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Dora Duncker – Mütter

Drei tragische Novellen (Mütter, Sturm, Für ihr Kind)

aus: Dora Duncker, Mütter, Drei tragische Novellen, F. Fontane & Co., Berlin, 1897.

Mütter

Sonntagmorgen. In dem kleinen Häuschen, das ein wenig abseits von den andern, nahe dem Bollwerk liegt, herrscht tiefe Stille.

Die Fensterläden im oberen Stockwerk sind fest geschlossen. Seine Bewohner, ein pensionierter Kanzleirat und seine Frau, sind auf Besuch bei der Tochter in Berlin.

Das Parterregeschoß ist in zwei Hälften geteilt, durch die ein ziegelgepflasterter Flur läuft. Links, hinter den Fenstern, an denen die grünen, breitblätterigen Blattpflanzen stehen, wohnt die Besitzerin des kleinen Hauses, Frau Marianne Harms. Rechts, hinter den blutroten Nelkenstöcken, die selbst im Winter Blüten tragen, ihr Sohn Hans, der Obermatrose, und Alrun, seine junge Frau.

Heut morgen ist außer Frau Marianne, die am Fenster sitzt und an ein paar Strümpfen für ihren Jungen strickt, das Haus vollständig leer.

Alrun ist zur Kirche, und Hans, der Obermatrose ist seit vier Monaten im Dienst auf See.

Frau Marianne, eine stattliche und noch immer schöne Vierzigerin, läßt die klappernden Nadeln in den Schoß sinken. Ihr Auge sucht durch die Blattpflanzen hindurch ein Stück des grauen, wolkigen Novemberhimmels. Dann seufzt sie einen Augenblick schwer auf, wie sie an ihren Jungen denkt, der da weit draußen auf der Südsee seinen schweren Dienst thun muß. Sie fährt sich über die Stirn. Dann fangen die Nadeln wieder zu klappern an. Es ist ja Narrheit, immer nur an Gefahr und Tod zu denken. Sie ist ein Seemannskind, sie war ein Seemannsweib, sie hats nicht anders gekannt, als daß die Männer in ihrer Familie zur See gegangen sind, warum zittert sie nur so unablässig um den Einzigen, da sie doch sonst niemals weder Grauen noch Angst gekannt?

Freilich, er ist das einzige, was ihr geblieben.

Ihren Mann hat das gelbe Fieber fortgerafft. Sie hat die Kinder allein durchbringen und erziehen müssen. Zwei Mädchen und ihren Jüngsten, ihren Hans.

Auch die Töchter hat sie verloren. Die älteste ist im Kindbett gestorben; die zweite, ein schönes, leichtsinniges Geschöpf, ist zu Grunde gegangen. Es ist ihr nichts geblieben, als ihr Hans und seine junge Frau.

Es war gewiß eine Thorheit gewesen, daß er so jung geheiratet hatte. Aber immerhin, es hat ihn glücklich gemacht. Er liebte das junge Weib, das eigentlich noch halb ein Kind war, über alles. Marianne hatte nicht das Herz »nein« zu sagen. Und so hat er das junge Ding ihr ins Haus gebracht, und Marianne sorgt so ziemlich für alles, was Not thut.

Sie thuts gern. Alles thut sie gern ihm, ihrem Jungen zu Liebe.

Wenn er nur erst wieder da wäre, heil wieder da.

Sie wundert sich oft im Stillen über Alrun, daß sie an so viel anderes denken kann, als an ihren jungen Gatten; daß sie lachen kann, wenn die Herbststürme über das Bollwerk sausen, und verdrießlich sein konnte, als der warme Sommerwind noch lind über die Wellen im Hafen strich. Ja, es gab Marianne sogar einen Stich, wenn Alrun viel mehr von dem kleinen Hans sprach, den sie erwartete, als von dem großen, der fern im Süden auf den einsamen Wassern trieb, wenn sie allerlei kleines, weißes Zeug spielend in den hübschen Händen bewegte, während sie selbst unermüdlich Strümpfe und Unterkleider für ihren großen Jungen strickte.

Das Kleine, nun ja, es war ja gewiß ein Glück, daß es kam, und sie schwur auch darauf, wie Alrun es that, daß es ein kleiner Hans werden würde. Aber was wußte sie davon, was aus diesem Kinde einmal werden würde; und was sie an ihrem Hans, an ihrem Goldjungen besaß, das fühlte sie nie tiefer, als wenn er ferne war und sie sich vor Sehnsucht verzehrte nach seinem guten Gesicht mit den freundlichen, blauen Augen, nach seiner vollklingenden, jugendfrischen Stimme, nach seiner ganzen, gediegenen, stetigen Art. Und sie wußte, es war nicht nur Mutterliebe, die sie blind machte. Er galt überall als ein braver, vortrefflicher Mensch.

Am frühen Morgen war die Luft ganz still gewesen. Jetzt hatte sich der Nebel zerteilt und ein stößiger Wind war aufgekommen, so ein launischer, hinterlistiger Wind, der den Seeleuten zu schaffen macht.

Drüben vom Bollwerk her wurden trockene Kastanienblätter haufenweis bis vor das kleine Haus gewirbelt.

Marianne fuhr jedesmal schreckhaft zusammen, wenn ein Windstoß vom Hafen gegen die niedre Hauswand prallte. Sonst war es noch immer ganz still im Hause und auf der breiten Straße vor ihren Fenstern. Die alte, holländische Wanduhr, die ihr Mann mal aus den Kolonien mitgebracht, hatte eben erst zehn geschlagen. Der Gottesdienst war noch im vollen Gange.

Plötzlich, ohne daß Marianne nahe Schritte vernommen hatte, wurde draußen die Klingel gezogen. Da auch das Mädchen, das heut seinen freien Tag hatte, nicht zugegen war, ging Marianne, um selbst zu öffnen.

Der Briefträger stand vor ihr und hielt ihr einen Briefumschlag entgegen, der mit überseeischen Marken und Poststempeln dicht bedeckt war.

»Vom Herrn Obermatrosen,« sagte er schmunzelnd. »Wünsche gute Unterhaltung.«

Damit war er schon wieder aus dem Hausflur heraus, froh, die letzte Sonntagsbestellung erledigt zu haben.

Einen Augenblick hielt Marianne den Brief fest und zärtlich zwischen den Fingern der linken und streichelte mit der rechten Hand liebkosend darüber hin. Dann fuhr plötzlich ein jäher Schreck durch ihre Glieder. Die Schrift war nicht die Schrift ihres Jungen. Es war eine fremde Schrift. Eiskalt lief es ihr über den Rücken und ihre Hände flogen wie entsetzt vor dem Brief zurück, so daß er beinahe zu Boden gefallen wäre.

Sie hatte bis jetzt in dem kalten Flur gestanden, nun raffte sie sich zusammen und sich selbst Mut zusprechend, ging sie in das Zimmer zurück.

Warum gleich an das Schlimmste denken? Man hatte ja von keinem Schiffsunglück gehört. Vielleicht war Hans krank, eine ganz leichte Krankheit, und ein Kamerad schrieb statt seiner, um sie nicht in Unruhe zu lassen. Ja, das wars, das mußte es sein.

Ihre Züge hellten sich förmlich auf und eilfertig zog sie nun die Stricknadel aus dem Strumpf Nummero sechs des neuen halben Dutzend und öffnete den breiten, fest verklebten Umschlag.

Der Brief war nicht lang, aber Marianne brauchte wohl eine halbe Stunde dazu, ehe sie seinen Inhalt begriffen hatte.

Dann war ihre frische, bräunliche Gesichtsfarbe gelb-weiß geworden, und ihre lebhaften, blaugrauen Augen wie erloschen.

Weit vornübergebeugten Hauptes saß sie da. Der Brief war von ihren zitternden Knien herabgeglitten und zu Boden gesunken; statt seiner lagen die krampfhaft in einander verschlungenen Hände in ihrem Schoß und darüber hin murmelten die blutlos gewordenen Lippen wie gedankenabwesend dasselbe und immer dasselbe: »Das kann Dein Wille nicht gewesen sein, lieber Gott – das nicht.«

Die elf dumpfen Schläge der Wanduhr weckten sie aus ihrer stumpfen Verzweiflung. Nein, so war es nicht, so konnte es nicht sein. Sie hob den Brief vom Boden auf, strich ein paarmal über die Augen und begann noch einmal zu lesen, Wort für Wort, Silbe für Silbe:

»Südsee, 7. Oktober 1894.

Das Kommando erfüllt hiermit die traurige Pflicht, Ihnen die ergebene Mitteilung zu machen, daß Ihr Sohn, der Obermatrose Hans Harms, auf der Reise von Apia nach Auckland am 4. d. M., früh 7 Uhr, bei Ausübung seines Dienstes den Tod gefunden hat. Der Genannte fiel, als er sich als Ausguckposten auf der Vormarsraa befand, infolge Bruches derselben über Bord, und blieben die sofort angestellten und mehrere Stunden fortgesetzten Rettungsversuche bei dem äußerst stürmischen Wetter leider erfolglos.

Das Kommando bedauert mit Ihnen den Tod eines seiner besten Obermatrosen und spricht gleichzeitig die Versicherung aus, daß das Andenken desselben bei der Besatzung dauernd in Ehren gehalten wird. So überaus schmerzlich der Verlust ist, so dürfen Sie doch in dem Gedanken einen gewissen Trost finden, daß der Verschiedene getreu seinem Eide als braver Soldat im Dienste seines Kaisers und seines Vaterlandes sein Leben dahingegeben hat.

Helder,

Korvetten-Kapitän und Kommandant.«

Diesmal hatte sie ganz verstanden.

Sie stieß einen wilden, wahnsinnigen Schrei aus, in den sich etwas wie grimmiges Lachen mischte, Lachen über den Trost, den dieser Fremde da vermessen genug war, ihr geben zu wollen, ihr, einer Mutter, die ihr letztes Kind verliert.

Und nun wieder saß sie reglos da und stierte vor sich hin, lange, lange. Ihr Herzschlag und ihre Gedanken schienen stille zu stehen.

Dann langsam, ganz langsam kam es ihr zu Bewußtsein, daß sie nicht die einzige sei, deren Dasein der Inhalt dieses Briefes vernichtete. Daß ein junges Weib auf der Welt war, dem der Sturm und die tückischen Wellen den Gatten, ein werdendes Kind, dem sie den Vater verschlungen hatten.

Alrun war da und das Kind, das sie unter dem Herzen trug.

Marianne schluchzte auf. Das Kind, das lebendige Erbteil ihres Jungen, das einzige, was ihr von ihm übrig blieb. Wie hatte sie diese beiden vergessen können! Sie mußten geschont, getröstet, erhalten werden.

Mit einem Schlage hatte die Frau ihre Fassung wieder gewonnen. Ihre nächste Pflicht war es, Alrun schonend auf das Furchtbare vorzubereiten. Und mit dem Bewußtsein dieser Pflicht kam eine fast unnatürliche Ruhe, eine Art Fanatismus über sie. Der Gedanke, daß ihr Junge vor allem von ihr verlangt haben würde: schone und tröste mein Weib, nimm Dich meines Kindes an, gab ihr übernatürliche Kraft.

Sie sah auf die Uhr. Es war Mittagszeit. Alrun hätte von der Kirche längst zurück sein müssen. Sie war vermutlich noch zu einer Freundin gegangen, mit der sie plauderte und lachte – während Hans – die Frau durchschauerte es. Gleich aber richtete sie sich wieder stramm in den Schultern auf und machte sich daran, den Tisch zu decken.

Es war Essenszeit. Alrun sollte durch nichts Außergewöhnliches beunruhigt werden.

Kaum, daß Marianne die letzte Gabel neben den Teller gelegt hatte, klang Alruns leichter Schritt unter den Fenstern auf – jetzt ging sie die beiden Steinstufen herauf, jetzt zog sie die Klingel.

Marianne griff sich mit beiden Händen ans Herz. Dann ging sie und öffnete mit ruhigem, freundlichem Antlitz. Hans würde es so gewollt haben.

Vor der Thür stand Alrun und lachte sie an. Einen Augenblick packte es Marianne mit wütendem Grimm, als sie die weißen Zähne zwischen den frischen roten Lippen aufblitzen sah, und die blauen Augen unter dem krausen Blondhaar mit den Lippen um die Wette lachten, aber sie faßte sich schnell und fragte, während sie beide in das Zimmer zurückschritten, in dem der Tisch gedeckt stand, ganz ruhig, nur mit etwas unsicherm Stimmfall, wo Alrun so lange gewesen sei.

»Gleich Mutter, gleich –«, die junge Frau warf sich übermütig auf den nächsten Stuhl – »laß mich nur erst zu Atem kommen. Wir haben so gelacht, Theda und ich, Du glaubst es nicht, Mutter, wie die kleinen Kinder – Du weißt doch, daß die »Windsbraut« seit gestern Abend im Hafen liegt – und Peter Larsen natürlich mit ihr – nur für ein paar Tage – sie müssen schon nächste Woche mit einer Ladung Stückgut wieder fort – und der Peter, der bleibt immer derselbe – was er uns alles für Schnurren erzählt hat – Theda, und die kleinen Krabben erst, die konnten garnicht genug kriegen – aber Du hörst ja garnicht zu, Mutter?«

»Doch, doch, Alrun, ich höre.«

Marianne stand abgewendet da und machte sich mit fliegenden Fingern an dem Tischgerät zu schaffen.

Drunten auf dem Grunde des Meeres lag der Leichnam ihres Jungen – ihres herzlieben, einzigen Jungen – und seine junge Frau lachte, lachte über die läppischen Schnurren eines anderen, den die launischen Wellen sicher in den Hafen zurückgetragen hatten.

Alrun war aufgesprungen und hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt.

»Bist böse, Mutter, daß ich so spät nach Hause gekommen bin –?«

Marianne machte sich heftig von Alrun los, ohne sie anzusehen.

»Geh, geh, ich denke nicht daran. Ich – ich habe Hunger. – Es ist spät geworden – geh hinaus, trag' uns die Suppe auf – Minna ißt heut bei ihrem Bruder draußen in Haidhof.«

Alrun ging, wie ihr geheißen war.

Von der Küche her, die auf den Steinflur mündete und für beide Wohnungen gemeinsam war, hörte Marianne sie singen:

»Lustiger Matrosensang, hoia ho!«

klang es zu ihr herüber.

Ein heiserer Schrei stieg in ihrer Kehle auf. Was quälte sie sich so! Wer weiß, ob es dies junge, leichtfertige Ding gleich zu Boden werfen würde, wenn sie ihm unvorbereitet sagte – dennoch – nein – wenn nicht um Alrun, um des Kindes willen wollte sie stark und liebreich sein.

Alrun kam mit der Suppe zurück.

Sie hatte eine weiße Schürze über das dunkelblaue Wollkleid gebunden. Ihr Gesicht strahlte in Frische und Jugend. Marianne blickte verstohlen nach ihr hin.

Sie war noch ein halbes Kind – warum sollte sie nicht fröhlich sein? Gerade diese Fröhlichkeit hatte Hans so sehr an ihr geliebt. Sie durfte sie deshalb nicht tadeln. O nein, gewiß, sie wollte es auch nicht.

Sie setzten sich einander gegenüber an den Tisch.

Alrun löffelte ohne abzusetzen ihren Teller aus, dann erst sah sie auf.

»Du ißt ja nicht Mutter –? Fehlt Dir was?«

»Nichts, nein – nur – – –«

»Weißt Du was, Mutter – ich hole Dir eine Flasche von dem kräftigen Rotwein herauf, den Kaufmann Steffen uns voriges Jahr abgelassen hat – der wird Dir gut thun –«

»Nein, laß –«

Sie war schon aus der Thür. Marianne lehnte den Kopf in beide Hände und stöhnte auf. Wenn Alrun nur irgend etwas aufgebracht hätte, an das sie sich hätte klammern können, irgend etwas, das es ihr möglich machte, von dem Entsetzlichen zu beginnen – eine Besorgnis – eine Unruhe. – Wenn sie nur überhaupt von Hans gesprochen hätte – aber nichts, nichts als den Unsinn von Peter Larsen hatte sie im Kopf, daran dachte sie immer fort, auch während der gutherzigen, kleinen Sorgfalt für sie, daß wußte Marianne ganz gut.

»So, Mutter – das wird schmecken.«

Alrun setzte sich wieder.

In dem Augenblick pfiff ein heulender Windstoß um die Hausecke.

»Brrr« – machte Alrun – »gehts schon wieder los. Heut nach der Kirche hats ordentlich gefegt, als wir bei Larsens saßen, aber das machte uns nichts – fidel waren wir – denk nur Mutter, in China –«

Marianne unterbrach sie rasch.

»Meinte – sagte Peter Larsen nicht – es wäre böse gewesen auf See die letzten Wochen –?«

»Ja – sie habens ein paar Mal schlimm gehabt – aber die »Windsbraut« hält was aus –«

»Da wird – am Ende auch – –!«

»Hans, meinst Du –? Nein – im Gegenteil – Peter Larsen sagte, die Südsee wäre glatt wie Öl – Du, Mutter –!«

»Ja –«

Alrun lachte auf.

Die Frau war sich mit der Hand über die Stirne gefahren, um den perlenden Schweiß fortzuwischen, den die Todesqual ihr auspreßte. Alrun, welche die Bewegung bemerkt hatte, meinte:

»Das ist gut – nun wirst Du bald wieder auf dem Posten sein – siehst Du, meine Kur war ganz gut. Hans sagt immer, wenn der Schweiß kommt, ist der Mensch wieder gesund.«

»Hans – so – ja –.« Marianne gurgelte es förmlich heraus und dann plötzlich abgebrochen, gepreßt: »Mich dünkt, Hans hat recht lange nicht geschrieben –«

»Hat Dir das die Laune verdorben, Mutter? Deswegen kannst Du ruhig sein. Noch nicht vier Wochen ist's her, daß der letzte Brief gekommen ist. Na, und wenn's nicht wäre, wenn er nicht geschrieben hätte! Du bist doch auch 'ne Seemannsfrau gewesen, Mutter. – Seemannsfrauen müssen nicht gleich den Kopf hängen lassen, die müssen lustig sein, das sagte auch Peter Larsen heute noch – und so eine wie ich, sagte er, müsse eigentlich jeder Mann auf See haben, dann wäre ihm das Herz nicht schwer, wenn er nach Hause dächte und er könnte noch einmal so gewissenhaft seine schwere Pflicht thun – und er würde sich nie eine andere nehmen, wie eine von meinem Schlag. Und nun, Mutter, wenn Dir's recht ist und Du doch nicht essen magst, können wir uns auch ebenso gut eine gesegnete Mahlzeit sagen.«

Marianne hatte von dem, was Alrun zuletzt gesprochen, kaum ein Wort gehört, jedenfalls nicht eins verstanden; alle ihre Sinne waren weit, weit fort. Ihre Augen sahen nichts, als den starren Leichnam ihres Kindes auf dem Grund des Meeres, ihre Ohren hörten nur das Rauschen und Rollen und Dröhnen von Sturm und Wellen, die an ihrem Kinde zum Mörder geworden waren, ihre Hände tasteten nach der Todesbotschaft, die sie auf der Brust eingeknöpft trug.

Jetzt erst, als Alrun aufstand und den Stuhl hinter sich fortrückte, erwachte Marianne aus ihrer Betäubung.

Mechanisch erhob sie sich. Dann, ohne daß sie es eigentlich wahrgenommen, hatte sie ein dunkles Gefühl, daß Alrun das Zimmer verlassen habe, daß sie allein sei.

Nun konnte sie wieder denken, wie es geschehen sollte, daß Alrun das Furchtbare erfuhr.

Sie sah auf die Wanduhr. Es war Zwei vorüber. Seit vier Stunden wußte sie, daß Alrun Witwe sei – und sie ließ sie noch immer weiter lachen.

Die Thür vom Flur her kreischte in den Angeln. Marianne hatte das vordem noch nie bemerkt. Jetzt fuhr sie bei dem Geräusch schreckhaft zusammen.

Alrun in Hut und Mantel trat bei ihr ein.

Sie starrte sie an.

»Du – Du willst schon wieder fort?«

»Warum nicht –? Wir haben uns verabredet – Theda, Peter und ich – wir wollen durch die Haide nach Wolfshagen –«

»Das, das wirst Du nicht!«

Alrun fuhr vor diesem gänzlich ungewohnten Ton zurück. Ihre Brauen zogen sich zusammen. Was sollte das bedeuten? Die Mutter, die ihr auf Hans' Geheiß jeden Willen ließ, verbot ihr plötzlich ein ganz unschuldiges Vergnügen, wie einem kleinen Kinde, ohne Grund, ohne Ursache.

Alrun lehnte sich auf.

»Weshalb nicht?« fragte sie trotzig. »Es ist Sonntag Nachmittag und nichts zu versäumen – und Du – Du gehst ja sonntags immer zu Onkel Willem?«

»Ich – ich werde heut nicht zu Onkel Willem gehen – ich – Du weißt ja – ich bin nicht ganz auf dem Posten. Aber wenn Du noch ausgehen willst – um meinetwillen brauchst Du nicht zu bleiben –«, Marianne stockte, – »nur gerade nach Wolfshagen mit den Beiden – eine förmliche Lustpartie –«

Alrun warf die Lippen auf.

»Eine Lustpartie nun gerade nicht – aber lustig wärs schon gewesen mit Theda und Peter –« dann zuckte sie mit den Achseln und war mit einer raschen Bewegung zur Thür hinaus. Marianne hörte, wie Alrun die Thür ihrer kleinen Wohnung jenseits des Flurs heftig ins Schloß warf.

Dann faltete sie die Hände:

»Nun hilf mir, hilf Du mir, lieber Gott, daß ich's ihr sage auf die rechte Art.«

Nach Tisch pflegten die Frauen, wenn keine besondere Hausarbeit vorlag, mit einer Näherei beschäftigt in Mariannens Zimmer zu sitzen. Dann und wann kam auch wohl gerade um diese Stunde ein Besuch.

Heute rührte sich nichts an der Klingel und auch Alrun kam nicht über den Flur zurück.

Nach einer Stunde verzweifelnden Brütens kroch die Frau mehr als sie ging, über den Gang bis vor Alruns Zimmerthür. Es kostete sie einen schweren Entschluß, das kleine warme Nest zu betreten, das ihr Junge mit so viel Liebe für sein junges Glück geschmückt, und das er nun auf immer mit dem kalten Wellengrabe vertauscht hatte.

Leise klinkte Marianne die Thür auf. Alrun saß auf dem erhöhten Tritt am Fenster, an dem die Nelkenstöcke blühten und nähte an einem winzigen Stückchen Leinewand.

Sie nickte der Eintretenden zu, ohne das Auge von der Arbeit zu erheben. Die Frau war mitten im Zimmer stehen geblieben. Ihr Herz war nicht so verhärtet durch den furchtbaren Schicksalsschlag, daß es dies liebliche Bild harrenden Mutterglücks nicht in sich aufgenommen hätte. Und das alles hatte der Tod ihrem Hans geraubt!

Sie rührte sich noch immer nicht vom Fleck. Da blickte Alrun auf und hielt der Mutter lächelnd ein winziges, spitzenumsäumtes Kleidungsstück entgegen.

»Fertig! Was Hans sagen wird, wenn er das sieht!«

Da war's um die Kraft der Frau geschehen. Mit einem langen, wehen, unartikulierten Laut brach sie zusammen.

Alrun war neben der Ohnmächtigen niedergekniet. Sie hatte ihr das Gesicht mit Wasser benetzt, ihr die kalten, erstarrten Hände gerieben, Marianne hat sich nicht gerührt. Da war Alrun entsetzt vor ihr zurückgewichen. Mein Gott, wenn sie tot wäre! Sie hatte um Hilfe rufen wollen, da war ihr eingefallen, daß das Haus leer war, daß sie allein sei mit der Bewußtlosen.

Ein schwerer, stöhnender Laut von Mariannens Lippen hatte sie wieder an ihre Seite getrieben. Sie öffnete ihr die Taille, um der Schweratmenden Luft zu schaffen. Da fiel ihr ein zerknittertes Briefblatt entgegen. Mit den Augen fuhr sie flüchtig darüber hin, dann starrte sie auf das Blatt, wie Marianne zuvor gethan. Aber nicht lange, so kamen ihr die befreienden Thränen, und ungestüm ihren Schmerz laut ausschreiend, warf sie sich über den ohnmächtigen Leib der Mutter.

– – – – – – – – – – – – –

Am Ostersonntag gab Alrun einem kräftigen Knaben das Leben. Als Marianne das Bürschchen im Arm hielt, und das einzige, was von ihrem Jungen übrig geblieben war, ans Herz drückte, zog das erste wehmütige Lächeln über ihre Züge.

Dann legte sie das Kind in die holzgeschnitzte, bunt ausgemalte Wiege zurück.

Ein Seufzer, leise genug, daß Alrun ihn nicht hören konnte, stahl sich über ihre Lippen. Sie würde dies Kind niemals lieben können, wie sie seinen Vater geliebt hatte und noch heute liebte.

Alrun erholte sich schnell.

Hatte sie vor der Geburt des Kindes schwermütigen Anwandlungen unterlegen und mehr als einmal sich und dem Kinde den Tod gewünscht, da sie ja doch einsam und verlassen durch die Welt würde gehen müssen, so erinnerte jetzt, als ihr die Kräfte wiederkamen, nichts in ihrem Wesen mehr daran, welch einen Verlust sie seit Monatsfrist zu beklagen hatte.

Alrun sprach auch selten nur von dem Toten. Sie ging völlig in dem Kinde auf, das man nach dem Vater Hans genannt hatte. Sie spielte und tändelte, lachte und jauchzte mit dem kleinen Menschenbündel, sorglos und gedankenlos, als ob es keine Vergangenheit, keine Zukunft für sie gäbe. Zuerst mit einer Art wehmütiger Freude, dann mit Kopfschütteln, zuletzt mit schlecht verhehltem Ingrimm sah Marianne diesem kindischen Getändel zu.

Sommer wars geworden und gerade jetzt die Zeit, zu der Hans hatte zurückkommen sollen.

Hatte dies junge, kindische Weib keinen Gedanken mehr für den, dem sie den Knaben hatte gebären sollen? Keine Thränen mehr für den, der ihr Glück nicht hatte teilen dürfen, der elend zu Grunde gegangen, tot und verwesend am Meergrund lag, ohne Sonne, ohne Liebe – während sie, die er über alles geliebt hatte, Leben und Glück in vollen Zügen genoß!

Es stieg etwas Heißes in der Brust der Frau auf, das beinah dem Hasse gleich kam. Dann suchte sie ihren leidenschaftlichen Grimm zu bezwingen. Sie sagte sich's wieder und immer wieder, daß es am Ende doch auch nur der natürliche Zug der Mutter zum Kinde sei, den sie da vor sich sah. Aber sie kam nicht weit damit. In ihrer Schmerzversunkenheit gab es für Marianne für jetzt nur eine Mutter – und das war sie selbst, und nur ein Kind – das ihre. Das aber war vergessen da, wo es am meisten geliebt hatte, und über seinem frühen Grabe wurde gelacht und getändelt.

Gegen den Herbst zu änderte sich manches in Alruns Wesen. Sie schien kein volles Genüge mehr darin zu finden, sich stundenlang nur mit dem Kleinen zu beschäftigen, oder an seiner Wiege sitzend seinen Schlaf zu bewachen. Mehr und mehr überließ sie das Kind Mariannen, während sie selbst draußen ruhelos umherwanderte.

Marianne schob diese Rastlosigkeit auf den wiedererwachenden Schmerz um den Verlorenen, dessen Todestag nahe bevorstand, und die Bitterkeit gegen Alrun begann sich langsam zu lösen.

Auch der Kleine wuchs ihr mit den zunehmenden Pflichten, die sie für ihn übernommen hatte, wärmer ans Herz. Marianne fing an, das Kind zu lieben, und mit diesem Gefühl zog ganz langsam eine Art versöhnender Friede in ihre Brust.

Sie sah es geduldig und freundlich mit an, daß Alrun jetzt wieder häufig bei Theda Larsen vorsprach, und Theda Alrun besuchte. Ja sie selbst suchte zuweilen die Gesellschaft der Freundinnen und zwang sich, Anteil an ihren Gesprächen zu nehmen, die gesetzterer Art zu sein schienen als früher, wenigstens war Alrun schon lange nicht mehr mit Lachen von Theda heimgekommen, und auch von Peter, der noch immer mit der »Windsbraut« auf See war, war nicht mehr – in Mariannens Gegenwart wenigstens nicht – so viel die Rede.

Im tiefsten Grunde ihres Herzens mochte Marianne die Larsens mit ihrer immer gleichen Lustigkeit, mit ihrem brutalen Glücksbedürfnis, mit ihrem Dünkel minder Begünstigten gegenüber nicht leiden. Es war ja richtig, daß alles, was die Larsens anfingen – ohne daß sie einen Pfennig Vermögen gehabt hätten – einschlug, daß sie alles erreichten, was sie erreichen wollten, selbst wenn es noch so leichtfertig eingefädelt war, daß Krankheit und Sorgen und Tod sie verschonten.

Aber Marianne haßte das Auftrumpfen der Larsens auf ihr stadtbekanntes Glück, und die brutale Rohheit, mit der sie meist dazu kamen, verletzte ihr Feingefühl aufs tiefste. Dennoch blieb sie geduldig der neu gepflegten Freundschaft Alruns gegenüber. Die augenscheinliche Erregung, in der das junge Weib sich befand, hatte ihr ans Herz gegriffen.

Oft, so hörte Marianne, zog es Alrun allein durch die Haide bis an den Strand. Was anders konnte sie an das mörderische Meer hinaustreiben, als der Schmerz um den Toten, als die qualvolle Sehnsucht, einen Blick auf den Riesensarg zu thun, in dem er gebettet lag?

Wenn Alrun jetzt nach Haus kam, grüßte sie zum ersten Mal seit Hans' Tode ein wirklich inniger Blick aus Mariannens Augen, aber Alrun wich diesen Blicken aus, und Marianne suchte beschämt die Schuld in sich selbst. Sie hatte Alrun verletzt und zurückgestoßen, aber es sollte wieder besser werden zwischen ihnen, es mußte besser werden, um des armen Jungen willen, der da unten lag.

Inzwischen war der Herbst hereingebrochen. Rauh, stürmisch, launisch in all' seinen Äußerungen, wie ihn dieser Küstenstrich nicht anders kennt.

Die immer rauher werdende, fast winterliche Witterung hielt Alrun von ihren langen Gängen nicht zurück.

Eines Tages, zu Ende November, blieb sie gar über die Tischzeit fort aus.

Draußen stürmte es wie an jenem Tage, da der Briefbote die Todesbotschaft in das kleine Haus am Bollwerk gebracht hatte. Dürre Kastanienblätter wurden zu Haufen bis unter die Fenster gewirbelt, hinter denen noch immer die Blattpflanzen und die Nelken standen.

Über die Dünen und die Haide her hörte man das Meer rollen wie in wütendem Groll. Zuweilen zog es wie Donner durch die Luft.

In Mariannens Herzen stieg eine wirklich zärtliche Sorge um Alrun auf. Wo sie nur blieb! Man konnte ja heute beinahe auf festem Lande Unglück haben. Auch das Kind war heut unruhig. Es schrie und wollte nicht in seinem Bettchen bleiben. Marianne trug es leise singend hin und her, – aber dazwischen hörte sie immer wieder auf den zunehmenden Sturm.

Eine unheimliche, beängstigende Ahnung wie von nahendem Unglück hatte sich ihrer bemächtigt. Es war beinahe, als ob sie noch einmal um ihres geliebten Jungen Leben zu zagen gehabt hätte.

Da endlich klang Alruns Schritt unter dem Fenster wie an jenem Sonntagmorgen. Marianne legte den Kleinen trotz seines Sträubens rasch in die Wiege zurück und öffnete selbst die Thür, noch ehe Alrun die Klingel gezogen hatte.

Erschreckt wich Marianne vor Alruns Anblick zurück. Von Sturm zerzaust, von Erinnerungen gefoltert, hatte sie Alrun zurückerwartet. Die da vor ihr stand, war ein Bild blühender Jugend und Schönheit, lachenden, begehrlichen Lebens. Alruns tiefblaue Augen glänzten wie Edelgestein. Ihre vollen Lippen blühten und glühten und ihre rosigen Wangen waren wie von warmer Freude angestrahlt. Dem jungen Weibe entging der erschreckte, dann beinahe starr werdende Blick Mariannens nicht. Eine heiße, verlegene Röte flog über ihr Gesicht. Dann, ohne eine Wort zu sprechen, eilte sie ins Zimmer, stürzte auf die Wiege zu, riß den Kleinen heraus und an ihre Brust, ihn mit ihren Küssen schier erstickend, bis er mit Händen und Füßen sich wehrend, laut aufschrie, und die Ärmchen nach Marianne ausstreckend, von Alrun fortbegehrte.

Auf Alrun schien sein Fortbegehren keinen besonders tiefen Eindruck zu machen. Sie gab dem Kinde einen kleinen, scherzhaften Klaps und trat dann vor den Spiegel. Sie nahm den Hut ab, strich das krauslockige Haar von den Schläfen hinter die Ohren zurück, betrachtete angelegentlich den Schnitt ihres hübschen, noch immer dunkeln, aber nicht mehr schwarzen Wollenkleides und wandte sich dann leicht verlegen wieder nach Marianne um, die gerade im Begriff war, das in ihren Armen sogleich ruhig gewordene Kind in die Wiege zurückzulegen.

Als Alrun nun mit kurzen, zögernden Schritten näher kam, sagte Marianne mit einem leisen, fragenden Vorwurf in der Stimme:

»Er war ein bischen unruhig, unser Hans, aber sonst sehr brav den ganzen Tag über, während Du draußen warst.« Und als Alrun nicht antwortete: »Wo in aller Welt bist Du denn so lange gewesen – Du weißt – ich frage sonst nicht viel – ist meine Sache nicht – aber bei diesem Sturm – und nun kommst Du nach Haus – so – so eigen – beinah' als ob Du Wein getrunken hättest –« Alrun hatte sich wieder abgewendet, so daß Marianne, die an der Wiege saß, nur die Fülle ihres Blondhaars und ein Stückchen ihrer rosigen Wange gegen den verdämmernden Tagesschein sah.

Sie erwiderte noch immer nichts, dann, nach einer kleinen Weile mit einer Stimme, der man den künstlichen Gleichmut anhörte:

»Ich – ich war erst im Hafen – im Osthafen und dann bei Theda – wir haben uns verplaudert –« und dabei senkte sie den Kopf tief auf die wogende Brust hinab.

Marianne runzelte die Brauen. Sie fand den Schlüssel zu Alruns auffälligem Gebahren nicht, aber sie war überzeugt, daß irgend etwas Besonderes dahinter stecke. Irgend etwas, das ihr verheimlicht werden sollte.

Es gab ihr wie einen Stich ins Herz, daß Alrun sie am Ende gar belügen wollte. – War es schon so weit mit ihnen gekommen!

»Mutter!«

»Ja, Alrun.«

»Du sprachst da eben – von Wein. Haben wir noch von dem guten, weißt Du, den ich Dir einmal heraufholte, als Du nicht so ganz bei Wege warst – bei irgend einer Gelegenheit,« fügte sie zerstreut hinzu, die Gelegenheit mit ihren Gedanken suchend.

Marianne fuhr auf.

Jede Minute des entsetzlichen Tages, an dem die Nachricht von Hans' Tode gekommen war, stand unverrückt und unablässig vor ihrem Auge, und sie, seine Frau –

»Alrun!«

Alrun fuhr sich einen Augenblick lang lässig mit der hübschen, gepflegten Hand über die Stirn.

»Ah, so, ich erinnere mich – haben wir noch von dem Wein, Mutter?«

»Es ist kein Tropfen wieder davon angerührt worden.«

So leise und kaum verständlich Marianne sprach, hatte Alrun sie doch gehört.

Jetzt trat sie vom Fenster fort, an dem sie bisher gestanden hatte.

»So möchte ich eine Flasche heraufholen, Mutter, wir – bekommen heute noch Besuch –!«

Marianne wurde aufmerksam.

»Besuch? Von wem denn?«

Alrun hatte sich wieder abgewandt und drehte halb ungeduldig, halb verlegen, jedenfalls aber ganz mechanisch an ihrem Trauring.

»Theda kommt und – Peter Larsen.«

Das letzte war mit einer Art befreiendem Seufzer über Alruns Lippen gekommen.

Marianne versetzte diese Neuigkeit förmlich den Atem.

Das also war's! Peter Larsen war wieder da. Das bedeuteten Alruns strahlende Augen, ihre blühenden, lachenden Lippen! Und plötzlich zerriß etwas vor Mariannens Augen, das all die Zeit wie ein Vorhang darüber gelegen hatte. Er war nicht nur da – nein, er war erwartet – heiß und sehnsüchtig erwartet worden. Alruns ruheloses Wesen hatte nicht der Trauer um einen Toten, sie hatte der Sehnsucht nach einem Lebenden gegolten. Nicht die Grabstätte verlorenen Glücks hatte sie draußen am Strand gesucht, neuer Hoffnung, neuem Lebensglück hatte sie sehnsüchtig harrend entgegengeblickt. Die Arme, die Lippen, die ihren Jungen geherzt hatten, würden bald einen andern umfangen, während er – ihr Hans – – –

Tastend, wie Hilfe suchend, hatte Marianne die Hand über den Rand der Wiege gelegt und das Fäustchen des Kindes umklammert. Das hielt sie nun fest, und jetzt erst konnte sie sprechen. Aber so weit konnte sie sich nicht überwinden, Alrun das Geständnis, das sie auf den Lippen hatte, leicht zu machen.

»Seit wann ist denn Peter Larsen zurück?«

»Seit heut Vormittag, Mutter.«

»Und da kommt er heut noch, nachdem Ihr bis jetzt alle beisammen gewesen seid? So viel Höflichkeit pflegt doch sonst nicht Art der Larsens zu sein!«

Alrun wollte etwas erwidern, aber das Wort schien ihr in der Kehle stecken zu bleiben, denn nur ein Anlaut und dann ein Räuspern wurde laut.

»Und Wein, Wein willst Du gar geben, weil Peter Larsen kommt, als ob es etwas Besonderes mit dieser Ankunft wäre – als ob die »Windsbraut« jetzt nicht alle paar Monate im Hafen läge.«

»Ja aber heut – heut – ach Mutter –« und plötzlich brach Alrun in eine Art schluchzendes Lachen aus, dann, ebenso plötzlich, stürzte sie der steif und mit einem bitteren Zug um die Lippen dasitzenden Marianne um den Hals.

»Ach Mutter, Du darfst mir nicht zürnen – ich kann ja nichts dafür – Peter hat mich lieb – und ich –«

Marianne machte sich hart von ihr los.

Sie konnte es nicht ertragen, den weichen Körper des jungen Weibes so dicht an dem ihren zu fühlen, der vor Liebe und Verlangen nach einem fremden Mann bebte.

»Und Du ihn,« sagte sie mit eiskalter Stimme, bis an das Ende des Zimmers vor Alrun zurückweichend.

Alrun sank auf den Stuhl neben der Wiege, den Marianne verlassen hatte.

Es war ganz dunkel geworden in dem kleinen Raum. Keine der Frauen sprach ein Wort.

Endlich stieß Alrun halb weinend, halb trotzend wie ein gescholtenes Kind heraus:

»Hans würde nicht so hart mit mir gewesen sein.«

Marianne löste sich langsam von der Wand, an der sie bisher wie festgewurzelt gestanden hatte. Schweren, schleppenden Ganges schob sie sich langsam auf Alrun zu.

Hans würde nicht so hart gewesen sein! Sollte Alrun in ihrer Einfalt das erlösende Wort gefunden haben! Würde Hans, wenn er auf sie herabsehen könnte, auch in dieser Stunde wie in so mancher anderen, da Marianne kopfschüttelnd vor einer Thorheit des kindischen Weibes gestanden, ihr sagen:

»Laß sie Mutter, sie ist ein Kind?«

Marianne bewegte heftig abwehrend den Kopf. Sie, sie konnte es nicht. Heut war Alrun kein Kind mehr. Vieles, alles hatte sich geändert, sie war Witwe, sie war Mutter geworden. Waren denn all diese Ereignisse, die jedes andere Weib gereift haben würden, ausgelöscht und getilgt? Lebte denn nichts anderes in diesem leichtfertigen Geschöpf als der unstillbare Durst nach Liebe, Leben, Glück?

Nun war Marianne mit ihrem schweren, schleifenden Schritt bei Alrun angelangt.

Sie legte ihr die Hand hart auf die Schulter und sagte mit einem fast unheimlichen Nachdruck:

»Also Du meinst, Hans würde – wenn er in dieser Stunde auf uns herabsehen könnte –?«

Etwas ungewollt mildes war in die Stimme der Frau gekommen, sobald sie nur den Namen ihres Sohnes ausgesprochen hatte.

Alrun blickte hoffend durch die Dunkelheit zu ihr auf, und wie ein Kind, das da fühlt, daß man im Begriff ist, nachzugeben und ihm den Willen zu thun, fuhr sie, eifrig Mariannens Rede fortsetzend fort:

»Er würde sagen: Thu's Alrun, wenns Dich freut.«

Marianne lachte bitter, ironisch die kindische Ausdrucksweise wiederholend.

»Und – es freut Dich – freut Dich jetzt schon, wieder eines anderen Mannes Weib zu werden?«

Alrun senkte den Kopf, aber sie konnte nicht lügen, nur sehr verschüchtert sagte sie:

»Ja, Mutter, es freut mich.«

Alrun stand mit gesenkten Augen da. Keine Antwort erfolgte. Dann ein leises, schleifendes Geräusch.

Als Alrun aufsah, hatte Marianne das Zimmer verlassen.

Ein paar Augenblicke lang blieb die junge Frau noch still neben der Wiege sitzen, ohne auf das sanft schlafende Kind zu sehn.

Dann hielt sie's nicht länger.

Mit eiligen, kleinen, trippelnden Schritten lief sie zum Zimmer hinaus und die Kellertreppe herunter. Sie holte den Wein herauf, setzte ihn auf und Gläser und Backwerk dazu, zündete die Lampe an, und dann schob sie den kleinen Hans weiter noch in eine dunkle Ecke des Zimmers.

Sie war gerade mit ihren Vorbereitungen fertig geworden, als sie unter dem Fenster Peter Larsens Schritt vernahm. Sie lauschte einen Augenblick mit vorgebeugtem Haupt ob Thedas daneben laut wurde. Dann huschte ein strahlendes Lächeln über ihr Gesicht, er kam allein. Leise, damit die Mutter auf der andern Seite des Flurs es nicht hören sollte, schlich sie zur Hausthür und öffnete, ehe noch Peter die Klingel gezogen hatte. Dann legte sie die Finger auf die Lippen und zog ihn ins Zimmer hinein.

Er wollte sie stürmisch an sich reißen, aber Alrun wehrte ihn ab.

»O sie ist so böse!« flüsterte sie kläglich. Peter Larsen stieß einen Pfiff zwischen den hübschen, etwas zu vollen Lippen hervor.

»Wird sich geben,« meinte er gleichmütig. Dann, nachdem er die Mütze in einem Winkel geworfen, zog er Alrun auf sein Knie und drückte die volle, weiche Gestalt heftig an sich.

Sie stöhnte ein wenig gepreßt auf, aber im Grunde ließ sie sich Peters stürmische Liebkosungen gern gefallen.

Sie selbst hatte es noch nicht über sich gewonnen, ihn zu küssen. Es war als ob noch etwas zwischen ihnen stehe, etwas unsichtbares, das erst gebannt werden müsse.

Nun war sie von seinem Knie geglitten, um ihm Wein ins Glas zu gießen.

Aber er ließ ihr nicht lange Ruh. Wieder umschlang er sie und bettelte um den ersten Kuß, den sie ihm noch schuldig war.

Als sie sich sträubte, wurde er ungeduldig. Statt der nicht gerade zahmen Liebesworte, die er Alrun bisher zugeflüstert, sprach er heftig auf sie ein.

»Was soll denn das kindische Zieren? Wenn Du doch mal mein Weib werden willst, mußt Du mich auch herzhaft küssen können. Gehts nicht – na denn adieu überhaupt.«

Damit stieß er den Stuhl hinter sich fort und sprang auf.

Alrun fuhr zusammen. Sie hatte solche Sprache noch nie gehört. Hans war immer nachgiebig gewesen; alles, was sie that, war ihm recht und gut und schön erschienen, und er, den sie über alles liebte, um dessentwillen sie die fürchterliche Stunde mit der Mutter durchgemacht hatte, fuhr gleich in der ersten Stunde wie Sturmwind über sie hin.

Peter hatte sich im Hintergrund des Zimmers auf einen Stuhl geworfen.

Alrun sah beklommen zu ihm herüben.

Wenn er ihr ernsthaft zürnte – wenn er ginge – heut am ersten Abend, ohne ein gutes Wort –?

Langsam, zögernd schritt sie auf ihn zu.

Halb abgewendet saß er da.

Wie schön, wie bethörend schön er ihr erschien in seiner grobsinnlichen, brutalen Männlichkeit!

Nein, es war nichts, nichts mehr zwischen ihnen. Sie liebte ihn mit jedem Blutstropfen ihres heißen Herzens.

»Peter, Peter!«

Und Alrun stürzte ihm um den Hals und küßte ihn lange und heiß.

Ein triumphierendes Lächeln spielte um Peters volle Lippen, in seinen dunkeln Augen, dann sprang er auf, faßte Alrun um den Leib und hob sie mit seinen kräftigen Armen ohne jede Anstrengung vom Boden auf, sodaß sie einen Augenblick in der Luft schwebte.

Dann stellte er sie wieder auf die Erde, gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter und sagte kurz:

»So, jetzt gehörst Du mir und Niemandem sonst auf der Welt.«

In ihrer verliebten Versunkenheit hatte keiner von ihnen beiden es bemerkt, daß der kleine Hans drüben in seinem dunkeln Winkel wach geworden war, sich in der Wiege aufgerichtet und mit großen, fragenden Augen zu ihnen herübergeschaut hatte. Erst jetzt, als das Kind beim Anblick des großen, fremden Mannes kläglich zu weinen begann, eilte Alrun an die Wiege, um es zu beruhigen.

Ungeduldig, mit eifersüchtigem Ärger, sah Peter ihren Bemühungen zu. Als das Kind nicht still werden wollte, machte er von Alrun ungesehen eine heftig ausholende Bewegung mit der Hand, dann küßte er Alrun flüchtig auf die Stirn und eilte, ohne ein weiteres Wort, davon.

Marianne, die das Geschrei des Kindes gehört hatte und Peter Larsen dann im Schein der gegenüberliegenden Straßenlaterne forteilen sah, faltete die Hände und sagte:

»Gott sei dank; ich werde nicht die einzige sein, die ihm Alrun und dieses Haus verleidet.«

– – – – – – – – – – – – –

Im Frühjahr fand die Hochzeit statt.

Man rechnete es Marianne Harms hoch an, daß sie darauf gedrungen hatte, Alrun auch mit ihrem neuen Gatten in dem Häuschen zu behalten. Man bedauerte sie sogar dieses opfermütigen Entschlusses wegen. Es mußte ihr doch schwer ankommen, an Stelle ihres Sohnes nun tagaus tagein einen Fremden an der Seite der jungen Frau zu sehen.

Marianne hatte, um zu diesen Entschluß zu kommen, keinen so schweren Kampf gekämpft, als die Gevatterschaft und Freundschaft annahm.

Das Opfer, sich von dem kleinen Hans zu trennen, der in dieser Ehe schwerlich zu seinem Recht kommen würde, wäre ein weit größeres gewesen. Und dann hatte es noch einen Grund für Marianne gegeben, Alrun mit ihrem Mann im Hause behalten; sie wollte durch ihre stete Gegenwart das Andenken an ihren armen, so rasch verdrängten Jungen aufrecht erhalten. Die Erinnerung an ihn sollte nicht ganz und gar ausgestrichen sein aus Alruns Leben. Das war sie ihrem Toten schuldig.

Alrun hatte sich dem Plan anfangs heftig widersetzt; aber da Peter durchaus entgegengesetzter Ansicht war, blieb ihr nichts übrig, als sich zu fügen.

Dies junge, eigenwillige Geschöpf, das nie einen Willen über sich anerkannt hatte, hatte diesem Manne gegenüber keine selbstständige Regung mehr.

Peter Larsen aber war Mariannens Anerbieten sehr gelegen gekommen.

Trotz ihres sprichwörtlichen Glückes in allem, was sie anfingen, waren die Larsens mit Reichtümern nicht gerade gesegnet, und da Peters Gehalt als zweiter Steuermann noch immer nicht mehr als hundert Mark pro Monat betrug und er Alrun ohne die Aussicht auf den Harmsschen Besitz schwerlich geheiratet hätte, stimmte es nur mit seiner Rechnung überein, sich in das fertige, warme Nest zu setzen und gemeinsam mit Frau Marianne zu wirtschaften. Auch daß der Junge, der ihm eine entsetzliche Last war und der ihn in seinem Zusammenleben mit Alrun störte, auf diese Weise den größten Teil des Tages in der Obhut Mariannens sein würde, war ein Vorteil, auf den er stark gerechnet hatte.

Alrun war wieder mal das reine Kind gewesen, daß sie so heftig aus dem Hause der Mutter fortbegehrt hatte. Nein, darauf hatte er's wahrlich nicht abgesehen, sich zu quälen und zu schinden. Er wollte sein Leben und Alruns Liebe genießen. Was kümmerte ihn die Erinnerung an Hans Harms? Mochte sein Andenken schrecken, wen es wollte, ihm that es nichts an. Und auch für Alrun fürchtete er nichts.

Sie war ihm so ganz, so sklavisch zu eigen, daß er nicht die geringste Ursache hatte, vor den Gespenstern der Vergangenheit zu zittern. Er hatte das junge Weib mit seiner brutalen Leidenschaft so fest an sich gekettet, daß kein Toter und kein Lebender sie aus ihrem Glückstaumel aufzuschrecken vermochte. – –

Ein viertel Jahr war kaum vergangen, als Larsen ziemlich unerwartet mit der »Windsbraut« nach Westindien mußte.

Obschon es aller Voraussicht nach bei dieser einen Fahrt vorerst sein Bewenden haben würde und die »Windsbraut«, nachdem sie gelöscht und frisch geladen, ohne weiteren Aufenthalt wieder heimkehren würde, geberdete sich Alrun wie eine Wahnsinnige. Marianne kannte sie kaum wieder.

Was war aus der Frau geworden, die mit so gelassener Ruhe ihren Sohn hatte kommen und gehen sehen!

Wie von einem aufkeimenden Gefühl von Ekel ergriffen, sah sie in diesen Tagen auf Alrun, die sich so weit vergaß, selbst in Gegenwart der Mutter, sich in ungebändigter Leidenschaft an den Mann zu hängen, den sie auf kurze Zeit entbehren sollte. In solchen Augenblicken hätte Marianne Peter Larsen mit kaltem Mut ans Leben gekonnt.

Wie durfte er es wagen, mit seinen rohen Liebesäußerungen jede, aber auch jede Erinnerung an ihren Hans in Alrun zu ersticken.

An dem Morgen, an dem er mit der »Windsbraut« in See ging, brachte man ihr Alrun halb leblos vom Hafen ins Haus zurück.

Wie stumpfsinnig lebte die junge Frau dahin bis die erste telegraphische Nachricht aus einem Küstenorte kam, in dem die »Windsbraut« noch Stückgut aufzunehmen hatte. Dann, als sie Peter wieder auf See wußte, erbebte sie bei jedem Windstoß, der um das Haus fuhr, trotzdem das Wetter für die Jahreszeit ungemein günstig und die Seeberichte durchaus und andauernd beruhigende waren.

Marianne maß Alrun, die weder von ihr, noch von dem Jungen auch nur die geringste Notiz nahm, mit immer finstereren Blicken.

Diese stete Angst um den Entfernten folterte ihr Mutterherz beinahe mehr noch als der Anblick der leidenschaftlichen Liebesausbrüche der beiden.

Jeder Windstoß, der Alrun heut erzittern machte, erinnerte Marianne an jenen furchtbaren Sturmtag, an dem man ihr die Nachricht von Hans' Tode gebracht, während Alrun eine Lustpartie verabredet hatte.

Die gequälte Frau zermarterte sich den Kopf wieder und immer wieder über dieselbe Frage: Wie war es möglich, daß das feine, zartsinnige Wesen ihres Jungen, seine hingebende selbstlose Liebe nicht annähernd die Gegenliebe in Alrun erweckt hatte, als Peter Larsens bis zur Rohheit gewaltthätige Leidenschaft und selbstsüchtige Tyrannei?

Ja, sie fragte sich oft und öfter: hatte Alrun ihren Hans überhaupt je geliebt, oder hatte sie ihn nur genommen, um versorgt zu sein, da sie allein und mittellos in der Welt stand? War alle Liebe, alle Hingebung ihres guten Jungen, die sie dem jungen Weibe oft insgeheim mit blutendem Herzen beneidet hatte, an eine Gleichgiltige verschwendet worden, deren Herz und Sinne erst ein Mann von Peter Larsens Art zu wecken imstande gewesen war?

Die Bitterkeit stieg ihr bis in den Hals hinauf. Sie meinte oft, sie auf der Zunge zu spüren, und es gab Tage, an denen Marianne keinen Bissen über die Lippen brachte, in so stark physischen Äußerungen trat das Gefühl seelischer Verbitterung bei ihr auf.

Einzig die Fürsorge für den kleinen Hans, der nun schon ein ganz ordentliches, kleines Menschenkind geworden war, vermochte es, ihrer besseren Natur wieder aufzuhelfen und den tiefen Groll, den sie gegen Peter Larsen und Alrun empfand, immer wieder, auf kurze Zeit wenigstens, zurückzudrängen.

Alrun fragte jetzt in ihrer stumpfsinnigen Versunkenheit, die mit einer förmlich wütenden Sehnsucht nach dem fernen Gatten abwechselte, kaum noch nach dem Kinde, dem Marianne die eigentliche Mutter war. Der kleine Bursch dagegen hing mit einer förmlich anbetenden Liebe an Alrun und ließ nicht ab, in rührendster Weise um ihre Gegenliebe zu werben.

Wenn er einen vergeblichen Versuch gemacht hatte, sich seiner Mutter auf den Schoß oder in die Kleiderfalten zu stehlen, konnte er still vor sich hin weinen, wie ein Erwachsenes, dem ein großer, verschwiegener Kummer das Herz abdrückt.

Als Peter Larsen wiederkam, hatte das Kind noch schlechtere Tage. Instinktiv begann es in seinem Stiefvater den Feind zu fühlen, der ihn vollends um die schon so spärliche Liebe der Mutter brachte, und wenn er die beiden liebkosend bei einander fand, konnte er kirschrot vor Wut werden und die kleinen Fäustchen ballen. Niemals aber kam ein Laut über seine Lippen. So klein er war, er verbiß den eifersüchtigen Groll in sich hinein.

Wenn Marianne zufällig Zeugin solcher Szenen war, krampfte sich ihr das Herz zusammen. Mein Gott, was sollte aus dem allen werden! Der Tote vergessen, jede Erinnerung an ihn in den Küssen des andern erstickt, das einzige, was von ihm geblieben, sein unschuldiges Kind, in seinem natürlichsten Empfinden, der Liebe zur Mutter, erbittert und gekränkt!

Alrun mußte wenigstens das Kind wieder lieben. Es war ja Wahnsinn, daß sie es nicht that, ihr einziges Kind!

Wie durfte dieser Mann, dieser Fremde, auch die Mutterliebe aus ihrem Herzen reißen!

Oft bereute Marianne es jetzt, sich die schier unerträgliche Aufgabe, die beiden stets unter Augen zu haben, aufgelastet zu haben.

Aber dann sagte sie sich wieder, daß sie es tragen müsse, weil es die letzte Liebespflicht gegen den Toten und sein armes, vaterloses Kind sei. Auch sollte, auch mußte es anders werden, so oder so. Marianne hatte sich's zugeschworen.

Wenn nur Larsen erst wieder draußen war, dann wollte sie ihren Zorn gegen Alrun schon bezwingen. Das junge Weib war ja liebebedürftig. Sie würde liebevollem Zureden sich nicht verschließen. Dann wollten sie wieder gemeinsam Erinnerungen an den Toten austauschen, dann wollte sie versuchen, das Herz der Mutter für ihr Kind zurückzugewinnen.

Zwar war Peter Larsen auch jetzt, besonders abends, viel von Haus abwesend. Wenn er Alruns überdrüssig war, ging er in den »Seeadler«, wo er immer Kameraden traf, und da er meist sehr spät in der Nacht erst nach Haus zu kommen pflegte, hätte Marianne auch jetzt schon Zeit und Muße gehabt, ihren guten Vorsätzen folgend, auf Alrun einzuwirken.

Dennoch hielt sie noch zurück. Bei dem beinahe dämonischen Zwang, den Peter auf Alrun übte, hätte ein einziges Wort von ihm genügt, alles, was sie vielleicht bei Alrun erreicht, wieder über den Haufen zu werfen. Nein, er mußte erst ganz aus dem Wege sein, ehe sie ihr Liebeswerk beginnen konnte. Die »Windsbraut« mußte ja jeden Augenblick Fahrorder bekommen, und diesmal würde sie zweifellos nicht schon nach Monatsfrist wieder im Hafen sein.

Eines Abends im Spätherbst, die Frauen hatten kaum eine Stunde bei der Lampe einander gegenüber gesessen, kam Larsen herein gestürmt. Er warf die Mütze nach seiner Gewohnheit in die erste beste Ecke und sich selber fast ausgestreckt auf den leerstehenden Stuhl zwischen die beiden Frauen.

»Kannst die Thränenschleusen wieder aufziehen, Alrun, Montag gehts nach Singapore, und dann so weiter, werden wohl diesmal ein paar Jährchen rauskommen. Na, na, heul nur nicht gleich los; so schlimm ists nicht gemeint. Ist schon Order da, daß wir von Singapore erst noch mal zurück müssen, wegen der Getreideladungen. I, zum Kuckuck, Alrun, Du erstickst mich ja!«

An allen Gliedern bebend, war sie ihm um den Hals geflogen und hielt die Arme so fest um ihn geschlungen, daß der kräftige Mann sich ihrer kaum zu erwehren vermochte.

»Du gehst nicht, Du darfst nicht gehn – jetzt zum Winter nicht – Peter – Peter – thu mir das nicht an,« wimmerte sie.

Marianne war aufgestanden und hatte stumm und finster das Zimmer verlassen. Ehe sie ihre Wohnung betrat, hörte sie noch, daß ein Stuhl heftig fortgeschleudert wurde, und das laute Auflachen Larsens. Dann wurde es still und von den beiden war den Abend über nichts mehr zu sehn.

Am Morgen erschien Alrun mit dick verweinten Augen beim Frühstück. Auch Peter schien nicht gerade rosiger Stimmung zu sein; er machte sein brummigstes, unliebenswürdigstes Gesicht.

Unwillig wandte er den Kopf, als der kleine Hans mit seinen unsicheren, trippelnden Schritten an Mariannens Hand hineingetappt kam. Mit entzückender Unbeholfenheit und einem reizenden Ausdruck zärtlicher Scheu schlich sich das Kind an die Seite der Mutter. Als es zwischen Peter und Alrun stand und die Mutter am Kleid zupfte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen, sprang Peter heftig auf und riß das Kind bei Seite, daß es hart auf den Boden auffiel.

»Du fehlst mir gerade noch, unnützer Bengel,« schrie er das weinende Kind an und stürzte dann zur Thür hinaus, die er krachend hinter sich ins Schloß warf, Alrun aufschluchzend hinter ihm her, ohne auch nur einen Blick für ihr weinendes Kind zu haben.

Marianne nahm den Kleinen in ihre Arme und preßte ihn mit überströmender Zärtlichkeit an die Brust.

»Armes Kind, armer Junge, armer Hans,« murmelte sie – »es ist vergebens, alles vergebens.«

Eine schwere Thräne fiel langsam auf die Stirn des schluchzendes Kindes.

Da hörte es plötzlich zu weinen auf, hob das Köpfchen und sah Marianne mit einem langen, seltsam bittenden Blick an.

Der Blick schnitt Marianne durch die Seele. Es war der Blick ihres toten Jungen, der Blick, den er stets gehabt als Kind, als Knabe, als Jüngling, als Mann, wenn er in seiner wortlos stillen Art irgend etwas von ihr hatte erbitten wollen. Ihr liebevolles Herz hatte diesen stummen Blick stets richtig deuten gelehrt. Las sie ebenso scharfsichtig in dem Herzen ihres Kindeskindes?

Bedeutete der Blick wirklich das, was sie darin zu lesen glaubte? Wollte dies Kind mit seinem Blick ihr sagen, was es noch nicht in Worte kleiden konnte – »hilf mir – befreie mich von dem Mann, der mir das Herz meiner Mutter gestohlen hat,« oder war es nur der instinktiv schutzsuchende Blick eines mißhandelten Kindes?

Sie preßte die Hand auf das heftig klopfende Herz und trug den Knaben hinüber in ihr eigenes, stilles Gemach. –

– Die »Windsbraut« war am Montag pünktlich um sieben Uhr abends mit leidlichem Wind aus dem Hafen gegangen.

Eine Stunde später brachte Theda Alrun heim und half ihr sich zu Bett zu legen, ohne daß Marianne, die gerade mit dem Kleinen beschäftigt war, ihre Schwiegertochter auch nur gesehen hätte.

Gegen neun Uhr, nachdem sie Theda hatte fortgehen hören, klopfte Marianne noch einmal an die Thür von Alruns Zimmer – keine Antwort. Behutsam versuchte sie die Thür zu öffnen – sie war verschlossen – drinnen regte sich nichts.

Mit einem schweren Seufzer ging Marianne zu dem Kinde zurück, das sanft schlafend mit roten Bäckchen in seinen Kissen lag.

Am nächsten Morgen verließ Alrun schon früh das Haus. Marianne mutmaßte, daß sie zu ihrer Schwägerin gegangen sei, um bei ihr den Trost zu suchen, den sie zu Haus nicht finden zu können schien.

Das durfte nicht sein. Marianne hatte sich's zugeschworen, Alrun sich und dem Kinde, und wenn es sein konnte, der Erinnerung an ihren Jungen zurückzugewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, mußte Alrun vor allem erst wieder Vertrauen zu ihr fassen.

Wäre nur dieser unverständig wilde Schmerz um die Abwesenheit des Mannes nicht, wie viel leichter würde es Marianne sein, Alruns Herz wieder zu gewinnen.

Dieser leidenschaftliche Schmerz stand wie eine Scheidewand zwischen beiden.

Ruhiger als Marianne erwartet hatte, kam Alrun von Theda zurück. Auch das Mittagbrot in Gesellschaft des Kleinen, der auf seinem hohen Stühlchen zwischen den Frauen saß, ging ohne Verzweiflungsausbruch vorüber.

Das gab Marianne Mut, Alrun den Vorschlag zu machen, wie früher wohl nach dem Essen mit einer Handarbeit zusammen zu bleiben. Alrun willigte mit einem müden Blick ein. Das Kind spielte auf einem Otterfell zu Mariannes Füßen, nachdem es vergebliche Versuche gemacht hatte, der Mutter auf den Schoß zu kriechen.

Eine lange Weile ward in dem kleinen Gemach nichts als ab und zu eine Ansprache des Kindes an seine Spielsachen laut.

Marianne sah beklommen zu Alrun herüber. Als sie den leeren Blick gewahrte, mit dem die Frau über das Kind fort durch das Fenster zu dem dickbewölkten Himmel aufstarrte, kam ihr plötzlich der Gedanke, ob es nicht am Ende besser für sie alle gewesen sei, wenn Alrun auch Peter ein Kind geschenkt hätte.

Bis heut war Marianne glücklich darüber gewesen, daß Hans das einzige Kind geblieben war.

Auch in diesem Augenblick versuchte sie keineswegs vor sich selbst zu verbergen, daß sie mit einer gewissen Genugthuung stets an dem Gedanken gehangen hatte, daß wenigstens Alruns Mutterschaft ihrem Hans allein gehört habe. Aber eben so ehrlich gestand sich Marianne in diese Stunde ein, daß diese Genugthuung nur ein selbstisches Empfinden gewesen sei, daß Alruns Leidenschaft für Peter, wenn sie auch ihm ein Kind geboren hätte, einen gesunden und natürlichen Abzug gefunden, und daß dem kleinen Hans, Schulter an Schulter mit einem zweiten Kinde, ein ganz anderes Leben, eine ganz andere Jugend erblüht wäre.

Nun, der Himmel konnte ja diesen Segen noch geben. Vielleicht auch, daß Alrun, bitter und verschlossen wie sie geworden war, das Fehlen dieses Segens schwer empfand und Peter Larsen mit ihr. Vielleicht daß seine Rohheit gegen das arme vaterlose Kind nichts als Neid darüber war, daß Alrun ihm keines geschenkt.

In diesem Augenblick wandte sich der kleine Hans mit einer halblauten Frage an Marianne. Ihm sanft über den blonden Krauskopf streichend, beantwortete sie des Kindes Begehr, dann wandte sie sich mit auf das Haupt des Kindes gesenktem Blick zu Alrun und sagte leise, ruckweis, als ob sie sich's abringen müßte:

»Unser armer Junge. Immer muß er allein spielen, schön wärs doch Alrun, wenn er bald ein Brüderchen oder Schwesterchen bekäme.«

Alrun blickte Marianne, die das Auge langsam erhoben hatte, finster an.

»Wozu – Peter macht sich nichts aus Kindern. Er hat an dem einen übergenug.«

Marianne biß sich auf die Lippen.

Nur mit Mühe unterdrückte sie, was sich ihr über die Lippen drängte.

Der ganze wilde Haß gegen die selbstische brutale Natur des Mannes stieg wieder in ihr auf. Aber sie beherrschte sich und sagte nach einer kleinen Pause mit ruhiger Stimme:

»Wie verschieden doch die Männer sind, auch auf diesem Punkt. Weißt Du noch wie beglückt uns Hans über Deine Mutteraussichten schrieb, die ich ihm zuerst mitteilen mußte, weil Du Dich schämtest, dummes kleines Ding, das Du warst.«

Alrun antwortete nicht und Marianne wartete auch auf keine Antwort.

Auf dem Nähtisch am Fenster, vor dem sie saß, stand neben dem großen Strickkorb ein kleines Kästchen aus Pernambucoholz, das ihr Hans einmal aus Brasilien mitgebracht hatte; das klappte sie auf und nahm von den Briefen, die es verwahrte, einen der obersten heraus.

»Und wie Du glücklich warst, Alrun, als die Antwort kam« – fuhr sie fort, ohne nach ihrer Schwiegertochter hinzublicken – »gerade habe ich sie zur Hand. Hör' doch, Alrun, was Hans damals schrieb.«

Alrun antwortete nicht und sah auch von ihrer Arbeit nicht auf.

Da faßte Marianne sich ein Herz und las. Vielleicht sprach die Stimme des Toten eindringlicher zu ihrem Herzen als sie selbst es vermochte:

»Was Du mir über Alrun und ihre große Hoffnung schreibst, Mutter, hat mich ganz beseligt. Ich lege natürlich einen Brief für mein liebes, kleines Weib bei. Dir aber muß ich sagen, daß sich mit dieser Nachricht mein höchster Wunsch erfüllt hat. Ich danke Gott aus tiefster Brust für diesen neuen Segen, und bete zu ihm, daß meine Alrun in ihrer schweren Stunde –«

Ein lautes Gelächter von der Thür her unterbrach die Lesende.

Peter Larsen stand auf der Schwelle.

»Das sieht ihm ähnlich, diesem Schwätzer,« rief er überlaut in sein eignes, verhallendes Lachen hinein. »Hältst hier ja eine famose Bibelstunde ab, Frau Mutter. Glaube nur, daß es Alrun ein willkommenerer Gottesdienst sein wird, daß ich wieder hier bin, als Dein alter verwaschener Salbader da. Predigst uns ja schon mit Blicken genug, Frau Mutter, brauchst nicht noch der Worte. Dein Sohn natürlich, der war der weißgewaschene Engel, und ich bin der Deibel in Person. Nützt Dir aber doch nichts, kannst Dich anstellen wie Du willst. Alrun liebt nun mal diesen Deibel und hat Deinen Engel längst vergessen – und wenn die überflüssige Erinnerung da nicht wäre –« Peter warf einen wütenden Blick auf den mit weit aufgerissenen, angsterfüllten Augen dasitzenden Knaben – –, »wäre die alte Geschichte längst vollends ausgelöscht und vergessen. Nicht wahr Alrun?« Und er küßte die Frau, die längst in den Armen des so plötzlich Heimgekehrten lag, mit einem hörbaren Kuß auf Mund und Wangen.

Marianne war wie eine Tote anzusehn. Weiß bis in die Lippen saß sie reglos da. Dann hob sie den Blick, einen furchtbaren, medusenhaften Blick zu den beiden auf, die noch immer eng verschlungen in dem Thürrahmen standen, und die Hand erhebend rief sie mit gänzlich veränderter, rauh befehlender Stimme:

»Hinaus, alle beide hinaus – ich verbiete Euch diese Schwelle jetzt und für immer!«

Alrun machte eine kleine Bewegung, als ob sie auf Marianne zugehen wollte.

Aber Peter zog sie heftig zurück und trotzig auflachend rief er:

»Desto besser! Aber der Balg bleibt hier, den kannst Du behalten,« und warf die Thür hinter sich und Alrun zu.

Als sie drüben in ihrer eigenen Wohnung angekommen waren, machte sich Alrun sanft von Peter los und sagte verschüchtert:

»Du hättest das nicht sagen sollen, Peter.«

Er gab ihr einen derben Schlag auf die Schulter.

»Ach was, fang Du auch noch zu predigen an! Anstatt Dich zu freuen, daß ich wieder hier bin. 's war höchste Zeit, daß man der Alten mal reinen Wein einschenkte. – Na, und nun sag mal, was meinst Du eigentlich was los ist, daß ich schon wieder da bin?«

»Wie soll ich das wissen, Peter? Habt Ihr konträren Wind abwarten wollen?

»Das hat die »Windsbraut« nicht nötig. Habt ihrs denn nicht bis hier gehört? Ach so, der Wind steht nach Süden – die schießen ja da draußen, daß es man so bollert. Probieren wieder mal ein neues Geschoß. Wir mußten vier Seemeilen von hier vor der Schußlinie liegen bleiben. Morgen früh muß ich wieder an Bord, aber für diesen Nachmittag und diese Nacht habe ich mir Urlaub erbeten. Hatte auch keine Schwierigkeit, da unser erster Steuermann, der alte Seebär, keine Gelüste nach einer jungen Frau hatte und gern an Bord geblieben ist.«

»Also morgen, morgen schon wieder?« stieß Alrun kleinlaut fragend hervor.

Peter hörte nicht auf sie.

Er hatte die dicke, silberne Uhr aus der Hosentasche gezogen.

»In einer halben Stunde muß ich nochmal fort in den »Seeadler«. Kannst Du mir nicht schnell noch was zu essen schaffen, Alrun, ich habe einen Wolfshunger!«

»Fort willst Du – während dieser paar Stunden auch noch fort!«

»Natürlich will ich. Was meinst Du! Nochmal in fideler Gesellschaft ein paar »Steife« zu trinken, werd' ich mir doch noch genehmigen können! Na, heul' nur nicht gleich wieder los. Werd' in nächster Zeit mehr Wasser zu sehen kriegen, als mir lieb ist. Jetzt ist's sechs. Bis sieben bleibe ich bei Dir und bin um zehn wieder hier. Na, mehr kannst Du nicht verlangen.«

Alrun schluckte mühsam an den Thränen bitterer Enttäuschung.

»Aber ich darf Dich morgen zur »Windsbraut« begleiten?«

Peter schüttelte den Kopf.

»Wie willst Du denn zurückkommen, wenn ich fragen darf? Ich bin mit dem kleinen Boot der »Windsbraut« gekommen – 's liegt draußen bei der Lootsenstation hinter den Weiden im Schilf.«

»Wir könnten unseres mitschleppen und ich rudere allein zurück.«

»Eine Stunde weit in See und allein zurückrudern – bei dieser Jahreszeit – Du bist wohl ganz und gar toll geworden, Alrun –«

Er dachte einen Augenblick nach, dann kniff er sie nicht eben sanft in die Backen.

»Wenn Du mich heute nicht quälst und mir die Rückkehr aus dem Seeadler nicht auf die Minute nachrechnest, wüßte ich vielleicht doch ein Mittel, wie Du wieder zurück könntest.«

»Ach, Peter! Bitte, bitte, ja!«

»Es soll noch Stückgut nachgeladen werden. Bolich hat den Auftrag gekriegt, es morgen früh bis sieben mit der »Marie« heranzuschaffen. Der könnte Dich allenfalls mit zurücknehmen. Aber nun hol' auch endlich was zu essen. Das übrige wird sich später finden.«

In der gemeinsamen Küche traf Alrun auf Marianne, die dem Kleinen die Abendmilch wärmte.

Marianne antwortete nicht auf Alruns Anrede, die verlegen eine Art von Entschuldigung für Peter stammelte. – Ja, sie drehte Alrun geflissentlich den Rücken zu und rührte in der Milch für den Kleinen, während Alrun am Küchentisch stand und ein paar Scheiben Schinken für Peter herunterschnitt.

»Du wirst ja Peter nicht mehr zu sehen bekommen, Mutter«, fing Alrun nach einer kleinen Pause noch einmal begütigend an. »Er muß morgen ganz früh an Bord zurück und ich – ich darf ihn begleiten – das Boot liegt draußen an der Lootsenstation hinter den Weiden im Schilf. Ich kann dann bis um zehn Uhr herum mit Bolich wieder zurück sein, der noch Stückgut auf die »Windsbraut« schafft. Wenn wir uns bis dahin nicht mehr sehen sollten – gute Nacht Mutter.«

Sie war, den Teller mit Schinken in der Hand, bis zur Thür gegangen, ohne daß Marianne mit einer Silbe geantwortet oder sich auch nur umgewandt hätte.

Jetzt erst, als Alrun die Küchenthür schon in der Hand hielt, wandte die Frau sich langsam um.

»An der Lootsenstation hinter den Weiden im Schilf liegt das Boot, sagst Du?« und dabei sah sie Alrun scharf an. »Weißt Du das ganz genau?«

»Ganz genau, Mutter – und zwischen fünf und sechs Uhr früh muß Peter damit fort.«

»Da ists ja noch Nacht,« murmelte Marianne vor sich hin.

Alrun trat einen Schritt näher auf Marianne zu und sagte stolz:

»Denk nur – ich darf ihn begleiten, Mutter.«

»Das wirst Du bleiben lassen,« stieß Marianne mit knapp werdendem Atem hervor.

»Aber, Mutter, weshalb denn, wenn er mirs doch erlaubt?«

»Weil ich es Dir verbiete und Dir sage, Du fährst nicht mit. Ich denke, ich habe doch auch noch eine Stimme in meinem Hause.«

Da wurde drüben die Thür aufgerissen.

Peter rief ungeduldig nach seinem Vesper.

Alrun drehte sich noch einmal nach Marianne um, die gerade die Milch für den Kleinen in einen Topf goß.

»Na, nochmals gute Nacht, Mutter, wenn wir uns bis morgen Vormittag nicht wieder sehen sollten.«

Marianne blickte ihr mit starrfinsterm Ausdruck nach. Dann nahm sie die Milch, ging zu dem Kleinen hinüber, und nachdem sie ihm zu trinken gegeben, rief sie das Mädchen herein.

»Bring den Kleinen in einer halben Stunde zu Bett, Minna, und verwahr ihn so lange, bis ich wieder hier bin. Wenn Frau Larsen nach mir fragen sollte, ich bin zu Onkel Willem in die Stadt gegangen. Gute Nacht, mein Bürschchen. Großmutter küßt Dich noch im Schlaf. »Sei brav, mein Junge. – Gute Nacht, mein lieber Junge –«

Noch einmal küßte Marianne das Kind, das die Ärmchen zärtlich um ihren Hals geschlungen hatte.

Dann nahm sie einen Mantel um, schlang ein Tuch um den Kopf und schlich sich lautlos über den ziegelgepflasterten Flur die Treppe zur Bodenkammer hinauf. Als sie nach kurzem wieder herabkam, trug sie einen langen, sorgfältig in Zeitungspapier eingewickelten Gegenstand in der Hand, den sie unter dem Mantel verbarg.

Leise, ohne daß Jemand sie gehört hätte, ging sie aus dem Haus.

Sie schlug den Weg nach der Stadt zu ein. An der ersten schmalen, menschenleeren Straße, die aus der Stadt hinaus nach dem Außenhafen führte, bog sie ab.

Es war schon finster und wenig Menschen gingen mehr auf dem um diese Zeit stets einsamen Weg.

Als sie in die Stille und die hier kaum noch dann und wann erhellte Dunkelheit hinaustrat, stockte ihr Fuß eine kurze Weile. Sie atmete ein paar Mal schwer und heftig auf, dann preßte sie die Hand aufs Herz, blickte zum Himmel auf, an dem statt der Sterne dicke, grauschwarze Wolkenmassen standen und schritt dann, leise, abgebrochene Worte vor sich hin murmelnd, ohne Aufenthalt bis an das dichte Weidengebüsch, das gemischt mit hohem Schilfrohr bis tief in die kleine Bucht an der Lootsenstation hineinwächst. – – –

Alrun wartete lange auf ihren Mann. Es war beinahe Mitternacht als er lärmend aus dem »Seeadler« heimkam. Aber sie sagte kein Wort und hielt auch ihre Thränen tapfer zurück. Sie wollte seine gute Laune nicht stören und sich nicht um die Erlaubnis bringen, ihn bis zur »Windsbraut« begleiten zu dürfen. Sie wußte, bei dem leisesten Vorwurf hätte Peter seine Drohung wahr gemacht und sie zu Haus gelassen. So bezwang sie sich tapferer als je zuvor. An der Mutter Verbot, mit Peter zu fahren, dachte sie nicht einmal.

Es war noch tiefe Nacht als Alrun aufstand, um für Peter und sich den Morgenimbiß zu bereiten.

Als sie in die Küche kam, in der eine trübselig glimmende Öllampe brannte, wich sie erschreckt zurück. In dem flackernden, unsicheren Licht, unheimlich anzuschauen, stand die Mutter, genau wie sie gestern gegen Abend gestanden, am Herd und rührte in einem Topf.

Es hatte fast den Anschein, als ob sie die ganze Nacht über so gestanden, und ihr Lager garnicht aufgesucht habe.

Sie trug ihre Tageskleider wie gestern. Nur statt der starken Lederstiefel hatte sie weiche Hausschuhe an den Füßen. Dabei ging ein feuchter Geruch von ihr aus, als ob sie im Regen draußen gewesen sei, während doch, soviel Alrun wußte, abends kein Tropfen gefallen war.

Als Alrun näher trat, wandte sich Marianne langsam um. Beim Anblick der jungen Frau wich sie, wie von einem plötzlichen Entsetzen befallen, zurück.

»Du – Du bist ja schon fix und fertig angezogen – willst Du wirklich mit hinaus?«

Alrun strich über das hübsch geordnete, reiche, blonde Kraushaar, wie es so ihre Gewohnheit in kleinen, verlegenen Augenblicken war.

»Ich sagte Dirs doch gestern schon – da Peter es erlaubt.«

»Du darfst es nicht – Du darfst nicht.«

Marianne stieß es in fast unartikulierten Tönen heraus.

Alrun schüttelte den Kopf. Sie hörte garnicht auf sie. Sie sah nur immer, wie seltsam Marianne aussah, die bis gestern noch so schöne, stattliche Frau: alt und verfallen, die Gesichtsfarbe weißlich grün, und in den Augen ein so merkwürdiges Licht. Sie mußte krank sein, schwer krank, und gewiß, sie wollte sich um sie annehmen, wenn sie wiederkam – Peter hatte sie wirklich zu hart gekränkt, das mußte sie wieder gut machen – nur jetzt nicht – jetzt konnte sie sich keine Minute mehr für ein anderes abstehlen – die wenigen, kostbaren Stunden gehörten ihm, ihm allein.

»Möchtest Du mir nicht Platz machen, Mutter. Es ist höchste Zeit, daß ich uns den Kaffee wärme. Um fünf Uhr pünktlich müssen wir fort.«

Marianne trat ein paar Schritte zurück, mechanisch immer den Milchtopf des Kleinen in der Hand.

Beim gehen schleifte ihr Kleid merkwürdig schwer und geräuschvoll über den ziegelgepflasterten Küchenboden.

»Es klingt ja, als ob Du ganz durchnäßt wärst,« sagte Alrun, nur um etwas zu sagen. Marianne raffte den Saum eilends in die Höhe und blickte halb scheu, halb trotzig auf Alrun; aber die war mit ihren Gedanken schon längst wo anders.

»Peter sagt, im »Seeadler« hätten sie gestern gemeint, die »Windsbraut« würde auch heut noch nicht herauskönnen, der Schießversuche wegen.«

Marianne horchte auf.

»Dann ists doch erst recht ein Wahnsinn, Peter an Bord zu bringen – wie ich den kenne, kommt er heute noch mal,« fügte sie zögernd und unsicher hinzu.

»Nein, Mutter, laß gut sein. Jetzt kriegt er keinen zweiten Urlaub mehr.«

Der Kaffee war heiß. Das Brot geschnitten und mit Butter bestrichen.

Alrun hatte alles auf einem Brett zusammengestellt und wollte nun an Marianne vorüber, die noch immer mitten in der Küche stand und in dem Topf fortrührte.

Alrun konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.

»Warum rührst Du eigentlich so krampfhaft an der Suppe für den Jungen? 's ist ja noch viel zu früh. Vor sieben kriegt er doch nichts, der schläft doch gewiß noch wie ein Sack.«

Über Mariannens starres Antlitz flog es wie ein Anhauch von Leben. Sie legte Alrun die linke Hand schwer auf den Arm.

»Er schläft garnicht – hat die ganze Nacht geweint – es ist nicht richtig mit ihm – mag sein, daß ihm eine Krankheit in den Gliedern steckt – möchtest Du nicht mal nach ihm sehn – und dann gleich selbst zum Doktor laufen –«

»Ja, ja, Mutter, sobald ich zurück bin; jetzt habe ich keinen Augenblick Zeit mehr. Hörst Du, Peter ruft schon nach mir.«

Marianne wollte noch etwas sagen, aber sie brachte nichts als einen rauhen, unverständlichen Anlaut mehr über die Lippen.

An der Thür blieb Alrun noch einen Augenblick stehen.

»Du solltest Dir die Hand verbinden, Mutter, Du hast ja einen tiefen Riß darüber, wie von einem scharfen Instrument.«

Marianne legte die Linke auf den Rücken.

Alrun war schon zur Thür hinaus.

»Alrun, Alrun!«

Marianne schrie es mehr als sie es sprach, mit ungleicher, heiser, gebrochener Stimme.

Alrun hörte sie nicht, wollte sie nicht hören.

Marianne brach auf dem Küchenschemel am Herd zusammen. Der Topf mit der Morgensuppe für den Kleinen entsank ihrer Hand und fiel klirrend, in Scherben zerspringend, zu Boden.

Sie legte die Hände über das Antlitz. Von der linken tropfte das Blut aus einer tiefen Rißwunde langsam auf ihr durchfeuchtetes Kleid herab.

Dann ließ sie die Hände wieder sinken und richtete Kopf und Oberkörper auf. »Sie will es so – wohl denn, ich kann ihr nicht helfen. Gott sei ihrer Seele gnädig.«

Eine Viertelstunde später hörte Marianne Schritte und Sprechen auf dem Flur. Sie schlich zur Küchenthür und öffnete sie leise, um durch den Spalt noch einen Blick auf Alrun zu werfen. Es war zu spät. Die Hausthür fiel klirrend ins Schloß. Die Schritte verhalten auf dem Pflaster vor dem kleinen Haus. – Aus und vorüber – – – – – – – – – – – – –

Marianne hielt den kleinen Hans im Arm, der seine verweinte Nacht in ihrem Schoß ausschlief, als Minna mit weit aufgerissenen Augen und verstörter Miene ins Zimmer gestürzt kam.

Marianne verlor keinen Augenblick ihre Fassung. Sie wußte genau, was nun kommen würde. Sie drückte das Kind, das Erbteil ihres heißgeliebten, unvergessenen Jungen, fester an die Brust, und fragte mit ruhiger Stimme:

»Was giebt es Minna?

»'s ist einer draußen von der »Windsbraut«, Frau Harms – und – ich glaube er bringt schlimme Nachricht.«

Das gutherzige Mädchen fuhr sich mit der Hand über die Augen.

»Er soll hereinkommen.«

Minna ließ einen jungen Menschen hinein, der seine Mütze verlegen in den Händen drehte und scheue Blicke auf die ruhig mit dem Kinde im Arm dasitzende Frau warf.

Als er keine Anstalten machte zu sprechen, fragte sie ihn kurz entschlossen:

»Ein Unglück?«

»Ja, Frau Steuermann, ein großes Unglück – Peter Larsen und die junge Frau, was Ihre Schwiegertochter ist – das Boot – das Ding muß reine weg leck gewesen sein, 'nen Zusammenstoß hats nicht gegeben, nirgend wo war ein Boot in Sicht – Na, Frau Steuermann, es ist nun mal so, wie's ist – das Boot ist gesunken – 'ne knappe Seemeile von der Küste« – der junge Mensch wischte sich mit der Hand über die Stirn, auf der trotz des kalten Morgens die Schweißtropfen standen – »und nichts mehr war übrig – rein garnichts mehr, Frau Steuermann. Und wenn man wie Sie schon einen Sohn da unten auf dem Grund –«

Marianne hob schweigengebietend die Hand zu dem Sprechenden auf.

»Genug – genug –«

Von dem unheimlichen Blick der Frau getroffen, wich der junge Mensch erschreckt um ein paar Schritte zurück.

Er stotterte noch etwas, was wol wie Beileid klingen sollte, und als sie nichts erwiderte und über den Kopf des ruhig fortschlafenden Kindes ins Leere starrte, zog er sich langsam zurück und ging kopfschüttelnd zum Hause hinaus.

Alle Nachforschungen auf See und an dem nächstgelegenen Küstenstrich, wie das Unglück hatte geschehen können, blieben erfolglos. Tagelang sprach man in der kleinen Hafenstadt von nichts anderm, als von diesem rätselhaften Unglücksfall. Neugier und Teilnahme trieben fast die ganze Stadt vor die Thür des kleinen Hauses am Bollwerk.

Wenn sich Marianne überhaupt sehen ließ, was selten genug der Fall war, bewahrte sie stets dieselbe gleiche, starre Ruhe. Keine Thräne kam in ihre Augen, kein weiches Wort von ihren Lippen.

Wer den starr abwesenden Blick gewahrte, den ihr Auge annahm, wenn sie sich unbeobachtet glaubte, meinte, das Unglück sei ihr zu Kopfe gestiegen.

»Kein Wunder,« fügte man hinzu, »wenn man bedenkt, welche Opfer die See von dieser Frau gefordert hat.«

Als Marianne nach Monatsfrist das kleine Haus verkaufte, die Stadt verließ und mit dem Kinde von der Küste fort, landeinwärts zog, gab es Niemanden, der darin etwas unerwartetes gefunden hätte.

Die Frau hatte ja nichts mehr auf der Welt als das Kind. Was Wunder, daß sie das grausame Meer mit ihm floh, um es in anderer Umgebung aufwachsen zu lassen. Sollte sie auch das letzte, dies Kind den tückischen Wellen opfern, die ihr ganzes Geschlecht hingemordet hatten? Marianne selbst hat niemals auf diese oder eine ähnliche Frage Antwort gegeben.




Sturm

Über dem schmalen Inselstreifen, der sich zwischen Meer und Haff reckt, stand ein drohendes Gewitter.

Die Luft war schwül und still.

In langen Absätzen nur fuhr ein Windstoß auf und schlug die grauweißen Haffwellen gegen die dicht am Ufer festgeankerten Fischerboote und die schmalen, zwischen dem hochaufgeschossenen Röhricht ins Wasser gebauten Holzstege.

Es war Mittagszeit. Dieselbe schwüle Stille wie in der Luft lag über dem langgestreckten Dorf, das sich in der Richtung vom Haff zum Meere hügelaufwärts zog.

Es mochte im Lauf der Jahrhunderte verkalkter Dünenboden sein, auf dem das Dorf sich aufbaute.

In Wellenlinien stieg es empor, um von seiner höchsten Höhe dann plötzlich steil in die Tiefe zu fallen; nach Osten, zu weiten, grünen, von Gräben und schmalen Wasserläufen durchquerten Moor- und Wiesenflächen, über welche der nächste Weg zur nahen Stadt führte; westlich zu den Ausläufern eines langgestreckten Buchenforstes und seinem Vorland, einem während des ganzen Sommers und Herbstes mit rotlila blühender Heide bedeckten Torfmoor.

Auf dem höchsten Punkt der Dorfstraße, kurz, ehe sie steil zu Thale fiel, stand das Schulhaus, zu beiden Seiten von zwei uralten Pappeln begrenzt, deren Kronen eben jetzt wieder ein heftiger Windstoß peitschte.

In dem kleinen Garten hinter dem Hause war er einen Augenblick lang über die schwerduftenden Sommerblumen gefahren, zwischen deren wild durch einander wachsender Fülle ein großer, hagerer Mann mit langen Schritten auf und nieder ging.

Nur einen Augenblick. Dann hatte der Wind, als ob er sich plötzlich eines anderen besänne, kurz abbrechend innegehalten, und wieder lag dieselbe dumpfe Schwüle über dem Inselland.

Der auf und nieder schreitende Mann fuhr mit den langen, schmalen Fingern über die Stirn und durch das kurzgeschnittene, aufrecht stehende, blonde Haar. Ein leiser, schwerer Laut, etwas wie ein ungeduldiger Seufzer, kam von seinen Lippen. Dann blickte er zum Himmel, an dem die dicken, schwarzen Wolken schon wieder aus einander zu reißen begannen und sich meerwärts zu großen, schwarzen, gelbgerandeten Flocken teilten.

»Es wird wieder nichts,« murmelte er, »immer dieselbe lastende Schwere!«

Dann ging er, wie es seine Gewohnheit war, den schmalen Kopf leicht vornüber gebeugt, die Schultern etwas in die Höhe gezogen, einen kleinen Steig entlang, der von beiden Seiten mit scharf duftenden Balsaminen und Lattich eingefaßt war.

Der Weg führte vom Hause fort bis an das niedere Staket am Ende des Gartens, von dem man an einem steilen Hang in die grüne Wiesenfläche hinabsah.

In die lehmfarbig gestrichene Hinterthür des Hauses war eine Frau getreten, eine große, knochige Gestalt. Sie hatte die nicht mehr jungen Augen mit der Hand beschattet. Die schwere, graue Luft blendete sie. Sie sah dem Dahinschreitenden mit einem merkwürdigen Blick, halb mitfühlenden Verständnisses, halb anklagenden Vorwurfs nach. Als der Mann das Staket erreicht hatte, rief sie ihn mit einer Stimme an, deren Weichheit im schroffen Gegensatz zu der harten, eckigen Gestalt stand.

Er wandte sich sogleich zurück.

»Hans, willst Du nicht essen kommen? Die Suppe steht schon längst auf dem Tisch!«

Sie wartete geduldig, bis er den Weg wieder zurückgelegt hatte.

Jetzt war er an ihrer Seite auf der ausgetretenen Steinstufe, die zur Thüre hinaufführte.

»Verzeih, Friederike – ich war wieder 'mal in Gedanken.«

Sie erwiderte nichts, sondern sah ihn nur wieder halb mitleidig wie einen Kranken von der Seite an.

In dem kleinen, niedrigen Zimmer, in dem der Tisch gedeckt stand, war es erstickend schwül.

Um die heiße Außenluft abzusperren, waren die Fenster geschlossen geblieben. Hans Hagen hatte das Gefühl, als ob er in ein künstlich durchglühtes Grabgewölbe träte. Er riß mit nervöser Hast beide Fensterflügel auf.

Friederike sprach noch immer kein Wort. Zu dem Mitleid trat es jetzt wie staunende, kopfschüttelnde Verwunderung.

Sie legte ihm die Suppe auf. Als er den Teller hastig und gedankenlos ausgelöffelt hatte, brach sie endlich das schwüle Schweigen.

»Ein wahres Glück, Bruder, daß nächste Woche die Ferien anfangen.«

»Wahrhaftig ja« – er fuhr mit den Fingern über die feuchte, kräftig gebaute Stirn – »ich gönn's den Kindern bei dieser Temperatur.«

»Ich dachte nicht an die Kinder.«

Sie stand auf, stieß mit einer ungeduldigen Bewegung den Stuhl hinter sich fort und verließ das Zimmer.

Wenige Minuten später kam sie mit einer dampfenden Schüssel zurück.

Hans saß noch genau ebenso da, über den Tisch ins Leere starrend, wie sie ihn verlassen hatte. Mit einem hörbaren Ruck setzte sie die Schüssel auf den Tisch. Dann legte sie dem Bruder Bohnen und ein großes Stück gekochtes Hammelfleisch auf den Teller.

Er fing auch sogleich, ohne aufzublicken, zu essen an. Daß Friederike die Speisen nicht berührte, bemerkte er nicht einmal.

Nach und nach stieg etwas wie unversöhnlicher Groll in dem Antlitz des alten Mädchens auf, und plötzlich in die dumpfe Stille hinein sagte sie mit einer seltsam veränderten Stimme, aus der alle Weichheit fortgelöscht schien:

»Es muß anders werden, Hans – es muß –«

Er erwiderte nichts und sah sie auch nicht an. Das machte ihr Mut.

»Die Anna muß wieder fort!«

Gott sei Dank, nun war's heraus, was sie seit Monaten mit sich herumgetragen hatte, und die Welt ging nicht aus den Fugen.

Sie atmete auf. War es denn möglich?

Auf einen Sturm war sie gefaßt gewesen, und nun saß er, dem sie mit ihrem Wort ans innerste Leben gegriffen, ganz still ihr gegenüber und sagte nur leise mit halb verschleierter Stimme:

»Ich habe kein Recht, die Anna gehen oder kommen zu heißen.«

»So wirf wenigstens den Jungen, den Felix, aus der Schule,« begehrte sie heftig auf.

»Du hast's nicht nötig, ein Jungfernkind –«

Seine Hand fiel langsam und schwer auf den Tisch. Mit unterdrückter Stimme herrschte er sie an, zu schweigen. Aus seinen tiefliegenden, dunklen Augen brach ein unheimliches Feuer.

»Du sollst daran nicht rühren, Friederike, Niemand weiß gewisses, und selbst wenn es wäre – der Junge bleibt.«

»Hans!« – sie schluckte mühsam, die Worte blieben ihr in der Kehle stecken. – »Reizen wollt' ich Dich nicht – aber« – es stieg wie ein Schluchzen in ihrem Halse auf – »ich kann's nicht länger mit ansehen, wie der Bengel Dein Leben vergiftet.«

»'s ist nicht seine Schuld.«

Er stieß es kaum vernehmbar zwischen den Zähnen hervor.

Aber das empörte Mädchen hörte nicht auf ihn.

Allzu lange hatte sie geschwiegen. Der endlich entfesselte Strom ihres erbitterten Grolls war nicht so schnell wieder einzudämmen.

»Hätte die Anna den Bengel nicht wenigstens in Italien lassen können, oder wo sonst sie sich mit dem Lumpen von Mann herumgetrieben? – Kein Schade wär's gewesen für unser Dorf, wenn sie 'n draußen gelassen und allein wiedergekommen wäre – wenn's Wiederkommen schon durchaus sein mußte.«

»Ja, es mußte sein.«

Er sprach es fest und ruhig.

Mit einer stummen, eigensinnigen Verneinung sah sie zu ihm herüber.

»Und rechtschaffen war's von Peter Tiefs, daß er die Verlassene mit dem Kinde aufgenommen hat.«

»Es giebt auch Leute, die es anders nennen,« warf sie verächtlich dazwischen.

»Sie hat genug gebüßt. Soll das arme Geschöpf verurteilt sein, lebenslang heimatlos durch die Welt zu irren? Ist ein Kind wie dieser Junge nicht Strafe genug?«

Friederike lachte kurz und scharf auf.

»Ist ja sein Kind – und sein Ebenbild dazu – da sollte man doch meinen, ihre Liebe zu dem Jungen müsse doppelt gewaltig sein.«

Friederikes Blicke streiften den Bruder. Erschreckt hielt sie inne.

Das Feuer, das vorher in Hans Hagens Augen aufgeglüht, war jetzt zu einer drohenden Flamme gewachsen. Die beinahe blutlos gewordenen Lippen fest zusammengepreßt, ohne Wort, ohne Laut stieß er den Stuhl hinter sich fort, verließ das Zimmer und schritt über den ziegelgepflasterten Flur in seine Arbeitsstube hinüber. Erschöpft wie von schwerer, körperlicher Arbeit sank er in einen Stuhl.

Finster blickte er vor sich hin.

Sie hatte recht – mit jedem Wort – mit jedem Blick – mit jedem unausgesprochenen Gedanken recht – das war's, was ihn bis zum Wahnsinn reizte.

Anna hätte nicht mit dem Kinde heimkommen sollen, nicht dahin, wo sie ihn wußte, nicht dahin, wo dieser Knabe notgedrungen in seine Zucht gegeben werden mußte.

Ein Zucken überlief den hagern Körper des Mannes. Wie das Kind ihm glich, dem Feinde, dem Zerstörer seines Lebens – Zug um Zug! Dieselbe kleine, geschmeidige Gestalt, dieselben brennenden, grausamen Augen in dem gelblich-bleichen Gesicht, das dichte, schwarze, lockige Haar, die aufgeworfenen, sinnlichen Lippen mit ihrem frech-trotzigen Lachen. Eine förmliche Wut packte ihn, wenn er den geriebenen, schwarzen Burschen zwischen seinen gutartigen, strohblonden Gefährten sah.

Hans Hagen schloß die Augen, – er wollte ihn nicht sehen. Er wollte nicht.

Und wie er so da saß in der dumpfen Mittagsschwüle, brütend mit geschlossenen Augen, verschwand die Kindergestalt, wie durch seinen Willen fortgewischt, und die des Mannes, der das Kind ins Leben gerufen, stieg vor ihm auf.

Und um die Gestalt schob sich langsam Bild auf Bild zusammen, bis wieder das eine, immer das eine vor ihm stand, das ihn noch heut nach sieben Jahren an den Rand des Wahnsinns brachte.

An einem schwülen Spätsommertag wie dieser war's gewesen.

Er war gegen Abend von einem Gang in die Stadt über die Wiesen heimgekehrt. Da hatte er sie zum erstenmal beisammen gesehen. Ihn und sie – sie, seine Anna.

Er stöhnte laut auf, heute noch nach sieben Jahren.

Hand in Hand kamen sie durch das hochaufgeschossene Gras geschritten, hart an dem schmalen Graben entlang, der die Wiesen durchschnitt. Der Fremde, der Ausländer, – der vor kaum zwei Monaten die Insel zuerst betreten hatte – und sie – sie! Wie angewurzelt war er stehen geblieben, um sie vorüber zu lassen.

Sie hatte das Haupt gesenkt – purpurne Scham lag auf ihren Wangen – sie schien zu wanken, zu straucheln, als sie an ihm vorüberging. Er aber, der Fremde, umschlang dreist die schlanke Kindergestalt, und über ihr blondes, gesenktes Haupt fort, das das seine überragte, rief er ihm frech-trotzig in seinem gebrochenen Deutsch entgegen:

»'n Abend, Schulmeister – das kommt von Eurem deutschen Besinnen – jetzt hab' ich sie – und – per bacco – sie gefällt mir gut genug.«

Und nun sah Hans Hagen nichts mehr. Wie Nebel schwamm es vor seinen Augen, – unbegreifliche – unfaßbar leere Öde – lange – lange. –

Auf der Dorfstraße, unter den Schulhausfenstern fing es an lebendig zu werden – Hans fuhr in die Höhe – die Uhr auf der getünchten Wand ihm gegenüber zeigte die fünfte Stunde.

Er erhob sich, trat in den Flur, nahm seinen Hut vom Riegel und schritt hinaus.

In der Thür drehte er noch einmal um und rief nach Friederike. Es kam keine Antwort.

Durch das Dorf und an Vater Tiefs' Hause vorüber zu gehen, vermied er. Er schlug den steilen Pfad ein, der gleich hinter dem Schulhaus abwärts in die Wiesen führt, und schritt dann hart an dem schmalen Wasserlauf entlang der Chaussee entgegen.

Die Luft war noch immer nicht abgekühlt.

Noch immer stand sie lautlos still und legte sich dumpf und beklemmend auf die Brust.

Gepreßt stöhnte Hans Hagen auf.

»Sturm, Sturm,« flüsterten seine trockenen Lippen fast unbewußt vor sich hin.

Ohne bestimmten Gedankengang, ganz eingehüllt in seine dumpfe, stumpfe Trauer, ging er eine Weile dem Wasserlauf nach. Kein Laut schreckte ihn aus seinem Brüten.

Nur einmal schlug ein verlorener Möwenschrei grell an sein Ohr.

Es klang wie ein Hilferuf aus gefolterter Menschenbrust.

Dann schritt er rascher zu. Drüben von der Chaussee wurde schon das Rollen der Wagen vernehmbar.

Nun trat er über einen schmalen Brückensteg auf festen Landweg. Einen Augenblick blieb er stehen – er hatte kein bestimmtes Ziel im Auge – es war nur die innere Ruhelosigkeit, die ihn herausgetrieben hatte. Linker Hand lag das Torfmoor mit seiner rotlila blühenden Heide – und dahinter der dunkle Forst – rechts führte der Weg in einer halben Stunde zur Stadt und durch die Stadt ans Meer. Ja, ans Meer – dort wollte er hin. Vielleicht befreite die endlose Weite der See ihn auf Augenblicke von dem beklemmenden Druck, der ihn zu zermalmen drohte.

Eiliger schritt er aus.

Nur wenige Menschen begegneten ihm. Die fortgesetzte Einsamkeit that ihm gut.

Er wollte von niemand gesehen sein.

Es war ihm, als müsse ihm jeder, wie die Schwester, das nutzlose Kämpfen und Aufbäumen gegen ein unablässig näher schreitendes Geschick von der Stirn ablesen.

Er ließ die Stadt links liegen und schlug sich durch die Anlagen an den Strand.

In der Plantage hörte er sich plötzlich bei Namen gerufen. Fast gleichzeitig hielt ihn jemand bei den Schultern fest.

»Hagen – alle Wetter – läßt Dich auch 'mal bei uns sehen?«

Ein schmucker Mensch in der Uniform eines Steueraufsehers stand Hagen zur Seite, ein alter Schulkamerad, der lange schon glücklicher Gatte und Familienvater war.

Hagen gab den Gruß unliebsam überrascht zurück.

Der Andere lachte auf. »Na, scheinst nicht sehr erbaut von der Begegnung zu sein, mein Junge. – Vielleicht auf Abenteuer aus? – Kleines Stelldichein – was?«

Ein Blick in Hagens verdüstertes Gesicht machte ihn verstummen.

»Ah so,« meinte er dann verlegen, – »hm – siehst nicht gut aus. – Na, aber einen Krug könnten wir doch zusammen trinken – das rappelt den Menschen auf. – Was meinst Du, Hagen?«

»Warum nicht, Piper,« erwiderte Hagen jetzt zuvorkommend. Es lag ihm daran, den ersten Eindruck zu verwischen. Niemand sollte, durfte ahnen, was in ihm vorging.

Trotz beiderseitiger Anstrengung die Unterhaltung zu beleben, wurde der erste Krug schweigsam genug hinuntergegossen.

Hagen hatte Piper nach Frau und Kindern, der Steueraufseher den Lehrer nach der Schule gefragt. Dadurch kam die Unterhaltung endlich ein wenig in Fluß.

Piper waren die kleinen Kabalen des Haffdorfes nicht fremd. Er hatte es noch selbst erlebt, daß Hagen bei seiner Anstellung einen erbitterten Konkurrenten zu schlagen gehabt hatte, den Sohn des Amtsvorstehers, den der einflußreiche Mann gar zu gern an Hagens Stelle gesehen hätte. Jahre waren darüber hingegangen. Die Verstimmung des Amtsvorstehers gegen den Lehrer war nicht gewichen. Wo immer er konnte, legte der alte Mann dem jungen einen Stein in den Weg; er hatte es ihm nicht vergessen, daß um seinetwillen der Sohn um die gute Stelle gekommen war.

Piper hatte sich in launiger Weise über diese alte, fruchtlose Gegnerschaft ausgelassen.

Zu Anfang war Hans bemüht gewesen, ihm zu folgen, nach und nach aber schienen seine Gedanken vollständig abzuschweifen, – zerstreut blickte er über den Rand des Kruges fort.

Piper sah ihn verwundert von der Seite an. Er wußte offenbar nicht, was er aus seinem alten Kameraden machen sollte.

Die Geschichte mit der Anna Tiefs und dem hergelaufenen Italiener war sieben lange Jahre her, – das konnte ihn doch heut unmöglich noch bedrücken! Also ein neuer Kummer!

Bei der Anna war ihm der Junge, der Felix, eingefallen. Vielleicht biß Hagen darauf an.

»Weißt Du eigentlich, daß meine Bengels da oben bei euch 'ne Freundschaft haben? Dem Priewe seine Jungens. Auch der Anna ihr Felix ist manchmal dabei.«

Hagen saß ganz still und rührte sich nicht, als ob er gefürchtet hätte, sich schon durch eine Bewegung zu verraten.

»Mit dem Jungen ist wohl nicht viel los, Hagen? Die Prieweschen schildern ihn als einen verstockten Bengel. Sollst ja eine himmlische Geduld mit ihm haben!«

»Sagt man das?«

Es kam stockend heraus wie das böse Gewissen. Gelang es ihm wirklich, sich so zu beherrschen?

»'ne höllische Geduld,« wiederholte der andere phlegmatisch. »Glaube nur, Du kommst nicht weit damit. 'ne tüchtige Tracht Prügel thäte dem Lausbuben besser. Was hast Du denn – willst Du schon gehn?«

Hagen war aufgestanden – die letzten Worte Pipers hatten ihn förmlich in die Höhe gerissen. Da er nicht antwortete, stand Piper gleichfalls auf.

»Na, dann können wir ja man gehn,« sagte er gutmütig, »wenn das denn doch hier keine rechte Gemütlichkeit mehr ist.«

Bei der nächsten Wegbiegung trennten sie sich. Piper ging der Stadt zu. Hagen schritt durch einen dichten Erlenstand die Dünen herunter.

Grad unterhalb der Dünensenkung, durch die er schritt, war ein Fischer dabei, sein Boot zu teeren.

Neben ihm stand ein Herr, mutmaßlich ein Fremder, denn er fragte in einem weichen, mitteldeutschen Dialekt, ob es bald Sturm geben würde.

Ohne von seiner Arbeit aufzusehen, meinte der Fischer gedehnt:

»Sturm – nee – da können Sie man noch an die sechs, acht Tag' warten.«

»Das ist mir zu lange,« gab der Fremde lächelnd zurück – »dann reise ich ab.«

Wer das auch könnte! Fort – weit fort aus dieser grausam schwülen Enge – hinaus in die Welt – dem erlösenden Sturm entgegen, der nicht kommen wollte.

In der Richtung auf die Ostmole schritt er zu. Als er nur noch hundert Schritte etwa bis zu der Bucht zu gehen hatte, von der aus die schwerquadrige Mole ins Meer gebaut ist, sah er eine weibliche Gestalt zwischen dem graugrünen Strandgras kauern. Es durchfuhr ihn vom Scheitel bis zur Sohle. Anna! Anna, der er überall aus dem Wege ging, hier in dieser Einsamkeit, in der kein Entrinnen war.

Sollte er umkehren? Noch hatte sie ihn nicht bemerkt. Ihr Kopf war seewärts gekehrt, so daß er sie nur an den schweren, blonden Flechten und einem Stückchen verlorenen Profils hatte erkennen können.

Ein kurzes Zaudern, dann schritt er gerade auf sie zu. Es war besser so. In all den langen Monaten, hatten sie noch kaum ein Wort mit einander gewechselt, geschweige denn einen Blick getauscht. Sie würden sich auf dem engen Erdenfleckchen nicht jahrelang künstlich aus dem Wege gehen können. Einmal würde doch an die Vergangenheit gerührt werden müssen, und je eher es geschah, je besser. Ihnen würde dann beiden freier ums Herz sein. Und dann – vielleicht – würde er durch die Mutter lernen, den Knaben weniger zu hassen.

So verrannte er sich in Sophismen und hatte nicht den Mut sich zu gestehen, daß ihn im Grunde nichts anderes zu ihr trieb, als eine unbändige, nicht länger zu bezwingende Sehnsucht.

In dem weichen Dünensand schritt er lautlos näher. Erst als er dicht vor ihr stand, blickte sie auf. Aber sie erschrak nicht. Nur ein schwaches Rot stieg in ihren Wangen auf.

»Ich habe Dich kommen sehen,« sagte sie sehr leise – »lange schon um die Bucht herum; ich habe hier auf Dich gewartet, damit Du mir, ohne daß das ganze Dorf dabei steht, endlich einmal sagen kannst, wie sehr Du mich verachtest.«

Er erwiderte nichts, er hatte wohl kaum gehört, was sie sprach und sah sie nur immer unverwandt an.

Wie verändert sie war! Ganz aufgezehrt ihre Schönheit und Frische. Nur die großen, graublauen Augen und die mattblonden, prächtigen Haare erinnerten noch an die Anna von früher.

»Schuft!« murmelte er zwischen den Zähnen. Dann sich ein wenig über sie beugend: »Darf ich mich einen Augenblick zu Dir setzen, Anna?«

»Wenn Dich's nicht geniert,« sagte sie und rückte von ihm fort zur Seite.

Dann sprachen sie eine ganze Weile kein Wort und starrten über die Mole ins Meer hinaus, das wie ein bleierner Spiegel reglos im Dämmerschein lag. Endlich brach er das Schweigen.

Er deutete auf ein eingewickeltes Fläschchen, das sie in der Hand hielt.

»Medizin, Anna?«

»Ja.«

»Ist wer krank bei euch? Der Vater – oder etwa Du, Anna? Du siehst sehr blaß aus,« murmelte er kaum hörbar hinterdrein.

»'s ist für den Felix – er braucht das öfter – gegen Kopfschmerz und Schwindel. Es ist etwas nicht in Ordnung bei dem Jungen, lange schon, vielleicht von Geburt ab, – aber in letzter Zeit ist's merklich schlechter geworden. Der eine rät dies, der andere das.«

Sie sagte das alles in einem so gleichgiltigen, müden Ton, daß er betroffen zu ihr hinsah. Dann zwang er sich eine bedauernde Bemerkung ab.

»Ja freilich. Das ewige Medizinnehmen kostet Geld – und dann, man kann den Jungen nicht so streng halten, als man es wohl sollte – Vater schilt mich oft deswegen. – Aber wo wäre der Nutzen, selbst wenn er gesünder wäre? Er ist hier gegen mich aufgehetzt worden. Er weiß mehr, als er sollte, von sich – und von mir – und so zornig ist er, daß er nach mir schlägt, wenn ich ihm 'mal 'was verbiete, oder die Hand nach ihm aufhebe.«

Sie sagte das alles in demselben müden, stumpfen Ton.

In Hagen kochte es.

»Er schlägt nach Dir?« brauste er auf.

»Das liegt wohl so im Blut,« fuhr sie immer in dem gleichem Ton fort. »Sein Vater machte es ebenso.«

Hagen war aufgesprungen und ballte die Fäuste. »Canaille,« murmelte er zwischen den Zähnen. Er wußte in diesem Augenblicke selber nicht, ob seine Verwünschung dem Vater oder dem Kinde galt.

»Thu den Jungen fort, Anna!«

Sie schüttelte leise abwehrend das Haupt.

»Ich hab' ihm das Leben gegeben – ich muß ihn behalten. Wo auch sollte er hin? Zu seinem Vater vielleicht? Der würde sich bedanken.«

»Wo – ist – der Vater?«

Sie zuckte mit den Schultern.

»Darf ich etwas fragen, Anna?«

»Alles. Es ist Dein Recht – weshalb bist Du überhaupt so sanft mit mir?«

Er gab darauf keine Antwort.

Nach einer kleinen Pause erst sagte er:

»Du brauchst mir am Ende ja nur zu sagen, was Du willst.«

Sie nickte. »Frage!«

Er räusperte sich, als ob ihm etwas in der Kehle stecke, über das er nicht fortkönne. Dann sah er sie beinahe hilflos von der Seite an. Ihr wehe zu thun, hätte ihm ebenso schmachvoll gedünkt, als ein verwundetes, wehrloses Tier zu quälen.

»Mein Gott, wie Du gut bist,« stöhnte sie auf, »ich weiß ja längst, was Du fragen willst – ob er mich geheiratet hat?«

Er nickte stumm.

Sie lachte kurz und spöttisch auf.

»Er hat sich gehütet. Nachdem er hatte, was er von mir gewollt, war's aus mit der großen Liebe. Wär' ich nicht überdumm und leichtsinnig gewesen, ich hätte in der ersten Stunde sehen müssen, wie es um seine Gefühle bestellt war. Nach vier Wochen schon, wir waren kaum in Genua angekommen, ließ er mich hungern und schlug nach mir, sobald er seinen Rausch hatte, und das war oft und immer öfter.

»Ich lief ihm nur noch nach, weil ich das Kind unter dem Herzen hatte. – Hätt' ich damals gewußt, daß ich sein Ebenbild zur Welt bringen würde – all die Quälerei wäre nicht nötig gewesen. – In Genua ist ja Wasser genug. Aber damals, damals glaubte ich noch an das Kind – und hoffte darauf, wie auf meiner Seelen Seligkeit. – Na und nachher, wie es erst da war, da hieß es aushalten. Und so heißt's heute und wenn Gott nicht ein Einsehn hat, wohl noch eine lange, lange Weile bei meinen fünfundzwanzig Jahren!«

Hagen hatte die Fäuste geballt, als ob er ihm, der ihr das alles angethan, körperlich zu Leibe wollte. Der Grimm schüttelte ihn förmlich.

»Armes Weib, armes Weib!«

Sie hob die Augen verwundert zu ihm auf.

»Du hast noch Mitleid mit mir? Du? Ja, was bist Du denn für ein Mensch?«

Er hatte sich ein wenig zu ihr herabgebeugt.

»Mitleid? Nun ja – wenn Du es so nennen willst, Anna.«

Jetzt neigte er sich vollends zu ihr. Seine Hand lag auf ihrem Scheitel. Mit verzehrender Leidenschaft sah er zu ihr herab. Aber ihre Blicke trafen sich nicht.

In dem unnennbar süßen Gefühl, das sie durchströmte, hatte sie die Augen geschlossen.

Einen kurzen Augenblick verharrten sie so. Ihre Herzen standen still. Die Natur selbst, die schwachatmende, schien vollends den Atem einzuhalten.

Nun ließ er die Hand von ihrem Kopf sinken.

»Komm,« sagte er, »es ist besser – wir gehen nach Haus.«

Sie folgte ihm willig wie ein Kind.

Auf dem langen Wege wurde kaum noch ein Wort gesprochen. In beiden zuckte die Erinnerung an den kurzen, seligen Augenblick nach.

Eine halbe Stunde vor dem Dorf trennten sie sich.

Hans Hagen schritt den steilen Abhang zum Schulhaus hinauf, den er nachmittags zu den Wiesen abgestiegen war. Anna ging durch die Dämmerung den schmalen Steig am Wasser entlang, bis sie an dem ragenden Schilfrohr angelangt war, welches das Haffufer an dieser Stelle völlig verdeckt. Über einen kleinen, hölzernen Brückensteg erreichte sie das Dorf.

Am nächsten Morgen kam Felix Tiefs wieder einmal gänzlich unvorbereitet zum Unterricht. Zunächst halfen ihm die Kameraden, oder richtiger die Kameradinnen, die sein fremdartiges Wesen ihm gewonnen hatte, aus der Klemme – sie sagten ihm jede Silbe der Lektion vor.

Hans Hagen sah die kleine Betrugskomödie eine Weile mit an. Er hatte sich's zugeschworen, seine zur Schau getragene Gelassenheit dem Knaben gegenüber nicht zu verlieren. Am Ende, als die Sache auszuarten begann, untersagte er das Vorbeten in ruhigem Ton.

Beschämt, ertappt zu sein, hielten die kleinen Hilfsbereiten die Münder. Felix aber begehrte auf und behauptete, seine Lektion ohne Hilfe vorgebracht zu haben.

Noch immer ruhig, aber doch in verschärftem Ton sprach Hagen auf ihn ein und vermahnte ihn eindringlich zur Wahrhaftigkeit.

Der Junge zuckte verächtlich die schmalen, spitzen Schultern, warf die Lippen auf und blieb bei seiner Behauptung.

Jetzt ließ Hagen, in dem trotz aller guten Vorsätze der Groll wieder aufzukochen begann, den Jungen aus der Bank heraustreten und examinierte ihn abseits von der Klasse.

Felix schielte mit seinen dunkeln, stechenden Augen unter dem dichten, schwarzen, tief in die Stirn herabhängenden Haarbusch wütend auf den Lehrer. Nicht eine Frage wußte er zu beantworten.

»Du wirst heut eine Stunde nachbleiben und hier in der Klasse unter meiner Aufsicht Deine Aufgaben lernen.«

Der Junge kreischte auf wie ein wildes kleines Ungeheuer. Einen italienischen Fluch ausstoßend machte er Anstalten, durch die halb offen stehende Thür nach dem Gang zu entwischen.

Hagen aber, nicht weniger gewandt als der Junge, hielt ihn am Kragen zurück.

»Auf der Stelle hier geblieben!«

Kopfschüttelnd, mit aufrichtiger Trauer sah er dem Knaben ins Gesicht.

»Besinne Dich, Felix – geh in Dich. Thut Dir's denn nicht selber weh, Deiner armen Mutter so viel Kummer zu bereiten?«

Der Junge sah ihm einen Augenblick mit einem unverschämten Grinsen ins Gesicht, dann lachte er höhnisch auf. Es klang genau wie das Lachen seines Vaters, mit dem er vor Jahren drunten in der Wiese Hans Hagen gehöhnt hatte.

In dem Lehrer kochte das Blut. Er hätte den Jungen würgen mögen.

»Meine Mutter!« – und Felix lachte wieder dasselbe niederträchtige Lachen – »was geht die mich an? Die ist ja nicht 'mal Vaters Frau.«

Vor Hans Hagens Augen flammte eine rote Glut auf. Er hatte nur noch das eine Gefühl: Halt an dich, daß du ihm nicht ans Leben gehst. Und dann schlug er ihm mit zwei lauten, wuchtigen Schlägen ins Gesicht.

Der Junge stieß einen kurzen Laut, weniger des Schmerzes als der Wut, aus. Dann sank er wie gefällt neben dem Lehrer besinnungslos auf die Diele.

– – – – – – – – – –

Zwei Tage später, um die neunte Abendstunde, schlich ein alter weißhaariger Mann, trotz seiner schweren, strohgefüllten Wasserstiefel fast unhörbar bergaufwärts dem Schulhaus zu.

Vorsichtig spähte er mit seinen noch immer scharf blickenden, verwaschenen blauen Augen umher.

Nichts rührte sich. Hier oben auf der Höhe, am letzten Ende des Dorfes war es, wenn möglich, noch stiller als unten, wo schon alles im frühen Schlaf der Arbeitsmüden lag.

Bei der ersten Pappel vor dem Schulhaus, aus dessen Fenstern noch Licht schien, hielt der Alte noch einmal inne. Noch einmal spähte und lauschte er durch die Dunkelheit aufmerksam um sich. Dann kroch er, mehr als er ging, die wenigen Steinstufen zu der Schulhausthür hinauf.

Mit seinen harten, braunen, knochigen Fingern klopfte er, zuerst ganz leise, dann, da niemand ihn zu hören schien, etwas lauter an die lehmfarbig gestrichene Thür.

Gleich nach dem zweiten Klopfen wurde die Thür von innen aufgeriegelt. Auf dem ziegelgepflasterten Flur stand Friederike, ein offenes Licht in der Hand.

Sie fuhr zurück, als sie den Alten gewahrte. Dann leuchtete sie ihm ins Gesicht und stieß einen Schreckensruf aus.

»Um Gottes willen, Tiefs, wie seht Ihr denn aus! Ist ein Unglück geschehen?«

Mit krummem Rücken schob sich der Alte an ihr vorbei in die Tiefe des Flurs.

»Pst!« – sagte er, »machen Sie keinen Lärm, Fräulein, und schließen Sie die Thür. Es braucht's noch keiner sonst zu wissen.«

»Was denn, was?« fragte Friederike, beklommen die Thür schließend.

»Ist der Herr Lehrer nicht mehr wach?«

»Doch, ja – das heißt« – das alte Mädchen sah den Mann plötzlich mißtrauisch an.

»Kommt Ihr etwa im Auftrage der Anna?«

Tiefs wehrte ungeduldig ab.

»Lassen Sie mich schnell zum Herrn Lehrer; 's ist keine Zeit zu verlieren.«

»Zweite Thür links,« wies Friederike ihn kurz und noch immer mißtrauisch an.

Hagen saß über einem Buch an seinem Schreibpult, aber seine Augen starrten darüber fort ins Leere.

Er schien auch nichts von der Bewegung und der halblaut geführten Unterhaltung draußen auf dem Gang vernommen zu haben, denn er fuhr ebenso erschreckt als Friederike zuvor auf, als er den Alten jetzt gewahrte, der, seine Kappe in den Händen drehend, mit einem seltsamen Ausdruck in den verwitterten Zügen vor ihm stand.

Sein erster Gedanke war, daß Anna etwas zugestoßen sein könne.

Der Alte schüttelte noch immer wortlos den weißen Kopf.

Hagen atmete einen Augenblick erleichtert auf. Dann erst fiel ihm der Junge ein.

»Felix?« – fragte er gedehnt.

Der Alte drehte immer eifriger an der Kappe in seiner Hand, aber jetzt nickte er dazu.

»Na ja, Herr Lehrer – nehmen Sie's nicht zu schwer – 's hat wohl so kommen müssen – und ein Unglück ist's ja gerade nicht. – Vor einer Stunde ist der Felix« – und der Alte machte eine Bewegung mit der Hand, als ob er etwas Überflüssiges wegwischen wollte.

Hagen stieß einen unartikulierten, fragenden Laut aus.

Der Alte nickte.

»Tot, ja – der Bader meinte heut vormittag schon, er würde schwerlich durchkommen, Gehirnhautentzündung von wegen« – er wollte eine Bewegung des Schlagens machen, unterdrückte sie aber – »na, Sie wissen ja schon, Herr Lehrer.«

Hans war zurückgetaumelt und hielt sich mit der nach hinten Halt suchenden Hand krampfhaft an der Lehne des Stuhls, auf dem er zuvor gesessen hatte.

Sein Gesicht war aschfahl geworden, unnatürlich erweitert seine brennenden Augen.

»Ich?« murmelte er kaum verständlich – »ich sollte?«

Der Alte stand eine Weile ruhig da, ohne ein Wort zu sprechen, ihn immer nur mitleidig betrachtend. Dann trat er einen Schritt näher auf ihn zu und sagte in gedämpftem Flüsterton:

»Das mag ja nun so sein oder nicht, – jedenfalls werden die beim Gericht sagen, der Herr Lehrer ist's gewesen. Das halten die Herren ja wohl so förmlich für ihre Schuldigkeit, daß, wenn 'was passiert, immer einer es gewesen sein muß. Was die Anna und ich sind, um unsertwillen dürfte die Geschichte gern totgeschwiegen werden – aber« – und der Alte kratzte sich den Kopf – »da ist der Herr Amtsvorsteher, und Sie wissen, Herr Lehrer, wie grün der Ihnen ist. Da hab' ich nun gedacht – nehmen Sie's nicht für ungut, Herr Lehrer – wenn sie der häßlichen Geschichte aus dem Wege gingen! Wozu wollen Sie dem schlechten Menschen das Vergnügen machen, sich ins Loch stecken zu lassen – und der Anna und mir den Kummer? Noch weiß kein Mensch davon, daß der Junge tot ist. – In zwei Stunden geht die ›Schwalbe« nach Kopenhagen. Ehe irgend ein Mensch von der Geschichte erfährt, sind Sie auf hoher See. Auf mich und die Anna können Sie sich verlassen. Sagen Sie ja, Herr Lehrer, – und ich helf' Ihnen auf den Weg.«

Es wäre schwer zu sagen gewesen, was während der langen, eindringlich vorgebrachten Rede des Alten in Hagen vorgegangen war.

Starr, unbeweglich war sein Gesicht geblieben. Jetzt zum erstenmal ging etwas wie ein Zucken über seine Züge. Seine Lippen bewegten sich. Mühsam stammelnd brach es hervor:

»Glaubt – die Anna auch, daß ich schuld bin – an ...«

Tiefs unterbrach ihn rasch:

»Nein – ganz im Gegenteil – sie meint, das habe schon lange in dem Jungen gelegen. – Aber, Herr Lehrer, das ist doch auch jetzt man gleich, was die Anna denkt. Es ist die höchste Zeit für die ›Schwalbe«!«

Der Alte machte eine Bewegung, als ob er Hagen nach der Thür drängen wollte, aber der blieb unbeweglich, wie angewurzelt stehen. Halb verwirrt, halb besorgt starrte der Alte ihn an.

»Sie werden doch nicht hier bleiben wollen?«

»Ganz gewiß will ich das, Tiefs.«

Dem Alten trat eine Thräne in die Augen.

»Ach, Herr Lehrer, auch das noch! Thun Sie uns das nicht an, daß Sie auch noch unsertwegen ins Gefängnis müssen, – alles um der Anna ihren Leichtsinn!«

Hagen legte dem Alten beide Hände auf die Schulter.

»Beruhigen Sie sich, Vater Tiefs – die Schuld, wenn es eine ist – trifft mich allein – und ich muß sie büßen – die Anna hat keinen Teil daran.«

Der Alte schüttelte energisch den weißen Kopf.

»Das sind so Redensarten – ich weiß es besser – wär' das eine nicht gewesen – wär' das andere nicht gekommen.« Und ihm die Hand auf den Arm legend – treuherzig: »Also Sie wollen wirklich nicht? – noch ist es Zeit.«

»Kein Wort mehr, Alter – ich bleibe.«

Der Alte stülpte trotzig die Kappe auf das struppige, weiße Haupt.

»Na, denn gut Nacht auch, Herr Lehrer!«

»Gute Nacht, Vater Tiefs, und Dank auch für Eure Fürsorge!«

An der Thür drehte der Alte noch einmal um. Aber da Hagen nicht einmal nach ihm hinsah, schlich er leise tappend und schlurfend davon.

Nachdem Tiefs das Zimmer verlassen hatte, sank Hagen in einen Stuhl und legte das Gesicht in beide Hände.

In der dumpfen Schwüle des engen Zimmers überlief ein eisiger Schauer seinen Leib. Wild jagten die Gedanken in seinem Gehirn durch einander.

War's möglich, – sollte er ein Leben ausgelöscht haben, dessen Entstehen sein eigenes auf ewig vernichtet hatte?

War er, das Werkzeug einer höheren Macht, dazu erkoren worden, sich selbst gerechte Vergeltung zu schaffen? Oder war er nichts als ein gemeiner Totschläger, den der Zorn hingerissen hatte, sich an einem wehrlosen Kinde zu vergreifen, weil sein Dasein ihm ein Dorn im Auge war?

Und noch ein anderes. Wenn sein Schlag und der Tod des Kindes etwa nur teuflisch zusammengewürfelte Zufälligkeiten waren, die nichts, aber auch gar nichts mit einander gemein hatten?

Hans Hagen fühlte, daß er mit reinem Gewissen auf solchen Zufall geschworen haben würde, wäre das geschlagene Kind nicht – Felix Tiefs gewesen. Der Kopf brannte ihm, wie Glutströme ging es durch seinen Leib. Er sprang auf und riß das Fenster auf. Durch die Stille der dunkeln, sternenlosen Nacht tönte ein seltsames Geräusch.

Ein Pfeifen und Zischen, ein Gurgeln und Stöhnen – dann Todesstille – und nun plötzlich ein langgezogener, heulender, nicht zu mißdeutender Ton – Sturm!

Hans Hagen reckte sich und breitete ihm tiefaufatmend die Brust entgegen.

Endlich war er da, der Ersehnte, der Erlöser! Draußen in der Natur, drinnen in seiner Brust hatte er sich angekündigt. Ob er Sieg oder Untergang brachte, die dumpfe Schwüle, die lähmende, langsam die Lebenskräfte aufsaugende, die mußte er vertreiben.

Hans hielt den Atem an, um auf das Kommen des Ersehnten zu hören. Nicht schnell, nicht wie ein übermütiger Eroberer zog er ein. Langsam kam er in langen Zwischenräumen, wie ein Zerstörer, der sein wohlgeplantes Werk bedächtig und sicher in Angriff nimmt. Mochte er. Wenn er nur überhaupt kam und das Ende der hirnverzehrenden Schwüle brachte!

Hans Hagen bog sich halben Leibes zum Fenster hinaus.

Gerade jetzt kam ein sausender Stoß vom Meer herüber und fuhr ihm über die in Angstschweiß gebadete Stirn und durch das kurzgeschnittene Haar, daß er den kalten Hauch erquickend auf der Kopfhaut fühlte.

Dann wandte er das Haupt von der Richtung des Meeres fort und sah über das schwarz daliegende Wiesenland zu seinen Füßen nach dem Dorf hinüber. Dort drüben, hart an der kleinen Holzbrücke, schimmerte noch ein einzelnes Licht auf. Das war Vater Tiefs' Haus.

Wie oft während der letzten Monate, seit Anna wieder unter jenem Dach hauste, hatte er's durch die Nacht gesucht, bis sein Auge an irgend einem Merkzeichen haften geblieben war. Sonst hatte es dunkel und still dagelegen – heut brannte Licht – ein Totenlicht. Und eine Mutter saß am Lager ihres toten Kindes – und – er – er war der Mörder dieses Kindes. Und um das Lager des Gemordeten pfiff der Sturm, den er ebenso ungestüm herbeigesehnt, wie er das Kind von der Welt gewünscht hatte.

Ein gräßlich unirdischer Ton fuhr durch die Luft. Hagen prallte zurück. War er's selber, der so schauerlich klagend durch die Nacht geschrien hatte, war sein Gewissen endlich aufgewacht, nun, da seine mörderischen Gedanken zur That geworden waren?

Noch einmal derselbe gräßliche Laut.

Kam er aus der dunklen Tiefe des Wiesenmoors unter ihm? Kam er drüben aus dem hellen Fenster von Vater Tiefs' Hause?

Schrie der Tote um Rache? Schrie Anna in ihrer Not zum Himmel und forderte ihr Kind zurück?

Jetzt tiefe Stille.

Dann hörte er unten im Dorf das Schilfrohr aufrauschen. Auch die Haffwellen wachten auf und trieben grollend gegen das Gestade. Sie schlugen fast bis an die Hinterwand des Zimmers, in dem Anna die Totenwacht hielt. Und plötzlich wieder derselbe gräßliche Schrei. – Nicht einer mehr – nein, von allen Seiten gellte er auf. Die ganze Luft schien davon erfüllt zu sein. Über die Wiesen her rauschte es wie von schlagenden Flügeln. Pfeilschnell fuhr es hinüber und herüber durch die Dunkelheit, über das Moor und die Wasserläufe zwischen Meer und Haff. Die Möwen, die Vorläufer des Sturmes, die Herolde, die ihn ankündigen, waren zu Scharen aufgeflogen, um weit über den schmalen Inselstreifen hinaus sein Kommen zu verkünden. – Und nun war er da. Und um so länger er hatte auf sich warten lassen, mit um so furchtbarerer Gewalt brach er herein.

Jetzt gab es keinen Stillstand, kein Verweilen, kein Besinnen mehr. Aus allen Himmelsgegenden kam er angepfiffen, angeheult, angerast. Vom Meer her und vom Haff, aus den Buchenkronen des Forstes hinter dem Moor. Von unten her aus den Wiesen schien es aufzurauschen wie gurgelnde, kochende Sprudel.

Dazwischen tönte die wütende Stimme des Meeres herüber, die Pappeln krachten, das Schilfrohr ächzte und stöhnte, und mitten in diesem tosenden Chaos lag das tote, das erschlagene Kind.

– – – – – – – – – –

Mühsam rang der Tag durch sturmgepeitschte Wolken, als eine zagende Hand an die Thür des Schulhauses klopfte.

Niemand gab Antwort, niemand öffnete.

Schliefen sie da drinnen, oder wollte man dem angstbebenden Weibe draußen, das durch den Sturm hinaufgekeucht war, den Eingang wehren?

Es würde ihnen nichts helfen. Sie wollte, sie mußte hinein, und sie würde den Eingang erzwingen.

Sie legte die Hand auf die Klinke. Die Klinke gab nach. Das Haus war über Nacht unverschlossen geblieben.

Leise wie ein Schatten huschte sie über den ziegelgepflasterten Flur bis zu Hans Hagens Zimmerthür. Wieder klopfte sie, leise, kaum hörbar. Da wurde drinnen ein müder, schleppender Schritt laut, der Schritt eines alten Mannes. Die Thür wurde aufgeklinkt.

»Ich wußte es, daß Du kommen würdest,« sagte Hans Hagen ruhig und zog sie hinein.

Das schöne, blonde Haar vom Sturm zerzaust, am ganzen Körper zitternd, geknickt, zerschlagen, wie das leibhaftige, böse Gewissen, so stand sie vor ihm.

Starr vor Verwunderung sah er zu ihr hin.

»Du?« sagte er, sie nur immer mit den Blicken messend, »bist Du denn nicht gekommen, um mir zu fluchen?«

»Hat Dir Vater nicht gesagt, was ich davon denke?«

»Ja. Aber während der Nacht glaubt' ich, Du würdest andern Sinnes werden, – und wenn der Doktor und der Amtsvorsteher Dir erst gesagt haben, daß ich der –«

Sie unterbrach ihn rasch, in fliegender Hast.

»Darum gerade komme ich zu Dir. Der Amtsvorsteher war schon da mit dem Bader, bei Morgengrauen.«

Ein Schauer durchschüttelte sie.

»Schrecklich war's, was sie sagten – aber ich leid's nicht – Du – Du sollst gerettet werden.«

Ein rauhes Schluchzen stieg in ihrer Kehle auf, aber sie unterdrückte es schnell und sprach fort.

»Daß Du schuldig seist, sei klar am Tage, meinten sie. Da brauchte es erst keiner langen Untersuchung. – Wie die Dinge hier lägen, käme der Junge ins Grab, und Du ins Gefängnis.

»Und nun ist er fort in die Stadt, um die Anzeige zu machen, – und den Leichendiener hat er schon bestellt, damit das Kind nur ja recht schnell unter die Erde kommt.«

Sie war in einen Stuhl gesunken, den er ihr hingeschoben hatte, und stöhnte angstvoll auf.

Mit einem Blick unsäglichen Mitleidens sah er zu ihr hin.

»Es wird anders kommen, Anna – der Mensch hat Dich belogen; so ohne weiteres wird kein Mensch verurteilt, und das Kind dürfen sie Dir nicht begraben, ehe nicht die Todesursache festgestellt ist.«

Sie sah ungläubig zu ihm auf.

»Meinst Du?«

»Ja. Nur daß es nicht viel helfen wird. Man wird mich schuldig erfinden.«

Sie fuhr auf. Eine schwache Röte stieg in ihr weißes Gesicht.

»Nein, nein, Du bist es nicht. – Ich fühl's – ich weiß es. Felix war immer krank – sagt' ich Dir's nicht erst neulich unten in der Bucht, als ich die Medizin für ihn holte? Krank von Geburt an. – Unten in Genua da war das nicht so zu merken – aber seit wir hier auf der Insel sind – der Sturm, das rauhe Klima – sein Kopf konnte das nicht vertragen – o, Du wirst ja sehen – Du wirst ja sehen.«

Unter dem braunen Brusttuch, das sie um die schmalen Schultern geschlungen trug, holte sie mit fliegenden Fingern einen Brief hervor.

»Hier hab' ich's für den Kreisphysikus aufgeschrieben, daß er kommen soll – sogleich. Wenn er nichts findet, so dürfen sie Dich nicht 'mal in Untersuchungshaft nehmen, sagt Vater, was auch der Amtsvorsteher vorbringen mag.«

Sie hielt ihm den Brief entgegen.

»Da nimm, sorg Du, daß er hinkommt, so schnell als möglich – ich – ich muß zu dem Felix zurück und wachen, daß sie ihn mir nicht ins Grab legen.«

Sie wandte sich, um zu gehen.

Er rief sie noch einmal zurück.

»Die Sache wird den Lauf nehmen, den sie nehmen muß – wie der Sturm draußen, den nichts mehr aufhält, wenn er einmal entfesselt ist. Aber ich danke Dir, Anna, daß Du so besorgt um mich bist – nach allem, was geschehen ist.«

Sie murmelte etwas, was er nicht verstand. Hatte sie so leise gesprochen, daß sie nicht zu verstehen war? Hatte der Sturm draußen, der wie rasend in den Pappeln tobte, ihre Worte verschlungen? Hans Hagen wußte es nicht. Er wußte nur, daß da um Armes Länge vor ihm das Weib stand, das er geliebt hatte, seit er denken konnte, ebenso unglücklich, ebenso vernichtet und zerschlagen wie er selbst, und daß nichts – nichts mehr von einem zum andern führte, daß der Tod des Kindes, anstatt den Abgrund zu überbrücken, den seine Geburt zwischen sie gelegt, ihn nur noch tiefer gerissen hatte.

»Anna!«

Wie ein Ertrinkender streckte er die Arme nach ihr aus.

Aber sie sah und hörte ihn nicht mehr.

Lautlos, wie sie gekommen, war sie über die Schwelle zurückgehuscht.

Draußen sah er die schlanke Gestalt sich dem Sturm entgegen bergabwärts kämpfen, hinunter zu dem Haus des Todes, das die grauweißen Haffwellen hochaufspritzend umtosten. – –

Der Amtsvorsteher hatte mit seiner Anzeige leichtes Spiel gehabt. Es gab noch genug Leute, die sich der früheren Beziehungen des Lehrers Hagen zu der Mutter des verstorbenenen Kindes erinnerten. Nichts wahrscheinlicher, als daß der Lehrer die Frucht des Treubruchs in dem Knaben haßte, und Haß und Zorn ihn zu der furchtbaren That hingerissen hatten. Da man dieser romanhaften Geschichte schließlich auch noch ein romanhaftes Ende zutrauen durfte, wie gemeinsame Flucht der Liebenden, oder gar Selbstmord aus nachträglicher Reue, ging man so weit, den Lehrer sicherheitshalber in Untersuchungshaft nehmen zu lassen.

Gleichzeitig gelangte die Verordnung zu Anna, daß die Beerdigung des Kindes bis auf weiteres zu sistieren sei.

Sie atmete auf und wartete nun gelassen auf das, was kommen mußte.

Endlos dehnten sich die Stunden, fügte sich Tag zu Nacht. Und während dessen saß er drüben in der Stadt, im finstern Haus, in enger Zelle, hinter Schloß und Riegel, wie ein gemeiner Verbrecher – er, den sie liebte, seit sie sich an ihm versündigt, mit einer Liebe, die ebenso leidenschaftlich wild als hoffnungslos elend war. Und alles durch ihre Schuld, einzig durch ihre Schuld!

Und draußen heulte und tobte der Sturm mit immer gleicher, niemals rastender Wut, Tag und Nacht – Nacht und Tag.

Am vierten Tage nach dem Tode des Kindes kam ein Wagen von der Stadt her bergabwärts gefahren. Als er am Schulhaus vorüberfuhr, reckten die Herren, die den Vorder- und Rücksitz besetzt hatten, sich die Hälse aus. Aber es gab nichts zu sehen. Thüren und Fensterläden waren fest geschlossen.

Und nun hielt der Wagen unten an der Brücke vor Peter Tiefs' Hause.

Der Kreisphysikus, der Kreiswundarzt, der Amtsrichter und ein Leichendiener stiegen aus.

Auch der Amtsvorsteher war zitiert worden.

Er grinste in sich hinein. Mochten die da finden und zu Protokoll geben, was sie Lust hatten, der Lehrer hatte den Jungen doch tot geschlagen. Er mußte aus dem Amt, und sein Ältester kam an die Stelle, die ihm schon lange gebührte. Endlich würde die Gerechtigkeit siegen!

Bleich, mit schlotternden Knien, die Lippen fest zusammengepreßt, kauerte Anna in der Küche am erloschenen Herdfeuer und wartete auf das Ergebnis der Untersuchung. Ab und zu krampften sich ihre Finger wie im Gebet zusammen, stießen ihre Lippen lallende, flehende Laute aus.

Es war ja nicht möglich, daß er schuldig war an dem Tod des Kindes; nicht möglich, daß auch das noch über ihn kommen sollte durch ihre Schuld! Ein halbes Menschenleben dünkte es ihr, bis die klapperige Küchenthür endlich aufgeklinkt wurde und man sie in die Stube rief.

Neugierige Blicke musterten sie. Dann wurde ihr ein frisch beschriebenes Papier übergeben. Ihre Augen irrten über krause Schriftzüge, deren Sinn sie nicht verstand.

Der Kreiswundarzt, ein noch sehr junger Mann, den die Geschichte mächtig angriff, sah sie mitleidig an.

»Der Totenschein, gute Frau. Ihr Kind ist nicht an den Folgen des Schlages, sondern an tuberkulöser Gehirnhautentzündung gestorben. – Erbliche Belastung,« fügte er, zu den anderen zurücktretend, hinzu.

Anna nickte nur stumm, faltete das Papier zusammen und ließ es in die Tasche gleiten. Was brauchten diese Fremden von dem ungeheuren Dankgefühl zu wissen, das sie wie mit neuem Leben durchströmte.

Wenige Stunden später, kurz ehe die Dämmerung einbrach, wurde Felix Tiefs zu Grabe gebracht.

Nur wenige Leidtragende folgten dem kleinen, kienenen Sarg.

Nachdem es sich wie ein Lauffeuer verbreitet hatte, daß der Lehrer nicht schuld an dem Tode des Jungen war, sondern daß das Kind eines durchaus natürlichen Todes gestorben, hatte die Teilnahme der kleinen Gemeinde sich bedeutend verringert. Selbst die im übrigen stark angezweifelte Behauptung des Amtsvorstehers, daß die ganze Sache eine Schiebung sei, weil der Lehrer eben der Lehrer wäre und die Herren ihresgleichen, einem »Gebildeten«, nicht an den Kragen wollten, vermochte das Interesse an dem plötzlichen Tod des Kindes nicht wieder zu beleben.

Niemand hatte den Jungen je gemocht. Sein innerstes Wesen war ihnen allen fremd geblieben. Er war von der Gemeinde immer nur geduldet gewesen. Nun hatte die Sektion gar noch ergeben, daß er krank von Geburt an war. Was sollte man da groß klagen, eine Teilnahme heucheln, die nicht länger bestand?

Im Gegenteil, ein rechtes Glück war's, daß die Anna ihn los war. Jetzt würde sie noch einmal aufleben können.

Selbst die wenigen, die der Tod des Kindes näher anging, konnten zu einer feierlichen Stimmung nicht kommen.

Der Sturm raste mit so dauernder Gewalt über die Insel, daß die Leidtragenden Mühe hatten, sich hinter dem Sarge aufrecht zu halten. Die armseligen Kränze von Strohblumen, Immortellen, Schilf und Erika, mit denen das letzte Haus des Knaben geschmückt war, wurden auf dem kurzen Wege bis zum Grabe vom Sarge heruntergerissen und weit hinaus bis in die Dünen getrieben.

Die gutgemeinten Worte des alten Pastors an der offenen Gruft verhalten ungehört, vom Sturm zerflattert und verweht, und polternd und rasselnd stürzten die gelben Erdschollen auf den Sarg hinab, ehe noch eine Hand sich gerührt hatte, um dem Toten den letzten Ehrengruß nachzuwerfen.

Rasch ging die kurze Feier vorüber, die im Grunde nichts anderes gewesen war als ein vergeblicher Kampf mit dem wütend entfesselten Element.

Ein jeder war froh, als er das sichere Strohdach wieder über seinem Kopfe fühlte.

Der frühe Abend sank herein. Peter Tiefs saß drüben im Krug, um sein Ungemach zu vertrinken; Anna war allein in dem öden, wellenumtobten Hause.

Auf denselben Tisch – dem einzigen des Hausrats – auf dem heut mittag die Leiche des Kindes seziert worden war, trug sie ein trüb brennendes Licht, eine Tintenflasche mit halb eingetrockneter Tinte und daneben einen Briefbogen, der vom langen Liegen angegilbt war.

Eine paar Minuten lang preßte sie das blasse, schmale Gesicht in die Hände. Dann wischte sie mit dem Rücken der Linken eine Thräne aus den Augen, während die Rechte schon den Federstiel gefaßt hielt.

Sie schrieb lange und langsam, jedes Wort bedächtig erwägend. Dann überlas sie das Geschriebene noch einmal, nickte wie zustimmend mit dem Kopf, schloß den Brief und legte ihn unter ihr blaugewürfeltes Kopfkissen.

Vorsichtig umherschleichend, leise auftretend, als ob in dem öden, menschenleeren, kleinen Haus jemand gestört werden könne, tappte sie sich durch Flur und Küche und Stuben, hier und dort ein Stück aus Schrank oder Lade nehmend. Nachdem sie einige ihrer Habseligkeiten, Wäsche, Schuhzeug und Kleider zusammengetragen, machte sie ein Packet daraus und schob es unter das Bett.

Dann löschte sie das Licht und legte sich im Dunkeln schlafen neben das leere Kinderbett, aus dem man heut die Leiche fortgetragen hatte.

In der Morgenfrühe des nächsten Tages hatte Hagen die Nachricht erhalten, daß die Obduktion seine Unschuld erwiesen habe, daß er frei und aus dem Untersuchungsgefängnis entlassen sei.

Seitdem waren fast zwei Stunden verflossen und noch hatte er sich nicht vom Fleck gerührt.

Nach den furchtbaren Qualen, die sein Inneres während der letzten Tage durchstürmt hatten, war es jetzt wie eine Art lähmender Lethargie über ihn gekommen.

Schwer und träge kamen und gingen die Gedanken: Er war nicht schuld an dem Tod des Knaben, seine Hand wenigstens hatte ihn nicht getötet – er war frei, zu kommen und zu gehen – er konnte in die Heimat zurückkehren als unbescholtener Mann – die Thür des Schulhauses würde sich wieder für ihn öffnen – er durfte das alte Leben aufs neue beginnen, den täglich sich erneuenden, ermüdenden Kampf mit der kleinen Schar, die seiner Obhut anvertraut war, wieder aufnehmen.

Die aufreibende Bewachung Friederikes, die jede seiner Bewegungen, seiner Mienen ängstlich beobachtete, würde aufs neue beginnen. Wieder würde er mit Anna auf derselben engen Scholle leben und doch wie durch Weltteile von ihr getrennt sein. Sie unten in der elenden Fischerhütte, er oben hinter den Pappeln des Schulhauses, und zwischen ihnen immer derselbe gähnende Abgrund. – Ein Schauer überlief ihn. – Nein – das nicht – nur das nicht – er konnte – er wollte nicht zurück.

Mechanisch ließ er den Blick durch die enge Zelle schweifen, die er sich schon gewöhnt hatte, halb und halb als seine vorläufige Heimat zu betrachten.

Auf dem schmalen Tisch lagen Bücher und Papiere wirr durcheinander, Kleidungsstücke auf dem Holzsessel und dem dürftigen Lager an der Wand.

Er war damit beschäftigt gewesen, seine Habseligkeiten zusammenzupacken. Dann hatte er sich in dieser Beschäftigung unterbrochen.

Jetzt stand er reglos mitten zwischen diesem wirren Durcheinander und starrte durch das kleine, vergitterte Fenster auf den winzigen Ausschnitt Himmelsgrau, der zu ihm hereinlugte.

»Herr Lehrer,« der Aufseher hatte es schon zum drittenmal gerufen.

Nun wandte sich Hagen nach dem Eingetretenen um.

Seine tiefliegenden, dunklen Augen brannten so düster unter der scharf vortretenden Stirn, daß der Aufseher erschreckt vor ihm zurückfuhr.

Wahrhaftig wie ein Verurteilter, nicht wie ein Freigesprochener sah der Mann aus.

»Ein Brief, Herr Lehrer. Ein Junge aus Ihrem Dorf hat ihn gebracht.«

Ein Schimmer von Farbe stieg in Hans Hagens bleiches Gesicht. Hastig streckte er die lange, schmale Hand nach dem Brief aus.

Kopfschüttelnd entfernte sich der Aufseher.

Nachdem die Thür sich hinter ihm geschlossen hatte, las Hans mit fiebernden Augen, was Anna gestern beim Schein des trüben Lichts auf den vergilbten Bogen niedergeschrieben hatte.

»Ich wollte Dir nur sagen, daß ich glücklich bin, daß Du wieder freikommst und alles für Dich wieder in Ordnung ist. Du kannst nun ruhig hier Deine Stelle behalten und in Frieden weiterleben, und damit Dich nichts mehr stört, gehe ich heute noch fort, sobald Vater um Mittag rum beim Strandvogt ist, mit dem er Geschäfte hat. Jetzt, wo das Kind tot ist, brauche ich Vater nicht mehr zur Last zu sein. Ich für mich allein kann unter fremde Leute gehn. Allein kommt man immer durch. Vater wird auch einverstanden sein, wenn er's erfährt. Er wird dann auch wieder ganz zur Ruhe kommen. Es wäre schön von Dir, wenn Du ab und zu 'mal nach dem alten Mann sehen wolltest. Er hängt sehr an Dir. Lebe wohl und Dank für alles, und wenn Du kannst, vergiß, was ich über Dich gebracht habe.

Anna Tiefs.«

Der Brief entsank seinen Händen und fiel zwischen seinen Knien zu Boden, ohne daß er es gewahrte. Derselbe Gedanke, den er gehegt: sie konnten nicht länger dieselbe Luft atmen – sie mußten sich trennen – für immer.

Nur sie war's nicht, die gehen sollte.

Selbst wenn es ihn mächtig zu den alten Verhältnissen gezogen hätte, niemals würde er durch eine Rückkehr sie von der Heimatscholle fort in eine neue, ungewisse Ferne gejagt haben. Noch heut um die Mittagsstunde wollte sie gehen. So war es höchste Zeit, ihr seine Entschlüsse mitzuteilen, ihr zu sagen: Bleibe Du in Frieden, ich gehe.

Sollte er selbst ins Dorf hinauf, ihr die Nachricht zu bringen?

Nein, das nicht. Ihm graute förmlich vor der langgestreckten Straße mit den bekannten Gesichtern, die ihn alle neugierig anstarren würden. Vor seinen Schülern, die er seit dem Tage nicht gesehen, da Felix Tiefs besinnungslos neben ihm auf die Diele gesunken war. – Vor dem Wiedersehen mit Anna unter den Augen aller derer, die ihn und seine Geschichte kannten. – Die letzte Stunde, die Abschiedsstunde wenigstens sollte ihnen noch allein gehören.

Er hatte ihr so viel zu sagen, das in den letzten, einsamen Tagen erst klar in ihm geworden war. Er wollte ihr sagen, daß er ihr keinerlei Schuld mehr vorzuwerfen habe, daß ihre Vergehen eines dem andern nichts nachgäben.

Sie hatte das Kind in Sünden geboren, sein sündiger Wunsch hatte es getötet, ob auch Ärzte und Richter ihn freigesprochen hatten.

Wo war da noch ein Unterschied?

Wer wollte sich vermessen zu behaupten, daß die Schuld des einen schwerer als die des andern wöge? Das alles und noch viel mehr, was ihm auf der Seele brannte, wollte, mußte er ihr sagen, ehe sie auf immer von einander gingen.

Nichts sollte mehr auf ihr lasten, was auch nur dem Gedanken eines Schuldbewußtseins gegen ihn glich.

Er trat an den Tisch, auf dem er zuvor Bücher und Papiere in vollständiger Gedankenabwesenheit durcheinander geworfen hatte, riß ein weißes Blatt aus einem Schulheft und schrieb mit Bleistift ein paar Zeilen darauf. Dann faltete er das Blatt mit fliegenden Fingern zusammen und steckte es in einen Umschlag, den er an Anna Tiefs überschrieb.

Er riß die Thür auf und rief nach dem Aufwärter, daß es laut durch die stillen Gänge und Treppen hallte.

Dann fiel ihm ein, daß er ja ein freier Mann sei, zu kommen und zu gehen nach seinem Gefallen, und sich selbst einen sichern Boten suchen konnte. Rasch machte er sich auf den Weg und hatte bald gefunden, was er brauchte. Nach kaum zehn Minuten war der Brief nach dem Haff unterwegs.

Um sechs Uhr hatte er Anna in die Bucht an der Mole bestellt. Vom Kirchturm hatte es kürzlich elf geschlagen. Fast sieben Stunden galt es noch hin zu bringen!

Beinahe gedankenlos ging er eine Weile am Bollwerk auf und ab und ließ sich den Sturm durch die Kleider wehen. Das geschäftige Leben, das sich gewohnheitsmäßig um ihn her abspielte, bemerkte er nicht einmal. Wenn seine Blicke nicht gedankenleer starr vor sich hin gerichtet waren, suchten sie die Richtung nach dem schmal auslaufenden Ende der Insel, auf dem er Anna noch vermuten durfte, Anna, die jetzt vielleicht seinen Brief in Händen hielt.

Dann schlug er den Weg in die Stadt zurück ein. Dabei kam ihm allerhand in den Sinn, was ihm eigentlich zu thun obgelegen hätte.

Er hätte an Friederike schreiben sollen, die er gleich am Morgen nach dem Tode des Kindes nach Stralsund zu Verwandten geschickt hatte. Auch mußte das Notwendigste an Büchern und Kleidung aus dem Schulhaus geholt werden, wenn er heut vor Nacht noch die Insel verlassen wollte. Wo er eigentlich hin wollte, was er für die nächste Zukunft beginnen wollte, die vollständig dunkel und aussichtslos vor ihm lag, darüber dachte er nicht einmal.

Es war, als ob ein dunkles Gefühl ihn beherrsche, daß nach dem Wiedersehen und dem Abschied von Anna doch alles weit, weit anders werden müsse, als er es jetzt zusammen klügelte.

Müde vom Denken und Grübeln, von qualvollen Selbstmartern, kehrte er endlich in einem bescheidenen Wirtshaus ein, in dem er sich ein kleines Hofzimmer anweisen ließ und etwas zu essen bestellte. Ehe aber der Kellner ihm noch die gewünschte Mahlzeit gebracht hatte, lag er schon ausgestreckt auf dem schmalen Bett und schlief den traumlosen, bleiernen Schlaf der Seelenübermüdeten.

Als er aufwachte, schlug es halb sechs.

Er hatte gerade noch Zeit, den Weg nach der Bucht zurückzulegen.

Der Sturm hatte ein wenig nachgelassen. Auch war der Himmel nicht mehr so gleichmäßig dickgrau, wie während der ganzen letzten Sturmwoche. Die Wolken hingen in vielfarbigen Fetzen umher, in allerhand Schattierungen vom tiefsten Schwarzblau bis zum weißlichen Grau. Jetzt brach sogar die Abendsonne durch eine düstere, blauschwarze Wand und malte violettrote und orangegelbe Streifen an den westlichen Himmel.

Aber die Lichtblicke waren nur von kurzer Dauer. Bald schoben sich die dicken Wolken wie Coulissen wieder über der Sonne zusammen, und dann setzte der Sturm mit neuer, doppelt mächtiger Gewalt ein, als ob ihn die kurze Rast gereue, die er sich gegönnt hatte.

Gerade während Hans Hagen die Dünen hinauf schritt, war es verhältnismäßig still. Ab und zu schlug ihm aus den schwarzblauen Regenböen ein Sprühschauer ins Gesicht.

Oben auf dem Kamm der Düne blieb er stehen.

Unter ihm lag das Meer, wie er, der rauh gewöhnte Sohn der Insel, es in der langen Zeit brütender Schwüle zu sehen ersehnt hatte.

Blauschwarz mit hohen, weißen Kämmen wälzte es sich heran, brüllend dem Strand entgegen. Turmhoch schwoll es empor und fiel dann wieder zu schwarzen Abgründen zurück – auf und nieder – auf und nieder, in immer gleicher, niemals rastender, gewaltiger Bewegung.

Als er auf den Strand hinunter trat, war die Sonne gerade wieder hinter einem blaugrauen Wolkenfetzen verschwunden, und ein Sturmstoß packte ihn, als ob er ihn jählings zu Boden werfen wollte.

Nirgend, so weit das Auge den gelben Strand verfolgen konnte, war ein menschliches Wesen zu sehen.

Sollte Anna ihm die letzte Bitte versagen? Sollte sie Dorf und Insel verlassen haben, ehe ein versöhnendes Wort zwischen ihnen gesprochen war?

Es kroch ihm etwas eisig zu Herzen bei diesem Gedanken. Gehen sollen auf Nimmerwiedersehen, ohne einen letzten Blick in das liebe, bleiche Gesicht, ohne einen Druck der Hand, die er einst geglaubt fürs Leben halten zu dürfen!

Ein bitteres, jammervolles Wehe durchzuckte ihn. Er hatte Anna nie so heiß, so qualvoll sehnsüchtig geliebt, als in dieser Stunde. Er legte die Hand über die Augen, um sie vor dem Sturm zu schützen und schärfer hinaus zu sehen. Da – täuschte er sich oder bewegte sich etwas Dunkles auf dem gelbweißen Sande der Bucht? – Kämpfte nicht eine feine Gestalt gegen den Sturm, hin- und hergebeugt wie der Strandhalm zu seinen Füßen?

Ja, sie war es, Anna. Er fühlte wieder wohlthätige Wärme den Körper durchdringen.

So schnell ihn seine Füße durch die aufgewühlten Sandwellen trugen, eilte er zu ihr hinunter.

Sie hatte sich in einen geschützten Winkel gekauert und sah ihm entgegen.

Die schwarze Trauerkleidung, das blasse, schmal gewordene, stille Gesicht, das schwarze Kopftüchlein, das die wirre Fülle ihres köstlichen Blondhaars zusammenhielt, ließen sie jung, fast knospenhaft kindlich erscheinen.

Etwas unendlich Rührendes lag in ihrer Gestalt, in ihrem hilflosen, suchenden Blick.

Und nun hatte er sie erreicht. Ebenso still, ebenso bleich wie sie selbst stand er vor ihr. Er wagte es nicht, sie anzurühren, aber jeder seiner Blicke war eine unausgesprochene Liebkosung. Als ob er die ganze Gestalt in sich hinein trinken wollte, sah er sie an.

Und plötzlich wurde es ihm klar, was er die ganze Zeit über dunkel empfunden hatte – er konnte sie nicht lassen, es gab kein Leben mehr für ihn ohne sie. Wertlos war es ihm, wie der Gischt der Schaumwelle, der, sich über die Mole wälzend, bis in den stillen Winkel drang, in den sie vor dem Sturm geflüchtet waren.

Er hatte ihre Hände ergriffen, und sich zu ihr herabbeugend, fragte er so leise, daß sie es nur von seinen Lippen lesen konnte:

»Warum wolltest Du mir das thun, Anna? – Fortgehen ohne Lebewohl?«

Sie sagte nichts und senkte nur den Blick, und er hatte wohl auch keine Antwort erwartet, denn über ihr blondes Haupt fort blickte er, sie immer bei den Händen haltend, in die tobende Wasserwüste hinaus.

Ein Gedanke war ihm gekommen – kaum geboren, auch schon zu einem unbezwinglich Zwingenden gewachsen. Ein Gedanke, so natürlich, so selbstverständlich, daß er es nicht begriff, wie dieser Gedanke erst heut hatte geboren werden können.

Was sollten sie noch hier, eines ohne das andere, zwei verlorene Wanderer, für die es keine gemeinsame, bleibende Stätte mehr gab? Zwei Schiffbrüchige, die alles verloren hatten außer dem nackten Leben, das ihnen beiden gleich wertlos war?

Er sah wieder zu Anna zurück. Auch ihre Augen hatten das Meer gesucht und blickten mit einem seltsam sehnsüchtigen Schimmer ins Weite.

Und dann plötzlich senkten sich ihre Blicke ineinander, und wortlos las eines des andern Gedanken daraus, ohne Mißverstehen, ohne Zaudern. Er hob sie auf und zog sie an seine Brust, und seine Arme hielten sie fest umschlungen und sein Mund lag auf ihrem Munde, und sie küßten sich, wie sie sich nie zuvor geküßt hatten, und wie sie sich nur in dieser Stunde küssen konnten, da sie eins geworden waren für Zeit und Ewigkeit.

Lange standen sie so. Aus ihrem Bewußtsein war jedes Zeitmaß verschwunden.

»Komm,« sagte er dann, und eng verschlungen betraten sie die breiten, unregelmäßigen Quadern der Mole.

Auf der einen Seite das tintenschwarze Hafenwasser, über das kreischend die Möwen flogen, es mit ihren weißen Leibern streifend, auf der andern Seite das offene, brüllende Meer, so schritten sie hinaus.

Noch schlugen die Wellen nur von der Meerseite her auf den Steindamm herauf und rollten bis zu den Füßen der langsam, fast feierlich dahin Schreitenden.

Und dann plötzlich traten die Wasser zurück. Still wurde es um sie her. Es schien, als wolle die Natur sich ihrem Vorhaben entgegenstellen. Der Sturm hielt den Atem an, und die Wellen leckten nur noch gierig an der Mole auf, ohne Kraft, sie zu überspülen.

Drüben, über den waldbekränzten Dünenhöhen im Westen, war die untergehende Sonne in ihrer vollen majestätischen Pracht blutrot aus der Wolkenwand hervorgetreten. Wie in purpurne Glut getaucht war der Himmel, und unterhalb der Küste lag das Meer wie flüssiges Feuer da. Am östlichen Himmel aber bauten sich trotzige, weißumrandete, schwarze Wolkenburgen auf, die drohend zu der purpurnen Glut hinüberblickten.

Von dem hinreißenden Anblick überwältigt, waren die beiden einsamen Wanderer mitten auf der Mole stehen geblieben.

War das schon das Jenseits, das unbekannte Land, in dem sie die Heimstätte suchten, die die Erde ihnen verweigert hatte, das sich da vor ihnen aufthat?

Immer mächtiger loderte die Glut am Himmel und im Wasser, über und unter ihnen schienen sich glühende Feuerströme hinzuwälzen, so weit das Auge reichte nach West und Nord ein großes, gewaltiges Feuermeer.

Da plötzlich pfiff es durch die Luft, wirbelte, sauste es um sie her, und mit einem einzigen gewaltigen Stoß jagte der Sturm die schwarzen Wolkenburgen in die rote Glut, bis sie ausgelöscht war und nichts mehr von ihr übrig blieb als schwarzes, farbloses Gewölke.

Schwarz war der Himmel, schwarz das Meer. Mit wütender Gewalt peitschte die Brandung gegen die Quadern der Mole. Höher, immer höher. Nun waren die beiden, noch immer engumschlungen, an der äußersten Spitze des Steindamms angelangt. Zuletzt von einem Windstoß willenlos vorwärts getrieben. Ihre Füße, ihre Kleider waren vom Wasser überspült. Brust an Brust standen sie – Auge in Auge. Was ihre Lippen einander sagten, konnten sie längst nicht mehr verstehen, aber ihre Seelen sprachen eine Sprache, die von einem zum andern hinüber flutete. Fester zog er sie an sich. Da kams heran, sinkend und steigend, mit fürchterlicher Gewalt, ein schwarzblaues Ungetüm mit weißem Mähnenkamm. Es leckte, es brüllte, es packte zu – und über die Stelle, auf der die beiden müden Weltfahrer gestanden hatten, glitt der Gischt, bis die nächste Welle ihn hinunterspülte, den beiden nach, die der Sturm verweht und das Meer verschlungen hatte.




Für ihr Kind

In einem altmodischen, vierstöckigen Mietshaus in der Frankfurterstraße stand der Thorweg weit geöffnet. Durch seine düstere Wölbung sah man von der Straße bis auf den engen, winkeligen, von hohen Mauern umgebenen Hof, auf dem trotz der scharfen Schneeluft eine Schar schmutziger Kinder ihre lärmenden Spiele trieb. Jetzt trat eine plötzliche Stille ein.

Der Vizewirt, eine gefürchtete Persönlichkeit, kam die Hintertreppe herab und über den Hof geschritten. Er inspizierte wieder mal, und da hieß es Ruhe halten. In kleinen Gruppen drückten sich die Kinder tuschelnd zusammen und verharrten so, bis der Gestrenge den Hof wieder verlassen hatte.

Draußen im Thorweg wurde der kleine, scheinbar immer bis über die Ohren in Geschäften steckende Mann von dem Briefträger aufgehalten.

»Sie haben ja höllisch vornehme Mieter jetzt, Herr Pohlmann.«

Er hielt ihm ein mit einer Firmenadresse überdrucktes Quartkuvert entgegen.

»Baron von Werbitz – stimmt das?«

Der Kleine rieb die Knöchel seiner spitzen, roten Finger vergnügt gegen einander.

»Na ob's stimmt. Vier Treppen links, vorne rauf. Giebt uns 'n höllischen Nimbus, was? Na sagen Sie mal, Sie glauben's wohl noch immer nicht? Ja, ja, hat sich manches verändert bei uns, Schimmelmann, seit Sie drüben im anderen Revier vertreten haben. Nu machen Sie aber auch, daß Sie 'rauf kommen, wird's vielleicht brauchen können, der Herr Baron, was Sie da bringen –« der kleine Mann rückte an seiner Brille – »oder sollte es am Ende wieder –? Geben Sie doch mal her, Schimmelmann! – Hol's der Deibel – wahrhaftig, schon wieder 'ne Rechnung – ne, ne, ne – wo sie blos alle herkommen? Leben doch da oben reine weg von der Luft! Die arme Frau! Miete hat sie pünktlich bezahlt, alles was recht ist. Ja, ja, die Vornehmen! Nanu aber los, Schimmelmann, kriegen müssen sie 'n ja doch mal.«

Kopfschüttelnd trabte der kleine Mann mit kurzen, schnellen Schritten davon. Der Briefträger stieg langsam die steilen Treppen bis zum obersten Stock.

Auf der kleinen, niedrigen, weißgetünchten Thür war eine Visitenkarte befestigt. Unter der siebenzinkigen Krone las er: »Baron Kurt von Werbitz, Premierleutnant a. D.«

»Ach so«, machte Schimmelmann und zog die Klingel, die einen scharfen, schrillen Laut gab. Als ihm nicht gleich geöffnet wurde, steckte er das Schreiben in den Briefkasten unterhalb der Visitenkarte.

Der Adressat des Briefes, Baron Kurt von Werbitz, saß indessen mit finster zusammengezogenen Brauen auf seinem verschlissenen Plüschsopha. Er schien die Klingel, vielleicht mit Absicht, überhört zu haben. Jedenfalls machte er keinerlei Anstalten, sich von seinem bequemen Sitz zu erheben; er war abwechselnd damit beschäftigt, an der linken Spitze seines starken, blonden Schnurrbarts zu kauen und ein paar Züge aus einer Havanna zu nehmen, deren feinblumiger Duft in seltsamem Gegensatz zu der schäbigen Einrichtung des Zimmers stand.

Ein paar Mal hatte der »schöne Kurt«, wie er genannt wurde als er noch bei der Garde stand, seine abwechselungsreiche Beschäftigung auch schon mit einem lauten Gähnen unterbrochen.

Als jetzt die Thür rasch und hörbar aufgeklinkt wurde, kam zum ersten Mal ein Zug von Interesse in Werbitz' gelangweiltes Gesicht. Ein kräftiges Mädchen von etwa zehn Jahren mit einem langen, blonden Zopf im Nacken, die ganze Gestalt in eine hohe, schwarze Schulschürze gesteckt, trat lebhaft auf die Schwelle. »Ach, Du bist's, Ilse – ich dachte, es wäre die Mama.«

»Nein, ich bin's Papa,« rief das frische Kind lachend und sprang ihm ungestüm um den Hals. »Es ist doch eins vorüber.«

Werbitz sah den Wildfang mißbilligend an.

»Wenn Du nur nicht so unaristokratisch in all Deinen Manieren sein möchtest, Ilse,« und dabei seufzte Werbitz auf, als ob er das schlimmste Verbrechen zu konstatieren gehabt hätte.

Das Kind senkte betrübt den hübschen Kopf.

»Na also – vergiß nicht immer wieder, daß Du eine Baroneß Werbitz bist.«

Ilse trat ans Fenster, um auf den Zehen stehend einen Blick auf die Straße zu erhaschen.

Werbitz lehnte sich fröstelnd in die Sophaecke zurück und nahm seine graubraune Jagdjoppe fester um die heraufgezogene Knie.

»Du, Ilse –«

»Papa!«

»Ich glaube, es ist wieder mal schlecht geheizt – kannst Du nicht noch ein bischen nachlegen?«

Die Kleine wandte sich um und schüttelte sehr energisch den Kopf.

»Nein, Papa, – die Mama hat's verboten, – die Brikets müssen bis zum Letzten reichen; sie hat sie schon für jeden Tag abgezählt.«

Werbitz trat heftig mit dem Fuß auf und war eben im Begriff, einen höchst unaristokratischen Fluch auszustoßen, als die Thür abermals aufging und Frau von Werbitz eintrat.

Mit einem Freudenschrei stürzte Ilse auf sie zu und umhalste sie.

Einen kurzen Augenblick hielt die stattliche, tief brünette Frau das blonde Kind warmherzig in den Armen, dann schritt sie auf ihren Mann zu, der nachlässig in der Sophaecke sitzen geblieben war.

»Ich komme spät, Kurt, hoffentlich ist Dir die Zeit nicht lang geworden.«

Er gähnte statt aller Antwort auf, dann brummte er unliebenswürdig zurück:

»Natürlich ist sie mir lang geworden, oder glaubst Du etwa, eine kalte Stube, kein anständiger Tropfen zu trinken, und immer nur die eigene Gesellschaft, das sei auf die Dauer kurzweilig?«

»Du solltest ausgehen, Kurt.«

Bitte und ein ganz leiser Vorwurf paarten sich in der sanften Stimme Frau Alexandras. Kurt hörte nur den letzteren heraus.

»Natürlich – immer das alte Lied – ausgehen – Beschäftigung suchen – auf Arbeit wie ein gemeiner Handwerker – daß ich auch was anderes erwarten konnte! Hast Du etwa welche gefunden?«

Alexandra sah auf das Kind, das mit großen, traurigen Augen zu der Mutter hinblickte. Eine leise Kopfbewegung genügte, um Ilse aus dem Zimmer zu entfernen.

»Warum schickst Du sie fort, Deine Verbündete?« fuhr Kurt bitter auf.

»Kurt!«

»Nun – ist sie's etwa nicht? Und immer mit Dir gegen mich. Ein Wunder nur, daß Du ihr die Kasse nicht anvertraust und Order giebst, mich noch knapper zu halten, als Du selbst es schon thust.«

Ein unendlich schmerzlicher Zug zuckte um Alexandras Mund, aber sie erwiderte nichts.

Durch ihr Schweigen gereizt, sprang er auf und schlug auf den Tisch.

»Und wozu das Alles? – die Schulden werden von dem verfluchtem Knausern doch nicht bezahlt –«

»Aber wenigstens werden keine neuen gemacht. Und dann – vielleicht finde ich am Ende doch etwas – ich bin ja gesund und habe guten Willen – – Leider – –«

Er hatte sich wieder in die Sophaecke geworfen.

»Leider was?«

»Leider hapert's bei allem, was sich etwa böte, mit dem Wissen – Ich habe nichts ordentlich, nichts gründlich gelernt als reiten, schießen, fechten, jagen – Papas Ideal für die Erziehung seines einzigen Kindes.«

»Sollte Graf Assenstedt seine Tochter vielleicht zur Gouvernante oder Buchhalterin ausbilden lassen?«

Alexandra seufzte: »Wer weiß, ob es nicht besser gewesen wäre!«

»Unsinn,« brummte Kurt, »dieser ganze neumodische Weibergelehrtenkram – gesund und kräftig bist Du, das ist die Hauptsache.«

»Was nützen mir Kraft und Gesundheit, wenn wir dabei verhungern können,« murmelte sie vor sich hin.

Er stampfte ärgerlich mit dem Fuß auf und wandte den Blick.

Alexandra trat von ihrem Manne fort ans Fenster. Eine jener unbehaglichen Pausen trat zwischen den Gatten ein, da eines sich stillschweigend gegen das andere auflehnte und jeder eine Flut stummer Vorwürfe gegen den anderen durch die Seele wälzte. Wie immer unterbrach Alexandra auch heute zuerst das böse Schweigen.

»Wünschest Du noch etwas, Kurt?« fragte sie sehr sanft. »Ich möchte sonst zu Ilse hineingehen, um bis zu Tisch mit ihr zu arbeiten.«

»Wozu erst wünschen,« brummte Kurt, »da mir doch kein Wunsch erfüllt wird.«

Er wirbelte grimmig an der Spitze seines Schnurrbarts.

»Laß wenigstens noch ein bißchen heizen, man erfriert ja beinah. Wenn Du's dem gnädigen Fräulein befiehlst, wird sie's ja wohl thun – mir hat sie natürlich Opposition gemacht, wie immer.«

Alexandra wollte etwas erwidern, aber sie bezwang sich und sagte ruhig: »Es soll geschehen.«

»Noch eins. Laß mir den zweiten Band der Sportnovellen holen« – er reichte ihr den ersten schmutzstarrenden über den Tisch herüber – »und dann, ich muß bei Tisch heute unbedingt einen anständigen Rotwein haben, – wenn auch weder Kaisers Geburtstag noch ein Schlachttag ist,« warf er spöttisch dazwischen – »meine Nerven sind vollkommen auf dem Hund.«

Alexandra hatte zu alledem nur stumm genickt. Nun verließ sie, ohne irgend eine der abfälligen Bemerkungen laut werden zu lassen, die ihr auf der Zunge schwebten, das Zimmer.

Ehe sie durch ihr und Kurts Schlafgemach das enge Nebengelaß betrat, in dem Ilse hauste, atmete sie, sich müde an dem Pfosten ihrer Bettstatt lehnend, ein paar Mal tief und schwer auf.

Aber nur ein paar kurze Augenblicke lang blieb sie so, fast hilflos stehen. Dann bewegte sie mit einer zuversichtlichen, energischen Geberde den schönen Kopf und trat bei ihrem Kinde ein.

Ilse warf vor ungestümer Freude fast den kleinen, wackligen Tisch zu Boden, an dem sie über ihren Heften saß.

»Kommst Du endlich, Muttchen! Was hast Du so lange bei Papa gemacht? Hat er wieder mit Dir gezankt?«

Alexandra fuhr dem Kinde liebkosend über das reiche, goldblonde Haar.

»Nichts ist geschehen, mein Liebling. Papa hatte nur noch ein paar Wünsche. Du mußt schnell einmal hinunterspringen und Frau Schmöckert bitten, daß sie nach der Leihbibliothek geht und dann herauf kommt und bei Papa noch ein bischen heizt.«

»Aber Mama – Du sagtest doch –«

»Ja, mein Herzenskind – aber wenn der Papa es wünscht –«

Ilse preßte die vollen Lippen trotzig über einander.

»Soll ich gleich gehn, Muttchen?« Es kam beinahe verächtlich heraus.

»Ja, Schatz, damit wir dann hinter einander arbeiten können – gegen Abend muß ich überdies wieder fort.«

»Arme, süße Mama!«

Ilse umarmte die Mutter stürmisch und flog dann mit der schmutzigen Sportnovelle die vier steilen Treppen hinunter, um der Aufwartefrau im Keller die Aufträge zu überbringen.

Sie war im Umsehn wieder oben.

Als sie die Thür zu ihrem kleinen Zimmer aufklinkte, sah sie die Mutter mit dem Brief in der Hand dasitzen, den Schimmelmann vor einer Stunde in den Kasten geworfen hatte.

»Wie kommst Du zu dem Brief, Kind?«

»Ach, Muttchen, sei nicht bös! Ich sah ihn im Kasten stecken, als ich aus der Schule kam und da hab' ich ihn einstweilen an mich genommen, bis Du kamst.«

»Und weshalb, Ilse?«

Das Kind wurde dunkelrot.

»Ich sah doch, Muttchen, daß es wieder die Weinrechnung war, und wenn Papa die bekommt, ist er immer so furchtbar heftig – und da dacht' ich – er würde dann wieder bös gegen Dich werden – und darum –«

Ilse fing bitterlich zu schluchzen an und verbarg ihren Kopf in der schwarzen Schulschürze.

»Ach Muttchen – es ist zu schrecklich!«

»Still, still, mein Liebling – weine doch nicht so – beruhige Dich – es wird besser werden!«

Ilse hob das liebe, thränenüberströmte Gesicht zu Alexandra auf.

»Bald, Muttchen?«

»Sehr bald, mein Herz. Komm, trockne Deine Thränen, wir wollen arbeiten, Liebling. Du darfst mir in der Schule nicht zu sehr zurückkommen, Kind. Gieb acht, was ich Dir sage, zu Ostern hoffe ich bestimmt, Dich wieder in eine höhere Töchterschule schicken zu können –«

Ilses Gesicht verklärte sich.

»In meine alte, liebe Schule, Mutter?«

»Das weiß ich nicht, Ilse. Wir werden vorerst nicht wieder in den Westen ziehen können – und das viele Fahrgeld –«

»Schon gut, schon gut, Muttchen – wenn ich nur aus der schrecklichen Gemeindeschule heraus darf. – Und dann – so manches andere noch – na, Du weißt schon, Muttchen.«

»Ja, ja, ich weiß. Eins nach dem andern, Liebling. O, ich will schon trachten, daß wir wieder alle vergnügt und zufrieden werden wie früher – auch der Papa.«

»Ach ja, bitte, auch der Papa,« warf Ilse mit einem resignierten Stoßseufzer dazwischen.

»Und wenn alles so kommt, wie ich hoffe –«

»Dann hab ich auch wieder Schulfreundinnen, nicht wahr, Mama? Und dann reisen wir auch wieder! Ach wenn wir doch nur einmal noch zum Großpapa nach Assenstedt könnten! Nicht wahr, Mama, als der gute Großpapa noch lebte, da war noch alles anders!«

»Nicht alles, meine Ilse, aber vieles. Aber nun komm, komm! Wir vergeuden die Zeit, anstatt sie zu nützen. Auf diese Weise werden wir beide nicht weit kommen, Maus!«

Ilse schlug ihre Aufgaben für den folgenden Tag auf. Als sie den Lehrfaden für die Geographiestunde zur Hand nahm, fiel ihr ein, daß sie die Mutter noch um etwas bitten mußte, was ihr nicht leicht ward.

»Du, Muttchen, nicht böse sein, aber ich kann nichts dafür. Auch in der dummen Gemeindeschule müssen wir manchmal ein neues Buch haben. Hier,« sie wies Alexandra den geographischen Leitfaden – »einen Anhang oder so was. Fünfzig Pfennig soll jeder mitbringen.

Alexandra lächelte und zog zwei Fünfzigpfennigstücke aus dem Portemonnaie.

»Da, Quälgeist. Das übrige magst Du als Taschengeld behalten. Hast lange nichts bekommen!«

»O, Du goldne Mama! Dafür wollen wir beide uns himmlisch amüsieren. Nachher mach' ich meinen Plan. Jetzt will ich aber lernen, als ob ich gleich morgen wieder zu Fräulein Fuhrmann und in die dritte Klasse kommen sollte.«

Gegen Abend trat Alexandra nochmals zum Ausgehen gerüstet bei ihrem Mann ein, dessen Laune und Nervenverfassung sich trotz des »anständigen Roten« bei Tisch wenig gebessert hatte.

»Willst Du schon wieder fort – jetzt, bei Nacht und Nebel?«

»Ich bin bald wieder hier. Man wollte mir auf dem Bureau der Versicherungsgesellschaft endgiltigen Bescheid geben, ob man mich brauchen könne oder nicht. – Adieu, Kurt –«

An der Thür drehte sie noch einmal um.

Er sah unwillig von dem zweiten Band der Sportnovellen auf.

»Was ist? Schon wieder die Weinrechnung etwa?«

»Nein, nein. Ich wollte nur bitten – sei ein bischen gut mit Ilse! Das arme Kind ist jetzt so viel allein.«

Eine Viertelstunde etwa, nachdem Alexandra gegangen war, warf Werbitz das Buch ungeduldig auf den Tisch und rief nach seiner Tochter, die im Hinterzimmer ihre Schularbeiten zu Ende machte.

»Wünschest Du etwas, Papa?«

»Meine schwarzen Sachen – ich will ausgehen!«

Ilse wartete einen Augenblick, ob der Vater ihr sonst noch etwas zu sagen haben würde.

»Na wird's bald? Du könntest schon wieder hier sein. – Ist das ein Leben ohne Diener!« seufzte er.

Ilse kam mit den Sachen über dem Arm zurück.

Kurt machte umständlich Toilette. Die enge Schlafstube und der kleine Wandspiegel reichten dazu nicht aus.

Die Kleine ging ihm geschickt zur Hand, wurde aber trotzdem unausgesetzt getadelt.

»Wenn die Mama fragt – ich bin zu einem Bekannten gegangen und werde wohl den Abend über fortbleiben.«

»Schön, Papa – und –?«

»Was noch »und«?«

»Ich meine, ob ich hier ganz allein bleiben soll?«

»Selbstverständlich. Frage doch nicht so dumm. Mama wird jeden Augenblick zurück sein. Wenn es Dir zu lange dauert, kannst Du Dir ja die Schmöckert heraufholen. – Du, Ilse!«

»Papa?«

»Hm – was ich fragen wollte – hast Du vielleicht ein bischen Geld bei Dir? – ich habe nur Gold in der Tasche, und da kann man doch leicht in Verlegenheit kommen – wenn's nur 'ne Mark etwa wäre? Du kriegst sie morgen wieder.«

Ilse drehte das Geld, das die Mutter ihr heute gegeben hatte, in der Tasche hin und her. Sie war dunkelrot geworden und kämpfte einen schweren Kampf. Sie wußte genau, daß, wenn sie dem Vater die Mark gab, sie das Geld niemals wiedersehen würde. Das Buch aber mußte morgen in der Schule bezahlt werden, und der Mutter durfte sie um keinen Preis das Geld noch einmal abverlangen. Ach und ihr Taschengeld, für dessen Verwendung sie schon die herrlichsten Pläne geschmiedet hatte!

»Na, wird's bald? Hast Du kein Geld? Oder versteckst Du es schon ebenso schlau wie Deine Mutter?«

»Nein, Papa! Hier sind fünfzig Pfennig!«

»Ist das alles –?« Er sah sie durchdringend an.

»Nein – aber das Übrige gebe ich nicht her. Das ist für ein Schulbuch bestimmt.«

»Du bekommst es morgen zurück.«

»Aber nicht bevor ich zur Schule muß. Da schläfst Du noch, Papa.«

»So läßt Du Dir von der Mutter anderes Geld geben. Dir schlägt sie nichts ab.«

»Nein, Papa, das thue ich nicht.«

»Eigensinnige Göre!«

Er warf die Thür hinter sich zu und eilte über den schmalen, dunklen Flur die Treppen hinunter.

Auf der Straße seufzte er erleichtert auf. Die Abende, die er allein außer dem Hause zubrachte, waren die Glanzpunkte seines jammervollen Daseins. Es fanden sich noch immer ein paar Kavaliere, ehemalige Kameraden oder alte Bekannte vom Turf her, die für den schönen Kurt von der Garde ein freundliches Gesicht und eine offene Tasche hatten.

Freilich besuchte man mit Kurt von Werbitz nicht gerade die Restaurants oder die Vergnügungslokale, in denen man Vorgesetzte oder Bekannte treffen konnte, aber immerhin, Berlin war groß und reich an unterschiedlichen Orten, an denen man sich amüsieren, oder wenn man Werbitz etwas besonderes anthun wollte, ein Jeuchen machen konnte.

Während Kurt, das Taschengeld seiner Tochter im Portemonnaie, elastischen Ganges den Weg zu einem dieser wohlwollenden Kameraden einschlug, schritt Alexandra bitter enttäuscht die breiten Sandsteinstufen des Versicherungsgebäudes hinunter.

Sie war wieder einmal abschlägig beschieden worden, hier, wo sie so gut wie sicher auf eine Anstellung gerechnet hatte! Ihre Handschrift, ihre Rechenkünste, ihr Orientierungsvermögen, alles war unzureichend befunden worden.

Was sollte daraus werden, wenn es so weiter ging!

Die tapfere, heute Mittag noch so zuversichtliche Frau überlief es plötzlich mit einer eisigen Angst.

Selbst ihr, der hoffnungsreichen, mutigen, mußte ja am Ende die Einsicht kommen, daß sie auf diesem Wege niemals etwas erreichen würde. Wo aber, wo lag der Weg, auf dem sich eine Möglichkeit bot, die Ihren – wenn sie auch ihr Leben vielleicht nicht aufbessern konnte – so doch vor dem äußersten, vor der Schande und dem Verhungern zu bewahren? Wäre sie nur keine Baronin von Werbitz, geborene Gräfin Assenstedt! Könnte sie nur im groben Verbrauch ihrer körperlichen Kräfte ihr Brot verdienen, da ihre geistigen Gaben und das oberflächlich Erlernte nicht dazu ausreichten.

Wenn sie auch die lächerlichen Vorurteile ihres Mannes nicht teilte, so erkannte sie doch die Grenzen an, die ihr gezogen waren, und so, zum erstenmal nach langen Monaten des Darbens und Grübelns über eine neue Existenz, überkam Alexandra die Verzweiflung.

Welchen Wert hatte die grenzenlose Liebe zu ihrem Kinde, ihre, trotz entschwundener Neigung, noch immer willig bereite Opferfreudigkeit für den Gatten, wenn Liebe und Opferfreudigkeit sich nicht in Thatkraft umsetzen ließen, wenn sie nichts blieben als Gefühle, von denen Niemand satt oder gekleidet wurde!

Schweren, fast schleppenden Ganges schlich die sonst so kräftig, energisch Ausschreitende, die breite, glänzend erleuchtete Straße entlang, in der das Versicherungsgebäude lag.

Überall geschäftig hastende Menschen, die ihrer Arbeit, ihrem Verdienst nachgingen. Auch Dürftigkeit und Armut fehlten nicht, aber sie hatten wenigstens den Mut, sich offen zu zeigen; sie schlichen nicht verschämt unter dem Schein des Wohllebens umher.

Alexandra fühlte sich versucht, die arme Frau mit den elenden Kindern an der Hand um ihren freimütigen Notschrei: »Mich hungert, liebe Dame!« zu beneiden.

Und dann schämte sie sich der Regung. Wie viel hatte sie vor diesem armen Weibe voraus! Vor allem Gesundheit und – sie fühlte es nun wieder warm zum Herzen dringen – ungebrochenen Lebensmut. Schneller wurde ihr Gang, straffer ihre Haltung. Sie wollte zu ihrem Kinde zurück, zu ihrem geliebten, gottlob gesunden Kinde! Bisher hatte es noch nicht zu hungern brauchen, die Kraft ihrer Mutterliebe würde es auch ferner davor bewahren. Nein, noch war es nicht Zeit zum verzweifeln.

Und wieder begann Alexandra von Werbitz das alte Leben, das sie nun seit Monaten, seit die Not ihnen bis an den Hals gestiegen war, führte. Tagaus, tagein klopfte sie an die Thüren von Bureaus und Redaktionen, studierte sie die Spalten der Zeitungen nach offenen Stellen, bot sie sich zu den bescheidensten Diensten an – alles vergebens. Überall dieselbe Antwort: das Angebot ist größer als die Nachfrage, wir sind vollauf, überreich versorgt.

Man riet ihr eines Tages, es mit der Konfektion, der Ladenbranche überhaupt zu versuchen.

Sie hatte geglaubt, daß man sie an der Kasse oder – und das wäre ihr das Liebste gewesen – als Buchhalterin im Kontor würde verwenden wollen – sie hatte sich getäuscht.

Ihrer schönen, eleganten, vornehmen Erscheinung hatte man sich als Lockmittel für die Käufer bedienen wollen. Man machte der Baronin Werbitz ganz kaltblütig den Antrag, »Probiermamsell« in einem großen Mäntelgeschäft zu werden. Der Besitzer des bedeutenden Kaufhauses war sehr entgegenkommend, ja mehr als das, überliebenswürdig gewesen. Die Rettung schien endlich da zu sein. Und dennoch hatte Alexandra nicht einen Augenblick daran gedacht, das Anerbieten, das ihr hier geboten wurde, anzunehmen; es war, als ob sie etwas vor dem aalglatten, zudringlichen Wesen dieses Mannes, vor der ganzen fremden, unheimlichen Atmosphäre warne. Nicht einmal der Gedanke an Ilses vernachlässigte Erziehung, an ihre freudenarme Kindheit hatte sie zu halten vermocht. Sie war fortgestürzt, ohne recht eigentlich zu wissen, in welchem Sinne das letzte Wort gefallen war, und Tage lang hatte sie es nicht über sich vermocht, neue Wege, neue Versuche zu machen.

Und dennoch wurde das Leben da oben in den engen, öden Räumen der Frankfurterstraße für alle Teile täglich schwerer zu ertragen. Kurt wurde immer gereizter, immer unleidlicher in seiner nörgelnden, erbitterten Unzufriedenheit. Nichts und Niemand konnte ihm etwas recht machen. Unter dem Vorgeben, sich nach einer passenden Stellung umzusehen – unter der er etwa die eines königlichen Kammerherrn verstanden haben würde – trieb er sich oft halbe Tage lang umher und kam nicht selten nicht ganz zurechnungsfähig mehr nach Hause.

Ilse litt täglich mehr unter dem wachsenden Zerwürfnis der Eltern sowohl, als unter dem Druck der ungeeigneten Kameradschaft in der Schule. Beides verletzte unausgesetzt des Kindes Feingefühl.

Und Alexandra litt mit Ilse, nur verschärfter, qualvoller noch als sie. War Ilse verdammt, noch lange unter diesen Verhältnissen sich fortzuentwickeln, was sollte dann aus dem Kinde werden? Ein für die Anforderungen des Lebens noch lückenhafter vorgebildetes Wesen, als sie selbst es bei der Erziehung ihres Vaters geworden war, nur mit dem großen, schwerwiegenden Unterschiede, daß sie dabei körperlich wenigstens kerngesund aufgewachsen und in allen Leibesübungen zur Meisterin gebildet worden war. So hatte sie wenigstens den Stürmen des Lebens eine voraussichtlich dauernde Gesundheit zu bieten, während Ilse, gerade jetzt in den Jahren stärksten Wachstums, alles fehlte, was ihr zu einer gesunden Entwickelung notwendig gewesen wäre. Bewegung in guter Luft, wo sollte sie die im Frankfurter Viertel her bekommen? Ausreichende und kräftige Nahrung – woher sollte Alexandra sie für ihr Kind beschaffen?

Der kleine Rest ihres mütterlichen Vermögens, den sie aus dem Schiffbruch noch gerettet hatte, die karge Pension ihres Mannes, sie reichten gerade noch zu dem Allernotwendigsten aus – und wie lange noch?

Daß sie selbst kein Kleidungsstück mehr besaß, in dem sie sich anstandslos vor den Leuten sehen lassen konnte, daß sie von einem Minimum von Nahrung lebte, daran dachte Alexandra nicht einmal.

So war Weihnachten herangekommen. Ein trübes, trauriges Fest.

Als sie Ilses Tisch zurecht machte und eine neue, selbstgefertigte, schwarze Schulschürze darauflegte, welche die Schäden ihrer Kleider verdecken sollte, ein paar armselige Zopfbänder, Schulhefte, Bleistifte und Federn dazu, da ergriff sie's plötzlich mit heißer Reue, daß sie die Stellung in dem Konfektionsgeschäft nicht angenommen hatte.

Wie ganz anders hätte sie heute für ihr Kind sorgen, ihm den Tag zu einem Freudenfest machen können!

Ob sie nach dem Fest den Versuch machte, die Stelle noch offen zu finden?

Aber kaum, daß sie den Gedanken wieder faßte, sah sie auch schon die dreisten, zudringlichen Augen des Besitzers wieder über ihr Gesicht und ihre Gestalt gehen, ja sie fühlte sie förmlich wie widerliche Berührungen. Nein – nein, das konnte nicht sein. Ihr Leben hingeben für Ilse, jede Stunde, jede Minute – aber in einer solchen Sphäre atmen, leben sollen – das konnte sie nicht. – –

Zu Beginn des Januar war wieder ein neuer Stoß Rechnungen eingegangen.

Eines Tages hatte sich zwischen die Rechnungen auch einmal ein Brief verirrt.

Der Landgerichtspräsident von Eynern, ein Bruder ihrer Mutter, meldete sich für den kommenden Abend bei Alexandra an.

Der viel dekorierte Herr war zum Ordensfest geladen gewesen und gedachte sich danach noch ein paar Tage in Berlin aufzuhalten, ehe er wieder nach Königsberg zurückging.

»Die Neugier wird ihn hertreiben,« dachte Alexandra. »Die liebe Familie will doch wissen, wie es bei einer heruntergekommenen Assenstedt aussieht.«

Als Alexandra ihrem Mann von dem bevorstehenden Besuch Mitteilung machte, bestand er darauf, einen Kameraden dazu zu laden, dem Revanche zu geben er für durchaus nötig befand.

»Überdies, was soll man den ganzen Abend mit dem steifen, alten Herrn reden. Da Du doch einmal anständiges Abendbrot geben mußt, kommt es auf eins heraus.«

Alexandra wußte genau, daß es durchaus nicht auf eins herauskam.

Den Kamerad, den Kurt laden wollte, war ein verwöhnter Lebemann. Kurt würde darauf bestehen, ihn angemessen zu bewirten, während für den sehr sparsam gewöhnten Präsidenten, der daheim nichts anderes als dünnen Thee und karg belegte Butterschnittchen kannte, ein frugales Abendbrot durchaus ausreichend gewesen wäre.

Sie versuchte Kurt umzustimmen, aber wie es gewöhnlich ging, Alexandras Widerspruch machte die Sache nur schlimmer. So schwer es ihr wurde, sie mußte sich dazu entschließen, Kurts unvernünftige Anordnungen zum Teil zu befolgen. Er selbst empfahl sich schon am frühen Nachmittag und beabsichtigte erst mit dem Kameraden zugleich zum Essen wieder zu erscheinen.

Weshalb sollte er Alexandra in ihren Familienfreuden beeinträchtigen?

So wenig herzliches Alexandra sich von dem Wiedersehen mit dem Onkel, dem letzten, lebenden Bruder ihrer Mutter, versprochen hatte, seine beklemmend frostige Begrüßung befremdete sie doch. Es schien wirklich nichts als eigene oder Familienneugier zu sein, das ihn hergeführt hatte, und doch war sie einmal, in der schönen Assenstedter Zeit, sein Liebling gewesen.

Erst bei Ilses herzigem Anblick – das Kind glich Alexandras früh verstorbener Mutter – thaute der alte Herr ein wenig auf. Nachdem er ein Weilchen mit Ilse geplaudert hatte, bat er: »Schick das Kind fort, Lexi, und erzähl' mir dann, wie das alles gekommen ist. Freilich nicht allzu verwunderlich,« fügte er halblaut hinzu, »wenn man bedenkt, wie ihr Vater geartet war, und daß sie eine unverfälschte Assenstedt ist.«

Alexandra hatte das Kind mit einer Liebkosung bis zur Thür begleitet. Jetzt kehrte sie zu dem Onkel zurück. Die letzten Worte hatte sie noch vernommen.

»Lieber Onkel, ich will Dir erzählen, was Du hören willst, aber bitte, laß den Vater aus dem Spiel. Ich weiß, daß Du ihm schwere, vielleicht nicht ungerechtfertigte Vorwürfe machst. Aber er hat mich unendlich geliebt. Und heut weiß ich, daß, ein Kind unendlich lieben, auch manche Schwäche begehen heißt.«

Der alte Herr beugte so mißbilligend den Kopf, als ob er sagen wolle: »Die Schwächen überlasse ich anderen Leuten, insonderheit den Assenstedts, ich habe nichts damit zu schaffen.« Und er sah dabei in der That genau so aus, als ob er sich mit dem Luxus schwach machender Gefühle niemals abgegeben habe, noch abgeben werde. Mit der Miene eines Großinquisitors fragte er:

»Zuerst, in Eurem schlesischen Nest, da ging die Sache ja wohl noch ganz gut?«

»Ganz gut! Wundervoll war's, Onkel.« Die schönen, warmen Augen Alexandras leuchteten auf.

»Wir führten ein Leben wie die Götter – es war eine entzückende Idylle. Dort wurde, wie Du weißt, auch meine Ilse geboren. Der kleine Schatz verteuerte den Haushalt bedeutend –«

»Weil Du das Kind wie eine Prinzessin aufziehen wolltest – bei uns haben die Kinder, so lange sie klein waren, so gut wie nichts gekostet – jetzt freilich –« und der Präsident seufzte schwer.

Alexandra hörte weder auf den Einwand noch auf den Seufzer.

»Bald nach Ilses Geburt mußten wir zuerst meinen Anteil an Mamas Vermögen, den Papa mir gleichzeitig als Kaution bei unserer Verheiratung ausgezahlt hatte, angreifen –«

»Sehr vorsichtig in der That – die Kaution anzugreifen!«

»Aber lieber Onkel, wir konnten doch nicht wissen, daß Papa –«

Alexandra hielt erschreckt inne. Worauf hatte sie den Onkel gebracht?

Herr von Eynern fuhr statt ihrer ironisch fort: »Freilich, Ihr konntet nicht wissen, daß Dein Vater, der sogenannte reiche Assenstedt, der gelebt hatte, als ob er Millionen zu verzehren habe, seinem einzigen Kinde nur Schulden hinterlassen würde!«

»Onkel!«

»Das muß ich aussprechen. Es ist Deine einzige Entschuldigung. Also, der Vater starb – Ihr bekamt nichts – und nochmal nichts – und Dein Mann wurde, wenn ich nicht irre, fast um die gleiche Zeit nach Berlin versetzt.«

»Ja, zur Garde. Es war Kurts heißer Wunsch gewesen. Papa hatte es kurz vor seinem Tode durch seine Beziehungen noch durchgesetzt.«

»Hätte auch was Gescheidteres thun können,« brummte der Präsident, ohne daß Alexandra ihn diesmal verstanden hätte.

»Zuerst berauschte uns dies neue Leben förmlich. Auch ich ließ mich davon hinreißen, und das war ein großer Fehler. Ich hatte Kurts leichtlebige Natur hinreichend kennen gelernt; ich hätte ihn von Anfang an zurückhalten müssen. Nein, die Versetzung zur Garde war kein Glück für uns!«

Alexandra seufzte ein klein wenig auf und ließ den Kopf wie ermüdet in die Hand sinken. Diesmal sagte der Präsident kein Wort. Sie beschuldigte sich selbst, das genügte ihm.

»Ich hätte es ganz gut gekonnt,« fuhr Alexandra, ihren Gedanken weiterspinnend, fort.

»Damals noch. Da vermocht' ich noch etwas über ihn – während heute! Und es wäre auch gegangen, ohne daß wir uns geradezu etwas vergeben hätten. Man kann sich ganz gut einschränken, auch in unserer Stellung, und dabei doch standesgemäß leben. Das Gegenteil wird freilich stets behauptet, aber es ist nicht wahr.

Nun denn, wir thaten das allgemein als »standesgemäß« Erachtete. Wir lebten weit über unsere Verhältnisse. Die Kaution schrumpfte immer bedenklicher zusammen.

Eines Tages kam dann ein ganz plötzlicher Umschwung in unsere Verhältnisse.

Anfangs scheinbar zum besten – am Ende aber war's der Ruin, der uns bis hierher führte.«

Alexandra verstummte und ließ den Blick trübe durch das kahle, häßliche Zimmer schweifen.

Als sie eine längere Pause machte, gemahnte der Landgerichtspräsident: »Nur weiter, Alexandra.« Etwa in dem Ton, mit dem er früher als Richter den Angeklagten aufzufordern pflegte, in einem selbstgeführten Plaidoyer fortzufahren.

»Eines Tages waren wir, wie häufig schon, zum Rennen gefahren. Einer der berühmtesten Sportsleute – Du wirst die Namen der Herren vielleicht nicht kennen, Onkel –?«

»Gott sei Dank, nein!«

»Der Reiter der Floßhilde war plötzlich krank geworden. Der ganze Rennplatz war in größter Aufregung. Wer sollte das Tier steuern, auf das die höchsten Wetten gemacht worden waren?

Das Komitee, dem auch ein früherer Regimentskommandeur Kurts angehörte, hatte sich zu einer geheimen Beratung zurückgezogen.

Plötzlich wurde Kurt in die Beratung entboten. Seinem früheren Kommandeur war es eingefallen, daß Kurt sich bei den harmlosen Regimentsjagdrennen stets als vorzüglicher Reiter hervorgethan hatte. Da fast alle übrigen guten Reiter irgendwie an der Floßhilde interessiert waren, fiel die Wahl auf ihn, man trug ihm an, die Floßhilde zu steuern, und er sagte nicht Nein.

Dieser erste Versuch nahm einen glänzenden Verlauf. Kurt gewann mit der Floßhilde den ersten Preis, und der erkrankte Besitzer beteiligte im Übermaß seiner Freude Kurt in glänzendster Weise an seinem reichen Gewinn.

Kurt jubelte – es schien, wir waren gerettet. Von nun ab warf er sich dem Sport vollständig in die Arme. Es gab keinen deutschen Rennplatz, an dem er nicht aktiv oder mit großen Wetten beteiligt gewesen wäre. Die kostspieligsten Sportextravaganzen wurden mitgemacht, als ob es sich so von selbst verstehe.

Kein Bitten, kein Warnen, kein Flehen half. Besinnungslos tauchte Kurt in dem verlockenden Strudel unter. Pferde, Wetten und Totalisator – das war fortab seine Welt.

Das Glück hatte ihm gänzlich den Rücken gewendet. Überall und jederzeit war er der Geschlagene, der Verlierende.

Vier Jahre lang führte er dies tolle Leben, während ich für das Kind und mich kaum das Nötigste besaß und ängstlich den letzten, kargen Rest meines mütterlichen Vermögens zusammen hielt. Vergebens auch hatte man von oben gewarnt und lange, sehr lange ein Auge zugedrückt.

Endlich hatte er auch da verspielt – er mußte seinen Abschied nehmen, und seitdem leben wir hier ängstlich von der Hand in den Mund, von allen sogenannten Freunden vergessen oder gemieden, lebendig begraben in dem Gewühl der Millionenstadt!«

Herr von Eynern war, während Alexandra zu dem Schluß ihrer Mitteilungen kam, aufgesprungen und unruhig im Zimmer hin- und hergegangen.

Das Schicksal seiner Nichte fing nun doch wider Willen an, ihm nahe zu gehen. Aber er wehrte sich dagegen. Nein, es durfte nicht sein. Wozu sollte er Mitleid haben, da er ihr nicht helfen konnte, nicht helfen durfte. Er hatte von Haus aus nicht einmal so viel Vermögen wie seine Schwester. Dazu eine zahlreiche Familie – zum größten Teil noch unversorgt. Er war einzig auf sein Gehalt, vielleicht in wenig Jahren schon auf seine Pension angewiesen.

Wer wollte im voraus sagen, was seine Töchter, trotz der peinlichsten Vorsicht, einmal für Partien machen würden, wie bald seine Söhne die wünschenswerte Selbstständigkeit erreichen würden? Nein – er durfte kein Mitleid mit seiner Nichte haben. Sein Budget ertrug absolut keine neue Belastung. Sein Soll und Haben stimmte nur gerade. Mit neuen Faktoren durfte er nicht zu rechnen beginnen. Er wünschte, er wäre garnicht gekommen.

Was ging es die Familie schließlich an, wie Alexandra von Assenstedt lebte? Er hätte sich nicht zum Ausforscher hergeben sollen.

Jetzt war Alexandra zu Ende. Was sollte er ihr sagen, um nicht geradezu herzlos zu erscheinen? Er war immerhin ihr einziger, naher Verwandter, dazu der Senior der Familie.

Ein heftiges Aufklinken der Thür befreite den Präsidenten aus seiner peinlichen Lage. Werbitz, in Gesellschaft eines ehemaligen Kameraden, trat ein.

Herr von Eynern atmete erleichtert auf und begrüßte seinen Neffen mit einer, von diesem selbst am wenigsten erwarteten Liebenswürdigkeit. Kurt hätte sich keinen gelegeneren Augenblick zu seinem Auftritt wählen können.

Während Alexandra gedrückt und verwundert über des Onkels Zuvorkommenheit gegen Kurt nach dem Abendessen sah, kamen die drei Herren bald in ein lebhaftes Gespräch, das auch während der Mahlzeit keinerlei Abschwächung erlitt.

Herr von Eynern stürzte sich ganz gegen seine Gewohnheit mit einem förmlich fanatischen Eifer in jede Unterhaltung, die von Werbitz oder seinem Kameraden Lichtwark angeschlagen wurde. Er setzte alles daran, sein plötzlich erwachtes Mitleid mit Alexandras unverschuldetem Schicksal zu betäuben, den Gewissensruf zu ersticken, der ihm vernehmlich genug zuraunte: Es ist Deine Pflicht zu helfen, nun, da Du der Armen Geschick einmal erfahren hast.

Immer lebhafter wurde es an der kleinen Tafelrunde.

Auch Ilse, die anfangs still und verschüchtert am Ende des Tisches neben der Mutter gesessen hatte, um ihr, statt eines aufwartenden Dienstmädchens hilfreich zur Hand zu gehn, thaute nach und nach auf und fing, von dem Großonkel immer aufs neue dazu angestachelt, fröhlich zu lachen an, als Scherze erzählt wurden, die des Kindes Verständnis angepaßt waren.

Nur Alexandra blieb einsilbig und in sich gekehrt. Ihre Gedanken beschäftigten sich abwechselnd mit den schweren Opfern, die ihr durch die Ausgaben für den heutigen Abend für die kommenden Wochen auferlegt wurden, und dem seltsam veränderten Wesen des Onkels. War dieser joviale Mann, der Kurts und Herrn von Lichtwarks flotten Leutnantserinnerungen mit immer gesteigerter Aufmerksamkeit zuhörte, derselbe grämliche Nörgler, der kurz zuvor ohne jede Herzenswärme, ja mehr noch, ohne jedes eigentliche Verständnis den Verlauf ihres traurigen Geschicks mit angehört und statt der Teilnahme nichts als kühle Kritik dafür gefunden hatte?

Dann suchten ihre Blicke ihren Mann.

Auch er war kaum wieder zu erkennen. Wo war seine gereizte Stimmung, die üble Laune von Monaten geblieben? Sogar gegen sie begann er sich liebenswürdig und aufmerksam zu zeigen, in gesteigertem Maße, je mehr Artigkeiten sein Kamerad Lichtwark ihr erwies, dessen »schneidiges Urteil« in Bezug auf Frauen maßgebend für ihn war.

Was doch ein paar Flaschen Wein und anregende Geselligkeit an den meisten Menschen für Wunder wirken!

Warum sollte sie allein unter all' den scheinbar Fröhlichen die einzige Bekümmerte bleiben? Warum nicht auch an sich dies liebenswürdige Wunder sich vollziehen lassen?

Sie hob den schön geformten Kopf mit alter Energie.

Ja, auch sie wollte sich dem kurzen Rausche hingeben, dem ihre Tischgenossen alle sich so willig überließen.

Und nun lachte Ilse wieder und dies Lachen that ihr so wohl.

Es klang wie das übermütige Sprudeln eines lang versiegt gewesenen Quells, dessen Wiederkehr mit Jubel begrüßt wird.

Alexandra schlug die warmen, leuchtenden Augen freundlich zu ihrem Nachbar auf; sie legte die Hand nicht wieder abwehrend über den Rand des Glases wie vor einer Viertelstunde, als Herr von Lichtwark ihr jetzt von dem schweren Bordeaux einschänken wollte, auch schmeckte der köstliche Tropfen nicht mehr bitter auf der Zunge wie beim ersten Glas; warm und wohlig glitt er die Kehle hinab.

Nachdem Herr von Lichtwark am Ende seiner erzählbaren Leutnantserlebnisse angekommen war, fing er an, über Paris zu plaudern, das er im Herbst gelegentlich der berühmten Rennen bei Chantilly besucht hatte.

Mehr und mehr heiterten Alexandras Züge sich auf. Sie kannte Paris und liebte es schwärmerisch. Zweimal war sie mehrere Wochen lang mit ihrem Vater dort gewesen. O, was war das für eine Zeit gewesen, wie hatte sie das prickelnde, wonnige Leben genossen!

Sie fragte nach tausend Orten und Dingen. Auf die meisten ihrer Fragen konnte Herr von Lichtwark, der sich gründlich umgesehen zu haben schien, Antwort geben. Auch die Theater hatte er alle besucht.

»Haben sich Frau Baronin auch einmal die Folies Bergère angesehen?«

»O nein,« gab Alexandra lachend zurück. »So liberal mein Vater sonst war –«

Der Präsident hielt es an der Zeit, wieder einmal moralisch entrüstet aufzuseufzen –

»Von dergleichen Schaustellungen wollte er für seine Tochter nichts wissen, was ihn indeß durchaus nicht abhinderte, selbst hinzugehen und sich vortrefflich zu amüsieren.«

»Womit amüsierte sich der Großpapa, Mütterchen?« fragte da Ilses Stimme halblaut an ihrer Seite.

Es fiel Alexandra aufs Herz, daß Ilse noch am Tische saß, die vor jeder Zweideutigkeit zu hüten sie ebenso unausgesetzt bemüht war, wie ihr Vater es trotz seiner freien Erziehungsart ihr gegenüber bis zu ihrem Hochzeitstage gewesen war.

»Ilse, Herzenskind, es ist Zeit zu Bett zu gehen,« flüsterte sie dem Kinde zu.

Das hübsche, jetzt nur etwas zu blaß und schmal gewordene Gesicht des Kindes verzog sich ein wenig, aber der Mutter aufs Wort gehorsam, nahm sie verstohlen zärtlichen Abschied von ihr und verließ das Zimmer.

Herr von Lichtwark hatte inzwischen seinen Bericht über die Leistungen des Pariser Ballet- und Spezialitätentheaters, gegen Herrn von Eynern und Kurt gewendet, fortgesetzt.

Nachdem Ilse das Zimmer verlassen hatte, hörte Alexandra ihren Onkel lachend sagen:

»Damit werden sie meiner Nichte schwerlich imponieren, Herr Leutnant. In dieser Kunst war sie selbst Meisterin, und mein Schwager stolzer darauf, als wenn seine Tochter sapphische Oden gedichtet hätte.«

»Worauf war Papa stolz, Onkel?«

»Auf Deine Schießkunst, Lexi, und Deine unfehlbare Treffsicherheit.«

»Ja, es war seine größte Freude –«

»Und Deine doch nicht minder, Alexandra,« unterbrach sie Kurt. »Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern gewesen, an den ersten Manövertag in Assenstedt. Dein Vater lud uns abends zur Bowle in den Garten. Da mußtest Du Deine Schießkünste zeigen, und alle Kameraden, ich natürlich an der Spitze, waren paff über Deine Schneidigkeit und Dein eigenes Vergnügen daran. Wahrhaftig, Kamerad,« und Kurt wandte sich an Lichtwark, »sie war eine famose Schützin.«

Herr von Lichtwark verbeugte sich tief vor Alexandra.

»Dann freilich, gnädige Frau Baronin, würde Ihnen die Leistung der Mademoiselle Rose Sapier nicht so imponiert haben, wie mir, aber sie würde Ihnen wahrscheinlich doppelt interessant gewesen sein. Man interessiert sich bekanntermaßen für keinen Sport mehr, als für den, den man selbst treibt.«

Kurt nickte trübselig bestätigend vor sich hin, während Alexandra Herrn von Lichtwark bat, ihr von der Kunst der Sapier zu erzählen.

»Warum engagiert denn keiner Ihrer unternehmenden Direktoren – Sie haben ja, so viel ich weiß, in Berlin jetzt eine ganze Menge ähnlicher Etablissements – diese Wunderschützin?«

»Es ist schon davon die Rede gewesen, Herr Präsident. So viel ich weiß sind die Unterhandlungen im Gange. Sie wird ein great attraction sein und trotz der horrenden Gage – man sprach in Paris von über 1500 Francs monatlich – kein schlechtes Geschäft.«

»1500 Francs!«

Der Präsident machte sein grämlichstes Beamtengesicht.

»Ein wahres Sündengeld. Wenn man dagegen unsere Gehälter ansieht, von den kleinen Beamten garnicht zu sprechen. Und welche Wissens- und Arbeitsfülle müssen wir bewältigen, wie alt werden, bis wir das erreichen! Und da kommt denn solch eine ungebildete Person, Gott weiß aus welcher Gesellschaftskaste, die nichts kann und nichts gelernt hat als mit der Pistole umzugehn und verdient spielend ein fürstliches Vermögen. Eine schreiende Ungerechtigkeit!«

»So ist's verehrter Herr Onkel,« erwiderte Kurt auch seinerseits nicht ohne Bitterkeit. »Das Pferdelaufen lassen brachte auch mehr als die Leutnantsgage – und schließlich bricht es einem doch den Hals,« murmelte er vor sich hin.

Gleich darauf hob der Hausherr die Tafel auf, ließ auf einem Nebentisch noch ein paar frische Flaschen Bordeaux entkorken und bot eine Ynclan an, wie Herr von Eynern sie nur bei den reichen Grundbesitzern um Königsberg zu rauchen pflegte. Niemand hatte etwas davon bemerkt, daß die Frau des Hauses während der letzten Viertelstunde vollständig verstummt war und schließlich das Zimmer verlassen hatte.

Erst als die Herren sich eine halbe Stunde später zum Gehen anschickten, trat Alexandra wieder ein. Sie sah sehr blaß aus und in ihren Augen flackerte ein seltsam aufgeregtes Feuer.

Herr von Eynern hatte bei ihrem Eintritt sein Portemonnaie gezogen und umständlich darin umher zu suchen begonnen. Jetzt hatte er nach längerem Besinnen ein Geldstück ergriffen und trat nun auf seine Nichte zu.

»Gute Nacht, Lexi, und schönen Dank für den angenehmen Abend. Da ich morgen mit dem Nachtzug fahre und den ganzen Tag über zu thun habe, werden wir uns schwerlich mehr sehen.«

Dann dämpfte er seine trockene, knarrige Stimme, so weit es dem spröden Organ möglich war.

»Nimm Dir das, was Du mir vorher erzähltest, nicht allzusehr zu Herzen. Du weißt ja schon aus der Bibel – wenn die Not am größten –! Und hier, das thu der Ilse in ihre Sparbüchse. Ist ja am Ende meiner einzigen Schwester Enkeltochter, das Kind,« fügte er, wie sich selbst für seine unerhörte Extravaganz entschuldigend, hinzu.

Noch ehe Alexandra Zeit gefunden, dem Onkel für das Thalerstück zu danken, das er ihr in die Hand gedrückt hatte, trat Herr von Lichtwark auf die Beiden zu. Auch er wollte sich verabschieden. Kurt, ein Licht in der Hand, um seinen Gästen die vier steilen Treppen hinabzuleuchten, stand schon hinter ihm.

»Allerverbindlichsten Dank, meine Gnädigste, für den charmanten Abend und die angenehme Unterhaltung. Wünsche nur, daß Lorbeern der Sapier Allergnädigste schlafen lassen. Bitte mich der gnädigen Baronesse zu empfehlen. Liegt wohl schon sanft in Morpheus Armen?«

Alexandra hatte kaum auf das Geschwätz des Leutnants gehört. Nur der Name Sapier war ihr ans Ohr geschlagen, oder hatte er noch fortgeklungen von vorher, er und die enormen Summen, die seine Trägerin verdiente, mit einer Kunst verdiente, die sie selbst in vielleicht nicht geringerer Vollendung beherrschte? Die ganze Nacht über wälzte sie sich schlaflos im Bett, unausgesetzt die Leistungen der Pariser Kunstschützin überdenkend.

Wahrlich, da war kein einziger Schuß, dessen sie sich nicht auch hätte rühmen können. Die tanzenden Kugeln in der Luft, die kleinen, unaufhörlich sich bewegenden, springenden Scheiben, der Schuß ins Schwarze der Scheibe auf eine schier ungeheuerlich erscheinende Distanz, das alles hatte sie mit ihrem angebeteten Vater im Park von Assenstedt geübt und unzählige Male tadellos ausgeführt.

Wie sie da lag und in die grauschwarze Öde ihres Schlafgemachs blickte, stiegen sie alle wieder vor ihr auf die goldenen Bilder von Assenstedt.

Der alte Park mit seinen wildverwachsenen Wegen, in denen sie mit den Kindern der Gutsnachbarn, die oft wochenlang in Assenstedt bei ihr zu Besuch gewesen waren, gespielt und getollt hatte.

Die sauber gehaltene Reitbahn, in der sie schon als kaum zehnjähriges Mädchen mit ihren Vettern Wettrennen veranstaltete. Das alte Schloß mit seinen weiten Hallen, seinen gobelinbehängten Sälen, seinen Galerien und endlos langen Gängen, in denen sie ganze Wintertage lang Versteckens und »Räuber und Prinzessin« gespielt hatten.

O diese schöne, goldene Jugend!

Und was hatte sie, ihr Kind, ihre einzige, geliebte Ilse, die sie eben so abgöttisch liebte, wie ihr Vater sie selbst geliebt?

Ein Leben ohne Licht, ohne Sonne, ohne jeden Jugendzauber.

Alexandras Herz krampfte sich zusammen.

Nein – es mußte anders werden – gleich – ohne Aufschub – morgen. Die Gelegenheit, reichlich zu verdienen, die sich ihr in dem Konfektionsgeschäft geboten, hatte sie vorübergehen lassen. Schon das war ein Verbrechen an ihrem Kinde gewesen. Den Fingerzeig aber, den ihr Lichtwark heut ahnungslos gegeben hatte, durfte sie nicht ungenützt vorübergehen lassen. Versuchen mußte sie's wenigstens, ob das einzige, was sie wirklich meisterhaft ausübte, sich nicht zum Heil für ihr Kind verwerten ließe.

»Sehe jeder, wie er's treibe – sehe jeder, wo er bleibe,« das war der Wahlspruch ihres liberal denkenden Vaters gewesen. Es sollte auch der ihre werden. – Freilich hatte dieser Spruch auch einen Nachsatz:

»Und wer steht, daß er nicht falle!«

Aber sie stand nicht, so konnte sie auch nicht fallen. Tiefer konnte es ja kaum mit ihnen herabgehen, als sie bisher gesunken waren.

Und Standesbedenken – die kannte Alexandra von Werbitz nicht mehr. Die Not hatte sie alle, alle erstickt.

Wohl pries sie die Frauen glücklich, denen Veranlagung und Erziehung gestattete, ihre Kinder mit den Errungenschaften ihres Geistes, ihrer Bildung zu nähren und zu kleiden, aber da sie das nicht vermochte, mußte ihr eben jede Arbeit, jeder Beruf recht sein, ihr Kind vor dem Elend zu schützen. Alexandra war weder eine Sophistin, noch gar eine moralisierende Philosophin, das aber sagte sie sich doch in dieser Nacht, daß eine rechtschaffene Frau am Ende jede Arbeit zu einer rechtschaffenen machen kann, ob sie nun Malerin, Schauspielerin, Artistin, Fabrikarbeiterin oder Waschfrau ist.

Sobald Ilse am nächsten Morgen das Haus verlassen hatte, sann Alexandra darauf, auch Kurt zu entfernen. Bevor sie den schweren Weg zu einem der Direktoren machte, die von den Herren gestern namhaft gemacht worden waren und die sie wohl gemerkt hatte, mußte sie versuchen, ob die mangelnde Übung der letzten Jahre ihre Fertigkeiten auch nicht beeinträchtigt hatte.

War das der Fall, mußten Mittel und Wege gefunden werden, sich ein paar Wochen lang wieder einzuschießen.

Kurt kam ihr auf halbem Wege entgegen. Er stotterte etwas von einem Frühstück, zu dem Lichtwark ihn geladen, und von notwendigen Gängen, die er sonst noch zu machen habe.

Alexandra hörte kaum was er sprach. Er wollte ausgehen, das war die Hauptsache. An der Thür kehrte er noch einmal um.

»Du, Alexandra!«

»Was ist?« Sie fragte es hastig, ungeduldig. Er würde doch nicht zu Haus bleiben wollen!

»Wenn ich nicht irre, gab Dir der Präsident gestern beim Abschied Geld – könntest Du nicht –«

»Es ist für Ilses Sparbüchse bestimmt.«

Er trat von der Schwelle wieder vollends ins Zimmer.

»Ohne einen Groschen im Portemonnaie kann ich nicht –«

Alexandra griff hastig in die Tasche und gab ihm den Thaler des Präsidenten.

»Da, nimm!«

Er betrachtete ihn mißvergnügt.

»Na, immer besser als garnichts,« sagte er dann und ließ ihn in die Tasche gleiten.

Als Kurt fort war, atmete sie erleichtert auf und riegelte dann die Thür hinter ihm ab, damit Frau Schmöckert, die einen zweiten Schlüssel zu der Wohnung hatte, sie nicht überraschte.

Der Kasten mit den Pistolen ihres Vaters stand unter ihrem Bett. Die Läufe blitzten und blinkten. Alexandra hatte dies einzige Vermächtnis ihres Vaters stets in bestem Stand gehalten. Ilses Reißbrett mußte die Scheibe hergeben.

Mit einem Stückchen Kohle, das sie neben dem Brett auf des Kindes Arbeitstisch fand, wurde ein winziger, schwarzer Punkt markiert; die improvisierte Scheibe dann an der Hinterwand des letzten Zimmers über Ilses Bett aufgehängt. Alexandra selbst nahm an dem entferntesten Punkt, vor dem Plüschsopha des Wohnzimmers Aufstellung. Zwischen beiden Zimmern lag ihr und Kurts Schlafgemach. So war trotz der beschränkten Wohnung doch wenigstens ein Distanz von 60 Schritt hergestellt.

Zuerst wollte die Hand nicht ganz parieren.

Aber schon nach dem dritten Schuß traf Alexandra unfehlbar das minimale Centrum.

Sie hätte sich gern noch auf einige bewegliche Punkte ihrer Kunst geprüft, aber das war ohne fremde Hilfe nicht zu bewerkstelligen und kostete nur Zeit, die nicht zu verlieren war.

Wenn es ihr überhaupt gelang, ein Engagement zu finden, so würde sie ja doch vorher Proben ihrer Geschicklichkeit ablegen müssen und dann am besten selbst beurteilen können, wo Lücken in ihrem Können eingetreten waren.

Sie schloß Pistolen und Reißbrett in ihren Kleiderschrank und kleidete sich dann so vorteilhaft, als ihre sehr herabgekommene Garderobe es zuließ, an.

Bevor sie das Haus verließ, gab sie Frau Schmöckert den Auftrag, daß, wenn sie nicht rechtzeitig zurück sei, man mit dem Essen nicht auf sie warten möge.

Alexandra hatte sich's vorgesetzt, soweit es in ihrer Macht lag, die Sache noch heute zu einer Entscheidung zu bringen. Sie hatte in den letzten Monaten zu oft erfahren, daß mit dem Besinnen und Hinausschieben die besten Chancen vereitelt werden.

Zuerst wandte sich Alexandra nach einem Spezialitätentheater im Südwesten der Stadt, das Herr von Lichtwark gestern als Numero eins bezeichnet hatte.

Man wies die einfach gekleidete Dame mit dem vornehm zurückhaltenden Wesen ziemlich unhöflich ab, bevor sie sich noch geäußert hatte. Der Herr Direktor sei nicht zu sprechen – im übrigen sei keine einzige Vakanz vorhanden.

»Es handle sich um etwas Neues –«

»Das kenne man schon.«

Da Alexandra trotzdem keine Anstalten machte, das Bureau zu verlassen, faßte man sie fester ins Auge.

Hm, schön war die Person und prachtvoll gewachsen. Na, wenn sie den Direktor durchaus sprechen wollte. – »Heut' Abend während der Vorstellung.«

Sollte sie bis zum Abend warten? Den ganzen Tag ungenützt vorübergehn lassen? Nein! War es mit allem anderen nichts, konnte sie ja immerhin zurückkehren.

Wohin nun zunächst?

Alexandra fiel ein, daß sie auf ihren Wegen zu der Versicherungsgesellschaft in der Friedrichstadt häufig an einem Spezialitälentheater vorübergekommen war, das diesem gewiß an Rang nichts nachgab.

Dorthin also wollte sie jetzt zuerst den Schritt lenken.

Von Süden nach Norden führte sie ihr Weg.

Sie mußte die Linden überschreiten. Über eine halbe Stunde hatte sie zu gehen. Aber die rasche Bewegung in der frischen Winterluft that ihr nach der qualvoll durchwachten Nacht wohl und kräftigte ihre Energie aufs neue.

Immer schneller wurde ihr Gang, immer straffer ihre Haltung. Jetzt hatte sie ihr Ziel erreicht: ein großes Eckhaus, das an seinen beiden Stirnseiten den Namen eines berühmten Vergnügungs-Etablissements trug.

Einen Augenblick stockte ihr Fuß, als sie das mächtige Gebäude vor sich sah, in dem sich vielleicht ihr Schicksal entscheiden sollte – ihres und vor allem das ihres Kindes.

Zu beiden Seiten der Eingangsthür waren rote Zettel angeschlagen, um die sich, trotz der noch frühen Vormittagsstunde, eine Menge Menschen versammelt hatten.

Die Zettel mochten wohl das Programm für die Abendvorstellung enthalten, ein Programm, das nach der Wirkung auf die Lesenden zu schließen, mehr abzuschrecken als anzuziehen schien. Wenigstens sah Alexandra, daß verschiedene Personen, die im Begriff gewesen waren, an die Kasse zu gehen, wieder umkehrten, nachdem sie eines der Plakate gelesen hatten. Auch unwillige Laute aus dem Munde der Umkehrenden wurden laut.

»Wär' doch mal was anders gewesen – nicht immer die alte Geschichte.«

»Soll in Paris doch großartige Sensation gemacht haben, die Person.«

»Ewig die Singe- und Tanzereien – kennt man schon aus- und inwendig.«

Jetzt trat Alexandra durch eine Menschenlücke an eins der roten Plakate.

Wie von einem körperlichen Schlage getroffen, fuhr sie zurück. Aus den großgedruckten Lettern starrte ihr nichts als der Name entgegen, der ihr seit gestern Abend nicht aus dem Gedächtnis gekommen war, der Name, um den sich alle ihre Gedanken wie Ranken um einen Stamm geschlungen, der Name – Rose Sapier. Also zu spät, zu spät! Wieder nichts als eine eitle, trügerische Hoffnung! Umsonst – vergebens Entschluß und Überwindung, vergebens wie alles, was sie unternahm!

Die Französin war ihr zuvorgekommen und damit Alexandras Schicksal für Berlin besiegelt.

Schon hatte sie den Platz vor dem Plakat verlassen und fing an, langsam, schwerfällig zurückzuschreiten, als es sie, wie magnetisch wieder angezogen, noch einmal zu dem Namen Rose Sapier trieb. Und plötzlich färbten sich ihre bleich gewordenen Wangen, ihre Augen bekamen wieder den alten, freudigen, zu allem entschlossenen Ausdruck. – Ja, was hatte sie denn vorher gesehn? Aufmerksam, Wort für Wort erwägend, las sie den Anschlag durch:

Da die Pariser Kunstschützin

Rose Sapier

durch Krankheit am Auftreten verhindert ist, heute Abend erste Vorstellung der weltbeberühmten

Wellenkönigin Elisa.

Vorführung nie dagewesener Serpentintänze.

Alexandras Augen leuchteten auf.

Rose Sapier hatte kommen sollen und kam nicht! Die Direktion würde Ersatz brauchen! Gab es denn eine günstigere Aussicht?

Alexandra hätte laut aufjubeln mögen. Und als ob ihre unausgesprochenen Gedanken sich dem hinter ihr stehenden Publikum mitgeteilt hätten, hörte sie jetzt sagen: »Dummer Kerl, der Direktor, warum schafft er keinen Ersatz für die Sapier! Tanzen ist doch nicht schießen. Wär' doch mal was Schneidiges gewesen!«

Und eine zweite Stimme, die dieser ersten antwortete:

»Was Du klug redst. Kunstschützinnen wachsen nicht auf dem Straßenpflaster.«

Alexandra hielt es kaum, sich nach dem Sprecher umzuwenden und ihm zuzurufen: »Das thun sie doch zuweilen – schau her! Da steht eine vor Dir, die direkt aus dem Straßenpflaster herausgewachsen ist, als Ersatz für Rose Sapier.«

Aber sie that nichts desgleichen, sondern trat schnell aus der Gruppe heraus und ging ein paar Schritte abseits von den Menschen auf und nieder, um noch einmal zu überdenken, was sie zu thun im Begriff stand und was in Anbetracht der seltsamen Umstände möglichenfalls noch in dieser Stunde zur Entscheidung kommen konnte.

Bei dem Gedanken, daß schon morgen vielleicht irgend ein Name, der ihre Person deckte, hier an derselben Stelle mit fetten Lettern gedruckt stehn würde, daß schon morgen vielleicht jedermann das Recht haben würde, in derselben nachlässigen Weise über sie zu sprechen, wie heut über Rose Sapier, schoß ihr nun doch eine heiße Blutwelle ins Gesicht. So nahe einer möglichen Entscheidung, erschien es ihr plötzlich ungeheuerlich, daß sie, eine geborene Gräfin Assenstedt, die Frau eines gewesenen preußischen Gardeoffiziers, sich in einem Tingeltangel als bezahlte Gauklerin produzieren sollte. Aber nur einen Augenblick. Dann verschwanden Scham und Bedenken, und nur das eine Einzige stand wieder mit zwingender Gewalt vor ihr: die Pflicht gegen ihr Kind.

Und diese Pflicht war gar nicht einmal so schwer, wie sie einen Augenblick lang ausgesehen hatte, so lange sie ihr Geheimnis blieb. Und sie konnte Geheimnis bleiben, denn Alexandra war Niemanden Rechenschaft schuldig für das, was sie für ihr Kind that. Ihrem Manne nicht, der sie längst nicht mehr liebte und der die Schuld trug, daß sie bis hierher gekommen war. Ihren Verwandten nicht, die sich niemals um sie gekümmert hatten, bis auf den einen, der, nachdem er ihr Elend erfahren hatte, sie mit kühlkritischen Redensarten und einem Thalerstück abgespeist hatte. Nein, Niemand brauchte darum zu wissen, daß die Kunstschützin, die da oben an Stelle von Rose Sapier stand, Alexandra von Werbitz, geborene Gräfin Assenstedt war. Sie hatte eben endlich eine Beschäftigung gefunden, die sie abends zwei Stunden aus dem Hause führte. Damit würde es abgethan sein. Kurt würde ihr schwerlich nachforschen, der würde seine Zeit und sein erhöhtes Taschengeld besser anzuwenden wissen, und Ilse, das arme, liebe Kind, war an viel längere Entbehrung der Mutter gewöhnt.

Und dann – dachte sie weiter – würde das Opfer nur für wenige Monate nötig sein. Wenn auch der Direktor ihr, der Unbekannten, selbst in der Not um einen Ersatz, schwerlich eine Gage zahlen würde, wie der berühmten Sapier, so würde der Gewinn doch ausreichen, ihr Leben auf lange Zeit hinaus verhältnismäßig sorglos zu gestalten, ja gänzlich neu aufzubauen.

So, innerlich mit sich fertig, schritt Alexandra entschlossen der Eingangsthür zu. Noch in dieser Stunde wollte sie sich dem Direktor anbieten. Nur einmal noch, kurz vor der Schwelle, zuckte sie zurück. Es überkam sie plötzlich eine eisige Angst, daß der allmächtige Mann da drinnen sie, die in der Artistenwelt völlig Unbekannte, ungeprüft, ja vielleicht ungehört zurückweisen würde, daß auch diese letzte, größte Hoffnung in wenigen Minuten zertrümmert sein würde.

Nur das nicht, das nicht! Nur nicht wieder zu ihrem Kinde zurückkehren müssen mit dem Bewußtsein, daß es verurteilt sei, das alte, elende Leben fortzuführen.

Sie rang die Hände in stummer Qual und über ihre Lippen drängten sich halblaut bittende, stammelnde Laute.

Und nun stand sie vor dem betreßten Thürsteher, der mit seinem langen Stabe in der Hand, steif, wie eingepflanzt, vor der Thüröffnung postiert war.

»Der Herr Direktor zu sprechen?«

»Zweite Thür links.«

Alexandra klopfte. Keine Antwort. Nach dem zweiten Klopfen ein übellauniges »Herein«.

Der Direktor saß, ihr den Rücken wendend, am Schreibtisch und fertigte ein Telegramm aus. Neben ihm stand ein kleiner Bursche in der Livrée des Etablissements.

Alexandras »Guten Morgen« wurde nicht einmal erwidert.

Nachdem der Bursche das Bureau verlassen hatte, trat Frau von Werbitz einen Schritt näher auf den immer in derselben Stellung am Schreibtisch verharrenden Direktor zu. Bei einer zweiten Anrede wandte der Schreibende unwillig den Kopf und streifte Alexandra mit einem kurzen Blick.

»Na, was ist denn? Freibillets giebt's nur für Angestellte, und Engagements werden nur durch Agenten abgeschlossen.«

Er schrieb schon wieder.

»Verzeihung – ich hatte geglaubt, ein rascher Ersatz für Rose Sapier –«

Ihre Sprechweise, ihre vornehme Art machten ihn stutzig. Er drehte sich jetzt vollends um, die schöne, kräftige Gestalt der Frau mit kritischen Blicken musternd.

»Hm – setzen Sie sich doch. – Also Sie wollten –?«

»Anfragen, ob der Herr Direktor mich vielleicht zum Ersatz für Rose Sapier annehmen wollte, wenn die Krankheit –«

»Krankheit!« der Direktor lachte roh auf. »Im Stich hat sie mich gelassen, das verdammte Frauenzimmer, weil ihr die Gage im letzten Augenblick nicht hoch genug war – wollte mich schrauben. – Wenn ich Ersatz fände – hm – es würde mir ein ganz besonderes Vergnügen sein, ihr den Stuhl gänzlich vor die Thür setzen zu können. Wo waren Sie bis jetzt?«

»Nirgend wo, Herr Direktor – ich – ich will erst anfangen.«

Der Stuhl, auf den er gesessen, fuhr mit einem Ruck zurück. In beinah drohender Haltung stand er vor ihr.

»Sind Sie des Teufels – glauben Sie, ich hätte eine Versuchsanstalt für Anfänger!«

Alexandra war gleichfalls aufgestanden. Sie war sehr blaß geworden, aber sie beherrschte sich vollkommen.

»Ich glaube meiner Geschicklichkeit und Treffsicherheit gewiß zu sein – ich – doch gleichviel – ich empfehle mich.«

Ihre vornehme Ruhe imponierte dem Gereizten. Die Sache war am Ende nicht so von der Hand zu weisen. Vielleicht steckte irgend etwas hinter dieser schönen, vornehmen Person, aus dem sich Kapital schlagen ließ.

Eine Skandalgeschichte, Schweigegeld, das waren nicht die schlechtesten Geschäfte.

Alexandra hatte die Hand schon auf der Klinke.

»Bleiben Sie noch, Fräulein – oder Frau?«

Alexandra bewegte zustimmend den Kopf.

»Ach so. – Also gnädige Frau, wenn Sie Ihrer Sache so gewiß sind, könnten wir ja morgen früh mal eine Probe riskieren. Heut ist keine Zeit dazu. Darf ich um ihren Namen bitten?«

Alexandra errötete bis an die Spitzen ihres blauschwarzen Haars. Ein kurzes Zögern.

Der Direktor hatte ein Notizbuch aus der Tasche gezogen und hielt einen silbernen Bleistift zwischen den dicken, mit Ringen überladenen Fingern.

»Julietta Eberhard,« stotterte sie.

Er lächelte verständnisinnig und notierte.

Die Probe war glänzend ausgefallen. Alexandra war von dem glückstrahlenden Direktor für die Dauer der ganzen Saison gegen eine Monatsgage von neunhundert Mark – der Hälfte des von Rose Sapier geforderten Honorars – engagiert worden.

Am nächsten Abend schon prangten neue rote Zettel an den Mauern des Etablissements, die das erste Auftreten Miß Juliettas aus San Francisco, der berühmtesten Kunstschützin der alten und neuen Welt, ankündigten.

Abend für Abend stand Alexandra nun auf dem weit ins Parkett hineingebauten Steg, um mit niemals versagender Sicherheit die auf der Bühne aufgestellten Ziele zu treffen: ruhende und sich bewegende Punkte oft von einem so minutiösen Umfang, daß sie dem Auge des Zuschauers nur schwer erkennbar waren.

Das Publikum drängte sich zu dem seltenen Schauspiel und belohnte es mit immer gleichem Enthusiasmus.

Die vornehme Erscheinung Alexandras, ihre ausgesucht geschmackvolle Toilette aus schwarzem Sammet und maisgelber Seide thaten das Ihre dazu, um die Nummer »Miß Julietta« zu einem Erfolg ohne Gleichen zu machen.

Der Höhepunkt war der Schluß der Produktion, bei dem das Publikum jedesmal ein prickelndes, wonniges Grauen überlief.

Unter einem in Manneshöhe auf der Bühne angebrachten, hufeisenförmigen Ziel, an dem ein Dutzend markgroßer, weißer Scheiben in schwingender Stellung angegebracht waren, postierte sich ein Angestellter des Etablissements, und zwar so, daß die vier Mittelscheiben kaum Millimeters Höhe von seiner Stirn entfernt waren.

Das leiseste Schwanken der Hand, die geringste Unsicherheit des Auges, mußte dem Manne unfehlbar den Tod geben.

Aber Alexandras Hand schwankte nicht und ihr Blick blieb von unbeirrter Sicherheit. – –

Wie Alexandra an jenem Morgen, da ihr Schicksal sich entschieden, ganz richtig vermutet, hatte Kurt ihr nicht weiter nachgeforscht. Es genügte ihm vollkommen, daß sie eine Beschäftigung gefunden, die Geld einbrachte und ihre Zeit nicht übermäßig in Anspruch nahm.

Sie war fast den ganzen Tag zu Haus, versorgte ihn aufs rücksichtsvollste, und daß sie gerade abends ein paar Stunden in Anspruch genommen war, paßte ihm außerordentlich gut, besonders da sie ihn für seine abendlichen Vergnügungen mit einem ganz hübschen Taschengeld versah.

Kurt hatte mit der Zeit allerhand gute Freunde und Freundinnen, auch außer der kameradschaftlichen Kreise, gefunden, mit denen sich's beinah so lustig leben ließ als zur Zeit, da er noch der schöne Kurt war, keine Sorgen hatte, oder sich wenigstens keine machte und von allen Frauen umschwärmt wurde. Nach und nach fing er auch wieder zu spielen an. Ja, selbst die Rennbahn würde bald kein unerreichbares Eden mehr sein. Warum auch nicht? Alexandra verdiente ja kolossal, und die glückstrahlende Ilse, die seit dem ersten eine höhere Töchterschule besuchte und von der Mutter von Kopf bis zur Zeh neu ausgestattet worden war »wie eine Prinzessin«, brauchte am Ende nicht den alleinigen Vorteil von den veränderten Lebensverhältnissen zu haben.

Eines Abends, zu Ende März fand Kurt von Werbitz das Nest leer, in dem er sich jetzt fast allnächtlich zu amüsieren pflegte. War es Zufall? War die Polizei der fidelen Vereinigung auf die Spur gekommen? War man gewarnt worden? Er hielt es jedenfalls für geraten, nicht zu forschen, sondern sich auf eigene Hand einen vergnügten Abend zu machen. Langweilen konnte man sich in Berlin so leicht nicht, und Alexandra hatte ihn heute besonders reichlich versorgt. Sie war im allgemeinen doch eine ganz gute Person, bis auf ihre langweiligen, altmodisch pedantischen Pflichtgefühlsschrullen.

Unter den Linden traf er einen Kameraden in Civil, der sich ihm anschloß. Man beriet hin und her, wo sich der Abend am vergnüglichsten zubringen ließe. Schließlich kam man auf den Gedanken, das nächste Spezialitätentheater zu besuchen.

»Da soll ja jetzt der Teufel los sein,« meinte der Kamerad, auf den Werbitz gestoßen war. Und als Kurt einen Augenblick zögerte: »Übrigens Kameraden von der Garde niemals zu finden, können unbesorgt hingehen.«

Trotzdem die Vorstellungen schon angefangen hatten und der Saal übervoll war, fanden sie noch zwei gute Logenplätze der Bühne gerade gegenüber. Kurt bestellte eine Flasche Heidsieck. Er hatte es ja heute dazu, und wer weiß, was morgen war!

Dann machten sie sich's bequem, steckten die Cigaretten in den Mund, die Beine lang von sich und begannen eine halblaute Unterhaltung, ohne auf die Vorgänge auf der Bühne sonderlich acht zu geben.

Eine gewisse nervöse Bewegung im Publikum, die jedesmal auf etwas Besonderes schließen läßt, machte die Beiden erst aufmerksam auf ihre Umgebung.

Auf einen schmalen Steg in der Mitte des Parketts, mit dem Gesicht der Bühne zugewendet, war eine kräftige, vornehm gewachsene Frauengestalt getreten. Werbitz sah nur einen Knoten blauschwarzes Haar und ein paar feine, von schwarzen Sammetstreifen umrahmte Nackenlinien, und jetzt eine weiße, kräftige Frauenhand, die einen Gewehrlauf lud.

Wenige Augenblicke später hatte die weiße Hand den ersten Meisterschuß gethan, dem pausenlos eine ganze Reihe anderer folgte. Werbitz war elektrisiert.

»Sie, Gröben, das ist ja ein famoses Frauenzimmer, die muß ich mir mal in der Nähe betrachten.« Er sprang auf. »Lichtwark erzählte, daß er im Herbst in Paris was ähnliches gesehen habe, aber schwerlich in solcher Vollendung – und noch dazu von einer so teufelsmäßig schön gewachsenen Person.«

Dabei war Werbitz schon zur Loge hinaus und ins Parkett hinunter geeilt, um einen Blick in das Gesicht der genialen Kunstschützin zu erhaschen.

Gröben immer hinter ihm her.

Die Sache war indeß nicht so leicht, wie sie aussah. Das Parkett war gedrängt voll und manches Geschoß traf sein Ziel, bis es Werbitz endlich gelang, ein Plätzchen zu finden, von dem aus er der Schützin ins Gesicht sehen und alle ihre Bewegungen verfolgen konnte. Aber das Glück schien ihm nicht hold.

In dem Augenblick, als er den Platz in der Nähe des Stegs erhascht hatte, wandte die Schützin sich nach den Logen um und schritt mitten durch das mit seiner Bewunderung nicht kargende Publikum auf den Platz zu, den Werbitz soeben verlassen hatte, um sich von hier aus in ihrer sensationellen Schlußnummer zu produzieren. »Pyramidales Pech,« murmelte Kurt, ihr nachblickend. Er wollte noch etwas hinzufügen, aber plötzlich starb ihm das Wort auf der Zunge. »Miß Julietta« war in die Loge getreten, und lehnte nun, dem gesamten Publikum sichtbar, hart an der Brüstung.

Kurt schwankte – dann stieß er einen unartikulierten, halb pfeifenden, halb ächzenden Ton aus. Vor seinen Augen tanzten rote und gelbe Flammen. – War er wahnsinnig geworden? – War die Welt aus den Fugen? – Da – da – war es denn möglich? Er griff sich an die Schläfen. – Nein, er war nicht wahnsinnig und um ihn her stand die Welt noch ebenso fest, als vergnüglich da – und da – da oben, durch eine tausendköpfige ihr zujubelnde Menschenmenge von ihm getrennt – stand sie – Alexandra, sein Weib, als Star eines Tingel-Tangels!

Einen Augenblick lang packten ihn Wut und Grimm so übermächtig, daß es ihn trieb, sich wie ein wildes Tier durch die Menge Weg zu bahnen, die Ehrvergessene von ihrem schmachvollen Piedestal herunterzureißen – sie zu treten – zu würgen – zu töten.

Da plötzlich donnernder Beifall um ihn her.

Die letzte Nummer hatte ihren Anfang genommen.

Unter dem hufeisenförmigen Ziel auf der Bühne stand schon der Angestellte des Etablissements. Dicht über seiner Stirne pendelten die weißen, schwingenden Scheiben.

Ein Gedanke wie ein Blitz durchfuhr Kurt. Wenn er der Ehrvergessenen dort statt des Fremden gegenüber trat, ihr schamloses Gewerbe vor der Welt, die sie bewunderte, zu Schanden machte, ihr drohend ins Auge blickte, daß sie beschämt den Lauf senkte, und ihre schmachvolle Herrlichkeit ein jähes Ende fand! Es mußte Wonne, Genugthuung sein!

Mit zwei Sätzen war er auf der Bühne. Er brauchte nicht lange zu suchen. Kurt von Werbitz kannte die Wege, die hinter Kulissen führen.

Die ersten zwölf weißen Scheiben waren abgeschossen. Eben war das Hufeisen mit neuen, noch kleineren Scheiben besteckt worden. Der junge Mensch, der sein Leben allabendlich sorglos Miß Juliettas Geschicklichkeit anvertraute, stand in der Kulisse.

Kurt flüsterte ihm mit heißem Atem etwas zu, was der Ausländer nicht einmal verstand, drückte ihm eines von Alexandras Goldstücken in die Hand und stieß, da er ihm dennoch folgen wollte, ihn so heftig in die Kulisse zurück, daß er platt auf den Rücken fiel. Dann, mit wenigen Schritten, stand Werbitz unter den schwingenden Scheiben.

Wie stets, fing Alexandra auf der rechten Seite an, die Scheiben herunter zu schießen. Eins, zwei, drei, vier. Gleichmäßig ruhig, sicher, ohne Schwanken und Zögern. Jetzt lehnt sie den Lauf an die Wange – es gilt die fünfte Scheibe, die erste über der Stirn des Mannes. Das Publikum verharrt in atemlosem Schweigen – da plötzlich ein markerschütternder Schrei – die Schützin oben in der Loge bricht bewußtlos zusammen und unter dem Ziel auf der Bühne liegt, von ihrer Kugel niedergestreckt, tot der Mann, dem durch Monate kein Härchen gekrümmt worden ist. – Nein – nicht er – ein anderer – ein Fremder – der Mann – der Gatte der schönen Schützin.

Wie ein Lauffeuer hat sich die Nachricht verbreitet. Niemand weiß, woher sie gekommen ist – von Mund zu Munde läuft sie – Schaudern und Entsetzen verbreitend – »Ein Skandal ohne Gleichen – ein Roman – eine vornehme Dame – der Gemahl, der sie ertappt hat – ein Graf –«

Der Direktor reibt sich die dicken, mit Ringen überladenen Hände. Miß Julietta wird ihm bis zum Schluß der Saison ausverkaufte Häuser machen, wenn auch die Polizei für das letzte kühne Wagstück nunmehr die Konzession verweigern wird.

Der gewitzte Direktor hat sich ausnahmsweise verrechnet.

»Miß Julietta« tritt nicht wieder bei ihm auf. Frau von Werbitz stellt sich den Gerichten.

Die Geschworenen sprechen die heldenmütige Frau frei, die sich für ihr Kind geopfert hat.


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