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Dolorosa – Da sang die Fraue Troubadour.

Gedichte

Dolorosa, Da sang die Fraue Troubadour, Leipziger Verlag G.m.b.H., Leipzig, 1905


»Gedanken, gut für diejenigen, die ihres edlen Sinnes wegen vor jeder sittlichen Gefahr geschützt sind, können für jene bedenklich werden, die durch Niedrigkeit der Gesinnung befleckt sind.« Renan.



Dolorosa

ihrem Vielgeliebten,

Herrn

Edelfried



Vorspiel

Zu lange war sie festgebannt
Am Rocken und am Herde
Und kannte nicht des Lebens Wert
Und Not und Lust der Erde,

Dann machte sie sich selber frei
Und lernte den Rausch der Sinne:
Da ward die Frau zum Troubadour
Und sang von der Minne.
– – – – – – – – – –

Ich war so jung und war so wild
An Sehnsucht und Gedanken,
Da flog ich und da stürmte ich
Über alle Schranken;

Da wußte meine Phantasie
Nicht Maß, noch Ziel, noch Grenzen;
Giftblumen brach ich ahnungslos
Und wand sie zu Hochzeitskränzen;

Da wagte ich mit kühnem Mund
Mein Liederbuch zu dichten –
Und die Philister fluchten laut
Und wollten es vernichten.

Dann ward ich auf des Lebens Spur
Viel andrer Schönheit inne:
Da sang die Fraue Troubadour
Ein neues Lied der Minne.




Die Lieder an Herrn Edelfried

Lied von Genesung

Da sang die Fraue Troubadour:
O Gott, mein Liebster ist so schön!
Er ist so stark wie die Natur,
So reich und fröhlich anzusehn, –
Mein Liebster ist so schön!

Mein Freund ist wie der morgen frisch!
Seine Augen funkeln blau wie Stahl,
Sein Mund lacht so verführerisch,
Seine Schenkel sind so stark und schmal,
Mein Liebster ist so schön!

Da sarg' ich die perverse Qual
Vergangner Tage lächelnd ein
Und will bei ihm zum erstemal
Ganz schlicht verliebt und glücklich sein –
Mein Liebster ist so schön!


Jardin des Délices

Einst zog durch meine Träume ein Gesang,
Der fremd und wild und sterbenstraurig klang:
»Le Jardin des Supplices . . .«

Durch deiner Liebe strahlende Wundermacht
Singt meine Seele nun bei Tag und Nacht
Ein Lied vom Paradies,

Von edlen Pfaden und von goldnen Türen,
Die mich zu lichten Schönheitswundern führen
Im »Jardin des Délices . . .«


Siesta

Sprich nicht; und halte mich nur fest
Im Arm und an dein Herz gepreßt.

Deine Augen ein blaues Meer von Licht
Im perlenweißen Angesicht.

Deine Lippen zwei rote, duftende Nelken,
Die purpurn blühen und niemals welken.

– Ich biege wollüstig mein Haupt zurück;
Tränen funkeln vor meinem Blick;

Meine Lippen flammen in offnem Verlangen,
Deine tiefsten Küsse zu empfangen . . .

Lächelnd vorüber fliegt die Zeit
An unsrer schauernden Seligkeit.



Er, Käthe und ich

»Bringe sie mir, Herr Edelfried!
Ich will sie sehen und kennen,
Und wenn sie dich liebt, Herr Edelfried,
Will ich sie Schwester nennen.

Ihre scheue, zagende Sehnsucht soll
Frei die Schwingen breiten;
Ich will sie neidlos und freudenvoll
Ins Land der Liebe geleiten . . .«

* * *

Und als sie am Abend zu mir kam,
Erwachte die Sehnsucht wundersam,
Die bebend und wartend in Knospen steht,
Als wenn der April durch den Garten geht.

Rote Locken umkrausten dicht
Ihr blasses, neugieriges Kindergesicht,
Ihre Augen brannten, von Tränen heiß,
Ihr lüsternes Mündchen zitterte leis.

Aber sie lachte trotzig hell:
»Ich finde entzückend originell
Eine heimliche, zärtliche Nacht zu Drei –
Auch ist garkeine Gefahr dabei!«

. . . Und über ihr Lachen siegerhaft
Triumphierte der Schrei seiner Leidenschaft,
Wie der Sturm, der über die Erde fliegt
Und den Rotdorn bricht und die Tannen biegt.

Sein Blick war wie blauer Blitze Geleucht
Und sein Mund war rot und sein Mund war feucht, –
»». . . und ist sie zu feige, so küsse mich du,
Dolorosa! – – – – – – – – – – –««

– Ich gäbe das Heil meiner Seele her
Um jener Stunde Wiederkehr.
Der heiligen Wollust Lebensduft
Lag toll und berauschend in der Luft.

Das Mädchen heulte vor Gier und Haß,
Ihre Lippen waren wie Schnee so blaß,
Sie hat uns zwei in den Tod verflucht
In der Höllenqual ihrer Eifersucht.

Und dann, – dann flehte sie auf den Knien:
»Ach nimm mich, nimm mich, nimm mich hin – –!«
– Herr Edelfried lächelte sonnenhell:
»»Käthchen – nein! das wäre nicht originell!««

Liebesmatt

Zu sagen aber weiß ich nichts und nichts,
Da diese Stunde nichts als Schönheit trägt.
Ich träume nur, von süßem Schmerz bewegt,
Im Glanze deines schönen Angesichts.

Aus meinen Lippen perlt und quillt das Blut.
Sie zittern so und glühn von deinen Küssen,
Da deine Zähne mir in Liebeswut
Mit scharfem Biß die Lippen blutig rissen. – –

– Zwei Sterne unter rötlichblonden Brauen,
Sonst seh ich nichts. Erfüllt ist all mein Sehnen.
Mein Blut rauscht strömend auf in Lust und Grauen.
Es zuckt mein Schoß. – Ich kämpfe mit den Tränen . . .


Que faistu de ma vie?

Nun sieh, das hat mich doch gefreut,
Daß du so in mein Leben kamst
Und viel verworrnes, junges Leid
Von meiner armen Seele nahmst.
Es klang ein stolzer Lustakkord
Durch meine Lebensmelodie,
Die traurige, mit deinem Wort:
»Que faistu de ma vie?«

Ich schloß dein Leben fest und traut
An meines an, in meines ein.
Mein Herz ist liebevoll und dein;
Ich hab dir drin ein Heim gebaut.
Zu tausend Wonnen lud dich dort
Ein Märchenbett voll Poesie
Als füge Antwort auf dein Wort:
»Que faistu de ma vie?«

Ich war so einsam und so arm;
Nun ruht mein Haupt an deiner Brust
In tiefster Lust und sanft und warm.
Nie hab ich soviel Glück gewußt.
Die Liebe hat mein Herz verbrannt;
Ach, hütest du und hältst du sie? –
Mein Leben liegt in deiner Hand;
»Que faistu de ma vie?« – –

Ein Lied von den Rosen

Ich werde seine letzte Liebe sein.
Sein Herz ward einmal noch in Freuden wach,
Dann wird es still und schläft auf immer ein
In seiner Gattin sanftem Schlafgemach.
Nur manchmal halb im Traume fühlt er noch
Den frühwerwelkten Kranz der Lust im Haar,
Nur manchmal liegt er wach und träumt er doch,
Wie hold der Kranz in unserm Frühling war.

Ein Strauch voll roter Rosen war einst mein,
Ich brach sie ab und wand sie ihm zum Kranz.
Und jede Blüte trug so edlen Schein
Und tat sich auf für ihn in Duft und Glanz.

Die eine war der süßen Demut voll,
Die küßte seine Knie' in zartem Bangen,
Die andre warf sich wild und liebestoll
An seine Brust in brünstigem Verlangen,
Die dritte Rose hat in ihm entfacht
Die Wollust am Entblättern und Zerstören,
Die vierte hat ihn sieghaft angelacht,
Beglückt und stolz, Ihm eigen zu gehören.
Die fünfte küßte ihn verliebt und lüstern
Beim Mittagslicht mit reifer Sinnlichkeit;
Die sechste gab sich ihm mit scheuem Flüstern
Voll süßer Scham in tiefster Dunkelheit . . .
Ein Herz voll Liebesrosen war einst mein,
Wie es in keinem Garten schönre gibt,
Und jede blühte nur für dich allein,
Herr Edelfried, und hat nur dich geliebt . . .


Herr Edelfried und Fräulein Troubadour

Er aber lebt, was sie ihm singt.
Sie weiß, daß ihn das Wort bewegt
Und ihn befreit und ihn bezwingt,
Das ihre Liebesbotschaft trägt.
Sie schreibt an ihn in bangen Nächten,
Doch nicht: »Herrn E., Berlin W. 10« –
Sie liebt es, Vers an Vers zu flechten
Und fühlt: Er wird es wohl verstehn. –

– Und wie sich seine Wimpern feuchten,
Stützt er die Stirne in die Hand; . . .
Aus seinen Augen sprüht ein Leuchten,
In seinem Herzen wächst ein Brand,
Der Alltag sinkt zu seinen Füßen,
Da ihre Sehnsucht zu ihm spricht;
Mit blassen Lippen, schmerzlichsüßen,
So grüßt und küßt ihn ihr Gedicht. –

Sie schreibt und weint: »Herr Edelfried!
Da all mein Glück in Ewigkeit
Um deinetwillen von mir schied,
So geb' es dir ein hold Geleit – – –!«
Aus ihren Worten schluchzt und klingt
Die Sehnsucht heiß und bitterlich –
Er aber lebt, was sie ihm singt
Und träumt: »Mein Kind, ich liebe dich . . .«

Ein andrer Bild

Tage und Rächte voll Weinen,
Stunde um Stunde flieht –
O, ich liebe wie Keinen
Herrn Edelfried.

Aber die flammende Jugendkraft
Läßt sich nicht fesseln reulos;
Aber die schluchzende Leidenschaft
Ist jung und geil und treulos.

Rosen zittern am Rosenstrauch;
Pflückt sie der Gärtner nicht,
Läßt sich die Rose dem Fremdling auch,
Der sie nimmt und bricht.


Verliebt

Ich stand, den Liebesbrand im Blut,
Des Nachts vor seinem Haus, und sann.
Und nach des Tages starrer Glut
Brach jäh ein schwarzes Wetter an.

Das Wolkenzelt durchflammten wild
Die weißen, blaugezackten Blitze.
Kühl ward die Luft; nur ungestillt
Blieb meines Blutes rote Hitze.

Der Regen rauschte durchs Geäst
In kalten, schweren Fluten nieder –
Im bloßen Haupt und ganz durchnäht
Stand ich und träumte Minnelieder . . .



In alle Ewigkeit

Und wenn des Nachts im Mondenschein
Die Menschen still entschlafen,
So schläft mein Herze doch nicht ein
Und möchte zärtlich bei dir sein.

Mein bräutlichheißes Sehnen denkt
An deines Lagers Pfühle,
Das Linnen, das dich kühl umfängt,
Die seidnen Decken, duftbesprengt,

Die straffe Pracht der Glieder dort
Gelöst vom tiefen Schlummer –
O, meine Sehnsucht reißt mich fort
Und schwört ein ernstes, stolzes Wort:

Dir leb' ich,
Dir sterb' ich,
Dein bin ich,
In alle Ewigkeit . . . .



Five o'clock

Eine moderne Ballade

I.

Frau Edelfried sprach lächelnd: »Da kommt mir in den Sinn,
Unter meinen Gästen weilt eine Dichterin!
Fräulein Dolorosa, Sie bringen doch, nicht wahr,
Recht wie ein Minnefänger ein Liebeslied uns dar.
Wie gern wir Ihnen lauschen, Sie fühlens sicherlich:
Meine lieben Gäste, zumeist mein Mann und ich!«
Ihre Blicke tauchten freundlich in seiner Augen Blau –
Ich biß mir hart die Lippen: »Mit Freude, gnäd'ge Frau . . .«
Ich trat zurück ans Fenster; ich stand ganz allein.
Durch die hohen Scheiben flammte der rote Abendschein.
Mein Kleid von weißer Seide ward purpurn im Abendlicht –
Ich schloß die schmerzenden Augen und sah die andern nicht.


II.

Da sprach die Dame Troubadour:
»Ich mein', das waren Worte nur,
Was ich bisher gesungen.
Heut weiß ich ein lebend'ges Lied,
In dem mein Herzblut kreist und glüht,
Heut sing' ich von Herrn Edelfried
Und unsrer großen Liebe.

War Herbst, da schlug sie uns in Bann.
Wir kämpften stolz dagegen an
Drei Monde lang mit Schmerzen.
Und dann: die Nacht vergeß ich nie;
Das Eis im Froste klang und schrie,
Da brach ich schluchzend in die Knie
Und trank den Kelch der Liebe. – –

Mein Herz glüht wie die Sonne heiß –
Herr Edelfried ist blond und weiß
Wie lichte Nordlandgötter.
Ach Gott, und ihm zur Rechten steht,
So still und schön, wie ein Gebet,
So rein, wie Sankt Elisabeth,
Seine süße, edle Fraue.

Nun weint mein Herz, nun weint mein Lied:
Von Herzen liebt Herr Edelfried
Die Dame, seine Fraue –
Und doch: seit manchem Jahr geschah
Ihm keine Lust, wie jene da,
Bis er in meinen Augen sah
Meine tiefe, sündige Liebe.

Und Er und Ich, und Ich und Er –
Meine Lippen küssen Keinen mehr,
Die seine Liebe tranken.
Und gings um Leben oder Tod,
Ich lachte allem, was mir droht,
Ich ging um ihn in Schmach und Not,
Ich tanzte hin zum Sterben!«
– – – – – – – – – – –

III.

Meine letzten Worte klangen wie Jauchzen durch den Saal,
Da brach mir jäh die Stimme und schwieg mit einemmal.
Finster auf den Estrich sah Herr Edelfried.
Kein Zucken seines Mundes des Herzens Qual verriet.
Keiner sollte ahnen, daß zu aller Frist
Bei ihm nur meiner Sehnsucht Heim und Freistatt ist.
Die Sonne war gesunken; zur Neige ging der Tag.
Ich und er, wir hörten des Schicksals Flügelschlag.
Vernahm des Weibes Seele das bange Rauschen nicht? – –
Da hob bewegt die Dame ihr sanftes Angesicht –
So ahnungslose Reinheit hab' ich nie gesehn –
Und sprach mit leiser Stimme: »Wie kann ich Sie verstehn? –
An den in dieser Stunde Ihr Herz voll Wonne denkt,
Wie gleicht er ganz dem Manne, dem ich mein Herz geschenkt!
So blond und licht ist Meiner, wie der in Ihrem Lied;
Und auch der liebe Meine heißt Herr Edelfried . . .«



Fensterpromenade

Ich warte immer. Jeden Tag.
Von fern klingt mir eine Sehnsucht her,
Die hör' ich aus jedem Stundenschlag . . .
Den ich liebe, der kommt nimmermehr.

Die dunklen Wasser im Kanal
Ziehn vorüber mit schluchzendem Rauschen.
Mir klingt es wie Weinen der Sehnsuchtsqual;
Oder wie zitterndes Küssetauschen.

Die schlummernden Häuser eingeschmiegt
In Finsternisse dicht und grau.
Ich weiß dort einen, der schlaflos liegt.
In seinem Arm schläft eine Frau. –

Mein Schritt so tödlich schwer und matt
Vor Haß und vor verhaltner Wut.
Liebe, die keine Grenzen hat,
Haß und Liebe schreien nach Blut. –

Und ich falte im Krampf die Hände
Und fluche auf meiner einsamen Wacht:
»Herr Gott – mach mit ihr ein Ende!« – –
– – – – – – – – – – – – –
Ich warte immer. Jede Nacht . . . .


Der Kranz

Ich habe mich bei dir eingeschlichen
In der blauen, heimlichen Nacht
Und habe dir einen wonniglichen
Kranz von weißen Liedern gebracht.

Ich legte ihn leise auf dein Kissen
Und drückte ihn küssend sanft ans Herz,
Wie du einst geküßt den Kranz von Narzissen,
Den ich getragen – damals, im März.

Als zum Tanze lockten die Geigen,
Lachende Masken und Lichterglanz,
Stahlen wir zwei uns fort vom Reigen,
Nahmst du vom Haar mir den festlichen Kranz.

Liebe mit Liebe selig allein,
Bis ich dir küssend zu Füßen sank –
Kelch der Liebe und goldner Wein
Giebt einen starken, edlen Trank.

Rauschte dein Blut nicht, lustdurchglüht,
Herrlich auf in jener Stunde?
Sang nicht dein Kelch ein Jubellied,
Als er Hochzeit hielt mit meinem Munde?

Branntest du nicht vor Liebesschmerz
Bei meinen glühenden Tränen und Küssen?
Drücktest du nicht auch lächelnd ans Herz
Den matten Kranz von blassen Narzissen?

Ich habe mich bei dir eingeschlichen
In der blauen, heimlichen Nacht
Und habe dir einen wonniglichen
Kranz von weißen Liedern gebracht.

Und nun duften und leuchten die Lieder,
Wie Blumen und Kerzen am Hochaltar,
Pressen sich lüstern an deine Glieder,
Loben und küssen dein blondes Haar,

Loben die Kniee, reizend schmal,
Die ich vor allen schön gefunden,
Singen tausend und tausendmal
Von roten, holdseligen Liebesstunden . . . .

Ich habe mich leise eingeschlichen
In dein Haus, in dein Heim, in dein Herz bei Nacht
Und habe dir einen wonniglichen
Kranz von lebenden Blumen gebracht . . . .



Ellen

Ein Kind ging vor mir her mit munterm Gang,
Grad aus der Schule kam das Jüngferlein.
Ich ging ihr nach, mir ward so lieblich bang –
Ich fühlte heiß: dein Mägdlein muß es sein.

Wie sie die Füßchen fest und flott bewegt
In derben, kleinen Stiefeln von Chevreau
Und wie sie frei und hoch das Köpfchen trägt
Und gradeaus blickt, ehrlich, kühn und froh,

Das Augenpaar von blauem Licht erfüllt,
Das Näschen schmal, die Stirn so glatt und rein,
Ist dieses Dirnlein ganz dein junges Bild,
Und so mußt du als Kind gewesen fein!

Ich sah sie noch in ihre Straße biegen,
Sie eilte flink ins Vaterhaus hinein.
Nun darf sie wild in deine Arme fliegen
Und sorgenlos sich deiner Liebe freun . . .



Am Fenster

Am offnen Fenster steht mein Freund
Und starrt in den dunklen Garten.
Er horcht in die frühe Herbstnacht hinaus
Und denkt sich nichts beim Warten.
Klang nicht vertraut ein Mädchenschritt
Auf der herbstlich feuchten Erde? –
Ach nein, ach nein, es scholl nur fern
Das Hufgetrappel der Pferde. – –

Am offnen Fenster steht mein Freund
Und hört mit wehem Klingen
In meines Herzens Glockenspiel
Die schönste Glocke zerspringen.
Wie rauschte einst ihr bronznes Lied
Über unsern Liebesfesten!
Und heut – ach nein, der Herbstwind nur
Höhnt aus nassen, kahlen Ästen.

Am offnen Fenster steht mein Freund
Und ballt die kräftigen Hände:
»Hat unser altes Liebesleid
Denn nie ein Ende? – –
Oder will ein neues, lachendes Glück
Ihr Herz an meines schließen,
Und wird aus des Mädchens Tränen
Gin neuer Frühling sprießen?«

Interieur

Die dunkle Nacht steht hinter der Gardine.
Die Scheite prasseln wieder im Kamine.
Die kleine, rotverhangne Lampe schaut
Mir aufs Papier und leuchtet mir vertraut.
Französischer Narzissen schwerer Duft
Umbuhlt mich schwül mit der durchwärmten Luft.
Blutrote Dahlien stehn in schlanker Vase,
Es dampft der Tee in dünngeschliffnem Glase.
Ein weiches Hauskleid hüllt mich schmeichelnd ein.
Es ist so traulich, und ich bin allein.

Wie still und schön es aber um mich ist,
Mir gilt es nichts, weil du mir ferne bist,
Und meine Sehnsucht weint und weint um dich,
Herr Edelfried, und ruft dich flehentlich . . . .
So schmerzvoll geht der Herbstesabend hin,
Da ich aus Liebe todestraurig bin.
Wie ich mich selbst und meine Qual verfluche!
Ich greif' zum Trost nach jenem teuren Buche,
Das uns als stolzes, leuchtendes Vermächtnis
Der Einzige gab zum einzigen Gedächtnis,
Für ewige Zeiten gründend seinen Ruhm:
»Stirner, Der Einzige und sein Eigentum.«
So freiheitsstolz rief keiner in die Welt,
Wie er: »Ich hab' Mein' Sach' auf nichts gestellt!«
Und keiner schrieb: »Mir geht Nichts über Mich« –
Du Stolzer, Freier, zu dir flüchte ich! – –
Nach Monden wieder öffne ich den Band,
Da fällt ein Kärtlein draus mir in die Hand,
Von meines Vielgeliebten Hand beschrieben,
Das damals in dem Buch zurückgeblieben . . . .
Herrgott! entfliehen wollt' ich meinem Leid,
Und bin nun mitten drin in ferner Zeit!

– Hoch ging die Lust in heitrer Freundesschar,
In der mein scheuer Sinn gar einsam war.
Doch als ich müde auf den Heimweg sann,
Blitzten mich plötzlich hell zwei Augen an,
Zwei Augen, deren schöne Veilchenbläue
Mein Herz noch heute liebt in heißer Treue.
Ich hört' auch süßer Worte Harfenklang
Da ward ich liebestoll und liebeskrank,
Da hörte ich in andachtsvollem Lauschen
Den tiefen, heiligen Strom der Liebe rauschen. –
Wie träumend ging ich heim nach jenen Stunden,
Mein »Stirner« aber war seitdem verschwunden.

Die Zeit ging drüber hin in Last und Hast.
Das schöne Bildnis war schon leicht verblaßt.
Dann kam ein eifersüchtig spröder Brief,
Der reizend weckte, was noch garnicht schlief:
»Erinnern Sie sich wohl an jene Nacht? –
– Hanns Ewers hat Sie noch nach Haus gebracht.–
Ihr »Stirner« blieb in meiner Wacht und Hut –
Was fang' ich, bitte, an mit fremdem Gut?« . . . .
Ich las daraus das lieblichste Bekenntnis,
Mein Antwortbrief war frohes Einverständnis. – –
Da hat er in mein Leben seins versenkt
Und mir ein himmelhohes Glück geschenkt.
Kein Wort ist auszusagen reich genug,
Wie Herrliches er in mein Leben trug,
Seit er in unsrer ersten, süßen Nacht
Zu seiner trauten Buhle mich gemacht.
Daß nun in mir ein ewiger Frühling blüht,
Das tat mit seiner Lust Herr Edelfried.
– – Ich ließ ihm meine Seele und mein Glück
Und meine Liebe ließ ich ihm zurück.
Mein Herz, das blieb in seiner Wacht und Hut;
Ach Gott, was fängt er an mit meinem Gut? – –



Späte Tage

Ich hab' in wunderschöner Zeit
Den Himmel aufgetan gesehen;
Das wird in meiner Seele stehen
Mit Flammenschrift in Ewigkeit.
Und noch in meinen alten Tagen
Wird deiner Augen Liebesschein
Mein Herz erleuchten und erfreun,
Wie Sonnenglanz in Wintertagen.

Und über meinen alten Tagen
Wird noch dein weiches Lächeln liegen
Und sich an meine Seele schmiegen
Und mir von jungen Wonnen sagen,
Und über meinen alten Tagen
Wird unsrer Tugend Lust noch schweben
Und Sommerglühn und Frühlingsweben
In müde Herbstesnächte tragen.




Fröhliche Wiederkehr

Einst aber wacht all meine Lust und Qual
Von neuem auf an einem schönen Tage.
Du kehrst zurück und fragst mich nicht einmal,
Ob ich dein Bild auch noch im Herzen trage.
Du weiht voll Stolz: es ist mein Herz ein Garten,
Der fremden Augen keusch verschlossen blieb,
Um dich in tiefster Sehnsucht zu erwarten,
Bis du einst wiederkehrt, mein schönes Lieb.

Ich sitze stumm auf einer Marmorbank.
Mein schweres Sehnen findet keine Worte.
Ich blicke starr den Gartenweg entlang,
Ob du nicht endlich eintrittst durch die Pforte.
– Und einmal, wenn der lichte Tag sich senkt,
Kommst du mit festem Schritt des Wegs gegangen.
Kein Schrei verliebten Jubels dich empfängt,
Nur inbrunststarkes, liebendes Verlangen.

Ich weiß ein Bett, das weich und üppig ist,
Wollüstig überhängt von Rosenketten.
Ich will dich auf mein duft'ges Lager betten,
Da du gewiß vom Wege müde bist.
Ich werde glücklich dir zur Seite ruhn
Beim weichen Licht der hohen Leuchterkerzen
Und alles Süße dir zuliebe tun
Und wieder fröhlich sein an deinem Herzen.
Ich werde zärtlich brennen und verbrennen
Im langen, zarten Hemd von roter Seide.
Kein Wort wird unsre durstigen Lippen trennen
Und höchste Seligkeit vermählt uns beide.
Des wilden Liebesglückes heißer Strahl
Löscht aus das Leid, das ich um dich getragen –
– Einst aber wacht all meine Lust und Qual
Vom langen Schlafe auf in Rosentagen.




Die Laute

Da sang die Fraue Troubadour:
In meiner Hand liegt frohe Kraft!
An meine Laute rühr' ich nur,
Da strömt sie hell in Liedern aus
Todbringende Leidenschaft.

Da wird der Liebe böse Glut
Zu feinen, edlen Romanzen;
Die reimen gut, die klingen gut,
Die gehn auf leichten Fügen hin,
Die schreiten, als ob sie tanzen!

Die tanzen neckend um dein Bett,
Ein leichtgeschürzter Mädchenchor,
Und sind verliebt und sind kokett
Und flüstern dir mit bebendem Mund
Purpurne Sünden ins Ohr. . . .

Ich nehm' die Liebe bitter schwer! –
Denn wenn ich daran sterben will,
Dann nehm' ich meine Laute her
Und sende süße Romanzen aus,
Dann schweigt mein Herzleid still.



Verheißung

Deines Glücks Flug streift an der Erde hin
Mit schwingenmüdem Gefieder –
Deine echteste Lust und dein bester Gewinn
Sind meine Liebeslieder.

Meiner prunkenden, funkelnden Worte Pracht
Ist ein Edelpokal, der im Lichte glänzt,
Meiner schweren, glühenden Sehnsucht Macht
Ist Rheinwein, in purem Golde kredenzt.

Junge Mädchen und blühende Frauen
Lesen mit trunkenen Sinnen mein Lied,
Flehen: o, könnten wir Ihn erschauen!
Wer ist, wo weilt Herr Edelfried? – –

Flammende Wünsche der Frauen schweben
Des Nachts um dein Bett in reizenden Scharen;
Heimliche Küsse der Mädchen beben
Im Traum auf deinen blonden Haaren.

Ihre Lippen klingen wie Morgenglocken,
Wenn dein Name auf ihnen erblüht;
Sie sprechen mit Inbrunst und Frohlocken
Deiner Schönheit Preis, Herr Edelfried! –

Ich weiß, daß in Liedern dereinst dein Ruhm
Über Länder und Zeiten tönt.
Und die Leier ist mein Eigentum.
Und meine Hand hat dich gekrönt. –

Du mußt sterben; doch deiner Schönheit Glanz
Siegt über die Vernichtung –
Auf deinem Haupt ruht ein ewiger Kranz
Vom grünen Baume der Dichtung.



Jardin des Délices



»Ich lieb' eine Blume, doch weiß; ich nicht, welche;
Das macht mir Schmerz . . . .«


Ghasel

All meine toten Freuden, die Wonnen unermessen,
Lagen doch einst mir am Herzen, hab' ich doch einst besessen!

Finsternis deckt die Zukunft; aber mit klaren Profilen
Steht das Gewesne im Licht und trotzt dem dumpfen Vergessen,

Wie ins blutrote Lichtmeer der scheidenden Sonne
Ragen die Stämme und Kronen dunkler Riesenzypressen.


Liebliches Abenteuer
in zwei Briefen

I.

M. schreibt an V.

Frau Venus hat mit mir wieder einmal
Ihr süßes Spiel getrieben;
Viktor, mein blondes Ideal,
Ich muß und will dich lieben!

Dich lieben! – Zwar nur eine einzige Nacht,
Eine leuchtende, wunderbare,
Aber mit all der siegreichen Macht
Meiner jungen, blühenden Jahre!

Ich heiße (aber nur diese Nacht!
Sonst – Fräulein X . . .!): Mathilde.
Mathilde tollt und küßt und lacht
Unbändig, wie eine Wilde!

Mathildes Herz hat sich entflammt,
Jüngst in braver Gesellschaft war es,
An dem starren, eigensinnigen Samt
Deines silberblonden Haares.

Mathilde liebt fröhlich und gesund
Deine blauen Falkenaugen,
Und möchte von deinem lachenden Mund
Lachende Küsse saugen. – –

Man schwärmt allhier nicht mehr beim Schein
Der blassen, zärtlichen Sterne;
An der Siegessäule, morgen um Neun,
Bei der hellsten Gaslaterne!

Mathilde trägt ein weißes Gewand
Und wird zum Liebeszeichen
Dir aus dem goldnen Gürtelband
Eine blühende Rose reichen . . . .

Im Ernste halb und halb im Scherz
Hab' ich bis hier geschrieben;
Nun bebt mein Herz, nun flammt mein Herz
In heißem, ehrlichem Lieben;

Meine Lippen hängen heut Nacht im Traum
Brennend an deinem Munde;
Mathilde mag erwarten kaum
Morgen die Abendstunde . . .


II.

V. an M.

Alle die spröden Saiten meiner Seele schwingen und klingen;
Wie konntest du, fremdes Mädchen, solch Wunder an mir vollbringen?

Dich suchen meine Gedanken unter den Mädchen und Frauen; . . . .
Welche doch könnte von Liebe so lerchenfröhlich singen? –

Liebliche Unbekannte! So komme auf leichten Füßen,
Mir die duftende Schale deiner jungen Liebe zu bringen!

Käme nur erst die Nacht! – In deiner Gestalt, o Mathilde,
Fessle Venus mich heut mit ihren reizendsten Schlingen . . . .



Ohne Werben und Versagen

Das war so einfach, schlicht und klar,
Ohne Reden und Fragen,
Das war so schön und stolz und wahr,
Ohne Werben und Versagen:
Ich hatte dein glashelles Herz erkannt
Und du das zärtliche meine –
Ich bot dir lächelnd meine Hand,
Du legtest hinein die deine.

Das war so schön und stolz und wahr,
Ohne Betteln und Versagen,
Das wer so edel, rein und klar,
Ohne viel Zögern und Zagen:
Als wir am nämlichen Abend zu Zwein
Unter dunklen Buchen irrten,
Viktor, da ging ich, als müßt' es so sein,
In Myrten . . . .



Einem Freunde

Der Jammer aber ist nicht auszusagen,
Wenn einst an dir die bittre Reue frißt,
Daß du in kraftvoll schönen jungen Tagen
Dem Land der Liebe fern geblieben bist.
Dann schleppst du gramerfüllt und doch vergebens
Der ewigen Sehnsucht schwere Kettenlast,
Weil du das Evangelium des Lebens
In lichter Stunde nicht begriffen hast. – –

Der Jammer aber ist nicht auszudenken,
Wenn du dein ganzes Schaffen einst verfluchst
Und wild, als ob sie grad' im Meer ertränken,
Die grünen Inseln deiner Jugend suchst.
Dein krankes Sehnen wird die Welt durchfliegen
In heiler Qual und wird doch nie gesund,
Weil deine Inseln längst versunken liegen
Auf dunklem, tiefem, kühlem Meeresgrund . . .



Nach dem Balle

Hüte mich, du, in den dunklen Nächten
Nach den wilden, lüsternen Reigentänzen,
Wenn brennende Wünsche mich küßten und schwächten
Und lockende Träume mein Herz umflechten
Mit Rosenketten und Kränzen.

Meine Träume sind Bajaderen,
Die sich geil in den vollen Hüften wiegen,
Die sich in sinnlicher Sehnsucht verzehren
Und mit unverhülltem Begehren
Jedem ans Herze fliegen.

Ich liebe so sehr in blitzenden, blauen
Augen die Lust, wenn ich jäh mich schenke,
Und ich liebe mit süßem, flimmerndem Grauen
Den roten Haß betrogener Frauen,
Die ich lachend zu Tode kränke.

Dir ist die Liebe ein heiliger Zaum,
Mir eine Nacht nur voll Kerzenglanzes,
Vom purpurnen Kelche der reizende Schaum,
Eine Eintagsblüte, ein zitternder Traum,
Der fröhliche Schluß nur des flatternden Tanzes.

Wenn mein treuloses Sehnen die Flügel spannt,
Dann lösche du mit deiner echten,
Schützenden Liebe den sündigen Brand,
Halte du mein Herz in der Hand
Nach dem wilden Tanz, in den dunklen Nächten.



Korrespondenz

Einer schrieb mir:

Nun hast du mich doch vergessen, ich dacht' es mir.
Wann war ein Weib im Beharren so stark, wie wir?
Vergänglich ist eure Liebe, wie der erste Winterschnee,
Wie der Morgentau im Garten, wie der Nebel überm See,
Wie jene fremde Blume, die morgens rot erblüht
Und schlafen geht auf immer, noch eh der Tag entflieht.
Du hast mir doch, mein Mädchen, so manche Nacht
Zum glühenden, duftenden, leuchtenden Hochzeitstraum gemacht.
Das werd' ich dir nicht vergessen. Kannst stolz sein, du.
Du sprachst so viel von Liebe; ich hörte immer zu –
Ich sah schon das Vergessen in deinem Angesicht,
Ich sah schon dein Vergessen; denn treu sein könnt ihr nicht. –
– – – – – – – – – – – – – – –


Ich schrieb zurück:

Du irrst. Der Jubel unsrer Hochzeitsnächte
Ist mir ein ewig heitres Eigentum,
Ein Kronschatz, den ich nie verlieren möchte –,
Doch glaub' mir: dreimal heilig ist der Ruhm.

Der Durst nach Ruhm bleibt scheu und stolz allein.
Nur Kraft zur Arbeit ist's, die ich ersehne.
Ich ging aus Aphroditens Myrtenhain
Und fand das Glück im Tempel der Athene.

Nun weiß ich meinem Ehrgeiz keine Grenze,
Er ist wie Feuer, das mich neu belebt,
Und wieder grüß' ich ferne Lorbeerkränze,
Die mir als Kind schon lockend vorgeschwebt.

In sommerlichen Blüten steht mein Leben,
Die ersten Früchte glühn schon aus dem Laube;
Kein Gott wird mir den grünen Lorbeer geben,
Den ich nicht jetzt mit kühnen Händen raube . . . .

Doch nein: das ist nicht wahr, was ich da schrieb,
Ach Gott, das Lügen steht mir übel an.
Es ist da Einer, der mein Herz gewann,
Den hab' ich über alle Worte lieb.

Er kam zuerst zu mir. Ich rief ihn nicht.
Ich wehrte angstvoll seinem heißen Werben.
Ich ahnte dumpf: vor seiner Augen Licht
Wird meine Hoffnung und mein Frieden sterben. –

– Der Blick Herrn Leopolds war Glanz und Güte,
Sein Wort so zart und seine Stirn so frei –
Er pflückte meines Lebens Herzensblüte
Und lächelte und ging an mir vorbei.

Groß scheint des Denkens Fittich, der uns trägt,
Und alles Denken wird doch arm und klein,
Wenn man sich abends einsam schlafen legt
Und ist mit seiner Sehnsucht ganz allein.

Dann lieg' ich nackt und brennend in den Kissen
Und schluchze in die Nacht voll Schmerz und Scham:
Was hat er achtlos denn mein Herz zerrissen,
Wenn er mich niemals an sein Herze nahm?

Und meine Pulse fühl' ich nach ihm klopfen,
Doch an mich schmiegt sich nur die Dunkelheit.
Und hoffnungslose, bange Stunden tropfen
Wie Tränen in das Meer der Ewigkeit . . . .



Abendliches Leid

Am Abend wacht mein Sehnen auf
Gleich schönen Dirnen, die mit bleichen
Gesichtern müd' den Tag vertun
Und abends durch die Straßen streichen.

Mir ist auch nachts der Weg vertraut,
Der Weg nach seines Hauses Schwelle.
Aus meines Liebsten Fenstern schaut
Noch weiße, milde Lampenhelle. –

Ich stehe da voll Herzensqual
In Finsternis und kaltem Regen,
Und möchte nur ein einzigmal
Mein Haupt auf deine Kniee legen;

Dich küssen heiß und fieberhaft
Und süße, irre Worte sagen,
Bis du, entflammt von Leidenschaft,
Mich würdest auf dein Lager tragen.

Ich möchte nicht nach solcher Nacht
Das Licht der Sonne wiedersehen.
Aus deinen Armen würd' ich sacht,
Eh' noch des Tages Leid erwacht,
Beim Morgengraun ins Wasser gehen . . .

Mädchentrauer

Ein Garten, kahl und eingeschneit,
In sternenkalter Winternacht.
Ich halte in freudloser Einsamkeit
Meiner toten Liebe die Totenwacht.

Die Zweige, die unter der Schneelast sich neigen,
Der Mond, der eisblau drüber glimmt –
Wie wunderlich das weiße Schweigen
Zu toter Liebe und Sehnsucht stimmt! –

Käme er jetzt! – und küßte mich
Zu neuem, bebendem Sehnen wach,
Käme er jetzt! – und sehnte sich
Nach meinem heimlichen Mädchengemach,

Käme er jetzt! – und streichelte sacht
mein um seinetwillen erblaßtes Gesicht,
Käme er jetzt daher durch die Nacht,
Ich hörte ihn nicht, ich hörte ihn nicht.

Mit zuckender Wonne würde ich sehn,
Wie sein lächelnder Mund vor Schmerz erbleicht,
Mit heilem Entzücken hieß' ich ihn gehn,
– – oder – doch – vielleicht – –?
– – – – – – – – – – – –
Ein kahler Garten in Eis und Schnee
In sternenkalter Winternacht.
Ich halte in wildem, schluchzendem Weh
Meiner toten Liebe die Totenwacht . . . . .



Sie schmückt sich und singt:

Mein Liebster wird kommen, ich harre sein.
O, so will ich sein Herz entzücken,
Ich will mich wie eine Göttin schmücken,
Ich will so schön wie ein Märchen sein!

Eine Schnur sanftschimmernder Perlen hält
Meine Stirn und mein lockiges Haupt umfangen,
Mein Haar, das tief auf die Schläfen fällt,
Fesseln kunstvoll gehämmerte Spangen.

Auf meinen üppigen Schultern wiegen
Sich große, smaragdene Schmetterlinge,
Um meine blühenden Arme schmiegen
Sich goldne Bänder und blitzende Ringe.

Die reizenden Formen des Leibes verrät
Ein nebelzartes Schleiergewand,
Mit sonnenhellen Brillanten besät,
Vom goldenen Gürtel der Venus umspannt! –

Doch schöner als alle Juwelen leuchten
Meine dunklen Augen, die lockend glühn,
Und meine zärtlichen, schmachtenden, feuchten
Lippen sind röter als Herzrubin! –

Er kommt! – Seine staunenden Blicke umfassen
Geblendet die märchenfunkelnde Pracht –
Er wird mich nicht aus den Armen lassen,
Mich herzen und küssen die ganze Nacht . . .



Eifersucht

Ich hatte dich zu sehr, zu sehr begehrt,
Als ich dich lange Zeit im Herzen trug,
Und meine Kraft war tot und aufgezehrt,
Als endlich unsre Liebesstunde schlug.

Der Sommer sang im Hauch der Juninacht.
Der Luftzug spielte matt mit den Gardinen.
Es war die Sehnsucht groß in uns erwacht
Und lauschte aus den Worten und den Mienen.

Die Juninacht war weich und liebesschwül.
Ich sehnte mich, die Arme auszubreiten, –
Da fühlt' ich plötzlich schwer und grabeskühl
Ein tiefes Weh an mir vorübergleiten.

Da fühlte ich mit dir und mir im Zimmer
Die Seelen toter Freuden in der Luft,
Begrab'ner Liebe längstverblichnen Schimmer,
Verstorb'ner Veilchen welken Moderduft.

Ich sah ein Weib, das einst die deine war,
In heißem Rausch in deine Arme sinken
Und dich aus ihrem schwarzen Judenhaar
Den müden Duft von welken Veilchen trinken.

Ich sah dich vor dem andern Weibe knien
Und süßverliebt an ihren Lippen saugen
Und sah, wie es in bitterm Schmerz mir schien,
Die Lust an Jener noch in deinen Augen.

Ich sah in dumpfer, eifersücht'ger Qual
Die Schatten der Vergangenheit erstehen, –
Hermann, o Gott! und ließ zum erstenmal
Lebend'ges Liebesglück vorübergehen . . . . .




Ein alter Brief

In meiner Lade liegt ein alter Brief,
Den hab' ich schon vieltausendmal geküßt,
Der ist so liebestoll, so herzenstief –
Ich hab' den Brief vieltausendmal geküßt.

Er ist voll ewigen Liebessonnenscheins,
Der heut noch immer nicht verdunkelt ist,
– Und trägt die Jahrzahl Neunzehnhunderteins.
Seitdem hab' ich ihn tausendmal geküßt!

Aus seinen graden, raschen Zeilen glüht
Ein siegesfrohes, lachendes Gelüst,
Ein junger Brand, der heut noch Flammen sprüht
Ich hab' den Brief vieltausendmal geküßt.

Von süßem Leichtsinn und von heiterm Lieben,
Von einem Glück, das endlich nahe ist,
Von Frühlingsnächten steht darin geschrieben –
Ich hab' den Brief vieltausendmal geküßt!

O Jubel, der aus jenen Tagen her
Mit hellen Augen froh herübergrüßt!
. . . . . Doch – wer ihn schrieb, ich weiß es längst
nicht mehr,
Den Brief, den ich vieltausendmal geküßt . . . .

Reaktion

Seltsam fremd ist mir die Erde
In der süßen Maienwonne,
Wenn die Nachtigallen schlagen,
Wenn am Busch der Flieder blüht.

In der süßen Maienzeit
Ist mein Mund wohl rot von Küssen,
Brennt mein Leib vor trunkner Sehnsucht,
Aber meine Seele schweigt.

Meine Seele lebt in jener
Unvergänglich stillen Trauer,
Die kein Rausch der Blütennächte
Und kein Lachen übertönt;

Jener großen, lebensfremden
Lebensflucht und Glücksverneinung,
Die Asketen, Weltverächter
In die Klosterzellen zog.

Hing der Frühling an die Büsche
Weiß und lila Fliedertrauben
Leuchteten die ernsten Augen
Flüchtig auf in Lenzesluft;

Strahlten auf – und suchten wieder
Still mit tiefen Forscherblicken
In den alten Weisheitsbüchern
Alles Lebens Quell und Ziel. – –

Seltsam fremd ist mir die Erde
In der grünen Maienwonne,
Aber heiß fühl' ich ihr Sterben
In dem kühlen, braunen Herbst.

Nachts, wenn Lärm und Qual der Großstadt
Ausgetobt hat und verrauscht ist,
Schreit' ich einsam aus dem Hause
In den nahen, dunklen Park.

Dunkelheit der Herbstesnächte!
Braunes, dichtes, weiches Dunkel,
Leicht durchwallt von Nebelstreifen,
In den schmalen Gängen webt.

Kühle Luft der Herbstesnächte!
Unaussprechlich rein und kraftvoll,
Herb vom bittern Moderdufte,
Der aus toten Blättern steigt!

Aber rings das große Sterben
Weckt in meiner starren Seele,
Die noch lebt und die noch jung ist,
Leidenschaftlichen Protest,

Rote, lachende Empörung
Gegen resignierte Trauer,
Sehnsucht, die aus Herzensgrunde
Nach lebend'ger Lust begehrt.

Und mit frühlingsfrohem Herzen
Und mit bebend heitern munde
Flüstr' ich in die Dunkelheiten
Einen holden Namen: Hermann . . . .



Das Sehnsuchtslied

Ich bin durch die Gärten der Lust geschritten
Mit beschwingten Füßen wohl manche Nacht,
Ich habe geglüht und gescherzt und gelitten
Wohl manche Nacht.

Viele erkauften mit Herzensblut,
Mit purpurnem Herzblut das Recht auf Lust,
Ich aber raubte mit kindlichem Mut
Das Recht auf Lust.

Ich habe den rotesten Wein getrunken
Aus dem Becher der Jugend, mit Rosen im Haar,
Und bin lachend dem Schönsten ans Herz gesunken,
Mit Rosen im Haar.

Ich habe auch Lieder der Liebe ersonnen
Und zur Leier gesungen im Sängerturnier
Und liebliche Minnepreise gewonnen
Im Sängerturnier.

Mein Mund singt trunkene Lebenslieder,
Aber mein Herz weiß ein ander Lied
Und mein endloses Sehnen reimt immer wieder
Ein ander Lied.

Aus den klingenden Tiefen der Sehnsucht her
Kommt mir das süße Lied vom Tod.
Keine Festmusik übertönt mir mehr
Das Lied vom Tod.

In den Armen der Liebe, im tiefsten Genuß
Umschwebt es mich. Ich möchte sterben.
Das ist der Sehnsucht letzter Schluß:
Ich möchte sterben.



In sanftern Tönen




Mich zieht mein sehnsuchtsmüder Sinn
Nach einem dunklen Lande.
Wann treibt der Wind mein Segel hin
Zum seligen Inselstrande?

Drei Stunden hinter Abendrot
Liegt meiner Unrast Freiland.
Dort wartet auf mein armes Boot
Christus, unser Heiland.


Sabbath-Abend

E. M. Lilien
zum Gedenken und zum Danke

Wenn sich nun süß der Sabbat niedersenkt,
Steht scheu ein Herzleid auf aus seinem Grabe,
Das ich in einer Tränenflut ertränkt,
In schwarzen Schleiern längst begraben habe.
Der Kopf sinkt auf das halbbeschriebne Blatt –
Wie neid' ich jeden, der heut Sabbat hat!
– Du weißt ja noch, wie oft wir Hand in Hand
Am Freitagabend still am Tisch gesessen;
Der Lärm des Alltags schwieg und war vergessen;
Zwei Kerzen haben traulichhell gebrannt.
Und vor uns, auf dem weißen Damasttuch,
Lag aufgeklappt ein altes Psalmenbuch.
Ich konnt' in dem vergilbten Seitenpaar
Nicht lesen, weil die Schrift hebräisch war.
Psalm hundertachtundzwanzig. Und ich sprach:
Lies du mir vor, ich sehne mich danach!
In seinen Augen glomm ein warmer Schein,
Er nahm das Psalmenbuch und las daraus:
»Dein Weib wird wie ein Weinstock um dein Haus,
So stark und zart und süß und edel sein . . . .«
Ein Glück stieg in mir auf, das wuchs und schwoll, –
Wie ward mein Herz so reiner Andacht voll!
Wie meiner Brust ein Rubeln sich entrang,
Das »Lecho Daudi Likras Kalle« sang! . . . .
– – – – – – – – – – – – – –
Oft aber Freitags, so ums Abendglühn,
Dann leg ich heimlich an mein Feierkleid;
Die Sehnsucht will mich nach dem Tempel ziehn,
Ich folge ihr: der Tempel ist nicht weit.
Festfrohe Menschen nahn auf allen Wegen,
Geschmückte Frau'n und Mädchen fein und schlank –
Und drinnen singt der Chor den Eingangssegen
Und jauchzt den heilighohen Brautgesang.
– Ich wage nicht, den Tönen nachzugehn,
Ich bleibe lauschend an der Pforte stehn.
Ich trat noch niemals ein. – Wohl glüht und schlägt
Mein Herz für Israel wie keins bewegt
Und für das vielersehnte neue Reich,
Und doch blieb ich ein Fremdling unter euch . . . .



Scha'are Zijon

(Psalm 122)

Ich freue mich mit innigem Begehren,
Nach Zion heim ins Haus des Herrn zu kehren.
Verirrte Vögel finden Baum und Nest;
Wegmüde Füße finden ihre Stätte,
Und wie ein Sohn sich auch verlaufen hätte,
Zur Heimkehr gibt der Vater ihm ein Fest.

Ein goldnes Band geht um die ganze Welt,
Das Zions Kinder fest verbunden hält.
Zwölf Stämme zogen weinend einst hinaus;
Die stehn nun freudig auf an allen Orten;
Noch eine Zeit, dann öffnen sich die Pforten
Des neuen Reichs, dann wallen sie nach Haus.

In deinen Mauern wird das Glück gedeihn
Und Reichtum wird in den Palästen sein
Und Haus und Speicher wird der Segen füllen;
Jerusalem! wer liebend an dir hängt
Dem wird der Güter Überfluß geschenkt
Vom Herrn um seines heiligen Hauses willen.




Liebesfeier

(Übersetzung nach Lamartine)

»Et Cédar, aspirant le ciel dans son sourire,
Crut que le ciel entier n'était que ce délire.«
La chute d'un ange.




. . . Sie ruhten unter Blumen; Daidha im Arm ihm lag.
Süße Düfte umflossen ihr Nestchen im heimlichen Hag.
Geschloss'ne Blütenkelche trieften Balsamduft;
Träumende Vögel entschwebten in die stille Luft,
Streiften mit leichtem Flügel der Lianenranken Pracht;
Da weinten die grünen Blätter lichten Tau der Nacht.–
Cedar kreuzte die Arme, sah selig auf sie hin,
Auf die holde Beute; fröhlich war sein Sinn.
Er rückt' ihr immer näher; er tat es leis und sacht,
Wie eine frohe Mutter des Sohnes Schlaf bewacht.
Er stützte seine Hände auf das Lager traut,
Das Haupt der Herzgeliebten niederbog das Kraut.
Und als er mit den Augen trank der Liebsten Bild,
Vergaß er, daß die Erde ihn noch in Fesseln hielt
Und daß der Mond am Himmel . . . Was die zwei geplauscht,
Dem haben alle Gräser, die Blumen all gelauscht;
Die Geister selbst des Himmels in ihrer sel'gen Ruh,
Sie hörten neidisch staunend den Menschenkindern zu.
Von ihrem Mund trank Cedar höchsten Wonnerausch;
Er nähme um ihr Lächeln den Himmel nicht in Tausch.

Venus über Gräbern

Und wenn die Welt in Blüten steht
Und sich im Wind die Ähren senken,
Wie mahnt es mich so tiefberedt,
Des nahen Welkens zu gedenken!
Ich denke nicht der goldnen Frucht,
Ich achte nicht das stolze Reifen;
Ich will nur hastig vor der Flucht
Des Sommers noch nach Blüten greifen.

Der Winter ist so schauerlich.
Auf kahlen Gräbern friert der Tod.
Ich bin betrübt und fürchte mich,
Weil meiner Lust der Kirchhof droht.
In Zukunft seh' ich ahnungsbang
Das Bild des Leids auf meinem Grabe,
Das Kreuz, das ich mein Lebenlang
Mit Schmerz und Scheu gemieden habe.

Ich möchte wohl die ew'ge Nacht
Im Schutz der süßen Venus schlafen.
Die Ihrer Augen Licht bewacht,
Ruhn friedlich, wie das Schiff im Hafen.
Sie stände lächelnd in der Höh'
In heiterernstem Marmorschweigen,
Wenn auf den Gräbern schläft der Schnee
Und taut von den Zypressenzweigen.
Und wenn die Welt in Blüten glänzt
Und Veilchen mit dem Maiwind kosen,
So ständ' ihr teures Bild bekränzt
Mit grabentstiegnen Kletterrosen.
Ein Mädchen läge auf den Knieen
Vor ihr und träumte glückbereit:
»Der Frühling welkt, die Zeiten fliehen;
Die Liebe bleibt in Ewigkeit . . .«


Fröhliches Lied

In meinen jüngsten Tagen glaubt' ich mich erwählt,
Nach Menschenleid zu suchen, das Keiner gern erzählt,
Zu meiden und zu fliehen den Glanz des rosigen Scheins,
Zu leuchten in die Grauen dunkelsten MenschenSeins,
Gründe zu entschleiern, die Wenige nur kennen,
Und böse, treffende Feuer, die tief im Innern brennen.
Ich ging mit nächtigen Herzen durch das Sonnenlicht,
Mein Auge sah nur Trauer; Frohes sah ich nicht.
Ich sah die roten Knospen künftiger Wonnen glühn,
Dann starben sie am Nachtfrost; sie kamen nie zum Blühn.
Ich sah die Jungfern schreiten zum Tanz mit hellem Blick,
Die kamen am grauen morgen gebrochen ganz zurück.
Ich sah in Qual sich wenden der Liebe reine Glut,
Da suchte sie die Schmerzen und dürstete nach Blut.
Ich sah die weiße Sehnsucht in schwarzen Schlamm verderben,
Da fluchte ich dem Leben und wollte sterben . . .

Dann kamen schwere Stunden; mein Herz brach fast entzwei,
Doch ihres Schwerte Schärfe, die machte mich frei.
Ich sah durch Tränenschleier, was ich nie gesehn,
Über die blühende Erde die blühende Liebe gehn.
Ich sah die Lust am Leben auf jeder Stirn geschrieben
Und lernte selber leben und heiß und fröhlich lieben.
Ich bin froh geworden und messe jugendhaft
An dem alten Weh des Lebens meine stolze Kraft,
Ich sehe nach tausend Tränen und nach vielem Leid
Auf dem Grund der Dinge die göttliche Heiterkeit.


Nachdenkliches Lied

Kurz ist der Tag des Lebens; ich bin bang,
Ja, ich bin bang, daß mich die Nacht verschlingt,
Da? soviel Jugendlust und Liebesdrang
Im wesenlosen Dunkel stumm verschwingt.
Mein Leib wird ja in Freuden auferstehn
Und jung in Blüten aus der Erde steigen.
Doch wird mein Lieben nicht mit mir vergehn
Und Spätern noch wollüst'ge Wunder zeigen?

Mein Leben ist voll tiefer Wollustschauer,
Ein Garten, der Millionen Rosen trägt,
Doch für die Weit von einer hohen Mauer
Von marmorstillen Versen eingehegt.
Sind nicht die Verse allzu glatt gemacht?
Ist echte Leidenschaft so formenkühl?
Ach, jenseits dieser Mauer schluchzt und lacht
Und tobt mein Leben jung und liebesschwül!

Kurz ist der Tag der Lust. Ein finstrer Drachen,
Der uns verschlingen will, ist schon bereit.
Es giert mit schwarzem, aufgesperrtem Rachen
Nach unsern Wonnen die Vergessenheit.
Ich aber möchte dem gedankenlosen
Verschlinger gern mit meinem Glück entfliehn.
Ich möcht' aus meinen duft'gen Liebesrosen
Das edle Öl, das nie verflüchtet, ziehn.
In eine marmorne Amphore dann
Möcht' ich den Duft für alle Zeit verschließen;
Ja, alle Lust, die je durchs Blut mir rann,
Möcht' ich in starke, ewige Verse gießen,
Daß Spätern noch, die meine Lieder lesen,
Die Sehnsucht heiß an Herz und Sinnen frißt:
O Gott, wie sind die Rosen schön gewesen,
Wenn noch der Duft davon so köstlich ist!