte dicht an seinem Ohre:

»Ich wüßte nicht, was ich dem zuliebe täte, der mir dieses Armband schenkte . . .«

War es möglich, oder hatte er sich verhört? Er blickte erstaunt auf und sah die habgierigen Blicke des Weibes auf das Schmuckstück geheftet. Ihre Schönheit reizte und betörte ihn wieder, wie sie ihn schon so oft und vielleicht auch noch manchen andern betört hatte. Das goldene, edelsteinbesetzte Band glitt langsam durch ihre weißen Finger, wollüstig streichelten diese lilienweißen Finger die geschliffenen Diamanten. So hatten die weichen Hände einst seinen Nacken umklammert . . . »Sie sollen das Armband haben, Kara, aber was wird mir dafür zum Lohn?« Da bog sie das weiße Gesicht zurück, ihre wollüstigen Augen blinzelten, wie die Augen einer müden Katze in der Sonne, und ein feiles, nachgiebiges Lächeln spielte um ihre Lippen. –

Ein Taumel hatte Herrn Romberg ergriffen, so daß er sich nicht darüber klar wurde, was er tat. Für die Erfüllung der kostspieligen, exzentrischen Wünsche Frau von Buchwaids erkaufte er ein flüchtiges, ehebrecherisches Liebesglück. Kam er dann nach Hause, so war die Gegenwart seiner Frau ihm eine Scham und ein Vorwurf. Mehr und mehr zog er sich darum aus dem häuslichen Kreise zurück und ging im Klub seinem Vergnügen nach.

Der kleine Georg lief schon munter im Hause herum, ehe Kamilla die Veränderung im Wesen ihres Mannes bemerkte. Sie meinte, er habe geschäftliche Sorgen und bat ihn herzlich, sie doch an seinem Kummer teilnehmen zu lassen. Oskar aber wehrte ab: »Es ist nichts; bilde dir nichts ein, mein Kind!« Und er ging seufzend hinaus; Kara hatte wieder einmal eine ihrer schlimmen Launen, mit denen sie ihn bis zur Verzweiflung quälte. Die einzige Möglichkeit für ihn, sich ihre Gunst zu erhalten und immer wieder zu erwerben, war, ihr wertvolle Geschenke zu machen. In der schönen, äußerlich so korrekten Dame wohnte die Seele einer käuflichen Frau. Romberg konnte nur das eine nicht fassen, wie sie es anstellte, ihren Mann über den Erwerb all der Toiletten und Schmucksachen zu täuschen. Sie war eben in der Kunst des Lügens so erfahren und Herr von Buchwald noch immer so blind in sie verliebt, daß Kara dieses Lügengewebe immer weiter spinnen konnte. –

Der kleine Georg kam aus dem Privatkontor seines Vaters herübergesprungen und schwang triumphierend einen roten, duftenden Briefumschlag: »Sieh mal, Muttchen, was ich in Papas Papierkorb gefunden habe!« »Zeig her, mein Sohn«, lächelte die junge Mutter. Hatten nicht so bunte, wohlriechende Kuverts schon einmal eine Rolle in ihrem Leben gespielt? Sie erblaßte, als sie Leopolds siebenzackige Wappenkrone erkannte und den Namen: Karola von Buchwald las. Was hatte jene mit ihrem Manne zu schaffen? Wollte sie ihr auch diesen rauben? Voll banger Ahnung fragte sie ihn, als er zu Tisch kam. Oskar aber lachte sie, die zagend fragte, herzlich aus und sagte in seiner jovialen Weise: »Frau von Buchwald schrieb nur um Geld – ihr Mann ist verreist, und du weißt, mein Kind, daß ich den größten Teil seines Vermögens verwalte.« Das leuchtete ihr ein; natürlich, warum war ihr das nicht selbst eingefallen! Und dennoch konnte sie den Zweifel nicht recht los werden. Oskar aber war an diesem Tage besonders aufmerksam und liebevoll, um ihren rege gewordenen Verdacht zu beseitigen. Er machte mit ihr und den Kindern eine Dampferpartie in das blühende Frühlingsland; spät erst kehrten sie heim, und alle Augen glänzten; und die Eheleute hatten einander lange nicht mehr so zärtlich geküßt, als an diesem Maienabend. –

Als es Herbst war und jene Bäume statt des Blütenschnees gelbe Äpfel trugen, erwartete Kamilla in süßer, träumerischer Hoffnung, wenn auch unter vielen heimlichen Tränen, ihr drittes Kind. Bald nach Weihnachten kam ein kleines Mädchen an, dem sie in der Erinnerung an ihren toten Liebling den Namen Christa gab. Über der Wiege dieses Kindes weinte sie die bittersten Tränen, denn Oskar war seit einigen Wochen ganz verändert. Er besuchte alle Feste und Vergnügungen, wo er Frau von Buchwald treffen konnte, und verbrachte überhaupt jede Stunde, in der es nur irgend anging, in der Gesellschaft der schönen Sünderin. Leopolds häufige Reisen und das Vertrauen, welches er seiner Frau schenkte, machten ihnen die Gelegenheiten. So kam es, daß alle Welt wußte, was für Leopold noch ein Geheimnis war.

Dann kam der unausbleibliche Tag der Entdeckung. Es war in Herrn von Buchwalds eigener Wohnung. Leopold war leichenblaß vor Zorn und kaum imstande, zu sprechen, als er Herrn Romberg bedeutete, das Haus zu verlassen. Gleich darauf ging er auch. Kara atmete erleichtert auf, als sie die Türe schmetternd ins Schloß fallen hörte; nun war sie wenigstens für den Augenblick vor seinem Zorne sicher. Die schöne, leichtsinnige Frau überlegte, was sie tun sollte. Rasch klingelte sie ihrer Zofe: »Marta! packen Sie geschwind, geschwind meine Wäsche und meine Toiletten ein. Ich muß sofort verreisen. Beeilen Sie sich nur und sagen Sie dem Herrn, wenn er wiederkommt, kein Wort davon, daß Sie mir Hilfe geleistet haben. Es ist ja auch in Ihrem eigenen Interesse. Sie bekommen eine hohe Belohnung von mir, Marta.« Das Mädchen verstand und machte sich eilig und geschickt an die Arbeit. Frau Karola packte inzwischen mit viel Zärtlichkeit ihre Juwelen ein und legte ein unauffälliges Reisekleid an. In weniger als einer Stunde war alles bereit. Frau von Buchwald stieg in eine Droschke und ließ sich vorerst in ein Hotel fahren. Als Leopold zurückkehrte, fand er die Ungetreue nicht mehr. Er ließ die Zofe rufen; Marta aber war sehr erstaunt: sie sei selbst soeben erst heimgekehrt; sie habe in der Stadt Besorgungen für ihre Herrin zu machen gehabt und wüßte von nichts. Leopold entließ das Mädchen wieder. –

Kara verlor keine Zeit. Sie schickte sogleich einen Dienstmann mit einem Briefchen zu Herrn Romberg. Oskar eilte zu ihr, Ihre Unterredung dauerte nicht lange, aber als er die junge Frau verließ, blitzte ein Lächeln höhnischen Triumphes aus den Nixenaugen des Weibes. Oskar war freilich weniger zufrieden, aber er sah ein, daß ihm kein anderer Ausweg blieb, als der, den Kara ihm vorgeschlagen hatte. »Sie ist ein Teufel«, dachte er und seufzte. »Sie ist einfach nicht in Verlegenheit zu bringen; aus den unwahrscheinlichsten Situationen weiß sie sich heraus zu winden.«

Als wäre nichts geschehen, speiste der Bankier mit seiner Familie zu Abend. Dann ging er wieder in seine Bureaus hinüber, setzte sich an den Schreibtisch und stützte den Kopf nachdenklich in die Hand. Es war doch keine Kleinigkeit, Depotgelder anzugreifen, wenn man fünfzig Jahre lang einen tadellosen Wandel geführt hat. Und noch dazu das Vermögen des Mannes, den er verraten und betrogen hat. Er ließ das Geld und die Wertpapiere durch seine Hände gleiten; dann schloß er mit einem tiefen Seufzer den Tresor wieder zu und ging in seine Wohnung. Frau und Kinder schliefen längst.

Am Morgen ging er zur gewöhnlichen Stunde ins Bureau. Bald darauf kam ein Herr, der ihm Herrn von Buchwalds Herausforderung zum Duell überbrachte. Oskar nannte ihm seinen Sekundanten und bat, mit diesem alles Erforderliche zu verabreden. Der Herr ging wieder. Wenige Minuten nachher wurde ihm eine Dame gemeldet.

Kara schwebte herein, im eleganten Reisekleide, auf den Schultern einen wundervollen Pelzkragen, auf den roten Locken einen koketten, dunklen Pelzhut. Wenn sie je frisch und reizend ausgesehen hatte, so war es an diesem Morgen. Der Mann stöhnte, als er sie in ihrer sieghaften Schönheit auf sich zukommen sah; er wußte, daß er alles tun würde, was sie von ihm verlangte, ja, daß er sich keinen Augenblick mehr besinnen würde, das Verbrechen zu begehen, vor dem er in der einsamen, stillen Nacht zurückgebebt war. Lächelnd trat sie zu ihm, küßte ihn flüchtig auf die Stirn und sagte: »So blaß, mein Freund? Du hast gewiß so lange gearbeitet heute nacht? Du Armer! Nun, es tut nicht mehr viel; morgen um diese Stunde schwimmen wir wohl schon auf dem Wasser . . . Du hast doch alles vorbereitet?« »Nein«, sagte er leise. »Ich hatte ja Zeit bis heute morgen.« Kara trat einen Schritt zurück und sah ihn an: »Am Ende hast du es dir gar anders überlegt?« lächelte sie, indem sie sich wie im Scherz in den wundervollen Hüften wiegte. Oskar war hingerissen; in jäh aufglühender Leidenschaft schloß er die schöne Frau in die Arme: »Was tät' ich nicht für dich, Kara? In die Hölle geh' ich mit dir, ein Verbrechen begehe ich um deinetwillen . . .« »Du machst eine wahrhaft romantische Sache daraus«, sagte die schöne Rothaarige mit frivolem Lachen, »während dir doch klar sein könnte, daß wir ganz einfach nicht anders handeln können.«

Eine Stunde später verließen sie das Haus und fuhren zu Frau Kara ins Hotel; und nach einer weiteren Stunde saßen sie schon eng aneinandergedrückt im Schnellzuge nach Hamburg. Am andern Tage ging der Dampfer, der beide auf immer entführen sollte. Kara war zärtlicher zu ihm, als je vorher. Sie war sehr zufrieden mit ihm; sie hätte nicht im Traume zu hoffen gewagt, daß er eine so hohe Summe zusammenraffen würde . . . In das eintönige Räderrollen hinein klang plötzlich ihr silberhelles Kinderlachen:

»O Himmel, wenn ich an die Aufregung und an die langen Gesichter und an die Zeitungsartikel denke, wenn sie merken, daß wir verschwunden sind und wieviel wir haben mitgehen lassen! Zu schade, daß ich es nicht mit ansehen kann!«

Oskar Romberg erschauerte: »Ich bin ein Verbrecher; aber ich glaube, um deinetwillen könnte man zum Mörder werden . . .«


IX.

Schlimmer als alle anderen Leiden, welche die verratene, verlassene Frau des flüchtigen Bankiers nach der Katastrophe zu erdulden hatte, war jener Tag, an dem Leopold Buchwald ihr mit harten Worten schrieb, daß sie durchaus nicht frei von Schuld an den Ereignissen sei; sie habe wohl ihrem Manne das Haus verleidet, sonst hätte ihm nie und nimmer in den Sinn kommen können . . .

Kamilla las den Brief nicht zu Ende; als sie bis dahin gekommen war, lachte sie laut und bitter auf, zerriß den Brief in Fetzen und warf ihn in den Ofen. Törin, die sie gewesen war, von diesem Manne Hilfe, und wenn nicht das, so doch wenigstens einen guten Rat zu erhoffen, was sie mit den Kindern in ihrer Verzweiflung beginnen sollte!–

Sie bezog eine kleine Wohnung in einer bescheidenen Straße. Die Kinder fanden diese Veränderung in ihrer Lebensweise sehr lustig und vermißten den Papa kaum.

Kamilla betrachtete sich jetzt selbst manchmal wie eine ganz Fremde. Die Gedanken gingen ihr oft in einem sinnlosen Wirbel im Kopfe herum, es war ihr, als würde sie irgend eine wahnsinnige, exzentrische Handlung begehen, die mit ihrem sonstigen Wesen gar nicht in Einklang stand. Ein fremdes Schicksal, ein fremder Wille spielten mit ihr. Um diese Zeit fing sie an, sich selbst mit einem neugierigen, fast bösen Interesse zu beobachten und jede ihrer schlimmen Regungen mit einer Art von höhnischer Befriedigung zu konstatieren. Dann kamen wieder Stunden, in denen sie über diesen Zustand überaus glücklich war. Dann rief sie ihre beiden älteren Kinder zu sich, nahm das Kleinste auf den Arm und überschüttete alle drei mit den wildesten Liebkosungen. Aber die Kinder, die ihre Mutter immer sanft und ruhig gekannt hatten, erschraken und hielten nur scheu und ungern still. –

Wieder trat nun an die junge Frau die Notwendigkeit heran, für den Lebensunterhalt zu arbeiten; jetzt aber hatte sie für ihre drei hilflosen Kinder zu sorgen. Nach vielen vergeblichen Bemühungen fand sie durch Vermittlung von Cilly Königs Mann, der sie an einen Freund empfahl, eine Stelle an einer Privatschule. Sie atmete auf: das Gespenst der bitteren Not hatte schon vor ihrer Tür gestanden. Am ersten Mai sollte sie ihr neues Amt antreten, sie hatte also noch drei Wochen Zeit, sich an den Gedanken au gewöhnen, daß sie die Kleinen nun auf viele Stunden täglich verlassen mußte. Auch so ein ketzerischer Gedanke, das! Dem Schicksal auf Knieen danken, daß man nicht mitsamt den Kindern Hungers sterben muß, und dann die Zähne zusammenbeißen . . . Man hat ja auch ein so gut empfohlenes Kindermädchen für die Kleinen angenommen, es kann nicht das Geringste geschehen!

Als sie das erstemal zur Schule ging, schliefen die Kleinen noch. Der Vormittag wurde ihr allzu lang, wenn sie an die drei Herzchen daheim dachte . . . Aber der Jubel, als sie heimkehrte! Sogar die kleine Christa in der Wiege lachte. »Am Ende haben sie es leichter ertragen, als ich fürchtete«, tröstete sich Kamilla. Am nächsten Morgen erst wurde ihr klar, wie sehr sie sich hierin geirrt hatte. Sie hatte eben lautlos Toilette gemacht, als der kleine Georg aufwachte und sofort in jämmerliches Geheul ausbrach: Mama solle nicht fortgehen, es wäre zu schrecklich gewesen gestern! Von dem Geschrei des Knaben erwachte auch Angela und stimmte in des Brüderchens Weinen ein; beide sprangen im Nachtröckchen aus ihren Betten, klammerten sich schluchzend an das junge Weib und bettelten, Mama möge doch nur dableiben, sie würden ja so brav sein . . . An diesem Tage ging Kamilla mit blutendem Herzen an ihre Pflicht; und wieder verspürte sie dieses verworrene Sausen im Kopf, welches sie fast der Gedanken beraubte. –

Der Sommer ging hin; die größeren Kinder hatten sich allmählich an die Abwesenheit der Mutter gewöhnt; nur stiller waren sie geworden. Auch die kleine Christa gefiel der Mutter nicht recht. Sie gedieh nicht unter der Pflege des fremden Mädchens. Und immer wieder faßte Kamilla tapferen Mut und schlug sich die Gedanken an die Zukunft aus dem Sinne. Wer kann denn überhaupt ohne Zagen an die Zukunft denken? – –

Einmal, als sie aus der Schule kam, begegnete sie einem der früheren Freunde ihres Mannes. Kamilla wollte in eine Nebenstraße ausweichen, denn sie hatte gerade Herrn Wolf nie recht leiden mögen, aber schon hatte er sie gesehen und kam mit aufmerksamem Gruße auf sie zu. Er begleitete sie heim und erkundigte sich teilnahmsvoll nach ihrem Geschick und ihren Kindern. Als er sich verabschiedete, sagte die junge Frau ihm herzlicher, als sie anfangs beabsichtigt hatte, ein »Auf Wiedersehen«. Im Herzen bat sie ihm dabei ab, daß sie ihm Unrecht getan habe, da gerade er von allen, die sich in glücklicheren Tagen die Freunde ihres Hauses genannt hatten, der einzige war, der sich noch für das Leben der Verlassenen interessierte.

Herr Wolf machte von der Erlaubnis, wiederzukommen, häufig Gebrauch, Die Kinder freuten sich jedesmal über »Onkel Wolfs« Besuch, weil der gute Onkel alle Taschen voll Süßigkeiten für die Kleinen hatte. Kamilla aber beschlich in seiner Gegenwart immer wieder ein unbehagliches Gefühl, welches sie sich nicht erklären konnte. Herr Wolf war ein reicher Kaufherr, ein ansehnlicher Fünfziger, mit schneeweißem Haar und gesunden, jugendlichen Farben, der seine hohe, schlanke Gestalt aufrecht, wie ein Jüngling, trug. Er wäre ein Bild schönen, edlen Alters gewesen, hätte die Art seines Wesens nicht bei näherer Bekanntschaft den guten Eindruck wieder verwischt. Denn in seinem Benehmen lag, so fand Kamilla, gleichzeitig übertriebene Unterwürfigkeit und unbescheidene Vertraulichkeit. Oder bildete sie sich dies nur ein und war an so törichten Gedanken nur die Überreiztheit ihrer eigenen Nerven schuld?

Es war ein ungewöhnlich heißer, trockener Sommer. Kamillas Kinder sahen von der Hitze blaß und angegriffen aus. Herr Wolf schilderte der jungen Frau bei jedem Besuche mit beredten Worten die Annehmlichkeit, wenn sie in den herannahenden Ferien mit den Kleinen aufs Land ginge. Angela und Georg standen mit funkelnden Augen dabei und lasen dem Onkel die Worte von den Lippen. Drei Tage vor Beginn der Ferien kam er wieder und sprach wieder von diesem schönen Plane. Die Frau schickte die Kinder mit dem Mädchen fort. Als sie das Zimmer verlassen hatten, sprach sie mit bebenden Lippen: »Ich bitte Sie, haben Sie Mitleid und reden Sie nicht mehr davon, wenigstens nicht in Gegenwart der Kinder . . . Machen Sie ihnen doch nicht unnütz das Herz schwer, Sie wissen doch eben so gut wie ich, daß ich nirgends hingehen kann! – Es langt kaum für das Leben«, setzte sie leise hinzu.

»Liebe Frau Kamilla«, sagte er, »werden Sie nicht böse sein, wenn ich Ihnen sage, daß ich eine Sommerwohnung für Sie gemietet habe?«

Die junge Frau blickte ihn an; große Tränen stiegen in ihren Augen auf: »Das – das hätten Sie für uns getan?«

»Für Sie, Kamilla, für Sie!« sagte er leidenschaftlich und versuchte den Arm um ihre Taille zu legen, aber eben so rasch bog sie sich leicht zurück. Sofort besann er sich wieder, daß er alles bei der feinfühligen Frau verdarb, wenn er sich stürmisch zeigte, darum stand er auf und küßte Kamilla ritterlich die Hand: »Nicht wahr, Sie zürnen mir nicht, und Sie gehen mit den lieben Kleinen hin, und – ich darf Sie auch einmal draußen besuchen?«

»Von Herzen gern«, nickte sie unter Tränen. Wie können wir aber Ihnen für Ihre Güte danken?«


* * *


Sorglose Tage voll fast ungetrübten Genusses folgten für die kleine Familie. Das Haus war ringsum von einem blühenden Garten umgeben, der dicht an den See grenzte, doch bestand keine Gefahr für die Kinder, weil ein hoher Zaun das Anwesen rings umgab. Kamilla atmete auf in glücklicher Zufriedenheit.

Herr Wolf kam ungefähr jeden zweiten Tag. Die junge Frau war ihm so herzlich dankbar, daß sie seine gelegentlichen zärtlichen Annäherungsversuche nur durch ruhige Nichtbeachtung von sich abwehrte. Aber heimlich mußte sie sich zuweilen gestehen, daß Herrn Wolfs Huldigungen ihr manche bange Stunde bereiteten. Er war nicht mehr jung, doch schön und stattlich; und jene unsympathische Eigenart seines Wesens schien nicht mehr vorhanden zu sein. Das heiße Temperament des jungen Weibes brach in schlummernden Nächten wieder durch; ach, es war unter vielem Kummer halb erstickt. Aber sie blieb fest und wehrte dem inneren Begehren.

Der vorletzte Tag dieser schönen Ferienzeit kam heran. Am anderen Tage hieß es Abschied nehmen und wieder in die enge Stadtwohnung zurückkehren. Herr Wolf saß mit Kamilla in der Sommerlaube. Ringsum atmete Stille und Frieden. Die beiden größeren Kinder spielten im Sande, die Kleine wurde von dem Kindermädchen in einem buntlackierten Wägelein umhergefahren. Lieblich klang und plauderte fortwährend das Plätschern des Sees. Kamilla war ein wenig bang vor den kommenden grauen Tagen; sie blickte mit tiefer Sehnsucht in das glühende Abendrot über dem See. »Nie«, sagte sie dann, »ist mir so selbstlose Güte begegnet, als die Ihre. In dieser letzten schönen Stunde muß ich Ihnen noch einmal recht von Herzen danken.«

Der Mann blickte sie an. Ihre Worte waren ihm ein leiser Vorwurf, denn er fühlte sich durchaus nicht selbstlos . . . In ihrem hellen Sommerkleide war sie so frisch, so schön, wie ein junges Mädchen. Und dann; dieses seltsame Etwas in ihrem Gesichte, diese aristokratisch stolze Abwehr, die schon fast hochmütig aussah . . .

»Sie wissen recht gut, daß es an Ihnen liegt, Kamilla, alle Tage Ihres Lebens so zu verbringen. Kamilla! hören Sie mich an; Sie sollen ohne Sorgen leben, Ihnen und Ihren Kindern will ich ein Heim bieten, alles, was Sie wünschen, sollen Sie haben, wenn Sie mich erhören . . . Werden Sie es tun, Kamilla?«

»Ich bin verheiratet«, sagte sie mit starker Betonung.

Und da kam wieder jener Zug in sein Gesicht, den sie haßte und fürchtete; mit einem seltsamen Lächeln neigte er sich ein wenig vor: »Aber wer redet denn von Heiraten, schöne Frau . . .!« Und ungeniert versuchte er, den Arm um sie zu legen. Aber blitzschnell stand Kamilla auf: »Nehmen Sie wenigstens Rücksicht auf die Kinder, wenn Sie auf mich keine nehmen wollen! Und ich bitte Sie, zerstören Sie nicht heute, am letzten Tage, alle Ihre Güte durch eine so unerhörte Beleidigung; Sie erwarten von mir . . . mehr als Freundschaft, und dafür bieten Sie mir Geld; denn nicht wahr, so ist es doch gemeint?«

»Aber wer wird denn eine so natürliche Sache mit so häßlichen Worten bezeichnen, schöne Frau?« versuchte er zu beruhigen, aber Kamilla entgegnete bitter: »Das richtige Wort, das können Sie nicht hören . . . Wie nennt man doch das, was Sie aus mir machen wollen?« fuhr sie in steigender Erbitterung fort, als sie sein leichtes Lächeln sah, »mir scheint, man hat dafür das schöne Wort Verhältnis! – Man kann auch sagen: Maîtresse! – Noch hübscher: Dirne! – Meinetwegen auch biblisch: Hure!«

»Ich würde nie so unschöne Worte auf eine so natürliche Sache anwenden«, wiederholte Herr Wolf mit zynischem Lächeln. Da rang die Frau nach Atem: »Ich will annehmen, Herr Wolf, daß die Freundlichkeiten, die Sie uns in diesen Wochen erwiesen haben, aus Güte geschahen und in selbstloser Absicht . . . Ich bin Ihnen dafür dankbar. Aber ich werde nun alles, was Sie an uns getan haben, als ein Darlehen auffassen und alle meine Kräfte daran setzen, Ihnen Ihre Aufwendungen zurückzuerstatten . . . Und erfüllen Sie mir meine letzte Bitte: lassen Sie mich nun allein. Ich kann nicht länger ruhig bleiben!«

Der Mann stand auf. »Sie tun mir leid, Kamilla«, sagte er. »Sie passen nicht in die Welt. Wer nimmt denn alles so tragisch? – Ich habe Sie gern, Kamilla. Ich will für Sie Sorge tragen. Aber ich bin ein Mensch von Temperament . . . Ich habe Sie nicht für so naiv gehalten, daß Sie mich mißverständen. Sie haben mir da sehr häßliche Worte gesagt. Aber ich nehme es Ihnen nicht übel. Und nun muß ich Ihnen noch etwas sagen, was Sie vielleicht wieder sehr böse machen wird: alles, was ich gesagt habe, halte ich aufrecht. Und wenn Sie sich einmal anders besinnen sollten . . .«

Kamilla wendete ihm schweigend den Rücken.

Da sagte er: »Leben Sie wohl, Frau Kamilla«, und ging. –


X.

Kamilla war an jenem Abende seltsam banger Ahnung voll. Als sie die Schritte des Mannes verhallen hörte, glaubte sie ihn zurückrufen zu müssen . . . Und als sie sich bewußt wurde, was sie dachte, schlug sie die Hände vors Gesicht und weinte leise . . . So weit war es mit ihr gekommen? So überreizt war sie noch jetzt, nach vier Wochen der völligen Ruhe, so elend war sie noch an Leib und Seele, daß sie imstande war, einen solchen Gedanken zu Ende zu denken? . . . Was ist das überhaupt für ein Wort, das von der Kraft der Arbeit. – Man kann nur eines sein, Mutter oder Schaffende. Was kann man schon schaffen, wenn man weiß, daß drei Paar helle Äuglein des Morgens, wenn sie erwachen, kindlich nach der Mutter ausschauen und sehen nur ein fremdes Gesicht? Wenn man daran denken muß, daß drei Paar weiche Ärmchen sich der Mutter entgegenstrecken und greifen in die leere Luft? –

Das bange, gequälte Weib konnte auch in der Nacht, der letzten in diesem Idyll, welches so traurig enden mußte, keine Ruhe finden. Sie stand leise wieder auf, kleidete sich an und ging in den Garten. Tiefblau und sternklar war die Sommernacht. Ein Wind hatte sich aufgemacht und bewegte die Wellen des Sees, auf denen der Widerschein der himmlischen Sterne in leuchtenden Reflexen tanzte. Langsam schritt Kamilla über den knisternden Kies und ließ sich die laue Nachtluft um die Stirne wehen. Auch jetzt keine Erfrischung, auch jetzt keine Kühlung. Das Weib sah den Nachtwind linde über das Wasser hinstreichen, sie aber fühlte nur Glut und Schwüle in sich und außer sich. Auch in sich? Ach Gott, am allermeisten!

Wieder einmal wurde ihr klar, wie sie litt unter der finsteren Einsamkeit ihrer Nächte. Sie dachte an vergangene Zeiten der Sehnsucht, als sie nachts auf Leopold Buchwalds Heimkehr wartete, und sie dachte an die blühenden Tage und wonnevollen Nächte ihrer jungen Liebe. Dazwischen aber lag eine ganze Welt von Leid und Entsagung.

In Gedanken versunken, ging sie dahin. Von ungefähr fiel ihr Blick auf den kleinen Spielplatz der Kinder nahe an der Sommerlaube. Da lagen auf dem gelben Kieshaufen noch ein vergessenes Eimerchen und ein zierlicher Rechen. Die Kinder hatten das Spielzeug liegen lassen, als sie müde von Spiel und Lust ins Haus liefen. Und die kleinen, unbedeutenden Gegenstände erfüllten plötzlich Kamillas Herz mit sanfter Rührung; um der Kinder willen war es doch recht, daß sie brav blieb. Es würde auch so gehen, und besser, als wenn sie Herrn Wolfs Anträgen nachgegeben hätte. Sie schauerte noch vor Schrecken, da sie in Wahrheit an einem Abgrunde gestanden hatte. Ein Glück, daß sie der lockenden Stimme der Versuchung nicht erlegen war. Brav bleiben! Rechtlich bleiben, daß keiner einst den Kindern sagen kann, daß ihre Mutter schlecht gehandelt habe!

Kamilla faltete die Hände und blickte in ernsten und erhabenen Gedanken zum Himmel auf. Da oben wachten die leuchtenden Augen, ferne allem Menschenleid, Wie lange noch, wie lange: und alle, die auf Erden wandeln, sind wieder der Erde gleich, die so friedenvoll im dämmernden Sternlichte ruht. Was liegt an heut und morgen? Gott wird mir, so dachte Kamilla, die Kraft geben, bis ans Ende dieser Tage in stiller, treuer Arbeit auszuharren. Es ist ja für die Kinder . . . Und morgen wird sie wieder in die kleine, enge Stadtwohnung zurückkehren, und übermorgen wird sie zur Schule gehen, wie alle Tage. Und wenn es schwer wird: halt aus, Herz! Und wenn die Kinder nach der Mutter weinen; sie ist ja nicht immer von den Kindern getrennt; jeden Nachmittag kommt sie heim und wird mit sanfter Hand die jungen Herzen lenken, und wird aufrichten, was fern von ihr gar leicht verwildern kann. –


* * *


Mit heiterem, fröhlichem Gemüte ging Kamilla am Morgen des nächstfolgenden Tages wieder in die Schule. Die Kinder, die sich in den glücklichen Ferientagen so sehr an die beständige Anwesenheit der Mutter gewöhnt hatten, wollten ein wenig weinen; aber die junge Frau beruhigte sie mit Scherzen und Küssen. Sie trug ein helles Sommerkleid und sah überaus reizend und jugendlich aus. Die starken, blonden Haare schimmerten, lose gekämmt, golden unter dem bunten Sommerhute und umrahmten anmutig das schöne Gesicht der jungen Frau, welches hier, im Kreise der Kleinen, keinen Schatten jenes kühl abwehrenden Hochmuts zeigte, der ihrem Gesicht das eigenartige Gepräge gab. »Wie eine Fee siehst du aus, Mama«,, sagte der kleine Georg. »Wie kommst du auf Feen, Bubi?« »Luzi hat uns ein Märchen von einer Fee erzählt«, sagte der Schelm. »Aber du bist noch viel schöner, Mutti: Du bist wie eine Königin!« – Lachend küßte Kamilla den Schmeichler und ging dann geschwind fort.

Die Schülerinnen empfingen die beliebte Lehrerin mit großem Jubel. Das Vornehme, Überlegene in ihrem Wesen zog die jungen Mädchen lebhaft an. Ganz heimlich probierte manche von ihnen daheim vor dem Spiegel die unnachahmliche Haltung des leicht zurückgelegten Kopfes, das nachsichtige und dabei so unendlich abweisende Lächeln Frau Rombergs. Aber sie mußten es seufzend aufgeben, die Art ihrer Lehrerin zu kopieren. –

In der großen Pause kam der Schuldiener zu Frau Romberg, um ihr zu sagen, daß der Direktor sie in der letzten Stunde im Konferenzzimmer zu sprechen wünsche. Die letzte Unterrichtsstunde in ihrer Klasse wurde vom Gesangslehrer erteilt. Zur festgesetzten Stunde fand sie sich beim Direktor ein, indem sie sich im stillen fragte, was er ihr wohl mit solcher Feierlichkeit mitzuteilen hätte. Vielleicht war er mit ihrer Tätigkeit so zufrieden, daß er ihr eine Gehaltsaufbesserung bewilligte?

Der Direktor schrieb irgend etwas, als Kamilla das Zimmer betrat, und forderte indessen die junge Frau durch eine Handbewegung zum Sitzen auf. Dann wendete er ihr das unbewegliche, glattrasierte Gesicht zu. »Frau Romberg«, sagte er in seiner gedehnten, schleppenden Weise, »ich hatte Sie für meine Schule engagiert, weil das von mir sehr geschätzte Ehepaar König von Ihnen mancherlei Gutes zu berichten wußte; auch alle übrigen Personen, bei denen ich mich nach Ihnen erkundigte, haben mir die beste Auskunft über Ihren Wandel gegeben. Ich bedaure unendlich, daß es Ihnen gelungen ist, alle diese ehrenwerten Personen zu täuschen und sich in meine Schule einzuschleichen . . . »Herr Direktor!« brauste jetzt die junge Frau auf, die sprachlos vor Erstaunen bis hierher zugehört hatte, »von wem reden Sie eigentlich?« »Von Ihnen«, sagte der Mann frech. »Oder wollen Sie etwa behaupten, Frau Romberg, daß es in der Ordnung ist, wenn sich eine Schullehrerin, eine Erzieherin der Jugend, soutenieren läßt? Was mich betrifft, ich finde einen derartig ärgerlichen Wandel nicht in der Ordnung, und darum werden Sie begreifen, daß ich Ihnen die Stellung an meiner Schule hiermit aufkündige. Ich könnte Sie ohne weiteres entlassen; Sie dürften ja auch ohne Sorge für Ihre Zukunft sein . . . Aber um jeden Skandal zu vermeiden, werde ich Ihnen Ihr Gehalt bis Michaeli sofort auszahlen lassen. Von Ihren Pflichten sind Sie natürlich von diesem Augenblicke ab dispensiert und brauchen morgen nicht wiederzukommen.« »Aber Herr Direktor«, sagte Kamilla empört, »wie können Sie wagen, mir derartige Beschuldigungen ins Gesicht zu sagen, ohne mir auch Gelegenheit zur Entgegnung zu geben? Auf alles, was Sie gesagt haben, erkläre ich; es ist nicht wahr, und ich möchte denjenigen sehen, der diese Dinge von mir zu behaupten wagte.« »Wollen Sie«, fragte der Direktor, »vielleicht leugnen, daß ein Ihnen . . . befreundeter Herr Ihnen für die Dauer der Ferien eine Sommerwohnung gemietet hat?« –

Eine kleine Pause entstand; Kamilla wurde blaß; »es ist nicht wahr, was Sie denken!« wollte sie schreien, aber wie konnte sie dem vor ihr sitzenden Manne dies alles erklären? »Das ist freilich wahr«, sagte sie zögernd, doch der Direktor unterbrach sie: »Sie geben es selber zu – aber das genügt doch vollständig! Das mache ich Ihnen ja gerade zum Vorwurf! – Und nun – diese Unterredung ist mir in hohem Grade peinlich; ich bitte Sie, Frau Romberg, sie als beendet anzusehen – ich habe noch Verschiedenes in dieser einen Stunde zu erledigen. Und wenn Sie glauben, daß Ihnen durch irgend jemand Unrecht geschehen ist, so bleibt mir nichts übrig, als Sie auf den gesetzlichen Weg zu verweisen; ich habe mit der Gehaltszahlung mehr als meine Verpflichtungen Ihnen gegenüber erfüllt!«

Und in einen Briefumschlag eingeschlossen überreichte er ihr das Gehalt. –

Wie im Taumel verließ sie das Konferenzzimmer, setzte den Hut auf, nahm ihren Sonnenschirm und verließ das Schulgebäude. Erst als sie die lärmerfüllte, sonnige Straße betrat und ihr Blick auf die Scharen von Arbeitern, Verkäuferinnen und Kommis fiel, die von der Arbeitsstätte nach Hause eilten, wurde ihr klar, was ihr in den letzten Minuten geschehen war: sie war brotlos! Wie war es nur möglich, daß man von Herrn Wolfs Handlung Kenntnis bekommen hatte? Wer war der Verräter, der die Tatsache lügnerisch entstellt dem Schuldirektor hinterbracht hatte? Wie konnte sie sich verteidigen, da sie die Tatsache nicht abzuleugnen vermochte? Gewiß, es blieb ihr nichts anderes übrig, als durch eine Klage ihre beleidigte Ehre wiederherzustellen. Aber was wurde indessen aus ihr und den Kindern? Und was wurde dann?

In ihrem Jammer bemerkte sie die ihr entgegenkommende Freundin Cilly erst, als jene dicht vor ihr stand und ihre Hand ergriff: »Kamilla, was ist dir? Wie siehst du aus? Ist dir nicht wohl?« Und als Kamilla noch gar nicht im stande war, ihr zu antworten, bat sie: »Bis zu meiner Wohnung sind ja nur wenige Schritte – komm zu mir und erhole dich ein wenig.« Willenlos ging die junge Frau mit.

Nach einigen Minuten erst war sie fähig, voll Schmerz und Entrüstung der Freundin alles mitzuteilen, was geschehen war. Cilly war unendlich erschrocken: »Aber ich bitte dich, beruhige dich, Liebste, und sei nicht so verzweifelt – es muß ja ein Mißverständnis sein! Du denkst doch nicht, daß wir je im Leben Schlimmes von dir glauben könnten? Alles wird wieder ins rechte Geleise kommen, verlaß dich darauf!«

Sie sprach der Freundin liebevoll zu und reichte ihr ein kühlendes Getränk, um die ganz Erhitzte zu erfrischen. Kamilla ging bald wieder fort, um Frau Königs Töchtern, die sogleich aus der Schule kommen mußten, nicht erst zu begegnen. Cilly ermahnte sie nochmals, den Mut nicht zu verlieren; im Augenblicke könnte man sich ja nicht alles überlegen, aber es müßte sich ja alles aufklären. Zum Abschiede küßte sie die unglückliche Freundin recht herzlich.

Kamilla ging langsam durch den Sonnenbrand des Mittags ihrer Wohnung zu; das Licht flimmerte grell auf dem Asphalt. Ihr Kopf kam ihr leer vor; sie konnte keinen Gedanken fassen. Eine Dirne schlenderte an ihr vorüber. Kamilla sah sie gedankenlos an. Es war ein sehr junges, zartes Mädchen mit einem edlen, profilreinen Gesichte. Sie hatte die Marmorblässe ihrer Haut noch durch gelblichen Puder gehoben; die schmalen Lippen und die großgeschwungenen Brauen waren mit dem Stift nachgezogen. Das Mädchen hatte nur einen Augenblick lang ihren Gang vernachlässigt; nun ging sie wieder gerade und aufrecht, ohne einen der ihr begegnenden Herren anzusehen. Es hätte wohl auch keiner gewagt, sie anzureden, weil man sie für eine Dame halten mußte. Eine seltsame Würde lag wie die kühle Weihe eines Tempels über dieser Verlorenen. So streng, feierlich und weitabgewandt mochten die Heiligen geblickt haben. Dann bog das Mädchen in eine andere Straße ein. Kamilla sah noch immer die edle Gestalt und das feine Prinzessinnengesicht vor sich, als sie in ihre Straße einbog.

Die sonst so stille Straße war heute von lärmenden und gestikulierenden Menschen erfüllt; anscheinend begann der Schwarm schon auseinanderzugehen. Schutzleute hielten die Ordnung aufrecht. Kamilla sah die Menge Volkes und begriff, daß hier ein Unglück geschehen sein mußte. Es stieg ihr etwas im Halse auf, als ob sie ersticken müßte: es wird doch nicht . . .?

Heiliger Gott, vor ihrem Hause war der Knäuel am dichtesten! Aber sie konnte sich auch täuschen . . . und in dem Hause wohnten ja viele Mieter . . . und es brannte doch nicht . . . was soll denn schließlich geschehen sein! Aber sie ahnte in demselben Augenblick mit furchtbarem Weh, daß es sie betroffen hatte; ein Dolch durchschnitt ihr Herz . . .

Mit fliegenden Schritten legte sie die letzten zwanzig Meter zurück und es gab ein Gemurmel: »Das ist die Mutter.«

O Gott, sie wußte es ja schon, nur Gewißheit, jetzt!

Ein Polizeileutnant stand vor dem Hause, ging schnell auf sie zu, als er sie kommen sah, und legte die Hand an die Mütze: »Gnädige Frau, erschrecken Sie nicht . . . es ist gut, daß Sie kommen . . . man hatte nicht gleich nach Ihnen gesandt, in der allgemeinen Verwirrung . . Sie begreifen . . Ein Unglück . .«

Der taktvolle junge Beamte war kaum imstande, zu sprechen, es erschütterte ihn selber der Ausdruck sprachlosen Entsetzens auf dem Gesichte der Frau. Herr Gott, er hatte selber ein junges Weib und ein kleines Kind zu Hause. – Er schöpfte tief Atem: »Ihr Söhnchen . . . es ist schwer verletzt . . . im Augenblicke wird es schon im Krankenhause sein.« Kamilla schrie nicht und weinte nicht, nur ihre Stimme war rauh: »Ja, um Gotteswillen, was ist eigentlich geschehen?« »Sie wissen es noch gar nicht, gnädige Frau? Der Bote hat Sie nicht erreicht? . . . Ihr Söhnchen ist . . . aber bitte, denken Sie nicht gleich das Schlimmste! – es ist aus dem Fenster gestürzt.« – –

Sie sah ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke an; sie konnte nichts antworten; sie lief wie irrsinnig die vier Treppen hinauf. Kein Jammer konnte größer sein, als der, den sie oben antraf. Angela stand am Tische, hatte den Kopf auf die Arme gelegt und schluchzte in tiefen, verzweifelten, gar nicht kindlichen Tönen; Luzi, das Kindermädchen aber, lag auf der Erde und schrie und weinte und betete durcheinander. Eine ältere Nachbarsfrau hatte die kleine Christa auf dem Arm, die sich eben in Schlaf geweint hatte; die Witwe selber trocknete sich mit der Schürze die Augen und wendete sich ab, als Kamilla eintrat. »Wo ist mein Kind?« schrie nun Kamilla, nicht bedenkend, daß der Kleine längst hinweggeführt worden war, »wenigstens sehen will ich ihn!« Der Polizeileutnant war ihr nachgekommen: »Ich sagte Ihnen bereits, gnädige Frau, daß Ihr Kind im Krankenhause ist. Man hat es im Sanitätswagen transportiert und alles, was im Bereich der Möglichkeit liegt, ist geschehen.« »So will ich hin!« rief die unglückliche Frau. »Das können Sie tun«, erwiderte der Beamte, »obwohl ich nicht glaube, daß es im Augenblicke zu Ihrer Beruhigung beiträgt, und für den Kleinen wird so wie so alle Sorge getragen.«

Aber sie hörte ihn kaum mehr und eilte in fliegender Hast fort. Der Beamte versuchte nicht sie zurückzuhalten; er wußte ja, daß alles vergebens war. Er selbst hätte sich wohl auch nicht halten lassen. Arme Frau! Er wußte, daß sie zu spät kommen würde, das Kind war tot . . .


* * *


Gegen Abend wurde die Kinderleiche von der Polizei freigegeben. Kamilla war unermüdlich von einem Beamten zum anderen gelaufen, um ihren toten Knaben wenigstens zurückzubekommen. Ihr Mund sprach bange, bewegliche Worte, ihre Augen blieben trocken. Sie sah an dem Arzt und den Beamten, mit denen sie zu verhandeln hatte, starr vorbei ins Leere, wo das Bild des blutigen, zerbrochenen Körperchens schwebte. Endlich brachten sie ihr den toten Sohn. Die Schwestern im Krankenhause hatten ihn mit einem langen, weißen Totenhemdchen bekleidet. Die zerschmetterten Gliederchen waren liebevoll zusammengelegt, die gelben Händchen fromm gefaltet worden. Das Kissen des Sarges und die spitzenumsäumte Decke waren mit Myrtenzweiglein besteckt. Kamilla hatte sich den Anblick viel schrecklicher vorgestellt. Nun glich der kleine Georg mehr einem Schlafenden, als einem Toten. Fast unheimlich friedlich sah er aus. – Dann kam die Nacht. – Kamilla hatte mit übermenschlicher Überwindung ihres Schmerzes die beiden anderen Kinder mit Nachtessen versorgt, sie selbst entkleidet und zu Bett gebracht. Dann kam noch eine schreckliche Szene. Luzi, das Kindermädchen, warf sich der Frau zu Füßen und flehte unter Schluchzen und Weinen um Verzeihung. Georg habe nach der Mama ausgeschaut und immerfort gefragt. Luzi mußte auf wenige Minuten in die Küche gehen, um die Milch für die kleine Christel anzuwärmen. Gerade sei sie wieder in die Türe getreten, da erscholl ein gräßlicher Schrei; sie schüttelte sich noch im Gedanken an diesen Schrei und wurde ganz fahl – und da war es geschehen. –

Die Mutter hörte das Mädchen halb gedankenlos an. Die Worte, die jene sprach, kamen ihr kaum zum Bewußtsein. Aber als die vor ihr Knieende entsetzt von dem Schrei ihres Kindes sprach und dabei blaß vor Grauen wurde, zuckte auch sie zusammen, als ob ein furchtbarer Frost sie anpackte.

»Wenn ich etwas zu verzeihen habe, Luzi«, sagte sie heiser, »so verzeihe ich Ihnen. – Und nun gehen Sie«, fügte sie freundlich hinzu, als sie den fassungslosen Schmerz des Mädchens sah. »Legen Sie sich schlafen, Luzi; wir werden in den nächsten Tagen genug Kräfte brauchen.« –

Langsam kamen und gingen die Gedanken in Kamillas schwer arbeitendem Kopfe. Erst stand sie am Fenster und blickte eine ganze Zeit hinaus. Dann ging sie an den Garderobenschrank und legte sich für die kommenden Tage ein schwarzes Kleid zurecht. Sie verrichtete allerlei Unnützes und hoffte, daß die Arbeit sie doch endlich müde machen werde. Denn es zog sie mit geheimnisvoller Gewalt in das Zimmer, wo der Kleine schon aufgebahrt stand. Dann ging sie doch hinein. Es war fast ganz dunkel in dem Zimmer. Das Sonnenkind, ihre schönste Hoffnung, schlief nun hier so ganz im Dunkeln. Eine Kerze mußte wenigstens brennen. Sie besann sich, daß sie die Kerze von ihrer ersten Kommunion noch verwahrte. Die holte sie und stellte sie brennend in einem hohen Leuchter zu Häupten des Särgleins auf.

Unfern davon setzte sie sich in einen Sessel und hielt die Totenwacht. Sie wußte, daß sie doch noch lange keinen Schlaf finden würde. Und die Gedanken drehten sich jetzt in ihr in einem rasenden Wirbel. Ihr dürstendes Innere verzehrte sich in Sehnsucht nach einer, nur einer Träne; die sollte sie erlösen. Aber die Träne kam nicht. Es kamen nur alle bösen Leidenschaften in ihrer fiebernden Seele zu Gaste; Haß und Zorn und Rache . . .

Die bange Schwüle des glühend heißen Tages tobte sich in unendlichen Regengüssen aus. Als die ersten Tropfen niederfielen, hatte die Einsame die Fenster geschlossen. Nun brauste draußen das nächtliche Unwetter über die Welt.  Der Regen schlug wild an die Scheiben. – –

Und drei Tage später wird Georg unter den braunen Schollen schlafen und vielleicht werden die Wasser herabströmen, wie in dieser Nacht . . . Sie aber, Kamilla, wird wach liegen und das Knäblein sogar noch beneiden um sein kaltes, feuchtes Grab da draußen. Denn bitterer als der Tod ist das Leben. –

Und nun? Das eine Kind ist tot. Und gerade das einzige, das gesund war. Die kleinen Mädchen sind zart und beständiger Pflege bedürftig; Georg blühte in fröhlichster Gesundheit – Sie wird wieder von ihren Kindern gehen müssen, um für die Kinder Brot zu schaffen. Natürlich nicht in die Schule. Dort haben sie ihr ja die Ehre genommen. Vielleicht wird sie irgendwo arbeiten, wo sie den Kleinen nicht nur den halben, sondern gleich den ganzen Tag fern ist. Dann kommen die kleinen Mädchen an die Reihe. Werden sie verunglücken oder krank werden? Das kann man noch nicht wissen; aber sie werden schon sterben; fern von der Mutter werden sie sterben . . .

O, nicht das! nicht das! schrie es in der geängstigten Mutterseele. O, daß sie mit den Kindern in der stillen, grünen Einsamkeit hätte bleiben können; dann wäre das Unglück nicht geschehen. Aber der Preis für dieses Glück? Um der Kinder willen hatte sie den Preis nicht zahlen wollen. Sie kam sich mit einem Male so sinnlos vor: Was ist das, Pflicht? Was ist das, Ehre? Heut hatten sie sie beschuldigt, Pflicht und Ehre vergessen zu haben. Sie hatten sie ihr geraubt, die berühmte Ehre. Ist es nicht besser, sie freiwillig wegzuwerfen, als sie sich heimtückisch rauben zu lassen?


* * *


Habt ihr schon einmal nachgedacht, was das für ein Weib ist: eine Dirne? Das macht sie zur Dirne, daß sie das Denken mit dem Kopf verlernt hat. Sie hat in ihrem Kopfe kein Gehirn mehr, sondern ein Chaos. Sie ist eine Wahnsinnige. Aber die ehrbaren Bürger sagen: sie ist gemein, Oder: sie ist eine Buhlerin. Aber die liebe glühendste Buhlerin ist doch nimmer eine Dirne, und gerade sie hat das wenigste Talent zur Dirne.

In jener Nacht voll einsamen Todesschmerzes verlernte Kamilla das Denken.


XI.

Zwei Jahre hatten vieles verändert. – –

Es war am Nachmittage. Kamilla richtete sich aus ihrer halb liegenden Stellung ein wenig auf und sagte, indem sie ein Gähnen unterdrückte: »Es hat soeben geklingelt. Die Kinder können es noch nicht sein. Ich kenne das Läuten; Charlie, hole mir die Post herauf!«

Herr Wolf, den sie Charlie nannte, sprang sofort auf und verschwand. Kamilla legte sich gedankenlos wieder zurück, schmiegte den Kopf in die dicke, schwarze Pelzdecke und fing an, mit ihren Haaren zu spielen. Es war ein wollüstig warmer Augustnachmittag. Duft und Licht und Wärme drangen in schweren Wogen zum weitoffenen Fenster herein. Rosen, die eine weitbauchige Vase füllten, dufteten süß und wonnevoll. Dazwischen spürte die junge Frau dann wieder den lebensvollen Geruch ihrer Locken und den starken, aufregenden Raubtierdunst des Bärenfelles, auf dem sie ruhte. Langsam und lächelnd zog sie die blonden Locken durch ihre Finger, die noch viel zarter aussahen, als früher.

Herr Wolf kam indessen mit dem Briefe zurück, den er auf einem feinen Tablette präsentierte, indem er sich halb unterwürfig und halb ironisch auf ein Knie niederließ. Die Frau schien ihn indessen gar nicht zu bemerken.

»Vielleicht geruhen Sie, Madame, mir den Brief abzunehmen«, sagte Charlie nach einer Weile. »Ein Amtssiegel ist darauf; vielleicht bringt er eine interessante Neuigkeit.«

»Das bezweifle ich«, antwortete die Dame. »Erzlangweilig ist mir alles! Und überdies hast du mich erschreckt, Charlie. Wann wirst du dir endlich abgewöhnen, mich anzureden, ohne daß ich dich frage?« Und sie richtete sich auf und gab dem Manne einen Fächerschlag auf die Schulter, nahm ihm aber doch den Brief ab. Karl Wolf betrachtete sie mit unverhohlenem sinnlichen Entzücken.

Während sie das amtliche Schreiben las, erhellten sich ihre Augen plötzlich wie mit einem Zauberschlage und ein spöttisch-frohes Lächeln kräuselte ihre Lippen:

»Charlie – ist das eine Ironie! – Auf meinen Antrag bestätigt mir die Behörde, daß ich nun, nach meiner Ehescheidung, meinen Mädchennamen »von Kramm« wieder annehmen darf. Natürlich! Ich bin ja der nichtschuldige Teil. – Weißt du, Charlie«, setzte sie ein wenig ernsthafter hinzu, »ohne die Hoffnung auf diese Vergünstigung hätte ich es nicht der Mühe wert gefunden, Herrn Romberg mit Hilfe des liebenswürdigen deutschen Konsuls aufsuchen zu lassen.« –

»Wenn Buchwald wüßte, wo seine saubere Karola steckt«, sagte Herr Wolf mit schadenfrohem Lachen.

»Von wem«, erwiderte Kamilla, »hätte er's denn erfahren können, als von dir oder mir?«

»Daß du es ihm mitteiltest«, antwortete er, »davor ist er sicher . . . Er muß dich einmal im Leben niederträchtig geärgert haben, sonst würdest du nicht so rachsüchtige Gesinnungen gegen ihn hegen . . . So viel Böses, wie ihm, wünschst du wohl keinem Menschen, Kamilla . . . O, Sie sind grausam, Madame«, sagte Charlie zusammenschauernd, indem er das Weib in plötzlich wiedererwachender Ehrfurcht mitten im Satze wieder mit »Sie« anredete.

Es entstand eine Pause, Die Frau sank lässig auf das Bärenfell zurück. Leise knisternd glitten die reichen Falten des dünnen, dunkelblauen Seidenkleides zur Seite, als sie die Füße, die in weißen Lederpantöffelchen steckten, übereinanderlegte. Die Augen des Mannes umnachteten sich vor Leidenschaft; er beugte sich nieder und küßte mit inbrünstigen Lippen die weißen Seidenstrümpfe, die kokett mit Blumen bestickt waren. Kamilla lachte ungeduldig und trat mit dem Füßchen nach ihm. Da kniete er nieder und küßte den weißledernen Pantoffel . . .

Karl Wolf liebte sie auf seine Weise. Aber er liebte nicht das zärtliche, leidenschaftliche Geschöpf, welches sie einst gewesen war. Die Liebe des Mannes ist feig und grausam und vermag sich nicht anzupassen. Sie nimmt das Weib und schnitzt es zurecht, wie der Neger seinen Fetisch. Dann wirft er sich auf die Kniee und betet seinen selbstgeschnitzten Götzen an. – Und der Götze selber? Nun, er findet sich natürlich in seine Fetischrolle, wenn es sein muß! –

Kamilla zwang sich mit großer Willenskraft, an etwas anderes zu denken, um nicht in Gedanken das alles, »was sein mußte«, wieder einmal in dieser Stunde durchleben zu müssen. Sie blickte die Rosen an, die neben ihr dufteten. Jetzt taumelte ein verfrühter Dämmerungsfalter, der wohl irgendwo aufgeschreckt worden war, zum Fenster herein, umkreiste ein paarmal die Blumen, nippte an einigen und versank dann mit seinem dicken Körper in einer vollerblühten Rose, so daß nur noch die Spitzen der grauen Flügel sichtbar waren. Die Frau sah dem Tiere zu und versank darüber wieder in gedankenlose Träumerei. –


* * *


So ähnlich verstrichen alle ihre Tage. Sie lebte hier draußen in einem der vornehmen Häuser am Grunewald, fern von den Sorgen und dem hastigen Erwerbstreiben der Stadt. Jetzt war es ihr fast recht, daß alles so gekommen war. Sie bewohnte allein die ganze Villa. Im oberen Stockwerk befand sich ihr Wohnzimmer und die Schlaf- und Wohnzimmer der kleinen Mädchen und der Französin. In das untere Stockwerk kamen die Kinder und »Mademoiselle« nur selten; dort hatte Herrn Wolfs leidenschaftliche Verehrung der jungen Frau luxuriöse, üppige Räume eingerichtet, deren phantastische Schönheit ihm der einzig würdige Rahmen für seine Geliebte zu sein schien. –

Seine Geliebte! –

Damals, nach jenem Schicksalsschlage, war es nämlich doch geschehen, was sie wenige Tage vor dem schrecklichen Ereignisse so entrüstet von sich gewiesen hatte. Freilich hatte sie sich nicht selbst an Herrn Wolf gewendet, obwohl sie seine Güte und Aufmerksamkeit auch in den Trauertragen hatte anerkennen müssen. Am Morgen nach dem Tode des kleinen Knaben hatte ein Gärtnerbursche einen ungeheuren Kranz aus schneeweißen Blumen gebracht. Kamilla las mit Bewegung die wenigen Beileidsworte des Mannes, den sie so stolz abgewehrt hatte. Am Tage nach dem Begräbnisse dann, als sie die Rechnung für die Bestattung bezahlen wollte, erfuhr sie, daß Herr Wolf dies »im Auftrage der gnädigen Frau« bereits erledigt hatte. Sie schrieb ihm nicht. –

Dann kamen die schrecklichen Monate, in denen sie wieder Arbeit suchte. Aber sie fand keine. Mit Privatstunden war nicht genug zu verdienen, um auch nur in bescheidener Weise mit den Kindern leben zu können. Und das hatte sie sich selber geschworen, nicht mehr aus dem Hause zu gehen. Nicht mehr die Kleinen zu verlassen, um nicht auch die anderen Kinder sterben sehen zu müssen. Nur das nicht! Lieber alles andere . . .

Dann war Herr Wolf wiedergekommen. Sie brachte es nicht fertig, ihm die Türe zu weisen. Karl Wolf sah sich in dem Zimmer um; es sah kahl aus, denn ein Teil der Möbel und die wenigen Wertsachen waren verkauft und verpfändet. Das blasse Weib im schwarzen Trauerkleid schickte die Kinder, die noch rasch eine Düte von dem freudig begrüßten Onkel in Empfang genommen hatten, aus dem Zimmer. Dann zog er sie in seine Arme, und sie ließ es geschehen. Er küßte sie aber nicht auf den Mund, sondern er küßte nur ihre Hand, aber mit einer Glut, daß sie erschrak; und er sagte: »Herrin . . .« Und endlich erreichte Herr Wolf, was er wollte. Kamilla kam ihm so unsäglich hoch, kühl und vornehm vor, wie er sich das Weib zeitlebens erträumt hatte. Es reizte ihn, einer hochmütigen Schönen zu dienen, sich vor ihr zu erniedrigen; ja, in dieser freiwilligen Erniedrigung fand er das süßeste Glück. Mit Freuden wollte er seinem Ideal das Vermögen zu Füßen legen, welches er in langen Junggesellenjahren in seiner blühenden Großhandlung erworben hatte.

Kamilla konnte anfänglich nur schwer begreifen, was er von ihr erwartete. Sie hatte den Entschluß gefaßt, ihm zu Willen zu sein. Sie hatte alle Bedenken überwunden. Die Menschen hatten sie für schlecht erklärt; darum fand sie keine Arbeit; nun gut, sie wollte auch schlecht sein! Ein Erlebnis trug noch besonders dazu bei, diesen Entschluß in ihr zu befestigen.

Am Tage, nachdem Karl Wolf wieder zu ihr gekommen war, schlug der Verehrer der jungen Frau einen Spaziergang in Begleitung der Kinder vor. Kamilla war einverstanden. Man ging gemeinsam in einen Restaurationsgarten. An einem der benachbarten Tische saßen Königs mit ihren Kindern. Sie mußten Kamilla gesehen haben. Da bemerkte Kamilla mit tiefem Schrecken, daß Frau König leise mit ihrem Manne sprach; gleich darauf bezahlte Herr König seine Zeche, rief die Kinder und alle verließen das Lokal, scheinbar ohne Kamilla gesehen zu haben.

Da stieg in der jungen Frau ein wilder Trotz auf: sie wollte sich lossagen von all den Schranken, die sie bisher hochgeachtet und nicht zu überschreiten gewagt hatte. Jetzt war ihr Schicksal an einem Wendepunkte angelangt; sie wollte der bürgerlichen Moral den Rücken kehren! Ohne die Philistermoral lebte sich's vielleicht besser; bequemer auf jeden Fall!

Und als ihr Entschluß einmal gefaßt war, säumte sie nicht, ihn energisch in die Tat umzusetzen. Herr Wolf erwies sich als ein überaus generöser Liebhaber. Gleich in den ersten Tagen mietete er die Villa am Grunewald und richtete sie mit üppigem Geschmack verschwenderisch ein. Die Frau, welche solange in ungewohnter Dürftigkeit gelebt hatte, kam sich wie in einen Feenpalast verzaubert vor. Nun fragte sie nicht mehr nach der Welt . . .

Langsam fing sie dann an, das seltsame Wünschen und Verlangen des Mannes zu verstehen. Er sehnte sich nach herrischer, kalter Abwehr. Ihr kam es wie eine Komödie vor, aber sie spielte die Komödie. Sie zweifelte nicht, daß er von dieser Laune, dieser Torheit, wie sie es in ihrem Herzen nannte, bald genug von selbst Abschied nehmen würde.

Allmählich wurde sie anspruchsvoll, zum größten Entzücken des verliebten Mannes. Sie verlangte einen Hund von ihm. Eine Dogge sollte es sein; eine große, graue Dogge, wie sie daheim gehabt hatte. Karl Wolf freute sich sehr, der schönen Frau endlich einen von ihr geäußerten Wunsch erfüllen zu können, und brachte nach wenigen Tagen das edle Tier; er brachte auch eine schmucke, lederne Hundepeitsche mit. Die Dogge legte sich sofort schweifwedelnd seiner neuen Herrin zu Füßen und grub den Kopf in die weichen Falten ihres Kleides. Lächelnd beugte sie sich nieder und streichelte ihm das glatte Fell. Er ließ es gern geschehen; als aber auch Herr Wolf ihn anlassen wollte, sprang er mit einem Satze auf und setzte ihm mit drohender Miene beide Vorderfüße auf die Schultern. »Hektor!« rief Kamilla zornig und schlug ihn mit der Gerte, die sie gerade hin und her durch ihre schlanken Hände zog. Der Hund flüchtete heulend in eine Ecke. Karl Wolf aber blieb sprachlos in unveränderter Haltung stehen.

»Nun, was ist dir, Karl?« frage Kamilla lächelnd, bist du versteinert? Findest du es so wunderbar, daß ich den Hund mit der Peitsche wegjage?«

»Nein«, sagte er, »ich dachte nur: wenn Sie mich eben so schlagen würden . . .«

»Welche Torheit«, lächelte die junge Frau, »wie käme ich dazu, Karl? Bin ich so bösartig?«

»Wenn ich aber darum bitte, Kamilla? Wenn ich Ihnen sage, daß ich keinen anderen Wunsch habe?« Und als die Frau überrascht abwehrend den Kopf schüttelte: »Ich flehe sie an, Kamilla! Ich sehne mich danach! Sie würden mich glücklich machen!«

Da, in einem jähen Aufblitzen der Erinnerung, fiel der Frau ein, was sie vor langer Zeit, in ihren jungen Mädchentagen, mit Christa Herz erlebt hatte; rasch beugte sie sich vor und schlug den Mann mit der Hundepeitsche zwei, dreimal quer über das Gesicht. –

Im Augenblicke war sie selber starr vor Entsetzen. Was würde nun geschehen? Das war ja Wahnsinn, was sie da getan hatte. Aber Karl Wolf schien es durchaus nicht wahnsinnig zu finden; mit einem tiefen Aufatmen strich er leicht mit den Händen über sein Gesicht, warf sich auf die Knie und sagte leidenschaftlich: »Ich danke dir . . .« Und dann küßten sie sich wie rasend. –

Damals hatte sie die seltsamen, dem Einfachen und Natürlichen abholden Liebesneigungen des Mannes endlich begriffen. Sie empfand eine Art von perverser Neugierde, wie sich ihre Beziehungen zu ihm gestalten würden. Ihr war es ja schließlich einerlei, ob sie ihn küßte oder peitschte! Sie hatte ein Talent, sich jeder Lebenslage mit großer Willfährigkeit anzupassen. In kurzer Zeit lebte sie sich in die Rolle einer hochmütigen grausamen Gebieterin, die sie anfangs als lächerliche Komödie betrachtet hatte, so vollständig hinein, daß sie sich fast darin gefiel. Sie war nun einmal seine Maîtresse, und es ging ihr und den Kindern gut dabei; warum also sollte sie sich durch überflüssige Prüderie das Leben schwer machen? An der Tatsache selbst war ja doch nichts mehr ändern.

Einmal brachte Karl einen Freund mit. Faucheron war jung, reich und elegant und machte der blonden Frau auf Tod und Leben den Hof. Ihr Liebhaber hatte nichts dagegen einzuwenden; im Gegenteil, es reizte ihn das Pikante der Situation. Die Herren blieben zum Souper. Kamilla verstand es, bei aller Freiheit den Takt und den guten Geschmack aufrecht zu erhalten. Der Franzose war entzückt; beim Sekt warf er sich ungeniert der schönen Frau zu Füßen, küßte ihr die Hände, versprach ihr einen Brillantring und machte ihr unzweideutige Liebeserklärungen. Charlie war nicht eifersüchtig. Es wurde sogar verabredet, daß jeder der Herren noch einige Freunde bei Kamilla einführen sollte; man würde dann bei Gelegenheit ein Fest feiern, wie noch keiner der Teilnehmer eins erlebt hätte . . . »une fête de beauté«, wie der Franzose galant-frivol bemerkte.

Die Herren gingen zu ziemlich später Stunde. Herr Wolf besaß einen Hausschlüssel zu der Villa seiner Freundin und brauchte darum von niemand hinausgeleitet zu werden. Beim Durchschreiten des Gartens sprachen die beiden Herren in der Weinlaune lauter, als gewöhnlich, so daß die junge Frau, die unbemerkt an einem offenen, dunklen Fenster lehnte, jedes Wort verstehen mußte.

»Donnerwetter!« sagte der Franzose aus tiefster Überzeugung, »diese Sorte habe ich noch nicht kennen gelernt . . . Eine pompöse kleine Cocotte . . . Und hat alles Talent zu einer ganz großen!«

»Nicht?« erwiderte Karl Wolf stolz, »und ich habe sie gemacht . . . O ja, sie ist pompös, jetzt! . . . Und ich habe dazu Pate gestanden!«

»Cré nom . . .!« entgegnete Faucheron, »ich gratuliere Ihnen, Herr Konsul!« –

Und Kamilla, die alles mit angehört hatte, trat vom Fenster zurück, als die Schritte der beiden verhallten, und sagte mit spöttischem Lächeln vor sich hin: »Pompöse kleine Cocotte ist eine äußerst alberne Bezeichnung, Faucheron will offenbar auch sehr gern die Peitsche kennen lernen . . .« –

Es waren andere zu ihr gekommen. Anfänglich waren es Freunde der beiden; langsam sprach Kamillas Name sich herum, und es kamen Fremde. Kamilla empfing auch diese. Ein Taumel hatte sie ergriffen; ein Taumel der Habgier und perversen Lust. Sie empfand es als Triumph und Wonne, die männliche Bestie sich zu ihren Füßen winden zu sehen und betteln hören um jeden Peitschenhieb . . . Und sie empfand es als zehnfach größere Lust, ihr Geld und ihren Schmuck sich mehren zu sehen.

Sie war bei allem eine zärtliche Mutter geblieben. Für ihre kleinen Mädchen war sie dieselbe geblieben, die sie immer war, eine sanfte, verständige Mutter. In ihren Salons blitzten ihre Augen wild und grausam, klang ihre Stimme hart, wie Diamant, führte ihre feine Hand rücksichtslos die Gerte, wußte ihre lasterhaft gewordene Phantasie ungeheuerliche Erniedrigungen für die Bestien, wie sie die Männer insgesamt nannte, zu erfinden; in den Gemächern ihrer Kinder wurden die funkelnden Augen mild, wie Himmelblau. Die kleinen Mädchen ahnten nichts; Mademoiselle Celeste, die Bonne, war zufrieden mit ihrem ungewöhnlich hohen Salair und fand es darum richtig, nichts zu sehen und zu hören.


* * *


An alles dieses dachte Kamilla aber nicht, während sie an jenem Sommernachmittage lässig hingestreckt ruhte. Charlie hatte wieder angefangen, den Strumpf, der mit lauter Rosenknöspchen bestickt war, zu küssen; mochte er! Man hat nicht immer Lust, mit der Bestie zu spielen; man muß auch mal etwas Vernünftiges denken, zum Beispiel; Toiletten! Kamilla hatte entdeckt, daß sie eine üppige Phantasie in Toilettenschöpfungen besaß. Um alles in der Welt hätte sie jetzt kein Kleid mehr getragen, welches der Erfindung irgend einer Modistin sein Dasein verdankte. Sie erfand alles selber und war immer phantastisch, reich und geschmackvoll gekleidet. In dieser Stunde war die junge Frau aber in der Tat zu faul, um etwas Vollendetes auszusinnen; Träume von Chiffon, Crêpe, Spitzen, Tüll und Seidenstoffen wehten wie Schleier vor ihren Augen; sie glaubte förmlich die angenehme Weichheit und den feinen Geruch neuer Seidenstoffe zu spüren und reckte sich wohlig bei diesem Gedanken. Gerade war Charlie mit seinen Küssen bei dem runden, hübschen Knie Madames angelangt.

»Charlie!« rief sie nun, »nein, das ist nicht erlaubt! Alles zu seiner Zeit. Jetzt nimm dir einen Sessel und erzähle mir etwas. Ich langweile mich unbeschreiblich! Eine große Torheit von mir, daß ich dir ein für allemal den Dienstag jeder Woche reserviert habe. Man amüsiert sich doch manchmal über die Dummheit der Bestien . . .«

»Eine Bitte hätte ich«, sagte Charlie zaghaft.

»Was?« rief die schöne Blondine übermütig, »du bittest auch einmal? Sprich rasch! An diesem faulen Nachmittage bin ich grade in Gebelaune.«

»Das ist rar«, erwiderte Charlie, besann sich aber bei Kamillas drohendem Blick nach der Reitpeitsche, die immer im Bereiche ihrer Hände lag, und fuhr fort: »Es handelt sich nur um ein Versprechen, das Sie mir und Faucheron schon längst gegeben haben, und jetzt wäre gerade eine passende Gelegenheit, etwas zu feiern: feiern Sie die heutige fröhliche Nachricht, Madame! – Geben Sie Ihren Freunden, Ihren Anbetern, Ihren Sklaven ein Fest.«

Kamilla überlegte eine Minute; Charlie glaubte schon, die launenhafte Frau werde das längst geplante Fest wieder einmal auf unbestimmte Zeit verschieben, als sie vergnügt aufsprang und zu seiner freudigen Überraschung erklärte:

»Nun gut, Charlie, jetzt macht es mir gerade Spaß. Ich bin einverstanden! Bringe mir also geschwind Tinte, Feder und meine Schreibmappe, damit wir sofort eine Liste der Gäste aufsetzen.« Und sie machten sich beide sofort an die Arbeit; Kamilla diktierte dem getreuen Charlie aus den Namen ihrer zahlreichen Freunde diejenigen, die sie zu dem Feste zu laden wünschte. Mitunter blickte Charlie fragend auf, wenn er einen Namen nicht verstand oder der Träger des Namens ihm gänzlich unbekannt war. Kamilla errötete dann ganz flüchtig, schlug Charlie leicht mit dem Fächer und gab kurze, halbe Erklärungen:

»Charlie, wer erlaubt dir, so neugierig zu sein? – Steen?? Ach, der ist sehr reich . . . Rosenskiöld und Steen, Import . . . La Valette . . . Mendel . . . wie, den kennst du nicht? Den Rechtsanwalt? . . . Mednikoff . . . von der russischen Botschaft! . . . Liu Fu Yi . . . der reizende kleine chinesische Student ist geradezu ein Paradeexemplar unter meinen Bestien! Überhaupt meine Sammlung ist schon ganz international«, sagte Kamilla mit reizendem Lächeln.

»Alle huldigen . . .« sprach der Konsul, indem er sich zu dem zarten Füßchen der schönen Herrin niedergebeugte, um es ehrfurchtsvoll zu küssen.

»Ja«, sagte die Frau lachend, »ich hätte es nie für möglich gehalten, daß der arrogante, eingebildete ›Herr der Schöpfung‹, wie er sich selbst in einem unangebrachten Dünkel zuweilen nennt, sich so viele Mühe und Kosten machen würde, um unter den Pantoffel einer hübschen Frau zu kommen! Und dabei verwöhne ich sie wirklich nicht, meine Raubtiere! Mit Liu fuhr ich gestern vormittag aus, um Einkäufe zu machen. Gerade traten wir aus einem Modengeschäft; ich hatte mir Hüte für den Herbst angesehen! – als einige Chinesen die Straße entlang kamen, die Liu kannte, wie ich genau wußte . . . Die Vorstellung war unvermeidlich . . . Was meinst du, wie er mich nannte? Madame Kamilla, ganz einfach! Ich stieg schleunigst mit ihm in den Wagen und das erste, was ich tat, war, daß ich ihm eine gewaltige Ohrfeige gab . . . Mag es gesehen haben, wer will, um so besser! Und er? Er kaufte mir zehn Minuten später diesen Haarkamm mit Diamanten. Die Bestie kurz halten!« schloß Kamilla mit bösem Lächeln, »kompromittieren, ohrfeigen, am liebsten bei Wasser und Brot in den Käfig sperren und mit der Peitsche lehren, durch den Reifen zu springen . . . dafür betet sie uns an!«

In diesem Augenblicke kreischte die Gartenpforte. Frau von Kramm klappte rasch den Deckel der Schreibmappe zu und eilte ans Fenster. Die kleinen Mädchen betraten an der Hand der Bonne den Garten. Die riesenhafte, graue Dogge schoß sofort in großen Sätzen über den Rasen und begrüßte seine Herrin mit tiefem, freudigem Gebell. Nun rissen sich auch die Kinder los und liefen um die Wette zu ihrer geliebten Mutter. Sie sahen reizend aus, wie sie mit wehenden Blondlocken dahergesprungen kamen, ganz in Rosa gekleidet: Rosatüllkleidchen, Rosahütchen, die von rosa Sonnenschirmen beschattet wurden, Rosastrümpfchen, die kaum die runden Wädchen bedeckten, und Rosaleder-Stiefelchen.

»Mama!« schrie die Kleinste atemlos, aber die Größere ließ sie nicht zu Worte kommen: »Ich erzähle! Mama, Heini Mink hat einen Wagen bekommen, den er selbst kutschieren kann, mit einem Eselchen! wie süß, Mama, ein Eselchen!« »Ein Eselchen!« krähte nun auch die kleine Christa hochentzückt, aber der großen waren in diesem Augenblicke doch Bedenken aufgestiegen, ob man wagen dürfe, ein so großes, ungeheuerliches Geschenk, welches die kühnsten Wünsche weit überstieg, von der Mama zu erbitten.

»Wollt ihr nicht wenigstens ins Haus kommen?« schlug die glückliche Mama vor, »Ihr könnt mir hier oben viel besser von Heinis Eselfuhrwerk erzählen!«

Angela aber war inzwischen ein rettender Gedanke gekommen, Onkel Wolf stand am andern Fenster. Vielleicht würde der gute Onkel, der schon so manchen Herzenswunsch erfüllt hatte, auch diesmal . . . In lieblicher Ratlosigkeit, das rosige Zeigefingerchen am Näschen, das unschuldige Kindergesicht vertrauensvoll zu Onkel Wolf erhoben, stand das zierliche Kind da. Der Konsul weidete sich an dem schüchternen Zögern des kleinen Mädchens und wußte doch, daß er es lieber sehen würde, wenn Angela keck bitten würde. Da hob Angela sich graziös auf den Fußspitzen, lachte dem Onkel frei ins Gesicht und bat: »Onkel Wolf – du kaufst mir doch gewiß ein Eselfuhrwerk?« Der Konsul antwortete nicht gleich und blickte lächelnd auf das kleine, kecke Persönchen herab. Mademoiselle trat, ganz entsetzt über solche Kühnheit ihres Zöglings, heran und sprach: »Mais, Angèle, wer wird so unbescheiden sein! Kommt ins Kinderzimmer; ihr müßt eure Milch trinken!« Angela gab sich indessen nicht so leicht zufrieden: »Onkel Wolf, Onkel Wolf, ich sehe es dir an, daß du es uns kaufen willst! Nicht wahr? Und mit rotem Lederzeug und eine wirkliche Peitsche dazu, nicht etwa eine so dumme Peitsche wie Heinis, die nicht einmal knallt! Ich gebe dir auch alle Tage einen Kuß dafür!«

Nun lachte der Konsul ganz laut: »Ja, Angela, du hast recht: für einen Kuß muß man einer Dame alles zuliebe tun, wenn es auch eine sechsjährige kleine Dame in Rosatüll ist! – Du sollst sogar ein richtiges Ponyfuhrwerk haben, mit rotem Lederzeug und einem echten Negerboy als Kutscher dazu, wenn ich einen auftreiben kann, und eine wirkliche Peitsche, die ordentlich knallt! – Das ist dir, scheints, eine Hauptsache bei deinem Fuhrwerk!«

»O, Charlie!« sagte Kamilla gerührt und leise, »du bist gar so gut gegen meine Kinder! Nun muß ich wahrhaftig extralieb zu dir sein! – Und nun marsch, hinauf, ihr Wildfänge«, rief sie dann laut. »Mademoiselle hat euch schon einmal ermahnt!« Und gehorsam flogen die beiden glücklichen Kleinen der hinteren Pforte zu, die sie als Eingang benutzen mußten. Mademoiselle ging hinterdrein, mit nicht gerade allzu ehrerbietigen Gedanken gegen ihre Herrin: »Wahrhaftig, sie läßt den Kindern von ihm ein Ponyfuhrwerk kaufen! Und wie ungeniert Angèle fordern kann . . . . . . . . . Es muß im Charakter liegen!« Glücklicherweise ging es sie nichts weiter an. In wenigen Tagen war der Monat zu Ende: dann bekam sie wieder ihr hohes Gehalt pünktlich ausgezahlt . . . Warum soll man sich da den Kopf zerbrechen! – Und mit devotem Gruß trat sie Frau von Kramm und ihrem Freunde entgegen. – Kamilla aber mußte etwas ähnliches empfunden haben. Als der Jubel im Kinderzimmer über Frau von Kramm und Karl Wolf sich ausgetollt hatte und die Kinder oben ins Bettchen gebracht worden waren, stieg die Mutter noch hinauf, um ihren Töchtern den Gutenachtkuß zu geben. Sie faltete die Kinderhändchen und sprach den Kleinen einen Segen vor. Und als sie wieder zu Charlie hinunterging, zog ein heimliches Beten durch ihre Seele: »Mach' du sie bescheiden, mach' du sie zufrieden . . .« – –...

– »Du weißt nun also, Charlie«, sprach sie dann zu ihrem Freunde, »wer an unserm Abend teilnehmen soll. Nun gib acht: wir werden gleich die Einladungen ausschreiben. Du wirst dich wundern, daß ich alles schon vorbereitet habe. Eigentlich ist mir die Idee zu dem Feste gekommen, als ich diese reizenden Kärtchen sah . . . Sehr originell soll es werden!«

Sie holte aus ihrem Schreibtisch ein zierliches Kästchen, dem sie eigenartige Karten entnahm. Auf feuerrotem Grunde tanzte ein nacktes goldenes Teufelchen mit Hörnern, Pferdefuß und Schwänzchen.

»Ist es nicht entzückend, mein kleines Teufelchen Bitru?« lachte die schöne Frau, indem sie sich kokett in den Hüften wiegte.

»Reizend, natürlich«, bestätigte der Konsul, »aber ich weiß nicht . . .

»Du weißt nicht, was little Bitru mit meinem Feste zu tun hat! Also nimm die Feder und schreibe, was ich dir diktiere:

Allerhöchster Kabinetsbefehl Ihrer Majestät, der Königin der Hölle!

Die Oberste der Teufelinnen befiehlt den Teufel X. Y. zu einer festlichen Zusammenkunft aller bösen Geister am siebenten September. Die Abfahrt zur Hölle erfolgt von Madame Kamilla von Kramms Wohnung in Grunewald bei Berlin aus! Die Teufel haben pünktlich um Mitternacht zu erscheinen.

»Ich wette, Charlie, es wird kein einziger der ›Teufel‹ daheim bleiben. Unter den unwahrscheinlichsten Vorwänden werden die bösen Geister sich von ihren lieben nichtsahnenden Ehehälften fortschwindeln. Der dicke Rechtsanwalt Mendel wird sogar von seiner Wirtschafterin, diesem Musterexemplar eines häuslichen Drachen, wohl oder übel Urlaub bekommen müssen. La Valette ist vor kurzem erst von der Hochzeitsreise zurückgekehrt; ich habe ihn seitdem noch nicht einmal gesehen. Seine steinreiche junge Frau – sie ist übrigens schon hübsch bei Jahren! – wird sich am siebenten September mit ihrer Liebesglut allein behelfen müssen. Sie kann ja eine kalte Douche nehmen . . . Ich wette, der kleine Prinz Gero wird kommen. Ein liebes Prinzchen! Unter meinen sämtlichen Bestien ist dieser fesche kleine Fürstensohn mir fast der liebste, obwohl gerade er am wenigsten zu verschenken hat!«

Charlie schrieb die Einladungen, Kamilla die Adressen, und begleitete jede einzelne Adresse mit kecken, spöttischen Bemerkungen. Karl Wolf war ganz hingerissen. Als die Arbeit beendet war, umschlang er leidenschaftlich die Knie der blonden Frau und flehte:

»Behalt' mich bei dir, Herrin . . . schicke mich heute abend nicht fort!« Und als Kamilla lachend den Kopf schüttelte: »So lassen Sie mich wenigstens vor dem Bette liegen, wie Ihren Hund! Ich will Ihren Schlaf bewachen . . .«

Der Mann stöhnte und stammelte, indessen Kamillas Gedanken in die Vergangenheit irrten und jenes Mannes gedachten, den sie zuerst geküßt hatte. Der winselte nicht, der lag nicht im Staube; der war ein fröhlicher Kamerad, wie ein Weib ihn wünschen mag. Und Konsul Wolf beugte seinen schneeweißen Kopf noch tiefer und seine glühenden Lippen bebten auf ihrem Pantoffel und er stöhnte: » . . . Wie Ihren Sklaven, Herrin . . . wie Ihren Hund . . .«

Und plötzlich lachte Kamilla hell auf; »Also gut, du Hund! Die Peitsche . . . apport!«

Charlie brachte sie in den Zähnen und reichte sie demütig der stolzen Siegerin über den Mann. Kamilla nahm sie ihm aus dem Munde, die schwanke Peitsche pfiff ihm über die Schultern . . . Und dann warf sie die Gerte in die entfernteste Ecke und rief:

»Nun, so bleib hier! In der letzten Woche vor dem Feste darfst du doch nicht zu mir kommen; ich werde dann keinen Menschen empfangen, weil ich mit den Vorbereitungen für mein höllisches Fest nicht wenig zu tun haben werde!«

»Traurig«, sagte der Konsul, »aber man muß sich Ihrem Willen beugen, schönste Herrin . . . Und Sie nennen sich die Oberste der Teufelinnen? Sie wissen recht gut, daß Sie eine Göttin sind, die mit uns Staubgeborenen spielt und uns vernichtet, wenn es Ihnen Spaß macht . . .«


* * *


Sie hatte sich recht glücklich gefühlt in den letzten Tagen vor ihrem Feste, in denen sie keinen Besuch, nicht einmal mehr den Besuch ihres erklärten Favoriten Charlie angenommen hatte. Sie ließ einfach allen sagen, sie habe keine Zeit. In der Tat hatte sie unendliche Mühe, Sorgfalt und Phantasie auf die originelle Gestaltung des Festes verwendet und mit Hilfe eines geschickten Tapezierers am vergangenen Abende bis in die späte Nacht hinein gearbeitet.

Die Kinder waren schon längst in der Schule, als Kamilla erwachte. Sie schellte, bestellte bei dem eintretenden Mädchen ihr Frühstück und ihr Bad und ließ die Fenstervorhänge zurückziehen. Draußen rieselte fein und dicht ein leiser Herbstregen nieder, der den Himmel und die Bäume in graue Schleier hüllte. Bis das Frühstück kam, schmiegte die schöne, üppige Frau sich rasch noch einmal in die spitzenumsäumten Kissen und zog die himmelblauseidene Steppdecke bis übers Kinn hinauf. Sie liebte dieses süß gedankenlose Dahinträumen im Bette, wenn es regnete oder schneite oder der Sturm ums Haus pfiff. Bei schönem Wetter pflegte sie sofort aufzustehen und auf der umlaubten Veranda zu frühstücken, Ihr großer Papagei saß dann auf seiner Stange und teilte ihr Morgenbrot. Heute aber nahm Kamilla den Kaffee im Bette ein. Dann warf sie eine leichte, warme Decke über das hellblaue, bis zu den Füßen niederwallende Nachthemd und ging ins Nebenzimmer, wo das Bad bereit stand, den schönen Leib der Vielgeliebten in seinen lauen Fluten aufzunehmen. Als sie nebenan ihren Papagei schreien hörte, ging sie zuerst zu ihm, befreite ihn, der seine Herrin mit lärmendem »Bonjour, Madame!« begrüßte, von seiner Kette und ließ ihn ins Badezimmer hineinspazieren. Langsam und würdevoll ging Peter vor ihr her und erkletterte sofort den metallenen Handtuchständer, wo er sich behaglich niederließ.

Die schöne Frau erfaßte nun mit einem Griff ihre reiche Haarmasse und schlang sie in einen dicken Knoten. Dann warf sie den Shawl ab, wählte aus einer Anzahl großer Parfümflacons eines aus und goß daraus den starken, sinnlich-schwülen Duft französischer Narzissen in das Badewasser. Mit langsamen, üppigen Bewegungen legte sie das seidene Nachthemd ab, streifte die Pantoffeln von den Füßen und stieg in die große, viereckige Wanne aus rosafarbigem Marmor. »O, wie schön!« schrie der Papagei, der sie mit großen, aufmerksamen Augen betrachtete. Kamilla lachte herzlich: »Dummer Peter!« aber sie lehnte sich doch mit stolzem Lächeln in dem Wasser zurück und dehnte ihre schneeweißen, vollen Arme . . . Wie schön war sie! Der Kultus ihrer Schönheit war eine ihrer größten Freuden geworden. Sie pflegte und verhätschelte diesen schönen Körper, der lange, so lange wie möglich, schön und begehrenswert bleiben sollte.

Peter, den La Vallette der Frau von einer Tropenreise mitgebracht hatte, strich sich inzwischen ernsthaft die befiederten Füße glatt, schwätzte dazwischen französische Brocken, die der Franzose ihm beigebracht hatte, und breitete schließlich die großen, roten Flügel aus, die er leise hin- und herbewegte, so daß ein angenehm kühler Luftzug entstand. Kamilla sah ihm mit Vergnügen zu und schrie endlich lachend: »Nun höre endlich auf, zu flattern, denn ich will heraussteigen!« Peter verstand, was sie wollte, und blieb still sitzen. Seine Herrin stand langsam, mit anmutigen Bewegungen, auf und setzte sich auf den rosigen Rand des Bassins. Der Vogel sah ihr wieder aufmerksam zu. »Was verstehst du, großer, dummer Peter«, sagte Kamilla, »von dem lever d'une grande cocotte?« – »Grande cocotte!« schrie der Vogel. Das Wort schien ihm sehr zu gefallen, denn es war leicht auszusprechen, und er rief nun so lange in allen Tonarten: »Grande cocotte!« bis Kamilla ihm den lauten Schnabel mit Zuckerstücken stopfte.

Sie trat vor den hohen Toilettespiegel, löste den blonden Pfeil, der ihre Haare zusammenhielt, und ließ die schweren Haare lang herniedergleiten. Mit den bloßen Füßen stand sie auf dem dunklen Teppich; marmorweiß hoben sich die schönen, wohlgeformten Beine von dem dunklen Grunde ab. Ihre Blicke strichen liebkosend an den edel geschwungenen Linien ihres Spiegelbildes empor, küßten die herrliche Biegung der vollen Hüften, die Zartheit des Busens, den reizenden Hals und lächelten das Gesicht an und die hellen, stolzen Augen im Spiegel . . . Sie senkte wieder die Blicke und schloß die Augen. Musik war das Schlagen ihres Herzens, singend zog das Blut durch ihre Adern. Sie empfand mit tiefer Wonne das heimliche Leben ihres Leibes, der jetzt, nach dem Genusse des Bades, noch leise zitterte; manchmal bebten unwillkürlich die Kniee und die vollen, weißen Schenkel, als könnten sie die schöne Last kaum tragen. Vom Bassin zog der erschlaffende Duft des Narzissenextraktes herüber. Wie süß war diese träumerische Stunde holder Trägheit! Es war doch jeden Morgen ebenso, und doch war es heute anders . . . Langsam, überwältigt von einem Gefühl unnennbaren Wohlbehagens, sank Kamilla in die Knie und neigte den Kopf, daß die Haare ihr in lichten Strähnen über das Gesicht fielen; noch tiefer beugte sie das Haupt, daß sie, von ihren Haaren umschleiert, ganz mit sich allein war, legte die wunderbaren Hände über der Brust zusammen und ihr ganzes Empfinden wurde Lust an ihrer eigenen Schönheit; sie betete sich an . . .


* * *


Als sie ihre Toilette wieder begonnen hatte, klopfte das Mädchen: der bestellte Friseur sei erschienen, »Er möge nur kommen«, beschied Kamilla. Der Friseur trat ein. Es war ein frischer junger Mann; kaum vermochte er seine errötende Verlegenheit zu verbergen, als er die wunderschöne Frau, die er schon, als sie die Bestellung in seinem Geschäfte machte, wie eine Göttin angestaunt hatte, nur mit einem weitausgeschnittenen, fliederblauen Hemde und kurzem Unterröckchen bekleidet, vor dem Spiegel sitzen sah. Seinen devoten Gruß erwiderte Kamilla nur mit einem flüchtigen Kopfnicken und fragte:

»Haben Sie alles Erforderliche mitgebracht?«

»Ja, gnädige Frau!« stotterte der unglückliche junge Mann und machte sich dienstbeflissen daran, seine Flaschen mit Spiritus, Haarfarbe und allerlei andere Tinkturen und Werkzeuge auszupacken. Mit zitternden Händen gab er ihr den Färbemantel um und begann dann, die Haare der Dame zu strählen und mit verschiedenen Flüssigkeiten zu behandeln.

»Also ein schönes, leuchtendes, modernes Rot befehlen gnädige Frau?« fragte er dann.

»Modern oder nicht, das ist mir einerlei!« lächelte Kamilla. »Färben Sie mir die Haare nur genau so, wie die Probe, die ich ausgewählt habe.« Der verliebte Friseur, der vergeblich eine Gelegenheit gesucht hatte, ein Gespräch anzuknüpfen, fuhr schweigend in seiner Beschäftigung fort. Kamilla sah seiner Tätigkeit im Spiegel zu; sie bemerkte wohl, wie seine Finger bebten, wenn sie, wie zufällig, ihren weißen Nacken streiften, während er die Haare mit Tüchern trocken rieb. Er beschäftigte sich damit offenbar länger, als notwendig war . . . Nun griff er wieder nach dem großen Frisierkamm und strählte die Haare zum letztenmal durch. Zitternd vor Aufregung, vermochte er kaum, die Flut der Haare, die nun in leuchtendstem, sonnigem Rot erstrahlten, zu händigen. Gerade wollte er den Kamm aus den Händen legen, als Peter, der sich bis dahin still verhalten hatte, plötzlich gellend schrie:

»Grande cocotte! Grande cocotte!«

Der junge Mann wurde blaß und dann schoß ihm das Blut wie Flammen ins Gesicht; der Kamm glitt ihm vor Entsetzen auf den Boden . . . Als er sich aufrichtete, hatte Kamilla, die keine Miene verzogen hatte und schön, stolz und unnahbar, wie in jedem Augenblicke, geblieben war, sich erhoben; mit selbstverständlicher Grazie zog sie den großen Shawl um ihren Körper und sprach; »Ich bin mit Ihrer Arbeit zufrieden . . . Wieviel beträgt Ihre Rechnung, Herr . . .?«


* * *


Um zwei Uhr erschien Charlie plötzlich. Kamilla empfing ihn sehr ungnädig:

»Wer hat dir nur erlaubt, zehn Stunden früher als alle anderen Gäste zu kommen? Ich kann dich nicht brauchen. Ich kann dir nicht helfen: Du mußt entweder den Kindern Gesellschaft leisten oder inzwischen wieder nach Hause fahren.«

»Herrin«, sagte Charlie voll Leidenschaft, »die Sehnsucht . . . Und außerdem wollte ich Ihnen durchaus diese Kleidspange überreichen und Sie kniefällig bitten, sie heute abend zu Ihrer Toilette anzulegen.«

Nun wurde Kamilla bedeutend freundlicher. Lächelnd nahm sie ihm das längliche Etui ab und öffnete es. Auf weißer Seide lag eine äußerst zierlich gearbeitete Eidechse, deren Körper prachtvoll in grünen Steinen funkelte und schillerte; strahlenhelle Brillanten bildeten die Augen des Tieres, das wunderbar der Natur nachgeahmt war.

»Charlie«, sprach die Dame erfreut, »das ist wirklich entzückend . . . So nobel bist selbst du selten . . . Sieh mir einmal ins Gesicht! Ein so großes Geschenk machst du mir nur, wenn du kein ganz reines Gewissen hast . . . Also schnell: gestehe nur ruhig deine Untreue ein!«

»Aber Madame . . .« versuchte sich Charlie zu verteidigen, »Sie irren sich, Sie irren sich wirklich . . .«

Sie legte den Kopf zurück und funkelte ihn unendlich höhnisch und hochmütig aus halbgeschlossenen Augen an:

»Mich versuchst du zu belügen? Mich, der jeder Zug deines Sklavengesichtes klarer ist, als dir selber? Vorhin wollte ich nur ein einfaches Eingestehen; jetzt aber wirst du genau beichten . . . Aber sofort!« rief sie, als der Konsul zögerte, »schlimm genug, wenn ich dich erst mit der Reitpeitsche das Gehorchen lehren müßte!« Und mit grausamem Lächeln griff sie nach der Fischbeingerte und ließ sie leise pfeifend durch die Luft schwirren.

Es hatte ihr gar nichts daran gelegen, das Liebesabenteuer des Konsuls zu erfahren. Aber sie wußte, daß ihre Autorität für alle Zeit gebrochen wäre, wenn sie nicht auch diese scheinbare Caprice durchsetzte . . . Die »Bestien« kannten kein größeres Glück, als die beständige Furcht vor dem brutalen Zwang der Reitpeitsche. Sie wollten nichts anderes als zitternden Gehorsam . . . Das war ihr höchstes und letztes Liebesglück, der Inbegriff ihrer Seligkeit . . . Dafür warfen sie ihre Menschenwürde in den Staub, dafür erniedrigten sie sich zu den albernsten und läppischsten Dienstleistungen, dafür warfen sie ein Vermögen hin, um die Launen ihrer »Herrin« willenlos zu befriedigen . . .

Der Konsul erzählte ein ziemlich harmloses Abenteuer mit einem jungen Mädchen, das er im Theater kennen gelernt hatte. Er hielt sie für eine Dame und wagte kaum, sie anzusprechen. Er bat um Erlaubnis, sie zu begleiten. Sie sah ihn aus großen, kohlschwarzen Augen erstaunt an und nickte dann, ohne ein Wort zu sagen. Dann hatte er mit ihr soupiert und sie schließlich durch allerlei Umschweife und Redensarten verlocken wollen, mit ihm in ein Hotel zu fahren. Das Fräulein hatte, als sie verstand, was er wollte, zornig mit dem feinen Füßchen aufgestampft und gesagt: »Zum Teufel, was denken Sie eigentlich von mir? Glauben Sie, daß ich keine anständige Wohnung habe? So sehe ich doch wahrhaftig nicht aus Meine Wohnung ist zwei Minuten von hier . . . Wollen Sie mitkommen oder nicht?«

»Und?« fragte Kamilla nun lachend.

»Nun, ich ging natürlich mit . . .  Ein äußerst fesches Mädchen . . .«

Kamilla dachte einen Augenblick nach: »Und wie ist sie sonst? Ich meine: sanft – oder versteht sie auch, euch zu dressieren? Und wie heißt sie?«

»Sanft!« rief der Konsul entsetzt. »Ich danke . . . Eine wilde Katze! Ich hatte das Unglück, in ihrem Salon ein Nippesfigürchen herunterzuwerfen; sofort flog sie wie eine Furie auf mich zu, biß und kratzte und ohrfeigte mich, bis ich ihr den Schaden überreichlich ersetzte . . . Sie heißt übrigens Lucie; sie nennt sich aber Lux.«

»Charlie«, sagte Kamilla, »du bringst das Fräulein Lux heute abend hierher. Keine Widerrede! Du willst sagen, daß du sie ja nicht zwingen kannst. O nein; aber überreden . . . Du weißt schon, wie ichs meine!«

»Ihr Wunsch ist mir Befehl, schönste Herrin«, erwiderte Herr Wolf, »und falls das Fräulein sich überhaupt durch Gold zu etwas bestimmen läßt, bringe ich sie mit.«

»Als wenn du nicht genau wüßtest, daß du dir nicht erlauben dürftest, wiederzukommen, ohne meinen Befehl ausgeführt zu haben! – Aber warte eine Minute; ich werde dir eine Einladung an Fräulein Lux mitgeben. Und noch etwas: Du wirst schon um acht Uhr mit der Dame kommen. Und zwar pünktlich! Ich will ein wenig mit ihr plaudern, ehe die Bestien anrücken.«


* * *


Um acht Uhr fuhr des Konsuls Wagen vor; ihm entstieg ein vermummtes Persönchen und ging schnell ins Haus, ohne sich um seinen Begleiter zu kümmern. Kamilla kam der Besucherin entgegen und reichte ihr freundlich die Hand: »Ich freue mich wirklich sehr, liebes Fräulein . . .«

»Lux heiße ich!« sagte das junge Mädchen, indem es eine sehr schmale, feine Hand, die mit Ringen überladen war, aus dem Spitzengewirr seiner Mantille herauswühlte, »Lux Salomon! Ich habe schon viel von Ihnen gehört; Sie wissen, eine Waschfrau ist verschwiegen im Vergleich mit den Herren der Schöpfung . . . Ich habe mich sehr gefreut, bei dieser Gelegenheit Ihre Bekanntschaft machen zu können; Ihr Sklave machte es ja erstaunlich dringlich . . .«

Der Konsul war inzwischen eingetreten. Kamilla sah dem jungen Mädchen, welches seinen schwarzen Spitzenshawl von den Haaren genommen hatte, aufmerksam ins Gesicht; wo hatte sie doch dieses reine, ernste, junge Prinzessinnengesicht schon einmal im Leben gesehen? – Und gleich darauf wußte sie; sie sah das junge Mädchen an jenem Sommertage, an dem ihr Kind verunglückt war, an sich vorübergehen, kühl, streng und edel, wie eine Heilige . . .

»Aber warum steht Das müßig und guckt uns zu?« fragte Lux mit kindlichem Lächeln gegen den Konsul hin. »Charlie!« rief Kamilla streng, »muß ich dich erst an deine Pflichten erinnern?« Charlie eilte sofort herbei, nahm dem jungen Mädchen ehrerbietig den Mantel ab und öffnete dienstfertig die Türe zu dem kleinen Empfangssalon. Er trat hinter den Damen ein und blieb an der Türe stehen.

»Was müssen Sie von mir denken, Fräulein Lux«, fragte Kamilla lächelnd, wenn gleich mein erster Sklave so schlecht erzogen scheint?«

»O«, sagte das hübsche Mädchen, »das begreife ich gut . . . die Verwirrung . . . Zwei Frauen auf einmal zu sehen, das können sie schon gar nicht ertragen . . . Es geht ihnen auf die zarten Nerven! Ich habe übrigens mein Mittel gegen die Nervosität immer bei mir; ich trage die Hundepeitsche immer am Gürtel.«

»Charlie!« rief Kamilla, »eine Fußbank für Fräulein Lux und mich!«

Der gutdressierte Sklave verstand. Ohne sich lange zu besinnen, aber mit gesenkten Lidern trat der schöne, elegante, weißhaarige Mann heran, küßte zitternd die Füße beider Damen und warf sich vor ihnen auf die Erde nieder, ihnen seinen Rücken als Fußbank darbietend . . .

Lux hob die Augen schweigend zu der Älteren auf. Jede Spur von Übermut und Frivolität war aus dem blassen Gesichtchen verschwunden. Ohne ein Wort zu sprechen, verstanden die Frauen einander: verstanden das ungeheure, schmerzhafte Entsetzen über diese tiefste Erniedrigung des Mannes, der in einem lächerlichen, unwürdigen Komödienspiel seine höchsten Wonnen sucht und findet. Sie sahen eine in der anderen Auge den Ekel darüber, sich selbst zu dieser verächtlichen Komödie hergegeben zu haben . . . Sekundenlang; dann schürzte Kamilla hohnlächelnd die Lippen und sprach, indem sie heiter umherblickte:

»Bestien sind sie . . . Sie werden heute abend bei mir ganz seltene Exemplare sehen, Fräulein Lux!« –

Später ging Kamilla in ihr Toilettengemach, um sich umzukleiden, und forderte Lux auf ihre Bitte auf, sie zu begleiten. Charlie sollte inzwischen die Gäste in Empfang nehmen; sie gab ihm noch leise einige Weisungen über den Ausputz der Gäste, und machte ihn dafür verantwortlich, daß keiner der »Teufel« ohne teuflischen Kopfschmuck den Salon betrete. Der eigentliche Festsaal war vorerst noch verschlossen und sollte erst bei Kamillas Erscheinen geöffnet werden.

Kamilla und Lux Salomon gingen schweigsam miteinander die Treppe hinauf. Sie konnten es beide noch nicht recht verwinden, daß sie in einem Augenblicke ihrer beiden Seelen Not und Einsamkeit durchschaut hatten. Lux fand sich am ehesten wieder und fing oben mit Peter zu spielen an. Sie sah so jung aus, daß Kamilla sich nicht enthalten konnte, zu fragen:

»Wie alt sind Sie eigentlich, Lux?«

»Neunzehn« sagte die Kleine. »Ich sehe aber noch jünger aus, nicht wahr? Das kommt, weil ich die Haare so kindlich trage. Schrecklich, wenn ich einmal älter werde und mir eine richtige Frisur aufbauen muß! Ich müßte es eigentlich schon jetzt; ich sehe nicht im mindesten gebieterisch aus, mit dieser wilden Mähne! Und man muß doch recht energisch tun, diesen . . . wie nennen Sie sie doch – Bestien gegenüber! Das imponiert ihnen! Und man muß ihnen imponieren, wenn man etwas von ihnen erlangen will!«

Alle diese frivolen Worte sagte sie mit sanfter Anmut; plötzlich lachte sie auf: »Wahrhaftig, zu drollig ist das alles!« Und sie schüttelte den feinen Kopf mit den halblangen, rabenschwarzen Locken, die nur zu beiden Seiten durch phantastisch-schöne Korallenkämme gehalten wurden.

»Aber schön sind Sie«, sagte sie nun, als Kamilla das schlichte Hauskleid abgelegt hatte, »wunderschön, gnädige Frau! – Ich möchte wohl dieses . . . dieses . . . wie soll ich es nennen? – Königliche Ihnen ablernen! – Und – aber bitte, seien Sie nicht böse über diese Frage? – unter welcher Flagge betreiben Sie eigentlich das Erziehungsgeschäft?«

»Unter welcher Flagge? . . .

»Nun ja«, sagte Lux Salomon, »jeder dieser Art von »freien Frauenberufen« braucht doch seine Etikette: sonst könnte sich die Polizei in wenig wünschenswerter Weise hineinmischen!«

»Daran habe ich nie gedacht . . .« sagte Frau von Kramm mit tiefem Erröten, »welches ist denn Ihre Etikette, Lux?«

»Ich?« erwiderte das Fräulein mit höhnischem Lächeln, »aber ich bin doch Manicure! Vornehmste Hand- und Schönheits-Pflege. Es stimmt: ich pflege meine schönen Hände beständig . . . Ich betreibe den Bestienfang durch Inserate. Zum Beispiel: Hundedressur! Eine energische, sportliebende Engländerin bringt Hunden die elegantesten und schwierigsten Kunststücke bei. Adressen postlagernd . . . O ja, im Ausdenken dieser Art von Blödsinn ist meine Phantasie nahezu unerschöpflich! Übrigens merkwürdig, daß die sonst so dummen Bestien dafür eine äußerst feine Witterung haben! Die Dümmsten begreifen, die Geizigsten haben dafür Geld!«

Kamilla konnte die schlimmen Worte aus dem feinen Munde, dessen frivoles Geschwätz die dunklen, ernsten Kinderaugen Lügen straften, nicht länger anhören. Es war zu traurig. Darum sagte sie: »Kommen Sie, kleine Lux, und sehen Sie sich mein Teufelinnenkostüm an. Ich hoffe, daß es Ihnen gefällt!«

Und rasch streifte sie alle Kleidungsstücke ab, um ein rotseidenes Trikot anzulegen, welches ihre wundervolle Figur fest umschloß, befestigte hinten ein zierliches Schwänzchen und zog goldene Schuhe mit außerordentlich hohen Absätzen an. Die prachtvollen brandroten Haare, die kaum von dem leuchtenden Rot des Trikots abstachen, knüpfte sie in einen üppigen Knoten und krönte das kecke Lockengebäude mit einer Jakobinermütze mit goldenen Hörnern. An den Busen, in die luftigen Spitzenblonden des tiefen Ausschnittes, steckte sie die Smaragdeidechse, Charlies Geschenk vom Morgen. Zuletzt – Lux Salomon schaute ihr in sprachloser Bewunderung zu – legte sie ihre sämtlichen Armbänder und kostbaren Ringe an und legte sogar um die schlanken Fußknöchel juwelenbesetzte Spangen. Dann stellte sie sich lächelnd, in einer überaus reizenden Pose, vor Lux hin. Es war ein seltsames, herrliches Bild von bizarrer, überladener, fast barbarischer Pracht. Ihre weißen, starken Zähne blitzten wie Perlenschnüre zwischen den halbgeöffneten, leichtgeschminkten Lippen:

»Sehen Sie, Lux, das ist es: man muß die Komödie wenigstens mit Grazie spielen . . . Wenn überhaupt, dann mit Schönheit!«

Lux Salomon stand auf, und in jähem Verstehen küßte sie die schöne Frau mit einem zarten, schwesterlichen Kusse. –

Ehe die Damen hinabgingen, drapierte sich Frau von Kramm noch mit einem großen, lichtgrauen Schleiershawl mit geknüpften Fransen, der sie fast ganz einhüllte. Dann schlug unten die Glocke an; die Türen sprangen auf, wie von selbst, und die Gäste betraten den Salon.

Es bot sich ihnen ein reizendes und überraschendes Bild. Die Wände des Salons waren mit schwefelgelbem Stoff bekleidet, der durch stilisierte, steiflinige, dekorativ gemalte Mohnblumen in regelmäßige Felder eingeteilt war. Darin tanzten, sprangen und tollten allerlei feuerrote Teufel und Teufelinnen und reitende Hexen in anmutigen und wollüstigen Posen; dazwischen krochen und ringelten Eidechsen, Schlangen, Salamander, Kröten und anderes Getier. Inmitten des Salons war die Tafel in Gestalt eines riesenhaften Quadrates gedeckt. Das Mittelfeld der Tafel war stufenartig erhöht und mit schwefelgelbem Sammet bekleidet; man konnte vorläufig noch nicht erkennen, zu welchem Zwecke. Eine graziöse Draperie aus leichter Seide, mit roten und gelben Blumen gerafft, mit denen übrigens auch die ganze Tafel bestreut war, bildete das Tischtuch. Die Tischkarten waren von Kamillas geschickter Hand mit bösen Geistern bemalt, die arme Seelen mit feurigen Zangen und Peitschen marterten.

Die »Teufel« mußten an Kamilla und Lux Salomon, die auf hohen Sesseln Platz genommen hatten, vorbeidefilieren und beide Damen mit dem in diesem Hause üblichen Fußkusse begrüßen. Fast jeder der Gäste hatte irgend ein Präsent mitgebracht, welches er zu Füßen der Hausherrin niederlegte. Kamilla sprach und scherzte mit jedem einzelnen und stellte ihn der neugewonnenen Freundin vor:

»Dies hier, Lux, ist Mednikoff, mein Steppenwolf . . . diese hebräische Bestie ist Mendel . . . ach, Sie kennen ihn? O Mendel, Mendel, wo hättest du noch keine galanten Abenteuer gehabt? ach, brav, Mendel! Du bist praktisch! ein Check ist ein sehr gescheites Präsent . . . Dies ist Faucheron . . . siehst du, Faucheron, ich halte doch Wort! . . . Dies . . . nein, Prinz Gero ist wahrhaftig keine Bestie; nicht wahr, mein Prinzchen? Du bist so harmlos . . . Schäfchen, aber nicht Bestie! Herrgott, was bringst du mir da, Prinz Gero? Gedichte von Liliencron? Ich bin sprachlos . . . Du bist also doch nicht hoffnungslos naiv . . . Schönen Dank, Prinzchen!« Und sie nickte dem jungen Manne mit herzlicher Freundlichkeit, die nichts von ihrer gewöhnlichen lächelnden Ironie hatte, dankbar und aufmunternd zu. Der verliebte kleine Prinz, der in einem wahren Taumel war, errötete vor Entzücken. Einer nach dem andern huldigte kniefällig der schönen, kapriziösen »Herrin«, die einst eine der Ihren gewesen war und heute eine tolle, lasterhafte Dirne war . . . Lux Salomon wollte sich totlachen über die eleganten Männer im Frack, die auf dem Kopfe eine rote Teufelsmütze mit Hörnern und langen Eselsohren trugen. Kein einziger der Geladenen war ausgehlieben . . .

Dann begann unter Lachen und Scherzen das Mahl. Kamilla präsidierte auf einer Seite der Tafel, Lux Salomon saß ihr gegenüber. Lux sah sehr hübsch aus mit ihrem schlichtgearbeiteten, weißen Seidenkleide und erinnerte mit ihrem feinen Gesichte eher an eine Lichtgestalt des Himmels, als an eine Teufelin. Kamilla aber, die noch immer in ihren großen, silbergrauen Schleier gehüllt war und alle Versuche der Teufel, ihr eigentliches Kostüm zu ergründen, energisch zurückwies, war wie toll. Von einem verdeckten Podium aus erklang die Tafelmusik; in den Pausen zwischen den Musikstücken entfesselte Kamilla mit ihren fröhlichen, frechen Reden und Scherzen alle Geister wilder Laune. Das Quartett spielte nun den Radetzkymarsch. Kamilla saß mit einem Satze auf der Lehne ihres Stuhles, sang einen frechpikanten Text zu der Musik und trommelte mit den hohen Hacken auf dem Tische den Takt. Das Mahl war gerade beim Dessert angelangt. Da sprang Kamilla blitzschnell auf den Tisch, auf das erhöhte Mittelfeld, warf den Schleier ab, ergriff eine zwei Meter lange, feuerrote Peitsche, die einer der Lohndiener ihr reichte und hob die Peitsche mit beiden Händen, an denen die Armbänder klirrten, horizontal in die Höhe, daß alle Muskeln und alle Gelenke ihres reifen, herrlichen Leibes sich lüstern spannten und dehnten. Langsam ließ sie die Arme wieder sinken und stieß einen gellenden Pfiff aus. In diesem Augenblicke flammten rings um die sammetbezogene Stufe blaue, rote und gelbe langgestreckte elektrische Lichtkörper auf, und die Musik begann eine aufreizende, fremdartige Tanzmelodie. Und Kamilla tanzte. Langsam erst; die Hände in die Hüften gestützt, schritt sie einigemale hin und her, wie eine Courtisane, die alle ihre Reize entfaltet, um einen reichen Freund zu entzücken. Aber mehr und mehr Leidenschaft kam in ihre Bewegungen; ihre brennendroten Lippen öffneten sich ein wenig zu einem höhnischen grausamen Lächeln des Triumphes; die Musik spielte schneller; die Tanzende hob beide Arme. Und immer schneller wurde die Musik und immer rasender die Bewegungen des Weibes; es löste sich ihr brandrotes Haar und rollte über die nackten Schultern, die Spitzen des Trikots, über den Rücken bis zu den Hüften nieder, wehte und flatterte um ihre nackten Arme. Blaß, atemlos, mit zusammengebissenen Zähnen saßen die Männer, deren abgestumpfte Nerven nur noch auf die stärksten Reize der Sinne reagierten, da und zitterten wie im Frost, indessen die trunkene Bajadere im roten Trikot sich mit schwindelnder Schnelle drehte. In einem rasenden Wirbel endete die Musik; mit dem letzten Tone stand Kamilla still; starr wie eine Statue.

Kein Laut zu hören; die elektrischen Lampen flimmerten durch die schwüle Atmosphäre; die Luft bebte und zitterte vom Duft des Weines, der starkduftenden Blumen, der schwülen Parfüms und des wilden, erhitzten Weibes . . . Und alle Glut und alles Begehren und die wahnsinnige perverse Leidenschaft, die in allen diesen Menschen zitterte und nach Befriedigung fieberte, verdichtete sich plötzlich in einen tollen, gellenden Schrei von den Lippen Kamillas: da war der Bann von ihr genommen; mit einer gedankenschnellen Bewegung beugte sie sich nieder, hob die lange Peitsche auf und hieb wie toll die Reihen der trunkenen Männer entlang . . .

Und es kam der Taumel der Orgie . . .


XII.

So ungleich sie auch waren, so hatten Kamilla und Lux sich doch in Freundschaft gefunden. Sie sprachen über alles, was ihr gegenwärtiges Leben bewegte; die Vergangenheit berührten sie nie. Die sollte still liegen, wie in einem Grabe, und sie mühten sich, durch Verschweigen Stein auf Stein darüber zu türmen. Kamilla wußte nicht, daß der Jammer nicht zu Tode geschwiegen werden kann, und daß er dumpf und fressend wird, wenn man ihn verschütten will.

Sie brauchte in jener Zeit Ablenkung und Zerstreuung, wie noch nie in ihrem Leben. Sie besuchte mit dem jungen Mädchen Theater und Konzerte, und es war ihr eine merkwürdige Wollust, halb erhebend und halb in den Staub demütigend, wenn viele Augen sich mit neugieriger Aufmerksamkeit nach der Loge richteten, in der die beiden bekannten und berüchtigten Cocotten förmlich Hof hielten. Als es dann wieder Frühling wurde, verbrachten sie in Gemeinschaft der Kinder manche traute Stunde im Freien. Lux war der Kindheit noch nahe, so nahe, daß sie imstande war, mit den Kindern ganz fröhlich, unbefangen, rein und kindlich zu werden. Es mußte ein merkwürdiges Schicksal gewesen sein, welches diesen Charakter so gebildet hatte, wie er der Welt gegenüber erschien; stolz, hochmütig und streng und dabei von einer unbeschreiblich naiven, selbstverständlichen Verdorbenheit. Meist war Lux vollkommen glücklich, wenn das »Erziehungsgeschäft«, wie sie es nannte, ihr reichlichen Verdienst einbrachte und wenn es ihr gelang, die Aufmerksamkeit der Behörden, die schon einigemale durch die Denunziation neidischer Rivalinnen erregt worden war, zu täuschen und von sich abzulenken.

An einem Frühlingsmorgen, an dem die ganze Luft bebte von dem freudigen Sonnenlicht und dem Duft zahlloser Blumen, gingen sie, hier und da Einkäufe machend, in der Stadt spazieren. Ihnen entgegen kam langsamen Schrittes ein Herr im hellen Frühlingsanzuge, dessen Gesicht und Hände ein wenig braungebrannt waren. Lux Salomon warf den schmalen Kopf mit den schwarzen Locken noch tiefer in den Nacken. Kamilla Kramm aber fühlte etwas Eisiges an ihrem Herzen: es war Leopold Buchwald. Er sah rasch von der einen der Damen zur andern, indessen er ihnen nahe kam; er versuchte Kamillas Augen zu begegnen; die aber waren starr gesenkt. Im Augenblicke, als er hart neben ihnen vorbeiging, zog er tief den Hut. Kamilla fühlte seinen Gruß mehr, als sie ihn sah, und dankte erbleichend. Zehn Schritte weiter flüsterte Lux: »Ah! wie feige sie sind, wie erbärmlich . . . Ihre Arme tun sie auf und flehen, daß wir darin ruhen mögen; am Morgen möchten sie uns den Gruß verweigern . . .

». . . Er grüßte dich?« fragte Kamilla, wie aus einem tiefen Traume erwachend.

»Mich? Natürlich! Lange genug hat er sich besonnen . . . Aber wie hast du dich erschreckt, Kamilla! Kennst du ihn?«

». . . und er hat die . . . ja, hol's der Teufel, die Sklavenkomödie gespielt, wie alle anderen?« fragte Kamilla, ohne Lucies Frage zu beachten.

»Nein . . .« sagte Lux mit leisem Erröten. »Er küßte mich zart und begehrlich, wie man wohl die jungen Mädchen küßt . . . Und dann . . . hernach . . . da erzählte er von seinen jahrelangen Reisen, und daß er heimgekehrt sei, um hier vielleicht ein Glück wiederzufinden, welches er einmal verkannt hat . . . Bis heute morgen hat er mich geküßt; und ich weiß nicht einmal seinen Namen . . . Weißt du ihn denn? Du schienst ihn ja auch zu kennen . . . Ja, was ist dir denn, Kamilla?«

»Aber garnichts, Liebe«, sagte Kamilla und versuchte ein schwaches Lächeln, »ein Schwindelanfall . . . die Frühlingsluft . . . du begreifst . . . Den Herrn kenne ich übrigens nicht!« –

Lux Salomon begriff. Sie, die einst, noch ein halbes Kind, unter die Räder des grausigen Todeswagens »Prostitution« gekommen war, fühlte bis in die tiefste Seele erschauernd das schwarze Fittichrauschen eines Lebensschicksals, welches in Reinheit und Helligkeit begonnen hatte und dessen Ende noch nicht abzusehen war. Sie sagte nichts und fragte nicht und verabschiedete sich so bald als möglich von der Freundin.

Am neuen Morgen faltete Kamilla nach einer schlummerlösen Nacht die Zeitung auseinander, wohl, um sich zu zerstreuen. Gedankenlos ging ihr Blick die bedruckten Spalten durch und blieb plötzlich ungläubig an einer fettgedruckten Anzeige haften . . . Da stand, daß er sie suchte, daß er um ein Lebenszeichen bitte . . . Höhnisch auflachend warf sie das Blatt in die Ecke und griff nach einer neuen Zeitung; auch hier dieselben korrekten Worte, zwischen deren Buchstaben seine Sehnsucht nach ihr rief . . . Kamilla betastete sich und sagte laut irgendwelche sinnlose, unzusammenhängende Worte, um ihre Stimme zu hören; sie wollte recht gern wissen, ob es Traum oder Wirklichkeit sei. Sie war noch bei der Toilette, als Halfdan Steen sich melden ließ. Richtig, sie hatte ihm selber vor einigen Tagen den Befehl gegeben, an diesem Tage um diese Stunde bei ihr zu erscheinen. Er hatte sich nicht um eine Minute verfrüht oder verspätet. Sie ging zu ihm herein, sie marterte ihn zwei Stunden lang mit teuflischem Raffinement, sie heulte wie ein Raubtier, als sie sein Blut fließen sah . . .

Dann der lange Nachmittag. Angela war mit Mademoiselle in der Stadt zur Klavierstunde; Christa, die immer sehr ruhig war, spielte nicht weit von der Mutter auf dem Teppich kauernd stundenlang mit einem Bilderbuche und einer Puppe, ohne sich durch Fragen und Anrufe länger als auf Minuten in ihrem Spiele stören zu lassen. Wenn Christa in dieser phlegmatischen Stimmung war, war sie vollkommen hoffnungslos. Was also? Man konnte vielleicht lesen . . .

Sie stand auf, trat an den Bücherschrank und blickte gleichgültig die Reihen der Bücher entlang, die dort in schönen Einbänden standen. Es waren da mindestens fünfzig Bücher, die alle von Grausamkeit und Liebe handelten. Angeekelt wendete Kamilla sich ab; da traf ihr Auge auf das Bändchen Gedichte, welches ihr damals, auf dem Feste in der Hölle, Prinz Gero überreicht hatte. Kamilla dachte mit einer weichen Empfindung an des jungen Mannes guten und liebevollen Blick, und es wurde ihr ein wenig warm ums Herz . . . Selten hatte sie ein Leuchten echter Sympathie in den Augen ihrer Sklaven, ihrer Bestien gesehen! – Sie nahm das Buch aus der Reihe, ging damit auf den Balkon und fing an, darin zu lesen. Es waren Gedichte von Liliencron. Tief aufatmend versank Kamilla in diese reine Dichtungswelt voll Kraft und Keuschheit. Dann legte sie das Buch offen auf ihren Schoß und blickte über die grünen Baumkronen weg in blaue, reine Fernen . . . Und zum zweitenmal las sie dies Gedicht:

Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt,
ich war an manch vergessenem Grab gewesen.
Verwittert Stein und Kreuz, die Kränze alt,
die Namen überwachsen, kaum zu lesen.

Der Tag ging sturmbewegt und regenschwer,
Auf allen Gräbern fror das Wort: Gewesen.
Wie sturmestot die Särge schlummerten
Auf allen Gräbern taute still: Genesen.


Es war eigentlich nicht der mindeste Zusammenhang zwischen dem Gedichte und dem, was sie nun tat: hastig, als könnte es ihr selbst wieder leid werden, schrieb sie wenige Zeilen an Leopold von Buchwald, der den ersehnten Brief durch die Vermittelung einer Zeitungsexpedition in Empfang nehmen wollte; am anderen Tage möge er sich zu einer Stunde, die sie angab, an einem bestimmten Orte einfinden; sie würde ihn erwarten. – Keinen Namen darunter, keine Adresse dabei. Vielleicht würde er den Brief später abholen, als das Weib die Zusammenkunft bestimmt hatte. Dann hatte er es sich selber zuzuschreiben. –

Am anderen Tage aber war er doch da. Kamilla hatte ihr bescheidenstes Frühlingskleid angelegt und ihr Haar in einen schlichten Knoten geschlungen. Die Freude ließ ihr Gesicht mild und jung erscheinen. Es war so wunderbar einfach und herrlich, wie sie sich wiederfanden: sie reichten einander nur die Hände, und es bedurfte keiner weiteren Begrüßung mehr. Sie sprachen fast garnichts, nur liebe und scheue Worte, die sanft waren, wie Hände des Liebenden, wenn sie zaghaft und schämig, ganz, ganz heimlich in den letzten Wochen vor der Hochzeit den Busen der Geliebten suchen . . . Sie hätten beide hernach kaum mehr zu sagen gewußt, was sie miteinander geredet hatten; nur Tag und Stunde eines Wiedersehens war ihnen im Gedächtnis geblieben. Als sie freilich auseinandergegangen waren, fingen die Zweifel und die Qualen bei ihm von neuem an: O Gott, wie war es möglich, daß er sie in der vertrauten Gesellschaft einer Lux Salomon getroffen hatte? Warum hatte sie das feine, goldne Blond ihrer Haare mit wildem Rot verdeckt? . . . Sie aber ging heim, wie eine Träumende, und ihr Traum war selig . . .


* * *


Sie wurde sich in den nächsten Wochen gar nicht darüber klar, was sie tat und warum sie es tat, als sie ihm alles, alles verheimlichte. Seltsamerweise fragte er auch nicht. Er zitterte vor irgend einem Geheimnisse, welches er aber nicht zu ergründen vermochte. Er wollte sie in diesen sonnigen Maientagen wiederfinden; dann mochten alle Schatten erleuchtet werden, dann mochte ein Leid oder eine Schuld, welche vielleicht zwischen ihnen stehen mochte, ausgesprochen, vergeben und vergessen werden.

Das Weib spielte ein seltsames Doppelspiel. Sie dachte, es wäre doch möglich, alle Bande, die sie hier hielten, alle die Bande, die sie in Schande und Niedrigkeit gefesselt hielten, zu lösen und mit dem, den sie nie vergessen hatte und mit den blonden Kindern in die Fremde zu ziehen . . . Wäre es nicht möglich? Wunderbar genug, daß er zurück zu ihr den Weg gefunden hatte; warum sollte das andere Glück nicht Wahrheit werden?

Langsam, Tag für Tag, löste sie die Beziehungen zu dem einen und dem anderen ihrer Freunde. Mochten sie zu Lux Salomon gehen! Lux war jung und habgierig und doch, so oder so, rettungslos dem Laster verfallen; sie aber, warum sollte sie nicht aus dem Schlamme wieder reines, festes Uferland gewinnen?

Dann kam der Maientag, an dem er ihr sanft und leise dieses sagte:

»Daß du wieder an meiner Seite gehst, Kamilla Kramm, das ist ein Glück und eine Sonntagsfreude, wie ich sie nimmermehr zu hoffen wagte in diesem Leben. Du hast mir gesagt, daß du von den Banden deiner Ehe los und ledig seiest. Geliebte Frau, ich bin in den Jahren, die uns trennten, nicht müßig gewesen! Auch ich habe Kara Engel aufgefunden; auch meine Ehe ist vor Gott und dem Gesetz geschieden; auch ich bin ein freier Mann! Nun frage ich dich: magst du noch mein Weib werden? – Du hast schwere Jahre durchgemacht, geliebte Frau; aber nun bin ich ja wieder da! Laß du mich nur in Zukunft sorgen, daß dich kein Leid mehr trifft: mein Herz ist noch stark und heiter, wie du es damals an mir geliebt hast!«

Ihr war es, als ob ein rasender Wirbelsturm sie durch den leeren Raum triebe, und als ob die Welt Tausende von Meilen unter ihren Füßen versunken sei, und nur die guten und reuevollen Worte des Mannes drangen an ihr Ohr; die aber klangen und dröhnten, wie die Posaunen des jüngsten Gerichtes.

Der Mann sagte wieder: »Ich dränge dich nicht, Kamilla, mir jetzt, in dieser Stunde, Antwort zu geben. Ich meine, daß es irgend etwas gibt, was nach deiner Meinung dich von mir trennen könnte . . . Aber laß deine Zweifel, du liebes Weib. In deiner vornehmen, reinen Denkweise wird eine leicht verzeihliche Sünde, die du vielleicht einmal aus Not, um deiner Kinder willen begangen hast, zum großen Verbrechen . . . Du hast mir sogar deine Wohnung bis heute nicht genannt, Kamilla, und doch habe ich grenzenloses Vertrauen zu dir, die ich mehr als alle anderen Frauen stolz und gut befand . . . Darf ich morgen kommen und mir deine Antwort holen?«

Da sagte sie tonlos und schmerzerfüllt: »Komme, Leopold . . .«


* * *


Des Vormittags stieg er auf der Station Grunewald aus, freudiger Hoffnung voll, mit einem unsäglich leichten Herzen, als plötzlich jemand ihm entgegenkam, ihn herzlich begrüßte und ihm, fröhlicherstaunt, den Reisefreund aus fremdem Lande hier zu treffen, die Hand schüttelte; es war La Vallette. »O, Sie Schwerenöter!« lachte La Vallette nach den ersten Begrüßungsworten, »Sie sehen ja verklärt aus, als ob Sie auf die Brautschau gingen . . . Am Ende gar auf Entdeckungsfahrt nach galanten Abenteuern?« »Nein . . .«, sagte Buchwald ein wenig ärgerlich über die unverhoffte Störung, »kann nur denken, daß Sie, La Vallette, solche gesucht haben? Sonst würden Sie es von mir nicht vermuten!« »Gewiß!« lächelte der Franzose, »ich muß aber zu meiner Betrübnis bekennen, daß ich heute bei meiner Göttin abgefallen bin; die schöne Kamilla ist für niemand zu sprechen . . .« »Kamilla?« fragte Buchwald in furchtbarem Entsetzen, »was für eine Kamilla?« »Natürlich die schöne Frau von Kramm!« entgegnete La Vallette. »Ach, merkwürdigerweise gilt Ihre Fahrt hierher doch auch der schönen Kamilla? Falls Sie aber da nicht erwartet werden, rate ich Ihnen, lieber mit mir zu kommen; sie hat ihre Launen, in denen sie keinen Menschen vorläßt, am allerwenigsten aber Fremde; und Sie sind ihr doch noch fremd, nicht wahr? Hatte wenigstens noch nicht das Vergnügen, Sie in dem gastlichen Hause –« er lachte frivol – »zu treffen . . . Brauchen übrigens nicht die Stirne zu runzeln, Herr von Buchwald! Weiß der Teufel, man befindet sich mitunter in sehr guter Gesellschaft bei der tollen Kamilla; und pompös ist sie, das muß man sagen, o ja, sie ist vorzüglich! . . .«


* * *


Leopold von Buchwald kam eine Stunde später, als das Weib ihn erwartet hatte. Sie sah, daß alles Leugnen und alle Hoffnung jetzt vergeblich wäre, an seiner gebrochenen Gestalt, als er durch den Garten schritt; er wußte . . . Sie öffnete ihm das Haus, schweigend trat er ein, schweigend ging sie nach ihm in das Zimmer. Er stand und umfaßte den ganzen Raum mit unsäglich schmerzlichen Blicken; sie aber sank vor ihm nieder, umfaßte seine Kniee und wußte nichts sonst zu sagen. Er hob sie auf; sie nahm seine Hände, zwang ihn mit sanfter Gewalt auf einen Sessel nieder und brach neben ihm in die Kniee.

»Kamilla!« sagte er und rang wie ein Ertrinkender nach Luft, »du mußt dich fassen, du mußt dich fassen . . . Mache uns diese Stunde nicht schwerer, als sie ist . . .«

In ihrem ungeheuren Jammer sagte sie:

»Aber es ist nun klar zwischen uns; ich brauche dir nicht mehr mit einer Lüge ins Gesicht zu sehen . . . Leopold! Ich habe dich immer und immer geliebt; meine erste Sehnsucht galt dir, und meine letzte Liebe und Sehnsucht wirst du in diesem Leben sein . . . Diese Augen aber, die anderen gelächelt haben, müssen dunkel werden, denn sie können dich nicht mehr grüßen, und diese Lippen dürfen dich nicht mehr küssen. . . . Aber ich werde dich lieben, ich werde dich lieben, so lange mein Herzschlag geht. Und doch möchte ich dich nicht wiedersehen. In einer andern Welt kann es nicht geschehen. Sollte ich ins ewige Leben gehen, wie damals, als wir uns liebten, so jung und rein? Damals trug meine Seele ein Purpurkleid; das habe ich durch den Staub der Straße geschleift.«

O, Weib!« sprach er, »und doch ist noch nicht alles verloren; laß mich nur zum Bewußtsein kommen; ich werde morgen wiederkommen, dann werde ich einen Ausweg gefunden haben . . . Küsse mich, Kamilla!«

Und er zog das Weib, das ihm schluchzend zu Füßen lag, zu sich empor und küßte sie auf beide Augen und endlos lange auf den Mund. –

Dann ging er.


* * *


Sein Kuß brannte auf ihren Augen, daß sie in ein Meer von Licht und Sonne blickten, sein Kuß flammte auf ihren Lippen wie ein heiliges Siegel. Noch hörte sie seiner festen Schritte Klang, noch hörte sie seine starken, stolzen Worte: »Ich werde wiederkommen . . . Wie groß und wie frei sein Denken war, sie wollte sich nicht beschämen lassen!

Nachmittags machte sie in der Stadt einen Einkauf; die Tochter des Mannes, der weit und breit der beste Schütze gewesen war, wählte ruhig, lange und bedachtsam. Gemeinsam mit den Kindern speiste sie dann zu Abend; Mademoiselle war unpäßlich. Nach dem Mahle durften die Kleinen der Mama in ihren Salon folgen, den sie nur selten betreten durften. Müde vom Umhertollen des ganzen Tages, schliefen sie aber bald auf dem Teppich, eng aneinander geschmiegt, ein. Kamilla hatte sich ruhend auf den Diwan zurückgelehnt. Mechanisch griff sie nach dem Büchlein, welches noch nicht in den Schrank zurückgestellt worden war. Sie schnitt eine Locke ihres Haares ab, legte es als Zeichen in das Buch, wo die Worte standen, daß Genesung auf die Gräber taut . . . Mit fester Hand schrieb sie Leopolds Namen und Adresse vorn in das Buch.

Dann stand sie leise auf.

Noch einmal wurde sie in ihrem Entschlusse wankend, als sie die süßen, unschuldigen Gesichter betrachtete, die von der lieblichen Röte des Schlafes angehaucht waren, wie Apfelblüten . . . O Gott, es war doch schwerer, als man ahnte . . . Aber die Zukunft? . . .

Sie atmete schwer: dann zweimal hintereinander ein leichtes Aufblitzen, ein dumpfer, kurzer Knall – die blonden Köpfchen sanken erbleichend zurück . . . Die Mutter küßte die toten Kinder leise auf die reinen Stirnen; zur Seite, an den Schläfen, rieselte ein feines, rotes Bächlein hervor. . . .

Dann noch ein guter Schuß. . . .

Er war nicht gut genug gewesen; eine halbe Stunde noch rang das Weib mit seiner Todesnot. Dann umschleierten sich ihre Sinne; Musik erklang mit Rauschen. . . .

So starb Kamilla Kramm.