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Beatrice Dovsky – Mona Lisa

Libretto.

Universal-Edition A. G., Wien, New York, Copyright Drei Masken Verlag, G.m.b.H., München, 1914

Oper in zwei Akten


Dichtung von Beatrice Dovsky


Musik von


Max von Schillings





Personen

(der ersten und letzten Szene):


Ein Fremder*....... Bariton

Eine Frau**....... Sopran

Ein Laienbruder***....... Tenor


(der übrigen Szenen):


Messer Francesco del Giocondo*....... Bariton

Messer Pietro Tumoni....... Baß

Messer Arrigo Oldofredi....... Tenor

Messer Alessio Beneventi....... Tenor

Messer Sandro da Luzzano....... Bariton

Messer Masolino Pedruzzi....... Baß

Messer Giovanni de' Salviati**....... Tenor

Mona Fiordalisa, Gattin des Francesco***....... Sopran

Mona Ginevra ad Alta Rocca....... Sopran

Dianora, Francescos Töchterchen aus erster Ehe....... Sopran

Piccarda, Zofe der Mona Fiordalisa....... Alt

Sisto, Diener des Messer Francesco.......Tenor


* * *


Volk von Florenz. Nonnen von Santa Trinità. Mönche von San Marco; darunter Savonarola. Diener


Die Handlung spielt zu Florenz. Die erste und letzte Szene in der Gegenwart, die anderen zu Ende des 15. Jahrhunderts.




Erster Akt.


Schmaler Raum im Hause der Brüder der »Certosa«, abgeschlossen durch eine al fresco bemalte Wand mit einer Mitteltür. Der Raum ist als Gang mit gewölbter, gleichfalls bemalter Decke gedacht. Rechts vorne befindet sich eine Tür, links vorne ein Spitzbogenfenster. Wenn der Vorhang aufgeht, ist die Bühne leer, die Türe rechts geschlossen. Man hört Schlüsselgeklirr, die Türe rechts öffnet sich. Man vernimmt (gleichsam) auf Steinfliesen hallende Tritte und schließlich, noch hinter der Szene, die Stimme des Laienbruders, der in eintönigem Tonfall den Fremden die Sehenswürdigkeiten erklärt. Alsdann treten auf: der Laienbruder, der Fremde und die Frau



DER LAIENBRUDER (noch hinter der Szene):


Erbaut ward der Palast nach Brunelleschis Plänen,

Mit Fresken ausgeschmückt in Donatellos Art –


(auftretend)


Und ausgestattet mit erles'ner Pracht.

Giuliano Pazzi ließ das Haus sich schaffen,

Doch lange blieb es nicht in seiner Hand,

Es wohnte da ein Bardi, dann ein Spini,

Bis es ein reicher Handelsherr erstand.

Francesco del Giocondo war sein Name,

Der längst verschollen wär' im Meer der Zeit,

Hätt' er nicht noch in vorgerückten Jahren

Ein junges, wunderschönes Weib gefreit.



DIE FRAU (interessiert):


Ein junges Weib?



DER BRUDER:


Madonna Fiordalisa Gherardini,

Durch Lionardos hehre Kunst geweiht –

In seinem Meisterwerke »Mona Lisa«

Gab der Gioconda er Unsterblichkeit!



DIE FRAU (wie oben):


Ah, Mona Lisa?



DER FREMDE:


Weißt du, deren Bild

Im Louvre zu Paris ... wie war sie schön!



DIE FRAU (ans Fenster tretend):


So schön? (sie blickt hinaus, dann)

Wie heißt der Platz?



DER FREMDE:


Die Santa Trinità.



DIE FRAU:


Ach, welch ein Blick!



DER FREMDE

(ohne hinzusehen, blättert im Reisebuch):


Ja, ja, der Arno ...



DIE FRAU:

Da warst schon hier?



DER FREMDE (wie oben):


Vor zwanzig Jahren schon

Auf meiner ersten Hochzeitsreise.



DIE FRAU:

Vor zwanzig Jahren ...? Und dies ist meine erste!


(mehr für sich)


Alles kennst du schon ... hast alles geseh'n ...

Und ich so wenig noch von dieser Welt ...



DER BRUDER

(lächelt mit Resignation, wie um sie zu trösten):


Noch wen'ger ich – – –


DIE FRAU

(blickt den Bruder überrascht an, während der Fremde ans Fenster tritt. Die Blicke der beiden jungen Menschen begegnen sich. In jäher Bewegung will die Frau den Mantel am Halse öffnen. Leise, verwirrt):


Es ist so schwül ...


(Bei der Hast, mit der sie die Bewegung ausführt, löst sich die Perlenschnur, die sie um den Hals trägt und einzelne Perlen fallen zu Boden.)



DER FREMDE (unmutig):


So gib doch acht! Die Perlen!

Mein Brautgeschenk, um das manch eine dich beneidet –


DIE FRAU:

Beneidet? Ach ...


DER BRUDER:

Perlen bedeuten Tränen, sagt das Volk.


DIE FRAU

(nimmt die ganze Schnur ab und reicht sie dem Gatten hastig):


Da ... nimm sie fort ...

Ich mein', verwahre sie ...


(mehr für sich)


Ich lieb' sie nicht, die Perlen.



DER FREMDE:

Zeigt nun den Saal!



DER BRUDER

(zur Frau, die ihn fragend anblickt):


Ja, dort ist geschehen, was die Chronik meldet ...



DIE FRAU (interessiert):

Von Mona Lisa?



DER BRUDER

(sucht einen Schlüssel in seinem Schlüsselbund):



Das Drama der Faschingsnacht,

Vierzehnhundertneunzigzwei ...


(geht an die Türe rechts und ruft)


Fra Bartolo, den Schlüssel

Zur »sala dei sospiri« ...


(kehrt zurück)


Dieweil erzähl ich die Begebenheit,

Wie sie in unsern alten Büchern steht:


(Die Frau nimmt im Lehnstuhle Platz und hört gespannt, die Augen auf den Bruder gerichtet, zu. Der Fremde steht am Fenster.)


Ein unergründlich Rätsel ist das Weib.

In seiner Seele schlummern unbewußt

An tausend Möglichkeiten ... Weich wie Wachs ist sie

Schmiegt sich jeder Hand

Das Schicksal spielt mit ihr ...

Sie schreckt zurück vor einem rauhen Wort,

Und trägt mit Lächeln unerhörte Qualen ...

Kann einer Blume nichts zu Leide tun,

Berauscht hinwied'rum sich an Grausamkeit,

Die eines Mannes Sinn zu denken kaum vermag.

Lieb' macht sie stark – und Haß unüberwindlich!

Des Weibes Herz, es birgt in seiner Tiefe

Die Lüsternheit der Eva nach verbot'ner Frucht;

Der Magdalena sündhaft-buhlerischen Trieb

Und ihre wunderbare Kraft der Reue,

Den Blut- und Rachedurst der Mörderin Johannis,

Und der Maria Reinheit, Milde und Erbarmnis!

Je nachdem des Lebens Würfel rollen,

Verwandelt sich das rätselhafte Wesen »Weib«.



DER FREMDE (lächelnd):


Seid ihr so erfahren?



DER BRUDER (ruhig abwehrend):


Herr, ich zitiere!

... Also war auch sie,

Des Messer del Giocondo dritte Frau.

In ihren Augen, ihres Mundes Lächeln

Lag eine Welt von Scheu und Zärtlichkeit,

Von banger Ahnung, seliger Gewißheit,

Von Glaub' und Zweifel, Lust und Qual,

Von Treu und Falschheit ...

Die tausend Möglichkeiten ...


(Von rechts ein alter Mönche, der einen Schlüssel bringt und wieder abgeht. Der Laienbruder sperrt die Mitteltüre auf, läßt die Fremden eintreten und folgt ihnen, in seiner Erklärung fortfahrend.)



DER BRUDER:


Der Medicäer toller Carneval

Tobte durch Florenz ...

Ein Sinnentaumel hatt' die Welt erfaßt ...

Damals begab es sich ...


(Er folgt, seine Stimme verhallt. Die Bühne verdunkelt sich für einige Augenblicke. Plötzlich wird es wieder hell und es bietet sich ein farbenprächtiges Bild im Stile eines Gemäldes des Paolo Veronese.)



Saal im Hause des Francesco del Giocondo.


Die Szene ist vom hellen Licht eines sonnigen Frühlings-Spätnachmittag überflutet. Es herrscht eine fröhliche, ausgelassene Stimmung. Von der Straße und der Piazza Gelächter, Stimmengewirr, übermütige Rufe:

»Carneval! Carneval!«


An der Tafel sitzen:

Pietro, Arrigo, Alessio, Sandro und Masolino. Edelleute in der reichen Tracht des Cinquecento.

Picarda reicht in vergoldetem Korbe Früchte herum.

Sisto Handwasser und ein Handtuch.

Ein anderer Diener schenkt ein.

Jeder der Männer hat über der Lehne seines Stuhles einen dunklen Mantel mit Kapuze (ein Art Domino) hängen.



PIETRO:


Längst zwanzig ist die Uhr ... Wo bleibt der Zug?



SANDRO:


Süffig, der Montebrianer! Und 's ist davon noch genug!



MASOLINO:


Nun zum Nachtisch ein kleines Histörchen,

Ein Skandälchen oder ein Märchen!



PIETRO

(älterer Edelmann mit gespielter Entrüstung):


Oh ... liebe Messerie, das darf ich nicht hören!



SANDRO:


Doch würd' Euch Lorenzos »ballata« nicht stören?!



PIETRO (verneint).



ALESSIO:


Arrigo, du sing uns vor!

Sollst stolz sein auf unsern Chor!



ARRIGO

(ergreift eine Laute und beginnt):


Jugend ist so hold und süß1,

Schnell entflieht die Zeit –

Wer fröhlich sein will, sei es heut',

Das »Morgen« ist ja ungewiß!



DIE ANDEREN:


Wer fröhlich sein will, sei es heut',

Das »Morgen« ist ja ungewiß!



ARRIGO:


Amor lenkt unseres Herzens Wagen,

D'rin Frau Venus in Schönheit thront –

Der ihr dient, wird göttlich belohnt –

Wer wird der Fülle des Glücks entsagen?

Jugend ist so hold und süß,

Schnell entflieht die Zeit –

Venus erschließt uns das Paradies –

Wer glücklich sein will, sei es heut'!



DIE ANDERN

(den Refrain übermütig wiederholend):


Jugend ist so hold und süß,

Schnell entflieht die Zeit –

Venus erschließt uns das Paradies –

Wer glücklich sein will, sei es heut'!



FRANCESCO

(ist auf dem Balkon erschienen und hat dort anscheinend jemand verabschiedet; zu diesem hinterherrufend):


Auf später denn, Messer Salviati!



ARRIGO

(beginnt eine neue Strophe):


Bacchus ist Venus liebster Begleiter –


(Arrigo bricht den Gesang ab, da er Dianora eintreten sieht.)



DIANORA

(ein ganz junges Mädchen erscheint zaghaft in der Türe):


Verzeiht, ihr Herren, wenn ich störe ...



FRANCESCO (zu Dianora):


Was soll's?



DIANORA:


Den Zug säh' ich so gern.



FRANCESCO:


Ich lieb es nicht, wenn du allein ...

Ohne die Mutter ...



DIANORA (betrübt):


Die ist zur Beichte in Camaldoli,

Kehrt heim nicht vor dem Vesperläuten.


(Die Musik des Carnevalzuges beginnt.)


Sie kommen schon!


(bettelnd):

Ach, Vater! ...


(Geschrei und Rufe auf der Piazza immer lebhafter. Alle auf der Bühne befindlichen Personen drängen an die Fenster. Auf Pietros Bitte darf Dianora mit ihm an die Fenster treten. Im Hintergrunde werden Fahnen, Stangen mit Laubgewinden, Innungszeichen und Emblemen, Wappen, weiter auch einzelne Köpfe der Venus, von Nymphen, Bacchanten, Mänaden etc. begleitet, sichtbar.)



CHOR:


/ Schlagt die Cymbeln! Blast die Trompeten!

‖ Odem der Freude schwellt unsere Brust!

‖ Evoe! Venus! Kön'gin der Lust'

‖ Du bist die Gottheit, zu der wir beten!


‖ Teufel und Tod drohen vergebens,

‖ Jubelnd folgt dir der trunkene Troß!

‖ Gnadespendender, herrlicher Schoß!

‖ Evoe! Venus! Mutter des Lebens!



DIALOG (zugleich)


DIANORA:


‖ Die Brücke herauf!



PIETRO:


‖ Der Zug ist da!



ARRIGO:

‖ Der Schönheit Siegeslauf!



SANDRO:


‖ Venus vulgivaga!



DIANORA:


‖ Seht, dort nah'n die Nonnen.



PIETRO:


‖ Von Santa Trinità.



ARRIGO:


\ Salve, Venus victrix, Ginevra!


(In die Klänge des Venuszuges mischen sich die Klänge eines Marienliedes, von Nonnen in feierlichem Aufzuge gesungen.)



DOPPELCHOR

LAUDE (MARIENCHOR):


/ Jungfrau Maria, mild und süß,

‖ Erkoren und gebenedeit!

‖ Mutter du der Christenheit,

‖ Führe uns zum Paradies!


‖ Wer wird von Sünd uns retten?

‖ Wer aus Verdammnis uns lösen?

‖ Maria sprengt die Ketten,

‖ Befreit uns von dem Bösen!


‖ Mutter du der ew'gen Gnade,

‖ Bitt' für uns bei deinem Sohne;

‖ Leit' uns auf der Buße Pfade

‖ Hin zu Gottes gold'nem Throne!



VENUS-CHOR:


‖ Huldin du, blühenden Angesichts,

‖ Von Zaubern und Wundern umfangen,

‖ Unerschöpfliche Quelle des Lichts,

‖ Brandend umbraust dich Verlangen!


‖ Atem der Welt! Reiz ohne Ende!

‖ Venus, entstiegen dem Meeresschaum!

‖ Rosen der Freude streu'n deine Hände,

‖ Du gibst Erfüllung dem seligsten Traum!


‖ Tönet, ihr Cymbeln, dröhnet, Drommeten

‖ Evoe Venus im goldenen Haar!

‖ Lös' uns aus des Lebens Nöten!

‖ Flammende Herzen bringen wir dar!



DIALOG (zugleich)


DANORA:


‖ Das wundertätige Marienbild –


PIETRO:

‖ Aus der Kirche Santa Trinità.



FRANCESCO:


‖ Und Sansovinos Muttergottesschild –




ARRIGO (hinterherrufend):


\ Salve Regina Venus Cypria!



PIETRO (interessiert):


Die Züge stoßen bald zusammen –



MASOLINO:


Symbole zweier fremder Welten –



ALESSIO:


Seht, wie der Nonnen Wangen flammen!



PIETRO (zu Masolino gewendet):


Die beide heut und ewig gelten!


(Die beiden Züge stehen nun unter den Fenstern still. Ein Gewoge der verschiedenen Abzeichen und Embleme . — Stimmengewirr.)


(Im Höhepunkte des Tumultes erscheinen auf der Brücke, vom rechten Arno-Ufer heraufschreitend, die Mönche von San Marco, an der Spitze Savonarola.)




DIANORA:


Die schwarzen Mönche von San Marco!



ARRIGO:


Ihr Prior dort in weißer Kutte!



CHOR DER MÖNCHE:


Fuge, Zion, Fuge

Quae habitas apud filiam Babylonis!

Gladius Dei

Super ferram

Et super fe!



PIETRO:


Savonarola!



ALLE

(mit leisem Schaudern den Namen wiederholend):


Savonarola!



FRANCESCO:


Wie tönend Erz die Stimme!



ALESSIO:


Das Auge, das die Weiber zwingt!



PIETRO:


Der Gifthauch des Zeloten!



CHOR DER MÖNCHE:


/ Florenz, du feile Dirne!

‖ Schamlose Buhlerin!

‖ Zum Himmel schreien deine Sünden!

‖ Des Herren Schwert

‖ Schwebt über dir!

‖ Untergang ist dir geschworen!

‖ Pest, Krieg vor deinen Toren!

‖ Blut und Feuer wird vom Himmel fallen,

‖ Jammer in deinen Mauern hallen!

‖ Die Höll' ist los!

‖ Florenz, tu' Buße!

‖ Florenz, tu' Buße!



DIANORA:


‖ Der Prior von San Marco!

‖ Blickt herauf! ...



PIETRO (beschwichtigend):


‖ Zu mir, mein Kind!


(Dianora kniet sich zu Pietros Füßen.)



ARRIGO (frivol):


‖ Ja, ja, wir sind verdammt!



DIANORA:


‖ Habt ihr geseh'n? Sein Auge flammt!



PIETRO:


\ Er nimmt es ernst mit seinem Amt!


(aus der Menge, die unter den Fenstern zusammengeschart ist, plötzlich ein lauter, hoher, gellender Schrei.)



STIMME DER GINEVRA:


Ah ...! Misericordia!


(Der Schrei pflanzt sich fort und wächst zu einem einzigen Bußgeschrei des Volkes an.)



STIMMEN DES VOLKES:


Misericordia, Domine, misericordia!


(ersterbend)


Misericordia! Misericordia!


(Über den Personen auf der Bühne liegt es wie ein Bann. Pietro streichelt die zitternde Dianora.)

(Die Volksmenge draußen zerstreut sich.)



ALESSIO:


Zertreten der Freude Blumen, – –



SANDRO:


Erstorben das helle Lachen –



MASOLINO:


Savonarolas Werk.



ARRIGO

(der auf dem Balkon geblieben, wendet sich in den Saal zurück.

Um die trübe Stimmung zu zerstören, beginnt er lachend):


Saht ihr's? Die Venus war's,

Ginevra im Schmuck des goldnen Haars,

Die als die erste ihm zu Füßen sank ...

»Misericordia!« (lacht) Nun liegt sie da,

In Reu' zerflossen, einer Ohnmacht nah'.



SANDRO (zu Arrigo):


Hol' sie herauf!



ALESSIO UND MASOLINO:


Ja, hole sie!



FRANCESCO:


Nein, nein, das geht nicht an ...



ARRIGO:


Warum, Francesco? – –


(da Francesco auf Dianora deutet)


Ach, im Carneval ...



FRANCESCO:


Und – Mona Lisa ...



PIETRO:


Wird zu ihr gültig wie zu jedem sein.


(Arrigo und Alessio gehen über den Balkon hinunter.)



FRANCESCO (zu Dianora):


Geh' nun zur Ruhe!



DIANORA (etwas gedehnt):


Schon ..?



FRANCESCO (kurz und scharf):


Ich sagts's.



DIANORA (leise aufseufzend):


Gut' Nacht, ihr Herr'n.


(Sie küßt Pietro die Hand.)



PIETRO:


Gott zum Gruße, Kind.



DIE ANDERN:


Signorina, schlafet wohl!



DIANORA (ab.)


(Kurze Pause, dann Arrigo mit Ginerva und Alessio über die Freitreppe auf den Balkon tretend.)



ARRIGO:


Die Göttin der Schönheit

Fleht um ein Asyl!



GINEVRA

(üppig und schön, mit goldigem Haar, als Venus in phantastischem Schleierkostüm, das ihre Schönheit enthüllt, darüber Arrigos Mantel, den sie während des Folgenden ablegt, ganz gebrochen in Haltung und Ton, was mit ihrer frivolen Kleidung seltsam kontrastiert):


Ach ja, nur kurze Rast

Vergönnet mir!



ARRIGO

(schiebt ihr galant den Stuhl am Mitteltisch zurecht).



GINERVA

(fällt ermattet in den Sessel und küßt Pietro die Hand):


Oh, Exzellenz –



PIETRO:


Verscheucht die düsteren Gedanken,

Die dieser traurige Prophet erweckt –



GINEVRA (plötzlich eksatisch):


Oh nein! – Es ist so süß, so wundersam, zu büßen ...

Ach, eine Wonne eig‘ner Art,

In Reu' dahinzusterben, ihm zu Füßen,

Zu fühlen, wie das Blut zu Eis erstarrt –



PIETRO:


Es ist nicht mein Geschmack!



GINEVRA:


Ah ... Das Entsetzen peitschet unsre Nerven

Und stachelt uns zu neuen Lüsten an,

Uns in der Sünde weichen Arm zu werfen,

In den unselig sel'gen Zauberbann!



PIETRO:


Als Stimulans laß ich sein Fluchen mir gefallen!



DIE ANDERE:


Wenn eines weichen Armes ihr bedürft –



GINEVRA (kokett abwehrend):


Ach, versteht's nicht so!

Ihr haltet mich für eine arge Sünderin –



PIETRO:


Für eine unserer schönsten –



ARRIGO:


– und liebsten –



PIETRO:


Und Gott verzeiht

Dem Sünder, der so heiß bereut!



ARRIGO:

(Ginerva einen Becher reichend)


Nun aber kommt, trinkt uns Bescheid!



GINEVRA (sehr lustig und animiert):


Was? Trinken ohne Gesang?

Wär' wie eine Glocke ohne Klang!

Schnelle, schnelle, (klatscht in die Hände)

Ritornelle!



ARRIGO (die Laute ergreifend):

(Das Abendrot verglimmt. Schwaches Vesperläuten.)


Ritornelle weiß ich eine Masse,

Geb' sie billig her zu jedem Preise,

Halte feil sie auf der off'nen Straße!



MASOLINO:


Ritornelle weiß ich, nicht zu zählen,

Schütte schönen Frauen sie zu Füßen,

Nach Belieben, bitte nur zu wählen!



SANDRO:


Ritornelle weiß ich unermessen,

Weiß von Euch die schönsten ohne Zweifel –

Aber leider hab' ich sie vergessen!



GINEVRA:


Blüte der Granaten!

Einen von Euch begehrt mein Herz,

Wer es ist, müßt ihr erraten.


ALESSIO:


Blüte der Linde!

Sagt, schöne Madonna, mir durch die Blume,

Wo ich heut' Abend Euch finde.



GINEVRA:


Blüte der Limone!

Fragt nicht so lang, fragt nicht so viel,

Ihr wißt ja doch, wo ich wohne!



ARRIGO:


Blüte der Nelken!

Ach, die Blume unserer Liebe,

Sagt, wie konnte sie welken?



GINEVRA:


Blüte der Resede!

Jammert mir nicht um entschwundene Liebe,

Einmal endet doch jede!



PIETRO:


Blüte der Primel!

Sankt Petrus ist, ach, seines Amtes entsetzt,

Denn Ihr vergebet den Himmel!


(Während der letzten Strophen ist Mona Lisa, vom linken Ufer kommend, langsam über die Brücke geschritten, gefolgt von einer Laienschwester. Sie trägt über ihrem Gewande einen leichten Mantel, einen Schleier auf dem Haupte, mitten auf die Stirne hängend, in der Hand langstielige weiße Blüten. Francesco ist ihr entgegen gegangen und kommt mit ihr zurück, ohne daß die anderen zunächst den Auftritt bemerken.)



FRANCESCO (im Gespräch mit ihr):


Arrigo brachte Mona Gina her ...



LISA (ruhig und sanft):


Nun ja ... und weiter ...?


(Sie erscheinen auf dem Balkon. Ihr Antlitz ist blaß und unbewegt, mit sanftem Ausdruck.)



FRANCESCO:


Wer gab dir die Blumen?



LISA:


Niemand gab sie mir –

Sie lagen auf dem Weg,

Meine Lieblingsblumen sind's:

Iris, weiße Iris!



FRANCESCO:


Du liebst die Irisblüten? Davon wußt' ich nichts.



LISA:


Woher auch solltest du?



FRANCESCO:


Sprachst du mit jemand unterwegs?



LISA:


Mit keinem sprach ich.



FRANCESCO (unruhig):


Sahst du jemand ...?



LISA:


Viele sah ich ...



FRANCESCO:


Ich meine – (da sie ihn groß ansieht, verstummt er, will den Arm um sie legen) Lisa ...



LISA:


Ich komme von der Beicht' ...



GINEVRA (ihr entgegen):


Oh, Mona Lisa!



LISA:


Mona Gina, ich grüße Euch!

Und auch Euch, Messeri ...



GINEVRA:


Ihr sahet nicht den Zug?



LISA:


In Camaldoli war ich ...


GINEVRA:


Wie kann die Beichte Euch Vergnügen machen,

Da Ihr doch nichts zu büßen habt?



LISA (sie groß ansehend):


Vergnügen ...?



GINEVRA:


Die Buß' hat doch nur Sinn,

Wenn wir gesündigt,

Daß sie vor neuen Sünden uns schaudern mache –

Dann erst, glaubt mir, hat man Genuß davon.


(Nimmt vom Tisch eine schöne Frucht.)


Wundervoll schmeckt diese Frucht!

Wie schad', daß sie zu essen keine Sünde –

Wie würd' sie dann erst munden!

Ich sage Euch:

Die Sünde ist die Würze jeder Lust!



LISA:


Ja?



GINEVRA:


Ach, Ihr seid kalt wie Schnee –



LISA (leise):


Vielleicht –



GINEVRA:


Doch ich vergaß,

Ich werd' erwartet bei den Palmieri.

Erlaubt, daß ich mein Haar in Ordnung bringe.



LISA:


Gewiß. Auf meinem Zimmer. (ruft) Piccarda!

(zu G.) Kommt! (Piccarda erscheint in der Türe)

Ihr Herr'n verzeiht! (mit Ginerva rechts ab.)



FRANCESCO

(blickt ihr nach; die andern Männer, außer Pietro, treten auf den Balkon und verschwinden, als draußen helles Lachen ertönt).



PIETRO (tritt zu ihm):


Was ist's mein Freund?

Nicht glücklich bist du

Und hast solch' schönes Weib ...



FRANCESCO (bitter):

Es ist darum.



PIETRO (erstaunt):


Du hast doch keinen Grund?



FRANCESCO:


Weiß ich das?



PIETRO:


Wenn du's nicht weißt, dann hast du keinen Grund.



FRANCESCO:


Ich kenn' sie nicht. Sie ist mir wie ein fremdes Wesen,

Ein Buch, indem ich nicht versteh' zu lesen ...



PIETRO:


Sag' mir, was ängstigt dich?



FRANCESCO:


Nichts – als ein Bild.



PIETRO (erstaunt):


Wie soll ich das verstehn?



FRANCESCO:


Du hast sie eben hier geseh'n;

Das marmorblasse, ruhige Gesicht ...



PIETRO:


Sie war wie stets. Ich kenn' sie anders nicht.



FRANCESCO:


Das ist's. Auch ich kenn' so sie jeden Tag:

Die Lippen ohne Lächeln, die Augen ohne Frag –

So still, so willenlos in jeglicher Bewegung,

Und in der klaren Stimme keine Regung.


(bitter)


Ja, ja – so ist es jeden Tag und – jede Nacht ...

Jedoch – sahst du ihr Bildnis je von Lionardos Hand?

Hier ist's verborgen, hier – an dieser Wand –



FRANCESCO

(zieht einen Vorhang zur Seite, worauf das bekannte Bildnis der Mona Lisa sichtbar wird).



PIETRO:


Wie wunder-, wunder-, wunderbar!

Zum sprechen! Zug für Zug, ja Haar um Haar!

Ein Meisterwerk. Und dieser Ausdruck – ah,

Dies holde, süße Lächeln ...



FRANCESCO (bitter):


Dieses Lächeln! Ja!


(Immer mehr und mehr in Erregung)


Der Blick, nicht wahr? Geheimnisvoll betörend ...

Und dieser Mund, wie lächelt er gewährend!

Mein Weib, das niemals lächelt, niemals bebt,

Ist wie ein Schatten – und dies Bildnis lebt!

So lächelt' Eva einst im Paradies,

So lächelt' Helena, Semiramis,

Bath-Seba und Kleopatra! –

So sinnberückend, rätselvoll –

So machtbewußt und so entzückend!

Ich muß das Rätsel ihres Lächelns lösen!



PIETRO:


Du kommst noch von Verstand – mich schreckt dein Wesen!



FRANCESCO:


Ich forsch' in ihren Zügen, prüfe ihre Mienen ...

Ich überhäufe sie mit Kostbarkeiten

Und sie bleibt still.

Ich küsse sie voll Glut und Leidenschaft

Und sie bleibt kalt.

Ich zeig' mich grausam auch zu Zeiten

Und sie bleibt stumm.

Immer dieselbe, ruhig gelassen

Mit dem Antlitz, dem kühlen, blassen ...

Ich muß das Rätsel ihres Lächelns wissen,

Und sollt' im Höllenfeuer ich es ewig büßen!



ARRIGO (vom Balkon hinunterrufend):


Ah, Messer Giovanni!


(Francesco läßt den Vorhang über das Bild fallen, faßt sich schnell, klatscht in die Hände. Diener kommen mit brennenden Fackeln, die sie in den an der Außenseite des Hauses, unterhalb der Fenster befindlichen Ringen befestigen. Sisto mit zwei brennenden Armleuchtern, die er auf der Tafel niederstellt.)


(Giovanni steigt die Stiege vom Lungarno herauf, im Reiterkostüm, jung und schön.)



GIOVANNI:


Ich komme spät, nicht wahr?



ARRIGO:


Was? Unser Florentiner Carneval?

Hattet ihr Vergnügen?



GIOVANNI:


Ja und nein.

Ich stürze mich in das Treiben hinein,

Aber die tolle Lustbarkeit

Hat mich heute nur mäßig erfreut ...

Weil ich –



ARRIGO UND SANDRO:


Aha! Aha! Aha!



GIOVANNI:


Was ihr gleich denkt!

Nur ein Paar Augen hab' ich geseh'n,

Unirdisch schön ...



ARRIGO:


Weiter nichts?



GIOVANNI:


Nur einen Blick.



ARRIGO:


Damit beginnt jedes Liebesglück.



GIOVANNI:


Und der Blick galt nicht einmal mir ...

Ja, blieb' ich hier –

Doch morgen früh reis' ich wieder nach Rom.



ARRIGO (spöttisch schmerzvoll):


Also addio, schönes Phantom!



GIOVANNI:


Ja, weiter war es nichts

Als das Phantom eines teuren Gesichts.


(resolut)


Nun zum Geschäft, Messer del Giocondo!

Die Perle für den heil'gen Vater –?



FRANCESCO:


Gleich sollt ihr sie seh'n.


(da er sieht, daß die Freunde ihre Mäntel anlegen wollen)


Gelüstet's Euch, ihr Freunde, meine Schätze

In Augenschein zu nehmen, also bleibt!



ARRIGO, SANDRO, MASOLINO:


Herzlich gern.



ALESSIO:


Du gönnst uns ja den Anblick just so selten

Wie den der schönen Mona Lisa, Deiner Frau.



FRANCESCO (finster, kurz):


Das ist was andres.


(Zieht eine lange goldene Kette aus dem Wams und entnimmt der an der Kette hängenden länglichen Kapsel aus Goldschmiedearbeit einen eigentümlich kunstvoll geformten Schlüssel. Tritt zu dem Wandschrank und zieht den Vorhang zurück.)


Nun wappnet eure Augen,

Daß Euch der Glanz nicht blende!

Der Papst zu Rom, der Doge von Venedig,

Die haben herrliche Juwelen,

Jedoch die schönsten Perlen, die hab' ich! – –

Für sie ersann ich – diesen Schrein.

Hier öffne ich die eine Türe ...


(er öffnet mittels des Schlüssels die erste Türe, dann manipuliert er am Schlosse der zweiten, die aufspringt).


Ein deutscher Meister hat das Schloß gefügt

Und nicht zu öffnen wüßte es ein anderer,

Noch fester aber schließt die zweite Tür

Durch eine Feder nur – jedoch – die zeig' ich nicht!



GIOVANNI:


Das ist auch nicht vonnöten.



FRANCESCO:


Durch diese beiden Türen dringt kein Hauch –

Ein lebend Wesen atmete drinn kaum eine Stund' ...

Die kleinen, grünen Fensterchen,

Erzeugen hier ein fahles Dämmerlicht

Wie in des Meeres Schoß.

Und in der engen Kammer, schaut,

Da ist ein Fach und in dem Fach ein Kästchen ...


(Er schließt mittels eines ebenfalls an der Kette hängenden kleineren Schlüssels eine Art Tresor auf.)



GIOVANNI:


Ein Kästchen? Wo?



FRANCESCO:


Das ist versenkt bis auf des Arno Grund –

Ein Arm des Stromes fließt unter dem Haus –

Mit einer Winde hol' ich's herauf –


(er dreht eine Kurbel, man hört Ketten rasseln)



GIOVANNI:


Ah, da ist es schon!



FRANCESCO (zu Arrigo):


Geh, bring' die Lichter her!



ARRIGO (holt den Armleuchter).



FRANCESCO:


(Er nimmt ein goldenes Kästchen aus dem Tresor, Arrigo leuchtet.)


Die Ketten hake ich nun los – – –

Nehmt ihr die winzigen Löcher wahr ...

Da ringsherum?

Da sickert immerzu das Wasser durch,

Umspült die Perlen, wie das Meer es tat ...


(Lisa und Ginevra von rechts. Lisa geht gleich nach dem Balkon und sieht herab. Ginerva bleibt in der Mitte. Francesco ist mit seinen Perlen am Tische beschäftigt.)



LISA:


Die Sänfte hält am Tor.


(Sie bleibt zurück im Dunkeln stehen.)



GINEVRA:


Lebt wohl, ihr Herr'n, ich gehe nun ...



ARRIGO (galant):


Wünscht ihr Begleitung?


GINEVRA (schnell):

Nein, danke, heut' nicht.



ARRIGO(vertraulich):


Aha, es harrt der Sünde weicher Arm ...



GINEVRA(ebenso lustig):


Erraten!


(Leise zu Arrigo, Giovanni bemerkend, der bei Francesco steht):

Wer ist das? Wer?

Beim Himmel, der ist schön!



ARRIGO

(lachend seinen Arm freimachend, leise):


Doch reißt er morgen früh zurück nach Rom.

Und heute seid ihr ja versorgt – mit Wonnen ...



GINEVRA:


Das hat Euch nicht zu kümmern ... stellt ihn vor.



ARRIGO:


Mona Ginevra ad Alta Rocca, die Venus von Florenz,

Verlangt nach Euch, Giovanni de Salviati!



GIOVANNI(sich tief verbeugend):


Der Venus meine Huldigung!


(Piccarda von rechts, Ginevras Mantel tragend. Ginevra nimmt ihr denselben ab, reicht in Giovanni, damit dieser ihr den um die Schultern lege.)



GINEVRA:


Ihr kommt von Rom ...?

Und bleibt heut' Abend nur ...?


(Im Gespräch nach rückwärts)

(Piccarda geht über den Balkon die Stiege nach dem Lungarno hinunter. Lisa zur Loggia.)



PIETRO (zu Sandro heiter):


Der fehlte noch in ihrer Sammlung.



PICCARDA (auf der Stiege zu Ginevra):


Eure Signoria –



ARRIGO:


Die Sänfte! das heißt, der Arm der Sünde ...



GINEVRA (leise zu Giovanni):


Ich seh' Euch also ...?



GIOVANNI (verlegen):


Madonna, wenn mir möglich ...



GINEVRA (komisch entrüstet):


Ich hoff', Messer, Euch ist noch alles möglich!



GIOVANNI (zu Francesco zurückkehrend):


Zu unseren Perlen endlich.



FRANCESCO

(während des Folgenden ganz von seiner Passion eingenommen):


Seht hier des Meeres wunderbarsten Schatz,

Der Nereïden kostbares Geschmeide,

Das sie zum wirbelnd wilden Wellentanz

In ihre feuchte Flatterlocken flechten,

Hört, wie mit leis' geheimnisvollem Rauschen

Die Silberkörner durch die Finger rieseln?

/ Entzückt Euch nicht der reine, matte Glanz

‖ Wie Mondesflimmern,

‖ Wie der Sterne Schimmern?

‖ Ich liebe sie, meine Perlen!



LISA (für sich allein):


‖ Um jede Perle starb die Muschel, die sie trug,

‖ Qualvollen Tod ...

‖ Wie um die Liebe, die es trägt,

‖ So manches Herz ...

‖ Gleich Tränen schimmern sie,

‖ Heimlichen Tränen,

‖ Die aus schlummerlosen Augen

‖ Heiße Sehnsucht preßt ...

\ Ich lieb' sie nicht, die Perlen!



FRANCESCO:


Seit zwanzig Jahren sammle ich die Perlen,

Wenn ich von einer höre, daß sie schön,

Reis' ich ihr nach und werb' um sie

Und trage sie an meinem Herzen heim.

Und wenn es gilt, von einer mich zu trennen,

So hab ich Kummer, sehne sie zurück ...

Wenn eine krank ward und den Glanz verlor,


(geheimnisvoll)


Weiß ich, was not ihr tut:

An einen warmen Körper sich zu schmiegen,

An einer weißen Brust zu liegen ...

Allabendlich leg' ich die schönsten Perlen

Um Hals und Busen meiner Mona Lisa ...

/ Sie nähret sie mit ihrem jungen Blut,

‖ Belebet sie mit ihres Herzens Glut,

‖ Ich liebe sie, meine Perlen!



LISA (wie vorhin):


‖ Mit meinem Herzblut nähr' ich seine Perlen!

‖ Ich fühl', wie sie am Mark mir saugen ...

‖ Die Seele mir vergiften!

‖ Gleich Stahl, so kalt

‖ Und klirrend wie geheime Ketten ...

‖ Krank bin ich selbst

\ Und weiß, was not mir tät'!


(Lisa schlägt fröstelnd ihren Schleier um die Schultern)



FRANCESCO (hält eine große Perle in die Höhe):


Dies ist die rosa Perle,

Die Seine Heiligkeit begehrt –

Fünftausend Golddukaten ist sie wert –



GIOVANNI:


Vollmacht hab' ich, jeden Preis

Bezahl' ich.



FRANCESCO:


Ja, ich weiß –

s' ist nicht um das ... Ich lieb' sie sehr!


(Die Freunde betrachten die Perle, die an einem feinen Kettchen hängt, gegen das Licht.)



ARRIGO:


Wundervoll ist sie ...



FRANCESCO:


Ein kleines mattes Flecken seh' ich eben ...

Da – erst morgen früh kann ich sie übergeben ...

Heut' Nacht soll Mona Lisa sie noch tragen.


(er legt die Perle in die grüne Schale)


Meerwasser von Marina di Pisa

Bringt mir allwöchentlich mein Marinar –

Drinn nimmt die Perle stets ihr letztes Bad ...


(Er schließt das Kästchen ab, trägt es zurück in den Tresor, den er ebenfalls schließt, die Türen jedoch bleiben geöffnet. Lisa kommt langsam, ruhig, geräuschlos zu Giovanni.)



GIOVANNI (leise, tonlos):


Fiordalisa ...



LISA (ebenso, ganz unbeweglich):


Giovanni de' Salviati ...


(Francesco wendet sich zurück und sieht die beiden, stutzt)


LISA

(ganz ruhig, da sie Francesco bemerkt):


Ich soll die rosa Perle heut' noch tragen?

So gebt sie mir, ich gehe jetzt zur Ruh ...


(Sie nimmt die Perle aus der Schale, wischt leicht mit ihrem Schleier darüber hin und legt dann die Kette um den Hals.)



FRANCESCO:


Warst du denn hier?



LISA:


Dort stand ich ja

Und kurz zuvor sprachst du mit mir.



FRANCESCO:


So, so – ja, ja – ich glaub', es ist schon spät.



ARRIGO:


Das heißt, wir sollen geh'n ...


(Die Herren nehmen ihre Mäntel, verbeugen sich vor Lisa und reichen Francesco die Hand.)



GIOVANNI:


Und meine Perle ...?



FRANCESCO:


Die bring' ich Euch beim ersten Hahnenschrei;

– Verlaßt Euch drauf.

Doch hätt' ich Lust,

Noch ein paar Schritte weit mit Euch zu geh'n ...

Der Wein war schwer ...

Ich lieb' es außerdem,

Allabendlich mein Haus selbst abzuschreiten –

Nur einmal den Lungarno auf und nieder. (Ruft):

Sisto! Meine Schlüssel!


(Sisto von rechts mit einer brennenden Fackel und einem Schlüsselbund.)



FRANCESCO (zu Giovanni):


Kommt ihr nicht mit?



GIOVANNI (ausweichend):


Ich hab' es näher über die Piazza –



FRANCESCO:


Das find' ich nicht ...



ARRIGO (leise zu Francesco):


Laß' ihn geh'n –

Madonna Gina wünscht ihn noch zu seh'n ...



FRANCESCO:


So?



ARRIGO (zu Giovanni):


Reiset denn mit Glück!



FRANCESCO (ebenso):


Auf morgen früh!


(Alle ab. Man hört rechts ein Tor schließen.)



LISA (allein, lauscht):


Er schließt das Tor nach dem Lungarno ...

Das andre ist noch offen ...


(Ein Windstoß läßt die Fackeln im Hintergrunde aufflammen, rötliche Strahlen schießen ins Zimmer. Giovanni steigt leise, vorsichtig die Stiege wieder empor, bleibt auf dem Boden stehen, späht vorsichtig ins Zimmer.)



GIOVANNI (sanft und leise):


Fiordalisa ...



LISA (ebenso):


Ja ...?



GIOVANNI:


Ich mußt' Euch nochmals seh'n,

Ich mußt' Euch sprechen ...

Und ihr, ihr müßt mich hören!



LISA:


Ja ... wir müssen ...



GIOVANNI:


Also waren's eure Augen doch, die heut' ich sah ...

Der holde Frühlingssonnenblick,

Der einstens meinen Lebensweg erhellt,

Und den ich dann im Dunkel dieser Welt

Vergeblich sucht' ...



LISA:


Auch mir strahlt' einst ein Licht,

Auch mir erlosch es jäh,

Auch mir flammt's wieder auf, da Euch ich seh' ...



GIOVANNI:


Und müssen so wir uns gegenüber steh'n?

Ich hört, daß ihr vermählt,

Doch wußt' ich nicht, an wen

Und wollt's nicht wissen!



LISA (leise, traurig):


Menschen sind wir, die den Pfad verloren,

Menschen sind wir, die zum Leid geboren –

Auf das Glück, ach, leistet ich schon längst Verzicht.



GIOVANNI (mit sanftem Vorwurf):


Warum habt ihr –?



LISA:

Oh fragt mich nicht!

Am Pfahl der Sehnsucht angebunden,

Verbrannt' mein Herz in stummer Qual –

Da jede Hoffnung mir entschwunden,


(gequält)


Wählte der Vater mir – den reichen Gemahl!


(leise)


Ich ahnte nicht, wie schwer zu dulden

Des Ungeliebten Lieb' – –!

O geht!

Nun büß' ich schmerzlich mein Verschulden,

Für alles and're ist's zu spät!



GIOVANNI (leidenschaftlich):


Nein! nicht zu spät, dieweil wir leben,

Die Herzen glüh'n, die Pulse beben!

Und trennten uns der Hölle Flammen.

Ein Wunder führte uns zusammen!



LISA:


Ein Wunder ...?



GIOVANNI (kraftvoll):


Ich brauche nicht des Himmels Zauberkraft,

Weil meine Liebe selbst dies Wunder schafft!

Mit starker Hand lös' ich aus dunklem Bann,

Zu lichten Höh'n trag' ich dein Herz hinan!



LISA

(sich ihm entwindend, ängstlich):


Nein! – – nein! – –



GIOVANNI

(hastig, drängend, leidenschaftlich):


Er bringt mir die Perle, du hörtest es ja,

Zur Frühmesse gehst du nach San Trinità –



LISA:


Vannino! – Vannino!



GIOVANNI:


Am Tore harrt ein Wagen, dein Liebster darin,

Ins Land unserer Sehnsucht wollen wir flieh'n –

Auf einsamen Wegen,

Der Freiheit entgegen!

Weit von hier, in fremder Ferne,

Strahlen unserer Liebe Sterne!



LISA:


/ Träume ich, Liebster, so wecke mich nicht!

‖ Lass' meinem Dunkel den Schimmer von Licht!

‖ Oder ist's Wahrheit? – Du lösest den Bann?

‖ Trägst meine Seele zum Glück hinan?!



GIOVANNI (gleichzeitig):


‖ Das Schicksal, das grausame, wende ich,

\ Den Zwang, den verhaßten, ende ich!



BEIDE:


Auf einsamen Wegen

Der Freiheit entgegen!

Weit von hier, in fremder Ferne,

Strahlen unsrer Liebe Sterne!



LISA

(schrickt plötzlich zusammen):


Um Gott – das Tor – sein Schritt!

Schnell in die Loggia hier!

Dann, während er verweilt,

Die Treppe dort hinab –

Das Tor nach der Piazza ist noch offen –

Ich tracht' ihn abzulenken.



GIOVANNI (hastig flüsternd):


Wirst du mir folgen ... morgen ...?



LISA (ebenso, tieftraurig):


Es geht nicht, Liebster ...


GIOVANNI

(kehrt um und greift nach dem Degen):


Nicht –?!



LISA

(schnell um ihn fortzubringen):


Ja doch, ja!

Bei Santa Trinità!


GIOVANNI

(verschwindet in der Loggia)



LISA:


Er hat die Kraft, ja er!

Doch ich bin schwach,

Mir fehlt der Mut zum Glück,

Der Mut zu neuem Leben! (resigniert)

Ich bleib' in meinem Joch – –


(Pause)


Aber schön war es doch,

Was diese Stunde mir gegeben:

Die alte Zeit bracht' sie zurück,

Mein totes Herz ward wieder wach ...

Nimmer gäb' ich die Stunde her!

Was jetzt auch kommt,

In Not und Schmach

Der Liebe Ruf hallt in mir nach!



FRANCESCO (über den Balkon):


Sprach hier jemand? – Ah – du bist noch hier?


(gewahrt Lisa, die in Gedanken versunken, selig vor sich hinlächelt, steht).

(für sich)


Wie in dem Flackerschein ihr Antlitz leuchtet,

Als wär's von innrer Glut entflammt'

Was ist ...? Sie lächelt ...?

(leise)

Da ist es, jenes rätselhaft

Geheimnisvolle Lächeln ...

's ist wie ein klares, tiefes Wasser,

Dess' Grund man nie erspäht! ...

Was hat sie so gewandelt?

Was spricht aus ihren Augen?

Was ging hier vor?



LISA

(zuckt plötzlich zusammen unter dem Blick der forschenden Augen):


Komm, wir wollen geh'n ...



FRANCESCO (für sich):


Nun hat sie ihre Maske wieder ...


(laut)


Das andere Tor, nach der Piazza,

Muß ich noch verwahren ...



LISA:


Lass', der Diener soll ...



FRANCESCO:


Es ist wohl besser, wenn's der Herr besorgt.

Im Carneval gilt's Vorsicht!



LISA:


Mach' dir nicht die Müh' ...



FRANCESCO (forciert, lachend):


Gottlob, ich bin nicht siech.


(Er geht auf den Balkon, als ob er die Stiege nach der Pizza hinabsteigen wollte, geht ein paar Stufen, duckt sich am Geländer und rasselt mit den Schlüsseln in der Luft.)



LISA (schnell zur Loggia, leise):


Er sperrt das Tor ...

Nun rasch – hier, durch den Gang –

Verbergt Euch in der Nische rechter Hand –

Piccarda läßt Euch dann durch ihre Kammer

Die Stiege nach dem Hof hinab.



GIOVANNI (eilt über die Bühne, hastig):


Und morgen früh ...?



LISA (drängend):


Ja, ja, nur fort ...


(er kommt an ihr vorbei und preßt sie einen Augenblick in seine Arme, küßt sie. Sie umklammert ihn eine Sekunde lang in der tödlichen Angst, ihn für immer zu verlieren, verzweifelnd hauchend):


Giovanni ... fort ...


(Im selben Augenblick lauscht auf dem Balkon Francesco auf; er sieht die beiden einander in den Armen liegen – verschwindet er wieder und ruft, gleichsam von unten herauf.)



FRANCESCO:


Die ganze Stiege ist voll Blumen!


(er wirft eine Handvoll Blumen ins Zimmer)



GIOVANNI


(hat Lisa aus seinen Armen gelassen, bei Francescos Ruf flüchtet er zunächst hinter einen der Gobelin-Vorhänge. Abermals läßt ein Windstoß die Fackeln aufflammen, ein flackernder Schein huscht über Lisa und die roten Blumen auf der Erde).



LISA (erschauernd, leise):


Blut?! – Nein, nur die roten Blumen sind's,

Die Blumen des Bösen ...


(schwach)


Komm' endlich, Francesco –



FRANCESCO

(der nicht weiß, wo Giovanni sich verborgen hat, blickt im Zimmer umher, zu Lisa spielerisch):


»Endlich!« Wie du das sagst –

So sehnsuchtsvoll – begehrend –

Und wie du lieblich doch erröten kannst

Madonna! ...

Ganz wie ein junges, unschuldvolles Mädchen!



LISA

(bebend in schamvoller Verwirrung):


Ich bitte, komm' – bitte, komm' –



FRANCESCO

(mit gespielter Zärtlichkeit):


Ja doch.. ich komm' ... die Nacht ist ja noch lang ...

Erst nur die Fenster zu ...



LISA:


Die Fenster? Nein! Weshalb?



FRANCESCO:


Weil sich ein scharfer Wind erhebt!

Sieh', wie die Fackeln flammen ...


(Er schließt die Tür zur Loggia, dann ein Fenster nach dem andern, dann die Balkontüre. Lisa wirft verzweiflungsvolle Blicke nach Giovanni, der mehrmals den Versuch macht, die Türe zu gewinnen.)



FRANCESCO

(mit gespielter Ruhe):


So ... erst dieses hier ... dann dies ...

Brrr ... wie die Fackeln schwelen ...

Nun hab' ich mir fürwahr die Hand verbrannt ...


(für sich)


Wo steckt er nur? – Dort sicherlich ...

Auch da nicht ...?


(er blickt nach der anderen Seite und faßt die Türe ins Auge, dann):

Aha, nun weiß ich auch, weshalb es hier so zieht!


Die Türe schließt schlecht ...


(er öffnet die Tür, späht in den Gang und schließt die Tür wieder)


Vom Hofe weht's ... (sperrt ab)



LISA

(in steigernder Erregung):


Wozu denn die?

Wir müssen doch hier durch ins Schlafgemach ...

Es ist auch höchste Zeit ...



FRANCESCO (wieder scherzend):


Lisotta, hör',

Solch leidenschaftlich Begehren

Taugt für die Ehe nicht!

Du hast mich ja fürs Leben – und jede Nacht!



LISA (beschwörend):


Francesco!



FRANCESCO (für sich kalt):


Ah – das quält sie – vor dem Buhlen –


(er geht nach dem Schranke).



LISA (in tödlicher Angst):

Was willst du noch?



FRANCESCO (ruhig):


Der Vorhang hängt so schief –

Du weißt, ich bin genau ...


(Er geht zum Schrank, schiebt den Vorhang ein paarmal hin und her, dann schlägt er ihn einen Ruck auseinander. Man sieht die geschlossene Außentür des Kastens.)



LISA UND FRANCESCO

(für sich):

Er ist im Schrein!


(Pause)


FRANCESCO

(nimmt das Licht vom Tisch und geht nach der rückwärtigen Tür):


Jetzt lass' uns geh'n ...


(Mona Lisa folgt ihm bebend. – An der Schwelle wendet sich Francesco plötzlich zurück)


Ihr Weiber macht uns Männer doch zu Narren –



LISA (erschrocken):


Wie meinst du?


FRANCESCO:


Die Liebessehnsucht meiner schönen Frau zu stillen

Hätt' ich beinah' vergessen,

Den Kasten abzuschließen –



LISA (schrickt zusammen)



FRANCESCO:


Den Perlenkasten – meinen heil'gen Schrein ...

Merkst du es nun, wie arg verliebt ich bin?



LISA (zitternd, hält ihn zurück):


Er ist versperrt!



FRANCESCO:

Nein, nein, er ist es nicht,

Die Klinke schnappt' ich einfach ein,

Und jeder könnte da heraus, herein.



LISA:


Wer sollte wohl?



FRANCESCO:


Je nun, wer kann das wissen?

Bedenk', mein ganzer Reichtum ist darin.


(Er tritt an den Schrank.)



LISA (außer sich, stammelnd):


Francesco ... Francesco ...


FRANCESCO

(ruhig, ohne sich umzuwenden):


Nun, was soll's?


(Er schließt die innere Tür und versperrt dann die äußere mit dem Schlüssel, den er samt der Kapsel auf seiner Brust verwahrt.)



LISA (außer sich, fast aufschreiend):


Francesco ...! Francesco ...!


FRANCESCO

(tritt schnell zu ihr, zieht einen Dolch aus dem Gürtel und hält ihn ihr entgegen, sie mit Blicken bannend, in leichtem scharfen Ton):


Sahst du schon den Toledaner Dolch,

Den dieser Tage ich erstand?



LISA

(schreckt zurück und sinkt kraftlos auf das Ruhebett).



FRANCESCO

(mit dem Dolche weiter spielend):


Der schöne, eingelegte Griff ...

Kannst du die Inschrift lesen?



LISA (tonlos):


Ich sehe nicht ...


FRANCESCO

(nimmt das Licht und leuchtet mit der linken, während er ihr mit der Rechten den Dolch fast an die Brust setzt, scharf, befehlend):


Lies!



LISA

(leise, stockend, liest):


»Ich räche den Verrat an Lieb' und Ehre ...«



FRANCESCO:


»Ich räche den Verrat an Lieb' und Ehre ...«

Ein wundervoller Spruch!

Der Jude sagte mir,

Den Dolch hätt' einst ein Grande sich bestellt,

Um seines Weibes Treubruch zu ahnden.


(Lisa sinkt in die Kissen zurück.)

(Gleichzeitig galoppiert an den Fenstern im Hintergrunde ein Trupp von Reitern, von Fackelträgern begleitet, vorüber. Man hört Pferdegetrappel, helles Gelächter. Später Lautenklang und Gesang von der Treppe.)



LISA (fährt auf).



FRANCESCO (scherzend):


Warum so schreckhaft?

Ein Liebesabenteuer, weiter nichts!

Die laue Nacht ist ja geschaffen

Für der Liebe Freuden!


(Draußen Geigen und Lautenspiel.)


Nun, sagt ich's nicht?

Da schmachtet schon der sangeskund'ge Ritter

Sein Liebchen an.


(Er öffnet die Balkontüre und sieht nach der mondbeschienenen Piazza hinüber.)


's ist drüben bei den Aliprandi,

Und Mona Rita gilt die Serenade,

Der holden, – keuschen Frau!

– – Höre nur! – –



(Hinter der Szene erklingt, von Arrigo gesungen, ein MADRIGAL (nach dem Liede des Jacopo Sannazaro))



ARRIGOS STIMME:


»Wenn, o geliebtes Kind, ein weißer Schleier

Dein schönes Auge neidisch mir entzieht,

Dann bebt's wie heißer Frost in meinem Herzen« –

Ich fühle sinnlos, wie ein kaltes Feuer

Verzehrend mir in Mark und Knochen glüht,

Und meine Seele lechzt in süßen Schmerzen –

So leb' ich sterbend – doch mit jenen Pfeilen,

Die mich verwundet, könntest du mich heilen!



LISA (zugleich angstvoll):


Mein Gott, er ist im Schranke eingeschlossen!

Er stirbt, verschmachtet – wie befrei' ich ihn?

Nicht um mein armes Leben zitt're ich –

Um seins! Denn trifft er ihn, ist er verloren!

Was tu' ich ich nur? Was tu' ich? Großer Gott?



FRANCESCO:


's ist Sannazaros zärtlich Madrigal:

»Wenn, o geliebtes Kind, ein weißer Schleier

Dein schönes Auge neidisch mir entzieht,

Dann bebt's wie heißer Frost in meinem Herzen« –

Der Mann versteht sich auf die Liebe – traun!


(kommt langsam nach vorne zu Lisa):

Denn also geht es mir: Ich hasse diese Hüllen,

Die deine Reize neidisch mir verbergen!


(Er reißt ihr den Schleier ab.)



LISA:


Francesco, was tust du?



FRANCESCO (leidenschaftlich):


Das Liebeslied hat mir das Blut entflammt,

In das den Funken du geworfen

Mit deinem Lockruf: »Komm' doch, komm' doch endlich!«

Wie schön du bist, Fiordalisa!


(Er umschlingt sie und blickt höhnisch nach dem Schrank.)


Und mein bist du! In meiner starken Hand!

Weg mit dem puritanischen Gewand!



LISA (springt auf):


Nein! Nein!



FRANCESCO:


Ich liebe es, wenn sich die Frauen wehren,

Du weißt es gut, das steigert mein Begehren ...

So still ist's um uns her ... mit süßem Schall

Umsäuselt uns das Liebesmadrigal!

Nur ist's zu düster hier! Ich will dich seh'n,

Wenn in der Liebe Lust die Sinne dir vergeh'n ...


(Er nimmt vom Mitteltisch die Kerze und zündet die Lichter des Armleuchters an.)



LISA

(für sich mit starrer Entschlossenheit):


Einerlei, was wird! Befreien muß ich ihn!

(Laut): Francesco, höre mich!



FRANCESCO

(umschlingt sie wieder):


Nichts hören will ich jetzt als Liebesflüstern.

Wie deine seidenweichen Haare knistern ...


(Lisa greift in plötzlicher Eingebung nach dem Dolch. Francesco entwindet ihr die Waffe blitzschnell und steckt sie dann leicht ein.)



FRANCESCO:


Ah, drückt dich die Klinge?

Erlaub', daß ich sie in Verwahrung bringe ...



LISA:


Francesco, töte mich! Ich flehe dich darum!



FRANCESCO:


Nein, leben sollst du!

Mir zur Lust!

Und meinem Willen ganz ergeben,

Sollst du leben!



GIOVANNIS STIMME

(mit wilder Entschlossenheit):


Öffnet mir!



LISA (außer sich):

Man ruft!



FRANCESCO

(durch Lachen die Stimme übertönend):


's ist niemand hier – 's war auf dem Platz! –



LISA (sinkt zu seinen Füßen):


Francesco, hab' Erbarmen!



FRANCESCO

(mit gespielter Leidenschaft):


Sprich, meine schöne Lisa, liebst du mich?



LISA (stöhnt auf).



FRANCESCO:


Wenn du jetzt folgsam bist, wie sich's gehört,

Sei eine große Bitte dir gewährt!



LISA:


Ja? Ja?


FRANCESCO:


Gewiß, du hast dann nur zu wählen ...

Sag: Ich liebe dich, Francesco!



LISA (zögert).



GIOVANNIS STIMME:


Du Satan! Öffnet mir!



LISA (in Verzweiflung):


O Gott! (schnell, wild) Ich liebe dich!



FRANCESCO (höhnisch):


Ja, das weiß ich wohl!


(wie vorhin)


Sag‘: Francesco, ich bin dein!



GIOVANNIS STIMME:


Ah!



LISA:


Hahaha! Francesco, ich bin dein!



FRANCESCO:


Küsse mich! – – – Ah, du saugst das Blut mir aus dem Herzen – –

Nun sprich, du Hexe, was soll ich gewähren?



LISA:


Was – was ich will? Vielleicht ist's sonderbar ...

Allein ich fleh' dich an – den Schlüssel zu dem Schrank –



FRANCESCO:


Ah, weil du denkst, die Perlen sind mir werter

Als meine Frau?



LISA (schnell, atemlos):


Ja, ja!



FRANCESCO (forciert lachend):


O eifersücht'ge Weiber!

Den Schlüssel willst du? Weiter nichts?



LISA (inbrünstig):


Ich bitt' dich d'rum!



FRANCESCO

(nimmt den Schlüssel, nestelt ihn von der Kette):


Da ist er!


(Lautes Gelächter hinter der Szene. Die Reiter reiten nun wieder zurück.)


Daß ich nur diesen einen Schlüssel habe,

Das weißt du wohl, nicht wahr?



LISA:


Ja ... ich weiß ... ich weiß ...



FRANCESCO:


So höre:


(er geht auf den Balkon, bleibt in der Türe stehen)


Den einz'gen Schlüssel, der hier in meiner Hand ruht –

Um dir Beweise meiner Lieb' zu geben – –


(stark)


Den – – werf' ich jetzo in des Arno Flut

Und nur Najaden wüßten ihn zu heben!


(Er wirf den Schlüssel in weitem Bogen vom Balkon in den Fluß.)



LISA

(schreit gellend auf und wirft sich hintüber auf das Ruhebett).



FRANCESCO (zu Lisa zurückkehrend):


Für mein Liebesopfer

Nur den süßen Lohn!

Schöne Mona Lisa,

Schling' deine weißen Arme um mich,

Lass' aus deinem trunkenen Blick

Den Rausch der Lieb' mich schlürfen!


(Er reißt sie an seine Brust, sie lacht leise, wie irre.)



PICCARDAS UND ARRIGOS STIMMEN

(ganz leise aus der Ferne):


Jugend ist so hold und süß,

Schnell entflieht die Zeit –

Wer fröhlich sein will, sei es heut',

Das »Morgen« ist ja ungewiß!



FRANCESCO

(hört wie berauscht auf das Lied, enthüllt dann das Bild Mona Lisas, starrt erst dieses, dann sie selbst wie entgeistert an. Während er sie wieder in seine Arme nimmt, versucht sie in höchster Not zu lächeln, sinkt dann, während der Vorhang fällt, ohnmächtig vor dem Ruhebette zusammen):


Lächle, schöne Mona Lisa,

Dein strahlendes Lächeln,

Das einst Lionardo entzückt!

So lächelt' Eva einst im Paradies,

So lächelt' Helena, Semiramis,

Bath – Seba und Kleopatra!

So sinnbetörend, rätselvoll.

So hinreißend, – hold gewährend – – –

Lächle, schöne Mona Lisa!


(Der Vorhang fällt.)


Zweiter Akt



Am nächsten Morgen

(Aschermittwoch)


Dieselbe Dekoration.


Die Fenster sind geschlossen, nur die Balkontür ist, wie zu Ende des ersten Aktes, geöffnet. Das Bild Mona Lisas ist wieder verhüllt. Ein fahles, graues Morgenlicht fällt in das verdunkelte Gemach. Die Kerzen des Armleuchters sind bis auf eine erloschen.

Von der Kirche Santa Trinità klingt zitternd das Glöckchen, das zur Frühmesse ruft. Da und dort fallen andere Glocken ein, von nah und ferne, darunter auch dumpf und schwer die große Glocke des Doms.

Über die Brücke hinüber und herüber gehen Leute zumeist Frauen mit Gebetbüchern und das Haupt in graue Schleier gehüllt.

Lisa liegt auf der Erde, neben dem Ruhebett, durch eine Decke verborgen.

Die Bühne bleibt zunächst leer.




DIANORA

(bleibt an der Tür stehen und sieht ins Zimmer herein).



PICCARDA (hinter ihr auftretend):


Nichts regt sich im Zimmer Mona Lisas.

Ich pochte – keine Antwort.



DIANORA:


Und sie versprach mir doch,

Zur Aschermittwochsmess' mit mir zu geh'n ...

Sollt mit dem Vater sie ...?



PICCARDA:


Den Domine hört' ich vor Tau und Tag

Die Tore öffnen und das Haus verlassen.



DIANORA:


Wie düster es hier ist, wie still, wie kalt ...

Geh, öffne doch die Fenster –


(auf die letzte, im Verlöschen begriffene Kerze deutend)


Und ich lösch das Licht.

Gleich einem Armesünderflämmchen flackert es,

Es kann nicht leben und es kann nicht sterben.


(Sie löscht das Licht, ohne Lisa zu bemerken.)



PICCARDA

(hat die Fenster geöffnet, sieht nach dem Platz):


Welch trüber Tag! Ein rechter Aschermittwoch.



DIANORA:


Komm', Piccarda! Wir gehen dieweil den Lungarno hinab

Und seh'n nach meinem neuen Boot,

Ob's nicht vielleicht ein übermüt'ger Junge

In Faschingslaune von der Kette löste ...


(Sie gehen auf den Balkon. Dianora nimmt aus einer Vase einen Rosmarinstrauch und betrachtet ihn verträumt, wie unwillkürlich ein Liedchen anstimmend; schließlich gehen sie langsam über die Stiege rechts nach dem Lungarno.)



DIANORA:


Grüner, grüner, blaublühender Rosmarin,

Wie gehen die Tage meiner Jugend hin?


Wie die Blätter an deinem Strauch,

Gleichet ein Tag dem andern auch.


Grüner, grüner, blaublühender Rosmarin,

Warum ist so sehnsuchtsschwer mir der Sinn?


Wie deine Blüten drängen ans Sonnenlicht,

Such' ich die Lieb', die Lieb' – und find' sie nicht.


(Piccarda setzt mit der zweiten Stimme ein)


Grüner, grüner, blaublühender Rosmarin,

Sag', was trag' ich in meinem Herzen drinn?


Wie dein Gezweig das Nest der Amsel trägt,

Also mein Herz getreu das Bild des Liebsten hegt.


(Verhallend)


Grüner, grüner, blaublühender Rosmarin – –


(Das Frühmetteläuten hatte ausgesetzt und beginnt nun wieder.)



LISA

(seufzt tief auf, regt sich und stöhnt. Dann richtet sie sich halb auf und blickt verwirrt umher):


Was ist ... ach so ... zur Messe läuten sie ...

Wie müd' bin ich ... wie müd' ... wie müde ...

Er ist nicht da ... er ist schon auf ... ach, Gott sei Dank ...

Die fürchterliche Nacht! Solch' schauerlicher Traum.

Wie gut ist's, zu erwachen und zu seh'n,

Daß es nichts weiter war – als nur ein Traum.


(Sie bleibt einige Augenblicke regungslos, dann zuckt sie zusammen.)


Ich weiß nicht, wie mir ist ...


(ihr Blick fällt auf den Schrein, entsetzt, leise)


Da ... da ...

Das war ja doch kein Traum ... das ist gescheh'n!


(springt auf)


Gott! Gott! Jetzt kehren mir die Sinne wieder!

Das ist gescheh'n! In Wirklichkeit gescheh'n!


(Verzweifelt)


Ich hab' geschlafen! Ich – ich hab' geschlafen,

Ließ ungenützt die Stunden vergeh'n

Und tat nichts, ihn zu retten ...?

Den Schlüssel ... den Schlüssel ...


(besinnt sich)


Ah ... der ist im Fluß!

Ich war gelähmt vor Schrecken und Entsetzen ...

Ich tat nichts, ihn zu retten, tat nichts!!

Befreien muß ich ihn –

Alles andere gilt mir gleich –

Befreien –


(sie stürzt an den Schrein, pocht)


Giovanni! Giovanni! Höre mich!

Hör' mich ... Giovanni! Giovanni!


(außer sich)


Ich bin's – ich Fiordalisa!

Nur einen Augenblick Geduld noch – –

Ich hole Leute, schlag' die Türe ein.


(sie rüttelt mit übermenschlicher Kraft an der Tür)


Giovanni! – –

Vannino! – –

Hörst du mich nicht?

Giovanni, gib mir Antwort, um Himmelswillen!

Ruft er nicht?

Giovanni!! –

Rührt sich nichts?


(verzweifelnd schluchzend)


Vannino!

Mein Vannino!

Gott, sei barmherzig!

Giovanni – hörst du mich?


(Von der Kirche drüben leise ein Frauenchor.)



CHOR:


Confixa clavis viscera,

Tendens manus vestigia,

Redemptionis gratia

Hic immolata est Hostia ...



LISA

(indessen am Schrank in die Knie sinkend, verzweifelt):


Vannino, ein Wort nur, ich flehe dich an!

Ein Wort nur, ein einziges Wort!


(lauscht)


Nichts – –

Ich bin bereit, zu folgen dir,

Wohin du willst – – jetzt hab' ich Mut!

In Ewigkeit lass' ich dich nicht, Vannino!!

Nichts – – alles still – – wie im Grab – – –


(tonlos, gebrochen)


Er ist tot – – – er ist tot – – –

Giovanni ...!

Tot – tot – – tot – – –


(Sie sinkt wie gebrochen zusammen und weint. Dann rutscht sie auf den Knien mühsam ein paar Schritte fort, erhebt sich schwer, starrt vor sich hin mit irren, hilflosen Augen.)



FRAUEN-CHOR

(aus der fernen Kirche, gleichzeitig):


O Crux benedicta,

Quae sola foisti digna

Portare Regem Coelorum

Et Dominum


(verklingend)


Alleluia!



DIANORA (erscheint auf dem Balkon):


Es wird schon spät –

Ich wecke sie –


(erblickt Lisa)


Mammina, du bist hier?



LISA:


Wer ruft mich?



DIANORA

(erstaunt über ihr Erschrecken):


Nun, ich! 's ist hohe Zeit!



LISA:


Wozu?


DIANORA:


Mein Gott, zur Aschermittwochsmesse –

Ich wart' schon lange,

Erging mich am Lungarno mittlerweile – –

Und sieh nur, was ich fand in meinem Boot?

Solch' sonderbaren Schlüssel,

Ganz ähnlich dem, wie Vater ihn besitzt

Zum Perlenschrein.



LISA:


Den Schlüssel zum Perlenschrein, sagst du?



DIANORA

(über sie erstaunt):


Ich sagt', er sei ihm ähnlich. (Zeigt den Schlüssel.)



LISA (außer sich):


Wo fand'st du ihn?



DIANORA:


In meinem neuen Boot,

Das, wie du weißt, dort unt' – (zeigt nach rechts) verankert liegt!



LISA (unterbricht sie):


Den Schlüssel bringst du? Bringst den Schlüssel?



DIANORA (betreten):


Ja, ja –


LISA

(in steigender Erregung):


Und bringst ihn mir?



DIANORA (wie oben):


Gewiß, wenn du ihn willst – –



LISA (außer sich):


Ob ich ihn will? Ob ich ihn will?



DIANORA

(ängstlich und zärtlich):


Ach, Mütterchen, was ist –?



LISA:


Nichts, Töchterchen ... geh' nun zur Messe ... geh'!

Und bet' für mich.



DIANORA:


Du kommst nicht mit?



LISA:


Später komm' ich ...

Zur Predigt ... in den Dom ...



DIANORA:


Nach Santa Maria del Fior!?

Zu Fra Girolamo?



LISA

(drängt sie gegen die Balkontür):


Ja, ja – ich komm' ...



DIANORA (ab).



LISA (allein, schmerzlich):


Er fiel ins Boot ...

Ich brauchte ein paar Schritte zu geh'n

Hätte ihn gefunden!

Und jetzt ...?

Ich bebe ... mir fehlt die Kraft,

Die Tür zu öffnen ...


(sie nähert sich zögernd dem Schrein)


Giovanni!


(sie öffnet endlich zögernd die erste Tür und lauscht)


Nichts – – –


(pocht zaghaft an)


Giovanni! – Giovanni!

Hier ist die Feder – – und ich kenn den Griff – –

Doch ich kann nicht! Kann nicht!

Ich weiß ja, daß er tot – –


(Sie wirft die erste Tür wieder zu und bleibt, schwer atmend, mit dem Rücken an den Türpfosten gelehnt, stehen. Schritte auf der Stiege zum Balkon.)



LISA:


Er!


(Sie verbirgt schnell den Schlüssel und wankt nach vorn):

Er!


(Sie flieht in sinnloser Angst über die Bühne zum Balkon.)



FRANCESCO

(tritt totenblaß und verstört in den Saal von rückwärts):


Sie ist nicht hier?


(Er sieht Lisa auf dem Balkon):

Lisa!



LISA (steht unbeweglich).



FRANCESCO (unruhig):


Was tust du dort?



LISA:


Ich schaue – nach – dem Platz –



FRANCESCO (für sich):


Ich dachte, in Verzweiflung sie zu finden,

Und sie »schaut nach dem Platz ...?«


(Laut):

Ein trüber Tag ... ich bin schon zeitig fort –

Bei Messer Salviati war ich – –

Die Perle ihm zu bringen.



LISA (greift nach ihrem Halse).



FRANCESCO (ihre Bewegung gewahrend):


Ich nahm sie dir des Nachts.

Doch er – war nicht daheim – –

Ein Liebesabenteuer

Hat ihn wohl festgehalten –


(höhnisch)


Vielleicht auch ließ er sich in einen Handel ein,

Der schlecht für ihn verlief ...?

Der schöne Salviati!


(haßerfüllt)


Der schöne glatte Schurke! –

Kurzum, er kam nicht heim.


(Lisa wendet ihr schmerzvoll verzerrtes Antlitz ab; im nächsten Augenblick ist ihr Antlitz verwandelt, sie scheint zu lächeln und nähert sich langsam Francesco.)


Sie lächelt ...?



LISA (mit ruhiger, klarer Stimme):


Sieh, was ich hier habe. (Zeigt den Schlüssel.)



FRANCESCO:


Das ist ja – mein Schlüssel ...?



LISA (in selben ruhigen Ton):


Ja – zu dem Perlenschrein.



FRANCESCO:


Unmöglich! Den warf ich selbst –



LISA:


In den Arno wohl – doch fiel er

In Dianoras Boot – man bracht' ihn mir ...



FRANCESCO (außer sich):


Wann? Wann?



LISA:


Nun – ganz kurz nachdem du mich verlassen hast.



FRANCESCO:


Wer brachte ihn?


LISA (immer gleich):


Das Mädchen – – Piccarda –

Spät kam sie heim – es war ja Carneval! – –



FRANCESCO (für sich):


So hat sie ihn befreit? So lebt er noch?

Darum lächelt sie so höhnisch?


(herrscht sie an)


Gib den Schlüssel!



LISA (ganz ruhig):


Ja doch. Mir ist er nicht von Wert,

Du weißt, ich frag' nicht viel nach deinen Perlen.

Und eben fällt mir ein,

Ich hab' heut' Nacht die Schnüre nicht getragen,

Die für Madonna Borgia bestimmt.

Gib sie heraus, ich lege sie gleich an,

Daß sie an Glanz gewinnen.


FRANCESCO

(keuchend vor Wut, beiseite):


Er lebt! Er lebt!



LISA:


Was zögerst du?

So gib mir doch die Perlen.


(Er sieht sie mit loderndem Blick an, sie lächelt sanft und wendet sich ab.)



FRANCESCO:


Ich bin ganz irre an der Welt – an mir –

Wie war's denn nur?

War er vielleicht – gar nicht dort drinn?

Ich sah ihn doch ...

Wie? Nein, ich sah ihn nicht ...

Hat mich die Eifersucht genarrt,

War ich vom Wein benommen?

War's eine Täuschung?

Könnt' sie so lächeln, unschuldvoll und sanft,

Wenn ich ihr das getan? – Ich bin ganz irre –



LISA

(sich langsam wieder zu ihm wendend):


Nun?



FRANCESCO:


Ja, ja, die Perlen der Lukretia

Ich – hole sie –


(Er geht an den Schrank, sperrt zögernd die erste Tür auf, zögert wieder.)



LISA

(kommt langsam ihm nach).



FRANCESCO

(zaudert, die zweite Tür zu öffnen, wendet sich um, sieht Lisa mit sanftem Lächeln hinter sich stehen. Da drückt er auf die Feder, die Innentür springt auf, er prallt im nächsten Augenblick zurück):


Ah!!



LISA

(plötzlich dämonisch, mit suggestiver Kraft):


Was siehst du? Schlich sich ein Schurke ein?

So faß' ihn, sonst raubt er dir die Perlen.


(Francesco springt wie rasend mit einem Aufschrei in den Schrank. Lisa ist mit einem Spring an dem Schrank, schlägt die Innentüre krachend zu, dann die Außentüre, dreht den Schlüssel im Schloß um und zieht ihn ab, wirft sich mit dem ganzen Körper gegen die Türe.)



FRANCESCO'S STIMME:


Lisa! Lisa!


LISA

(wie von Sinnen, sich vor Grauen schüttelnd, mit gellendem Lachen):


So! so! Hab' ich dich!

So! so! Halt ich dich!

Hahahahahaha!


Nur einen Augenblick genoß ich ein Glück,

Und du straftest mich mit der Hölle Qualen

Jetzt geb' ich zehnfach sie dir zurück,

Jetzt sollst du zehnfach mir bezahlen!

Hat dich mein Lächeln berückt?

Bist in die Falle gegangen?

Ist mir der Fang geglückt?

Hab' ich dich gefangen?


(Lisa lacht gellend)


Hahahahahaha!


Den Teufel hast du in mir geweckt,

Den Dämon hast du beschworen,

Der in jedem Weibe steckt,

Der mit dem ersten Weib geboren!

Hast mich gelehrt die Wollust der Gefahr,

Hast mich gelehrt, mit Entsetzen zu spielen,

Hast ertötet in mir, was menschlich war,

Sollst nun meine teuflische Rache fühlen!


(Mit irren Augen herumsehend, versteckt den Schlüssel, stammelt abgerissen)


Den Schlüssel – verstecken – –

Niemand – niemand – entdecken – –


(sie wankt an den Mitteltisch, taucht ihre Hände in die Wasserschale)


Ah – kühl – kühl – (legt die Hände an die Schläfen) tut wohl – tut wohl – –


(Das Läuten, welches das Ende der Frühmette anzeigt, hebt an.)



LISA

(auf das Läuten horchend; ihr Sinn ist befangen, wie irre umhersuchend, spricht sie leise vor sich):


Zu Fra Girolamo will ich geh'n ...

Der predigt so schön ...:


(plötzlich wild)


Untergang ist dir geschworen!

»Pest, Krieg vor deinen Toren – –


(sie dreht sich im Taumel um sich selbst)


Die Höll' ist los! Die Höll' ist los!«

Tut Buße! Tut Buße!


(aufschreiend)


O Gott! Erbarmen!


(Greift nach dem Herzen, wankt und bricht zusammen; im selben Augenblick hüllt sich die Bühne in Dunkel und der Vorhang schließt sich langsam. Leise Stimmen aus der Ferne, verhallend):


Misericordia! – Misericordia!



Zwischenspiel: (Vision des jüngsten Gerichtes.)


Der Vorhang geht auseinander. Der Saal erscheint wieder im Lichte der untergehenden Sonne, aber etwas verwahrlost und nüchtern. Der Schrein ist zugemauert, die Gobelins und die Einrichtung fehlen u. s. w. An einem Tische sitzt die Frau, links steht der Laienbruder, rechts an der Stelle des Schreins, nachlässig angelehnt, der Fremde.



DER LAIENBRUDER

(seine Erzählung tief erschütternd beendend):


... Das war des Dramas Ende,

Das End' der Faschingsnacht!



DIE FRAU (leise ergriffen):


Und – Mona Lisa?



DER BRUDER:


Von ihr gibt die Chronik fürder keine Kunde,

Ihr Name ist verklungen

Seit jener Stunde.

Einzig ihr Bildnis lebt

Und zwingt noch heut' die Herzen in den Bann.


(Er blickt die Frau an. Pause.)


Das Haus der Greuel erbten später

Die Brüder der »Certosa«,

Und sie verwalten es

Zu Nutzen einer frommen Stiftung.



DIE FRAU:


Nehmt – mein Bruder –

Laßt eine Messe lesen

Für's Seelenheil der armen Mona Lisa!



DER FREMDE:


Der armen?


(Geht langsam dem Balkon zu; kurz und trocken):

Wir danken, Bruder.


(Er geht rasch die Stiege des Balkons hinab.)



DIE FRAU

(läßt einen Strauß weißer Iris, den sie am Gürtel trug, niederfallen und folgt dem Fremden).



DER BRUDER

(bückt sich nach dem Strauße, blickt der Frau nach und bricht dann leidenschaftlich aus):


Wer bist du?

Eva?

Magdalena? – Bath-Seba? –

Versucherin!


(Läßt die Blumen fallen, breitet die Arme aus, ruft):

Mona – Lisa!

Mona – Lisa!


(Langsam, fast unmerklich, macht er das Zeichen des Kreuzes über der Brust, ergreift den auf dem Tische liegenden Schlüsselbund und wendet sich erschüttert dem Innern des Hauses zu.)


(Der Vorhang fällt.)



ENDE.

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