ngiyaw-eBooks Home



Dora d'Istria - Wasiliki

Studie

Dora d'Istria - Wasiliki, Aus: Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 1867/68, 1. Band, S. 370ff.


Trotzdem eine umfassende und vielseitige Literatur des Mittelalters vorhanden ist, können die heutigen West-Europäer sich nur schwer eine rechte Vorstellung von der Gefühls- und Anschauungsweise der Menschen aus jener Zeit machen, – so tief ist die Kluft, welche im europäischen Norden durch die Reformation, im Süden durch die Renaissance zwischen der mittelalterlichen und heutigen Gesellschaft gerissen worden ist. Wer sich indessen von den Ufern der Spree oder des Arno nach dem Osten wendet, wird dort jene Menschen, die er längst von der europäischen Weltbühne verschwunden glaubte, leben, denken und handeln sehen. Während im Abendlande das allzu lebhafte Aufwallen der Leidenschaften durch die Reflexion mehr oder weniger in Schranken gehalten, durch Erziehung und Unterricht mehr oder weniger geläutert wird, handelt der Orientale meist nach dem ersten Impulse, welcher Art dieser auch sei. Ich sage: meistens; denn in einigen Theilen Griechenlands hat die Revolution von 1821, die man wohl das 89 der Morgenländer nennen kann, das Mittelalter verdrängt. Anders aber sind die Dinge in jenen Gegenden, wo der Geist der heutigen Zeit noch gar keinen Einfluß auszuüben vermochte.

Unter diesen ist Albanien gewiß das am wenigsten von moderner Art und Sitte berührte. In dem rauhen Landstrich, der sich von Dalmatien nach der griechischen Grenze herabzieht, hat sich ein Rest der alten Pelasger erhalten. Aus diesem, von den hellenischen und flavischen Nachbarn in seine tiefen, kluftigen Thäler zurückgedrängten Stamme gingen jene Männer von ungeheurer Thatkraft hervor, deren vergewaltigenden Einfluß der ganze Orient zu fühlen hatte; so die Köpröli, berühmte Großveziere, welche das zertrümmerte, osmanische Reich für kurze Zeit wieder aufrichteten; so jene Dynastie, die unter Mehemet-Ali das Reich der Pharaonen ins Leben zurückrief; so die Domni (die Ghika), die den Verfall Rumäniens aufgehalten haben. Selbst inmitten anderer, ihr nicht verwandter Volksstämme, bewahrt diese unzähmbare Race noch lange ihren ursprünglichen Charakter. Der Herrscher, welcher der Wallachei zu so mächtigem Aufschwunge verhalf – um die Zeit, als durch Einsetzung des einheimischen Fürstengeschlechts der Herrschaft der Phanarioten ein Ende gemacht wurde –, mein Onkel Gregor IV. Ghika verrieth noch, nachdem seit der Niederlassung seiner Familie unter den Latinern zwei Iahrhunderte verstrichen waren, in Physiognomie, Gebah- ren, Charakter und mannhaftem Auftreten den echten Abkömmling der stolzen Pelasger. Ebenso konnte ich mich überzeugen, wie vollständig sich bei den, seit dem 15. Jahrhundert im südlichen Italien ansässigen Albanesen die Grundzüge ihrer nationalen Eigenartigkeit erhalten haben.

Wenn schon die Erfahrung beweist (und hier genügt es Hydra und Spetzia zu nennen), daß der Albanese sich mit ganz besonderm Talent in die Beschäftigungen des civilisirten Lebens zu schicken versteht, sobald er nur erst seiner ruhelosen, den Kampfesmuth stets in ihm aufstachelnden Umgebung entrückt ist: so steht es doch nicht minder. fest, daß auf heimischem Boden er sich schwer dem übermächtigen Hange zu kriegerischem Thun entzieht, einem Hange, der durch die Tradition bis zur ungestümen Begeisterung in ihm genährt wird. Alles, was Walter Scott, dessen Angaben Lord Macaulay bestätigt, von den aufrührerischen Neigungen der celtischen Stämme sagt, bewahrheitet sich auch bei den albanischen. Die weißen Fustanellen haben es ebenso eilig auf dem Schlachtfelde zu erscheinen, als die buntfarbigen Röcke der Bergschotten. In Schottland jedoch zeigt es sich bereits, wie eine weise, geduldige und starke Regierung solche eifernde, kriegerisch gestimmte Bergvölker in vortreffliche Bürger, ja in ebenso eifrige Arbeiter am Werke des Fortschrittes umzuwandeln vermag. Nur solchen Nationen ist nicht mehr zu helfen, die, wie die Hindu, durch Jahrhunderte voll politischer Knechtschaft und religiöser Verdummung jede Spur von Thatkraft eingebüßt haben. Eine überschäumende Lebenskraft läßt sich bändigen, Todte kann man nicht erwecken!

Als es dem Fürsten Alexander – diesem Größesten der Pelasger, diesem echten Nachkommen des Pyrrhus, der es werth war, den Namen des großen Macedoniers, des Sohnes der albanischen Olympias, zu tragen – als es diesem durch wahre Wunder von Tapferkeit gelang, den schrecklichen Mohamet II. in seinem Siegeslauf nach dem westlichen Europa zu hemmen, da waren die Blicke des ganzen Abendlandes auf Albanien gerichtet. Und von Neuem erregte es dessen Aufmerksamkeit, als ein Dichter, wie Byron, ein Historiker wie Pouqueville, der erstaunten Welt ein paar Episoden aus dem Leben Ali-Paschas erzählten. Pouqueville, der ruhige, maßvolle, gelehrte Diplomat, mit seinem, ganz in die Erinnerungen an das classische Griechenland versenkten Geiste, war freilich am wenigsten geeignet, »diesen Barbaren« (les barbares chkipetars), wie er sie nannte, gerecht zu werden; wogegen Byron, schon durch seine Abstammung von den wilden Königen des Meeres, den Stürmen, Menschen und Göttern trotzenden Normannen, recht eigentlich die erforderliche Stimmung besaß, um das albanische Ungestüm mit Verständniß zu beurtheilen, und so ein richtigeres Bild zu entwerfen von diesem kühnen und kräftigen Geschlechte, das er mit Recht den alten Doriern vergleicht. Er hat sie in treuen, scharfen Umrissen gezeichnet. Ein Versuch speciellerer Ausführung, zu welchem ihm ohne Zweifel Zeit und Vorstudium mangelten, bleibt uns vorbehalten.

Wenn man den Golf von Corinth durchschnitten und Missolunghi erreicht hat, dann eilt die Phantasie schon voraus, nach Albanien. Missolunghi wurde zu Anfang dieses Jahrhunderts von dem Bezirk des Sangiac von Negroponte abgelöst, und dem von Ali-Pascha verwalteten Gebiete beigeordnet. Von hier aus sind Aetolien und Akarnanien gewissermaßen die Uebergangsländer, deren Volksgesänge, Sprachformen und allgemeine Erinnerungen auf das albanische Leben vorbereiten. Haben die Mauern der ätolischen Hauptstadt, während des Unabhängigkeitskriegs, nicht hinabgeschaut auf die furchtbaren Kämpfe, welche die beiden Albanien, das christliche und das mohammedanische, mit einander auszufechten hatten? Umschließen sie nicht das Grab des Markos Botzaris,1 dieses Bayard des rechtgläubigen Albaniens? Und hat es nicht das Ende des sturmbewegten Lebens der reizenden Wasiliki gesehen? Wasiliki, die das rauhe Herz Alis überwand, das härter war, als Albaniens Felsen, härter als jene akrozeraunischen Berge – die ewig vom Blitze getroffenen!

Ein Primas von Plessovitza war vom Himmel mit Reichthum und hoher Geburt, diesen höchsten Glücksgütern des Albanesen, gesegnet worden. (Denn in Albanien herrscht nicht die demokratische Gesinnung Griechenlands.) Solche Vortheile werden in despotisch regierten Ländern nur allzuleicht die Ursache zu furchtbarem Mißgeschick. Dies beweist, neben Anderen, das Schicksal des Kyritros Mikkalis, von dem eine griechische Sage erzählt, daß er im Vollgenuß seines irdischen Glückes von dem Padischa, »dem Schatten Gottes«, die unheilvolle Schnur erhielt. Vor ähnlichem Graus darf der Albane sich nicht sichrer fühlen, als der Hellene. Mein Urgroßvater, Alexander Ghika, ward in dem Augenblick erdrosselt, als er im Begriff stand, den walachischen Thron zu besteigen.2 Gregor III. Ghika wurde im Palaste der rumänischen Fürsten umgebracht. Nachdem er der großen Katharina stolzen Widerstand geleistet, glaubte er dem Hause Oesterreich die kühne Stirn bieten zu können. Dies jedoch fand Hülfe und Bundesgenossen in den verrätherischen Ministern der Pforte, welche Abdul Hamid bestimmten, die Bukowina auszuliefern. Selbst Kitzo Kondakis' Einfluß war bedeutend genug, um Ali Paschas Verdacht zu erregen, wiewohl er keine so hohe und darum gefährliche Stellung behauptete, als jene vorgenannten vom Wetterstrahl des Unglücks so leicht zerschmetterten Fürsten. Toska3,der seine Laufbahn als Ziegendieb begann, um sich später, im Süden der türkischen Halbinsel, ein Königreich zu gründen, wußte besser als irgend Jemand, welchen furchtbaren Glückswechseln die Inhaber unbeschränkter Macht ausgesetzt sind. Uebrigens verschmäht der Albanese, trotz seines auffahrenden Temperaments, durchaus nicht die heimlichen Wege der List und des Betruges. So schien es dem Pascha doch bedenklich, sich eines so vielvermögenden Mannes auf gewaltsame Weise zu entledigen; er begnügte sich vorläufig, ihn in aller Art zu plagen, bis sich eine dem Anschein nach natürliche Gelegenheit zu seiner Demüthigung und völligen Vernichtung biete. Und an solchen Gelegenheiten fehlt es in Albanien nie!

Ali hatte einer Frau aus Plessovitza, Namens Marina, verschiedene Wohlthaten erwiesen, und mit gewohntem Scharfblick erkannte er schnell, daß der Dank dieser Frau für seine Zwecke auf das Vortheilhafteste auszubeuten sei. Kitzo besaß eine reizende Tochter. Im Süden, wo der menschliche Organismus meist so früh zur Reife gelangt, läßt es sich schon bei einem siebenjährigen Kinde voraussagen, ob es einst zu großer Schönheit erblühen werde. Ali berechnete das doppelte Resultat, das ihm der Raub Wasilikis (Basilikè, die Königin), die ihres Vaters ganzer Stolz war, einbringen mußte: Schande und Verzweiflung über das Haupt des Feindes, und die Bereicherung seines Harems durch eine Zierde, welche dereinst die Freude und der Trost seines Alters zu werden versprach. Der hohe Rang, den er unter den Fürsten der albanischen Conföderation einnahm, erregte viel zu heftigen Neid, als daß er sich dieses Ranges ohne Unruhe und Besorgnisse hätte erfreuen können, und diese suchte er meist in Genüssen zu vergessen, an denen die Sinne bisher mehr Theil gehabt, als das Herz. Hatte er etwa, als er Marina mit den Vorbereitungen zur Entführung Wasilikis betraute, ein unklares Vorgefühl der kommenden, wahren Liebe? Oder empfand der einsame Despot, der sich nur von Sklaven umgeben sah, welche die Knechtschaft herabgewürdigt, empfand er, wie Robespierre4, da dieser der Schiedsrichter der Revolution geworden, das Bedürfniß nach einem treuen, theilnehmenden Herzen? Wasilikis große Jugend läßt vermuthen, daß nur politische Beweggründe ihn leiteten.

Wie dem auch sei, Marina führte seine Befehle gewissenhaft aus. Mit einschmeichelnder Gewandtheit, wie sie den Südländerinnen in so hohem Grade eigen, wußte sie das Vertrauen Anastasias, der Mutter des jungen Mädchens, zu gewinnen. Und als diese ihren Gemahl auf einem Beileidsbesuch, den er der Witwe eines befreundeten Beys zu machen hatte, begleiten wollte, besann sie sich keinen Augenblick, Marina die Tochter anzuvertrauen. Der Vezir ward sogleich benachrichtigt und Wasiliki entführt. Die Reiterei des Pascha hatte den Raub mit einer Schnelligkeit vollzogen, die den Anhängern Kitzos keine Zeit zum Widerstande ließ. Er fand sie bei seiner Rückkehr kampfgerüstet und bereit, ihn zu rächen. Allein die Verzweiflung des Vaterherzens war größer als die Wuth, größer als das Bedürfniß nach Rache – eine Verzweiflung, welche Jeder, dem eine klare Vorstellung von dem albanischen Charakter fehlt, für unwahrscheinlich halten wird. Er vertheilte all seine Schätze – auch an Solche, die seinen Schmerz nur mißbrauchten, indem sie versprachen zur Wiedererlangung der Verlorenen beitragen zu wollen. Er legte die Hauptzierde des Albanesen, seine Waffen ab, umgürtete die Lenden mit einem Strick, und zog sich in die unterirdischen Gemächer seines Hauses zurück, wo er, Tag und Nacht auf den Knieen, vor der heiligen Panaghia, (der Allerheiligsten, der Jungfrau) die Rückgabe des geliebten Kindes erflehte. Selbst Ali schien von solchem Schmerz gerührt. Da Kitzo nun nicht mehr zu fürchten war, kam ihm vielleicht der Gedanke, dessen verworrenen Geisteszustand zu benutzen, um ihn an sich zu fesseln. Er wußte aus Erfahrung, wie leicht der überwundene Feind mit der Hoffnung auch alles Gefühl persönlicher Würde verliert, um dann zuweilen ein fügsames Werkzeug in der Hand des Tyrannen zu werden, der ihn vernichtete. Man kann die griechischen Tragödien nicht lesen, ohne mit tiefem Erstaunen zu gewahren, in wie kurzer Zeit die Gefangenen Sprache, Sitten und Denkweise des Sklaven sich aneignen. Auf der ottomannischen Halbinsel vollzieht sich diese traurige Umwandlung, in welcher schon Aristoteles nur die Verwirklichung eines allerhöchsten Willens sah, außerordentlich häufig, und es schien, als ob auch Ali Paschas Voraussetzungen sich erfüllen sollten. Anfangs zwar wies Kitzo jedes Anerbieten entschieden zurück und er weigerte sich, nach Janina zu kommen, Ali Pascha hatte Janina zur Hauptstadt des ihm untergeordneten Ländergebiets erhoben, ohne daß er den Befehlen der hohen Pforte dabei sonderliche Rücksicht erwiesen. In dem Maße jedoch, als Kitzo's von Gram zerstörte Lebenskraft abnahm, schwand auch die Kraft zum Widerstande und er fing an den Vorstellungen seiner Verwandten (im Orient finden sich diese stets, wenn sichs um Ertheilung solcher Rathschläge handelt), und den Einflüsterungen der Vaterliebe Gehör zu leihen. Vom Schmerz endlich überwunden, reiste er nach Janina und erbat eine Audienz beim Großvezir. Ali empfing ihn mit der ganzen höflichen Ungezwungenheit, die er im Verkehr mit seinen Opfern, selbst mit denen, welche er in den Tod schickte, so gern zur Schau trug. Kitzo's schlichter Sinn vermochte die Falschheit des gleißnerischen Vezirs offenbar nicht zu begreifen, wie hätte er sonst hoffen können! Als der Pascha ihn mit einer Miene aufrichtigsten Wohlwollens fragte, was er zur Linderung seines Grames zu thun vermöge, stürzte Kitzo ihm mit leidenschaftlichem Flehen zu Füßen: »Gieb mir meine Augen, mein Sonnenlicht, mein Kind zurück.« Ali versprach darauf mit kühlem spöttischen Lächeln, er solle die Tochter in der Entfernung sehen dürfen, doch habe er ihr für immer zu entsagen. Dies war der Todesstoß für den armen Vater – er starb bald darauf.

Der Vezir konnte schon deshalb nicht geneigt sein Wasiliki ihrer Familie zurück zu geben, weil er die heftigste Liebe für sie gefaßt hatte. Seit er sie zuerst gesehen, strebte der Tyrann, von dem uns Cerfbeer so furchtbare, die kühnste Einbildungskraft verdunkelnde Züge erzählt5, auf alle Weise, Wasiliki's nur allzu begreifliche Abneigung gegen ihn zu überwinden. Eines Tages fand sie in einem entlegenen Winkel des Palastes ein Bild der Panaghia. Glücklich über diesen Fund, der ihr das Symbol ihres Glaubens, die süße, verklungene Kindheit und das Vaterhaus lebhaft ins Gedächtniß rief, eilte sie damit zum Großvezir und bat ihn, das Bild in ihrem Schlafzimmer aufhängen zu dürfen. Es giebt, besonders unter den albanischen Muselmännern, nicht wenig Skeptiker, und Ali gehörte zu diesen; er vermochte gelegentlich sich den schriftlichen Ueberzeugungen so weit anzuschließen, um für die Himmelskönigin ein Glas zu leeren, und so konnte es ihm auch nicht schwer werden, Wasiliki's Bitte zu erfüllen; er lobte ihre Anhänglichkeit an den Glauben ihrer Väter und gestattete die Aufstellung in einem reich geschmückten Betzimmer, ja, als im Laufe der Zeit die Prüfungen der Leidenschaft ihm härter zu überwinden wurden, verschmähte er nicht, vor dem Bilde der Panaghia im Staube zu liegen, gleichwie Clovis inmitten der Gefahr sich nicht scheute, den Gott Clotildens anzurufen. Ward Wasiliki endlich von der ausdauernden Zärtlichkeit eines Mannes gerührt, dessen hohe Machtstellung ihr nur um so viel bedeutender erscheinen mußte, weil ihre junge Phantasie vermuthlich noch nie über den engen Kreis, welcher ihr Dasein einschloß, hinausgeeilt war? Man muß in diesen von anderen Ländern durch unübersteigliche Schranken geschiedenen orientalischen Einsamkeiten gelebt haben, um es zu verstehen, bis zu welchem Grade man sich gewöhnen kann, die zunächst gelegene Umgebung für das ganze Weltall zu nehmen, überdies waren zu jener Zeit die Mädchen so erzogen, daß sie ihr Herz als einen Schatz betrachteten, über den sie nicht zu verfügen hätten. Das Haupt der Familie (in Ermangelung des Vaters der Bruder) entschied allein über ihre Zukunft. Und weil Ali durch das Geschehene nun einmal der Herr ihres Schicksals geworden war, wie hätte Wasiliki sich weigern sollen, den unergründlichen Bestimmungen der Vorsehung den Gehorsam zu versagen? Als sie das fünfzehnte Jahr erreicht hatte wurde die Hochzeit nach mohametanischem Brauch gefeiert, und es liegt nichts vor, was zu der Annahme berechtigte, daß sie dazu gezwungen worden sei. Sicherlich war sie sich mit Stolz des mächtigen Einflusses bewußt, den sie auf einen so trotzigen Geist ausübte. Der alte Pascha, rachsüchtig wie jeder Albanese und zudem überzeugt, daß das Schaffott für seine Willkürherrschaft die sicherste Gesetzgrundlage sei, ließ sich von der jungen Gattin manches Opfer entreißen. Vorzugsweise gern verwendete Wasiliki sich für die Christen und ihrem Einflusse allein schreibt man es zu, daß Ali den geheimen Umtrieben der Hetäria, die seinem Späherblick unmöglich entgangen waren, schweigend zuschaute. Mehr und mehr näherte er sich den Glaubensgenossen Wasilikis, und als er endlich einen entscheidenden Kampf mit der Pforte zu bestehen hatte, war er offen ihr Verbündeter.

Die Liebe des Vezirs zu seiner Gattin erstreckte sich indessen nicht auf sämmtliche Glieder ihrer Familie. Ihr Bruder, der schöne und kühne Georg Kitzo, welcher sich später bei der Vertheidigung von Missolunghi als Tapferer unter den Tapfersten hervorthat, war in Janina vermöge seiner persönlichen Eigenschaften und Dank der Stellung seiner Schwester eine viel zu bedeutende Persönlichkeit geworden, als daß er Ali's Eifersucht nicht hätte erregen sollen. Um ihn geräuschlos bei Seite zu schaffen, bot ihm dieser eines Tages vergifteten Tabak. Doch ein albanischer Rumäne6, der später in Griechenland als Haupt der französischen Partei berühmt gewordenen, Coletti, um diese Zeit der Leibarzt Ali's, warnte Georg Kitzo vor der Gefahr. Ali, hartnäckig in seinem Hasse, gab darauf einigen seiner Creaturen den geheimen Befehl Jenen, aus scheinbarem Versehen, auf der Jagd zu erschießen. Als Wasiliki den Bruder verwundet sah und wohl mit Recht befürchten durfte Ali's Aerzte würden die Mittel finden ihn vollends zu Grunde zu richten, erklärte, sie dem Pascha auch sie würde sich tödten, wenn Georg stürbe. Nun sandte der geängstigte Vezir dem Verwundeten nicht blos seine geschicktesten Chirurgen, sondern er überzeugte sich sogar in eigener Person, ob die Pflege des lieben Schwagers auch nichts zu wünschen übrig lasse.

Wasiliki war nicht undankbar. Es kam ein Tag, wo Ali einsehen sollte, einen wie schwachen Boden die irdische Größe hat, wenn sie nur auf starre Willkür sich gründete. Als Alles ihn verließ, verrieth, als seine besten Generale zum Feinde übergingen, als die eigenen Söhne7 sich in die Reihen der Gegner stellten, als die Ottomanen laut die Züchtigung des Verbündeten der »Ghiaurs«, den Sturz dieses rebellischen Vasallen forderten, der es gewagt dem Padischah zu trotzen: blieb Wasiliki allein ihm treu. Er ward in den Reichsbann gethan, doch schien er zu vergessen, daß Fluch und Tod über ihm schwebten, wenn er das müde, von Jahren und Sorgen belastete Haupt an dem Busen der aufopfernden Gattin ruhen ließ. Er flüchtete endlich in seinen Sommerpalast auf dem See von Janina und wurde hier von seinen Feinden umzingelt. Dem drohenden Tode sah er mit wahrhaft albanischem Muthe entgegen und nur das Schicksal Wasiliki's beunruhigte ihn. Er wußte es voraus, denn er kannte seine Feinde. So gebot er zuletzt dem Athanasius Vaias, dem unbarmherzigen Vollstrecker seiner schrecklichen Befehle, Wasiliki eher zu tödten, als sie den Demüthigungen der Sieger zu überlassen. Als er endlich getroffen zusammen sank, vergaß er nicht, Vaias an sein gegebenes Versprechen zu erinnern. Dieser verließ darauf eilig das Gemach. Allein heute übte er nicht den furchtbaren Gehorsam, den er als Anstifter des Blutbades von Gardiki seinem Herrn bewiesen; ohne zu zielen, feuerte er sein Pistol ab. Dann kehrte er zu dem Sterbenden zurück, um ihm die Ausführung seines letzten Willens als geschehen zu melden. Etwas wie Befreiung von einer lastenden Sorge glitt über Ali's bleiche, erstarrende Züge, dann verschied er lautlos.

Wasiliki wurde mit ihrem Bruder Simo-bey als Gefangene nach Constantinopel geschickt, von wo man sie nach Brussa verwies. Im Jahre 1830 wurde ihr die Rückkehr in die Heimat gestattet. Sie ging darauf nach Missolunghi und bezog dort die Burg Katokhi. Der Schmerz um den Tod ihres Bruders wirkte höchst erschütternd auf ihre Gesundheit und man brachte sie, aus Rücksicht für diese, nach Etoliko. Hier schien die Luft ihr wohl zu thun; dennoch ward ihr nahendes Ende dadurch nicht hinaus geschoben, sie starb 1835.

 

Dora d'Istria.

(Fürstin Koltzoff-Massalsky)


Endnoten

 

1 Ich habe mir die altgriechische Inschrift notirt: »Dieses Monument ward dem Markos Botzaris errichtet, dem Haupt und Anführer der Schlachten, dessen reine Seele ihre sterbliche Hülle verließ, um ihrer himmlischen Heimat willen. Griechenland glaubt nicht, daß seine Helden sterblich seien.«


2 Sein Kriegszelt ward einst vom Blitze getroffen, und seitdem war man überzeugt, daß er tragisch enden werde.


3 Albanien ist in vier Conföderationen getheilt, von denen die der Guègues im Norden und die der Toskas im Süden die hauptsächlichsten sind.


4 Man weiß, welches Vertrauen der argwöhnische Mann des Schreckens der ältesten Tochter des Zimmermanns Duplay schenkte.


5 »Erinnerungen aus Albanien.« Der Verfasser, ein Elsässer, hat lange in Janina gelebt und ist dort zum Glauben Mohamets übergetreten. Sein Buch veröffentlichte er unter dem Namen: Ibrahim-Manzour Effendi.


6 Siehe in Guizots Memoiren die merkwürdige Gestalt Coletti's.


7 Einer derselben ist ganz vor Kurzem erst in Skutari gestorben; ebenso habgierig, wie sein Vater, ging es ihm dennoch äußerst kümmerlich.