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Frederik van Eeden – Die Nachtbraut

Roman

Deutsch von Else Otten, Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Hermann Ehbock, Berlin, 1909


Vorwort

Meine Bekanntschaft mit dem Verfasser der nachstehenden Gedenkblätter stammt aus dem ersten Jahr meiner psychiatrischen Praxis, als er zu mir kam, um mich wegen eines seiner Kinder zu konsultieren. Wir führten dazumal mancherlei Gespräche und korrespondierten auch miteinander, bis er bei der Katastrophe, die sein Leben betraf, Holland verließ.

Nach seiner Rückkehr und während seines Aufenthaltes in E. habe ich nichts von ihm gewußt, bis die Zeitungen mir die Nachricht seines Verunglückens übermittelten. Kurz darauf erhielt ich die Papiere, die er für mich hinterlassen, und da ich nicht voraussetzen kann, daß er mit dem »lieben Leser«, den er so häufig anredet, nur mich gemeint haben könnte, so glaubte ich in seinem Sinne zu handeln, indem ich versuchte, aus den mir hinterlassenen Schriften etwas zusammenzustellen, das möglichst vielen aus unserem modernen Publikum lesenswert erscheinen möge. Ich weiß nicht, ob mir das gelungen ist. Der Verfasser hatte augenscheinlich eine zu hohe Meinung von der Geduld eines modernen Lesers. Vieles habe ich auslassen müssen, um ein Ganzes zu erlangen, das in etwa den Ansprüchen begegnet, die man an einen sogenannten »Roman« stellt. Ich habe unter seinen philosophierenden Betrachtungen, unter den Beschreibungen von seiner Familie, seinem Wirkungskreis, seiner Umgebung, und seinen psychologischen Beobachtungen eine Wahl treffen müssen. Das Ganze mag dadurch fragmentarisch erscheinen, aber es ist weniger die Lebensgeschichte als die Psychologie des Verstorbenen selber, die mir des Interesses wert schien, zumal, da ich ihn zur Genüge gekannt habe, um persönlich für die Zuverlässigkeit der Schilderung seines eigenen Ichs einstehen zu können. Er war in der Tat so, wie er selber behauptet, »im allermindesten ein Phantast«, sondern ein kühler, scharfer Beobachter, der sich weniger denn irgend jemand, den ich gekannt, betrügen ließ, auch nicht durch den Betrüger, dem die meisten nur schwerlich entrinnen: das eigene Ich.

F. v. E.




Wenn man sich vom Meer aus meinem Städtchen nähert, an einem Sommertage, so sieht man nur die hohen, runden Bäume auf den Wällen und, darüber hinausragend, den alten Glockenturm mit seinen phantastisch geformten und verzierten Stockwerken und der dunkel-kobaltblauen Kuppelspitze.

Das Land zu beiden Seiten sieht man kaum, und das bleich besonnte, grüne Gehölz scheint in dem Sonnennebel auf dem gelbgrauen Wasser umher zu treiben. Es ist ein träumerisches Städtchen, das einst, während Hollands Blütezeit, eine vergängliche, kurz nur währende Illusion weltlicher Größe erlebte. Damals kamen bunt geschmückte, mit vergoldetem Schnitzwerk und großen, prunkhaften Flaggen verzierte Schiffe in den kleinen Hafen, Fischerboote, Handelsschiffe und Kriegsschiffe. Und die Einwohner bauten sich hübsche Häuschen mit Treppengiebeln und Schnitzwerk und sammelten darin fremdländische, kostbare Möbel und Silbergerät und Porzellan. Auf den Wällen standen Kanonen, und die Städter fühlten sich als gewichtige und mächtige Leute, die in der Welt etwas zu sagen hatten. Sie führten ein Wappen und waren stolz darauf, sie ließen sich in kostbaren Gewändern malen, sie gaben den Dingen ihre kernigen, hübschen Namen, und ihre Art zu sprechen war farbenreich und freimütig, so wie es Menschen geziemt, die ein blühendes, ursprüngliches Leben leben. 

Jetzt ist das alles längst vorüber. Das Städtchen lebt kein eigenes Leben mehr, sondern fährt in dem Kielwasser des großen Weltenschiffes still und bescheiden hinterher. In dem kleinen Hafen liegen noch ein paar Fischerboote, einige Segeljachten und der kleine Dampfer. Die hübschen Häuschen bilden Sehenswürdigkeiten für die Fremden, und das Porzellan, die kostbaren Möbel und Gemälde sind gegen ein Trinkgeld im Museum zu besichtigen.

Überall herrscht Ordnung, Ruhe und mäßige Wohlfahrt; die Straßen und Häuser sehen sauber und gut erhalten aus, allein der Glanz ist geschwunden. Das Kostbare und Üppige ist dahin. Es lebt zwar noch, aber nur als unbedeutender Teil eines größeren Lebens. Sein Reiz besteht nur noch in der Erinnerung an einstige Zeiten. Schön ist nur noch sein Traumwesen, die unwirkliche Phantasie seiner Vergangenheit.

All diese Schönheit, die schatten-umdunkelten kleinen Grachten mit den hellen Zugbrücken, die sich darin spiegeln, die hübschen, bizarr beleuchteten, kleinen Straßen mit den roten Backsteingiebeln, den blaugrauen Stufen, den kleinen Pfählen und Ketten, der Hafen mit den alten Teer- und Taulädchen, die hohen, dunklen Ulmen auf den Wällen, – das alles besitzt nur den seltsamen Zauber des Verwelkten, es kann nicht mehr schön sein wollen, gleich einem jungen, blühenden Wesen. Es ist unbewußt schön, nicht mehr wie ein Stück Menschenleben, sondern wie ein Stück Natur. Und wehmütig wirkt der Zauber durch den Abglanz eines kurzen Aufblühens von eigener, wohlbewußter Lebensschönheit. 

In dieser stillen Sphäre, in der das Leben jetzt nur noch in einem kleinen Seitenstrom der großen Flut träge und spiegelnd dahinfließt, – wohne ich, ein alter Mann, um mein letztes Lebenswerk zu vollbringen.

Ich lebe wie ein Unbedeutender unter Unbedeutenden. Ich bin in keinerlei Weise bekannt, auch nicht als Sonderling.

Ich verkehre, so wie man das von mir erwartet, mit dem Doktor und dem Notar und besuche auch den Klub. Man weiß, daß ich ein wenig Geld besitze und mir auch etwas verdiene mit einer kleinen Gärtnerei, die außerhalb der Stadt gelegen; ferner, indem ich italienischen Unterricht erteile.

Die Gerüchte über meine Vergangenheit sind bereits verstummt und an meinen ausländischen Namen Muralto hat man sich gewöhnt. Man sieht mich regelmäßig stets den gleichen Spaziergang machen, am Meeresdeich entlang zu meiner Gärtnerei, und man sieht meinen grauen Filzhut, und bei sommerlichem Wetter meine weiße Joppe als Eigentümlichkeiten der Stadt an. Wenn du dies liest, Leser, so bin ich begraben, auf anständige und einfache Weise, mit zwölf Leichenbittern und der Kutsche zweiter Klasse mit den schwarzen Federbüschen und einem Kranz der Bürgermeistersfrau, der ich Unterricht erteilte, des Notars, dem ich hin und wieder etwas zu verdienen gab, und des Waisenhauses, dessen Kasse ich als Schatzmeister stets in Ordnung hielt.

Dies geschieht meinem Wunsche gemäß. Wenn diese Zeilen gelesen werden, darf meine lebende Persönlichkeit nicht mehr im Wege stehen. Mein individuelles Dasein darf die Aufmerksamkeit nicht mehr fesseln. Ich weiß nur allzugut, wie sehr das die Wahrheit beeinträchtigen würde. Niemals hat der Mensch neue, reine Gedanken von einem Zeitgenossen hingenommen, es sei denn, daß er ein anerkannter und gefeierter Prophet war, was so viel heißen will als ein verdorbener und verlorener Mann. Ich will mich weder verderben lassen noch auch mich verloren geben, und dennoch weiß ich, daß meine Gedanken zu groß sind, als daß sie ohne Unterwürfigkeit, aus freier Erkenntnis, von meinen lebenden Mitmenschen hingenommen werden könnten.

Daher gebe ich mich zufrieden in dieser kleinen Welt, unter der schweren Last meines gewaltigen Lebens. Ich habe es mir selber nicht zuerteilt und mir bleibt keine Wahl. Wenn ich spräche, so wie die Gedanken es mir eingeben, frei und aufrichtig, so würde man mich entweder einsperren oder anbeten. Ich verdiene weder das eine noch das andere. Aber so sind die Menschen unserer heutigen Zeit. Sie können nicht ohne Haß verwerfen und nicht hinnehmen ohne sklavische Unterwürfigkeit.

So lebe ich denn friedsam und zurückgezogen zwischen den Kleinen.

Allein diese Blätter sind die Türen zu dem Käfig meines bezwungenen Lebens. Nur ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich den Frieden in meinem Innersten zu erhalten und den Aufruhr zu meistern weiß.

Es ist ein schwerer Kampf, der mich erschöpft, – nicht um die Gedanken aufzuwecken, sondern um sie zurückzuhalten. Was ich schreibe, das muß klar sein und knapp und wohlgeordnet. Der Leser unserer Zeit ist ungeduldig und rasch ermüdet, ihn verlangt es nach Reizmitteln und er hört nicht mehr so scharf den klaren, reinen Ton aufrichtiger Versicherung.

Dennoch wird dieses gelesen werden; es wird die Gipfel berühren, und das menschliche Wesen ist heute noch also gestaltet, daß alles von den Gipfeln sich langsam ausbreitet und bis in die allertiefsten Tiefen durchdringt.

Widersprichst du mir, Leser? Nimmst du selber nichts hin auf höheren Befehl, sondern alles nur nach deinem eigenen, selbständigen Urteil?

Dann bist du gerade der rechte für mich. Dann wandelst du auf dem Gipfel und alle anderen Menschen sind neben oder unter dir rangiert. Alle anderen Menschen erkennen und glauben auf Befehl, du aber nicht. So habe ich dies denn auch ganz im besonderen und ausschließlich für dich geschrieben. Welch ein Glück, daß es endlich in deine Hände gelangt ist. Gestatte mir, daß ich dich in Gedanken umarme, teurer, kostbarer, frei urteilender und selbständig empfindender Leser. Du bist mir ein solcher Schatz, ein solcher Fund, daß ich dich um alles in der Welt nicht loslassen oder verlieren möchte.

So höre mich denn an mit etwas Geduld und gib dir ein klein wenig Mühe. Ohne Anstrengung wird uns kein süßer Lohn zuteil. Du bist verständig genug, um nicht urteilen zu wollen, ohne getreulich aufgemerkt zu haben.

Ich schreibe dies für dich, weil du nicht handeln willst, ohne zu verstehen, weil du ein Unruhiger bist und ein Unzufriedener, einer, der das Unbekannte sucht und liebt, – weil du dich auf deinem Wege endlich umgeschaut hast nach dem, was dich während so langer Zeit sachte getrieben und vorwärts gestoßen hat, – weil du deine Augen weiter öffnest und sie fester in jene Ferne richtest, wohin alles zu führen scheint.

Ich schreibe dies für dich, den Unwilligen und Aufrührerischen, der die Sklaverei nicht mehr dulden will.

Ich schreibe dies für dich, der sich mündig fühlen und nicht länger als Kind behandelt werden will, auch nicht vom Schicksal.

Ich schreibe dies für dich, den Hochmütigen und Zornerfüllten, für den mutwillig Bösen, der den gefügigen Guten verachtet, – ich schreibe dies auch für den ernsthaft Guten, der seinen Feind wohl lieben möchte, ohne dessen fähig zu sein.

Die Gefügigen und Zufriedenen, die, welche alles schlichten und glätten, und die Fürsprecher und Schmeichler Gottes, die der Unruhe entfliehen und die Ohren der lauten Wahrheit verschließen, – sie sollen lieber etwas anderes lesen, es gibt genug hübsche und unterhaltende Bücher zum Zeitvertreib.

Auch die Sklaven der Vernunft, die in engem Kreise sich drehen, so weit das kleine Seil ihrer Logik reicht, sie können meine Leser nicht sein.

Nur derjenige, der das Wort überwunden, der die Abgötterei des wahren Wortes verleugnet hat, – der kann mich zu seinem Nutzen lesen und verstehen. 

Ich bin ein alter Mann, der den Ruhm junger Zeiten kündet. Ich bin ein Einsamer und Verlassener, allein nichtsdestoweniger lebe ich in Gemeinschaft mit der großen Menschenwelt und mit dem Leben der Götter.

Ruhig lebe ich hier in meinem alten, kühlen, dunklen Hause, mit dem modrigen Duft von altem Holz und der gestorbenen Erinnerung an tote Geschlechter. Ich blicke hinaus auf den Hafen und höre das beständige Rauschen des Seewindes in den hohen Ulmen auf dem Deich und das Gekreisch der Möwen, das von dem weiten, herben Meeresleben spricht.

Und in der Einsiedelei dieses stillen, vergessenen Lebens fühle ich mich dennoch mächtiger als die Mächtigsten, fühle ich mich dem Schicksal gewachsen. Ich beherrsche das Leben, es soll sich beugen auf meinen Wink, ich rechte mit den Göttern selber, bis zu dem Allerhöchsten.

Oftmals erschauere ich, wenn ein achtloser Blick mit dem leisen Schein tieferen Verständnisses eines der Menschen um mich her mich glauben macht, daß ein Schimmer des siedenden Lebens in mir entdeckt ward. Aber nein, niemand sieht es oder kennt mich, zum Glück!

Wenn ich dir dies alles gesagt hätte, lieber Leser, und wärest du auch noch so vernünftig, und ich käme nicht in einem feurigen Wagen daher, geschmückt mit einem Strahlenkranz und gehüllt in ein leuchtendes Gewand, sondern in einen ganz gewöhnlichen, bürgerlichen Anzug, – so würdest du doch sicherlich die Achseln gezuckt und mich für einen armen Narren gehalten haben.

So aber bin ich ein reicher Weiser, weil ich schreibe und schweige.

Du bist noch ein Mensch, lieber Leser, ich aber bin bereits weiter, ich bin tot und kein Mensch mehr. Jetzt, jetzt, während dies gelesen wird. In diesem Jetzt, das auch für mich das Jetzt ist. Ich bin kein Mensch, sondern mehr als das, und darum kann ich dir das sagen, was dich von jedem Menschen verdrießen würde.

Für dich gibt es nur noch ein stilles, kleines Büchlein, das sich gelassen schließen und weglegen läßt, – und das, sobald es aufgeschlagen wird, auch wieder ebenso geduldig seine ruhige Botschaft weiter kündet.




Meine Eltern waren italienische Aristokraten und mein Kinderleben in dem elterlichen Hause zu Mailand und auf dem Landgute bei Como dämmert verschwommen in mir auf, in Bildern, die halb Erinnerung sind, halb Traum. Ich vermag kaum zu unterscheiden, was reine Erinnerung, was Traum oder Traumerinnerung ist aus jener alten Zeit. Erinnerung ist gleich Überlieferung, man erinnert sich nicht des ersten Eindruckes selbst, wohl aber der Erinnerung an diesen Eindruck, und wer weiß, wie sehr die bereits verstümmelt war, und so ändert sich das Bild von Jahr zu Jahr, wie eine oftmals erzählte Geschichte. Meine Kinderzeit lag vor der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, für mich eine üppige und prunkhafte Zeit. Unser Haus war ein Palast, der innere Hof von einer Säulenhalle umgeben, mit breiten, statuengeschmückten Treppenanlagen und einem marmornen Delphin, der Wasser spie. Wir hatten Wagen und Bediente, und ich trug Samtanzüge mit breiten Spitzenkragen und buntfarbige, seidene Schlipse. Meines Vaters entsinne ich mich als eines hochmütigen, großen, dunklen Mannes, der sich außerordentlich sorgfältig kleidete und frisierte. Er hatte einen schwarzen Backenbart und dichtes, welliges, glänzendes Haar, das ihm in einer künstlichen Locke in die Stirn fiel. Er trug helle Beinkleider, dazu Gamaschen, und Lackschuhe, die immer leise knarrten. Er hatte ruhige, aber sehr bestimmte Manieren und imponierte mir gewaltig durch die leise, sichere Art, mit der er Befehle erteilte und sich Gehorsam zu verschaffen wußte. Nur meine Mutter widerstand ihm mit einer ebenso unverrückbaren, ebenso stark bezwungenen Kraft. Als Kind sah ich jenen Konflikt täglich und schenkte ihm die größte Aufmerksamkeit, ohne es irgendwie zu zeigen oder mir dessen so recht bewußt zu sein.

Meine Mutter war eine zarte, blonde, nordische Frau, die ich als große Schönheit rühmen hörte. Ihre Stimme, ihre Hautfarbe, ihr Blick, das alles gemahnte mich viel an Tränen, und in dem stummen Kampf gegen meinen Vater war ihr Widerstand ein leidender, schmerzhafter, weicher, – der seine kühler, gleichgültiger und heiterer, aber nicht minder fest. Ich hörte sie niemals miteinander zanken, aber ich sah, ebensogut wie die Bedienten, die sittsam bekämpfte Spannung in dem vornehmen Hause während der stattlichen Mahlzeiten. Mein Vater indessen konnte hin und wieder Opernmelodien vor sich hinsummen und mit seinen Freunden ausgelassen lachen und scherzen, – während meine Mutter allzeit still und ernst einherging, gleich einem Schatten über die schweren Teppiche schwebte und im besten Fall nur ein mattes Lächeln zeigte.

Wir waren reiche und angesehene Menschen, und meine Eltern waren sich dessen sehr stark bewußt. Und wenn ich jetzt daran zurückdenke, hier in meinem holländischen Provinzstädtchen, wo ich mir selber die Stiefel putze, so empfinde ich dennoch tiefes Mitleid mit jenen beiden, sowohl mit dem kühlen, wohlerzogenen Vater wie auch mit der bleichen, leidenden, zarten Mutter. Denn ihre vornehme Lebensweise dünkte sie gediegen und gerecht und vollkommen, und sie bemerkten nicht, was ihr mangelte. Meine Mutter sah nicht, wie geschmacklos ihr aufgebauschtes Kleid mit den vielen Volants war, sie ahnte nicht, daß nur die Schönheit ihres eigenen Körpers, ihre natürliche Grazie sie davor bewahrte, eine lächerliche Erscheinung zu bilden. Und mein Vater wußte nicht, wie sehr seine traditionelle Familienmacht bereits durch allüberall wühlende demokratische Gedanken untergraben war.

All unser Luxus war voll der sonderlichsten Mängel. Ich habe bittere Kälte gelitten in dem hohen, kühlen Palast. Des Abends konnte man sich dort den Hals brechen auf den dunklen Steintreppen. In manchem Winkel herrschte oft ein beklemmender, ja ekelhafter Gestank. Die Dienerschaft schlief in dumpfen Löchern; in dem Toilettenzimmer, auf das mein Vater sehr stolz war und das große Summen Geldes gekostet hatte, mußte man sogar bei Tage eine Kerze anzünden, wenn man sich die Hände waschen wollte.

Mitleid empfinde ich mit meinem hochmütigen Vater, wenn ich daran denke, wie er Kunstschätze sammelte und von damals berühmten Künstlern kleine Gemälde kaufte, die er stundenlang durch ein Monokel betrachten konnte und an die er mit seinen Freunden lange, fein ausgesponnene kritische Betrachtungen knüpfte, obwohl die Gemälde eigentlich ganz minderwertige Stücke waren, die jetzt vollkommen wertlos geworden sind.

Es war der Traum einer durchaus gelungenen Lebensglorie, der von meinen italienischen Eltern mit ebenso voller Überzeugung geträumt wurde, wie von den holländischen Kaufleuten dieser kleinen Hafenstadt. Jenen italienischen Traum aber habe ich ganz ernsthaft mitgeträumt. Ich kann mich noch vollkommen in die Illusion vertiefen. Ich sehe den violetten Samt, mit der weißen Straußfeder und dem großen Diamanten auf dem Hut meiner Mutter; ich stehe neben ihr in dem Wagen und fühle mich als ein kleiner Prinz, als der Sohn der Komtessa, – und ich sehe die Menschen, die ehrfurchtsvoll grüßen. Ich rieche den etwas dumpfen, feinen Weihrauch- und Lavendelduft, der aus meiner Mutter Gewändern aufsteigt, und ich entsinne mich meines ruhigen und stolzen Gefühls während der Mahlzeiten angesichts der prunkvollen silbernen Geräte, der großen Rosensträuße, des Duftes von schwerem Wein und der violettfarbenen Strümpfe der Geistlichen, die zu Gaste kamen.

Und dann rührt es mich, wenn ich an die Selbsttäuschung eines so stolzen, eigenartigen, kritischen und skeptischen Mannes wie meines Vaters denke, der in dieser Illusion seiner Größe so vollkommen befangen war. Auf den bürgerlichen Prunk dieser Holländer aus dem siebzehnten Jahrhundert hatte er mit Verachtung herabgeblickt, einzig und allein die ältere italienische Kultur würdigend, die er sogar noch zu übertreffen glaubte, während er in der Tat weit hinter ihr zurückblieb.

Es ist begreiflich, daß ich in dem ständigen Zwiespalt die Partei meiner Mutter, mein Schwesterchen hingegen, das älter war als ich, die meines Vaters ergriff, aber auch, daß mein Vater sich damit nicht im allermindesten zufrieden gab und daß ich schon sehr bald zu bemerken begann, wie ich selber den Hauptgrund dieses andauernden Streites bildete, was nicht gerade zur Erhöhung meiner Bescheidenheit beitrug. Seltsam ist es, wie wir als Kinder solche Konflikte mitkämpfen, scheinbar ganz von unserem Spielzeug und unseren Büchern erfüllt, und wie wir dennoch sehr wohl die vielsagenden Blicke bemerken, die vor uns verborgenen Tränen und Leidenschaften, die bei unserem Eintreten plötzlich abgebrochenen Gespräche, den erkünstelten Ton, den man uns gegenüber anschlägt, die eigenartigen Anzeichen einer trüben Spannung und gewichtiger Geschehnisse, die sich außerhalb unseres Kreises abspielen und die wir nicht bemerken dürfen. 

Ich wußte es wohl, so klein wie ich war, daß der Priester auf Mutters Seite stand, und daß mein Vater gegen eine Koalition ankämpfte. Aber bei meiner Mutter fühlte ich Wärme, Sanftmut und Zärtlichkeit, und ich hatte schon längst Partei für sie ergriffen, noch bevor ich wußte, um was es sich handelte.

Ihre Schönheit, die ich rühmen hörte, die Ehrfurcht, die ich ihr erweisen sah, ihre Frömmigkeit, die ich als die große Macht empfand, der mein sonst vor nichts und niemandem zurückweichender Vater sich nur mit schüchternem Spott zu widersetzen wagte, die Sphäre von Leiden und Tränen, in der sie lebte, – das alles zog mein ritterliches Gemüt zu ihr hin. Mein Vater erschien mir als ein großer Mann, als ein Riese, der alles wagte, der alles erzwingen konnte, was er nur wollte, – und gerade darum nahm ich mir vor, meine Mutter gegen ihn zu verteidigen. Getreulich ging ich mit ihr zur Kirche und befolgte ihre Ermahnungen zur Frömmigkeit gewissenhaft. Und den frivolen Scherzen gegenüber, die mein Vater manchmal dabei anbrachte, bewahrte ich stolz und heldenhaft einen großen Ernst.

Aber gar bald schon war es um diesen ritterlichen Kampf geschehen. Die Spannung wuchs, so daß die Gastmähler ein Ende nahmen, meine Mutter tagelang nicht zum Vorschein kam und mich nur auf einzelne Augenblicke zu sich kommen ließ, um dann leidenschaftlich schluchzend gemeinsam mit mir zu beten. Es kamen unbekannte Herren zu langen, geheimnisvollen Konferenzen, und an einem rauhen Wintermorgen in aller Frühe hielt vor unserem Hause ein großer Reisewagen, in dem mein Vater mit mir davon fuhr.

Da begann für uns beide ein rastloses Leben, das viele Jahre dauerte. Wir zogen durch Nordafrika, Kleinasien, durch ganz Europa, durch Amerika, und niemals blieben wir solange an einem Ort, daß ich mein Herz hätte daran hängen und mich dort hätte heimisch fühlen können. Wie mit einem absichtlichen Zweck, wie durch eine unaufhörliche Unruhe getrieben, brach mein Vater stets dann auf, wenn ein Aufenthalt mir behaglich zu werden begann, wenn ich in meiner Umgebung Freundschaften geschlossen hatte, und erstaunlich war die Energie, mit der er an diesem trüben, unruhigen, manchmal sogar gefahrvollen Dasein festhielt.

Wir reisten oftmals durch halb barbarische Länder mit sehr primitiven Verkehrsmitteln. Er hielt sich keinen ständigen Bedienten und duldete es nicht, daß eine Frau die Sorge für mich übernahm. Wir waren allzeit zusammen, Tag und Nacht, und er tat für mich alles, was eine Mutter hätte tun können. Er half mir beim Waschen und Ankleiden und besserte auch hin und wieder meine Kleider aus. Er erteilte mir Unterricht, lehrte mich Zeichnen, Musik, mehrere Sprachen, Fechten, Schwimmen und Reiten, aber niemals gestattete er mir irgendwo eine Schule zu besuchen, wenngleich es mich darnach sehr verlangte. Keinen Augenblick wandte er seine Aufmerksamkeit von mir, seine Sorge um mich ließ nie nach, und dennoch wurden wir niemals so recht vertraut. Ich fühlte es, daß der alte Kampf, unter für mich viel schwierigeren Verhältnissen, stetig fortgesetzt wurde. Er hatte die Mutter und mich getrennt und wollte mich nun, da ich allein stand, besiegen. Sicherlich vermutete er nicht, daß ich dies alles erkennen und den Kampf bewußt durchführen würde. Aber wenngleich ich mir auch darüber keine Rechenschaft ablegte, so begriff mein Gefühl seine Taktik doch vollkommen, und ich setzte mich jetzt erst recht zur Wehr, mit der ganzen Starrköpfigkeit eines Kindes und der Charakterfestigkeit, die ich von ihm selbst geerbt hatte.

Auf dreierlei Arten von Menschen war mein Vater nicht gut zu sprechen. In allererster Reihe auf die Priester, die Schwarzröcke, wie er sie nannte, die er haßte mit der ganzen, beißenden Heftigkeit seines Volkes und gegen die er mir seine Abneigung, mir selber zum Trotz, so gut mitzuteilen wußte, daß ich noch heutigen Tages kein Priestergewand sehen kann, ohne ein Gefühl des Widerwillens zu empfinden, etwa so wie bei dem Anblick einer Schlange. Zweitens die Bourgeois, die er Philister nannte, die kleinlich Lebenden, die Zufriedenen, Beschränkten, Kleinmütigen, – die er weniger haßte, dafür aber mit scharfem Hohn verachtete, und endlich die Frauen, die er weder haßte noch verachtete, die er aber mit einer spöttischen Scheu fürchtete.

Und jetzt, da ich aus so weiter Entfernung auf meine Jugend zurückschaue, verstehe ich es, daß es nicht nur gesunde, natürliche Zärtlichkeit war, die ihn zu so großer Sorge für mich antrieb. Es waren bittere, leidenschaftliche Empfindungen des Widerstandes und der Rache, aus beschämender und schmerzlicher Erfahrung geboren.

Priester, Frauen und Philister waren ihm entweder zu mächtig oder zu klug gewesen. Jetzt wollte er mich, seinen Nachkommen in der Welt, zum mindesten aus ihren Händen retten. Das war die einzige große Befriedigung, die er noch im Leben suchte, mehr aus Haß gegen seine Feinde denn aus Liebe zu mir. Dabei wies sein Wesen Widersprüche auf, die ich mir jetzt wohl erklären kann, die mir aber als Kind sehr seltsam und abstoßend erschienen. Er tat sich als Freigeist vor und hatte seine Freude daran, meine naive Frömmigkeit zu verspotten. Er nannte Gott einen großen Spaßvogel, der die Menschen tüchtig zum Narren hält und sich auf ihre Kosten amüsiert. »Aber mich nasführt er nicht,« pflegte er zu sagen, »und ich verspreche dir, daß ich ihm das ohne Umschweife sagen werde, wenn ich ihn im Jenseits treffe.« Nur über die Naturwissenschaften und die Natur sprach er voller Ehrfurcht; die Natur war, ihm zufolge, schön und gut überall dort, wo die Menschen sie nicht verdarben. Und die Naturwissenschaft nannte er unseren einzigen Halt im Leben, eine Waffe und einen Schild gegen priesterliche Lügen und Gottesbetrug.

Und dennoch besuchte mein Vater oftmals die Kirche, auch mit mir zusammen. Niemals versäumte er, wohin er auch kam, Tempel zu besuchen, welchem Gottesdienst sie auch geweiht sein mochten. Er war sehr musikalisch, und es hieß dann, daß er namentlich der Kirchenmusik zuliebe ginge. Aber ich sah auch, wie er sich in den katholischen Kirchen mit Weihwasser bekreuzigte und wie er stundenlang in Gebetsandacht kniete vor einem blumengeschmückten, kerzenumstrahlten Bildnis der Jungfrau Maria.

Von alledem verstand ich nichts, da ich die unlogischen Regungen eines künstlerisch-poetischen und musikalischen Gemütes noch nicht kannte. Aber ich dachte mir mein Teil dabei, und es war kein Wunder, daß ich den frommen Vater für aufrichtig und den ungläubigen für einen durch bösen Einfluß Verirrten hielt. So blieb denn der Einfluß der Mutter, trotz ihrer Abwesenheit, übermächtig. In meiner Erinnerung haftete ihrem Bilde nichts Alltägliches, Triviales, Unschönes mehr an, und sie begann mir mit ihren Leiden, ihren Tränen, ihrer Schönheit und ihrer Zartheit, allmählich in reiner Engelsheiligkeit zu erstrahlen, – als der Gegenstand meiner getreuen und innigen Verehrung.

Von meinen langen und mühseligen Streifzügen mit meinem Vater will ich nichts berichten. Ich weiß übrigens nicht mehr viel davon. Ich muß sehr viel Schönes und Merkwürdiges gesehen haben, aber wenn die Seele so jung ist, vermag sie das Schöne und Erhabene nicht dauernd aufzunehmen. Eine stärkere Erinnerung als an die Länder und Städte, die wir durchzogen, habe ich an einige Bilderbücher, an kleine, behagliche Winkel in den Zimmern, die wir bewohnten, an eine kleine Zinnkanne, die ich auf dem Wege gefunden hatte und die mich niemals verlassen durfte, auch nicht während der Nacht.

Wohl muß ich von dem Großen um mich her auch etwas in mich aufgenommen haben, denn daraus gewann ich zweifellos den Stoff, aus dem die Träume gewebt werden, von denen ich später berichten will. Aber als Knabe ergötzte mich das Reisen ganz und gar nicht. Ich sehnte mich nach meiner Mutter und nach unserem Landhause, wo ich mit dem Schwesterchen auf den luftigen Galerien und im Rosengarten spielen oder im Bach Dämme errichten konnte . . . das Reisen mit der Eisenbahn, die damals eine Neuigkeit war, fesselte mich nur die ersten Male, mehr begeisterte mich die Seereise nach Amerika, als Philadelphia und Chikago noch kleine Plätze waren und man das Kreuzen des Ozeans per Dampfer noch als ein gewagtes und gefährliches Unternehmen erachtete. Nur an einzelne Momente mit bleibender Bedeutung habe ich eine scharfe Erinnerung bewahrt. Ich entsinne mich eines jämmerlichen Tages irgendwo in Kleinasien, wenn ich nicht irre, in der Umgebung von Smyrna. Wir waren beide infolge schädlicher Nahrung erkrankt, mein Vater und ich, und hatten in einer jener schlechten Herbergen hilflos dagelegen. Während dieser Zeit hatten Diebe uns all unser Hab und Gut gestohlen, und als wir weiterziehen wollten, konnten wir keine Pferde bekommen, denn die Bevölkerung fürchtete die Diebe und ihre Rache, wenn wir sie anklagen würden. Inmitten einer Gruppe schmutziger, lebhaft sprechender und gestikulierender Syrier in einer brennend heißen Straße stand ich neben meinem Vater und schaute ihm in das erschöpfte Antlitz, das bleichgelb war und eingefallen infolge der Krankheit, mit glänzenden Schweißtropfen und einem Ausdruck tödlicher Ermattung und hartnäckigen Wollens. Er hielt in jeder Hand eine Pistole und wiederholte immer wieder ein paar befehlende Worte, während er von einem zum andern schaute und aus den braunen Köpfen rings umher teils unverschämte, teils klagende, teils spottende Laute und mir unverständliche Antworten erklangen. Ich sah die grausamen, habgierigen, gleichgültigen Gesichter mit den wilden Augen, und ich wußte, wie kurz der Abstand zwischen unserem Leben und dem Tode war. Noch rieche ich den brandigen Raubtiergeruch jenes Ortes, noch höre ich den Klang eines eintönigen Gesanges mit Gedudel und Trommeln in der Ferne und das seltsame Rascheln der Palmblätter über unseren Köpfen. Dieser entsetzliche Zustand muß lange gedauert haben. Düster und feindlich erschien mir damals die ganze Menschheit, die ganze Welt.

Ich wußte wohl, daß mein Vater siegen würde. Er wollte nicht sterben und ich hatte zu seiner gewaltigen Willenskraft ein kindliches Zutrauen. Und so geschah es auch, und ich war weder verwundert noch erfreut. Das ermüdende Reiseleben wurde fortgesetzt, und ich empfand eine Erbitterung darüber, daß es mein Vater war, der mir die Welt verschloß und sie mir feindlich stimmte.

Wir fanden an jenem Tage endlich einen Führer und machten einen langen Marsch zu Fuß über glühend heiße Landstraßen, schwach und müde, wie wir uns fühlten, als einzigen Gefährten einen halb idiotischen Knaben, der vor sich hin summte und Strohhalme kaute. Da begann ich zu verstehen, was Dulden heißt. Mein Vater sprach nicht und ertrug auch von mir keinerlei Klagen. Ich hielt mich tapfer, so gut es gehen wollte, aber ich begann damals viel nachzudenken. »Wie lange würde ich dies wohl ertragen können?« dachte ich bei mir, »und warum tut er dies? Wenn dies Häßliche und Mühselige zu nichts dient, brauchen wir es ja nicht zu tun. Was mag er damit bezwecken? Folgt darauf etwas sehr Schönes, oder bleibt es so mühselig, bis wir sterben? Ist dies alles Quälerei von Gott, so wie er behauptet? Warum tut Gott das, und dürfen wir uns so quälen lassen?« Ich richtete damals eine einzige Frage an ihn, nachdem wir stundenlang schweigend nebeneinander her gegangen.

»Gibt es Gerechtigkeit, Vater?«

Ich meinte damit, ob ich für all den Schmerz in meinen Füßen, den Durst und die Anstrengung durch ebensoviel Freude belohnt werden würde. Mein Vater antwortete mir nicht. Er brauchte allem Anschein nach seine ganze Kraft, um weiter gehen zu können.

Aber als wir endlich in der Hafenstadt angelangt waren und uns mit Seewasser gewaschen hatten, sagte er kurz:

»Es gibt nur Kraft

Diese Antwort gefiel mir nicht. Es sollte Freude kommen. An der Kraft war mir nichts gelegen.




Bedenke wohl, lieber Leser, um was es sich hier handelt. Wir wollen uns nicht beschäftigen mit dem Berichten und dem Anhören wechselnder, buntfarbiger und spannender Geschehnisse, sondern ich will es versuchen, inwieweit meine Worte den unbekannten Hintergrund jener Geschehnisse zu beleuchten und zu erhellen vermögen.

Mein Vater glaubte nicht an Gerechtigkeit, wohl aber an Kraft. Doch damit tat er gerade das, was er nicht tun wollte, er ließ sich foppen und versuchte desgleichen auch bei mir. Aber damals bereits, als kleiner Knabe, wollte ich mir diese falsche Münze nicht in die Hand stecken lassen. »Mach' mit deiner Kraft was du willst,« dachte ich bei mir, »ich wünsche Freude. Was nützt mir Macht oder Kraft ohne Freude?« Ich wollte Ware für mein Geld, denn ich glaubte an Gerechtigkeit.

Jene holländischen Kaufleute, die mein schönes, gediegenes Haus erbauten, hatten keinen sehr weiten Blick und segelten mit ihrer Lustbegierde mitten in den Sumpf hinein. Aber sie wollten Ware für ihr Geld, und das war gut. Ich wohne jetzt als alter Mann auf der schönen Ruine ihres Ruhmes, der von den unausgewachsenen Keimen neuerer, erhabenerer Lebenspracht überwuchert ist, – aber ich habe meinen Glauben an die Gerechtigkeit bewahrt, so fest, daß ich es wohl wage, die Verantwortung dafür auf mich zu nehmen, wenn ich dir, mein lieber Leser, jenen Glauben mit aller Macht nahe zu bringen versuche, den Glauben, der da lehrt, daß du dich nicht foppen lassen, sondern für dein Geld Ware fordern sollst.

Und zwar gute, gediegene, brauchbare Ware. Kleine, jämmerliche Freuden, nichtige und erbärmliche Vergnügungen, ein wenig Flittergold soll man uns nicht als das echte, goldene Glück aufschwätzen. Der eine will uns mit gutem Essen und Trinken ködern, der andere mit der Freude reich und mächtig zu sein, wieder ein anderer mit der Wohltat eines guten Gewissens oder aber mit der Befriedigung unseres Ehrgefühls und der Freude an gewissenhafter Pflichterfüllung, – oder endlich auch mit der Verheißung einer Belohnung im Jenseits. Akzepte auf die Ewigkeit mit der Freiheit, daß man sich vom Schattenreiche aus bei dem Klerus beklagen darf für den Fall, daß der Lenker des Kosmos sie nicht honorieren sollte. Es gibt nichts, was mich in meinem Alter so wehmütig belustigt wie die Worte der sich gar so klug dünkenden Menschen, vor allem jener praktischen, rationellen, banalen, epikuräischen Menschen, die sich so gewaltig viel Mühe geben und die sich mit solch vergänglichem, unechtem und hohlem Bettel zufriedenstellen lassen.

Und ich weiß nicht, was schlimmer ist, der Betrug der Priester oder der der Philosophen, die mit Hilfe einer rhetorischen Leiter den Gipfel erklimmen und dort ein großes Wort auf einen Zettel schreiben, den sie uns dann als gesetzliches Zahlungsmittel für alle unsere Mühen in die Hand stecken wollen. Strahlenden Antlitzes gehen die braven Bürger heim mit ihrem Zettel, auf dem geschrieben steht: »die reine Vernunft« oder »der Wille zur Macht« und sind ebenso befriedigt wie die durch die Armeen der französischen Revolution scheinbar befreiten und mit wertlosen Assignaten ehrlich bezahlten Völker Europas.

Was mein Vater mich für all meine Mühsal gewinnen ließ, erschien mir nicht als ein gerechter Lohn, noch vermochte es mir irgendwelchen Ausblick auf eine bessere Vergeltung zu eröffnen. Die Mannigfaltigkeit des Lebens und die Schönheit der Welt, die er mir in solchem Übermaß aufdrängte, würden mich als nahezu Erwachsenen erfreut und erquickt haben. Als Knabe verdrossen und ermüdeten sie mich.

Ich war ein hochgewachsener Bursche und, wie die Menschen behaupteten, das Ebenbild meines stolzen, dunkelhaarigen Vaters. Ich kann mich noch entsinnen, daß ein entrüsteter Pariser Gassenjunge mir nachrief: »Du, Bengel, warum gehst du denn so hochmütig einher?« und in meinem Vaterlande, wo man leicht zu schärferen Ausdrucksmitteln übergeht, hatte ich jenem offenkundigen Hochmut noch gröbere Angriffe zu verdanken. Ein Knabe vom Lande ahmte meine hochmütige Haltung und mein reines Italienisch nach und bekam dafür von mir einen Schlag mit dem Handtuch, das ich unter dem Arm trug, da ich auf dem Wege zum Bade war. Auf dem Heimwege kam die Antwort; ein Messerstich in den Rücken, der mich tagelang zu demütiger Haltung zwang.

Und frühe schon hatte ich mich daran gewöhnt, daß wir die Aufmerksamkeit erregten, wohin wir kamen, der allzeit sorgfältig gekleidete Vater mit seiner altmodischen Eleganz und seinen melancholischen Augen und der beinahe ebenso große, ihm sprechend ähnelnde Sohn. Namentlich bildeten wir den Gegenstand des Interesses der Frauen. Allein mein Vater ließ es sich nie anmerken, daß er davon auch nur die geringste Notiz nahm, und niemals habe ich zwischen ihm und einer Frau die Anzeichen größerer Intimität gewahrt.

Mir aber erschien, noch lange bevor ich die Schönheit von Kunst oder Natur zu genießen vermochte, ein Blick aus Frauenaugen als das Wertvollste, was das Leben zu bieten vermochte. Das galt mir zu allererst als eine vollwichtige Münze, und wert, daß man um seinetwillen viel Pein und Mühen erduldete.

Ich werde versuchen, sehr genau und vollkommen aufrichtig zu sein. Ich kann mir das gestatten, denn ich bin alt, während ich schreibe. Und ich werde tot sein, wenn ich gelesen werde. Ich bin von Natur sehr verliebt, und das Denken an einen Freund oder an eine Geliebte bildete für mich stets die Oase in meiner Gedankenwüste. Inmitten der gewichtigsten Sorgen und Pflichten erschienen mir derlei Gedanken doch stets unsäglich belangreicher und gewichtiger. Sie waren niemals öde oder düster, langweilten mich nie und bildeten meinen Trost in Zeiten des Trübsinns und der Entmutigung. Auch der Schmerz, den sie mit sich brachten, war mir teuer, und niemals haftete ihm jenes essentiell Hassens- und Verachtenswerte an, das anderem dürrem Lebensschmerz eigen ist. 

Es fällt mir schwer, mich dessen zu entsinnen, wann die ersten Schimmer dieser größten und stärksten Lebensfreude mir klar und hell geleuchtet haben. Ich kann aber kaum älter als fünf oder sechs Jahre gewesen sein. Ich spielte damals die passive Rolle, während das Mädchen mich zum Freunde erkor und die Aufmerksamkeit herauslockte, die ich ihr nur zu gerne schenkte.

Aber als ich dann später selber auf die Suche nach Liebesfreuden ging, dachte ich mehr an Knabenfreunde. Und es war ein Knabe, ein großer, blasser, holländischer und, wie es mir jetzt scheinen will, durchaus nicht sehr anziehender Knabe, dem ich an einem Sommerabend, während wir unter dem Sternenhimmel wandelten, den Vorschlag machte, wir wollten auf ewig Freundschaft schließen. Der blasse Knabe besaß das, was man gesunden Verstand nennt, und antwortete mir, daß er von der Ewigkeit einen zu unklaren Begriff habe, als daß er es wagen könne, auf jenen Vorschlag einzugehen. Soviel Gemütsskrupel habe ich späterhin bei Frauen nur selten gefunden.

Infolge unseres beständigen Reisens waren alle diese Beziehungen sehr kurz und flüchtig, und da ein nach Liebe suchendes Kind sich um Standesvorurteile nicht kümmert, sehr verschiedenartig, darum aber nicht minder intensiv. Ich habe einen hübschen, braunäugigen, barfüßigen Livorneser Fischerknaben lieb gehabt, weil er gar stark war und so gut rudern und wie ein Fisch schwimmen konnte. Und später, als ich größer war, einen jungen, deutschen Handlungsreisenden, der mich Studentenlieder lehrte und mir durch seine überlegene Weltklugheit imponierte. In solchen Verhältnissen war ich stets der am stärksten Begeisterte, der feurig Schmachtende, der Tag und Nacht von dem Gegenstand seiner Liebe Erfüllte. Und noch jetzt kann mir das Blut zu Kopf steigen, wenn ich daran denke, welche Schätze von Neigung ich an solche Unempfänglichen vergeudete. Zugleich aber weiß ich jetzt, daß ich mich glücklich preisen darf, weil es nur Unempfängliche waren. Denn infolge meines Nomadenlebens an der Seite meines Vaters war ich unschuldig geblieben wie ein Kind, und wie leicht hätte ein allzu Verständnisvoller den jungen, zarten Instinkt, der uns durch der Menschheit Urverstand mit auf den Weg gegeben, für allzeit und zu lebenslänglicher Qual von dem ihm vorgezeichneten Wege abbringen können. Denn wir alle, gleichviel ob Mann oder Frau, sind als Doppelwesen geboren, und das biegsame, junge Holz kann gar leicht verbogen, sein gerader Wuchs für allzeit mißformt werden.

Das Mädchen hatte in mir eher den Liebenden entdeckt, als ich in ihr die Geliebte. Die ungeheure, alles übertreffende, alles ausgleichende Freude der Vertraulichkeit hatte ich wohl gefunden, aber noch nicht die ganz besondere höhere Freude der Vertraulichkeit bei größerem Wesensunterschied, zwischen Knaben und Mädchen. Mir schien jede Vertraulichkeit köstlich, wenn sie nur sehr innig war, und ich empfand sogar etwas wie eine unbestimmte Vermutung hinsichtlich des großen Glückes einer Vertraulichkeit und Innigkeit zu allen, ob Mann oder Frau, ob alt oder jung. Aber dies waren nur sehr kurze Einsichten und blitzartige Erkenntnisse, die auch sofort wieder unter dem Alltäglichen begraben wurden.

Es muß zwischen meinem zehnten und zwölften Jahr gewesen sein, als ich zum ersten Male, indes ich in die klaren Augen eines Mädchens schaute, jenes ganz besondere und höhere Glück zu ahnen begann, das Knabenfreundschaft mir nicht zu gewähren vermochte. Das war ein Geschehnis, das mich so sehr beschäftigte, daß ich tagelang für nichts anderes zugänglich war und wie ein wachender Träumer einherging.

Ob das dem Blute meiner blonden, nordländischen Mutter zuzuschreiben ist, weiß ich nicht, doch niemals vermochte ein südlich dunkeläugiges und schwarzhaariges Mädchen mich so heftig zu fesseln und so stark zu interessieren wie ein blondes und blauäugiges. Zumal der englische Typus, das kühle, selbstbewußte, auch ein wenig hochmütige und spröde blonde Mädchen, schlank und dennoch kräftig, mit üppigem Haar, fesselte meine Aufmerksamkeit und mein Interesse mit gewaltiger Kraft.

Wenn man diesen Gefühlen als Kind unterliegt, so glaubt man, daß es die Person sei, daß Alice oder Bertha einen so heftig interessiere, und daß nur Alice oder Bertha diese so seltsamen und starken Empfindungen der Freude, diese Sehnsucht nach Annäherung erwecken könne. Namentlich, daß gerade Alice oder Bertha es so über die Maßen wert sei, daß man ihre nähere Bekanntschaft mache. 

Wie aber ist es möglich, daß wir oftmals während des ganzen Lebens an einer solchen Illusion festhalten – indes wir doch wissen, daß ein jeder das gleiche Interesse für eine andere empfindet und wir selber es so oftmals von der einen auf die andere übergehen sehen?

Verliebtheit ist nichts anderes als die Wißbegierde nach einem überaus gewichtigen und uns unentbehrlichen Geheimnis. Das geliebte Mädchen zieht uns an, so wie ein Lichtschimmer den in tiefer Dunkelheit Verirrten anzieht. Aber dennoch wissen wir, daß ein jedes Wesen ihrer Art einen solchen Lichtschimmer verbreiten kann und daß es nur unsere zufällige Empfänglichkeit ist, die gerade diesem einzigen Wesen unter so vielen Tausenden solche ungeheure Anziehungskraft verleiht.

Ich glaube also mit Bestimmtheit sagen zu können, daß ich in der Geliebten nicht sie selber suchte, sondern den Abglanz eines gemeinschaftlichen Lichtes, das auch durch andere Fenster scheint als durch die Augen, in denen ich es entdeckte. Wiewohl mein Verstand das aussprechen muß, mein Herz vermag dennoch nur wenig davon zu verstehen. Wenn ich an die denke, die ich am innigsten, am längsten und zu allerletzt lieb gehabt habe, so bedeutet sie, ihre Person allein, mir eine Gewißheit, die ich um keiner höheren Gewißheit willen opfern würde, und mag ich auch noch so lange rastlos über diese Dinge gegrübelt haben.

Die verschiedentlichen Freunde aus meiner Knabenzeit verdienen kaum eine ausführlichere Erwähnung. Es waren Puppen, die meine milde Phantasie prunkvoll bekleidet, die ich eine Zeitlang als Helden und mit dem ganzen Ritus eines deutschen Freundeskultus verehrt hatte, – um dann, wenn sie, meiner idealen Erwartung entgegen, kein eigenes Leben zeigen wollten, mit rauher Hand entkleidet, beiseite geschoben und gehaßt zu werden. Noch sehe ich die Photographie von einem Jener mit durchstochenen Augen in der Waschschüssel liegen, wie sie sich bräunlich unter einer rächenden Streichholzflamme krümmte.

Einen Freund, der mir mit gleicher Münze gezahlt, der mir vergolten haben würde, was ich ihm schenken wollte, ebenso getreulich, ebenso hingebend, ebenso feurig, ebenso aufopfernd, ebenso aufmerksam und voller Sorge, wie es in meiner Art lag, die Freundschaft zu verstehen und zu erweisen, – so einen habe ich niemals gefunden. Und ich war ungerecht genug, ein bitteres und höhnisches Gefühl gegen diejenigen zu hegen, die mir solch eine hohe Freundschaft zu verheißen schienen, um mich dann bitterlich zu enttäuschen. Ich verstehe jetzt gar wohl, wie gut es ist, daß es solche Freundschaften in dieser Lebensepoche nicht gibt. Kostet es uns nicht schon Mühe genug, uns aus der hoffnungslos erscheinenden Verwirrung der sexuellen Instinkte und Verhältnisse zu befreien? Sind wir nicht immer noch weit entfernt von dem Ausgleich zwischen viel zu früh erwachenden und viel zu lange anhaltenden Trieben, körperlichen und geistigen Neigungen, übel angewandten, langsam erlöschenden und auf andere übergehenden Affektionen, und Kindern, denen man zu essen geben muß? Könnte man sich zu diesem Wirrsal noch die Komplikation mächtiger Freundschaften wünschen, die möglicherweise unser ganzes Wesen ablenken und umgestalten würden?

Für mich war es also nicht Alice oder Bertha, – sondern Emmy, und zwar Emmy Tenders, eine Kaufmannstochter von englisch-schottischer Herkunft, die mir von allen menschlichen Wesen am interessantesten und bemerkenswertesten erschien. Ich wußte durchaus nicht, ob sie schön sei, ob andere sie so nannten. Sie fesselte meine Aufmerksamkeit in so starkem und heftigem Maße, daß ich niemals dazu kam, sie mit ästhetisch-kritischen Augen zu betrachten. Ich entsinne mich, daß ich, nachdem ich sie bereits länger als ein Jahr kannte, voller Interesse und Erstaunen hörte, wie ein alter Herr von ihr als von »jenem schönen Kinde« sprach. Es schmeichelte mir wie ein persönliches Kompliment, klang mir indessen völlig neu.

Ich wußte, daß sie schlank war und dennoch ziemlich kräftig, daß sie graublaue Augen hatte und üppiges, lichtblondes Haar, das ihr Gesicht in dichten Wogen umrahmte. Es ist mir durchaus unmöglich, zu sagen oder auch nur anzudeuten, was mich an ihr so sehr fesselte. Ich sah sie zum erstenmal in ihrem eigenen Hause, in Gesellschaft ihrer Mutter, einer freundlichen, schottischen Dame und ihrer Brüder, ein paar stämmiger, besonnener und schweigsamer Knaben. Und von dem Augenblick an, da ich sie sah, war ich durch ein rätselhaftes Gefühl der Anziehung gefesselt, das mir noch jetzt, nach mehr als fünfzig Jahren, ebenso unerklärlich erscheint wie dazumal. 

Zu ihrer Mutter war sie liebevoll, mit ihren Brüdern ging sie kameradschaftlich um, während sie sich mir gegenüber ein wenig spielerisch und reizend freimütig zeigte. Sie sagte nichts Besonderes, und ich habe auch niemals die Illusion gehegt, daß sie viel Besonderes zu sagen habe. Aber ihr Wesen verbarg mir ein Geheimnis, von dem ich fühlte, daß ich es ergründen wollte, und sei es auch auf Kosten des Allerkostbarsten. Auf Kosten meines Lebens würde mir nur als ein jämmerlich schwacher Ausdruck erschienen sein.

Und dennoch, wenn ich an ihre spielerischen Manieren dachte, an ihre lieben, jungen, geschmeidigen Glieder, ihr üppiges Blondhaar, das sie oftmals mit beiden Händen zurückwarf, dann traten mir aus reinster Rührung die Tränen in die Augen.

Sieh, Leser, es ist doch gut, daß aus diesen großen Freundschaften fürs erste nichts werden kann. Sie lenken ja nur ab. Man sollte glauben, daß die Liebe intellektuelle Gemeinschaft der Seelen bezwecke. Aber das ist Unsinn. Welch ein intellektueller Riese müßte man sein, um Goethe oder Dante eine würdige Freundschaft zu bieten! Gemma Donati und Christiane Vulpius waren ihnen ebenbürtig, ihresgleichen an Macht, vor denen sie sich willig beugten und demütigten. Jede liebreizende Frau birgt ein Lebensgeheimnis, das die Weisheit des größten Mannes aufwiegt und für das er alle seine Schätze hingeben und auch das noch als ein Geringes erachten würde.

Meine Liebeszeit ist vorüber, und noch immer dünkt mich die Sache ebenso rätselhaft wie je. 

Allein es ist ein Werk, an dem wir alle arbeiten, und ich behaupte, daß erst die Liebe zwischen Mann und Frau besser geordnet und verstanden werden muß, bevor wir der wahren Freundschaft fähig sind.

Jetzt wende ich den Stein meines Liebeslebens um eine halbe Drehung und betrachte eine andere Facette, gleichwie um die verborgene Kristallform zu entdecken.

Emmy Tenders war das erste weibliche Wesen, das mich plötzlich, ohne sich ihrerseits bemüht zu haben, ganz und völlig eroberte, als ich vom Knaben zum Jüngling herangereift war. Sie war die erste Frau, die ich eifrig suchte, sei es auch voll tiefer Ehrfurcht und inniger Schüchternheit. Aber wie ich bereits sagte, wohl schon etwa zehn Jahre zuvor hatten mich Mädchen gesucht, die in mir die erwachende Jünglingschaft ahnten, noch bevor sie mir selber bewußt geworden. Das hatte mir wohl geschmeichelt, und ich hatte auch, wie gesagt, in dem Blick der Augen einer einzelnen höhere Freudenverheißung gefunden, als meine Knabenfreundschaften sie mir zu bieten vermochten, – aber ich hatte mich mit einem seltsamen und mir selbst unerklärlichen Widerspruch gegen diese Annäherung gewehrt. Ohne den Knabentraditionen zu gehorchen, deren Einfluß ich infolge unseres Nomadenlebens nicht unterlag, sah ich aus eigenem Gefühl etwas Kindisches, etwas Unwürdiges in dem Verkehr mit Mädchen und Frauen und empfand demgegenüber meine Knabenfreundschaft als etwas viel Edleres und Männlicheres. 

Aber welch eine feine und zweckdienliche Rache mußte ich dafür erdulden! Als später meine Zeit des Suchens anbrach und ein übermächtiger Trieb mich anfeuerte und fortpeitschte, da stellte es sich heraus, daß all jene kleinen Abenteuer aus der Kinderzeit mir mit quälender Genauigkeit noch in Erinnerung geblieben waren, und daß sie alle das bittere Gefühl der Reue ob der verlorenen Gelegenheit in sich bargen. Die Kußhand, die man mir aus einem Fenster in Neapel zugeworfen, die außergewöhnliche, mehr als mütterliche Sorge des Hotelzimmermädchens in Wien, die Rosen, die mir eine junge Spanierin irgendwo in Südfrankreich in die Hand drückte, der Arm um meinen Nacken und der Kuß auf meiner Wange, den ich einst flüchtig in einem dunklen Garten spürte, während ich dastand und der Musik lauschte, und die ich störrischer Tor wütend und entrüstet abwehrte, – wie oft und wie quälend sind sie gespenstisch durch meine träumenden Tage und meine schlaflosen Nächte geschlichen, nachdem die Eiskruste herben Knabenstolzes längst geschmolzen war, während auch die Mädchen demgemäß mit ihrer Annäherung vorsichtiger wurden.

Und jetzt, nach einem halben Jahrhundert, kann ich noch nicht ohne Lächeln das feine Spiel des beiderseitigen Suchens und Sich-Versteckens beobachten, und etwas Wahres erkenne ich in meines Vaters Meinung, daß es auch den Unsichtbaren, der die Figuren dieses graziösen Tanzes so heimlich beherrscht, wohl manches Mal ergötzen mag. 

Wie gesagt, bis zu dem Zeitpunkt, da ich Emmy Tenders begegnete, war ich unschuldig wie ein Kind. Niemals war der Gedanke in mir erwacht, auch nur den geringsten Zusammenhang zu suchen zwischen den wunderbar freudigen Empfindungen der Vertraulichkeit, die mich andauernd erfüllten, und gewissen körperlichen Erregungen, die mich nur beunruhigten, weil ich sie für krankhaft hielt. Und dennoch erachte ich gerade jenen Zusammenhang als das Geheimnisvollste und Interessanteste aller Lebensrätsel.

Meinem Vater erging es in dieser Hinsicht wie dem Manne, der in einem dunklen Zimmer seine Brille fallen ließ und der darauf, als er nach langem Zögern und Überlegen sehr behutsam den Fuß vorstreckte, mitten in das Glas trat. Er wollte mich so recht sorgfältig und vernünftig erziehen und tat es gerade darum ganz verkehrt. Meine Knabenverachtung für die Mädchen und alles, was Liebe hieß, unterstützte er, meiner Vorliebe für Knabenfreundschaften wehrte er nicht. Die entsetzliche Gefahr, daß mein gesunder und natürlicher Instinkt dadurch irre geführt und ich für alle Zeiten unglücklich werden könnte, schien er nicht zu sehen. Und als es an der Zeit war, mich darüber aufzuklären, versäumte er dies. Meine sehr empfindsame Keuschheit in bezug auf alles, was meinen Körper betraf, respektierte er, mit Recht, und ich war ihm dankbar dafür.

Aber als es ihm klar ward, daß ich in Emmy Tenders heftig verliebt war, – und er hätte wohl blind und taub sein müssen, um meine Verwirrung, mein wesenloses Umherirren, mein Aufleuchten bei allem, was an sie gemahnte, meine Blässe, meine nächtlichen Streifzüge draußen, meine Tränen im Bett nicht zu bemerken, – da erachtete er den Zeitpunkt, mich gründlich aufzuklären, als gekommen.

Für zwei empfindsame, stolze und verfeinerte Naturen, wie meinen Vater und mich, bildete dies eine außerordentlich peinliche und schwierige Aufgabe. Er aber entledigte sich ihrer mit der ihm eigenen unbeugsamen Entschlossenheit. Eine quälendere Stunde habe ich in meinem ganzen Leben nicht verbracht. Mein Vater hatte zur Erläuterung Bücher und Abbildungen bei sich, er wagte mich nicht anzusehen und murmelte viel mit einer hohlen Stimme zwischen den Zähnen. Schweißtropfen perlten ihm auf der Stirn.

Nachdem er geendet hatte und darauf nervös und verlegen wie ein Kind, das etwas Böses getan hat, das Zimmer verließ, war mein erster Gedanke: eine Pistole. Ich war völlig zerschmettert und wollte mir das Leben nehmen. Aber das Rätsel, das Rätsel selber erhielt mich am Leben. Das Seltsame, Anziehende, Geheimnisvolle, Abstoßende fesselte mich zu sehr, als daß ich davon hätte Abschied nehmen können. Halb betäubt vor Schmerz und Erniedrigung ging ich in mein Zimmer.

Und dort trat mir, noch bevor ich es hindern konnte, der Name Emmy auf die Lippen. Ich erschauerte und rief den Namen nochmals, jetzt wie in einem verzweiflungsvollen Aufschrei. Ich sank auf mein Bett und weinte gleich als wollte mir das Herz brechen.




Der Menschenspezies, die mein Vater Philister nannte, ist als gemeinschaftliches Merkmal dies eigen, daß sie für alle Wunder und Geheimnisse sogleich eine bequeme Auslegung bei der Hand haben. Paßt die Wahrheit nicht ganz genau hinein, so handeln sie wie jener Kaffer, der ein Paar viel zu enge Stiefel geschenkt bekam und diesem Übel dadurch abhalf, daß er sich, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, die Zehen abhieb und darauf sehr erfreut in dem kostbaren Geschenk spazieren ging.

Diesmal war es mein Vater selber, der behauptete, weder etwas Wunderbares noch etwas Geheimnisvolles in meinem tief erregten Gemütszustand zu gewahren. Das Wesen der Sache hatte er mir jetzt wissenschaftlich, biologisch und physiologisch-anatomisch auseinandergesetzt, dem brauchte nichts hinzugefügt zu werden, und daher blieb auch nichts Unerklärliches übrig.

Mein Widerwille, mein tiefes Entsetzen, meine Niedergeschlagenheit angesichts dieser Bereicherung meines Wissens, die mich, wie jedes andere neue Wissen, hätte erfreuen und erbauen sollen, – ja, dafür gab es in seiner Auslegung keinen Platz. Ebensowenig für seine eigene Verlegenheit während der Mitteilung. Diese Zehen mußten also ohne Sentimentalität abgehauen werden, auf daß der Stiefel passe. 

Leser, glaube nur ja nicht, daß ich Ehrfurcht und Respekt von dir verlange für den törichten, großen Knaben, der verzweiflungsvoll weinte ob des großen Unterschiedes zwischen Menschen und Blumen, der die gewichtigsten Lebensfunktionen der ersteren mit so viel Disharmonie begleitet.

Ich selber lache mein eigenes Ich, wie es vor fünfzig Jahren war, wohl manchmal ein klein wenig aus, nicht höhnisch, sondern mit leiser, sympathischer Ironie. Ich klopfe dem Knaben auf die Schulter und sage freundlich zu ihm: »Ruhig, Freundchen, erschrick nicht so sehr. Wir sind eine wunderliche Mischung von Affe und Engel, aber versuche dich so rasch wie möglich damit abzufinden, dann wird alles ganz erträglich werden. Glaubst du, daß Emmy Tenders durch das Nämliche so sehr erschreckt würde, wenn sie es nur auf dem rechten Wege erführe, das heißt auf dem Wege ehrfurchtsvoller Liebe und inniger Verehrung? Sie ist wahrlich klüger. Und hättest du es als Dichter und Liebender und nicht als Philister gelernt, so würdest auch du dich nicht so sehr erschreckt haben.«

Allein dies alles beeinträchtigt nicht die geheimnisvolle und unselige Wahrheit, und man macht keine Disharmonie erträglich, indem man sie leugnet. Sicher ist dies, daß die Behauptung meines Vaters, mein Entsetzen sei durchaus ungerechtfertigt, auf mich eine Wirkung ausübte, als wolle er mir die Zehen abhauen, auf daß der Schuh passe. Ich widersetzte mich heftig, handhabte eine unerbittliche Trennung zwischen dem edlen und erhabenen Empfinden für Emmy und den schmutzigen und niedrigen Dingen, auf die mich mein Vater gewiesen hatte und wandelte hastig und voller Eifer auf dem gefährlichen Pfade, der sich nur noch ein einziges Mal spaltet in den Weg der Schwärmerei und den des liederlichen Zynismus.

Dies war meines Vaters Werk. Doch niemals habe ich ihm das in bitterem Groll vorgeworfen. Warum nicht? Können wir ein Urteil fällen über etwas, dessen wesentlichste Tatsachen noch in unergründliches Dunkel gehüllt sind?

Von meinem kühlen Richterstuhl aus, hier in diesem traumverlorenen und vergessenen Städtchen, habe ich den Freispruch für alle, die sich in Amors blumenreichem und dornenvollem Labyrinth verirrt haben und die darin zugrunde gegangen sind. Denn sicherlich ist es nicht von uns Menschen angelegt worden.

Daß da Schuld ist, kann ich nicht leugnen. Jedes Leid hat einen Vater und eine Mutter, und wir sind nun einmal daran gewöhnt, diese Eltern Sünde und Schuld zu nennen. Ich aber verfolge den Stammbaum dieser seltsamen und zarten Schmerzen weiter als bis zu Adam und Eva oder dem Pithecantropus Erectus, selbst auf die Gefahr hin, daß ich dann mit meiner Anklage bis zu Mächten gelangen müßte, die uns die Ahnung ihrer Unverletzlichkeit von Geschlecht zu Geschlecht eingeprägt haben.

Ich will hier erklären, was das Seltsame und Unlogische dieser ganzen Sache noch erhöht. Ich habe nicht nur eine sehr verliebte, sondern auch eine sehr sinnliche Natur. Meiner starken Empfindsamkeit für die Freude der Seelenannäherung gesellte sich ein gewaltiger, übermächtiger Drang zur Fortpflanzung. Bevor der Kontakt der beiden Strömungen auf eine so peinliche Weise zu stande gebracht war, erfüllte mich der niedere körperliche Trieb mit einer zwar beständigen, aber nicht sehr quälenden Unruhe und mit dem Zweifel an meiner Gesundheit. Allein das vortreffliche Gleichgewicht meiner übrigen Körperfunktionen, das sich bis heute erhalten hat, wog allzeit gegen diesen Zweifel auf.

Aber als das Rätsel halb erklärt war, nahm es mich um so mehr und mit um so größerem Reiz gefangen und erfüllte meine Gedanken so sehr, daß ich mich noch jetzt als alter Mann immer wieder darüber wundern muß, wie ein menschliches Hirn über so verhältnismäßig einfache Tatsachen bis ins Unendliche grübeln kann, ohne daß sie ihr Interesse verlieren und ohne daß man eigentlich um einen Schritt weiter kommt.

Die Ärzte würden hier von einem pathologischen Fall und von libido sexualis sprechen. Ich aber weise darauf hin, daß, wenngleich es sehr brave und edle Menschen unter den Ärzten geben mag, jeder moderne Arzt, ohne Ausnahme, sofern er Arzt genannt werden will, zugleich auch ein Philister ist. Mit ihren Erklärungen und schönen Bezeichnungen für Dinge, die über ihre Begriffe hinausgehen, weil ihre Wissenschaft noch undichterisch und unphilosophisch ist, ist uns nicht im allermindesten geholfen.  

Und wie vermöchte einer dieser modernen Weisen es mir auf vernünftige Art zu erklären, daß in einem edlen und erhabenen Menschentypus, so wie ich mich selber, und wohl nicht ganz zu Unrecht, zu nennen wagte, die sehr kräftige Wirkung eines allen Tieren gemeinsamen Triebes zusammenging mit einer übermäßigen Empfindsamkeit hinsichtlich dessen unedlen Charakters? Wäre dieser Trieb schön und gut und in keinem Sinne unedel, wie wäre dann mein Abscheu entstanden? Wäre er in der Tat häßlich und unwürdig, wie wäre dann seine halsstarrige und übermächtige Anwesenheit in einem verfeinerten und hoch entwickelten Menschentypus möglich?

Und wer hier von großen Ausnahmen und einem seltsamen Naturspiel sprechen wollte, würde man dem nicht unmittelbar den Mund schnüren mit einer Reihe von Namen, die alle in der Geschichte der Menschheit geleuchtet haben? Kennen wir nicht von Sophokles einen vielsagenden Stoßseufzer über das Erlöstsein von dieser Plage durch das Alter? Ist es ohne tieferen Sinn, daß Dante auf dem Gipfel des Läuterungsberges für diese schwere Last gerade die ihm teuersten und am meisten geehrten Dichter büßen läßt? Arnaut de Perigord, Guittone von Arezzo und auch Guido Quinicelli, seinen Vater und den Vater aller derer

che mai rime d'amore usar dolci e leggiadre?

Und stand es anders um Dante selber, um Shelley, Byron, Heine, Goethe?

Die Handlungsweise meines Vaters entstand aus vermeintlichem Pflichtbewußtsein, hatte aber dennoch andere Folgen, als er vermutlich erwartet hatte. Er mochte wohl glauben, daß ich mich jetzt, nachdem ich wußte, um was es sich handelte, schnurstracks auf eine Heirat verlegen oder aber meine Knabenliebe aufgeben würde. Den Schleier des Zaubers, daß hier etwas Erhabeneres und Mystischeres im Spiel sei als die ganz gewöhnliche Fortpflanzung, – die ihm wohlbekannte Hexerei des Weibes, vor der er mich behüten wollte, – hatte er jetzt genügend zerfetzt. Auch erwartete er nun meine Vertraulichkeit und meine Bitte um Rat in schwierigen Lagen und Gefahren von verwandter Wesensart.

Doch seht! ich blieb Emmy ebenso feurig zugetan, ebenso ritterlich getreu. Ich empfand die Neigung, ihr mit meinem lebenden Körper als Schild zu dienen gegen die Niedrigkeit der Welt und mit meiner Leiche als Brücke, auf daß sie über den irdischen Morast hinwegschreiten könne.

»Aber was willst du denn eigentlich, du alter Eremit?« wird der junge Leser fragen. »Wie meinst du denn, daß es auf vorbildliche Weise mit diesen Dingen gehen müsse?«

Diesbezüglich will ich gar nichts, junger Leser. Der alte Muralto ist nicht dazu berufen, dein Lebensprogramm aufzustellen. Er rückt seine kleine Lampe nur, so weit er reichen kann, im Dunkel vorwärts.

Für die Verwirrung und den Plunder, der dabei ans Licht kommt, ist er nicht verantwortlich, und ein jeder muß eben wissen, wie er darin seinen Weg findet.

Die Hunde wollen zu fressen haben, das steht fest. Und sie werden eines Tages geweckt, sei es mit, sei es ohne Absicht, auch da gibt es kein Entrinnen. Gesegnet der, welcher ihnen sogleich die rechte Beute vorsetzen kann. Und wehe ihm, der da glaubt, er könne sie, ohne sich selber zu gefährden, zu Tode fasten oder frei auf Raub ausgehen lassen.

Und wer sich das Vertrauen seiner Kinder bewahren will, der drohe ihnen nicht damit, daß er ihnen die Füße ihrer Gefühle verstümmeln wolle im Interesse einer engen Theorie. Ich für mein Teil würde viel eher den ersten besten Schutzmann um intimen Rat gebeten haben, als daß ich nach dem, was ich erlebt hatte, zu meinem Vater zurückgekehrt wäre.

Emmys Haus stand an der Themse bei London. Die flache, smaragd-grüne, glatt geschorene Rasenfläche mit der bunten Blumeneinfassung und den blauen Porzellanvasen erstreckte sich bis an das Wasser, und da saß an Sommernachmittagen die Familie in Korbstühlen beisammen, trank ihren Tee, fütterte die Schwäne, die vorüber schwammen, und schaute sich das lustige Treiben an, die Hunderte von hübsch verzierten Booten mit ihren geputzten, in helle Farben gekleideten Damen und Herren, die kräftigen Gigruderer, die mit gleichmäßigen Ruderschlägen vorüberzogen und denen laut schreiende Freunde zu Pferde folgten, die Wettschwimmer, die, von allen Seiten angefeuert, mitten durch dies Getriebe sich Bahn brachen, die luxuriösen Hausboote, die blumengeschmückt und mit fröhlichen Menschen besetzt vorübertrieben und aus denen des abends Musik erklang. Ich war mit meinem Vater auf dem Landgut zu Gast, und so lange ich in dieser lichten, freudigen, reinen Menschenwelt verkehrte, erschien mir alles das, was er mir erzählt hatte, wie ein schauerliches Märchen.

Allein London ist eine seltsame und für Menschen meines Schlages außerordentlich gefährliche Stadt. Der reine Engelsschein der Menschen wird dort mit so gutem Gelingen zur Schau getragen, daß es um so schärfer und unheimlicher auffällt, um so prickelnder wirkt, wenn der kleine, schwarze Affe plötzlich zum Vorschein kommt.

Nicht nur in Emmy Tenders, sondern in jeder Frau ihrer Rasse, ihrer Art, in jeder gebildeten englischen Frau sah ich etwas Erhabenes, etwas Heiliges und Unantastbares. Frauen aus anderen Ländern erinnerten noch mehr an das Weibtier, bei ihnen konnte ich mir die verhängnisvolle Demütigung noch eher denken und vorstellen, aber eine englische Frau erschien mir so rein, so vornehm, so keusch und dabei so unbefangen unschuldig, daß ihre Anwesenheit allein genügte, um alle unreinen Gedanken zu verscheuchen. Und von allen englischen Frauen war Emmy Tenders die liebste und reinste. Als ich sie wiedersah, wich alle Unruhe, aller Abscheu, ich fühlte mich vollkommen glücklich und auch dankbar dafür, daß ich in jenem unheilvollen Augenblick nach der Offenbarung keine Pistole zur Hand gehabt. An jenem Sommernachmittag an der Themse, im Kreise der heiteren Familie, dämmerte in mir etwas von dem Begriff auf, daß Emmys seltsame Macht alles das, was mir häßlich und unrein erschien, rein gestaltet haben würde, wäre es nur durch ihre Vermittlung zu mir gelangt.

Aber es will fast so scheinen, als ob die Engländer sich auf die reinigende Macht der Unschuld ihrer Frauen allzu sehr verließen. Und verwunderlich ist es, wie die öffentliche Meinung bei diesem so prüden Volk Schauspiele ungezügelter Liebelei zuläßt, die im übrigen Europa vielleicht, in Asien und Afrika sicherlich nicht öffentlich geduldet würden. Ich glitt in dem schlanken, zierlichen Boot langsam über den schimmernden Fluß, durch den zarten Sommerdunst, der alles mit dem Reiz eines Märchenlandes umhüllte, und meine Liebste saß in ihrem weißen Kleide mir gegenüber auf dem seidenen Kissen und lenkte das Steuer. Und links und rechts unter den schattenspendenden, weit überhängenden Weiden entdeckten meine jetzt klar schauenden Augen liebende Pärchen, ein jedes in seinem Boot, und innige Stellungen, die mich selber äußerst beschämt und beklommen machten. Emmy schien sie nicht zu sehen, oder sich doch jedenfalls nicht im mindesten dadurch geniert zu fühlen. Da erwachte in mir der Gedanke, daß die Schuld daran bei mir selber läge und daß ich infolge einer besonderen, angeborenen Verderbtheit das Natürliche so häßlich sähe und gar so leicht daran erinnert werde. Um so mehr bewunderte und verehrte ich das reine Wesen, dessen blanker Seelenspiegel von dem unreinen Atem der Welt nicht getrübt wurde, dem das menschliche Liebesleben wie etwas ebenso Selbstverständliches, Natürliches und Reizloses erschien wie einem Naturforscher oder alten Philosophen. 

Und in der nämlichen feurigen Zeit erster, echter Verliebtheit zeigte sich meinen jetzt klarer sehenden Augen die Riesenstadt in ihrer ganzen Disharmonie. Und ich, der ich in dem leichtsinnigen Paris durch eine Brutsphäre von Sinnlichkeit und einen Hagel von Verführungen gewandelt war wie ein unschuldiges Kind, ich erlebte an einem dämmerigen Abend in London vier bis fünf Begegnungen, deren Einzelheiten in meinem Gedächtnis haften blieben wie Dornen in der Haut, brennend, stechend, juckend, wie die Kerne von Kaktus oder Hagebutte, mit denen man in gar zu innige Berührung gekommen.

Wenn die Frauen meines Vaterlandes, eines latinischen Volkes, ihren Stolz fahren lassen und ihr Liebesspiel aus Not oder aus Gleichgültigkeit zu einem Broterwerb machen, so wahren sie doch immerhin einen natürlichen und reizvollen Schein, und sie spielen das trübe Spiel mit ein wenig Grazie und Überzeugung, gleich einer dürftigen Huldigung, die sie dem hehren Geheimnis, das zu entweihen sie gezwungen sind, noch allzeit darbringen.

Allein die englischen und deutschen Frauen, die die Keuschheit aufgeben – Gott sei den Stümpern gnädig! – werfen mit so plumper Gebärde ihre Scham von sich, als freuten sie sich darüber, daß sie sie nicht länger zu tragen brauchen. Nein, ich will lieber sagen, als ob ihr jäherer Fall auch doppelte Mutlosigkeit zum Wiederaufrichten mit sich brächte.

Kalt, sachlich und praktisch betreiben sie ihr Fach, und sie stehen dem menschlichen Liebesleben ebenso ungerührt und nüchtern gegenüber wie ein Naturforscher oder ein alter Philosoph.

Aber gerade dieser schroffe Gegensatz, dieser grelle, entsetzliche Kontrast zwischen der reinen, englischen Frau, die durch meine fürstliche Geliebte so wunderbar verkörpert wurde, und den Wesen, die vor fünfzig Jahren, und wohl auch heute noch, bei einbrechender Dämmerung die schönen Londoner Parks unsicher machten und mich in unverblümtester Weise an die soeben erst erhaltenen väterlichen Offenbarungen erinnerten, reizte die kaum erwachten Triebe in mir zu unbezähmbarem Aufruhr. Blind und wütend wurden die gequälten hungrigen Hunde.

So das edle Wesen, das mein Herz erfüllte, für sie zu gut war, nun wohl, dann würden sie sich andere Beute verschaffen, fressen wollten sie unter allen Umständen, und sei es auch Abscheu erregendes Aas. Die gequälten Hunde wurden zu Wölfen, zu Hyänen.

Entrüste dich nicht, lieber Leser. Ich will gern glauben, daß deine Hunde dir niemals so viel zu schaffen gemacht haben, daß sie sich willig mit ein paar Salatblättern begnügten und auch wohl deinem Ermessen gemäß fasteten und sich zufrieden in ein hübsches Joch spannen ließen. Möglich, daß es Murmeltiere waren. Aber hast du selber diese gefügige Rasse gezüchtet? Sprich dann weder dir die Ehre noch mir die Schande zu, sondern dem unbekannten Züchter, der die Stammbäume verfolgte und die Väter und die Mütter zusammenbrachte mit seiner Unterscheidungswahl und verborgener Absicht. In dem Hüten zahmer Tiere liegt weder Ruhm noch Ehre, und Rechenschaft hinsichtlich meines Werkes als Hirte will ich nur ihm ablegen, der besser als ich wußte, was er tat, als er mir die wilde Herde anvertraute.

Und wundere dich auch nicht darüber, lieber Leser, daß meine Liebe zu Emmy nicht imstande war, die unreinen Bilder zu verscheuchen und ihre Anziehungskraft zu vernichten. Die Versöhnung zwischen Affe und Engel, die unsere menschliche Natur erfordert, war infolge der ungeschickten Kuppelei meines Vaters gänzlich mißglückt. Es war eine hoffnungslose Scheidung entstanden, der Engel schien unnahbar, und das Tier suchte seine eigenen wilden Wege.

In meinen Gedanken duldete ich keinerlei Entweihung ihrer Heiligkeit. Aber die väterliche Lektion hatte in mir einen wimmelnden Schwarm von Gedanken aufgescheucht, der sich ebenso schwer lenken oder vertreiben ließ wie ein Schwarm Fliegen aus einem Zimmer. Kaum daß es mir möglich war, ihn der einen weißen Lilie in meinem Gemach fern zu halten; und so scheint es auch nicht verwunderlich, daß das stinkende, aus Londons abendlichen Parks mit heimgebrachte Aas ganz schwarz davon war.




Emmy war neunzehn Jahre alt, als ich sie kennen lernte. Ich selbst zählte sechzehn Jahre, war aber in diesem Alter schon völlig erwachsen, so wie es bei meiner Nation nicht selten ist. Drei Jahre lang habe ich ihr den Hof gemacht, voller Ausdauer, aber auf eine seltsam launische, inkonsequente Art, mit dem ganzen Wechsel einer alles wagenden, nichts schonenden Verehrung, hochaufflammenden Glückes, plötzlicher Scheu, erschauernden Zurückschreckens, jäher Entmutigung, Selbstvorwürfen, tiefer Selbstverachtung, – während das alles seine Ursache hatte in der Verwirrung und dem Hader, die sich in dem intimen Haushalt meines Gemütes abspielten.

Emmy war, so wie ich es jetzt völlig unparteiisch bestätigen kann, ein gutes, liebes, natürliches und einfaches Kind, dazu ausersehen, eine vortreffliche, liebende Gattin und Hausfrau zu werden.

Gar oft stelle ich es mir vor, wie ich, der ich jetzt alt bin, mit meiner nunmehr erworbenen Kenntnis hätte dazwischen treten und die beiden Schifflein ohne Mühe zu glücklicher, gemeinschaftlicher Fahrt in sicheren Strom hätte lenken können. So wenig nur wäre erforderlich gewesen, ein kleiner Wink, ein liebevoller Hinweis, eine sanfte Stütze, und alles hätte sich zum Guten gefügt. Aber das sind eitle und quälende Erwägungen, vielleicht gar völlig unzutreffend.

Ich war kein gar so unbegehrenswerter Freier, wenngleich ich um drei Jahre jünger war als sie. Emmys Eltern waren freisinnige Menschen, gleich den meisten Engländern nicht unempfindlich für Rang und Titel, und sie hätten dem jungen, adeligen Italiener den Zutritt zu ihrer Familie sicherlich nicht verwehrt, wenngleich er im katholischen Glauben erzogen worden war. 

So ließ sich das liebenswerte Kind meine ungestüme Verehrung, die ich weniger verbarg, als es unter den in der Selbstbeherrschung geschulten Engländern üblich ist, ruhig gefallen und wartete geduldig, während sie mich sanft, beinah unmerklich, ermutigte, bis ich alt genug sein würde, um meine Empfindungen deutlicher kennbar zu machen. Oftmals wollte es mir scheinen, als sei ein Mädchen viel weniger neugierig und verwundert, als sei sie in den Gang der kommenden Geheimnisse viel früher und aus verborgenen Quellen mit größerer Sicherheit eingeweiht als ein Knabe: sie denkt nicht darüber nach, sie würde nicht imstande sein, es auszusprechen, und dennoch weiß sie alles zur rechten Zeit, gleich als habe ihr Körper für sie gedacht.

Wohl nahm das Reiseleben seinen Fortgang, aber mein Vater hielt sich doch mehr und länger in London auf als in irgend einem anderen Ort, gleich als unterliege er dem unausgesprochenen Drängen seines Sohnes. Vielleicht wollte er mich einmal absichtlich durchs Feuer gehen lassen, da er infolge meiner Verschlossenheit nicht ahnte, wie es in Wahrheit um mein Herz und um mein Denken stand.

Und als wir wiederum auf Reisen waren, nach unserer ersten Begegnung, war es Emmy, die das erste schüchterne Zeichen zur Verständigung gab. Am St. Valentinstage, dessen Bedeutung ich wohl kannte, kam ein buntes Bildchen, das eine rosige Frauenhand darstellte, die mit elegant zugespitzten Fingern einen kleinen Strauß blauer Vergißmeinnicht darbot. Die Herkunft ließ sich unschwer erkennen. Und ich ungeschickter Lümmel hatte die Plumpheit, ihr dafür eine entzückte Dankesäußerung zu schicken, die natürlich einer sehr kühlen, leugnenden Abweisung begegnete.

So lange wir von London fort waren, blieb ich verhältnismäßig ruhig. Ich dachte an meine Liebste, schrieb an sie und über sie in meinem Tagebuch und widmete mich den Studien, die mir mein Vater, der mich zum Diplomaten erziehen wollte, anwies. Während des Winters war ich mit ihm in Berlin; aber von dem Londoner Ärgernis bemerkte ich dort nichts, wiewohl ich durchaus begriff, daß desgleichen in jener großen Stadt nicht fehlen konnte.

Alle Gedanken an das Liebesleben, sowohl an das reine und köstliche, wie auch an dessen niedrige Entweihung, umschwirrten die große, graue, rauchumhüllte, nebelerfüllte Stadt jenseits des Kanals.

Gleichwie die Elemente unseres sinnlich wahrnehmbaren Wesens, die Körperzellen, ein eigenes Leben und eine selbständige Art zur Schau tragen, so scheinen die Elemente unseres unwahrnehmbaren Wesens, die Neigungen und Triebe, Wesen mit einer eigenen Art zu sein. Sie sind wie Tiere und Kinder, der Stimme lauschend, die sie zuerst rief, den Gewohnheiten folgend, die ihnen als erste beigebracht, seltsam halsstarrig in den Verirrungen, die ihnen in der Jugend eigen geworden und mit einem merkwürdigen Hang zum Niederen, gleichsam als senkten sie sich langsam unter der Einwirkung einer Gravität. 

Ich hatte meine niederen und meine erhabenen Zeiten, so wie ich sie nannte. Oftmals waren meine Gedanken wochen- und monatelang rein und ruhig, – dann aber begannen sie plötzlich infolge irgend einer kleinen Ursache, oftmals geistiger Art, wie etwa eine Zeitungslektüre, ein belauschtes Gespräch, – hin und wieder auch körperlicher Natur: ein kleines Festessen oder dergleichen, – und trieben ihr ermüdendes, quälendes Spiel, indem sie immer wieder dieselben Worte und Tatsachen umkreisten, durch lange, schlaflose Nächte hindurch die so ärgerlichen und zugleich so anziehenden, niemals Sättigung gewährenden Dinge benagend, wie ein Hund einen alten Knochen.

Zumal in düsteren Zeiten, wenn mir die Welt keinen Hauch äußerer Schönheit bot, suchte die Phantasie unvermeidlich Trost bei alledem, was allzeit reizte, allzeit fesselte und niemals verdroß oder sättigte. Weder das Studium noch körperliche Übungen waren imstande, jenem eigenmächtigen Gange der Gedanken zu wehren, der Geist besaß dagegen keinerlei Waffen .

In fieberhafte Spannung geriet ich, als es gewiß war, daß ich Emmy wiedersehen würde. In mir war bereits ein deutlicher Begriff entstanden, daß nur ihre Gegenwart, ihre Annäherung, ihre Innigkeit imstande sein würden, mich zu erlösen. Und als ich sie sah, wie sie freundlich grüßte aus dem Wagen, der uns an dem Vorstadtbahnhof erwartete an einem klaren, sonnigen Maitage und ich ihr zitternd und schwindelig vor Erregung entgegen ging und nichts von der großen Welt um mich her gewahrte, nichts anderes sah als ihr von der Sonne vergoldetes Haar, das weiße Kleid, den großen Strohhut und die leuchtenden Augen, – da glaubte ich wahrlich gerettet zu sein, in meinem Herzen lebte kein Zweifel, und es war mir vollkommen gewiß, daß ich sie wirklich zu meiner Frau begehrte, welch eine Heilige sie auch sein mochte und welch ein Unwürdiger ich selber.

So hätte alles sich wohl fügen können, aber die Welt ist eben noch nicht so vollkommen eingerichtet. Ich war siebzehn Jahre alt und Emmy zwanzig. Es kamen noch Wochen, noch lange Monate, – es kamen von neuem trübe Anwandlungen, Niedergeschlagenheit, – es kamen auch Spaziergänge durch die dämmerigen Parks, und die hungrigen Hunde heulten und die Gedankenfliegen fuhren fort zu summen und sich zu besudeln. Der Mensch möge noch so vernünftig und geduldig sein, ihm liegt es ob, scheinbar zu seinem eigenen Nutzen Wesen zu beherrschen, die weder vernünftig noch geduldig sind, die selbst niemals ruhen, die sich der Führung eines Geistes anvertrauen, der wohl der Ruhe bedarf, die immerfort ihrem eigenen Willen Genüge tun wollen und die dennoch unrettbar hinabsinken müssen, sobald die Leitung des Verstandes sie unbeachtet läßt.

Ich fiel dem vereinten Einfluß der folgenden Dinge zum Opfer: der notgedrungen entstandenen Kluft zwischen körperlicher und seelischer Begierde,– dem grellen Kontrast zwischen englischer Reinheit und englischer Liederlichkeit, der mit seinem unbegreiflichen Widerspruch so aufreizend wirkt, wie das Hündchen, das in dem Entenfang die neugierigen Enten dem Würger entgegenlockt, – und endlich der verwünschten Selbstverachtung, die einen sagen läßt: »An mir ist ja doch nichts verloren.«

Mein Vater, der seine Aufmerksamkeit rastlos auf mich gerichtet hielt, konnte nicht ohne Vermutungen bleiben. Eines Abends trat er zu mir ins Zimmer, machte sich's bequem und sprach:

»Ich hoffe, Vico mio, daß du in jeder Hinsicht ein Edelmann geblieben bist und bleiben wirst.«

Wenn wir Italiener bemerken, daß jemand eine freundschaftliche Unterhaltung mit uns anknüpft, so betrachten wir das als eine Aufforderung, gemeinschaftlich ein kleines Kunstwerk ins Leben zu rufen, und wir kommen solcher Aufforderung gern und eifrig nach und arbeiten emsig daran, mit sorgfältiger Hingabe, auf daß etwas Gutes und Schönes entstehen möge.

»Mein Vater,« antwortete ich, »ich glaube wohl zu wissen, wie deiner Ansicht nach ein Edelmann sein soll, aber vielleicht weiß ich nicht, wie er sich in allem zu benehmen hat. Hast du einen ganz besonderen Umstand im Sinne, oder sprichst du im allgemeinen?«

»Wenn du es im allgemeinen anerkennst, daß ein Edelmann jeden intimen Umgang mit unedlen Menschen meiden soll, Vico, – so sind die besondern Umstände, die ich im Sinn habe, mit inbegriffen.«

»Das ist klar, Vater. Und dennoch bleibt mir etwas zu fragen übrig. Vorerst dies: Nennst du einen Umgang intim, bei dem der Geist beiderseitig in unendlichem Abstand verbleibt? – und ferner dies: Kann ein edler Mensch unedle Neigungen empfinden?«

Mein Vater erschrak sichtlich . Er antwortete langsam, indem er mich scharf anschaute:

»Ich fürchte, Vico, daß ich auch dies deutlich benennen muß. Auf das erste antworte ich folgendes: es ist gewiß, daß wir einen Körper besitzen, aber von einem Geiste, der sich von diesem Körper würde absondern können, wissen wir nichts, wir haben für sein Dasein keinen einzigen Beweis. Und was das zweite anbetrifft: natürliche Neigungen sind niemals unedel, so lange sie auf natürlichem Wege bleiben.«

Ich antwortete: »Ohne das erstere zuzugeben, will ich es ruhen lassen, weil unsere Wesensart allzu verschieden ist und wir einander doch nicht verstehen könnten. Allein deine Antwort auf das zweite gibt mir vielerlei zu fragen. Wenn eine Neigung in mir natürlich und folglich nicht unedel ist, wie ist es dann möglich, daß sie mich zu unedlen Dingen treibt? Sind alle natürlichen Neigungen in allen Menschen gut? Und wie soll ich natürliche und edle Neigungen von unnatürlichen und unedlen unterscheiden?«

»Hast du dafür kein Erkenntnisvermögen, Vico?« fragte mich mein Vater.

»Wenn ich meinem Erkenntnisvermögen folge, so nenne ich das unedel, was mein Vater natürlich nennt.«

Mein Vater schwieg einen Augenblick, um nachzudenken. Dann sah er ein, daß er, wolle er nicht noch mehr Boden verlieren, vom Allgemeinen zum Besonderen übergehen müsse. 

»Laß uns aufpassen, mein Sohn, daß wir uns nicht in Worte verirren. Zum Glück stellte ich fest, daß wir beide vor dem Gemeinen und Niederen einen Abscheu empfinden. So sorge denn dafür, daß du damit nicht in Berührung kommst. Das ist alles, was ich dir sagen wollte.«

»Aber das Gemeine und Niedere in mir strebt nach der Berührung mit dem Gemeinen und Niederen in anderen«, antwortete ich voller Bitterkeit.

Mein Vater wurde ungeduldig und sagte:

»Ich glaube nicht an diese Gemeinheit und Niedrigkeit in dir. Das haben dir die Pfaffen sicherlich eingeredet, als du noch ein Kind warst. Ich verstehe sehr wohl, daß du mit Begierden und Aufwallungen zu kämpfen hast, die durchaus nicht unnatürlich oder schlecht, sondern in deinem Alter ganz selbstverständlich sind. Aber suche dafür keinen Ausweg bei unwürdigen, liederlichen Personen. Vor der großen Gefahr habe ich dich bereits gewarnt, nicht wahr? Vergiß nicht, daß du dein ganzes Leben in wenigen Augenblicken verwüsten kannst, durch Ansteckung.«

»Ich vergesse das nicht, Vater.«

»Schön, aber du sollst auch zu stolz sein, um dich mit solchen tief stehenden Wesen abzugeben.«

»Ich möchte gern Grund haben stolz zu sein. Aber was in mir lebt, ist wahrlich dazu angetan, mich demütig zu stimmen. Kannst du mich von allem Häßlichen und Niederen erlösen? Du selber hast es in mir geweckt.«

»Ich!?« rief mein Vater aus, indem er die Stirn runzelte. 

»Durch deine wissenschaftlichen Aufklärungen. Vor jener Zeit war ich verhältnismäßig ruhig. Jetzt bin ich ein Ratloser, einer gefangenen und gequälten Katze gleich. Es nimmt ein böses Ende mit mir, Vater, das steht fest. Ich sehe es kommen und ich kann nichts daran ändern. Ich kann mir die Augen ausstechen und die Hände abhauen. Aber ich kann nicht meine Gedanken beherrschen und meine Visionen verscheuchen. Das ist mehr als Menschenwerk. Ich gehe zu Grunde, das steht fest, und dann nur je eher desto besser. Und so viel ist ja auch nicht an mir verloren.«

Mit schmerzlich gespannter Aufmerksamkeit lauschte mein Vater diesen ersten offenherzigen Worten. Dann sagte er mit einem halb mitleidigen, halb spöttischen Lächeln:

»Eines ist mir jetzt klar, mein Junge, und zwar, daß du baldigst heiraten mußt. Nun, du brauchst ja zum Glück nicht lange zu suchen oder eine Weigerung zu befürchten. Sei nicht schüchtern, Vico. Du trägst einen edlen Namen, du hast reines Blut, schöne Züge und einen gut gebauten, kräftigen, gesunden Körper. Für das Geld werde ich schon sorgen. Sei ruhig, mein Junge, du brauchst nur das zu nehmen, was dir zusagt.«

Ich erhob mich, tief entrüstet. Ich glaube, daß ich lachte. Ein Theaterlachen.

»Gewiß, deine Absicht ist es, daß ich ein reines und heiliges Wesen, dessen Namen auszusprechen ich nicht würdig bin, als ein Sicherheitsventil, als ein Schutzmittel, als Kloake für meine eigenen, niedrigen und häßlichen Triebe brauchen soll. 

Ich kann dir die Versicherung geben, Vater, daß ich den Mann, der solche Worte zu mir gesprochen, gefordert hätte, wäre er nicht mein Vater gewesen.«

Mein Vater versuchte mitleidig zu lächeln, allein es wirkte erkünstelt und gequält.

»Mein Gott, Vico, was für übertriebener, unmöglicher, schwärmerischer Unsinn! Sind denn alle Mütter, die Kinder geboren haben, Kloaken für ihre Gatten gewesen? Sei doch ruhig und vernünftig, mein Junge. Du bist kein Unwürdiger, deine Triebe sind weder unrein noch niedrig. Wer hat dir das eigentlich eingeredet? Sicherlich deine Mutter und ihre schwarzen Freunde. Es ist entsetzlich, wie eine Mutter ihrem Kinde frühzeitig die Gedanken vergiften kann.«

»Wenn einer meiner Eltern meine Gedanken vergiftet hat, so war es sicherlich nicht meine Mutter. Meine Unwürdigkeit erkenne ich durch eigene Einsicht, nicht durch fremden Einfluß. Aber mein Vater kann das nicht verstehen, weil ihm meine heiligsten und tiefsten Empfindungen fremd sind. Und wenn dein Rat auch vielleicht gut war, Vater, so würde mich allein schon die Art und Weise, wie du ihn ausgesprochen, abgestoßen haben. Überdies ist dein Rat auch eitel. Eine englische Frau von zwanzig Jahren heiratet keinen Jüngling von siebzehn, und in drei Jahren bin ich doch verloren, rettungslos verloren, ich sehe das mit Bestimmtheit kommen. Und was tut es denn auch? Es handelt sich ja nur um mich

Mit höhnischem Achselzucken ging ich im Zimmer auf und ab. Mein Vater preßte seine beiden Hände gegen die Stirn und starrte mit einem Blick voll Düsterkeit, altem Groll und Verzweiflung ins Leere. Noch entsinne ich mich jenes Blickes, und es wundert mich, daß er mich damals nicht schmerzlicher getroffen hat. Nach einer Weile erhob er sich, seufzte und verließ das Zimmer mit den Worten: »Wir werden ja sehen.«

Wiederum hatte der arme Mann das Gegenteil von dem bewirkt, was er bewirken wollte. Ein Eindruck war mir vor allen Dingen aus unserem Gespräch haften geblieben, und zwar der, daß meine Mutter mich sicherlich verstehen und vielleicht auch retten würde. Ich wußte, daß sie noch lebte, ich kannte auch den Namen unseres Landgutes. Zum erstenmal, seitdem wir unser Heim verlassen, kam mir der Gedanke an sie zu schreiben. Unter vielen Tränen setzte ich in jener Nacht einen langen, leidenschaftlichen Brief auf, in dem ich alle meine Qualen, meine Entzückungen, meine Kämpfe, meine herrliche Liebe und meine tiefe Selbsterniedrigung und Selbstverachtung aussprach.

Ich nannte keine Tatsachen, weil junge, empfindsame, leidenschaftliche Briefschreiber das meistens nicht zu tun pflegen, sondern sich lieber in allgemeinen Ausdrücken ergehen. Ich gebrauchte auch kein einziges religiöses Wort, weil mir in der Tat keinerlei Erinnerung an die kurze mütterliche Erziehung geblieben war und ich daher reine, ursprüngliche Herzensempfindungen in die mir geläufigste Sprechweise übersetzte.

»Hilf mir, liebste Mutter,« schrieb ich, »hilf mir; ich weiß, daß du allein es vermagst. Ich habe dich niemals vergessen, habe alle Tage und alle Nächte an dich gedacht. Ich sehe dich noch so deutlich vor mir, als hätte ich dich erst gestern verlassen. Ich bin mir selbst ein seltsames und entsetzliches Rätsel, und Vater kann mich leider Gottes nicht verstehen. Er spricht von der Natur, die allzeit gut sei, und sagt mir, daß meine Neigungen natürlich und daher auch gut seien. Ich aber nenne diese Neigungen häßlich und verächtlich, und die Natur, die mich dennoch dazu treibt, durchaus nicht gut. Das alles verstehe ich nicht. Die Natur quält und foltert mich. Und wie ich auch kämpfe, ich sehe keinen Ausweg. Und zugleich bete ich ein herrliches Wesen an, einen Engel an Reinheit, und mein Vater behauptet, daß ich diese Neigungen, die ich selbst verächtlich finde, auf diese heilige Geliebte übertragen müsse, und das ist mir ein entsetzlicher Gedanke. Ich liebe sie mit glühender, unsäglicher Liebe, aber ich würde erschauernd davor zurückschrecken, sie mit meinen unreinen Lippen zu berühren. In mir leben Gedanken, die mich in ihrer Nähe vor Scham umsinken lassen könnten. Und mit meiner häßlichen Niedrigkeit tauge ich nur für die niederen Wesen, die ebenso unglücklich sind wie ich und die ich hier umhergehen sehe und die mich hin und wieder anreden. Sage mir, liebste Mutter, gibt es noch Hilfe, gibt es noch Rettung für mich? Was ist das, die Natur, von der mir mein Vater spricht? Ist sie ein Ding oder ein denkendes Wesen? Und wie kann sie gut sein, allzeit gut, und mich dabei doch in die Enge treiben und so fürchterlich unglücklich machen?« 

In dieser Tonart schrieb ich viele Seiten voll und schickte sie weg, auf gut Glück, ohne allzu viel Hoffnung. Und vierzehn Tage lang ging ich täglich vergebens aufs Postamt, zuletzt ohne die geringste Erwartung.

Aber die Antwort kam dennoch, und ich zog mich damit in mein verschlossenes Zimmer zurück und erbrach mit zitternden Händen den Umschlag und küßte das Papier und konnte lange Zeit nicht lesen, weil mir die Tränen in den Augen standen.

Und als sich der Inhalt gleich einer lauen Flut zarter Segnung über mein gequältes und erstarrtes Herz zu ergießen schien, da weinte und küßte ich natürlich noch viel mehr und inniger. Wir Italiener sind immer ein wenig, was man hier in meinem holländischen Städtchen theatralisch und überschwenglich nennt, auch wenn wir uns völlig unbeobachtet wissen.




Ich bin stolz darauf, daß ich bereits vor so vielen Jahren die Frage an meine Mutter richtete, die meines Wissens auch die besten Philosophen niemals mit dem genügenden Nachdruck an sich selber gerichtet haben. Sogar diejenigen, die sich mit Vorliebe Naturforscher nennen, die also ihr ganzes Leben in den Dienst der Natur gestellt, die alles opferten, um sie zu ergründen, die niemals ohne Ehrfurcht und Bewunderung von ihr sprechen und die nicht aufhören ihre Schönheit, ihre Milde und den Frieden zu preisen, den sie ihren Diszipeln und Bewunderern schenkt, – auch sie vergessen es mit befremdender Achtlosigkeit uns mitzuteilen, ob sie sie für tot oder für lebendig halten, für ein Wesen oder für ein Ding, für eine denkende, fühlende, wohl bewußte und verantwortliche Gottheit oder für eine blinde, fühllose Macht, – vergessen sogar uns zu lehren, wie wir an so viel Lob und Huldigung festhalten können, während wir doch so viel Qualen und so viel gewaltige Fehler und so erbarmungslose Grausamkeit sehen.

Der Naturdienst ist die Religion, die in unserer Zeit allmählich die meisten Proselyten macht. Sogar der Apotheker in meinem Städtchen, der ein tüchtiger Botaniker ist, hat seinen schlaffen Protestantismus ganz allgemach gegen einen leidenschaftlichen und frommen Naturdienst eingetauscht. Wenn er mich hin und wieder in meine Gärtnerei begleitet und dabei immerfort Pflanzen sucht, kann er in wahrhaft südländische Begeisterung geraten beim Anblick von Insekten, Vögeln, Pflanzen, Bäumen, Weiden, Wiesen, – all der Schönheiten seiner angebeteten Natur. Seine Bibel mußte einer Zeitschrift weichen, die »Die lebende Natur« heißt, aber der toten Natur, den Wolken, dem Meer und den Sternen steht er nicht weniger entzückt gegenüber. Das alles ist sehr sympathisch, aber es kostet mich manchmal Mühe, den guten Mann nicht in die Enge zu treiben, indem ich ihn etwa frage, wo denn seiner Ansicht nach seine angebetete Natur aufhöre und wo etwas anderes beginne, ob er die Menschen und ihre Produkte ebenfalls zur Natur rechne und warum denn, bejahendenfalls, seine Bewunderung vor Amsterdams berüchtigten Gassen schleunigst rechtsumkehrt mache, was es denn für ein wunderbares Etwas sein könne, das ein so merkwürdiges Produkt erschuf wie die Menschen, und das zugleich der Widersacher, der Feind des großen, guten, schönen Verbandes der übrigen Dinge und von ihm ausgeschlossen sei.

Nun ja, lieber Leser, ich weiß wohl, daß die Menschen gedankenlos drauf losreden über die Mutter Natur und die schöne Natur und die menschliche Natur und so fort, ohne auch nur im mindesten zu wissen oder zu unterscheiden, was sie eigentlich sagen und meinen, – aber es hat doch unter meinesgleichen und meinen guten Freunden auch solche gegeben wie meinen liebwerten Kameraden Spinoza und meinen sehr teuren Freund Goethe, die die hohlen Phrasen durchaus nicht liebten und die auch fast unaufhörlich an diese Dinge gedacht haben, und die doch niemals mit genügender Kraft des Menschen Recht nachwiesen die Natur so sehr zu loben, wie sie es tun, alles Kennbare in ihre Domäne zu zwingen und dabei doch über manche ihrer Produkte, ich will mal sagen: Paviane, Tyrannen, Großinquisitoren, Trunkenbolde, Philister, moderne Gebäude und schlechte Verse in ethischem oder ästhetischem Sinne verwerfend zu urteilen und dieses Urteil dann sogar noch natürlich zu nennen.

Ja, dann war die Antwort, die ich von meiner Mutter erhielt, für einen jungen Verstand mindestens ebenso annehmbar. Sie schien in der Tat für jedes Loch einen Nagel und für jeden Nagel ein Loch zu haben. 

»Die Natur, mein lieber Sohn,« so schrieb sie, »ist blind und der Sünde verfallen. Kraft eines göttlichen Ratschlusses, den wir nicht zu ergründen vermögen, ist sie Satan überliefert . . . Aber der Natur steht das Wunder gegenüber. Das ist das Wunder der göttlichen Gnade, durch die wir von der Sünde erlöst werden können. Das Mittel zur Erlösung ist das Blut des Herrn, und nichts anderes wird von uns verlangt, als daß wir an Christum und die Erlösung durch sein Blut glauben. Dann wird das Wunder der Gnade für uns sich vollziehen, und kein Sündenfall ist so tief, als daß der Glaube an Christum nicht Rettung bringen könnte. Wie kräftig die Natur auch auf das Verderben hinarbeitet, das Wunder schmiedet Dinge

»a che natura non scaldo ferro mai, ne batte incude.«

Der Brief, dessen Fragment ich hier wiedergebe, machte auf mich einen tiefen Eindruck. Erstens, weil er als ein greifbares Lebenszeichen von der so hoch verehrten und beinah wie eine gestorbene Heilige angebeteten Mutter kam, und ferner, weil er alte zärtliche Kindererinnerungen in mir weckte durch bekannte, fromme Klänge, die meinem geschulten Gehör jetzt als etwas ganz neues erschienen. Und mit der mir eigenen begeisterten Bereitwilligkeit, die mir so oft einen Streich gespielt, nahm ich einen jeden der dargebotenen Gedanken gern und dankbar auf und versuchte und ordnete, bis sie in die Lücken, die ich selber in meinem Geistesleben entdeckt hatte, genau zu passen schienen.

Gewiß, die Natur hat den Hang herabzusteigen, durch den Einfluß Satans, der hinabzieht. 

Genau so hatte ich es empfunden. An der anderen Seite steht Gott, der ebenfalls zieht, aber empor. Auch das hatte ich empfunden. Die Natur ist also zeitweilig freigelassen und Satan darf ziehen. Warum? Das darf man nicht fragen. Göttlicher Ratschluß! Das heißt die Schwierigkeit wohl ein wenig an andere Stelle rücken, aber wenn dies erst einmal so deutlich ausgesprochen und die Tür ohne Zögern geschlossen wurde, so söhnt sich der Geist damit aus. Mag sein, daß etwas Unergründliches zurückgeblieben.

Und jetzt die Rettung: Christus.

Zum erstenmal tauchte dies Wort an meinem Horizont auf wie eine neue Pflanze, die ich in meinem Lebensgarten ersprießen sah. Jetzt, nach fünfzig Jahren, ist sie noch immer nicht ausgewachsen, verheißt indessen Blume und Frucht. Wunderbar sind die Wandlungen, denen sie inzwischen unterlegen.

Zuerst hörte ich ein Wort ohne Sinn und wußte nicht, was ich damit anfangen sollte. Ein Mensch, ein Gott, ein Mensch-Gott, ein Gott-Mensch . . . alles gut und schön, aber was bedeutete das für mich? Worte, Worte. Den Satan, der mich hinabzog, hatte ich gefühlt, den Gott, der mich emporzog, hatte ich gefühlt. Von Christus fühlte ich nichts. Die Versicherungen, daß er gelebt habe, daß er gestorben und wieder auferstanden sei, ließen mich kalt, so lange ich nichts von ihm gewahr ward.

Nun hatte ich zu bemerken geglaubt, daß Emmy mehr von ihm wußte. In ihrer Familie wurde des Morgens gebetet, und wenn ich sie die Worte »Jesus Christ, our Lord« sprechen hörte, so tat sie das mit so innigem Ausdruck, daß ich nicht daran zweifeln konnte, oder sie wisse ganz genau, wovon sie sprach. Dazumal kannte ich noch nicht die schöpferische Macht suggestiver Worte.

Ich begann daher, seltsamer Liebhaber, der ich war, während eines lustigen Morgenrittes mit dem lieben Mädchen zu theologisieren und fragte sie ohne Umschweife: »Emmy, wer ist Christus?«

Nun glaubte ich in meiner Naivetät, daß jemand, der von einem ernsten und nicht gleichgültigen Menschen nach einem wohlbekannten und teuren Freund gefragt wird, sich erfreut zeigen und gern und herzlich jede nur gewünschte Aufklärung geben würde.

Allein Emmy schien außerordentlich verwundert, ja sogar erschreckt, gleich als ob die Frage ihr durchaus nicht zusage, sondern sie sogar bedrücke.

»Wissen Sie das nicht?« fragte sie mit einer etwas kühlen, harten Stimme. »Ich glaubte, daß Sie religiös seien.«

»Gewiß bin ich das, Emmy. Aber gerade darum will ich gern mehr von ihm wissen.«

»Aber wird das denn bei euch Katholiken nicht gelehrt?« fragte Emmy.

»Jawohl, aber das genügt mir nicht. Das sagt mir nichts. Ich will auch fühlen, daß Christus da ist, und was er ist.«

»Wollen Sie Protestant werden?«

»Das ist mir gleich. Ich will nur keine Worte gebrauchen, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Wenn Sie »Jesus Christ, our Lord« sagen, so hat es den Anschein, als wüßten Sie wirklich, was Sie damit meinen,«

»Natürlich weiß ich das«, sagte Emmy ein klein wenig gereizt.

»Können Sie es mir denn nicht auch klar machen?«

Zu meinem andauernden Erstaunen schien Emmy das Gespräch recht unliebsam zu finden. Es war mir, als wolle sie die Sache möglichst bald abgetan haben. Sie begann gleichsam widerwillig zu sprechen über den Gott, der Mensch geworden, der für unsere Sünden gestorben und wieder auferstanden sei . . .

»Nein, Emmy, das kann mir nichts nützen. Es ist ja möglich, daß das alles wahr ist, aber was habe ich denn davon? Wenn er gestorben ist, so ist er eben tot . . .«

»Er ist wieder auferstanden«, sagte Emmy hastig und beinahe böse.

»Dann ist er auch niemals gestorben, dann ist es Unsinn von Sterben zu sprechen. Ist Sterben denn überhaupt noch Sterben, wenn man weiß, daß man sogleich wieder auferstehen wird? Dann können Sie mich ruhig dreimal täglich ermorden, vor dem bißchen Schmerz fürchtet sich niemand so sehr. Christus lebt also noch, – schön! dann frage ich: Woran merke ich das? woran fühle ich das? Was ist er denn in Wirklichkeit, und woran würde ich ihn erkennen, wenn ich ihn wahrnähme?«

»Sie müssen an ihn glauben«, sagte Emmy, noch immer mehr oder weniger gereizt. 

Und zweifellos geschah es in vollster Aufrichtigkeit, daß das liebe Mädchen zu glauben meinte, was man sie hatte glauben lassen. Gleichwie in einem jeden suggerierten Menschen widersetzte sich in ihr die betrogene Persönlichkeit, ohne klares Bewußtsein, gegen jedes kritische Drängen, das die Unwirklichkeit des festgehaltenen Scheinbildes zutage fördern könnte. Wie sehr habe ich das arglose Mädchen damals mit meinen naiven und unerbittlichen Fragen gequält! Und wie erfreut war sie, als ich endlich die Christusfrage aufgab und über Tennis und Croquet zu sprechen begann.

Aber wenngleich unformuliert, so war mir doch durch dieses Gespräch der Gedanke zu eigen geworden, daß Emmy in der Tat von Christus nichts wisse, daß sie das Wort auf Geheiß ihrer Eltern und der Gesellschaft gebrauche und als korrespondierende Wirklichkeit nichts anderes besitze als ein unwirkliches, schwankendes Phantom eines schönen, guten Mannes mit langem Haar und einem geteilten Bart, eines Mannes, der tot war und dennoch lebte, als Mensch und Gott zugleich, der überall und nirgends bestand und den man infolge all dieser sich widersprechenden Eigenschaften noch am leichtesten in Bildern erkennt, die nicht ähnlich sind und nicht ähnlich zu sein brauchen, in Worten, die wohlig berühren durch bekannte Klänge voll teurer Assoziationen.

Allein die Verachtung für diese Art von Glauben an tief eingeprägte Unwirklichkeiten und Suggestionsbilder hatte ich von meinem Vater übernommen und ich bewahre sie noch als den größten Schatz, den er mir hinterließ und mit dem er an mir alle seine Schulden tilgt.

Es gibt keinen Schein, – es gibt nur Grade von Wirklichkeit, und was wir Scheinbilder nennen, das sind nur sehr flüchtige, von Menschen erschaffene Wirklichkeiten im Vergleich mit den ewigen und standhaften Wirklichkeiten, die wir mit Seele und Sinnen wahrnehmen und die von höherer Herkunft sein müssen.

Wir aber wollen menschlichen Schöpfungen nicht die Ehre zuteil werden lassen, die nur göttlichen zukommt, wollen weder hohle Worte sprechen noch auch suggerierte Scheinbilder anbeten.

Von dem mütterlichen Geschenk blieb mir also die Christusidee vorläufig noch ohne Wert, – aber dennoch fühlte ich mich schon reich mit den Vorstellungen von Gott und Satan als den Ursachen des traurigen Zwiespaltes und der Verwirrung in meinem Gemüt. Jetzt kam es nur noch darauf an, Satan zu bekämpfen und Gott zu Hilfe zu rufen. Mutters Rat war folgender gewesen: beten und das Fleisch bezwingen und kasteien. Ich versuchte es unmittelbar mit vertrauensvollem Eifer, – und siehe, wahrlich, es half. Ich wagte selbst kaum daran zu glauben, es erschien fast allzu schön.

Ich betete am Abend und am Morgen in der mir eigenen ursprünglichen und aufrichtigen Weise zu der Macht, die ich als eine mich erhebende empfand und die ich Gott nannte. Ich legte mir selber Strafen auf. versagte mir Wein und gutes Essen, badete viel in eiskaltem Wasser, kleidete mich unzulänglich, machte die anstrengendsten Fußtouren und schlief, wenn Satan die Oberhand zu gewinnen drohte, sogar neben meinem Bett auf dem harten Fußboden. Denn daß ich lieber mit Gott empor wollte als mit Satan in die Tiefe, davon war ich durchaus überzeugt. Es ist seltsam, mit welch einem blinden Dünkel der Mensch sich in dieser Hinsicht für eine Ausnahme halten kann, als ob irgend jemand in der Welt lieber mit Satan in die Tiefe als mit Gott empor fahren würde, solange er die beiden deutlich zu unterscheiden vermag.

Und noch seltsamer darf es genannt werden, daß ich mir selber alle diese Mühe gab, während doch die mütterliche Weisheit nur an die Rettung durch ein Wunder glaubte, durch ein Wunder, das ich sicher nicht ertrotzen, und durch den Glauben an Christus, den ich mir mit dem besten Willen nicht beibringen konnte.

Das Fischlein sah nicht, daß es infolge dieser Evolutionen alsbald in die Flügelnetze der Reuse geriet, die in die gleiche Glaubenssuggestion mündete, von der es sich schon einmal erschreckt abgewandt hatte.

Denn die Evolutionen halfen, daran war kein Zweifel. Ich fühlte mich nach kurzer Zeit aufgeräumter, mutiger und vor allen Dingen reiner und stärker. Satan schien, wenn nicht besiegt, so doch außerordentlich eingeschüchtert zu sein. Ich ruderte, ritt, spielte Kricket und Krocket, studierte und ging spazieren, – und zwar draußen, nicht in den gefährlichen Parks. Ich erachtete die Schande meines Falles nicht als getilgt und hielt mich, als Unwürdiger, in respektvoller Entfernung von meiner Geliebten. 

Aber ich sah sie häufig und verehrte und vergötterte sie nach Herzenslust, ohne viel an die Zukunft zu denken.

Dieser Erfolg war weder einem Wunder noch dem Glauben an Christus zuzuschreiben, – wohl aber der freudigen Erregung, die der Mutter Brief in mir ausgelöst, und ferner einer gewaltigen Auto-Suggestion. Aber das alles schien ihre Weisheit zu befestigen und bereitete daher die Empfänglichkeit für tiefere Suggestionen vor.

Satans Bild ward mir bei diesen Tugendexerzitien kraft seiner Wechselwirkung beständig klarer. Die listige böse Macht, deren Bestehen ich durch meine Kriegserklärung offiziell anerkannt hatte, zeigte sich geschmeichelt und offenbarte sich mit stärkerer Realität. Ich wußte damals noch nicht, daß Suggestion Realität gebären kann und daß alle Handlungen zugleich auch Auto-Suggestionen sind.

Satan wich, versteckte sich, tauchte arglistig wieder auf, wartete auf eine günstige Gelegenheit, nützte Achtlosigkeiten und schwache Augenblicke aus und betrug sich, mit einem Wort, wie ein sehr lebendiger und kluger Satan.

Seine höchste Kunst bestand darin, daß er meine Exzesse in der Tugend endlich zu seinen Gunsten ausnützte. Nach ein paar Wochen der Selbstkasteiung, der übermäßigen Ermüdung, der kärglichen Nahrung, des schlechten Schlafens und der allzu dünnen Kleidung erkrankte ich natürlich, und die liebenswürdige Familie Tenders wollte es nicht gestatten, daß ich anderswo als in ihrem Heim gepflegt würde. 

Dies nun war Satans beste Chance, von der er in trefflicher Weise Gebrauch machte. Er verhielt sich mäuschenstill, kein unreiner Gedanke, keine Vision, kein böser Traum quälte mich. Die hungrigen Hunde, die ich allmählich als Satans treue Haustiere zu betrachten begann, blieben still, erstens infolge der Auto-Suggestion, ferner infolge der Krankheit und endlich . . . kraft des aus meinem Handeln deutlich hervorgehenden Versprechens, daß ich ihnen eine edlere Beute vorwerfen würde. Denn wenngleich ich es mir selber auch nicht eingestand, – wohin konnte das täglich inniger und zärtlicher werdende Verhältnis zwischen dem sterblich verliebten und langsam genesenden Patienten und der liebreizenden Pflegerin führen, die seiner Verehrung durchaus nicht unempfänglich gegenüberstand? Die Flamme des Märtyrertums wurde durch Beaftea, weich gekochte Eier und süßen Malagawein alsbald gelöscht, und ich konnte in den leisen Befehlen zur Selbstschonung unmöglich Satans Stimme erkennen, noch auch konnte ich in dem Glauben leben, daß ich Gott Ehre erweise, indem ich solch einer liebreizenden Herrin ungehorsam sei.

Welch eine Zeit! Welch eine Zeit! Während des ganzen Weges, den ich von der Gärtnerei nach meinem Hause zurücklegte, habe ich gelächelt, immerfort gelächelt in süßer Erinnerung. Die Kinder auf meinem Wege bekamen Groschen anstatt der Pfennige, und der Fischer, der eben damit beschäftigt war, sein an Land geholtes Boot zu kalfatern, schaute mich aufmerksam an, gleich als wollte er sagen: »na, heute morgen scheint mir der alte Herr schon einen genehmigt zu haben.«

Selig berauscht fühlte ich mich in der Tat von dem starken Aroma jener längst verflossenen jungen Liebeszeit. Der Klang ihrer Schritte des Morgens, das Rauschen ihres Kleides, bevor ich sie sah, wenn sie mir die leckeren Speisen brachte, die sie zu meiner Erquickung sich ausgedacht, die heiteren Gespräche, während deren sie zunächst auf einem Stuhl neben dem Bette saß, später aber hin und wieder auf dem Rand des Bettes.

Und einmal, zu allerletzt, als ich am nächsten Tage aufstehen durfte und ihr für alle ihre treue Sorge dankte, neigte sie sich über mich, und noch bevor wir beide so recht wußten, was wir taten – so wenigstens erschien es mir, vielleicht war sie wohl bewußter als ich – hatten wir einander auf die Lippen geküßt. Und die seligen Tränen, die ich vergoß, nachdem sie gegangen, – ob der unverdienten Gnade, und der Unmöglichkeit einer Dauer dieses Glückes, – das alles sind Dinge, nicht wahr, Leser? die wir zumeist als die allerhöchsten Gipfel unserer Lebensfreude zu erachten pflegen, die noch am prächtigsten blinken, wenn unsere Sonne schon zu sinken beginnt. Aber wisset denn wohl, daß Freude und Seligkeit aus unvergänglicherer Materie gemacht sind als Fels und Gletscher, und daß man sehr große Schönheit am besten aus der Ferne schaut. Seit langem schon habe ich es empfunden, daß die größte Freude am höchsten geschätzt werden kann, wenn sie in gewisser Entfernung hinter uns liegt, und man muß alt werden, um die volle Lust der Schönheit im Augenblick der Wahrnehmung selber zu kosten.

Es folgten noch ein paar herrliche Tage bei strahlendem Sommerwetter, die ich in einer Hängematte verbrachte, zwischen den Eichen, über dem glatten, grünen Rasen.

Ich sah die runden Sonnenschatten auf dem Grase, sah die leuchtende, sanft dahinfließende Themse, die schimmernden Schwäne, die freudigbevölkerten Boote, die heiteren, freundlichen Menschen um mich her, und in ihrer Mitte, gleich einem sonnigen Glückskern, das üppige Goldhaar einer, die mir am liebsten war und von der alle Sommerherrlichkeit erst ihren rechten Glanz entlieh. Ich las Heine und hörte Schumann spielen und atmete den feinen, durchdringenden Lindenblütenduft ein, den wunderbaren Duft voll scharfer Wehmut und süßen Verlangens, dessen wir uns so recht eigentlich erst erfreuen können, wenn die Liebe in unserem Herzen heimisch geworden. Durch so viel Länder war ich schon gereist und hatte doch niemals den Duft der Lindenblüten gerochen, so daß es mir war, als ob der große Lindenbaum durch Emmys Zaubermacht zu duften, als ob die goldene Sonne nun erst so recht zu scheinen begänne.

Aber dann war ich genesen und das schöne Faulenzerleben hatte sein Ende erreicht. Und Emmy, eingedenk unseres letzten, wenig befriedigenden Gespräches zu Pferde, vielleicht auch, um mir ein Gegengift gegen Heine zu verabfolgen, brachte mir als Abschiedsgeschenk ein kleines Neues Testament, das ich dankbar und ehrfurchtsvoll an mein Herz drückte und worin ich fleißig zu lesen begann.




Jetzt hielt mich der böse Satan fest in den Klauen, und er konnte sich zeigen, ohne daß das erschreckte Fischlein zurückschwamm. Mein Körper, jetzt wieder gesund und erquickt, begehrte Emmy zur Frau in der gewöhnlichen, menschlichen, althergebrachten Weise. Er gab dies mit unleugbarer Deutlichkeit zu erkennen, ohne sich um meine erhabenen Skrupel auch nur im allermindesten zu kümmern.

Satan konnte höhnisch grinsen ob der Falle, in die ich geraten war. Die Schande meiner Unwürdigkeit wäre vielleicht unter Zuhilfenahme von Emmys großmütigem Verzeihen getilgt worden. Solch eine Entsündigung ist in der Romanwelt nichts ungewöhnliches und in der realen Welt ziemlich allgemein. Aber der Körper wollte von Aufschub durchaus nichts wissen, und wenngleich die Umstände noch so günstig waren, so erforderten der Anstand und die Konvention, ja selbst der gewöhnliche praktische Verstand dennoch eine Wartezeit von einigen Jahren.

Einige Jahre . . . wie leichtfertig werden dergleichen Termine in Liebesgeschichten gestellt und niedergeschrieben, von Vater Jakobs sieben Jahren an, – und wie entsetzlich verschieden kann ihre Bedeutung sein, je nach dem verschiedenartigen Temperament des Mannes. 

Der alttestamentarische Hirtenknabe mag vielleicht unversehrt daraus hervorgegangen sein, – aber wenn wir versuchen, aufrichtig zu sein, dürfen wir dann nicht voraussetzen, daß solche Termine bei den modernen Kulturmenschen viel Ungerechtigkeit, Kompromisse und unwürdige Transaktionen zwischen dem sittlichen Ideal und der natürlichen Begierde zur Folge haben?

Als ich eben erst nach England gekommen war, hatte ich in einem Buch von Thackeray die Bemerkung gefunden, daß es vielleicht wohl reine Frauen gäbe, aber sicherlich keine reinen Männer, und ich hatte in jugendlichem Übermut den feierlichen Eid geleistet, daß ich ihn zum Lügner stempeln wolle. Dies war der erste der hübschen Serie gebrochener, geleimter und geflickter Eide, mit denen mein aufrührerischer Seelenhaushalt allmählich ausgestattet ward. Und man würde glauben können, daß der Ehrgeiz zum Sammeln jener kostbaren und zerbrechlichen Kinkerlitzchen nicht so allgemein angepriesen zu werden brauchte. Ich zum mindesten habe diese Liebhaberei teuer bezahlen müssen, und sie hat mir durch Kämpfe, Selbstpeinigung, Selbstvorwürfe und andauernde Sorgen die besten Jahre, die schönsten Empfindungen meines Lebens verkümmert.

Und wenn ich zu guter Letzt wenigstens eine Lehre daraus gewonnen hätte! Aber wahrlich, müßte ich heute noch einmal von vorne beginnen, ich wüßte noch immer nicht, wie ich besser handeln könnte. Sicherlich würde ich niemals mehr Versprechungen machen, – aber was ich einstens unrein und unwürdig nannte, das nenne ich noch heute so. 

Und daß ich doch infolge meiner eigenen Wesensart darauf gestoßen worden bin gleich einer widerspenstigen Katze, das erachte ich noch als etwas ebenso Schmachvolles und Ungerechtes. Aber wie ich es hätte verhüten können, das weiß ich noch immer nicht, denn ich habe gekämpft wie ein Held, und ich war doch nicht einer der schwächsten, ja stärker als die große Mehrheit.

Das aber weiß ich, daß ich neben all diesen Sorgen nicht auch noch der Reue einen Platz in meinem Hause gönnen würde, und dir, lieber Leser, kann ich nur raten, daß du diesem Gast unerbittlich die Türe weisest. Ich würde sicherlich ebenso widerspenstig bleiben, ebenso unversöhnlich dem Unreinen und Unwürdigen gegenüber, – aber wenn es gilt, das Bewußtsein der Sünde und das Gefühl der Schuld zu tragen, so weiß ich jetzt, wer rechtens geneigt und gewillt ist, uns armen Gequälten diese Last tragen zu helfen und sie uns zu erleichtern.

Die Zusammensetzung der menschlichen Gesellschaft, die Vorschriften der Konvention sind überdies völlig ungeeignet den Kampf zu erleichtern, weil das Zusammenleben und der Sittenkodex so wenig Verständnis an den Tag legen für die wahre Art unserer Mühsal. Dort, wo ich nicht die mindeste Gefahr witterte, richteten sich starke Mauern strenger Konvention auf, und wo ich ganz sicher zu erliegen glaubte, da bot die Welt keinen Schutz.

Mit einer von Emmys Freundinnen oder einer anderen unverdorbenen Frau oder einem jungen Mädchen, wie schön und reizvoll sie auch sein mochte, hätte man mich ohne die geringste Gefahr auf Reisen schicken und mich ohne Zeugen tage- und wochenlang zusammen sein lassen können, und es würde in mir kein Hauch von Verliebtheit, kein unreiner Gedanke erwacht sein. Was Emmy selber anbetrifft, so boten ihre Arglosigkeit und meine eigene Scheu und Ehrfurcht eine bessere Gewähr als alle Sittengesetze der Welt. Sobald ich aber in einer Frau, die mir vollkommen fremd und gleichgültig, ja oft sogar häßlich und abstoßend war, jene eigenartige Schwäche bemerkte, die so oft mit großer Gutherzigkeit gepaart geht und die auf beinah unmerkbare Weise andeutet, daß die Scheidewand der Keuschheit bei einem ersten Versuch weichen würde, da fühlte ich mich trotz aller konventionellen Hemmungen bereits von Anfang an verloren.

Oftmals versuchte ich, allein ohne Erfolg, mir vorzustellen, wie häßlich eine Frau wohl sein müsse, um mich dazu zu bringen, daß ich ihrer Annäherung mit eisiger Kälte begegnete. Jede Frau, auch die reizloseste, konnte mich zu Fall bringen, allein schon dadurch, daß sie sich erniedrigte. Gleichsam von einem Übermaß ritterlichen Empfindens getrieben, konnte ich der Frage einer Frau nicht widerstehen, noch auch sie abwarten. Es war, als müßte ich dem Wegwerfen ihrer Scham um jeden Preis durch eigene Erniedrigung zuvorkommen, das heißt, so lange sie nur meinen Körper und nicht mein Herz begehrte. Mein Herz blieb sorgfältig hinter dem Wall meiner aufrichtigen Liebe verborgen. Wenn körperliche Neigungen und seelische Empfindungen einmal voneinander losgerissen sind, wachsen sie nie mehr völlig zusammen, und es bleibt während des ganzen Lebens die Möglichkeit trüber Verwirrung bestehen. Trotz meiner reinen und heißen Liebe zu Emmy konnten meine körperlichen Triebe bis zur Raserei aufgestachelt werden durch die erste beste Frau, die geneigt schien den Schleier der Scham vor mir fallen zu lassen. Und während, mit Ausnahme von Emmy, die schönste, liebenswerteste Frau keinerlei Macht über mich besaß und sowohl Emmys argloses Vertrauen zu mir wie auch ihr vollkommener Mangel an Eifersucht in dieser Hinsicht gerechtfertigt erschien, so konnte eine grobe, ungebildete, sinnliche und gutherzige Frau mich zu Dingen verführen, die weder Emmy noch ein andrer, der mich kannte, für möglich gehalten haben würde. So sieht man, wie außerordentlich notwendig es ist, daß man den seltenen Zusammenhang zwischen Affe und Engel schon von Kindesbeinen an in fester, vernünftiger Weise regelt, denn die beiden haben so ganz verschiedene Auffassungen von Schön und Gut, daß es nicht angehen kann, in einem engen und zerbrechlichen Hause einem jeden von ihnen die Freiheit zu gönnen.

Im übrigen war ich kräftig und in bestem Gleichgewicht, sowohl seelisch wie körperlich. Von Krankheiten weiß ich wenig, und die Erschlaffung des bindenden Gliedes zwischen dem wahrnehmbaren und dem unwahrnehmbaren Teil unseres Wesens, die man in unserer Zeit Nervenleiden nennt, war mir allzeit fremd.

Und was am seltsamsten war und mich in meinen Schwierigkeiten am meisten in die Irre führte, war dies, daß der Affe, wenn er endlich seinen Willen bekommen hatte, mich dafür mit Erquickung und einem behaglichen körperlichen Empfinden belohnte, mit einem Gefühl erfrischter und verstärkter Lebenskraft, einer Klarheit der Gedanken, einer Zunahme an Arbeitslust und Genußfähigkeit. Dies alles stimmt sehr schlecht überein mit der hergebrachten Strafe, die die Missetat zur Folge hat, nicht wahr? Vielleicht scheint es sogar im auffälligen Gegensatz zu der sittlichen Weltordnung zu stehen. Ich kann daran nichts ändern, es war alles so, wie ich es hier schildere, und die Ehre der Tradition könnte nur gerettet werden, indem man, gleichwie ich es einstens tat, alles als einen äußerst raffinierten Betrug Satans erklärte.

Mit dieser Auffassung läßt sich das Gewissen indessen nicht einschläfern. Im Gegenteil, wer sich einen echten, lebendigen Teufel halten will, der muß ein Gewissen haben, an dem der Teufel nagen kann. Rein und ursprünglich braucht es nicht zu sein. Er nimmt mit jedem billigen Massenfabrikat fürlieb, und die Qualen bleiben die gleichen.

Mein Leben in jenen Jahren bedeutete einen einzigen, langen, heimlichen Kampf, dessen Heftigkeit nur mein Vater vermutete, ohne daß der arme Mann, der wirklich darunter litt, weil seine Lebensaufgabe dadurch gefährdet schien, zu meiner Erleichterung irgend etwas hätte tun können.

In seiner Hilflosigkeit hat er es sogar ernstlich erwogen und mir in versteckter Weise den Vorschlag gemacht, dem Vorbild mancher aristokratischen englischen Familien zu folgen, in denen man, wie er sicher zu wissen behauptete, hübsche Dienstmädchen engagierte, um den Sohn des Hauses vor schlimmeren Ausschweifungen zu bewahren – bis die Zeit zu einer vornehmen Heirat gekommen und man die Mädchen mit einem reichlichen Schandgeld heim schickte.

Aber allein schon die Anspielung darauf ließ mich vor Entrüstung aufbrausen, wie wenig Recht ich auch zu einem solchen Stolz haben mochte. Wie kommt es doch, daß jede Erinnerung an das, was der Mensch als etwas Erniedrigendes in seinem Liebesleben empfindet, niemals unerträglicher und schmerzlicher wirkt als zwischen Eltern und Kindern?

Mein Leben und mein Wesen in jenen Jahren war gleich dem Kampf zweier Mächte in tödlicher Verwirrung, auf und niederschwebend zwischen Wolken und Erde, zwischen Himmel und See, der Adler der idealen Erhabenheit und die Schlange der tierischen Gelüste

Feather and scale inextricably  blended.

Für mich bei aller äußeren Ruhe, trotz sorglosen Lebens ein angstvoller und entsetzlicher Kampf mit

many a check and many a change, a dark and wild turmoil.

Der Schmerz, die Scham, die Selbstverachtung, die Verzweiflung, die daraus entstanden, machten mein Verhalten Emmy gegenüber so wunderlich, so ungleichmäßig und so launenhaft, daß sie es oftmals als eine Kränkung empfand und so vorsichtig war, sich selber mehr zurückzuziehen.

Alsbald schon bekam ich einen Rivalen. Es war ein junger, englischer Offizier, ebenso gut gebaut, von ebenso hübschem Äußeren wie ich, aber sehr viel ruhiger und gemäßigter und von eigenem Recht und eigener Tugend weit überzeugter. Schon um dieser Eigenschaft willen haßte ich ihn, während ich doch mit stiller Verbitterung seine höheren Rechte anerkannte, weil ich ihn für einen reinen Mann hielt. Mein Nebenbuhler, Kapitän Truant, war in allem wohlerzogen und korrekt und mir gegenüber ungezwungen und herzlich. Dennoch konnte er es nicht völlig verbergen, daß er in mir den Italiener, das heißt einen Menschen von niedererer Rasse und zurückgebliebener Kultur sah. Ich begriff, daß er es unsinnig und jammerschade finden würde, wenn ein reizendes, blondes, englisches Mädchen wie Emmy sich an einen dunkeläugigen, ausländischen Typus wegwürfe. Ich hatte zwar Geld und einen Grafentitel – aber es gibt auch japanische, türkische und persische Edelleute, die eines schönen, gebildeten, englischen Mädchens doch nicht würdig sind. So stellte sich denn Harry Truant ohne die geringsten Skrupel, in der ruhigen englischen Überzeugung, daß alle seine Handlungen gut und recht seien, mit einer gediegenen, gleichmäßigen, emsigen Kurmacherei zwischen uns beide. Und was mir sofort mit schmerzlicher Klarheit bewußt ward, das war, daß Emmy und Harry einander viel leichter und schneller verstanden. Sie waren ein jeder in des anderen Welt zu Hause, der eine verstand die Manieren, den Geschmack, den Humor des andern unmittelbar. Vielleicht hatte mir meine fremdländische Art anfangs zum Vorteil gereicht durch den Reiz, der allem Fremden und Neuen eigen ist. Allein meine unerklärlichen Launen, meine oftmals ungestüme, oftmals völlig zurückhaltende Art hatte Emmy schon seit langem ermüdet und erschreckt, und ich gewahrte, daß die ihr mehr vertraute und bekannte Wesensart des englischen Standesgenossen ihr wohltat und in höherem Maße behagte. Ich beobachtete das alles voll bitterer Ergebenheit. Ich glaubte, meinen verdienten Lohn zu erhalten.

Dennoch würde mich das gute Mädchen nicht leichtsinnig für einen anderen Mann aufgegeben haben. Zu einer Erklärung hatte ich es niemals gebracht, sie konnte sich frei fühlen. Aber sie war gewissenhaft genug, sich auch durch eine unausgesprochene Neigung, durch die Vertraulichkeit unserer Gespräche und durch jenen einen Kuß als gebunden zu erachten.

Ich begriff das und wollte in bitterer und hoffnungsloser Selbstaufopferung jenem Zustand ein Ende bereiten.

»Ich sehe sehr wohl, was vor sich geht, Emmy,« sagte ich eines Abends, während wir am Ufer des Flusses beisammensaßen, »und ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie sich nicht als gebunden erachten sollen. Sie sind frei.«

Sie schaute mich eine Zeitlang zweifelnd und mit traurigem Ausdruck an. Dann sagte sie mit leichtem Kopfschütteln:

»Was ist doch eigentlich mit Ihnen, Vico? Warum sind Sie so seltsam zu mir?« Ihre sanfte, mitleidige Stimme, der innige, vertrauliche Ton, der weiche Ausdruck ihres Gesichtchens, das alles überwältigte mich gar zu sehr. Ich fühlte, wie mir die Tränen kamen, und preßte die Fäuste zusammen. Allein es half nichts. Ich stand auf, machte ein paar Schritte vorwärts und lehnte mich mit der Hand gegen die rauhe Rinde eines Baumes, während ich mein Schluchzen gewaltsam zurückdrängte. Da fühlte ich eine sanfte Hand auf meiner Schulter.

»Vico!« sagte sie.

Ich aber schüttelte mit einem nervösen Ruck ihre Hand ab und sagte mit halberstickter Stimme: »Rühren Sie mich nicht an, ich bin Ihrer nicht wert.«

Sie zog die Hand zurück und ich begriff, daß sie ein wenig kühler und vorsichtiger ward. Sie begann natürlich etwas Schlimmes zu vermuten.

»Können Sie es mir sagen, Vico?« fragte sie, nicht unfreundlich, wohl aber in viel strengerem Ton.

»Nein, Emmy, niemals! Aber vergessen Sie nicht, daß ich Sie so liebe, wie Sie ein anderer Mann nie wird lieben können. Aber ich bin Ihrer nicht wert und ich will, daß Sie glücklich werden sollen. Ich werde Ihnen nicht mehr im Wege sein. Kümmern Sie sich nicht darum, was aus mir wird.«

»Armer Junge,« sagte Emmy mit ernster, warmer Stimme. »Ist es wirklich etwas so ganz Unüberwindliches?«

»Durchaus unüberwindlich, Emmy. Denken Sie nicht mehr daran. Gott segne Sie!«

»Gott segne Sie, Vico!« sagte Emmy, während sie mir mit einem unsicheren, halb schmerzlichen, halb resignierten Blick nachschaute. Resignierter als mir lieb war.

Solch ein Abschied hat sich des öfteren abgespielt und es folgte ihm oft eine Versöhnung, so manchmal sogar mehrere Abschiede und Versöhnungen. Hier aber war nicht jene gegenseitige, gleich heftige Zuneigung und nicht die Beschränkung der Möglichkeit, die alle Skrupeln durch Ausdauer überwinden läßt. Der Nebenbuhler machte von dem ihm sich bietenden Vorteil schleunigst und mit gutem Gelingen Gebrauch.

Ich mied Emmys Haus, besuchte aber dafür häufig den Klub, in dem auch Kapitän Truant verkehrte. Und nach Verlauf von wenigen Wochen sah ich ihn dort eines Abends eintreten und von seinen Freunden Glückwünsche in Empfang nehmen. Ich begriff, was das zu bedeuten hatte und saß da mit einem eisigen Gefühl, und auf das Blatt starrend, in dem ich zu lesen vorgab.

Aber der Glückliche trat näher. Er war nicht edelmütig genug, um mich zu schonen. Unter denen, die ihn lebhaft bewillkommneten und beglückwünschten, war auch ein Offizier, dem von den übrigen der Spitzname »Gallant Kapting« beigelegt war, ein unbedeutendes, prahlerisches Kerlchen, das ein Monokel trug und das mir ganz besonders zuwider war, weil er, wiewohl er selbst stets zum Narren gehalten wurde, sobald er tüchtig getrunken hatte, mit seiner frechen Beredsamkeit und seinen englischen Scherzen mich, den Fremden, erfolgreich zum besten hielt. Dieser stellte sich mit Harry laut lachend und schwatzend dicht neben mir auf. »Und was soll jetzt aus Dina werden?« fragte der Windbeutel Truant.

»Still, still doch, Mensch,« antwortete Truant. »Ein wenig Diskretion, wenn ich bitten darf.«

Allein der angeheiterte Geck war nicht so rasch zum Schweigen zu bringen.

»Bekomme ich Vollmacht, Harry, um die freigewordene Stelle auszufüllen? Als rechtlich autorisierter Stellvertreter?«

»Gut, gut,« sagte Harry Truant, nur um ihn los zu werden.

Ich aber hatte das alles sehr wohl gehört und begriffen, oder besser gesagt, ich hatte nur das Eine begriffen, daß ich infolge eines Machtwortes plötzlich die Erlaubnis erhielt, alles das zu tun, was mein Körper begehrte. Der gequälte Körper, der nach dem langen Kampf zwischen Schlange und Adler erschöpft war, sehnte sich jetzt nach Rache und Vernichtung.

Das Zimmer, die Gaskronen, die Stühle, alles begann in angenehmer, ja sogar behaglicher Weise zu verschwimmen, zu schweben, sich zu drehen, und mit der schweigenden, mordlustigen Energie, die meine Vorfahren männlicherseits unter solchen Umständen kennzeichnete, hatte ich Harry Truant nach der Kehle gegriffen.

Sollten diese Memoiren einen englischen oder amerikanischen Verleger finden, so wird es notwendig sein, hier zu erwähnen, daß der Engländer mit seinen geübten Boxerfäusten den Italiener ohne Mühe kampfunfähig machte und ihn bewußtlos in eine Ecke schleuderte. In den Tauchnitz- und anderen Ausgaben mag die Wahrheit vermeldet werden, daß Harry Truant und Vico Muralto sich an jenem Abend gegenseitig übel zurichteten, indessen ohne tödliche Folgen, und daß die Anwesenden sie nur mit Mühe zu trennen vermochten. Die Herausforderung zu einem Duell wurde, da eine solche den Sitten und Gesetzen seines Landes widerspricht, von dem englischen Offizier nicht angenommen, was mir dazumal sehr leid tat und mich dazu bestimmte, ihn für alles das zu erklären, was feige und ehrlos genannt wird. Was ich heutigentags indessen nicht nur entschuldige, sondern sogar in hohem Maße anerkenne.

Noch in demselben Jahr reisten Harry und Emmy als Mann und Frau nach Indien, während Vico und sein Vater ihre letzte gemeinschaftliche Reise antraten.




Man hat mich in meiner Jugend wohl manchmal einen Dichter genannt, und wiewohl ohne triftigen Grund und auf gut Glück, so doch nicht immer ganz zu Unrecht.

Denn ich bin ein Suggestionsvernichter, ein Gruppensprenger, einer, der seinen Weg abseits von der Herde sucht, der die Abgötter haßt, aber auch einer, der die Freude, die Schönheit und die Seligkeit begehrt und die Wirklichkeit liebt. Und alles das sind die Kennzeichen eines Dichters. Aber Versemachen, das war nicht meine Sache. Man lasse es mich Unwillen nennen, dann darfst du, lieber Leser, von Unmacht sprechen, und es ist möglich, daß wir beide dann doch das gleiche meinen.

Ich verehre und bewundere die großen Sänger, habe aber selbst stets eine Hemmung empfunden, wenn ich meine persönlichen und intimen Regungen in selbständige Dinge und öffentliches Eigentum umwandeln wollte. Mir war es, als müsse ich sie vor dieser Kur erst töten, so wie Medea es mit ihrem Schwiegervater Aeson machte – und dazu war ich nicht imstande.

Ebensowenig vermochte ich Gestalten zu schaffen, die meinen Kummer, meine Schwächen, meine Torheiten und meine Tugenden auf eigene Weise zeigten – und neue Persönlichkeiten mit einem selbständigen Leben bildeten, so wie mein lieber Freund Goethe Werther, Faust, Egmont und Tasso schuf.

Ich gestehe, daß es eine große Lust und ein großer Trost gewesen sein muß und zugleich ein starker Beweis für den Mut und die Liebe, ein holdes Nachahmen der schöpferischen Gottheit und eine Bereicherung der Menschenwelt. Aber ich vermochte es nicht einmal zu versuchen.

Mein großes Leid schien mir zu heilig und zu vertraut, um kleine Verse daraus zu machen und sie gleich singenden Vögeln über die Menschenwelt dahinschweben zu lassen, zu meiner Erleichterung und zur Freude und Erbauung anderer.

Ebenso dünkte es mich erniedrigend, mein eigenes Wesen zu einer Maske zu verstellen und es in einer wohldurchgeführten Rolle um den Beifall der Menschen buhlen zu lassen. Gerade in der Art und Weise meines jungen Freundes Nietzsche, der sich so unbändig gegen Schauspieler und Komödianten zur Wehr setzt, dabei aber nicht zu bemerken scheint, wie sehr er selber gleich allen Dichtern ein histrionischer Künstler ist.

Ich sah in dem Sänger und dem Schauspieler stets nur den Höfling. Ariosto hatte seinen Alfonso d'Este und Goethe seinen Karl August.

Und die großen Freiheitssänger des verflossenen Jahrhunderts: Shelley, Byron, Hugo, ei! waren sie nicht die Höflinge des Königs Demos?

Ich bin kein Feind des Königs Demos, und ich weiß wohl, daß sein Weltreich kommen wird. Möge er alle Könige ersetzen und so lange regieren, bis König Christus allein unter den Menschen herrscht. Ich wünsche ihm Erfolg und Ruhm, gleichwie ihn Diogenes, wie ich wohl annehme, Alexander gewünscht hat.

Aber mir fehlte, um sein Höfling zu sein, allzeit die nötige Selbstverleugnung und um gegen ihn zu rebellieren, so wie mein Freund Nietzsche, dazu besaß ich doch wieder zuviel Begriff von seiner Macht und seinem Wert, so daß ich, unmächtig ein Fürst, und unwillig ein Höfling zu sein, in diesen vergessenen Winkel gedrängt worden bin.

In jener ersten Zeit herben Kummers suchte ich mit noch viel größerer Anspannung zu erfahren, wer jener Christus war, der uns erlöst hatte oder erlösen konnte. Und ich schrieb darüber an meine Mutter und las fleißig in Emmys teurem Geschenk. 

Meine Mutter schrieb mir lange, ausführliche Briefe zurück, die ich mit Ehrfurcht und Aufmerksamkeit las, ohne mir eingestehen zu wollen, daß sie mir eigentlich nichts sagten. Es waren die gleichen Dinge, das Wunder der Gnade, die Erlösung durch das Blut Jesu, immer und immer wiederholt, in allzeit neuen Wendungen und Zusammensetzungen, so daß es bereits wie ein Wunder erschien, daß ein Mensch mit so wenig Noten so viel Musik zu machen vermochte. Mein Vater bemerkte diese Briefe wohl und blickte mich verstohlen, halb höhnisch und halb verstört an, wenn ich sie geduldig und mit ernsthafter Hingabe bis zur letzten Silbe entzifferte. Daß es mit Emmy zu Ende, war ihm eine Erleichterung, aber mit um so größerer Unruhe gewahrte er diese eifrige Korrespondenz und das Wachsen des mütterlichen Einflusses. Zumal, da ich alsbald großjährig sein würde.

Wir waren bei unserer letzten Reise nach Holland gegangen, an den kleinen, an der Nordsee gelegenen Badeort mit seinem unaussprechlichen Namen. Und so lebte ich denn zum erstenmal in jenem wunderseltsamen Winkel Europas, der einst der Ort meiner freiwilligen Einsiedelei werden sollte, inmitten jenes eigenartigen Völkchens, das von allen Völkern wohl das innigste Gemisch von Liebenswürdigkeit und Unausstehlichkeit verkörpert. Bei jenem ersten Besuch mit meinem Vater sah ich wenig von dem Volk und nichts von dem Lande. Aber ich sah die Küste der Nordsee, und damals lernte ich die See lieben, mehr als da ich sie befuhr. An jener Sandküste wurden wir miteinander vertraut, die See und ich, wir sind einander an den Busen gekrochen und haben Herz an Herz gekost und uns die innigsten Geheimnisse ins Ohr geflüstert.

Dort ist mir die See zu einem beseelten Wesen geworden – so wie alles es ist, aber ohne daß wir es bemerken – und dort hat ihr Aussehen, ihre Stimme Bedeutung gewonnen, gleichwie alles, das da leblos genannt wird, Bedeutung besitzt.

Und damals, gelegentlich jenes ersten Besuches, schaute ich mit meinem Vater Rembrandts Schöpfungen, mit ein wenig Zweifel und Unglauben und Voreingenommenheit, so wie es italienischen Patrioten geziemt. Und da sah ich mit meinen Blicken, die soeben erst gelernt hatten das Leben aller Dinge wahrzunehmen, wie dieser Mann allem Lebenden und Toten um ihn her gegenüberstand, wie er die Bedeutung und das geheimnisvolle Leben von allem zutage förderte, möge es auch scheinbar tot sein. Und an den lebenden Menschen zeigte er es, wie sie außer ihrem persönlichen Leben noch ein anderes, weiteres Weltenleben lebten, ohne es selber zu wissen.

Und jenes Weltenleben schilderte er als ein schönes und großes, mochten die Menschen und die Dinge in ihrem eigenen Wesen auch häßlich sein. Und das bedeutete für meine frühreife Seele eine solche Offenbarung, eine solche Wohltat, daß ich durchaus nicht daran glauben wollte, daß dieser Mann, der das gekonnt, was keiner meiner größten Landsleute vermocht hatte, wirklich nur ein ganz gewöhnlicher Holländer gewesen. Ich aber hielt ihn für einen fremden, zufällig hier zum Menschen gewordenen Gott, und ich verehrte ihn mehr als alle Heiligen meines Kalenders. Ja, ich wünschte mir häufig, daß es sich doch herausstellen möge, daß er Christus sei, denn dann würde ich wissen, an was ich mich zu halten hätte. Denn es mag viel bedeuten, als ein Giotto, als ein Fra Angelico, als ein Raffael, als ein Tizian darzutun, wie schön das menschliche Wesen ist und gedacht werden kann, aber mehr Trost und Erlösung liegt doch darin, wenn man beweist, wie in dem Unschönen, Geringen und Häßlichen das göttliche Leben lebt und schön ist und selbst von uns armen Menschen schön gesehen werden kann. Ja, und mochte es auch noch so mangelhaft sein, wie in manchem Werk, das mir wie ein banger, verzweifelter Kampf erschien, um doch nur etwas von dem ewig Schönen zum Vorschein zu bringen, es war da, es war sichtbar, wenn auch oft nur wie ein später Lichtschein in einer dunklen, wilden Wolke der Häßlichkeit, und die große Aufgabe war wiederum vollbracht, der hehre Trost wiederum gespendet.

Und endlich besuchte ich mit meinem Vater das kleine Dörfchen, wo Spinoza sein stilles Philisterleben gelebt, wo er geduldig das Loch gebohrt hat, durch das die eingesperrten Gedanken sich einen Weg bahnen konnten. Und als ich das kleine Häuschen sah in der stillen, friedlichen Landschaft, und von dem einsamen, keuschen Leben jenes gleichmütigen, andächtigen Juden hörte, da wünschte ich mir kein besseres Los, als seinem Beispiel so bald wie möglich folgen zu können . . . 

Es hat ein wenig länger gedauert, als ich dazumal glaubte, kräftigere und anhaltendere Reibungen mit der rauhen Welt waren notwendig, um meine Seele zu so hoher Potential hinaufzuführen, daß sie gleich der seinen in der Isolierung scharfe Funken sprühte. Aber jetzt ist es doch so weit gekommen, und ich würde mich nicht widersetzen, wenn ihr, Leser, glaubtet, daß Rembrandt und Spinoza mich zu der Vollendung meiner Lebensaufgabe in die durch ihre Wirksamkeit geheiligte Gegend gelockt – wenngleich mir diese kontemplative Wohnsphäre bereits aus anderen Gründen teuer war.

An dem Tage, da ich großjährig wurde, kam ein Brief von meiner Mutter, in dem sie mich daran erinnerte, daß ich jetzt frei sei, meine eigenen Wege zu gehen, und mir zugleich mitteilte, daß sie selbst, von Norden kommend, sich in Holland aufhalten würde und daß sie hoffe, mich dann endlich wieder in ihre Arme schließen zu können.

Das war ein gewichtiger Tag für mich, als ich in eine heilige, seit so vielen Jahren in der feierlichen Dämmerung des Erinnerungslichtes Angebetete, endlich wiedersehen sollte. Mein Herz pochte und meine Hände bebten, als ich hinter dem Hotelkellner vor der geschlossenen Zimmertür stand und die Stimme hörte, die, sanft und verschleiert, freundlich zum Eintreten aufforderte.

Da stand sie, groß und aufrecht, dasselbe Antlitz mit den hellgrauen, tiefumschatteten Augen, jetzt aber viel bleicher und das einst blonde Haar schon silberweiß und von einem schwarzen Spitzenschleier bedeckt. Ihre Kleidung war schwarz und weiß; und sie trug ein großes, silbernes Kruzifix an einer schwarzen Kette. Ich fiel vor ihr auf die Knie und küßte ihr die Hände. Sie küßte mich auf die Stirn und richtete mich auf. Ich erschauerte vor Rührung, als ich ihre kühlen, weichen Lippen fühlte und ihr Antlitz mir so nahe sah, mit den zarten, mattvioletten und ambergelben Tinten und den unzähligen feinen, sich kreuzenden Furchen, – und ich spürte den alten, wohlbekannten Weihrauch- und Lavendelduft und fühlte ihren reinen Atem auf meiner Stirn. Es war ein Augenblick voller Weihe, und wäre sie auch nicht meine Mutter gewesen, ich würde dennoch Ehrfurcht und Verehrung empfunden haben für diese stattliche, vornehme Frau mit ihrem Ausdruck von langem, geduldig ertragenem Leiden, mit ihrem frischen, wohlgepflegten Alter, ihrer feierlichen, würdigen Kleidung und der eigenartigen Sphäre von Reinheit und Keuschheit, die sie zu umgeben schien. All meine Schande und Erniedrigung kam mir in den Sinn und drohte sich in einen Strom von Tränen zu lösen. Ich wünschte zu beichten und alles Häßliche aus meiner Seele zu offenbaren, auf daß sie es durch ihre Macht läutere .

Die Frau kann in ihrer letzten Lebenszeit, in der die Mutterschaft ihr entrückt wird, so sie ihre neue Stellung wohl versteht und mit Weisheit ausfüllt, ein neuer, mit höherer Würde umkleideter Mensch werden. Der Mann bleibt bis in sein hohes Alter hinein noch das Männchen und der Liebhaber. Die Frau wird auf einen anderen, geschlechtslosen Zustand verwiesen und erfüllt eine neue Rolle von nicht geringerer Gewichtigkeit.

Also empfand ich es, als ich meine Mutter sah, und ich begriff jetzt, warum manche Völker so sehr die Macht der Priesterinnen und Sibyllen ehrten oder die der Hexen fürchteten. Ich fühlte den Einfluß einer unbekannten Wirkung, einer natürlichen Weihe, die verzeihen, reinigen, segnen, entsündigen und weissagen konnte, ganz nach priesterlichem Vorrecht, aber hier, wo Gott und Natur den Weg wiesen, kraftvoller als dort, wo menschliche Autorität das Offizielle und Formelle verlieh.

Sicherlich würde ich, meiner impulsiven Art gemäß, schon bei jener ersten Zusammenkunft zu einer vollständigen Beichte gelangt sein, wenn ich nicht alsbald schon gemerkt hätte, daß noch jemand im Zimmer anwesend war. Einen Augenblick dachte ich an meine Schwester, aber da fiel es mir ein, daß meine Schwester Nonne geworden. Dies war ein schönes, junges Weib, deren Schönheit ich sogleich bemerkte und schätzte, ganz anders als bei Emmy. Sie hatte große, dunkle, ernste und sanftmütige Augen, einen frischen, hellen Teint und dunkles, glänzendes Haar, das sich in breiten Wellen an den Schläfen entlang zog und in einen Knoten geschlungen war. Sie war gleichfalls schwarz gekleidet, und trug eine goldene Brosche, in der kleine, braune Haarflechten sichtbar waren, und einen weißen Spitzenkragen.

Sie stand ein wenig schüchtern und verlegen am Fenster, während ich meine Mutter begrüßte, aber ich sah, wie ihre Augen aufblitzten voll freudiger Genugtuung darüber, daß sie Zeugin dieses Schauspiels hatte sein dürfen.

Meine Mutter erzählte mir, daß dies Lucia del Bono sei, ihre vertraute Freundin und Pflegetochter. Und ich konnte bemerken, daß Lucias Verehrung für meine Mutter nur um weniges geringer war als die meine, auch daß die beiden Frauen viel über mich gesprochen hatten und daß diese Begegnung nicht nur für die ältere von ihnen ein gewichtiges Ereignis bedeutete.

In dem unerträglichen Jammer um meine verlorene Geliebte gereichte mir dieser Besuch bei meiner Mutter und ihrer schönen, sympathischen Begleiterin zu großem Trost, und es währte nicht lange, oder ich sah es den düsteren, argwöhnischen Blicken meines Vaters an, und seiner schlaffen, mutlosen Haltung, die den kräftigen Mann plötzlich verlebt erscheinen ließ, und seinem beinah allzeit schweigenden, straff geschlossenen Munde, daß er begriff, was vor sich ging.

Er fragte nicht und ich sprach nicht, aber wir fühlten beide, daß wir in eine Strömung geraten waren, gegen die es keinen Widerstand gab und die uns einer unvermeidlichen Katastrophe entgegentrieb.




Man kann Holland ein Gemälde nennen, an dem der Rahmen das Imposanteste ist. Dem Einsiedler bietet es eine geeignete Stätte, denn er kann von der innerlichen Beschaulichkeit inmitten nebelumhüllter Wiesen, träumerischer Kühe und friedlicher Städtchen mit Leichtigkeit übergehen zu der Betrachtung der großartigsten Offenbarungen der Götter, des weiten Himmels, der Wolken und der See. Aber er muß es lernen, zu den Menschen in ein Verhältnis zu treten, wie der antike Eremit zu den Spinnen und Ratten in seiner Zelle. Oftmals sind sie lästig und Abscheu erregend, hin und wieder aber auch lehrreich und interessant in ihren Lebensäußerungen.

Ich lebe mit den Einwohnern dieses stillen Städtchens auf gutem Fuße, weil ich es sie niemals merken lasse, wie ich über sie denke, und mich niemals so zeige, wie ich bin. Dieser Haltung, die sie bei schärferer Einsicht als eitlen Hochmut erachten würden, danke ich den Namen eines ehrbaren und bescheidenen Mannes. Wäre ich so demütig, sie als meinesgleichen zu behandeln, indem ich auf natürliche Weise mit ihnen umginge, sie würden mich einen eitlen Narren schelten.

In einer Hinsicht aber verstehen wir einander. Und zwar hinsichtlich des Wassers, der See und des Segelsports. Wenn ich mir ein Pferd hielte und des Morgens nach meiner Gärtnerei galloppierte, so würden sie mich einen Toren nennen und ich wäre sicherlich nicht zum Schatzmeister des Waisenhauses ernannt worden. Aber daß ich eine Segeljacht besitze und es oftmals erprobe, welch rauhem Wetter sie wohl stand zu halten vermag, das erhöht mein Ansehen in ihren Augen. Ein matter Abglanz von der alten Tüchtigkeit und Lebensschönheit wird in diesen verschrumpelten, kleinen Seelen nur noch durch die See geweckt. Wohl hängen die meisten zu sehr an ihrem armseligen Dasein, als daß sie es lediglich großartigen Empfindungen zuliebe ohne zwingende Notwendigkeit aufs Spiel setzen würden – und so lassen sie mich denn meine tollkühnen Fahrten am liebsten allein oder in Gesellschaft des wohlbesoldeten Schifferknechtes unternehmen. Aber sie verlachen mich nicht ob meiner Waghalsigkeit, und ich bemerke, daß sie im Klub mit einer gewissen Ehrfurcht zu dem alten Herrn aufblicken, wenn er von einer jener Segelfahrten heimkehrt, die mancher junge Seemann selbst um des Geldes willen nicht wagen würde, und der dann noch nicht einmal damit prahlt, sondern die Ausrufe respektvoller Bewunderung nur mit einem flüchtigen Lächeln beantwortet.

So ehren sie den physischen Mut, der nichts anderes bedeutet als Nervenkraft und den Hang zu dem angenehmen Reiz der Gefahr, während sie den sittlichen Mut, ihnen gegenüber das wahre Wesen meiner Gedanken und Empfindungen zu zeigen, mit einem so bösartigen und heimtückischen Unwillen strafen würden, daß ich den im Interesse meiner Seelenruhe und ungestörten Lebensarbeit nicht herausfordern, sondern sie lieber belügen will.

Mein Vater war es, der mich den Rausch der gefährlichen Spannung genießen lehrte, inmitten des pfeifenden Windes, des stäubenden Gischtes ringsumher hochgehender Wogen, der fahlen, treibenden Wolken, den Blick vom Segel zum Horizont, vom Wimpel zum Meer gleiten zu lassen, und indes das Boot unter dem Stoßen der Wogen dröhnt, die den Bug umklatschen, die Chancen für eine wohlbehütete Heimfahrt, das Vollschlagen des Bootes oder das Zerbrechen der Takelage zu berechnen.

Dabei fühlte er sich am glücklichsten. Es betäubte seine Schwermut und er hatte in mir einen gefügigen Schüler, denn ich liebte heftige Erregungen und wurde gequält von Selbstverachtung, von wilden Trieben und all den Schmerzen einer verlorenen Liebesfreude.

Auch in Holland hatte mein Vater sogleich ein Segelboot gemietet, um hinauszufahren auf die See, und es kostete die Scheveninger Fischersleute viel Mühe, ihm zu bedeuten, daß die Nordsee kein italienisches Meer und keine Lagune sei, und daß sie bei rauhem Wetter keine Waghalsigkeiten auf kleinen Segelbooten zulasse. Aber nach einigen Wochen wußte er doch zu erreichen, um was es ihm zu tun war, und ich folgte ihm gern.

An einem Nachmittag waren wir hinausgesegelt, angetan mit unseren geölten Anzügen, und der Schiffer, der uns, bis zum Gürtel im Wasser stehend, vom Wall durch die Brandung stieß, hatte uns gewarnt, daß wir innerhalb zwei Stunden zurück sein müßten, da dann die Ebbe einfalle und die starke Strömung uns bei der frischen Nordbrise das Landen erschweren würde. Mein Vater nickte, gleich als denke er an etwas anderes, als habe er die Launen der grauen, gefürchteten Nordsee schon längst ergründet und berechnet. 

Eine Stunde segelten wir schweigend weiter, so wie es oftmals unsere Gewohnheit war. Mein Vater saß am Steuer. Die Küste war zu einer matten, hellen Linie geworden, wo über dem Schaum der Brandung ein dünner, weißer Nebel hing. Ich lag auf der Pflicht, blickte nach Land und Horizont, dann auf meine Uhr und sagte:

»Quer durch den Wind gehen, Vater, es ist Zeit.«

Er schien mich nicht zu hören, und ich schaute mich nach ihm um und wiederholte: »Es ist Zeit. Wenden!«

Da sah ich, daß er nicht hören wollte. Er hatte scharf aufluvend das große Segel straff angezogen, die Schote befestigt und starrte unentwegt vor sich hin unter dem großen, gelben Südwester. Seine Augen hatten den harten, stechenden Ausdruck alter Menschen, die nach langem Lebenskampf noch um ihr letztes Restchen Atem ringen, oder auch den verwöhnter, lang gequälter Kranker, oder Ausgehungerter, oder Schiffbrüchiger, die für nichts oder niemanden etwas empfinden, es sei denn für eigene Not. Zwischen seinem kurzgestutzten, grauen Backenbart und seinem zugekniffenen Mund sah ich zwei so fahle, tiefe Furchen auf seinen Wangen, wie ich sie nie zuvor bemerkt hatte. Und plötzlich empfand ich mit ihm ein Mitleiden, wie ich es noch nie empfunden, gleich als ob das Bewußtsein all des Leides, das er doch unter meinen Augen gelitten hatte, erst jetzt ganz plötzlich zu mir durchdringe.

»Was fehlt dir, Vater?« fragte ich. 

Er begann zu sprechen, gleich als sei um ihn der weder Wind noch See, gleichgültig, mit einförmiger Stimme, während er das Steuer noch immer festhielt.

»Du sagtest vor drei Jahren, daß du jetzt verloren sein würdest. Ich glaube, daß du recht hast. Du bist es.«

»Nein, Vater, ich glaube, daß ich mich geirrt habe. Ich fange an, Rettung zu sehen.«

»Du siehst keine Rettung, Vico. Du siehst Untergang. Ich verstehe das sehr wohl. Deine Mutter hat dich wieder in ihren Klauen. Sie ist eine Harpye. – Kennst du die Tiere? Halb Weib, halb Geier. Sie saugen den Menschen die Hälfte des gesunden Lebensblutes aus und ersetzen es durch Galle. Ihr Abgott ist die Melancholie, die Trübnis. Leid, Qual, Kummer, Bitterkeit, das sind die Erzengel in ihrem Himmel. Ihr Ehrendienst gilt dem Schmerz, und ihren Gott stellen sie sich vor wie eine greuliche Leiche, die mit durchbohrten Händen und Füßen an einem Kreuz hängt, voller Blut, Wunden, Narben, blauer Flecken, Eiter und Speichel. Je widerwärtiger und abscheulicher, umso besser. Und das zieht die dumme Menge an, genau so wie die grellfarbigen Abbildungen von Mordtaten in den Volksblättern. Hat es jemals eine teuflischere Verirrung gegeben?«

»Wenn aber die Seligkeit nur durch Schmerz erkauft werden kann, Vater? Wenn all dies Leiden der Kaufpreis für unsere Sünde gewesen ist?« 

»Jude!« zischte mein Vater mir entgegen mit funkelnden Augen und einer speienden Mundbewegung von unaussprechlicher Verachtung. »Jude! Wo hast du diese Schachermoral gelernt? Kaufen, kaufen, alles käuflich! Wenn man nur zahlen will, so gelangt man überall hin, auch in den Himmel. Die Seligkeit ist käuflich für einen geschlachteten Menschen. Fester Preis, ein Schandkauf! Seligkeit für das ganze Menschentum um den Preis einer einzigen Judenleiche! Und Gott ist Shylock, der auf seinem Schein besteht. Auf seinem Schein! Blut ist der feste Preis, daran wird nichts geändert. Ist es nicht das Blut der Sünder, dann meinetwegen das Blut meines Sohnes. Es steht in dem Kontrakt.

my Bond! my Bond!
My deeds upon my head! J crave the law!
The penalty and forfeit of my bond!

»Weißt du, Vico, warum die Juden überall so gehaßt werden? Das ist instinktive Rache, weil die Welt es empfindet, daß sie von dem jüdischen Pestgift angesteckt ist. Das Priestertum, das schwarze Gesindel, ist eine jüdisch-germanische Bastardbrut. Aus Gott selber haben sie einen Juden gemacht, und aus dir werden sie auch einen machen. Und das mein Sohn! mein Kind! der Stammhalter!«

Das Leiden auf dem Antlitz meines Vaters war entsetzlich anzusehen, aus seinen starren Augen begannen Tränen zu fließen. Ich versuchte ihn zu beruhigen.

»Wirf doch das Steuer um, Vater! es ist die höchste Zeit.« 

»Wir werden noch ein wenig weiter fahren,« sagte er mit unheimlicher, erkünstelter Gleichgültigkeit. Und ich saß erstarrt da, fürchtend, daß er im Begriff sei, wahnsinnig zu werden. Plötzlich fuhr er wieder auf:

»Das Blut seines Sohnes! das Blut seines Sohnes! Um von den Sunden zu erlösen, mit denen er uns selber behaftet hat. Seine eigenen Schulden uns aufgedrängt, von uns wider Willen hingenommen, und den Wechsel bezahlt mit dem Blut seines eigenen Kindes. Was für ein Jude! Was für ein schlauer, herzloser Wucherer! Hast du die Schulden gemacht, Vico? Hast du den Wert genossen? Was hast du dafür bekommen? Was hast du für die Erbsünde bekommen? Erbsünde! Hahaha, Erbsünde! Was für eine Erdichtung! Erbschuld! Was für ein abgefeimter Schacherjude muß man sein, um auf eine solche Idee zu kommen!«

Noch einmal machte ich einen letzten Versuch, richtete mich neben dem Mast auf und rief laut:

»Das Steuer umwerfen, Vater, umwerfen!«

Er aber rief noch lauter zurück: »Weiter, sage ich dir!«

Und dann von neuem, während ich über die See blickte und mir überlegte, was zu tun sei:

»Ich sage dir, Vico, es gibt Leben und es gibt Tod. Und wir müssen leben, so lange wir können. Aber es muß auch ein wahrhaftes Leben sein. Sterben ist kein Leben. Das Leben der meisten Menschen ist ein langsames, jämmerliches Sterben. Es ist nicht ehrenvoll und bedeutet kein Verdienst, ein Leben zu erhalten, das viel eher Tod genannt werden müßte. Ein halb verdorbenes, faulendes, stinkendes Leben. Eine Schande ist es, daß die Menschen noch nicht leben können, und schlimmere Schande, daß sie noch minder zu sterben wissen.

»Ich habe gewünscht, dich leben, dich wahrhaft leben zu lassen, Vico. Ich habe mein Möglichstes getan, dich das Leben zu lehren. Aber es ist mir nicht geglückt, und jetzt will ich dich das Sterben lehren. Fürchtest du dich?«

Jetzt begann sich in meiner Seele etwas zu regen und sich aufzubäumen wie eine aus ihrer Höhle zum Vorschein gequälte Schlange. Auch ich begann Wind und See ringsumher zu vergessen.

Ich fühlte wohl, daß etwas mir am Rücken entlang rieselte bis in die Fingerspitzen, und ich begriff, daß ich sehr bleich sein mußte. Aber doch war ich nicht feige und sprach mit fester Stimme:

»Ich fürchte mich nicht, Vater, und ich glaube, daß ich ebensogut zu sterben wüßte wie du, wenn es nötig wäre, auch ohne daß du es mich lehrst. Aber ich will mich nicht ermorden lassen, auch nicht von meinem Vater.«

Die Tränen aus den starren, nun rot umränderten Augen begannen milder zu fließen.

»Vico!« rief er, jetzt mit viel weicherer, zitternder Stimme, »willst du mir denn getreu sein? Willst du dich retten lassen? Willst du dein köstliches Leben und deinen Verstand retten lassen? Willst du dich von jener verfluchten Harpye lossagen? Willst du der schwarzen Bande entfliehen?«

Ich aber war gequält und gereizt und antwortete hochmütig: 

»Ich will mich selber retten. Ich will dem getreu bleiben, den ich dessen würdig erachte. Ich ehre keinen Mann, der meine Mutter verflucht.«

Da verzerrte sich sein Gesicht, daß es entsetzlich anzusehen war. Er erhob seine rechte Hand und stieß sich aus Ungeschick den Südwester vom Kopf, so daß sein feuchtes, graues Haar im Winde flatterte. Er machte die verdammende Gebärde des Jesus in Michel Angelos »Jüngstem Gericht« und schrie mit lauter Stimme:

»Und so verfluche ich dich, hörst du! ich verfluche dich, Ludovico Muralto. Dein Vater verflucht dich!«

Ich hatte genug alttestamentarische Empfindungen in mir, um einem solchen Machtwort gegenüber nicht gleichgültig zu sein. Ich erschrak, tat indessen mein Möglichstes, um in ihm den Wahnsinnigen, den Rasenden und Unzurechnungsfähigen zu sehen. Zugleich blitzte in meinem Hirn der Gedanke auf, daß er selbst doch auch wohl bereits von jüdischen Begriffen angesteckt sein müsse, um zu solchen mehr klingenden als verwundenden Waffen zu greifen. Allein ich schwieg, näherte mich ihm und wollte hinter seiner Hand die Ruderpinne ergreifen.

»Umwerfen!« sagte ich.

»Schön, umwerfen,« sagte mein Vater ingrimmig, während er mir gleichzeitig das Steuer entwand und es heftig an sich riß, so daß wir, anstatt durch den Wind zu gehen, quer davor zu liegen kamen mit dem angeholten großen Segel und der festen Schote. 

Auch wenn ich dazumal den Tod ebenso heftig begehrt hätte wie er, so würde ich mich doch aus Instinkt gewehrt haben. Der Seemannsberuf lehrt Todesverachtung, aber eine noch größere Verachtung für schlechte Manöver. Ich schrie: »Dummkopf«, zog hastig mein Messer hervor und durchschnitt die Schote, so daß das Segel wie ein großer, halb entwischter Vogel in den Wind hinausflatterte. Allein das Boot hatte schon soviel Wasser geschöpft, daß ich es nicht mehr aufrichten konnte, und es in einem Augenblick ganz voll schlug. Ich kletterte auf die hohe Seite und streckte die Hand nach meinem Vater aus. Er aber sah mich nur flüchtig an mit höhnischer Bitterkeit, schüttelte den Kopf und ließ sich sinken, indem er mit einem wilden Ruck seine Hand aus einer Schlinge des Takelwerkes befreite.

Darauf bin ich vier Stunden umhergetrieben – man hatte uns vermißt und ein Rettungsboot nach uns ausgeschickt, aber lange Zeit konnte man mich nicht finden, denn es begann bereits zu dämmern.

Endlich wurde ich von einem Fischer aufgefunden, der Signale gab, so daß das Rettungsboot mir zu Hilfe kam. Ich war bewußtlos geworden und erwachte in meinem Bett bei Lampenlicht, während ich zwei sanfte Frauenstimmen in dem Raum flüstern hörte.

Ich glaubte in Italien zu sein bei meiner Mutter und meiner Kinderfrau in dem Hause zu Mailand. So aus alten Zeiten bekannt waren mir die scharfen Zisch- und R-Klänge dieses leisen italienischen Geflüsters. Alsbald aber erkannte ich das holländische Hotel-Ameublement und Lucia und das Ehrfurcht gebietende silbergraue Haar meiner Mutter unter dem schwarzen Spitzenschleier.




Wenn man vier Stunden lang, durchnäßt und erstarrt auf einem von Wogen umspülten Stück Holz umhertreibend, für die Erhaltung einer Sache gekämpft hat, rings um sich her nur See und die fallende Nacht, so beginnt man diese Sache allmählich doch interessant zu finden.

Es hatte mir nie allzu viel an meinem Leben gelegen, aber nachdem man mich erst einmal zu einem hartnäckigen, schweren, wohlgelungenen Widerstand gegen den Versuch, es mir abzunehmen, aufgereizt, war es mir um so teurer geworden. Nun wollte ich auch über den Wert dieses heißumstrittenen Schatzes alles wissen, was es zu wissen gibt.

Wozu machte ich diese gewaltige Anstrengung? Was erreichte ich damit? Und alle die andern, von denen doch keiner das Leben als solch eine köstliche und begehrenswerte Freude rühmt, was treibt sie dazu, sich so krampfhaft daran zu ketten auf Kosten von gar so viel Mühen und Schmerzen?

Mein Vater hatte mir gesagt, und niemand, auch nicht meine Mutter, hatte dem widersprochen, daß wir vernünftige Wesen sind, die vernünftig handeln sollen. Mir und jedem andern erscheint es unvernünftig, sich um eine nicht begehrenswerte Sache zu bemühen. Wenn es ein jüdischer Begriff ist, daß man nichts umsonst geben oder tun soll, so darf man mich meinetwegen einen Juden schelten. Das war auch mein Begriff von Gerechtigkeit.

Und ich fühlte mich sogar noch jüdischer als der Jude Spinoza, der da sagt, daß man Gott lieben solle, ohne Gegenliebe zu erwarten. Mein angeborener strenger Hang zur Wahrheit geriet in Aufruhr gegen dieses Wort. Ich glaubte nicht, daß dies ein aufrichtiges Empfinden sein könne, nicht einmal bei Spinoza. Er mußte es sich wohl eingeredet haben, weil er anders sein wollte als die habgierigen Juden und Holländer seiner Zeit. Recht bleibt Recht, für Liebe soll Liebe gegeben werden, und das Leben muß doch etwas Gutes zu bieten haben, so man dafür kämpfen und leiden will. Ich mochte freigebig und edelmütig sein wie der beste Italiener, aber das höchste Streben in der ganzen Natur ist auf das Gleichgewicht gerichtet, und wer sich von seinem Platz verdrängen läßt, der stört das Gleichgewicht, anstatt es zu erhalten, und wer seinen eigenen Blumenkohl den Schweinen seines Nachbarn vorwirft, der züchtet Unrecht und Faulheit.

»Ja, jetzt ist mein Leben gerettet, liebe Mutter,« sagte ich am ersten Tage meiner Genesung, »aber auf Kosten von viel Mühsal und Jammer. Vater und ich, wir sind getrennt worden, während er mich verfluchte und ich ihn einen Dummkopf schalt. Ich bin nicht abergläubisch, aber diese Erinnerungen haben nicht gerade etwas Tröstendes. 

Ich habe seinem Fluch getrotzt, ich habe ihm Widerstand geboten und mein Leben gerettet. Allein wozu? Wer sagt mir, daß er nicht recht hatte und daß es nicht besser für mich gewesen wäre, zu sterben?«

»Gott hat es also gewollt, mein Sohn. Ich fürchte, daß es für deinen unglücklichen Vater keine Rettung gibt: er starb mit einem Fluch auf den Lippen und ohne Reue. Dich aber hat Gott erhalten, auf daß du für ihn leben sollst.«

»Mich erhalten, damit ich für ihn leben soll? Braucht er mich denn? Der Schöpfer der Sonne, der festen Gestirne, der Milchstraße und der Nebelflecken sollte meiner bedürfen? Wie habe ich das zu verstehen, Mutter?«

»Er wollte dich erhalten, aus barmherziger Liebe. Du bedarfst seiner. Darum mußt du für ihn leben.«

»Wenn ich seiner bedarf, Mutter, so muß er für mich leben und ich nicht für ihn. Wie kann jemand, der selber der Hilfe bedarf, für einen andern leben? Gott ist doch nicht hilfsbedürftig? Ich aber wohl.«

»Du mußt ihn lieben von ganzer Seele und von ganzem Herzen. Du mußt ihm alles opfern. Du mußt bereit sein, um seinetwillen das Leben zu ertragen, um seinetwillen zu leiden . . . Von ihm hast du alles erhalten, Freude und Schmerz. Es muß dir alles gleich lieb sein, weil es von ihm kommt.«

»Liebe Mutter, so habe ich doch sicherlich auch meinen Verstand und meine Neigungen von ihm bekommen. Und als mein Vater mir eine Uhr und einen Kompaß gab, hegte ich das feste Vertrauen, daß diese Dinge richtig zeigen würden. Und wenn Gott mir Verstand und Neigungen gibt, muß ich dann annehmen, daß die mißweisen? Wozu hätte ich sie dann erhalten? Mein Verstand nennt es Unsinn, daß man dem allmächtigen Schöpfer von Himmel und Erde zuliebe ein qualvolles, elendes Leben erduldet. – Was für Freude könnte das einem übermächtigen Wesen wohl bereiten? Was kann ihm daran liegen? Und ich nenne die Freude begehrenswert und den Schmerz verwerflich, mögen sie nun von dem einen oder von dem andern stammen. Zucker ist süß, wenngleich er vom Teufel kommt, und Chinin bitter, mag es auch von Gott kommen. Ich kann es nicht anders schmecken.«

»Und ist das Bittere nicht gerade das, was dir nottut, auf daß du geheilt werdest, Vico?«

»Ist es darum weniger bitter? Und soll ich dem Allmächtigen etwa noch danken, weil er mich zuerst erkranken ließ, was schon nicht allzu angenehm ist, und weil er ferner der Medizin, die er notwendig macht, auch noch einen bitteren Geschmack verleiht? Er hat mich so geschaffen, daß ich eine freudige Dankbarkeit empfinde für alles das, was Freude bereitet und süß schmeckt, nicht aber für Kummer und Bitterkeit.«

»Das ist dein Hochmut, Vico, das hat dein Vater dir eingeprägt. Lerne doch Gott lieben! Wirf den Hochmut von dir, lerne Gott demütig lieben und das Bittere von ihm hinnehmen, aus Liebe.« 

»Höre einmal, Mutter. Ich kann nun wohl sagen: Ja, ja! Ich kann dir das alles ganz genau nachsprechen und mir einreden, daß ich es auch wirklich so empfinde. Aber dann lüge ich. Und Gott hat mich so geschaffen, daß ich lieber nicht lüge, wenn ich es vermeiden kann. Ich weiß nicht, was mich dazu veranlassen könnte, Gott für Kummer dankbar zu sein oder aus Liebe zu ihm süß zu nennen, was bitter schmeckt, und schön zu finden, was mich häßlich dünkt. Ist er mein Schöpfer, so ist er auch für die Neigungen und Empfindungen seines Geschöpfes verantwortlich.«

»Was ich dir sage, Vico, das kannst du auch nicht einsehen, es sei denn durch das Licht der Gnade. Du mußt wiedergeboren werden durch den Glauben. Du redest jetzt so wie alle die, welche auf ihren menschlichen Verstand bauen. Ich kann nichts anderes tun als beten, daß die Gnade sich über dich ergießen möge. Und um deiner Mutter willen, die dich so sehr liebt, wirst du dich doch dem wahren Licht nicht verschließen wollen. Du wirst doch hören wollen, was die Kirche lehrt, du wirst doch gehorchen und hinnehmen wollen, was Ältere und Klügere dir aus Liebe versichern und raten.«

»Ich will mich keiner Erleuchtung verschließen, Mutter. Ich will alles hören und erwägen. Aber gehorchen und hinnehmen kann ich nicht, wenn ich es auch noch so gern möchte, es sei denn, daß ich das, was mir gesagt und geraten wird, als annehmbar erachte.« 

»Möge Gott deinen Dünkel brechen,« meinte die Mutter seufzend.

Das hier Niedergeschriebene bildet einen Durchschnitts-, einen Kollektivtypus von vielen Hunderten Gesprächen, die ich in den darauffolgenden zehn Jahren mit meiner Mutter geführt habe. Mit dem unverdrossenen Eifer von Fliegen, die unaufhaltsam an einer Glasscheibe auf und nieder summen und sich immer wieder stoßen, versuchten wir, zwei zähe und äußerst beharrliche Menschen, uns gegenseitig unsere ganz besondere Eigenart aufzudrängen. Meine Mutter mit einer mehr aggressiven Liebe, ich selber ein wenig abwehrend, aber infolge meines starken Selbstbewußtseins nicht minder kriegerisch. In dem universellen Wahn der Vernünftigkeit unserer Anschauungen und Überzeugungen befangen, bemerkten wir keiner von beiden, daß das ganz einfach ein Kampf zweier Naturen war, von denen die eine sich die andere unterwerfen wollte. Und gleichwie nahezu die gesamte menschliche Herde den Götzendienst des wahren Wortes pflegt, glaubten wir, indes wir nur immer weiter und weiter redeten, endlich das Wort, das wir selber für wahr hielten, auch zum Abgott für den Nächsten machen zu können; wie zwei Missionäre von verschiedenartigem Glauben, die einander ihr Symbol vorhalten, genau so lange, bis einer von ihnen auf den Knien liegt.

Und die Mutter sagte jetzt, es sei die Einprägung des Vaters, die mich widerspenstig mache, genau so wie der Vater geglaubt hatte, den mütterlichen Einfluß bekämpfen zu müssen, gleich als ob sie durch meine Vermittlung noch immer die alte Fehde gegeneinander weiterführten.

Die bange Spannung jener vier Stunden auf dem gekenterten Boot, mit meines Vaters Fluch in den Ohren und seinem grimmigen, langsam versinkenden Antlitz vor dem geistigen Auge, hatte eine so tiefe Spur in meine junge, weiche Seele gegraben, daß ich zu Anfang an jedem neuen Morgen aus einem Traum erwachte, in dem der ganze Vorfall wiederum durchlebt ward, und ich mit heiser geschrieener Stimme um Hilfe rief, so wie ich es an jenem Abend solange auf der einsamen, dämmerig-dunklen See getan hatte. Ganz allmählich nur wichen jene bösen Erinnerungsträume, und bis spät in mein Leben hinein sind sie wiedergekehrt, jedesmal, wenn meine Widerstandsfähigkeit nachließ.

Diese Träume wirkten wie Ermahnungen, die die strenge Lehre des entsetzlichen Vorfalles wiederholten: »Du hast deinem Vater Trotz geboten und für deine Mutter Partei ergriffen. Seine Gedanken hast du verworfen und ihn dadurch in den Tod getrieben. Und wenn er nun wirklich recht gehabt hätte? Bist du so sicher, daß deine Mutter dies Opfer verdiente? Bist du sicher, daß das Leben der Rettung wert war? Was hast du denn von jenem Leben, daß du es so krampfhaft verteidigst? Indem du dich widersetztest, hast du schwere Verantwortung auf dich geladen. Du mußt jetzt diese Gewißheiten suchen. Die Gewißheit, daß dein Vater unrecht hatte und daß du recht daran tust, weiterzuleben und zu deiner Mutter zu halten.« 

Das waren die Ermahnungen, die sich an jedem neuen Morgen aufdrängten, wenn die bange Vision vom Morgenlicht zerrissen ward. Fruchtlos erforschte ich die Tiefen meines Gemütes, um zu ergründen, von wo jene zwingenden und quälenden Gedanken kamen. In mir lebte eine Macht, die eine starke Stimme zu haben schien und kräftige Zwangsmittel, wenn ich nicht gehorchen wollte. Und alsbald bemerkte ich, daß jene Macht wuchs, je schwächer oder niedergeschlagener ich mich fühlte. War es die Stimme der Herde, die mein Vater mich verachten lehrte, die er jedoch, ebensowenig wie ich, durchaus nicht mit unfehlbarer Sicherheit von dem eigenen Klang zu unterscheiden wußte? Wer war jener Mahner, jener Störenfried?

Zwischen mir und meiner Mutter bestand eine Brücke der Innigkeit und Zuneigung, die niemals abgebrochen ward, auch dann nicht, wenn die Flut der Kontroversen am höchsten stieg. Wenn es den Anschein hatte, als ob wir einander niemals verstehen würden, so unterbrachen wir ganz einfach den Bau unserer Sätze und gingen ohne Umschweife aufeinander zu durch die allzeit geöffnete Tür unserer Liebe, ohne uns um Logik oder Konsequenz zu kümmern.

Und Lucia war der Theologie viel weniger abhold als Emmy. Von meiner Mutter mit leuchtenden Machtworten und prahlenden Argumenten ausgerüstet und nicht minder begehrlich als meine Mutter selber, um den Sohn das Glück ihrer Überzeugung teilen zu lassen, ergriff sie freudig jede Gelegenheit zu einem tiefsinnigen Gespräch. Wir gingen nicht zu zweien spazieren, weil das mit den Prinzipien ihrer Erziehung nicht übereinstimmte, aber wenn wir zu dritt beisammen waren, wurde über den Ursprung und die Zukunft unseres Lebens mehr und lebhafter gesprochen als vielleicht irgendwo in dem ganzen kleinen Badeort, ja vielleicht in dem ganzen kleinen Lande.

Und es ist gut, daß die Menschen nicht so vernünftig handeln, wie sie zu handeln glauben, sonst würde man sie alle in dergleichen Gespräche verwickelt sehen. Sie würden vergessen, die Ernte einzuholen, die Züge abfahren zu lassen und die Fabriköfen zu füllen. Denn es erscheint verwunderlich, daß ein jeder sich nach Kräften müht und sich abquält und daß sich fast niemand Rechenschaft darüber abzulegen versucht, warum und wozu er das tut. Namentlich die sogenannten denkenden Menschen spielen eine seltsame Rolle, da sie zumeist alle untereinander uneinig, oder doch nur über ihre Unwissenheit einig sind und dabei ganz gemütlich drauf losleben, ohne die Versuche, zu einer Überzeugung zu gelangen, ernsthaft fortzusetzen.

Dennoch behaupten sie alle, an das wahre Wort zu glauben. Aber sie zeigen nicht allzu viel Vertrauen zu ihrem Abgott, da Worte über die allergewichtigsten Wahrheiten sie kaum noch zu fesseln vermögen. Das ist ein Glück, denn sonst würde die ganze Maschinerie vor lauter Unsicherheit in Stillstand geraten und den wahrhaft Freien, sowie dir, lieber Leser, und mir, würde keine Gelegenheit mehr geboten, die führenden Wahrheiten für die anderen zu sammeln und sie ihnen, in glitzernde Formeln eingewickelt, so behende vor die Füße zu werfen, daß sie sie bemerken und als eigenen Fund auflesen.

Lucia del Bono war nicht nur eine schöne, sondern auch eine lebhafte, geistreiche und, wie meine Mutter mir versicherte, brave und edelgeartete, junge Italienerin. Ihre Eltern hatte sie verloren, und meine Mutter, die sie als Pflegetochter zu sich genommen hatte, war ihre Heilige, ihr Orakel. Was Mutter tat, war gut, was Mutter sagte, war wahr, was Mutter wollte, schien Gottes Willen am nächsten zu sein. Und alsbald ward es mir klar, daß Mutter es unter anderm auch schon längst gewünscht hatte, daß Lucia meine Frau werden solle. Ich aber glaubte infolge von Emmys Verlust und durch die unveränderte Kraft meiner Triebe, Satans gefräßigen Haustieren, mich ganz besonders für das Kloster zu eignen, so ich mich nur erst einmal mit der dazu passenden Lebensweisheit aussöhnen könnte.

»Es gibt für mich doch keinen andern Ausweg,« sagte ich zu meiner Mutter, als ich eines Tages auf der Terrasse ihres Hotels mit ihr allein war. »Ich kann zwar jetzt wieder heilige Vorsätze fassen und feierliche Gelübde ablegen, aber ich schaue der Wirklichkeit zu gerade ins Gesicht, als daß ich selbst an dies Gelübde glauben könnte. Niemals werde ich eine Frau aufrichtiger und leidenschaftlicher lieben können als Emmy – und sogar jene Liebe war nicht mächtig genug, um mich gegen die Verführung des Niederen und Gemeinen zu schützen, Wenn ich in der Welt bleibe, entrinne ich der Versuchung nirgends. Ich habe genug davon gesehen, um zu wissen, daß es allüberall Versuchungen gibt für einen Menschen von meinem Schlage. Das ist bitter und erniedrigend für einen, der doch recht hochmütig ist und nicht gern einem Feinde aus dem Wege geht. Männern fühle ich mich gewachsen, eine Übermacht möchte ich bekämpfen, und seien es auch Teufel und Drachen – aber Gott hat mich wehrlos in die Hand der Frauen gegeben.«

Darauf sagte die Mutter; »Es gibt kein köstlicheres und erhabeneres Leben als das des Klosterbruders, der alles Niedere, Weltliche, Vergängliche verneint und unterdrückt, um dem Ewigen eine um so freiere Entwicklung zu gönnen. Aber es gehört viel dazu sich Jesus so völlig zu weihen, lieber Vico. Wenn du dazu nur stark genug bist!«

»Nein, Mutter, ich will es gerade deshalb tun, weil ich nicht stark genug bin, um der Welt und den Neigungen meines Körpers zu widerstehen. Ich muß in vollkommen reiner Umgebung sein und ein strenges, einfaches Leben führen, dann nur bleibe ich gut. Ich habe es an mir erfahren, drei Wochen lang, aber da wurde ich krank und von lieben Menschen gepflegt und verweichlicht, und da gewann Satan von neuem Gewalt über mich.«

»Du kannst auch im Kloster erkranken, Vico. Und auch dort läßt Satan dich nicht in Ruhe. Denke daran, wie sogar die Heiligen von Dämonen und Versuchungen gequält wurden.« 

»Ach, Mutter, was ich darüber las und auf Gemälden sah, beweist mir, daß jene meine Versuchungen nicht kennen. Glaubst du vielleicht, daß ich den schönen Damen, die Antonius von Padua das Leben schwer machten, unterliegen würde? Die sind viel zu schön und poetisch, möchte ich sagen. Ich würde mich vor ihnen schämen. Und vor allen jenen Ungeheuern und Dämonen, wie Teniers sie malt, würde ich mich durchaus nicht fürchten. Ich kenne sie wohl aus meinen Träumen, sie jagen einem einen Schrecken ein, aber man kann sie leicht verscheuchen, viel leichter als . . .«

». . . als was, Vico?« fragte die Mutter.

Doch bevor ich noch die gewaltige Scheu überwunden hatte, meiner Mutter einen Begriff von der wahren Art meiner Heimsuchungen zu geben, betrat Lucia das Zimmer.

»Was sagst du dazu, mein Töchterchen?« fragte meine Mutter mit ernster, beinah verlegener Miene. »Vico will sich dem geistlichen Leben weihen,«

Merkwürdig war es, den jähen Wechsel des Ausdruckes auf Lucias Zügen zu verfolgen. Sie schaute mit seltsam weiten, leuchtenden Blicken aus ihren großen, dunklen Augen von der Mutter zu mir, wußte es aber dennoch recht gut zu verbergen, daß die Überraschung sie peinlich berührte. Ein heftiges Erröten vermochte sie indessen nicht zu unterdrücken, und als sie es empfand und begriff, daß dies ein allzu großes und schmerzliches Interesse verraten mußte, ward das schamhafte Erröten nur noch um so tiefer. 

»Das ist schön,« sagte sie mit einer vor Rührung feierlich klingenden Stimme.

»Wenn Christus mich nur aufnehmen will,« meinte ich, »euch beiden zufolge bin ich ja doch nur ein halber Heide«.

»O, er wird dich sicherlich aufnehmen, er wird gut zu dir sein,« sagte Lucia in einem Ton, der hinsichtlich des Wesens, von dem sie sprach, mehr Gewißheit verriet, als Emmys »Jesus Christ, our Lord.«

»Woher weißt du das so genau, Lucia?« fragte ich sogleich aufmerksam geworden, »kennst du ihn denn so gut? Kannst du mir erklären, was er ist?«

»Ob ich ihn kenne?« rief sie leidenschaftlich aus, während sie verständnisvoll zu meiner Mutter hinüberlächelte. »Was soll ich antworten, Mutter? Er fragt mich, ob wir den lieben Jesus kennen.«

»Was würdest du selber antworten, Vico, wenn sie dich fragte, ob du mich, deine Mutter, kennst?«

Ich schwieg und schaute sinnend auf die beiden, allem Anschein nach so völlig überzeugten Frauen. Dann sprach Lucia: »Ich kenne ihn viel besser, Vico, als du deine Mutter kennst. Denn sie hast du noch nicht lange bei dir, und auch nicht immerfort. Aber mein Jesus verläßt mich niemals, ich habe ihn allzeit bei mir gehabt, so lange ich denken kann, Tag und Nacht.«

Ich erwiderte nichts, sondern schaute sie nur ermunternd an, indem ich ihr zu verstehen gab, daß sie fortfahren und mehr von Jesus sprechen möge. Und sie tat das gern – viel bereitwillig er als Emmy – und wenngleich sie auch nicht alles ganz klar und deutlich auszudrücken vermochte, so war, was sie sagte, doch fesselnd und lehrreich, und ich erkannte daraus das Bestehen einer festen und weder schwachen noch flüchtigen Wirklichkeit.

Suggestion ist ein sehr brauchbares Wort, mit einem Sinn, der sich allerhand Auslegungen unschwer dienstbar machen läßt. Aber wenn die Erklärungen durch Suggestion unbegrenzt wären, so müßten wir die ganze schöne Welt der klaren und ewigen Wirklichkeiten auch lieber nur mit einem suggerierten Schwamm von unserer suggerierten Lebenstafel wegwischen.

Nein, Lucias Christus und der Christus meiner Mutter war kein Suggestionswahn, sondern eine lebende Wirklichkeit. Aber was war er?

Von der Bibel wußten die beiden Frauen nur wenig. Meine Mutter hatte, trotz ihrer nordischen Herkunft, ebensowohl wie Lucia eine italienisch-katholische Erziehung genossen, die die Bibel aus triftigen Gründen ausschließt. Über das Leben Jesu als historische Persönlichkeit sprachen sie nicht viel, noch auch über seine Abenteuer oder seine Lehren. Sein Leiden, sein Martyrium, sein Tod, das war es, was ihnen ganz besonders der beständigen Betrachtung wert zu sein schien.

Und hätte ich es nicht gewußt, und hätte der Nazarener, von dem das Neue Testament berichtet, einen anderen Namen getragen, so würde ich vielleicht nicht daran gedacht haben, ihn mit der von meiner Mutter angebeteten Gottheit zu identifizieren. 

Aber nun, da ich wohl annehmen mußte, daß in jener alten Schrift, deren englische Übersetzung ich gegen den Willen meiner Mutter getreulich bewahrte, hinsichtlich des mir persönlich völlig unbekannten Wesens, das das Leben dieser Frauen und das von vielen Millionen anderer Menschen so ganz erfüllte, jede nur denkbare Aufklärung zu finden war – nun begann ich mit noch ganz anderer Aufmerksamkeit darin zu lesen. Aber ich fand nichts, was mir Erleuchtung brachte. Ich fand eine sehr schöne und rührende Geschichte von dramatischer Kraft, von Meisterhand geschrieben, aber nicht ohne Schaden, nicht ohne Ausschmückung und ersichtliche Fälschung, viermal wiedererzählt. Und der Held jener Erzählung war ein sehr menschlicher Mensch, zarter und feiner besaitet und uns näherstehend als Hiob, ebenso kühn in seinem Gedankenflug, ebenso fanatisch, ja sogar unmäßig in seinen Äußerungen und sicherlich weniger kräftig und infolge des ihm drohenden Schicksals weniger charakterfest als jener gewaltige Held aus dem älteren Drama. Ich war ganz gerührt, als ich diese herrliche Schöpfung las, um der echten, menschlichen Wahrheit willen, die sich in seinem Kampf äußerte und in seinen Enttäuschungen, in seinen Schwankungen, in seiner Schwäche, in seinem Mut und seiner Selbstverleugnung, seiner abwechselnd hochherzigen und mutlosen Haltung, seiner so ganz erklärlichen Verblendung unter dem Einfluß seiner kindlichen Jünger und Verehrer, seines unheilschweren, tragischen Endes, das nicht gewünscht aber vorempfunden wurde und das er tapfer auf sich nahm – als die unerläßlich notwendige Folge von menschlicher Schwäche in menschlicher Heldenkraft.

Aber was hat dies alles zu schaffen mit jener wunderseltsamen Wirklichkeit, in der meine Mutter und Millionen mit ihr alles Glück und alle Festigkeit fanden, womit, wofür, wodurch, worin sie lebten, wie Fische im Wasser?

Ich fand nichts außer einer geringen äußerlichen Übereinstimmung: den Namen, die Todesart. Aber im übrigen schien es mir, als ob sie mir ebensogut einen andern tragischen Helden, Prometheus zum Beispiel, als das mächtige und liebevolle Wesen hätten nennen können, das noch heutigentags alle ihre Schritte lenkte und ihre Wege erleuchtete.

Und nach vielen wohlerwogenen und aufmerksamen Gesprächen mit Lucia in Gegenwart meiner Mutter, die ihr die lebende Quelle verkörperte, aus der sie dankbar schöpfte, wenn ihre eigene Weisheit sie im Stich zu lassen drohte – gewann ich die Überzeugung, daß Lucia, wenn man sie gelehrt hätte, daß die göttliche Wirklichkeit, die sie in sich fühlte, Spinoza hieße, da Spinoza ein Mensch gewordener Gott sei, der in Rynsburg als Mensch gelebt, der viel Worte liebevoller Weisheit verkündet, der dieserhalb Schmach und Verachtung erduldet und endlich nach einem einfachen und keuschen Leben zu unserer Erlösung in Armut und Einsamkeit gestorben sei – dies ebenso bereitwillig hingenommen und sich ebenso stark, ebenso glücklich, ebenso befriedigt dadurch gefühlt hätte. 

Werde nicht ungeduldig, lieber Leser, weil ich dir solche alltäglichen Dinge sage. Natürlich weißt du, als selbständig denkender und wahrnehmender Mensch, das alles ebensogut wie ich. Aber für die Herde ist dies alles noch neu. Und das wird so sein, wenn du dies liest und ich gestorben bin und noch viele, viele Jahre später. Vergiß nicht, daß auch wir, du und ich, zu der Herde gehören, und daß eine sehr genaue Kenntnis unserer Beziehungen ein liebevolles Einvernehmen und weise Gewogenheit nicht ausschließt. Mein Hochmut birgt nur darum Glück, weil er auf einer unwandelbaren Wertschätzung beruht; ich weiß, daß die Herde sklavisch denkt und empfindet und ich nicht, und daß sie mir daher notgedrungen unterworfen ist – aber mein Glück würde verfaulen und verdorren unter meinem Hochmut, wenn ich die labende und erfrischende Demut nicht kennen würde, die Demut, die mich durch geduldige Liebestaten mit der Herde verbindet und die mir vollauf Trost gewährt in dieser getreulichen, aufrichtigen und geduldigen Mitteilung zum besten aller, so daß ich Frieden, Seelenruhe und den Vorgenuß der Seligkeit kenne in der höchsten geistigen Einsamkeit, in diesem abgestorbenen Leben.

In ungeteilter Weisheit liegt weder Befriedigung noch Glück. Daher nenne ich es gut, solche alltäglichen Dinge noch einmal deutlich auszusprechen. Wenn wir unsere Türme stets höher und höher bauen wollen, müssen wir zunächst dafür sorgen, daß die Fundamente erweitert werden, andernfalls kommen wir mit unserer individuellen Weisheit zu Fall in dem Augenblick, da wir den Himmel erreicht zu haben glauben. Die Herde bedarf unseres Vorangehens nicht notwendiger als wir ihres Folgens.

Wohl muß es ein großer und genialer Jude gewesen sein, der vor mehr als achtzehnhundert Jahren, seiner geknechteten Landsleute Schmerzensruf nach einem Retter klug beantwortend, ihnen als König, als Christus den neuen Menschen zeigte, den Sanftmütigen, den Chrestus, von dem das ganze Menschengeschlecht sich schwanger fühlte.

Niemand muß die göttliche Wirklichkeit, die so viele Millionen Christus genannt haben, inniger gekannt und lebendiger in sich gefühlt haben als er, da er, aus seinem eroberten und verwüsteten Vaterlande nach Alexandrien flüchtend, die mächtige, tragische Heldengestalt schuf und den Namen wählte, der durch so viele Jahrhunderte hindurch als Verkörperung und Benennung jener nämlichen Wirklichkeit von dem Menschentum hingenommen werden sollte.

Aber schweren Vorwurf mache ich ihm daraus, daß er mit jüdischer Furchtsamkeit seine Person dem Kampf entzogen hat, indem er seinen Helden untergehen ließ, daß er es geduldet, ja vielleicht sogar gewollt hat, daß man aus seinem edlen und echten Kunstwerk ein falsches Stück Geschichte machte.

Was die arme, leidende und verblendete Menschheit wie ein herrliches Kunstwerk hätte erfreuen und erbauen können, gleich dem Buch Hiob oder der Ilias, oder Prometheus Vinctus, oder der Athene des Parthenon, oder dem Zeus von Olympia, dartuend, wie der Mensch in der Schöpfung des Künstlers am höchsten über seine eigene Kleinheit und Gebrechlichkeit hinauswächst, wie das Genie in der Fiktion die höchste Vollkommenheit schafft, so wie sie noch nirgends in Fleisch und Blut zu schauen war – das hat nun die ganze Welt wie ein erlogenes historisches Ereignis verblendet und verführt und zur gröbsten Wahrheitsfälschung und unmöglichen Nachahmungsversuchen getrieben.

Die herrlichen Gestalten des Phidias, schöner als irgendein lebendes Menschenvolk jemals in Wahrheit gewesen, haben uns noch Freude und Heil gebracht, nachdem eine miserable Christenwelt sie verwahrlost und zertrümmert hatte – aber die schöne Jesusgestalt, die als Kunstwerk unsterblich und segenspendend hätte sein können, ist als falsche Historie, mit paulinischer Metaphysik ausgeschmückt und in dem byzantinischen Hexenkessel mit ägyptischem und chaldäischem Sammelsurium vermengt, für das Menschengeschlecht zu einem bösen Dämon geworden.

Achtzehnhundert Jahre lang hat sich die Welt von diesem wunderbaren dramatischen Genie und seinem zu unseliger Stunde von der Erdichtung zur Geschichte umgewandelten Werke betrügen lassen. Ich könnte für das Bestehen eines boshaften Teufels, der sich an unseren possierlichen Irrtümern ergötzt, keinen stärkeren Beweis ins Treffen führen.

Und an manchem Abend, wenn es warm ist und die See still und die Tauben in den sanft rauschenden Ulmen auf dem Stadtwall girren, wandle ich hinaus aus meinem stillen Städtchen und schaue über die leuchtende Wasserfläche und sinne stundenlang über die Schönheit und die Freude der Welt, wie sie jetzt sein würde, wenn die Menschen unbefangen und unbeirrt darnach gefragt hätten, welcher Gott es sei, der sich so mächtig in ihnen offenbarte, der in ihnen drängte mit einem so merkbaren Wollen und der mit einer so deutlichen Stimme sprach. Wenn sie ernsthaft und aufmerksam den beständigen Ermahnungen gelauscht hätten, die aus der Tiefe ihres eigentlichen Wesens empordrangen, wenn sie es gelernt hätten, den Zaum zu ertragen und jenem zuverlässigen Lenker im eigenen Gemüt zu folgen, der mächtiglich will und einzig und allein die Macht besitzt über unseren Frieden, anstatt das wahre Wort anzubeten und nach äußeren Zeichen und Wundern zu schauen und sich durch die schönen Schöpfungen eines menschlichen Genies zu Menschen-Vergötterung verleiten zu lassen, zu dummer Nachäfferei, zu Fanatismus, zu Wort- und Wirklichkeitsfälschung, Verherrlichung der Armut, Wissensscheu, Selbstverachtung und Schönheitshaß – arme, unvernünftige Schafe!

Dann wäre bedachtsam weitergebaut worden auf den großen und guten Werken der Griechen und Römer, der Inder und der Sarazenen, die Kunst wäre behütet, wir hätten dem Wissen gehuldigt, und der Garten des Friedens wäre mit klaren Bächen der Schönheit aus den beiden lauteren Quellen gespeist.

Während jetzt leider! der wahre Christus immer wieder in tausend Herzen den bitteren Kreuzestod sterben muß, weil das reinste Wort, das er einem seiner liebsten Günstlinge in den Mund gelegt, durch eine platte Lüge besudelt, und seine schönste dichterische Schöpfung durch einen groben, sinnlichen Mißbegriff verwüstet wurde.

Allein du kannst getrost sein, mein Leser, der Teufel tat einen guten Zug, aber diese Partie verliert er dennoch. Das Lügengift wird alsbald ausgewütet haben und die Kräfte des Kranken nehmen zu. Nicht länger mehr treiben die hirtenlosen Hunde die Herde in hundert Richtungen auseinander. Du lebst, mein Leser, und hörst meine Stimme, die Stimme des Verstorbenen, und du vernimmst, gleich als würde es durch Posaunenschall verkündet, daß der in dir und mir Gekreuzigte sieghaft und glorreich wieder auferstanden ist.




Es dauerte drei Wochen, bevor die Leiche meines Vaters gefunden ward. Ein Sturm aus Nordwesten warf sie nicht weit von der Mündung des Rheines an den Fuß der Düne, hoch auf den Strand, und ein Muschelfischer fand sie und forderte die ausgesetzte Belohnung. Meine Mutter ging mit mir dorthin und betete lange neben der Leiche. Ich tat desgleichen, auf meine Weise, das heißt mit einem unablässigen Vorbehalt, so wie man an einen Menschen, dessen Adresse man nicht genau weiß, einen Brief schreibt. Ist doch ein jedes Gebet eine Suggestion, in der man durch anflehende Worte eine Gottesfigur schafft und durch inbrünstig geäußerte Wünsche und Beteuerungen die eigene Seele wandelt. Bietet irgendeine Handlung mehr Gelegenheit zur Selbsttäuschung? Als Kind und Knabe ist es einem noch möglich, sich selbst betend zu beobachten und der Meinung treu zu bleiben, daß man würdig und ehrlich handle. Bei dem Manne aber ist die Selbstbeobachtung während dieser Handlung zumeist auch schon mit Scham gepaart, ob des Spieles willen, das man spielt, und der Pose, die man annimmt.

Die Leiche lag in einem bereits geschlossenen Sarge in einer kleinen Kirche des Fischerdorfes, und es schien, als ob das, was übrig geblieben von dem irdischen Wesen meines Vaters, mich verspotte ob der kleinen Wörtchen und des schwachen Gemurmels, mit dem ich, Tor, die Seele von Wolken und See, von Sonne und Sternen glaubte erreichen und bewegen zu können. Wie nichtig erschienen mir die brennenden Kerzchen und die schallende Stimme des Priesters angesichts des brausenden Windes, der über die halmbewachsenen Sandhügel zog, angesichts des glühenden Auges, mit dem die untergehende Sonne ihre Erde über das Meer hinweg anschaute.

Nachdem die Beerdigung stattgefunden hatte, beschlossen wir, Holland zu verlassen und in mein Vaterland zu ziehen. Wenn irgendwo, so würde ich dort in Rom den Weg zu der Mutterkirche zurückfinden. Ernsthaft, wenig gesprächig, voller Erwartung und zumeist in Grübeln versunken, durchreiste ich rasch Europa in Gesellschaft der beiden Frauen. Italien. das ich seit vielen Jahren nicht gesehen hatte, lockte mich mit tausend süßen Erinnerungen, mit dem vereinten Zauber des Wunderlandes voller Sonne und Schönheit, das es in den Augen aller Nordländer ist, und der Welt der teuren Kindheitserinnerungen, deren trügerische Lieblichkeit zunimmt mit der Entfernung und der Dauer der Trennung, und die sogar das unwirtlichste Land als einen Ort des Trostes und der Zuflucht kann erscheinen lassen. Daß das wahre Italien all die lockenden Verheißungen des erträumten Italien nicht verwirklichen konnte, das hätte ich bei größerer Lebenserfahrung im voraus wissen müssen.

Zu Anfang schien es wohl, als sollten sie alle erfüllt werden. Es begann mit Sonnenschein und Weinlese – güldenes Licht auf langsam braun werdendem Laube, lustiges Landvolk und Gesang. Ein Schein von einer besseren Welt, nach dem ernsten, trüben Norden, ein köstliches Heimatgefühl zwischen Menschen, die gleich mir selber den Mut hatten, etwas Schönes zu sagen, etwas Mutwilliges zu tun. Die geliebten, geschmeidigen und doch kräftigen Klänge meiner Muttersprache und das große Glück, den Hang zur Schönheit und zur Anmut auch bis hinab in die niedersten Volksschichten zu finden. Roheit und Wildheit nicht ohne eine gewisse Würde und nicht ausschließlich plump und grob wie bei den nordischen Barbaren. Ein armer, in Lumpen gehüllter Knabe, der auf der Straße etwas singt, das mein innerstes Gemüt erschüttert. Ach, wie selten vermögen die Groben unter diesem holländischen Volk etwas zu tun oder zu sagen, das bis zu meinem Gemüt durchdringt! Wüßte ich es nicht mit meinem Verstande, so könnte nichts mein Herz davon überzeugen, daß sie und ich derselben Wesensart angehören.

Ich kann mich hier nicht in die Lieblichkeit vertiefen, mit der das Vaterland mich damals beim Wiedersehen rührte. Das gehört nicht zu der Aufgabe und der Pflicht, die ich mit dem Schreiben dieses Buches vollbringe. Hunderte von Schriftstellern können euch, meine Leser, mit feinen, sinnlichen Phantasien erfreuen und euch einen Augenblick mit schönen Visionen erquicken, indem sie den kalten, trägen Geist durch das feurige, bunte oder fein verschlungene Wort erwärmen. Mir liegt es ob, euch bleibenden Trost zu spenden durch die unsinnliche Kraft des unwandelbaren Gedankens, auf daß ihr in jeglichem Kummer einen Ruhepunkt wisset, auf daß ihr jeglichen Genuß mit ruhigerer Aufmerksamkeit auskosten könnet.

In Rom kam die Enttäuschung mit den winterlichen Regentagen. Da drang plötzlich, gleich einem kalten Zug durch zerbrochene Fensterscheiben, von allen Seiten das Bewußtsein auf mich ein, daß hier noch etwas fehle, was im Norden bereits erreicht war. Eine feste Ordnung der Institutionen, eine allgemeine Zuverlässigkeit der Sitten. All das halb vergessene Düstere aus meiner Kinderzeit, das hinter dem Lieblichen verborgen gewesen, kam, durch gleichartiges Elend geweckt, wieder zum Vorschein. Wir mußten verhältnismäßig einfach leben, und meine vornehme, alte Mutter mußte ebenso wie ich die vier kalten, schlecht erleuchteten, steinernen Treppen zu unserer Wohnung hinaufklettern, wo es ebenfalls kalt und unbehaglich war. Lucia allein durch Rom gehen zu lassen, wie eine Engländerin durch London geht, das war undenkbar. Ich selber mußte sehr auf meiner Hut sein vor verdächtigen Individuen, die mir mit flüsternder Stimme allerhand unsaubere Vorschläge machten.

Und ein Streifzug durch den Stadtteil von San Lorenzo an einem kalten Dezembertage, als ich gewahrte, wie mein armes, dumm und schmutzig erhaltenes Volk mannhaft gegen Elend und Leid ankämpft, ließ mich empfinden, wie sehr Italien, so bald erst seine Sommerherrlichkeit verblaßt, noch immer das Land der »sofferenza« ist, wie es noch allzeit den Jammerschrei verdient:

Ahi serva Italia, di dolore ostello!

Dieses schmerzvolle Wort verläßt mich nicht. Ich spreche es wohl manchmal seufzend vor mich hin, des Nachts, in der Stille meiner gediegenen, altholländischen Kaufmannswohnung; und oftmals auch schreie ich es laut hinaus, wenn ich durch den Sturmwind schreite, am offenen Seedeich entlang, wo meine kleinen Stadtgenossen es nicht hören können.

In diesem, von grauen Wolken umhüllten, kalten Ländchen, wo der rauhe, rastlose Wind alles niederdrückt und flach schert, was sich alleinstehend erheben will, da wird doch minder herbes Leid gelitten als zwischen den sonnigen, üppigen, von blauem Himmel überstrahlten Hügeln meines schönen Vaterlandes. 

Doch sei nicht damit gesagt, daß wir Italiener dieses um so viel ordentlichere, sauberere und wohlhabendere Volk beneiden sollen. Denn dem feurigen Leben und der blühenden Schönheit ergeht es zwischen diesen Holländern immer noch ein wenig trauriger, und das grelle Leiden ist den Menschen heilsamer und der Stammesseele der Menschheit lieber als das Übel der Häßlichkeit, der Öde und der in Furcht erstickten großen und schönen Neigungen. Allüberall in der heutigen Welt lebt eine Minderheit von Schönheit-Empfindenden zwischen einer großen Herde von Banausen. Doch in keinem Lande ist diese Minderheit edler, zugleich aber auch kleiner und die Horde banausischer als in Holland – und den neapolitanischen Gauner und Tagedieb sehe ich manchmal in meiner Phantasie wie einen Fürsten und Edelmann abstechen von den Besuchern einer holländischen Dorfkneipe oder irgendeines Lokals von vornehmerem Anstrich. Aber die Börse und das Leben der Menschen sind in größerer Sicherheit und der Durchschnittsstandpunkt der bürgerlichen Ehrsamkeit ist höher, hier unterhalb des Meeresspiegels, als in den meisten Ländern, die darüber liegen.

Die ersten, die ich in meinem Vaterlande aufsuchte, das waren die Geistlichen, denen mein Vater mich stets ferngehalten. Die Gefühlsweisheit meiner Mutter vermochte die Bedürfnisse meines Verstandes nicht zu befriedigen, und sie selber glaubte, daß ich mich mit Leichtigkeit und in kürzester Zeit von dem überzeugt haben würde, was ihr als so offenkundige Wahrheit erschien, sobald ich es selber nur erst einmal von einem Menschen gehört, der bewandert sei in der Eloquenz und der logischen Beweisführung, die ihrem intuitiven Wissen abging.

Aber ach! – da hatten wir uns beide bös verrechnet, meine Mutter und ich. Sie konnte mich, Dank sei ihrem Stande und ihrem Ansehen, an die allerbeste Adresse verweisen, und kein geringerer als einer der mächtigsten und einflußreichsten Prälaten jener Zeit, ein Vertrauter des Vatikans und eine politische Berühmtheit, sollte mir, dem jugendlichen Verirrten, dazu verhelfen, den Weg des Heils wiederzufinden. Sein großer Name machte auf mich einen starken Eindruck und ich vermochte mich zu Anfang auch nicht der Suggestion zu entziehen, die von einem jeden ausgeht, dem von der Herde die Zauberrose der Ehrfurcht und der Unterwerfung in die Hand gegeben worden. Aber weder seine Umgebung, eine düstere, geschmacklose, spießbürgerlich eingerichtete Wohnung, noch auch seine Erscheinung, ein grobes, knochiges, halb joviales, halb vorsichtig schlaues, mehr oder weniger bäuerisches Gesicht, auf einem robusten und schwerfälligen Körper waren dazu angetan, die Illusion zu verstärken. Er war aufgeräumt, leutselig, gesprächig, gutherzig und hielt eine kleine, wohlgemeinte Rede, die ich mit der Überzeugung anhörte, ich müsse wohl sehr verwirrt, verlegen und töricht aussehen.

Darauf übertrug er die Sorge um mich einem seiner jüngeren Diszipel, einem bleichen, scheinbar schüchternen, aber wie ich alsbald feststellte, sehr energischen und ehrgeizigen jungen Priester, der mich beinah impertinent forschend anschaute, wie ein Arzt seinen Patienten.

Den gewaltigen Widerwillen, den ich bei meinem ersten Besuch empfand, verhehlte ich meiner Mutter, da sie ihre hoffnungsvolle Erwartung durch eine starke Erregung verriet. Um ihretwillen verkehrte ich auch fernerhin in jenen Kreisen, von denen ich doch nicht glauben konnte, daß sie so unwürdig seien, wie mein Vater sie mir geschildert.

Aber lange hielt ich das nicht aus. Auf der Straße schon konnte ich oft vor Abscheu erschauern, wenn ich die unbedeutenden, groben, oftmals sogar unverkennbar ungünstigen und abstoßenden Gesichter unter den rauhen, schwarzen Filzhüten erblickte. Es war, als trügen sie auf ihrer Stirn das Brandmal der Schuld an dem Elend, unter dem mein armes Volk seufzte. Und kaum hatte ich die genügende Kenntnis erhalten von den Empfindungen, den Neigungen und Gedanken, die die Seelenwelt des mir als Hirten zugewiesenen jungen Mannes bevölkerten, als ich auch schon für alle Zeiten wußte, daß seine Arbeit verlorene Mühe sein würde.

Er war kein unbedeutender Mann, der junge Priester, auch hatte er keinen unedlen Charakter. Ich aber lernte ihn damals in einem kurzen Augenblick tödlich hassen und verachten. Aber das sind nun einmal unsere italienischen Übertreibungen. Ich erwartete und erhoffte einen Helden, der mir helfen sollte – und wer sich mit dieser Prätension mir näherte und um ein Beträchtliches hinter dem Maß des Helden zurückblieb, den wünschte ich zum Teufel und hätte ihn am liebsten zur Tür hinausgeworfen. Hier in meinem verträumten Haus am Meere habe ich es zwar einsehen gelernt, daß der junge Priester vielerlei Talente besaß, ein umfangreiches Wissen, eine scharfe Menschenkenntnis, einen praktischen, klaren Verstand, einen Ehrgeiz, der vorsichtig genug war, um keine unlauteren Mittel zur Erreichung des leidenschaftlich begehrten Zieles zu wählen und eine religiöse Überzeugung, die, mochte sie nun angeboren, angelernt oder angenommen sein, keiner näheren Bekräftigung mehr bedurfte und ihm die genügende Seelenruhe verschaffte, um mit aller Macht die Erlangung jener Dinge anzustreben, die ihm, innerhalb des Bereiches der ihm von seiner Religion gestatteten, am begehrlichsten erschienen.

Aber ach! die tödlich-öde Gewißheit dieser Menschen! Ihre Glaubensüberzeugung war nicht ein lebendes, blühendes Wesen, das sich unter beständigen Schmerzen und Qualen täglich reicher und schöner offenbarte, das die ganze Welt netzte und fruchtbar machte, sondern eine schwere, festverschlossene, feuerfeste Kasse, die in einem Winkel ihres Lebens stand, gut gefüllt und sicher geborgen, und der sie nur zu bestimmten Zeiten und je nachdem ihre Lebensbedürfnisse es ihnen vorschrieben, die Kupons der Gemütsruhe und des Seelentrostes entnahmen.

Er war so erstaunlich ruhig, seiner selbst so ungeheuer sicher, so belesen in seinen Kirchenvätern, so wohlgeübt in logischen Disputen, so erfahren in den Höhlen und Gängen, den Kasematten und Basteien seiner Glaubensfestung, daß er es mit allen Zweiflern der Welt schien aufnehmen zu wollen. Und dennoch, wie arm erschien er mir, wie nackt wie jämmerlich eingeengt in sein formuliertes System, wie ein Käfer in die Ritzen eines toten Holzscheites, hilflos umhertreibend auf den wilden Wassern der Wirklichkeit. Er war auch kein beschränkter Fanatiker und kannte die Resultate der Wissenschaft so gut oder besser noch als ich – aber er hatte seine Worte, seine Formeln, seine logischen Stricke und Schlingen zur Verfügung, mit denen er alle die unbequemen und unzähmbaren Wahrheiten einfing und sie vor seinen Glaubenskarren spannte. Das wahre Wort, die richtige Beweisführung, der wohlgefügte Verband der Sprache, sie formen das schöne und kunstvoll gemalte Panorama, durch das der Teufel uns von der freien, wahrhaften Welt abzuschließen weiß.

Ich war zu jener Zeit anspruchsvoll und begnügte mich nicht mit den Menschen, die nicht besser waren als sie sein konnten. Ich hatte keine Ahnung davon, daß sie es als eine Pflicht erachteten, sich den Gruppengedanken zu fügen, gleichwie ich es als meine Pflicht erachtete, mich davon loszumachen. Den relativen Wert ihrer Tugenden erkannte ich nicht, weil sie mir wie Nullen erschienen, denen die Ziffer der höchsten Tugend, die nichts schonende Wirklichkeitsliebe, fehlte. Und ich war noch zu schüchtern und zu bescheiden, um einem jeden Menschen kaltblütig seinen Wert zu lassen, den Zusammenhang der vollkommenen Aufrichtigkeit mit ihnen zu zerreißen und die hohe Bahn des Stolzes zu erklimmen, die jeder wahrhaft Fromme – wie du und ich, lieber Leser! – leider zu gehen gezwungen ist, auf die Gefahr hin, Zeit, Leben, Kräfte und das feine Wahrnehmungsvermögen für Gottes zartes Signal zu verlieren in eitlem Keifen und Sichplagen.

Ich will den Mann nicht nennen; er ist jetzt bereits Kardinal, und wenn diese Blätter gelesen werden, vielleicht sogar schon Papst. Er hat, durch negative Einwirkung, einen ungeheuren Einfluß auf mein Leben gewonnen. Meine Mutter verehrte und bewunderte ihn über die Maßen, und es war, als habe sie sich dadurch mit eigener Hand die strahlende Heiligenaureole vom Kopf genommen, um sie auf den Steinen zu zertrümmern. Ich konnte mich in jenem Priester nicht täuschen, das allerhöchste Menschliche, die feinen Fühlhörner, die stets nach dem Göttlichen streben, das immerfort Wachsende und Suchende, das wahre Leben, das fehlte ihm. Wenn ich jenen Weg beschreiten wollte, wurde er blind und taub und weigerte sich zu folgen, indem er längs allerhand rhetorischen Schlängelpfaden entwischte mit einer vollkommenen, arglosen Unwissenheit auf seinem mattbleichen, ruhigen und selbstzufriedenen Gesicht.

Es war, als ob seine Augen erfrören, von meinem glühenden Verlangen wußten sie nichts. Er konnte alles sagen, was er glaubte, fühlte und wünschte; und das Unaussprechliche, das ihn so oder so fühlen und verlangen ließ, bedeutete für ihn ein Wort, keine heftig und leidenschaftlich geliebte Wirklichkeit, wie sie es mir war. Das sah ich, fühlte ich, spürte ich, da war kein Zweifel möglich. Und so lernte ich zwei der allergewichtigsten Wahrheiten kennen, erstens die, daß dem Wesentlichsten unseres Wesens gegenüber alles Vernünfteln nur Vernünfteln bleibt, das heißt Geschwätz oder Gerede, nicht mehr und nicht weniger wert und ebenso trügerisch und unzulänglich zu wechselseitiger Verständigung und Überzeugung, wie alles Sprechen, und zweitens, daß auch die besten Menschen mit ihren heiligsten und innigsten Empfindungen sich von anderen Menschen oder Menschengruppen beherrschen lassen, die nicht notwendig besser sind als sie, und daß sie sich dieser Unfreiheit nicht bewußt sind, sondern in dem Wahn beharren, als ob sie selber überlegten und empfänden und mit selbständigem Urteil das annähmen, was ihnen in der Tat von jenen anderen Menschen oder Menschengruppen aufgedrängt wird.

Denn jener Priester hielt sich für frömmer und weiser und besser als meine Mutter und mich, und seine ganze meisterhafte Rhetorik bewies mir nichts anderes als das Gegenteil. Dennoch sah ich, daß meine Mutter ihm sklavisch ergeben war und daß sie von ihm hinnahm, was er seinerseits von der großen Gruppe seiner Geistesverwandten hingenommen hatte, und daß dies alles sich ereignete, ohne daß sie selbst sich dessen bewußt wurden, durch persönlichen Einfluß und nimmermehr durch das, was sie behaupteten, durch den ungetrübten Wirklichkeitssinn, durch das freie, nur durch Gottes sichere Führung geleitete Urteil. Wo blieb nun all jene Schönheit von Gnadenlicht und Offenbarung? Suggestion. Weiter nichts. Eine Suggestion, die sich von Mensch zu Mensch fortpflanzt, so wie der Lehrer das Kind, so wie der Marktschreier seine Bauern, so wie der geliebte Feldherr seine getreuen Soldaten, so wie der Richter den schüchternen Zeugen, und sowie die herrschende, die öffentliche Meinung jeden einzelnen zwingt, völlig außerhalb aller Vernunft und aller Erwägung, außerhalb jeglichen Wirklichkeitssinnes, wenngleich ein jeder es auch anders wähnen möge.

Dies sind feine, grausame Wahrheiten, die sich in einem jungen Gemüt tief und schmerzlich festsetzen, sobald dieses sie zu erfassen beginnt. Du, lieber Leser, kennst sie so gut wie ich. Du weißt, wie entsetzlich ihre Entdeckung sich einfrißt gleich einer ätzenden Säure, und wie sie beinahe kein einziges unserer Ideale unangetastet oder unbeschädigt läßt. Und bedenke dabei, daß mein Lebensmut stets wieder ins Wanken gebracht wurde durch die entsetzliche Erinnerung an jenen jahrelangen Kampf, den ich mit meinem Vater gekämpft, und an seinen grauenhaften Tod, der die Folge war von meinem Festhalten an Idealen, die mir jetzt wohl alle wie wertlose Illusionen erscheinen mußten.

In meiner Naivität hatte ich geglaubt, daß die Kirche, in der meine Mutter ihren Frieden und ihren Trost fand, wohl nur auserkorene Helden unter den Menschen zu ihren Dienern und Priestern erwählen und daß sie nur die allerallerbesten einer derartigen Auszeichnung würdig erachten würde. Statt dessen sah ich nun, wie der erste beste junge Bauernbursche sich mit ein wenig Fleiß und ein wenig Unterwürfigkeit zum Priester emporarbeiten konnte, wie der Durchschnitt nicht höher stand als die gewöhnliche Menge und wie sie unter meinen Landsleuten mehr verachtet und verspottet als geachtet wurden. Und selbst die allerbesten unter ihnen, die höchstgestellten, waren nicht die Helden und Dichter und Weisen, die kraft ihrer großmenschlichen Gaben zu Auserkorenen und Führern bestimmt sind, sondern nur die Geschickten und Ehrgeizigen, die jene ganz besonderen Fähigkeiten, welche den Menschen auch in der Diplomatie fördern, in etwas höherem Maße besaßen – ohne indessen mit dem Göttlichen irgend etwas gemein zu haben.

Wenn ich meinem Untergange jemals nahe gewesen bin, so war es damals. Ich hatte keinen Halt mehr, keinen einzigen. Meine Liebste war fern, in den Armen eines Mannes, den ich für einen Unwürdigen hielt – meine Heilige hatte ihre Krone verloren und meines Vaters Stimme schien mich jetzt mit höhnischem Nachdruck zu fragen, ob es für mich nicht besser gewesen wäre, wenn ich entweder gemeinsam mit ihm gelebt hätte oder mit ihm in den Tod gegangen wäre.

Weißt du, wer mich gerettet hat, mein Leser? Nicht die schöne Lucia, die ich mit sanftem Mitleid beklagte, weil sie ja doch nichts anderes war als eine leichte Feder auf dem Atem meiner Mutter, sondern kein Geringerer als Satan selber. Satan hat mich gerettet, Satan, verstehe mich wohl! Hier die tiefe Erklärung seines Wesens: er hat mich gerettet, weil er sich so klar und unverkennbar zeigte, daß ich wohl an ihn glauben mußte. Und wer an das Böse wie an den Inbegriff des Bösen glaubt, der kann nicht zugrunde gehen. Gerade in dem Augenblick, da ich, genau so wie später der unbändige junge Nietzsche, einen großen Sprung über Gut und Böse machen wollte, stand ich vor Satan, und der Böse war so gut, daß er mir einen Dienst erwies, größer als irgendeinen, der mir je zuvor von einem guten Menschen erwiesen worden war.

Gleich als wolle er sich so recht deutlich manifestieren, folgte Satan der Gewohnheit aller mächtigen Prinzipien und inkarnierte sich. Ich kam in Berührung mit einem jungen Seminaristen, der den Namen eines Erzengels trug und dabei ein Gesicht hatte, das, der konventionellen Auffassung zufolge, mehr als irgendein mir bekanntes jenem des Fürsten der gefallenen Engel glich. Er ordnete sogar, gleichsam in bewußter Absicht, sein schwarzes, lockiges Haar über der niederen Stirn in der Weise, daß zwei kleine Hörner darunter verborgen zu sein schienen. Seine Augenlider hingen tief über seine braunen Augen herab, die lauernd dreinschauten und halb zugekniffen freundlich glänzten, während der gerade Mund mit den schmalen Lippen über dem langen Kinn mit einem hohen, beinah weiblichen Stimmklang die ungnädigsten Sarkasmen aussprach.

Und doch war es gerade dieser Mann, der mich von allen, die ich in den Kreisen der Geistlichen hatte kennen lernen, am meisten anzog. In erster Reihe wegen seines Geistes; denn er war ein Irländer und wußte stets mit jenen scharf pointierten Witzen aufzuwarten, für die ich so sehr empfänglich bin. Dann aber auch, weil er der einzige war, der meinen großen, dummen, machtlosen Zorn über den allgemeinen Unwillen der Menschheit – den ich dazumal noch nicht als Unmacht erkannt hatte –, den Widerspruch zwischen ihrer Lehre und ihrem Leben einzusehen, ein wenig zu begreifen schien. Nachdem er eines Tages einem Gespräch zwischen meinem jungen Lehrer und mir beigewohnt, in dessen Verlauf ich meiner Gewohnheit gemäß fruchtlose Versuche anstellte, diesem klarzumachen, was dem ganzen Priestertum mangele, und mich aus dem Netz seiner Beweisführungen zu befreien, sagte er mir beim Fortgehen:

»Sie kommen zu rechter Zeit, lieber Graf Muralto, die Rolle des Harmlosen ist bei unserer Truppe schon seit langer Zeit vakant. Aber Sie brauchen sie der Direktion gegenüber jetzt nicht mehr zu spielen. Die wissen schon längst Bescheid, und man kann seine Sache auch allzuschön machen wollen.«

Diese Bemerkung erweckte in mir großes Erstaunen und Interesse. Ich begann Michael sogleich auszufragen, wie es ihm doch möglich sei, mit solchen Gedanken im Kopf Priester werden zu wollen.

»Ach, das ist gar keine Kunst,« meinte Michael, »wenn man es nur lernt, unter seinen Gedanken Ordnung zu halten. Auf Ordnung und Gewissenhaftigkeit kommt alles an, auf eine sorgfältige doppelte Buchführung. Jeder gute Kaufmann hat eine Privatkasse, mit der das Geschäft nichts zu schaffen hat. So müssen auch wir es lernen, unsere Privatgedanken außerhalb des Geschäfts zu halten. Das ist alles.«

»Ich fürchte, daß ich es niemals lernen werde, das heiligste Amt wie eine Kaufmannsangelegenheit anzusehen.«

»Gut gespielt, lieber Harmloser,« sagte Michael, »aber beinahe töricht zu nennen. Auf Kaufleute und Geschäfte geringschätzig herabzusehen, ist nicht mehr naiv, sondern töricht. Ohne die Kaufleute würde sogar der Heilige Vater in seinem Kerker verhungern. Die ganze Welt ist ein einziges Handelsgeschäft, dagegen ist nichts zu machen. Unsere Sache nennen wir ganz mit Recht die heilige Sache, weil sie noch immer die solideste Firma verkörpert, die überhaupt existiert. Ich erachte es als eine große Ehre, ihr jüngster Kommis sein zu dürfen, und bin dankbar dafür, daß das auch gleichzeitig zu einer Freude werden kann, wenn ich mir recht viel Mühe gebe. Die Forderung, daß ich die Privatbuchführung meiner Ideen sorgfältig von dem Hauptbuch der Firma trennen muß, um keine Verwirrung anzurichten, dünkt mich außerordentlich gerecht. So geht es in allen großen und wohlgeordneten Geschäften zu. Ordnung muß sein, sagte der Bauer, als er den Deckel auf den Sarg seiner scheintoten Großmutter schraubte, die wieder hinaus wollte. Können Sie eine Uniform anfertigen, die für alle Soldaten paßt? Können Sie ein Netz knüpfen, in dem ein jedes Fischlein eine Masche für die eigene Größe findet? Keine Lehre ist für einen jeden wahr, und kein Gesetz der Welt läßt allen Gerechtigkeit widerfahren. So hat denn ein jeder nur aufzupassen, daß er durch die Maschen schlüpfe.«

»Ich muß eingestehen, Bruder Michael, daß mir Ihr Zynismus erträglicher und aufrichtiger erscheint, als die halsstarrige Heuchelei unserer Prälaten. Und was Sie da sagen von einem Gesetz, das nicht allen Gerechtigkeit widerfahren lassen könne, das scheint mir wohl des Nachdenkens wert zu sein.«

»Zynismus? Heuchelei?!« rief Bruder Michael mit einer beschwichtigenden Handbewegung aus. »Lieber Jüngling, warum werfen Sie so mit faulen Äpfeln um sich? Ein Hund ist ein gutmütiges und kluges Tier, aber darum ist es doch nicht hündisch, richtige Unterscheidungen zu machen. Und so lange ihr naiven Schafsköpfe es nicht einseht, daß wohlangebrachte und wohlgelungene Heuchelei die erste Christentugend ist, deren Ausübung zu den höchsten göttlichen, schon durch die Drei-Einheit gelehrten Pflichten gehört, solange kann aus einem Königreich Gottes nichts werden.«

Nach diesem Gespräch, das ich meiner Mutter gegenüber nicht erwähnte, verhielt ich mich anders, meine Haltung wurde reservierter, vorsichtiger, argwöhnischer. Ich begann die seltsame und fürchterliche Art unseres Zusammenlebens mehr und mehr und mit immer tieferem Entsetzen zu verstehen. Aber während dessen fanden die wilden Triebe in mir keine Ruhe und meine Mühsal blieb die gleiche. So lange ich in der hoffnungsvollen Spannung des Schiffbrüchigen lebte, der den sicheren Hafen in Sicht zu haben glaubt, verhielten sich die Hunde still. Aber als das wieder mit einer Enttäuschung endete, wurden sie unruhig, dreist und unbequem. Bei jeglicher Abnahme von Lebensmut und Lebensfreude gewinnen unsere wilden Tiere freieres Spiel, so wie ein Schiff bei Hemmung seiner Fahrt dem Steuer weniger gehorcht.

Je mehr mich die Menschen enttäuschten, desto aufmerksamer begann ich die Frauen zu beachten, die in Rom aufdringlicher als in London, oftmals johlend und schreiend des Abends gleich einer Schar Mänaden auf Männerjagd ausziehen. Und es dauerte nur wenige Wochen, bis gerade diese ganz besondere Verführung, die sich weder ausgelassen noch auch reizvoll leichtsinnig, sondern gutherzig, mit kalter Schamlosigkeit vortat, mich in meiner Widerstandslosigkeit entdeckt und zur leichten Beute gemacht hatte.

Nicht beneidenswert ist das komplizierte Gefühl der Selbstverachtung, der Scham, der erkünstelten Leichtherzigkeit, der Furcht vor unerwünschten Begegnungen und der noch verächtlicheren Angst vor Würgern und Räubern, das in dem Schatten dunkler Hausflure und Treppen von Roms verdächtigen Häusern auf dem Boden eines bösen Gewissens üppig wuchert. Und zumal, wie in meinem Fall, mit dem erschwerenden Umstand, daß man es gewagt, sich einem ganzen stolzen Priesterstande gegenüber wie ein besserer Mensch zu fühlen und daß man das auch mehr oder weniger zu erkennen gegeben hat.

Es war also für mich ein gewaltiger Schrecken und ein abscheuliches Sturzbad der Feigheit, das über mein stolzes Aristokratenherz ausgegossen wurde, als in einem solchen Augenblick, nachdem meine Verführerin ein Wachsstreichholz entzündet, das plötzlich hellaufleuchtende Flämmchen die satanischen Gesichtszüge des Bruders Michael beleuchtete, der, nachdem er mich erst ein wenig vorsichtig und verwirrt angeschaut hatte, in ein echt teuflisches, wieherndes Lachen ausbrach.

»Well met! Well met!« rief er in seiner Muttersprache aus und fügte darauf das Hexenwort aus Macbeth: »When shall we three meet again« hinzu.

Ich gestehe es ein, daß ich jämmerlich verwirrt und beschämt ohne die geringste Geistesgegenwart dastand. Aber ich stotterte etwas, das zugleich wie ein Vorwurf und wie eine Entschuldigung klang.

»Ich trage doch wenigstens kein geistliches Gewand.«

»Ich auch nicht,« antwortete Michael, »ich bin inkognito hier, in Privatangelegenheiten.«

»Ach so,« sagte ich höhnisch, »wegen der doppelten Buchführung?«

»Jawohl, mein lieber Harmloser,« sagte Michael mit seinem süßlichsten Lächeln, »wegen der doppelten Buchführung, das haben Sie gut behalten. Aber lassen Sie sich doch bitte nicht stören, ich werde später noch einmal wiederkommen.«

Ich aber hatte mich vor lauter Schrecken bereits umgewandt und rannte auf die Straße, während mir die in ihrem Gewerbe geschädigte Frau nicht gerade Schmeichelhaftes nachrief. Michael holte mich ein.

»Zwei Negativa ergeben ein Positives,« sagte er, »zwei Sünder erwecken gemeinsam die Tugend. Mir scheint, daß wir nun auch die Sünderin wohl noch rasch hätten bekehren können.«

So wie der Mensch in der verzweifeltsten Gefahr dem Instinkt der Selbsterhaltung folgt, so folgt er angesichts der verzweifeltsten Blamage einem Instinkt der Selbstentschuldigung.

»Hunde sind wir beide, Michael, aber ich gestehe es doch wenigstens ein. Ich verabscheue mich selber. Sie aber müssen morgen Ihren heiligen Rock wieder anziehen und Ihre Unreinheit und Fäulnis darunter verbergen. Ich beneide Sie nicht.«

»Es steht uns nicht wohl an, lieber Muralto, Abscheu zu empfinden vor einem, den Gott als sein Ebenbild erschuf. Wir alle haben eine Portion Unreinheit mitbekommen, und es scheint mir nicht beneidenswert, wenn man das alles allein verarbeiten soll, so wie Sie. Ich kann beichten und ich lebe in einem großen, geselligen Kreis, in dem wir alle von den nämlichen Flöhen gebissen werden und mit demselben Beil hacken müssen. Wir verstehen einander und vertrauen einander und verzeihen einander und helfen einander. Es gibt schwache Brüder und starke Brüder, das wissen wir alle, und daher verachten wir einander nicht. Mir scheint es das weitaus wünschenswertere zu sein, auf solche Art sein Kreuz zu tragen als, so wie Sie, mit alledem ganz allein fertig werden zu müssen. Wir heucheln wenigstens nicht untereinander, Sie aber spielen den Harmlosen nicht nur vor der ganzen Bürgerschaft, sondern sogar auch vor uns, die wir doch sehr wohl wissen, was wir von Ihrer Prätension hinsichtlich moralischer Überlegenheit zu halten haben.«

Ich hatte die Empfindung, als müßte ich in diesem Streit unterliegen. So gab ich ihn denn auf. Mit einem kühlen Gruß nahm ich Abschied und mied von jenem Augenblick an jeglichen Umgang mit jüngeren oder älteren Geistlichen. Wenngleich ich wohl glauben wollte, daß ich nicht gerade den besten Soldaten der Armee begegnet war, so konnte mich die Ehre, in ihren Reihen zu kämpfen, doch nicht verlocken. Ich wollte meinen Kampf lieber allein kämpfen.

Von jenem Zeitpunkt an beginnt meine Vereinsamung. Ich fühlte, daß Michael recht hatte, meine Prätensionen waren lächerlich, ich hatte nichts, worauf ich mir etwas einbilden konnte. Ich war ein Heuchler, ich sündigte im geheimen, so gut wie jene, auf die ich herabzublicken schien.

Und dennoch! – und dennoch! – Ich fühlte, daß ich nicht verstanden wurde und daß meine Verirrungen anders waren als die ihren, und meine Frömmigkeit von einem Gehalt, der der ihrigen fehlte. Und dieses unausrottbare Bewußtsein einer Überlegenheit, die ich nicht zur Geltung zu bringen vermochte, eines inneren Lebens, das ich bei keinem anderen wiederfand und das ich niemandem offenbaren konnte, trieb mich zu der völligsten Vereinsamung und zu einer innerlichen Isolierung von der Menschenwelt, in der zu leben ich verurteilt war. 

Dies ist eine alte Geschichte, die sich stets wiederholt. Du kennst sie nur allzu wohl, nicht wahr, mein Leser? und wir sind nicht die einzigen, die diesem Prozeß unterworfen sind. In Tausenden und Abertausenden einer jeden Generation versucht das neue Leben die alten Gruppengedanken zu sprengen; in den meisten jedoch wird es besiegt und dem Alten unterworfen. In sehr vereinzelten nur vermag es sich zu behaupten, verschafft sich für einen Augenblick Geltung und wird darauf vernichtet mit tragischem Untergang von Körper und Seele, in Foltertod, Selbstmord oder Wahnsinn, zum leuchtenden Vorbild für einzelne, zum Entsetzen vieler. In wieder anderen, so wie in dir und mir, lieber Leser, weiß es sich zu behaupten in der feindlichen Welt, geschützt durch eine zähe Haut der Heuchelei und der Verstellung, so wie die kleine Saat, die von den Vögeln verschlungen wird, der Auflösung widersteht, um, ausgeworfen, zu Wachstum und Blüte zu gelangen.

So bin ich zwanzig Jahre lang gleich einem Fremden in der Welt umhergeirrt, scheinbar völlig unterworfen, scheinbar einer der ihren, innerlich indessen ihnen doppelt entfremdet und ein eigenes Leben lebend. Während all jener Zeit suchte ich, kämpfte ich in meinem Innern, ohne Ruhe, ohne Frieden, einen Kampf, der aussichtlos erscheinen mußte.

Bis ich, durch eine kurze Periode von klarem, wahrhaftem Leben, von freudigem, tatkräftigem Handeln und namenlos tiefem Leid gestärkt und belehrt, nunmehr mit ganz andern Empfindungen des Vertrauens und der Resignation ausgerüstet, in diese letzte, freiwillige Einsiedelei eingetreten bin, um mit freudiger Lust und hoffnungsvoller Einsicht an dem Hause der Zukunft zu bauen.

Ich sagte meiner Mutter, daß aus meiner Priesterschaft wohl nichts werden würde. Sie hörte mich an mit jener leidenden Gelassenheit, die ihr infolge andauernder Übung in erkünstelter Resignation eigen geworden, die aber vor dem feinen Beobachter die Unterströmungen sehr banaler menschlicher Neigungen und Begierden nicht zu verbergen vermochte. Ich hatte allmählich gelernt, diese zu bemerken, so deutlich, daß es mir stets schwerer fiel, den Mangel an Selbstbeobachtung in ihr mit Gleichmut zu ertragen.

Diesmal sah ich, daß sie die stolze Hoffnung, ihren Sohn Priester werden zu sehen, leichthin aufgab für die Aussicht, daß der ihr sehr am Herzen liegende Heiratsplan sich infolgedessen verwirklichen könne. Ihre Absicht war es indessen, nur Kummer und Mitleiden zu zeigen, und kopfschüttelnd sprach sie:

»Du hast also deinen Hochmut noch nicht besiegt? Der Schlange noch nicht den Kopf eingedrückt, armer Vico?«

»Ich gehorche dem Göttlichsten, das in mir ist, Mutter.«

»Deiner menschlichen Vernunft? Oder deinem menschlichen Hochmut?«

»Mutter, welche Mittel besitzen wir, um die Wahrheit zu erkennen, wenn nicht das Gefühl, das uns sagen läßt: »Dies ist wahr,« genau so wie unser Auge sagt: »Dies ist hell« und unsere Haut: »Dies ist warm«. Möchtest du denn, daß ich sagte: »Dies ist dunkel«, wenn ich Licht sehe, weil du es dunkel siehst, oder daß ich sagte: »Dies ist gut«, wenn ich unrecht sehe, nur weil du es gut nennst?«

»Ich kann mit dir nicht disputieren, Vico. Tue, was dich gut dünkt. Ich habe es gelernt, mich damit abzufinden.«

»Aber du wünschest doch mein Glück, nicht wahr, Mutter?«

»Ach, mein lieber Sohn, ich wünschte, daß die Menschen aufhörten, nach ihrem Glück zu suchen. Das alles ist Trug und Wahn, eine bunte Seifenblase. Ich habe niemals das Glück gekannt, aber ich habe es gelernt, jegliche Freude, jegliche Lust zu opfern, aus Liebe zum Heiland.«

»Höre mich einmal an, Mutter,« sagte ich, während ich meine Gereiztheit nun nicht mehr völlig zu verbergen vermochte. »Wenn du mir sagst, daß es ein Scheinglück und eine falsche Freude gibt und daß wir uns jenen nicht hingeben dürfen, so stimme ich dir vollkommen bei. Aber wenn du mich glauben machen willst, daß der Sinn für Freude und Glück, der uns allen angeboren, eine teuflische Erfindung sei, der wir nicht gehorchen sollen, so nenne ich deine Welt ein Chaos und dein Leben ein Pasquill. Der allertiefste, alles beherrschende Grund all unserer Neigungen ist das Suchen nach Freude und Glück, nach dem wahren, bleibenden, Frieden spendenden Glück, das wir infolge von Verirrung oftmals in nichtigen Freuden suchen. Wenn Gott uns schuf mit der Absicht, daß wir der allertiefsten, alles beherrschenden Neigung, die er uns eingepflanzt, nicht folgen sollen, so ist Gott ein Tor, der mißratenen Wesen das Leben gab. Wie gründlich ich mich selber auch prüfe, ich fühle stets den Drang zum Licht, zur Schönheit, zum Glück. – Mich davon abwenden wollen, hieße mich selber vernichten wollen. Niemals werde ich einem andern Leitstern folgen können, denn ich habe keinen, und ich sehe auch in keinem andern Menschen einen. Und niemandem, niemandem auf Erden oder im Himmel werde ich mich so sklavisch unterwerfen, daß ich um seinetwillen mein echtestes, eigenstes Wesen verleugnen könnte.«

Meine Mutter führte ihr Taschentuch an die Augen und schüttelte den Kopf, indem sie traurig die Achseln zuckte, allein sie antwortete nichts.

Darauf ließ ich ein Wort los gleich einem Lockvogel, um zu sehen, ob ich sie recht verstünde, besser als sie sich selber.

»Kommt Lucia nicht? Wir könnten nach dem Pincio fahren.«

Das Taschentuch sank herab und ihre Augen leuchteten flüchtig auf.

»Lucia? Gewiß kommt sie. Ich wußte nicht, daß du Wert darauf legtest, mitzugehen.«

Da wußte ich wohl, daß meine Ahnung mich nicht betrogen, und dies entfremdete mich auch meiner Mutter, während ich nichtsdestoweniger ihrem unbewußten Verlangen nachgab. 




Holland nenne ich ein träumerisches Ländchen, weil seine Schönheit der eines Traumes gleicht. Oftmals ist es dort rauh, düster, unwirtlich, melancholisch – aber plötzlich prangt bei stillem, mildem Wetter das ganze Land mit seinen Bäumen, Bächen, Städtchen und Bewohnern in einer unbeschreiblich zarten Pracht, und alles wird verklärt von einer tief geheimnisvollen Bedeutung, die man nicht näher erklären oder andeuten kann und die der wunderseltsamen Art jeglicher Traumschönheit gleicht. Man muß mein Städtchen von der See aus gesehen haben an einem stillen, klaren Septemberabend, wenn die Sonne hinter dem Glockenturm verschwindet an dem wolkenlosen, grünlich - blauen Himmel, wenn sie zerfließt in orangefarben und gold, wenn die Weiden und die Baumschatten durch ein und dieselbe dunstigblaue Zauberfarbe zu wundersamer Einheit sich verschmelzen, wenn die Melker heimkehren mit schwergewichtigem Schritt, die kobaltblauen Eimer zu beiden Seiten, wenn alles, was da klingt, harmonisch ist, vom Glockenschlag der Turmuhr bis zu dem Rasseln des heimkehrenden Karrens, und alles, was da lebt, von den derben Holländern bis zu den plumpen Kühen, in ein und derselben friedlichen, verklärten Abendseligkeit aufzugehen scheint – um zu verstehen, wie sehr das alles der wunderbaren Illusion unserer Träume gleicht, wenn das Einfachste auf unerklärliche Weise in einer Glut himmlischer Herrlichkeit und unaussprechlicher Schönheit prangt, die unsere Erinnerung tagelang mit ihrer Seligkeit zu erfüllen vermag.

Aber die Bewohner dieses träumerischen Städtchens werden nicht gern träumerisch genannt. So wie ich das Wort verstehe, ist es ein Kompliment, das meine Landsleute in höherem Maße verdienen, aber die Holländer selbst fühlen sich geschmeichelt, und zwar sehr zu unrecht, wenn ich es im Klub so hin und wieder erwähne, daß die Italiener doch viel träumerische Menschen seien als sie selber. Ein Träumer erscheint einem Holländer wie ein Dummkopf, wie eine Schlafmütze, und unser Makler, ein kleines Männchen mit grauem Bart und dummschlauen, spähenden Äuglein, der sich für äußerst pfiffig hält, weil er überall seinen Vorteil wahrzunehmen und seinen Geldschrank gut zu füllen weiß, erzählt immer wieder mit der größten Befriedigung, daß er niemals gewußt habe, was Träume seien. Wenn er schlafe, so schlafe er eben und wisse von nichts, also von noch weniger, als wenn er wache. Und der Doktor, ein junger, dicker, jovialer Kerl mit einem stark ausgeprägten Mulattentypus, der wegen seiner fidelen Herzlichkeit und seiner lustigen Studentenwitze sehr beliebt ist, behauptet, daß alle Träume pathologisch seien, und bezeichnet als die beste Arznei dagegen eine feine Zigarre und einen steifen Grog vor dem Schlafengehen.

Ein holländischer Bauer in seinem blauen Kittel auf einer von der goldenen Abendsonne beschienenen Wiese zwischen dem scheckigen Vieh, mit einem Hintergrund von blonden und fahlgrünen Dünen in fein wogenden Umrissen, ist ein Wunder an träumerischer Schönheit; aber er selber weiß nichts davon, ebensowenig oder noch weniger als die Kuh, die neben ihm steht – und der Makler und der Doktor wissen es nur dann, wenn ein Träumer wie Rembrandt oder Ruysdael es festgehalten hat, und die Zeitungen berichten, wie viele Tausende von Goldgulden deren Träume eingebracht. Aber in meinem Lande ist der ärmste Bauernjunge, der in dem goldenen Abendschein barfuß und singend hinter seinen schwarzen Ziegen von den piemontesischen Hügeln hinabsteigt, träumerisch genug, um eine vollbewußte Ahnung zu empfinden von dem großen Schönheitskonzert, in dem er einen einzigen Ton bildet.

In den Städten ist es natürlich überall gleich schlimm, und Träumer sind ebenso selten unter den sorgfältig frisierten und geschniegelten Offizieren und Flaneurs des Toledo in Neapel, wie unter den wohlgenährten, blondbärtigen Kaufmannssöhnen in der Kalverstraat zu Amsterdam.

Nun will es mir auch so erscheinen, als sei der, der da träumt, wachender als der, der da schläft. Und wer ein Drittel seines Lebens in absoluter Bewußtlosigkeit verbringt, verdient viel eher eine Schlafmütze genannt zu werden als einer, für den auch die dunklen Nächte buntfarbig und voll reichen Lebens sind. Mir ist es immer wie eine Schmach erschienen, so viele Stunden darnieder zu liegen wie ein Stein und aus dem Schlaf um nichts klüger zu erwachen, als man in ihn hinabgesunken ist. Und nachdem ich es schon in meiner frühen Jugend mehrmals erfahren hatte, daß der Schlaf einen Reichtum an Empfindungen und Entzückungen birgt, die die intensivsten Freuden des hellen Tages um vieles übertreffen und deren Glanz noch weiterstrahlt mitten durch das hellste Tageslicht hindurch, so wie Sonnenschein durch einen elektrisch erleuchteten Saal – da begann ich meine Träume aufmerksamer zu beachten, und zumal an düsteren, schönheitsarmen Tagen erwartungsvoll nach den Nächten auszuschauen, in denen ich unzweifelhaft die leuchtende Anwesenheit solcher großen Schätze gewahrt hatte.

Was die Meinung des Doktors hinsichtlich der Krankhaftigkeit der Träume anbetrifft, so verweise ich auf das, was ich über die Philistrosität aller Ärzte sagte, und ich weiß es aus sehr bestimmter Erfahrung, daß es ebenso wie in dem Tagesleben auch im Schlaf gesunde und krankhafte Wahrnehmungen gibt. Ich kann mit einer gewissen Überlegenheit sprechen, weil ich in meinem Tagesleben niemals irgend welche gewichtigen krankhaften Störungen empfunden habe und weil kein Arzt jemals an meiner vortrefflichen Gesundheit hat zweifeln können. Und dennoch bedeutet für mich eine traumlose Nacht eine schlechte Nacht, und den Menschen, der seinen ganzen Tag damit verbringt, verirrten und unharmonischen Neigungen zu folgen, Abweichungen von den guten Instinkten zur Labsal und Nahrung, zur Fortpflanzung und Akkumulation, zum Frieden und zum Glück, und der seine Nächte in stumpfer Gefühls- und Gedankenlosigkeit, tot wie ein Kork, oder höchstens infolge törichter, verworrener Träume vorübergehend ein wenig wahnsinnig verbringt – diesen Menschen nenne ich mit gutem Grunde krankhaft und abnorm. Den Menschen, der da lebt, um zu essen, zu trinken, ein wenig zu arbeiten und sich auszuruhen, seine kleinen Pflichten zu erfüllen und seine kleinen Sorgen zu vergessen und im übrigen die Nacht so stumpf und dumpf und wesenlos wie möglich zu verbringen – und dem vor allen Dingen daran gelegen ist, seinen Magen und seinen Geldschrank zu füllen und seinen Schlaf leer zu lassen – einen solchen Menschen nenne ich nicht gesund und glücklich, sondern ganz einfach bedauernswert.

Denn unser höchster Instinkt, der gleich einem stattlichen Königshirsch mit stolz getragenem, breit verzweigtem Geweih der ganzen munteren und scheuen Herde unserer Neigungen und Triebe vorangehen, der sie vereinen und behüten soll, das ist die Neigung zur Schönheit, zur Erhabenheit und zur reinen Seligkeit.

Auch die mächtige Wißbegierde, die uns so rastlos nach dem Geheimnis des Lebens suchen läßt, ist dem unterworfen, mag sie auch im Rang die zweite, mag sie auch das schönste Reh aus der Herde sein.

Und wenn wir nun im Schlaf und im Traum deutlichere Anzeichen gewahr werden von der höchsten Schönheit und der reinen Seligkeit als während des Tageslebens, sollten wir ihnen dann nicht unsere volle Aufmerksamkeit schenken?

Und dies nun will ich dir dartun, mein Leser, als die erste neue, der gegenwärtigen Welt bisher noch fremde Vorstellung, als das erste lebenswarme, zukunftsreiche Gedankenkind, das geboren wurde aus der innigen Verbindung meiner Erfahrung und meiner Betrachtung.

Die Lösung unseres Lebensgeheimnisses liegt im Traum.

Du meinst, daß diese Lösung für uns Menschen nicht erreichbar sei, nicht wahr? Das ist sie auch nicht, zum mindesten nicht für den sterblichen Menschen, und dennoch sucht die ganze Menschheit, durch Vermittlung ihrer Naturforscher, geduldig und hoffnungsvoll darnach. Aber jetzt graben sie noch mit ihren stets feineren und schärferen Instrumenten, und sie messen und registrieren und vergleichen in einer Richtung, die unvermeidlich in eine Sackgasse ausläuft, wieviel Nützliches sie auch bereits zutage gefördert haben mögen. Denn die Empfindungen des Tageslebens, die einzigen, die die Aufmerksamkeit der Suchenden fesseln, reichen nicht über das Grab hinaus und schwinden zugleich mit des Körpers Verwelken. Aber die Empfindungen während des Schlafes, die noch unerforscht und ungemessen, beginnen dort, wo die Augen geschlossen sind, wo die Ohren nicht hören und die Haut nicht fühlt, und reichen bis in jene Regionen, über die wir ebensogut, ja eigentlich noch besser unterrichtet sein möchten als über die der Tagessphäre.

Ich bin ein starker und mächtiger Träumer gewesen, so lange meine Erinnerung reicht. Und daher weiß ich, daß ich mich selber zu den Suggestionsbrechern und Pfadfindern rechnen muß, so wie auch du, lieber Leser, wenn du mich recht verstehst, einer bist, – dadurch konnte ich auch sogleich, als die Gruppengedanken und der Glaube der Tradition mir zu eng wurden und weder die Worte meiner Zeitgenossen noch die neuesten Errungenschaften der Wissenschaft mir Befriedigung verschafften, einen Ausweg sehen und Licht finden auf einem mir durch niemand gewiesenen, vor mir von niemandem betretenen Wege. So hat mich denn die Entfremdung von der Welt weder bitter noch mutlos gestimmt und ich bin durch die Vereinsamung nicht verwildert. Nur dadurch ist es mir möglich, Freude und Befriedigung zu finden in diesem Leben inmitten der kleinen, verkümmerten Seelen und Barbaren; denn abgesehen von meinem eintönigen, täglichen Dasein, das nur flüchtige Augenblicke der Erhabenheit bietet durch die Schönheit dieser flachen Lande und der See, durch Studium und Arbeit, habe ich die reichen Nächte voll wunderbarer, geheimnisvoller Wirklichkeiten, die ich dankbar und aufmerksam wahrnehme, um sie dann tagsüber niederzuschreiben. Auf solche Weise fühle ich mich glücklich, trotz des Verlustes alles dessen, was mir teuer war, kraft des Bewußtseins, ein nützlicher Arbeiter zu sein, der den Acker der Zukunft pflügt.

»for the promise of a later birth
the Wilderness of this Elysian earth.«

Bevor ich von meiner Ehe mit Lucia del Bono und von der langen, äußerlich glücklichen Periode spreche, die darauf folgte, muß ich hier einiges aus meinem nächtlichen Wahrnehmungsleben berichten. Die Angstträume und die Seligkeitsträume, die auch dir, Leser, nicht unbekannt sein dürften, kannte ich in starker Intensität. Und es war mir sogleich aufgefallen, daß ihre heftigen Sensationen, ihre unbeschreibliche, tödliche, lähmende Angst oder auch ihr wunderherrliches Glück nicht im Verhältnis standen zu den Dingen und Ereignissen, die man im Traum sah oder erlebte und die durch sie auch nicht erklärt werden konnten. Ich entsinne mich eines Traumes von einem leeren, grauen Zimmer ohne Fenster, ohne Möbel, in einem Winkel etwas Verschwommenes, das sich regte und dessen entsetzlicher Eindruck mich tagsüber noch erschauern ließ – ebenso eines kleinen, schmalen, viereckigen Hofes zwischen hohen, mit Efeu bewachsenen Mauern, gleichfalls über alle Maßen grauenerregend und unheimlich – und dann wieder seliger Träume von Begegnungen mit einem fremden Knaben oder einem fremden Mädchen in einem unbekannten Garten oder in einer felsigen Schlucht mit riesengroßen, gelbblättrigen Kastanienbäumen, deren Erinnerung mich tage- und wochenlang mit süßer Lust erfüllte, ja, die mich jetzt, an meinem Lebensabend, glücklich machen kann, wenn ich lange darüber nachdenke.

Niemand würde, wenn er einen solchen Traum erzählen hörte, seinen entsetzlichen oder lieblichen Eindruck verstehen können. Nur das eine war mir klar, daß die Seligkeitsträume mit der Liebe im Zusammenhang standen.

In meiner frühesten Jugend war es ein Knabe, ein Freund, dem ich im Traum begegnete, und der mich durch ein einziges Wort ohne allzu tiefen Sinn wundersam glücklich machte, und die Umgebung, in der ich ihn sah, herrlich gestaltete, und später war es ein Mädchen. Der Knabe und das Mädchen kamen einige Male, nicht sehr häufig, zurück und glichen nicht einer Liebsten oder einem Freund aus meinem Tagesleben.

Das angstvolle Entsetzen schien mir zu Anfang viel rätselhafter, denn es war mit den einfachsten und harmlosesten Gegenständen und Vorstellungen, von denen ich träumte, auf unerklärliche Weise verbunden.

Man spricht wohl von Alpdrücken und sucht dessen Ursache zumeist in einem überladenen Magen, und die Ärzte reden dann sehr viel von gestörtem Blutumlauf und haben allerlei Ratschläge zur Hand; ich aber bin während eines langen Lebens ein sehr gewissenhafter Beobachter gewesen und habe die Gewißheit erlangt, daß ein überladener Magen und ein gestörter Blutumlauf ebensowenig die Ursachen jener nächtlichen Gräuel, wie die von Regen und Wind bilden – wenngleich ich zugebe, daß ein Mensch in geschwächtem Zustand sowohl dem einen wie dem andern weniger gewachsen ist.

Warte, mein Leser, bis du ein alter, erfahrener Träumer bist wie ich, und du wirst die Angsteinflößer, die Würger, die Possenreißer selbst an der Arbeit sehen in den von Breughel und Teniers so naturgetreu abgebildeten Gestalten. Du wirst ihre Streiche, ihre perfiden Erdichtungen und die sonderliche Ausstaffierung ihrer Wohn­sphäre kennen lernen, wirst sie sozusagen allmählich wittern wie der Hund das Wild, an ihrem eigenartigen Geruch des Schauders – du wirst sehen, wie sie ihre abscheuerregenden, düsteren Bilder vor dir aufstellen, ihre Schlachthöfe voller Blut, ihre Sümpfe voller Leichen, wie sie deinen Weg mit Dreck besudeln und dich phantastisch an der Nase herumzuführen versuchen, und das alles, ohne daß es dich auch nur im geringsten entsetzt oder erschreckt oder niedergeschlagen stimmt, so wie dereinst, als du die Ursache all dieser Dinge noch nicht kanntest – weil du ihrer jetzt gewahr geworden bist in ihrer erbärmlichen Boshaftigkeit, weil du den Mut hast, es mit ihnen aufzunehmen und sie nötigenfalls tüchtig zu kasteien.

Es ist dies Völkchen, das Shelley also nennt:

»the ghastly people of the realm of dreams«

und an dessen jämmerlichem Dasein, an deren rastloser Tätigkeit weder er noch Goethe, noch einer der vielen Weisen und Seher dieser Welt gezweifelt haben.

Würde dieser Zweifel denn auch nicht besagen, daß wir selbst verantwortlich sind für die Menge abscheulicher durch und durch gemeiner, schnöder, frevelhafter, schmutziger oder obszöner Vorstellungen, die uns während der Nacht betrügen und die doch alle das unverkennbare Merkmal an sich tragen, daß sie bedachtsam erwogen, mit überlegener Vernunft zusammengestellt sind und dadurch einen denkenden Geist, wie niedrig denkend er denn auch sein möge, verraten? Kennst du nicht den Traum, in dem du dich eines aus Habgier begangenen Mordes schuldig fühlst oder des Diebstahls oder des Anberaumens von Mord und Totschlag und der Aufreizung Unschuldiger, mit dem ganzen entsetzlichen Gefolge von Furcht vor Entdeckung, von Lüge auf Lüge, um ihr zu entgehen? Und machst du dafür deine eigene Seele verantwortlich? Oder glaubst du, daß der Zufall solche kunstvoll konstruierten Verwicklungen zu schaffen vermöchte?

Ein Betrug solcher Art war es, der mich zu entrüstetem Widerstand reizte. Der Kampf, den ich tagsüber mit meinen unbequemen Trieben zu kämpfen hatte, ließ mich auch während der Nacht auf meiner Hut sein. Ich wollte mich nicht mit der Entschuldigung abfertigen, daß der Schlaf unverantwortlich mache.

Wußte ich doch, daß ich selber es gewesen, daß ich, Ludovico Muralto, ein ehrlicher, gutherziger Kerl, allerlei grausame, bösartige, häßliche Dinge empfunden und getan hatte in dem Traumleben der Nacht, und ich wollte das nicht. Nicht nur die Gemeinheit, sondern auch die Ungereimtheit des Traumes ärgerte mich. Nacht für Nacht ward ich gefoppt und auf die lächerlichste Weise an der Nase herumgeführt. Oftmals schien es, als würden gerade meine ernsthaftesten Vorsätze, meine heiligsten Empfindungen verspottet. Und an jedem neuen Morgen war es nicht nur mit Erstaunen, sondern auch mit stets wachsender Scham und voller Ingrimm, daß ich erwachend bemerkte, wie unsinnig ich mich wieder hatte foppen lassen. Das konnte nicht aus mir selber kommen, es mußte mir aufgedrängt sein; es war Suggestion, Einprägung, die meinen Geist und mein Urteil bedrohte und verwirrte, und ich war fest entschlossen, das nicht zu dulden. Ich ertrug es nicht und suchte voller Anspannung nach Mitteln, um meine gesunde Seele und mein freies Urteil zu schützen.

So kann ich wohl sagen, daß mein heftiger, lebenslanger Kampf zur Selbstläuterung und zur Annäherung an die Seligkeit sich verdoppelte und sowohl des Nachts wie bei Tage geführt wurde, und in der Tat mit gutem Gelingen. Denn es ist dieselbe Seele und es sind dieselben Mächte, die des Nachts wie auch bei Tage in Wirkung und Wechselwirkung zueinander stehen, und das Tagesleben mit den körperlichen Sinnen ist mir nicht zum mindesten durch das nächtliche unsinnliche Leben klar geworden.

Ich gewöhnte mich daran, des Morgens ganz genau zu memorieren, was mir während der Nacht widerfahren war, und des Abends vor dem Einschlafen feste Entschlüsse zu fassen, Autosuggestionen, die auch im Traumleben weiterwirken sollten.

Und ich sah ein, daß das erste, dessen ich bedurfte, dies war: Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Selbstbewußtsein – auch im Traum. Wer nicht betrogen werden will, muß auf seiner Hut sein. Ich wollte also vor allen Dingen, während ich träumte, wissen, daß ich träumte, wollte das Erinnerungsband mit dem Tagesleben nicht verlieren. Jeden Abend stand ich vor der dunklen Höhle des Schlafes, gleich Theseus, mit dem Ariadnefaden in der Hand, und ich wußte, wie auch du, lieber Leser, dies vielleicht durch zufällige Erfahrung weißt, daß ein solches Festhalten der Erinnerung möglich sei. Ist es dir nicht des öfteren widerfahren, daß du dich, während dich im Traum ein gefährliches Tier oder ein tiefer Abgrund schreckte, beruhigtest mit dem bestimmten Bewußtsein: es ist ja doch nur ein Traum.

Jenes Bewußtsein wollte ich heranbilden und stärken. Und nach kurzer Zeit glückte es mir, in einer Nacht, als ich von einem blühenden Obstgarten in Italien träumte, mit vollem Bewußtsein aufzupassen. Ich sah die Zweige, so wie sie einander kreuzten, und die Weinlaubgirlanden, die von Baum zu Baum sich streckten, und ich schwebte mitten hindurch, mehrere Meter hoch über dem Erdboden, und über mir wölbte sich ein heller, blauer Himmel. Und währenddessen dachte ich, stets genauer wahrnehmend, darüber nach, wie es mir wohl möglich sei in einer Vision, die doch aus mir selber entstand und die von mir selber geschaffen sein mußte, die Scheinbewegung dieser Tausende von verzweigten Ästlein und das Gewirre der jungen Blätter so genau und so richtig nachzuahmen. Und ich zog in meinem Traum, und wohl wissend, daß ich träumte, die Schlußfolgerung, daß diese Erscheinung eine Wirklichkeit sein müsse, eine objektive Wirklichkeit, so wie die Vernunftsphilosophen das nennen, weil es mir, dem Beobachter gegenüber, ein eigenes Wesen zeigte. Die kleinen Äste wiesen, während ich vorüberschwebte, völlig die Scheinbewegungen der am Tage wahrgenommenen auf; und wie hatte ich, der ich nicht einmal imstande bin, einen Baum nachzuzeichnen, diese ungeheuer komplizierten Bewegungsbilder wohl selber zu schaffen vermögen? Und gleichzeitig, während ich jetzt völlig wachend war inmitten dessen, was ich als einen tiefen, gesunden Schlaf kannte, dachte ich darüber nach, wie die Gesichtseindrücke des Tageslebens erklärt werden durch die Einwirkung unendlich feiner, rascher Lichtschwingungen auf das wunderbar komplizierte Auge, Lichtschwingungen, ausgesandt durch Dinge, deren Struktur als ein nicht minder komplizierter Zusammenhang von Billionen und Trillionen von Molekülen aufgefaßt wird . . . und wie diese nämlichen Eindrücke, genau das gleiche Resultat, jetzt erreicht ward in Gestalt einer deutlich erlebten und ruhig wahrgenommenen Wirklichkeit, während meine Augen geschlossen waren und die Welt des Tageslebens fern blieb – und daß folglich etwas bestehen müsse, das im stande ist, alle die endlosen Kombinationen von Lichtschwingungen und Molekularbewegungen nachzuahmen und damit einen vollkommen gleichwertigen Effekt zu erzielen.

Und du, Leser, kannst dir, bevor du selber eine solche Freude gekostet, meinen Jubel beim Erwachen nicht vorstellen, als ich wußte, daß mein Plan geglückt war, daß ich ununterbrochen aufmerksam wahrgenommen, mit voller Erinnerung und ruhigem Bewußtsein in jener geheimnisvollen, unsinnlichen Sphäre voller Wunder und Trug. 

Die Philisterphilosophen werden von »Schein« sprechen und behaupten, daß nur die Tageswahrnehmung Wirklichkeit umfasse und der Schlaf nur Schein. Ich aber sagte es bereits: Was wir Schein nennen, das ist nur eine andere, flüchtige Wirklichkeit. Hat der Tag denn noch andere Wirklichkeiten als die Wahrnehmungen? Und weil die Wahrnehmungen im Schlaf unzusammenhängender, schwankender, rätselhafter und trügerischer sind, sollten sie darum nicht bestehen oder keine Beachtung verdienen? Gerade infolge ihrer seltsamen Art, die unserer Sinne nicht bedarf, verheißt ihr Studium reichere Funde als die des Tageslebens, aber was sie in allererster Reihe erfordert, das ist die Festigkeit und Klarheit des Geistes, der sie wahrnehmen will zu dem gleichen Zweck und mit der gleichen Genauigkeit, womit die Wirklichkeit des Tageslebens erforscht wird.

Die Freude über dieses erste Gelingen erfüllte meinen ganzen Tag, und der Trost und das Glück, die ich in dieser unergründlichen Domäne des Studiums gefunden, haben mich bis zum heutigen Tage noch nicht verlassen und machten mir das Ertragen eines schweren Lebens leicht.

Ich nahm mir nun vor, durch beständige Übung weiter zu gelangen, noch länger und noch besser zu beobachten und namentlich auch zu versuchen, wie weit ich in dieser unsinnlichen Sphäre wollend handeln könne. In meiner ersten Freude hoffte ich, es wohl einmal soweit zu bringen, daß ich, ohne das Bewußtsein zu verlieren, vom Wachen zum Schlafen würde übergehen, daß ich Nacht für Nacht die Traumsphäre würde durchforschen können mit der ganzen Ruhe des Tages – auf solche Weise mein Leben verdoppelnd. Und ich hoffte überdies, das Böse und Dämonische bekämpfen, das Reine und Selige suchen und vielleicht auch andere gültige Tatsachen aus der unbekannten Wahrnehmungswelt zutage fördern zu können.

Natürlich brachten meine übermäßigen Erwartungen Enttäuschung mit sich. Nur äußerst langsam können wir Boden gewinnen in dem so gänzlich Unbekannten. Ich muß mich begnügen mit dem Hinterlassen einer Anzahl gewissenhafter und sehr genauer Beobachtungen, die andere wiederholen und prüfen werden. Für dich, mein Leser, werde ich sie, wenn mir die Zeit dazu vergönnt wird, niederschreiben, auf daß du sie studieren könnest, wohlgeordnet, wie einen Wegweiser zu ferneren Untersuchungen. Ich weiß, daß du dem von mir gewiesenen Wege folgen, und es weiterbringen kannst als ich.

Vorläufig will ich nur kurz erwähnen, daß, wenngleich alle meine Erwartungen nicht in solcher Weise erfüllt wurden, wie ich es erhoffte, doch auch keine von allen gänzlich fehlschlug.

Nacht für Nacht, während der ganzen Dauer des Schlafes die Klarheit des Geistes zu bewahren, ist mir nicht geglückt. Die Augenblicke der Wahrnehmung waren und bleiben kurz von Dauer und treten nur in großen Zwischenpausen auf. Oftmals gibt es wochenlang nichts zu beobachten, dann wieder folgen zwei, drei gute Nächte aufeinander. Die Vorbedingungen zu guter Wahrnehmung sind eine ausgezeichnete Gesundheit, seelisches und körperliches Gleichgewicht und der tiefe, erquickende Schlaf gegen Morgen, wenn der Körper und die Sinne in vollkommener Ruhe und Passivität sich befinden.

Nell 'ora che cominica i tristi lai
la rondinella presso la matina
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
e che la mente nostra, peregrina
piú dalla carne e men da'pensier presa
alle sue vision quasi è divina.

Nur wenige Male ist es mir geglückt, mit gänzlich ungebrochenem Bewußtsein einzuschlafen. Dies geschah, wenn ich sehr ermüdet war und schnell in tiefen Schlaf fiel. Dann wußte ich plötzlich mit einem seltsamen Empfinden der Freude und der Erleichterung, daß der begehrte Schlaf gekommen, und ich dachte, genoß, nahm wahr, wollte und handelte mit ruhiger Überlegung, in der freudigen Überzeugung, daß meinem Körper, dessen Ermüdung ich nicht mehr empfand, die ihm notwendige Erquickung zuteil ward, ohne daß mein unsinnliches und unwahrnehmbares Wesen sein Lebensspiel zu unterbrechen brauchte. Aber diese äußerst günstigen Vorbedingungen sind selten; zumeist fühle ich, wie ich eilends durch die Wahrnehmungssphäre hinabgleite, voller Besorgnis, daß die kurze Spanne Zeit entfliehen werde, ohne daß ich sie mir in vollem Umfang nutzbar gemacht.

Aus einer langen Reihe von Wahrnehmungen erhellt mir namentlich dies: daß es verschiedene Sphären gibt, die man, zum Bewußtsein gelangend, unmittelbar an einer eigenartigen, nicht näher zu beschreibenden Stimmung erkennt. Man weiß, in welcher Tiefe, auf welchem Wahrnehmungsgebiet man sich befindet.

Es gibt eine Sphäre, in der man die Welt des Tageslebens, die von uns geschaute Erde mit ihren Landschaften und Wohnungen in einer seltsam veränderten Weise wiedersieht. Es ist alles anders, aber man weiß: dies ist also beabsichtigt. So sah ich mein elterliches Haus in der Stadt mit seinem altfränkischen Luxus immer und immer wieder in so mancher Nacht, aber in der Traumgestalt. So auch den Comer See und den Wald von Gombo bei Pisa, und auch England und die Nordsee – aber es ist stets das Traummeer und der Traumwald und das Traum-London, völlig verschieden von der Wirklichkeit des Tages. Sich selber aber bleiben sie gleich, und ich erkenne sie jedesmal unmittelbar.

So auch gibt es eine Sphäre der Entzückung und des großen Glückes. In ihr ist das Bewußtsein am kraftvollsten, und es ist unmöglich, die wunderbare Klarheit zu schildern, mit der man alles anschaut und bewundert, und das unzweifelhafte Gefühl einer Realität, die doch von dem wachenden Leben gänzlich verschieden ist. Man sieht dann weite, prächtige, mehr oder weniger klar beleuchtete Landschaften, wohl von irdischer Art, mit Bergen, Bäumen, Seen und Flüssen, aber schöner, und das Herz mit namenloser Bewunderung erfüllend. Und man sieht sie intensiv, scharf, vollkommen deutlich, mit klarem Bewußtsein. 

In dieser Sphäre hat man auch einen eigenartigen Körper mit sehr starkem, körperlichem Empfinden und mit ganz bestimmten Eigenschaften. Man fühlt, wie die eigenen Augen weit geöffnet sind, und man sieht mit ihnen, man fühlt den Mund und man spricht und singt laut – indes man sich darüber wundert, daß der schlafende Körper nun totenstill sein muß – man nimmt die eigenen Hände und Füße wahr, und die Kleider, die man trägt und die den Kleidern des Tageslebens gleichen. Es ist alles ein wenig anders, es wird schwankend gesehen, wie durch strömendes Wasser und es wandelt sich auch unter dem Einfluß des ausgesprochenen Willens. Aber man erkennt den Traumkörper, so wie man den wachenden Körper erkennt, sobald man wieder zu ihm zurückgekehrt ist. Und man behält die Gefühlserinnerungen an beide, unabhängig voneinander. Man entsinnt sich beim Erwachen, daß der Traumkörper in geschäftiger Tätigkeit gewesen ist, aber der wachende Körper weiß, daß er ruhig und still dagelegen, und nicht völlig tot, denn ein ungewohntes Geräusch würde ihn alsbald haben erwachen lassen. Und der Traumkörper hat alle Sinneswahrnehmungen des wachenden Körpers und alle Kräfte, aber mehr noch, denn er kann nicht nur sehen, fühlen, hören, schmecken und riechen – sondern auch sehr fein denken und viel feinere Stimmungen wahrnehmen, ja! dies letztere so fein und scharf, daß es sich mit keiner Sinneswahrnehmung des Tages vergleichen läßt und man mit Recht von einem neuen Sinn sprechen könnte. Und er kann schweben und fliegen. Er fühlt sich leicht und frei – wenngleich der wachende Körper in tiefem Schlaf der Ermüdung ruht, so ist doch der Traumkörper in dieser Sphäre allzeit geschmeidig und leicht und fühlt sich über alle Beschreibung wohlig.

Diese Fähigkeit, schweben zu können, bedeutet stets die ganz bestimmte Ankündigung der nahenden Glückssphäre. Aber dieses Schwebevermögen ist nicht unbegrenzt. Der Traumkörper kann sich in alle Abgründe wohlbehütet hinabschweben lassen, er kann aber nicht in alle Höhen hinaufsteigen. Das Steigen kostet Mühe und mißglückt sehr häufig trotz der größten Kraftanstrengungen. Außerordentlich merkwürdig ist die sorgfältige Beobachtung der Rückkehr des einen Körpers in den andern, beim Erwachen.

Man kann zu jeder Zeit aus der Glückssphäre willkürlich erwachen. Und es bereitet mir ein stets wiederkehrendes Erstaunen, eine niemals sich abschwächende Verwunderung, wenn die beiden Körper, ein jeder mit seiner ganz deutlichen Körpererinnerung, ineinander übergehen. Der Traumkörper nimmt eine Haltung an, ich will mal sagen: mit ausgebreiteten, hoch emporgehobenen Armen, und er ruft laut, oder er singt, aber er weiß zugleich, daß der schlafende Körper totenstill mit über der Brust gekreuzten Armen auf der rechten Seite liegt, allein dies erscheint unmöglich, so deutlich ist das Gefühl der Sprache, der Muskeln, der geöffneten Augen . . . und dann folgt ein einziger, unbeschreiblicher, schwindelnder Moment des Überganges, und man gewinnt wiederum das physische Gefühl des schlafenden Körpers, mit der Erinnerung schweigend, nichts sehend und unbeweglich dagelegen zu haben, in ganz anderer Haltung.

Wer dies ein einziges Mal wahrgenommen hat, so wie ich es viele hundert Male wahrnahm, kann die Voraussetzung, daß die Vergänglichkeit und der Verfall dieses sinnlich wahrnehmbaren Körpers eine Möglichkeit von Reintegration und von erneutem Fühlen, Wollen und Wahrnehmen hinterlasse, nicht mehr ohne weiteres leugnen. Ebensowenig wird er es wagen, die Meinung meines Vaters zu bekräftigen, daß wir für das Dasein eines Teiles unseres Wesens, das sich von dem wahrnehmbaren Körper scheiden läßt, keinerlei Anzeichen oder Beweise besäßen – mögen wir dies nun »Seele« oder »Schemen« oder sonst wie nennen.

Es ist diese Glückssphäre, in die ich stets wieder zu gelangen hoffte und deren Erreichen mich während des ganzen Tages selig stimmte. In jener Sphäre kann ich wunderbar singen und musizieren, ein Talent, durch das ich mich tagsüber leider nicht auszeichne. In dieser Sphäre kann ich auch Einfluß ausüben auf mich selber und auf das Leben des Tages. Eine kräftige Suggestion, durch meinen Traumkörper geäußert, besitzt eine gewisse Macht über den wachenden Körper und vertreibt Ermüdung, Niedergeschlagenheit und die leichten Störungen, die mich ab und zu quälen. 

Aber gewichtiger als dies ist es, daß ich in dieser Glückssphäre beten kann, ohne Scham und Verlegenheit. Ich gieße mein volles Herz dann aus – ich, der ich niemals ein guter Redner war – in reiner, inniger, fließender Sprache, dankend, fragend, lobpreisend.

Autosuggestion? Ja gewiß, aber dann doch sicherlich eine von sehr besonderer Art. Denn es kommt eine Antwort. Eine Antwort die mich niemals völlig betrogen hat. Wenn ich bete in jener wunderseltsamen Sphäre voll des namenlosesten Entzückens, so werde ich in der schönen Landschaft vor meinen Augen feiner, stiller, vielsagender Zeichen gewahr. Ein zarter Wolkenschleier umdüstert das Licht gleich einem Wink des Unheils oder der Gefahr – ein großer, heller Schein leuchtet auf, hinter mir oder zur Seite, gleich einem ermutigenden Gruß – eine leichte Wolkenschicht verflüchtigt sich allmählich und ein dunkler, abgrundtiefer und sengender Azur wird sichtbar und erfüllt mich mit ungekanntem Trost. Blau, ein unvergleichlich schönes Blau, das ist die bezeichnendste Farbe für diese Sphäre. Wenn ich jenes Blau sehe, so weiß ich, daß es gut ist und daß ich geraden Weges und sicher behütet gehe, daß der Segen und die Stütze mir nahe sind.

Blau ist die kosmische Farbe, die Farbe von Himmel und Ozean, die Farbe des weiteren universellen Lebens, so wie Grün die tellurische, die Farbe des begrenzteren irdischen Daseins ist. Sehr langsam, sehr allmählich nur vermag man sich infolge wiederholter Wahrnehmung in all diesen Sphären und Empfindungen zurecht zu finden. Ich werde versuchen, das in anderen Werken näher zu umschreiben. Indessen läßt sich die vollkommene Bedeutung aus meinen Wahrnehmungen allein natürlich nicht nachweisen. Das erfordert noch wiederholte und langjährige Studien kommender Generationen. Aber eine unbekannte Perspektive der Wahrnehmung und des Wissens öffnet sich da, wo wir nichts anderes hatten als Glauben und Vermuten.

Allein schon, um der kurzen Erzählung meines Lebenslaufes nach Gebühr folgen zu können, ist es notwendig, daß man von diesem nächtlichen Wahrnehmungsleben etwas erfährt. Denn dies hat auf mein Schicksal großen Einfluß ausgeübt. Ich teile es hier mit, unbekümmert um die Furcht, daß diese Blätter der Philisterschar in die Hände fallen könnten. Denn sie werden es als eitel Phantasterei erachten, als ein merkwürdiges Märchen nach Art mancher Wundergeschichten von Rudyard Kipling oder H. G. Wells, die zu ihrem Ergötzen erdacht wurden. Du aber, lieber Leser, wirst den Ton der Echtheit gar leicht erkennen. Ich bin am allerwenigsten ein Phantast, die nackte, nüchterne Wirklichkeit ist meiner treuen Hingebung gewiß – aber ich leugne sie nicht, weil sie sich des Nachts vortut anstatt bei Tage, und eine Wahrnehmung bleibt mir eine Wahrnehmung, möge sie nun durch die Sinneswerkzeuge zu mir gelangen oder nicht.

Daß den Traumessphären ebensogut eine ganz bestimmte Anordnung und Situation eigen ist wie dem bei Tage wahrgenommenen Raum, das halte ich darum für wahrscheinlich, weil sie sich in ganz bestimmter Reihenfolge vortun. Einmal nur bin ich in einer allertiefsten Sphäre gewesen, aus der ich nicht willkürlich erwachen konnte und wo ich sehr beglückende Begegnungen hatte. Wesen, die gleich Menschen waren, allein ohne menschliche Sorgen, und ein schwebendes Kind, das ich im Traum bereits mit Goethes Euphorion, dem Kinde von Faust und Helena, verglich. Diese Sphäre lag noch tiefer – aber man verstehe das Wort »tief« durchaus als Metapher – als die schöne Glückssphäre mit den weiten Landschaften.

Aber unveränderlich folgt auf die Glücks­sphäre, so bald es dem Erwachen entgegengeht, die der Dämonen mit all ihrem Mutwillen und all ihrem Entsetzen. Diese Sphäre ist leicht zu erkennen, man sieht die visionären Dinge scharf und klar, allein sie sind von unbeschreiblicher, aber unzweifelhaft gespenstischer Art. Irgendein Gegenstand, eine Bürste oder ein Hufeisen oder etwas ähnliches, kann mir plötzlich vor Augen kommen, und ich weiß infolge des Schaudererregenden und Gespenstischen, das ihnen anhaftet, unmittelbar, daß es ein dämonisches Machwerk ist.

Ein sehr alltäglicher Scherz dieses Dämonenvölkchens ist es, einen Menschen scheinbar erwachen zu lassen. Dann glaubt man, daß es Morgen sei, man öffnet die Augen, blickt um sich und erkennt sein eigenes Schlafgemach. Aber wenn man sich erheben will, gewahrt man plötzlich, daß dem Raum etwas Seltsames, etwas Unheimliches, etwas Gespenstisches anhaftet, ein Stuhl bewegt sich von selber, ein leeres Kleidungsstück beginnt umherzuwandeln, die Fenster, das Licht, es ist alles anders, ungewohnt – und plötzlich versteht man, daß man noch nicht wach ist, daß man noch träumt und daß man in eine Gespensterwelt gelangte. Die ersten Male, als mir dies widerfuhr, fürchtete ich mich und gab mir, sehr nervös, die größte Mühe zu erwachen. Aber nachdem ich mehrere Male derart verkehrt erwacht war, schreckte es mich nicht mehr. Die seltsame Gespenstersphäre mit ihren scharfen Umrissen und dem grellen Licht interessierte mich und ich vermochte ebenso leicht und ebenso ruhig willkürlich aus ihr zu erwachen wie aus anderen Traumdomänen.

In diesem Dämonenland verkehren die meisten Träumer, ohne es selber zu wissen. Und noch heutigentags, wenn mein Bewußtsein und meine Erinnerungen nicht sehr klar sind, lasse ich mich häufig dadurch betrügen. Dann kommen die Spottträume, die unsauberen, schmutzigen, blutigen, unzüchtigen und obszönen Träume.

Allein wenn ich aus der glücklichen Sphäre komme und infolgedessen klare Erkenntnis und Geistesgegenwart besitze, so sehe ich, während ich diese Märchenwelt durcheile, die wunderlichen Gestalten selber in ihrer Tätigkeit. Ich kann sie nicht besser beschreiben als Teniers und Breughel sie abgebildet haben, aber das vermochten jene Künstler nicht wiederzugeben, daß sie fortwährend Gestalt und Farbe wechseln. Und das tun sie nicht um aus eigenem Antriebe, sondern auch auf meinen Befehl, und es ergötzt mich bisweilen, sie wachsen oder sich verkleinern oder blau oder schwarz werden und allerhand seltsame Formen annehmen zu lassen. Durch Scharen von Hunderten bin ich hindurch gegangen, und obwohl meine Macht über sie ungleich ist, so empfinde ich doch niemals mehr die alte, namenlose Furcht, und ich vermag sie, wenn sie gar zu aufdringlich werden, mit kräftigen Machtworten, oft auch mit Peitschenschlägen in gebührender Entfernung zu halten.

Dies mag dir vielleicht seltsam erscheinen, lieber Leser, aber du mußt wohl verstehen, daß auch in dem unsinnlichen Leben der Gedanke allein nicht ohne eine gewisse plastische Äußerung zu arbeiten vermag, ohne eine Verkörperung in sichtbarer, hörbarer oder greifbarer Form. Fühle ich mich gar zu beklommen zwischen dem Gespenstervolk, so muß ich laut kommandieren, oft sogar schreien »zurück!«, und so dies nichts nützt, mir eine Peitsche wünschen, die auch sogleich kommt, und tüchtig darauf losschlagen. Und ich gebe dir die Versicherung, und du wirst es an dir selber erfahren, wenn du meine Behauptungen an eigener Wahrnehmung prüfst, daß es kein erquickteres Erwachen, keinen glücklicheren, heitereren und freieren Morgen gibt als nach solch einem wohlgelungenen Dämonenkampf. Ja, diese Kampfesart ist es gewesen, die mir mehr als alle Bemühungen bei Tage dazu verholfen hat, meiner häßlichen und niedrigen Heimsuchungen Herr zu werden. So ist mir auch vieles aus alten, überlieferten Geschichten über Heimsuchung und Dämonenkampf im Licht neuer Erfahrung als richtig erschienen. 

Hier aber muß ich warnen vor einer sehr seltsamen und gewichtigen Eigentümlichkeit unseres Traumkörpers und unseres Traumwesens. In mancher Hinsicht ist er dem Arbeitskörper überlegen, so in der Feinheit von Stimmungen und Gefühlen, in der Schärfe der Wahrnehmung, im Empfinden von Frieden, Wohlbehagen und Glück, ja auch in der Subtilität des Denkens – in einem aber ist er schwächer, und zwar in dem Beherrschen der Leidenschaften; in einmal entflammtem Zorn, in Traurigkeit, in Entzücken, in Fröhlichkeit, in jeder Gemütsbewegung ist er gar bald außerhalb jeglicher Kontrolle. Er verirrt sich dann in maßlose Extreme, die das wahrnehmende Urteil nicht wünscht, ja die es sogar bedauert, ohne sie indessen hemmen zu können. Ich zog daraus die Schlußfolgerung, daß wir es lernen müssen, unsere Leidenschaften tagsüber zu zügeln und zu beherrschen, denn das unsinnliche Leben wird bereichert durch alles das, was das Tagesleben zuführt, kann aber nur gut gezähmte und wohlgeordnete Empfindungen brauchen.

Darum ist der Aufenthalt in der Dämonensphäre niemals ohne Gefahr. Ließ ich mich durch allzu großes Selbstvertrauen zu einer weniger hochmütigen und reservierten Haltung verführen, ging ich ein wenig gar zu vertraulich um mit dem dreisten Völkchen, nun, so gereute mich das alsbald, denn ich ließ mich hinreißen von ihrer Ausgelassenheit und Torheit, ich konnte das Lachen und den Übermut nicht mehr bändigen und vermochte auch meine Wut ihnen gegenüber nicht zu meistern, zu meiner Schande und zu meinem Kummer.

Und zumal gilt dies für die Lüsternheit, die sie sich ganz besonders gern zunutze machen. Auf laszive Streiche verstehen sie sich gründlich, und meine Schwäche nützten sie mit großem Erfolg aus. Ich bemerkte gar bald, daß sie geschlechtslos sind und sich abwechselnd als Mann oder Frau vortun können. So lange ich das ganz genau weiß, stehe ich ihnen stark gegenüber. Aber so bald die Klarheit meines Bewußtseins und meines Gedächtnisses nachläßt, bin ich verloren.

So sollst du, lieber Leser, mich denn wohl verstehen, wenn ich von dem Heilsamen dieses Dämonenkampfes spreche. Das Bekämpfen der Dämonen bedeutet nicht das Bekämpfen der Leidenschaften. Dämonen sind Feinde und stehen außerhalb unserer individuellen Domäne. Aber die Leidenschaften sind unsere Freunde, unsere nützlichen Haustiere, die zu dem eigenen Haushalt, zu der Ökonomie unseres eigenen Wesens gehören. Die Leidenschaften und Gemütserregungen müssen gezähmt, niemals aber bekämpft werden. Und dieses Zähmen geschieht bei Tage, denn während der Nacht ist es schwer sie zu beherrschen, und jener sinnlich unwahrnehmbare Körper, das, was über das Welken, über den Verfall unseres wachenden Körpers hinaus bestehen kann, das besitzt keine Macht mehr zum Zähmen. Das erntet nur das, was bei Tage gesäet ward.

Dennoch aber stärkt das nächtliche Leben sowohl wie auch der Kampf gegen die Dämonenbrut die Seele ungemein, zumal durch das Wissen, durch die klare Einsicht, und das bessere Verständnis für unser eigenes, geheimnisvolles Wesen und seines nicht minder geheimnisvollen Verfolger.

In den besseren, höheren oder tieferen Traumsphären findet sich weder unkeusche Lüsternheit noch häßliche Laszivität. Wohl Liebesentzückungen von ungeahnter Pracht. Aber es ist ein beinah untrügliches Merkmal für alles das, was der Glückssphäre eigen ist, daß es geschlechtliche Dinge mit einer seltsamen Nichtachtung übergeht und niemals etwas von jener Lust mit sich bringt, um derentwillen man Demütigung und Scham empfindet. Dennoch gibt es in ihr Verbindungen und Entzückungen, die dem Liebesleben des Tages sehr, sehr gleichen, obwohl sie schöner und ruhiger sind. Jenes ganz Besondere aber, das unrein ist und Widerwillen und Abscheu hinterläßt, ist mit seiner Scheidung daraus verschwunden.




Was ich im vorigen Kapitel berichtete, ist zum Verständnis für mein ferneres Leben unumgänglich notwendig. Aber es sind die Resultate einer ganzen Lebenszeit, und in den Jahren vor meiner Ehe, als ich mit Mutter und ihrem Schützling zusammenwohnte, befand ich mich erst in dem Anfangsstadium und wußte von alledem nur wenig. Ich sprach auch nicht darüber und habe das in meinem ganzen späteren Leben nur mit einem einzigen Menschen getan. 

Nachdem es ausgemacht, daß aus meiner Priesterschaft nichts werden könne, waren wir alle drei froh, das schwüle Rom zu verlassen. Wir gingen nach Como und bezogen unsere am See gelegene Villa. Es war ein altes, mit gelbem Stuck bekleidetes Haus, das einen traurigen Schein von verfallener Vornehmheit und von einem Prunk zur Schau trug, der sogar in seiner Blütezeit mehr hatte scheinen wollen als er war. Es war völlig anders, als es in meiner Erinnerung lebte. Viel dürftiger, kleiner – ein matter Abglanz von der gediegenen Marmorpracht der Antike und der Renaissance, die es nachahmen wollte. Aber gerade infolge des Verfalles hatte es einen ganz seltsamen Zauber gewonnen; denn der Garten mit seinen Zypressen, Mimosen, Magnolien und Rosen war in der Verwilderung um so schöner geworden, und wir bewohnten nur wenige Zimmer des großen, stillen Hauses und richteten uns in jenem Winkel behaglich ein, gleich als wären wir die Hausverwalter und nicht die Besitzer. Und ganz vorn am Garten hin erstreckte sich der See mit seiner tiefblauen, spiegelglatten Fläche, mit seinem Atlas- oder Marmorglanz, je nachdem der sanfte Wind darüber hinstrich – und hinter uns lagen die Berge mit Tausenden von Primeln, der purpurnen Erika, den weiß und rosig schimmernden Weihnachtsrosen. Und das Bächlein war da noch immer und der alte Säulengang, dessen Gestein unter dem abgeblätterten Stuck zum Vorschein kam, und wo die Rosen durch die Steine hindurch um die Säulen herum wuchsen. 

Dorthin zog ich mich zurück, sammelte Bücher und versuchte durch Studium und ein einfaches, stilles Leben durch eigene Kraft der Weihe teilhaftig zu werden, die ich in Rom nicht hatte finden können. Lucia wohnte auch weiterhin bei uns mit ihrer Zofe, und ich sah sie und meine Mutter bei den Mahlzeiten, sonst aber nicht häufig.

Es waren strenge, ruhige, einsame Jahre, die ich wohl zu den guten meines Lebens rechnen darf. Ich selbst ging still meiner Wege und studierte nur an der Hand des Leitfadens meiner innerlichen Wißbegierde.

Allein die Frauen warteten, warteten, und ich sah es nicht oder achtete nicht dessen. Bernard Shaw, der Benjamin und das Enfant terrible unter meinen Brüdern, tut sein Möglichstes, um der Welt klar zu machen, daß es die Frau sei, die den Mann erobert, und nicht umgekehrt – und sicherlich ist daran mehr Wahres als die Herde vermutet. Wenn man ihm aber Glauben schenken wollte, so müßte man zu meinen anfangen, daß die Frau nur aus Eigennutz handelt und daß sie den Mann vor allen Dingen deshalb liebt, begehrt und nimmt, weil sie ihn im Interesse ihrer tiefen Instinkte, als den Vater der erwünschten schönen und guten Kinder als nützlich erachtet. So verhält es sich in Wahrheit aber denn doch nicht. Und die Frau mit ihrem stillen, unbemerkten Locken und ihrem Hang zur Vereinigung will nicht nur nehmen, sondern auch geben, vor allen Dingen geben, und der Mann gilt ihr in den meisten Fällen noch mehr als der Vater. 

Lucia war eine sanftmütige und dennoch charakterfeste Frau. Sie hatte den stattlichen, kräftigen Körperbau und die regelmäßigen, massiven Züge der Tizianschen Frauen, aber ihre Augen blickten sanfter und weniger herausfordernd lebenslustig drein. In ihrem Wesen und Charakter war sie altmodisch, alles Moderne, Tastende, Ungewisse, Weiche war ihr fremd. Auch war sie ausgesprochen latinisch und ungermanisch in ihren Empfindungen und Auffassungen. Sie unterwarf sich kritiklos der Sittenlehre derjenigen Gruppe, der sie angehörte. Die Konvention bedeutete für sie eine unerschütterliche Gefühlsrealität, die Tradition besaß in ihren Augen die ganze Kraft des Göttlichen und Lebenden. So war der Begriff  »Ehre« mit allen seinen persönlichen und sozialen Facetten für sie ebenso klar und bestimmt, ebenso scharf umrissen und unantastbar wie ein Diamant. Daß er wandelbar sein könne, daß man in manchen Jahrhunderten ehrenvoll genannt hatte, was wir heutigentags ehrlos nennen und umgekehrt, darüber dachte sie nicht weiter nach, und nach dem bleibenden Kern des wechselnden Gedankens suchte sie nicht. Sie besaß infolgedessen eine Heiterkeit und eine Gemütsruhe, die mir in meinen Verwirrungen oft recht beneidenswert erschienen. Sie hatte keinerlei Neigungen, die sie verachtete, aber auch keine Ideale, die sie, wie ich, dem Leben zuliebe andauernd beschneiden mußte.

Daß ein Junggeselle sich hin und wieder Ausschweifungen gestattete, das war eine Tatsache, mit der sie sich leichten Herzens abfand. Anspielungen darauf ertrug sie mit einer Ruhe, die mich oftmals peinlich berührte. Das Bedürfnis der englischen Frauen, die Illusion der prämatrimonialen Reinheit bei beiden Ehegatten aufrecht zu erhalten, schien sie nicht zu empfinden, und wenngleich ich das als ihr gutes Recht anerkennen mußte, so war es mir dennoch nicht lieb, und ich zog Emmys naive oder erheuchelte Blindheit vor.

Aber ich begriff auch, daß Lucias Nachsicht in ebenso strenge Verurteilung umschlagen würde, so bald man konventionelle Grenzen überschritte.

Sie war im Luxus aufgewachsen und erhielt bei Beginn ihrer Mündigkeit das Verfügungsrecht über ein beträchtliches Vermögen. Darum schien sie sich indessen nicht im mindesten zu kümmern, und sie lebte in meiner Mutter Hause in größter Einfachheit. Daß meiner Mutter ebensowenig daran gelegen war, wage ich nicht zu behaupten, und das war für mich ein Grund, um so halsstarriger zu sein. Es widerstrebte mir durchaus, wenn ich meine Mutter stets über den Jammer und die Nichtigkeit des irdischen Lebens sprechen hörte und über die Seligkeit im Jenseits als das einzig Erstrebenswerte, während ich doch gleichzeitig bemerkte, wie sie mit unbewußtem mütterlichem Hang zur Kuppelei und mit verborgener Strategie für ihren Sohn eine reiche Ehe zu bewirken versuchte. So widersetzte ich mich denn ihrem heimlichen Treiben, so weit es mir nur irgend möglich war, ohne den Hausfrieden zu gefährden.

Indessen nützte mir das nichts. Ich mußte dieses Spiel verlieren, weil ich meine Aufmerksamkeit nicht darauf gerichtet hielt. Die beiden Frauen wollten es gewinnen, nicht mit zielbewußter Sicherheit, sondern so, wie Frauen etwas wollen, mit der ganzen unbeugsamen Kraft ihres Gemütes, ohne daß sie jemals ein Wort darüber äußern oder es sich selber eingestehen würden. Und ich war vertieft in Chemie und Physik, in Physiologie und Biologie, mein ganzes Gemüt nahm teil an dem heißen Bemühen, etwas von der geheimnisvollen Schrift der Natur- und Lebenserscheinungen zu entziffern, etwas von den düsteren Rezessen meines eigenen Wesens zu ergründen.

So war der Kampf ungleich – und wiewohl er jahrelang währte, fühlte ich mich zu guter Letzt zu meiner großen Überraschung doch besiegt. Ich bemerkte, daß ich nicht mehr zurück konnte, und zugleich auch, daß ich dennoch alle Verantwortlichkeit trug. Keine Diplomatie ist feiner als die unbewußte Diplomatie der Frauen. Man hatte mich besiegt und mich dabei durchaus in dem Wahn gelassen, daß ich selbst die handelnde, die aggressive, die siegende Partei sei. Doch dies alles, man merke es sich wohl, geschah aus hingebendster, uneigennützigster Liebe.

Wahrhaft verliebt, so wie in Emmy Tenders, bin ich in Lucia del Bono nie gewesen; und das ungeachtet meiner verliebten Natur, ihres starken Reizes und unseres langwährenden Zusammenseins. Ich bewunderte an ihr ihre Schönheit und ihren fleckenlosen Charakter. Aber in meinen Augen fehlte ihr gerade jenes gewisse Geheimnisvolle, Unergründliche, das mich bei Emmy zu so rasender Leidenschaft getrieben hatte. Ich habe Lucia geliebt aus denselben Gründen, die sie einem jeden liebenswert erscheinen ließen, weil sie in der Tat ein sehr liebenswertes Wesen war. Aber dieses rationelle Empfinden, das manch einem sicherlich als eine gediegenere Grundlage für eine glückliche Ehe erscheinen mag als ein heftiger Liebesrausch, ist niemals zu der Höhe einer Leidenschaft emporgestiegen, die mächtiger denn jegliche Vernunft.

Und ich glaubte gleich vielen weisen und erfahrenen Menschen und gleich meiner Mutter, daß eine solche wohlüberlegte Neigung genügen würde, um die Erwählte glücklich zu machen und meinem eigenen Leben Reinheit und Gleichgewicht zu verleihen.

Ich lebte in dem sehr allgemein verbreiteten Wahn, daß ich über mein eigenes Wesen völlige Macht besäße und infolgedessen von dem Hauptquartier meines Selbstbewußtseins aus frei darüber verfügen könne, je nach dem Ratschlag einer vernünftigen Überlegung.

Daß ich Lucia glücklich machen würde, indem ich sie heiratete, schien mir unzweifelhaft. Daß ich jemals für eine zweite Frau das empfinden würde, was ich für Emmy empfunden hatte, konnte ich nicht annehmen; was blieb mir also besseres zu tun, als mein Leben einer vortrefflichen Frau zu widmen, der ich damit alles schenkte, was sie zu verlangen schien, und die mich als Gattin sicherlich nicht enttäuschen würde? Zwar mußte ich wohl, um sie nicht zu demütigen, eine Liebe heucheln, die ich nicht empfand und die ich niemals glaubte empfinden zu können. Aber ich stand den Menschen schon nicht mehr so naiv, so brüderlich-aufrichtig gegenüber und gewahrte nichts Böses darin, daß ich in so guter Absicht eine derartige Rolle spielte. Ich glaubte auch vollkommen dazu imstande zu sein und schwor mir selber wiederum einen nicht minder aufrichtig gemeinten und auch nicht minder zerbrechlichen Eid, daß ich ihr ein treuer und musterhafter Gatte sein und mein Glück zu allen Zeiten dem ihren unterordnen würde.

Nun ist jede menschliche »Person« infolge der Urbedeutung dieses Wortes auch eine »Maske«, und es gibt keinen Menschen, möge er auch noch so einfach-aufrichtig, noch so sehr »ein ganzer Mensch« sein, der sich nicht selber eine solche Maske geformt, sich solch eine Rolle zuzuerteilen versucht hätte, je nach seinen Idealen von menschlicher Würde, von Anstand und Sitte. Und er versucht, insofern er es ehrlich meint, sich in diese Rolle einzuleben, so daß er selber glauben kann, das zu sein, was er zu sein vorgibt. So knetet und formt er sich selber, indem er das eigene Anstandsideal oder das anderer nachahmt, zu einer Persönlichkeit, die um so mehr geachtet werden wird, je klarer und unveränderlicher sie ist. Allein, so er eine Maske formen, eine Rolle spielen will, die weit außerhalb seiner eigenen Formideale liegt und der Plastizität seines wahren Wesens unerreichbar ist, so irrt er jämmerlich, wird ein Heuchler und ein Schurke genannt und ist in der Tat ein Stümper.

Ich spielte Lucia gegenüber nicht eine Rolle, die mir völlig fremd war. Nur tat ich mein möglichstes, um die Grenzen zwischen den Gefühlsnuancen Neigung und Verliebtheit zu verwischen und ineinander fließen zu lassen. Dies war nicht schwer, und ich hoffte aufrichtigen Herzens, daß mein wahres Wesen die vorgeschützte Form einst ausfüllen, daß ich für Lucia der echte Liebende, der treu ergebene Gatte werden würde, den sie in mir zu finden glaubte. Ich erzählte ihr auch die Geschichte meines Herzens und meiner Vergangenheit, insoweit sie zu einer klaren Beurteilung notwendig war, und sie nahm das alles ehrfurchtsvoll hin, wie eine wohltuende, ehrende Vertraulichkeit, und gewahrte nicht das geringste Hindernis. Sie folgte der Suggestion ihrer eigenen Neigung, daß alles so werden würde, wie sie es sich wünschte, ebenso gefügig, wie sie der Weisheit meiner Mutter vertraut hatte, und lauschte auch weiterhin der Stimme der Herde.

Der wilde, schwüle Skirokko hatte die Schneekappen der Berge plötzlich wohl etwa um die Hälfte verkürzt, die Mimosen blühten üppig und hoben sich mit ihren vollen Blütenmassen grellgelb vom tiefblauen Himmel ab. Auf den Bergen strahlte allüberall das Leberkraut mit seinen Tausenden von lieblichen Blütensternen in schmachtendem, zartem Blau – als Lucia und ich in dem weißen Marmordom zu Como getraut werden sollten. Ich hatte mich darein gefügt, daß alles in aller Form vollzogen wurde. Ich lernte es stets mehr und mehr, mein Leben zu spalten, weil ich das als die einzige Art und Weise erkannt hatte, mit den Menschen und mir selber in Frieden zu leben. Ich sah ein, daß das, was mir in Bruder Michael als abscheuerregende Heuchelei erschien, in der Tat nichts anderes war als das brutale Hinnehmen, das erzwungene Gutheißen einer traurigen Notwendigkeit, der jeder tief denkende Mensch unterworfen ist. War nicht Sokrates ein viel zu verständiger Mann, um zu glauben, daß er, so wirklich ein Gott der Heilkunde bestand, der Asklepios hieß, ihm eine persönliche Freude bereiten würde, indem er einen Hahn köpfte und verbrannte? Dennoch ließ er solches tun zum Dank für die rasche Wirkung des Giftes, das ihn umbrachte, also in einem Augenblick, da ein weiser Mensch in der Regel keine Scherze zu machen oder Komödie zu spielen pflegt.

Dieser arme Hahn des Sokrates hat mir manch liebes Mal vorgeschwebt, auch damals als ich meine Bücher und Mikroskope, meine keimenden Saaten und wachsenden Salamanderlarven verließ, um mich zur Hochzeitsfeier zu schmücken. Auch der allerweiseste Mensch muß den Göttern seiner Zeit Opfer darbringen.

Es war ein schöner Tag und ein glänzendes Schauspiel. Lucias vornehme Verwandtschaft war vollzählig und mit großem Gepränge erschienen, nicht nur die violettfarbene, sondern auch die feuerrote Geistlichkeit war vertreten, das Volk von Como stand wie bei einer fürstlichen Ankunft an der Landungsbrücke unserer Boote bis zum Dom hin geschart, die Gassenbuben rannten vor uns her und man jubelte und jauchzte sogar, gleich als bedeute dies Ereignis eine Freude mehr auf Erden. 

In der Kirche dufteten Berge von Rosen, erstrahlten Hunderte von Kerzen, und auf dem Rückwege bildeten wir eine lange, bunte Gondelreihe auf dem See, mit Draperien, die sich durch das Wasser hinzogen, und mit Gesang und Musik, gleich als lebten wir noch in den guten Tagen von Leone Leoni.

Lucia war heiter und erstrahlte in stillem Glück wie eine blaue Hepatikablüte, ein wenig schüchtern, doch schalkhaft und freudig antwortend, und ihre klaren, schönen Augen waren nur um ein weniges feucht. Sie sah nichts als Freude und willkommenes Glück, ein wohlgeordnetes, gottgefälliges Leben vor sich.

Mir ward es nicht schwer, dies schöne Schauspiel nicht zu stören. Ich glaubte viel weniger eine Rolle oder eine Komödie zu spielen, als einen schönen Traum zu träumen.

Als die Sonne sank, saß ich grübelnd auf der Terrasse und schaute auf die Farben des dunkelleuchtenden, beinah schwärzlichgrünen Magnolienlaubes, auf den im Abendschein güldenglänzenden Schnee der jenseits gelegenen Berge – darüber der strahlende, matt-grünlichblaue Himmel, darunter die purpurn-violetten Berggehänge und der stahlblaue See. Die Farben verschmolzen zu einem Ganzen mit dem Blütenduft der Zitronen, die mich umringten, und kennzeichneten den Augenblick als einen jener unvergeßlichen, nach denen wir uns während unserer Lebensfahrt immer wieder umschauen, so wie der Schiffssteuermann sich nach einer Boje oder nach einem Leuchtturm umschaut. 

Ich dachte an meine Traumwelt und verglich die scharfen, buntfarbigen Empfindungen der Nacht mit diesen Tageseindrücken, indem ich mir selber die Frage vorlegte, wo ich am meisten echt und wahrhaft ich selber, und welche von den beiden Welten die wirklichste sei, – und warum?




Es gibt in der Traumwelt eine Sphäre, in der auch du, lieber Leser, dich sicherlich schon aufgehalten, ebenso wie ich, jedoch wahrscheinlich, ohne sie als solche zu erkennen. Gewiß wird es auch dir widerfahren sein, daß du auf sehr lebhafte Weise von Verstorbenen geträumt hast.

Dann hast du zweierlei Eigentümlichkeiten bemerken können, erstens, daß du dich in diesem Traum zumeist nicht dessen entsinnst, daß diese Menschen tot sind, und ferner, daß, wenn du andere Personen mit ihnen zusammen siehst oder in ihrer Nähe oder kurz nach ihrem Begegnen, diese anderen ebenfalls Verstorbene sind, deren Hinscheiden du im Traum vergessen hast.

Vor dem Tage, den ich in meinem letzten Kapitel schilderte, hatte ich die Regelmäßigkeit dieser Erscheinungen längst wahrgenommen und hinsichtlich des Zusammenhanges ihrer Ursachen auch bereits eine Vermutung daraus gewonnen.

Eine Vermutung, sage ich, die aber darum doch nicht ohne Wert ist. Alles, was wir Beweise nennen, das sind Vermutungen, mit einem wechselnden Grade der Gewißheit. Nietzsche sagt sehr höhnisch, daß Gott nur eine Vermutung sei. So ist es. Aber es ist nicht hübsch von ihm, daß er die Menschen darum zum Narren hält und ihnen den Übermenschen, den keiner jemals geschaut, und der noch weniger ist als eine Vermutung, gleich einem possierlich ausgeschmückten kleinen Abgott in die Hand steckt.

Glaube nichts, was außerhalb der Erfahrung liegt, lieber Leser! Aber Gott und Christus sind mehr Erfahrung als der Übermensch, wenngleich sie Vermutungen bedeuten. Auch dein Vater und deine Mutter sind nur Vermutungen, abgeleitet aus Erfahrungen, entstanden aus dem, was ihre Haut und ihre Augen dir zu bedeuten und zu verbergen scheinen.

Ich vermutete daher, daß auch die Verstorbenen ihre Sphäre haben und daß, wenn der Traumkörper des lebenden, schlafenden Menschen dorthin gelangt, er den Unterschied zwischen jener Sphäre und der seinen nicht ermessen kann und er folglich allzeit in dem Wahn beharren muß, daß die Dahingeschiedenen noch leben.

Ich hatte nun schon sehr häufig von meinem Vater geträumt. Anfangs, daß ich noch mit ihm segelte, auf unserer letzten Fahrt. Das aber gehörte zu dem Schreckenstraum, von dem ich bereits sprach und der sich in der ersten Zeit regelmäßig wiederholte.

Diesen Traum erachte ich als das qualvolle Echo in den tieferen Räumen meiner Seele, das Echo des heftigen Schlages, der meinen wachenden Körper getroffen. Mehr Bedeutung messe ich ihm nicht bei. 

Dann aber kam ein Traum von völlig anderer Art, in merkbar anderer Sphäre, darinnen ich mit meinem Vater wandelte, während er seinen Arm um meine Schulter schlang und weinte. Mir war es, als wolle er sich aufs äußerste bemühen, um mir die Zärtlichkeiten zu erweisen, von denen er wußte, daß sie mir lieb waren und mit denen er in der Regel gar sehr kargte.

Ich erinnerte mich nicht dessen, daß er tot war, und ging ein wenig verlegen neben ihm her, wie ein Kind, das ganz unerwartet mehr erhält als das, um was es gebeten hat. Um ihm nun auch meinerseits eine Freude zu bereiten, fing ich einen schönen Falter, einen prächtigen Traumfalter mit seltsamen, blauen Arabesken auf den Flügeln und nannte einen lateinischen Namen, um ihm zu beweisen, daß ich die Art kenne.

Des Wortes entsinne ich mich nicht mehr, und es war auch nur ein Traumlatein, das soviel heißen will wie: Unsinn. Aber meine gute Absicht war ihm augenscheinlich klar geworden und er wies auf die wunderbare Zeichnung der Flügel und sagte etwas von »Plasmodie« oder ein ähnliches Wort, das ebenso unsinnig war wie mein Gattungsname. Aber im Traum besteht ein ganz anderer Zusammenhang zwischen Wort und Seele, und man kann weise Absichten verstehen aus Unsinn und auch Gedanken austauschen ohne Worte – und ich wußte dazumal und auch nach dem Erwachen sehr wohl, daß mein Vater mich über die Art und Weise, wie dieser Falterschmuck geformt war, nachdenken lassen wollte. 

Da erwachte ich und brauchte geraume Zeit, bis ich es vollkommen erfaßte, daß mein Vater tot sei. Und dieser Begriff durchfuhr mich plötzlich wie ein kühler Wirbelwind vom Scheitel bis zur Sohle.

Während der ersten Stunden nach dem Erwachen war ich damals ganz sicher, daß er es gewesen war, der mit mir verkehrt hatte, daß er die Wut, die er mir in seinen letzten Lebensaugenblicken gezeigt, bereute und daß er deshalb weinte und ungewöhnlich zärtlich zu mir war. Auch daß er auf den Flügelschmuck des Falters wies, erachtete ich als etwas Gewichtiges und Bedeutungsvolles, wenngleich der Sinn mir noch nicht klar war.

Aber die Tageseindrücke sind so verschieden von denen der Nacht, die beiden sind einander so feindlich, daß sie sich gegenseitig so gründlich wie möglich zu verdrängen suchen, gleich als wäre man abwechselnd in Gesellschaft eines Frommen und eines Gottesleugners, eines Dichters und eines nüchternen Philisters, eines Verschwenders und eines Geizhalses gewesen.

Kein Mensch ist charakterfest genug, um solcherlei Einflüssen zu widerstehen. Und auch ich erlebe es nach so vielen Jahren noch in regelmäßiger Wiederkehr, daß ich gegen Ende des Tages der Nacht mit ihren Wundern voll kritisch-ungläubiger Erwartung entgegensehe. Sogar während des Einschlafens vermag ich den kommenden Übergang nicht zu verstehen, und erst am nächsten Morgen weiß ich wieder, wie alles war, und wundere mich darüber, daß ich jemals zweifelte und es vergessen hatte, so wie man das Gesicht eines geliebten Menschen wiedersieht und sich darüber wundert, daß das Erinnerungsbild so völlig verblassen konnte.

Der mächtigste und schwerwiegendste Wahn der Menschen unserer Zeit, der ihr Vorwärtsstreben hemmt, der gleich einem kalten Reif die zarten Blüten ihrer jungen, wachsenden Weisheit knickt und grausame, steile Mauern emporrichtet zwischen Herz und Herz, zwischen Gruppe und Gruppe – das ist der Wahn, daß in diesem Kampf zwischen Glauben und Unglauben durch Etwas, das Vernunft genannt wird und das das wahre Wort als Waffe führt, ein Urteilsspruch gefällt werden könne. Die Vernunft aber herrscht nur in dem Reich der Phantasie, in dem Reich des Wortes, der Sprache, des Schemas, des Symbols. In dem Reich der Erfahrungswirklichkeit ist nicht das Vernunft, was wir Vernunft nennen, und nur der junge Mensch, nur das kindliche Volk verwechselt Vernunft mit Sprechen, kennt nur ein Wort für Sprache und Vernunft und erblickt in dem Logos das Wirkliche und in dem Logischen das Wahrhafte, erwartend, daß geduldiges, vernünftiges Reden wohl zu der Wirklichkeit führen werde. Aber ist nicht Vater Plato selber dort, wo sein Logos am unlogischsten war, der Wahrheit am nächsten gekommen?




Sie war es wirklich. Es war in einer langen Allee, zu beiden Seiten dunkles Tannengebüsch und Buchen in goldigbraunem Herbstschmuck; die Sonnenstrahlen, bläulich in dem feinen Nebel, drangen quer durch die dunklen Tannen und lagen in goldener Färbung auf dem hellgrünen Moose – und der blaue Himmel und das braune und grüne Laub erstrahlten in einem Farbenglanz, der an den bläulichbraunen Schimmer des Opals erinnerte.

Ich hatte sie schon von ferne kommen sehen, ihre weißen, nackten Füße drückten still das weiche Moos. Gespannt schaute ich auf ihr Gesicht, auf die junge, frische Haut, das leicht gewellte, glänzende Blondhaar, auf die feinen, losen Härchen, die wie ein Kranz von Licht in der Sonne schimmerten, auf die zarten Ambrafarben in den Schatten um das feingeformte Ohr.

Sie war es und sie legte ihre Hand auf die Lippen, gleich als solle ich lauschen. Allein ich hörte nichts. Ich sah ganz deutlich, wie die runden Sonnenlichtflecken ihr über Gesicht und Haare glitten und die Schatten des Laubes über ihre weißbekleidete Brust und Schultern.

Während ich sie anschaute in neugieriger Erwartung, was sie wohl sagen würde, webten die Gedanken ihr feines Spiel in mir fort. Das feine Spiel, das sie so selten unterbrechen, weder in der Nacht noch auch bei Tage. Ich dachte: »Wie mag das Leben nach dem Sterben sein? Ob wir dann auch wohl wahrnehmen, sehen, hören, schmecken, tasten? Sicherlich kann das Wahrnehmen niemals so untrüglich sein wie hier, so deutlich, wie ich jetzt diese Bäume hier sehe und ihr liebes Gesicht, jetzt, da ich lebe und wache. So kann ich nach dem Tode ohne Körper und Sinne nicht wahrnehmen.« 

Während ich dies dachte, war sie ganz nahe zu mir getreten, und ich sprach ruhig:

»Bist du es, Emmy?«

Dann schaute ich sie an mit leisem Zweifel, gleich als sei etwas Ungewohntes an ihr. Und sie antwortete flüsternd:

»Noch nicht ganz.«

Diese seltsame Antwort wunderte mich nicht. Ich begriff in jenem Augenblick sehr wohl, was sie damit sagen wollte, und ich fragte:

»Bleibst du hier?«

Da wollte ich sie in meine Arme schließen. Aber ich sah, wie sie den Kopf schüttelte und wie sie mir wiederum, die schlanken Finger auf den Mund gelegt, winkte, gleich als solle ich lauschen. Da hörte ich ein Geräusch wie von einem wild galoppierenden Tier, ein Getrappel wie von Hufen, das hohl wiederklang auf dem Waldesgrund. Und plötzlich entsann ich mich einer schweren Verpflichtung, die auf mir ruhte, und ich wußte, daß dieses galoppierende Trappeln damit in Verbindung stand. Es kam, um mich zu holen, oder um Emmy zu verscheuchen, um diesem großen, stillen Glück ein Ende zu bereiten. Und ich fühlte, wie in mir eine entsetzliche, qualvolle Angst aufstieg, indes das Geräusch näher und näher kam.

Emmy aber lächelte, ein sanftes, segensreiches Lächeln und sagte:

»Ich komme wieder.«

Da sah ich ganz am Ende der geraden Allee, wo die braunroten Buchen und die schwarzgrünen Tannen sehr klein erschienen und der ansteigende, hellgrüne Moosweg immer schmaler ward, das galoppierende Tier daher kommen. Es war schwarz, ein Pferd oder ein Stier, das war nicht deutlich zu erkennen, aber es kam näher und näher, und meine Angst steigerte sich zum Entsetzen. Da tauchte plötzlich das bleiche Gesicht meines Vaters seitlings aus der Baumreihe auf, und er trat auf Emmy zu, gleich als wolle er sie beschützen, und sagte:

»Es ist zu spät.«

Darauf vollzog sich jener seltsame Übergang, der einer chaotischen Vermengung zweier Lebenssphären gleicht, einem Durcheinanderwälzen von Raum und Licht, während eines Augenblickes beklemmend, dann aber erleichternd, gleich dem Empfinden des Tauchers, der unter Wasser sich umwendet und das Bewußtsein von Oben und Unten verliert, bis er sein Gleichgewicht und die Luft und das Tageslicht wiedergefunden hat – der Übergang vom Träumen zum Wachen.

Ich hatte geträumt und erwachte jetzt erst völlig. Und das, während ich soeben noch gedacht hatte, daß in dem Leben ohne Körper und Sinne niemals so klare und deutliche Empfindungen existieren könnten wie die, welche, wie es sich nun herausstellte, dennoch dem Traum und dem körper- und sinnenlosen Leben angehörten. Ich war erstaunt und verwirrt, so wie an manchem Morgen beim Erwachen.

Da aber kam noch schärfere, noch ergreifendere Erinnerung . . . Emmy! Ich hatte sie gesehen, so deutlich, wie ich sie jemals gesehen hatte, ihr Blick lebte noch in meinen Augen, ihre Stimme in meinem Ohr. Es war Emmy gewesen und wir hatten einander in die Arme schließen wollen, wir hatten einer des andern Liebe gekostet.

Ich schlug meine Augen auf und schaute mich um in der Welt, in der ich erwacht war. Ich sah den kalten, seelenlosen Prunk eines Hotelzimmers, Spiegelschränke und schwere, rote Teppiche. Draußen erklangen Glocken, rasselten Wagen, knallten Peitschen. Neben mir stand noch ein Bett und darin sah ich glänzendes, dunkles Haar in der Verwirrung des Morgens auf weißem Kissen ausgebreitet. Das war meine Frau – Lucia.

Eine heftige Erschütterung durchzuckte mich. Meine Empfindungen und Gedanken gerieten in Aufruhr wie ein Bienenkorb, an den man gestoßen hat. Vergebens suchte ich durch ruhiges Nachdenken die Harmonie und das Gleichgewicht in meinem Innern wieder herzustellen.

Mein stärkstes Empfinden war das der Schuld, einer fürchterlichen, untilgbaren, einer viel schwereren Schuld, als sie mich jemals nach meinen Knabenverirrungen bedrückt hatte einer Schuld dieser sanften, dunkelhaarigen Frau gegenüber, die da neben mir schlief und der ich es gestattet hatte, mein Weib zu werden. Denn es war ja Betrug. Emmy war noch da, ich hatte sie gesehen und gesprochen, und wir hatten einander lieb, so wie ich jene andere niemals würde lieben können. Emmy war noch da – aber wo und wie? – Da kam eine andere Erinnerung, die mich erschauern ließ vor nervösem Schrecken. Ich hatte nicht nur Emmy gesehen, sondern auch meinen Vater an ihrer Seite. Und ich wußte, was das zu bedeuten hatte. Sollte ihr so untrügliches Erscheinen in dieser Nacht eine Bestätigung des so oft bewiesenen Zusammentreffens des Sterbens und des Sich-Manifestierens sein?

Von Unruhe gequält stand ich leise auf, kleidete mich an und ging hinaus. Die Luft war kühl und prickelnd frisch, der Rauch aus den Schornsteinen stieg kerzengrade empor. Wir waren in Luzern, und der Winter, der Italien bereits verlassen hatte, brachte hier noch einen Abschiedsgruß. Eine dünne Schneeschicht bedeckte Täler und Berge, und das durchsichtige Smaragdgrün des Sees, das helle Braun des antiken Schnitzwerkes an Brücken, Türmen und Häusern und das feine, zarte Schneeweiß bildeten eine kühle, edle Harmonie. Ich streifte über Berge und durch Wälder und kehrte erst am Nachmittag zurück, nachdem ich meiner Seele Gleichgewicht wiedergefunden; der Menschenwelt aber stand ich fremder gegenüber denn je zuvor.

Ich telegraphierte an Emmys Verwandte nach London: »Send address Mrs. Emmy Truant«. Und gegen Abend kam die Antwort: »Mrs. Truant died fever Simla Januar.«

Nicht in jener Nacht, sondern drei Monate zuvor war sie gestorben. Ich maß dem Umstand, daß der Zeitpunkt nicht genau stimmte, keinerlei Bedeutung bei. Ich wußte, daß sie es gewesen war, und die Gewißheit ihres Todes verschaffte mir Ruhe. Es war, als ob sie nun wirklich die meine sei und die meine bleiben würde.

Ich zeigte Lucia den Bericht und erklärte damit ihr gegenüber meine wehmütige, verhaltene Stimmung. Sie verzieh mir willig und fragte mich nicht mehr als ich sagen wollte, so wie sie sich stets allen meinen ihr unerklärlichen Launen gegenüber äußerst taktvoll verhielt.

Aber so sie vielleicht gehofft hatte, daß mein Herz sich jetzt frei fühlen, daß ich jetzt mit meiner ganzen Liebe an ihr hängen würde, so sah sie sich jämmerlich getäuscht. Die Wirkung war gerade entgegengesetzt. Ich begriff erst jetzt so recht, was ich getan hatte und empfand es erst jetzt als ein großes Unrecht. Ich fühlte, daß ich eine Frau hatte, aber sie war nicht diejenige, die neben mir schlief und meinen Namen trug. Eine innige, verzehrende Sehnsucht ging hin zu jenem Wesen, dessen Bildnis ich so klar und lieblich geschaut hatte, das ich in unnennbarer Zärtlichkeit hätte umarmen mögen, und dessen Stimme und Nähe mir eine Seligkeit verschafft hatte, so wie der Tag sie mir niemals schuf, und die auch das klare, kühle Tageslicht nicht zu verscheuchen vermochte. Ich sehnte mich nach Emmy, sehnte mich nach der Nacht während des ganzen Tages, und ich wußte es mit bitterer Gewißheit, daß ich der armen Frau, die ich als Gattin in meine Arme geschlossen, niemals mehr würde bieten können als eine freundliche Maske, einen erkünstelten Schein von Treue und Zärtlichkeit. 

Und das Schuldbewußtsein, das infolge jener Todesnachricht in einem andern vielleicht sich abgeschwächt haben würde, begann heftiger zu brennen denn je. Einen Feigling, einen Ehebrecher, einen Schwächling schalt ich mich selber um eines Etwas willen, das mir kein Mensch auf Erden jemals als Schuld würde angerechnet haben.

Aber damals, während ich mich unter dem Schmerz krümmte, wußte ich es auch bereits, daß mein freies Urteil einen, der gleich mir gehandelt, niemals schuldig genannt haben würde, daß also Reue und qualvolles Schuldbewußtsein nicht die logische und gerechte Folge einer als böse und schlecht empfundenen Handlung, sondern daß sie die schmerzliche Wirkung eines für die Gesamtheit der Menschen heilsamen, für das Einzelwesen indessen oftmals verderblichen und ungerechten Gesetzes sind, dem wir uns mit Liebe und Geduld zu unterwerfen haben, um der Heiligkeit jenes Gesetzes willen und aus Ehrfurcht vor dem erhabenen Willen seines Schöpfers.




Um in der Traumwelt etwas handelnd zur Ausführung zu bringen, muß ich es mir rechtzeitig vornehmen und den Plan klar entwerfen. In dem Traum selber ist die Zeit in der Regel zu kurz, geht das Geschehene zu schnell vorüber. Oftmals schwebe ich in rascher Fahrt, so daß alles vorüberfliegt, ohne daß ich imstande wäre, die Gangart zu verlangsamen. Zumeist plane ich nach einem jener glücklichen, wohlbewußten Träume noch an demselben Morgen, bevor ich aufstehe, was ich das nächstemal in der Traumwelt tun werde. Und dann wird es an jedem Abend vor dem Einschlafen nochmals deutlich formuliert und dem Gedächtnis eingeprägt, auf daß es wie ein wohlvorbereitetes Werkzeug zur Hand sei in den Augenblicken der Wahrnehmung – so wie die astronomischen Instrumente bei einer Sonnenfinsternis.

So hatte ich mir vorgenommen, im Traum jemanden zu rufen. Und der erste, den ich dazu erwählte, war mein Vater.

Ich hatte ihn oftmals im Traum gesehen, jedoch niemals mit vollem Bewußtsein, niemals mit der Erinnerung, daß er tot sei, niemals in der Sphäre von Glück und Klarheit.

Da nahm ich mir vor, Abend für Abend, ihn zu rufen, sobald ich in jener Wahrnehmungssphäre erwachen würde. Denn ein Erwachen ist es, ebenso gut wie das Erwachen am Morgen, allein der Körper schläft weiter.

Und es glückte. Eines Nachts träumte ich in der gewohnten Weise in der Sphäre der Dämonen und sie führten einen ihrer wohlbekannten, grausigen Streiche aus. Wir spielten eine Posse, einige Jugendfreunde und ich selber, und die Szene war ein Kirchhof, und alle Mitwirkenden hatten Totenköpfe.

Da sagte ich, während ich eine der spielenden Spukgestalten scharf anschaute: »Es gibt keinen Tod!«, gleich als wollte ich mich wehren gegen die Trübsal, die langsam Besitz von mir ergriff. Der Kopf grinste spöttisch und wies mit sarkastischer Miene auf alle die Schädel und Knochen ringsumher. Ich aber wiederholte, jetzt mit festem Willen und lauter Stimme: »Es gibt keinen Tod!« Und siehe! Die Augen des Wesens vor mir wurden matter und die ganze Spukgestalt verschwamm – und ich fühlte, daß dies durch meinen Willen geschah. Da kam mein volles Bewußtsein, die ganze Erinnerung an mein Tagesleben, und freudig und wohlbewußt stieg ich hinauf in die Sphäre von Glück und Wissen. Da sprach ich eilends und lebhaft zu mir selber, und ich fühlte meinen Mund, meinen Atem, meinen ganzen Körper, das animae corpus, und ich wußte dennoch, daß mein Tageskörper schlafend darniederlag und schwieg und sich nicht regte. Hastig sprach ich: »Ich bin da! Ich bin da! Was wollte ich doch gleich? Ich will es mir mal gut überlegen. Ach ja, meinen Vater wollte ich sehen, meinen Vater.«

Da gewahrte ich in der sonnigen, grünen Landschaft vor mir ein Häuschen, klein und niedrig. »Hier ist er,« sagte ich, »hier will ich ihn finden.« Ich durcheilte Räume und sah ihn nicht, suchte aber stets weiter und ging von einem Zimmer ins andere. Und als ich auch das letzte Zimmer leer sah, machte ich ein Zimmer dazu, und siehe, da sah ich ihn sitzen.

Diesmal glich er ganz sprechend dem Vater, so wie ich ihn gekannt hatte, aber viel jünger als da er mich verließ. Er trug einen dunkelblauen Anzug, Reitstiefel und einen Filzhut. Sein Gesichtsausdruck war sanft und seine Augen leuchteten hell und klar.

»Vater,« sagte ich, »Vater!« und ging mit flehentlicher Gebärde auf ihn zu.

Ich hörte ihn sagen: »Guten Tag, Vico mio.« Und es war seine Stimme, mehr noch als es seine Züge waren.

Da reichte ich ihm meine Hand, und er nahm sie. Und gab sich Mühe, meine Hand zu drücken, und es war, als koste es ihn eine körperliche Anstrengung.

Ich sagte: »Hast du mir verziehen?«

Es war ein warmes, ein köstliches Empfinden. Ich sah, daß er sich mühte, und sanft schaute er drein.

Er murmelte etwas, aber ich konnte es nicht verstehen, oder ich habe es wieder vergessen. Darauf fragte ich ihn mit der äußersten Anstrengung, mich klar auszudrücken, und mit aufrichtigster Innigkeit:

»Hast du mir einen Rat zu geben? Ich strebe nach dem Guten. Sage mir, was ich tun soll, rate mir.«

Dabei dachte ich zugleich, in voller Ehrfurcht vor seinem heiligen Wesen als einem Dahingeschiedenen und meinem Vater, daß ich tun würde, was er mir riete, wie schwer es mir auch fallen möge.

Er aber sagte nichts.

Da erwachte in mir eine alte Frage, unerwartet, ohne daß ich mir diesbezüglich etwas vorgenommen:

»Vater,« sagte ich, »was ist Christus?«

Ich fragte es nochmals, tief bewegt, mit größter Rührung und sehr dringlich.

»Was ist Christus?«

Darauf hörte ich ihn sagen:

»Frage den Falter.« 

Und ich begriff, daß er den Falter mit den blauen Flügeln meinte, den Falter aus dem vorigen Traum. Ich fragte:

»Kannst du mir nicht mehr sagen?«

Darauf schüttelte er ganz sachte den Kopf, und alles aus dem Traum verschwand. Ich sah nur sein Gesicht, das »Nein« sagte, und dann erwachte ich. Es war Morgendämmerung und ich lag da und überdachte das alles und prägte es meinem Gedächtnis ein.

Ich empfand es als etwas völlig Gewisses, daß ich mit ihm gesprochen hatte.

Und ich schlief wieder ein und träumte, so wie es oftmals nach einem solchen Traum geschieht, daß ich den Traum erzählte, aber ohne zu wissen, daß ich schlief.

An jenem Morgen fühlte ich mich außergewöhnlich erquickt und glücklich. Und während des ganzen Tages hatte ich den Klang seiner Stimme in den Ohren, und die Worte: »Guten Tag, Vico mio!« Und immer wieder versuchte ich, den rechten Klang mir ins Gedächtnis zurückzurufen.

Dieser Traum kam geraume Zeit vor Emmys erstem Erscheinen, und ich hatte um Rat gefragt, weil ich dazumal noch im Zwiespalt mit mir selber war, ob ich Lucia wohl zu meiner Frau machen solle.




Wie kommt es, daß man dir so spät erst depeschierte, daß deine Freundin gestorben, so viele Monate, nachdem es geschehen?« fragte mich Lucia, als wir Luzern schon seit mehreren Tagen verlassen hatten. 

»Weil ich damals selber erst depeschiert hatte, um mich nach ihr zu erkundigen.«

Lucia blickte mich eine Weile schweigend und nachdenklich an und sagte darauf mit freundlichem, arglosem Ernst, und voller Zartgefühl:

»O, dann verstehe ich es. Sie ist dir gewiß im Traum erschienen, nicht wahr?«

Ich nickte, und Lucia fragte nicht weiter.

Sie war streng katholisch geblieben und hatte von dem üppigen Volksaberglauben, der in meinem Vaterlande herrscht, vieles sich erhalten. Sie legte Amuletts eine besondere Bedeutung bei, auch Gegenständen, die vom Papst gesegnet waren, und Kerzenopfern, die man den Heiligen darbringt. Hinsichtlich der Träume hielt sie an einer bis in die kleinsten Einzelheiten ausgearbeiteten Lehre fest, auf deren Richtigkeit sie schwor, obwohl sie niemals einen einzigen treffenden Beweis dafür beizubringen vermochte. Von Blumen träumen, von Wasser, von Geld, von Blut – das alles bedeutete etwas, aber es wurde stets ebenso unbestimmt behauptet, ebenso ungenau wahrgenommen und ebenso unbegründet als erwiesen erachtet. Für mich war es vollkommen wertlos, und ich hütete mich wohl, ihr in diesen Dingen zu widersprechen oder sie an meinen eigenen Erfahrungen teilnehmen zu lassen.

Aber seltsam und bemerkenswert war es, daß ein bestimmter Traum, dem sie selber keinerlei Bedeutung beimaß und der in ihrer Traumlehre nicht erwähnt ward, sich stets wiederholte im Zusammenhang mit einem ganz bestimmten Erlebnis meinerseits in meinem Nacht- und Tagesleben. 

Stets dann, wenn eine andere Frau meinen Lebensweg kreuzte und meine Verbindung mit Lucia bedroht wurde, träumte sie von einem großen, wilden Pferde, das sie ängstigte oder in die Enge trieb. Manchmal war es weiß, manchmal braun, manchmal schwarz, auch waren es ihrer hin und wieder zwei oder drei. Sie bedrohten und ängstigten sie, taten ihr aber nichts zuleide. Sie erzählte es mir allzeit getreulich und ohne Arg, wenn sie wiederum von Pferden geträumt hatte, ohne auch nur im allergeringsten zu vermuten, daß das für mich eine geheime, aber strenge Warnung bedeutete.

Denn es war untrüglich: so bald ich ernsthaft in Versuchung geraten war, was, zumal nach den ruhigen und einsamen Jahren bei Como, auf unseren vielen Reisen nicht ausbleiben konnte – kam alsbald ihr unschuldiger Bericht, daß sie wiederum mit lästigen Pferden zu kämpfen gehabt habe.

Und da ich weiß, daß nicht nur sie, sondern oftmals auch meine Mutter und andere Frauen, die ich gekannt, auf diese seltsame Weise gewarnt wurden, so möchte ich dir, lieber Leser, den Rat erteilen, darauf zu achten. Es mag ein seltsamer Zufall, eine Koinzidenz gewesen sein; es mag auch insbesondere zu mir und meiner Umgebung gehören – aber es kann vielleicht auch eine allgemeinere Bedeutung haben, und so ist es denn in Anbetracht der vermutlich geringen Mitwirkung der Männer kein Wunder, daß die Frauen diese Bedeutung noch nicht festzustellen vermochten. Allein ein Vorbehalt ist geboten, bevor wir zwischen Unschuldigen Argwohn säen. 

Nach Emmys erstem Erscheinen lebte ich in einem seltsamen Zustand äußerlicher Ruhe und innerlichen Glückes.

Zu Lucia war ich freundlich, zärtlich, und eifrig um sie besorgt, aber ich fühlte mich nicht als ihr Ehegatte und vermochte mich ihr auch nicht ohne Schuldbewußtsein als solcher zu nähern. In Como waren die Heimsuchungen meines Jünglingslebens verschwunden. Das angespannte Studium, der ruhige, ländliche Aufenthalt, die Abwesenheit von Verführung, die reine, heitere Atmosphäre in der kleinen Familie, das alles hatte mich gestützt und vor Mühseligkeiten bewahrt.

Und als ich mit Lucia reiste, ereignete sich das Wunderbare, daß ich, Emmys Liebe und ihres Erscheinens eingedenk, mir selber etwas, das jeder andere als etwas Gutes und Erlaubtes erachtet haben würde, als Schuld und Schmach anrechnete. Die Verführung, gegen die ich ankämpfte und der ich zu meiner eigenen, bitteren Scham doch stets wieder unterlag, ging jetzt nicht mehr von unglücklichen Gefallenen, sondern von der schönen und anmutigen Frau aus, die ich zur Gattin erkoren. Das alles würde anderen Menschen sehr seltsam geklungen haben, aber es war nun einmal so; mein Gemüt reagierte in seiner eigenen, ursprünglichen Art und Weise auf das Leben und ließ sich nicht zwingen . . . Ob ich mir auch hundertmal vorhielt, wie anders die Welt urteilte, es nutzte mir nichts, und wenn ich Lucias Reiz erlegen war, fühlte ich mich ebenso unglücklich, als wäre ich den Schlichen einer fremden Frau zum Opfer gefallen. 

Aber nichtsdestoweniger geschah sowohl das eine wie das andere, denn die Mißverhältnisse in meinem Herzen und in meinem Leben waren nicht geordnet und die wilden Begierden blieben ungezähmt.

Während alle, die mich kannten, mich glücklich priesen in meiner Ehe, war mein Leben während vieler langer Jahre ein schweres und qualvolles. Meine Liebe und Neigung zu Frau und Kindern war erzwungen, und bitterlich beklagte ich es, daß soviel Schönes und Liebliches nicht meine natürliche Aufmerksamkeit zu fesseln vermochte. Meine Aufgabe war riesengroß, erschien mir oftmals gar zu schwer, und was ich erreichte, war nichts Besonderes, nicht mehr als das, was ein jeder als etwas Selbstverständliches voraussetzte und erwartete. Man nannte mich einen guten Gatten und Vater, aber niemand wußte, welch eine ungeheure Anstrengung mich das kostete und wie sehr ich trotz alledem versagte, und niemand würde es geglaubt oder mich in voller Sympathie verstanden haben.

Nachdem es mir geglückt war, meinen Vater in der Nacht zu mir zu rufen und ich also wußte, daß ich diese Macht besaß, wurden mir die Nächte, in denen ich zu der klaren Traumsphäre durchdrang, um so gewichtiger.

Und als ich Emmy gesehen hatte in der gewöhnlichen Traumwelt, in der Sphäre der Verstorbenen, aber ohne daß ich selbst bei klarem Bewußtsein war, da war es des Morgens mein erster Gedanke, sie zu rufen, so bald die Sphäre klarer Wahrnehmung sich mir erschloß. Und mit großer Spannung sah ich einer solchen Nacht entgegen, und war an jedem Morgen von neuem enttäuscht und mißvergnügt, wenn die Klarheit nicht gekommen war. Denn wie ich bereits sagte, oftmals bleibt die Wahrnehmung monatelang aus, und sind die Träume alltäglich, verworren, unbedeutend. Bis sich dann plötzlich, infolge irgendeiner unerklärlichen Ursache, die guten, glücklichen und klaren Wahrnehmungsmomente drei, vier Nächte nacheinander wiederholen.

Aber endlich kam doch jene segensreiche Nacht, in der mein Vorhaben in der vollkommensten Weise zur Ausführung gebracht wurde.

Es war nach einem sehr ermüdenden und nicht sehr heiteren Tage. Eine lange Bergbesteigung bei Regenwetter.

Ich träumte, daß ich inmitten vieler Menschen einherging, auf der Straße. An meiner Seite ging ein kleiner Freund aus meiner Jugend. Plötzlich schoß es mir wie ein Lichtstrahl durch den Geist, daß ich jemanden zitieren wollte; Emmy wollte ich zitieren. Hastig sagte ich zu meinem Kameraden: »Nimm es mir nicht übel, aber ich muß jemanden suchen, Emmy Tenders!« Ich dachte dabei gleichzeitig daran, daß ich mein intimes Geheimnis hiermit preisgäbe, aber die Sache war allzu gewichtig, ich mußte den Namen nennen. Da durchschritt ich die Menge, immerfort suchend und rufend: »Emmy! Emmy!« Bei mir dachte ich: Man wird mich wohl in meinem Schlaf rufen hören, Lucia wird es hören. Ich kam an Bäumen und Rasen vorüber und nahm alles scharf und deutlich wahr. Ganz von meinem Suchen erfüllt murmelte ich vor mich hin: »Ja, ich sehe es gar wohl – Herbstsonne auf Ulmenblättern – kleine grüne Äpfel – ich kann das alles mir einprägen – aber ich muß Emmy haben, Emmy!«

Da sah ich eine geschlossene Tür und wies darauf mit meinem Finger und sagte: »Da ist sie, wenn ich die Tür öffne, ist sie da!«

Ich öffnete die Tür und ich sah . . . einen Schlachthof. Große Fleischstücke, Männer, die beim Schlachten waren, eine blutüberströmte Diele – ekelhafter Gestank – abscheulich! Ein Dämonenstreich war mir in den Weg getreten.

Tiefe Enttäuschung. Beinahe Verzweiflung. Ich schluchzte laut auf und rief: »Emmy!« Gleichzeitig dachte ich: »Ich werde die Spuren meiner Tränen beim Erwachen vorfinden.«

Ich sah einen Zettel liegen und schrieb darauf mit einem Finger, den ich in Blut getaucht: »Ich war hier in meinem Traum«, von der unbestimmten Erwartung erfüllt, daß dies als ein Dokument würde gelten können. Einer jener Einfälle mit halber Überlegung, die man in dergleichen Träumen oftmals hat.

Da fühlte ich, wie ich erwachte, tief betrübt.

Aber gleich darauf schlief ich wieder ein. Und da dachte ich: »In ihr Land werde ich gehen.« Und ich lief eilends, gleich als wisse ich den Weg. Währenddessen überlegte ich bei mir: »Wie komme ich dahin? Sie ist in Indien. Ich weiß den Weg nicht, und dennoch eile ich dorthin.« 

Da fühlte ich, wie ich schwebte, und ich sah unter mir ein wild schäumendes Meer, wie in dem Kielwasser eines großen Schiffes, und die Möwen sah ich darüber kreisen, auf Asung lauernd.

Darauf einen üppig bewachsenen Berg und an dessen Abhang ein Haus. Hastig schwebte ich herab und trat ein. Ich hörte klopfen und dachte: »Da ist sie.«

Ich sah eine Tür, auf der geschrieben stand: »Waitingroom« und die öffnete sich langsam. Eine Gestalt trat heraus. »Ob sie es ist? Sie gleicht ihr nicht, und es geschieht ja so häufig, daß Menschen ganz anders aussehen im Traum. Wie kann ich mir Gewißheit verschaffen?«

Ich trat ganz nahe hinzu. Sie trug ihr üppiges Blondhaar in Zöpfen um den Kopf gelegt und darauf einen Kranz aus Orangenblüten und Myrten. Einen Brautkranz. Sehr deutlich erkannte ich die kleinen, glänzenden, dunkelgrünen Blättchen und die rötlichen Triebe, und ich atmete den berauschenden Orangenblütenduft ein. Ich schaute sie an, und es waren ihre Augen, sehr ernsthaft, wie von eigenen, tiefen Gedanken erfüllt.

Da schloß ich sie in meine Arme und wußte gewiß, daß sie es war, und ich rief leidenschaftlich: »Bist du da? Wie lieb von dir, daß du doch gekommen bist!«

Das war sehr schön. Schöner und glücklicher, als mir in meinem wachenden Leben jemals irgendein Augenblick erschienen ist.

Ich erwachte, nicht sehr betrübt, aber sehr ernst, und auch zum erstenmal nach einem solchen Traum Tränenspuren fand ich nicht, und ich fragte Lucia, ob sie mich im Schlaf habe weinen oder sprechen hören.

»Nein,« sagte sie, »du hast still dagelegen und ruhig geschlafen, glaube ich. Ich war schon früh wach. Ich hatte wieder so angstvoll von jenem weißen Pferde geträumt. Es war ein prächtiges Tier mit üppiger Mähne und langem Schweif und roten, funkelnden Augen. Ich stand dicht daneben und es wollte mich nicht vorüberlassen. Ich ängstigte mich zu Tode. Aber so lange ich mich still verhielt, tat es mir nichts zuleide.«




Sehr wenig Menschen nur werden etwas Gewichtiges oder auch nur Merkwürdiges in diesen Mitteilungen finden. Der Philisterlaie wird an ein eitles Phantasiespiel denken, das zu seiner Belustigung dient, und es alsbald wieder vergessen. Der Philistergelehrte wird lächelnd ein paar Machtworte sprechen, mit denen er die Angelegenheit als erklärt und abgetan erachtet. Es gibt so einen, sein Buch liegt vor mir, der behauptet, das ganze Geheimnis des Traumes enträtselt zu haben. Man merke wohl auf: das ganze Geheimnis. Und dann spricht er ein paar hohle Worte, die gleich einem »Sesam, öffne dich!« Zutritt verschaffen sollen zu all den ungeheuren Wundern dieser niemals erschlossenen Wirklichkeit, indem er sagt: »Der Traum ist ein erfüllter Wunsch. Darnach ist der Mann, in der Meinung, etwas verkündet zu haben, erfreut und befriedigt. Ich kann dir, lieber Leser, für die Gewißheit, daß es in der Tat meine Geliebte war, die sich in jener Nacht als meine Braut mir zeigte, keinerlei Beweise verschaffen. Mancherlei Tatsachen könnten wohl als Beweise dafür gelten, daß meine Nachtwahrnehmungen nicht nur eigene Phantasieschöpfungen sind, sondern daß sie eine Welt betreffen, mit der auch andere in Verbindung stehen, und die ein eigenes Wesen besitzt. Es gab wohl eine Übereinstimmung zwischen Worten und Dingen, die ich in der Nacht vernommen und geschaut und dem, was, mir unbekannt, während des wachenden Lebens sich ereignet hatte. Ich aber bedurfte dieser Beweise nicht. Das primäre Gefühl der Gewißheit ist ein Gefühl, das man durch Erfahrung erlangt. Das Mitteilen jenes Empfindens auf dem Wege des Verstandes ist eine Illusion, die niemals besteht oder bestanden hat. Die Menschen teilen einander primäre Gewißheiten auf intuitivem und suggestivem Wege mit, nicht durch Beweise. Und wenn meine Beweise klar wären wie Kristall und fest wie ein Fels, der Unwillige würde sie dennoch unschwer verneinen. Während nur diejenigen, die durch wiederholte und abermals wiederholte Wahrnehmungen volle Gewißheit erlangten, auch die Bedeutung des Wahrgenommenen zu schätzen vermögen. Denn was ich wahrnahm, das ist gleich einem kleinen Funken aus dem geriebenen Stückchen Bernstein, gleich dem von Galvani beobachteten Zusammenzucken der toten Froschmuskeln, ein kleines Phänomen, das der Ungläubige verspottet, während der Weise darin den Keim zu neuen, niemals geahnten Begriffen und Taten erblickt.

Seit jener Nacht, da Emmy auf meinen Ruf mir als Braut erschien, habe ich viele Jahre lang ein Doppelleben gelebt, in dem die Ereignisse des Tages mir nicht gewichtiger erschienen als die Wahrnehmungen der Nacht. Ein wohlgelungenes Wiedersehen mit Emmy in der Glückssphäre des Traumes bedeutete für mich das Beste und Schönste, etwas, das ich sehnsüchtiger begehrte und dessen ich mich mit dankbarerer Genugtuung erinnerte als der glücklichsten Ereignisse aus meinem Tagesleben. Die wenigen Augenblicke der Nacht, die um einige Male im Jahr wiederkehrten und vielleicht nur wenige Minuten dauerten, wogen, was intensive Kraft und tiefe Nachwirkung anbetrifft, die vielen ereignisreichen Tage auf, so daß es mir jetzt so scheinen will, als seien jene Jahre im Fluge verstrichen, als könne ich sie an der Hand der nächtlichen Erscheinungen besser erkennen und bestimmen als an der der Tagesereignisse.

Dennoch war mein Leben nicht leer, nicht arm an Handlungen und Erlebnissen, sondern es war das übliche Leben, das Tausende leben und das bereits so viele Weise und Empfindsame unbefriedigt ließ, weil sie die tiefere Bedeutung nicht zu ergründen vermochten, und den Tod und die Vernichtung am Ende ihrer Bahn so unerbittlich drohen sahen.

Ich wurde, dem Wunsche meines Vaters zufolge, dem meine Mutter beigestimmt, Diplomat und arbeitete anfangs als Attaché, später als Legationssekretär in den verschiedensten Ländern. Äußerlich war mein Leben so glücklich wie nur möglich, und wer mich kannte, beneidete mich, ohne daß die Mißgunst es darum versucht hätte, mir zu schaden. Ich hatte eine schöne, liebreizende Frau, die mir vier gesunde, schöne Kinder schenkte, ich besaß die genügenden Mittel, um mir ein luxuriöses Leben zu gestatten, und ich verrichtete meine Arbeit allem Anschein nach mit Hingebung und Erfolg. Versetzungen zwangen mich zu häufigen Reisen, und ich bekam ein gut Teil der zivilisierten Menschenwelt zu sehen. Wir wohnten in dem sonnigen, nach Akazien und Nelken duftenden Madrid mit seinem subtilen, gefährlichen Dunstkreis, seiner prunkhaften, indolenten Kultur, seiner wilden Umgebung, – in dem unruhigen Marseille voller Missetat und Gesindel, wo wir uns niemals sicher fühlten, – in dem geordneten und gediegen-bürgerlichen Berlin, wo so klug und eifrig nach höherer Kultur gestrebt wird, – in dem freudigen, schönen Paris, wo man noch immer in der Illusion lebt, an der Spitze der Zivilisation zu stehen, – in dem nicht weniger selbstbewußten London, unveränderlich grimmig in seiner Düsterkeit, gestählt in seinem ungeheuren Luxus und Elend, voll geistigen Lebens, aber ohne großen Fortschritt, wie ein starker, vom Glück begünstigter, verstockter Bösewicht, – in dem übermütigen St. Petersburg mit seinem aufs äußerste verfeinerten und dabei dennoch stets gleich barbarischen Luxus, – in dem eitlen, amüsanten Wien, wo man alle Gedanken an die Möglichkeit einer noch höheren Kultur seit langem bereits als etwas Beleidigendes hat fahren lassen, – in dem wundersam vornehmen und affektierten Washington mit seinen großen, grünen Rasenflächen und den weißen Prunkgebäuden im Zuckerbäcker-Stil, mit seinem blasierten Air aristokratischer Ruhe und Vornehmheit inmitten der unruhigen, bürgerlichen, ungenierten, aber intensiv lebenden amerikanischen Welt – endlich in dem kleinen, gut gehaltenen, puppenhaften Haag, das man gar schwer für echt halten kann, wo die guten Holländer Weltstadt spielen und wo sogar die diplomatische Welt den beinahe komischen Anstrich einer sehr vornehmen und gut besetzten Liebhaberbühne erhält.

Ich würde dieses Leben nicht gleichmütig ertragen haben, wäre ich nicht andauernd erfüllt gewesen von dem Wunder, das sich mir immer und immer wieder offenbarte, hätte ich nicht die Erinnerung daran gehabt, wie ich Emmy zuletzt gesehen und gehört, und die Hoffnung auf ihre Wiederkehr und das Überlegen, was ich dann sagen und tun und was ich an ihr bemerken würde.

Allein ich vernachlässigte meine berufliche Arbeit nicht, sondern verrichtete sie im Gegenteil mit um so größerer Frische und Ausdauer. Aber wie andere sie freudig durchführen konnten, begriff ich nicht – es sei denn, daß es unbedeutende Menschen waren, völlig beherrscht von der Macht eines förmlichen Gottesdienstes und konventionellen Patriotismus. Und ich muß auch zugeben, daß die gebildeteren und selbständigeren meiner Kollegen ihre Aufgabe nicht ohne bittere Selbstverspottung und eine Art schwermütigen Epikuräertums durchführten. Möge in der Diplomatie auch alles in seinen Formen und in großem Maßstabe zugehen, dennoch bleibt es nichts anderes als ein kleinlicher Kampf um den größten Vorteil und den fettesten Bissen. Etwas bemerkenswertes liegt darin, daß der Diplomat nicht direkt um seinen Vorteil kämpft, sondern sich mit dem Staat, den er vertritt, identifiziert. Aber welcher Mensch kämpft denn um seinen wahrhaft eigenen Vorteil und nicht um einen vermeintlichen? So gleicht der Eifer, die Begeisterung, die Befriedigung des Diplomaten zumeist der des Spielers, der kleine, hölzerne Figuren auf das Brett stellt und sie entfernt und seine Freude daran hat, Verwicklungen zu zeitigen und sie wieder zu entwirren. Der ernste Mensch aber fragt sich dann doch: Wozu das alles? Wozu arbeite ich? Wozu lasse ich so viele für mich arbeiten? Mein Körper, den ich mit so großer Sorgfalt instand halte, welkt dahin, das Königshaus und der Staat, für die ich kämpfe und mich mühe, sie gehen doch eines Tages unter – und wenn ich auch nicht für mich selber, noch auch für meinen Staat und mein Volk kämpfte, sondern für ein noch höheres Ideal, für die Menschheit – wird auch sie nicht eines Tages absterben, wenn die Erde verdorrt und unbewohnbar wird?

Diese Fragen müssen beantwortet werden, denn es ist nicht wahr, daß es in der Natur des Menschen liegt, ohne ihre Beantwortung ruhig und eifrig weiterzuarbeiten. Nein, wenn er auch jetzt noch ohne Antwort weiterkämpft, so ist es nur deshalb, weil er nicht nachdenkt. Aber es liegt wohl in des Menschen Art nachzudenken, und folglich erhält er sich selbst dadurch, daß er seine Art verleugnet. Das ist ein Widerspruch, der den Keim zu seiner Vernichtung in sich birgt. Und voller Mitleiden gewahrte ich die Bestrebungen der angeblich Gottesfürchtigen – zu denen auch meine gute Frau Lucia gehörte –, um, von der Wärme eines abgelebten, geflickten und halb vergangenen kirchlichen Systems umhüllt, dem kalten Hauch des neuen Wissens zu entrinnen. Mich rührte ihre freudige Zufriedenheit, ihre ruhige Befriedigung über den kernlosen Schatten dessen, was einstmals einem kindlichen Geschlecht gediegenes Glück bedeutete. Getreulich suchte sie ihr täglich Teil an Weihe, Erbauung und Läuterung, dessen jeder menschliche Geist bedarf, so gut wie jeder Körper des Bades bedarf. Allein es war eine tote, leere Weihe, bestehend aus Klängen und Eindrücken, aus denen der lebendige Gedanke, die Seele, längst verschwunden war. Wie hätte die Poesie der Hebräer, die Gedanken des Mittelalters sie wohl noch zu rühren vermocht? Nur der hohle Klang der priesterlichen Stimme und der äußere Prunk des Gotteshauses brachten etwas, das einem flüchtigen Schatten des wahrhaften Gottesempfindens glich.

Und in der Poesie oder in der Musik, die sie voll und ganz empfinden konnte, in der Kunst ihrer Zeit und in den Gedanken, der Wissenschaft ihrer Zeit, den lebendigen, unmittelbaren Äußerungen Gottes, darin suchte sie nicht, weil rings um sie her niemand sich dessen bewußt war, daß nur darin allein die Weihe gesucht werden muß.

Für mich aber begann das, was die Kontemplativen aller Jahrhunderte in unbestimmten und größtenteils kraftlosen Ausdrücken andeuteten, einen neuen, wunderbaren Realitätscharakter zu gewinnen. Ich hatte gelernt, zu sprechen, zu hören, zu sehen, zu schmecken, zu riechen, zu tasten, Dinge und Wesen zu schaffen, und mit dem, was mir als selbständiges Wesen erschien, eine Verständigung herbeizuführen, ohne daß der Körper, das, was unfehlbar der Vernichtung preisgegeben ist, daran beteiligt war. Was ein Geschlecht dem andern als hohlen Klang, als eitles Gedankenbild, als Suggestion nachgeredet, das Wesen einer unsinnlichen Welt, das war für mich zur Erfahrungswirklichkeit geworden. Ich wußte jetzt, daß ich, außer dem gewöhnlichen, auch noch einen andern Körper besaß, ein animae corpus mit einer eigenen Wahrnehmungswelt, und dieses Wissen beruhte auf ebenso gutem Grunde wie eines jeden Menschen Wissen hinsichtlich des Bestehens seines gewöhnlichen Körpers. Ich stand immer und immer wieder vor dem unleugbaren Wunder eines anderen Raumes, der wahrgenommen ward durch das gleiche Ich, aus demselben Zentrum der Beobachtung heraus wie der Raum des Tages. Was mancher Weise kraft der Betrachtung vermutet und festgestellt, nämlich daß das, was wir Raum und Ort nennen, nichts anderes ist als eine von unendlich vielen Wahrnehmungsarten unseres Wesens, das weder Platz noch Raum einnimmt, das Ego, das weder hier ist noch dort, das war für mich zu einer ganz selbstverständlichen Tatsache geworden, und ich war mit ihr so vertraut, daß sie mein ganzes Denken beeinflußte. Daß ich, ohne mich zu bewegen, in eine völlig andere Welt geraten konnte, in viele Welten, von denen eine jede ihren eigenen Raum besaß und die alle dieselbe Evidenz wirklichen Daseins aufwiesen, die alle voller Leben waren, voller Sensationen, voller Schönheiten, voller Entzückungen – das wurde für mich zu einem Resultat der einfachsten Erfahrung. Und niemand, der es vom Hörensagen weiß, vermöchte zu begreifen, wie anders und um wie vieles tiefer die Erfahrung wirkt.

Dabei trat der ewige Fehler der menschlichen Phantasie, sogleich dem Vollkommenen, Vollendeten entgegenfliegen zu wollen, deutlich zutage.

Die ganze mangelhafte Phantasiearbeit der Menschen sündigt, indem sie ihre Schöpfungen zu sehr verschönern, indem sie eine seelenlose Vollkommenheit anbringen will, so wie die menschliche Kunst sie während des Verfalls nach einer jeden Blütezeit aufweist. Die unsinnliche Welt ist nicht von reiner Erhabenheit und ungemischtem Adel erfüllt. Ich wandelte dort nicht stets in elysäischen Gefilden, vertieft in rege Gespräche über gewichtige Fragen mit Schemen von edler Gestalt und würdevoller Gebärde.

Wie jede Wirklichkeit, so ist auch die Wirklichkeit des Jenseits ungeahnt launenhaft, voller Überraschungen und voller Enttäuschungen, im großen und ganzen aber erquickender und schöner als alles, was die Phantasie davon entworfen hat. Und das ist das so überaus Gewichtige für die Praxis unseres täglichen Lebens, daß die unsinnliche Welt zum Teil unsere eigene Schöpfung verkörpert, die unserem Willen unterworfen ist, aufgebaut aus dem, was in unserem Tagesleben vorhanden und was gesammelt wurde mit den Kräften und Fähigkeiten, die wir uns in jenem nämlichen Leben durch Übung und Abhärtung zu eigen gemacht. Deshalb sagen zu wollen, daß wir nichts Neues zu erwarten haben, käme der Behauptung gleich, daß Beethoven der Welt nichts Neues geschenkt, da das alles doch nur Kombinationen von bekannten Klängen und Tönen waren. Nochmals wiederhole ich: Nichts in unserem Tagesleben kommt dem Entzücken gleich, das wir beim Erwachen in neuer Sphäre empfinden.

Und wer mir nun entgegenhält, daß dann auch wohl das liebe Wesen, das auf meinen Ruf mir als meine Braut erschien und mich in ihren Armen so namenlos glücklich machte, eine Schöpfung meiner selbst sein müsse, ihm kann ich nichts anderes antworten als das, was er selber dem agnostischen Philosophen antworten würde, wenn dieser ihn aufforderte, nachzuweisen, warum die ganze sinnliche Welt, seine Frau und seine Kinder mit inbegriffen, etwas anderes sein sollte als ein Produkt seiner Phantasie.

Macht es einen großen Unterschied, ob wir ein und derselben heftig und intensiv empfundenen Sache den Namen Phantasie oder den Namen Wirklichkeit geben? Und weiß mir jemand ein zuverlässiges Unterscheidungsmerkmal für diese beiden zu nennen? Alles ist Produkt der Phantasie, auch Sonne und Sterne sind Produkte der Phantasie Gottes. Aber es gibt eine schwache und eine starke, eine sterile und eine schöpferische Phantasie, und sehr fein ist die Grenze zwischen dem eitlen Gedankenbild und dem Erschaffenen, das mit ureigenem Wesen und mit Wirklichkeit ausgestattet ist.

Wie unsinnig erschien mir jetzt im Licht meiner Erfahrungen die landläufige Vorstellung der sich gläubig Nennenden, als müsse sich das irdische Leben mit all seinen Freuden und all seinem Kummer bei Eintritt des Todes plötzlich und ohne irgendwelchen Übergang in Seligkeit wandeln, um so reiner, je jämmerlicher das irdische Dasein war.

Alles, was wir zu erwarten haben, schließt sich unmittelbar an das an, was wir hier erlangten. Hier auf Erden weben wir an unserer Zukunft, unmerkbar und unablässig, nicht durch ein Recht auf Belohnung von höherer Hand, als Vergütung für alles Leid und allen Kummer, die außerhalb unseres Zutuns zuerteilt werden – sondern durch eigene Wirksamkeit, durch eigenes Können, durch eigenes Meistern von Freuden und Entzückungen, die uns am begehrenswertesten erscheinen.

Daher lenkt die genauere Kenntnis, das Studium der übersinnlichen Wirklichkeit nicht ab von dem weltlichen Leben und dem Zusammenwirken mit der ganzen strebenden Menschheit, so wie die Schwärmer und Asketen im Wahn ihrer eitlen und unvollkommenen Phantasie es geglaubt. 

Nein, die Seligkeit, nach der es uns alle verlangt und die wir unserem Willen gemäß erreichen können, muß bereits hier, in dem menschlichen Leben, in dieser weltlichen Sphäre gesucht werden, Denn nur aus diesem Vorübergehenden kann das minder Vergängliche entstehen.

Ich wußte jetzt, daß mein übersinnliches Wesen, während der wachende Körper ruhte oder abstarb, auch die Schwere und die Schmerzen abstreifte, die Düsterkeit und die Trauer, die der vergänglichen, hinfälligen Art dieses Körpers entspringen – aber zugleich wußte ich auch, daß seine Freude und seine Entzückungen von dem Glück abhängig sind, das sich der Tageskörper durch ein werktätiges, weises und mit der Entwicklung der gesamten Menschheit harmonisierendes Leben erworben.

Je schöner meine Tage, je mehr mein Leben von effektiver Wirksamkeit erfüllt, je freudiger und heiterer meine Seele – um so schöner sind auch die Entzückungen meiner Nächte, um so köstlicher die Bilder, die ich schaue, um so wohltuender die Stimmungen und Einflüsse, denen ich unterworfen bin.

Wohl erleuchtet oftmals ein Traum von allerhöchster Pracht eine Zeit der allertiefsten Düsterkeit, aber nur dann, wenn der weltliche Kummer eine notwendige Folge ist von dem Kampf um höhere und gemeinschaftlichere Freuden, wenn ich doch im Innern hoffnungsfreudig bin und weiß, daß ich mich auf dem rechten Wege befinde.

Allein Armut, Entbehrung, Mangel, Elend, Trübsal und Vereinsamung sind keine guten Führer zu einem besseren Leben, und unterdrückte Neigungen keine guten Reisegefährten.

Der Wille zum Glück kann in einigen von uns wohl so heftig brennen, daß seine Flamme durch alles aufgeworfene Leid hindurch nur um so höher auflodert; allein der Freudenfunken muß sichtbar weiterglühen, und es ist aller Menschen erste Pflicht, die heilige Lampe der Freude brennend zu erhalten.

Wohl hat der Mensch es manchesmal bewiesen, daß er große Wohlfahrt nicht erträgt, indem er in törichtes Tun verfiel gleich dem Kinde, wenn nach langer Entbehrung der Überfluß kam. Allein Reichtum ist der einzige Nährboden für die Blüte der Schönheit, zu der wir uns in unserem Bestreben nach einem erhabeneren Leben berufen fühlen.

Nur in dem Lande der Üppigkeit können wir das Spiel der Schönheit spielen, das unsere einzige Bestimmung ist und das unser Wesen mit Gottes Wesen eint. Und so wir die Wohlfahrt nicht ertragen können, müssen wir uns durch sie stählen lassen.

Der uns erschaffen, führt uns an dem Zügel der Freude, ein anderes Bindeglied zwischen ihm und uns gibt es nicht. Wenngleich der Weg durch trübe Dunkelheit hindurchführt, dennoch schwebt eine Rufstimme der Seligkeit unablässig vor uns her. Das ist unser Wille und Gottes Wille. Uneinigkeit ist nur Mißverstehen.

Verzeih' mir, lieber Leser, wenn ich dir die Schlußfolgerungen zu den Tatsachen gebe. Ich weiß wohl, daß darunter viele Bekräftigungen alter, längst gewußter Wahrheiten sind. Du aber wirst einsehen, daß man den Menschen gerade das Allereinfachste und Bekannteste immer und immer wiederholen muß, weil ihnen der Mut fehlt, und die Ursprünglichkeit dauernd daran festzuhalten.




Wenn du mir bisher geglaubt und mich verstanden hast, lieber Leser, so wirst du es nicht unterlassen, von mir mehr zu verlangen, als ich geben kann. Nicht nähere Beweise, sondern Offenbarungen wirst du verlangen, Mitteilungen über die Wesen aus anderen Sphären, klare, wohl formulierte Mitteilungen über den Zweck unseres Lebens, über die Seele, über Christus, über Gott. Ein jeder Mensch wünscht solche, ohne zu bedenken, daß zu einer klaren Mitteilung stets zwei Faktoren erforderlich sind, und zwar einer, der gut mitteilt, und einer, der gut versteht, so wie zu einer guten Flamme Luft und Brennstoff erforderlich sind.

Auch ich selbst suchte nach der Offenbarung so gut wie jeder andere das getan haben würde, und manches Mal beging ich, anstatt Emmy zu rufen, die Torheit, nach Christum und, was noch schlimmer war, nach Gott zu verlangen.

Man kann in den klaren Wahrnehmungsmomenten der Nacht nur eines kräftig durchsetzen, zu mehr reicht die Zeit nicht, und es geschah, daß ich während der ganzen Vision leidenschaftlich betete, ohne an Emmy zu denken, und Gott für seine Güte dankte und ihn, sowie Christus um Erleuchtung anflehte. Niemals vermochte ich das bei Tage mit soviel Ernst, Überzeugung und Beredsamkeit zu tun. Tagsüber bin ich nicht beredt, sondern verlegen und schamhaft, sogar dann, wenn ich allein bin. Ich kann bei Tage nicht beten aus Furcht, mir selber lächerlich zu erscheinen. Des Nachts aber ist diese Furcht geschwunden, und dann gebe ich mich dem Gebet hin mit einer wahren Leidenschaft, die gleich allen Leidenschaften im übersinnlichen Leben meiner Kontrolle oftmals völlig entrückt sind.

Zuzeiten erscheint mir meine fromme Leidenschaft während des Gebetes für einen Augenblick übertrieben und affektiert, und dennoch bin ich unfähig, sie zu zügeln.

Nun aber ist dies das Bemerkenswerte, daß ich niemals, durchaus niemals in meinen Visionen wahrgenommen habe, daß sich auf meine leidenschaftlichen und innigen Anrufe hin etwas wie eine göttliche Gestalt vorgetan hätte, wie ein Engel, oder wie Christus. Menschen, gestorbene oder lebende, kamen beinah allzeit, wenn der Wunsch sich nur einigermaßen dringlich äußerte. Emmy habe ich viele Male in verschiedenen Gestalten und unter verschiedenen Umständen gesehen. Aber bei meinen Anrufungen, bei meinen Gebeten zu höheren Wesen, auf deren Dasein der Mensch allzeit hat schließen müssen aus den Zeichen der sinnlich wahrnehmbaren Welt oder aus innerlichem Bewußtsein, habe ich niemals etwas anderes gesehen als das, was man Naturschönheiten nennt: Sonnenlicht, Himmelsblau, flammende Abendhimmel, lichtdurchglühte Horizonte, die sich aufklärten oder verdüsterten mit verheißungsvoller oder warnender Bedeutung.

Und das, während die Kulturgeschichte der Menschheit von Berichten über Engels-, Marien- und Christus-Visionen wimmelt. Man mag dies erklären wie man will, es beweist dennoch, daß der Wunsch des Einzelnen, die Anrufung, die Autosuggestion nicht genügt, um eine visionäre Gestalt zu schaffen. Die Dämonen des Mittelalters habe ich gesehen, nicht aber ihre Engel, ihre heiligen Jungfrauen, ihren Jesus, ihren Gottvater, während es mich doch so häufig als Kind darnach verlangte, während ich doch so häufig als Mann flehentlich darum gebetet habe – bis ich alt und weise genug war, um zu verstehen, daß ich mich über ihr Fernbleiben zu freuen hatte, weil die Erscheinungen eines alten, bärtigen Königs als Gott, eines weißgekleideten, langhaarigen Mannes als Jesus und eines geflügelten Menschen als Engel sicherlich nichts anderes gewesen wäre als Wahngestalten, trügerischer Spuk oder ohnmächtige Menschenphantasie.

Sagt uns nicht der allereinfachste Verstand, daß jedes Leben, das mehr ist als menschliches Leben, jedes höhere Wesen, sei es ein Übermensch, sei es Christus, sei es Gott – keine für die fünf Sinne des Menschen wahrnehmbare Gestalt haben kann? Bleiben nicht alle Versuche der Einbildungskraft und der Kunst, etwas zu schaffen, das über den Menschen hinausgeht, auf die Vervollkommnung des Menschlichen beschränkt? Hat sich die einzige Konzeption eines übermenschlichen Wesens nicht stets in der ganz unmöglichen eines geflügelten Menschen geäußert? Dennoch wissen wir, daß es höhere Wesen gibt, ein höheres Leben mit höherer Schönheit, jedoch muß klare Überlegung uns lehren, daß ihre Gestalt unwahrnehmbar bleibt und daß niemand sie sich vorstellen kann, so lange unser Wahrnehmungsvermögen und unsere Kenntnis nicht in höheren Sphären auf eine völlig unerklärliche Weise gewachsen sind – und daß daher jede ihnen zuerkannte Gestalt, und sei sie auch von Dantescher Phantasie erschaffen, ein Wahn sein muß.

Wohl sah ich des öfteren Welten und Wesen, die, so sehr sie auch dem Bekannten und Menschlichen glichen, dennoch einer ganz anderen Sphäre anzugehören schienen.

Eines Nachts träumte mir von der See, aber es wurde etwas anderes, ein Park, eine Landschaft, mit vielen Wesen bevölkert. Ich entsinne mich, daß der Boden beweglich war gleich Meereswogen, aber wunderbar blau, dazu grellgelb gefleckt, mit tigerähnlichen Flecken. Da waren auch kleine Gebüsche und eine Menge fröhlicher, festlich gestimmter, reichgekleideter menschlicher Wesen. Es waren keine Dämonen, das fühlte ich, sondern eine Art von Menschen, die glücklich und im Überfluß lebten. Da begriff ich, daß ich mich auf einem andern Planeten befand, und obgleich ich noch nicht vollkommen bei klarem Bewußtsein war, begann ich dennoch sehr genau aufzupassen. So entsinne ich mich, daß ich nach dem Himmel schaute und, die blaue Farbe gewahrend, sofort den Schluß zog: 

»Es gibt also auch Sauerstoff in diesem Dunstkreis,« weil der Sauerstoff unserem Dunstkreis die blaue Farbe verleiht. Ich ging weiter und weiter, und die Landschaft änderte sich beständig. Die Bewohner waren mir äußerst sympathisch und freundlich gesinnt. An Sprache und Worte erinnere ich mich nicht, indessen gab es eine innige Verständigung. Da sah ich Bäume und Hügel – oder doch etwas, das ihnen glich – und ich geriet in Entzücken, »O meine Erde,« rief ich aus, »dies gleicht meiner Erde!« und ich weinte vor Rührung, weil es mich an meine geliebte Erde erinnerte.

Da bemerkte ich, daß dies alles von den irdischen Dingen einigermaßen verschieden war und ihnen dennoch glich. »Ebenso,« dachte ich in meinem Traum, »wie Amerika Europa gleicht und dennoch anders ist.«

Darauf gelangte ich in einen wilden unbewohnten Teil, und ich sah einen Horizont von Bergen, eine Gebirgskette, die aus einem Meer emporstieg, hellfarbig und steil, aber so ergreifend und großartig anzuschauen, daß es mich ganz beklommen machte. Der Horizont erstreckte sich stets weiter und weiter, schwindelerregend weit. Und immerfort schaute ich an der Reihe mattrosiger Felsen entlang. Links unter mir war ein gewaltiger Abgrund, in der Ferne eine Gebirgskette. Ich sah dies alles ganz besonders klar und scharf. Ich war dazumal bei vollem Bewußtsein, die ungeheure Tiefe machte mich schwindlig.

Darauf erblickte ich in der Wüste zwei fremde Wesen. Keine Dämonen, sondern menschliche Wesen. 

Das eine war schieferfarben gleich Lehm, das andere braunrot wie gebackene Erde. Sie waren fleißig an der Arbeit – und es wollte mir scheinen, als ob dies die Proletarier seien, die in diesem Lande das im Überfluß lebende Volk, das ich soeben geschaut, instand hielten. Sie waren um ein Feuer beschäftigt, und ich fragte sie etwas, ich glaube, daß es Speise oder Holz betraf. Lachend bedeuteten sie mir: »Das ist hier spärlich.« Da wies ich hinter meinen Rücken, auf das Land, in dem ich das im Überfluß lebende Volk zurückgelassen, und sagte: »Aber dort ist es doch nicht spärlich.« Darauf lachten sie, stellten sich gleichgültig und gaben mir zu verstehen, wie, das weiß ich nicht mehr, daß sie jene nicht beneideten, daß es gar nicht darauf ankäme, daß es also sein müsse. Ich erwachte und sann nach über die Bedeutung des Traumes, den ich nicht verstand und den zu erklären ich auch jetzt noch nicht wagen würde.

Alles das, was die Wahrnehmung im Schlaf lehrt, erfordert ebenso sehr ein wissenschaftliches Denken und Vergleichen, ein kritisches Prüfen und Wägen, ein geduldiges Aufbauen zu fester, allgemeiner und bleibender Wahrheit, wie alle Wahrnehmungen während des Wachens. Es kann keine andere wahrhafte Offenbarung geben als die schaffende Kunst und die durch alle und für alle gefestigte Wissenschaft. Was würde eine persönliche Offenbarung bedeuten, die auf der Empfänglichkeit eines einzelnen beruhte, die man in wenigen Worten festlegen könnte und die infolge von Suggestion den Unempfänglichen aufgedrängt würde? 

Wäre das nicht so, als wenn die Gottheit dem Apostel das Werk überließe, Tausende zu überzeugen, während sie selber in dem Apostel doch nur einen einzigen gefunden, der der Überzeugung zugänglich war?

Kann eine solche, durch Suggestion und Beharrlichkeit verbreitete Offenbarung etwas anderes sein als vergänglicher Wahn und flüchtiger Trug?

Daher lenkte mich das Studium des Übersinnlichen nicht ab von der Welt des Tages, sondern veranlaßte mich, mit um so größerem Eifer und um so größerer Befriedigung darin weiterzuarbeiten, da ich jene Welt als unser eigentliches Arbeitsfeld erkennen lernte, auf dem die Wonne bereitet wird, die auf höherem Anschauungsgebiet gültig ist.

Die Träume geben nur Winke, das Werk muß in diesem Leben verrichtet werden.

Allein die Träume wiesen mich auch darauf hin, daß Vereinsamung und Absonderung niemals zu dem höchsten Glück, zu der reinen Seligkeit führen können. Wie unaussprechlich glücklich die Augenblicke der Begegnung mit meiner Nachtbraut auch waren, dennoch wurden sie von jenen übertroffen, in denen eine gemeinschaftliche Freude, eine große, ungeheure Begeisterung, die viele Wesen, menschliche, glückliche Wesen, gleichzeitig erfüllte, meine Liebste und mich selber hinriß, wie in einer Woge strahlender, festlicher Glückseligkeit.

Ich habe sie wohl manches Mal gehabt, solche Träume, und sie waren die allerschönsten. Ich weiß nicht, ob es Verheißungen einer kommenden oder Ahnungen einer bereits bestehenden Wirklichkeit waren – aber ich sah dann ungeheure, begeisterte Mengen, Züge festlicher Menschen, die in feierlichem Rhythmus einherschritten, jauchzend und jubelnd und begleitet von dem Klang der Schalmeien. Und wir beide, meine Liebste und ich, wir gehörten dazu, und ein uns völlig beherrschendes Empfinden der Festlichkeit, der unbegrenzten Vertraulichkeit zu allen hob uns hoch empor in eine lichte, glückselige Stimmung und schadete dennoch nicht unserer eigenen, gegenseitigen Innigkeit, sondern verklärte und stärkte sie.

Dabei wurden mir Wahrheiten auf seltsame, symbolische Weise gedeutet, so wie ich sie durch wiederholte Erfahrung habe verstehen lernen. So sah ich einstmals im Traum viele Menschen ein Haus bauen und einen Weg anlegen, und sie taten dies merkwürdig flink. Und da war niemand, der etwas befahl, der Anweisungen erteilte oder die Führung übernahm. Die unglaubliche Geschwindigkeit des Fortschreitens in der Arbeit entstand dadurch, daß ein jeder der Arbeiter, bis zu dem geringsten, das ganze Werk kannte und übersah und daher auch nicht der mindesten Leitung bedurfte.

Ich verstand alle diese Winke stets besser, ich begriff immer deutlicher, was den Menschen hemmt auf seinem ansteigenden Pfade – der Abglanz der ungetrübten, gemeinschaftlichen Seligkeit erstrahlte mir immer heller aus dem Chaos unseres verworrenen persönlichen und wirtschaftlichen Lebens.

Um so quälender aber empfand ich meine Unmacht, etwas Wirksames auszurichten. 




Ach, was hätte ich auch wohl ausrichten können, gefangen wie ich war in dem Käfig meiner angesehenen Stellung, meines fest umschlossenen Wirkungskreises, meiner vornehmen Beziehungen, meines luxuriösen Haushalts, meiner Reputation und meines Geldes? Je mehr ich es einsah, was der Gemeinschaft fehlte, um den Einzelnen zu höherer Entwicklung emporzuführen, um so mehr fühlte ich mich gelähmt, wenn ich zu seiner Befreiung etwas beitragen wollte.

Mir war zu Mute wie auf einem gefährdeten Schiff dem Schiffbrüchigen, der das sichere Wasser und die Rettung ganz nahe sieht, er als einziger unter all den andern, aber er darf nichts sagen, er weiß, daß man ihm nicht glauben wird, die Disziplin verbietet es ihm, zu sprechen. Dann fällt es ihm schwerer, seine Pflicht zu erfüllen, als den andern, die sich blindlings weitermühen, ihren Vorgesetzten gehorchend, ohne Rettung zu sehen.

Ich sah, wie die Menschen Elend erduldeten infolge von ungeheuren Mißverständnissen, die gleich schweren Nebelwolken die Völker umhüllen und verwirren. Ich sah, wie sie herumstümperten mit ihrer Sprache und ihren Worten, gleich Kindern, die zum erstenmal einen Farbenkasten geschenkt bekommen und die ihre Kleider, ihre Hände und ihr Gesicht ebenso bunt bemalen wie das Papier. Und auf dieser Stümperei bauen sie Verträge auf, mit Hilfe dieser Stümperei bestimmen sie Gesetze, und also stümpernd bereiten sie ihre Nahrung, Kleidung und Wohnung. 

Aus falsch gedeuteten und falsch angewandten Worten entstand der blutige Wahnsinn der Revolutionen, die grimmige Parteiwut, die nutzlosen Gemetzel und Wortkämpfe und die unselige Vergeudung von Denk- und Arbeitskraft. Im blinden Glauben an die Vernunft und das wahre Wort zerstörten die Menschen ihre eigene Lust, ihr eigenes Glück und das der andern, dessen nicht eingedenk, daß sie alle nach einem Dinge streben, für das sie verschiedene Worte gebrauchen.

Ich sah, wie sie alle handelten unter dem mächtigen Drang des Herdeninstinktes, des Gruppengefühls, jener heiligen Gabe Christi, der Bürgschaft für ihre Macht und Sicherheit, wie sie zugleich aber alle glaubten, aus eigener, selbständiger Überlegung und vernünftiger Überzeugung zu handeln, zu ihrer jämmerlichen Verwirrung, zu ihrem Unglück.

Ich sah die Gruppierung in Arm und Reich, weil der heilsame Drang zur Wohlfahrt und zum Überfluß verdorben und entkräftet wird durch die Verwahrlosung des Liebesbandes, so daß das Einzelwesen glaubt, allein in Wohlfahrt leben und glücklich sein zu können in einer Welt voller Elend, und auf solche Weise niemanden die Seligkeit erlangen läßt. Und auch dies wieder, weil es nicht zwei Menschen gibt, die wissen, ob sie mit ein und demselben Wort ein und dasselbe meinen.

Und ich sah, wie die Demagogen unsere guten Instinkte mißbrauchten, die Instinkte des Hanges zur Wohlfahrt, des Gruppenbewußtseins, um verhängnisvolle Strömungen in Fluß zu bringen durch die Einwirkung hohler Losungsworte und lächerlicher Selbstüberschätzung. Gleich als ob die Armen, die nur Armut und Mißgunst gekannt, besser gefeit sein könnten gegen den Luxus als die Reichen, gleich als wäre Selbsterkenntnis und Selbstzucht möglich ohne Kultur, als könne die vollkommene Mündigkeit aller Einzelwesen, die nur durch die höchste Organisation und Werktätigkeit gewährleistet wird und die dem Namen nach das Ideal der Christen genannt wird, plötzlich ohne Übung, ohne Bildung, ohne geduldige Zucht erlangt werden.

Das alles sah ich, aber was konnte ich tun? Mein Wirkungskreis kettete mich an feste Pflichten und an meine Vorgesetzten. Ich arbeitete in einem ganz bestimmten Gruppenverbande: der politischen Welt der Diplomaten. Aus ihr heraustreten, bedeutete unmittelbar ausgestoßen werden und sich unmöglich machen.

Nun ja, in den Klubs und Cercles wird freier gesprochen. Dort hört man des öfteren, wie weniger Hochgestellte die ganze diplomatische Tätigkeit mit zynischem Sarkasmus verspotten und wie die Höhergestellten lächelnd zuhören, es fast bedauernd, daß ihre größere Würde sie an dieser freien Gedankenäußerung hindert. In jenen Kreisen entschlüpfte auch mir manches scharfe Wort über den Bau der Volkswohlfahrt, die allenthalben noch auf der Not der Schwächeren begründet ist, und auch über die Mächtigen auf Erden, mit denen ich verkehrte und die doch öfters so verlegen und so einfältig waren, wenn sie sich über die höchsten menschlichen Güter, über Weisheit, Kunst und Schönheit äußern sollten. Und aus lauter Begriffsverwirrung, die für das Chaos ihrer Ideen bezeichnend ist, nannten sie mich dort »den roten Grafen«, hin und wieder auch wohl den »Christen-Diplomaten«.

Nichts aber vermochte meine Überzeugung zu entkräften, daß dies Chaos sich langsam zu lichten beginnt, zu Anfang blindlings, mit einer grausamen Gleichgültigkeit gegen das Leiden, gedrängt von unergründeten Trieben – allmählich aber mit stärkerem Bewußtsein, mit größerer Umsicht, mit schärferer Klugheit – je mehr die höhere Weisheit sich langsam mit einer weiteren tatkräftigen Macht zu paaren anfängt.

Mir war es klar, daß, wenn es jemals in der menschlichen Geschichte eine Zeit gegeben, da auf einen Helden, einen Messias, einen Erlöser gewartet wurde, dies die unsere sein muß. Keine törichtere Meinung als die, daß da heute für einen Propheten kein Platz sei. Aber er muß nicht ein Buße predigender Moralist sein, nicht ein beschaulicher Systembegründer, nicht ein Mann der Klagen und der Ermahnungen, sondern ein Dichter der Tat.

Reifer als die französische Revolution es für das Nahen eines organisierenden und suggestiv mächtigen Feldherrn und Herrschers gleich Napoleon war, ist unsere Zeit für das Nahen des weisen, hochgesinnten Leiters, der sich den Gruppenverband, den Herdeninstinkt, die zu unserer Zeit kompakter und stärker ausgebildet sind denn je, zunutze macht. 

Ich wußte auch, welche Eigenschaften und Fähigkeiten jener Held wird besitzen müssen. Die Zeit der großen Feldherren ist vorüber, der rohen Macht der Gewalt bedarf es nicht mehr zum Begründen, sondern nur noch zum Erhalten.

Der kommerzielle Verband erstreckt sich über das ganze Weltgebiet und läßt den Krieg nur noch als untergeordnetes Hilfsmittel zu. Die Ehre des Soldaten ist gleich der des Polizisten, des Hüters der Ordnung.

Allein die Fähigkeiten des Feldherrn, die organisatorischen, beherrschenden, Verantwortlichkeit tragenden Fähigkeiten bleiben ebenso notwendig.

Der moderne Messias muß sein der Held, Organisator, der Ordnung schafft in der verworrenen Geschäftigkeit, der halb bewußten Aktion unseres Zusammenlebens. Und gleichwie es zur Zeit der Feldherrn nur die Dichter-Feldherren waren, die großen Träumer eines Weltenreiches, wie Alexander, Cäsar und Napoleon, die sich durch alle Jahrhunderte hindurch als Helden und Genies auszeichneten, so wird in unserer Zeit der Dichter-Organisator, der, welcher eine Weltgenossenschaft erträumt, ein noch größeres Heldentum, einen noch dauerhafteren Ruhm sich erwerben.

Auch die Zeit der Redekunst ist vorüber. Der Scheinverband der oratorischen Logik verblendet nur noch junge Völker, und sogar Amerika wird zu alt, um die Autorität eines Redners anzuerkennen, der nur Redner ist.

Nicht aber ist die Zeit der Dramatik und der Musik vorüber, und wer diese mächtigen Suggestionsmittel zu handhaben weiß, der vermag dem Strom der Menschheit die Richtung zu geben. Die Herde wird ihm folgen, mag er sie auch in Wildnis oder Wüste führen: Wagner und Ibsen haben das bewiesen.

Einstmals aber, und gar bald, wird es geschehen, daß der Held der neuen Zeiten, der Dichter-Organisator, zusammengeht mit denen, die durch Musik und Dramatik suggestive Macht ausüben oder aber, daß diese seltenen Kräfte in einem Menschen sich vereint finden.

Und dann erst wird die Herde auf grünende Auen geführt und gesättigt werden und dem Tage der Mündigkeit entgegengehen.

Ich sage dies, ich alter Einsiedler unter den Philistern, und mein Frieden beruht auf diesem Wissen. Mir war es nicht eigen, das Talent zum Herrschen, zum Organisieren, zum Lenken, ich war nicht beredt, mir war nicht die Macht der Musik oder der Dramatik gegeben. Nicht vermochte ich es zu versuchen, jener Held, jener »Soter« der Menschheit zu sein, da ich wußte, was dazu erforderlich ist.

Allein ich wußte es und ich weiß es, daß er geboren werden wird, weiß es mit jener unfehlbaren Sicherheit, mit der die Statistik die Anzahl der Genies und der Mißgeburten, die Anzahl der Abweichungen oberhalb und unterhalb der Norm voraussagt. Seine Geburt steht bevor, und zwar alsbald, so sicher, wie die Geburt einer Mehrheit von Söhnen nach einem männermordenden Kriege. Denn die Rasse bedarf seiner, Christus bedarf seiner. Und so ich selber nicht der sein kann, so bin ich doch sein Johannes der Täufer, und ich verkünde sein Nahen, glücklich und begeistert in meiner Einsamkeit, in dieser Wüste des kleinstädtischen Philistertums.




Seit siebzehn Jahren war ich verheiratet und mein jüngstes Kind war acht Jahre alt, als ich zurückkehrte in jenes nämliche Holland, wo so viele Knotenpunkte meines Schicksalsfadens liegen. In meinem Leben hatte sich nur wenig geändert. Es herrschte Ordnung und Frieden in meiner Familie, meine Arbeit war vom Glück begünstigt, Lucia schien völlig zufrieden zu sein mit ihrem Dasein und lenkte ihren Haushalt mit stiller Hingebung.

Meine Kinder waren schön und wohlerzogen. Ich fühlte, wie ich stets mehr und mehr an ihnen und ihrer Mutter hing, so wie ein jedes Wesen an den Wesen und Dingen hängt, mit denen es lange zusammenlebt, eine Neigung aus Symbiose könnte ich das nennen. Dennoch blieb ich ihnen im innersten Wesen ebenso fremd, und meiner Zuneigung haftete auch fernerhin das Erzwungene an. Ein allzeit wachsendes Gefühl der Unbefriedigung nagte an mir. Je älter ich wurde, je näher ich die Zeit kommen sah, in der ich infolge meines Alters machtlos sein würde, um so heftiger wurde die Spannung. Ich hatte das Empfinden, als müsse ich sterben, ohne wirklich gelebt zu haben. Der Tod schreckte mich nicht, allein der Gedanke, sterben zu müssen, ohne mein wahrhaftes Leben offenbart zu haben, war mir unerträglich. Ich lebte weiter, einzig und allein gestärkt durch meine Traumnächte, aber es wollte fast scheinen, als ob die mich zu Mehr, zu einer Tat, zu einem energischen Ausbruch anspornten. Sie wurden seltener und es kostete mich im Traum größere Mühe, zur Klarheit zu gelangen und Emmy zu sehen. Oftmals war es nur ein verzweiflungsvoller Kampf, um mich aus Zimmern, Bodenräumen und Gängen zu befreien. Ich konnte nicht mehr den freien, blauen Himmel sehen, konnte nicht mehr zu dem so sehnsüchtig begehrten Glücksentzücken gelangen, ich konnte nicht mehr inbrünstig beten, die Stimme meines Traumkörpers wurde schwach und heiser, und oftmals war es mir, wenn ich Emmy rief, als spräche ich mit dem Klang eines Sterbenden.

Dabei wurden meine Heimsuchungen wieder stärker. Sobald die Lebensflamme matter zu brennen beginnt, gewinnen die Dämonen ihren Einfluß wieder, gelingen ihre lüsternen Streiche von neuem. Lucias mütterliche Instinkte waren befriedigt, ihr Reiz, der mir allzeit wie eine Verführung erschienen, wurde matter, und es war ein leichtes, ihm zu entrinnen. Aber das alte qualvolle Leben in den Großstädten begann von neuem, und mein höheres Alter machte es mir nicht leichter, sondern schwerer zu ertragen, denn die Scham und die Selbstverachtung sind größer, und der Kontrast zwischen dem, wie man der Welt erscheint und wie man in Wahrheit ist, wird unerträglicher, je älter man wird.

Und während ich wußte, daß ich in meinem Innern Gedanken und Absichten barg, oft auch Handlungen plante, die niemand, am wenigsten Lucia oder die Kinder, mir zugetraut hätten, empfand ich zugleich etwas wie Geringschätzung für ihre Genügsamkeit, ihre Zufriedenheit; mich reizte diese sorglose, glückliche Familie in dieser unvollkommenen Welt voller Elend und Häßlichkeit, voller Wahn und Verirrung, dieser offenen Wunde, unter der zu leiden einem jeden solange geziemt, bis sie geheilt ist.

Die große Liebe, die in mir brannte, die reine Liebe zu Christus führte mich zu dem, was die meisten Menschen gottlose Undankbarkeit nennen würden. Ich verwünschte meine Wohlfahrt und ertrug mein häusliches Scheinglück nur mit Mühe. Mir war zumute wie einem Krieger, der am behaglich wärmenden Kaminfeuer zurückgelassen wird, während die Armee auszieht mit klingendem Spiel.

Das erste, was ich in Holland tat, war, daß ich mir eine Segeljacht kaufte. Sie lag in Amsterdam, weil ich von dort aus die Zuidersee befahren konnte. Eines Tages hatte ich mit einem Kollegen der österreichischen Gesandtschaft, einem jungen, hübschen, kräftig gebauten Ungarn, verabredet, daß wir zusammen nach E . . . . segeln wollten, nach dem mir damals noch unbekannten Städtchen, wo ich heute diese Blätter schreibe.

Ich befand mich in jenen Tagen in der düstersten Periode meines Lebens, all das Süße um mich her widerte mich an, das schwüle Scheinglück lastete so sehr auf mir, daß ich glaubte, ersticken zu müssen. Ich sah keinerlei Ausweg, ja nicht einmal drohte irgendein Mißgeschick, das dem Gang meines Lebens eine andere Wendung hätte geben können – neue Fähigkeiten würde ich sicherlich nicht erlangen, nichts schien mir nahe zu sein, das imstande, in meinem unwahrhaften Dasein eine Wandlung hervorzubringen. Wohl wollte ich mich demütig unterwerfen – wenn es sein mußte –, aber da war etwas, das mich erschreckte und beunruhigte, als wäre gerade diese Unterwerfung die höchste Sünde.

Ein mutwilliger Selbstmord, bevor ich mich dem Äußersten gegenüber sah, flößte mir Abscheu und Widerwillen ein. Allein die Gefahr meiner Segelfahrten besaß für mich wiederum die gleiche Anziehungskraft wie früher, da ich mit meinem Vater die Nordsee befuhr. Den Tod Shelleys, meines größten Sängers, zu sterben, ist eine Ehre, nach der es mich von Kindheit an verlangte, und ich dachte bei mir: »Wenn es denn doch sein muß, warum nicht jetzt, bevor ich noch tiefer sinke?«

Am Tage vor unserer Fahrt war ich sehr niedergeschlagen. Es wehte ein ziemlich frischer Wind, allein es war ein Sommertag und mein Gefährte dachte ebensowenig wie ich daran, unser Vorhaben zu verschieben.

Als ich in jener Nacht einschlief, wußte ich, daß ich einschlief, und blieb bei vollkommenem Bewußtsein. Plötzlich fuhr ich auf, in einem seltsamen Übergang von tiefster Niedergeschlagenheit zu dem lichten, freien, freudvollen, schwebenden Dasein des Traumes. Ich dachte: »Gott sei Dank, jetzt soll der Körper nur ruhig schlafen, ich ruhe, und eigentlich bin ich jetzt ganz und gar nicht ermüdet. Ich kann singen und mich bewegen, fliegen und schweben mit vollkommenem Wahrnehmungsgenuß.« Bald darauf befand ich mich draußen in einer weiten, üppig bewaldeten Landschaft unter sonnig - blauem Himmel. So schön war die Traumwelt seit langem nicht gewesen. Ich war entzückt und dankbar und schwebte empor. Ich begegnete einem Vogel und sprach fortwährend laut vor mich hin, und ich sagte, daß ich mich nicht mehr nach Wahrnehmungsgenuß sehnte, sondern nach einem Wesen, das mich verstehen könne, nach Gemüts- und Begriffsverständigung.

Einen weißen Stier sah ich – das Tier, das mich in gewöhnlichen Träumen am meisten ängstigt, das gefürchtetste Traumtier – allein ich empfand keine Furcht und schwebte hoch empor – da war keine Gefahr.

Da rief ich meine Liebste, so wie stets. Aber bevor ich es noch selber wußte, hatte ich nicht »Emmy« gerufen, sondern »Elsie«, und diesen nämlichen Irrtum wiederholte ich, ohne den Fehler zu bemerken. Ich schwebte über einer ungeheuren, wilden Dünenlandschaft dahin. Aus einem Dünental sah ich ein Mädchen kommen, jünger und kleiner als Emmy, mit schlichtem, blondem Haar. Ich aber ging auf sie zu, gleich als sei sie Emmy und ich wandelte und sprach mit ihr. Ich sprach holländisch, das ich dazumal schon ziemlich gut beherrschte. 

Da wies das Mädchen auf eine drohende, dunkle Gewitterwolke, die sich langsam ausbreitete über dem Himmelsblau. Das war ein Unheilszeichen. Ich aber war stolz und glücklich und nicht im mindesten bange und wollte sie in meine Arme schließen. Allein sie war fort, die Klarheit meines Denkens nahm ab, nicht aber mein Glücksempfinden. Da gewann der Traum symbolische Bedeutung, so wie das oftmals geschieht. Ich sah eine lange Reihe unfreier Menschen gleich einer Prozession von Sklaven und dazwischen viele Priester. Und ich sagte Dinge, von denen ich wußte, daß sie einen andern das Leben kosten würden, Ketzereien über das Übel, das falscher Gottesdienst zuwege bringt, und ich sah, wie die Armen erbleichten vor Schrecken und wie die Priester erbleichten vor Ingrimm. Ich aber schwebte hoch über ihnen, und ihr Haß war machtlos. Da sah ich ein großes Gebäude, einen sehr eigenartigen, schönen, großartigen Tempel, mit gewaltigen Säulen aus grauem Stein, und einem mit grünem Moose bedeckten Boden. Niemand durfte ihn betreten, ohne daß die Priester es gestatteten. Ich aber schwebte frei und hoch über ihnen und gelangte durch die Fenster in das Innere. Und ein jeder sah mich und wunderte sich, und es war wie eine Art von geheimer Erkenntnis, daß ich der einzige sei, der das tun konnte. Und die Priester versuchten, die Tatsache zu leugnen, und oftmals auch, mich einzufangen. Ich aber lachte sie aus, und wenn sie mich berühren wollten, lähmte ich sie durch eine einzige Gebärde. 

Und darin lag kein krankhafter Stolz oder Haß, sondern ein ruhiges Selbstbewußtsein der Freiheit, der eigenen Macht und des Triumphes, ein gutes und schönes Empfinden.

Als ich erwachte, wunderte ich mich darüber, daß ich mit Emmy holländisch gesprochen hatte. Und ich zweifelte daran, ob sie es wohl gewesen sei, obwohl ihre Züge die gleichen waren und ich sie des öfteren schon in so jugendlicher Gestalt geschaut hatte.

Am nächsten Tage segelten wir bei scharfem Südwestwind meinem Städtchen entgegen, das ich dazumal zum ersten Male sehen sollte. Ab und zu gab es Regenschauer, das Wetter war stürmisch und die Wellen gingen hoch. Mein Gefährte und ich trugen unsere gelben, geölten Anzüge und hatten alle Hände voll zu tun, um das schlanke Schifflein im rechten Kurs zu erhalten. Die See war verlassen, die Schiffer hatten sich in die Häfen geflüchtet. Als wir den Hafen von E . . . vor uns sahen und auch das Städtchen, das vom Regen grau umschleiert war, schlugen kleine Sturzseen über das Hinterschiff, und unsere Jacht steckte die Nase des öfteren tief in die Wogen. Wir mußten eifrig ausschöpfen und blickten in schweigender Spannung auf den Hafenkopf, auf den wir geradeswegs losfuhren, in jedem Augenblick erwartend, daß sich das Schiff mit Wasser füllen oder die Takelage zerreißen würde. Wir erkannten die Menschen auf der steinernen Mole, die sich bis weit in die See hinein erstreckte. Ein Volkshaufen stand da und blickte mit stummer Neugier nach uns aus, gespannt, ob wir den Hafen sicher erreichen würden. Ich fühlte mich ungewöhnlich ruhig und glücklich. Ich würde mit Gelassenheit ertrunken sein, aber ich wußte, daß es diesmal noch nicht geschehen würde.

Die dunklen Augen des Ungarn blitzten vor Stolz und Freude, als wir endlich, dank sei unseren geschickten Steuermannskünsten, wohlbehalten und mit gestrichenem Segel in die enge Hafenbucht einfuhren. Er jubelte in seiner erregten Art, und die ruhigen Holländer antworteten mit einem leisen Hurra.

Da bemerkte ich, während wir an der Menschenreihe vorüberglitten, die sich auf dem steinernen Kai versammelt hatte, zwischen den stumpfen, gleichgültigen oder kühl-kritischen Knabengesichtern und den wie aus Holz geschnitzten rauh-verwitterten Fischerköpfen ein Paar Augen voll tiefster Spannung und Anteilnahme in einem Gesichtchen, das noch bleich war vor Angst oder Erregung.

Zwischen den Männern stand eine junge Frau, barhäuptig. Das feuchte, blonde Haar umwehte ihre Wangen. Sie hatte ein dunkelgraues Tuch um die Schultern geschlagen, gleich als sei sie ganz plötzlich aus dem Hause gelaufen, um uns zu erwarten.

Sie blickte mich unverwandt an mit einem Ausdruck der Besorgnis und der Freude.

Ich nickte ihr zu, so wie jeder Italiener das tun würde, wenn er bemerkt, daß eine liebe Frau sich besonders interessiert für seine Gefahr, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkte, ich nickte fröhlich und winkte ihr zu, gleich als wolle ich ihr danken für ihre Sympathie. Sie lächelte flüchtig und nickte gleichfalls, nicht errötend und auch nicht verlegen oder spröde, sondern ernsthaft und vertraulich, gleich als habe sie das erwartet.

Als wir diesen Gruß und diese Blicke wechselten, ward mir gar seltsam zumute, mir war, als habe ich mich selber für einen Augenblick vergessen, als erkenne ich mich nicht, als passe alles, was ich wahrnahm, nicht in das Leben des Tages. Ich gedachte meines Traumes, und ohne wohlbewußte Schlußfolgerungen zu ziehen oder Vergleiche anzustellen, war ich auf einen Augenblick der gewöhnlichen wachenden Welt völlig fern, befand ich mich wieder in dem Traumlande.

»Hallo, Muralto, den Bootshaken!« rief mein Ungar.

Mit einem Ruck kehrte ich auf die Welt zurück und mir war, als sei ich sehr, sehr fern gewesen, als sei alles, was ich sah, mir wohl bekannt, als sähe ich es wieder nach langer Abwesenheit.

Bevor ich zur Genüge zur Besinnung kam, um ihm den Bootshaken zu reichen, suchten meine Augen die der jungen Frau. Allein sie war vom Kai verschwunden. Flüchtig noch erblickte ich die schlanke Gestalt, von dem grauen Tuch umhüllt, auf dem kleinen Hafenplatz. Hastig eilte sie dahin, freudigen, leichten Schrittes, gleich als sei sie nur unsertwegen gekommen, um jetzt beruhigt und zufrieden heimzukehren.

»Was gibt's, was haben Sie, Muralto? Sehen Sie etwas Besonderes? Oder einen Menschen?« 

»Sahen Sie die junge Frau hier auf dem Kai stehen?« fragte ich.

»Nein,« antwortete der Ungar. »Ich habe nicht darauf geachtet. Ich wußte wohl, daß es hier hübsche Mädchen gibt, aber nicht, daß Sie sie kennen.«

»Ich kenne hier niemanden. Ich bin hier zum erstenmal,« antwortete ich kurz und zerstreut.

Wir gingen ins Hotel, trockneten und wärmten uns und bestellten die Mahlzeit. Ich sah mir in dem alten, mir später so lieb gewordenen Städtchen alles an, was sich trotz des Regens sehen ließ, die alten, hübschen Giebelchen, die kleinen Straßen, die im Regen glommen, die düsteren Eschen, die im Sturm rauschten und ächzten, und das wildbewegte, gelbe Meer. Auch sah ich das Haus, das ich jetzt bewohne, und es erschien mir wie ein schönes, ehrwürdiges Gebäude mit seinem Giebel aus Quaderstein und seinen hohen Fenstern. Darnach ließen wir es uns wohl sein und aßen und tranken. Und mein Gefährte meinte, daß ich doch sicherlich eine gute Bekannte gesehen haben müsse, diese oder jene kleine Freundin, da ich so still sei und so zerstreut und dennoch so vergnügt.

In jener Nacht schlief ich ohne Träume von Bedeutung. Allein der Schlaf selber trug den Charakter eines milden, erhebenden Glückes, und der Morgen fand mich ohne einen Hauch der solange schon auf mir lastenden Düsterkeit.

Das Wetter hatte sich aufgeklärt, der Wind hatte sich gelegt, der Himmel war blau. Wir beschlossen, früh heimzufahren. 

Als wir das Hotel verließen und in dem altfränkischen Flur mit den blau-weißen Marmorfliesen und der alten, braunen Holztäfelung einen Augenblick warteten, kam die junge Frau, die gestern auf dem Kai gestanden hatte, aus dem Hinterhause, schritt rasch an uns vorüber und betrat die Hangelstube. Wiederum blickte sie mir unverwandt in die Augen und grüßte freundlich. Ich war noch bestürzter als am Tage zuvor. Dennoch hatte ich Zeit zu bemerken, daß sie sehr graziös war und daß sie feine, edle Züge und schlanke, aristokratische Hände hatte. Ihre Augen waren hell und hatten denselben blanken Glanz, den ich bisher erst in einem einzigen Augenpaar gesehen hatte, und einen Ausdruck, gleich als wüßten sie, mit mir, um unzählige, unaussprechliche Geheimnisse.

Mein ungarischer Gefährte bemerkte wiederum meine Bestürzung und zugleich auch deren Grund.

»Ach so, die war es,« sagte er auf französisch, nachdem das Mädchen verschwunden war, »die Sie gestern sahen. Jetzt verstehe ich Ihre Verwirrung.«

»Kennen Sie sie?« fragte ich.

»Gewiß, sie gilt als eine Sehenswürdigkeit der Stadt. Alle Fremden kennen sie.«

»Lebt sie hier im Hause?«

»Natürlich. Und nicht zum Nachteil des Wirtes. Sie ist seine Tochter oder seine Adoptivtochter. Aber mich interessiert sie nicht, denn sie ist notorisch unnahbar.«

»Wie heißt sie?«

»Elsie von Vianen, oder Elsje, wie sie hier genannt wird.« 

Während unserer glücklichen Heimfahrt über das sonnige Meer war ich noch stiller und heiterer als am Abend zuvor.




Sobald ich mich auf einen Tag freimachen konnte, segelte ich wiederum hinaus. Ich kannte schon den Weg und das Fahrwasser und nahm diesmal niemanden mit. Bei einbrechender Dämmerung ging ich fort aus dem Haag und hatte schon vor acht Uhr die Schleusen im Rücken. Lucia hatte ich von meiner Begegnung nicht gesprochen, und dennoch empfand ich nichts von jenem heimlichen Schuldbewußtsein des verheirateten Mannes, der sich von einer fremden Frau bezaubert weiß.

Es war ein warmer Sommertag mit einer leichten östlichen Brise. Die große, gelbe Wasserfläche lag ebenso friedlich und freundlich da, wie sie das vorige Mal wild und grausig erschienen war. Die kleinen Wogen glitzerten in der Sonne und plapperten behaglich zu meinem Schifflein, die Küsten mit den kleinen Türmen und Mühlen lagen dunstig und still ringsumher, in voller Traumespracht. Sechs Stunden brauchte ich zu der Fahrt anstatt dreier, wie das vorigemal, es waren Stunden voll lichter, sonniger Glückseligkeit.

Mein Städtchen lag so lieblich grübelnd da in dem hellen Sonnenglanz, wie eine treibende Insel der Seligen, die grünlichgrauen, runden Laubkronen der Bäume mit dem kleinen Turm darüber hinaus, gleichsam ruhig schwebend über die glitzernde, silberhelle Wasserfläche.

»Du bist Orplid, mein Land!
das ferne leuchtet«

rief ich. Ich lächelte über den Kontrast zwischen dem banalen und trivialen Dasein der Menschen, die ich dort vermutete, und auch über die wunderbare Zauberpracht, die das alles annahm, dank der Kraft meiner Phantasie – ich sann nach über das Land Orplid, die Knabenphantasie Mörikes, der er in wenigen Worten eine tiefe, geheimnisvoll leuchtende Herrlichkeit zu verleihen gewußt, die gleich mir Tausende mit einer schmachtenden Schönheitserregung, ja mit einer wahren Sehnsucht erfüllten. Ist nicht das erträumte Orplid, das so vielen in der Ferne leuchtet, ein wahrhafter Ding denn alle Lande, die wir im Wachen geschaut?

Als ich landete, war fast niemand auf dem Kai. Der Fischer saß da und kalfaterte sein Boot, und ein paar Knaben angelten in dem dunkelgrünen Wasser des Hafens – alles so, wie ich es jetzt noch sehen kann – mein zukünftiges Wohnhaus schaute mich bekannt-vertraulich an aus seinen dunklen, kühlen Fensteraugen, die Tauben girrten in den leise rauschenden Eschen, es roch nach Teer und Harpeus und nach dem in Holland niemals fehlenden Torfqualm, der aufstieg aus den kleinen Ofenröhren der im Hafen liegenden Tjalken, auf denen die Schifferfrauen das Essen kochten.

Ich ging unverwandt auf mein Ziel los, gleich als sei ich bereits ein liebevoll und sehnsüchtig erwarteter Geliebter, lächelnd, und indem ich mich selber wunderte über meine Sicherheit. Ich ging an den kleinen Tauläden vorüber, deren Türklingeln laut schrillten durch die leere Straße, wenn ab und zu ein sonntäglich gekleideter Besucher den Laden verließ, kam an der kleinen Barbierstube mit dem blankgeputzten Messingrasierbecken vorbei und an den wenigen stattlichen Häusern mit den alten Giebelsteinchen, die »'t Fortuin« darstellten oder »D' Liefde«, wo die Töchter des Hauses aus den dunklen Zimmern hinter der niemals fehlenden Clivia-Pflanze den seltsamen fremden Passanten anstarrten, nach dem Gasthof »De Toelast«1.

Ich bin, so wie ich es bereits beschämt eingestanden, wohl hin und wieder auf galante Abenteuer ausgegangen, doch nimmermehr mit solch einem unverhüllten Freimut, wie an jenem warmen Sommersonntag in meinem geliebten holländischen Städtchen. Ich empfand auch nichts, durchaus gar nichts von der Scheu, von dem bösen Gewissen, von der Nervosität, die derartige Abenteuer eines verheirateten Mannes sonst in der Regel zu begleiten pflegen. Ich fühlte mich wie ein Schuljunge, der sich nach bestandenem Examen den Preis holt. Mein Herz klopfte nur ein wenig höher in freudiger Ahnung – vielleicht auch wohl ein wenig angstvoll bei dem Gedanken an den Typus, den ich als den Vater zu sehen bekommen würde. Ich fragte sogleich nach dem Wirt. Bei meinem ersten Besuch hatte er sich nicht gezeigt.

Nachdem ich lange gewartet, kam aus dem Hinterhause ein großer, plumper Holländer angeschlürft, der einen sehr schlecht sitzenden grauen Anzug trug, eine schwarze, seidene Mütze, ein unsauberes Hemd an Stelle von Schlips und Kragen, eine offene Weste voll Zigarrenasche, im Munde eine Zigarre in einer kleinen Papierspitze und an den Füßen große, rotgeblümte, ausgetretene Hausschuhe. Als ich nach kurzem innerem Kampf dazu gelangte, ihn anzuschauen, sah ich ein rotes Vollmondsgesicht, das glatt rasiert war, abgesehen von einem herabhängenden Schnurrbart unter einer kleinen, krummen Nase, und in dem Gesicht ein einziges, schläfriges Auge, – das andere mochte wohl einst dagewesen sein, war aber jetzt verloren.

»Sind Sie Herr von Vianen?« fragte ich ihn in einem Holländisch, das damals noch einen starken italienischen Akzent trug.

»Nein,« antwortete der Abscheu erregende Vater, ohne die Zigarre aus dem Munde zu nehmen.

»Aber Sie sind doch der Gastwirt,« sagte ich in einem unheimlichen Zustand der Ungewißheit.

»Jawohl,« klang es ebenso kurz angebunden, gleich als wolle er sagen: »Sind Sie nun vielleicht fertig? Dann kann man sich wieder schlafen legen.«

»Aber sind Sie denn nicht der Vater von Fräulein von Vianen, die hier im Hause wohnt?«

»Nein,« sagte der Mann. »Die hat keinen Vater. Sie ist ein Findling.« 

Ich hätte den häßlichen Grobian am liebsten umarmt. Seine unzarte Mitteilung erschien mir als das glücklichste Kompliment, als die freudigste Botschaft, die ich von ihm hätte erwarten können. Er konnte nicht wissen, daß seine derbe Plumpheit, die er nach holländischer Art und Weise für gesunde Offenherzigkeit zu halten schien, mich wohltuend berührte. Welch ein Segen es war, von ihm nicht abzustammen, das konnte er auch wohl schwerlich ermessen. Ich atmete freier, es war einer der schönsten Augenblicke jenes schönen Tages. Das Wort »Findling« war für mich gleich einer Luke, die sich in einem dunklen, kleinstädtischen Zimmer öffnet und plötzlich auf ferne, romantischdunstige Horizonte den Ausblick verleiht. Wohl hatte ich mir zu meinem Trost vorgehalten, daß die Rasse allzeit und überall infolge des Atavismus Genies hervorbringen kann, also auch in einer holländischen Gastwirtfamilie ein weibliches Genie von edler Grazie, Anmut und Distinktion – aber dies war doch viel süßerer Trost. Bei einem Findling konnten edle Vorfahren aller Nationen vorausgesetzt werden. Mir schien es jetzt auch unnötig, lange um die Sache herumzureden.

»Möchten Sie dann bitte Fräulein von Vianen bestellen, daß jemand da ist, der sie dringend zu sprechen wünscht?«

Jetzt wurde die Zigarre aus dem Munde entfernt, der Mund und das eine Auge öffneten sich weiter, gleich dem eines emportauchenden Nilpferdes. Ich wurde eine Weile gemustert. 

»Dringend?« erklang es darauf, gleich als sei so etwas höchst unwahrscheinlich und zugleich auch unpassend.

»Jawohl, dringend.«

»Hm,« sagte der Holländer. Er steckte die Papierspitze mit der Zigarre wieder in den Mund und schlürfte auf seinen Pantoffeln in das Hinterhaus zurück, während sich in dem Hirn unter der schwarzen Kappe merkbar etwas zu rühren schien.

Einen Augenblick später kam Elsje. Diesmal errötete sie heftig, als sie mich sah, obwohl dafür jetzt doch weniger Grund bestand als das vorige Mal. Ich aber wußte, daß es Freude war, denn ich sah ihre Augen aufleuchten.

»Ah, Sie sind es?« sagte sie mit verhaltener Überraschung und leiser Stimme. »Wollten Sie mich sprechen?«

»Wenn es Ihnen gelegen kommt, Fräulein von Vianen.«

»Dann kommen Sie bitte mit in die Stube. Ist Ihr französischer Freund nicht mitgekommen?«

»Ich bin allein gekommen, auf dem Seewege. Der andere Herr war ein Ungar, und auch kein besonders intimer Freund von mir.«

»O, zum Glück!« sagte Elsje; und ließ mir den süßen Zweifel darüber, was ihr als ein Glück erschien.

Wir gingen in die Stube. Ich erinnere mich an eine rote Tischdecke, strohgeflochtene Stühle, ein gehäkeltes Deckchen über einem Kaffeeservice, abscheuliche Stahlgravüren an den Wänden. Alles anbetungswürdig und teuer – was gäbe ich darum, wenn ich es noch einmal wiedersehen könnte! Allein »De Toelast« ist seit langer Zeit schon umgebaut.

Ich war zwar verlegen, fühlte mich aber nicht beklommen. Ich erquickte mich, indem ich ruhig in ihr sanftes Auge schaute. Ich konnte nur die Augen gut sehen. Ob das Gesichtchen schön oder häßlich war, vermochte ich nicht zu beurteilen. Es war mir gar zu vertraut, zu teuer, zu eigen.

»Gehe ich fehl in der Annahme, Fräulein Elsje, daß Sie am vorigen Sonntag nur um unsertwillen im Regen auf dem Hafenkopf standen und ausschauten?«

Sie nickte ernsthaft. »Ja, ich fürchtete, daß Sie untergehen würden. Bei solchem Winde sind schon häufig Jachten untergegangen. Und da wäre nichts zu machen gewesen.«

»Wir sind gut davongekommen. Wie aber wußten Sie, daß wir im Anzuge waren?«

»Nun, ich sah, wie die Menschen auf dem Kai ausschauten, und ich begriff, daß ein Schiff in Gefahr sein mußte.«

»Aber würden Sie das bei jedem andern Schiff auch getan haben?«

Darauf schwieg sie und blickte mich lange an. Ich glaubte zu sehen, daß ihre Augen feucht wurden. Ihre Antwort klang schüchtern, gleich als wage sie nicht zu sprechen, als fürchte sie, ausgelacht zu werden.

»Ich war voller Unruhe, den ganzen Morgen. Auch schon während der Nacht. Niemals habe ich so seltsame Angst empfunden. Erst als ich Ihr Gesicht sah, wurde ich ruhig.« 

»Kannten Sie mein Gesicht denn? Hatten Sie von mir geträumt?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht, daß ich wüßte. Und dennoch kann ich nicht sagen, daß Ihr Gesicht mir fremd ist. Sicherlich muß ich Sie früher schon einmal gesehen haben.« Darauf flüsterte sie, gleichsam zu sich selber: »aber wo, das weiß ich nicht.«

»Sie kannten den Ungarn, nicht wahr? Er schien Sie zu kennen.«

Elsje lachte das kurze, helle Lachen, das mich später so oft glücklich gemacht hat.

»Ach, der! Ja, der ist hier schon öfter gewesen. Von mir hat er sicherlich nicht viel Gutes gesagt.«

»Im Gegenteil,« sagte ich. »Er machte Ihnen ein großes Kompliment. Er behauptete, daß Sie unnahbar seien.«

Elsje lachte noch lauter.

»Wie die Fremden doch eingebildet sind! Namentlich die dunkelhaarigen Fremden, die französisch sprechen. Wenn man zu denen nur ein wenig höflich ist, aber mehr auch nicht, dann glauben sie einem gleich zu nahe treten zu können. Solchen Menschen gegenüber kann ich nicht vorsichtig genug sein.«

Das geht an meine Adresse, dachte ich, verneigte mich leicht und sagte:

»Ich danke Ihnen für Ihre Warnung, ich werde mein Möglichstes tun, um mir nichts einzubilden und Ihnen keine Veranlassung zur Vorsicht zu geben.«

Sie wurde so tief verlegen, daß ich das Gesagte bereute. 

»Ach Sie!« sagte sie mit allerliebstem Nachdruck und naiver Offenherzigkeit. »Sie habe ich damit wirklich nicht gemeint, Ihnen gegenüber brauche ich nicht vorsichtig zu sein. Das habe ich schon gleich gemerkt.«

»Wer weiß, Fräulein Elsje, ich bin doch auch ein dunkelhaariger Fremder, und holländisch spreche ich noch nicht allzu gut.«

»Für mich sind Sie kein Fremder,« sagte sie darauf ernsthaft und mit sanfter Stimme.

Ich glaube, daß wir dann eine lange Zeit nichts sprachen und einander nur anschauten, ohne das auch nur im mindesten als etwas Peinliches zu empfinden. Wir hatten beide das Gefühl, als läge die Verantwortlichkeit für die Situation, in der wir uns befanden, nicht bei uns, sondern bei einem, der alles wohl am besten wisse und der uns sicher behüte.

Endlich stand sie auf und sagte:

»Sie wünschen sicherlich, daß Ihr Zimmer wieder in Ordnung gebracht wird. Es ist noch nicht bewohnt worden seit dem letztenmal, und Ihr Bettzeug habe ich verwahrt.«

»Wußten Sie denn, daß ich wiederkommen würde?«

»Ich dachte es mir,« sagte sie.

»Hofften Sie es auch?«

»Ja,« sagte sie ohne Arg.

Das war so gänzlich verschieden von dem, was andere Frauen, die ich gekannt, geantwortet haben würden, daß es mich völlig verwirrte. Von einer Frauenliebe, die die schalkhafte Heuchelei verschmähte, hatte ich nicht die geringste Ahnung; und so glaubte ich denn auch, daß ich mich dennoch irrte. Ich begann zu bedenken, daß ich schon ein ziemlich alter Mann sei und sie allem Anschein nach wohl um zwanzig Jahre jünger. Möglich, daß ich jemandem glich, den sie früher einmal gekannt, vielleicht auch hielt sie mich für ihren unbekannten Vater oder suchte in mir einen Stellvertreter für ihren unappetitlichen Brotgeber. Ich war auf alles gefaßt, fest entschlossen, ihr keine Enttäuschung zu bereiten.

»Wollen Sie mir die Freude machen, heute nachmittag mein Führer zu sein in dieser Stadt? Es scheint mir ein hübsches und reizvolles Städtchen, zu sein.«

»Ich?« fragte sie erfreut. »Sehr gern will ich das tun. Aber erst müssen Sie etwas essen.«

»Sollte Ihr . . . Pflegevater dagegen nichts einzuwenden haben?«

Elsje lächelte verwundert und ein wenig höhnisch.

»Der? Jan Baars? Aber nein! darum kümmert er sich nicht im mindesten. Übrigens hat er auch nichts über mich zu sagen.«

Wie dankbar stimmte mich diese stolze Versicherung! Während sie hastig davonging, sagte sie:

»Ich werde dafür sorgen, daß Sie schnell etwas zu essen bekommen. Dann ziehe ich mich an, während Sie essen, und um drei Uhr begleite ich Sie.«

Und ich blieb zurück, froh wie ein Engel und voller Erwartung wie ein Kind, das seinen Geburtstag feiert. 

Sie hatte Toilette gemacht, bevor wir ausgingen, und es war erstaunlich zu sehen, mit welchen einfachen Mitteln sie ihrem Äußern den Stempel geschmackvoller Distinktion aufzuprägen wußte. Ein kleiner, runder Strohhut, ein weißer Stehkragen, ein gutsitzendes, hellgraues Kleid, ein violettseidener Schlips – und sie war eine Dame, zwischen all den bäurischen und bürgerlichen Frauen ihres Städtchens. Denn hinsichtlich der Kleidung sind die artistischen Holländer, sobald sie ihre alten, schönen Volkstrachten ablegen, wohl das geschmackloseste Volk der Welt, und am allerschlechtesten sind wohl die Frauen eines nordholländischen Provinzstädtchens gekleidet. Als wir durch die stillen, heißen Straßen gingen, sahen wir, wie die Bewohner uns über ihre Fenstervorsetzer hinweg mit erstaunten, beinah ärgerlichen Blicken nachschauten.

»Sehen Sie, wie wir angestarrt werden?« sagte Elsje, »das gibt wieder Unterhaltungsstoff für eine ganze Woche.«

»Und ist Ihnen das ganz gleichgültig, Fräulein Elsje?«

»Aber gewiß,« sagte Elsje mit einem reizenden Ausdruck von Macht und Selbstbewußtsein. »Ich habe sie daran gewöhnt, daß ich genau das tue, was ich selber für gut halte. Jetzt ist da keiner mehr, der es wagen würde, mich darüber zur Rede zu stellen. Es hilft ihnen doch nichts. Und was sie untereinander sagen, das höre ich nicht, und will es auch gar nicht wissen.« 

Wir gingen ins Museum; dort war es totenstill, kühl und einsam. Der Pförtner saß schlafend in seiner Loge. Zwischen den Reliquien des alten, heiteren Völkchens, das es sich hier vor ein paar Jahrhunderten schön und behaglich auf Erden zu machen versuchte, zwischen den Bildern und Gemälden, den zierlichen, bunten, reich beflaggten Schiffen, den Porträts der Obrigkeiten voll reizvollen Prunks und Eigendünkels, den Musketen und Panzern und Lanzen, den Plaketten und Denkmünzen, den kostbaren Bibelots und dem schönen Porzellan, das aus Osten und Westen in diesem kleinen Seefahrernest sich angesammelt hatte, verbrachten wir ein paar Stunden voll innigen, vertraulichen Glückes. Elsje wußte sehr wenig, faßte aber schnell, und sie lauschte allen meinen Erklärungen mit so starker Wißbegierde, mit so frommer Aufmerksamkeit, mit so unbegrenztem Vertrauen zu meiner Weisheit, daß es mich beschämte und ich sie ersuchte, mich doch nicht für ein Orakel zu halten, da ich zwar viel gelesen und mich in der Welt umgeschaut habe, aber durchaus kein Gelehrter sei, so wie man sich ihn in unseren Tagen wünscht.

»Ach, ich lebe hier in solch einem kleinen, engen Kreise, Sie sind für mich die große, weite Welt,« sagte Elsje mit rührender Ehrfurcht.

Als es Abend wurde und kühler, wandelten wir durch die alte, dunkle Pforte über den mit knorrigen Bäumen bepflanzten Deich hinaus auf die grüne Wiese, wo wir die Sonne in farbenflammender Majestät untergehen sahen. Wir gingen bis dorthin, wo jetzt meine Gärtnerei liegt, und ich machte sie aufmerksam auf den wunderbaren Flug der Möven, die ohne Bewegung dem Wind entgegengehen, auf die Farben des Meeres und des Himmels, auf die glitzernde Venus, grünlich-weiß leuchtend am rosigen Himmelshintergrund, und ich erzählte ihr Vieles, was ich wußte.

Dann kam ich auf das Gespräch zurück, das wir am Mittag geführt.

»Hast du des öfteren solche Ahnungen, Elsje, wie damals, da ich auf der See in Gefahr schwebte?«

»Ja, immer wenn mir etwas Gewichtiges bevorsteht, etwas Gutes oder Böses, das weiß ich im voraus. Das bleibt nie aus.«

»Aber diesmal war es doch etwas Gutes, will ich hoffen.«

»Jawohl, gut,« sagte sie mit liebem Lächeln, »aber dennoch beängstigend. Sie müssen nicht mehr so unvorsichtig segeln, Schifflein wie Ihre kleine Jacht gehören bei solchem Sturm in den Hafen. Sogar alle Fischerboote waren eingefahren, und die können doch wahrhaftig ein wenig mehr See vertragen.«

»Ich war ruhig und gefaßt, ich wußte, daß ich dich sehen würde, ich hatte von dir geträumt, von deinem Gesicht, von deinem Namen.«

»Wirklich?« sagte Elsje, während sie mich mit ihren unschuldigen, offenen Augen unverwandt ansah.

Vor diesem Blick zerschmolz mein Herz in Zärtlichkeit. Am liebsten wäre ich vor ihr nieder gekniet, hätte ihre Hände mit Tränen und Küssen bedeckt. Aber ich beherrschte mich, denn ich dachte daran, daß ich ein Italiener sei, der es mit einer Holländerin zu tun hatte, und ich wollte mein zerbrechliches Glück nicht durch allzu große Überschwenglichkeit auf's Spiel setzen. Und es lag in dieser Zurückhaltung, in dieser ehrerbietigen Selbstbeherrschung ein feiner Reiz. Aber ich wollte auch ehrlich sein – mein Glück sollte auf der festen Basis der Aufrichtigkeit erblühen – und ich wollte wissen, woran ich sei.

»Ja, wirklich, Elsje, und dennoch hatte ich nie von dir gehört und niemand hatte mir jemals von dir erzählt. Und nun sage mir, ob du auch niemals von mir hattest sprechen hören, Weißt du etwas von mir? weißt du meinen Namen?«

»Ihren Namen habe ich im Fremdenbuch gelesen. Sonst wußte ich nichts von Ihnen, bevor ich Sie sah.«

»Wirklich nicht? auch nicht . . .«

»Was?«

»Daß ich verheiratet bin und eine gute Frau und vier Kinder habe?« stieß ich hervor, beinahe rauh infolge meiner mutigen Anspannung, um nichts zu schonen und das schlimmste zu wagen.

Elsje blickte mich, ohne zu erschrecken, lange aufmerksam und forschend an. Sehr deutlich las ich aus ihrem Blick einen fragenden Zweifel, ein zärtliches Mitleiden.

»Eine gute Frau und vier Kinder,« wiederholte sie leise und nachdenklich. »Ich dachte mir wohl, daß Sie verheiratet seien. Aber glücklich sind Sie dennoch nicht, das weiß ich.«

»Nein, glücklich bin ich nicht, Elsje, das ist wahr. Oder besser gesagt . . . war ich nicht bis zum heutigen Tage.«

Da fragte sie nichts mehr, gleich als sei sie davon überzeugt, daß ich ihr wohl von selber sagen würde, was sie noch weiter wissen müsse. Ich aber wußte genug, und ich sah auch, daß sie genug wußte. Und an jenem Tage sprachen wir nicht mehr von uns selber. Es ging uns so, wie es einem im Traum ergeht, man versteht und teilt mit ohne Worte.

In jener Nacht schlief ich sehr wenig. Auch bei mir wird der Schlaf, trotzdem mein Geist in bestem Gleichgewicht ist, scheuer mit den Jahren. Doch ist es nicht die Sorge, sondern die Freude, die ihn mir fernhält. Ich lag während der ganzen Nacht totenstill und wohlig da, umhüllt von einer leuchtenden Wolke der Freude, und gedachte ihrer, deren Atem jetzt ruhig unter demselben Dache ging. Da kam gegen Morgen ein kurzer Traum, der mir durch sein dunkles Entsetzen das Maß bot für die Klarheit meines Glückes. Ich träumte, ich sei wiederum im Haag, in meinem Bureau, und ich käme heim zu meiner Familie und fände dort einen Brief, der mir meine Versetzung nach Japan anzeigte. Meine kleine Segeljacht, mein Städtchen, Elsje, das alles war ein Traum gewesen, und ich steckte wiederum tief in meinem alten, weltlichen und dennoch so weltfremden, düsteren Leben. Meine Beklemmung war entsetzlich, ich weinte und schluchzte voller Verzweiflung – und ich erwachte, und mein Gesicht und mein Kissen waren jetzt wirklich feucht von Tränen. Und dann – das Aufleben, der Übergang, das große, reiche Bewußtsein der Echtheit meines neuen Glückes, meine erwachenden Erinnerungen an den schönen, gestrigen Tag, an Elsjes Liebreiz, an ihren aufrichtigen, innigen Blick, an ihr klares Verstehen, an ihr zärtliches Mitleiden. Da erst wußte ich so recht, was mir geschenkt worden. Ich war kein Fremder mehr in der Welt, das Leben, das heilige Menschenleben hatte mich wieder gewonnen, ich würde dennoch nicht sterben, ohne ganz und völlig Mensch gewesen zu sein.

Während ich einsam beim Frühstück saß in der Gaststube, in die die Sonne hineinschien, kam Elsje mitten aus der Geschäftigkeit ihrer wirtschaftlichen Sorgen und begrüßte mich flüchtig. Ich sagte ihr, daß ich keine Zeit habe, zurückzusegeln, sondern daß ich mit dem Zuge fahren und die Jacht im Hafen liegen lassen wolle, um sie am nächsten Sonntag zu holen.

»Das haben Sie sich gut ausgedacht,« meinte Elsje mit einem schalkhaften, verständnisvollen Lächeln.

Und als ich ging, sah ich mein friedliches, freundliches Städtchen daliegen mit seinem lieben, alten Kirchturm, in ruhiger, sonniger Morgengeschäftigkeit. Vor dem häßlichen, menschenleeren Bahnhofsgebäude wandte ich mich noch einmal um und streckte meine Hand aus, und ich segnete das Städtchen von ganzem Herzen und murmelte in meiner heißen, leidenschaftlichen Muttersprache die Worte:

»Benedetto sia l'giorno e l'mese e l'anno
E la stagione e'l tempo e l'ora e'l punto
E'l bel paese e'l loco ov' io fu giunto
Da duo begli occhi, che legato m'hanno.«




Liebe Lucia, sei so freundlich, mich eine Viertelstunde anzuhören. Ich habe dir etwas zu sagen und möchte es gern vom Herzen haben, bevor wir uns schlafen legen.«

Wir waren gerade von einem Hofdiner heimgekehrt und standen da in unserer Galatoilette und schauten die Briefe an, die an jenem Abend gekommen waren. Lucia blickte sehr interessiert auf.

»So komm mit mir in mein Zimmer,« und darauf, mich ansehend, »sicherlich ist es etwas Gutes, nicht wahr? Ich habe dich schon lange nicht so heiter gesehen.«

Ich schwieg und folgte ihr. Als wir ruhig dasaßen, begriff ich, welch ein weiter Abgrund sich breitete zwischen ihrer Welt und der meinen, und was für ein törichtes Unterfangen der Versuch bedeutete, ihn überbrücken zu wollen. Ich sprach langsam:

»Jawohl, es ist etwas Gutes, etwas sehr Gutes sogar. Aber ich weiß nicht, ob es mir glücken wird, dir das klar zu machen.« 

Lucia hörte mir aufmerksam zu, und ich hielt immer wieder einen Augenblick inne, um mich der Verständigung, die ich suchte, aufs sorgfältigste und soviel wie möglich zu nähern.

»Du hast also bemerkt, daß ich jetzt heiterer, oder besser gesagt, glücklicher bin als früher. Ich war nicht glücklich, weil meinem Leben etwas mangelte, etwas, das ich dir schwerlich verständlich machen kann. Und jetzt habe ich das gefunden, und es eröffnet mir einen herrlichen Ausblick auf Ruhe und Frieden, auf die höchste Befriedigung, die ein Mensch erhoffen kann, auf ein weites Meer, einen ruhigen Ozean voller Glück und Frieden . . .«

Lucia wartete und horchte gespannt.

»Laß mich damit beginnen, daß ich dir sage, wie innig dankbar ich dir bin für deine treue Liebe, für all die treue Sorge um unsere Kinder und unser Haus; und auch dies, daß meine Neigung seit unserem Hochzeitstage bis zur heutigen Stunde sich niemals abgeschwächt hat, sondern stets gewachsen ist. Willst du mir das glauben?«

Lucia nickte schweigend. Aber ich sah, wie sich ein Schatten breitete über ihre schönen, glatten Züge, und wie sich in die weiße, noch junge Stirn Runzeln gruben.

»Wenn du mich jemals geliebt und mir vertraut hast, so appelliere ich jetzt an diese Liebe und dieses Vertrauen. Liebe bedeutet doch, daß man das Glück des geliebten Menschen erstrebt, und Vertrauen bedeutet doch, daß man daran glaubt, daß er selber jenes Glück am besten kennt, es am besten beurteilen kann . . .« 

»Nun?« sagte Lucia, »wo willst du hinaus?«

»Würdest du wohl annehmen können, daß sich diese große Neigung um nichts verringert, um nichts, nichts, wenngleich eine größere Liebe hinzutritt, ja, daß die Macht einer sehr großen Liebe alle andern Neigungen in uns verstärkt und läutert? Kannst du etwas empfinden von der Wahrheit des Wortes:

true love in this differs from gold and clay
that to divide is not to take away«

Lucia neigte den Kopf und hielt den Blick starr auf ihre Hände gerichtet, die sie krampfhaft verschlang; die Runzeln wurden tiefer, und ein bitterer Zug legte sich um ihre schönen Lippen. Da flüsterte sie heiser:

»Wer ist es?«

Da ward mir plötzlich und für alle Zeiten die Hoffnungslosigkeit meines Versuches klar. Aber ich fuhr fort:

»Betrachte erst das Allgemeine, Lucia, und beurteile von dem aus das Besondere. Kennst du die Wahrheit, die ich andeutete? Kannst du einem der allgemeinen Dinge, die ich sagte, widersprechen?«

Sie aber verfolgte ihre Gedanken.

»Ist es die Baronin Thorn?«

Das war eine in der Gesellschaft bekannte Schönheit, von der man behauptete, daß sie um meinetwillen sich im Haag niedergelassen hatte.

»Welche Motive sind es, Lucia, die deine Neugierde wecken nach dem Menschen, der mir soviel Glück schenkt? Du liebst mich, nicht wahr? Welche Empfindungen soll man für einen Menschen hegen, der ein geliebtes Wesen glücklich macht und ihm wohltut über alle Maßen?«

Lucia lachte – ein kurzes, höhnisches, verächtliches Lachen. Sehr flüchtig und scheu blickte sie mich an.

»Ich bitte dich, Vico, hör' auf mit diesen erbärmlichen Sophismen. Ich habe stets geglaubt, daß du besser seist als andre Männer. Dennoch wußte ich, daß mir dieses bevorstand, genau so wie es alle andern Frauen bedroht. Daß du mich jetzt dermaßen enttäuschest, du, das ist schon entsetzlich genug. Aber mach' es nicht noch schlimmer durch so einfältigen Selbstbetrug, durch so kindisches Geschwätz, gleich als müßte ich dem Menschen, der mein häusliches Glück zerstört, auch noch dankbar sein. Dadurch kannst du in meiner Achtung nur noch tiefer sinken.«

Da fühlte ich bereits die ganze Unmöglichkeit dessen, was ich angestrebt hatte. Aber es gereute mich nicht, und ich nahm mir vor, unerschütterlich zu beharren, nachdem ich erst einmal so hoffnungsvoll begonnen hatte, mein Leben von aller Lüge zu reinigen. Ich antwortete nicht gleich, und sie fuhr fort:

»Ich schätze es an dir, Vico, daß du mir sofort davon sprichst. Hätte es übrigens von dir, als einem Edelmann, nicht anders erwartet. Aber sprich nun auch offen und ehrlich, ohne diese jämmerlichen Trugschlüsse. Sage mir alles, was zu wissen ich das Recht habe. Sage mir, wer es ist. Laß mich wissen, was ich zu hoffen und zu fürchten habe. Sage mir . . . wie schlimm es steht. Sage es mir so unumwunden wie möglich. Damit ich weiß, ob es nur eine vorübergehende Verirrung von dir ist . . . oder . . . Schlimmeres. Damit ich weiß, was uns bevorsteht, mir . . . und unsern Kindern.«

Bei diesen letzten Worten begann ihre Stimme zu zittern und Tränen kamen.

Zaudernd, ganz von der Sorge erfüllt, um jeden Preis recht verstanden zu werden, fuhr ich fort:

»Mit einer vorübergehenden Verirrung hat dies nichts zu schaffen. Wenn du das Gegenteil davon schlimm nennst, dann ist es so schlimm, wie du es dir nur vorstellen kannst, oder schlimmer noch . . .«

»O Gott!« rief Lucia aufschluchzend. »Wer ist es denn? . . . wer? . . . Kenne ich sie?«

»Nein, du kennst sie nicht.«

»Nicht?« Dies sagte sie mit großem Erstaunen. »Wohnt sie denn im Haag? Kennst du sie schon lange? Ist es jemand von Rang?«

»Sie wohnt nicht im Haag, Lucia, sondern in einem kleinen Provinzstädtchen Hollands. Ich kenne sie erst seit ganz kurzer Zeit, kaum zwei Wochen. Und ihr Stand . . . sie ist Wirtschafterin in einem Hotel, also gar kein Stand.«

Lucia blickte auf, und auf ihrem tränenüberströmten Gesicht spiegelten sich Überraschung und Erleichterung.

»O Vico, ist es so etwas? Aber dann . . .«

Sie hielt inne, dachte nach, schüttelte den Kopf. Und dann wieder: »Wie ist es nur möglich! Wie ist es möglich! Was seid ihr Männer doch für unglückselige Wesen! Ist sie jung und schön?« 

Ich antwortete kühl und trocken:

»Ich könnte dir über beides keine genaue Auskunft geben. Ich glaube nicht, daß du sie schön finden würdest, aber ich halte sie für noch jung.«

»Bin ich denn keine gute Frau für dich gewesen, Vico? Worin habe ich versagt?«

»In nichts, liebe Lucia, du bist mir eine gute, vortreffliche Frau gewesen, ich schätze das und bleibe dir dankbar dafür. Auch ich habe versucht, dir ein guter Mann zu sein.«

»Das bist du auch gewesen, Vico. Bisher habe ich dir nichts vorzuwerfen gehabt. Und wir waren gerade so glücklich. Vittoria sollte in diesem Winter ausgehen, Guido ist wieder vollkommen hergestellt. O, daß dies auch niemals ausbleiben kann! Wie seid ihr Männer euch doch alle gleich in diesem einen Punkt!«

»Verzeih' mir, Lucia, ich gestehe es ein, du hast mir viel zu verzeihen. Aber ich war nicht glücklich. Ich heuchelte Glück um deinetwillen.«

»Und was ging dir denn ab? War ich dir nicht genug? Braucht ein Mann denn allzeit neue Reize? Wurde ich dir zu alt?«

»Nein, liebe Lucia. Das alles ist es nicht. Durchaus nicht. Aber ich sehe keine Möglichkeit, dir das klar zu machen. Ich war tief unglücklich und sehnte mich oftmals nach dem Tode. Mir fehlte etwas, das du mir niemals hast geben können.«

»Armer Mann, aber warum hast du denn nicht früher gesprochen? Warum hast du mich nicht gewarnt?«

»Weil es nutzlos gewesen wäre.« 

»Warum? Sage mir, was dir fehlte. Laß mich versuchen, dir zu geben, wonach es dich verlangt. Ich will alles tun, was in meinen Kräften steht. Was ist es? Was hat jene . . . jene andere, das ich dir nicht geben könnte? Kann ich es nicht verhüten, daß du so tief sinkst? Kann ich dich nicht mehr befreien von jener Sünde? Seit zwei Wochen erst kennst du sie, sagst du mir – bist du denn in so kurzer Zeit schon völlig verloren? Laß mich dir helfen.«

Tief rührend war der Blick machtloser Gutwilligkeit, mit dem sie mich flehentlich anschaute. Und tiefer noch meine Hoffnungslosigkeit, ihr einen Begriff von dem zu geben, was vorging.

»Nicht nur, daß ich sie erst ganz kurz kenne, Lucia, ich habe sie sogar erst zweimal gesprochen und nur . . . ihre Hand berührt. Und dennoch . . .«

»Was?« sagte Lucia mit heftiger, freudiger Überraschung. »Ist es nicht mehr? Eine Seelenfreundschaft?«

»Eine Seelenliebe, möchte ich lieber sagen.«

»Mit einer Wirtschafterin? Ich glaube dir, Vico, du lügst nicht, ich kenne dich als Ehrenmann. Männer haben solche Phantasien . . . Und . . . und . . .«

Mit flüsterndem Nachdruck und weit geöffneten, forschenden Augen . . . »wird das so bleiben?«

»Nein, Lucia, ich will dich nicht betrügen. Sicherlich wird es so nicht bleiben.«

Da stand sie auf und ging in heftiger Gemütserregung im Zimmer auf und ab. 

»O, aber mein Gott, Vico, was ist denn bloß in dich gefahren? Du bist im Begriff, mir die schlimmste, die tiefste Beleidigung und deiner Familie Schande anzutun zum ewigen Verderben deiner Seele – du kannst jetzt noch leicht zurück, es ist noch nichts verloren, aber du willst nicht! Du willst nicht! Ist jene Frau denn eine Hexe, eine Zauberin? O, jetzt weiß ich, daß du keinen Gottesdienst kennst, jetzt sehe ich, was es heißt, keinen Gottesdienst zu kennen.«

Ich antwortete nicht, sondern verglich in Gedanken die beiden Seelenwelten, die einander hier gegenüberstanden, und wog die eine gegen die andere. Und da ist niemand, der dies liest und der das vorhergehende Kapitel gelesen hat, auch du nicht, lieber, ursprünglich empfindender Leser, oder er wird an der seinen Grenzlinie schwanken. Und dennoch wird er in seinem Herzen die Wahl treffen und sich auf diese oder auf jene Seite schlagen müssen. Denn mögen wir Menschen uns auch hochmütig erheben über Gut und Böse und sagen, daß unserer gebrechlichen, kurzsichtigen Natur keinerlei Sünde als Schuld angerechnet werden dürfe, die Wahl, die entsetzliche, unwiderrufliche Wahl in jeder unwiderruflichen Sekunde bleibt uns nicht erspart, sie muß getroffen werden.

Meine Wahl war getroffen, ich schwankte nicht mehr, aber ich grübelte jetzt über die fürchterliche Macht, die uns zwingt, zu wählen, während wir noch so schlecht unterscheiden können, die uns erbarmungslos fortstaut im dichten Nebel, mit seinen mattschimmernden Lichtern. Indessen verstand Lucia mein Schweigen als Zaudern, und sie versuchte mit aller Macht einen verzweiflungsvollen Angriff auf mein Gemüt. Sie warf sich vor mir auf die Knie und weinte und schluchzte und küßte mir die Hände. Sie flehte mich an und beschwor mich, Mitleid zu haben, so nicht mit ihr, dann doch mit den Kindern und mit mir selber. Da sagte ich:

»Liebe Lucia, so wenig du die Macht besitzest, mir den Tag in Nacht zu wandeln oder die Nacht in Tag, so wenig kannst du mich zwingen, das Licht, das ich sehe, Dunkelheit zu nennen, oder mich davon abbringen, ihm zu folgen. Ich kann dich nur vor diese Wahl stellen: Willst du, daß ich dich betrügen soll, oder willst du meine Aufrichtigkeit? In letzterem Falle mußt du dich beherrschen, denn je mehr ich dich leiden sehe, um so stärker wird die Versuchung, unaufrichtig gegen dich zu sein.«

Es war mehr noch mein Ton als meine Worte, der sie verstehen ließ, daß sie hier nichts mehr ausrichten konnte.

Sie stand auf und trocknete ihre Tränen. Dann sagte sie, während sie langsam ihre Ruhe wiederfand:

»Ich sehe, Vico, daß du einer satanischen Betörung zum Opfer gefallen bist. Sicherlich verlange ich deine Aufrichtigkeit. Ich werde versuchen, alles zu tragen und stark zu sein. Ich werde für dich beten.«

»Ich danke dir, Lucia,« sagte ich, indem ich mich erhob. Sie aber stellte sich mir in den Weg.

»Ja, aber . . . was jetzt?« 

»Wie meinst du das?« fragte ich, der ich mich in ihr Gedankenleben nicht genügend versetzt hatte.

»Du bringst mich jetzt in einen Zustand, den ich bisher nur vom Hörensagen kannte und den ich niemals selber zu erleben glaubte. In diesem Zustand leben Tausende von Frauen, ich weiß es. Das aber wirst du doch wohl noch für mich übrig haben, daß du mich soviel wie möglich schonst. Das habe ich doch wohl um dich verdient, Vico!«

»Gewiß, Lucia, ich werde dich soviel wie möglich schonen.«

»Ich bitte dich nicht um meinetwillen darum, sondern der Kinder wegen. Du wirst doch meinen guten Namen hochhalten, du wirst uns doch nicht öffentlich Schande antun, du wirst die Ehre unseres Hauses, den Namen unserer Kinder nicht ins Gerede bringen, nicht wahr?«

Die intuitive Taktik einer Frau gleicht der eines klugen und vorsichtigen Feldherrn, der seine besten Truppen aufspart bis zu dem Augenblick, da die Schlacht beinahe verloren scheint. Mir war, als könnte ich jetzt keinerlei Konzessionen mehr verweigern, nachdem sie sich, wie sie mir versicherte, mit der Hauptsache abgefunden.

»Was verlangst du denn von mir, Lucia?« fragte ich.

»Daß das alles zwischen uns beiden bleibt. Daß du jeden öffentlichen Skandal vermeidest. Daß unsere Familie vor der Welt genau so bleibt wie zuvor.«

Ich vermochte ein leicht verächtliches Lächeln nicht zu unterdrücken. 

»Also der Welt gönnst du nicht meine Aufrichtigkeit, die du selber verlangst?«

»O Vico, das wirst du mir doch versprechen. Du liebst uns doch, nicht wahr?«

»Gewiß tue ich das.«

»Und du fühlst doch auch deine Verpflichtungen deiner Familie gegenüber? Die fühlt ja sogar der meist verdorbene Mann.«

»Die fühle auch ich, Lucia.«

»Und du gestehst doch ein, daß du mir Unrecht angetan hast?«

»Das habe ich getan, Lucia, nicht jetzt, sondern früher.«

»Aber dann wirst du doch gewiß auch etwas gut machen, etwas mildern wollen – da es dir so leicht wird. Sieh, ich will dich frei lassen, ich will nicht fragen, nicht untersuchen, nicht einmal Anspielungen machen. Dafür mußt du aber auch unsere Familie schonen. Das ist alles, was ich von dir verlange. Erspare unsern Kindern die Schande.«

Ich war nicht vorbereitet, und es ist nicht leicht, wenn man in seinem Leben eine große Wendung macht, sie gerade weit genug und ohne Halbheit zu machen. Daher war meine Antwort schwach.

»Gut, meine liebe Freundin,« sagte ich, »ich werde deinem Verlangen soviel wie möglich Rechnung tragen.«

Darauf wünschten wir einander »Gute Nacht«, wohl wissend, daß wir damit einen eitlen Wunsch ausgesprochen hatten. 




Es war kein striktes, fest umrissenes Versprechen, das ich gegeben hatte, aber es war doch ein Nachgeben aus Weichherzigkeit, das ich bereue, jedoch ohne Selbstvorwurf. Wer hohe, ungebahnte Wege wählt, muß jegliche Weichherzigkeit, die zur Halbheit führt, überwunden haben. Was Tugend bedeutet bei dem getreuen Anhänger der Herde, das bedeutet Untugend bei dem Bahnbrecher.

Ich aber wußte, wie außerhalb des sicheren Gruppenverbandes der Wolf des Fanatismus umherstreift. Ich wußte, wie schwer es ist, das Gleichgewicht zu bewahren auf den hohen, einsamen Pfaden der Ursprünglichkeit, wie leicht der Pfadfinder dort befangen wird durch die schwindelerregende, unbegrenzte Freiheit, wie er hinabstürzt in Abgründe des Fanatismus, der Schwärmerei, des Wahnsinns.

Wer würde wohl stets die richtige Mitte zu halten wissen zwischen kühner Konsequenz und ruchloser Übertreibung?

Die Neigung zur Selbstaufopferung ist ein Instinkt gleich allen andern, schön und nützlich, solange er mit allen unsern übrigen Instinkten in Harmonie verbleibt und mitwirkt in dem gemeinschaftlichen Kampf für Christus, der ihn uns eingepflanzt. Dieser Instinkt aber kann verwildern und in Askese ausarten und in die Sucht, sich selber zu quälen, so wie Hunger in Gefräßigkeit und Durst in Trunksucht ausarten kann. 

Ich wußte, daß heldenhafte Konsequenz mich dazu führen mußte, mich öffentlich dem Wesen zu verbinden, das in mir die hehrsten, heiligsten, seligsten Empfindungen erweckt hatte – und das bedeutete für mich, daß ich der menschlichen Gesellschaft öffentlich die Fehde erklärte. Denn unzweifelhaft würde die ganze Welt gegen mich sein, ja sogar meine eigenen Kinder, ich würde meine Stellung verlieren, ausgestoßen werden aus meinem Kreise. Auch der Armut würde ich zu trotzen haben. Meine Mutter lebte noch, und ich selber besaß nichts außer dem hohen Gehalt, den ich einbüßen würde. Und daß ich Lucia oder meiner Mutter zur Last fallen könnte, das wurde natürlich nicht einen Augenblick erwogen.

Ich fürchtete dies alles nicht so sehr um meiner selbst willen, wohl aber wegen der Gefahr der fanatischen Selbstqual, die ich darin gewahrte. Denn namentlich in dem eigenmächtigen Zerreißen des Bandes, das mich mit meinen Kindern verknüpfte, lag eine verfeinerte Folterung, und ich wußte, daß auch Lucias Leid mir keinen Tag Ruhe lassen würde, wie fest ich auch davon überzeugt sein mochte, daß ich recht gehandelt. Ich würde dann ebensogut Reue empfinden, als wenn ich nicht das getan, was ich für gut hielt. Zwei Gewissen würden auf allzeit miteinander im Kampf sein in mir, ob ich nun rechts ginge oder links.

Und dann . . . was würde mein Kampf der Welt gegenüber zu bedeuten haben, machtlos, wie ich war? Würde ich durch meine Handlungsweise irgendeinen Menschen davon überzeugen, daß es gut ist, eine Scheinehe zu zerbrechen, ein unwahrhaftiges Leben zu läutern, unsere wahren Empfindungen, unsern Willen zu handhaben, den ewigen Dingen und der reinen Seligkeit nachzujagen und Christus getreu zu bleiben, der Welt gegenüber? Man würde nur sagen: »Da ist schon wieder einer in den Sumpf geraten.« Und ich würde verschwinden wie ein Stein im Schlamm.

Ich will nicht entschuldigen, ich will nur erklären. Will verständlich machen, wie es möglich war, daß ich, nachdem ich jenes erstemal so fest an meinen Banden gerüttelt, noch während vieler Jahre ein Doppelleben gelebt habe, scheinbar als derselbe glückliche Familienvater, das vom Glück begünstigte Weltkind, indessen ich mein echtes, wahrhaftes Leben in dem kleinen Seestädtchen verbarg und auf diejenigen Stunden beschränkte, in denen ich mit ihr, die es geweckt hatte, beisammen war.

Als ich gehen wollte, um mein Schiffchen zu holen, und am Abend zuvor nach E . . . fuhr, fragte mich mein Sohn Guido, ein sportliebender Knabe von vierzehn Jahren, ob er mich begleiten dürfe. Ich würde vielleicht, im Bewußtsein meiner Unschuld, nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, aber seine Mutter legte sich sogleich ins Mittel, mit rascher Intuition erratend, um was es sich handelte, und vereitelte seinen Plan mit einem geschickten Vorwand.

Elsje erwartete mich am Bahnhof, und wir führten ein langes Gespräch, in dessen Verlauf ich es zum erstenmal empfand, welch ein Segen es ist, sich frei geben zu können, sich selber so zu zeigen, wie man am liebsten sein möchte, nichts zurückhaltend, aus Furcht, mißverstanden zu werden, trotzdem man sich mit denselben beschränkten Mitteln äußern muß wie stets, und einem Menschen gegenüber, der das gleiche beschränkte Auffassungsvermögen besitzt wie alle andern Menschen. Denn hier war die unendliche Liebe mit ihrer wunderbar erklärenden Macht, die das Mangelhafte ergänzt und aus ein paar hilflosen Worten ein großes Gebäude aus Verstand und Begriff aufzurichten weiß, weil der schöne Plan im Sprechenden und im Verstehenden durch höhere Weisheit schon zuvor entworfen war und von dem Verstandesmaterial nichts gebraucht, nichts angewendet wird, es sei denn, daß es in Harmonie stehe mit jenem festen Entwurf.

»Ich habe zu Hause über uns gesprochen, Elsje.«

»Mit wem?«

»Mit ihr, die die Welt meine Frau nennt, mit der Mutter meiner Kinder.«

»Wie heißt sie?«

»Lucia.«

Nachdem ich dies also gesagt hatte, habe ich mich doch noch manches Mal versprochen und von »meiner Frau« geredet. Elsje aber niemals, nicht ein einziges Mal.

»Was haben Sie von mir erzählt?«

»Darf ich es unumwunden sagen, Elsje? Und wirst du mir auch ebenso unumwunden sagen, ob ich gut gesprochen habe?«

»Ja,« sagte Elsje scheu und leise. 

»Ich habe gesagt, ich sei einer Frau begegnet, die mir beim ersten Anblick, nach zwei kurzen Begegnungen, die Überzeugung gegeben habe, daß sie mir die große Liebe schenken könne, die mir bisher im Leben gefehlt. War das gut gesagt, Elsje?«

»Ja,« hörte ich sie neben mir flüstern. Wir wandelten durch die leeren, dunklen Gassen des langsam zur Ruhe gehenden Städtchens, Arm in Arm. Das vertrauliche Zittern ihres Armes in dem meinen bedeutete eine nie gekannte Lust.

»Das wurde nicht recht geglaubt oder nicht recht verstanden, Elsje. Man hielt es für Selbstbetrug, und der ganze Fall wurde als ein ganz gewöhnliches Herrenabenteuer angesehen. Das ist kein Wunder, und so wird es wohl einem jeden erscheinen. Damit müssen wir uns abfinden.«

»Natürlich,« sagte Elsje.

»Ich aber habe eine schwere halbe Stunde verlebt, denn Lucia flehte mich an, ich solle dich niemals wiedersehen.«

»Arme Lucia – liebt sie Sie sehr?«

»Gewiß, und ich sagte ihr, daß ihr von meiner Neigung nichts verloren gehen würde. Aber davon wollte sie nichts wissen.«

»Natürlich,« sagte Elsje darauf wieder. »Das würde ich auch nicht glauben. Was hat sie denn davon?«

Sieh doch, so dachte ich mir lächelnd, sogar die Rivalinnen unter den Frauen machen doch immer gemeinschaftliche Sache.

»Ich glaubte, daß es ein Trost sein könne. Aber ich scheine mich darin zu irren. Ich bin dennoch standhaft geblieben und habe gesagt, daß nichts mich von Elsje trennen könne.«

»O, wenn ich das nur wert bin! Wenn ich das nur wert bin!«

»Das ist Furcht vor der Verantwortlichkeit, Elsje. Die empfinden wir beide, aber es ist eine Schwäche.«

»Und hat Lucia nachgegeben?«

»Anfangs hat sie gefragt, ob es eine Seelenfreundschaft bleiben könne. Ich habe mich geweigert, das zu versprechen.«

Elsje schwieg.

»Meinst du, daß ich recht getan, Elsje?«

Sie nickte.

»Darauf gab sie nach, aber unter einer Bedingung.«

»Unter welcher?«

»Daß ich vor der Welt ihr Mann bleibe. Und daß wir alles geheimhalten.«

»Oh!« rief Elsje ärgerlich und verwundert aus, »dann hat sie dich auch niemals wahrhaft geliebt. Niemals!« Und darauf voller Entrüstung: »Das hast du doch nicht versprochen, nicht wahr?«

Da stand ich armer Sünder und schwieg verlegen. Und ich fühlte, während ich nach einer Verteidigung suchte, daß der Mann, seiner Natur zufolge, stets Sophist bleibt.

»Liebe Elsje, bedenke doch, daß diese Erwägung für eine vornehme Frau wie Lucia viel gewichtiger ist als die Aufopferung für uns. Bedenke, welch einen Kummer ich ihr bereite, bedenke, wie wenig Frauen ihren Männern das so edelmütig verzeihen würden, bedenke, daß ich durch die Vergangenheit dazu verpflichtet bin, für sie und meine Kinder zu sorgen. Schande bedeutet für sie etwas sehr Schlimmes, etwas viel Schlimmeres, als du vielleicht verstehen kannst.«

»Aber ich nenne gerade dies eine Schande,« sagte Elsje, unlogisch und dennoch treffend, »eine Lüge vor der Welt aufrecht erhalten zu wollen.«

»So bedenke wenigstens, was es für mich bedeuten würde. Ich würde meine Kinder nicht wiedersehen. Sie würden mich nicht kennen wollen. Ich würde ihnen argen Kummer bereiten, und ich liebe sie sehr.«

»Würde denn keiner von allen es verstehen und verzeihen wollen?« fragte Elsje.

»Keiner von allen, fürchte ich. Und wäre es auch nur um ihrer Mutter willen, die sie anbeten. Und bedenke, daß ich selber, abgesehen von meinen Kindern, auch meine Stellung verlieren würde. Meine Frau . . . ich meine Lucia, ist reich, ich aber nicht . . .«

»Würde deine Gesundheit darunter leiden, wenn du dich einschränken müßtest?« fragte Elsje naiv-sachlich und in vollkommenem Ernst, obwohl mir die Frage beinahe ironisch klang. Ich hatte wiederum in sehr untaktischer Weise mein schwächstes Argument bis zuletzt aufbewahrt.

»Das nicht! das nicht! . . . Aber ich bin vielleicht schon gar zu sehr verwöhnt . . . Die ganze Welt würde mir feindlich gesinnt sein . . . und ich weiß nicht . . . ob das alles . . .«

Ich fühlte, daß ich auf dem falschen Wege war; auf solche Weise würde ich bei dem eigenen Zweifel an der selbstverleugnenden Macht meiner Liebe anlangen. Allein Elsje kam mir zu Hilfe.

»Darf ich jetzt auch ganz unumwunden zu dir sprechen? ja? so höre! Ich bin so überwältigt, so überrascht von all dem Großen, das du mir schenkst, so plötzlich und so verblendend, daß du ein richtiges klares Urteil jetzt noch nicht von mir erwarten darfst. Es scheint mir lächerlich, daß ich nicht zufrieden sein sollte mit dem allergeringsten, was du mir geben willst, nun, da mir so unendlich viel mehr zuteil wird, als ich jemals hätte erhoffen oder erwarten können. Und wenn ich dich auch niemals wiedersähe, nach diesem Abend, so würde ich dir doch ewig dankbar bleiben. Aber verzeih mir, wenn ich deine schwierige Lage zu sehr nach mir selber beurteile. Den Kummer um deine Kinder kann ich dir nachfühlen. Aber alles andere verstehe ich nicht, das ist mir fremd, meiner Natur zuwider. An die Welt und an das Geld würde ich nicht denken, ich kenne diese Dinge nicht und weiß nichts von ihrer Macht. Ich weiß nur, daß ich immer bei dir sein und das vor der ganzen Welt ruhig eingestehen möchte. Und wenn ich an Lucias Stelle wäre, und wenn ich dich wirklich und wahrhaft liebte, so würde ich dich keinen Augenblick binden wollen, und sollte es mir auch noch so schwer werden. Ich könnte es nicht ertragen, daß du neben mir lebtest und als mein Mann angesehen würdest, während du heimlich eine andere liebtest. Das würde ich viel entsetzlicher finden als allen Kummer der Scheidung.« 

»Lucia wird sich niemals scheiden lassen wollen, Elsje. Das ist bei ihr eine Religionsfrage. Eine katholische Ehe ist unverbrüchlich.«

»Und bist du selber auch katholisch? ein gläubiger Katholik?«

»Lucia behauptet, ich hätte gar keinen Gottesdienst.«

Elsje sah mich angstvoll an.

»Ist das wahr? Und ich hoffte gerade in der Beziehung so viel von dir zu lernen. Das erfüllt meine Gedanken den ganzen Tag. Ich habe schon hundert Fragen für dich in Bereitschaft. Auf dich stützte sich mein ganzes Vertrauen,«

»In welchem Glauben bist du erzogen, Elsje?«

»Erzogen? ich bin überhaupt nicht erzogen. Ich muß dir noch ein Geständnis machen –« ich sah, daß sie zauderte und mit sich kämpfte, und begann, irgendein unliebsames Geheimnis zu fürchten.

»Sprich dich ruhig aus, Elsje. Bei mir ist alles gut geborgen. Vertraue mir . . .«

»Das will ich gern. Aber sieh, ich weiß, daß du ein vornehmer Mann bist, von hoher Herkunft.«

»Das hat nichts zu sagen, Elsje, darauf bin ich nicht allzu stolz.«

Ich log, sie aber verstand mich.

»Nein, stolz bist du nicht, aber du hast doch Gewißheit. Und die habe ich nicht. Weißt du, wie ich zu meinem Namen gekommen bin?«

»Nun?«

»Man hat mich von Vianen genannt, weil ich bei Vianen gefunden wurde. Ich habe keine Eltern.« 

Sie sagte das tief beschämt. Und ich lachte im Innersten meines Herzens, weil sie sich jetzt doch auch furchtsam zeigte vor der Stimme der Herde und weil sie das, was mich gerade als eine Aureole der Romantik erfreut hatte, als ein Brandmal empfand.

»O, wenn es weiter nichts ist!« rief ich aus. »Das wußte ich schon. Die ganze Woche habe ich an das arme, liebe Kindchen gedacht, so wie es von einer verzweifelten Mutter weinend auf den Rasen niedergelegt wurde. Es wird ein Königskindlein gewesen sein, Elsje.«

Elsje lachte, glücklich und getröstet.

»Man hat mich Mennonit werden lassen. Nicht Jan Baars, aber seine Schwester, die mich als Kind zu sich ins Haus genommen hat.«

»Aha, Mennonit!« sagte ich. Ich hatte nicht die geringste Ahnung davon, welche theologischen, ethischen oder rituellen Besonderheiten mit diesem Glauben verbunden waren, wußte nur, daß es eine der unzähligen Varianten oder Sekten des Protestantismus sein müsse.

»Es ist wohl schön von den Mennoniten, daß sie einen nicht als kleines Kind taufen, wenn man noch gar nicht weiß, ob man lieber katholisch oder hebräisch werden möchte, sondern erst später, wenn man konfirmiert wird und selber wählen kann. Aber weißt du, als ich achtzehn Jahre alt war, da wußte ich noch ebensowenig, was ich wählen sollte. Und jetzt weiß ich es noch nicht.«

»Und dennoch hast du dich taufen lassen?«

»Ach ja, darin steckte ja nichts Böses. Aber wenn man dem Menschen wirklich Gelegenheit geben wollte, richtig zu wählen, so müßte man ihn zu Anfang bei Katholiken, dann bei Protestanten und schließlich auch noch bei Juden und Muselmännern erziehen lassen.«

»Um von den Hindus und den Buddhisten und den Shinto-isten nicht zu sprechen,« sagte ich.

»So daß man dann sieben Leben brauchen würde, bevor man sich taufen lassen könnte, ist's nicht so? Und dennoch ist es gar so notwendig, daß man das rechte wählt, nicht wahr? Ich kann niemals verstehen, wie all die Menschen nur so darauf losleben und wie sie alle etwas anderes glauben und niemals bedenken, daß sie sich auch wohl irren könnten, und wie entsetzlich das sein würde. Sie nehmen es ganz einfach hin, und man hört sie nicht einmal darüber reden, also werden sie sich auch wohl nicht den Kopf darüber zerbrechen. Und ihnen zufolge ist ein jeder, der anders darüber denkt als sie, elend daran. Sie aber denken alle anders, und so muß einer oder der andere also wohl im Irrtum sein, und dennoch sind sie alle gleich ruhig und zuversichtlich. Wie ist das möglich? Das ist doch unsinnig!«

Ich fand es schon sehr viel, daß Elsje in ihrer Einsamkeit darauf gekommen war, diese Unsinnigkeit einzusehen. Da warf ich mein Senkblei aus.

»Wie denkst du über Christus, Elsje?«

»Von Jesus lese ich am liebsten, das finde ich wunderschön zum lesen. Zumal um die Weihnachtszeit, – wie er als Kindlein auf die Welt kam, und dann von den Sternen und den Hirten. Wenn ich an Jesus denke, denke ich immer an ihn wie an ein Kindlein, mit Maria, seiner Mutter. Ich möchte davon wohl ein Bild haben, aber das wird katholisch genannt . . . Weißt du mehr von Jesus und kannst du mir alles über ihn sagen?«

»Ich fragte nach Christus, Elsje.«

»Ist das nicht dasselbe?«

»Es sind lauter Namen, unter denen wir wählen können. Ich sage lieber Christus, weil ich nicht daran glaube, daß ein Mensch gelebt hat, der Jesus hieß und Christus war. Wohl aber weiß ich es gewiß, daß es etwas gibt, das alle Menschen Christus nennen, das lebt und uns kennt und lieb hat. Und diesen Christus kannte man schon lange bevor Jesus gelebt. Ich habe kleine Bildnisse gesehen von der Mutter mit dem Kindlein, genau so wie du eins haben möchtest, und die waren tausend Jahre älter als Jesus, und von Ägyptern gemacht, und statt der Maria und des Christuskindleins wurde von Isis und dem Horuskindlein gesprochen, und auch die Chinesen machten solche Bildnisse.«

»Und was meinten sie damit?«

»Die meisten Menschen dachten dabei an eine heilige Mutter mit einem heiligen Kindlein, einem kleinen Heiland. Die wenigen weiseren aber dachten vielleicht an die Mutter Erde und das Menschheitskind, das wenigstens vermute ich, und wenn die Menschen jetzt von Christus sprechen, so glaube ich, Elsje, daß die meisten und die besten, sie, die sich wirklich bei diesem Wort etwas denken, etwas echtes, das sie empfunden haben – daß sie etwas meinen, was mit der Menschheit übereinstimmt.« 

»Der Menschheit – darunter kann ich mir nichts denken. Jesus ist für mich ein lebendes, teures, liebendes Wesen, das mir hilft und mich stützt, ein erhabenes, heiliges Wesen. Die Menschheit aber bedeutet mir nichts – ein hohles Wort.«

»Gut, Elsje, das will ich gern glauben. Aber hohle Worte können durch Wissen angefüllt werden. Es gibt gelehrte Professoren, für die das Wort Jesus oder Christus total hohl und leer ist. Das Wort Menschheit aber bedeutet für sie ein tatsächliches, wohlbekanntes Etwas, den ganzen Menschenstamm, den sie in seinem Wachstum und seiner Entwicklung, in seinen Lebensäußerungen und -Formen genau studiert haben. Solche Professoren könnten das Wort Christus wiederum mit den erhabenen und zärtlichen Empfindungen anfüllen, die Elsje dabei hegt, sobald sie es gelernt hätten, so zu empfinden wie Elsje. Und jetzt ist es meine persönliche Meinung, die meines Wissens kein Mensch mit mir teilt, daß Elsje und die Professoren, wenn sie ihre gegenseitigen Wahrnehmungen vergleichen könnten, es einsehen würden, daß es genau dasselbe wirkliche Wesen ist, das das Wort Christus und das Wort Menschheit ausfüllt. Das religiöse Wort Christus und das biologische, wissenschaftliche Wort »Menschheit«.«

»Aber Menschheit . . . das ist doch kein Wesen, keine Person . . . das sind eine ganze Menge Menschen, Menschen, die ich nicht kenne, – und wie kann ich die lieben? und wie können sie mich lieben?«

»Ein Baum, Elsje, besteht aus vielen Wurzeln, Zweigen und Blättern. Dennoch nennen wir diese Gesamtheit einen Baum. Ein Bienenvolk besteht aus einer ganzen Menge von Bienen und bildet dennoch ein Volk. Du kannst die Menschheit nicht wahrnehmen, weil du nicht alle Menschen zugleich sehen kannst und auch nicht, wie sie zusammenhängen. Aber ich glaube auch nicht, daß ein Blatt den Baum wahrnehmen kann oder eine Biene das ganze Volk. Die Menschheit aber bedeutet noch viel mehr als alle Menschen zusammengenommen, gleichwie der Baum mehr bedeutet als alle Blätter. Und die Menschheit wird doch von Elsje wahrgenommen in ihrem eigenen Gemüt, die gesamte Menschheit, also ist das noch viel mehr als die Professoren von ihr wahrnehmen können, – und warum sollte das nicht ein persönliches, denkendes, liebendes Wesen sein? Das ist es, glaube ich, was Elsje meint, wenn sie von einem erhabenen Jesus spricht, und was ich lieber Christus nenne, weil mir der Name am meisten zusagt.«

»Ich bin so ein dummes, unwissendes Geschöpf, und du weißt so viel. Verzeih mir, wenn ich das alles noch ein wenig gar zu schwer finde.«

»Natürlich findest du es schwer, liebes Elsje, weil du nicht weißt, was die Professoren in bezug auf die Menschheit und die Menschenrasse wahrgenommen haben. Aber glaube mir, die Professoren werden das, was ich sage, ebenso schwer finden und ebenso unverständlich, weil sie nicht wissen – wenigstens die meisten von ihnen nicht –, was Elsje von Christus wahrgenommen hat. Sie werden alle nicht so bescheiden sein wie du, werden es nicht zugeben wollen, daß es die Folge ihrer Dummheit ist. Und ich bin kein Professor und kein Elsje, aber ich stehe so ungefähr zwischen den beiden und weiß etwas von ihrer beider Wahrnehmungen, und ich weiß es sehr gewiß und sehe es sehr klar, wie sie beide das gleiche bezwecken und wie einer der Kenntnis des andern bedarf.«

»Also kennst du doch meinen Jesus und meinen Christus auch? Gott sei Dank.«

»Ja, wenn auch vielleicht nicht so gut wie Elsje, so doch besser als die Professoren. Und ich glaube, daß es jener Christus gewesen ist, der mich zu Elsje geführt hat, auf daß ich ihn besser verstehen lernen solle und vielleicht besser Zeugnis ablegen könne von ihm. Und auch durch ihn habe ich Mut gewonnen und die Standhaftigkeit, Elsje getreu zu bleiben und nicht von ihr zu lassen, und wenn auch die ganze Welt gegen mich sein sollte!«

Hier fand die Frau ihre schöne Gelegenheit, den Mann aus seiner Welt der Betrachtungen zum praktischen Leben zurückzuführen.

»Aber will denn Jesus oder Christus nicht, daß du das öffentlich tun sollst, vor der ganzen Welt?«

»Ich weiß nicht . . . ich weiß nicht, Elsje. Seine Winke und Hinweise, so wie sie unverfälscht aus ursprünglichen Quellen hervorgehen, sind nicht immer ganz klar und deutlich. Aber ich gebe dir die Versicherung – ich würde es dir schwören, wenn ich nicht ein- für allemal geschworen hätte, nie mehr zu schwören, – daß ich mich vor nichts scheuen und nichts schonen werde, sobald sein Licht mir klar und unverkennbar leuchtet.« 

»Wir Mennoniten dürfen auch nicht schwören,« sagte Elsje, und aus ihren Worten sprach ein reizender Stolz auf den Glauben, dem sie mit so wenig Überzeugung die Treue geschworen.

»Das ist schön, das gehört wohl zu dem besten, was der Bibel-Jesus angeblich gelehrt haben soll. Und darum wird es sicherlich am allerwenigsten befolgt. Nicht nur, daß ich nicht mehr schwöre, ich wage nicht einmal, dir etwas zu versprechen, denn ich kenne mich selbst zu wenig, um mein künftiges Tun voraussagen zu können.«

»Versprichst du mir keine Treue?« fragte Elsje mit leiser Enttäuschung.

»Ich tue besseres. Ich versichere dich meiner tiefen Liebe. Die ist so tief, daß ich wohl ganz gewiß glaube, sie wird auch treu sein. Aber was hättest du von meiner Treue, wenn diese Liebe schwächer würde? Das würde ja Lüge werden und Schein.«

»Ich werde dankbar sein für alles was ich erhalte,« sagte Elsje, »und niemals mehr verlangen, als du mir geben willst.«

Ich mußte lachen, als ich daran dachte, was meine Bekannten aus der diplomatischen Welt – Freunde nenne ich sie nicht, denn ich habe unter ihnen niemals einen Freund gehabt – wohl sagen würden zu einem galanten Abenteuer mit soviel Theologie bei der dritten Begegnung.

Du aber, lieber Leser, wirst es wohl schon längst verstanden haben, daß bei mir aus einem einzigen Fasse geschöpft wird, was andere in wasser- und luftdichten Behältern sein säuberlich getrennt halten – und daß Theologie und Wissenschaft und Poesie und Liebe für mich nicht nur Brüder und Schwestern, sondern oftmals nur Namen und Masken sind für ein und dieselbe innerliche Wirklichkeit. So daß du mir wohl wirst gestatten wollen, daß ich dir noch ein wenig mehr erzähle von dem, was ich während meines verliebten Theologisierens mit Elsje lehrte und lernte.

Du wirst auch wohl ganz von selber begreifen, daß ich nicht solch fließendes und gutes Holländisch sprach, wie ich es hier niedergeschrieben. Aber ich wußte mich ebensogut verständlich zu machen als wäre es so ausgesprochen worden, weil uns die Liebe als Dolmetsch diente.




Ich will noch nicht darüber urteilen, ob es weise Bedachtsamkeit war oder furchtsame und kleinmütige Zweifelsucht, die mich von dem großen Entschluß zurückhielt, meine Familie und meinen Wirkungskreis zu verlassen, um nur Elsje getreu zu bleiben. Es ist ein schwerer und entsetzlicher Kampf gewesen, viele Jahre lang. Es war wohl die mühseligste Zeit meines Lebens, wenngleich nicht die düsterste. Die Trübsal und Niedergeschlagenheit, das meist gefürchtete Übel, das Kennzeichen für die Erschlaffung der höchsten Lebensgeister, die ernsteste Warnung der uns führenden und beherrschenden Mächte, jenes Übel war geschwunden. Ich kämpfte und litt, war aber nicht mehr elend und unglücklich. Nur daß ich meinen Weg nicht klar vor mir sah und daher vergeblich nach Anteil und Rettung suchte.

Auch die bösen Verführungen und Heimsuchungen waren nicht mehr da. Ich sehnte mich nach einer einzigen Frau, ohne Zaudern und ohne Scham. Ich wußte, was mein Verlangen bedeutete, und meine ganze Seele hieß es gut. Wohl trieben die Dämonen noch ihr nächtlich Spiel, ich aber erachtete sie nur noch als kläffende Hündchen, und die wilden Triebe wurden nun gezähmt, weil die Hand des Herrn fest geworden, weil er wußte was er wollte.

Meine Träume erhoben sich bis zu dem einstigen Glanze, und zum erstenmal in meinem Leben hatte ich einen Menschen, dem ich sie mitteilen konnte. Zwar sah ich Emmy wohl noch in meinen Träumen, aber nicht mehr so häufig, und es wird keinen Menschen wundern zu hören, daß Elsje darauf nicht eifersüchtig war und mich bat, von ihr zu erzählen. Auch bat mich Elsje, ob ich sie nicht nochmals rufen wolle. Und ich tat es und sah sie, und Elsje hoffte gar sehr, daß sie davon etwas bemerken würde.

Aber wie sehr ich das auch gewünscht haben würde und um wieviel reizvoller und überzeugender das für sie und für dich, lieber Leser, gewesen wäre, die Wahrheit ist, daß sie davon niemals etwas bemerkte, oder, besser gesagt, daß sie sich niemals an etwas erinnern konnte. Ich für mein Teil bedurfte einer solchen Evidenz nicht. Mir wurden stärkere Evidenzen zuteil durch Vermittelung von Fremden, die mich, ohne daß ich ihnen jemals von meinen Träumen erzählte, wissen ließen, mein Ruf sei erhört – das alles aber gehört zu der Wissenschaft des Übersinnlichen, die auf allgemeine Erforschung wartet und über die ich dir, lieber Leser, in anderen Schriften Ausführlicheres sagen werde.

Von Lucia lebte ich nun getrennt, wenngleich vor der Welt in demselben Verhältnis wie einst. Und dies ist eine bemerkenswerte Tatsache, daß Lucia mir die Versicherung gab um wieviel ruhiger ihre Träume seien, seit ich nicht mehr mit ihr in einem Zimmer schlief. Die wilden Rosse, die sie in der letzten Zeit mehr denn je im Traum geängstigt hatten, blieben jetzt aus. Ich erachte dies als etwas Bemerkenswertes, weil es darauf hinzuweisen scheint, wie stark die körperliche Nähe auch übersinnliche Wirkungen beeinflußt.

Eines stand fest bei mir und zwar dies: daß ich Elsje nie für immer verlassen würde. Und wie es dem Menschen in einer schwankenden und zweifelhaften Haltung häufiger ergeht, so hoffte auch ich auf des Schicksals Hilfe. Wenn das Schicksal drohte, mich von ihr wegzureißen, so würde ich Widerstand bieten und bei ihr bleiben, möge es kosten, was es wolle.

Wenn mir das widerfahren würde, was jedem Diplomaten bevorsteht, das heißt eine plötzliche Versetzung in ein anderes Land, so würde ich den Augenblick als gekommen erachten, um mich gänzlich und für immer frei zu machen. Ich weiß, daß auch dies Verhalten eine Schwäche war, aber wer nicht klar sieht, muß schwach bleiben, und es nützt ihm nichts, ob er gleich Stärke vorschützt und so handelt, als könne er wohl unterscheiden. Und infolge unserer menschlichen Neigung, das eigene Verhalten zu beschönigen, tröstete ich mich mit der Erwägung, daß meine Kinder noch zu jung seien und meiner Leitung noch allzu sehr bedürften.

Oftmals betete ich auch in meinen Träumen um Rat und Erleuchtung. Dies aber ist meine Erfahrung, daß wir niemals einen Rat oder einen Wink bekommen, bevor wir selber uns entschlossen oder gehandelt haben, oder bevor die kommende Tatsache bereits ohne unser Zutun oder unser Wissen entschieden wurde. Zu einer Wahl getrieben werden wir niemals, wohl getröstet und ermutigt, wenn wir nach bestem Wissen gewählt haben. Manchmal erschien mir dies grausam und unbillig, aber ich bin geneigt, an eine segensreiche und heilsame Deutung dieses Umstandes zu glauben.

Das Geheimhalten vor der Welt, das Lucia so ausdrücklich wünschte, bekam indessen bald ein völlig anderes, ungünstiges und unerwünschtes Ansehen. Meine häufigen Ausflüge nach E . . . konnten, wenngleich sie mit meinem leidenschaftlichen Hang zum Segelsport begründet wurden, nicht unbemerkt bleiben, zumal da ich meistens allein ging und auch die Gesellschaft meines Sohnes ausschlug, wie oft er auch darum bitten mochte. Und E . . . ist ein beliebter Hafen für Segeljachten, deren an schönen Sommertagen dort oftmals zehn oder zwölf zugleich einlaufen. Auf solche Weise wußten meine Bekannten aus dem Haag, die Herren in erster Reihe, alsbald, was mich nach dem kleinen Seestädtchen hinzog. Dies hatte durchaus keine große Erregung oder gar Entrüstung zur Folge in dem Haager Kreise, und das wird ein jeder, der diesen oder ähnliche Kreise kennt, leicht verstehen. Ich galt für einen sehr moralischen und ehrbaren Mann, und zwar nur deshalb, weil ich mich nicht an schlüpfrigen Gesprächen beteiligte und niemals über dergleichen Dinge sprach, mochten sie mich selber oder andere betreffen.

Nun verschaffte es Manchem eine Befriedigung, daß die Keuschheitsaureole, die, ungeachtet eines völligen Mangels an Heuchelei oder Moralisieren andern gegenüber, dennoch stets durch ihre schweigende, vorwurfsvolle Anwesenheit unangenehm auffällt, – daß diese unangenehm makellose Reputation jetzt tüchtig gelitten hatte. Beinah wurde ich dazu beglückwünscht. Niemand dachte daran, so etwas schwer zu nehmen oder Lucia dieserhalb zu beklagen. Sie selber vernahm nichts von diesen Gerüchten und lebte in der Illusion, es habe alles das gleiche Ansehen wie zuvor. Man lobte es, glaube ich, an mir – hinter meinem Rücken natürlich, nicht in meiner Gegenwart –, daß ich zartfühlend genug gewesen, um meine Freuden so weit außerhalb zu suchen und nicht, wie Schamlosere das zu tun pflegten, im Haag oder in Amsterdam. Solange ich weder Aufsehen noch Skandal erregte, konnte ich tun, was ich wollte, das waren meine Privatangelegenheiten. Und Lucia und die Herren aus meinem Kreise schienen sich darüber einig zu sein, daß es viel schlimmer sei, eine Frau ins Gerede zu bringen, als sie zu betrügen. Die Herde erträgt nur das nicht, was den Gruppenverband bedroht, im übrigen aber alles.

Für mich bedeutete dies eine doppelte Qual. Anstatt eines Betruges pflegte ich ihrer nun zwei. Ich respektierte eine Scheinehe und litt es, daß eine wahrhafte Ehe verdächtigt und entweibt wurde. Ich fühlte, wie ich auf unerträgliche Weise zwischen zwei Lügen eingeklemmt war. Was ich wie ein zärtliches Geheimnis vor der Welt hätte verbergen wollen, um Lucia zu schonen, das hatte die Welt gar bald schon entdeckt. Und dennoch schonte sie Lucia und mich auf Kosten des zarten Geheimnisses, in dem sie eine Niederträchtigkeit erblickte. Eine jener Niederträchtigkeiten, von denen ich mich gerade voller Stolz befreit fühlte. Alles war mir in gleichem Maße unerträglich, die freundlich-sarkastische Großmut, die mich schonte und sich so stellte, als ob sie mir Sünden verzeihe, dort, wo ich über alle ihre Begriffe hinaus Tugend empfand. Und Elsjes Schmach, die mir jetzt am allerqualvollsten schien, wenngleich sie ihr von jener nämlichen verständnislosen Herde angetan wurde . .

Jedesmal, wenn ich Elsje wiedersah, las ich in ihrem angstvoll gespannten Blick die Frage, ob ich jetzt endlich den großen Entschluß gefaßt habe. Aber nur ihre lieben Augen fragten und ihr bleiches Gesichtchen – ihre Lippen blieben geschlossen. Auch nach meiner Familie fragte sie nicht. Sie wartete, bis ich sprechen würde. Wir sprachen über unsere Liebe, über alles das, was uns am meisten am Herzen lag, über die Mühsal des Lebens, warum wir so kämpfen und uns quälen und Kummer erleiden müssen, über die große Welt voller Menschen, und was daraus werden würde, über meine Träume, über das Schönste und Beste, das wir zu erwarten hätten, und über die Art und Weise, wie wir die Mühsal überwinden und zur reinen Seligkeit gelangen könnten.

Und wir sprachen viel über Christus, tastend und suchend in den dämmernden Wahrheiten, während wir versuchten, einander zu helfen und zu verstehen.

Und bei jedem Abschied empfand ich es von neuem, daß etwas unbesprochen geblieben war, worüber sie doch gar zu gern etwas gehört hätte. Und niemals verließ ich sie ohne das beseligte Gefühl, daß ich sie habe, und ohne ein bekümmertes Herz, weil ich sie warten und leiden lassen mußte.

Denn sie litt. Sie litt, wie nur reine, zarte Frauennaturen, die zur Liebe geschaffen sind, leiden können. Und allmählich konnte ich es mir nicht länger verhehlen, daß sie mehr litt, als sie zu ertragen vermochte. Die Tragkraft einer reinen, feinen Seele gleich der ihren ist unendlich stark, solange sie in dem Kern ihres Wesens, dem Liebesleben, befriedigt wird. Allein das Leid, das diesen Kern antastet, verzehrt sie an Seele und Körper zugleich.

Reue ist ein schlechtes Ding, eine Schwäche, eine krankhafte Erscheinung. Ich dulde in mir keine Reue, denn ich weiß, daß sie das beste in uns beschädigt und entkräftet. Aber gegen den Selbstvorwurf, der die Strafe bildet für mein Schwanken während all jener Jahre, kämpfe ich vergebens. Er ist allzeit da, gleich einem dunklen Dämon, und schweigt und wartet, bis er eine günstige Gelegenheit entdeckt, in der dritten oder vierten Stunde einer Nacht, in der der Schlaf ausbleibt, und dann hockt er auf meiner Brust und fragt und wartet auf meine Antwort: warum ich sie solange schweigend habe fragen und wieder fragen und auf Antwort warten lassen, bis die glänzenden Augen tiefer und tiefer einsanken in ihre stets dunkler werdenden Höhlen, und das rote Blut aus den frischen Wangen wich und die feine Nase so schmal wurde und die zarten Lippen so farblos? . . .

Und in meinem üppigen Heim blieb alles beim alten. Die Kinder gesund und lustig, Lucia, wie stets, eine korrekte und eifrige Hausfrau, nicht unfreundlich zu mir, liebenswürdig und gesund, und ohne irgendwelche Anzeichen eines seelischen Kummers zur Schau zu tragen.

Verzeih' es einem alten Mann, lieber Leser, so er sich selber schont und über diese bangen Jahre nicht weiter spricht. Er ist kein Freund von Tränen und gibt der Schwermut nicht gern eine Handhabe.

Eines Nachts wurde mir endlich das Ende des Kampfes verkündet. Mir träumte, daß ich in der Nähe des Haag in dem Park wandelte und einen alten Mann sitzen sah, der einen erbrochenen Brief in der Hand hielt. Ich begriff, daß dieser Brief für mich bestimmt war, und sah auch meinen Namen und Titel auf dem Umschlag. Der alte Mann aber sprach: »Das ist nicht für Sie.« Und ich begriff, daß er damit meinte, daß ich meinen Titel nicht mehr führte.

Da sah ich auch, daß es eine große, offizielle Urkunde aus Rom war und ich wußte, daß die lang erhoffte Versetzung gekommen sei. Darauf träumte mir, daß ich mit Elsje floh und sie über eine große Eisfläche dahintrug. Das Eis barst unter meinen Füßen und jeder Riß war gleich einem knisternden Funken von bläulichem Feuer, gleich einem Blitzstrahl. Das bedeutete Unheil, allein Elsje fürchtete sich nicht.

Der Brief, von dem ich geträumt hatte, kam ein paar Wochen später. Aber es war derselbe, ich erkannte den Umschlag. Ich wußte ganz gewiß, wie der Inhalt lauten würde, und empfand eine köstliche Erleichterung, und ein »Gott sei Dank« kam über meine Lippen.

Lucia hatte den Brief ebenfalls gesehen, und jetzt stellte es sich heraus, daß auch sie ebenso sehnsüchtig darauf gewartet hatte. Ihre Züge klärten sich auf.

Ich hatte den Gesandten niemals um Versetzung ersuchen wollen, zurückgehalten von dem Gedanken, daß ich ihn damit betrügen würde, allein ich hatte eine Ahnung, als ob Lucia sich heimlich darum bemühte. Auch sie erwartete davon die Befreiung, allein in anderem Sinne.

»Aus Rom?« fragte sie. »Das scheint mir was Gutes. Sieh mal rasch nach.«

»Mir scheint es auch was Gutes,« antwortete ich, während meine Hand zitterte und mein Herz klopfte. 

»Wohin?« fragte Lucia, während ich las.

»Stockholm,« antwortete ich, »mit der Beförderung zum Botschaftsrat.«

»Gott sei Dank,« sagte Lucia, »dann hat diese elende Geschichte hier ein Ende.«

Ich blickte sie eine Zeitlang unverwandt und ernsthaft an, so daß ihr freudiger Blick düsterer ward und ein Schatten sich über ihre Züge breitete.

»Die Geschichte hier hat kein Ende, Lucia, sie steht vor einem Wendepunkt. Ich gehe nicht

»Das ist nicht möglich!« rief sie aus, »du kannst es nicht abschlagen.«

»Nein, aber meine Entlassung kann ich einreichen.«

»Entlassung? Und dann?«

»In Holland bleiben.«

»In Holland? und ohne Gehalt? Von meinem Geld leben? Und auch weiterhin dieses Verhältnis haben? Nein, Vico, das kannst du von mir nicht verlangen, das ist zu arg.«

»Lucia, da ist noch etwas anderes, was ich von dir verlangen werde.«

»Und das wäre?«

»Daß du mich freigibst. Daß du mir gestattest, dieser Lüge ein Ende zu machen. Die Welt hält uns für Mann und Frau, und das sind wir nicht . . .«

»Dich freigeben? Bist du denn nicht so frei wie nur möglich? Und bleibst du nicht der Vater meiner Kinder, das Oberhaupt unserer Familie?« 

»Ich habe eine Frau, Lucia, die in wahrhaftem Sinne meine Frau ist, und die ich auch vor der Welt zu meiner Frau machen will. Ich frage dich, ob du mir dazu Gelegenheit geben willst, indem du in unsere Scheidung einwilligst.«

Da kam ihre ganze italienische Natur zum Ausbruch. Sie sprach voller Wut und Abscheu, wie ich sie noch nie zuvor an ihr gesehen, und mit lebhaften, pathetischen Gebärden.

»Dir Gelegenheit geben? Gelegenheit dazu, zu zerreißen, was Gott nicht zerreißen kann? Bist du wahnsinnig geworden. Vico? Wieviele Frauen würden wohl das tun, was ich getan habe, die tödliche Beleidigung verzeihen und ertragen? Willst du mich jetzt auch noch tiefer demütigen? Wünschest du, daß ich auf meine Rechte verzichte zugunsten jener ganz gewöhnlichen Bürgersfrau, die eine andere als ich schon längst vergiftet haben würde? Soll ich dir und ihr etwa noch zu Willen sein in dem Unrecht, das du an mir begehst, in der Schande, die du über mich und meine Kinder bringst? Geh, Vico, quäle mich nicht, denn ich liebe dich noch immer, und ich könnte dich morden. Ich habe geduldet aus Mitleid mit dir, in der Hoffnung, daß du der Sache bald überdrüssig sein und dann zu mir zurückkehren würdest. Jetzt aber, da du auch dies noch hinzufügst, jetzt willige ich in nichts mehr, in gar nichts! Eine Ehe kann nicht geschieden werden. Geh, Mann, du bist entweder wahnsinnig oder betrunken. Das würde deine einzige Entschuldigung sein.«

»Ich gehe, Lucia, aber wisse es wohl, ich gehe für immer. Du siehst mich nicht wieder.« 

»Gehst du zu ihr? Und wovon wirst du leben?«

»Ich weiß es nicht. Sicherlich nicht von deinem Gelde.«

»Und die Kinder?«

»Die Kinder werde ich gerne sehen, wenn sie mich sehen wollen. Aber das werden sie nicht wollen, dafür wirst du schon sorgen.«

»Dafür sorge ich, du wirst sie nicht sehen. Arme Kinder!«

»Sei gut zu ihnen und sage ihnen, daß sie sich so wenig wie möglich in Lügen verwirren sollen, für manche Menschen ist das etwas Qualvolles. Andere können es besser ertragen. Lebe wohl! Auf eine Aussöhnung oder einen Vergleich brauchen wir also nicht zu hoffen, nicht wahr? Niemals.«

»Niemals, das schwöre ich bei Gott und meinen unschuldigen Kindern!«

»Ich schwöre nicht, aber du brauchst nicht zu fürchten, daß ich noch irgendwelchen Versuch machen werde. Ich bitte noch heute um Urlaub und reiche dann meine Entlassung ein. Wir sehen einander nicht wieder. Verzeih mir, wenn ich dir Kummer bereitete. Ich habe es nicht schlecht gemeint.«

Ein sarkastisches Lachen.

»Ach was, nicht schlecht gemeint! Sage das Satan, wenn du vor dem ewigen Feuer stehst. Wenn du gehen willst, so gehe gleich. Und Gott sei deiner Seele gnädig.«

Da dünkte mich die Zeit gekommen, der Qual ein Ende zu bereiten. Ich packte einige wenige Habseligkeiten zusammen, ordnete meine Angelegenheiten bei der Gesandtschaft und war noch an demselben Nachmittag in E . . . Ich hatte telegraphiert: »Ich komme für immer.« Und Elsje umarmte mich am Bahnhof unter Schluchzen und Lachen, vor den Augen der Beamten. Das geschah zum erstenmal ganz offenkundig.

»Es gibt ebensoviel Grund zum weinen wie zum lachen, Elsje,« sagte ich. »Viel Geld habe ich nicht mitgebracht.«

»Ach, wir brauchen ja nur wenig, denn ich kann gut wirtschaften. Und du bist so tüchtig und so gescheit, du wirst schon wieder was verdienen können.«

»Und legitim heiraten können wir auch nicht, Lucia wird das niemals geschehen lassen.«

»Das tut nichts,« sagte Elsje, »wenn die Welt es nur wissen darf. Jetzt wirst du sehen, wie gesund ich wieder werde und wie stark.«




Meine Mutter lebte noch und wohnte in Italien. Ich schrieb ihr einen Brief, aufrichtig und sehr ernst, um ihr das Geschehene mitzuteilen. Dies gehörte zu jenen Dingen, die ich tat, um mein Verhalten vollständig zu machen, ohne jedoch an einen Erfolg dieser Handlung zu glauben. Die Antwort war derart, daß ich sie vor Elsje verbergen mußte und sie auch hier nicht niederschreiben will. Es liegt etwas Grauenvolles darin, wenn Menschen, die man als sanftmütige Wesen gekannt und geliebt hat, durch das Alter hart werden. Und für mich lag etwas noch Grauenvolleres in dem hauptsächlichsten Vorwurf meiner Mutter, daß ich, ihr einziger Sohn, für den sie ihr Leben geopfert haben würde und der die Stütze ihres Alters hätte sein sollen, jetzt ihr Leben vergifte und ihre letzten Lebenstage einsam und unglückselig gestalte. Über Elsje sprach sie mit verächtlichem, boshaftem Schimpf, wie über ein unsittliches, schamloses Scheusal, eine Teufelin, die mich durch ihre Sinnlichkeit betört und mein häusliches Glück mutwillig zerstört habe. Und dies mußte ich hören von einer, die während so langer Zeit meine Heilige gewesen war. Ich begriff, daß wir füreinander verloren waren.

Ich hatte meinen Einzug in »de Toelast« gehalten, um von dort aus meine Angelegenheiten so gut wie möglich zu ordnen und den Bruch mit meinen Vorgesetzten und meinem ganzen Wirkungskreise so korrekt wie möglich zu vollziehen.

Ich war ein fleißiger, stets dienstfertiger Arbeiter gewesen, und – was mich allenthalben beliebt machte – unschädlich, unpersönlich, ohne eine unangenehm sich aufdrängende Originalität in Meinungen und Handlungen zur Schau zu tragen. Zumal in der diplomatischen Welt ist eine kräftige Ursprünglichkeit durchaus nicht am Platz, es sei denn, daß sie sich in einer herrschenden Gestalt äußere. Und auch dann noch muß dieser Mensch mit seinen Aspirationen nicht allzu weit über den Durchschnitt der Menge hinausragen. Das meine ich in bezug auf die Aspirationen, die er in seinen Handlungen an den Tag legt, seine Privatgedanken dürfen, wenn er nur ein kräftiger Herrscher ist, abirren, wohin sie nur wollen, aufwärts oder abwärts. Gerade weil ich in meinen Privatgedanken ursprünglicher war als einer meiner Kollegen, gab es nicht die allergeringste Möglichkeit, sie in wirkende Aspirationen umzusetzen, und so blieb ich denn in der Praxis eine von niemandem gefürchtete, von einem jeden geschätzte Hilfskraft. Mein plötzliches Ausbrechen erachtete man als einen Fall, man empfand für mich noch mehr Mitleid als Verachtung. Es hieß, ich sei die Beute einer ehrgeizigen, selbstsüchtigen Frau geworden, so wie das den besten Männern widerfahren könne.

Ich bekam viele freundlich ermahnende, ernsthaft moralisierende Briefe von meinem Vorgesetzten und meinen einstigen Kollegen. Ich bemerkte, daß sie eine so gute Kraft nicht gern entbehren wollten. Man stellte sogar edelmütige Versuche an zur Errettung des armen Schiffbrüchigen. Ich aber blieb verstockt und ließ mich nicht retten und verschanzte mich gegen alle Besucher, getreulich unterstützt von Jan Baars, dessen gute holländische, hinter einem unschönen Äußern versteckte Eigenschaften ich damals schätzen lernte. Jan Baars war sozusagen der Prüfstein, der Trainer, durch den ich eine holländische Umgebung ertragen lernte. Ohne die Schule des Jan Baars würde ich mein jetziges Leben nicht ausgehalten haben. Er war ein Grobian, ein Tölpel, ein schmutziger Kerl, ein kleinstädtischer Philister, hatte jedoch allerhand gutmütige und großherzige Einfälle. Nachdem er sich erst einmal davon überzeugt hatte, daß ich es mit Elsje ehrlich meinte, half er uns durch dick und dünn und bekümmerte sich weder um Konventionen noch um Gerede, noch um Pfarrer, noch um Bürgermeister, noch um den Bäcker und seine Kunden.

Und ich habe späterhin bemerkt, daß eine holländische kleinstädtische Welt längst nicht so gefährlich ist, wie man sie in Novellen und Theaterstücken wohl manchmal schildert. Zu Anfang summt und brummt es darin wie in einem aufgescheuchten Bienenkorb. Aber wenn man ruhig seiner Wege geht und gleich dem erfahrenen Imker mit fester Hand eingreift, sich nicht fürchtet und dartut, daß man nichts Böses im Sinn hat, dann legen sich Unruhe und Erbitterung überraschend schnell, und die kleine Welt erträgt ganz ruhig das, wovon sie behauptete, daß sie es niemals dulden würde.

Da ich dies aber nicht wußte, hatte ich für Elsje ein unerträgliches Leben gefürchtet und größere Pläne geschmiedet.

»Elsje,« sagte ich einen Tag nach meiner Ankunft, »ich habe solange geschwankt, nicht nur wegen des Vielen, dem wir zu trotzen haben, sondern auch weil ich nicht wußte, wie dieser Bruch mit meiner Welt meine Werktätigkeit im Leben verbessern würde.

Ich habe zwar wohl etwas ausgerichtet, aber stets unter der Leitung anderer, und mein eigenes Wollen habe ich im Zaum gehalten und erstickt. Denn ich besaß niemals die Eigenschaften und Fähigkeiten, um meine Ursprünglichkeit zur Geltung zu bringen, Und ich fragte mich, ob ich jetzt, indem ich bei Elsje mein eigenes Glück suchte, damit auch etwas Gutes für die Welt würde tun können. Ich weiß wohl, daß Christus ruft durch das Licht des Glückes und daß wir dem höchsten Glück, dem klarsten Licht folgen sollen; aber ich wußte auch, daß wir das niemals finden können für uns selber allein, weil das höchste Glück gemeinschaftliches Glück ist. Wenn eigene Freudigkeit nicht auf irgendeine Weise ausstrahlt über die Welt, dann ist sie nicht die höchste, und mag sie auch noch so sehr locken. Und ich sah nicht, wie unser Glück für die Welt etwas bedeuten konnte. Im Gegenteil, ich sah nur ein dunkles, unreines Mißverstehen, das daraus geboren werden würde. Verstehst du mich, Elsje?«

»Ich glaube es wohl. Aber es scheint mir, als müßte es allzeit heilsam wirken, wenn die Menschen sehen, daß jemand den Mut hat, das zu tun, was er für gut und ehrlich hält, möge es auch noch soviel kosten.«

»Ja, aber Elsje, dann müssen die Menschen auch sehen und fühlen, daß er etwas Besserem zuliebe das weniger Schöne und Gute aufgibt. Und das sehen sie in unserem Fall durchaus nicht. Was mich dazu trieb, wissen sie nicht, und sie können es also auch nicht für gut und schön halten. Sie sagen: Armer Muralto, er hat Schiffbruch erlitten, er ist das Schlachtopfer einer Frau geworden, er konnte seine Leidenschaft nicht meistern, jetzt opfert er seine Zukunft und sein Glück. Und einzelne werden noch hinzufügen: seine ewige Seligkeit – wegen einer Liebeslaune, einer Amourette. Das ist für die Welt nichts Neues, das kommt häufig vor. Und auch, daß der unglückliche Verirrte sich selber dann noch betrügt und sich weismacht, er tue das alles aus edlen Motiven, und einer schönen und gerechten Sache zuliebe. Auch das ist etwas sehr Alltägliches, denn kein Mensch sündigt tatsächlich in seinen eigenen Augen, ein jeder hält seine Torheiten für weise, und der Mensch versteht sich auf keine Kunst besser als auf die, sich selber zu betrügen.«

»Armer, lieber Mann,« sagte Elsje, jetzt zum erstenmal erschrocken durch den rechten Begriff des Verhaltens der Welt meiner Handlungsweise gegenüber.

»Und die Welt hat meistens ganz recht. Sie muß den ausstoßen, der den Verband der Herde bedroht, denn auf diesem Verband beruht ihre Erhaltung, der ist heilig, geweiht, tabu, wie die Polynesier sagen. Und sie kann auch unmöglich jeden einzelnen Fall untersuchen und feststellen, ob der »Losbrecher« vielleicht ein treuer Nachfolger Christi ist, ein echter Ursprünglicher, oder ganz einfach ein exzentrischer Tor oder Schwächling. Das muß der Losbrecher selber beweisen dem Urteil der Welt zum Trotz. Verstehst du mich wohl?«

»Nein,« sagte Elsje, »ich glaube, nicht so recht. Ich weiß noch nicht, ob du es gut findest oder nicht.«

»Das will ich dir sagen. Die Menschheit besteht aus zwei hauptsächlichen Arten: aus Herdenmenschen und aus Losbrechern. Und Christus braucht beide. Die Herdenmenschen bilden die mächtige Einheit, durch die er lebt, das ist sein großer, organischer Körper, dessen Zellen die Individuen bilden. Je besser die zusammenhängen, um so stärker, mächtiger, schöner wird seine Einheit, sein weit über unsere Begriffe erhabener Verstand. Daher ist der Verband der Gruppen heilig und gut, und jeder Störung wird nach Kräften gewehrt. Aber Christus wächst, die Menschheit ist noch nicht zu vollem Wachstum gelangt und der Verband ist noch unvollkommen, mangelhaft. Der Baum treibt immerfort neue Zweige, durchbricht die alte Rinde, sendet neue Schößlinge aus. Dazu sind die einzelnen Zellen da, die den alten Verband sprengen und den Kern einer neuen, besseren Organisation formen. Auch unser Körper hat zwei hauptsächliche Arten von Zellen, aus denen die Organe aufgebaut sind, und die Keimzellen, aus denen neue Organismen gebildet werden sollen. Die Keimzellen in dem Körper Christi, das sind die Losbrecher, die Ursprünglichen, die den Gruppenverband nicht mehr dulden und unmittelbar durch den Urverstand der Menschheit, durch Christi Stimme selber gerufen und geführt werden. Aber das müssen dann auch sehr starke, sehr geduldige, zu schwerem Tragen und standhaftem Kämpfen geschaffene Menschen sein. Die Welt muß sie hassen und verfolgen und so möglich vernichten. Denn nur sie, die dem Prozeß der Verfolgung und Vernichtung widerstehen können, sind die rechten, wahren, von Christus Erwählten, die imstande sind, einen neuen und besseren Verband zu begründen. Darum ist es gut, ein Herdenmensch zu sein und den bestehenden Verband, die bestehende Ordnung, wie man zu sagen pflegt, zu respektieren, wenn man nur dazu die Kraft besitzt und zu mehr nicht. Aber es ist gut, die Ordnung zu durchbrechen, wenn man sich dazu durch das innerliche Licht Christi, durch die wahre Erkenntnis, durch das feste Wahrheitsbewußtsein getrieben fühlt und zugleich weiß, ganz gewiß weiß, daß man die Kräfte und die Fähigkeiten besitzt, zu tragen und zu kämpfen, der unvermeidlichen Feindschaft der Welt zu trotzen, ihren Haß und ihre Verfolgung zu überleben und es durch die Tat zu beweisen, daß man ein gutes Recht hatte, seine eigenen Wege zu gehen und ursprünglich zu sein. Es ist nicht gerecht, die Welt zu tadeln und die Märtyrer zu verherrlichen. Christus will keine Märtyrer, er will Überwindende, Triumphierende, Ursprüngliche. Die Geduld der Märtyrer ist eine Tugend, die er den Ursprünglichen, seinen Bevorrechteten, mitgibt, aber eine Tugend, die zum Siege führen soll, nicht zum Unterliegen, und eine Tugend, die nicht um ihrer selbst, sondern um des Sieges willen erstrebt werden soll. Die Welt straft nach Verdienst den, der losbricht aus dem Verbande und seine Macht zum Ausharren und Siegen überschätzt hat.«

»Also wird mein lieber Mann kein Märtyrer,« sagte Elsje, wie allzeit praktisch und konsequent.

»Wenn er es hindern kann, nicht. Wenn ich vor Christus hinträte, einzig mit einer Dornenkrone, würde er dann nicht fragen dürfen: Wo ist dein Evangelium? und was für Freude hast du durch deinen Schmerz für meine Welt erkauft? Wir handeln mit seiner Ware, Elsje, mit Christi Ware, unser Schmerz ist sein Schmerz, unsere Freude ist seine Freude, und nichts dürfen wir um nichts verschleudern. Sogar der Christus aus dem Bibeldrama hat seine freudige Botschaft zu teuer erkauft. Der wahre Preis für seine Dornenkrone ist noch immer nicht bezahlt, die Botschaft ist da, aber die Freude muß noch kommen. Wenngleich sein Reich nicht von dieser Welt ist, so würde die Freude jenes Reiches doch auch diese Welt erleuchten, so daß wir alle daran glauben könnten. Aber aus solch schlechtem Material, aus dem die Menschenwelt jetzt noch besteht, wird kein himmlisches Freudenreich erbaut. Ich habe nicht umsonst unterliegen wollen, und auch jetzt noch will ich Elsje nicht umsonst opfern. Darum habe ich so lange geschwankt, denn ich weiß, wie schwach ich bin und wie wenig ich ausrichten kann für Christus. Verstehe mich wohl, Elsje, ich will diese ehrliche Rechnung nicht für mich, sondern um Christi willen, in dem ich lebe. Ich will wohl mit eigenem Leid bezahlen, was Christus zugute kommt. Denn sein Gut ist auch mein Gut. Aber nichts umsonst.«

»Aber du bist doch stark, und du weißt so viel, und du kannst so viel tun für die Welt,« sagte Elsje mit ihrem reizenden Stolz.

»Mir gehen gerade die Eigenschaften ab, die man am nötigsten braucht, will man sich als ein Ursprünglicher zur Geltung bringen. Ich kann nicht reden, nicht dichten, nicht lenken, nicht organisieren, nicht komponieren, nicht für die Bühne schreiben. Das einzige, was ich besitze, ist Geduld, Einsicht und Überzeugung.«

»Aber dann kannst du diese Überzeugung doch andern mitteilen, damit sie dir helfen.«

»Sieh, Elsje, bevor ich mich losriß, zweifelte ich daran. Jetzt aber sehe ich es besser, wie Christus in mir arbeitet. Sobald man ihm einen Schritt entgegen macht, und sei es auch im Stockfinstern, dann erhellt er einem die beiden nächsten Schritte. Dadurch, daß mein Herz um soviel freier geworden und daß ich mich mit dir, liebes Elsje, so frei ausgesprochen, ist mir vieles klarer geworden. Ich glaube, daß ich in dieser Welt doch etwas ausrichten kann. Und ich fühle, daß ich danach trachten muß. Und wenn es mir auch nicht glückt, so bin ich doch sicher, daß ich damit etwas erreichen werde, das wert sein wird, dafür zu kämpfen und zu bluten, Willst du mich stützen? Willst du mir helfen? Willst du das wagen, was ich wage?«

Da umschlang Elsje mich mit ihren beiden Armen und rief voller Freude: »O, mein Mann, was würde ich wohl nicht wagen, solange du bei mir bist? Wohin geht die Fahrt? und wann? Ich bin bereit, und sollte es morgen sein.«

»Es ist nicht morgen, aber übermorgen. Und die Fahrt geht übers große Wasser, nach dem neuen Lande, wo das neue Leben am heftigsten wühlt und braust und gährt.«

»Nach Amerika?« 

»Ja, Elsje. Ist dir das recht? Wir wollen den bösen holländischen Zungen entfliehen und der qualvollen Nähe meines alten Lebenskreises. Wir wollen uns nicht in irgendeinen Winkel vergraben, sondern uns mitten in das wühlende Leben, mitten in die intensiv wachsende Menschenwelt stellen. Dort werde ich es am besten gewahr werden, was man von der Menschheit zu erhoffen hat, am besten es vermuten, was Christus mit uns vorhat und was er von mir erwartet. Wenn ich irgendwo etwas ausrichten kann, so ist es dort. Ich weiß es, denn ich kenne das Land und das Volk, wenngleich ich auch noch nicht so recht weiß, wie ich es anstellen soll.«

Elsje blickte ernsthaft und sinnend vor sich hin. Nicht verstört oder eingeschüchtert durch die Voraussicht, sondern wie in einem Wirrsal neuer, überwältigender Bilder befangen, Dann fragte sie schüchtern:

»Und wird dort in jenem Feldzug dann noch Platz sein und Zeit für ein kleines, friedliches Heim und für ein kleines, zartes Kindchen?«

»Warum nicht, Elsje? Es gibt auch dort ruhige Wohnungen, und es werden auch dort viel zarte Kindlein geboren. Der Kampf währt ja nicht immer und immerfort.«

»Ich werde dafür sorgen, daß ich bereit bin,« sagte Elsje.

Und sie war es, zur rechten Zeit. 




Wir standen auf dem Deck des großen transatlantischen Dampfers, und unsere farbendurstigen Augen tranken das reiche Bild von Irlands Klippen und Hügeln, über dem ruhigen Meer, unter schwerem Regenhimmel. Dunkel-purpurnfahle, hellgraue und weiße Regenwolken zur Seite, über uns ein klares, durchsichtiges Blau, ein kurzes Fragment eines Regenbogens, der sich spannte über dem hellen, smaragdgrünen Meer, dem fahlbraunen und mattgrünen Land mit den kleinen, weißen Häuschen bis an das schwarze Grau der Wolke, die im Regendunst verschwamm und auf der die hellen Farben leuchtend glänzten. Tausende weißer Möven rings um das Schiff, ein wimmelnder, in dem grellen Sonnenlicht glitzernder, sich scharf von dem dunklen Wolkenhintergrund abhebender lebendiger Schneesturm mit unaufhörlichem lautem Schreien und Kreischen.

»Das Zeichen der Vereinigung,« sagte ich, indem ich auf den Regenbogen wies.

»Glaubst du wirklich. Vico, daß Gott den Menschen solche Zeichen gibt?«

»Was verstehst du unter »Gott«, Elsje?« Elsje blickte mich mit sinnender Verwunderung an.

»Glaubst du denn nur an Christus und nicht an Gott?«

»Wenn ich ein Wort gebrauche, so will ich damit etwas zu verstehen geben. Nach langen Jahren der Wahrnehmung und des Denkens fange ich an, wenn ich Christus sage, damit etwas mehr oder weniger deutlich zu meinen, Warum? Weil ich von Christus soviel Zeichen erhielt, sinnliche und innerliche, daß ich eine lebende Idee daraus zu bilden vermag, keine Vorstellung, kein Bildnis, sondern eine Idee; etwas, das die Professoren eine Hypothese nennen und woran man glauben muß, so wie jeder Gelehrte an seine Hypothese glauben muß, ohne absolute Gewißheit, aber mit einer immerfort näher und näher rückenden Wahrscheinlichkeit, so daß man Prophezeiungen machen und die durch Erfahrungen bestätigt sehen kann. Das ist der Glaube, dessen die Dichter und die Gelehrten, die Ursprünglichen und die Herdenmenschen, alle gleichmäßig bedürfen.«

»Und gibt Gott denn nicht solche Zeichen?« fragte Elsje.

»Geduld, mein Kind, erst kommen die Zeichen und dann kommen die Schlußfolgerungen. Ich sehe hier ein prächtiges, segensreiches, trostvolles Bild. Das ist ein Zeichen, Aber wovon? und von wem? von einem höheren Wesen als Christus? Gewiß. Denn Erde und Sonne, die dies Zeichen machten, sind mehr als die Menschheit. Aber unsere innerliche Wahrnehmung kennt Eindrücke, die hinweisen auf ein allerhöchstes Wesen, auf die Allmacht, die Sonne und Erde und alle Sterne schuf und der alles unterworfen ist. Wie wir auch denken, wir müssen allzeit zu solch einem Wesen gelangen, wir können nicht anders, mögen wir es nun Natur oder Gott oder sonstwie nennen, oder besser noch, es völlig unbenannt lassen.«

»Ja, aber,« sagte Elsje, »Gott ist für mich, gleichwie Christus, ein lebendes, empfindendes, liebendes Wesen. Und Natur, Sonne und Erde – das alles ist doch nicht lebend und empfindend.«

»Liebes Elsje, noch zu Anfang dieses Jahrhunderts, noch bevor die Professoren ihre unmögliche Hypothese von einer toten Materie und einer unbeseelten Natur ausgedacht hatten, gab es einen Dichter, der mit ein paar Worten die Weisheit umschrieb, die die Professoren vergessen haben und deren sie sich von neuem werden entsinnen müssen, bevor wir um ein halbes Jahrhundert weitergerückt sind. Jener Dichter hieß Shelley, und als er kaum zwanzig Jahre alt war, schrieb er:

»Of all this varied and eternal world
Soul is the only element . . .
The moveless pillar of a mountains weight
is active spirit. Every grain
is sentient both in Unity and part
;And the minutest atom comprehends
a world of loves and hatreds.«

Behalte diese Worte gut, Elsje. Ich werde sie dir noch einmal vorsagen und sie dir übersetzen.«

Und also tat ich, denn Elsje hatte das Englisch, das sie konnte, nur von mir gelernt. Da sprach ich:

»Diese Worte kommen aus der stärksten und herrlichsten ursprünglichen Seele, die die Welt nach dem Dichter des Jesusdramas hervorgebracht hat, und jedes Kind sollte sie lernen, das wäre notwendiger als das Einmaleins und das Vaterunser. 

Die Welt hat den, der sie erdacht, einen Gottesleugner genannt, ebenso wie Spinoza. Aber die ganze moderne Naturwissenschaft kann nur durch diese Worte zu Gott, das heißt zur Wahrheit zurückgeführt werden.«

»Ist denn dies wunderbare Schauspiel ein Lebenszeichen der Erde und der Sonne?« fragte Elsje.

»Natürlich,« sagte ich. »Aber es wird noch lange dauern, bis wir solch ein äußerliches Zeichen verstehen. Das einzige, was wir daraus verstehen, ist: Pracht, Schönheit, Erhabenheit. Das sind auch die Merkmale alles Göttlichen. Aber die näheren Beziehungen zu unseren inneren Empfindungen der Liebe und des Glückes verstehen wir nicht.«

»Und Gott?« fragte meine Frau.

»Alle äußeren Zeichen, die ich gesehen habe, deuten auf die Wirkung beschränkter, unvollkommener Wesen oder Gottheiten hin. So wie die Menschheit, die Pflanzen und Tiere, die Himmelskörper. Aber sie alle scheinen zu wirken durch eine Macht, die fest und unwandelbar ist. Ihre Zeichen nennen die Gelehrten »Naturgesetze«, so wie das Gesetz der Schwerkraft und alle chemischen und physischen Gesetze. Nur sie können Lebenszeichen der Allmacht sein. Und noch sind wir dessen nicht gewiß, daß diese von der allerhöchsten Macht stammen. Wir wissen aus innerlichem Bewußtsein, daß das allerhöchste Leben kein Ende haben, daß es nicht zeitlich sein kann. Aber die sinnlichen Zeichen des allerhöchsten Lebens sind, unserer mangelhaften Wahrnehmung zufolge, zeitlich, und weisen auf ein Ende hin. Das All, das wir wahrnehmen, ist kein Perpetuum mobile, kein Kreislauf. Die Bewegungsgesetze, die wir kennen, laufen auf den Stillstand hinaus. Oder, wie die Gelehrten sagen: es gibt eine zunehmende Entropie und es gibt unumkehrbare Prozesse. Das befriedigt nicht unser innerliches Bewußtsein vom allerhöchsten Leben. Das muß ein örtlicher, zeitlicher, beschränkter Zustand sein. Wir wissen unumstößlich fest, daß das höchste Leben mehr ist, und wir werden auch davon die wahrnehmbaren Zeichen entdecken.«

Neben uns standen die Passagiere der zweiten Klasse des großen Auswandererschiffes und schauten über die Verschanzung nach dem letzten Lande Europas und versuchten vergebens, etwas von unserem Gespräch aufzufangen, das wir leise und in unserer ihnen fremden Sprache führten. Kleine, dunkle, slavische Frauen mit buntfarbigen Tüchern um den Kopf und Kindern auf dem Arm, Polen mit schäbigen Röcken und Astrachanmützen, große, blonde Skandinavier mit breiten Kiefern und kaltblütiger Geduld, kleine, stämmige Italiener mit Filzhüten und farbigen Schlipsen, eine Schar fahlbrauner Siamesen, Jongleure oder Gymnasten mit flachen, goldgestickten Mützen und abgespannten, unlustigen, durch Kälte und Seekrankheit entfärbten Gesichtern. Und zwischen dieser schmutzigen, schwatzenden, Nüsse und Apfelsinen verzehrenden, ab und zu Musik machenden und würfelnden Menschengruppe, die halb abgestumpft und betäubt war von dem durchlittenen, zumeist bitteren und rastlosen Lebenskampf, die unbestimmte Hoffnung auf zukünftige Reichtümer und Freude im Blick – sah ich meine liebe, zarte Frau mit ihren jetzt dunkel umschatteten, aber innig und freudig dreinschauenden Augen und den feinen, blassen Zügen – und zwischen dem Singen, dem Essen, dem Schwatzen, dem Würfeln wuchs unser feines, leises Gespräch wie eine fremde, exotische Pflanze zwischen Scherben. Allein Elsje beschämte meinen falschen Stolz und versuchte, heiter und dienstfertig, sich diesem von überallher zusammengeströmten Häuflein Menschen auf allerlei Weise verständlich zu machen in der überströmenden Freude ihres neuen Lebens. Ich selbst war wenig heiter gestimmt, eher tiefernst und traurig, wenngleich von jener reichen und sanften Trübsal erfüllt, die zu erhabenen Gedanken führt. Zumal die Erinnerung an meine Kinder konnte mich stundenlang tief niedergeschlagen und still machen. Wenn ich mir vorstellte, daß sie erkrankten oder über meine Abwesenheit weinten, dann war es mir, als würde mein innerstes Gemüt aufgerissen, als wühlten fremde Hände in den Eingeweiden meiner Seele. Ich hatte nichts von ihnen gehört vor meiner Abreise, nur ein kurzes, trostreiches Wort von meiner zweiten Tochter, dem drittältesten meiner Kinder, einem stillen, sanftmütigen, sechzehnjährigen Mädchen. Sie schrieb auf italienisch: »Mein lieber Vater, ich weiß nicht, warum du fortgegangen bist, und ich wage es nicht, die Mutter danach zu fragen oder die andern, denn die wissen es nicht recht und sind Dir böse und wollen nicht von Dir sprechen. Aber ich will denken, daß es nicht anders möglich war, und Dir sagen, daß ich nicht böse bin. Antworte mir nur lieber nicht, die Mutter würde es nicht gern sehen, Deine Dich liebende Tochter Emilie.«

Angesichts dieses Briefleins ist auch mein Kummer in Tränen ausgebrochen, doch es waren keine Tränen der Reue, sondern die einer unüberwindlichen Wehmut. In solchen Augenblicken schonte Elsje mein Gefühl mit einer heiligen Ehrfurcht, für die ich ihr unaussprechlich dankbar bin, Sie empfand, daß sie darin weder helfen noch trösten könne.

Die ersten stürmischen Tage in den europäischen Gewässern waren die schlimmsten. Da empfand ich gar schwer meine Armut, weil ich Elsje zwischen diesem oft unsaubern und derben Volk leben lassen mußte, in der dumpfigen Schiffsatmosphäre, voll mit Kranken, in den Kojen, die nur durch kleine Vorhänge voneinander getrennt waren, mit der dürftigen Wascheinrichtung und dem Mangel an alledem, was ich ihr so gern gegeben hätte: Schönheit, Sauberkeit, Komfort. Aber Elsie klagte nicht, sondern fügte sich in alles, und war dabei stets gut gelaunt und außerordentlich findig.

Endlich kamen die warmen, durchsichtigen, tiefdunkel-violettblauen Gewässer des Golfstromes, und die Sonne begann erquickend zu scheinen, und das sorglose Völkchen musizierte und tanzte auf Deck. Da ward es auch für uns besser, und wir saßen stundenlang Hand in Hand und starrten auf das prächtige Farbenspiel der Wogen, bläulichschwarz, hellblau-siedend und schneeweiß-aufschäumend. Hin und wieder sprachen wir leise über die großen Dinge, die unablässig unsere Gedanken erfüllten. Denn wir fühlten, daß nur diese großen Dinge unsere Rechtfertigung und unsere Gemütsruhe in sich bargen.

»Lieber Mann, du hast mich viel Wahres und viel Trostvolles gelehrt,« sagte Elsje, »aber dennoch will es mir oftmals scheinen, als habest du mir Gott sehr ferngerückt. Dieses schöne, grausame, entsetzliche Meer als ein denkendes und fühlendes Wesen zu wissen, ist schon angstvoll vor tiefer Unbegreiflichkeit. Und dann auch noch die Sonne und die Sterne!«

»Es ist aber dennoch gut, Elsje, die Wahrheit nicht verbergen zu wollen, möge sie auch beklemmend sein. Innerlich bleibt Gott ebenso nahe, da gibt es kein ferner oder näher. Und Christus habe ich dir doch wohl nähergebracht.«

»Ja, aber du hast ihn auch seiner Vollkommenheit entkleidet.«

»Gewiß, und dadurch habe ich ihn inniger, vertrauter und wahrhaftiger gemacht. Solange wir noch Kinder sind, halten wir Vater und Mutter für vollkommen. Damit tun wir ihnen unrecht. Später sehen wir dann ein, daß sie zwar über uns stehen, aber daß sie doch auch ihre Fehler haben. Und wenn wir sie dann lieben können mit ihren Fehlern und allem, was an ihnen ist, dann erst sind sie uns so recht lieb und vertraut. Es ist eine törichte, kindliche Neigung, in allem, was über uns steht, stets Vollkommenheit zu erwarten und zu verlangen. Der Bibel-Jesus sagte ganz mit Recht, es gäbe nur eine vollkommene Güte, ich füge hinzu, daß es nur ein Ich gibt und ein Gedächtnis. Und dann erst wird die Menschheit Christo zu der reinen Seligkeit folgen können, wenn sie es empfinden lernt, daß es unbegreifliche Erhabenheit und Überlegenheit geben kann ohne Vollkommenheit. Daß es auch Mängel geben kann in der Macht, die ihn erschaffen hat und in der er lebt. Daß es noch unendlich viel höhere Wesen gibt, alle über ihm stehend und mächtig und weise und weit über seine Begriffe erhaben, und alle doch auch wieder gering und unvollkommen und schwach in der Macht eines Allerhöchsten, der allen gleich nahesteht, alle gleich innig durchdringt.«




Überraschungen will ich dir nicht bereiten, lieber Leser, und Spannungen darfst du in meiner Lebensgeschichte nicht erwarten. Elsjes Herkunft ist mir allzeit unbekannt geblieben und das schöne Romanmotiv ihrer Findlingsschaft bleibt unverwertet. Für solcherlei Dinge hast du deine gefüllten Leihbibliotheken und Herrn Conan Doyle und Genossen.

So will ich denn auch lieber gleich berichten, daß meine Fahrt nach Amerika auf etwas hinausging, das ein jeder und auch ich selber anfangs als einen völligen Mißerfolg bezeichnen mußte. 

Ich möchte es aber doch recht klar machen, daß es dem Menschen so gehen kann wie einem Soldaten, der den Befehl erhalten hat, einen Posten zu verteidigen ohne zu wissen, daß dieser Posten sich nicht verteidigen läßt, und der, seinem Befehl getreu, ausharrt, währenddessen er bemerkt, daß der Versuch hoffnungslos mißglückt, um späterhin zu vernehmen, daß das Ausharren und Mißglücken in dem großen Plan des Feldherrn vorgesehen war und zum Siege und zum Frieden mit beigetragen hat.

Es ist möglich, daß mein Wirken, ungeachtet des gegenteiligen Scheines, dennoch segensreich und fruchtbar gewesen ist, daß ich Saaten ausgestreut habe, die noch im Keimen begriffen sind und die erst lange nach meinem Verschwinden als kleine Pflanzen emporschießen werden. Ich weiß es nicht und es braucht mich nicht zu kümmern. Ich habe den Auftrag, so wie ich ihn verstanden, nach meinem besten Können ausgeführt. Aber ich weiß wohl, welche neue Kenntnis, welch neuen Begriff ich erlangt habe. Und damit bin ich so reich geworden, daß ich keine der geleisteten Aufopferungen bereue noch auch irgendeine der verrichteten Taten. Und schon dadurch allein finde ich Freude und Befriedigung in diesem stillen, verlassenen Leben, weil ich jetzt das niederschreiben kann, was mich so sehr bewegt und entzückt hat und weil mich niemals die Sicherheit verläßt, daß meine Worte ihren Weg finden und wie ein mächtiges Ferment weiterarbeiten werden in den Köpfen derer, die gleich dir, lieber Leser, den schmerzvollen Segen der Ursprünglichkeit kennen und die wissen, was es heißt, in unmittelbarem Kontakt mit Christus, der Stammseele der Menschheit, zu leben.

Durch all den düsteren Wirrwarr meiner vergeblichen Handlungen und schmerzlichen Erfahrungen, durch den anhaltenden fürchterlichen Schmerz des noch allzeit wachsenden Schönheits- und Erhabenheits-armen Menschentums erglänzte ein Licht mit stets festerem und klarerem Glanz: das Wunder der wahrhaften Ehe.

Dies ist so schwer zu beschreiben, weil ein jeder behauptet, es zu kennen und zu verehren, und weil die unechte Beredsamkeit und die unechte Begeisterung sich in ungezügelten Strömen darüber ergossen haben, so daß man sich davor scheut, ein Wort zu gebrauchen, durch das das wahre Wunder angedeutet wird, weil alle Worte beschmutzt sind und besudelt durch einen abscheulichen Mißbrauch.

Das wahre Wunder ist so groß, daß der ursprüngliche Mensch, der es gefunden hat, so er die Macht dazu besäße, keinen Augenblick zögern würde, alles häusliche Glück, allen häuslichen Frieden unter der großen Menschenherde zu zerstören, solange die einzig und allein auf einer konventionellen Nachahmung, einem jämmerlichen Surrogat der wahrhaften Herrlichkeit beruhen. Ich habe gelebt unter Verhältnissen, die aller Welt wie eine glückliche Ehe erschienen. Ich habe die entsetzlichen Qualen des gewaltsamen Zerreißens von festen Anhänglichkeits- und Neigungsbanden verspürt – aber wie nichtig ist das alles, wie traurig dieses Scheinglück, wie unbedeutend die Schmerzen im Vergleich zu dem Mächtigen und Gewaltigen, das erlangt ward, im Vergleich zu der vollen Zärtlichkeit der echten Vertraulichkeit, der wahrhaften ehelichen Liebe, der vollkommenen Verschmelzung zweier Zellen des großen Körpers der Menschheit.

Ich habe allen Grund, anzunehmen, daß die meisten, o weitaus die meisten Ehen minderwertig sind und falscher als meine eigene falsche Ehe. Und auch, daß in dieser Angelegenheit den meisten, o weitaus den meisten Menschen die ursprüngliche Empfänglichkeit für das wahre eheliche Glück noch angeboren ist, ja daß sogar der schwächste Mode- und Herdenmensch in dieser Hinsicht zu der tiefen Ursprünglichkeit zurückkehren würde, so man ihm dazu die Freiheit ließe – daß Christus bei der Mehrheit hierin noch unmittelbar wirkt, weil sie den tiefsten, stärksten Trieb darstellt, mit dem Er uns ausgerüstet hat.

Und ungeachtet des klaren Ausblickes auf den Ozean von Leid, Verwirrung und Unheil, der entstehen würde, wenn die Herde dazu gelangte, der Leitung der Ursprünglichen zu folgen und alle unechten Bande in fanatischem Eifer zu sprengen – ungeachtet dieses Schauder erregenden Wissens würde ich nicht zögern, sie zu solch einem Kreuzzug gegen die eheliche Lüge anzuspornen, seit ich die Glorie und den Reichtum des wieder zu erobernden gelobten Landes kenne. Viele würden unterwegs umkommen und verschmachten, viele würden zugrunde gehen und vielleicht meinen Namen verfluchen und das verwünschen, was sie begonnen, allein der Preis ist des Opfers wert. Die Ehe ist sicherlich etwas Heiliges, eines der heiligsten menschlichen Dinge, aber nur geheiligt durch innerliche Wahrhaftigkeit, und kein bürgerlicher oder kirchlicher Ritus kann sie heiligen, so ihr die innere Wahrheit mangelt. Und besser ist es, daß Tausende falscher Ehen zerrissen und zerbrochen werden, als daß eine echte Ehe verhindert oder eine unechte mit dem Schein der Echtheit und Heiligkeit aufrecht erhalten wird.

Allein Christus lebt noch in Not und Schmerzen. Er ist noch in den Geburtswehen, in dem Schmerz des Wachstums. Unsere Welt ist, wie mein Bruder Hebbel sagte, eine Wunde Gottes. Aber ich füge hinzu: eine heilende Wunde. Darum nicht minder schmerzlich. Und was die echte Ehe von der unechten unterscheidet, das ist gerade ihre Schmerzhaftigkeit.

Niemals habe ich durch Lucia das gelitten, was ich durch Elsje litt. In dem Scheinglück liegt Zufriedenheit und Befriedigung, in dem wahrhaftigen ein ewiges, nagendes und folterndes Verlangen, ein Mehrwollen, mehr – mehr sich äußern, inniger sich vereinen, fester und unverbrüchlicher mit dem Ewigen verbunden sein wollen. Elsje und ich, wir wurden beständig gequält durch unsere Machtlosigkeit, uns gegenseitig die ganze Fülle unseres Gefühls klarzumachen, durch unsere Sorge um die Wohlfahrt und das Glück des andern, durch unsere Ungewißheit hinsichtlich dessen, was Leben und Tod uns bringen würde, durch unsern Wunsch, niemals getrennt zu werden und den Segen unseres Beisammenseins unablässig zu genießen. 

Sogar wenn ich in den ruhigsten, friedlichsten Augenblicken bei ihr saß und sie aufmerksam anschaute, so daß ich der Worte Mörikes gedachte:

Wenn ich von deinem Anschaun tief gestillt

Mich ganz mit deinem heilgen Wert begnüge . . .

auch dann noch war in meiner Liebe etwas Geheimnisvoll-Zärtlich-Schmerzliches, das außerhalb aller Erwägungen und Sorgen hinsichtlich Gegenwart und Zukunft lag – wie ein feiner, niemals ganz dahinsterbender Widerhall des großen Weltenleides. Und dadurch wußte ich, daß unser Liebesleben eins war mit dem großen Liebesleben Christi, – an der Färbung des Schmerzes in unseren Lebensbächen erkannte ich das Wasser aus dem Weltenstrom.

Einen wohlausgearbeiteten Plan für meinen Feldzug durch das neue Land unter dem neuen Volk hatte ich nicht entworfen. Ich hatte ein paar tausend Gulden, die mein eigen waren, und ein paar hundert von Elsje. Damit wollten wir äußerst sparsam umgehen. Wir hatten die billigste Überfahrt gewählt und würden hier einfach wohnen. Ich hoffte leben zu können, bis ich ein Existenzmittel und ein Terrain für meine Wirksamkeit gefunden. Ich hatte genug Bekannte in den angesehensten Kreisen, wußte aber wohl, wie wenig von ihnen zu erwarten war. Dennoch mußte ich versuchen, unter ihnen die einzelnen herauszufinden, die für ursprüngliche Gedanken empfänglich waren und die die Fähigkeit besaßen, sie in die Tat umzusetzen. 

Meine Überlegung ging dahin: daß alle Individuen in einem mauerfesten Gruppenverband von Sitten, Traditionen und Institutionen leben, die völlig außerhalb ihres vernünftigen Willens entstanden sind und sich in den meisten Fällen mit ihrer tieferen Überzeugung im Widerstreit befinden. Daß sie so leben, ist die Folge ihrer Art und ihres Charakters als Gruppenwesen. Sie können nicht anders und dürfen nicht anders. Kein Individuum kann abgesondert leben, es bedarf einer Gruppe oder eines Grüppchens, wie klein das auch sein möge, dessen Ideen, Gewohnheiten und Sitten es teilt. Es ist vollkommen vergeblich und fruchtlos, es durch logische Verstandesargumente aus jenem Verband losreißen zu wollen. Wenn gleich es logisch nichts gegen solche Argumente vorbringen kann, wenngleich das System, in dem es lebt, seiner ursprünglichen Veranlagung durchaus widerstrebt, so muß es darin verharren, weil es sonst verwildern würde, und es wird seine Meinungen und Empfindungen lieber total fälschen und verdrehen, als daß es der Stimme der Herde, in der es seine Lebensbedingungen findet, ungehorsam würde.

Allein diese Gruppenideen und diese Gruppenbildungen ändern sich dauernd. Nicht unter dem Einfluß der Herde, die nicht selbständig urteilen darf, da sonst keinerlei Verband möglich wäre. Die Kraft der Gruppe hängt ab von dem Gehorsam, den die Glieder der Stimme der Herde darbringen. Dächten und handelten die Glieder selbständig, so könnten sie als Gruppe nicht bestehen. Allein die Gruppenbildung wandelt sich unter dem Einfluß einzelner Individuen, die ursprünglich genug sind, um die Stimme der Menschheit selber, die Stimme Christi zu verstehen, und mächtig genug, um die Gefolgschaft der Herde zu erzwingen. Und der Einfluß dieser wenigen wird stärker sein, je mehr ihre ursprünglichen Ideen den Gruppenideen verwandt sind. Alle Gruppenmitglieder empfinden etwas von dem Ursprünglichen, von dem Urverstand der Menschheit, sie stehen alle noch in Verbindung mit unserer Stammseele, obwohl lange nicht so nahe und innig wie die wenigen Ursprünglichen. Wenn nun das ursprüngliche Individuum allzu ursprünglich ist, so folgt die Herde ihm nicht, sondern haßt und vernichtet es. Das ist der Märtyrer, der Mensch, der »seiner Zeit zu weit voraus eilt«. Wird aber die Ursprünglichkeit des einzelnen Individuums von der Herde anerkannt, so folgt sie und ehrt und respektiert und huldigt später mit Lobreden und Monumenten. Und um so früher, wenn der »Ursprüngliche« eine persönliche suggestive Macht besitzt und durch irgendein erstaunliches Talent imponiert, möge es nun organisatorisch, dramatisch oder musikalisch sein. Indessen hat dieser Führer und Bahnbrecher nichts anderes getan, als daß er die äußere Organisation mit dem inneren Leben der Menschheit, dem Wesen Christi selber, in engeren Kontakt brachte. Diese Erwägung veranlaßte mich dazu, nach einem Mann zu suchen, der intelligent und selbständig genug sei, um meine Gedanken in sich aufzunehmen, der aber zugleich in seinen Empfindungen und Neigungen der Herde um vieles näher stünde als ich, auf daß er einen Einfluß ausüben könne. Dabei mußte es ein Mensch sein, umkleidet mit dem Nimbus, den diese oder jene außergewöhnliche Eigenschaft verleiht, Gelehrsamkeit oder, besser noch, ein organisatorisches Talent, und begabt mit der suggestiven Fähigkeit, dem sicheren Auftreten, der Herrschermacht, die die Herde nicht nur duldet, sondern sogar fordert.

Ein Mittler also zwischen mir, dem allzu Ursprünglichen und praktisch Untüchtigen, für den ein Versuch, sich geltend zu machen, ein unnützes Martyrium bedeuten würde, und der Herde, die in ihrer Unursprünglichkeit des umsetzenden Ferments meiner Ideen doch gar so sehr bedarf.

Bevor wir uns der amerikanischen Küste näherten, hatte ich eine Wahl getroffen unter denjenigen Personen, die mir für meine Zwecke geeignet erschienen. Ich will den Mann Richter Elkinson nennen, indem ich seinen wahren Namen verschweige, da er noch lebt und die Aufmerksamkeit der Menge auf ihn gerichtet ist. Er war Gouverneur seines Staates gewesen und bei meiner Ankunft Mitglied des Bundesgerichtshofes, des obersten Kollegiums der Vereinigten Staaten, dessen Urteilssprüche ausschlaggebend sind und das nur die zuverlässigsten und gesuchtesten Männer des mächtigen Reiches als Mitglieder aufnimmt.

Es war ein klarer, kalter Tag, als wir den Hudson hinauf dampften und die weißen Häuserblocks der Riesenstadt aus der Mitte des breiten, gelbgrauen Flusses emporsteigen sahen. Ein frischer Frostwind wehte vom blauen Himmel, und die kleinen tapferen Schlepper, die, auf dem unruhigen Wasser schwankend, unter heiseren Sirenenpfiffen rasch zwischen den großen Schiffen hindurchschossen, gleich auf Beute ausgehenden Seeungeheuern, waren durch das spritzende Wasser mit einer Eiskruste bedeckt.

Auf ihrer in die breite Flußmündung länglich vorgestreckten Insel lag die gewaltige Stadt, ein Konglomerat von dicht aufeinandergepackten Häusern, gleichsam dem Meer entgegengestaut, Block an Block, so daß die hohen Steinmassen an der Spitze des Eilandes wie Treibeis aufeinandergestapelt zu sein schienen. Dort, wo die Blocks am höchsten waren und gleich riesengroßen, in die Höhe gerichteten Bausteinen einander berührten, war Wallstreet, das Zentrum der Aktivität, wo der Steinwuchs gleichsam durch die rastlose Geschäftigkeit, durch den noch ungeordneten und unverstandenen Instinkt der Akkumulation aufgestachelt zu sein schien. In dichter Nähe sahen wir die feinen, frischen Farben, das zarte Rot, das milchige Weiß der Gebäude in der reinen, rauchlosen Atmosphäre, die weißen Dampfbüschel der Heizungssysteme, die wie blanke Fähnchen sich vom hellblauen Himmel abhoben, und die Tausende der dunkelglitzernden Häuseraugen, Reihe an Reihe, streng vierkantig, schmucklos, die mit Tausenden fester, forschender, ernsthafter Blicke die neu Angekommenen musterten, die aus allen Orten der Welt diesem Lande der Zukunft und der Erwartung entgegenströmten.

Dann folgten die überraschenden, verwirrenden Eindrücke der Landung, wo sich das große Volk, durch Erfahrung dazu gezwungen, gegen das Einströmen unerwünschter Elemente zu wehren scheint, wo es prüft und sortiert mit demütigender, scheinbar herzloser Strenge, gleich als wären wir Tiere, die der amtlichen Schau unterworfen.

Elsjes Lächeln und ihr freudiges Dulden aller Unbequemlichkeiten erleichterten mir die Bitterkeit darüber, daß wir, in der langen Reihe stehend, der Untersuchung harren mußten, gedrillt durch kurz angebundene Beamte, ich, der hochmütige Aristokrat, der niemals anders hierhergekommen war als von Luxus umgeben und, gleich einem geehrten Gast, mit der ausgesuchtesten Höflichkeit empfangen.

Als man uns endlich freigelassen hatte in dem Wühlen und Lärmen dieses gewaltigen Lebens, wo das rastlose, selbstsüchtige Suchen der einzelnen durch eine vor ihnen verborgene, von ihnen nicht verstandene Macht zu einer rätselhaften und erstaunlichen Ordnung zusammengezwungen wird – so wie man aus dem scheinbar zwecklosen und ungeordneten Getriebe der Ameisen oder Bienen einen wohlgeordneten Bau entstehen sieht – inmitten des Gerassels von Lastwagen, des Scharrens der Tausende von Füßen über das abgenutzte, schlecht erhaltene Pflaster, des unaufhörlichen Donnerns der Züge hoch über der Straße zwischen den schmucklosen, um auf Geschäftszwecke und Reklame berechneten Gebäuden und Inschriften, in dieser so über alle Maßen unvollkommenen, unvollendeten, halb barbarischen, halb verfeinerten Welt sah ich, wie meine liebe, zarte Frau sich überwältigt an mich klammerte, als suche sie alles, was sie noch anziehe in der Welt, bei mir, außerstande, es in diesem Lebenswirrwarr zu finden.

Ich verweilte nicht einen Tag in der Stadt, wohl wissend, wie alles es hier auf den unerfahrenen Ankömmling abgesehen hat, sondern begab mich in eines jener in der unmittelbaren Umgebung verstreut liegenden Dörfer, wo Fleckchen noch wilder oder wiederum verwilderter Natur zu finden sind, inmitten der verwahrlosten, entlegenen Winkel einer rasch und sorglos anwachsenden Menschenansiedlung. Dort sind auf waldigem, felsigen Terrain kleine, fahle Holzhäuschen zu finden, unscheinbar aus Brettern zusammengezimmert, die äußerlich kaum anders wirken wie kleine Scheunen oder Schuppen, gleichsam provisorisch von Menschen aufgeschlagen, die wohl alsbald weiterziehen werden, Häuschen, die man für verhältnismäßig wenig Geld bewohnen kann.

Das war nicht gerade verlockend für eine Frau, die gewöhnt war an die zierliche Gediegenheit eines holländischen Hauses und die entzückende Intimität einer holländischen Landschaft, wo Mensch und Natur infolge einer langandauernden Symbiose zu einem harmonischen Verband zusammengewachsen sind.

Allüberall ringsumher im Wald waren verfallene Häuser, Haufen von Schutt, Scherben, altem Eisenzeug und Schmutz, gefällte und ungebraucht gelassene Bäume, heruntergebranntes Strauchgewächs, häßliche Zeichen der Nähe einer ruchlosen, verschwenderischen Menschenwelt. Und zwischen langen Reihen abscheulich gezeichneter, grellfarbiger Anschlagzettel rasten in nächster Nähe die Züge mit ihrem alles besudelnden Rauch.

Aber es war dennoch ein Heim, und Elsje begann mit all der Energie und Sorgfalt, die das lange Leiden in ihr übrig gelassen, die teure Illusion jener Jahre des Wartens und Schmachtens freudig zu verwirklichen.

Und als die dürftige Wohnung ein klein wenig ausgestattet war, als wir einen Vorratsschrank hatten mit einigen Vorräten, einen äußerst frisch und sauber gehaltenen kleinen Schlafraum, einen mit einer Decke belegten Tisch, über den des Abends die Petroleumlampe ihren Lichtkreis breitete, so daß ich meine Zeitung lesen konnte, während Elsje fleißig nähte und flickte, den Kopf voll wirtschaftlicher, zärtlich sorgender Gedanken – und als zur großen Befriedigung der Hausfrau ein junges Negermädchen gefunden war, das täglich ein paar Stunden zur Aushilfe kam, was dem Haushalt einen nach holländischen Begriffen absolut notwendigen Schein der Vollständigkeit verlieh, – da sah ich auf Elsjes ermüdeten Zügen und in ihren klaren, dunkel umschatteten Augen einen Glanz, der alles Grübeln, alle trüben Vorahnungen überstrahlte.

Da erst gewahrte ich ihr treues, liebendes Wesen in voller leuchtender Pracht, aber auch, leider! mit der schmerzlichen Erkenntnis seiner übergroßen Zartheit. 




Der allgemein anerkannte Typus menschlicher Vortrefflichkeit, der mit dem Wort »Gentleman« bezeichnet wird, kann mit wahrhafter, sich geltendmachender Ursprünglichkeit nicht Hand in Hand gehen. Denn eines der Hauptmerkmale des Gentleman besteht in der Ehrfurcht vor den Ideen der Gruppe, in dem Gehorsam, der der Stimme der Herde gezollt wird. Während das Merkmal des Ursprünglichen gerade darin liegt, daß er sich aus diesem Gruppenverbande losreißt, die Ideen wandelt und, anstatt zu gehorchen, die andern zwingt, ihm zu folgen. Wer sich losreißt, ohne dazu imstande zu sein, die Gruppenideen zu wandeln und die Herde zum Folgen zu zwingen, wird vernichtet und verdient Vernichtung. In der Ökonomie der Menschheit wirkt er nur schädlich und findet keine Existenzberechtigung.

Der Gentleman hingegen übt eine außerordentlich nützliche und gewichtige Funktion aus. Er verkörpert jenes Gruppenglied, das, ohne den Verband zu zerreißen, der Ursprünglichkeit am nächsten bleibt. Er vereinigt die denkbar größte Ursprünglichkeit mit der strengen Unterordnung unter das Gruppenwesen, dem nur sehr wenige Ausnahmenaturen trotzen können. Er ändert nichts, sondern neigt dem Ursprünglichen zu und macht somit die ganze Herde geeigneter zur Wandlung, während ihm die allzeit gefährliche Neigung, sich loszureißen, die den Ursprünglichen eigen ist, abgeht und er die große, unentbehrliche Tugend, den Verband wie etwas Heiliges zu ehren, bei der Herde in stand hält. Je mehr die Gruppenideen von den Urideen des Menschenwesens abweichen, um so seltener wird der Typus »Gentleman« in der Gruppe. Und so ist die Klage meines kleinen Bruders Shaw erklärlich, daß der echte englische Gentleman ausgestorben sei, da in der ganzen, ungeheuren Herde der Völker mit westeuropäischer und angelsächsischer Kultur Meinungen gangbar sind, die jeder ursprünglich Denkende unmittelbar als etwas erkennt, das dem Wesen der Menschheit entgegen und Christus feindlich ist.

Das Wort »unchristlich« wird darauf mit richtiger Konsequenz angewandt. Unchristlich nennt man den, der sich auf Kosten anderer, der sich auf betrügerische Weise, der sich unbegrenzt bereichert. Diese Dinge waren in vielen Gruppen vergangener Zeiten nicht gestattet. Allein die große Herde der sich christlich nennenden Völker nimmt diese so unverkennbar unchristlichen Handlungen in die Reihe der wohl gestatteten, ja sogar der ehrenvollen und allgemein anerkannten auf.

Und zwar in der allerschlimmsten Form. Es gehört zu den Gruppenideen der großen Herde, daß man sich, ohne selbst Arbeit zu liefern, auf betrügerische Weise unbegrenzt bereichern darf auf Kosten der Allerärmsten. Nur die nie zuvor geschaute Größe der Herde und ihr unerhört fester Zusammenhang machten eine so weite Abirrung von dem Urverstand erklärlich und möglich. Der Typus »Gentleman« hat sich indessen bei alledem verändert und ist seltener geworden. Es ist beinah unmöglich, sich an das Ursprüngliche zu halten, ohne aus dem Gruppenverband auszutreten, oder, gleich den Sozialisten und Anarchisten, neue Gruppen zu bilden, die der großen Herde feindlich gegenüberstehen. Die Ehrfurcht vor den Ideen der Gruppe, gepaart mit der Instandhaltung der ursprünglichen menschlichen Empfindungen, erfordert einen Zwang und eine Verstellung, die klugen und ehrlichen Menschen nur selten glücken.

Richter Elkinson vertrat noch den aussterbenden Typus des »Gentleman«, und ich wußte, daß ihm dies möglich sei infolge einer ganz außergewöhnlichen Geschmeidigkeit des Geistes, einer Feinheit von Takt und Empfinden, einer philosophischen Begriffsweite.

Ehrlich, im strengen Sinne des Wortes, in naiver Aufrichtigkeit, konnte er ebensowenig sein wie irgendein anderes treues Mitglied der Herde mit ein klein wenig Einsicht es sein konnte. Aber er verstand doch zum mindesten, einem jeden den Eindruck zu vermitteln, als wünsche er allzeit ehrlich zu sein. Er verzieh sich selber die notwendigen Verdrehungen, die der Gruppenverband erfordert, gleichwie ein humaner Arzt sich die Lügen, die er zum Besten seines Patienten ausspricht, nicht anrechnet.

Er begriff auch das Relative der Worte, das Unbestimmte der Begriffe, das Mangelhafte jeglicher Verständigung. Aber andererseits war er doch nicht so weitherzig, daß er überall und für einen jeden mildernde Umstände ins Treffen geführt hätte. Seine große Kraft lag in seinem Bedürfnis an Meinungsfestigkeit.

Dadurch war Wachstum und Entwicklung ausgeschlossen, aber er opferte die zugunsten der für die Herde so notwendigen Stütze, die Gewißheit und Gleichmäßigkeit verleiht. Man wußte, was man an ihm hatte, man nannte ihn »einen ganzen Menschen«, und er übte dadurch den wohltuendsten Einfluß aus auf Kosten seines eigenen Fortschrittes, gleichsam aus unbewußter Liebe, aus einem Erhaltungsinstinkt für die Menge. Sein moralischer Kodex war soweit umgrenzt, wie die Gruppenideen es nur irgendwie zuließen, dann aber auch unverrückbar. Er handhabte ihn mit derselben heiligen Ehrfurcht, die er als Richter für seine Gesetze forderte, wiewohl sein philosophischer Verstand es einsah, daß beide die Ungerechtigkeit durchaus nicht auszuschließen vermochten. Er nannte einen Schurken einen Schurken, obgleich er es empfand, daß alles verstehen alles verzeihen heißt, und er erachtete einen Anarchisten als einen Feind der Menschheit, als ein schädliches Getier, wenngleich er zugeben mußte, daß die anarchistische Kritik der menschlichen Gesellschaft durchaus begründet sei.

Wären die Gruppenideen und der Gruppenverband derer, die sich Sozialisten nennen, nicht so jämmerlich schwankend, verworren und auf Pseudo-Wissenschaft und hohler Rhetorik basiert, so würde er vielleicht jenem Verbande beigetreten sein. Denn er besaß amerikanischen Mut und amerikanische Energie in höchstem Maße. Und er würde in jenem Verband den »Gentleman« ebensogut verkörpert haben wie in dem alten. Aber er empfand gleich jedem Gentleman einen intuitiven Widerwillen gegen schlechte Gesellschaft, die natürliche und heilsame Vornehmheit, die einen Menschen eine Gruppe verabscheuen läßt, sobald diese durch inferiore Individuen verkörpert wird.

Und in der sozialistischen Herde gewahrte er nicht viel besseres als ungebildete Gelenkte und fanatische Lenker, eine sehr traurige Verwirklichung der Ideen der Ursprünglichen, die sie in Bewegung gesetzt hatten. Auch war der Verband jener Gruppe so schwach, so einzig und allein auf das Negative gerichtet, so schlecht formuliert, daß es ihm unmöglich war, ihr seine ihm sonst eigene Ehrfurcht vor dem Verbande entgegenzubringen.

Bei diesem Mann nun glaubte ich mein Glück versuchen zu können. Er war infolge von geschickten, aber gemäß den Gruppenideen durchaus erlaubten Geldmanipulationen als Kommissarius von allerhand großen Unternehmungen sehr reich geworden und hatte in Washington und Neuyork schöne Wohnungen.

Mir gegenüber pflegte er, als Philosoph, seinen Reichtum wohl hin und wieder scherzend zu entschuldigen, indem er das Vorbild Senecas, des Philosophen, anführte.

Ich besuchte ihn, sobald ich ihn in Neuyork wußte, und wurde sehr herzlich empfangen.

Elkinson trug einen großen, knochigen Kopf auf einem mageren Körper. Er war noch nicht sechzig Jahre alt, und sein glattrasiertes Gesicht hatte eine jugendlich - frische, rosige Farbe. Sein Haar war schneeweiß, aber noch dicht und voll, in der Mitte gescheitelt und sorgfältig frisiert. Seine stark hervortretenden Jochbeine, die derben Kiefer und das große Kinn gaben ihm einen Ausdruck von Willenskraft und Energie, der dünnlippige, breite Mund und die klaren, festen, grauen Augen imponierten und kennzeichneten den Mann, der sich weder betrügen noch beirren ließ; in seinem Blick leuchtete bei der geringsten Veranlassung eine leise Schalkhaftigkeit auf, das Kennzeichen der allgemeinen amerikanischen Neigung zum Scherzen und Spotten.

»Es ist sehr freundlich von Ihnen, bester Graf Muralto, sehr freundlich, daß Sie mich wieder einmal aufsuchen. Sind Sie wieder amtlich in Washington? Und wie geht es Ihrer Frau Gemahlin und den Kindern?«

»Geben Sie sich bitte nicht die Mühe, Herr Elkinson, meinen Titel zu gebrauchen. Das muß Ihr demokratisches Gemüt ja doch peinlich berühren.«

In den spottlustigen Augen leuchtete die Freude darüber auf, daß gescherzt werden konnte.

»Im Gegenteil, im Gegenteil, das ist Atavismus. Das tut uns wohl. Zwar fühlen wir uns darüber erhaben, aber wir tun es doch eben so gern wie ein Professor bei einem Kommers Studentenlieder singt.«

»Dann tut es mir leid, Sie dieses Vergnügens berauben zu müssen. Ich bin kein Graf mehr und ich werde Bürger Ihrer Republik.«

»Was sagen Sie da? Ei! Ei! Ei! das ist aber ein merkwürdiger Entschluß.«

»Ihre Begeisterung ist nicht so herzlich, wie man es von einem wohlgearteten Amerikaner füglich erwarten könnte. Sie scheinen der Ansicht zu sein, daß bei dieser Transaktion doch immerhin etwas verloren geht.«

»Möglich! – Italienische Grafen sind seltener als amerikanische Bürger. Mit solchen Titeln geht es einem wie mit den Segelschiffen und den feudalen Burgen. Sie sind unpraktisch und unzeitgemäß. Aber es ist dennoch schade, wenn eine nach der andern verschwindet.«

»Wollen Sie mich in ein Museum setzen und mich auf Staatskosten unterhalten?«

»Nein, nein, wir machen gern von solchen vortrefflichen Arbeitskräften Gebrauch, Männer Ihres Schlages tun uns not. Und was sagt die gnädige Frau dazu?«

»Contessa Muralto bleibt Contessa Muralto. Mit ihr und meinem alten Leben habe ich völlig gebrochen. Ich wünsche Ihnen meine Lage sogleich gründlich zu erklären. Ich komme hierher als Emigrant, arm und in Gesellschaft einer Frau, die in Wahrheit meine Frau ist, es aber niemals gesetzlich wird werden können.«

»Hm, hm, das ist ernst, sehr ernst,« sagte Richter Elkinson. Der schalkhafte Funke verschwand aus seinem Blick, und er zeigte seine strenge, unerbittliche Richterphysiognomie.

Da erzählte ich ihm so einfach wie möglich und mit der vertrauensvollen Aufrichtigkeit, die, wie ich glaubte, auf sein gutes Herz den größten Eindruck machen müßte, von meinen Schicksalsschlägen. 

Schweigend ließ er mich aussprechen, allem Anschein nach interessiert und betroffen und nicht recht wissend, was er aus der Sache machen solle.

»Und nun?« sagte er endlich. »Was erwarten Sie nun? Ich weiß, daß Ihre Nation eine starke Empfindsamkeit besitzt für alles, was wir hierzulande zarte Leidenschaft nennen. Aber Sie sind doch kein Jüngling mehr und haben Verstand und Lebenserfahrung genug, um zu wissen, daß Ihre gegenwärtige Lage nicht viel Aussicht auf Erfolg bietet, nicht einmal in diesem Lande.«

»Ich erwarte und verlange keinen Erfolg in amerikanischem Sinne. Eine bescheidene Existenz genügt mir. Ich werde versuchen, mir eine solche zu verschaffen. Indem ich Unterricht erteile zum Beispiel.«

»Und rechneten Sie in dieser Hinsicht etwa auch irgendwie auf meine Unterstützung?« fragte der vorsichtige und praktische Amerikaner.

»Nein, zu dem Zweck kam ich nicht zu Ihnen. Ich habe nicht die Absicht, meine alten Bekannten auch nur im allergeringsten mit den einstigen Beziehungen zu belästigen.«

»Gut!« sagte Elkinson aufrichtig.

»Dazu kenne ich sie zu gut,« meinte ich, vielleicht ein wenig höhnisch.

»Sie wissen, was das für Sie bedeuten würde, nicht wahr? Es ist Ihnen ein Leichtes, sich in ihre Lage zu versetzen. Sie trotzen der öffentlichen Meinung um einer Frau willen, aber Sie können nicht verlangen, daß Ihre einstigen Freunde um Ihretwillen das gleiche tun.« 

»Wenn ich glaubte, daß es Freunde wären, würde ich es möglicherweise erwarten. Aber ich weiß, daß es nicht Freunde sind, sondern nur Bekannte, und ich verlange nichts von ihnen.«

Der Richter blickte mich eine Weile an, nicht ohne Herzlichkeit. Er schien vor meinem Stoizismus eine gewisse Ehrfurcht zu empfinden.

»Gut,« sagte er von neuem. »Aber was kann ich dann für Sie tun? Welchen Zweck verfolgen Sie mit diesem Besuch?«

»Sie glücklicher zu machen als Sie sind.«

»Das ist sehr edelmütig. Denn ich habe noch nicht den Eindruck gewonnen, als sei ich der Unglücklichere von uns beiden. Und wenn Sie wünschen, daß ich auch weiterhin an Ihr geistiges Gleichgewicht glauben soll, so müssen Sie Ihre Absicht zunächst etwas wahrscheinlicher machen.«

»Ist es so unwahrscheinlich, daß ich durch Vermittlung des Ihrigen mein eigenes Glück vergrößere?«

»Aha! Über welche Art von Glück sprechen wir?«

»Über das allerbegehrenswerteste, das sich nur dadurch erreichen läßt, daß wir alle unsere Fähigkeiten zu voller Entfaltung, zu voller Efficienz bringen.«

»Ho capito! Einverstanden. Jetzt die Erklärung. Welche schlummernden Eigenschaften wollen Sie in mir wecken?«

»Ihre Eigenschaften als Leiter der Menschheit. Die Eigenschaften, die mir abgehen.«

»Und in sich selber?«

»Die des Denkers. Des ursprünglichen Denkers.« 

Elkinson schaute mich an mit einem Blick, so scharf, so kalt, so durchdringend wie ein Seziermesser. Er glaubte zu verstehen, wen er vor sich habe.

»Ein System?« fragte er kurz.

»Im Gegenteil, die Befreiung von einem System. Die Abschaffung unmenschlicher, unchristlicher Sitten. Das Durchbrechen einer Mauer von abscheulichen Institutionen.«

»Welcher?«

»In erster Reihe jener, die ein jeder verwirft, um sie dennoch zu handhaben. Daß der Reiche allein schon dadurch belohnt wird, daß er reich ist, auch wenn er nichts verrichtet, was der Belohnung wert. Das moralische und gesetzliche Dulden der unbeschränkten Vergeudung der Produkte gemeinschaftlicher Arbeit durch unverantwortliche Personen. Das Gutheißen, ja sogar in Ehrenhalten der unkontrollierten, schlauen Exploitation der Schwächeren durch Vermittlung einer Anzahl von Zwischenpersonen: der Pächter den Arbeiter, der Grundbesitzer den Pächter, der Industrielle den Fabrikarbeiter, die Aktionäre den Industriellen, der Hausbesitzer den Mieter, der Mieter den Aftermieter, der Aftermieter den Kostgänger, der Spekulant wiederum alle andern, der Großfinanzier wiederum den Spekulanten, und so ad finitum.

Mit einem Wort, das System der wechselseitigen ruchlosen Exploitation und der unverantwortlichen, nicht minder ruchlosen Vergeudung. Das System, bei welchem es einem jeden als höchstes Ideal vorschwebt, selber nichts zu leisten, maßlos, ohne jegliche Kontrolle zu vergeuden, und möglichst viele zu eigenem Nutzen arbeiten zu lassen, ohne danach zu fragen, wer jene sind und wie sie leben. Ein System, bei dem jedes Volk langsam, aber sicher demoralisieren und von Grund aus verarmen muß, und sei es auch das reichste und mächtigste. Ein System, das niemandem Frieden verschafft und niemanden zu der denkbar höchsten Stufe der Entwicklung und des Glückes empor zu führen vermag. Ein System, das mindestens neunzig Prozent des nationalen Reichtums spurlos verschwinden läßt. Ein System, das keine Kunst, keine Wissenschaft, kein höheres Prinzip in den Menschen zu voller Blüte gelangen läßt, ein System, das von dem ursprünglichen Wollen und Empfinden der Menschheit weiter entfernt ist als irgendein anderes, das jemals von großen Menschenmassen gehandhabt wurde – ein System, das kein Mensch, der auch nur einigermaßen nachdenkt, gutheißen kann, das nur deshalb besteht, weil man nichts besseres weiß oder glaubt, und das dem Untergange geweiht ist wegen seines selbstmordenden Charakters, ein System, das nur durch jene, die da glauben, die Menschen seien für Erziehung und Entwicklung nicht empfänglich und daher dazu verurteilt, mit offenen Augen ihren eigenen Untergang zu suchen, für bleibend und notwendig erachtet und erklärt werden kann.«

Elkinson schwieg eine Weile, nachdem ich geendet, und in seine Augen trat ein ruhigerer Ausdruck.

»Als Kritik nicht neu,« sagte er, indem er den Kopf schüttelte, »aber was für Neues birgt Ihr Remedium? Staatliche Hilfe?« 

»Erst Sitten, dann Gesetze,« sagte ich, »keine staatliche Initiative, vielleicht, so notwendig eine Assistenz von Staats wegen. Man beginne mit dem mächtigsten: der öffentlichen Meinung, dem Gruppeninstinkt.«

»Und wie? Vorträge? Broschüren? Versammlungen und Reden? Auch das scheint mir nicht ganz neu. Und außerdem hat es sich nicht als zweckmäßig erwiesen. Und haben wir an einer Mißgeburt gleich der Sozialdemokratie nicht genug?«

»Mehr als genug. Das tote Kind mit zwei Köpfen hat sogar seinen eigenen Namen unbrauchbar gemacht. Sprechen Sie diesen Namen nicht mehr aus, denn die Mutter, die dies Kind geboren hat, schämt sich seiner und will nichts mehr davon hören. Geben Sie der Arznei eine andere Etikette und eine andere Farbe, wenn Sie wünschen, daß man sie einnehme, oder, besser noch, gar keine Farbe. Und reden Sie so wenig wie möglich, aber handeln Sie, richten Sie etwas aus. Machen Sie aus der Tat Ihren Hirtenstab und aus Tatsachen Ihre Meilensteine und Ihre Wegweiser. Lassen Sie Ihren Schäferhund nicht bellen, sondern beißen, und sorgen Sie dafür, daß die Herde etwas zu grasen findet.«

»Klarer, klarer! Keine orientalische Bildersprache. Amerikanische Tatsachen, wenn ich bitten darf!«

»Schön! Richter Elkinson kennt die Psychologie der Menge und er kennt ihre Individuen. Er hat einen Staat gelenkt, kommerzielle Unternehmungen geleitet und organisiert, Gesetze ausgearbeitet und sie handhaben lassen. Er kennt Tausende von Individuen, ihren Wert, ihre Fähigkeiten. Er besitzt das allgemeine Vertrauen und einen großen Einfluß. Sein Name allein schon bürgt für die Mithilfe Tausender, und zwar der allerbesten. Er soll eine Gruppe bilden mit besseren Gruppenideen, mit besserer Gruppenmoral, besseren Sitten, besseren Gewohnheiten, einer höheren Richtschnur für Recht und Unrecht, für Gut und Böse als sie die Gruppe kennt, in der er jetzt lebt und wirkt.«

»Noch klarer und konkreter, wenn ich bitten darf. Wie stellen Sie sich den Anfang vor?«

»So wie jede Gruppe stets begonnen hat. So wie jeder Geschäftsmann sein Geschäft, jeder Feldherr seine Armee formt. Wählen Sie einen Stab aus den Allergeeignetsten und teilen Sie ihnen das mit, was sie zu wissen brauchen, Formulieren Sie die Absicht so, daß in der umschriebenen Richtung der Hauptgedanke nicht zu verfehlen ist, ohne daß einer aus der großen Herde infolge besonders ungewöhnlicher oder verdächtiger Kunstausdrücke, Theorien oder Zukunftsbilder stutzig werden könnte. Und dann organisieren Sie, praktisch, sachlich, und gehen Sie stets unbeirrt auf die konkrete Wirklichkeit zu, ohne sich im allermindesten um Abstraktionen zu kümmern. Und sorgen Sie so schnell wie möglich dafür, daß Ihre Herde Nahrung und Deckung und Stallung erhält und daß sie für ihre Instinkte Befriedigung findet in der einmal vorgezeichneten Richtung. Und unterwegs – merken Sie wohl auf, unterwegs, nicht vorher, machen Sie ihnen klar, um was es sich handelt und was sie erobern werden. Lehren Sie sie erst folgen und Befriedigung finden in dem Folgen, und dann werden sie allmählich von selber gehen und, wenn es ihnen gut bekommt, stets weniger und weniger der Leitung bedürfen. Versprechen Sie so wenig wie möglich, aber beweisen Sie durch Resultate und prophezeien Sie nicht mehr, als Sie unmittelbar zu beweisen vermögen.«

»Also eine unpolitische Organisation? Eine Genossenschaft?«

»Ein Geschäft, Herr Richter, ein Geschäft. Aber ein großes und heiliges. Ein Geschäft, um Geld zu machen, um anzuhäufen, so viel und so schnell wie möglich. Die Herde muß essen, muß es gut haben, muß Überfluß genießen und sich für die Zukunft geborgen wissen. Welche Art von Geschäft, das ist gleichgültig. Alles, was nur möglich ist. Wenn die Gruppe es nur lernt, daß alle genug bekommen können und viel mehr sogar als früher, viel mehr Reichtum und viel mehr Glück und viel mehr Befriedigung – wenn sie nicht länger voneinander stehlen, und vergeuden, sondern durch intelligente Verständigung und durch Begrenzung der eigenen schrankenlosen Freiheit zugunsten der Gesamtheit.«

»Und Ihre eigene Rolle in dieser Angelegenheit? Wie stellen Sie sich die vor?«

»Wie die Rolle eines Streichholzes bei einem Waldbrand. Für mich selber voll tiefer Befriedigung, für die Außenwelt unwahrnehmbar.«

»Und weiter nichts? Kein Geld? keine Ehre? kein Ruhm?« 

Diese Uneigennützigkeit erscheint Ihnen seltsam. Aber sie ist eine natürliche Folge unserer ganz verschiedenartigen Funktionen. Zu jeder andern Funktion bedarf es anderer Leidenschaften und Begierden. Zur praktischen Arbeit gehört Ehrgeiz. Wir sind so organisiert, daß wir nur in dem Genuß das finden, was unsere besondere Begabung hervorzubringen vermag. Eine sehr kluge Organisation, die Sie sich zum Vorbild nehmen können. Mein Werk ist betrachtender und beschaulicher Natur; es verschafft Genuß durch die Befriedigung richtiger Entdeckungen und klarer Wahrnehmung. Im praktischen Leben bin ich unglücklich, mit Geld, Ehre, Ruhm, mit allem. Sie aber, Richter Elkinson, Sie brauchen mich gerade um dieser Eigenschaft willen. Die Menschheit muß nicht nur organisiert handeln, sondern auch organisiert denken. Keine größere Torheit als die, zu glauben, daß der sichere Weg für die Herde durch ihre blinden Instinkte gefunden werde, oder daß sie als Masse sich selber das auszudenken vermöchte, was sie zu tun hat. Kein größerer Wahn als das Werk jener Vorgänger, die ein paar Formeln unter die Menge schleuderten und dann erwarteten, daß sie unter Zuhilfenahme jener unverstandenen und falsch interpretierten Ausdrücke und Abstraktionen den Weg selber werde finden können. Die Menschheit will und muß denken, und im Licht der Betrachtung und der Überlegung weitergehen, aber sie muß organisiert denken, so daß ein jeder in jenem großen Denkprozeß seine eigene, besondere Funktion ausübt, der Gelehrte, der Geschäftsmann, der Staatsmann, der Künstler, der Dichter. Und erst dann, wenn diese Organisation zugunsten aller vollendet ist, besteht die Möglichkeit, daß jedes Glied der Herde mehr und mehr an den Denkfunktionen, folglich auch an den Genüssen der andern teilzunehmen beginnt, daß eine Welt entsteht von Freien und Mündigen, eine wahrhaft erwachsene, ausgewachsene Menschheit, das leuchtende Ideal, an dessen Scheinbild die armen anarchistischen Nachtfalter sich jetzt noch ihre Flügel versengen.«

»Werter Herr Muralto, ich fühle mich durch Sie einigermaßen in den Zustand des Doktor Faust versetzt, dem alle denkbare Herrlichkeit vorgespiegelt wird, alles, was menschlicher Ehrgeiz sich nur zu wünschen vermag, wenn er dafür seine Unterschrift geben will. Verzeihen Sie mir freundlichst diesen Vergleich.«

»Gewiß, aber Sie werden wohl etwas mehr zu tun haben, als Ihre Unterschrift zu geben, Und ich will Ihnen gern jede Gelegenheit bieten, in Ihrem tiefsten Gewissen nachzuprüfen, ob ich zu den guten oder zu den bösen Dämonen gerechnet werden muß.«

»Bisher, mein Freund, habe ich stets gemeint, ohne führende Geister auskommen zu können.«

»Das ist aber doch nur eine Meinung gewesen wie jede andere, und der Kritik stark unterworfen.«

»Möglich, in jedem Fall bin ich Ihnen sehr dankbar für diese außerordentlich interessante Unterhaltung. Ich hoffe, Sie gelegentlich fortsetzen zu dürfen.« 

»Ich gab Ihnen bereits meine Adresse. Ich stehe dort jeden Augenblick zu Ihrer Verfügung.«

»Besten Dank. Ich fühle mich geehrt durch Ihr Vertrauen und durch die hohe Meinung, die Sie von mir zu hegen scheinen. Nochmals besten Dank.«

Unter liebenswürdigen Höflichkeitsbezeigungen nahmen wir Abschied voneinander. Darauf ging ich zu meinem kleinen Häuschen zurück, wo Elsje wartete. Ich hatte das unbestimmte, beinah ärgerliche Empfinden eines Menschen, der nicht imstande war, sich selber und seine Ideen völlig zur Geltung zu bringen. Der Realisierungsprozeß der Ideen birgt stets Überraschungen und Enttäuschungen, gleichwie die Aufführung eines Theaterstückes oder die Entwicklung einer Photographie.

Elsje erwartete mich, alles bereit haltend, was das Häuschen an Behaglichkeit zu bieten hatte – und mit dem besten von allem: angespanntem Interesse für das, was mir so sehr am Herzen lag. Sie wußte, daß dies mein erster Tag war in dem Feldzug, und sie war dabei mit ihrer ganzen Seele, so wie ich es dankbar las aus ihrer Haltung und ihrem Blick, als ich heimkam.

»Wie war es?« fragte sie.

»So, so, Liebste, ich habe getan, was ich konnte. Aber ob ich gerade das getan habe, was am meisten Eindruck hätte machen können, das weiß ich nicht. Es genügt nicht, daß man das Richtige sagt, man muß es auch so sagen und so oft, daß es Eindruck macht und seine Wirkung nicht verfehlt. Das aber geht nicht so schnell. Mit diesem ersten Versuch bin ich aber doch nicht ganz unzufrieden.« 

Und ich erzählte ihr, wie meine Worte aufgenommen worden waren.

»Guter, lieber Mann, du tust so getreulich dein Möglichstes. Wüßten sie nur alle, was ich weiß, wie gut du bist und wie aufrichtig du es meinst.«

In der Regel legt man ja nur wenig Wert auf das Urteil, das eine Frau über den geliebten Mann fällt. Und doch liegt nicht nur ein wunderbarer Trost und eine Stärkung, sondern auch eine gewaltige, zum Guten treibende Kraft in dem unwandelbaren Glauben einer reinen Seele. Es ist nicht verblendend oder verwirrend, sondern beruhigend und wohltuend, wenn man sich selber in günstigem Licht in reinem Spiegel sieht.




Niemals würde ich es zugeben, daß der Plan meines Feldzuges unausführbar oder schlecht entworfen gewesen. Ich bleibe fest davon überzeugt, daß der Grundgedanke richtig war und daß er später kommenden Kämpfern dienlich sein wird. Aber er besaß einen Mangel, auf den ich nicht vorbereitet sein konnte und der erst während der Ausführung zutage treten mußte. Es ist nicht unmöglich, Männern wie Elkinson einen ursprünglichen und ihnen neuen Glauben beizubringen und ihn ihnen sogar derart einzuprägen, daß sie allmählich anfangen, ihn wie eine eigene Idee zu empfinden und sich dadurch zu Taten anspornen zu lassen. 

Aber dann muß jenes Hinüberpflanzen so umsichtig und so behutsam geschehen, wie eine botanische oder chirurgische Impfung, auf daß die Idee eins werde mit ihrem Wesen und, durch ihr eigenes Wesen genährt, auch weiterhin am Wachsen bleibe. In meinem Fall nun mißglückte diese Impfung – gleichwie auch wohl die ersten botanischen Okulationen mißglückt sein werden – weil ich nicht genug Erfahrung und Übung in derlei Dingen besaß und die rechte Methode noch nicht gefunden hatte – ohne daß dies die prinzipielle Unmöglichkeit beweist.

Man kann es sich nicht oft genug vorhalten, daß niemand, auch nicht der klügste, unbeschränkteste Geist ausschließlich durch Verstandesargumente jemals zu andern prinzipiellen Ideen gebracht werden könne. Stets ist die Funktion des Glaubens unentbehrlich, sogar in den Fragen der reinen Wissenschaft.

Was ich Richter Elkinson gesagt hatte, das wäre vollkommen genügend gewesen, um ihn zu überzeugen und seine Kräfte in Tätigkeit zu setzen, wenn es ihm mit den nämlichen Worten, aber unter günstigeren Umständen beigebracht worden wäre; oder aber, wenn er es häufiger, von verschiedenen Seiten und in verschiedener Ausdrucksweise gehört hätte.

Der ungünstige, hemmende Umstand war der, daß ich nunmehr infolge meiner Armut und meiner illegitimen Ehe außerhalb des Kreises von Elkinsons gesellschaftlichem Umgang stand. Ich hatte dies zwar vorausgesehen, glaubte aber, daß er mir nichtsdestoweniger in heimlichen Privatzusammenkünften oft genug zu Worte stehen würde, um mir Gelegenheit zu geben, mit ihm im Kontakt zu bleiben und ihn mit der Zeit doch noch zu überzeugen. In der Tat sah ich ihn auch hin und wieder, er kam auch einmal zu mir und zeigte sich so interessiert, so herzlich und so großdenkend, wie man es von einem Menschen in seiner Stellung auch nur irgendwie erwarten könnte. Aber wie unlogisch das auch erscheinen möge, der Einfluß meiner Worte war weit geringer, weil ich mit ihm nicht mehr auf der gleichen Stufe stand. Wäre ich ihm überall in den vornehmen Kreisen begegnet, so wie früher, hätte er dort in den Klubs oder Salons mit mir die nämlichen Gespräche geführt und hätte er vor allen Dingen nicht den Eindruck gewonnen, daß ich sie absichtlich und mit Vorbedacht führte, um ihn zum Handeln zu bringen, so würde er – ich bin dessen gewiß – dieselben Ideen in sich aufgenommen haben und aus scheinbar eigenem Antrieb zum Handeln gelangt sein. Allein die Argumente, die auf den Lippen eines Mannes von Stellung und Ansehen überzeugen, verlieren ihre Überzeugungskraft, sobald sie von einem Sonderling oder einem Exzentrischen ausgesprochen werden, und mögen sie auch ebenso logisch sein, weil dann das Glaubens- und Vertrauensmoment fehlt.

So wirkte die Loslösung aus der gesellschaftlichen Konvention, die meinen Geist befreite und mir den Mut gab, ehrlich aufzutreten und meine eigene Persönlichkeit zu handhaben, gleichzeitig lähmend auf meine Kräfte. Nachdem der Ritter sich mit seinem Panzer umgürtet hatte, vermochte er die Arme nicht mehr zu bewegen.

Ich ruhte nicht nach diesem ersten Versuch, sondern blieb unaufhaltsam tätig, um für meinen Lebensunterhalt zu sorgen und für die Saat meiner Gedanken einen fruchtbaren Boden zu suchen. Ich suchte Schüler zum Sprachunterricht und trachtete mit den Redaktionen von Tageszeitungen und Monatsschriften Fühlung zu gewinnen. Ich verfaßte kleine Artikel, in denen ich sehr wissenswerte Ideen lesbar und interessant zu gestalten versuchte. Ich nahm sogar, durch die Not getrieben, einen Anlauf Erzählungen zu schreiben, was mir indessen total mißglückte und mir schauderhafte Stunden voller Kampf und innerer Scham verschaffte.

Denn absichtlich fabrizierte Kunst ist ebenso feige, unwürdig und erniedrigend, wie echte Kunst geweiht und erhebend ist. Die letztere ist Gottesdienst, die erstere Zeitvergeudung.

Auch versuchte ich noch, zu andern einflußreichen Personen zu gelangen als zu Richter Elkinson. Diesen aber hatte ich mit Recht als den Geeignetsten ausgewählt, und bei allen andern hatte ich noch weniger Erfolg. Ich hatte mein bestes Pulver bei der ersten Attacke verschossen. Jetzt lief ich die größte Gefahr, daß man mich für einen jener vielen unschädlichen, aber lästigen und langweiligen Toren ansehen würde, die man »Cranks« nennt und deren Pflanzstätte Amerika ist, Menschen, die allüberall mit einem unfehlbaren System, einer genialen Erfindung, einem riesenhaften Plan umhergehen und sich an einen jeden klammern. Sie haben alles berechnet und es fehlt ihnen nur noch ein Millionär oder eine einflußreiche Persönlichkeit, damit sie ihre Ideen verwirklichen und die Welt reformieren und glücklich machen oder fabelhafte Schätze erwerben können.

So ich erst einmal zu dieser Kategorie gerechnet würde, waren meine Chancen verloren, das wußte ich. Man würde sich gegenseitig vor mir warnen und niemand würde in dieser hastig lebenden Welt auch nur eine einzige Minute übrig haben, um mich anzuhören.

Mit jedem Tage meiner so mutig begonnenen Kampagne lernte ich die fatale Schwierigkeit, die sich mir in den Weg stellte, deutlicher erkennen. Um etwas erreichen zu können, mußte ich, wie man das zu nennen pflegt, »einen Namen machen«. Und einen Namen machen, die Bildung eines Zentrums von suggestivem Einfluß, der nicht durch tatsächlichen Gehalt, sondern nur durch eitlen Klang wirkt, das steht zu einer beschaulichen, wirklichkeitsliebenden Natur wie der meinen in völligem Gegensatz. Der Mann der Tat will einen Namen machen, er wird dafür arbeiten ohne Scham, er findet eine lautere Freude darin, geehrt und berühmt zu sein und besprochen zu werden. Denn bei seiner Wirksamkeit ist die Kraft eines Namens, einer Persönlichkeit, unentbehrlich und nützlich, folglich ist er auch mit den passenden Instinkten dazu ausgerüstet. Ich selbst aber empfand eine unüberwindliche Abneigung gegen alles das, was dazu dienen sollte, meine Persönlichkeit, mein vergänglichstes, maskenähnliches, unbedeutendes Wesen ins Licht zu rücken. Ob ich meinen Namen gedruckt sah oder ob ich ihn besprochen wußte, war mir völlig gleichgültig, ja sogar sehr unangenehm. Ich würde es mir gefallen lassen um Christi willen, wenn ich einsähe, daß ich nur dadurch für ihn wirken könnte, daß er es von mir verlange. Aber es ist mir unmöglich, mich darum zu bemühen. Dem Ursprünglichen fällt es schwerer als irgendeinem andern, sein natürliches Wesen zu bekämpfen. Für die gewichtigen Wahrheiten einzutreten, als deren einziger und verantwortlicher Träger ich mich fühlte, dazu war ich allzeit und mit jeder Aufopferung bereit; aber für meine Person, meinen Namen, mein Wesen zu kämpfen, das reizte mich nicht im allermindesten und glückte mir daher auch beinahe niemals.

So arbeitete ich denn Wochen und Monate ohne das geringste Resultat. Ein Schüler, den Elkinson mir geschickt, blieb nach wenigen Wochen aus, ohne mir das Honorar zu zahlen, vielleicht wohl, weil er über meine illegitime Ehe irgend etwas gehört hatte. Meine kleinen Artikel wurden nicht aufgenommen. Einige Journalisten, die mich von früher her kannten, empfingen mich mit oberflächlicher Herzlichkeit und versprachen, etwas für mich tun zu wollen.

Allein sie taten nichts, alsbald wieder in ihre eigenen Interessen vertieft. Von Elkinson hörte ich, daß er als Präsidentschaftskandidat in Betracht käme, Grund genug für ihn, um hundert Unterhaltungen mit dem durch eigene Torheit heruntergekommenen Muralto zu vergessen. So wie Glück neues Glück weckt, so wächst auch das Elend gleichwie ein Schneeball auf seinem Wege abwärts. Die große, ungeheure, geschäftige Welt ringsumher hastete rastlos vorwärts, im Nebel strebend, suchend, bauend und vernichtend, emporgestaut durch unverstandene Triebe – und erachtete mich nur noch als einen der Tausende von Verlorenen, die unter ihren schweren, blinden Schritten zermalmt werden – grausam wie die Maschine, die einen Unvorsichtigen zwischen ihre Räder klemmt. Und dennoch wußte ich, daß diese ungeheure Struktur das gehorsame Werkzeug der nämlichen Macht war, die mir ihre kostbarsten Gaben anvertraut, die mich auf meinen Weg getrieben hatte, die verantwortlich war für meine Kraft und für meine Schwäche.

Und je mehr wirkliche Not, je mehr bange Sorge ums Dasein in meiner kleinen Behausung zu herrschen begannen, um so mehr begann auch jenes dürftige Heim mir teuer zu werden. Ich gelangte in das Alter, da ein Mann sich, wenngleich er noch nicht müde und abgearbeitet ist, doch mehr als früher nach einer ruhigen Stätte sehnt, nach einer kleinen intimen Sphäre der Stille und Erholung, der Liebeszärtlichkeit und des Friedens, nach einem Heim. Was früher mein Heim gewesen, das war mir allzeit innerlich fremd geblieben. Ich hatte dort jeglichen Komfort und alles nur denkbare physische Wohlbehagen, aber mein Herz fand darin kein Glück. Und jetzt hatte ich mehr als ich jemals zu finden erwartet, ich genoß das wahrhafte häusliche Glück, schöner, erhabener, feierlicher als ich es jemals geträumt – allein seine Schönheit ward schmerzlich und seine Lust beängstigend qualvoll infolge seiner Vergänglichkeit. Wir brauchten nur so wenig: ein paar saubere Zimmer, mit ein paar unschönen und ein oder zwei hübschen Gegenständen, ein kleines Stückchen Garten mit Blumen, ein wenig Sonnenlicht bei Tage, ein wenig Lampenlicht und Behaglichkeit des Abends, einfaches Essen und Ruhe und Heiterkeit zum Studium – und alle gemeinsam verbrachten Stunden waren vollkommen befriedigend durch die ihnen innewohnende Pracht, und jede Minute der Trennung ward erträglich durch die Voraussicht, daß man sich wiederfinden würde.

Elsje besaß die kindliche Genußfähigkeit, die in einer Kleinigkeit, einer sich erschließenden Blume, einem neuen Stückchen Hausrat, einem Ziergegenstand, einem Liede, ein paar schönen Verszeilen für Stunden und Tage Befriedigung und Entzücken fand. Sie hatte den reinen Geschmack, der sich vor allen Dingen vor Überladung und Überreizung fürchtet und der nur in dem Einfachen, mit Hingebung Genossenen, Behagen findet. Mit wie wenig hätte ich ihr Leben zu einer beständigen Freude machen können!

Aber sogar dies wenige vermochte ich ihr nicht zu geben. Die Armut, der zu entfliehen ich die Menschen lehren wollte, die Armut, fälschlich die freudige und fromme Freundin Jesu genannt, die in der Tat aber Christi schlimmste Feindin ist, und jedem wahrhaft Frommen zu Abscheu und Entsetzen gereicht – die Armut schlich sich in mein Haus mit grimmigem Hohngelächter und rächte sich an mir, der ich ihre Heiligkeit und Erhabenheit anzutasten gewagt hatte. Und sie schlug das Schönste und Liebste, das mir das Leben geboten, sie bedrohte meinen größten Schatz, den ich mir soeben erst mit soviel Opfern erobert.

Es war, als ob Elsjes unerschrockene Bestrebungen, mir ein behagliches Heim zu bereiten, ihre standhafte Geduld, ihre freudige Heiterkeit ihr körperliches Wesen nur um so mehr verzehrten. Ich sah den Kampf, den sie zu kämpfen hatte, und das quälte mich mit tausenderlei Variationen des Schmerzes. Ihr mühsames Sichaufrechthalten, wenn sie beinahe machtlos war infolge von Erschöpfung, ihre verdoppelte Zärtlichkeit, wenn sie sah, wie ich unter dem schweren Druck der Kümmernisse seufzte, wobei ich bemerkte, wie sie sich selber verantwortlich fühlte für mein Leid, weil ich doch um ihretwillen mein vom Glück begünstigtes Leben aufgegeben hatte.

Da kam zur Zeit unserer größten Sorge das, was Elsje als höchsten Segen erwartet und begehrt hatte: die Mutterschaft.

Auch ich selber hatte das Kind gewünscht und mich danach gesehnt mit inniger Zärtlichkeit, indem ich mir vorstellte, wie ich ihm jetzt alle Aufmerksamkeit, alle väterliche Hingabe würde schenken können ohne Zwang, wie etwas ganz Natürliches, aus übergroßer Liebe. Wie würde ich das Kind jetzt liebhaben und den Anblick seiner Entwicklung von Tag zu Tag genießen; voll bitterer Reue mich dessen entsinnend, wie unbestimmt und fern das schöne Aufblühen von Lucias Kindern an mir vorübergezogen war, weil ich nicht mit meinem ganzen Wesen an ihrem Werden und ihrer Entwicklung teilgenommen – hoffte ich jetzt doch Vater zu werden in der vollen Bedeutung, und das schöne Wunder klaren Blickes und mit unablässiger Andacht zu genießen.

Sicherlich ist niemals ein Kind, noch bevor es die Luft atmete, so innig geliebt, so zärtlich besprochen, so weihevoll erwartet worden wie dieses.

Aber in mir wohnte eine quälende Vorahnung, mit eherner Gewißheit. Ich wußte, daß Unheil drohte. Das, was mir meine Träume gekündet, und es ward mir mit jedem Tage klarer, was für ein Unheil das sein würde. Die freudige Verheißung hatte einen dämonisch-höhnischen Klang, das feine Wahrnehmungsvermögen meines unsinnlichen Wesens empfand die Falschheit der süßen Verkündigung. Elsje gegenüber konnte ich mich, wenn sie ruhig bei mir saß und Kleidchen nähte und in das liebliche Zukunftsbild ihres Kindchens vertieft war, hoffnungsvoll zeigen und ihr liebes Phantasiespiel mit ihr leben – mich selber aber vermochte ich nicht zu betrügen. Ich wußte, daß mir zu meiner Qual ein Bild des Glückes vorgespiegelt wurde, das meine Augen niemals schauen würden. Ich wußte, daß ich die Echtheit meiner Überzeugung, die Kraft meines Glaubens der schwersten Prüfung, der schlimmsten Qual würde unterworfen sehen müssen. 

Und dann auch, in Elsjes ganz besonderem Zustand, der manches Seelenverlangen so stark zur Geltung kommen läßt, ward es mir klar, was sie so sorgfältig vor mir verborgen gehalten. Sie fragte mich immer wieder nach meinen Träumen, was und wen ich gesehen und wo ich gewesen sei. Und eines Tages entschlüpften ihr die Worte:

»O, ich wünschte, daß ich so träumen könnte wie du.«

»Warum, Elsje? was würdest du dann tun?«

»Ich würde versuchen, nach Holland zu gehen,« sagte sie leise.

Da verstand ich sie. Es war das Heimweh, das sie gepackt hatte.

»Sehnst du dich nach Holland zurück?«

Sie nickte schweigend. Aber gleich darauf sagte sie mit kräftigerer Stimme:

»Aber ich will nicht, daß du dich darum kümmerst, lieber Mann, so lange du meinst, daß dein Werk hier noch nicht vollendet ist. Ich habe Geduld, ich kann ganz gut warten. Aber es besteht doch Hoffnung, nicht wahr, daß wir, wenn unser Kindchen ein wenig größer ist, wieder in Holland wohnen werden?«

»Wenn es nicht besser geht als bisher, so können wir ebensogut in Holland wohnen.«

Da öffnete sie mir ihr Herz noch weiter und sagte:

»Ich hätte es so schön gefunden, wenn mein Kindchen in Holland geboren wäre, zwischen den grünen Wiesen, in einem hübschen, sauberen, holländischen Häuschen, unter den schönen holländischen Wolken, in der Nähe unseres Meeres. Dann hätte ich ihm schon frühzeitig all die schönen Dinge zeigen können, die wir nur in Holland haben, unser hübsches Städtchen und die Gemälde im Museum und die Bauernhäuschen und die Dünen. Hier ist alles so groß, so hart und so häßlich.«

Ich versprach, nicht länger hier zu bleiben, als ich es für durchaus notwendig erachtete. Aber ich wußte, daß ihr Wunsch nicht erfüllt werden konnte. Wenn ich auch das Geld besessen hätte, sie würde damals nicht die Kraft gehabt haben, die Reise zu machen. Aber ihr Geist war andauernd erfüllt von Holland und von ihrem Kindchen in holländischer Umgebung. Und der zunehmende Widerwillen gegen die Nahrung in dem fremden Lande, und ihre Sehnsucht nach der Kost der Heimat, in der sie groß geworden, wirkten verhängnisvoll auf ihren ganzen Organismus.

Eines Tages, nachdem ich wieder entmutigt heimgekommen, nach einem vergeblichen Versuch, einen akademischen Verein dazu zu bewegen, daß er seine soziologischen und biologischen Kenntnisse auf praktische Weise betätigen möge, sprach sie:

»Lieber Mann, ist es dumm von mir, wenn ich glaube, daß Jesus, der dich hierhergeführt hat, jetzt auch ebenso leicht andere dazu bringen könnte, auf dich zu hören und deine Gedanken in die Tat umzusetzen?«

»Nein, Elsje. Denn wenn ich annehme, daß Christus auf mich einen ganz besonderen Einfluß ausgeübt hat für seine Zwecke, so kann ich auch denken, daß er auf andere zu dem gleichen Zweck Einfluß ausübt. Dennoch aber scheint mir solch ein Gedanke dem Aberglauben zu gleichen. Das heißt der Betrachtung göttlicher Dinge auch menschliche Art. Ja, wenn Christus so zu Werke ginge wie ein Mensch, dann dürften wir uns darüber wundern, daß er nicht so handelt, wie wir es tun würden. Aber wenngleich er auch ein denkendes, fühlendes und liebendes Wesen ist, so handelt er an uns Individuen doch mit der erhabenen Größe und scheinbaren Grausamkeit einer Naturkraft, einer göttlichen Macht. Er kann uns alle lieb haben und kennen, besser als wir unsere Körperzellen kennen, und dennoch unseren kleinen Sorgen nicht Rechnung tragen, weil er um deren Nichtigkeit weiß. Und er handelt allzeit durch Vermittlung von großen, allgemeinen Dingen, Instinkten und Trieben. die allen dienen müssen, aber unter denen der einzelne oftmals zu leiden hat. Seine Gesetze sind gut, gut für uns alle, aber nicht vollkommen, ebensowenig wie menschliche Gesetze. Können nicht alle Triebe entarten? Sind nicht all unsere Neigungen voll der Gefahren? Ist unser Körper nicht voll der Gebrechen? Müssen wir nicht ununterbrochen helfen und bessern? Und ist doch nicht wiederum alles mit einer für uns unerfaßlichen Vernunft zusammengestellt? Denk dir doch nur, was dazu gehört, eine kleine Wunde zu heilen oder, was noch tausendmal wunderbarer ist, einem neuen Menschlein das Leben zu geben!«

»Aber es werden auch neue Tiere und Pflanzen geboren, und der Organismus einer Pflanze oder eines Tieres ist ebenso sinnreich. Ist das alles das Werk Jesu? Laß mich Jesus sagen, anstatt Christus, der Name ist mir lieber.« 

»Ja, in diesem Namen liegt wohl etwas Innigeres. Als ich meinen Vater im Traum nach Jesus fragte, wies er mir die schöne Zeichnung auf den Flügeln eines Falters. Und während ich immerfort daran dachte, begann ich zu vermuten, was Jesus ist. Es ist eigentlich so einfach, liegt so klar auf der Hand. Eines nur ist möglich: Entweder ist die Falterzeichnung zufällig entstanden, oder sie ist mit Wollen, Empfindung und denkender Überlegung gemacht worden. Jahrhundertelang hat man Gott, die höchste Allmacht, dafür verantwortlich gemacht, und als die Gelehrten endlich nicht länger an soviel Widersprüche und Unvollkommenheiten in einem so mächtigen Wesen glauben konnten, da taten sie ihr Möglichstes, nachzuweisen, daß die schöne Falterzeichnung durch Zufall entstanden sei, was noch viel törichter ist als zu glauben, daß eine Radierung des Rembrandt oder eine Statue des Phidias eine zufällige Gestalt sei. Und das Gegenteil zu beweisen ist unmöglich. Man kann nur von allerhöchster Unwahrscheinlichkeit sprechen: Ich aber kenne keine höhere Unwahrscheinlichkeit als diese: daß ein Falter, oder eine Blume, oder ein Mensch ein zufälliges Produkt blinder Kräfte sei, vorausgesetzt, daß wir von blinden und unbewußten Kräften sprechen können. Daß die Sonne und die Sterne sich um die Erde drehen, daß die ägyptischen Hieroglyphen zufällige Schrammen auf Granit sind, das alles ist noch viel weniger unwahrscheinlich. Dann sind es aber auch lebende, denkende, fühlende, wollende Wesen, die Falter, Blume und Mensch erschaffen haben und sie noch unablässig erschaffen und wandeln mit unendlicher Klugheit, mit unbegreiflichem Verstand, aber doch auch wiederum mit beständiger Unvollkommenheit. Und zwar Wesen, die durchaus nicht immer miteinander in Harmonie stehen, die untereinander kämpfen und streiten, sich verdrängen und ersetzen, deren Wollen, Streben, Genießen und Leiden weit über den Begriff von uns nichtigen Individuen hinausgeht – aber deren Lebensäußerungen wir doch deutlich wahrnehmen als besondere Einheiten, als nebeneinander, oftmals miteinander, oftmals auch scharf gegeneinander kämpfende Rassen und Arten. Das Wesen, das uns erschaffen hat, dessen Geist, Verstand, Wollen und Empfinden uns zusammenhält, so wie unser Körper seine Zellen zu einer großen Einheit zusammenhält, äußerlich nicht wahrzunehmen, aber unserem inneren Empfinden unverkennbar, das ist der Menschengeist, der Urverstand, die Stammseele der Menschheit, Christus.« –

»Also muß jede Tierart und jede Pflanzenart ihren Jesus haben?«

»Gewiß, jede Art muß ihre Stammseele haben – und jedes Individuum hat seine Seele – und jede Zelle eines jeden Individuums hat die seine. Wie diese Einheiten zusammenhängen und wie sie voneinander abgegrenzt sind, das werden die Biologen allmählich lernen. Sie stehen jetzt erst am Anfang ihrer Wissenschaft.«

»Aber läßt denn Gott, die höchste Allmacht, all diese Kämpfe, all dieses Leid, all diese Unvollkommenheit so ruhig nur geschehen?« 

»Gewiß, denn das alles ist da.«

»Warum? Wozu? Ist das nicht ebenso unbefriedigend?«

»Liebe Frau, die Schwierigkeit wird stets nur an eine andere Stelle gerückt, und das bleibt so, bis wir zu höherer Einsicht gelangt sind. Ich will mir nicht einbilden, daß ich, gleich Milton, Gottes Wege vor der Menschheit rechtfertigen, noch auch, daß ich ihnen, gleich Dante, über Gott und das Weltall alles sagen könnte, was darüber zu sagen ist, noch auch, daß ich, wie Spinoza, Hegel oder Schopenhauer ein vollständiges System aufbauen kann. Das ist unwissenschaftlich. Jede echte Wissenschaft beruht auf Voraussetzung und Annäherung. Von der höchsten Macht wissen wir so gut wie nichts. Dennoch genug für unser Leben. Wir wissen, daß Seine Gesetze allüberall gültig sind, soweit unsere Wahrnehmung reicht, und wir wissen, daß Er gleichmäßig wirkt in dem Lebenden oder scheinbar nicht Lebenden, in dem Kleinsten und in dem Größten, und daß unser Leben beruht auf dem Vertrauen zu Ihm, daß unser Friede in Seinem Willen gelegen ist. Aber von Jesus wissen wir viel mehr, denn wir sehen, wissenschaftlich, seine Lebensäußerungen und empfinden seine Wirkungen in unserem Gemüt. Und das ist weitaus genug, um uns in all unsern Leiden und all unsern Mühen zu trösten. Spätere Geschlechter aber werden viel mehr wissen, einen viel sichereren Weg gehen, viel schöner leben und viel glücklicher sterben.«

»Hast du mir nicht erzählt, lieber Mann, daß Emmy, deine erste Liebe, Jesus allem Anschein nach nicht kannte, Lucia aber wohl? Und dennoch hast du Emmy so sehr geliebt und sie in deinen Träumen gesehen, und hat sie dich zu Jesus und zu mir geführt. Aber Lucia ist dir allzeit fremd geblieben. Wie kommt das?«

»Ja, so ist es, Elsje. Und ich sehe darin keinerlei Widerspruch. Emmy lebte in einem toten, falschen Protestantismus, aber sie war zu Besserem erkoren. Lucia lebte in dem echten, warmen Glauben des Mittelalters, dem wir indessen langsam entwachsen. Das Mittelalter kannte Jesus und lebte in ihm, innig, wahr und echt, so wie es aus seinem ganzen Wesen hervorgeht. Die Menschen des Mittelalters empfanden ihn innerlicher und besser als wir, aber ihr Wissen, ihre feste Erkenntnis, Ihn betreffend, war viel mangelhafter. Lucias Frömmigkeit gehörte einer älteren Phase an, niemals kann sie sich mit der unseren aussöhnen. Sie ist eine vollkommene Blume an einem älteren Zweige der Menschheit. Aber niemals kann sie sich vollkommen paaren mit einem der unseren, die wir einer neueren Generation angehören. Meine Liebe zu Emmy war nicht so tief und groß wie die Liebe zu dir, Elsje. Niemals! Es war ein viel oberflächlicheres, persönlicheres Empfinden, nicht gestärkt durch Erwiderung, nicht mächtig genug, um weiter auszuströmen. Ich habe niemals durch Emmy die Menschheit lieb gewonnen so wie durch Elsje. Und daß Emmy mich in ihren Träumen sozusagen für sich bewahrt und mich zu Elsje geführt hat, so daß meine Liebeskraft zu voller, herrlicher Blüte gelangt ist, das werde ich stets als den größten Segen erachten und als das größte Vorrecht, das Jesus mir zuteil werden ließ.

»Und glaubst du, Liebster, daß unsere Liebe der Menschheit dennoch nützen wird, wenngleich dein Streben hier vollkommen vergeblich bleibt?«

»Ich glaube es. Aber es steht außerhalb meiner Verantwortung und meiner Sorge. Unsere Verantwortung reicht nicht weiter als unser Begriff. Ich gehorche ganz einfach dem, was ich als meine edelsten und höchsten Neigungen erkenne. Ich handle nach bester Einsicht. Die Verantwortung überlasse ich Ihm, der uns unsere Triebe mitgegeben hat und unser Erkenntnisvermögen, dessen Vernunft und Empfinden so hoch über dem unsrigen steht, wie ein menschlicher Körper über der vollkommensten von uns verfertigten Maschine. Aber wenngleich ich jetzt auch machtlos bin in unmittelbarer Wirkung, so werde ich es dennoch nicht aufgeben und nicht ruhen, ich werde alles niederschreiben und von Ihm zeugen. Und Er wird auf Seine Weise und zu Seiner Zeit das alles zur Geltung und zur Wirkung bringen.«

»Vielleicht durch unser Kindchen,« sagte meine arme Frau. Und meine Festigkeit begann zu weichen.




Das Kind unserer Liebe hat nur einen Tag gelebt.

Als es vor hundert Jahren meinem Bruder Lessing widerfuhr, daß er seinen Einziggeborenen nach einem Lebenstage wieder verlor, da hat er Christus bitterlich geschmäht in seiner Betrübnis. Er pries mit beißendem Sarkasmus den Verstand dieses Kindes, das nicht in das Leben eintreten wollte, bevor man es mit eisernen Zangen hereingezogen – und das noch an dem nämlichen Abend Abschied nahm.

Mein Bruder Lessing war ein frommer Mann, aber doch nicht fromm genug, um die Schönheit und die Majestät des großen Menschenwesens zu verehren unter den Schmerzen, die ihm angetan wurden. Der wahre, lebende Christus hatte auch ihn zum Zeugen aufgerufen, und er hat den Bibel-Jesus, das Kunstgebilde menschlicher Phantasie dabei nicht geschont. Aber der Glaube an der Menschheit zukünftige Herrlichkeit, für die das Leiden der Individuen keinen zu hohen Preis bedeutet, vermochte ihn weder zu trösten noch mit dem qualvollen Leiden auszusöhnen.

Ich will meine Stärke nicht rühmen. Ich bin unter dem überwältigenden Leid so schwach gewesen, wie man es von einem armen Menschenkinde erwarten kann. Solange meine Frau ihr Kindlein überlebte, habe ich in meiner Liebe zu ihr die Kraft gefunden, äußerlich nichts zu zeigen, was der Bitterkeit oder der Verzweiflung glich. Aber als auch sie mich verließ, war da niemand oder nichts, das mich veranlaßt hätte, Heiterkeit und Gelassenheit zu heucheln, und so war ich denn eine Zeitlang ein zerschlagenes, gebrochenes Wesen, ein welkes, abfallendes Blatt.

Aber das Wissen, das unsinnliche, geistige Wissen konnte mich nicht verlassen, wenngleich jegliches Gefühl durch das Übermaß erstickt und abgestumpft war. Solange wir uns selber anschauen mit dem wissenschaftlichen Blick, von der Höhe unseres innigsten Bewußtseins herab, solange ist da auch etwas, das lebt hoch über Schmerz, Alter und Tod. Wer sich selbst genau wahrnimmt im Leiden und im Alter, ist dadurch über das Leiden und die Zeit erhaben; denn dasjenige, das schaut, ist stets mehr und höher als das, was angeschaut wird. Und so wußte ich mich selber heiter und ewig jung infolge jenes kleinen Fünkleins beschaulicher Kraft inmitten all meines Elendes.

Ich wußte, und ich vergaß es niemals, daß das Ewige, darin wir leben, nicht zage rechnet mit ein wenig mehr oder minder Leiden, und daß es mit seinen Geschöpfen nicht schonend umgeht. Tausende von Keimen läßt es vergehen, um einen unter ihnen zu voller Blüte gelangen zu lassen.

Ich wußte, daß die Schmerzen, die ich empfand, die Nachwirkung eines nutzlos gewordenen Dranges waren und daß ich sie nicht mehr empfinden würde, sobald ich das beachtete, was erreicht war, und abließ von dem Unnötigen und Unerreichbaren.

Und ich fand keinerlei Grund, zu zweifeln an der Übermacht von Seligkeit und Glück über alles Leid, bloß weil mir, dem nichtigen Einzelwesen, in ein paar kurzen Lebensjahren das Äußerste zu tragen gegeben ward, das ich zu tragen vermochte.

Ich war schwach, schwach wie alle Menschen, aber ein unteilbarer Funke von Kenntnis leuchtete gleich einem hellen Stern hoch über all meinen düsteren Schwächen. Und jener kleine funkelnde Stern ist es, lieber Leser, auf den ich deine Aufmerksamkeit richten will, nicht aber auf meine Schwäche.

Was ist es denn anderes als Schwäche, jämmerliche, erbärmliche Schwäche, die vor uns ausgebreitet wird in den bitteren Schmähreden gegen das Leben, durch sie, die man Pessimisten nennt, durch Schopenhauer, Wagner, Ibsen, hingerissen wie sie waren von der Lebensebbe der Mitte dieses Jahrhunderts?

Ich bin geboren zur Zeit des Kenterns und weiß mich getragen von der steigenden Flut. Mir ist es wohl bewußt, daß die lautere Seligkeit noch nicht lebt in dem Menschenwesen, daß sie aber erschaffen werden muß und daß die ersten Bedingungen für ihr Kommen in dem Glauben und dem Willen beruhen, in dem Mut und der Kraft der Ursprünglichen. Was wahrhaftes Wesen besitzt, ist lauter Seligkeit, und es steht bei uns, jenes wahrhafte Wesen zu erlangen – aber das erste, das dazu notwendig ist, ist die ahnende Überzeugung. Denn Wollen heißt schaffen, und wir bauen, ein jeder von uns, in die Ewigkeit hinein nach eigenem Entwurf. Mein Optimismus besteht wahrlich nicht darin, daß ich mich vor unvermeidlichem Jammer verkrieche, denn das Meer der Trübnis hat mit himmelhohen Wogen an meine Leuchttürme geschlagen. Die Feuer sind nicht erloschen und haben weit darüber hinaus geschienen.

Aber keinen Augenblick länger, als unvermeidlich notwendig war, schenkte ich dem Düsteren, dem Schwermütigen, dem Traurigen meine Aufmerksamkeit. Und auch dich, lieber Leser, will ich nicht durch trübe Schilderungen zu fesseln versuchen, wie traurig die Dinge auch sein mögen, die ich dir erzählen muß. Von allen dämonischen Verirrungen besteht die schlimmste in der Sucht, in dem Schlamm des Elends und der Düsterkeit herumzuwühlen. Hüte dich vor den düsteren Leimruten, die deinen freien Geistesflug bedrohen.

Elsje und ich, wir hatten oftmals über das Sterben gesprochen, aber nur dann, wenn eine kräftige Stimmung uns gestattete, das ohne Furcht oder Niedergeschlagenheit zu tun. Denn das schlimmste am Tode ist nicht das Sterben selber, sondern der Hauch des Entsetzens, den er bisweilen über unser Gefühl breitet. Daß unsere Zeit es nur wenigen gestattet, schön zu leben, das ist traurig, aber schlimmer ist es, daß sie so wenigen nur Mut und Gelegenheit dazu gibt, würdig zu sterben. Unsere Generation versteht schlecht zu leben, aber noch weniger gut zu sterben. Die meisten sterben nicht den wenig entsetzlichen Heldentod, sondern den grausigen Hausvatertod, wie Goethe ihn nannte.

Schön und würdig zu sterben, das war unser beider innigster Wunsch gewesen, nach dem eines langen gemeinsamen Lebens. Und Elsje kam der Erfüllung dieses Wunsches so nahe, wie unsere mühseligen Verhältnisse es nur irgend gestatteten.

»Jetzt ist es doch nur gut,« sagte sie, als sie die Sicherheit dessen empfand, was da geschehen würde, »daß unser liebes Kindchen nicht am Leben geblieben ist. Denn es würde für dich gar schwer gewesen sein, du armer, lieber Mann, allein für das Kind zu sorgen und gleichzeitig weiter zu arbeiten an deinem Werk.«

Begierig fragte sie an jedem Morgen nach meinen Träumen, und es erfreute sie über die Maßen, wenn ich aufrichtigen Herzens ihr sagen konnte, daß die Träume ungeachtet all meiner Sorgen von einer erquickend heiteren Pracht gewesen. Und immer mehr wollte sie wissen von jenem wunderbaren Zustand, der so sehr dem gleichen muß, was wir nach dem Absterben des Körpers empfinden, und der sich so schwer beschreiben und verstehen läßt.

»Am schlimmsten finde ich es,« sagte sie, »daß wir vielleicht, wenn wir uns wiedersehen, niemals sicher sein werden, ob es nicht nur ein Scheinbild ist, ein Werk unserer eigenen Phantasie, anstatt des wirklichen Wesens des andern. Denn wir haben dann keine Sinne mehr wie jetzt und also nichts, um uns davon zu überzeugen, ob das, was wir wahrnehmen, das gleiche ist, was wir im Leben wahrgenommen haben.«

»Ich kann darauf nicht viel anderes antworten, Liebste, als daß ich in den kurzen Augenblicken der Wahrnehmung während des Schlafes doch bereits Gewißheit empfunden habe. Wohl wird eine Selbsttäuschung möglich sein, aber dann gibt es auch eine endlose ruhige Zeit zur Überlegung, Wahrnehmung, Überdenkung, die mir im Schlaf stets mangelt. Und es muß auch Zusammenschmelzung geben, Aufhebung der Persönlichkeit, Wahrnehmung durch Vermittlung der noch Lebenden – eine ganze Anzahl von Zuständen und Fähigkeiten, die uns jetzt noch völlig unerklärlich sind.«

»Das klingt mir traurig! Aufhebung der Persönlichkeit. Denn nach dir, nach dir, wie du jetzt bist, nach deinem persönlichen Wesen, deiner lieben Stimme, deinen sanften Augen werde ich mich sehnen, immer und immerfort.«

»Ich weiß nur, Elsje, daß nichts verloren gegangen ist oder verloren gehen kann von unseren Eindrücken, von all dem schönsten und liebsten, was wir erlebt haben. Nichts vergeht, und sicherlich am allerwenigsten das, was das bindende Element alles Bestehenden bildet: das Gefühl. Jedes Gefühl ist ewig, und das geringste was wir erlebten, ist bleibend aufgezeichnet in dem Gedächtnis der Allmacht. Mehr und ausführlicher kann ich darüber nicht sprechen, wir müssen uns mit diesem hauptsächlichsten Gedanken trösten.«

»Wenn du mutig bist und voller Zuversicht, mein lieber Mann, so bin auch ich es.«

»Ich bin es. Denn wenngleich ich nach unserem Abschied vielleicht noch zehn oder zwanzig Jahre einsam werde verleben müssen, so habe ich doch mein Studium und meine Arbeit, und ich habe auch meine Nächte, in denen ich dich rufen werde. Und du wirst wohl kommen wollen, wenn ich dich rufe?«

»O, Liebster, ob ich werde kommen wollen? Wenn ich weiß, daß es dich trösten kann! Ob ich werde kommen wollen!« 

Und ihre matten Augen lächelten ob der Überflüssigkeit meiner Frage.

»Und wenn du wiederum düstere Augenblicke durchlebst, lieber Mann, wirst du mir dann verzeihen, daß ich dich dazu gebracht habe, so viel Kummer zu bereiten und zu erdulden? Ich weiß wohl, daß du niemals bitter über mich denkst und mir alles verzeihst in deinen freudigen, kraftvollen Zeiten, wenn dein echtes, wahres Wesen vorherrscht. Aber es kommen auch Stunden der Niedergeschlagenheit. Wirst du dann nicht mit Bitterkeit an mich denken?«

»Frage mich lieber, Elsje, ob ich es Christus wohl verzeihen werde, daß Er mich dazu gebracht hat, dich soviel leiden zu lassen, daß Er mir nicht rascher und klarer meinen Weg zeigte und daß Er dich solange schmachten und warten ließ. Christus ist der Mächtige, der Starke, der Weise, der uns in der Hand hat und die größte Verantwortlichkeit trägt. Wir zwei sind arme, blinde, kleine Stümper, die sich gegenseitig so gut wie möglich geholfen haben. Für einander empfinden wir nur Dankbarkeit.«

»Ja,« sagte Elsje befriedigt, »füreinander nur Dankbarkeit.«

Und bis zu ihren allerletzten Augenblicken war sie trostvoll erfüllt von dem Gedanken, daß mir noch die Nächte bleiben würden, in denen ich sie rufen und Kraft und Erquickung finden könnte für den einsamen Tag.

»Jesus verzeihen zu wollen,« sagte sie noch einmal, »das ist doch eigentlich absurd, denn ich würde ihn mindestens ebenso lieb haben wie dich, wenn ich ihn mir nur als einen Menschen vorstellen dürfte.«

»Alles, was wir sagen, ist absurd, Elsje. Aber was wir empfinden, ist nicht absurd. Wenn wir zurückgekehrt sein werden zu unserem Urleben, zu der Stammseele der Menschheit, dann erst werden wir es bemerken – so glaube ich –, wie absurd unser Reden war und wie wahrhaftig unser Gefühl.«

Das letzte was ich von ihr hörte, in ihrer Sorge um mich, war ein flüsterndes: »Wirst du mich rufen?« und noch einmal, als die Stimme keinen Klang mehr hatte, formten die Lippen das Wort: »rufen«.

Da verdorrte die Blume und fiel ab. Allein der mächtige Stamm war reicher geworden durch die schöne Blüte ihres Liebe atmenden Lebens.




In dem neuen Lande habe ich nach Elsjes Tode keinen friedlichen Augenblick mehr gekannt. Es war, als sei ihr Heimweh auf mich übergegangen. Meine Träume sprachen in jeder Nacht von Holland, nur von Holland, und von dem Ort, wo ich meine Frau gefunden. Ihr übersinnliches Wesen schien mich nach dem Lande ihrer Sehnsucht zu treiben.

Lange Zeit bekämpfte ich die Neigung, das Werk aufzugeben, das ich mit soviel Aufopferung begonnen und unter so vielen Qualen durchgeführt hatte. Drei Jahre währte meine vergebliche Kampagne.

Da erhielt ich einen seltsamen Bericht. Ich vernahm durch Vermittlung des Sachwalters meiner Familie in Italien, mit dem ich in Korrespondenz geblieben war, daß meine Mutter gestorben sei und ihr Vermögen meinen Kindern hinterlassen habe. Und daß meine Tochter Emilia, durch eine frühe Ehe majorenn geworden, darauf bestehe, jenes Geld nicht in Empfang zu nehmen, sondern es mir zu überlassen. Meine Kinder waren jetzt  alle verheiratet oder selbständig und die ganze Familie zerstreut. Lucia war als Äbtissin in eine geistliche Anstalt gegangen.

Da vermochte ich dem heimlichen Drang, der nicht nachließ, weder bei Tage noch bei Nacht, und der mir so deutlich wie eine Mahnung meiner verstorbenen Frau erschien, nicht länger zu widerstehen, und ich kehrte zurück in dieses Städtchen, wo ich mein gegenwärtiges Heim mir kaufte und die kleine Gärtnerei, die mir noch jetzt tägliche Beschäftigung bietet.

Was ich von meiner Tochter erhielt, war nicht viel, genügte aber zur Bestreitung meines einfachen, kleinstädtischen Lebens in diesem Orte. Allmählich gelang es mir, die Menschen hier an mein ausländisches Wesen zu gewöhnen, und nun lebe ich das erträglichste Leben, das für mich auf Erden noch zu finden war.

Erst durch jenen seltsamen Bericht und Emilias freundliche Handlung bin ich aus der düsteren Betäubung erwacht, in die ich nach Elsjes Tod versunken war.

Vielleicht würde ich nicht die Kraft gehabt haben, mich selber wieder aufzuerwecken zur Lebenslust und Arbeitsfreudigkeit, vielleicht auch wäre ich krank geworden und gestorben, ohne Elsje ein einziges Mal in meinen Träumen zu sehen. Denn meine Verzweiflung und mein Heimweh hatten die Klarheit meines Traumlebens getrübt. Ich schlief wenig und schlecht, die gequälte Seele schien sich nicht genügend von dem unruhigen Körper zu trennen, um zur Reintegration und zum unsinnlichen Wahrnehmen zu gelangen.

Emilias Tat rettete mich. Und da nahm ich diese trostvolle Erscheinung wahr, daß die Genußfähigkeit während der Genesung nach einer Zeit schweren Druckes ganz außerordentlich zunimmt. Ich habe meine Tochter in Paris wiedergesehen, wo wir eine Begegnung verabredet hatten, bevor ich nach Holland zurückkehrte. Und jener eine Tag dort ward gekennzeichnet durch ein wunderseltsames, ganz unbeschreibliches Glück.

Es widerfuhr mir ziemlich plötzlich – während der Überfahrt von Amerika –, daß ich die dunkle Melancholie weichen fühlte. Und da auch kam die klare Wahrnehmung während der Nacht, kurz, aber intensiv, während der ich zum erstenmal die teure Verstorbene aufrief, ihre zarte, flüsternde Stimme hörte und ihre Augen sah.

In Paris brachte mir das Wiedersehen mit meinem einzigen mir treu gebliebenen Kind, dem sanftmütigen, liebevollen Wesen, das ihren Vater auch weiterhin verstehen und ihm beistehen wollte, ein köstliches Glück.

In Worten läßt es sich nicht wiedergeben, was sich in solchen Augenblicken in der Seele abspielt, und der Effekt ist so seltsam, daß ich sogar während des Wahrnehmens in andauernder, gespannter Verwunderung mich befand.

Die Verbindung zwischen dem seelischen und dem wachenden Körper muß dann plötzlich wieder geschmeidig und fest hergestellt, und der Defekt an jenem Seelengliede, der die Melancholie verursacht, mit einemmal gewichen sein.

Alles, was ich an jenem Tage sah, war Lust, war beinah Seligkeit. Und vor allen Dingen: Es bedeutete gar so viel! Bei allem, was ich sah, fühlte ich die Anwesenheit endloser Fernsichten von Lust und Schönheit, die angedeutet wurden, flüchtig nur und kurz – aber doch unverkennbar.

Da war eine große Ausstellung, einer jener banalen Weltjahrmärkte, über die ich oftmals verächtlich gesprochen hatte. Jetzt aber, in meiner tausendfach verstärkten Empfänglichkeit für Glück und Schönheit, sah ich das alles als einen deutlichen Schimmer, als einen Vorboten unbeschreiblicher nahender Pracht.

Die breiten, sonnigen Alleen mit den funkelnden, vergoldeten Statuen in dem klaren Sonnenlicht, die Tempel und Galerien, blank und stattlich, die Tausende und Abertausende, die aus allen Ländern herbeigeströmt waren, der freudige, festliche Schein, die Musik an allen Seiten, der Duft von zertretenem Grase, von Lindenblüten, von leicht parfümierten Gewändern – ach! wie machtlos ist diese Aufzählung, will man das Unbeschreibliche wiedergeben, das schöne Glück, als dessen flüchtige Ankündigung mir alles dies erschien. Ich konnte meinen Blick richten, wohin ich wollte, auf eine orientalische Fassade, auf eine Gruppe musizierender Menschen, auf eine Reihe sonnenbeschienener, dicht belaubter Bäume, auf die schöne, herzliche, gut gekleidete, junge Frau, die neben mir einherging und die meine Tochter war – aus allem sprach Freude, eine seltene, feine, ungekannte Lust, intensive Pracht, geheimnisvolle Erwartung großer, nie geahnter Wunder und Mysterien.

An jenem glücklichen Tage schlugen in meiner Seele diese beiden Wahrheiten Wurzel: zunächst die, daß die Menschheit in ihrem Aufschwung begriffen ist, daß die Wunde Gottes heilt, daß ein neues, jegliche Phantasie übertreffendes, gemeinschaftliches Heil auch auf dieser Erde noch zu erwarten ist, mit einer Pracht ohnegleichen oder Vorbild.

Und zweitens, daß unsere Genußfähigkeit immer mehr wächst unter dem Druck des sterblichen Körpers, und daß nichts Unwahrscheinliches liegt in der Erwartung der alten Frommen, wir würden erst dann so recht wissen, was Seligkeit ist, wenn wir von diesem Druck auf allzeit erlöst seien.

So wie alle Kräfte, alle Organe sich durch Widerstand entwickeln, falls dieser nicht übermächtig ist, so entwickelt sich auch die Kraft zum Liebhaben und zur Seligkeit unter dem äußeren Widerstand des sterblichen körperlichen Lebens, falls der Geist festhält an der einmal erworbenen Kenntnis und die Fährnisse zu durchkämpfen und mit Umsicht und Geduld zu überwinden weiß.

Diesen Gewinn habe ich in meinem ferneren einsamen Leben nicht wieder eingebüßt. Mein Alter, wie eintönig auch und wie innerlich einsam, ist freudig und glücklich, voll lichter Erwartung, voll ruhigen Friedens.

Ein paarmal noch habe ich jene große, von außen her kommende Freude gekannt, daß meine Tochter mich besuchte und daß ich mit ihr offenherzig sprechen konnte über mein Leben, über ihre Mutter und Elsje, die mir in Wahrheit ewig teuere Frau. Mit keinem anderen Menschen konnte ich das tun. Emilia aber hörte mich stets aufmerksam und ehrfurchtsvoll an, und ich zweifle nicht daran, daß es sie belehrt und ihren Geist erweitert und aufgeklärt hat.

Abgesehen von jenen wenigen hehren Freudentagen verschmähe ich auch die kleinsten alltäglichen Genüsse nicht – dennoch verlasse ich meine kleine Stadt nur selten.

Ich finde Freude an den Schönheiten meines Städtchens und an diesen flachen Landen zu allen Jahreszeiten, an der Versorgung meines kleinen Stückchens Land, an der aufgewühlten Erde im Lenz, mit ihrem süßen Duft, an der Spannung um das Wohlgeraten der Gewächse und auch an den kleinen häuslichen Freuden. Nach dem Tode des Jan Baars ist eine alte, getreue Dienstmagd aus »de Toelast« in meinen Dienst übergegangen, und sie kocht gut und sorgt für mich wie für ihr eigenes Kind. Und die feierlichen, langen, einsamen Abende in meinem stillen Hause, mit meinen Büchern und Schriften, Erinnerungen und ein wenig Musik sind mir nimmermehr zu lang.

Am unangenehmsten sind mir die Versammlungen des Waisenhausvorstandes, aber davon will ich ein andermal berichten. Eine große Qual bedeutet das indessen nicht.

Die Nächte sind mein größter Trost geblieben, wie dereinst. Die Jahre vergehen jetzt rasch und flüchtig, denn im Alter mißt man den Schritt der Zeit mit größerem Maße. Ich berechne ihren Gang jetzt beinah nur noch nach den Meilensteinen meiner Träume, nach den Stunden, da ich meine Liebste habe rufen und ihre Nähe habe fühlen dürfen. Einen einzigen Traum will ich euch in diesem Zusammenhang noch erzählen:

Es war spät am Morgen, zwischen sieben und acht Uhr. Der Traum begann mit einem Gespräch über das Leben nach dem Tode und ich versuchte, es einem Menschen klar zu machen, daß eine Verschmelzung der Einheiten stattfinden würde, kein persönliches Weiterleben, aber ein Vergehen unseres individuellen Wesens unter Bewahrung unserer ganzen Erinnerung und Erfahrung. Dies war mir klarer denn je.

Da kam plötzlich der Gedanke: ich habe meine Liebste noch nicht gesehen, ich muß schleunigst gehen und sie begrüßen. Darauf das Bewußtsein, daß ich träumte und in E . . . sei und daß ich sie dort finden würde. Ich ging hinaus und sah den blauen Himmel und eine herrliche Landschaft. Da begann das Entzücken. Eines nach dem andern kamen die prächtigsten Bilder und ich jauchzte vor Glück und feurigem Dank. Ich sah eine ungeheure Berglandschaft, scharf und deutlich, die Spalten in dem Fels, die von der Sonne beleuchteten grauen Steinränder, die Bergwiesen, überdeckt vom goldenen Schein.

Und dann plötzlich vor mir ein liebliches, grünes Tal, und darinnen niederes Strauchgewächs und sanft dahinfließendes klares Wasser, stille Häuser und vereinzelte hochstämmige, tropische Bäume. Es herrschte dort eine unbeschreibliche, bedeutungsvolle Stille und Ruhe. Das Land war dicht bevölkert, aber in einer einzigen, gespannten Weihe des Friedens und des Glückes. Ich sah hellblaue Pfauen sich spiegeln in dem Wasser und ruhig auf und abgehen in der Sonne. Die Farben, die reine Atmosphäre, die stillen, zierlichen Häuser, das feierliche Schweigen, die wohl empfundene, aber nicht geschaute Anwesenheit von Tausenden friedlicher, glücklicher Menschen, der klare Horizont mit der gewaltigen, sonnenbeschienenen Bergkette – das alles war zu schön, um in Worte gekleidet zu werden. Ich rief meine Liebste, daß sie doch auch kommen und schauen solle. Ich sah sie nicht, hörte aber, wie ihre liebe Stimme sagte: »Oh, wie viel Blumen!«

Da empfand ich das Bedürfnis, zu beten, und wandte mich dorthin, von wo das Licht kam. Und was mir noch niemals widerfahren war: ich sah hinter mir nicht mehr die düstere Wolke, die ich dort allzeit bis zu Elsjes Tode gesehen hatte und die sich nach jener Zeit nur langsam verflüchtigte. Und ich sah die Sonnenscheibe selber zum erstenmal in dieser Traumwelt.

Da sprach ich leidenschaftlich und beredt zu Christus, so wie ich es nie zuvor getan und wie ich es sicherlich bei Tage niemals würde tun können. Dank und Liebe sprach ich aus: »Mein Vater und meine Mutter bist du, und ich habe dich lieb, mag ich auch noch so viel um dich gelitten haben. Ich will wohl um deinetwillen leiden, und ich empfinde keine Bitterkeit mehr ob meines erlittenen Leides. Ich verzeihe dir, ich verzeihe dir und ich weiß, daß du mir allzeit meine Torheiten und meine Schwächen verzeihst – denn zwischen uns wird auch nicht mehr die Rede sein von Verzeihen, sondern nur von Dankbarkeit – so wie zwischen meiner Liebsten und mir. Denn wir können uns kein Bildnis machen von dir und daher dich nicht genug lieben, und wir haben dich nur lieb ineinander, so wie wir einander kennen. Ich aber weiß, daß die Liebe zu meiner Liebsten nur Liebe zu dir ist und daß ich in ihr dich liebe. Und ich bereue nichts, und ich bin glücklich und dankbar und zufrieden, daß ich dir gefolgt bin und dir gedient habe im festen Glauben daran, daß meine Kraft wachsen wird, bis ich die Seligkeit erkennen und ertragen werde. Ich bitte um nichts, aber ich sehne mich nach dir und deiner Herrlichkeit, und eine feurige Spur des Dankes werde ich hinterlassen, auf daß sie den andern helfe, dich zu finden.« 

Während ich dies sprach, sah ich noch lichte Nebel hinwegziehen von der Sonne, und diese begann blendend zu strahlen. Das erschien mir wie eine solche Offenbarung, daß ich nur »Oh! Oh!« ausrufen konnte voller Ekstase. Da fühlte ich, daß ich weinen würde vor Glück oder das Bewußtsein verlieren, das aber wollte ich nicht, und so erwachte ich.

Am Morgen fühlte ich mich erquickt und gegen alle Mühsal wohl gefeit.

Das einzige, was ich noch fürchte, ist der Verfall des Geistes im höheren Lebensalter, so daß ich jahrelang würde umhertreiben müssen gleich einem hilflosen Wrack. Ich habe eine Theorie, derzufolge man das verhüten kann. Diese Theorie muß aber erst noch bewiesen werden. Und mein Vorbild allein würde dazu nicht genügen.

Solange mir die Klarheit des Geistes erhalten bleibt, habe ich vollauf zu tun mit der Ausarbeitung jener Begriffe und Ideen, die ich bisher nur flüchtig angedeutet habe. Zunächst – –  – – –

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Der E . . . er Anzeiger vom 12. Juni 1908 enthielt den folgenden Bericht: »Heute ereignete sich unweit unserer Stadt am Eingang zum Hafen ein trauriger Unfall. Auf der kleinen Jacht »Elsje« des Herrn M. . . . . . brach Feuer aus, vermutlich durch das Umfallen eines Spirituskochers. Das kleine Fahrzeug stand alsbald in lichter Lohe. Herr M. . . . ., trotz seines hohen Alters ein tüchtiger Schwimmer, sprang über Bord und versuchte seinen Begleiter, einen Schifferknecht, der noch nicht gut schwimmen konnte, auf ein paar Brettern zum Hafen zu bringen. Allein der starke Strom zog beide mitten ins Meer hinein. Der Junge wurde von einem heimwärts segelnden Tjalk gerettet. Herr M. . . . . . ertrank.

Da der Verstorbene um seines Wohlwollens und seiner Bescheidenheit willen sehr angesehen und beliebt war, ist die Teilnahme in unserer Stadt allgemein.«




1»Das Stückfaß.«