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Reinhold Eichacker – Nächte der Venus

Ein erotischer Zyklus

Reinhold Eichacker, Nächte der Venus, Universal-Verlag, München, [o. J.]

Meinem Weibe
gewidmet.




Die Nacht der Rosen.

Rosen! Rosen!
Rosen schlinge zu duftenden Ketten,
kühle und heiße!
In rote Rosen,
in gelbe und weiße
will ich, Weib, Deine Glieder betten.
. . . . Auf weiße nieder
soll Deines Hauptes flammende Pracht,
soll Deiner Locken schillernde Nacht
im Taumel sinken . . . .
. . . Aus weißen Rosen
will ich, Weib, Deiner Wangen Rund,
der Augen Glanz, Deiner Lippen wund-
zerfleischende Küsse trinken . . .
. . . Aus weißen Rosen
silbern und rein,
die Dich wie Meereswogen umschäumen,
will ich Dich, Jauchzende, an mich reißen,
wenn meine Blicke, geblendet und blind,
in den Deinen von Schönheit träumen, –
– träumen, daß wir wie Götter sind! . . .
– – – Und der gelben Rosen berauschende Lust
soll Dir an Deinem Herzen liegen,
um Deine schwellend-verlangende Brust
zärtlich die knospenden Hügel umschmiegen,
wie meine Hände, begehrend und weich,
daß sie umarmend veratmen müssen
und auf den blutenden Lippen zugleich
sterben in meinen zerflammenden Küssen! . . .
– – – Doch mit den roten, Weib, will ich Dich segnen –
trunken zerpflückt in der grausamsten Hand,
sollen sie um Deine Hüften regnen,
in Deines Schoßes verzehrenden Brand;
sollen die schimmernden Schenkel umsäumen,
wenn sie gleich Schlangen der Sehnsucht erwacht,
wenn Deine Seufzer sich aufwärts bäumen
und Deine Wonne Dich weinen macht – – –
Sollen Dich wie meine Wünsche umflammen,
jauchzend verlohen und mit uns zusammen
selig versinken im Rausche der Nacht!



Nach dem Feste.

Noch laß die Hüllen nicht zu Boden sinken,
noch nicht!
Noch laß Dein Bild mich wie im Saale trinken,
im Licht!
Noch will ich Dich gleich einem Traume grüßen,
heimlich vertraut,
und lauschen Deiner Stimme, Deiner süßen,
wie fremdem Laut.
Und wie im Saale sollst Du fern mir stehen
in kalter Pracht,
und nur Dein Blick soll, wie der meine, flehen
nach dieser Nacht! . . . .
. . . . Weib! – Venus! – . . Weib!
Sind wir es beide,
die dort der hohe Spiegel wiederstrahlt?!
– Um Deine schlanken Hüften schmiegt die Seide
sich wie ein Wort, das in der Nacht verrinnt;
aus Spitzen, zart und duftig, wie die Träume
im Mondschein sind,
taucht Deiner vollen Schulter sattes Weiß,
um Deines Nackens blondes Flaumhaar schweben
der Dämmerung Liebesseufzer, weh und heiß,
und Deiner Brüste Rosenknospen beben . . .
Noch laß die Hüllen nicht zu Boden sinken,
Du Königin,
doch mit dem Fächer sollst Du heimlich winken,
zum Spiegel hin,
und ich will wieder an der Säule lehnen
und Bettler sein,
bis Deiner Augen demutvolles Sehnen
mich ruft: sei mein!
Und dann will ich mit einem Male wissen,
daß mir allein all Deine Schönheit gilt,
daß ich Dich plötzlich an die Brust gerissen,
als Sklave – nein! als Herrscher, stark und wild,
und daß ich meine heißen Augen kühlte
in Deinem Haar,
und dich, nur Dich in meinem Blute fühlte,
und König war!

Noch laß die Seide deinen Leib umkosen,
Du stolzes Weib,
noch löse nicht an Deiner Brust die Rosen,
und bleib!
Noch laß im Spiegel mich zur Seite stehen
von Lust entfacht,
und aus dem Parke soll der Atem wehen
der Sommernacht!

Und unserer Wünsche Ströme werden rauschen
mit vollem Klang,
und unsere Herzen werden schauernd lauschen
der Sinne Sang,
und alle Hüllen werden niederbrennen
an unserer Glut,
und unser Leib wird keine Trennung kennen
wie unser Blut . . . .!
. . . . Dann erst will, Weib, ich Deine Hüllen rauben,
berauscht und frei,
und Deinen Küssen, Deinen Seufzern glauben,
daß diese Lust,
daß diese Nacht
kein Märchen sei!



Ausritt.

Drüben am Waldesrand wiehern zwei Rappen –
scharrende Hufe im wolligen Moos,
raschelnde Blätter um nervige Beine,
Köpfe gemeißelt, die Glanzaugen groß,
zerren sie unwirsch die knirschende Leine,
tauchen die Nüstern in sinkende Sonne,
knabbern die Rinde und schnauben vor Wonne,
harren des Herrn gleich verzauberten Knappen –
. . . Ganz so, wie einst . . .
Wir ritten zu Zweien,
Du nur und ich – ritten zwei Rappen.
Spätsommer war's. Auf den Birkenreihen
lag des Tages entschlummernde Süße,
machte uns schweigsam, entlockte uns Rufe
hellen Entzückens. Wir trieben im Strome
zeitlosen Glückes. – Der Wald ward zum Dome.
Moosmatten warfen sich weich vor die Füße
Teppiche tranken die Stimme der Hufe,
Laubwolken trugen der Schwebenden Flug.
Hin und wieder ein freudiges Schnauben,
Lederknirschen, ein fliehendes Wild,
ein raschelnder Busch, ein Vogelzug,
ein äugendes Reh, wie ein lebendes Bild
in seiner eigenen Anmut gefangen –
sonst rings kein Laut –, nur die Herzen sangen.
Blaugolden der Himmel, die Sonne im Neigen,
schwarzgoldene Bogen von schattenden Zweigen,
dazwischen ein Blitzen, – und wieder zerflossen
die Wipfel zusammen, und rauschend schlossen
sich droben die Siegestore des Walds . . . –
– Könige reiten so durch die Zeiten. – – –
– Ich träumte Dein Bild, Du träumtest das meine.
Aus schillerndem Schwarz wuchs sonnwärts Dein Leib,
schlank, biegsam, gemeißelt,
rank, rassig, gestrafft,
Dein Rappe darunter gemeisterte Kraft.
Verschmolzen im goldenen Abendscheine
das herrlichste Tier und das göttlichste Weib.
Dein Reiten war Schweben, Dein Schweben war Tanzen.
Du selber, Gebieterin jedes Tritts
der Pferdebeine, im Herrensitz.
Dein Reiten war Tanzen, Dein Tanzen war Lust –
Der Rappe, des tanzenden Spieles bewußt,
entzog sich Dir fliehend
und bog sich Dir glühend
von neuem entgegen in zärtlichem Ruck.
Du warfst Dich im Bügel
und gabst ihm die Zügel,
dein Schoß hob und schloß sich mit schmiegendem Druck.
Kein törichter Schwätzer, der täppisch uns störte,
kein Lauscher, der unsre Gedanken hörte,
beredter als Worte der schimmernde Blick –
Die Jugend im Blute, die Sehnsucht im Schweigen,
die Antwort errötend im Stirneneigen –
so reitet kein König, so reitet – das Glück!
Jäh scheute Dein Rappe, – ein Zweig fiel zur Erde,
da gabst Du die Zügel dem schnaubenden Pferde,
und jauchztest vor Jugend und Übermut.
»Leb wohl!« riefst Du neckend,
und jubelnd Dich streckend
warfst Du eine Kußhand mit lautem »Juchu!«
Hei, war das ein Jagen!
Die Waldsträucher lagen
erschreckt in den Gräben und lachten uns zu.
Die Waldwipfel schossen vor Staunen zusammen,
die Baumkronen standen in rosigen Flammen,
der Moosteppich rollte wild fluchend sich auf –
Die Waldstraße warf sich uns flehend entgegen,
von seitwärts lief endlos das Waldvolk von Wegen,
die Wegweiser reckten die mageren Arme
und winkten uns drohend, wie tote Gendarme,
voll mürrischer, neidischer, machtloser Wut –
So reitet kein König, so reitet – das Blut!
– Wir jagten dahin, wie ein rasendes Heer,
wir fingen die stürmenden Sinne nicht mehr,
ich sah nur Dein Bild, das mir lachend entfloh,
wie Walküren reiten im Hojotohoh,
die Haare gelöst, wie ein Mantel im Wind,
die Lippen geöffnet, die Glücksaugen blind –
– so griff ich die Zügel mit meisternder Hand,
so fing ich den Rappen wie lodernden Brand,
ein Ruck noch, ein Bäumen und taumelnd vor Lust,
sankst mit Deinem Jauchzen Du mir an die Brust –
»Du Wilde!« – »Du Starker!« – Ein Kuß –
»und mein Lohn?!«
– da bogst du den Nacken mit schluchzendem Ton,
die Schläfen umloht von gewährender Scham,
sahst Du mir ins Auge: »komm, Liebster!«
– ich nahm
die Zügel und schlang sie zum Knoten am Baum
und trug Dich hinein in den dämmernden Traum – –

– – – Und wiegende Waldwipfel rußten das Wort,
und sonnige Waldwinde trugen es fort,
das Wort, dem kein zweites an Seligkeit gleich,
das süßeste Wort, das an Liebe so reich,
wie ein Treuschwur so stark, wie ein Segen so fromm,
dies eine, verhauchende, dürstende: »komm!« –



Aufforderung.

In meinem Zimmer der große Kamin
hat Sehnsucht, – er knistert nur leise,
das Bärenfell drängt sich so zärtlich an ihn
und die Sessel stehn träumend im Kreise –
Und vor meinen Sinnen wächst wieder Dein Bild,
im Bärenfell wohlig vergraben,
die Glieder von goldenen Haaren umhüllt,
wie sie Elfen und Waldfeen haben;
und Dein Blut war so rot, und Dein Leib war so süß!
– warum soll ich mein Glück nicht verraten? –
schau, Du warst ja nicht nackt, denn Dein – Goldkettchen hing
Dir am Hals . . . und das war von Granaten.
Du hattest den Kopf in die Hände gestützt
und die Arme weichwinklig gebogen,
und das Fell an die brennenden Brüste geschmiegt
und die Schenkel sanft an Dich gezogen.
Deine Meeraugen glänzten in Sehnsucht und Lust
Dein Mut stand Dir tief in den Wangen,
. . . und Dein Mund sprach die Verse, die ich Dir geweiht,
als küßte er leis ihr Verlangen.
Und all Deine Fibern begehrten nach Dank,
nach Schönheit nur schrieen die Glieder,
dein lechzender Arm und Dein dürstender Mund
zog immer aufs neue uns nieder. – – –
Die Flammen im riesigen Eichenkamin
umjauchzten gleich glühender Seide
die zitternden Körper, – das Bärenfell schlang
sich als zottiger Faun um uns beide,
es warf uns und wiegte uns taumelnd vor Lust,
und riß uns durch Himmel und Sonne, –
und rauftest Du rasend die Haare ihm aus,
dann tobte und sprang es vor Wonne – – –!

Gib Ruhe, Du zottiger, wilder Gesell!
Vorbei sind die Stunden, die süßen . . . .!
Vorbei!? –?
– Der Kamin und das Bärenfell,
meine Gnädigste, – lassen Sie grüßen!



Die Augen der Venus.

Oft sah ich Deine dunklen Augen lachen
das war, als stürzten Sonnen in die Stille
des grauen Tags,
verspritzten und verglühten
sternschnuppengleich in winzig-goldene Drachen,
und tausend flinke Leuchtraketen sprühten
durch Deine lichtgewordene Pupille. –
Lachfältchen tanzten schamlos-nackte Reigen
und schaukelten in Deiner Locken Flimmern,
wie Silbertau hing's in der Wimpern Zweigen
und Amoretten spielten in den Zimmern.
Das war ein einzig Jubeln und Entzücken
und alles wurde jung in Deinen Blicken.

Und manchmal sah ich Deine Augen weinen
das war, als wüchse Nacht aus Deinen Locken,
so tief und schwer,
und dunkle Flammen woben
darüber hin, und teilten sich zu feinen
rotdüstern Schleiern, die im Sturm zerstoben –
und meerversunken klangen ferne Glocken. – – –
– Als wollte sie sich nur verblutend trennen,
gebar die Wimper zögernd ihre Zähren,
auf bleicher Wange sah ich rot sie brennen
und Deiner Leiden Widerschein verklären. –
»Warum? Warum nur?!« schien Dein Blick zu fragen –
und selbst die Uhr hub traurig an zu schlagen. –

Wie tief sind deine Augen, wenn sie träumen
dann wacht das Märchen, weiß im Glanz der Glieder
zum Leben auf,
und stolze Schwäne tauchen
aus goldnem Teich, – glatte Delphine bäumen
sich sehnsuchtsvoll, und fahl im Mondlicht hauchen
Seerosen fremde, niegehörte Lieder. –
Um Deine Brauen liegt der Schatten Leben,
auf Deinen Wangen leuchtet süßes Hoffen,
die zarten Flügel Deiner Nase beben,
und deine Lippen locken sehnsuchtsoffen –
am weißen Halse atmen blonde Härchen,
und selig träumend wirst Du selbst zum Märchen. – –

Wie schön sind Deine Augen, wenn sie lieben –!
Das ist, als stiege Venus aus den Fluten
feuchtglänzend auf!
Um ihre Hüften flammen
blutheiße Wünsche, die versagt geblieben;
die vollen Brüste preßt sie wild zusammen,
als wehre mühsam sie der Sinne Gluten.
An ihren weißen Sonnen schlummert trunken
der Liebesgott – – und meine Adern singen,
und jauchzend fühl' ich uns ins Moos gesunken
und all mein Leben heiß in Deines dringen . . . .
Dann bist Du schön! – Wenn Deine Augen werben
und bleich vor Lust in meinen Küssen sterben!



Der Venuswalzer.

Weiße Schultern, schwarze Fräcke,
und im Nebensaal, um die Ecke
die rotbehoste Zigeunerkapelle – – –
Auf dem Parkett
schwebende, schleifende, gleitende Füße,
in den Kleidern die ganze Süße
von Ambra und Iris und Rosenbukett.
Und über allem die trunkene Welle
von Tönen . . . .
Weinende Geigen und jubelnde Flöten
bei der Pußta braunen Söhnen;
jähes Erblassen und tiefes Erröten
bei den Paaren im Lichterglanz
und in dem flüsternden, flirtenden Rund –
Da – mitten im Tanz,
stockte Dein Fuß und bleich hauchte Dein Mund:
»Ich will nicht mehr tanzen
– komm . . . in mein Zimmer!«
Und wie eine Flamme, vom Sturmwind erfaßt,
triebst Du zur Türe in fliegender Hast.
Aus Deiner Haare goldschürfendem Schimmer
schlug es wie Brand –
Du sagtest kein Wort,
nur Deine heiße, bebende Hand
zog mich fort,
und ich folgte ihr . . . .
Dann – waren wir beide allein –
bei Dir! –
Nur der Mondenschein
hielt die träumende Stille des Dunkels umfangen
– – vom Saal her Stimmen
verschwommen und weit,
wie der Meermuschel Rauschen zur Kinderzeit –
– . . . nur die Geigen sangen. –
Die Töne flossen, vom Mondlicht getragen
durchs offene Fenster
und wiegten sich perlend, in sattem Behagen
wie schillernde Vögel in Blütenzweigen,
zur Höhe jauchzend, im Basse zerhackt,
immer weiter und weiter im Walzertakt,
und lockten zum Reigen – – –
Wir standen an Deines Bettes Schwelle
auf weichem, seidigem Eisbärfelle
wie auf einer Wolle
und schwebten trunken
zu fernen Sternen am nächtigen Zelt – –
tief, tief versunken
war Zimmer und Erde und Menschenwelt.
– Das Fell verschäumte zu spielender Flut
und trug uns wiegend den Tönen entgegen,
in unseren Gliedern war kein Bewegen,
wir standen, wie jäh erstarrtes Verlangen,
im Tanze drehte sich nur unser Blut . . .
– – Und die Geigen sangen.
Und unsere Adern sangen es mit,
die Sinne schwebten im Walzerschritt,
sich drehend und neigend,
sich senkend und steigend,
zärtlich und leis,
stürmend und heiß
und immer enger und enger im Kreis – – –!
Schon bebten die Füße im gleichen Takt,
schon flammten die Arme verschränkt und nackt,
in Deinen Augen versank mein Blick,
Dein Herz war nur noch von mir ein Stück,
dein Mund war mein Mund,
Dein Kuß war mein Kuß,
eins waren die Wünsche,
eins Schmerz und Genuß,
ein Wirbel, ein Wesen, ein Ziel und ein Kreis –
– und immer noch enger und enger der Kreis!
Und immer noch höher umstieg uns die Glut,
in rasendem Tanze verschmolz unser Blut,
und riß uns und trug uns,
und biß uns und schlug uns
und fetzte uns nackt aus zerfallenden Hüllen,
zerstäubte uns peitschend, das Weltall zu füllen,
warf Sterne und Sonnen in unsere Bahn,
schuf Höllen, und hob uns zum Himmel hinan,
als flammende Achse des irdischen Balls
umwirbelten uns die Gesichte des Alls,
und unsere Sehnsucht erstickte im Schrei
der sterbenden Geigen – – –
. . . . und langsam, lautlos sanken wir wieder
als zwei
vertaumelnde Menschen zur Erde nieder . . .
Erwachend und stumm,
schauten wir uns in dem Zimmer um

und – lagen an Deines Bettes Schwelle
auf weichem, seidigen Eisbärfelle
und unsere Sinne beschlossen den Reigen
und zwischen den zärtlich verklingenden Geigen
zerstampften die Bässe, beendend, zerhackt,
den letzten, verhauchenden Walzertakt!



Traumfahrt.

Laß meine Hand an deinen Brüsten ruhen,
wenn wir getrennt ins Reich des Schlafes schreiten,
mein letzter Kuß auf ihre jungen Knospen
soll dich beseligt in die Nacht geleiten;
und wenn in Sehnsucht unter meinen Lippen
sich noch die Adern ihres Marmors weiten,
laß uns getrennt, und doch in uns verschlungen,
ins Tal der unbekannten Schatten gleiten,
Dein weißes Knie soll weich an meinem ruhen,
und deines Leibes Hauch soll mich betäuben,
wenn meine Sinne sich in deinen Armen
dem Ruf des Dunkels stolz zu folgen sträuben.
So tief sei unsere Lust in uns beschlossen,
daß wir dem Traum die Nacht des andern neiden,
daß unsere Seelen, wie die satten Glieder,
sich nur vereint vom Glanz des Tages scheiden;
und während neue Säfte in uns rauschen,
soll unser Sein vereint ins Dunkel tauchen,
und neu erwacht, zu Lüsten oder Leiden,
als ersten Gruß des andern Namen hauchen!



Die Nacht der Sterne.

Der Park schwieg tausendstimmig in die Nacht – –
vom See ein leiser Hauch,
vom Wunsch entfacht,
geschwült vom Sehnen
veratmeter, zerlebter Sonnenstunden – –
Aus blauer Stille tauchten sich die Kronen
umrauschter Buchen, ahnenalter Eichen,
mit Zweigen, die Erinnerungen gleichen,
tief in des Dunkels lichtumglänzte Wunden
und schüttelten aus mondgeküßten Mähnen
mit ihrer weichen, laubgefüllten Hand
das Spiel der Sterne, wie zerglühte Wünsche
der Leere, die in ihrem Rücken stand. –
Aus ihren Wurzeln wälzte faul und schmeichelnd
vor Wollust sich des Parks verblümtes Fell
und stieß sich an den breitgehegten Wegen.
Das weiche Moos, sich selbst vor Sehnsucht streichelnd,
wie eine Liebkosung, die man vergeben,
bot sich der trägen,
verbuhlten Sommerluft,
wie ein gelöster, satter Frauenschoß,
und aus dem Boden atmete das Leben
und weckte neue Kraft und neue Lüste. – –
– Gleich einer nachtgeborenen Quelle floß
in weichen Wellen dein geteiltes Haar
auf Deine Brüste,
die zum Mondlicht flehten,
– ein Zwillingspaar von lüsternen Gebeten,
das an Erfüllung glaubt.
Dein aufgestützter, nackter Arm versank im Moos
wie ein Gedanke in des Himmels Ferne,
des Bodens Säfte rauschten uns im Blute,
in Deines Schoßes weicher Wiege ruhte
verträumt mein Haupt. – –
– In unseren Augen spiegelten die Sterne – –
In meinem Haare spielte Deine Hand,
und Deine Finger küßten leise Funken,
wir lagen stumm und all der Schönheit trunken,
tief in die Nacht gebannt,
doch unserer Seele Stimme sang ein Lied,
das taumelte hinauf zum Himmelsbau
und floh mit unseren Blicken in die Weiten,
des Herzens Seufzer tranken sich ins Blau,
und fessellose wünsche rissen sich
Sternschnuppen aus dem Meer der Ewigkeiten.
– Vom Strom der Sonnen brannten wir durchflutet
und wußten alle Wunder dieser Welt,
und während sich ein alter Wunsch verblutet,
und durch ein Netz von mondumsponnenen Zweigen
fern, fern ins Nichts, ins Grenzenlose fällt,
trieb neue Kraft zu ewig neuem Reigen.
– Gleich einer Wolke stand der Sehnsucht Traum
auf unserem hüllenlosen Bund der Glieder,
Glühwürmchen huschten ruhlos durch den Raum
und warfen Liebesfeuer zu uns nieder,
und legten sich auf heißzerwühlte Kissen,
die schwer von Rosen und von Lust geschwellt.
– Von Deines Busens Kelchen floß die Bläue
der Nacht durchleuchtet auf die weißen Hüften,
als Du Dich zärtlich zu mir niederbogst,
und während Du dem Wunsch als Herold flogst,
gabst Du, noch satt von roten Blumendüften,
die aufgeblühten Knospen Deiner Lippen
dem Dürstenden, gleich süßen, reifen Früchten,
die von den Sternen in die Nacht geregnet,
von Säften süß, doch reif von Todestrauer
und mit den Armen, die ein Gott gesegnet,
riß ich der Ewigkeit geheimste Schauer
in Deinen Schoß,
und meine Sehnsucht, die von Ewigem glühte,
warf sich ins All und zeugte heißes Leben –
– da sah ich Dich in meinen Küssen beben,
und Deine Glieder sich zum Himmel weiten.
Dein weißer Leib, der mir entgegenblühte,
trug uns – ein Schwan der Lust – in jede Ferne,
und einte uns den tiefsten Seligkeiten,
– – in Deinen Augen spiegelten die Sterne. – – –



Souper zu zweien.

»Noch etwas Malossol?
Gelt, der schmeckt schick?!
Nicht? – Süßer Fratz,
Was blinzelst Du mich von der Seite an,
mit halbem Blick?
Ach – sooo?!? – Ich weiß Bescheid!
Dein hohes Wohl!
So schnell schon »satt?!«
Behalte nur um Himmelswillen Platz
und rück' nicht mit der Brust so dicht heran,
auch ich bin nur ein Mensch!
Der – Sinne – hat!! – –
Ach, dieser Ton! Dies leise Gurren
im Kehlkopf, wie ein Katzenschnurren
dies silberhelle Lachen, wie
ein Puck, ein Vogeltirili,
daß es mir kribbelt bis zum Knie herauf!
Vernünftig, Schatz, ich bitte Dich, hör auf!
Mach Deine Augen nicht so lieb und groß,
schau auch nicht so verschmitzt in Deinen Schoß – –
Fort, mit der süßen, kleinen, frechen Hand!
Ich bin imstand –
ach – Du! – Du! – Du!
Verdammt! Ich wußt es ja:
der Kellner hat's geseh'n,
daß wir uns küßten wie ein Hochzeitspaar!
Schäm' Dich! – Wie rot Du wirst!«
und erst Dein Haar!!
Tscha! – so – hm – ja!
Wie? – Schon dreiviertel Zehn?!
so?! – was ich sagen wollte . . . der – das – die – . .
Ach, Kellner, bitte eine Pommery!
Recht gut frappiert! – Gewiß – –
. . . der Bursche tut, als wäre nichts passiert! –
– – – Was gibt es jetzt?
Die Karte her! Doch erst brav hingesetzt!
– Wie das aus diesen Augen flackt und guckt
und blitzt und zuckt!
Ich sage Dir – . . . .
Nun aber still! Ganz wie bei mir?!
Na, Mädel, nee, der Teufel weiß –
ein Seehund wird bei Dir nicht heiß!
Schau meinen Mund nicht so von unten an!
Und feuchte nicht die Lippen schon zum Kuß!«
Schmeck' lieber dieses Stück Chateaubriand
Schwapp! Du, paß auf!!
Mein bester Frack!
Jetzt werd' ich böse, wenn Du Dich noch muckst!
Racker von Weib!
Schon wie Du schluckst,
den Sektkelch kippst
und lächelnd nippst
ist jedesmal vom Kuß ein Vorgeschmack – –
und wippe nicht so nackt und ungezogen
mit Deinem Arm und Deinem Ellenbogen! –
Pardon! Ach so, warst Du's?
Gleich halt ich Deinen Fuß
mit meinem fest,
wenn du das Streicheln nicht bald bleiben läßt!
Paß auf! Man kommt –
ach, Mädels bist Du lieb und heiß!
Vorsicht! – ach gib . . . .
Befehlen gnädige Frau noch Eis? –
– Ja, bitte, nehmen Sie nur fort . . .
Und dann die Rechnung – schön. –
Der reinste Lord!
Gott sei gelobt, da ist sie – Alle Welt! –
– Dich hält kein Eisfrosch auf die Dauer aus!
– Sie haben doch das Auto schon bestellt?
Schön! – Gnädige Frauhier gehts hinaus – . . .
So – hält's? –
Ich danke. Nein,
ich helfe selber in den Pelz.
So – bitte sehr! – Halt doch die Schultern still
und tanz' nicht hin und her!
Hätt' ich Dich weiße, kleine Teufelin.
erst – n' Abend! – heil im Auto drin!
Aha, – da steht's – ein Augenblick – Dein Kleid –
– Also, Chauffeur, vierte Geschwindigkeit!
Wohin?!? Ins Paradies!! – ehem, ich meine bloß –
Parkplatz natürlich! Zehn!
– – Nun aber los!



Königin der Nacht.

Du wolltest nur im Dunkel mich beglücken
und mich zum König Deiner Liebe küssen,
und niemals dürfe ich im Tag Dich kennen
und niemals Deinen Stand und Namen wissen.
Blind müsse ich wie einen Traum Dich träumen
und nur dem Sang der Sinne selig lauschen,
Dein süßes Fleisch, die Wollust Deiner Glieder,
des Leibes Atem sollten mich berauschen.

Du hieltest Wort – und kamst, als aller Sterne
tagfremde Augen schlummernd sich geschlossen;
mit Deinem Schleier war ein Hauch von Rosen
in meines Zimmers Finsternis geflossen –
dann fiel das Tor ins Schloß,
und es war Nacht . . . .!
– – – Ein Sturm zerfetzte unseres Atems Segel,
und unser Herzschlag läutete wie Glocken,
– so nahmst Du langsam meine heißen Hände
und legtest zärtlich sie in Deine Locken
und löstest sie durch mich zu weichen Wellen,
die endlos in das All des Dunkels sanken
und mir entglitten, eh ich Dich umschlungen –
– Du warst verhaucht, wie brünstige Gedanken.
. . . . . Und wieder sprach zu uns der Stunde Stille –
da hörte ich Dein Kleid zu Boden wehen,
ich trank die Nacht in atemlosen Zügen
und meiner Augen Blindheit ward zum Flehen;
mein Blut schrie auf, wie sich die Ozeane
dem Silberlicht des Monds entgegenbäumen –
dann . . . fühlte ich Dich selbst, – wie eine Woge
aus niegekannter Lust mich überschäumen.
– Ich war ein Hauch, ein Seufzer nur geworden,
es riß mich fort, es warf mich auf und nieder . . .
. . . . – mich schlang das All – und stürzte mich zersprühend
zum Tod der Liebe tief in Deine Glieder.
So tief verfleischt war unser ganzes Leben,
daß unsere Körper sich nicht wiederkannten,
daß unserer Bisse blutberauschten Küsse
gleich heißen Wunden in uns selber brannten.
Und meine Lippen nahmen Deine Brüste
wie reife Früchte, die den Tod bereiten,
und Deine Schenkel lohten in den meinen
gleich Hexen, die durch Scheiterhaufen schreiten,
und meine Augen, die zur Nacht erblindet,
umjauchzten Dich in ewigem Gestalten,
in meinen Armen schien ich nicht ein Leben,
nein, jedes Weib, das je gelebt, zu halten!
– Ich wußte nicht, ob Deiner Augen Gärten
das Schwarz der Nacht, den Glanz der Sonne trugen,
ob Deine Locken lichtscheu oder golden
gleich Meeresschaum um meine Lenden schlugen.
Ich wußte nicht, ob du ein Kind des Himmels,
ob Du der Hölle teuflischstes Verlangen,
ich wußte nur, daß alle meine Sinne
sich ganz in keiner Seligkeit gefangen.
Ich wußte nur, daß mich Frau Venus küßte,
die mir die Sehnsucht meiner Träume brachte,
ich wußte nur, daß ich auf Deinen Lippen
als Lied verklang – und als ein Gott erwachte.
– Du warst verweht, – wie Du als Traum gekommen
und tiefstem Taumel folgte kein Ernüchtern,
nun stirbt die Sehnsucht niemals meinen Augen
und meine Nacht erstrahlt in ewigen Lichtern!



Feuerwerk.

Sßt – aah! – die Rakete!
Ein staunender Schrei,
Kreischen und Lachen –
der Kurpark plötzlich ein Meer von Lichtern,
ein Schwarm von fröhlichen Menschengesichtern
– dazwischen wir zwei.

Und wieder ein Jubeln – der Springbrunnen speit
sich in zahllosen, leuchtenden, schillernden Farben
hinein in das Dunkel der Seligkeit.
Juchu! schreit die Flöte. Trata! dröhnt das Horn,
die Pauke zerpoltert die Takte im Zorn,
die Geigen zerreißen die Saiten vor Lust,
die Zimmdeckel prügeln sich schallend die Brust –
Im Tanz schwebt die Menge
und taumelt die Gänge
des Parkes vorbei.
Es wogt das Gedränge
in schiebender Enge
– dazwischen wir zwei . . .

Man lacht sich entgegen
man flirtet verwegen
und macht sich verlegen
mit leuchtendem Blick –
Es trippeln die Füße,
man flüstert sich Grüße –
Juchhei! springt der süße
Schalk Amor
den Männlein und Weiblein
ins nackte Genick!

Sssst! – «ah! – trata bumm!
– – »ach wie süß!« – ein Gehusch –
»fix Mädel, den Kuß!« – »wenn man's sieht?!«
tsching! – ein Tusch
»und mein Lohn, gnädige Frau?«
»morgen Abend um acht!«
»nicht so laut!« – »Du bist frech!«
»ach, mein Gott, wie sie lacht!«
»ich hab' Angst!« – »aber geh!«
»Schatz, was ist denn dabei?!«
tsching klingling – trätätä –
– und dazwischen wir zwei! –

Wo die Quellnymphe steht,
und der Laubgang sich dreht,
wo kein Späher sich zeigt,
und der Flieder sich neigt
in der Blüten Gewicht
bis zum plätschernden Teich,
wuchs die Hecke so dicht,
war der Rasen so weich,
blühten Blumen zuhauf,
rot, weiß, blau in der Reih,
lagen Leuchtkäfer drauf
– und dazwischen wir zwei! –

Ich wette, die Nymphe hat zärtlich gelacht,
und der Mond hat verzückte Gesichter gemacht,
als er durch die Zweige des Fliederstrauchs sah,
was unten im Moose so Süßes geschah:
in Büschen von Rüschen
ein Häkchen so fein,
zwei Halbkugeln prangend wie Marmelstein,
ein Kußfrätzchen, glühend vom seligsten Kuß –
der weicheste, zierlichste Hüftenschluß –
zwei Füßchen, zwei Kniechen, und sonst allerlei – – –
und ich nur, und ich nur –
und ich nur dabei!

Juchu! schreit die Flöte,
trata, dröhnt das Horn,
die Pauke zerpoltert die Takte im Zorn,
die Geige verhauchte – ihr zärtlichster Schrei
schwang auf sich zum Himmel
– und mit ihm wir zwei!



Andacht.

Ein roter Schleier sank auf unser Träumen – –
So kam die Nacht,
und Deines Leibes Pracht
war vor mir ausgebreitet wie des Pilgers Teppich zum Gebet.
Aus Deinen Brüsten stiegen Opferflammen
unsichtbar auf, und sehrten mir mein Blut,
und unsere Glut
schlug lodernd wie ein Feuermeer zusammen.
Zur Feier riefen uns der Sinne Glocken
mit süßer Macht,
und seliges Frohlocken
durchflutete des Tempels Nacht.
Du hobst den Kelch und reichtest mir die Schale
voll roter Lust,
und Deine Brust
erbebte heiß im Feuer der Fanale.
In allen Adern war ein süßes Rufen –
»Trink!« sprach Dein Mund,
»Genieße!« klang es nach –
Da sank ich stumm auf Deines Altars Stufen,
und wie der Pilger, der zu Allah fleht,
starb ich vor Dir im seligsten Gebet.



Erfüllung.

Ich war allein –, und Du warst fern, seit Tagen – –
– in meinen Adern riefen heiße Stimmen,
und meine Augen waren tief und weit.
Ins kalte Dunkel brannten meine Arme
und meine Hände formten aus der Leere
sich Deinen weißen, wonnig-weichen Leib.
Doch du warst fern, und meine Adern riefen . . .
Mein Herz schlug hart, und meine Glieder brachen
zerstückt von Sehnsucht, die dein Bild gebar,
die heißen Lippen suchten deines Hauptes
erwärmtes Rund in duftend-weichen Kissen,
des Mondes Träume woben Spitzenhüllen
und aus der Stille wuchsen Deine Wunder . . .
– all meine Sinne warteten auf Dich!
doch du warst fern, und meine Adern riefen – –
Mein Fleisch ward Schrei,–und meine Lenden spannten
gleich Rogen sich zum Kampfe mit der Nacht,
mein Atem keuchte, meine Fäuste rissen
die Einsamkeit in Fetzen, und mein Hirn
schloß sich im Krampf zu einem einzigen Rufe – – –
– Da ging die Tür . . . du standest auf der Schwelle
im Reisekleid, und grüßtest atemlos.
Und meiner Blicke Starrheit lösend, sagtest Du:
»Ich komme heute schon . . . Riefst du mich, Liebster?«



Ich lieb' die Frauen

Ich lieb' die ernsten, zartgebauten Frauen,
die ihrer Sinne Glut nach innen tragen,
die märchentief, wie Heiligenbilder schauen
und vor dem Tag den Blick zu Boden schlagen,
doch die zur Nacht an meinem Kuß erwachen,
in weißer Spitzen Flut in Scham vergehen
und dann mit hellem, lustbefreiten Lachen
vor mir als Venus wieder auferstehen. –

Ich lieb' die stolzen, wertbewußten Frauen,
die streng, wie kalte Marmorbüsten blicken,
die durch ein Runzeln ihrer feinen Brauen
der dreisten Menge geile Lust ersticken,
doch vor des Einen Kraft sich selig beugen
und nichts von Stolz und nichts von Wert mehr wissen,
die jauchzend starke Göttersöhne zeugen
und Weib nur sind in meinen Flammenküssen.

Ich lieb' die zarten, elfenhaften Frauen,
die wie Venetiens Sonnengläser klingen,
und liebend doch Titanenwerke bauen
und eine Welt von Haß zu Boden zwingen.
Ich lieb' die klaren, die auf weißen Händen
sich selbst wie einen goldnen Spiegel tragen,
und doch an süßen Rätseln niemals enden
und nie des Wunders letzte Lösung sagen. –
Ich lieb' die Frauen, ob sie Wonnen reichen,
ob tiefsten Schmerz, – die sündigen und reinen,
und keine soll an Lust der anderen gleichen
und doch lieb' ich sie alle in der Einen,
nur in der Einen, die mir ganz ergeben
in tausend Wundern meiner Liebe gründet
und ewig neu durch unser eignes Leben
in ihrer Vielheit in uns selber mündet.
Ich lieb' die Frauen – – –



Venus Muse.

Du sahst mich schweigsam und in trüben Sinnen
und kamst zu mir mit leisem, leichtem Gang,
und lehntest stumm Dein Haupt an meine Schläfen,
daß Deine Wärme in die meine drang.
»Du quälst Dich, Liebster! Deine Hände brennen; –
grämt Dich der Tag mit seinem blassen Gram?
Darf nicht die Liebste Deinen Kummer kennen?«
– und als ich dankbar Deine Hände nahm,
gabst Du sie kühlend immer heißen Stirne –
»Ist es ein Wunsch, an den Dein Herz sich hing?«
Ich schüttelte das Haupt – da frugst Du stockend:
»war meiner Liebe Leuchten zu gering?«
– Da schaute ich gequält in Deine Augen
und trank den klaren, reinen Liebesblick –
»Mich grämt kein Wunsch und keine Not des Tages,
»mich grämt mein Ich, und meines Ichs Geschick.
»Bin ich ein Dichter? Bin ich nur ein Stümper?
»Ist meine Kunst nicht Pfuschwerk oder Wahn?
»Ward mir das Recht, den Kranz Apolls zu tragen?
»Führt mich zur Höhe meines Strebens Bahn?
»Ich zweifle, Weib, an mir und meinen Waffen,
»weil alles mir so Nein und wertlos scheint,
»und weil ich zweifle, kann ich nicht mehr schaffen,
»die Feder rostet, und die Seele weint!«
– Da stieg ein Rot in Deine weichen Wangen,
ich sah, daß ein Gedanke mit Dir stritt,
dann warst Du plötzlich wie ein Hauch gegangen,
die Türe schloß sich hinter Deinem Schritt.
Ich schwieg erstaunt und sank in neues Sinnen –
da kehrtest Du zurück – von Deiner Brust
floß nur ein Schleier auf den Teppich nieder,
aus Deinen Augen sang das Lied der Lust.
So gabst Du Deinen Leib den weichen Kissen
und löstest Deiner Haare rote Pracht,
und legtest deinen Nacken in die Hände
und Deine Glieder wuchsen aus der Nacht.
Mit stillem Leuchten sahst Du mich erwachen,
der Druck der Seele löste sich und wich,
weit warfst Du Deine Arme in das Dunkel:
»Hier lockt Dein Lohn! Jetzt, Liebster, dichte mich
– Da sprang die Faust des Glücks mir an die Kehle,
ich jauchzte laut: »Geliebte, Göttin, Weib!
»So werde Venus heute meine Muse,
»Ich dichte Dich und Deinen süßen Leib!«
– Die Feder flog, gleich eines Malers Pinsel,
die Augen raubten Dich mir Stück um Stück,
berauscht von Schönheit gab ich Deine Wunder,
gebannt in Bildern, farbensatt zurück.
Ich sang von Deiner Augen Meerestiefe,
von Deiner Locken dunklem Zauberhain,
ich pflückte Deines Munds Granatenblüten
aus Deiner Wangen lichtem Elfenbein;
ich ließ des Halses zarte Adern spielen
in Marmor, der belebt von meinem Kuß,
ich trank die Lust aus deines Busens Reichen
und schlang den Arm um Deinen Hüftenschluß.
Ich pries den Alabaster Deiner Füße,
und bettete sie tief in Rosenflor,
ich preßte meine Lippen auf die Säulen
der schlanken Schenkel – deines Schoßes Tor
ließ mich die Wonnen aller Welten ahnen
und öffnete den Tempel aller Lust,
und aus dem Dunkel stieg Frau Venus nieder
wie ich in meinen Träumen sie gewußt:
»Du wecktest mich durch deine trunknen Lieder;
der Schönheit Göttin, nicht ein Weib der Brunst
gabst Du der Welt als wahre Venus wieder –
so segne Venus Dich und Deine Kunst!«
– Ich fühlte meine Lippen selig bluten
vom Trank der Wonnen, die ihr Kuß entfacht,
– da sah ich Dich in meinen Armen gluten:
»Du schriebst dein Meisterwerk in dieser Nacht!«



Venus im See.

Das war, wo der See sich im Walde versteckt,
wo der Hochspitz sich herrisch ins Blaue reckt,
wo kein Haus sich versteint, wo lein Pfad sich verliert,
wo kein Wanderer dreist durch die Büsche stiert –
da warfst Du voll Jubel, wie neidischen Land
ins Moos Deines indes gerafftes Gewand,
und aus Deiner Schenkel geschlossenem Tor,
wuchs strahlend Dein göttlicher Körper empor.
Du botest die Brüste dem Sonnenbrand dar,
wie einem Geliebten; Dein goldenes Haar
lag tief Dir im Nacken, gefesselt und schwer,
gleich einem gezähmten, gepanzerten Meer.
An Deiner Füße durchblutetem Weiß
zerschellten die Wellen, begehrend und heiß,
und tosten und peitschten und saugten Dein Blut,
und zogen dich Jauchzende mit in die Flut,
und buhlten, und reichten aus schäumender Hand
von glitzernden Perlen ein Schuppengewand,
und wiegten und warfen dich, närrisch vor Lust,
und griffen nach Hüften, nach Schoß und nach Brust,
umspülten des Rückens gepolsterte Bucht –
da packte mich wütende Eifersucht:
Hei! flogen die lästigen Kleider ins Gras!
Hei! kreischte das feige, zerspritzende Naß!
Ich drängte beiseite mit stürmendem Arm
der buhlenden Wellen zerstiebenden Schwarm,
ich schlug sie in Stücke, ich trat sie zurück – ,
»Komm, hole mich, Liebster, und fange dein Glück!«
– Der See blies vor Freude die Backen sich leer,
die Bergschatten tanzten im Wasser umher,
die Wälder erwachten und winkten sich zu –
und überall locktest und necktest nur Du!
Bald lachtest Du hier, bald riefst Du mich dort
bald trug eine kichernde Welle Dich fort,
schon wähnte ich Dich in der haschenden Hand,
da tauchtest Du schnell und entflohst mir zum Strand.
Ich jagte Dir nach, und die Sonne sprang mit,
das Moos küßte zärtlich den fliehenden Schritt,
ich rannte – Du flohst ohne Ziel oder Steg,
hier warf sich ein Fels, dort ein Busch in den Weg,
der Haare gelöstes, entfesseltes Meer
umbrandete Dich, wie ein fliegendes Heer,
der Atem erstickte vom lachenden Lauf –
– Du wanktest – da fing ich Dich Rasende auf,
da riß ich Dich an mich – da sankst Du zurück:
»Hier, nimm mich, du Wilder! Du fingst dir das Glück!«
– – Das war, wo der See sich im Walde versteckt,
wo der Hochspitz sich herrisch ins Blaue reckt,
wo kein Haus sich versteint, wo kein Pfad sich verliert,
wo kein Wanderer dreist durch die Büsche stiert;
nur die Sonne, der Wald und der See hats gesehn,
und die Luft ließ die zärtlichsten Seufzer wehn,
und der Busch bot sich neidisch als Wächter dar,
und das Moos war so seidig, wie Frauenhaar –
dort fanden wir beide den bräutlichsten Platz,
dort hoben wir beide den köstlichsten Schatz,
dort haben wir beide das Eden entdeckt –
– wo der See sich im wonnigsten Walde versteckt.



Der Kuß der Venus.

Goldner Champagner im schlanken Pokal,
glitzernde Perlen im reichsten Kristall,
spielendes Feuer in zärtlichster Hand,
blitzende Augen, wie lodernder Brand!
Küsse mich, Venus, – – o küsse mich toll,
– – gieß mir die Adern mit Feuerschaum voll!
Perlzähnchen, schimmerndes Elfenbein,
taucht in die glitzernden Fluten hinein;
süßeste Zunge im rotesten Mund,
bade Dich, schlürfe Dich, küsse Dich wund!
Goldner Champagner im schlanken Pokal,
glitzernde Perlen im reichsten Kristall –
schöner, zwei Lippen, champagnerbesprüht,
schöner, ein Mund, der in Sehnsucht erglüht;
seligster Trunk, der dem Liebenden winkt,
wenn er im Kusse der Venus ihn trinkt!
– Badet euch, Lippen, in goldenem Wein,
taucht in die perlenden Fluten hinein,
schlürft sie verströmend in schäumendem Fluß,
züngelt, ihr Zungen, im feurigsten Kuß!
Goldner Champagner, von Venus geschürft,
glitzernde Perlen von Lippen geschlürft;
rinne zum Herzen, Du flackernde Glut,
rinne und brenne in brausendem Blut!
Sind meine Hände nicht züngelnde Schlangen?
Brüste, wie bebt ihr in wildem verlangen!
Strafft euch und rafft euch;
Glührosen, brecht auf!
Adern, wie zuckt ihr in jagendem Lauf!
Rasende Küsse auf Nacken und Brust,
zitternder Schultern erschauernde Lust,
sehnende Arme, umschlingend geschwellt,
weicheste Wölbung, von Dufthaar umwellt.
Bäumt euch, ihr Hüften! Mit herrischer Hand
halt' ich die wonnigen Hügel umspannt!
Taumelt, ihr Seufzer, in Wollust ertränkt,
raset ihr Schenkel, von Sehnsucht verrenkt!
Goldner Champagner und perlende Glut
flammt euch im Fleische und braust euch im Blut,
küßt euch die Herzen in jauchzender Qual,
schlürft ihr die Flammen aus rotem Pokal.
Beuge, Frau Venus, das stolze Genick,
sterbet, ihr Augen, in brechendem Blick!
Fühlst Du die Fackeln? Sie lodern zum Tanz,
fassen Dich, schlingen Dich, trinken Dich ganz.
Sterne und Himmel von Blutschein umglüht; –
küsse mich, Venus, die Sonne zersprüht! –
Stürzende Sinne, verbrennend im All,
taumelnde Seufzer und stammelnder Schwall,
jagende Träume in seligster Not – –
Venus –! – Ich sterbe –! O göttlichster Tod!



Die Nacht der Sehnsucht.

»Nur, wer sich selbst beherrscht, soll mich beherrschen!
Der Liebe Meister, nicht der Sinne Knecht
soll sich Gebieter meines Leibes rühmen,
der Starke nur ist meinem Stolze recht!«
– So sprachst Du bleich, und legtest Deinen Nacken
lief in das Flechtwerk Deiner weißen Hände –
»Bist Du bereit? – Soll diese Nacht entscheiden,
ob unsere Liebe Gipfel oder Ende?«
– Ich fühlte, wie mein Blut zum Herzen ebbte,
als Du es frugst, doch meine Lippen klangen
die Schicksalsworte: »Weib, ich bin bereit!«
– Da schoß das Rot Dir stürmisch in die Wangen,
und mit den Händen Deine Brüste hebend,
sankst Du noch einmal tief in meine Seele
und »folge mir! Es sei!« befahlst Du bebend.
»Gib mir Dein Wort, Dir keine Gunst zu rauben,
die Dir nicht frei von mir gespendet wird,
gib an des Mannes Stärke mir den Glauben
und zügle Dich, wenn sich Dein Blut verwirrt.
Laß Deine Sinne ungeknechtet jauchzen,
doch sei ihr Herr, auch in der höchsten Glut,
gib Dich den Wogen Deiner tiefsten Wünsche,
doch steure fest, auch in der stärksten Flut!
Den jungen Leib, den Du im Lied besungen,
geh' nackt und schutzlos ich der Leidenschaft.
Läßt Du zur Nacht ihn frei und unbezwungen,
so sei er dein – als Sklave Deiner Kraft!
Doch nimmst Du ihn, wenn ich mich selbst verloren,
so trenne uns des Morgens erster Schein.
Ich bin nur Weib in meinem tiefsten Lieben,
doch mein Geliebter muß mein Herrscher sein! –
– – Ich blickte fest und ernst Dir in die Augen –
da sank mit leisem Rauschen Dein Gewand,
und meine Sinne loderten und jauchzten
um Deine Schönheit, die enträtselt stand.
Mein Blut schoß auf und meine Wünsche brannten
gleich Fackeln sich in Deinen weißen Leib,
ich stöhnte laut und meine Muskeln sprangen,
doch meines Willens Stimmen riefen: »bleib!«
– Du gabst den Kissen Deine schlanken Glieder
und winktest mir. Da nahm ich nackt und frei
des Lagers Hälfte – auf gepreßten Lippen
erstickte ich der Sehnsucht heißen Schrei.
»Genieße mich, Geliebter! Deinen Augen
sei alle Schönheit unverhüllt geweiht,
laß Deiner Dichtkunst Dürsten freie Zügel,
berausche Dich – doch harre Deiner Zeit!«
– Du hobst den Arm, in dessen weicher Biegung
der Ampel Rosenlicht sich buhlend barg,
und gabst im Nacken ihn dem Zwillingsbruder –
und jede Schönheit wurde arm und karg.
Gleich Rosenknospen, die dem Tag sich öffnen,
umfloß der Lippen Rot der Zähne Weiß,
in Deinen Augen spielten tausend Lüste,
und Deiner Nüstern Atem wehte heiß.
Mein Wunsch ward Sturm, mein Leib ward Schiff und Segel,
da wölbte sich Dein Mund zum Liebeskranz –
»Küß mich, Geliebter! Meine Lippen dürsten!« –
– und wilder Taumel ward der Sinne Tanz.
Ich sank aufs Lager Deiner roten Lippen
und trank Dein Leben mit erloschnem Blick.
Dein Schoß hob sich mir lustgelöst entgegen – – –
da riß mein Wille mich zum Licht zurück.
Ich schloß geblendet mit der Hand die Augen,
mein Herz schlug laut – dann lachte ich befreit,
wie Kämpfer lachen, die dem Tod entronnen,
im Vollgefühl der Kraft und Seligkeit.
Doch Du lagst stumm, und Deine Brüste hoben
sich sinnverwirrend dicht an meinen Mund:
»Küß mich, Geliebter!« lockten Deine Blicke,
und meine Pulse schlugen heiß und wund.
Ich küßte Deines Busens weiche Wölbung,
ich küßte ihrer Hügel süßes Tal,
ich küßte ihre jungen, starren Knospen,
ich schrie vor Lust und jubelte vor Qual,
dein ranker Leib warf sich in Sehnsuchtsschauern,
in Deinen Augen lag des Fiebers Glanz,
du preßtest meinen Kopf in Deine Wonnen,
und alle Glieder flehten: »nimm mich ganz!«
– doch meine Hände schlossen sich zur Kette
um deine Schultern, und mein Wille hieß
im letzten Kuß mich Deine Wunder küssen,
eh' er mich grausam wieder von dir stieß.
Und wieder lag ich stumm an Deiner Seite,
mein Auge koste Deiner Glieder Pracht,
im Stolz des Siegers straffte sich mein Körper –
– da wurde es vor meinen Blicken Nacht!
Dein Haupt lag lebenswarm in meinem Schoße,
um meine Lenden floß Dein volles Haar,
und Deine Küsse flammten mir im Fleische,
das nur noch Sklave Deines Fleisches war.
Ich riß Dich aufwärts, meine Hände jagten
um Deine Hüften, Deine pralle Brust,
und meine Lippen tranken Deines Blutes
verfleischte Süße in berauschter Lust.
Nach Deines Schoßes weicher Wiege drängte
mein Körper sich in ungestümem Drang,
und meine Wünsche lohten in den Deinen –
doch riß mich seitwärts meines Willens Zwang. – –
Ich strich das Haar mir keuchend aus der Stirne –
da weintest Du: »Komm, nimm mich endlich hin!«
– »Ich darf nicht, Weib!« –
»So liebst Du mich nicht, Kalter!
Wo ich so ganz in Deinem Willen bin!«
»Ich will nicht, Weib!« – Und Deine Tränen rannen
in meinen Schoß: »Verachtet!« schriest Du wund,
»Verachtet, meine Schönheit, meine Liebe!«
– da drehte sich das Zimmer mit mir rund. –
Mein Wille wankte, meine Glieder flogen –
»Verachtet!« riefst Du nochmals – »Wer mich liebt,
hat keinen Willen mehr!« – Das gab mir Stärke
und all mein wollen wurde ungetrübt.
»Ich gab mein Wort!« – »Ich löse es, Geliebter!«
»Mein Wort löst nur die Nacht; beim ersten Strahl
der Sonne wirst Du mein. Bleib standhaft, Süße!«
– Da wand Dein Leib sich in beherrschter Qual,
und ehe ich des Wunders mich versehen,
warfst Du Dich über mich in jäher Glut,
wie eine Woge, die mich überschäumte –
»So nehm ich Dich! Nun wehre Deinem Blut!«
– »Was tust Du, Weib?!« – mein Fleisch schlug heiße Flammen –
»Ich gab kein Wort!« – »Doch ich!« –
»Was kümmert's mich?!«
– Da legte ich Dich zärtlich auf Dein Lager.
»Sei stark, mein Weib, ich gab es auch für Dich!«
– Da stieg die Sonne leuchtend auf die Höhen,
im Fensterbogen stand des Tages Strahl,
und Deine Arme breiteten zum Himmel
sich mir entgegen in befreiter Qual.
Ich stürzte mich in Deiner Wunder Welle,
da warfst Du jauchzend Deinen Leib zurück,
und alle Wonnen, die versagt geblieben,
nahm unsere Lust in tausendfachem Glück.
Und Deine Seufzer dankten meiner Liebe,
mein Sein versank in Deines Schoßes Schrein,
und Deine Küsse bluteten in meinen:
»Nimm mich! Nun bin ich ewig, ewig Dein!«



Nach dem Gewitter.

Auf Deinen bleichen Wangen stand der Zorn, –
des Unmuts Wolken lagen schwer und hart,
auf Deiner Stirne, die sich leidend spannte,
und jedes meiner Worte war ein Dorn,
mein Lächeln selbst schien Dir ein Geißelhieb,
der Deiner Seele tiefste Blößen kannte. – – –
– – – Und Deine dunklen Augen flammten Haß,
und ihre kalten Blitze suchten Wunden,
und Deine roten Lippen wurden blaß,
wenn sie des Abscheus letztes Wort gefunden.
In alter Feindschaft zischte unser Blut
den Kampf, den Mann und Weib der Urzeit stritten,
und tiefste Fremdheit, die verträumt geruht,
ließ unserer Seelen Lebensband zerschnitten. –
da fiel ein Wort –
ich sah Dich heimlich an,
und fühlte, wie Du schön in Deinem Hassen,
sah, wie Du, ganz in Deines Blutes Bann,
Dich ganz des Kampfes Wollust überlassen.
Und ich genoß!:
der Adern feines Spiel,
genoß ihr schnelles Kommen und Verschwinden,
und sah, wenn meiner Antwort Klinge fiel,
sich neu dein Blut und deinen Blick entzünden;
ich sah, wie sich Dein nachtgelocktes Haupt
voll Kraft und Schwung aus stolzem Nacken reckte,
ich sah, wie sich Dein gertenschlanker Leib
im Vollgenuß erhoffter Siege streckte;
ich sah, wie Deine Brust sich stürmend hob,
wie Deine Arme sich weiß-nervig spannten,
wie alle Sinne nur das eine Ziel:
restlos zu siegen oder fallen, kannten.
– – Und meine Augen grüßten Deinen Haß
und tranken seine Glut, wie Deine Liebe,
und lachend fing des Wortes Gegenschlag
gleich Rosenketten Deine Geißelhiebe;
von meinen Lippen war mir ungewußt
der Ruf der Lust: »wie bist Du schön!« – geflossen,
– da sank Dein Arm entwaffnet in den Schoß
und alles; – alles, Wange, Hals und Brust
war plötzlich wie von Flammen übergossen!
– – – Du sahst mich an, mit traumerwachtem Blick
und neue Röte folgte dem Erblassen –
da wußten wir, daß tiefste Liebe war
all unser Leid und alles unser Hassen.
Da wußten wir, daß unser heißes Blut
im Tode noch den andern segnen müsse, –
– und wie im Zürnen Du Dich ganz gelebt,
gabst Du Dich ganz dem Wüten meiner Küsse.



Venus in Maske.

Ich traf Dich auf rauschendem Feste
in fröhlicher Masken Schwarm,
ich trieb in der wogenden Menge,
da hingst Du mir plötzlich am Arm.
Aus glänzender, seidiger Maske
zwei Blitze – schon stand ich in Brand,
und küßte Dir für Deine Anmut
die zierliche, zärtliche Hand.
Dann blieben wir lachend beisammen
und waren ein seliges Paar,
ich küßte unzählige Male
Dein braunes, berauschendes Haar.
Ich küßte den herrlichen Nacken,
den neckend Du niederbogst,
ich küßte die schimmernden Schultern,
wenn Du mir entgegenflogst.
In lauschiger Nische verborgen
gabst Du mir Dein Mäulchen zum Kuß,
ich legte auf dürstende Lippen
den süßesten, tiefsten Verschluß.
Du preßtest mein Haupt auf das Lager
der jungen, gefesselten Brust,
– es war uns, als hätten wir ewig
schon von unsrer Liebe gewußt.
Du hattest das zierlichste Füßchen
mit Fesseln, wie Träume, so fein,
Du hattest ein seidenes Strumpfband
am schlanksten, entzückendsten Bein.
Du hattest die süßesten Hände
mit Nägelchen, wie von Opal,
und oben, im weichesten Arme
das neckischste Muttermal. –
Ich bat Dich, die Maske zu lüften
da schriest Du: »ich gehe sofort!
»Versprichst Du, sie niemals zu rauben?!«
– Ich gab Dir mein lachendes Wort.
Noch zitterte in Deinem Händchen
und auf Deinen Lippen der Schreck,
da küßte ich Dir zur Versöhnung
den niedlichsten Leberfleck. – –
– Und als man die Türen geschlossen,
als langsam verebbte der Braus,
da hob ich Dich schnell in den Wagen
und führte Dich mit mir nach Haus.
Ich trug Dich wie eine Prinzessin
auf Händen die Treppe empor,
und sagte Dir, närrisch vor Sehnsucht
die süßesten Dinge ins Ohr.
Dann waren wir endlich geborgen
mit unsrem verwegenen Glück –
ich schälte Dich aus Deinen Hüllen
und trank Dich mit trunkenem Blick.
Ich sah Dich im Kleide der Venus,
enträtselt, in Strümpfen und Schuh,
ich trug Dich auf taumelnden Küssen
dem wonnigsten Lager zu.
– Du hattest nur Deine Maske
als einzigen, neidischen Schutz,
doch schien sie mir stolzer und reicher,
als flimmernder, glitzernder Putz.
Ach, Mädel, wie warst Du so durstig!
Ach, Venus, wie warst Du so süß!
Erst morgens vertrieb uns der Engel
aus Taumel und Paradies. – –
Dann gingst Du in Deiner Maske
hinaus in die lieblose Welt,
ich grübelte einsame Nächte,
wer nun Dich gefangen hält – –
– – – – – – – – – – –
Frau Gräfin, Sie taten sehr frostig
beim Hofball, als ich mich empfahl,
doch trugen Sie heut ohne Maske
– ein reizendes Muttermal! – –



Spuk.

Im Festsaal Gedränge und Stimmengeschwirre,
Lichterflut, junges Blut,
Menschengegacker und Blickegegirre,
Tische, Sektbuden, Teelauben, Bier,
davor Subalternes – und hohes Tier,
alt, jung, reich, arm, gemischt wie das Kleid,
denn Parole ist heute: Wohltätigkeit! –
Ladenmädel, Kokotte und Frau,
Halsborde, Boa, Fleischpolsterschau,
Matrone, geschieden, ledig, getraut,
Ehemann, Witwer, Blaustrumpf und Braut,
Jungfrau (vereinzeltes Exemplar) –
in Hüten, in Glatze, in lockigem Haar,
ab und zu klappernd ein Chapeau-claque,
bei Gehrock, und Joppe und Ordensfrack,
in Fischbein gepanzert und miederfremd,
in Jäger- und Leinen- und Seidenhemd,
in Sonntagsfähnchen und Spitzenkleid,
kurz: alles gemischt, ich sagte ja, heut
herrscht laut die Parole: Wohltätigkeit. –
– Und nach der üblichen, alten Weise
dreht sich die Menge im Narrenkreise.
die junge Frau Doktor ist ganz entzückt,
und nickt.
den Tanten,
Freundinnen, Freunden und Festbekannten
beseligt zu.
Der Backfisch kichert verschämt und wird rot,
die dicke Geheime Kommerzienrat stöhnt
vor Wohltätigkeit und Atemnot,
sie ist soviel Arbeit nicht mehr gewöhnt.
Der Landwirt schilt auf die Steuerlast,
weil das ihm als Thema am besten paßt,
die Operndiva gähnt blasiert,
wenn ihr mal ein kleiner faur-pas passiert,
die jüngeren Jungfraun, ganz Süße und Mund,
gehn mit Blumen und Karten und Pralinees rund.
Das Ladenmädel fühlt sich »so froh«,
und kokettiert schnell nach irgendwo,
der Landrat schenkt sich das Sektglas voll
und findet die »Akustik« toll,
die Witwe zieht lächelnd die Handschuhe an
und äugt nach dem Opfer, dem künftigen Mann,
der Herr Gerichtsrat verbeugt sich steif
und hält die Welt fürs Tollhaus reif,
der lange Primaner spricht wie ein Buch
und schneuzt aus Versehen ins Biertischtuch,
die Exzellenz steht gewichtig und schreit
vor Leutselig-, Wohltätig-, Schwerhörigkeit,
die Gräfin gähnt leise: »wie abgeschmackt!«
– da – bums! – die Musik – im Walzertakt!
. . Der Taktstock fliegt,
die Geige liegt
dem Lockenjüngling weich am Kinn,
Ein Ah! – man lacht, der Blick fängt Glanz,
schon walzt das erste Paar im Tanz
und plötzlich dreht der Saal sich um
und oben auf dem Podium
sitzt, wie ein Geisbock anzuschau'n
– ein Faun!
Kratzt sich das zottige Ziegenfell
und klemmt sich schnell
die Hirtenflöte Pans vors Maul,
kreischt wie ein Tier
vor Lust und Gier,
wischt sich die Lippen mit dem Schwanz,
und spielt, nicht faul,
zum Tanz!
Und – wuppdich! – verwandelt sich plötzlich der Saal,
Das ist kein Parkett mehr, kein Tanzlokal,
die Waldwiese dehnt sich im Sonnenglanz
und auf dem Rasen hüpft närrisch im Tanz
der Nymphen Völkchen in dichtem Schwarm,
und jede hält fest ihren Faun im Arm.
Verschwunden sind Hüte, das Kleid, das Korsett,
Blasiertheit, Geziertheit und Standesstolz,
das sind alles Wesen aus gleichem Holz,
und alles ist nett
wahrhaftig und nackt,
und dreht sich im sinnlichsten Walzertakt.
– die junge Frau Doktor als Nymphenmaid
ist auch ohne Kleidchen voll Seligkeit,
der Backfisch hat sich den Primaner gewählt,
der ihr was von Venus und Bacchus erzählt,
der Landwirt in struppigem Ziegenfell
dreht sich mit der girrenden Ladenmamsell,
und merkt nicht, weil er wie ein Zaunbulle hopst,
daß ihr der Assessor am Rücken 'rumMopst,
der Doktor schwingt wild die Geheimrat rund,
ihr Busen quetscht furchtbar den Magenschwund,
der Amtsrichter hat aus der brandenden Gischt
vor Schrecken die Operndiva erwischt;
sie reißt ihn wie eine Bacchantin im Kreis,
daß er sich vor Scham nicht zu helfen weiß,
er schaudert, wie alles im Fleische sich wiegt,
und fragt sich entsetzt,
ob das denn nicht alle Gesetze verletzt,
– und schaudert noch als er am Boden liegt,
die Witwe schwirrt lachend und kichernd vorbei,
der Landrat, als lüsterner, werbender Tor
raunt feixend ihr eben ins niedliche Ohr,
daß sie die entzückendste Wald-Krabbe sei.
Das Blumenmädchen, vom Tanze berauscht,
hat Blumen und Karten mit Geisbock vertauscht,
die Gräfin ist trostlos, – und dreht sich geziert,
sie wurde von Seiner Exzellenz engagiert,
und ob auch ihr Herzchen nach Jugend jetzt schreit,
Exzellenz ist ganz Wohltätig-Schwerhörigkeit –
– Da plötzlich wieder ein quietschender Schrei,
ein schrillender Ton
wie Lachen und Hohn,
der Waldschrat hoch auf dem Podium
dreht feixend den Rücken zum Publikum
wischt sich durch die grinsende Geisbockfratze,
blickt stumm um sich 'rum
und mit einem Satze
hängt er an dem Rande der Galerie,
schüttelt den Staub aus dem Bockschweif aus,
krümmt das schmutzige, zottige Knie
und – wupp! – ist er oben zum Fenster hinaus! –
Und wieder schließt sich der leuchtende Saal,
die Waldwiese wird wieder zum Tanzlokal,
die Zottelzaune vertauschen schnell
den Rock und den Frack mit dem Ziegenfell,
die Nymphen schließen ganz sittsam den Schoß
und lassen die Kniee des Tänzers los.
Um Knochen und Formen voll Üppigkeit,
schließt wieder Kattun sich und Seidenkleid,
der Backfisch hängt tänzelnd das Nacktärmchen ein,
und schlüpft in das zierliche Mieder hinein,
der Frau Geheimrat wächst langsam – o Graus! –
das Fischbein aus Magen und Busen heraus,
der Herr Gerichtsrat wünscht, wenig galant,
die Operndiva ins Pfefferland,
der lange Primaner fällt schwitzend in Trab
und tritt sieben Damen die Spitzen ab,
der Landwirt knöpft sich seinen Gehrock zu
und brummt was von Sekt und von Rendezvous, –
die Witwe erklärt sich vom Landrat betört,
wobei sie mit Blicken zwei andre erhört,
die Gräfin sinkt atemlos auf eine Bank
und fühlt sich vor trostloser Langweile krank,
nur die Exzellenz glänzt vor Taubheit und schreit:
»Tscha, Gräfin – ganz recht tscha – die Wohltätigkeit!«



Das schönste Gedicht.

Man sagt, daß ich ein Dichter sei,
und lobt mitunter meine Reime,
und manche kaufen sich sogar,
was ich zum Buch zusammenleime;
man schwärmt von Schönheit, Leidenschaft,
von Farben, Reichtum, Glut und Kraft
und seufzt bei manchem Bilde;
selbst die Kritik, als streng bekannt,
drückt anerkennend mir die Hand,
und kritisiert recht milde – –.
– – – – – – – – – –
Wohl möglich, daß aus all der Lust
einmal ein guter Vers geblieben,
doch meine besten Verse sind
und bleiben ewig ungeschrieben.
Die schönsten Strophen schreibt man nicht
die lebt man nur in weichen Gliedern,
und jede Schönheit wird Gedicht
und jede Anmut wird zu Liedern.
Und Vers und Reime bleiben stumm,
um meine Strophen zu verschönen,
ein heißes Stammeln wird zum Vers
zum wunderschönsten Reim ein – Stöhnen!
Das Herz schlägt wild den Takt dazu,
der Rhythmus singt im tiefsten Kusse,
der Inhalt heißt nur: »Du! – Du! – Du!«
mit »oh!« und »ach!« gehaucht, zum Schlusse.
Und Kritiker sind keine Herrn
mit Glatzen, Brillen, Bäuchen, Bärten,
die allerschönste Frau allein
kann dieser Reime Kunst bewerten.
Und siehst Du ihrer Augen Glanz
in Deiner Verse Wohllaut brechen,
dann darfst Du Glücklicher zum Lohn
Dein süßes Lied noch einmal sprechen!
– Und kein Prolet zieht Dein Gedicht
vor die Zensur und den Gendarmen – –
– die schönsten Verse schreibt man nicht,
die lebt man nur in Frauenarmen!