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Ottomar Enking – Das Pünktlein auf der Welle

Roman

Ottomar Enking, Das Pünktlein auf der Welle, Kleinod-Romane, Band 1, Verlag der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung, Mit einer Einleitung von Professor Ferd. Gregori, einem Bildnis des Verfassers und 32 Bildern von Ludwig Berwald, Hamburg-Großborstel, 1918



Meinem Freunde
Dr. Otto Hachtmann in Dessau
zugeeignet.



Ottomar Enking

Um zu Ottomar Enkings liebenswerter und gefestigter Persönlichkeit zu gelangen, brauchen wir uns nicht erst in Literaturgeschichten oder in Zeitschriften absonderlicher Art Rat zu erholen; er hat nie den Naturalisten und nie den Neo-Klassizisten einseitig angehört, steht also auch heute nicht im Gewirre zwischen Impressionismus und Expressionismus – aber wer den alten Paul Gerhardt'schen Gesangbuchvers innehat: »Nun ruhen alle Wälder«, und des getreuen Matthias Claudius köstliches »Der Mond ist aufgegangen«, der findet sich im ersten Kapitel des »Pünktleins« gleich daheim wie Dürers Hieronymus in seinem Gehäuse. Das Lebenssprüchlein das hier der kleinen Garderut Mackeprang von ihrem Onkel Jakob Eenboom ins Stammbuch geschrieben wird, hat dieselbe Strophenform und dieselbe Reimverschlingung wie die beiden Abendlieder der frommen alten Herren, und es steckt auch Seele von ihrer Dichterseele darin und nebenbei noch Garderuts und vielleicht gar Enkings Schicksalswort. Vieles auf einmal: Verdichtetes, Dichtung!

Wie der Kalendermann längst vergangener Jahre meldet sich der Holsteiner Erzähler jedes Jahr mit einem Werke bei seinen Lesern; bis heute ungefähr fünfundzwanzig Male. Und wie in unserem »Pünktlein« geht es dann fast immer um das Glück einer Tochter oder eines Sohnes, die noch in der Zeit der Reife von nicht gar bösen, aber engherzigen, eigensinnigen Müttern oder Vätern beherrscht, bevormundet werden und selber nicht die Kraft und den Flügelschwung haben, ihre eigene freie Bahn zu erkämpfen. Nicht Titanen führt Enking so zur großen Entsagung, wie Goethe seinen Faust und Tasso; ins erdverändernde Leben greift er nie ein, aber alles Vergängliche ist auch ihm bedeutsam wie ein Gleichnis, armselige Türen und Uhren wachsen zu Symbolen auf, die uns nichts Geringeres als den Sinn eines Menschenlebens enthüllen. Und so etwas wie die »Wiederkehr des Gleichen« streift uns mit dem Hauche des Tragischen, wenn etwa Nis Nielsen (»Dämon Mutter«) seines Vaters Stelle einnimmt, in Vaters Schlafrock Vaters Pfeife raucht, auf Vaters Stuhle sitzt, in Vaters Bette schläft, durchwärmt von Vaters Wärmkruke. – Derselbe Nis, der zwischen Mutter und Braut sich dann nicht entscheiden und diese Schwäche auch nach dem Tode der Mutter nicht abtun kann; dieser Hauch des Tragischen streift uns gleichermaßen im »Pünktlein«, wo die zweite Frau des Senators Schritt für Schritt in die Fußstapfen der ersten treten muß, ihrer leiblichen Schwester, sich diesem Zwange auf Stunden entzieht und schuldig wird, bis sie sich zu einem sachten Glücke durchringt. Der Begriff »Familie«, die feste Grundmauer aller sittlichen Bildungen (man denke an A. W. Riehls prächtige kulturhistorische Ausführungen!) wird von Enking sorgsam zergliedert und doch nicht aufgelöst; aus vielen Ecken beleuchtet, so daß Schatten entstehen; aber nur, um immer wieder die Zauberkräfte dieses kleinsten menschlichen Staates unter der zentral wirkenden Sonne der Menschenliebe hellauf glänzen zu lassen. Nach dem qualvollen Bräutigamsessen in dem engen Hause P. C. Behms heißt es: »Familie P. C. Behm fühlte sich verlobt. Nur Anna nicht so ganz.« Und Anna war doch die Braut! Ironisch, bitter – gewiß; aber die eigensinnigen alten Leutchen und sogar der junge tolpatschige Bruder Postbeamte sind vom Dichter mit soviel Liebe dargestellt, daß wir ihnen verzeihen.

Nicht viel mehr als die Hälfte des Raumes nimmt bei Enking für gewöhnlich der dichterische Stoff ein, der den Titel gibt. Im »Pünktlein« wie anderswo. Und die andre Hälfte ist eine ganz besondre Schatzkammer; ist die Skizzenmappe des Heimat-Malers, aus der zukünftige Gemälde hervorblinzeln. In unsrer Erzählung taucht vorübergehend Claus Jesup auf als Vorbild des ehrgeizigen schurkischen Bäckermeisters Tystrow. Claus Jesup aber wird der Mittelpunkt des nächsten Enkingschen Werkes sein! Die meisten der Skizzen, der Episoden sind aber, ob sie auch dazu taugten, noch nicht über ihre Nebenrollen hinausgediehen. Da ist hier der schon genannte hafenbau-besessene Tystrow selbst und sein Opfer, Senator Konning; sind dessen stille Frau und mißratene Kinder; ist der beim Suchen von Hosenknöpfen und Haarnadeln stets aufgehaltene Pastor Pugepind, der immer zu spät zu den Sitzungen kommt; der einfältige weise, bücherfreudige Jakob Eenboom mit seinem derben Findelkind Rahmkirch und den Dachshunden; sind die Mitglieder der Familien Stümpemann und Mackeprang, endlich die beiden alten Jungferchen »Liebe« und »Leide«, die den Wöchnerinnen das erste Hühnchen braten. Und diese Feste! Diesmal nur die Spatenstich-Feier und eine Bimmelbahn-Einweihung mit Ehrenjungfrauen aus dem Fundus des Krukeluhner Wandertheaters. Aber sonst: Vogelschießen und Liedertafelausflüge, Kinder- und Kriegerfeste in buntester Breite; Bürgerjubiläen und Hochzeiten; Stammtisch- und Frauenvereinsgründungen; Schaufensterdekorationen und Marktaufzäumungen (mit besonderer Berücksichtigung des holsteiner Käses und seiner Spielarten); endlich das höchste, sein dichterisches Fest: Die Seeschlacht bei Eckernförde! Nur fünfzehn Buchseiten in einem seiner reichsten und tiefsten Romane: »Wie Truges seine Mutter suchte« – aber sie sprechen mit hundert rühmenden Zungen von Enkings fast rauschhaftem Erfassen einer Zeit, deren Daten er nur aus Büchern und Briefen haben kann.

Ottomar Enking ist am 28. Sept. 1867 in Kiel geboren. Gymnasium bis zur Reifeprüfung, nicht ohne Schwierigkeiten. Häusliche Unebenheiten im Verhältnis zu seinem Vater, der Lehrer war, Rektor wurde. Verworrene Universitätszeit und zweijährige Schauspieler-Tätigkeit ohne sonderlichen Erfolg. Dann Redakteur in seiner Vaterstadt und in Köln, Wismar und Dresden. Jetzt in Dresden als freier Schriftsteller und je während des Sommers auf seinem kleinen Mecklenburger Anwesen Althagen. Mit dem Bauernfeld- und Fastenrath-Preis bedacht, zum Professor ernannt. Glücklich verheiratet. Seine Tochter holt auf der Universität nach, was der Vater glaubt vernachlässigt zu haben. Das ist des Dichters äußeres Leben.

Als ihn, den Irrenden, 1894 Krankheit antrat, kam die Wandlung. Er verglich sich mit anderen und fühlte, daß er schreiben müsse, um sich auszusprechen. Und er wuchs nun, fern seiner Heimat, ohne sichtbare Anlehnung, in seine Heimat hinein. Die wichtigsten seiner Erzählungen – durchaus nicht alle guten – sind bereits erwähnt worden, außer den »Darnekowern«, einer ehernen Formung einfacher Menschen, die uns die harten Züge versunkener Königsgeschlechter naheführt.

Ohne je in spielerische Biedermeierei zu verfallen, erzählt Enking die Geschichten von alten Häusern, Höfen und Stuben; wählt wohl auch ab und zu – wie im »Pünktlein« schlicht-poetische Kapitelüberschriften, die, weniger barock als die Jean Paulschen, gleichzeitig verraten und verheimlichen. Er versteckt sich nicht hinter seinem Werke wie Tolstoj, Maupassant, Meyer, sondern fängt etwa an: »Nun wollen wir mitsammen ein Menschenleben betrachten«; zwischendurch, an Höhepunkten, wird er gern schweigsam und sammelt wohl in ein stilles Wort, in eine Geste höchste Freude, tiefstes Leid. Oder er tritt plötzlich vor seine geliebten Gestalten und erinnert den Leser daran, daß er ihn an der Hand führe. Den Schrei meidet er, fürchtet er. Selbst in seinem Schauspiel »Das Kind« geht es still und bedächtig zu.

Festen Boden fühlt er vor allem in der norddeutschen kleinen Stadt unter den Füßen. Nur ausflugsweise berührt er die Großstadt, sogar Dresden, das ihm doch seit 14 Jahren Aufenthalt ist. Diese Beschränkung ist sein Ruhm. Wir haben keinen neben ihm, der uns – im Gewand des Individuellen – soviel Typisches über die Lebensgewohnheiten an der Ostseeküste gesagt und künstlerisch gedrängt und verklärt vermacht hätte. Und wir tun gut daran, aufzumerken, denn derlei nähert sich dem letzten Lebensstündlein. Jede Eisenbahnschiene, die dort eingebaut wird, jeder Fernsprechapparat zehrt an solchen Schönheiten und Seltsamkeiten.

Aber erst wer anfängt, den Humoristen Enking, sein Schmunzeln, seine lebhaften Mundwinkel zu erkennen, in denen die geheimen Spitzbübereien des liebevoll-verweisenden Betrachters zucken, erst der vertraut sich ihm durch dick und dünn an.


Berlin, Juli 1918

Ferdinand Gregori



1. Kapitel.
Das Pünktlein auf der Welle.

Maiensonne von schier sommerlichem Glosten.

Die alte Stadt badete sich darin. Es schien fast, als reckten und streckten sich die Häuser in dem Gefühl, all der Frühling könne ihnen die Zeit zurückbringen, wo über ihren Giebelbalken eben erst der Richtekranz geschwebt hatte. Und jedes Rinnsal auf den Straßen blinkerte, daß kein Mensch es mehr für unreinlich schelten konnte.

Auf den Feldern und Fluren rund um das rote und graue Gemäuer aber zitterte die ganze, große Werdenswonne.

Das köstliche Sprießen der Saaten, das goldgrüne Leuchten des jungen Laubes, das entzückende Augenaufschlagen all der Grabenblumen, – das behagliche Futterzermahlen der blankfelligen Rinder und der Vogeljubel in der Luft, – ach, es war wieder einmal so, als wäre es noch nie so schön auf Erden gewesen wie gerade in diesem Jahre!

Über den breiten Landweg, der von der Stadt aus erst auf eine Höhe und dann wieder abwärts führt, schritt ein junges Mädchen in heller, leichter Gewandung dahin.

Ihr Gang, ja ihr ganzes Wesen paßte in den Lenz hinein. Den Hut trug sie an seinen Bändern wie einen Korb über dem linken Arm; von der rechten Hand hing ihr eine kleine Ledertasche herab. Blonde Locken umrahmten in Fülle ihr frisches Antlitz. Die großen lebhaften Augen sogen sich voll von der Frühlingsherrlichkeit, sie blickte zum Himmel auf mit dem dankbaren Ausdruck, den ein Kind hat, wenn die Mutter ihm so recht eine Labung spendet.

Auf der Höhe kam ein Wind gestrichen. Der verwirrte dem Mädchen die Locken. Aber sie gab sich keine Mühe, den reichen Schmuck alsbald wieder in Ordnung zu nesteln, sondern sie ließ sichs sogar gern gefallen, daß auf ihrem Haupte ein tüchtiges Durcheinander herrschte.

Für einige Augenblicke hielt sie auf dem Hügel mit Gehen inne. Vier schwere, ernste Schläge vom Krukeluhner Kirchturme kamen ihr nach. Sie warf nur einen flüchtigen Blick zur Stadt zurück, die als ein eng ineinander geschachtelter Haufe von gedrungenen Umlinien dalag, dann wandte sie wieder den Kopf und schaute den Weg hinab, der sich zwischen den Knicks hindurchschlängelte bis ganz da unten hin, wo er in eine Holzbrücke auslief. Die leitete über einen dunkelblauen Wasserarm weg an das jenseitige Ufer, das mit Buchenwäldern und Dörfern geziert war.

Dann rasch fürbaß, und bald war das junge Mädchen an einem Gehöft angelangt. Das sah so sauber aus, als wäre es erst heute früh sorgsamst abgewaschen worden. Eine weißgekalkte Mauer zog sich herum.

Durch die Pforte trat das Mädchen auf den Hof, wo kein Strohhalm lag. Da rasten laut kläffend zwei Dächsel auf sie zu, umkreisten sie wild und sprangen an ihrem Kleide in die Höhe, sie aber erschrak nicht, sondern suchte die stürmischen Begrüßer zu liebkosen.

Aus dem Stalle tönte ein Schelten:

»Kule, was fällt dir ein? Wix, willst du mal kuschen?«

Auf der Stallschwelle erschien dann gleich ein Knecht von recht struppigem Aussehen. Der drohte den beiden Hunden: »Hierher!« Kule und Wix hätten nun keine Dächsel sein müssen, wenn dieser Befehl für sie nicht der Anlaß gewesen wäre, gerade die entgegengesetzte Richtung einzuschlagen. Sie fegten mit rauhem Gewuff und wehenden Ohren zum Hoftore hinaus und wälzten sich übereinander im Graben.

»Guten Tag, Rahmkirch,« sagte das junge Mädchen zum Knecht. »Ist mein Onkel da?«

So unhold die Knechtsgestalt von außen war: es lag doch viel Gutmütiges in der Art, wie Rahmkirch der Fragenden zunickte:

»Unten am Wasser, Fräulein. Beim Bootausbessern. Wir haben neulich das Schwert kaput gefahren. Soll ich Herrn Eenboom rufen?«

»Nein danke, ich gehe hin.«

Sie umschritt das freundliche, rebumlaubte Wohnhaus und kam in einen großen, zum Wasser abwärts geneigten Obstgarten.

Alle Bäume starrten in ihrer Blütenpracht. Es war dem jungen Mädchen, als erblicke sie nicht nur, nein, sondern als vernehme sie auch diese gewaltige Entfaltung neuen Lebens.

Nichts von Zweigen, nichts von Blättern war zu spüren: nur weiße und rosa Dolden, Büsche, Ballen, Wülste, ja dicke Ranken, ganze Trauben von Blüten, die alle in der einen Sehnsucht aufgesprungen waren, dereinst Frucht zu bringen.

Bienen wühlten und taumelten wie berauscht in ihnen herum. Dann und wann sank ein zart geädertes Muschelchen schaukelnd zu Boden in das strotzende Gras. Ein süßer Duft lagerte zwischen den reinlich gehaltenen und mit Ringen wider die Schädlinge versehenen Stämmen.

Das Mädchen weidete sich an dem Glanz, und sie konnte sichs nicht versagen: ein Ästlein, das von seiner prangenden Last tief herniedergezogen war, nahm sie sacht in die Hand und drückte die Lippen auf die Blüten.

Wohl dreihundert Schritte mußte sie machen, bis sie unter diesem lebendigen Schneegewölbe hindurch war. Dann gelangte sie auf eine Vorlandwiese, worauf zwei Ziegen meckernd ihre Daseinsfreude kundtaten, und unten am flachen, sandigen Strande war ein großer, hagerer Mann in Hemdsärmeln dabei, seinem Kutter das kurshaltende Schwert zu flicken.

»Guten Tag, Onkel Jakob!« rief das Mädchen.

Der Mann ließ den Hammer sinken, und ein fröhliches Lächeln glitt über seine Züge:

»Sieh mal an! Kleine Gaddi! Kommst du mal zu mir?«

Er bekam einen kräftigen Händedruck und einen lieben Kuß unter seinen grauen Schnurrbart.

»Ich wollte dich um was bitten, Onkel.«

»Das ist recht. Was soll's denn sein?«

»Kale hat mir ein neues Album geschenkt.« Sie holte aus ihrer Tasche ein Buch mit goldenen Beschlägen hervor. »Da solltest du gleich zu allererst, – ich meine natürlich gleich hinter Mutter, – mir einen Vers einschreiben.«

»Das wollen wir wohl kriegen, mein Döchting. Was hat Mutter denn geschrieben?«

»Ach,« erwiderte das Mädchen etwas gelangweilt, »bloß das von Treu und Redlichkeit. Das schreibt sie immer in Albums.«

»Nun, das kann der Mensch auch immer gern wieder lesen und sich zu Herzen nehmen. – Ja, denn wollen wir nur hinaufgehen, damit du auch was zu leben kriegst.«

»Ich störe dich.«

»Nein, Rahmkirch muß mir doch noch ein anderes Brett besorgen, ehe ich weiterarbeiten kann. Komm.«

Onkel Jakob legte sein Werkzeug hin, setzte die Mütze auf, schlang den Arm um das Mädchen, das sich so recht vertrauend an ihn lehnte, und die beiden gingen langsam zum Hause aufwärts.

Das Gesicht des alten Mannes verklärte sich jedesmal, wenn er zu seinen Bäumen emporsah:

»So gut haben sie lange nicht geblüht wie dieses Jahr, und ich glaube, sie setzen auch reichlich an. Das gibt was Feines zu schmausen für meine kleine Gaddi!«

»Wenn bloß kein Frost oder Hagel kommt.«

»Ja, könnte man über jedes liebe Baumgeschöpf einen Schirm ausbreiten! Aber es ist nun mal so bestimmt, daß viel zu Grunde geht, und nur aus dem Wenigsten was Richtiges wird. Ist ja bei den Menschen so – da können meine Bäume es auch nicht besser verlangen. Bleibt immer noch genug, woran wir uns freuen dürfen.«

Sie waren hinter dem Hause.

»Tritt näher, Kind. Ich spüle mir eben die Hände rein, damit ich ans Schriftstellern gehen kann. Sag' Line, daß sie dir Kaffee und Butterbrot bringt.«

In der einfachen, aber gemütlich eingerichteten Stube ließ es sich das Mädchen mit dem gesunden Hunger der Jugend schon schmecken, als Onkel Jakob eintrat. Er hatte einen Rock angezogen und das immer noch dichte, wenn auch längst gebleichte Haar glatt zurückgebürstet.

»Schmeckt's? Na, das ist schön. – So!« Er rückte sich den Stuhl an den Schreibtisch, wo das Album schon aufgeschlagen lag, schnitzte sich eine neue Spitze an die Gänsefeder, schob die Hornbrille auf die Nase und meinte:

»Ich will dir ein paar Verse einschreiben, die mir mal so gekommen sind, als ich unten an unserm Sund stand und die Sonne auf den Wellen tanzte. Du brauchst noch nicht daran zu glauben, daß das wahr ist, was die Verse besagen.«

»O, Onkel Jakob, was von dir kommt, ist immer wahr.«

Der Alte sah sie über die Schulter hinweg lächelnd an:

»Denkst du? Möglich; wenigstens hüte ich mich vor der Lüge. Aber zu glauben braucht man mir deshalb doch noch lange nicht alles. Wenigstens nicht gleich.«

Dann kritzelte die Feder eine ganze Weile auf dem Papier, bis Onkel Jakob sein Werk mit einem bedächtigen Schlußpunkte beendete.

»So, das wäre geschafft. Nun lassen wir es erst trocknen.«

Er wechselte den Platz, indem er sich bei dem jungen Mädchen am Sofatisch niederließ.

»Und nun erzähl' mir mal, wie steht es denn zu Hause?«

»Danke, gut, aber wir haben alle Hände voll zu tun. Ellinas Hochzeit sollte doch erst im August sein und nun schon am 21. Juni. Du kannst dir denken, Mutter ist aufgeregt, weil die Aussteuer noch so weit zurück ist. Und Bruder Kale muß sich viel um die Zeitung kümmern. Wir haben ja einen neuen Redakteur gekriegt.«

»Ja, scheint ein tüchtiger Mensch zu sein. Ich lese die Artikel immer gern, die er schreibt. Hat so was Forsches. Die Tonart sind wir auf Rahne gar nicht gewohnt. Tut uns aber wohl.«

»Kale meint auch, solchen guten Redakteur haben wir noch nie gehabt. Und Herr Claudius ist auch sonst sehr nett,« sagte das junge Mädchen und wurde etwas rot dabei.

Sie hatte ihren Kaffee getrunken, tupfte noch die letzten Brotkrumen vom Teller und erhob sich:

»Ich muß machen, daß ich zur Stadt komme. Ich hab' noch Musikstunde.«

»So? Willst du schon gehen? Das tut mir leid. Aber gewiß, deine Stunde darfst du nicht versäumen. Denn also viele Grüße und bald auf Wiedersehn!«

Er prüfte, ob die Tinte auf dem Albumblatt eingetrocknet war, dann wollte er das Buch zuklappen, aber das junge Mädchen nahm es ihm aus den Händen.

»Darf ich's nicht gleich hier lesen?« bat sie.

»Wie du willst. Großer Dichter bin ich nicht, das merkst du schon, aber gut gemeint ist es.«

Sie las halblaut:


»Du Pünktlein auf der Welle,
wie strahlst du doch so helle,
du Bild von unserm Glück.
Das ist auch nur ein Winken,
ein kurzes, holdes Blinken,
gehört uns keinen Augenblick.

Laßt uns bescheiden stehen,
aufs gold'ne Pünktlein sehen,
das sei der Freud' genug.
All, was wir sonst mit Bangen
ersehnen und verlangen,
ist Wahn und Trug, – ist Wahn und Trug.«

Meiner lieben kleinen Nichte Garderut Mackeprang zur freundlichen Erinnerung an ihren treuen Onkel

Jakob Eenboom.
Glannbeck, den 17. Mai 1879.


Nach dem Lesen ruhte für ein paar Augenblicke der Schleier einer Betrübnis, ja sogar einer Betroffenheit über dem jungen Mädchen, rasch aber siegte in ihr der Jugendmut, er zerriß den Schleier, und sie schaute lachenden Mundes zu dem alten Manne auf:

»Nein, Onkel ! Da hast du allerdings Recht. Das kann ich wahrhaftig nicht glauben. Es gibt doch so viel, viel wirkliches Glück auf der Welt. Nicht bloß das bißchen Wellengeflimmer.«

Jakob Eenboom umfaßte sacht ihre Schultern und sah sie milde an:

»Mein Liebling, solch ein Album ist mehr für die Zukunft als für die Gegenwart. Ich freue mich, daß du mir jetzt abstreitest, was ich da geschrieben habe. Aber die Verse sollen für Stunden sein, die keinem Menschen erspart bleiben, und wo er überhaupt nicht mehr daran glaubt, daß es ein Glück gibt. Dann sollen sie dich daran erinnern, daß doch jede Welle ihren kleinen hellen Punkt hat. So hat auch jede Stunde, mag sie noch so düster sein, ihr kleines Licht. Und das ist dann ein Trost. Auf die Art mußt du meine Schreiberei auffassen. Deine Fröhlichkeit will ich dir weiß Gott nicht dämpfen.«

Ja, Onkel Eenboom hatte es gewiß gut gemeint und der kleinen Garderut nur Freundliches erweisen wollen, aber alte Leute, auch die besten, sind nun einmal alte Leute und denken immer, es ginge im Leben nicht ohne Weisheit ab.

Weisheit aber ist des unbekümmerten Frohsinns Lähmung.

Garderut Mackeprang war kräftig genug, gegen den Weisheitsdruck anzugehen, aber wie eine dünne Staubschicht lag es doch auf ihrer Seele, als sie nun, zuerst eine Strecke weit unter dem herumjachternden Ehrengeleit von Kule und Wix, wieder der Stadt zuwanderte.

Auf der Höhe machte sie abermals halt und schaute nach dem Sunde zurück. Tausend und abertausend Sternchen blitzten auf dem Wasser und verloschen sogleich, um an einer anderen Stelle aufzutauchen und wieder zu verschwinden.

Das sollte das Bild vom menschlichen Glück sein? Weiter durfte das Herz nichts begehren? Alles, was es an Freuden erhoffte und genoß, war ihm doch schließlich so unerfaßbar, so unerhaltbar wie das Geblinker da draußen?

Trotzig richtete sich Garderut auf und schüttelte das Haupt, daß die Locken flogen. Dann sprach sie fest und in schicksalsvertrauendem Tone nach dem Gehöfte mit den blühenden Obstbäumen hinüber:

»Nein, Onkel Jakob! Du magst so klug und weise sein, wie du willst, aber das weiß ich besser: es muß mehr Glück geben, – es muß auch Glück geben, das uns viel, viel mehr zugehört als nur dein Pünktlein auf der Welle: ich möchte nicht gar zu bescheiden sein.«

Und tapfer schritt das junge Mädchen aus.



2. Kapitel.
Stümpemanns denken an das Grab.

Eine große, plump gebaute, schwarze Kalesche rumpelte über den Markt.

Obgleich die Pferde nicht viel schneller ausschritten, als sie es bei Begräbnissen gewohnt waren, schwankte der alte Kasten doch auf dem holperigen Pflaster wie ein Orlogkoggen auf stürmischer See.

Die Federn des Gestells ächzten, und das Rädergeräusch hallte dumpf von den Giebelhäusern ringsum zurück.

Auf erhabenem Sitze thronte der Kutscher; der quer aufgesetzte Zweispitz war ihm zu weit nach der linken Schulter herabgerutscht. An einem versilberten Haken neben der einen Laterne hing ein mächtiger Kranz aus Lebensbaum mit Blumen. Je nach dem Schwanken des Wagens schwebte er bald frei in der Luft, bald klappte er hart gegen die Wand.

Der Markt war durchquert. Das Gefährt bog in eine enge Gasse ein. Hier wurde sein Gerumpel zum Gedröhne.

 Die Leute kamen an die Fenster. Was war das? Ach so, – sie besannen sich und sprachen fast ehrfürchtig untereinander:

»Stümpemanns denken an das Grab.«

Durch ein niedriges Tor und über eine schattenlose Landstraße, vorbei an einem maifrisch sprossenden Birkengebüsch: da hielt der Wagen vor dem kreuzgeschmückten Eingange zu der Stätte, wo ja wohl wenigstens unter der Erde all Fehd' ein Ende hat.

Der Friedhofswärter hatte hier schon der Ankommenden geharrt. Er trat hinzu und öffnete den Schlag, indem er den Hut in die Hand nahm.

Als Erster stieg ein dicker Herr mit rotem Gesicht, kräftigem blonden Bart und schlau zwinkernden Augen heraus. Seine Hemdbrust hatte sich auf dem unbequemen Platz hochgeschoben; er stieß auch mit seinem Zylinder oben an die Kante der Türöffnung und hatte Mühe, als er endlich draußen war, sich das Zeug wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Auf seinem schwarzen Rock saßen das Eiserne Kreuz und noch etliche Ehrenzeichen.

»Guten Tag, Herr Stümpemann,« sagte der Friedhofswärter mit vieler Achtung. Der Dicke pustete bloß als Antwort und wischte sich mit seinem Taschentuche den Hals.

Ihm folgte aus dem Innern des Wagens mit gewandter Ruhe ein mittelgroßer, schlanker Mann, der einen vollen, aufgezwirbelten Schnurrbart trug und sich leicht den Kneifer zurechtrückte.

»Guten Tag, Herr Senator,« sagte der Friedhofswärter. Der Begrüßte lüftete eben den Hut.

Zuletzt verließ ein kleiner, glattrasierter Mensch das Wagendunkel. Er hatte erst vorsichtig mit dem Fuße zugefühlt, ob er auch nicht den Tritt verfehlte. Nun gesellte er sich mit eigentümlich eckigen und gezwungenen Bewegungen zu den beiden andern und erwiderte den Gruß des Friedhofswärters: »Guten Tag, Herr Direktor,« mit einem würdevollen Neigen des Hauptes.

Der Wärter hakte den Kranz vom Wagen los und ging den drei Herren vorauf.

Die bildeten eine Reihe, und wer sie so gehen sah, der erkannte wohl, daß sie trotz aller Verschiedenheit ihrer Gestalten doch Brüder waren. Alle hatten dieselben ausgeprägten Backenknochen, – Augenbrauen, die wie Zacken geformt waren, und eine starke Nase mit breitem Rücken.

Schweigend schritten sie hinter dem Kranze her.

Der Friedhof war alt. Die Bäume hatten eine beträchtliche Höhe erreicht, – die schon ziemlich weit am westlichen Himmel stehende Sonne konnte stellenweise gar nicht bis auf den Boden dringen, so dicht war das Gebüsch auf den Rasenflächen, so hoch waren der Wacholder und der Taxus auf den Gräbern.

Gewundene Gänge zwischen verwitterten Leichensteinen. Dann kam eine Fläche, wo neuere Prunkdenkmäler aufragten, und vor einem großen, mit Granitdocken und dicken Ketten eingefaßten Grabe machte der kleine Zug halt.

An der Kopfleiste der aufgemauerten Hinterwand stand mit kräftigen Buchstaben:

›Ruhestätte der Familie Stümpemann.‹

Vor der Mitte der Mauer war ein Friedensengel aufgestellt; zu beiden Seiten vor ihm hatte man Marmorplatten eingelassen. Die Jahreszahlen zeugten davon, daß die Stümpemanns hier schon seit langer Zeit bestattet wurden.

In zwei Reihen wölbten sich efeuübersponnene Hügel auf diesem Grabe; einige davon trugen kleine glasblank geschliffene Steinblöcke, und die Namen die darauf eingemeißelt waren, fehlten auf den Marmortafeln.

Der Wärter legte den Kranz an den Stein mit der Inschrift: ›Karsten Stümpemann, geb. am 15. Dezember 1800, gest. am 13. Mai 1873‹ und trat bescheiden zurück.

Die Herren blickten auf den Hügel. Der Glattrasierte faltete die Hände; der Schlanke tupfte am Schnurrbart, und der Dicke meinte, indem er den Kranz mit dem Spazierstock noch ein wenig mehr nach rechts rückte:

»Ja, ja, unser guter Alter! Er hätte ja gerne noch ein paar Jahre mitlaufen können.«

Die beiden andern nickten.

Eine Weile des Stummseins. Dann bemerkte der Senator:

»Nächstes Jahr muß die Schrift überall neu vergoldet werden. Bei Mutter und bei meiner Frau ist sie schon halb verwischt.«

Die beiden andern nickten.

Abermals eine Weile des Stummseins, dann hub der Kleinste von den dreien an, und seine Stimme klang sehr salbungsvoll:

»Ja, meine lieben Brüder, so haben wir denn wieder einmal an das Grab gedacht. Das ist doch eine schöne Familiensitte. Man kehrt weihevoll von diesem teuren Fleck Erde an den häuslichen Herd zurück, um zu wirken, so lange es Tag ist.«

Die beiden andern nickten, und dann machten sich alle drei auf den Heimweg.

Der Friedhofswärter war ihnen und besonders dem dicken Herrn Stümpemann beim Wiedereinsteigen in den Wagen behilflich und bekam sein gutes Trinkgeld.

Nun rollte die Kalesche der Stadt zu und wandte sich durch das Straßengewirr in eine Gegend, wo es lieblich nach Malz roch.

Hier verabschiedete sich der Dicke von seinen Brüdern und ging in ein Haus von urväterischer Bauart. Eine Treppe hoch war ein Kontor. Als Herr Stümpemann die Tür öffnete, duckten sich die vier Schreiber eifrig über ihre Bücher.

»Friedrich, hol' mir mal ein Glas Bier,« sprach Herr Stümpemann, und eilfertig machte sich der Jüngling auf den Weg.

Stümpemann trat ans Fenster. Man sah von hier aus in den Hof und in eine Torfahrt hinein. Zwei Wagen warteten dort auf ihre Befrachtung. Große Fässer wurden über den Hof gewälzt und von dem kräftigen Kutscher auf den einen Wagen verstaut, während ein älterer Mann in Lederschürze den anderen mit Kästen voller Bierflaschen belud.

Herr Stümpemann sah das mit Genugtuung. Geschäft ging gut.

Friedrich kam mit dem schäumenden Glase, und Stümpemann tat einen tiefen Zug.

»Ist es voll in der Gaststube?« fragte er.

»Oha, Herr Stümpemann!« antwortete Friedrich. »Unser Bockbier – oha! Da können sie gar nicht genug von kriegen.«

Das hörte Herr Stümpemann mit Zufriedenheit. Tüchtiger Betrieb.

Da öffnete sich gegenüber dem Kontor ein Fenster, eine behäbige Frau lehnte heraus und rief:

»Pasche! Schick' mir doch eben mal Geld 'rüber! Tüten muß ein Paar neue Stiefeln haben!«

Gleichmütig, – kam ja gar nicht darauf an! – entnahm Herr Stümpemann dem Geldschrank eine Anzahl Taler und gab sie Friedrich:

»Bring' die nach meiner Frau hin.«


*


Der Wagen war weitergefahren und hatte zum anderen Mal vor einem Markthause halt gemacht, in das nun der Senator eintrat. Auf dem mit Fliesen belegten, breiten Flur stand ein Mann im blauen Leibrock mit silbernen Knöpfen. Von der rechten Schulter zur linken Hüfte hing ihm ein weißer Riemen, der einen krummen Säbel trug.

»Nun, Schulz? Haben Sie viel? Kommen Sie mit hinein. Ich will alles gleich erledigen.«

»Zu Befehl, Herr Senator, ist nicht schlimm heute.«

In der Stube nahm der Senator am Schreibtische Platz, und Schulz reichte ihm aus einer Mappe sorgsamst beschriebene Bogen hin, indem er dabei immer über den in Frage kommenden Fall berichtete.

»Kählersch müssen wir nun wirklich mal verknacken, Herr Senator. Die Altsche setzt nie ihren Mülleimer vor die Tür, wenn die Männer kommen.«

»Jawohl! Das muß gerochen werden,« sagte der Senator gemütlich und unterzeichnete den Strafbefehl. Schulz fuhr fort:

»Und der neue Redakteur hat sich nicht rechtzeitig bei uns angemeldet. So diese Leute von draußen, die meinen, sie können sich alles erlauben. Der soll uns man erst kennen lernen. In so was sind wir scharf hier in Krukeluhn. Das kostet 'n Taler.«

»Ganz richtig, Schulz, der soll sich wundern.«

So war noch allerhand da.

»Und außerdem wollt' ich anzeigen, Herr Senator,« erzählte Schulz dazwischen, »die Seminaristen haben letzte Nacht wieder bis dreiviertel vier im ›Rauhen Loch‹ gekneipt. Den Wirt sollten wir doch eigentlich ganz gehörig . . .«

»Ach nee, Schulz, das wollen wir lieber nicht bemerkt haben, sonst verknackt mein Bruder die armen Jungens wieder zu lebenslänglichem Karzer. Wir beide sitzen ja auch ganz gerne mal lange in der Kneipe, nicht wahr?«

»Na ja, Herr Senator,« meinte Schulz und lachte pflichtgemäß, »aber doch . . .«

»Lassen Sie man. Ich weiß von nichts. – So, mein Herr Sergeant,« damit gab der Senator dem Beamten die unterschriebenen und abgelöschten Blätter zurück, »nun gehen Sie hin und vollstrecken Sie die Bluturteile.«

Abermals das pflichteifrige Lachen des Untergebenen. Dann verschwand Polizeisergeant Schulz.

Der Senator stand auf, zündete sich eine Zigarre an und trat an einen Glasschrank, dessen Riege voller Münzen lagen. Er öffnete die Tür, hob dies und jenes Stück heraus und strich mit der Zärtlichkeit des Sammlers darüber hin. Dann ging er zur Tür und wollte am Klingelzug reißen, da tat sich die Tür auch schon auf, und es erschien auf der Schwelle eine ältere Frauensperson, der man den Jungfernstand ansah. Sie hatte eine große Haube auf und war in ein Kleid mit Puffärmeln gehüllt.

»Wo ist Karsten?« fragte der Senator.

»Er spielt im Garten mit Doktors Mariechen,« war die Entgegnung.

»Gut. Sie brauchen heute Abend nicht auf mich zu warten. Ich esse im Klub.«

»Ach,« sagte das Fräulein bedauernd, »und nun hab' ich gerade so schönes saures Schweinefleisch!«

Der Senator streichelte ihr die runzlige Wange.

»O Katinka meine Seele, das ist morgen noch viel saurer.«


*


An der dem Friedhof entgegengesetzten Seite war der schwarze Wagen wieder zur Stadt hinausgeholpert, bis er an ein zweistöckiges, nüchternes Gebäude aus gelben Backsteinen gelangte.

Vor dem Tore, über dem die Inschrift: ›Lehrerseminar‹ stand, war die Fahrt für den letzten der drei Brüder zu Ende.

Der Direktor schritt die dreistufige Treppe hinauf. Auf der Diele empfing ihn sein breitschultriges, ehrsam mageres Gemahl. Ihr Antlitz trug jenen Zug der unerbittlichen Strenge, wie er sich bei Damen herausbildet, die den Vorsitz in einem voll und ganz auf dem Boden der christlichen Kirche stehenden Frauenverein führen.

»Du wirst dich doch wohl nicht zu sehr erhitzt haben, Görges?« fragte sie. Ihre Sprechweise war langsam, von dem Klange einer etwas scharfen Flöte.

»O nein, liebe Cäcilie,« entgegnete der Direktor höflich. »Ich danke dir für deine treue Sorge. Es war nicht so warm. Vielleicht wird es diese Nacht sogar naß herniedergehen.«

»Du wirst besser die Stiefel hier draußen ausziehen. Sie sind bestäubt.«

»Gewiß, liebe Cäcilie.«

Und unter dem Beistand seiner lieben Frau tat der Direktor das ein wenig grau überzogene Fußzeug ab und trat in ein Paar Hausschuhe, worauf mit blauen, roten und grünen Perlen die Sinnbilder von Glaube, Liebe und Hoffnung gestickt waren. Dann wechselte er auch noch den schwarzen Rock gegen eine schon recht abgeschabte Jacke von unbestimmter Bräunlichkeit und begab sich in seine Arbeitsstube.

Dort labte ihn sein Ehegesponst mit einer Limonade, deren Aussehen und Geschmack in dem Genießer tatsächlich eine Ahnung aufkommen ließen, was die Himbeerfrucht doch für einen köstlichen Saft in sich bergen muß.

Der Direktor bedankte sich vielmals für die ihm erwiesene Vorsorglichkeit und setzte sich an seinen Arbeitstisch. Da lagen alle Sachen so genau in Reih' und Glied, daß es vor lauter Ordentlichkeit fade roch. Und der Herr Direktor hütete sich wohl davor, die Feder tiefer als bis zu einem Drittel ihrer Länge in die Tinte einzutunken.


*


Die Pferde vor dem schwarzen Wagen wußten, daß sie nun ihre Pflicht getan hatten, und daß es in den Stall ging. Sie trollten rascher durch die Straßen, und die Leute, die dem Gefährt vorhin nicht begegnet und sich also über das Erscheinen der Begräbniskalesche noch nicht klar geworden waren, stutzten bei dem Anblick. War denn heute einer zum Kirchhof hinausgebracht? Das hätten sie doch wissen müssen. Ach so, nein, richtig! Stümpemanns hatten bloß, wie sie das regelmäßig am Todestage ihres Vaters und ihrer Mutter taten, an das Grab gedacht.



3. Kapitel.
Von fröuden Hochgeziten.

Am Tage, da die Sonne ihren höchsten Stand erreichte, gab die Mackeprangsche Buchdruckerei den »Rahner Hausfreund«, der sonst immer erst um sechs erschien, schon eine Stunde früher heraus.

Denn die beiden Buchhalter und die neun Setzer und der Maschinenmeister mit seinem Gehilfen und der Mann, der das Papier schnitt, ja, die wollten doch auch etwas davon haben, wenn Hochzeit in der Familie war. Ihr junger Geschäftsherr Kale hatte ihnen Geld zu einem großen Faß Bier geschenkt, das wollten sie im ›Rauhen Loch‹ gemütlich auslutschen und dabei ein Huldigungstelegramm an das neu vermählte Paar absenden.

Es war eine schöne Trauung in der Großen Kirche gewesen.

Pastor Pugepind erinnerte daran, wie er die liebe Ellina, des ehrenwerten Hauses Mackeprang zweite Tochter, einst durch die heilige Taufe in den Bund der christlichen Gemeinschaft aufgenommen und sie später eingesegnet und vor sich am Tische des Herrn gesehen habe. Nun spendete er ihr also zum dritten Male als verordneter Diener der Kirche den Segen Gottes, damit sie an der Seite ihres geliebten Gatten hinausziehe in die ferne Fremde und die fremde Ferne. Als er so weit gekommen war, hatte Ellinas Mutter vor Wehmut laut aufgeschluchzt, und das war nun für den guten Pastor Pugepind der Anreiz gewesen, um noch immer herzerschütternder von dem Trennungsgeschick zu sprechen. Die ferne Fremde und die fremde Ferne kamen, von Bibelsprüchen verbrämt, immer wieder in seiner Rede vor; Mutter Mackeprang seufzte und weinte darüber, daß es zum Erbarmen war, und steckte damit auch die anderen Frauen an, und es fand also ein großes Schnupftuchgewedel statt. Ja, vor lauter Gerührtheit war es allmählich schon mehr eine Trauerversammlung geworden, zuletzt aber hatte Pastor Pugepind den geliebten Anwesenden noch die Versicherung gegeben, daß die Hand Gottes nicht nur über der Insel Rahne mächtig sei, sondern daß sie auch über dem Lande und der Stadt walte, wohin die jungen Eheleute nun ziehen müßten. Da hatten sich denn nach und nach alle gefaßt und getröstet.

In langem Wagenzuge war die Gesellschaft den fünf Minuten weiten Weg vom Gotteshause bis zu Freunds Hotel gefahren, und da saßen sie nun, ihrer sechzig Männlein und Fräulein, bei vielgestaltigem Mahl und tranken sechs, sieben verschiedene Sorten Weines dazu.

Alles, was geboten wurde, war reichlich, gut und teuer, wie es sich gehört, wenn eine Krukeluhner Honoratiorentochter Hochzeit macht.

Auf der Saalempore hatten ein paar Musikanten Platz und bliesen und strichen mit aller Gewalt gegen das Tellergeklapper und das laute Unterhaltungsgesumme da unten an.

Je weiter das Mahl vorrückte, desto öfter mußten sie den dreifachen Tusch hören lassen, denn die Lust zum Hochausbringen wächst bekanntlich mit der Zahl der geleerten Flaschen.

Nun waren die witzigen und mit vielerlei Anspielungen gespickten Tafellieder, die meist Kale Mackeprang verfaßt hatte, zu Ende gesungen, und die Gäste hatten sich die Hauben und Mützen aus den Knallbonbons aufgesetzt, da erhob man sich mit geröteten Gesichtern und dem angenehmen Spannungsgefühl über der Magengegend, um sich vorerst in die anderen Räume zu verteilen und sodann zum Tanze zurückzukehren.

Mutter Mackeprang, die gern ein Glas Samos mochte, kam gar nicht aus der Rührung heraus. Sie ging von einem Gast zum andern und machte viele Armbewegungen, obgleich ihr lila Seidenkleid recht stramm um ihre vollen Formen saß. Jetzt sprach sie im Tone tränenreicher Selbstbemitleidung Onkel Eenboom an:

»Ja, was sagst du nun dazu, Jakob? Nun gibt man wieder ein Kind aus dem Hause. Und so weit weg! Nun hab' ich denn bloß noch Gaddi bei mir.«

»Ja, Schwesting,« erwiderte Jakob Eenboom sehr gelassen, »du bist ja auch mal von Hause gegangen. Ich meine, das ist ein fröhlicher Abschied.«

»Ach, das denkst du wohl so,« sagte Frau Mackeprang, indem sie den Kopf mit der sehr kunstvollen Frisur tief herabhängen ließ. »Aber für mich als Mutter . . .«

Sie ging zu anderen Herren und Damen und bedauerte sich weiter. Jetzt war sie beim Herrn Senator Stümpemann, der bei ihrem Herannahen danach gestrebt hatte, hinter einer Gruppe von Gästen zu verschwinden.

»Mein lieber Osewald,« hub Frau Mackeprang an, »wie nett, daß ihr alle drei gekommen seid, und dir rechne ich das ganz besonders hoch an. Ach ja, wenn ich denke, nicht wahr? Damals, als wir hier so gemütlich deine Hochzeit feierten!«

»Ja, ja,« entgegnete der Senator, der offenbar lieber über andere Dinge geredet hätte. Er spähte umher, ob er nicht irgendwie entrinnen könne, aber es half ihm nichts, er mußte stille halten, und Frau Mackeprang fuhr fort:

»Wie niedlich sah unsere Thronde damals aus, nicht? Wer konnte das ahnen, daß das liebe Kind so bald von dir und uns allen gehen sollte?«

»Nein, nein,« sagte der Senator unbehaglich.

»Und nun liegt sie schon zwei Jahre in der kalten Erde.«

»Ja, ja, liebe Mutter. Schlimm.«

»Aber du hast ganz recht, mein Osewald, daß du heute doch gekommen bist. Das Leben ist so traurig, – wenn man nicht selber ein bißchen vergnügt ist, was hat man denn davon, nicht wahr?«

»Ganz sicher.«

Frau Mackeprang kam näher und streichelte ihm die Wange, was er mit saurer Miene duldete:

»Denk' du man nicht so viel an früher, mein Junge. Ach, wenn ich dich so ansehe, du bist wirklich mein Sohn geworden, fast ebenso gut wie Kale. Ja, ja, das Unglück schmilzt die Menschen zusammen. Ist es nicht so, mein Osing?«

»Unbedingt, liebe Mutter.«

Jetzt hatte der Senator das Glück, daß andere ihn bei seiner Schwiegermutter ablösten. Er enteilte.

Frau Mackeprang aber winkte bald danach einen jungen Mann mit feinem Gesicht zu sich heran:

»Nun, Herr Claudius? Das hätten Sie sich wohl nicht gedacht, daß Sie hier gleich solche große Hochzeit mitmachen sollten, wie?«

»Nein, allerdings nicht.«

»Haben Sie denn auch ordentlich was gegessen und getrunken?«

»Danke sehr. Ja. Durchaus genügend.«

»Lassen Sie sich man nichts abgehen. Ist Ihnen alles gerne gegönnt. Mein seliger Mann sagte schon immer: unser Redakteur, sagte er, der gehört mit zu unserer Familie. Und so denken wir alle. Mein Sohn Kale auch.«

»Zu gütig, gnädige Frau.«

»Ja, Herr Claudius, das darf ich wohl sagen: Gemüt haben wir hier auf Rahne. Da fehlt nichts an. Na, wir stehen uns ja gut – dann kann man auch gern mal was abgeben, nicht wahr?«

»Freilich.«

»Nun tanzen Sie man tüchtig, daß die Damen sich amüsieren. Sie können auch gern mal meine Jüngste auffordern. Die ist nicht stolz.«

Der junge Mann biß sich auf die Lippen, verbeugte sich und dankte für die außerordentlich huldreiche Erlaubnis. Er durfte gehen. Garderut kam. Der Redakteur und sie tauschten einen warmen Blick.

»Mutter,« sagte das junge Mädchen, »der Wagen ist da. Sie müssen fort. Der Zug von Neustadt geht schon um halb acht.«

Alsobald begann Frau Mackeprang wieder ein großes Geseufze und wandelte aus dem ersten Stock, wo die Feier stattfand, in den Hausflur zur ebenen Erde hinunter.

Dort standen schon die Neuvermählten, die sich unauffällig aus der Gesellschaft entfernt hatten, im Reiseanzug. Die junge Frau sah blaß und abgespannt aus; ihr Gatte trug die Miene von jener liebenswürdigen Undurchdringlichkeit und undurchdringlichen Liebenswürdigkeit, wie sie denjenigen zu eigen ist, die noch einmal Geheimer Postrat werden wollen. Er ließ Frau Mackeprangs Abschiedsschwall in tadelloser Haltung über sich ergehen und zuckte selbst bei ihren Umarmungen nicht mit der Wimper. Ellina weinte.

Kale drängte mit der Uhr in der Hand:

»Nun mach' es man ein bißchen kurz, Mutter, und hab' dich nicht so schrecklich. Mein Gott, Dresden ist doch nicht aus der Welt.«

Er nahm Ellina, die sich schluchzend an ihre Schwester Garderut angeklammert hatte, und schob sie einigermaßen unsanft in den Wagen. Der junge Ehemann warf ihm einen dankbaren Blick zu und sprang schnell nach. Kale klappte die Tür zu und befahl dem Kutscher:

»Nu man jüh, Krischan!«

Als das Unabwendbare geschehen und die Trennung überwunden war, stärkte sich Mutter Mackeprang erst an einem Glase seimigen Weines, dann schwang ihre Stimmung ins Heitere um, und sie wurde der Lustigsten eine.

Wenn Pasche Stümpemann, der Bierbrauer, einen kleinen Witz machte, – und seine Witze waren von der Art, daß man sie nicht gut in der Sonntagsbeilage vom ›Rahner Hausfreund‹ abdrucken konnte, – so lachte die Hochzeitsmutter, daß ihre ganze Wohlbehäbigkeit durcheinander gerüttelt wurde, und keiner war im Saal, den sie nicht ermuntert hätte, sich nun auch recht der Lust des Tages hinzugeben.

Diesem Rufe folgten die Krukeluhner mit Freuden und waren einmütig beflissen, Ellinas hohes Fest so zu begehen, daß es alle die Jahre, die dann noch kamen, als ein schöner Stern am Himmel der Erinnerung haften blieb.

Der Redakteur aber machte von der Gnade, mit der Jüngsten des Hauses Mackeprang tanzen zu dürfen, des öfteren Gebrauch.

Und wirklich: die Mutter hatte recht, – klein Garderut war gar nicht stolz.



4. Kapitel.
Es treibt in die Ferne mich mächtig hinaus.

Ellina schilderte in ihren Briefen das Schöne, das ihr die Großstadt bot. Garderut schwoll das Herz. Wenn sie das auch einmal genießen dürfte!

Unter den Zeitungen, woraus der ›Rahner Hausfreund‹, meist zusammengestellt wurde, befand sich auch eine aus Dresden. Garderut bat den Redakteur häufig um das Blatt. Sie nahm es mit in ihr Jungfernstübchen hinauf und las lange darin. Was versprachen diese Anzeigen alles! Theater . . . Konzerte . . . Vorträge . . . Ausstellungen, – wie mußte es herrlich sein, wenn man da ganz einfach hingehen konnte. Die glückliche Ellina! Die beneidenswerte!

Garderut hatte ihr Leben lang kaum etwas anderes gesehen als immer nur dieselben Krukeluhner Straßen und immer und ewig dieselben Krukeluhner Menschen.

Als ihr Vater starb, war sie erst dreizehn Jahre alt. Dieser Todesfall bedeutete einen harten Schlag für sie, denn ihr guter Vater hatte immer gesagt, jeder müsse in der Jugend hinaus, um Neues zu erfahren und um es zu lernen, wie man auf eigenen Füßen stehen kann.

Er hätte sicherlich dafür gesorgt, daß sie fortkam, aber nach seinem Heimgange war davon nicht mehr die Rede.

Die Mutter, die selbst nie von der Insel weg gewesen war, hielt jedes junge Mädchen, das in die Welt ging, für verloren. Nach ihrer Meinung schickte es sich überhaupt nicht, daß sich eine aus Krukeluhn hinauswünschte. Das war bloß Abenteuerlust.

So wuchs Garderut weiter auf dem heimischen Boden auf, ohne Abwechslungen, denn die kleinen Ausflüge aufs Festland, die sie mit ihrer Familie machte, gaben ihr nichts für ihre hungrigen Sinne.

Sie mußte der Mutter, die selbst von früh bis spät kochte und wirtschaftete, im Hause helfen und lernte nichts als ein bißchen Musik, für die sie keine innerliche Neigung hatte.

Wo sollte sie sich bilden? Ihre Mutter erklärte, alles Lernen bei Frauen für Unfug. Selbst mit dem Lesen war es schlimm bestellt. Die dürftige Leihbibliothek und die magere Volksbücherei auf dem Rathause waren schnell durchstudiert, und ihr Vater hatte freilich eine gute und erlesene Büchersammlung hinterlassen, aber an einen Byron, Goethe, Kleist, Hebbel kam das junge Mädchen nicht recht heran.

Wenn sie einen Menschen gehabt hätte, der sie in diesen Wundergarten hineinführte! Sie hatte solchen Menschen nicht, und daher blieb sie hilflos und zaghaft am Eingang stehen.

Die Jahre kamen, die Jahre gingen und glichen einander fürchterlich.

Sie hatte Freundinnen, – ja, was man denn so Freundinnen nennt.

Wie leicht bricht nicht unter den Mädchen einer kleinen Stadt, die sich gegenseitig von Kindesbeinen an kennen und immer auf den engen Kreis dieser ihnen ebenbürtigen Genossinnen angewiesen sind, Zank und Streit aus!

Die Gemüter sind durch das fortwährende Nahezusammensein gereizt, alles wird übel genommen, jeder noch so geringe Glücksfall, der die eine erhebt, stachelt den Neid und die Scheelsucht der anderen auf. Sie wachen eifersüchtig darüber, daß keine von ihnen sich irgendwie auszeichnet, und mitleidslos wird geklatscht, wenn sich eine erlaubt hat, einen bescheidenen Sprung in die Freiheit zu tun. Sie sind gebunden, fühlen das dumpf und wollen nun auch, statt einander zu erlösen, durchaus nicht, daß sich eine von ihnen der Fesseln entledigt.

Bis zum Hasse kann es sie treiben, daß sie so aufeinander angewiesen sind.

Dann freilich sehen sie ein, wie sehr sie sich selber durch den Bruch mit einer Freundin vereinzelnen und schädigen, und so werden denn die Bündnisse bei Schokolade und Kuchen erneuert, aber das gegenseitige Belauern, das innerlichst hämische Bekritteln hört nicht auf.

Sie sind einander zu ähnlich, leben in zu gleichen Bedingungen, wissen zu viel von einander, als daß noch Liebe zwischen ihnen herrschen könnte.

Garderut Mackeprang hatte es nicht leicht, denn da sie sich unwillkürlich immer etwas zurückhielt und ihr eigenes Urteil besaß, sich im übrigen aber recht aufrichtig gab, war sie dem schonungslosen Geschwätze der anderen besonders ausgesetzt.

Böse Nachrede um nichts und wieder nichts hatte ihr schon oft weh getan.

Sie fühlte deutlich, daß etwas Besseres, Vornehmeres in ihr lebte als in mancher andern Honoratiorentochter, mit der sie im Sonnabendskränzchen zusammen saß, um sich weichliche Romane vorlesen zu lassen und notgedrungen zuzuhören, wenn die ganze Stadt durchgehechelt wurde.

Ihr war dann zu Mute, als könne sie sich keine lichte Stelle im Herzen bewahren, weil sie schon zu sehr in den Klatsch und die Kleinlichkeit hineingedrängt war.

Und dann überkam sie eine fliegende Angst: wenn sie nun zuletzt auch so gewöhnlich wurde wie die andern, wenn sie auch an all den Erbärmlichkeiten einmal ihre Lust und Freude finden könnte! Wer wußte, wie lange sie sich noch dagegen zu wehren vermochte? Und sie kam sich feige vor, maßlos feige. Sie fürchtete die scharfen Zungen und hatte trotz ihrer Offenherzigkeit Stunden, wo sie nicht mehr voll den Mut zur Wahrheit besaß.

Ja, Garderut konnte einen großen Zorn gegen ihre Vaterstadt fassen, sie konnte verzweifeln. Wo lernte sie das Geheimnis, in den krummen Gassen doch die Sterne zu sehen?

Dann allerdings und gar nicht so selten kamen auch wieder Zeiten, wo sie zufrieden war. Ihr Gesundheitsempfinden war ihr Glück an sich, und wenn sie der Stadt einmal den Rücken zukehrte und über die fruchtbare Insel hinschritt, da glaubte sie doch, daß ihre Seele noch jauchzen würde in unendlicher, überschäumender Daseinswonne!

Schrecklich war es für sie, als Thronde, ihre älteste Schwester, Senator Stümpemanns Frau, ins Grab sank. Damit hatte sie ihre einzige wirkliche Vertraute, ihre einzige echte Freundin verloren, der sie äußerlich überraschend glich.

Aber selbst diesen Verlust überwand ihre Jugend: sie war eben ein liebes, sonniges Geschöpf, dessen richtiger Naturtrieb nicht lange im Trüben verharrte.

Doch gerade weil sie eine herrliche Begabung in sich ahnte, daß sie alles Glück der weiten Welt einsaugen und sich dankbar zu eigen machen könne, gerade darum war ihre Sehnsucht brennend, mehr vom Leben zu wissen, als einem in Krukeluhn begegnete, als man sich hier überhaupt verschaffen konnte.

O ja, Ellina und die andern alle da draußen, die hatten es gut!

Die Dresdner Zeitung war gewissermaßen eine papierene Brücke, worüber Garderuts Gedanken zu dem Redakteur hinschweiften. Der war ja auch in der großen Stadt gewesen.

Sie suchte nun, dann und wann mit Claudius ins Gespräch zu kommen, und es gab einen Platz im Hause, wo es sich köstlich plaudern ließ. Denn von Frau Mackeprangs Wohnung führte ein schmaler Gang zum Hintergebäude, worin über der Setzerei das Zimmer des Redakteurs gelegen war. In der Mitte seiner Länge besaß der Gang eine nischenartige Ausbuchtung. Eine halbrunde Bank und allerhand Blattpflanzen standen da, und von einem Fenster aus blickte man auf den Hof und in den Garten des Buchdruckereigeweses hinein.

In dieser Nische war man weltentrückt.

Und merkwürdigerweise ereignete es sich nun häufiger, daß sich der Redakteur und Garderut in dem Gange trafen. Er war auf dem Wege zur Expedition, um etwas bei Kale zu erfahren, und sie, nun, sie wollte grade die Zeitung wieder abliefern.

Dann verweilten sie wohl einige Minuten in der Nische mit einander, setzten sich freilich nicht, senkten aber, obgleich kein Mensch in der Nähe war, die Stimmen. Garderut sprach von ihrem Drange in die Ferne. Seltsam, wie offen sie vor diesem jungen Mann sein konnte, der ihr doch ganz fremd war.

Sie hatte das Bewußtsein: Herr Claudius verstand sie.

»Warum sind Sie nur zu uns in diese Stille gekommen?« fragte sie.

»Ja, Fräulein Mackeprang,« entgegnete er, »wenn unsereinem gekündigt wird, muß er sehen, daß er schnell wieder irgendwo unterkommt. Große Wahl hat man da nicht. Mein voriger Verleger setzte mir den Stuhl vor die Tür, – ich schrieb ihm nicht interessant genug. Und meinem Vater wollte ich nicht auf der Tasche liegen. Der hat schon viel Kummer mit mir abgebrochenem Juristen gehabt. Da meldete ich mich hier. Und Krukeluhn zieht mich auch an. Ich genieße die Stimmung dieser Stadt. Ich liebe diese Menschen, diese Häuser, ganz stark.«

»Ja, weil Sie nicht hier geboren sind, weil alles neu für Sie ist.«

»Das mag sein. Jedenfalls betrachte ich es als ein Glück, hierher in die Kleinstadt gekommen zu sein. Ich beobachte so manches und glaube, das alles wird sich noch einmal dichterisch in mir gestalten. Also, Fräulein Mackeprang, ich bin gern hier.«

»Und ich würde, ich weiß nicht was, dafür geben, wenn ich dies Nest wenigstens ein paar Wochen nicht sähe!«


*


Heftige Wünsche haben die Macht, ihre Erfüllung herbeizuführen.

Ellina lud ihre Schwester im Winter für längere Zeit nach Dresden ein. Auf Kales zähe Fürsprache erhielt Garderut von ihrer Mutter nach langem Hin- und Hergerede die Erlaubnis zu diesem Besuch. Das junge Mädchen weinte erst in der Einsamkeit leidenschaftliche Freudentränen, dann lief sie schnell zu Herrn Claudius, der ihr nach und nach so etwas wie ein Freund geworden war, und rief:

»Denken Sie! Ich darf zu Schwester Ellina! Ich soll das alles sehen und hören, wovon ich bis jetzt nur gelesen habe!«

»Wer wird Ihnen das nicht gönnen und sich nicht mit Ihnen freuen, Fräulein Mackeprang?« sagte der Redakteur und schüttelte ihr herzlich beide Hände.

Ihre Blicke strahlten in die seinen, und sein Auge gab ihr hellen Schein zurück.



5. Kapitel.
Einst und Jetzt.

Während Garderut Mackeprang sich draußen in der großen Welt von Neuem zu Neuem hindurchschwelgte, ging das Leben in ihrer Vaterstadt seinen ebenen sachten Gang weiter.

Krukeluhn sah aus wie ein Mensch, der in seinem Rocke vor Alter eingehutzelt ist. Das Zeug schlottert um seine Glieder, und man weiß nicht recht: ist es wirklich mal für ihn zugeschnitten und genäht worden, oder hat er es von jemand anders geerbt und trägt es nun auf, einerlei wie schlecht es ihm sitzen mag?

Ja, eingehutzelt. Das ist der richtige Ausdruck.

In grauen Zeiten war die Stadt von viel mehr Volks belebt gewesen als jetzt. Lag sie doch an einem nach Süden zu geöffneten Hafen und trieb eine eifrige Schiffahrt, nicht nur die ganze Ostseeküste entlang, sondern auch nach Dänemark und Schweden, sogar bis nach Holland hin.

Die Insel war so fruchtbar, daß die Roggen- und Weizenkörner gleichsam über ihre Ufer hinausquollen und schnell auf Lastkoggen verfrachtet und in die Ferne gebracht werden mußten, damit sie nur daheim nicht verdarben. Auch braute man in Krukeluhn ein Bier, das weit berühmt war im ganzen Norden.

Eigene Fürsten hatte das Eiland Rahne nach den Chroniken besessen; sie waren mutig gegen die Herzöge des Festlandes in den Krieg gezogen und hatten glänzend Hof gehalten.

Aber leider! Die andern Städte waren Krukeluhn vorausgekommen. Kiel, Lübeck, Wismar und Rostock wurden mächtiger und immer mächtiger, und der früher segelreiche Hafen der Inselstadt verödete immer mehr.

Er wurde nach und nach überflüssig, sein Bollwerk zerfiel, man gab sich nicht länger die Mühe, die Fahrrinne tief zu erhalten, – die Ufer wuchsen ins Wasser hinein, enger und enger ward die blanke Straße . . . bald konnten nur noch kleine Kähne aus der Ostsee nach Krukeluhn einlaufen, – dann verschlammte und versumpfte alles, und jetzt war von der gesamten ehemaligen Hafenherrlichkeit nur ein Graben übrig, der etwa drei Meter Breite hatte und in dessen Schilf Molche und Frösche ein ungestörtes Dasein führten.

Aus der einstigen Seestadt war eine Landstadt geworden, die nach Osten zu durch die lange Sundbrücke mit der Außenwelt verbunden wurde, im übrigen aber keine rechte Gegenwart hatte, wenig von der Zukunft hoffte und meist nur vom Vergangenen träumte.

Von der aus Fachwerk errichteten Stadtmauer ragten noch ziemlich große Strecken auf, die durch schräg angestemmte Balken gestützt werden mußten; auch ein paar Türme und Tore gab es noch.

Selten wurde ein neues Haus gebaut, denn wer zog nach Krukeluhn, ohne es nötig zu haben?

Die Staatsbeamten, die hierher versetzt wurden, kamen an die alteingesessene, alles Fremde ablehnende Bevölkerung nicht heran, verkehrten nur unter einander und langweilten sich sträflich.

Die Zahl der Bewohner hielt sich seit geraumer Zeit auf der Höhe mitten zwischen achttausend und neuntausend, und solcher Stillstand ist ja für ein Gemeinwesen schon ein Rückschritt zu nennen.

Die jungen Menschen, die doch auf irgend eine Art von dem Hauche der neuen Zeit angeweht worden waren und den Trieb hatten, es zu etwas zu bringen, wanderten gern aus und gründeten sich anderswo ihren Herd, und namentlich in den letzten Jahren, nachdem Deutschland die Franzosen niedergerungen hatte, kam es sehr oft vor, daß die Söhne zum Schmerze ihrer Väter nicht in der Heimat blieben.

So wurde Krukeluhn allmählich die Stadt der alten Leute. Man sah viele Siebzigjährige auf den Straßen, und auch die Jüngeren, die denn ihrer Vaterstadt die Treue wahrten, nahmen früh ein sehr gesetztes und bedächtiges Wesen an.

Armut sah man nicht. Im Gegenteil! Viele Vermögen waren in der Vorzeit sicher begründet worden und erhielten sich bei der für gewöhnlich sparsamen Lebensweise, wie sie in Krukeluhn Sitte war.

Die Stände schieden sich beinahe schroff von einander. Die Handwerker bildeten ihre Kaste für sich und hatten etwas unbewußt Feindseliges gegen die Patrizier. Das stammte noch aus der Zeit, da die Geschlechter ihre Rechte schwer wider die Oberen verteidigen oder überhaupt erst erwerben mußten. Arbeiter erblickte man wenig, da die Zahl der über Rahne emporragenden Hochschornsteine nur gering war. Zwischen den Handwerkern und den Patriziern stand dann noch die Mittelkaste. Zu ihr gehörten die kleinen Kaufleute und auch wohl die Lehrer, die indessen in jedem der anderen Stande geachtet und geehrt wurden.

Am Rande der Stadt saßen die Ackerbürger. Sie leiteten zu der bäuerlichen Bevölkerung vor den Toren über, einem tüchtigen, derben Stamme von ausgeprägtem Selbstbewußtsein.

Große Landbesitzungen waren fast gar nicht auf der Insel vorhanden. Der Adel fehlte ganz, und daher hatten die Bauern nie die knochenaussaugende Leibeigenschaft kennen gelernt. Sie waren immer freie Herren auf eigener freier Scholle gewesen, und ihre siebzehn Dörfer strotzten von Wohlstand. Mit der Stadt waren sie auf das engste verbunden. Die Schulzen mußten aufs Krukeluhner Rathaus kommen, um dort ihre Berichte zu erstatten und ihre Weisungen zu empfangen.

Die ganze Verfassung, worunter die Rahner dahin lebten, war ein festes, geschichtlich gewordenes Gefüge, das auch von der Landesregierung noch ziemlich unangetastet gelassen wurde. An der Spitze stand ein mit vieler Macht ausgerüsteter Bürgermeister; ihn umgaben vier Ratsherren, von denen zwei die Rechte gelernt hatten und die beiden andern ohne gelehrte Kenntnisse aus den Bewohnern erkoren waren. Ein Bürgerausschuß beriet mit dem Senat zusammen der Gemeinde Bestes. Noch hatte der Rat allerhand gerichtliche Befugnis. Ein Ehegericht war da, an das sich Leute wenden mochten, die es als Mann und Frau nicht gut länger mit einander aushielten. Das Gewette hatte mit Streitigkeiten in Zunft und Handwerkssachen zu tun, sah auch nach dem Rechten, wenn zwischen Dienstherrschaft und Dienstboten etwas nicht in Ordnung war, und dann tagte noch ein Niedergericht für allerhand bürgerlichen Rechtszwist. Das Hebungsgericht aber stand Ehrengeistlichkeit bei, damit die Güter und die Dörfer ihr den schuldigen Zehnten darbrachten.

Alles war alt auf Rahne, vieles schon überlebt, aber man konnte nicht leugnen, daß äußerlich wohl Ordnung herrschte.

So ruhig jedoch die Bürgerschaft im allgemeinen war; an Ehrgeiz und Eigensucht mangelte es ihr lange nicht.

Wie es das Bestreben der Patrizierfamilien war, eines ihrer Mitglieder auf dem Ratsherrn-, womöglich sogar auf dem Bürgermeistersessel zu sehen, so arbeitete der kleine Mann unablässig daran, in den Bürgerausschuß zu gelangen. Denn da gab es außer dem Ansehen, das man genoß, auch noch Ämter, womit verschwiegene Einnahmen zusammenhingen. Es hatten sich auf dem Gebiet allerhand wenig lobenswerte und auch nicht segensreiche ungeschriebene Gesetze herausgebildet.

Kaum wagte mal einer, dagegen anzugehen; wer es aber tat, der mußte darauf gefaßt sein, viel Feindschaft und verbissenen Haß von den Betroffenen zu ernten.



6. Kapitel.
»Denk' an Ohmsens Scheune, Senator!«

Fräulein Katinka war gerade eigenhändig dabei, das Messingschild mit dem Namen Dr. jur. Osewald Stümpemann an der Haustür blank zu putzen, da kam ein Mann mit hastigen Bewegungen über den Markt.

Er war untersetzt und dick und hatte einen spärlichen Knebelbart, der ihm wie angeklebt auf dem Kinn saß. Die Wangen hingen etwas, die Nase war knollig, seine Augen blinzelten rastlos herum, und die buschigen Brauen wuchsen ihm über der Nase zusammen.

»Kann ich wohl Herrn Senator sprechen?« fragte er Katinka.

»Ich will mal zusehen,« antwortete sie.

Sie meldete den Besucher:

»Herr Bäckermeister Tystrow möchte Herrn Senator gerne sprechen.«

Doktor Stümpemann machte kein erfreutes Gesicht, aber er sagte doch:

»Ja. Ich lasse bitten.«

Alsbald saß Tystrow, seinen weichen Hut aufgeregt zerknüllend, auf dem Stuhle zur Seite des Schreibtisches, an dessen mit grünem Tuch ausgelegter Platte der Senator seinen Platz hatte, und mit krähiger, heiserer Stimme fing er heftig an:

»Hör' mal, Senator! Da mußt du aber was tun! Sonst kriegst du den ganzen Bürgerausschuß gegen dich!«

Der Senator verzog sein Gesicht in ärgerliche Falten:

»Was denn nun schon wieder?«

»Ja, das geht mit Senator Konning einfach nicht so weiter. Der will hier neue Sitten anfangen. Was der sich einbildet! Ist gar nicht mal ein Krukeluhner. Das hat man davon, wenn man hier Fremde hereinläßt.«

»Ach so, du meinst die Provisor-Sache.«

»Natürlich, die mein' ich!« rief Tystrow. »Du mußt dafür sorgen, daß er da keinen Unfug treibt.«

»Ja,« sagte Doktor Stümpemann und wiegte den Kopf, indem er mit dem Lineal spielte, »ich kann meinem Kollegen aber nicht unrecht geben. Und der Bürgermeister ist auch auf seiner Seite. Was könnte ich dagegen tun?«

»Du sollst es durchsetzen, daß der Rat die Vorlage zurückzieht. Die beiden andern Senators kriegst du leicht für dich. Die sind auchmal Provisor gewesen. Aber ihr studierten Herren, die ihr gleich so obenan kommt, was wißt ihr davon, wie es sich hier gehört?«

»Na, gehört, bester Tystrow? Das Wort wollen wir nun man lieber nicht gebrauchen.« Auch der Senator wurde in seinem Ärger erregt und sprach jetzt lauter: »Es ist doch wirklich nicht zu rechtfertigen, daß die Provisoren sich von den Kaufleuten Geschenke geben lassen.«

»So? Nicht zu rechtfertigen? Mein lieber Senator, denn will ich dir mal was sagen: du verstehst nichts davon. Wir Provisors geben unsere Kraft für das städtische Wohl hin, oder tun wir das nicht?«

»Nun ja, aber schließlich, ihr braucht euch ja nicht in den Bürgerausschuß wählen zu lassen.«

»Das ist Ehrenpflicht, wenn die Bürgerschaft einen beruft.«

»Beruft? Na, Tystrow, wir wissen beide, wie das geht. Ihr lauft euch die Beine bei den Wählern ab, um nur aufs Rathaus zu kommen.«

Tystrow war nicht verlegen:

»Ja, man hat eben sein Pflichtgefühl, man weiß, daß man sich für die Bürgerschaft aufopfern muß, und wenn man dann was von städtischen Dingen versteht und sich klar darüber ist, was für Krukeluhn am besten geschehen soll, – wie kann man anders damit jung werden, als wenn man im Ausschuß sitzt? Da muß man wohl dafür sorgen, daß sie keine falschen Kandidaten aufstellen. Alles für der Stadt Wohl und Vorteil.«

»Hm, allerdings. Wenn man es von der Seite betrachten will. . .«

»Das muß man, Senator, sonst tut man uns bitter unrecht. Nun also, wie gesagt: all die Kraft und die Zeit, die wir fürs Kommunale hingeben, – wer bezahlt uns dafür, was?«

»Nee, mein Guter, Ehrenämter werden nicht bezahlt.«

»Aber eine kleine Entschädigung hat man doch verdient. Und da ist es nicht mehr als eine ganz gesunde Einrichtung, daß man mal ein Paar Flaschen Wein oder ein nettes Stück Fleisch oder Stoff zu einem Kleid für die Frau ins Haus geschickt kriegt. Das ist hier immer so gewesen, und es hat auch sonst noch seinen Grund. Ich bin nun doch Provisor für die Waisenanstalt und für das Krankenhaus, nicht wahr? Wie soll ich wissen, ob die Waren, die dahin geliefert werden, was taugen, wenn ich sie nicht selbst probiert habe?«

Der Senator lachte auf:

»Du verstehst das Ding zu drehen!«

»Anders kann es gar nicht gedreht werden, und wir verlangen, daß das so bleibt, wie es immer gewesen ist. Dazu mußt du uns verhelfen. Dieser Senator Konning! Der mit seinem Geschrei nach der Eisenbahn! Als ob aus Krukeluhn wieder was werden könnte, wenn der Hafen nicht wieder ausgebaut wird. Eisenbahnen brauchen wir hier nicht. Aber so ein Mann hat ja keine Ahnung von uns. Und nun will er uns verbieten, daß wir uns solche kleinen Aufmunterungen schenken lassen? Und da will er sogar ein Gesetz über machen? Hört sich ja alles bei auf!« Das kreischte Bäckermeister Tystrow heraus und schlug zornwütig auf die Tischkante. »Was hat man dann noch für Spaß davon, sich für die Stadt aufzureiben?«

Der Senator strich sich den Schnurrbart:

»Man könnte die Geschichte vielleicht in etwas milderer Form anfangen; nicht gleich als Verordnung.«

»Jawohl! Mildere Form! Kann gar nicht mild genug sein. Beratschlagen könnt ihr darüber so viel, wie ihr wollt. Das tut uns nicht weh. Aber da darf nichts davon in die Zeitung kommen, und eine Vorlage dürft ihr erst recht nicht machen. Redet euch darüber aus, wir sorgen dann schon dafür, daß alles beim Alten bleibt. Tu deine Pflicht!« Damit erhob sich Tystrow und streckte den Zeigefinger drohend gegen Doktor Stümpemann aus. »Denk' an Ohmsens Scheune, Senator!«


*


Der Bäckermeister war fort.

Der Senator ging tief verstimmt im Zimmer auf und ab und öffnete dann ein Fenster, um den Mehlgeruch, den der Besucher hinterlassen hatte, aus der Stube los zu werden.

Ohmsens Scheune!

Scheußlich, wie solche Geschichte aus der Jugend an einem kleben bleibt und einen in der Abhängigkeit von jemand anders halten kann.

Ohmsens Scheune, – die lag einsam da draußen auf halbem Wege zwischen der Stadt und Glannbeck, das heißt: da hatte sie mal gelegen. Denn, – ach! eine häßliche, quälende Erinnerung für den Senator.

Mit diesem Tystrow, dem Sohne einer armen Tischlerswitwe, hatte er früh eine Freundschaft, so eine richtige Jungensfreundschaft durch dick und dünn, geschlossen, und Tystrow, der in die Freischule ging, gewann großen Einfluß auf den weichen Patrizierknaben, der einstweilen noch die Realschule seiner Heimatstadt besuchte. Unter Tystrows Anführung machten die beiden möglichst viel dumme Streiche. Osewald gehorchte dem rücksichtslosen, immer zu bösen Dingen aufgelegten Genossen, und die ganze Sorge war nur, daß nichts herauskam.

Das glückte denn auch. Die alten Stümpemanns, die jedes Hochmuts bar waren, hatten nichts gegen Osewalds Verkehr mit seinem Freunde; sie betrachteten das Bündnis als harmlos und merkten nicht, in wie schlimme Dinge ihr Sohn durch den Herumtreiber eingeweiht wurde.

Immer mehr Macht wußte Rinke Tystrow über Osewald zu erringen. Dieser gab sein reichliches Taschengeld fast nur für Gegenstände aus, woran auch Tystrow Vergnügen fand.

Eines Tages, – die beiden waren schon über zwölf Jahre alt, – kam der Verführer auf den Gedanken, daß sie Feuerwerk machen wollten.

Holzkohle wurde gestoßen; Schwefel und chlorsaures Kali beschaffte Rinke aus der Apotheke, und damit gings auf das freie Feld hinter Ohmsens Scheune. Da hockte es sich fein unter dem niedrigen Strohdach. Kein Mensch konnte einen da entdecken.

Osewald hatte einen flachen Stein herbeigeschleppt und zerrieb die Kalikristalle mit einem runden Granit.

Plötzlich explodierte die weiße Masse; die Flamme schoß ins Strohdach, das seit Wochen keinen Regen geschluckt hatte, und in der nächsten Minute war die Feuersbrunst im Gange.

Osewald, der merkwürdigerweise unverletzt geblieben war, rannte wie besessen davon . . . landeinwärts.

Tystrow lief der Stadt zu. Leute kamen ihm entgegen, faßten den Verdacht, daß zwischen seiner Hast und der brennenden Scheune, von der nichts zu retten war, ein Zusammenhang sei, und nahmen ihn fest.

Natürlich leugnete er, mit der Sache irgend etwas zu tun zu haben.

Man durchsuchte ihn, fand die Düte mit dem Schwefel in seiner Tasche, erkundete, was er für Einkäufe in der Apotheke gemacht hatte, und prügelte ihn durch, damit er ein Geständnis ablege. Aber er trotzte der Folter und log frech: er wisse von nichts, er sei überhaupt gar nicht bei Ohmsens Scheune gewesen. Das Kali hätte er bald, nachdem er es kaufte, wieder verloren, und als man ihm das nicht glaubte, ersann er mit großer Gewandtheit immer andere Ausreden.

Auf dem Brandplatze war durch das Feuer jede Spur vernichtet. Der Verlust, den Ohmsen erlitt, war recht groß, denn die Scheune hatte voll von unversichertem Korn gesteckt.

Rinke Tystrow bekam noch ein paar mal Haue, dann ließ man ihn laufen, und nun war es sein ganzer Stolz: mit keinem Worte hatte er seinen Freund verraten. Die Stadtsoldaten und die Lehrer und alle, die sonst noch an ihm herumbohrten, um die Wahrheit zu erfahren, waren hinters Licht geführt worden, und an Osewald Stümpemann, den zum Glück bei seinem Ausreißen niemand sah und traf und dem in dieser Zeit das Herz mehr zitterte und bebte, als gesund war, – ja, an den hatte kein Mensch gedacht.

Tystrow brüstete sich vor Osewald sehr mit seinem angeblichen Edelmut. Osewald ahnte wohl so etwas, daß sein Genosse viel weniger, um ihn zu schonen, als aus einer unheiligen Freude am Lügen und auch in der Sucht, den Freund ganz in die Gewalt zu bekommen, Verschwiegenheit bewahrt hatte, aber auf die Beweggründe kam es nicht an: Tystrow hatte ihn doch gerettet, und dafür mußte Osewald dankbar sein.

Immer wieder schärfte Rinke es ihm ein:

»Wenn ich bloß ein Wort gesagt hätte, dann hätten sie dich gleich nach Neustadt ins Zuchthaus gebracht. Denn du hast es doch getan, du hast die Scheune doch angesteckt.«

Seit der Zeit konnte Osewald den Tischlerssohn nicht mehr abschütteln. Tystrow erpreßte von ihm, was er haben wollte. Immer war es seine Drohung:

»Wenn du das nicht tust, dann sag' ich es noch jetzt. Nimm dich in acht!«

Osewald war wie gelähmt, er konnte überhaupt selbst nichts mehr unternehmen, – immer mußte er erst Rinke um Erlaubnis fragen. Das ging so weit, daß Osewald aus lauter Furcht vor nachträglicher Entdeckung und aus lauter Angst vor seinem Bedränger zuletzt Brustkrämpfe bekam. Und furchtbar bedrückte ihn auch die Heimlichkeit, aber er hatte nicht den Mut, sein Gewissen zu entlasten, nicht einmal vor seiner Mutter; gerade weil sie so gut war, konnte er sich nicht das Herz fassen, sie durch ein Geständnis zu betrüben, und sein Vater? O weh! Der führte in der Hinsicht eine stramme Zucht.

Nur langsam erholte sich der Knabe, und dann kam er mit seinem jüngeren Bruder Görges ins Inland, weil er in Krukeluhn keine Vorbereitung zum Studieren genießen konnte.

Da war er denn diesen Tystrow los!

Ganz freilich doch nicht, denn der schlängelte sich, sobald Osewald in den Ferien daheim war, schlau brutal an ihn heran und übte den alten Zwang auf ihn aus, indem er ihn immer wieder daran erinnerte, was er seiner Hochherzigkeit zu verdanken habe, und indem er dem jungen Herrn auch sonst das Gedächtnis schärfte: sie hatten beide mancherlei gemeinsam ausgeübt, worüber Osewald jetzt rot werden mußte. Wenn das verraten würde!

Der Geier ließ die Fänge nicht von seinem Opfer.

Auch als Osewald Student war und das Band der Kieler Holsaten trug, sorgte Tystrow, der inzwischen die Bäckerei erlernt hatte, geflissentlich dafür, daß aus dem Du ihrer Anrede nicht etwa das von Osewald innigst ersehnte Sie wurde.

Aus aufrichtiger Dankbarkeit und weil er sich einmal mit seinem Jugendfreunde verstrickt fühlte, fand der junge Stümpemann nicht die Kraft, mit Tystrow zu brechen.

So blieb es bei dem alten Verhältnis zwischen ihnen, und Tystrow benutzte diese seine Beziehungen zu dem Sprößling der Patrizierfamilie, wie und wo er nur konnte.

Da er einer von denen war, die viel in den Wirtschaften herumreden und alles besser wissen als die Stadtverwaltung und die übrigen Mitbürger, so glückte es ihm, der die Tochter seines Prinzipals und damit die gut gehende Bäckerei am Bergerende heiratete, in frühen Jahren Mitglied des Bürgerausschusses zu werden, und als die Stadt dann einen zweiten rechtsgelehrten Krukeluhner Senator berufen sollte, da wirkte Tystrow sehr darauf hin, daß unter den drei Kandidaten, die die Bürgerschaft dem Rat vorschlagen mußte, auch Dr. jur. Stümpemann war.

Der hatte eben erst seine Prüfungen bestanden, erhielt aber trotzdem gegen seine reiferen Mitbewerber das Amt, und Tystrow verfehlte nicht, es dem jungen Erkorenen eindringlich vorzuhalten:

»Wenn ich nicht so für dich gesprochen hätte, dann hättest du lange warten können, bis sie dich wählten. Da war eine große Gegenströmung zu überwinden, das glaube mir. Aber du weißt ja, ich tu' immer alles für dich, was in meinen Kräften steht. Na, ich denke, du verläßt mich denn auch nicht, wenn ich mal was nötig habe, Senator.«

So beugte dieser unheimliche, sich aber meist sehr gemütlich, biedermännisch und treuherzig gebahrende Mensch auch jetzt wieder den Jugendfreund unter seine Faust.

Osewald litt schwer an dieser Unfreiheit, allein es gab keine Aussicht, daß er sie hier je sprengen würde. Dazu mußte er erst anderswo ein Amt finden, und es war nicht so einfach, sich von Krukeluhn loszureißen, denn im allgemeinen gefiel dem Senator der Posten in seiner Vaterstadt wohl, und es entsprach auch der Überlieferung, daß ein Angehöriger des Stümpemannschen Stamms im Krukeluhner Senate saß.

Er war nicht mit Arbeit überlastet und konnte seinen Sammlerliebhabereien in aller Behaglichkeit nachgehen.

Sich um höheren Gehaltes willen dort draußen zu bewerben, hatte er als Erbe des alten reichen Bierbrauers Stümpemann Gott sei Dank nicht nötig. Man konnte es als Krukeluhner Ratsherr schon aushalten, wenn bloß diese Duzbrüderschaft mit dem Bäckermeister nicht gewesen wäre!

Aber das half nun nichts, und schließlich war es das beste, solchem Menschen einigermaßen gefällig zu sein, dann hatte man noch am ehesten Ruhe vor ihm.

Jetzt diese Provisorgeschichte, – hm. Etwas sachter, als Kollege Konning beabsichtigte, ließ sich die Angelegenheit nun vielleicht handhaben.

Und die Abschiedsworte Tystrows: »Denk' an Ohmsens Scheune, Senator!« lagen Osewald noch im Ohr, da machte er sich auf, um seinen gestrengen Amtsgenossen zu besuchen und womöglich zu besänftigen.



7. Kapitel.
Integer vitae.

Senator Konning hatte eine bescheidene Wohnung in einer Nebengasse inne. Seine Frau, die einen leidenden Eindruck machte, hielt sich kein Dienstmädchen, sondern besorgte alles mit eigenen, noch so müden und schwachen Händen.

Der Senator war bedeutend älter als Osewald, ein kleiner, magerer Mann, blaß, kahlköpfig, mit scharfspitziger Nase und mit einem zusammengekniffenen, aber sehr feinen Munde. Er schaute durch eine große Brille ungemein ernst in die Welt. Einen Bart trug er nicht; desto deutlicher traten die tiefen Furchen zu beiden Seiten seines Kinns hervor.

Kaum hatte Osewald davon angefangen, zu welchem Zwecke er gekommen sei, da richtete Senator Konning seinen klaren Blick auf ihn und sagte in seiner, jedes Wort genau überlegenden Weise:

»Herr Kollege, es gibt keine Frage. Solange, wie ich hier bin, habe ich gegen die Mißwirtschaft im Provisortum angekämpft. Diese Leute bereichern sich in einer unerträglichen Art. Die Bürgerschaft, so weit sie etwas an der Stadt verdienen will, ist ihnen geradezu tributpflichtig. Immer wieder habe ich mich angestrengt, damit da endlich eingegriffen wurde. Jetzt habe ich glücklich den Bürgermeister davon überzeugt, daß es so nicht länger geht, und ich darf also wohl als das ganz Selbstverständliche annehmen, daß Sie mich gegen unsere beiden Kollegen unterstützen, die dem alten Schlendrian, um mich milde auszudrücken, noch nicht recht an den Kragen wollen.«

»Natürlich, ja,« entgegnete Osewald, »daß ich Ihnen beistehe, lieber Herr Konning, brauche ich nicht erst zu versichern. Ich möchte nur die Sache nicht in die Öffentlichkeit gezerrt wissen.«

»Was schlecht ist, soll man an die Sonne stellen, da kann es nicht länger bestehen,« sprach Senator Konning fast feierlich. »Haben wir hier Unrichtiges in der Verwaltung, so müssen wir offen auf diesen Schaden hinweisen. Mir wäre es sogar recht und lieb, wenn die Zeitung sich mit dem Fall beschäftigte. Ich greife ohne jede Rücksicht durch, einerlei, ob ich mir so und so viele Feinde mache. Wir sind dazu da, mit allen Kräften in diesem Gemeinwesen zu bessern, was besserungsbedürftig ist. Tun wir es nicht, dann handeln wir gewissenslos.«

»Ich glaube allerdings, daß schon durch eine Ermahnung der in Betracht kommenden Personen etwas zu erreichen wäre.«

»So? Das glauben Sie? Da kennen Sie Ihre Landsleute nicht so gut wie ich, der ich doch kein Eingeborner bin. Ermahnungen, Warnungen sind für die Katze. Nur das strikteste Verbot kann Hilfe bringen, und ich lasse nicht ab, bis ich diesen Stall ausgefegt habe.«

Osewald brachte noch etliches vor, um zu vermitteln, aber das nützte nichts. Senator Konning blieb unbeugsam. Also kehrte Doktor Stümpemann unverrichteter Sache heim. Er vermochte seinem Jugendfreunde nicht zu helfen. Mit den schönen Provisor-Nebeneinnahmen war es jedenfalls bald aus.

Senator Konnings Wille geschah. In breitester Öffentlichkeit wurde den Krukeluhnern dargelegt, was bis jetzt – gewiß schon seit Jahrhunderten – für eine Unsitte unter ihnen bestand.

Die Krukeluhner horchten erstaunt auf; ihre Verwunderung galt aber weniger der Tatsache, daß die Provisoren einen angenehmen Nutzen aus ihren Obliegenheiten zogen, als dem Umstande, daß einer daran Anstoß nahm. War die Sitte denn so schlimm? Aber Senator Konning bewies ihnen das Verabscheuenswürdige des Brauches, und er blieb Sieger über Bäckermeister Tystrow und dessen eng um ihren Führer gescharte Genossen.

Tystrow versuchte es zunächst damit, daß er überhaupt leugnete, er und seinesgleichen hätten jemals etwas von den Lieferanten empfangen, – höchstens ihren Frauen seien Kleinigkeiten . . . nicht der Rede wert! . . . Pfennigkram! . . . zuteil geworden.

Aber Senator Konning hatte Beweise dafür in der Hand, daß Tystrow wieder einmal die Unwahrheit sprach.

Da ließ der Bäckermeister den Biedermannston fahren, bleckte die Zähne und schimpfte, was er konnte, auf neuerungssüchtige Leute, die bloß danach trachteten, Unfrieden in die Stadt hineinzubringen.

Eisern fest ließ der anscheinend so schwächliche Senator diesen Schwall über sich ergehen.

Bürgermeister Fabricius unterstützte ihn kräftig, Osewald tat sein Mögliches, um die Härten auf beiden Seiten abzuschleifen, die beiden andern Senatoren aus den Kaufmannsstande saßen ziemlich stumm dabei.

Senator Konning setzte seinen Willen durch: ausdrücklich wurde es den Provisoren durch eine Verordnung untersagt, für sich oder für ihre Familie nur die geringsten Gaben hinten herum anzunehmen. Wer von ihnen es nicht gleich meldete, wenn ihm derlei geboten wurde, der machte sich schon strafbar, wer aber das Verbot übertrat, der sollte ohne Ansehen der Person wegen Bestechlichkeit den ordentlichen Gerichten ausgeliefert werden. Und nicht anders ging es jedem aus der Bürgerschaft, der sich unterfing, den Provisoren etwas zuzustecken.

Mit diesem Beschluß war ein Stück schlaffer Duldsamkeit aus Krukeluhn hinausgestöbert, und Senator Konning war zufrieden.

Bäcker Tystrow aber schäumte im ›Rauhen Loch‹ wieder den Stallreiniger:

»Der? Hat 'ne Tochter, die ein Kind gekriegt hat, aber keinen Mann dazu hatte. Weiß der Deubel, wo sie sich jetzt herumtreibt. Hat 'n Sohn, dem sie die Offiziersuniform ein bißchen sehr mit Gewalt ausgezogen haben, weil er vor lauter Schulden nicht mehr jappen konnte. Nicht mal zwei Kinder hat der Spillefips erziehen können, und denn will er sich hier als Sittenpriester über die ganze Stadt aufspielen? Nimm dich bloß in acht, mein Junge! Das streichen wir dir nochmal an, daß du in allen Farben schillerst!«

Ja, untadelig stand Senator Konning da, und es gab ja auch Männer, die ihn lobten und noch höher achteten als sonst, – im ganzen aber hatte er sich durch sein Vorgehen in der Bürgerschaft unbeliebt gemacht.

Denn an nichts hängt eine Gemeinschaft von Menschen inniger und zäher als an ihren alten Bräuchen, auch wenn sie zu denen gehören, »wovon der Bruch mehr ehrt als die Befolgung.«



8. Kapitel.
Es hatten drei Gesellen ein fein Kollegium.

Herr Seminardirektor Lizenziat Stümpemann kam zu seinem Bruder, dem Senator, und sprach:

»Wie ich dir schon sagen ließ, habe ich, nicht ganz ohne Anregung meiner lieben Cäcilie, auch unsern Bruder Pasche zu dieser Stunde hierher gebeten, weil ich dir etwas für unsere ganze Familie und dich insbesondere Wichtiges unterbreiten möchte.«

»Was soll's denn sein?« fragte Osewald.

»Um Wiederholungen zu vermeiden,« entgegnete der Direktor, »schlage ich vor, daß wir mit der Erörterung der Angelegenheit bis nach Pasches Ankunft warten. Es hat schon fünf geschlagen; er wird sicherlich gleich kommen.«

So geschah es. Der Herr über Malz und Hopfen erschien und ließ seine Fülligkeit prustend im Ledersessel nieder.

Alsbald brachte Fräulein Katinka zu seiner Labung einige Flaschen des Stümpemannschen Starkbiers, das nach einem Rezept aus dem Jahre 1273 gebraut wurde und jedermann wunderbare Kraft verlieh. Pasche hielt erst die einzelnen Flaschen prüfend gegen das Licht. Das war zwar eigentlich ein Unsinn, denn die Stümpemannsche Brauerei hatte in der langen, langen Zeit ihres Bestehens noch keinen einzigen trüben Trunk geliefert.

Pasche schenkte sich ein und nahm einen gehörigen Schluck. Dann versorgte er sich mit einer Zigarre, und als er für sein leibliches Wohl alles Wesentliche getan hatte, setzte er sich gemütlich zurecht und meinte:

»So! Nun kann die feierliche Versammlung losgehen. Was sollen wir also hier?«

Der Seminardirektor räusperte sich und hub an:

»Lieber Osewald, es ist meiner lieben Cäcilie in der letzten Zeit mehrmals aufgefallen –«

»Du! Behalt', was du sagen willst,« fiel ihm Pasche ins Wort. »Ehe ich es vergeß': ihr wißt doch, nächsten Sonnabend ist Mutters Todestag. Da müssen wir an unser Grab denken.«

Die beiden andern nickten.

Dann fing der Seminardirektor wieder an:

»Ja, also: aufgefallen, daß dein Sohn, lieber Osewald, mit andern Kindern in recht lauter Weise auf dem Markte spielte.«

»Das find' ich ganz vernünftig von dem Bengel,« meinte Osewald. »Soll sich man ordentlich austoben.«

»Gewiß,« sagte der Direktor. »Nur, das wirst du nicht leugnen: die kindliche sogenannte Vernunft bedarf doch sehr der Korrektur durch die bessere Einsicht Erwachsener.«

»Na, Katinka paßt sonst gut auf ihn auf.«

»Gewiß,« gab der Seminardirektor wieder verbindlich zu, »nur wirst du anerkennen, daß auch die beste Haushälterin nicht eine weibliche Kraft ersetzen kann, die völlig mit dem Hause verschmolzen ist.«

»Aha!« meinte Pasche Stümpemann und pfiff die ersten fünf Töne des schönen Liedes: Gestern Abend war Vetter Michel da. »Da hinaus! Nachtigall, ich hör' dir laufen, – aus das Bächlein willst du saufen!«

»Allerdings, liebe Brüder,« setzte der Direktor seine Rede fort, »meine liebe Cäcilie hat mich darauf hingewiesen, und ich stimme vollkommen mit ihr darin überein –«

»Sonst würde es dir auch 'ne Weile schlecht gehen,« warf Pasche dazwischen.

Der Seminardirektor schluckte und blieb bei dem Faden, woran er nun einmal spann:

»Mit ihr überein, daß es zum Wohle des kleinen Karstens und sicher auch zu deinem eigenen Wohle, mein lieber Osewald, richtig und wünschenswert ist, wenn du aus dem betrübten Stande des Witwers ausscheidest und daran denkst, zu einer zweiten Ehe zu verschreiten.«

»Da hat sich deine liebe Cäcilie mal ganz was Verständiges ausgedacht,« bemerkte Pasche. »Ich bin ihr sonst lange nicht grün, weil sie in ihrem Verein immer gegen das Bier angeht. Die verrückten Frauenzimmer da sollten sich man mal einen Gehörigen antuten, dann würden sie nicht solchen Unsinn reden. Aber da hat sie recht: Osewald muß wieder heiraten. Ein junger Mann von vierzig Jahren, der bloß so als Junggeselle dahinlebt, ist zu nichts gut. Die Welt braucht Stümpemänner. Seht mich an. Ich habe meine Pflicht getan. Meine Korporalschaft ist vollzählig. Und Osewald hat erst einen an das Licht des Tages gebracht. Na, und du, mein guter Görks . . . .«

»Ja, es ist meiner lieben Cäcilie und mir ja leider bisher versagt gewesen, uns des Kindersegens zu erfreuen,« versetzte der Seminardirektor kleinlaut, »aber mit Gottes Hilfe. . . . .«

»Ganz richtig,« ermunterte ihn Pasche. »Nur nicht den Mut verlieren. Immer von frischem den Hobel ansetzen. Einmal muß es doch werden.«

Der Senator stand auf, ging zum Wandschrank und goß einen Cognac herunter.

»Kinnings,« sagte er unbehaglich, »dasThema . . . ihr habt es ja schon früher angeschlagen.«

»Lieber Osewald, es wird immer dringender,« betonte der Direktor.

»Heiraten! Heiraten!« rief der Senator. »Leicht gesagt! Aber wen?«

»Ja,« erwiderte der Direktor, »da möchten nun meine liebe Cäcilie und ich, um uns nicht irgend welche Verantwortung aufzuladen, keineswegs einen bestimmten Vorschlag machen. Indessen unter den Töchtern unsrer Stadt sollte doch wohl, denken wir, eine sein, die würdig wäre, in dieses Haus geführt zu werden. Und daß du, lieber Osewald, wo du auch anklopfest, mit Freuden willkommen geheißen wirst, das versteht sich von selbst.«

»Natürlich,« bestätigte Pasche. »Ist noch nicht dagewesen, daß sich ein Stümpemann einen Korb geholt hat. Wäre ja auch noch besser. Na, und ich will euch mal was sagen: ich bin nun nicht so'n Bangbüx wie du und deine liebe Cäcilie, mein guter Görks, und ich lade mir ganz gern mal eine Verantwortung auf. Und wenn Osewald wirklich nicht weiß, wen er hier nehmen soll, denn sag' ich, kuck dir doch mal Gaddi Mackeprang an. Die hat nun allmählich die Jahre, daß sie unter die Haube muß, und auf die Art bleibst du in der Familie.«

»Garderut?« fragte der Senator sinnend.

»Ich halte den Vorschlag unseres lieben Pasches für sehr beachtlich,« meinte der Seminardirektor, »und glaube auch, daß meine liebe Cäcilie diese Wahl, wenn du sie träfest, gut heißen würde.«

»Sonst würdest du den Vorschlag auch schleunigst nicht mehr für beachtlich halten,« bemerkte Pasche.

Der Seminardirektor ließ diese kleinen Bosheiten an sich abträufeln.

»Indessen, lieber Osewald,« fuhr er fort, »ich wiederhole, daß ich nach keiner besonderen Richtung hin einen Einfluß auf dich ausüben will. Mir kommt es nur darauf an, dich im Prinzip deiner neuen Vermählung geneigt zu stimmen.«

Der Senator hatte sich wieder an den Tisch gesetzt und stützte das Kinn in die Hand. Dann sagte er:

»Mein Gott ja, ein bißchen öde ist dies Leben so. Aber wenn man die erste Frau lieb gehabt hat, dann entschließt man sich schwer zu einer zweiten.«

»Na, wenn man die Schwester kriegen kann,« meinte Pasche, der inzwischen seine drei Flaschen Starkbier geleert hatte, »noch dazu, wenn sich die Schwestern so ähnlich sehen wie Gaddi und Thronde, denn kann es einem am Ende nicht so sauer fallen, wieder ins Ehebett zu steigen. Ich rat' es dir: geh' einfach zu Mutter Mackeprang und mach' die Sache fest. Dann brauchst du nicht lange herumzusuchen und weißt, daß du gut untergebracht bist. Soviel ist gewiß, unverheiratet kannst du dein Lebelang nicht bleiben. Das paßt sich nicht für'n Krukeluhner Senator. Also je eher desto besser.« Er erhob sich. »Dann sind wir klar mit der Geschichte, wie?«

»Ich hätte nichts weiter hinzuzufügen,« erwiderte der Direktor.

»Na, denn also adjüsing,« sagte Pasche. »Und Görks, du kannst deine liebe Cäcilie vielmals grüßen, ich würde ihren verdrehten Weibsbildern nächstens mal ein Faß spendieren. Dann sollen ihnen wohl die Augen übergehen.«

Er bewegte sich schwerfällig hinaus.

Der Direktor nahm etwas umständlich von Osewald Abschied, und dann war der Senator allein.

Was die Brüder von ihm wollten, – er wollte es ja auch selber. So ehrlich er am Andenken Throndes hing, – Witwer bleiben konnte er auf die Dauer nicht. Und Garderut Mackeprang? Throndes Ebenbild? War er wirklich erst durch Pasche darauf gebracht worden, sein Augenmerk auf seine Schwägerin zu richten?

Fast schien es ihm in dieser Stunde, als habe es ihm selber schon angenehm vorgeschwebt: in der Familie zu bleiben.



9. Kapitel.
Wenn ich komm', wenn ich komm', wenn ich wieder, wieder komm'.

Garderut Mackeprang kehrte nach Krukeluhn zurück und schwärmte von Dresden. Was hatte sie alles eingeheimst! Ach, ihre Seele strömte von Entzücken über.

Mit Ellina und ihrem Manne hatte sie sich gut verstanden, und die beiden hatten alles getan, um ihr jeden Tag reich an Eindrücken und Genüssen zu gestalten.

Wenn sie jetzt in der Zeitung die Ankündigungen las: Theater, Oper, Vortrag, Sammlungen . . ., so wußte sie genau, wie das war, wenn man dahin ging. Die Namen jener Räume und Säle, worin die künstlerischen Veranstaltungen stattfanden, waren ihr keine toten Buchstaben mehr. Nein, sie kannte die Gebäude, sie hatte selbst darin geweilt . . . klopfenden Herzens, glühend vor Erwartung und innigst dankbar für alles, was ihr zuteil ward.

Und die Künstler und Künstlerinnen, die in der Zeitung genannt wurden, – die waren ihr keine Fremden mehr. Nicht nur auf der Bühne, nicht nur auf dem Podium, nein, auch so ganz natürlich auf der Straße oder im Kaffeehaus hatte sie diese Berühmtheiten gesehen.

Ihr war zu Mute, als sei sie im Himmel unter lauter Sternen gewandelt und fühle jetzt, wo sie zur Erde zurückkam, noch immer den unbeschreiblichen Glanz in ihren Augen.

Es war eine wundervolle Zeit gewesen, – so frei, so gelöst, so ohne alle Kleinlichkeit, ohne Klatsch, Neid, ohne Krukeluhner Topfguckerei. Sie hatte es schlechthin vollkommen herrlich gehabt und zehrte im Anblick der vielen Bilder, die sie sich mitbrachte, von den köstlichsten Erinnerungen. So hatte ihr Dasein denn ja wohl Inhalt genug.

Aber das war das Schlimme: nur immer so dies stille Denken an die Dresdner Wochen, – es genügte ihr doch nicht. Sie brauchte ein Herz, in das sie ihre Erinnerungsfreuden hineingoß, das da verstand, wie glücklich sie sein mußte, weil ihr die große Welt erschlossen worden war, das womöglich selber diesen Freudenzustand durchgemacht hatte oder wenigstens rückhaltlos anerkannte, welch eine unendliche Bereicherung es war, wenn einem einmal das Tor zum Lande alles Großen und Weihevollen geöffnet wurde.

Und dies Herz, – wo fand sie es?

Ihre Mutter besaß es nicht. Die konnte sogar gehässig davon reden, daß man in der Großstadt nur verdorben würde und daß all das Gehen ins Theater und zu Konzerten sich gar nicht für ein junges Mädchen schickte.

Ihr Bruder war ein guter Junge, hatte auch einige Jahre draußen verbracht, um das Druck- und Zeitungsgeschäft gründlich zu erlernen, aber er hatte eben seine ganze Zeit für seinen Beruf verwendet und für alles, was Kunst hieß, besaß dieser fleißige, nüchterne Mann kein Bedürfnis.

Garderuts Freundinnen, – ach, vor denen hatte sie jetzt viel größere Furcht als je. Denn sie wurde als eine vom Schicksal Bevorzugte nun erst recht allgemein beneidet. Der Hut, das Jäckchen, die sie sich in Dresden angeschafft hatte, erfuhren die hämischste Bekrittelung. Man fand, sie sei eine ganz andere geworden. Sie bildete sich wohl was ein, bloß weil sie mal ein bißchen auf Reisen gewesen war? Sie hatte so freie Manieren gekriegt, – die Art, wie sie jetzt mit Herren sprach, – oha, nein!

Ja, da war nicht auf Güte und nicht auf Verständnis zu hoffen, und niemand befand sich unter allen, die sie von Jugend auf kannte, vor dem sie ihre Schätze ausbreiten durfte. Das drückte sie. Die engen Straßen waren ihr noch nie so schrecklich winkelig vorgekommen wie jetzt. Ihr war, als liefe sie immer nur in Sackgassen herum. Sie konnte verzweifelt zu den Häusern hinaufschauen: kam denn von da oben zwischen den Giebeln gar keine Luft hier herunter?

Schwer atmete das junge Mädchen, und ihre Einsamkeit war groß und schmerzlich. Wäre sie nur gar nicht erst draußen gewesen! Dann hätte sie es hier jetzt noch eher ausgehalten. Und ihre Sehnsucht, wieder und für immer von Rahne wegzukommen, war nun heftiger als je, denn nun waren es keine unklaren und ungewissen Bilder ihrer Phantasie mehr, nein, nun gab es etwas Bestimmtes, worum sich das Sehnen ranken konnte, und all das Glück, das Garderut getrunken hatte, setzte sich zuletzt in heiße Wehmutstränen um.

Doch kein Menschenherz ist so verlassen, daß ihm nicht irgendwo die Möglichkeit gegeben wird, sich auszuschütten.

Herr Claudius, der Redakteur, ja, der war es, der begriff wohl Garderuts Freuden und auch ihr Leid. Ihm entfaltete sich freilich, je länger er in Krukeluhn lebte, desto mehr jener eigenartige Reiz der kleinen Stadt, der so auf das Gemüt wirkt, daß man die engen Mauern mit ihren engen Menschen zugleich liebt und haßt. Aber er war selber kundig in allem, was Garderut ausgekostet hatte, ihm stand nichts höher als die Kunst, weswegen er sich ja auch zum Schmerze seines Vaters mit der strengen Wissenschaft nicht hatte einigen können, und die nach allem Bedeutenden dürstende, unruhige Mädchenseele, die einen solchen Gegensatz zu der sonst auf Rahne herrschenden Sattheit und Ruhe bildete, war ihm fesselnd. Er forschte in ihr, er ließ sich ihr Vertrauen gefallen, erwiderte es und wurde Garderut Mackeprangs Freund. Sie konnten durch den Gang zwischen der Wohnung und dem Arbeitszimmer des Redakteurs so leicht zueinander kommen! In jener Nische tauschten sie sich aus. Dorthin brachte er ihr Bücher, die sie heimlich mit auf ihre Stube nahm, dort mußte er ihr erzählen von dem, was er über die Kunst und auch über die Künstler wußte. Dort entrollte sie ihm noch einmal die Bilder, die in Dresden an ihr vorübergegangen waren, und dadurch, daß sie ihm alles beschreiben durfte, dünkte es sie, wurde das Erlebte erst ihr fester Besitz. Sogar das Tagebuch, das sie geführt hatte, gab sie ihm zu lesen.

Garderut Mackeprang war nicht mehr so ganz jung, aber es zeigte sich an ihr, wie lange die kleine Stadt den Geist im Unreifen hält. Was ein in der großen Stadt aufgewachsenes Mädchen von achtzehn, neunzehn Jahren spielend beherrscht, daran tastete sie, die Vierundzwanzigjährige, oft hilflos herum. Freilich besaß sie die Gabe, sich nun rasch anzueignen, was ihr lange vorenthalten war, und für den Redakteur war es etwas Feines und Liebes, diesem sehnsüchtigen Geschöpfe, das auch äußerlich jünger aussah, als es war, so viel Wissen zu schenken, als er nur irgend konnte.

Es gab in der Nische kurze Lehrstunden im Flüstertone: Garderut hatte nun die Hand gefunden, die den Schlüssel zu dem Dome mit den Bildnissen der großen Geister besaß; sie lauschte dem jungen Menschen mit einem geradezu verklärten Ausdruck in ihrem immer etwas blassen und schmalen Antlitz, und ihre Augen sprachen zu ihm: »Gib mir Kunde von dem Lande, wo mein Sehnen immer weilt!«



10. Kapitel.
Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß . . .

Aber wie das denn nicht anders ist und nicht anders werden wird: wenn zwei junge Menschenkinder auch erst ihre volle Genüge daran finden, miteinander in Ehrfurcht zu Goethe, Kleist und Hebbel aufzublicken und von den erhabensten Gegenständen und den tiefsten Dingen zu reden, – allmählich senken sich doch ihre Blicke und ruhen dann stets länger ineinander; in das rein geistige Wünschen, das sie zusammengeführt hat, mischt sich, anfangs ein klein wenig, dann immer mehr und brausender, die Sehnsucht vom einen zum andern, bis ihnen die dann noch viel hoher und heiliger erscheint als das erste Wünschen, das ein Band zwischen ihnen wob.

Es konnte nicht ausbleiben: der Redakteur mußte eine Neigung zu dem Wesen fassen, das sich in schon recht zärtlichem Scherz seine Schülerin nannte, und für Garderut verquickte sich der Lehrer, dem sie so viel Schönes verdankte, mit dem Menschen, dessen ganze bescheidene und dabei kernige Art ihr von Tag zu Tag lieber wurde.

Die zarten Fäden, die zwei Leben unauflöslich verknüpfen, spannen sich dicht und dichter zwischen den beiden Herzen. Aus der Freundschaft wurde wirkliche Vertrautheit, aus der Vertrautheit eine Vertraulichkeit, und es kam für sie die Stunde, die so viel Holdseliges in sich birgt wie keine andere selbst im gesegnetsten Liebesleben, – die Stunde, wo er fühlte, daß es jetzt seine Pflicht war, den Arm um das Mädchen zu legen, die Stunde, wo er diesem dringenden Gebot gehorchte, zagend und doch mit dem Empfinden, daß sich nun alles erfüllte, was er je an Innigkeit geträumt hatte. Leise zog er Garderut zu sich heran, beugte sich zu ihr und sprach die ewig alten, ewig jungen Liebesworte.

Sie schloß die Augen und lehnte sich an seine Brust:

»Ich bin dir längst gut, Gunnar!«

Da weitete sich die enge Nische plötzlich mit Macht, da wurde die Holzbank, auf die sie einander im Kusse umschlingend niedersanken, zu einem Sitz aus Marmor und Gold, da wandelten sich die schlichten Blattgewächse, die man dort aufgestellt hatte, in einen Garten von lauter Blumenpracht, da wurde aus der kleinen summenden Biene, die sich hierher verirrt hatte, eine große Schaar buntfiedriger, hell jauchzender Vögel, – da galt den beiden der gebrochene Sonnenstrahl, der noch eben um die Ecke durch das Fenster dringen konnte, als eine Ueberfülle gleißenden Himmelslichtes.

Nur den Augenblick, nur die berauschende Gegenwart gab es für sie. Und wahrhaftig, sie wären auch keine Liebenden gewesen, wenn sie daran gedacht hätten, wie alles gekommen war und wie das alles noch einmal werden sollte.

Wo blieb der alte Onkel Eenboom mit seinem verzichtenden Spruche vom Pünktlein auf der Welle?

Garderuts Herz jauchzte: sie hielt das Glück in eigenster, leibhaftigster Gestalt umarmt, das Glück ihrer ersten, heimlichen Liebe.



11. Kapitel.
Wie einst im Mai?

Osewald Stümpemann dachte nach: ob ihn seine erste Frau wohl eigentlich geliebt hatte? So viel stand fest, – ganz leicht war es nicht für ihn gewesen, Throndes Jawort zu erhalten.

Frau Mackeprang hatte tüchtig nachhelfen müssen. Dafür war er ihr dankbar.

Aber als sich Thronde ihm zu eigen gegeben hatte, war sie doch wohl auch innerlich sein Weib geworden.

Etwas Kühles, Herbes, oft Scheues und Abweisendes hatte sie zumeist an sich, nur bisweilen konnte sie sich der Zärtlichkeit weihen; dann war sie sogar leidenschaftlich. Wie blühte sie dann in ihrer Schönheit! So war sie ihm immer neu geblieben, hatte ihm immer wieder Rätsel aufgegeben und ihn dadurch immer aufs neue entzückt. Denn wirklich: seine Liebe gehörte ihr ganz. Schon von Jugend an war sie es gewesen, zu der es ihn hinzog, und sie hatte es in der Zeit ihrer Ehe gut bei ihm gehabt. Er drängte sie nicht, daß sie ihm mehr von ihrem Wesen offenbarte, als es sie selber trieb. Nur allmählich wollte er diese feine und starke Persönlichkeit vollständig gewinnen. Er glaubte sicher daran, daß er dazu lange, lange Zeit haben würde.

Aber schon nach sieben Jahren ihres Zusammenlebens fiel sie in wenig Tagen einer heimtückischen Krankheit zum Opfer, und alles, was der Senator außer dem kleinen Karsten von ihr hatte, das war die Erinnerung an eine Frau, die ihm noch viel, viel mehr hätte sein können und sollen, als das grausame Schicksal es bestimmte.

Thronde! Sie war ihm ein Geheimnis geblieben, das der Tod unerklärbar machte. An ihrem Kinde konnte er es nicht erforschen, denn Karsten besaß mehr Eigenschaften von ihm als von seiner Mutter. Was Thronde also im letzten Grunde für ein Mensch gewesen war und inwieweit sie sich mit ihrem Manne verschmolzen gefühlt hatte, darüber lag ein ewiger Schleier gebreitet.

Sie hatte sich ihm eingefügt und war dabei trotzdem ganz im eigenen verharrt, und so sehr ihm das in Krukeluhn durchaus geltende Wort: Mannshand oben! als unumstößliches und unantastbares Naturgesetz galt: er hatte seiner Frau doch eine ritterliche Achtung entgegengebracht, für die sie ihm, mußte er jetzt manchmal denken, am Ende noch dankbarer gewesen war als für seine Liebe.

Wie er seine Ehe betrachtete: sie war gewiß nicht einen einzigen Tag unglücklich gewesen, aber sie hatte auch nicht ein einziges Mal jenen Gipfel der gemeinsamen Vollzufriedenheit erreicht, auf dem zwei Menschen lächelnd zueinander sprechen: »Nun wissen wir, daß wir einander alles geworden sind. Wenn wir auch heute sterben müßten, so dürften wir ruhig hingehen in dem Bewußtsein: es blieb uns nichts an Glück vorbehalten!«

Mit echter und rechter Trauer gedachte der Senator der Verstorbenen, zugleich aber mit dem nagenden Sehnsuchtsgefühl: er hätte noch weit mehr von ihr haben können.

Und nun drängten ihn seine Brüder zur neuen Heirat? Ja, sie hatten recht, – ein Mann in seiner Stellung ohne Frau, das war nichts. Fräulein Katinka besorgte das Haus und behütete den Knaben, wie er es an sich nicht besser wünschen konnte, aber es fehlte in seinen Räumen an allen Ecken und Enden das eine Große: das frauliche Walten, das solch ein Heim in Schimmer taucht und jedem kleinsten Dinge Leben einhaucht.

Man beanspruchte auch, daß er seine Türen gastfrei öffnete, und er selber hatte Freude an Geselligkeit, aber ohne die Dame des Hauses kam kein richtiges Behagen auf. Die Wohnung eines Witwers hat immer etwas von Gastzimmern an sich, – der Wirt kann noch so freundlich und gefällig sein, man weiß doch, daß man eben nur bedient wird, und kommt nie zu dem angenehm gemütlichen Empfinden, für ein paar Stunden wirklich ganz wie zuhause sein zu dürfen. Diesen Zauber des völligen Einheimelns übt nur die Gattin des Gastgebers aus.

Osewalds Blut floß auch noch viel zu jung durch die Adern, als daß es nicht nach dem Spiel der Minne begehrt hätte, und das konnte ihm nur in den Armen seines angetrauten Weibes geschenkt werden; eine andere Möglichkeit, um dieses Daseins lieblichste Ergötzung zu finden, gab es für einen würdigen Krukeluhner Senator keineswegs.

Nun ja denn! Er und seine Brüder, auf deren Ansichten er bei seinem kräftig entwickelten Stümpemannschen Familiensinn großes Gewicht legte, stimmten ganz überein. Es war nichts dagegen einzuwenden, daß er seinem Jungen eine zweite Mutter gab. Nur: wen? Und da wies ihn ja nun Pasche in eine Richtung, die seine Blicke auch von allein allerdings schon verfolgt hatten, zu Garderut, Throndes jüngster Schwester, hin. Zehn Jahre waren die beiden auseinander, und ihn, den Senator, der nur sechs Jahre älter gewesen war als seine erste Frau, trennte also von dem jungen Mädchen eine beträchtliche Anzahl von Jahren, aber dieser Unterschied war immerhin noch nicht gefährlich.

Die Krukeluhner Mädchen waren es sozusagen gewöhnt, von reifen Männern geheiratet zu werden, denn die ausgewanderten Jünglinge holten sich selten eine aus ihrer Vaterstadt.

Garderut war jetzt ungefähr in demselben Alter, worin Thronde gestanden hatte, als sie sich verlobte; also würde, schien es dem Senator, das neue Leben, auf das er sich nun in Gedanken nach und nach vorbereitete, gewissermaßen eine Wiederholung des vorigen sein.

Garderuts Ähnlichkeit mit ihrer Schwester war geradezu erstaunlich. Wenn der Senator Throndes Brautbild anschaute: dasselbe lockige Haupt, dieselben hellen und doch fragenden Augen, dieselbe schmale, zierliche Nase, derselbe feingeschnittene Mund, dieselbe anmutige Gestalt, wie Garderut sie besaß!

So glich doch auch höchst wahrscheinlich Garderuts innerer Mensch dem der Verewigten. Dem Senator klopfte das Herz, und ihm wurde beinahe beklommen zumute. Was schwebte ihm da für ein mystisches Geschehnis vor? Throndes Auferstehung in Garderut, ihre Wiederkehr in sein Haus in der Erscheinung ihrer Schwester, die Gelegenheit, alle jene Rätsel zu lösen, womit Karstens Mutter ihm entglitten war. Und was ihm Thronde damals an Liebe noch nicht gegönnt hatte, – in ihrer neuen Verkörperung konnte er es sich gewiß erringen. Die Entzückungen aber, die ihm Throndes Jugend und ihre bisweilen ausbrechende Leidenschaftlichkeit gewährt hatten, die konnten ihm, wenn er Garderut heimführte, noch einmal zuteil werden, und wieviel tiefer und bewußter wollte er sie jetzt genießen!

Thronde – Garderut.

Osewald erschrak bisweilen darüber, in welchem Maße sich ihm die beiden Gestalten nun in einer Person zeigten.

Und seine Liebe?

Ja, die war nicht mit Thronde gestorben, sondern hatte während seines Witwertums ungeschwächt weitergelebt, darum war es auch, deuchte ihm, eine Kleinigkeit, sie auf Garderut zu übertragen.

Das Weib, nach dem ihn verlangte, war für sein Empfinden dasselbe geblieben wie damals, als er es zuerst an die Brust schloß, und wenn auch an ihm selber seitdem zehn Jahre verrauscht waren, was tat das? Ein neuer Mai konnte und sollte ihm ersprießen, und er würde unzweifelhaft frisch und gesund genug sein, um sich in voller Jugendlichkeit daran zu erquicken. Senator Stümpemann brauchte sich die Sache gar nicht lange zu überlegen.

Verstand und Herz sangen vor ihm das gleiche Lied, und er beschloß daher, zum anderen Male auf die Freite zu gehen.

Um Garderut Mackeprang?

Ach nein, wenn man es ganz richtig nehmen will: um Thronde.



12. Kapitel.
Mein schönes Fräulein, darf ichs wagen –?

Man kann den guten dicken Bierbrauer Pasche Stümpemann nicht mit Faustens Verführer in Reih' und Glied stellen, und wer sich unterfinge, Frau Cäcilie, die Vorsitzende des Krukeluhner Frauenvereins, auch nur im entferntesten mit der Gestalt zu vergleichen, die in der Hexenküche solch ein merkwürdiges Einmaleins aufsagt, der würde sich schön in die Nesseln setzen. Aber das ist gewiß, einen Verjüngungstrunk hatten die beiden dem Senator, der schon anfing, ein bißchen behagliches Witwerfett anzusetzen, in die Adern gegossen, – Pasche, weil er der festen Überzeugung war, daß ganz Rahne und am liebsten die ganze Welt mit Stümpemännern angefüllt werden müsse, Frau Cäcilie, weil für sie der Witmann auf einer Stufe stand mit dem Junggesellen. Und Junggesellen, das wußte man zur Genüge, kamen doch, auch wenn sie noch so anständige Grundsätze hatten, bisweilen auf Abwege. Schon dies Verbringen der Abende im Krukeluhner Klub, wo unzweifelhaft durchaus nicht immer Geschichten von tadelloser Sittlichkeit erzählt wurden, hatte etwas Bedenkliches.

»Wo fromme Frauenhände walten,

nur da kann sich der rechte Geist entfalten«,

lautete der Spruch, den die Frau Seminardirektor letzte Weihnachten auf Stramin gestickt und ihrem Eheliebsten unter Glas und Rahmen verliehen hatte. In solche Hände wünschte sie auch ihres Bruders Mann.

Nun, der ging ja, wie man deutlich sah, den ihm vorgezeichneten Weg. Er war regsam, munter und steuerte ohne Zaudern auf seine Schwägerin Garderut los. Die Überzeugung, die ihm von seinem Werte innewohnte, verhütete es, daß er überhaupt nur daran dachte, geschweige denn Furcht davor hatte, er könne abgewiesen werden.

Pasche hatte keinen Grund, die Sache geheim zu halten, er sagte zu Frau Mackeprang:

»Na, weißt du, Gesine, unser Osewald, der kann dich als Schwiegermutter nun ja bald doppelt sehen.«

Woraufhin denn Mutter Mackeprang sich erst vor Lachen ausschüttete, um dann nach gewohnter Weise in Rührung zu verfallen. Kale wurde gleichfalls in Osewalds Pläne eingeweiht und fand, daß seine Lieblingsschwester in des Senators Hause bestens aufgehoben und am Platze sein würde.

So war alles fein im Gange, und Frau Mackeprang wartete nur darauf, daß ihr Osewald seine förmliche Aufwartung ansagen sollte, damit sie ihn dann im höchsten Staat empfangen und ihn zum zweiten Male als Schwiegersohn willkommen heißen konnte. Denn ohne solche Feiersamkeit gab es in Krukeluhn selbst unter Leuten, die schon miteinander verwandt waren, keine Verlobung.

Der Senator ließ sich aber noch ein bißchen Zeit und sprach auch nicht selber von seinen Absichten, sondern tat sie nur durch sein Verhalten kund. Es sollte ihm eine Freude sein, sich erst einmal in Garderuts Herzen recht festzusetzen.

Daher bekam das junge Mädchen, das dem Senator schon immer wohl gesonnen war, nun mancherlei kleine Artigkeiten von ihm zu spüren. Blumen, die Osewald ihr sandte, wechselten mit anderen hübschen Gaben von seiner Hand ab. Garderut nahm das alles die erste Zeit harmlos entgegen, denn sie wußte, ihr Schwager hatte immer viel für sie übrig gehabt und es nie unterlassen, sich ihr freundlich zu bezeigen.

Allmählich aber begannen ihre Mutter und die übrigen Familienmitglieder Anspielungen fallen zu lassen, die Garderuts Aufmerksamkeit und das hieß denn zugleich: ihr Erschrecken wachriefen. Jene Spenden waren nicht nur der Ausdruck einer verwandtschaftlichen Zuneigung, wie sie bis dahin dachte, sondern sie waren in einem ganz anderen, sehr ernsten Sinne gemeint.

Da sah Garderut plötzlich, welch eine furchtbare Gefahr ihrer heimlichen Liebe zu Gunnar Claudius drohte, da kam der Gedanke: was soll aus uns beiden werden? jählings in ihr empor, und sie wußte nicht aus noch ein.

Immer mehr offenbarte ihr Osewald, was er mit ihr vorhatte. Kein Zusammensein in der Familie oder in anderen Häusern, wobei sie nicht seine Dame war, keine Blicke rings herum, kein Geflüster und Getuschel ihrer Freundinnen, wodurch ihr nicht gesagt worden wäre, sie sollte die beneidenswerte Nachfolgerin ihrer Schwester werden.

Noch bezwang sie sich vor Gunnar und verriet ihm nichts von dem Gewitter, das über sie beide heraufzog. Noch ließ sie sich, wenn sie in ihrer Heimlichkeit beisammen waren, geschlossenen Auges von seinen zärtlichen Worten überströmen, von seinen heißen Küssen einlullen, schon aber hatte sie ein böses Gewissen. Mußte sie ihm nicht alles erzählen? Und mußte sie es dann nicht ihm überlassen, so zu handeln, daß Donner und Blitz, die bald herniederfahren würden, ihnen nichts anhaben konnten? Daß sie wahr machten, was sie sich nach der Weise aller aufglühenden jungen Herzen geschworen hatten: immerdar miteinander verbunden zu bleiben?

Aber sie brachte es nicht über sich, offen mit ihm zu reden, denn es konnte kommen, wie es wollte, – dem bunten Schmetterling ihrer Liebe war dann doch für alle Zeit der Staub von den Flügeln gestreift.

Wenn erst die Welt erfuhr, wie es um sie stand, so war sie allen bösen Zungen ausgeliefert, und die würden nicht verfehlen, ihr das Leben sauer zu machen. Eine Krukeluhner Patriziertochter und ein hergelaufener Redakteur? So was war nach dem in diesen Mauern geltenden Sittengesetzbuche ebenso unerlaubt wie unmöglich!

Vor allem fürchtete Garderut die Mutter. Die hatte damals, als Thronde sich erst gegen die Verlobung mit Osewald sträubte, – ihr guter Vater lebte schon nicht mehr, – ungeheuer kurzen Prozeß gemacht und einfach befohlen:

»Heute Abend steht die Verlobung in der Zeitung. Kale, setz das mal ein bißchen nett auf. Und denn laß einen schönen Rosenkranz herumdrucken.«

Die Mutter würde sich auch, davon war Garderut überzeugt, nicht einen Augenblick besinnen, diesen Befehl zu wiederholen. Wo gab es eine Macht, die dieser Frau gewachsen war?

Die Tränen rannen dem jungen Mädchen in der Einsamkeit auf ihrem Stübchen reichlich über die Wangen, und ihr Anschmiegen an Gunnar gewann etwas sehr Scheues. Ihr war, als täte sie unrecht, daß sie noch mit ihm zusammentraf, sie schalt sich, weil sie es so weit hatte zwischen ihnen beiden kommen lassen, sie begriff kaum, daß sie gar nicht an die Zukunft gedacht hatte. So kam sie nur noch selten in die Nische und konnte es dann doch nicht ertragen, wenn er ihr Kälte vorwarf und traurig zu ihr hinblickte:

»Ist es schon zu Ende? Hast du mich schon nicht mehr lieb?«

Zitternd warf sie die Arme um seinen Nacken und küßte ihn beinah wild. Das war eine Antwort, an deren Aufrichtigkeit er nicht zweifeln konnte, desto weniger aber verstand er es, warum sie immer häufiger das Zusammenkommen mit ihm vermied.

Und dann brach die schwerste Stunde an, die Garderut bisher in ihrem Leben durchgemacht hatte.


*


Es war auf dem Fastnachtsball der Honoratioren in Freunds Hotel.

Trotz der Vermummung, die man trug, kannte einer den andern ganz genau.

Garderut Mackeprang trug ein blaues Kleid mit Bauschen und Puffen und hatte ihre Locken in ein paar Zöpfe umgewandelt.

Dem Herrn Senator Stümpemann sah der flotte Schnurrbart unter der schwarzseidenen Halbmaske hervor. Er war stattlich anzuschauen. Ein kurzes Mäntelchen von starrer Seide hing ihm über die Schultern. Den Degen wußte er durch Druck auf den Griff flott nach hinten zu schwingen. Die grauen Strumpfhosen saßen ihm gut, und die Mütze mit der wallenden Feder trug er keck auf dem Haupte.

Er war aufgeräumt, machte von mancherlei Maskenfreiheit der holden Weiblichkeit gegenüber viel Gebrauch, hatte es aber besonders auf seine Schwägerin abgesehen, die freilich am liebsten den ganzen Abend mit dem in eine Gelehrtenschaube gehüllten Redakteur in irgend einer Saalecke verbracht haben würde. Das ging nun nicht an. Sie konnte mit ihrem Geliebten nur hin und wieder ein paar flüchtige Worte wechseln.

Der Senator nahm sie zu Gesine Mackeprangs größter Genugtuung sehr in Beschlag, – sich ihm zu entziehen, war unmöglich, und als die Geister des Weines ihm dann immer mehr die Hemmungen lösten, da schien es ihm plötzlich, es sei noch nicht das Schlechteste, in so fröhlicher Stimmung seinen Antrag vorzubringen.

Hatte er doch auch bei Thronde die entschiedene Annäherung getan, als sie auf einem Feste zusammen waren.

Also spielte er den kühnen Ritter, schwenkte das Barett und verbeugte sich, indem er Garderut gleichzeitig den Arm hinhielt:

»Mein schönes Fräulein, darf ich's wagen?«

Dann führte er sie hin, wo sie ein Glas Champagner erhielt, lustwandelte mit ihr, scherzte fröhlich, und sie wurde nach und nach etwas davon angesteckt, so traurig sie immer war, wenn die schwarze Schaube vor ihren Augen auftauchte. Zuletzt wußte der Senator sie mit der Schlauheit des Freiersmannes, fast ohne daß sie dessen gewahr wurde, in ein Nebengemach zu leiten, wo gerade niemand war und wohin die Tanzmusik nur gedämpft drang.

Dort an einem abseits und vom Lichte entfernt stehenden Tische ließ er sich mit ihr nieder. Sie bekam Angst, aber ein Entrinnen gab es nicht.

Er nahm die Maske ab und schaute sie recht lieb und gut an, – sie konnte ihm unmöglich gram sein. Dann, nach ein paar gleichgültigen Worten, kam er rasch und unbedenklich mit seiner Werbung:

»Kleine Garderut, du hast es gewiß schon selbst lange gefühlt: ich möchte dir mehr sein als nur dein Schwager. Willst du Throndes Stelle bei mir einnehmen? Ja? Willst du das?«

»Ach, Osewald, gefühlt? Ja. Aber jetzt kommt das doch so plötzlich, und hier, . . . ich kann es noch nicht sagen, . . . bitte, bitte, laß mir noch Zeit!«

»Selbstverständlich, liebe Garderut! Sieh: heute ist Montag, nicht wahr? Du sollst die ganze Woche zum Überlegen haben. Ich will erst nächsten Sonntag meinen feierlichen Besuch bei euch machen. Bist du damit einverstanden?«

Garderut atmete auf: »Ja, danke!«

»Aber zum Zeichen, daß ich hoffen darf,« und er sah sie mit siegesgewissem Lächeln an, »gibst du mir jetzt schon einen andern Kuß, als ihn mir meine kleine Schwägerin sonst manchmal gegeben hat.«

Garderut lehnte sich weit in ihren Stuhl zurück:

»Bitte, nicht, Osewald! Hier, wo jeden Augenblick jemand kommen kann. . . .«

Er schaute nach der Tür und sagte dann höflich:

»Du hast recht. Verzeih. Nur: sag' es mir dann wenigstens, daß meine Frage dir nicht unangenehm ist, wenn sie dich auch trotz allem ein bißchen überrascht hat. Bist du mir gut, Kind?«

Sein Ton hatte etwas Väterliches. Sie antwortete mit gedrückter Stimme:

»Ja, warum das nicht? Du hast mir nie was Böses getan. Laß mich jetzt, Osewald!«

Er gab ihrem Flehen nach:

»Gewiß. Ich will nicht weiter in dich dringen. Ich verstehe dich schon, mein Mädchen. Komm! Es ist dir lieber, wir gehen unter Menschen, nicht wahr?«

»Ja.«

»Los denn! Wir wollen tanzen!«

Sie tanzten. Garderut betäubte sich im Herumwirbeln, aber wie viel ihr auch durch das schnelle Bewegen vor den Blicken schwand, Gunnars Schaube erkannte sie jedesmal ganz deutlich, wenn sie vorüberkam, und ihr schien, als gingen von der dunklen Tracht schwarze Strahlen aus, die sich um alle die hellen Lampen legten. – Garderut Mackeprang tanzte wie durch lauter Nacht hindurch.



13. Kapitel.
Hilf, Onkel Jakob!

Die Zweige in Jakob Eenbooms Obstgarten trugen wieder weißen Schmuck, aber diesmal war es kein Blütenschnee, der sie belastete, sondern der Glanz setzte sich aus den tausenden und abertausenden Flockenkristallen zusammen, die vom Himmel herabgeschwebt waren. Auf dem Hofe fegte Rahmkirch einen breiten Weg vom Tore zur Haustür. Als er seine Arbeit halb beendet hatte, machte er erst einmal Halt und blieb, auf seinen Besen gestützt, nachdenklich stehen.

Eenboom kam aus der Scheune:

»Nun, Rahmkirch? Soviel zu überlegen?«

»Ja, Herr, mir fällt das so ein: damals, als ich hierher kam, da war es auch meine erste Arbeit, daß ich den Hof fegte. Weiß der Herr noch? Ich war so der richtige Bettelstromer, der alles andere wollte, bloß keine Arbeit. Aber der Herr kriegte mich heran: erst fegen, dann essen. Und als ich die erste Nacht hier geschlafen hatte, da hatte der Herr am andern Morgen wieder was für mich zu tun, und so bin ich denn überhaupt hier geblieben und ein Mensch geworden, der nicht mehr vor dem Gendarm auszureißen braucht. Ich muß oft denken: ich bin unserm Herrn sein Findelkind.«

Der Alte lachte still vor sich hin und ging ins Haus. Rahmkirch, das Findelkind, aber schaffte mit mächtigen, halbkreisrunden Strichen weiter Bahn durch den Schnee.

Kule und Wix, die sich ja so unendlich gern nützlich machten, halfen ihm nach Kräften dabei, indem sie mit den Hinterpfoten auf der Erde herumkratzten, was sie nur konnten. Das hatte nun freilich für die herzustellende Gangbahn nicht viel zu bedeuten, aber es wurde doch der schöne Erfolg erzielt, daß die Hausfenster voll Sand flogen. Kule und Wix waren mit ihrer Tätigkeit sehr zufrieden, aber gibt es wohl noch Dankbarkeit und Anerkennung auf der Welt? Nein! Rahmkirch versetzte ihnen ein paar mit dem Besen; sie schauten einander wehmütig an und verzogen sich in eine besenfreie Gegend des Hofes.

Da lag ein alter Sack, woran sie nun nach Herzenslust herumzerrten. Das durften sie sich gestatten, denn der Sack war ihr ureigenstes Eigentum. Sie hatten ihn nämlich vorigen Herbst einem Jungen abgejagt, der über die Mauer gestiegen war, um Onkel Eenbooms Bäume etwas von ihrer Apfel- und Birnenlast zu erleichtern. Wenn der an Glannbeck dachte, rieb er sich noch immer in schmerzlicher Erinnerung an die beiden treuen Wächter die Waden.

Das Hoftor tat sich auf. Garderut Mackeprang erschien. Kule und Wix erfüllten ihre Pflicht als lebhafter Begrüßungsausschuß, aber sie fanden mit ihren drolligen Sätzen heute wenig Anklang bei dem jungen Mädchen.

Rahmkirch wies aufs Haus: »Der Herr ist da drinnen.«


*


»Nun, mein Deern? Siehst so 'n bißchen blassing aus. Was ist denn mit dir los?«

»Steh mir bei, Onkel Jakob!«

Garderut hatte sich gesetzt, die Arme auf den Tisch gelegt und das Haupt darauf gestützt. Sie weinte, daß ihr Körper zitterte.

Onkel Eenboom stand einige Schritte weit von ihr. Er fragte sie jetzt nicht, denn er wußte wohl: die wehlösende Wirkung der Tränen darf nicht unterbrochen werden.

Erst als Garderut ruhiger geworden war und die Stirn wieder erhob, da trat er näher und legte ihr die Hand auf die Schulter:

»Laß dir Zeit, Gaddi. Ich erfahre schon alles, und wenn ich kann, – du weißt ja, ich helfe nicht mehr als gern.«

Sie schaute mit trostlosem Blick zu ihm empor:

»Onkel Jakob, ich soll Osewalds Frau werden.«

»Hm, hm,« sagte der Alte, »ist es so weit? Davon hab' ich schon was läuten hören.«

»Ja, Onkel Jakob. Sonntag will er kommen und seinen Antrag machen, und Montag Abend soll es im Blatt stehen. – Osewalds Frau.«

»Nun, und? Magst du ihn denn gar nicht leiden?«

»Das will ich nicht sagen. Er ist lieb und freundlich gegen mich, und Thronde hat auch nie über ihn geklagt. Aber ihn lieben, Onkel Jakob, – nein, das kann ich nicht!«

»Dann sag' ihm das doch. Er wird so vernünftig und gerecht sein, dich nicht zu quälen.«

»Was nützte mir das? Mutter will es nun einmal, daß ich ihn nehme.«

»So, so. Ja, dann wirst du dich allerdings schwer wehren können. Ich kenne meine Schwester Gesine.«

»Ohne Liebe heiraten, Onkel Jakob, – das darf man doch nicht, wie?«

»Eigentlich nicht, mein Kind. Es tut freilich manche ohne die richtige glühende Liebe und wird doch noch eine ganz glückliche Frau.«

»Ja, wer die richtige, glühende Liebe gar nicht kennt. Aber ich, Onkel Jakob!«

»Da steckt es also?«

Garderut nickte.

»Aber dann hast du doch erst recht allen Grund, es Osewald zu sagen und auch deiner Mutter,« meinte Onkel Jakob. »Dann muß es ja doch jeder halbwegs Verständige einsehen, daß du nicht Frau Senator Stümpemann werden kannst. Wer hat dir denn dein liebes Herz geraubt, klein Deern?«

Sie zauderte erst. Dann antwortete sie stockend:

»Das ist es ja. Mutter würde es nie zugeben.«

»Nun, sag', wer ist es denn?«

»Unser Redakteur, Herr Claudius.«

»O,« sagte Onkel Jakob schier erschrocken, »ja, das ist allerdings eine schlimme Geschichte. Eine vom Krukeluhner Uradel und dann ein junger Mensch, der weiter nichts ist und wohl auch nicht viel hat, – Kind, ich versteh' es schon, daß du deiner Mutter das nicht zu offenbaren wagst. Oder weiß sie es?«

»Bis jetzt noch nicht. Aber sie muß es doch wissen. Ich kann doch Gunnar nicht einfach verlassen. Ich muß tun, was in meinen Kräften steht. Ja,« fuhr sie dann fort und ließ die Arme schlaff herabsinken, »was steht denn aber in meinen Kräften? Ich sehe nichts, Onkel Jakob.«

Sie blickte ihn so flehend an, daß dem alten Mann die Tränen in die Augen traten.

»Wenn du mir helfen könntest, Onkel Jakob. Ich habe Gunnar so lieb, und er mich!« Es kam etwas Trotziges über sie. »Ich geh' ins Wasser, wenn sie mich zwingen!«

Da entgegnete Onkel Jakob sehr ernst:

»Nein, mein Kind, das tust du nich!. Denn dann könnte ich niemals wieder ungetrübt an dich denken. – Soll ich mit deiner Mutter sprechen?«

»Wenn du das möchtest, ich wäre dir so dankbar! Ich selber habe nicht den Mut dazu.«

»Wenn nun aber der junge Mann sich ein Herz faßte und deiner Mutter alles sagte?«

»Gunnar weiß noch nicht, wie es steht. Ich weiche ihm aus, wo ich nur kann. Ich ahne ja gar nicht, was ich anfangen soll. Wenn er zu Mutter käme, das würde schrecklich. Das kannst du dir doch denken, Onkel Jakob, wie?«

»Ja, Kind. Das kann ich. Sie muß wenigstens erst vorbereitet werden.«

»Ja, bitte, bitte: hilf Onkel Jakob!«



14. Kapitel.
Mutterhand, kannst du so hart sein?

»Meine gute Gesine,« fing Onkel Jakob an, nachdem er in dem geschnitzten Eichenstuhle neben Frau Mackeprangs Nähtisch Platz genommen hatte, »ich höre, du hast Verlobungspläne mit Gaddi?«

»Ja, denk' mal an, Jakob! Trinkst du noch eine Tasse Kaffee? Versuch' mal diese Kringel. Die sind von Bäcker Tystrow. Ich kann den alten Kerl sonst nicht ausstehen, aber was er backt, das ist butterig und kroß. – Ja, denk' mal: Osewald will sie heiraten. Sie soll ihm Thronde ersetzen. Rührend find' ich das!«

»Und Gaddi?«

»Was denn?«

»Ja, ich meine: wie stellst du dir vor, daß Gaddi zu der Sache gestimmt ist?«

»O, was soll die denn anders? Die kann sich doch man einfach freuen.«

»Wenn du dich nun aber täuschtest und Garderut gar nicht so froh zu der Verlobung wäre?«

»Dann sollte sie sich was schämen! Frau Senator Stümpemann zu werden, – nenn' mir mal eine, die da nicht mit beiden Händen zugriff.«

»Ja, gewiß. Es ist ja auch eine Ehre.«

»Will ich man meinen! Nein, da mach' dir keine Sorgen. Mit Gaddi ist alles in Ordnung. Ihm Thronde ersetzen, Jakob! Ist das nicht wirklich, daß man darüber weinen könnte, so schön wie er das gesagt hat? Ach Gott.«

Sie holte ihr Taschentuch hervor und tupfte sich die Augen.

»Alles ganz gut, liebe Schwester«, damit gab sich Onkel Jakob einen Ruck und schob die Tasse ziemlich weit von sich auf den Tisch. »Ich bin nun aber darüber unterrichtet, daß du tatsächlich mit deiner Meinung nicht das Rechte triffst. Unsere Garderut möchte lieber was anderes werden als gerade Frau Senator Stümpemann.«

Gesine schaute ihn groß an:

»Nanu? Das ist so das erste, was ich höre. Sie hat eine Liebe?«

Onkel Jakob zögerte noch ein paar Sekunden, dann antwortete er bestimmt: »Ja, das hat sie.«

»Hinter meinem Rücken? Na, da soll denn doch aber auch . . . Die will ich mir doch gleich mal . . .«

Sie wollte aufstehen. Jakob Eenboom aber hob die Hand:

»Ich bitte dich, Gesine, bleib' sitzen. Laß dir erst alles erzählen und vor allem: sei nicht hart gegen Gaddi. Ihr Gemüt ist wund genug.«

»Eine heimliche Liebe? O Gott ja, das sind so diese neuen Zeiten! Das kommt davon, daß sie in Dresden gewesen ist!«

»Nun, heimliche Lieben haben wir früher auch gehabt, meine gute Gesine, als noch kein Mensch daran dachte, daß man von Krukeluhn jemals nach Dresden reisen könnte. Soviel ich weiß, hättest du dich auch lieber mit deinem Apotheker trauen lassen als mit Pawel Mackeprang.«

Ärgerlich schüttelte Gesine den Kopf, daß die Haube wackelte: »Ach, laß doch diese alten Geschichten. Das war ganz was andres.«

»Ja, was wir selber getan haben, das ist dann immer ganz was andres gewesen.«

»Und ich hab' den Apotheker doch nicht genommen, ich bin unsern Eltern gehorsam gewesen. So gehört sich das, und so soll es bei meinen Töchtern auch sein. Verlaß dich drauf.«

»Du willst also gar keine Rücksicht darauf nehmen, daß Gaddis Herz anderswo ist als bei Osewald?«

»Mal sehen. Wenn es ein ordentlicher Mensch ist –«

»Ich glaube nicht, daß das gute Kind jemand lieb haben könnte, der es nicht verdiente.«

»Weißt du denn, mit wem sie es hält? Es ist ja freilich eine Schande, daß ich als Mutter so fragen muß. Ich als Mutter ahnungslos bei solchen Geschichten! Das hat man davon, wenn man immer so gut ist zu seinen Kindern. Man kann sich abmühen und sorgen und ihnen alles so machen, wie sie es nur haben wollen. Undank ist einmal der Welt Lohn.«

Sie schnob vernehmlich ins Tuch. Dann wurde sie heftig:

»Nun sag' es doch endlich! Wie heißt er denn?«

»Claudius.«

»Claudius? Was für 'n Claudius?«

»Gunnar Claudius. Euer Redakteur.«

Gesine Mackeprang richtete sich steil empor und saß da wie ein Bildwerk von Stein. Ihr Mund blieb vor Schreck offen stehen, ihre Augen sahen ganz starr auf ihren Bruder hin. Es dauerte lange, bis sie die Sprache wiederfand:

»Jakob, was du mir da erzählst, – du bist ja wohl nicht recht bei Trost!«

»Na, lieber Himmel, Gesine,« Onkel Jakobs Ton war sehr unwillig, »nun faß' dich nur ein bißchen. So was Fürchterliches ist das denn doch nicht. Herr Claudius ist ein Mensch, gebildeter als wir alle, und er hat auf mich, wenn ich ihn mal gesehen habe, den allerbesten Eindruck gemacht. Höflich und bescheiden. Und seine Familie, worauf du immer so viel gibst, ist doch lange nicht die schlechteste. Er sagte mir mal, sein Vater spielt in einer großen Musikkapelle mit, und seine Mutter ist, wie ich gehört habe, sogar eine berühmte Klavierspielerin.«

Die gesamte Krukeluhner Patrizierverachtung gegen alles, was mit der Kunst zu tun hat, lag in der Art, wie Gesine Mackeprang, indem sie halb die Augen schloß, den Kopf schief zurückbog und die Mundwinkel herabzog, das eine Wort wiederholte:

»Klavierspielerin!«

»Ja, gute Gesine, es gibt auch Frauen, die ihr Brot selbst verdienen. Sogar mit der Kunst.«

Da hatte Onkel Jakob in seinem Zorn über den Krukeluhner Hochmut einen Fehler begangen. Sehr scharf fragte ihn seine Schwester:

»Arbeite ich vielleicht nicht? Meinst du, daß ich was Besseres tun könnte, als für unser Haus zu sorgen?«

Jakob beschwichtigte sie schnell:

»Nein, Gesine. Du füllst deinen Platz aufs beste aus. Nur finde ich, du solltest nicht auf andere herabblicken, weil sie sich ihr Leben nicht so einrichten, wie wir es hier nun einmal gewohnt sind.«

»Was gehen mich die Leute da draußen überhaupt an? Gar nichts. Und das mit Gaddi und mit diesem Claudius –« sie sann nach, und plötzlich ging ihr ein Licht auf: »Ach so! Darum hat sie sich immer die ausländischen Zeitungen aus der Redaktion geholt! So betrügt man seine Mutter! O nein! Das ist bitter für mich arme Frau!«

»Liebe Schwester, viel weiß ich alter Junggeselle nicht von der Liebe, aber das ist mir doch klar, ohne kleine Listen geht es nicht dabei ab, wenn zwei sich gut sind. Die schließen die übrige Welt von sich aus, auch die Mutter. Das solltest du also deinem Kinde nicht übel nehmen. Es fragt sich nur, wie du dich im ganzen zu Garderuts Neigung stellst.«

Frau Mackeprang machte ein mürrisches Gesicht, und ihre Augen gewannen einen kalten, bösen Schein.

»Mich stellen? Das fragst du noch? Osewald und denn der Redakteur? Lies du man Montag Abend die Zeitung, dann wirst du schon sehen, wie ich mich stelle.«

»Sei milde zu unserer Gaddi, Gesine, Hör' auf mich! Überleg' es dir, ob du deine Tochter nicht unglücklich machst und ob du nicht doch lieber nachgeben willst, wenn die beiden jungen Menschen dich um deinen Segen bitten.«

»Segen? Jawohl! Die sollen ihren schönen Segen von mir kriegen!«

»Es steckt viel Unbarmherzigkeit in dir, liebe Schwester.«

»Ach was. Du wirst ja alt, Jakob! Komm doch zur Vernunft. Sag' doch selber: wie kann ich denn Osewald wohl wegschicken, wenn er seinen Antrag um Gaddi macht? Ich mache mich ja lächerlich, wenn ich ihm dann sagen wollte: ja, lieber Osewald, du mußt vielmals entschuldigen, aber meine Tochter will lieber unsern Redakteur heiraten.« Sie lachte schrill auf. »Nein! Was 'ne Idee! Unsern Redakteur!«

Man kann nicht behaupten, daß Onkel Jakob mit hoffnungsfreudiger Seele zur Stadt gepilgert war, aber je länger dies Gespräch sich hinzog, desto mehr erkannte er, daß er mit seinen Worten eher eine dicke Wand von Mauersteinen hätte bewegen können als das Herz seiner Schwester. Nie würde sie ihre Einwilligung dazu geben, daß Garderut ihrer Liebe folgte, nie würde sie es dulden, daß Garderut sich weigerte, Osewald die verstorbene Thronde zu ersetzen. Das wiederholte sie immer, und dabei blieb es.

»Montag steht es im Blatt.«

Alles, was ihr Bruder schließlich von ihr erreichte, war ein halbes Versprechen: sie wollte es Garderut nicht gar zu unsänftlich büßen laßen, daß sie solche Heimlichkeit getrieben hatte.

Betrübt wanderte Onkel Jakob zum Glannbecker Tor hinaus.

In Mackeprangs Hause aber nahm die Sache den Lauf nach Gesines unbeugsamem Willen. Sie erschien in der Redaktion, wo Herr Claudius gerade einen schönen Aufsatz über den Ausgleich der sozialen Gegensätze schrieb.

»Sagen Sie mal, Herr Claudius,« begann sie, »glauben Sie eigentlich, daß mein Sohn die fünfhundert Taler Gehalt, die er Ihnen bezahlt, man bloß so wegwerfen kann?«

»Das versteh' ich nicht, Frau Mackeprang.«

»Haben Sie hier nichts Besseres zu tun, als jungen Mädchen Grabben in den Kopf zu setzen?«

»Sie meinen. . . .«

»Unterstehen Sie sich noch ein einziges Mal, meine Tochter anzureden, dann kriegen Sie es mit mir zu tun! Das ist ja unerhört mit euch beiden! Aber ich will euch! Mal hatten wir einen Redakteur, der hat meine Köchin geheiratet. Da hab' ich nichts dagegen gehabt. Aber meine Tochter, Herr Claudius, das merken Sie sich: die ist nicht für'n Angestellten zu haben!«

Sie knallte die Tür hinter sich zu. Nach zwei Minuten war sie in der Stube, wo Garderut voller Ängsten saß. Was würde wohl Onkel Jakobs Fürsprache nützen? Ein einziger Blick auf die eintretende Mutter belehrte sie: nichts hatte er für seine kleine Gaddi tun können. Frau Mackeprang sagte:

»Ich will ganz gut zu dir sein, siehst du? Wir machen alle mal unsere Fehler. Aber das sag' ich dir in allem Ernst: von dieser Stunde an ist es mit dir und dem da hinten aus. Sonst kannst du was erleben, mein Deern. Glaube man nicht, daß ich mir auf der Nase herumtanzen lasse. Und hüte dich, daß Osewald irgend was erfährt. Es macht immer einen schlechten Eindruck, wenn sich ein junges Mädchen mit jemand abgegeben hat, der nicht zu ihr paßt.«

»Mutter, ich bitte dich so viele, viele Male –«

»Zu reden ist da weiter nichts. Sei froh, daß du so davon kommst. Damit basta!«

So war die Scheidewand zwischen den beiden Herzen aufgerichtet. Aber bei aller Angst, die Garderut vor ihrer Mutter hatte: ein einziges Mal mußte sie die Schranke noch übersteigen, Gunnar mußte wissen, wie alles gekommen war.

Als er einmal über den Hof in das kleine Maschinenhaus hineinging, winkte sie ihm von ihrem Fenster aus zu. Mit tödlichem Bangen schlich sie sich dann in die Nische, wo sie so glückselige Augenblicke erlebt hatte. Er kam.

»Ich soll mich verloben, Gunnar.«

»Wehre dich! Bleibe bei mir, Garderut! Oder komm mit mir! Ich bringe dich zu meiner Mutter. Die versteht alles.«

Garderut schüttelte das Haupt:

»So etwas kann ich nicht, Gunnar.«

Er mochte noch so sehr in sie dringen, sie solle wider alle Fährnisse, die ihrer Liebe drohten, stand halten, – er mochte ihr die Zukunft fern von Krukeluhn noch so köstlich ausmalen: das Krukeluhner Mädchen konnte wohl eine wahre und tiefe Neigung empfinden, aber zum eigentlichen Kämpfen dafür oder gar zu einer raschen Entscheidung besaß es nicht Stärke genug.

»Ich wag' es nicht.«

»Dann hast du mich auch niemals wirklich geliebt.«

Schwer sank Garderut unter diesem Vorwurf zusammen:

»Doch, Gunnar, und vergessen werde ich dich nie, aber gegen Mutter und die andern alle, – ich kann unmöglich gegen sie angehen.«

»Leb wohl!«

Kale war inzwischen von seiner Mutter darüber unterrichtet worden, wie schlecht sich sein Redakteur benommen hatte. Garderut den Kopf zu verdrehen, – unglaublich! Kale tat es leid, daß die Mutter gar nichts von der Liebe seiner jüngsten Schwester wissen wollte. Ihm wäre es durchaus nicht welterschütternd vorgekommen, wenn Garderut den Redakteur heiratete. Er selber hatte es durchgesetzt, daß er ein einfaches Mädchen heimführte. Er hatte sich auch, obgleich er der Gebieter des Geschäftes war, außerhalb seines Vaterhauses eine gemütliche kleine Wohnung genommen, um seiner Mutter möglichst wenig zu begegnen. Ja, aber er war auch immerhin ein Mann, und die Söhne genossen selbst in Krukeluhn wenigstens einige Freiheit des Handelns und Wählens. Doch über die Töchter herrschte das uneingeschränkte Elternrecht, und im Mackeprangschen Hause war sogar immer das Mutterrecht maßgebend gewesen, denn Pawel Mackeprang, Gesines Mann, hatte zu den feinen Naturen gehört, die sich leicht unterdrücken lassen.

Kale wußte Bescheid, – wenn Mutter nicht wollte, kriegte Garderut ihre Liebe nie. Den Mackeprangschen Töchtern ging es nicht anders als den weiblichen Sprößlingen, die aus fürstlichen Wiegen stammen. Sie heirateten nicht, sondern sie wurden verheiratet.

Das hatte Thronde erfahren, das hatte auch Ellina in gewisser Weise durchgemacht. Der Postinspektor, den sie kennen lernte, als sie bei einer Freundin in Schwerin zu Besuch weilte, war begütert und von Adel. Da hatte es denn für Gesine Mackeprang keinen Zweifel gegeben, daß Ellina seinem Antrag gehorchen mußte. Zum Glück brauchte diese dabei ihr eigenes Herz nicht zu etwas ihm Unlieben zu zwingen. Aber Garderut?

Arme kleine Deern, dachte der gute Kale. Helfen kann dir kein Mensch.

Gunnar Claudius kam zu seinem Brotherrn:

»Wenn es sein kann, Herr Mackeprang, – ich möchte um meine Entlassung bitten, sobald als möglich.«

»Das ist ja schade, Herr Claudius. Sie haben unser Blatt nett in Schwung gebracht. Daß Sie so viel aus der Rahner Geschichte abdrucken, das gefällt hier sehr. Und für den Roman haben Sie eine feine Nase. Die Frauen sind jeden Abend wie toll danach. Und nun wollen Sie uns verlassen?«

»Ich bitte, Herr Mackeprang. Ich nehme an, daß Sie wissen, warum. Ich halte es in Krukeluhn einfach nicht mehr aus. Am liebsten möchte ich schon morgen fort.«

»Geht Ihnen denn das mit meiner Schwester so nahe?«

Gunnar antwortete nicht. Er beugte nur den Kopf tief herab. Kale gab ihm die Hand:

»Denn hilft das ja nichts, Herr Claudius. Da müssen wir Lehrer Grünfeld bitten, ob er einspringen und die Redaktion so lange führen will, bis ich einen Nachfolger für Sie habe. Aber wo wollen Sie hin?«

»Ich finde schon einen Platz.«

»Na, denn will ich Ihnen wenigstens ein Vierteljahrsgehalt auszahlen, damit Sie nicht in Verlegenheit kommen.«

»Danke, Herr Mackeprang.«

Herr Grünfeld, ein alter Lehrer außer Diensten, der immer auf den Redaktionssessel stieg, wenn der richtige Leiter des Rahner Hausfreundes krank oder auf Urlaub war, kam, und Gunnar Claudius packte sein Köfferchen und verließ Krukeluhn, ohne Garderut noch einmal gesprochen oder auch nur gesehen zu haben.

Der Herr Senator Dr. Stümpemann machte seine hoch feierliche Aufwartung bei Frau Gesine Mackeprang und bekam, von dieser sehr eifrig, von Garderut sehr zaghaft, das erwünschte Jawort, und Montag Abend stand dann, wie Frau Mackeprang es vorausgesagt hatte, die Verlobungsanzeige im Blatt.

Eine schöne Rosenranke war herumgedruckt.



15. Kapitel.
Alte Briefe, welke Blätter, –
Wie so grün und lebensfrisch.

Die Brautzeit sollte nicht lange dauern. Weshalb auch? Von Throndes Aussteuer war noch das meiste da und für Garderut sehr gut brauchbar.

Garderut war eine blasse, aber auch eine gefügige Braut, und weil Osewald sich nie unzart gegen sie benahm, war ihr das Dasein durchaus nicht unerträglich. Es wußte ja niemand, wie vertraut sie mit Gunnar gewesen war. Auch die Mutter konnte es sich nicht vorstellen, daß es zwischen den beiden zu Zärtlichkeiten gekommen war. So weit warf sich ihre Tochter doch wohl nicht weg, wenn sie denn auch eine törichte Schwärmerei für den blonden Jüngling gehabt hatte.

Zu Osewald, dem natürlich der jähe Abschied des Redakteurs aufgefallen war, sickerte zwar etwas von dem durch, was sich ereignet hatte, aber da der verständige und zum Guten redende Kale ihn aufklärte, so vernahm er kein Wort, das ihn hätte beunruhigen können. Er nahm Kenntnis von der Sache wie von einem belanglosen Aktenstück, das man durchsieht und in den Schrank legt. Erledigt für ewige Zeiten.

Auch Garderut gegenüber erwähnte er nichts. Es ging tatsächlich nicht an, daß er, der Senator Stümpemann, sich auch nur dem geringsten Verdacht einer eifersüchtigen Regung auf einen Redakteur aussetzte.

Der Mensch war nun weg, das genügte, und wenn der kleine Lockenkopf da ein bißchen zu warm gefühlt hatte, so war das gar nicht übel, denn es zeugte von Temperament. Und darauf freute sich Herr Senator Stümpemann.

Der Brautstand war sehr ehrbar, beinahe kühl zu nennen. Dann und wann ein Kuß, damit gab sich Osewald schon zufrieden.

Garderut hatte erst davor zurückgeschaudert, wenn sich seine Lippen ihrem Munde näherten, aber nach und nach gewöhnte sie sich daran und verweigerte ihm seine Bräutigamsrechte nicht.

Sie verbrachte ihre Zeit still und arbeitsam, und ihre Mutter lobte sie:

»Hab' ich mir gleich gedacht, meine Gaddi, du schlägst nicht aus der Art, wenn du auch mal eine kleine Dummheit machst. Du dankst es mir jetzt schon, das merk' ich wohl, daß ich da nicht erst was aufkommen ließ, was dich ins Unglück gebracht hätte. Fahr' man so fort. Dann hab' ich meine Freude an dir.«

Von Gunnar hörte Garderut nichts. Er zürnte ihr natürlich und verachtete sie, weil sie nicht alles hatte stehen und liegen lassen, um mit ihm in die weite Welt zu fliehen. Das mußte sie eben tragen. Es kam wohl noch einmal die Zeit, wo er wieder gut von ihr dachte.

So fand sie sich, da Osewalds ganze Art und Weise wirklich nichts Abstoßendes, sondern noch eher etwas Anziehendes für sie hatte, allmählich in ihr Schicksal, und es stieg jetzt zum ersten Male eine Ahnung in ihr auf, daß Onkel Jakob vielleicht recht hatte mit seinen Versen:


»Laßt uns bescheiden stehen,
aufs goldne Pünktlein sehen,
das sei der Freud' genug.«


*


Garderut saß vor dem Mahagonisekretär, einem alten Familienerbstücke, das ihr als Schreibtisch diente. Thronde hatte den Sekretär zur Aussteuer mitbekommen, und als sie dann so krank lag und fühlte, daß sie bald ins düstere Reich hinunter mußte, hatte sie mit großer Bestimmtheit und Aufbietung ihrer letzten Willenskraft verlangt, dies Stück solle wieder ins Elternhaus zurückgebracht werden, und zwar solle es niemand anders gehören als ihrer Lieblingsschwester.

In der Mitte seines inneren Baues zeigte der Sekretär eine Tür. Dazu führte von der Schreibplatte eine kleine Treppe aus hellem Holze hinauf, die an jeder Seite eine Säule trug. Am Fuße der einen Säule hatte sich ein Tintenfleck eingenistet. Unwillkürlich rieb Garderut mit dem Finger darüber hin, als könne sie ihn dadurch beseitigen.

Dann stutzte sie: die Säule saß nicht fest, Garderut schob sie leicht beiseite, und nun wurde ein Loch frei, worin etwas Eisernes blinkte. Garderut drückte darauf, da sprang die Treppe ein wenig vor.

Das junge Mädchen hatte durch Zufall eines jener Fächer entdeckt, die man früher gern in den Hausrat hineingeheimniste.

Sie zog die kleine Schublade ganz heraus. Da lag ein Bündel Briefe darin, mit einem blauen Bande umwunden, und das Bild eines Mannes ruhte zuoberst.

Garderut löste das Band. Briefe an Thronde? Ja. Etliche davon, die schon etwas vergilbt aussahen, hatten auf ihren Umschlägen die Aufschrift: Fräulein Thronde Mackeprang. Bei den andern lautete sie: Frau Senator Dr. Stümpemann.

Garderut konnte der Versuchung nicht wiederstehen, sie holte diesen und jenen Brief aus seiner Umhüllung hervor.

Da erfuhr sie denn, daß sie noch ganz etwas anderes entdeckt hatte als nur ein geheimes Fach in einem alten Sekretär. Sie ward kundig der geheimen Liebe, womit im Herzen Thronde einst Osewald gefolgt war.

Es waren Briefe voller Glut, voller Schwüre nieversiegender Leidenschaft, voll des innigsten Flehens: Komm zu mir! Brich mit allem, was du Familie nennst! Vertraue mir! Höre auf die Stimme deines Gewissens, das dir verbietet, einen ungeliebten Mann zu nehmen, einem ungeliebten Manne zur Seite zu bleiben!

Mit dem Namen Ernst waren diese Briefe unterzeichnet. Sonst war nicht zu ersehen, wie der Absender hieß. Sein Bild wies Züge auf, die Garderut entfernt an Gunnars Gesicht erinnerten.

Und Thronde hatte diese Briefe nicht unbeantwortet gelassen, weder als unverlobtes Mädchen, noch als Braut, noch als Frau, denn der Schreiber nahm auf ihre Worte Bezug. Er dankte ihr, weil sie ihm ihre innerliche Treue versichert, er bemitleidete sie, weil sie ihm ihr trauriges Leben geschildert hatte. Er kam immer wieder damit, daß er ihre Einwendungen, sie könne sich ihr Schicksal nicht selber schaffen, zu erschüttern suchte. Selbst als sie ihm geschrieben haben mußte, sie sei jetzt Mutter, sie dürfe doch ihr Kind nicht verlassen, da wollte er das entkräften: Wenn du mich wahrhaft liebst, hält dich selbst das Kind nicht zurück. Komm, Thronde!

Durch alle feurigen Briefe las sich Garderut hindurch. Der letzte war noch kurz vor Throndes Tode geschrieben worden.

Einmal hatten sich die beiden jedenfalls während Throndes Ehe irgendwo getroffen. Denn auf dem einen Blatt stand:

»Diese Erinnerung, Thronde, an unsere heilige Stunde. Wie sie mich je und je durchrieselt. Habe Dank, Dank, Du Herrliche!«

So etwas war denkbar? So ging es in der Welt zu? Das hatte Thronde erlebt? Das hatte sie erleben können? Und mit solcher Liebe im Herzen war sie Frau Senator Stümpemann geworden und gewesen?

Das Blut hämmerte Garderut in den Schläfen. Sie mußte Luft haben. Weit öffnete sie das Fenster. Dann hatte sie gleich Angst, es könne jemand kommen und die Briefe sehen. Rasch raffte sie das Bündel zusammen, tat das Band wieder darum, und nun?

Verbrennen? Das widerstrebte ihr, als hätte sie kein Recht dazu, und ihr schien auch, die Flammen müßten Thronde noch im Grabe wehe tun.

Onkel Jakob sollte Rat wissen.

Garderut eilte nach Glannbeck hinaus:

»Nun weiß ich, Onkel Jakob, weshalb mir Thronde den Sekretär vermacht hat und in den letzten Tagen so oft davon sprach, daß ich ihn immer benutzen müsse.«

»Weshalb denn, mein Liebling?«

»Diese Briefe habe ich darin gefunden.«

»Briefe?«

»Ja. Die niemand anders lesen durfte, und die Thronde doch, weil sie zu krank lag, nicht mehr vernichten konnte.«

»Was steht denn drin?« Jakob Eenboom streckte die Hand nach dem Bündel aus. Garderut antwortete:

»Daß Thronde jemand anders liebte als Osewald.«

Der Alte zog die Hand zurück:

»Dann darf sie auch kein anderer anrühren als du, mein Kind. Dir hat Thronde sie vermacht.«

»Aber ich mag sie nicht mehr behalten. Es ist besser, sie verschwinden, damit sie niemals Unheil anrichten können.«

Jakob Eenboom besann sich einen Augenblick, dann sagte er:

»Komm.«

Er ging mit ihr unter die Obstbäume, nahe dem Wasser. Da hob er zunächst mit dem Spaten ein viereckiges Stück Rasen aus, dann grub er ein tiefes Loch:

»Leg' sie hier hinein, mein Kind. Da stört sie keiner auf.«

Garderut tat, wie ihr geheißen war, und schaute lange hinab. Da lagen die Briefe, mit dem blauen Bande umwunden, und das Bild zu oberst darauf. Garderut pflückte ein paar Blumen und streute sie in die Gruft.

»So, kleine Gaddi,« sagte Onkel Jakob, ließ die Erde auf die Briefe fallen und fügte dann sorglich das Rasenstück wieder ein. Kein Mensch sah, daß dort etwas eingegraben war. »So. Nun laß sie sacht vermodern.«


*


Als Garderut heimkehrte, gab ihr Kale unten im Hausflur einen Brief:

»Hier ist was für dich gekommen, – gut, daß es Mutter nicht in die Hände fiel. Ich kenne die Schrift. Nimm dich ja in acht, Schwesting. Es hilft nun doch nichts. Laß dir nicht von ihm schreiben, hörst du?«

»Ich kann nichts dafür, Kale.«

»Glaub' ich wohl, aber er sollte es nicht tun.«

Ja, ein Brief von Gunnar Claudius.

Garderut öffnete ihn auf ihrer Stube. Nein, Gunnar zürnte ihr nicht, er verachtete sie auch nicht. Er wollte sie sogar begreifen. Sie mußte ihrer Umgebung gehorchen. Das gehörte mit zum Krukeluhner Leben, zur Krukeluhner Stimmung, die er künstlerisch verstand. Aber mochten sie auch getrennt sein, seine Liebe konnte und wollte er deshalb nicht ersticken, und er wußte: sie hatte nicht gelogen. Ihre Liebe war ebenso unvergänglich wie die seine.

Es war dies die Stunde, worin das Mädchen Garderut seelisch zum erfahrenen Weibe ward.

Mit einem rätselvollen Lächeln legte sie Gunnars Brief an die Stelle, wo die Ergüsse geruht hatten, an denen sich Thronde sicherlich immer wieder erlabte, wenn die Wirklichkeit ihr gar zu nüchtern, trüb und leer war.



16. Kapitel.
Auf Straßen und in Gassen.

Noch ein paarmal schrieb Gunnar an Garderut, die den alten gutmütigen Briefträger leicht zu bestimmen wußte, daß er alles, was für sie ankam, auch nur in ihre eigenen Hände legte. Eine Weile empfand sie bloß, wie schön es war, die von Sehnsucht und Liebe überquellenden Worte einzuschlürfen, bald aber erwachte das Bewußtsein in ihr, daß sie Unrecht täte, indem sie diese Briefe annahm, und vor allem fühlte sie: solch ein Doppelleben als Senator Stümpemanns Braut und als die Angebetete des stürmischen Herzens da draußen mußte ihr Inneres auf die Dauer zerreißen.

Darum setzte sie sich hin und antwortete Gunnar:

»Wenn Sie mir wirklich gut sind, dann schreiben Sie mir nicht mehr.« – Er gehorchte ihr.

Damit hatte Garderut ihr Gewissen beruhigt, wurde fröhlicher und mutiger und bereitete sich mit Ernst darauf vor, Osewalds Frau und des kleinen Karstens Mutter zu werden.

Ja, und dann wurde wieder eine große Hochzeit in Freunds Hotel gefeiert, und Gesine Mackeprang war wieder so gerührt:

»Nein, sieht unsere Gaddi nun nicht ganz so aus wie damals Thronde? Ja, die wird unserm lieben Osewald wirklich alles ersetzen, was er verloren hat.«

Darüber waren sich denn auch alle Gäste mit Gesine Mackeprang einig, und sie waren womöglich noch vergnügter als auf Ellinas Hochzeit, denn Garderut zog doch nicht in die kalte nackte Fremde hinaus, sondern kam hier in ihr warmes Nest.

Und sie feierten das junge Paar, mischten sich ein Glas Champagner mit Rotwein und einem Schuß Kognak, – das tat der lieben Seele von Grund aus wohl, – und dann klingten sie mit ihren Gläsern aneinander und ließen die schöne Weise erschallen:

»Ling ling ling, didelum bumm-bummel!

Lustig ist der Hochzeitsrummel.

Wird man auch mal tüchtig duhn,

schad't ja nichts in Krukeluhn.«

Über die Sundbrücke donnerte der Wagen mit den Neuvermählten, und sie fuhren in die weite Welt hinaus, in Krukeluhn aber ging das Leben genau wie zur Zeit, da Garderut bei ihrer Schwester damals in Dresden weilte, seinen ebenen, sachten Gang.

Pasche Stümpemann, der sehr zufrieden damit war, daß sein Bruder Senator jetzt wieder für die Vermehrung der Stümpemänner sorgen wollte, beherrschte mit seinem starken Gebräu die Stadt und die ganze Insel. Kein Festlandsbier kam gegen seinen Trunk auf. Im kleinsten Dorfkruge wie in Freunds Hotel, dem vornehmsten der Krukeluhner Gasthöfe, trank man sein Glas Stümp, und Pasches eigene Bierstube saß immer voll von lustigen Zechern.

Sein blanker Gerstensaft gab Kraft und Leben, und oft tönte zu später Stunde an den Tischen mit den vergnügten Gästen das Lied:

»Hast du in Kopf, Leib oder Bein

so recht ein büschen Wehdagspein,

denn trink' man ein, zwei, drei Glas Stümp,

dat helpt di wedder up de Strümp!«

Zu noch späterer Stunde sang man denn auch wohl: Fünf, sechs, sieben oder gar zehn, elf, zwölf Glas Stümp. Ging es aber in noch höhere Zahlen hinein, so konnte man das, was die Krukeluhner dann taten, nicht gut mehr singen nennen.

Der Seminardirektor war ja, keineswegs ohne den Einfluß seiner lieben Cäcilie, recht bedenklich wegen des Mißbrauchs geistiger Getränke, wie Pasche ihn unzweifelhaft förderte, aber das väterliche Erbteil, das Görges in der Brauerei stecken hatte, trug doch sehr angenehme Zinsen, und so überließ er es seiner Frau, wider den vielen Biergenuß zu eifern, und begnügte sich damit, in seiner Lehranstalt einen Stamm echt christlicher Erzieher heranzubilden.

Es ging klösterlich strenge her unter seinem Regiment, – ihm war die Art und Weise, wie Pastor Pugepind die Lehre verkündigte, viel zu lässig und milde. Überhaupt an Pastor Pugepind fand der Herr Lizenziat manches auszusetzen.

War es nicht unerhört, daß der Geistliche zu jeder Amtshandlung zu spät kam?

Ja, der Seminardirektor hatte leicht tadeln; für seine Unpünktlichkeit aber konnte der gute Krukeluhner Hauptpastor wirklich nichts, daran waren bloß die bösen Jungens schuld.

Pastor Pugepind war es nämlich unmöglich, irgendeinen Gegenstand, und wäre es die geringste Kleinigkeit, die er auf der Erde sah, liegen zu lassen. Das wußten die Jungens, und wenn sie nun ausgekundschaftet hatten, daß zu der und der Stunde eine Taufe oder eine Trauung stattfinden sollte, – selbst Begräbnisse waren der argen Jugend nicht heilig! – so schnitten sie sich die Hosenknöpfe ab, – ein Stück Bindfaden hielt die Hose ebenso gut, – nahmen den Deerns die Haarnadeln und Schleifen weg, füllten Tüten mit Sand und bestreuten den Weg, den Pastor Pugepind gehen sollte, aller zehn Schritte mit diesen Dingen.

Pastor Pugepind trat im Talar aus seinem Hause. Sieh, da blinkerte ihm auf der Straße gleich etwas entgegen, und er konnte sich nicht helfen, er mußte sich bücken und den Knopf aufheben.

So tauchte denn nun den ganzen Weg entlang seine hagere Gestalt alle Augenblicke nieder. Seine schwarze Tracht bauschte sich dabei, und die Bäffchen wehten. Es war, als mache er einen Prozessionsgang mit fortwährenden Kniebeugungen.

Die Krukeluhner Jungens aber gingen hinter ihm her und freuten sich. War es ein Wunder, wenn Pastor Pugepind auf die Art niemals zum richtigen Glockenschlag kam? Stand er dann endlich an seinem Orte und sprach seine Segensworte, während seine langen Arme emsig in der Luft herumschwangen, so klirrten in seiner Talartasche die abgebrochenen Schlüssel, Korsettstangen und was er sich sonst unterwegs aufgesammelt hatte.

Er speicherte alle seine Funde bei sich zu Hause auf, wo er und seine Frau ein scheues Leben führten und sich kaum das bißchen tägliche Brot gönnten.

Der Pastor sägte und zerhackte sich auch sein Holz selber, und wenn nun einmal ein Stück recht schön kantig ausfiel oder wenn es recht hübsch gemasert war oder sonst irgendeinen Reiz hatte, da brachte er es nicht über sich, den Ofen damit zu heizen, sondern er nahm es und schichtete es bei den schon früher aufbewahrten Stücken unter seinem Bette übereinander. Und weil es seine Leidenschaft war, alle möglichen alten Sachen, und wäre es selbst gebrauchtes Schuhwerk gewesen, auf Vorrat einzukaufen, wenn er es nur recht billig erhielt, so bildete seine ganze Wohnung mit den vielen Kisten und Kasten ein wunderliches Lager, und es sah dort gar nicht viel anders aus als in dem kleinen Trödelladen am Kuhgang, dessen Besitzerin ein altes verschrumpftes Judenweiblein war.

Als Tippelschickse (Landstreicherin) war sie einst mit ihrem Landstreicherkerl nach Rahne gekommen. Der kriegte auf dem Felde Streit mit einem andern fahrenden Gesellen und wurde erschlagen. Des Mädchens nahm sich die Polizei an, sie sollte in ihre Heimat abgeschoben werden, aber eine gute Frau wollte für sie sorgen, und während sonst noch niemand von ihrem Volke in Krukeluhn geduldet wurde, gestattete der Senat ihr auf Fürsprache jener Frau ausnahmsweise den Aufenthalt.

Da blieb sie, die im fernen Galizien geboren war und den Namen Schöne Taube Chodorow erhalten hatte, lange unter freundlicher Obhut, bis sie sich soviel erspart hatte, um, wie es in ihrer Natur lag, ein kleines Geschäft anzufangen. Nun wohnte sie in dem recht verfallenen und auch nicht sauberen Hause und handelte mit allem, was ihr denn zugetragen wurde. Alte Kleider, Bücher, Möbel, – sie nahm und verkaufte alles und hatte keineswegs nur niedere Kundschaft. O nein! Selbst so hochgeborene Herren wie Herr Senator Stümpemann ließen sich wohl mal in der Bude sehen, denn die Schöne Taube hatte einen feinen Spürsinn und keinen schlechten Geschmack. Sie erwarb manchmal von den Bauern und aus Erbschaften Geräte und Schmucksachen von nicht geringem Wert. Das war schon was für einen Kenner. In der Hinterstube aber betrieb sie außerdem die Wahrsagekunst, und manches Krukeluhner Jungfräulein kam zur Dämmerung in den Kuhgang gehuscht und blickte bei der Schönen Taube in die sonderbar erleuchtete, blau schimmernde Glaskugel hinein, die von der Decke herabhing. Ein Mädchen brauchte nur lange genug hinzusehen: unfehlbar erschien ihr dann deutlich das Bild ihres Zukünftigen in dem Glase.

An warmen Sommerabenden aber saß die Schöne Taube, die freilich ihren Namen schon längst nicht mehr verdiente, oben auf dem flachen, durch Bohnenranken zu einer Laube umgewandelten Dache ihres Holzschuppens. Da hatte sie eine Art Laute und sang mit ganz dünner Stimme schwermütige Lieder aus ihrer Heimat. Zitternd klang es:


»Es wässerte das Mädchen Hanf
im weißen Sommerkleid,
da kam ein schmucker Bursch und pries
die schwarzen Augen der Maid.

Ei wahrlich! Verkauften sie im Kram
auch schwarze Äugelein,
ich ging und kaufte sie sogleich
für meinen Liebsten ein.«


Das war so ein Stücklein seltsam anmutender, fremder Naturkunst in Krukeluhn, aber es wuchsen auf diesem Boden auch echt einheimische künstlerische Triebe. Dafür sorgte Glaser Bast, der sein sehr bunt angestrichenes Haus am Kakabellenweg hatte.

Glaser Bast war ein großer Mann mit scharf geschnittenem Gesicht, rollender Sprache und weihevoll ausladenden Armbewegungen; er verstand sich gut darauf, Bilder einzurahmen und Fensterscheiben einzukitten, aber sein Herz weilte nicht bei dieser Handwerkerei, sondern im Himmel Thalias und Melpomenes.

Er hatte eine kleine Operettenchoristin geheiratet, die mal mit ihrer Gesellschaft hierhergekommen war, und seine Söhne besaßen alle ihre Absonderlichkeiten. Der eine war ein großer Zauberkünstler, der andere hatte sich auf dem Hofe des väterlichen Geweses ein Indianerzelt errichtet und war nicht zu bewegen, unter einem ordentlichen Dache zu schlafen. Der dritte hatte sich der Alchemie in die Arme geworfen und erfand ein über das andere Mal das Goldmachen. Bloß, daß die dummen Menschen das, was in seinem Tiegel schimmerte, nicht als echt anerkennen wollten.

Glaser Bast und seine Frau aber waren die Begründer eines dramatischen Klubs und gaben mit ihrer Künstlerschar, die meist aus Ladenjünglingen und kleinen Schneiderinnen bestand, in Freunds Hotel die schwersten Stücke: ›Hinko der Freiknecht‹, ›Die Heimkehr des Sängers‹, ›Lorbeerbaum und Bettelstab‹.

Vor nichts schraken sie zurück, und Glaser Bast spielte immer die Heldenrollen. Ein Drama, worin er nicht wenigstens einmal starb, sah er nicht für voll an; seine Frau war die Heroine, die Sentimentale und die Naive, je nachdem es das Stück verlangte.

Am großartigsten waren die beiden, wenn er den Othello wütete und sie die Desdemona hauchte. Was Grausigeres, als wenn er mit hohlen Tönen zu ihr sprach: »Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?« konnte man sich überhaupt nicht denken, und wenn er sie zuletzt anpackte, war der wachthabende Stadtsoldat immer im Zweifel, ob er nicht zuspringen und den offenbaren Mord verhindern müsse.

Direktor Bast, wie er sich am liebsten nennen hörte, und seine Getreuen, die er stramm in Zucht hielt, hatten großen Zulauf. Freunds Saal war immer voll besetzt, wenn die grünen Zettel an den Ecken klebten: ›Heute große Vorstellung, ›Die Räuber‹.‹

Einer der eifrigsten Theaterbesucher war Rentjeh Meefs aus der Rosenstraße. Er hatte seinen Stammplatz immer vorne, dicht beim Klavier und bei der Geige, und kein Gott und kein Mensch konnte ihn davon abbringen, während der Aufführung seine lange Pfeife zu rauchen. Othello war sein höchstes Vergnügen.

»Ich seh' es immer gern,« sagte er, »wenn der alte Nigger seine Frau abmurkst. Sonst ist das ja Unsinn: um so'n altes Taschentuch! Oha! Wenn ich meine Frau jedesmal kalt machen wollte, wenn sie ihr Taschentuch verliert, denn wär' die all lang nich mehr am Leben.«

Bot jemand Rentjeh Meefs eine Zigarre an, so dankte er vielmals, indem er die Finger militärisch an sein gesticktes Käppchen legte:

»Ach, lieber Herr, das lassen Sie man, ich bin mehr so eine pfeifenrauchende Rasse.«

Lud ihn einer zu einem Glase Wein ein; dann pflegte er auch häufig abzulehnen:

»Nehmen Sie mir es nicht übel, ich trinke eigentlich lieber mein Glas Stümp. Ich gehöre mehr so zum biertrinkenden Volk.«

Aber einmal im Monat bekam Rentjeh Meefs doch Sehnsucht nach einem guten Schluck, wie er sich ausdrückte.

Dann ging er zu Freund, setzte sich in die kleine Nebenstube und bestellte sich beim Kellner eine halbe Flasche Wein. Der Kellner war indessen noch nicht zur Tür hinaus, du rief ihn Meefs zurück und meinte:

»Ja, . . . eine halbe? Wissen Sie: Sie können mir eigentlich gleich eine ganze bringen. Und natürlich zwei Gläser. Für mich allein wär' das ja sonst zu unbescheiden. Zwei Gläser. Ich warte nämlich noch auf einen Herrn aus Neustadt.«

»Jawohl, Herr Meefs, gern,« entgegnete der Kellner und schmunzelte, denn er kannte die Gewohnheit seines Gastes.

Die Flasche und die beiden Gläser wurden gebracht, und Rentjeh Meefs sog den süßen Saft der Traube mit Wohlbehagen ein, trat aber öfters mal in die Tür der großen Schankstube und tat sehr aufgeregt, weil der Herr aus Neustadt noch immer nicht da sei.

»Da sitz' ich nun mit der großen Flasche. Ist mir ja viel zu viel! Ja, was hilft das? Ich muß sie denn wohl schließlich allein austrinken. Das hat man davon, wenn andre nicht ihr Wort halten.«

Auf die Art konnte er sich nach Herzenslust an einem vollen Trunke erfreuen und wahrte doch seiner Ansicht nach den Schein eines mäßigen Mannes. Er kam sich bei diesem Spiel sogar sehr schlau vor, aber eines Tages, als er wieder vor seinem Wein und den beiden Gläsern saß und dabei mit scheinbarer Ungeduld zum Fenster hinausblickte, wo denn nur der Erwartete blieb, da stürzte der Kellner zu ihm herein:

»Herr Meefs! Der Herr ist da!«

»Was für'n Herr?«

»Der Herr aus Neustadt, auf den Sie immer warten.«

»Ach, du bist ja wohl mall, Jung'!«

»Nee, nee, Herr Meefs!«

Und schon zeigte sich auf der Schwelle des Zimmers ein geschniegelter und gebügelter Mann mit einer großen Mappe. Der ging wortreich auf den ihn verblüfft anstarrenden Meefs zu:

»Wie liebenswürdig von Ihnen, daß Sie mich erwartet haben, mein Herr. Also hat meine Firma mich Ihnen angemeldet? Ich war bei Ihnen im Hause und erfuhr, daß Sie hier seien.«

»Angemeldet? Wieso?«

»Ja, wenn Sie doch auf mein Kommen rechneten?«

Der Herr schaute das zweite Glas und schenkte sich ein:

»Sie gestatten? Ein bißchen staubig auf der Landstraße.«

Was konnte Rentjeh Meefs tun? Er mußte seinen Wein mit dem ja so lang ersehnten Gaste teilen. Der war sehr durstig und genoß noch eine zweite Flasche, selbstverständlich auf das Wohl und die Rechnung seines gütigen Einladers. Als Rentjeh Meefs dann den Schaden besah, hatte er sich ein ganzes Konversationslexikon aufschwatzen lassen, denn der Herr aus Neustadt war ein Buchhandlungsreisender.

Seitdem kam es dem alten Meefs nicht mehr darauf an, beim Kellner einen soliden Eindruck zu machen. Er bestellte sich, was er brauchte, und befahl sehr nachdrücklich:

»Wenn da wieder so ein Kerl aus Neustadt kommt, dann sagst du, ich bin schon längst weg. Verstanden?«

Einen Vorteil hatte es nun freilich doch, solch ein Lexikon zu besitzen. Man konnte manches daraus lernen, was sich bei Stümpemann am Stammtisch in der Gesellschaft der Herren Lehrer und Postsekretäre gut anbringen ließ. Da galt man als ein gebildeter Mensch. So überwand Rentjeh Meefs nach und nach den Schrecken, der ihm bei dem längst erwarteten und doch so unheimlich unerwarteten Besuch aus Neustadt in die Glieder gefahren war, setzte sich mit seinen Mitbürgern zusammen, war mit Gott und der Welt zufrieden und stimmte dann und wann in das Krukeluhner Nationallied ein:


»Hast du in Kopf, Leib oder Bein
so recht ein büschen Wehdagspein,
denn trink' man drei, vier, fünf Glas Stümp,
dat helpt di wedder up de Strümp!«



17. Kapitel.
Wo blieb dein Glanz, du bunte Welt?

Garderut machte an Osewalds Seite eine seltsame Hochzeitsreise.

Als sie in Zürich ihre Unterkunft fanden, rief er überrascht aus:

»Diese Zimmer hab' ich mit Thronde auch gehabt!«

Als sie auf dem römischen Markte standen und Garderut sich ermüdet niederließ, da sagte er:

»Ja, Thronde wurde das lange Gehen hier auch zu viel. Gerade auf dieser selben Bank haben wir miteinander gesessen.«

Als sie in die blaue Wundergrotte zu Capri einfuhren, sah Osewald lange den Ruderknecht an.

»Du,« bemerkte er dann zu seiner Frau, »ich glaube wahrhaftig, das ist derselbe Mensch, von dem Thronde und ich uns damals fahren ließen.«

Thronde, immer nur Thronde.

Die Reise ging genau denselben Weg, den Osewald und seine erste Frau genommen hatten. Es wurden nach Osewalds damaligen Aufzeichnungen dieselben Museen in derselben Reihenfolge besehen und dieselben Landschaften besucht. Der Aufenthalt dauerte überall gerade so lang, wie ihn Osewald das erste Mal bemessen hatte. Ja, die Gleichheit der beiden Hochzeitsreisen erstreckte sich sogar auf bis Speisen, die Osewald bestellte.

»Dies Gericht mochte Thronde am liebsten.«

Garderut, deren höchstes Sehnen immer danach gestanden hatte, Neues, Großes, Schönes kennen zu lernen, schien es, als sei der ganze, warm durchsonnte Himmel mit einem grauen Staube durchsetzt, der das goldene Licht ins Fahle verkehrte und sich mit seiner dicken, verdumpfenden Kruste über allen Glanz der Welt legte. Ja, sie meinte, sie habe die Städte mit ihren Schätzen, die Berge mit ihren Fernsichten, die Menschen mit ihrem eigenartigen Aussehen alle schon längst gekannt und erblicke sie jetzt zum oft wiederholten Male. Da hatte denn nichts von dem, was sie schaute und erlebte, noch den Reiz der Neuheit; es war für sie alles schon bis auf den Grund ausgekostet, alt und langweilig.

Sie schleppte sich innerlich müde von Ort zu Ort. Sie konnte weilen, wo sie wollte, – eine Bereicherung ihres Geistes, eine Erfrischung ihrer Seele empfand sie nirgends.

Sie war zu gutherzig und hatte auch zu sehr die Achtung des viel jüngeren Weibes vor dem Manne von gereiften Jahren, als daß sie Osewald ihre tiefe Verstimmung merken ließ. Aber sie heuchelte auch kein besonderes Frohsein. Sie war in ihrem Wesen gleichmäßig ruhig, etwas wortkarg, tat alles ohne Widerspruch mit, was Osewald unternahm, äußerte kaum einmal einen eigenen Wunsch, zeigte ihrem Gatten niemals Launen oder Ungeberdigkeiten und war also durchaus die Frau, die der gesetzte Mann nötig hat. Osewald ahnte nicht, daß sie etwas vermißte, und noch weniger kam es ihm je zu Sinne, daß er sie mit seinen fortwährenden Erinnerungen an Thronde quälte. Im Gegenteil! Da er wußte, wie sehr die beiden Schwestern aneinander gehangen hatten, so glaubte er sicher, es müsse Garderut nur lieb sein, wenn sie recht viel darüber erfuhr, wo er mit Thronde gewesen sei und was dies und jenes Bauwerk, dies und jenes Gemälde für einen Eindruck auf sie gemacht habe.

Also erzählte er ihr geflissentlich immer wieder von Thronde und war sich dabei nicht einmal bewußt, daß ihm in der Tat das Gedächtnis an seine erste Hochzeitsreise letzten Grundes wertvoller war als die Wirklichkeit, die er auf der Fahrt mit seinem zweiten Weibe genoß.

Thronde überall, Garderut nur ihre Stellvertreterin.

Und die Liebe, die auch in Garderuts Herzen noch immer für ihre verstorbene Schwester lebte, wirkte so stark, daß sich die junge Frau manchmal Mühe gab, alles mit Throndes Augen zu betrachten. Sie kam sich klein, unbedeutend und beschränkt vor, wenn ein Denkmal, vor dem Thronde in ehrfürchtigem Staunen gestanden hatte, ihr eigentlich gar nichts sagen wollte. In solchen Augenblicken konnte sie sich dazu zwingen, nicht ganz aufrichtig zu sein. Sie sprach dann eine Bewunderung über das Marmor- oder Erzbildnis aus, die ihr nicht von Herzen kam. Denn sie hatte die Angst, wenn sie die Wahrheit sagte, daß ihr jene Figur nichts galt, so erkannte Osewald, wie weit sie hinter Thronde an Verständnis und Feingefühl zurückstand.

Deshalb arbeitete Garderut in schmerzlicher Hast daran, ihr Empfinden über die ihr angeborene Höhe hinaus zu steigern. Sie wollte durchaus so denken und urteilen wie Thronde.

Osewald vernahm nicht das Falsche oder wenigstens Gezwungene in ihrem Ton und freute sich nur darüber, wie ähnlich sich doch die Geschwister in ihren Anschauungen und in ihrem Geschmack waren.

Nur das eine, was freilich mit dem Betrachten von Kunstwerken nichts zu tun hatte, fehlte ihm in dieser ersten Zeit dann und wann noch bei Garderut: jenes leidenschaftliche Aufwallen, wodurch ihn Thronde entzückte.

Garderut war vor seiner Zärtlichkeit sehr zurückhaltend, und seine Jahre waren da allerdings ihre Bundesgenossen, denn obgleich er in der Erinnerung an seine erste Frau sehr wünschte, daß ihm von Garderut auch in der Liebe alles so geboten würde, wie Thronde es für ihn hatte, – ein klein wenig träger floß sein Blut doch schon . . . sein Verlangen war nicht so stürmisch wie damals, als er Thronde mit sich fortriß.

Vor Thronde hatte er knieen können, – vor Garderut . . . nun, es wäre ihm nicht mehr recht seiner Manneswürde entsprechend vorgekommen, wenn er sich zu ihren Füßen niedergeworfen und ihre Kniee umklammert hätte.

So wurde Garderut in ihrem verborgensten, zartesten Weibtum nicht durch diesen Mann verletzt, dessen Nähe ihr ja auch nicht etwa Grauen einflößte, mit dem sie aber doch kein völliges Verschmelzen erleben konnte. Und diese seine Rücksicht, – denn dafür hielt Garderuts gutes Herz Osewalds sich immer in gewissen Schranken haltendes Benehmen, – war die Ursache, daß sie sich nach und nach vertraulicher an ihn schmiegte.

Sie war nun einmal an ihn gebunden und auf ihn angewiesen, und – sie war ja doch auch ein Geschöpf von Fleisch und Blut.

Es ereignete sich bisweilen, daß in der gewährenden Freundlichkeit, womit sie sich ihrem Gatten schenkte, ein Heischen nach Heißerem ruhte, und Osewald war glücklich: hier sah er das Aufbrechen jener Blüte, zu der Thronde sich entfalten konnte.

Ja, wer weiß, ob nicht Garderut aus diesem ihrem urpersönlichsten Spenden und Ersehnen zu der Macht gelangt wäre, Thronde allmählich bei Osewald zu verdrängen, wenn ihr Mann nicht eines Tages das Schlimme begangen hätte, sie auch in dem, was jeder Frau das Heiligste ist, zu dämpfen.

Ein trauliches Beisammensein.

Garderut saß an Osewald gelehnt.

Er küßte ihr den Hals. Sie erschauerte leicht und umschlang ihn.

Nach langem Schweigen sagte er: »Ja, wie du in allem Thronde gleichst, in jeder Regung, in jeder . . .«

Sein Blick streifte über ihre Gestalt hin.

Da dünkte es sie, daß sie an eine Säule gebunden stehe und mit eisigem Wasser überschüttet werde.

Auch hier, auch im Allerheimlichsten, wo jeder Mensch, und besonders jede Frau ganz eigen und für sich ist, – auch hier war sie ihm nur eine Wiederholung deren, die er geliebt hatte, nur der Ersatz für das Verlorene?

Tief beleidigt schloß sie die Brosche, die er ihr tändelnd geöffnet hatte, und glitt von seiner Seite fort.

Aus der Gewährerin, ja aus der Wünschenden war sie für immer zur Dulderin geworden.



18. Kapitel.
Das Lebendige ist tot, und das Tote lebendig.

Der etwa siebenjährige Karsten war gutartig und folgsam, und daher wurde es Garderut, nachdem sie in das Senatorshaus eingezogen war, nicht eben schwer Mutterstelle an dem Knaben zu vertreten.

Sie war überhaupt eine tüchtige Frau, viel fester und bestimmter, als man nach ihrer sonstigen, recht zartfühlenden und sogar etwas weichen Gemütsanlage hätte vermuten sollen.

Von innerem Leide gereift, zwang sie sich zu der Tapferkeit: niemand, selbst ihr Mann nicht, durfte merken, was sie mit sich abgemacht hatte.

Ihr jäh zerstörter Liebestraum, die Härte ihrer Mutter, die Gewißheit, daß Osewald sie schließlich nur aus sehnsüchtigem Andenken an seine erste Frau genommen hatte, – das waren Erlebnisse und Erfahrungen, die ihren Zügen eine Strenge und ihrem Auftreten einen Ernst gaben, wie sie sich, – nun ja, wie sie sich gerade für eine Senatorsfrau geziemten.

Von Jugend auf kannte sie die Art der Krukeluhner Patrizierdamen, und es fiel ihr leicht, sich nun auch die nötige Gemessenheit anzueignen.

Das war nebenbei das Bequemste. Hinter dieser Maske war sie geborgen. Wie sie wirklich aussah, wie es wirklich um sie stand, das ging keinen etwas an. Sie hatte ihre Pflicht übernommen und erfüllte sie mit Unermüdlichkeit.

Fräulein Katinka war aus dem Hauswesen des Senators ausgeschieden, denn Garderut wünschte nicht die Nebenregierung, die solch eine treue Seele, wenn sie lange in einer Familie geweilt hat, allemal ausübt. Garderut hatte auch grade genug daran, daß ihr Osewald fast täglich aufzählte, wie Thronde dies und jenes angeordnet und gemacht habe, – Fräulein Katinka brauchte ihr das nicht auch noch zu betonen.

Osewald gab seiner Frau nach, obgleich es ihm leid tat, das alte Mädchen, in dessen Armen seine erste Frau gestorben war, nun zu verlieren.

Diese Änderung war denn auch ziemlich die einzige, die er in seinem Hause gestattete, im übrigen wachte er eifrig darüber, daß alles blieb wie zu Throndes Zeiten. Und wirklich: diese war ja das Muster einer Hausfrau gewesen. Garderut brauchte nur auf dem Wege ihrer Schwester weiterzuschreiten, und es gab nichts, was ihr nicht wohlgelungen wäre, nichts, womit sie ihren Mann nicht durchaus zufriedengestellt hätte.

Da Osewald niemals etwas in scharfem Tone beanspruchte, so kam Garderuts freundliches Herz immer wieder ganz von selbst dazu, ihm alles möglichst so einzurichten, wie er es immer gehabt und geliebt hatte. Bis in die geringsten Kleinigkeiten ähnelte sich Garderuts äußeres Sein dem ihrer toten Schwester an. Sie trank aus Throndes Tasse, – in den Schränken lag viel schimmerndes Linnen, das Thronde einst getragen hatte. Sollte es verkommen? Das ging doch nicht an. Also diente es jetzt Garderut.

Sie sah ein, das war das Vernünftige, und doch, und doch! Jenes Zeug beklemmte sie, daß sie keinen Atem bekommen konnte.

Lag sie in Throndes Bett, dann war ihr oft zu Mute, als sei sie selber die Gestorbene und ruhe im Sarge dort unten, – Thronde aber wandelte noch auf Erden.

Oder war es so, daß Thronde ihrer Schwester die Seele aus dem Körper gesogen hatte, um diesen Körper mit ihrer eigenen Seele zu erfüllen?

Garderut richtete sich oft voller Grausen auf, wenn ihr dieser Gedanke kam: das Tote war lebendig, und das Lebendige war tot!

Lange starrte sie grell wach ins Dunkel, – wenn aber der Tag anbrach, erhob sie sich dennoch frisch. Die Arbeit rief, und ihr Schaffen war doch ihr Eigentum, wenn es denn auch nach dem Willen ihres Mannes in Throndes Sinne geschah.

Eine untadelige kleine Senatorsfrau war Garderut, und wenn Bruder Kale sie wehmütig ansah und fragte:

»Na, wie geht es dir denn, mein klein Schwesting?« dann schüttelte sie ihm wacker die Hand und schaute ihn mit hellen Augen an: »Danke, lieber Kale, sehr gut. Was sollte mir wohl fehlen?«

»Ja, ja, du bist ein wahres Prachtstück von Menschenkind!« sprach Kale, »dich müßte man immer auf Händen tragen.«

Auch ihre Mutter ließ Garderut nicht den geringsten Einblick in ihre Schmerzen tun. Sie war nie viel Zärtlichkeit, höchstens dann und wann mal Ausbrüche weinerlicher Weichseligkeit von dieser gewohnt und hatte selbst nie das Bedürfnis gehabt, recht nahe bei ihr zu sein. So fand sie jetzt mühelos den achtungsvollen Ton, den eine Tochter ihrer Mutter schuldet, sie wußte es aber auch ganz gut zu erreichen, daß Gesines großmütterliche Sorge für Karsten nicht zu weit griff, und sie benutzte ihre verstorbene Schwester nun selbst, um Frau Mackeprangs übereifrigen Einfluß auf die Erziehung des Knaben zu beseitigen. Denn wenn die Mutter ihr im Ohre lag, dem kleinen Karsten allerhand zu schenken oder ihn lieber mal ein paar Tage aus der Schule zu behalten, weil er bleich aussehe, so wehrte sich Garderut gegen alles, was ihr unverständig vorkam, indem sie einwarf: »Das würde Thronde sicher nicht getan haben. Ich mache es am liebsten so, wie ich mir denken muß, daß es ihr recht wäre.«

Dann stieg der Rührungsspringquell Frau Gesine in die Augen: »Ach ja, du bist ein gutes Kind. Dann mach' es auch nur so, mein Süßing.«

Auf die Weise gewann Garderut hier durch List eine kleine Selbständigkeit, freilich ohne daß sie von Thronde freikam.

Trotz aller Beengtheit spürte sie keinen wirklichen Groll weder gegen ihre Mutter, die sie zu dieser Heirat gezwungen, noch auch gegen Osewald, der sie als Stellvertreterin seiner lange betrauerten ersten Frau genommen hatte. Sie war zu sehr in den Krukeluhner Familienanschauungen erzogen worden, hatte früher Ähnliches, wie sie es erleben mußte, schon zu oft bei anderen Mädchen gesehen, um nicht davon durchdrungen zu sein, daß die Leibeigenschaft der Töchter etwas schlichtweg Notwendiges und Unabänderliches war.

Und noch eins kam hinzu, was Garderut über viel Trübes hinweghalf: sie hatte ihre echt weibliche Freude daran, zu den vornehmsten Frauen der Stadt zu gehören. Ja, sie war in Wahrheit die allererste, denn die Frau Bürgermeister Fabricius und die Frau Senator Konning kamen gar nicht in Betracht. War ein Wohltätigkeitsfest zu eröffnen, war ein Regierungsbeamter zu begrüßen oder fand sonst irgend etwas unter Anteilnahme des Rates statt, so fiel Garderut wie einst Thronde die gesellschaftliche Aufgabe zu, der sie sich gern und geschickt unterzog. Also hatte die Welle ihres Lebens, wie dunkel sie ihr oft erschien, doch ihr leuchtendes Pünktlein.

Hinter der kleinen Holztreppe im Mahagonisekretär aber, den die junge Frau wieder ins Senatorshaus mit hinübergenommen hatte, ruhten die heimlichen Briefe. – Es war alles, wie wenn hier niemand anders wohnte und waltete als Thronde.



19. Kapitel.
Kommt herbei, ihr alten Wogen!

Im Rauhen Loch war große Sitzung. Die zehn, zwölf Tische der niedrigen Gaststube, deren Balkendecke von ein paar freistehenden Eichenstämmen getragen wurden, waren von Handwerkern und andern kleinen Bürgersleuten dicht besetzt.

Dicker Pfeifenqualm zog in grauen Schwaden über die Gäste hin und verdunkelte die hängenden Petroleumlampen. Dem tiefbraunen Stümpemannbier mit dem zähen, gelblichen Schaum wurde fleißig zugesprochen.

Nahe bei der Schänke saß Bäcker Tystrow und hatte ein altes Buch vor sich, woraus er las, um dann und wann innezuhalten, einen gehörigen Schluck zu tun und seine Bemerkungen und Erklärungen einzustreuen:

»Ja, ihr Leute!« sagte er und schlenkerte mit dem rechten Arm hoch in der Luft herum, »so hat das früher mal hier bei uns in Krukeluhn ausgesehen. Da könnt ihr euch zu verlassen!« Er klopfte mit Macht auf das Buch. »Was hier drin steht, das stimmt. Ja, das soll sich einer nur denken! Eine ganze Karawane von Arabern und Bulgaren und Kasaren, – so hießen die Kerls, – eine ganze Karawane, . . . das war zu der Zeit, als Kaiser Karl noch lebte, – ist hier heraufgekommen, und nachher haben sie das alles beschrieben, was sie hier erlebt und gesehen haben, und deshalb wissen wir, was bei uns losgewesen ist. Ja, da hatten wir noch unsern schönen Hafen. Hört mal zu!«

Er senkte den Kopf wieder ins Buch und las mit eindringlicher Betonung:

»Und während der folgenden Tage fanden die Reisenden erwünschte Gelegenheit, einen Einblick in das bunte Getriebe des Hafenplatzes zu tun. Am Landeplatz waren die größeren Handelsschilfe angelegt, die vorzüglich mit Holz, Knochen, Hirschgeweihen, Eberzähnen, Schleif- und Flintsteinen befrachtet waren und in Krukeluhn durch Vermittlung einer Unzahl von kleineren Böten ihre Ladung löschten, um statt ihrer das weitberühmte Korn des Wendenreiches einzunehmen. Etwas weiter hinaus lagen die Schiffe, die aus Semland gekommen waren, um die kostbaren Marderfelle der Pruzzen gegen leinene Gewänder umzutauschen, welche die Handelsleute aus Sachsen nach Krukeluhn gebracht hatten. Als nun die Reisenden durch die Straßen der Stadt wanderten, da wurden sie belehrt, daß die Fertigkeit in mancherlei Handwerken und Kunstgewerben allhier einen nicht zu verachtenden Grad von Vollkommenheit erreicht habe. Sie sahen allerlei aus Knochen trefflich gearbeitete Pfeile, Pfriemen und Nadeln, Kriegswaffen und Schmuckgegenstände aus Hirschgeweihen und Eberzähnen, vorzügliche Streitäxte, Dolche, Opfermesser und Keile aus Flintstein, manch kunstvollen Bernsteinschmuck und auch manch Geschmeide aus Gold und Silber. Und wenn sie schon aus der Lage der Stadt ihre Schlüsse gezogen hatten auf deren seltene Festigkeit gegen feindlichen Angriff, so mußte es solche Schlüsse nicht wenig bestärken, als ihnen eines Abends der Fürst von der Burg aus seine stattliche, am Ausgange des Hafens ankernde Kriegsflotte zeigte, indem er ihnen erklärte, dem großen Kaiser Karl zahle er willig den geforderten Tribut, denn dem wahrhaft Großen, wenn er das Szepter der Gerechtigkeit führe, beuge sich ein edler Mann gern, aber dem räuberischen Dänen wolle er die Zähne zeigen, und ihr verruchtes, von fremdem Gut sich mästendes Fleisch solle es noch zu spüren bekommen, wie ein Wendenmaul zu beißen verstehe. – Na? Was sagt ihr nun?«

»Ja, warum haben wir denn das schöne Wasser nicht mehr bei der Stadt?« fragte Maurer Kagel.

»Das kann ich euch leicht auseinanderklüstern,« entgegnete der Bäcker, »ganz einfach, weil der Rat nicht seine Pflicht getan hat. Da sind natürlich Jahre gekommen, wo es hier nicht solcher Betrieb im Hafen war, und da haben unsere verehrlichen Herren nicht dafür gesorgt, daß immerlos gebaggert wurde. Nein, sie haben das schöne, klare Wasser verschlammen lassen, und was sind wir nun? Eine kleine Inselstadt, abgeschnitten von der Welt, und kein Hahn kräht mehr nach Krukeluhn.«

»Wenn wir aber erst die Eisenbahn kriegen!« warf Johann Knoop, der Gemüsehändler, ein.

» Eisenbahn?« fuhr ihn Tystrow an. »Was sollen wir damit? Dann kommen hier Tag für Tag zwei drei Züge an, wenn es den hohen Herren von der Regierung beliebt. Können die uns was nützen? Sind wir dann freie Männer? Das bild' dir man nicht ein! Und brauchen wir dann vielleicht nicht erst eine ganze eiserne Brücke über'n Sund? Und wer soll die bezahlen? Habt ihr es nicht gelesen, als die Sache im Landtag vor war? Unsere Stadt soll sie selbst bezahlen. Haben wir so viel in der Kasse? Sitz' ich nicht im Bürgerausschuß? Muß ich das nicht wissen? Das gibt eine verdeubelte Schuldenwirtschaft, sag' ich euch, und hilft uns nichts. Unsern Hafen müssen wir wieder haben. Dann können sich Rostock und Kiel und wie die andern Städte alle heißen, einfach verkriechen!«

»Na, so'n Hafen auszugraben, das hat man doch auch nicht umsonst,« bemerkte Weber Lubahn mit Bedacht.

Tystrow trumpfte auf:

»Sind wir Krukeluhner oder nicht? Haben wir Vaterlandsliebe in den Knochen oder nicht? Muß uns daran liegen, daß wir einfachen Bürger wieder zu Macht und Gewalt in der Stadt kommen oder nicht?«

»Ja, ja, ja, gewiß,« murmelten etliche.

»Also, dann weiß ich auch Rat. Das Krukeluhner Volk soll sich seinen Hafen selbst wieder schaffen!« rief Tystrow. »Haben wir nicht Muskeln in den Armen? Können wir nicht die Schaufeln schwingen, daß es man so blitzt?«

Wieder trank er mächtig, sein Gesicht rötete sich tief. Er stand auf, und in seiner Redeweise war etwas von dem, was die alten Volksaufwiegler hatten, wenn sie ihre Freunde wider die Obrigkeit hetzten:

»Selbst ist der Mann, Leute! Wir bilden einen Bund. Jeder unterschreibt, daß er auf'm Tag zwei Stunden graben will. Das soll nicht schaffen? Oho! Habt ihr eine Ahnung! Und wenn dann die Wohlweisen im Rat erst sehen, daß die Krukeluhner Bürgerschaft ernst macht, dann sollen sie auch wohl Arbeiter ins Land ziehen.«

»Na, siehst du wohl? Da haben wir ja denn die Pastete,« meinte Steinmetz Gerling, »zuletzt müssen wir doch berappen.«

»Gerling, besinn' dich!« entgegnete Tystrow. »Umsonst ist nicht mal der Tod. Und was bringt uns das denn nicht ein, wenn wir erst wieder Seehandel treiben! Das lohnt sich anders als so 'ne jämmerliche Eisenbahn. Leute, redet nicht!« Der Bäcker erhitzte sich immer mehr. »Hier handelt es sich um ganz was Großes: daß Krukeluhn wieder das wird, was es zu Kaiser Karl seiner Zeit gewesen ist. Und da will einer von euch zurückstehen?« Mit weit ausgestrecktem Arm wies Tystrow zur Tür hin: »Der soll man machen, daß er aus dem ›Rauhen Loch‹ herauskommt. Hier können wir bloß Vaterlandsfreunde gebrauchen! Leute, ich frag' euch auf Ehr' und Gewissen, wollt ihr den Bund gründen oder nicht? Kurz und knapp nennen wir ihn Hafenverein. Da weiß jeder, was damit gemeint ist. Und wer dazu gehört, der steckt sich die weißblaue Kokarde an den Hut. Die Rahner Farben, die sollen wieder was gelten auf der Welt! Wollt ihr oder nicht?«

Das ist ja so, wenn ein Hauptmacher solche Versammlung in der Hand hält, kann er mit ihr tun, wozu er Lust hat. Und Vereine gründeten die Krukeluhner überhaupt gern. Darauf ließen sich immer nett ein paar Glas Stümp trinken.

Einige waren begeistert von dem Vorschlag und erhoben sich zum Zeichen ihrer Zustimmung, andere saßen noch zweifelnd da, wagten es aber nicht, sich auszuschließen, und nur einige wenige drückten sich sacht aus der Gaststube, und das war Tystrow gerade lieb, denn auf die Art wurde er seine Gegner los.

»Schenk' die Seidel voll, Krüger!« rief er, »daß wir den Hafenverein hochleben lassen können, und hier –« er holte sein Merkbuch heraus, »hier schreibt ihr alle eure Namen hinein, damit unsere Nachkommenschaft für ewige Zeiten weiß, wem sie es zu verdanken hat, daß Krukeluhn wieder seinen alten guten Ruf bekommt.«

Stümpemanns Trunk tat seine Wirkung, der Hafenverein wurde fleißig eingeweiht, und alle erschienen sich selber als die Retter ihrer Vaterstadt.

Tystrow aber nutzte die Gunst der Stunde aus, um immer mehr Gewalt über seine Mitbürger zu erlangen und immer mehr Ruhm an seinen Namen zu knüpfen.

»Ich weiß noch was, ihr Leute,« fing er wieder an. »Was sollen wir noch lange warten? Wer hat uns erst was zu erlauben? Je eher wir an die Arbeit gehen, desto besser, und deshalb mein' ich, wir ziehen noch heute abend hinaus und tun den ersten Spatenstich für unser großes Werk. Dann kann keiner mehr zurück, und der Rat muß uns nachgeben, ob er will oder nicht.«

»Weißt du denn auch, wo das Wasser eigentlich gewesen ist?« fragte Höker Meyer.

»Ob ich das weiß?« entgegnete Tystrow mitleidig. »Denkst du, ich würde euch hier mit solchen Geschichten kommen, wenn ich mir nicht alles genau durchstudiert hätte? Hier!« und dabei schlug er das Buch wieder auf und entfaltete eine darin eingeheftete Karte. »Hier seht ihr es. Zum Südertor raus und dann auf das Stadtmoor müssen wir gehen. Da war der Hafen, und da soll er auch wieder hin, so wahr ich Tystrow heiße. Krüger, hol' mir mal 'n Spaten. Wer es redlich mit Krukeluhn meint, der kommt mit mir, und wer hier bleibt, der versäumt was, was er im Leben nicht nachholen kann!«

Ja, die erhebende Feier des ersten Spatenstiches für den neuen Hafen wollten sie alle mitmachen und lärmten nun hinter ihrem Anführer her, der die Schaufel wie ein Gewehr geschultert trug.

Die Straßen waren schon leer. Der halbe Mond beleuchtete sie schwach. Hier und da sah jemand besorgt zum Fenster auf den Zug hinab, aber du liebe Zeit, aus dem ›Rauhen Loch‹ kamen oft Gäste, die sangen oder sich sonstwie laut unterhielten. Das war also heute nicht gerade was besonders Aufregendes.

Durchs Tor auf die Heide, aufs Moor, an die Stätte, wo einst die Wogen geblinkert hatten. Dort den Hügel hinauf, den eine Kiefer krönte. Tystrow immer voraus, mit dem entschlossenen Gesichte des Volksbezwingers, selbstbewußt aufstampfend und sich schweren Schrittes in den Hüften wiegend. Dann und wann warf er einen Blick hinter sich, ob ihm seine Getreuen auch alle folgten.

Nun hatten sie die kleine Anhöhe erreicht und machten halt.

»Seht mal hin!« sagte Tystrow und wies südwärts über das Moor hinweg. »Da hinten ist die See. Könnt ihr sie rauschen hören? Kameraden, die wollen wir wieder bis hier heran lassen!« Er schwang den Spaten über dem Haupte. »Das soll ein Leben werden!«

Kraftvoll stieß er das Eisen in die Erde und warf dreimal den ausgegrabenen Sand in weitem Bogen von sich über die Köpfe seiner Leute hinweg. Dann stemmte er den Fuß auf das Blatt, stützte den Ellenbogen auf den Griff und stand da mit der Miene eines Mannes, der sich wie sein eigenes Denkmal vorkommt.

In achtungsvollem Schweigen verharrten seine Genossen um ihn herum. Das war doch was Kolossales, solche Spatenstichfeier bei Nacht!

Nun ging es ja gar nicht anders, – der Hafen war schon so gut wie wieder ausgegraben.

Da kam Sergeant Schulz mit zwei Stadtsoldaten zum Tore herausgelaufen, so schnell ihre Behäbigkeit das zuließ, und der oberste Polizist von Krukeluhn fragte mit seiner vollen Amtsstrenge:

»Was machen Sie hier, meine Herren?«

Die andern Festteilnehmer wichen ein bißchen zurück; mit den Stadtsoldaten hatten sie nicht gerne was zu tun. Tystrow aber trat mutig vor:

»Wir haben hier Spatenstich gefeiert. Und so wird weitergegraben, bis wir ganz da unten angelangt sind.« Er wies auf die See.

Schulz besah sich nachdenklich die kleine Kuhle, die Tystrow ausgeworfen hatte, und sagte:

»Sie haben hier auf städtischem Gebiet nichts zu graben, wissen Sie das?«

Der Bäcker aber warf seinen Spaten wieder über die Schulter und meinte gleichmütig:

»Dann schütt' es meinetwegen wieder zu. Unsre Spatenstichfeier haben wir doch gehabt. Die macht keiner ungeschehen. Kommt man, Kameraden!«

Er ließ die Polizisten stehen, und seine Schar drängte ihm nach.

Schulz und seine zwei Stadtsoldaten traten die kleine Öffnung in der Erde zu, aber Tystrow hatte recht: die Feier war nun einmal vollbracht.

Stümpemanns Bier floß in Strömen, als Tystrow und die Seinen die Taufe des Hafenvereins weiter fortsetzten. Der geschichtliche Spaten aber wurde mit ein paar dicken Klammern an die Wand der Gaststube im ›Rauhen Loch‹ geheftet.

Er war geweiht für alle Zeiten und durfte zu keiner profanen Arbeit mehr verwendet werden.



20. Kapitel.
Dampf wider Wasser.

Ein Mackeprang war vor urlanger Zeit der erste Rahner gewesen, der Guttenbergs Kunst erlernt und nach Krukeluhn verpflanzt hatte. Er hatte auch schon das große Hintergebäude errichtet, wo jetzt noch die Setzer wirkten. Seine Hausmarke, ein nach unten zu gewandter, oben im Schaft durchkreuzter Pfeil, war noch an der Mauer zu sehen. Die Mackeprangs waren fleißig gewesen und hatten sich ein Privilegium vom Landesherrn geben lassen, daß niemand außer ihnen auf Rahne eine Zeitung herausgeben dürfe. Nun war der ›Rahner Hausfreund‹ bereits über hundert Jahre alt, und alle Rahner waren mit ihrem Blatte, das jetzt sogar täglich gedruckt wurde, recht zufrieden, denn Mackeprangs verstanden es, jedermann gerecht zu werden.

Sie taten dem Landmanne nicht weh, indem sie seine Arbeit und Wichtigkeit etwa unter die des Städters stellten, – sie kränkten auch den Städter nicht dadurch, daß sie etwa sagten, der Bauer sei doch der erste Stand.

Und auch innerhalb der Stadt fanden sich alle nach Gebühr in dieser kleinen, aber geschickt geleiteten Zeitung gewürdigt. Mackeprangs meinten es mit allen ehrlich gut und waren dabei zu großem Wohlstand gekommen.

Als daher nun Bäcker Tystrow und sein Verein anfingen, für ihren Hafenplan zu wirken, da wies Kale sie nicht hochmütig von seiner Schwelle, sondern er gab Gunnar Claudiussens Nachfolger auf, gerne einmal die Stimmen dieser für die Wiederbelebung alter Zeiten begeisterten Mitbürger in die Öffentlichkeit zu bringen, und es kam infolgedessen so weit, daß man Tystrows Pläne in Krukeluhn wirklich nicht für ganz unbeachtbar und unausführbar hielt.

Aber bei einem Manne stieß der Provisor auf den schärfsten Widerstand: Senator Konning erklärte in der Bürgerausschußsitzung die Absichten des Hafenvereins für keiner Besprechung würdig.

Man kann sich denken, daß Bäcker Tystrow dem Ratsmitglied, das die schönen heimlichen Provisoreinnahmen abgeschafft hatte, nun erst recht nicht mehr grün war. Aber Senator Konning buhlte nicht um die Gunst der Leute, sondern ging seinen stillen, graden Weg.

Ehrlichkeit und Ehre waren ihm alles, und furchtbar drückte es deshalb ihn und seine Frau, daß es ihnen nicht gelungen war, ihre beiden Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen.

Sie hatten die Tochter, die da glaubte, Begabung zum Malen zu besitzen, auf eine Akademie gesandt, aber sie warf sich an irgendeinen Menschen weg, und geriet mit ihrem Kinde ins Elend, bis sie sich endlich ihren Eltern zu offenbaren wagte. Die sorgten dann für sie, und zuletzt fand sich einer, der sie heiratete und dadurch ihre Schande deckte, aber es war ein ungebildeter und roher Geselle, den nur die paar tausend Taler gelockt hatten, die der Senator mühsam genug als Mitgift für seine Tochter aufbrachte.

Der Sohn war auf der Schule trefflich vorwärts gekommen und nach seiner Neigung Soldat geworden, aber da verfiel er dem Trunk, machte Schulden über Schulden, mußte den Offiziersstand verlassen, arbeitete bei einer Lebensversicherung, tat auch dort nicht gut, fing Agenturen an und kam mit dem Gesetz in Widerspruch. Dabei war er gutmütig, schrieb herzzerreißende Reuebriefe an seine Eltern, versprach ein über das andere Mal Besserung, und wo ist das Vater- und das Mutterherz, das solchen Tönen nicht immer wieder traut? Der Senator leistete Bürgschaft für ihn, richtete ihm dies und jenes Geschäft ein, allein es war alles vergebens. Der Sohn konnte sich nicht beherrschen, vernichtete sich selber in seinem Leichtsinn alle Aussichten und kam dann und wann in Krukeluhn an: sein Rock war zerrissen, der ganze Mensch vom Trunk aufgedunsen.

Konning und Frau gaben ihm immer wieder, was sie nur an Hab und Gut entbehren konnten, – die Mutter aus reiner Liebe, der Vater doch auch sehr aus dem Gefühl der Scham über seine verwahrloste Nachkommenschaft heraus.

Der Sohn zog ab, mit überströmenden Dankesworten, und alsbald war es die alte Geschichte: er hatte alles vertan.

Konning und seine Frau schränkten sich mehr und mehr ein, je älter sie wurden.

Der Senator kannte keine Erholung, keine Lebensfreude, es sei denn, daß er am Sonntage in seinem Bauernhäuschen weilte. Das lag eine Stunde weit vor der Stadt, am Eingang eines Dorfes. Der Senator hatte es vor vielen Jahren billig erstanden, und es war der einzige Genuß, den er sich gönnte, dort in seinem Garten auf- und nieder zu gehen und die Augen an seinen Blumen zu weiden, oder aber auf der Bank unter dem Strohdach im Sonnenschein zu sitzen, während seine Frau drinnen das ländlich bescheidene Mahl bereitete.

Da atmete der Mann wohlig auf, da wich der Druck, der sonst immer auf ihm lastete, ein wenig von seinem Herzen, und mit einem leisen Seufzer machte er sich, wenn der Tag sich neigte, wieder auf, um in die Stadt zurückzukehren. In der eisernen Pflichtarbeit, die er die Woche über leistete, war es immer sein Gedanke, der ihn doch ein bißchen froh machte: nächsten Sonntag konnte er hoffentlich wieder mit seiner Frau zum Häuschen hinauspilgern.

Niemand merkte ihm diese seine Sehnsucht an; es schien, als kenne er überhaupt nichts anderes als sein Amt, und kraft dieses Amtes trat er nun den Tystrowitern schroff entgegen.

»Nur die Eisenbahn kann uns heben und in den Wettbewerb mit den Städten des Festlandes bringen,« so war seine Rede. »Es ist eine Schmach, daß wir noch nicht an das große Verkehrsnetz angeschlossen sind. Wir sollten alles tun, sollten auch vor Anleihen und Opfern, ja vor einer Steuererhöhung nicht zurückschrecken, um dies einzige, unserer Stadt würdige Ziel zu erreichen. Die Hafensache ist eine Utopie, um nicht zu sagen eine Narrheit.«

Und der Senator setzte es bei seinem Kollegen Stümpemann durch, daß dem Hafenverein jegliche Graberei auf dem städtischen Moor entschieden verboten wurde. Allezeit stand da ein tapferer Stadtsoldat, dem strenge befohlen worden war, jeglichen zur Wache zu schaffen, der sich dort mit Hacke und Schaufel zu tun machte.

Ums Haar wäre es Tystrow selbst geschehen, als Gefangener durch die Straßen geführt zu werden, wenn er nicht schließlich das bessere Teil der Nachgiebigkeit erwählt und den Schauplatz seiner Spatenstichfeier verlassen hätte.

Der Bäcker schäumte vor Wut.

Er kam zu seinem Duzbruder Osewald gelaufen, um den zur Rechenschaft darüber zu ziehen, wie er es dulden könne, daß ein Bürgerausschußmitglied so von der Polizei behandelt wurde. Das Bild von Ohmsens brennender Scheune wurde dem Senator oft drohend vor die Augen gestellt, und Osewald war die Angelegenheit äußerst peinlich.

Er sah ein, Konning hatte recht, aber nach dem weisen Spruche:

»Man soll sie hören alle beide,

sonst tut einem einer was zu Leide«,

ließ er sich auch von Rinke Tystrow erzählen, was für eine Zukunft die Stadt haben würde, wenn unter ihren Mauern erst wieder Schiffe ankerten. Und Osewald Stümpemann versuchte, einen diplomatischen Mittelweg einzuschlagen, um die Gegensätze in der Stadt zu versöhnen.

»Könnte man nicht,« schlug er Konning vor, »die doch immerhin nicht unbeträchtliche Partei der Hafenfreunde vielleicht für die Eisenbahn gewinnen, indem man wenigstens den Graben, der von der ehemaligen Herrlichkeit übrig geblieben ist, erweitert. Der wird dann am Ende als Kanal tauglich.«

Konning ließ sich auf nichts ein:

»Solch ein schmales Wasser ist völlig zwecklos. Man muß einfach dabei verharren, daß der Vernunft der Sieg gehört. Krukeluhn muß sich schlank bereit erklären, die nötige Brücke über den Sund zu bauen, dann bewilligt uns der Landtag die Bahn ohne jede Schwierigkeit. Alles andere ist mit meinem Gewissen nicht vereinbar.«

Ja, wenn Konning von seinem Gewissen anfing, dann war eben gar nichts mehr zu machen, und doch hätte sich Osewald dem Bäcker und seinem Anhang gern gefällig gezeigt, denn es rückte ein Ereignis heran, worauf er scharf hinlugte.

Der weißhaarige Bürgermeister Fabricius hatte eine bald fünfzigjährige Tätigkeit im Dienste der Stadt hinter sich. Schon ihrer dreißig davon war er der oberste Beamte des Gemeinwesens. Nun dachte er daran, sich der tatsächlich wohlverdienten Ruhe hinzugeben. Wer aber sollte sein Nachfolger werden?

Das zu entscheiden, war die Sache von ganz Krukeluhn, denn jeder richtig Eingesessene hatte ein Stimmrecht bei der Bürgermeisterkürung. Es konnte sich auch jeder Mann von den nötigen wissenschaftlichen Graden um diesen Posten bewerben, seit alters aber war es der Brauch, daß einer von den beiden rechtsgelehrten Ratsherren zur höchsten Spitze der Krukeluhner Verwaltung emporstieg, und gemeiniglich trat bei dieser Wahl natürlich der Amtsjüngere hinter dem älteren zurück.

So war auch an sich wahrhaftig kein Grund vorhanden, den tüchtigen Senator Konning zugunsten Osewald Stümpemanns zu übergehen, indessen bei der Unbeliebtheit, die sich der unbeeinflußbare und hafenfeindliche Herr in den unteren Schichten zugezogen hatte, konnte man doch immer nicht wissen, wie sich die Dinge diesmal entwickelten.

Weil außerdem die in viele Häuser hineinverzweigten Familien Stümpemann und Mackeprang den Ehrgeiz besaßen, einen der ihrigen auf dem Throne zu sehen, wurde in Osewald selbst der Wunsch rege und reger, seinen Amtsgenossen zu überspringen.

Bürgermeister mit dem Namen Stümpemann gab es in Krukeluhns Geschichte schon drei. Warum sollte er denn nicht als Stümpemann IV. das Szepter ergreifen?

Es ließ sich in dieser Angelegenheit ja ganz langsam und in aller Ruhe arbeiten. Ein paar Jahre blieb Fabricius gewiß noch am Ruder. Man weiß, wenn alte Leute auch von Berufsmüdigkeit sprechen, sie haften doch an der gewohnten Beschäftigung, so lange es irgend geht.

Seinem älteren Kollegen fühlte sich Osewald durch nichts verpflichtet. Daß der bestimmt auf den Bürgermeisterplatz rechnete, war begreiflich, aber jeder ist sich eben selbst der Nächste, nicht wahr? In Dingen des Vorwärtskommens Rücksichten üben, das heißt töricht handeln und sein eigener Feind sein.

Konning würde sich, um sicher zu gehen, jedenfalls mit in die Reihe der Bewerber stellen; Osewald aber schwebte ein Mittel vor, um noch gewisser ans Ziel zu gelangen: er wollte sich bitten lassen, daß er in seiner Person der Stadt ein neues Oberhaupt gebe.

Wer sollte ihn bitten? – Nun, das Volk, die Bürgerschaft von Krukeluhn.

Und wer sollte es dem Volke einträufeln, das ganze Heil der Stadt wäre verspielt, wenn diese Bitte nicht ausgesprochen wurde? – Nun, wozu hatte Osewald den ihm oft lästigen Jugendfreund?

Der war gut in Zug; seine dumpfe Romantik, die alte Zelt wieder heraufzubeschwören, verwirrte viele Köpfe. Konnings unklug grader, grober Widerspruch empörte sie. So mußte Konning denn sein selbst bereitetes Schicksal haben.

Es galt nur, das Wasser nicht gar so sehr vom Dampfe verdrängen zu lassen, dann konnte man recht beliebt werden und erlebte es wohl, daß einem eines schönen Tages die Stadtmusik mit blank geputzten und rot umwundenen Hörnern und Baßtrompeten vor die Haustür zog, um das Bürgermeisterständchen darzubringen.

Vorsicht!



21. Kapitel.
Knösplein am Zweig.

Wenn sich auch eine Frau in innerster Seele wider die Liebkosungen ihres Mannes wehrt, weil sie zu ihrer Betrübnis spürt, daß seine Zärtlichkeit eigentlich einer anderen gilt als ihr, so ruht doch die Natur nicht, bis sie den Schoß auch eines solchen Weibes geheiligt und neues sprossendes Leben darin erweckt hat.

Und also stand im vierten Jahre, nachdem Osewald Stümpemann seine zweite Thronde heimgeführt hatte, eines schönen Abends, – es war gerade um die Zeit, wo Onkel Jakobs Obstbäume wieder ihre Pracht entfalten wollten, – im Blättchen zu lesen, daß ein kleiner Krukeluhner Senator geboren worden sei.

Osewald wandelte im Vaterstolz einher, Gesine war geräuschvoll gerührt, bei Pasche gab es ein mächtiges Faß Freibier zur Feier des Familienzuwachses, und Frau Seminardirektor Stümpemann, »meine liebe Cäcilie«, kam und sprach ein langes Gebet an Garderuts Bett, wovon diese denn auch einen richtigen christlichen Kopfschmerz bekam.

Das war ja alles ganz nett, am rührigsten aber ging es auf die freudige Nachricht hin in dem kleinen Hause her, das eben rechts von der Kirche hinter dem weißen Holzstaket mitten in einem lauschigen Garten lag.

Da hausten zwei Schwestern, zwei alte wohlhabende Jungferchen, miteinander, die nahmen, vielleicht weil ihnen selbst das liebe Mutterwerden versagt geblieben war, an allen Geburtsfällen in der Stadt einen regen Anteil.

Die eine, die eine hellblaue Haube trug, strahlte, wenn sie die Ankunft eines neuen Erdenbürgers aus der Zeitung erfuhr, über das ganze weiche Gesicht. Sie dachte an alles Schöne, Gute, Freundliche und Erhebende, was so einem Menschen nun während seiner Pilgerschaft begegnen würde, und weil sie alles ins rosige Licht getaucht sah, hieß sie allgemein in Krukeluhn Tante Liebe.

Die andere jedoch schüttelte bei derlei Gelegenheiten immer bedenklich den Kopf, denn sie stellte sich all das Weh und die Pein und die traurigen Dinge und die Angst und Verfolgung vor, die keinem hienieden zu ersparen waren, und sie mußte auch immer schon darüber nachgrübeln, daß doch jedes Erscheinen in der Welt auch ein Wiederverschwinden aus dem Lichte bedingt.

Wegen dieser ihrer wehmütigen Auffassung vom Geborenwerden und Dasein nannte man sie Tante Leide. Auf ihren grauen Haaren aber saß auch ein ganz graues Häubchen.

Doch mit wie verschiedenen Gefühlen die Schwestern alle Geburtsankündigungen betrachteten, darin waren sie miteinander einig, daß eine Frau, die Mutter ward, nicht davon zu Kräften kommt, wenn man bloß über das nachdenkt, was dem Neugeborenen bevorsteht.

Sobald sie daher vernahmen, daß der Storch in ihrem Bekanntenkreise, – und wen kannten Tante Liebe und Tante Leide nicht? – zu Besuch gekommen war, setzten sie ein Hühnchen ans Feuer, kochten erst eine gute Suppe davon und brieten es darauf in klarer Butter sacht an, so daß es auf dem Bäuchlein und am Rücken mit einer appetitlichen braunen Kruste überzogen wurde.

Dann brachten sie es der Wöchnerin hin, auf daß sie sich pflege und nach dem schweren Werk recht bald wieder genese.

Also handelten Tante Liebe und Tante Leide auch jetzt.

Fünf, sechs Tage, nachdem Karsten Stümpemann einen kleinen Stiefbruder gekriegt hatte, sah man die beiden alten Mädchen auf der Straße. Bis auf die Hauben waren sie gleich gekleidet, denn beide hatten sich in dicke braune Mäntel mit großen Kragen gehüllt, und obgleich es völlig trocken war, saßen an ihren Füßen Überschuhe aus Gummi. Zwischen sich aber, und zwar so, daß Tante Liebe rechts und Tante Leide links festhielt, trugen sie einen großen Korb aus weißem Weidengeflecht.

So wanderten die treuen Seelen zum Senatorshause, Tante Liebe mit einem sinnenden, sie geradezu verjüngenden Lächeln um den Mund und jedem herzlich zunickend, – Tante Leide mit schmerzlich zur Seite geneigtem Kopf und den Blick meist kummervoll auf die Erde geheftet.

Auf den Granitstufen vor dem Hause taten sie erst ihre Gummischuhe ab, denn niemals hätten sie Leuten auch nur den geringsten Staub in den Flur gebracht, dann zog Tante Liebe sanft an der Glocke, und als ihnen Martha, des Hauses und der Hausfrau treffliche Stütze, geöffnet hatte, da schlüpften sie hinein, setzten den Korb auf die Diele, nahmen den Deckel fort und knieten rechts und links beim Korbe nieder, als wollten sie in andächtig fromme Betrachtung versinken.

Martha lud die Damen ein, in die Stube zu treten, aber Tante Liebe wehrte ab und flüsterte nur:

»Nein, nein, lassen Sie, gutes Kind. Wir wollen gar nicht stören. Unsere kleine Garderut braucht Ruhe. Dann wird sie rasch gesund.«

Tante Leide aber setzte, ebenfalls im Flüstertone, hinzu:

»Ja, und das Kleine auch. Sonst wacht es auf. Ach, glauben Sie mir, Martha: die Zeit, die der Mensch verschläft, ist noch seine beste.«

Dann hoben sie die sorglich in Linnentüchern verwahrten Schüsseln aus dem Korbe: die kleine Terrine mit der Suppe, die Schale mit dem Huhn, den Napf mit der duftenden Tunke, die Kumme voll Kartoffeln, den Teller mit Kraut und eine Tasse voll Obstmus.

Das reichten sie Martha hin, die es erst einmal auf den Flurtisch stellte und in Frau Senators Namen vielmals dankte.

So, jetzt war der Korb leer. Tante Leide schob den Deckel darüber, die beiden standen auf, faßten wieder an den Griff, Tante Liebe grüßte in aller Mildigkeit, und Tante Leide schüttelte bedauernd den Kopf, als ob sie sagen wollte: was hilft das alles? Wenn die Mutter auch Hühnersuppe ißt, – das Kind hat es deshalb doch nicht besser auf dieser traurigen Welt.

Die beiden Jungferchen huschten hinaus, hüllten die Füße wieder in ihre Überschuhe und trippelten davon, um daheim zu warten, bis abermals ein Hühnersüpplein für eine Wöchnerin zu kochen war.

Und wer auch gar keine Zeitung gelesen hätte, er brauchte bloß Tante Liebe und Tante Leide mit ihrem Korbe zu sehen, so wußte er: die Zahl der Krukeluhner hatte sich um eins vermehrt.

Den jungen Müttern aber tat diese mit so viel Liebe zubereitete und mit einiger Schwermut gewürzte Speise so gut, daß sie sich wirklich danach immer schnell gekräftigt fühlten.

Als daher Jakob Eenboom aus Glannbeck kam, um nach Garderuts Ergehen zu fragen, da durfte er schon an ihr Bett.

Er hatte ein paar Zweige voll aufbrechender Kirschblüten mitgebracht. Die legte er zur Hälfte dem schlummernden Knaben auf die Kissen, zur Hälfte reichte er sie Garderut.

Die dankte, meinte dann aber scherzend vorwurfsvoll:

»So etwas soll man doch nicht abpflücken, Onkel Jakob! Das verbietest du doch so strenge.«

»Nun, mein Kind, die hab' ich noch für dich übrig. Du hast hier drinnen ein Stück Frühling geschaffen, so soll dir der Frühling da draußen auch seinen Gruß senden.«

Garderut wies auf den Kleinen hin:

»Ist das nun auch nur ein Pünktlein auf der Welle, Onkel Jakob?«

In sanftem Ernst erwiderte der alte Mann:

»Im großen Meere des Lebens – ja, mein Liebling. Aber freue dich nur, freue dich nur so recht von Herzen an seinem hellen Blinken.«



22. Kapitel.
Mein Bote kommt; er meldet dir:
Ach, unvergessen bleibst du mir!

Ist der Mann gesund, so merkt es auch eine achtundzwanzigjährige Frau kaum, wenn er beträchtlich mehr Jahre hat als sie.

Obgleich also Osewald aufs fünfundvierzigste zuschritt, konnte man ihn noch immer für einen jungen Menschen halten. Die Sorgfalt und Pflege, die er sich allerwege angedeihen ließ, hielten ihn frisch und spannkräftig. Daß er daneben schon stark seine Gewohnheiten hatte und seine Bequemlichkeiten liebte, kann allerdings nicht geleugnet werden.

Garderut ließ es ihm an nichts fehlen.

Ihr Sohn war zur Erinnerung an ihren verstorbenen Vater, – denn in Krukeluhn tut man im Grunde alles im Andenken an die Toten, – auf den Namen Pawel getauft worden, und sie ging auf in ihrem eigenen Mutterglück, hütete sich indessen sehr davor, daß Karsten jetzt bei ihr etwa zu kurz käme. Sie stand an Throndes Stelle, wollte das auch für so etwas wie eine Ehre ansehen, da die Schwester jedenfalls die weitaus Klügere und tiefer Veranlagte von ihnen gewesen war, und verschloß das, was sie selber bedeutete, einstweilen in ihr Herz. Es kam wohl, so hoffte sie, noch einmal die Zeit, wo sie es in ihren Jungen ausströmen konnte.

Mit ihrer Jugendliebe hatte sie sich abgefunden, wie eine tüchtige und gewissenhafte Frau mit so etwas fertig wird.

Nur ganz bisweilen dachte sie noch an die Augenblicke in der Nische, und Gunnars Briefe lagen seit langem unangerührt in dem geheimen Fache.

So hätte sie denn schlecht und recht eine jener Ehefrauen sein und bleiben können, wie es deren ungezählte gibt. Sie lieben ihren Gatten nicht gerade, aber sie kommen ohne großes Wehsal durchs Leben, klagen nicht, enthüllen es vor niemand, daß sie sich bisweilen nach was anderem sehnen, als sie besitzen, und werden dem Manne, dessen Geliebte sie nie waren; mit der Zeit eine ruhige und nützliche Gefährtin.

Aber da kam eines Tages etwas, was in Garderuts Stille einbrach wie die Brise ins Schilf. Es raschelt, und seine Stengel, die sonst so ordentlich nebeneinander aufragen, werden verwirrt.

Der Briefträger brachte nämlich ein Päckchen darin war ein Buch.

Ja. Ein Roman. Von Gunnar Claudius.

Er hatte eine höchst ehrerbietige Widmung hineingeschrieben. Darum lag kein Anlaß vor, daß Garderut die Sendung vor ihrem Manne verheimlichte.

»Ach,« sagte der. »Von dem? Das war ja wohl mal dein Seelenfreund, nicht wahr? Schreibt der jetzt solche Geschichten? Na, denn man tau.«

Damit war die Angelegenheit für ihn zu Ende, denn ein Krukeluhner Senator, muß man wissen, auch wenn er Münzen und Altertümer sammelt, hält doch jeden, der sich mit dem Romanverfassen abgibt, keiner weiteren Gedanken für wert.

Es war Garderut lieb, daß Osewald die Sache gleichgültig behandelte, und als sie das Buch dann las, da wurde sie sogar recht froh zu dieser seiner Mißachtung.

Denn was sie las, war nichts Geringeres als ihr eigenes Sein und Nichtsein, von einem Dichterherzen durchahnt und – betrauert.

Zwar Namen, Ort und Umgebung: all das hatte nichts mit Krukeluhn zu tun, aber die Heldin, – ja, – in jeder Regung fühlte sich Garderut erkannt und geschildert.

Beklommen tastete sie sich durch, von Zeile zu Zeile.

Da war geschrieben von dem Sichzueinanderneigen zweier Seelen, von dem Entzücken des Zusammenfließens, von den dumpfen, plump zutappenden Schicksalsgöttern mit ihren höchst menschlichen Eigenschaften, von dem Zerreißen solch eines Seelenbündnisses, von dem Hinopfern des Weibes auf dem Altare der Familie, der mit so vielen Tränen getränkt ist, vom Zermürben, vom Zerrädern alles Persönlichen, das in einem Frauengemüt lebte, und schließlich von dem Untergange der Frau in jener Gemeinheit, die man eine gute und zufriedene Ehe zu nennen pflegt und die ärger ist als tausend Tode.

Es sprach schon aus dem Titel des Buches, daß Gunnar der Frau, die sich so zu einer unförmlichen Masse zermalmen ließ, die größte Schuld an ihrem trostlosen Leben zumaß.

Und durch jedes seiner Worte hindurch zuckte der Schmerz: warum bist du nicht stark genug gewesen, um mit mir zu kommen? Meine Liebe hätte dich hoch hinaufgetragen, – du wüßtest jetzt nichts vom Alltagssumpfe!

Ja, aus jedem Worte tönte es hervor: laß es dir durch diesen meinen beredten Boten melden, daß ich dich noch immer liebe und daß ich dich warne vor dem seelischen Sterben!

Garderut war zuerst wie betäubt, – dann dachte sie mit Schrecken daran, daß Gunnars Werk ja nicht nur ihr vor die Augen kam. Nein, es geriet in viele, viele Hände. Und alle die Menschen erfuhren also, – – aber doch nicht! Niemand außer ihr selbst verstand das Buch ganz, und wenn der Roman auch in einer Kleinstadt spielte: niemand konnte sich denken, daß Frau Senator Stümpemann mit der Gestalt gemeint war, deren ödes Geschick Gunnar entrollte.

Garderut beruhigte sich, und es keimte schließlich eine Freude in ihr auf: die gesamte Welt konnte lesen, was Claudius geschrieben hatte, und dennoch blieb das Buch ein Geheimnis zwischen ihnen beiden.

Osewald fragte nach einiger Zeit:

»Nun? Hast du die Geschichte von dem – wie hieß er doch noch? – schon mal durchgesehen? Was steht denn drinn?«

»Ach,« erwiderte Garderut, »ich glaube, es wird dich weiter nicht interessieren. Er beschreibt nur eine Frau, die einen andern nimmt, als sie wirklich liebhat.«

»Aha, eine von diesen gräßlichen Liebesgeschichten? Da hast du allerdings recht. Dafür habe ich all mein Tag nichts übrig,« sagte der Senator. »Daß diese Menschen nichts Nützlicheres zu tun wissen, als solches Zeug zusammenzuschreiben.«

»Er hat das alles sehr fein abgezeichnet.«

»Einerlei. Überflüssig ist so was doch.«

»Für uns Frauen vielleicht nicht ganz.«

»Zuviel von dem Kram sollt ihr jedenfalls nicht lesen. Thronde hat kaum jemals einen Roman in die Hand genommen.«

»Du weißt ja, ich vergeude auch keine Zeit damit. Ich habe das Buch schon weggelegt.«

»Sehr vernünftig, mein Deern.«

Und er gab ihr einen Kuß.

Ja, gewiß, das Buch war von ihr weggelegt worden, nachdem sie alles herausgesogen hatte, was für sie darin stand. Und wo lag es?

Bei Gunnars Briefen im geheimen Fache.



23. Kapitel.
Soll ich denn nie mein eigen sein?

Gunnar Claudius wußte lange nicht alles aus Garderuts Leben, und sein menschliches und künstlerisches Zartgefühl hatte ihn auch daran gehindert, alles zu schildern, was er wußte, aber sein Buch bedeutete für die Frauenseele, an die es gerichtet war, doch den Mahnruf: Sei du selbst, sonst bist du gar nichts!

Der Ruf drang gerade in einer Zeit zu Garderut hin, wo sie, im Mutterglück versunken, geneigt war, mancherlei Sehnsucht, also das Wertvollste, was der Mensch besitzt, abzulegen.

Sich unter dem nun einmal vorhandenen, von den andern ungewollt und ohne böse Absicht ausgeübten Zwange ducken, – heimlich wohl ein Dasein führen, es aber auch ganz für sich behalten und nicht beanspruchen, daß sonst einer daran teilnehmen, geschweige denn es achten solle: die junge Frau war stark auf dem Wege zu dieser bösen Lebensweisheit gewesen!

Wie aber jemand, der gemach seine Bahn schreitet und plötzlich vor einer aus dem Gebüsch springenden und sich mitten auf die Straße stellenden Erscheinung aufschrickt, so wurde Garderut durch Gunnars Buch aus ihren abebbenden Gedanken emporgescheucht.

Sie fühlte sich furchtbar ernst gewarnt: Geh nicht weiter, oder du endest in dem großen Morast, der schon unendlich viel kostbares Seelengut verschlungen hat. Mache halt und biege ab, so lange es noch Zeit ist.

Und sie entschloß sich schnell, dieser Warnung zu gehorchen und den Kampf gegen ihre verstorbene Schwester zu beginnen.

Aber seltsam: sie tat das zunächst viel weniger, weil sie etwa Thronde oder Osewald oder ihrer ganzen Familie gezürnt hätte, als weil sie vermeinte, von ihrem Jugendfreunde gekränkt worden zu sein.

Der sah in ihr also wirklich nur eine so schwache Natur, daß sie völlig ins trostlos Gemeine verfallen und darin verenden konnte gleich den anderen Frauen, denen sie täglich begegnete und die nichts zu reden wußten, es sei denn von Dienstboten oder von den Fehlern ihrer Mitmenschen?

O, sie wollte dem Dichtersmanne schon zeigen, daß er sich geirrt hatte, als er annahm, ihr Wesen sei ein guter Stoff für einen solchen Roman!

Zwar waren ihre Erziehung und der Wille der Ihrigen zu mächtig gewesen, als daß sie damals Gunnars Flehen, mit ihm zu kommen, erfüllen konnte, – aber zu den ewig Unerlösten, Unerlösbaren gehörte sie deshalb doch noch lange nicht, wollte sie nicht gehören! Sie hatte Gunnar beim Schreiben seines Werkes vorgeschwebt. Nun gut, ihm sollte bewiesen werden, wie falsch seine Phantasie geflogen war, als er es überhaupt nur für denkbar hielt, ein Mensch von Garderuts Anlagen und Eigenschaften könne schlimmeren Tod erleiden als den des Körpers! Sie war ganz gewiß kein Vorbild für solche in Weichheit zerfließende Halbnatur.

Sie dankte Gunnar nur in aller Förmlichkeit für sein Geschenk, dann ging sie langsam an ihre Arbeit, das Leben im Senatorhause so zu gestalten, wie es sie selber richtig und gut dünkte.

Throndes Mitgift mochte vergilben, – Garderut duldete nichts mehr davon an sich. Thronde hatte Kleider von einem dunklen, ein wenig ins bläuliche übergehenden Rot geliebt, diese Farbe war daher auch Osewald die liebste geworden, und Garderut hatte ihm bisher den Gefallen getan, oft in solcher Seide zu erscheinen.

Jetzt brach sich ihr Wille zum Hellen Bahn; von einem leuchtenden warmen Gelb ließ sie ihre Glieder umfließen. Das war ihr schon eine Befreiung aus drückender Schwüle!

Osewald fand diese Art von Tracht zu grell.

»Man sieht das hier sonst nicht. Du fällst auf,« sagte er, und sie hatte den Mut, ihm zu entgegnen: »Die Hauptsache ist doch, daß ich mich darin wohl fühle. Ich mag das Dunkle nicht. Wer sich über mich aufhalten will, muß sein Vergnügen haben.«

Eine kleine Wolke auf des Senators Stirn: »Thronde war darin vorsichtiger.«

Da trat Garderut vor ihren Mann hin, faltete die Hände wie gerungen vor der Brust und sah ihn an, . . . nicht trotzig, nicht unlieb, nein, es lag sogar eine innige Bitte in ihren Worten:

»Osewald, soll ich denn nie mein eigen sein?«

Überrascht blickte er auf:

»Ich verstehe dich nicht.«

»Ich heiße Garderut und nicht Thronde, lieber Osewald.«

»Das weiß ich.«

»Mir graut vor mir selbst, daß ich nur die wiederauferstandene Thronde sein soll. Begreifst du das denn nicht?«

»Ja, wer verlangt das denn von dir?«

»Du. Wenn du's auch selbst nicht weißt. Ahnst du nicht, wie bitter das für mich ist, daß ich selber dir nichts bin mit allem, was ich in mir habe? Ich kann mein Gehirn nicht länger zwingen, mit Throndes Gedanken zu denken. Ich kann es nicht länger ertragen, daß du immer bloß Thronde in mir suchst!«

»Was sind das für weibliche Übertreibungen!«

»Nicht die Spur übertreibe ich. Du kennst mich gar nicht, gibst dir ja gar keine Mühe, mich kennen zu lernen.«

Er rückte unwillig auf dem Stuhl herum:

»Kommt das vom Romanlesen, daß du mir hier solche Szene machst?«

»Und wenn es mit davon käme, so wäre das noch nicht die schlechteste Folge.«

»Ich bitte dich, sei nun doch bloß keine von diesen sogenannten unverstandenen Frauen. Die Sorte ist mir wie jedem vernünftigen Manne von Grund auf zuwider.«

»Und doch hättet ihr vernünftigen Männer vielleicht allen Anlaß, euch einmal darüber klar zu werden, warum es so viele wirklich unverstandene Frauen gibt. Wir haben nichts anderes oder wenigstens nichts Wichtigeres als die Liebe, und wenn uns die nicht auch von unserm Manne geschenkt wird, dann sind wir freilich einsam und fühlen uns verkannt oder besser gesagt: ungekannt und nicht so wert gehalten, wie wir es verdienen.«

»Du kannst mir nicht vorwerfen, daß ich es im geringsten an der Anerkennung für alles, was du tust, mangeln lasse.«

»Ja, weil ich das gehorsame Geschöpf bin, und weil ich mich mit aller Gewalt hinter Throndes Schatten verkrieche. Sie hat die Ehre von meinem Schaffen.«

»Ich leugne nicht, daß du mir augenblicklich allerdings als gründlich unverstandene Frau gegenüberstehst. Deine Worte sind mir durchaus rätselhaft.«

»Das sind sie, Osewald, weil du mich nicht liebst.«

»Ich bitte dich dringend, höre mit dieser Art von Reden auf! Die sind für die Backfischjahre gut, aber dafür bin ich wahrhaftig zu alt, und du solltest auch darüber hinaus sein.«

»Ich möchte sehr, sehr alt werden und mir doch immer das Recht bewahren, zu meinem Manne von Liebe zu sprechen. Das wäre mein Ideal von einer Ehe.«

»Ideal, mein Kind, –« Ein Achselzucken.

Garderut nickte wehmütig.

»Freilich, mir wird es immer deutlicher, daß Onkel Jakobs Verse von dem Pünktlein auf der Welle nur zu viel Wahrheit enthalten:


All, was wir sonst mit Bangen
ersehnen und verlangen,
ist Wahn und Trug.«


Der Senator erhob sich:

»Du bist in sehr poetischer Stimmung, liebe Frau.«

Er wollte das Ganze mit einem Scherze, womöglich mit einer Liebkosung beenden, aber Garderut wich zurück:

»Du irrst, Osewald. Mir war noch nie so prosaisch zu Mute wie in dieser Zeit. Aber ich habe mir fest vorgenommen, ich will mir ein bißchen Lebenspoesie erringen. Mit dir oder ohne dich, wie es dir beliebt.«

Osewald schüttelte ärgerlich den Kopf:

»Das verschwommene Zeug! Laß mich in Ruhe damit.«

»Deine Ruhe vor mir kannst du haben, Osewald. Aber das versichere ich dir: ich mache meine Schuld wieder gut.«

»Welche Schuld?«

»Daß ich deine Frau geworden bin.«

»Nimm's mir nicht übel, – du mutest meinem Begriffsvermögen zu viel zu. – Da wir nun aber mal sehr zu meinem Leidwesen bei einer ehelichen Auseinandersetzung angelangt sind, – die ich zu Throndes Zeiten übrigens auch dann und wann durchmachen mußte, – so ersuche ich dich denn,« und dabei ließ er sich seufzend wieder in den Stuhl fallen, – »dich genügend deutlich auszudrücken. Dann kommen wir ja wohl mit diesem einen Male aus. Wiederholungen möchte ich nämlich vermeiden. Also: die Schuld, meine Frau geworden zu sein?«

»Ja, auf euer aller Befehl, ohne das –« sie zeigte auf ihr Herz, »hier drinnen.«

Der Senator wurde sehr ernst:

»Hm. Ich mußte aber annehmen, daß ich dir sympathisch war. Du hast keinerlei Widerspruch geäußert.«

»Doch! Ich hab's getan. Meiner Mutter gegenüber. Die wußte, wie sehr ich an Gunnar Claudius hing.«

»An dem Redakteur? Der dir jetzt das Buch – ?«

»Ja, aber meine Mutter hat natürlich keine Rücksicht auf mein Gefühl genommen.«

»Das kann ich nur loben. Die Schwärmerei hätte dich höchstens ins Unglück gebracht. Was ist denn so einer?«

»Guter Osewald, er ist vielleicht mehr als ihr würdigen Männer hier in Krukeluhn alle zusammen.«

Der Senator fuhr auf:

»Erlaube mal! Wenn du damals schon diese Ansicht hattest, dann hätte ich es verlangen können, daß du dich offen und ehrlich mit mir aussprachst.«

»Es hätte nichts geholfen, Osewald, du magst es nun glauben oder nicht. Du wärest sehr leicht über das hingeglitten, was ich dir sagen konnte. Denn du wolltest mich einfach haben. Aber wie ich mich ja selbst anklage: eine Schuld habe ich doch begangen, weil ich mich in dein Haus bringen ließ. Osewald,« fuhr sie fort und ging wieder nahe zu ihm hin, »nun mißversteh' mich nicht. Es kommt so viel auf diese Stunde an. Es hat noch alles keine Not. Ich bin dir aufrichtig gut. Wir haben ja unser Kind. Nur um das eine bettle ich: hab' mich lieb, weil ich Garderut heiße, sieh es ein, daß ich dann erst anfange, dir etwas zu werden, daß du dann überhaupt erst anfangen kannst, mich . . . verzeih' mir das Wort, aber es gibt ja immer nur das eine, . . . mich zu lieben. Du wirst reicher dadurch, Osewald. Du hast die Erinnerung an Thronde, und die will ich dir nicht rauben, aber du hast dann doch auch was Lebendiges im Arm, mich, deine zweite Frau, die ein selbständiges Geschöpf ist und sich nicht damit begnügen kann, nur eine Wiedergekommene vor zustellen. Nun begreifst du mich wohl, nicht wahr, Osewald?«

Sie hatte im Stehen ihr Haupt auf seinen Scheitel gelehnt und strich ihm über die Wange. Er merkte: das war keine Frau, die einen Streit mit ihrem Manne hervorrufen wollte. O nein, so konnte nur eine Frau sprechen; die sich nach voller Einigkeit mit dem Manne sehnte. Und gerade durch ihre Milde siegte Garderut stark in ihm. Hätte sie weiter so aufbegehrt, wie sie es am Beginne ihres Gespräches einmal tat, da wäre es nur zu einem Zwiespalt zwischen ihnen gekommen. Aber dies Anschmiegen, – es rührte ihn, er ließ sich auch unwillkürlich dadurch schmeicheln.

Ihr zu grollen, hatte er also keinen Grund. Er sah natürlich alles, was sie vor ihm ausbreitete, von der Höhe seiner reifen Männlichkeit an, und in der Tat rückte Garderuts Bild jetzt ein wenig aus Throndes Schatten heraus und wurde zu einer eigenen Gestalt für ihn, die er gern betrachtete.

Was sie ihm vorschlug: in ihr selber zu forschen, sie um ihrer selbst willen lieb zu haben, das war am Ende keineswegs unmöglich. Ja, es durchzuckte ihn; hatte er es unwissentlich nicht vielleicht schon getan?

Jedenfalls gelangte Garderut in dieser Stunde, wo sie klug allem Entzweien mit ihrem Manne aus dem Wege ging, immerhin so weit, daß er beschloß, das Gehörte mit Wohlwollen in seinem Herzen zu bewegen.

Er erhob sich, nahm ihren Kopf in beide Hände, küßte sie und sprach:

»Es wird schon so werden, liebes Kind, wie du es wünschest. Du weißt ja, ich bin kein Unmensch. Warum bist du aber nicht eher offen gegen mich gewesen?«

Das Blut stieg ihr leicht in die Wangen:

»Einmal wird so etwas erst in mir locker, Osewald, und dann muß es auch von der Seele.«

»Nun ja,« sagte er lächelnd, »siehst du, wie sehr du deiner Schwester gleichst? Fast genau dieselben Worte bekam ich immer von Thronde zu hören, wenn sie ihren plötzlichen Ausbruch hatte und ich mich wunderte, warum sie den Druck, über den sie dann klagte, so lange auf ihrem Gemüte herumgeschleppt hatte.«

Thronde. Immer wieder Thronde!

Garderut hatte von Osewalds Freundlichkeit, womit er zuletzt ihre Bitte anhörte, viel für sich gehofft. Jetzt ging sie enttäuscht an ihre tägliche Arbeit.

Es war doch alles vergeblich gewesen. Sie sollte eben nie ihr eigen sein.



24. Kapitel.
Gehaßtes Grab, gehaßtes Angedenken!

Der Senator hatte den Kopf voller Pläne und konnte den ehelichen Dingen nicht viel Nachdenken widmen. Aber es fiel ihm trotzdem auf, daß sein Hauswesen eine Wandlung erfuhr, und fast bedauerte er, Fräulein Katinka auf Garderuts Wunsch fortgeschickt zu haben.

Merkwürdig, wie unruhig seine Frau war. Immer fing sie was Neues an. In den Stuben sah es anders aus als früher. Woran lag das? Die Möbel standen schließlich noch einigermaßen auf ihrem altgewohnten Platz, aber sie hatten einen eigentümlich frischen Glanz. Ein anderes Licht fiel auf sie, denn die Fenster waren mit helleren Vorhängen versehen, als der Senator sie gern hatte.

So war alles im Hause freier, – die Zimmer, so kam es Osewald vor, waren weiter und höher. Dadurch büßten sie manches von ihrer alten Gemütlichkeit ein.

Auf dem Tische anderes Geschirr und andere Speisen darin, als sie seit Jahren auf dem Herde des Senators zubereitet worden waren. Garderuts Ton bestimmter, lauter. Die Art, wie sie Karsten behandelte, recht entschieden, so, als wenn sie wahrhaftig etwas über ihn zu sagen hätte und nicht nur Mutterstelle an ihm vertreten sollte.

Auf die Weise wirkte Garderut im großen Seelischen und im kleinen Äußerlichen mit Macht daran, sich durchzusetzen und ihr Sein zu retten.

Sie hatte das Zutrauen gewonnen, daß sie an ihr Ziel kommen müsse. Osewald war ja kein unbeugsamer Mensch. Es lag ja nichts Unübersteigbares zwischen ihnen.

Bis zu einer schönen, dauernden Wärme wollte sie ihrer beider Miteinandersein steigern. Das war ihr ehrlicher Wille. Nicht von ihrem Manne weg also, sondern zu ihrem Manne hin strebte diese Frau; ihr ganzes Tun sollte letzten Endes für ihn, nicht gegen ihn gerichtet sein. Nahm er es dann nur so, wie sie es meinte, von ihr selbst, nicht nur von ihr als Throndes Nachfolgerin, dann wollte sie schon zufrieden sein.

Aber es ging stets wie bei ihrem Gespräch. Er wurde über ihren Drang ins Eigene nicht gerade unwillig, schien auch bisweilen sogar Gefallen daran zu finden, glitt indessen doch immer wieder darauf zurück, sie mit ihrer Schwester zu vergleichen.

Insbesondere mißfiel ihm Garderuts strengerer Ton gegen Karsten, und er kam auf den Argwohn, daß sich der stiefmütterliche Zug bei ihr entfalte, seitdem sie richtige Mutter geworden war.

Dies Mißtrauen wuchs, je fester Garderut Throndes Kind anfaßte, je mehr sie zum Beispiel darauf hielt, daß er erst seine Schularbeiten machte und danach zum Spielen hinausgelassen wurde, während es früher, wo sie noch nachgiebiger gegen den Knaben war, meist umgekehrt herging.

Der Senator sah in ihrem Benehmen das, was Garderuts Herzen völlig fremd war: eine Härte, und die wollte er nun ausgleichen, indem er dem Jungen desto mehr seinen Willen verstattete.

Das gab kleine Zwistigkeiten zwischen ihm und Garderut, die da beanspruchte, Karsten müsse ihren Weisungen folgen und dürfe nicht Gelegenheit haben, sich darauf zu berufen, daß der Vater ihm das von der Mutter eben Verbotene erlaubt hätte.

»Sonst kann ich keine Verantwortung mehr für Karsten übernehmen«, sagte sie kurz und bündig.

Da konnte sich Osewald nicht enthalten, ihr zu erwidern:

»Wenn es dein eigenes Kind wäre, würdest du allerdings wohl weniger bedenklich sein, daß ihm jemand anders mal eine Freude macht, die du nicht für ganz angebracht hältst.«

Garderut schaute ihn starr an:

»Du denkst, ich bringe Karsten nicht genug Liebe entgegen?«

»Vielleicht gehört so der arme Junge auch mit zu der Erinnerung an Thronde, die du hier im Hause mit aller Macht zurückdämmst.«

»Um dir diesen Glauben zu nehmen, werde ich in Zukunft jede Endscheidung über Karsten dir überlassen.«

»Das ist dann sehr bequem für dich. Aber ein Beweis für die Liebe zu ihm, weil du dies Wort jetzt so gern in den Mund nimmst, ist das meiner Ansicht nach nicht. Ich habe ein sehr feines Ohr, liebe Garderut, und es gibt nichts, worin ich so empfindlich bin, als alles, was Karsten betrifft, denn das Kind ist mir, um es einmal etwas pathetisch auszudrücken, ein heiliges Vermächtnis. Und ich merke sehr gut, daß Pawel den größeren Teil deiner Zärtlichkeit erhält.«

»Karsten kann sich längst selbst helfen. Es ist doch natürlich, daß man zu einem zwölfjährigen Knaben anders spricht als zu einem kleinen Kinde.«

»Anders in den Ausdrücken, – ja. Anders im Ton? Nein. Eine gerechte Mutter wird sich da gleich bleiben.«

»Ich gebe mir weiß Gott alle Mühe, Karsten auch nicht eine Ahnung Liebe weniger zuteil werden zu lassen als Pawel.«

»Ja, Mühe geben, – das heißt schon, nicht mehr ganz selbstverständlich handeln.«

»Ja, Osewald, was willst du? Daß ich nicht so eins mit Karsten bin wie mit unserm Pawel, kann ich denn dafür? Aber Karsten soll wahrhaftig nur die Mutter und nicht die Stiefmutter in mir kennen lernen!«

»Ich hoffe wenigstens, du wirst dich nicht etwa in eine Abneigung gegen Thronde hineinbohren, worunter ihr Kind dann zu leiden hätte. Es ist doch auch mein Kind, das mußt du dir immer vor Augen halten.«

Als Garderut das erste mal ihrem Herzen vor Osewald Luft machte, war der Lebenskelch, daraus die beiden gemeinsam trinken mußten, noch heil gewesen. Jetzt aber saß schon ein kleiner Sprung im Glase, und wie das nicht anders ist: solch ein Sprung geht nie zurück, sondern zackt immer weiter vorwärts.


*


Thronde genoß nicht die hohe Ehre, wie sie den Stümpemannschen Eltern dargebracht wurde. Die Begräbniskalesche wurde an ihrem Todestage nicht angespannt, aber der Senator versäumte es nie, an diesem Tage ihre Ruhestätte zu schmücken.

Und als nun wieder einmal ein Jahr um war, seitdem Osewald das Weib, dem seine Liebe galt, hatte in die Erde senken müssen, da sagte er zu Garderut:

»Fabricius hat unversehens für heute Nachmittag eine Sitzung anberaumt, die kann lange dauern. Du bist wohl so gut, den Kranz hinaus zu bringen.«

»Gewiß, Osewald.«

Merkwürdig schwer hatte Garderut an dem bißchen Blatt- und Blumengewinde zu tragen, und als sie vor dem Grabe stand, vor diesem weiten, gartenähnlichen Grabe, das so viele, viele Jahre schon alle in sich aufgenommen hatte, Männer und Weiber, Kinder und Greise, die sich der Zugehörigkeit zur Familie Stümpemann rühmen durften, – da kamen ihr absonderliche Gedanken.

Hier lagen sie alle friedlich beisammen.

Man konnte sich ordentlich einbilden, sie seien auch jetzt noch stolz darauf, daß der Name Stümpemann über ihnen auf den Grabsteinen oder auf den Platten in der Hinterwand prangte.

Hatten sie aber auch im Leben wahrhaftig zueinander gehört, inniger als nur durch den Namen? Was an Gefühlen, ja sogar an Leidenschaften durch die hier vermodernden Herzen und Hirne gezogen war, – hatte sich das immer nur auf den engen Familienkreis beschränkt? Waren die Begierden nie nach außen geflogen? Waren sie niemals auswärts gesättigt worden?

Hatten sich die Mitglieder dieser Familie vielleicht nicht dann und wann verabscheut, waren sie einander nicht oft im Wege gewesen, hatte einer nicht dem andern heimlich den Tod gewünscht, um zu dieser und jener Erbschaft zu gelangen, – hatte nie einer des andern Weib mit wünschenden Augen angesehen?

War die dicke eiserne Kette, die sich rund um das Grab zog, nicht ein Sinnbild der Knechtschaft, die ihnen allen der Name Stümpemann aufgelegt hatte, und müßte nicht, wenn der Friedhof wirklich der Platz war, wo alle Lüge aufhört, statt des Engels dahinten die Gestalt eines gebundenen Sklaven stehen?

Mußte nicht statt des frommen Spruches von der Hoffnung auf das Wiedersehen in den Granit der Spruch eingegraben sein:


»Weh dir, wenn du ›Familie‹ hast!
Da schleppst du eine schwere Last!«

Undurchdringlich war die Erde des Grabes für Garderut.

Sie besaß von einigen der Menschen, die hier schlummerten, höchstens noch ein schwaches, undeutliches Erinnerungsbild. Sie konnte sich kaum noch die Stimmen derer vergegenwärtigen, die sie gekannt hatte, und wußte nichts von den geheimen Schwingungen, die ihnen einst süßes oder qualvolles Empfinden verursachten.

Nur zu Thronde vermochte sie hinunterzuschauen. Und was wußte sie von ihrer Schwester?

Ach, Thronde hatte ja den Platz in diesem Ehrengrabe gar nicht verdient. Sie hatte nicht einmal ein Recht darauf, daß der Name Stümpemann über ihr leuchtete, denn sie war mit dem Herzen immer außerhalb der Familie gewesen.

Garderut lächelte.

In Osewalds Namen legte sie einen Kranz innerhalb der massigen Steineinfassung auf Throndes Hügel nieder, und doch war Thronde nie sein eigen! Ja, die da unten schlief, war vielleicht nur eine einzige Stunde ihres Lebens wirklich Weib gewesen, und diese Vollendung hatte sie im Arme eines andern Mannes gefunden.

Osewald aber hing an ihr als der einzigen, die er liebte, liebte über den Tod hinaus.

Wie nun, wenn Garderut hinging und ihm Throndes Geheimnis enthüllte? Wenn sie ihm von jenen Briefen erzählte, die die todkranke Thronde nicht mehr vernichten konnte und die sie deshalb in Garderuts Eigentum übergehen ließ?

Untreue hatte Thronde an Osewald geübt, ob nur mit der Seele oder auch leiblich, das blieb sich gleich.

Osewald das zu offenbaren, ihm zu zeigen, wie Thronde in Wahrheit war, ihm zu beweisen, daß er seine Liebe einem Menschen geschenkt halte, der so, wie er es sich vorstellte, in Wirklichkeit niemals lebte, – ja, das wäre am Ende ein gutes Mittel für Garderut gewesen, Throndes Andenken in seinem Herzen zu zertrümmern und selber die Macht an sich zu reißen.

Dann sorgte Osewald vielleicht noch jetzt dafür, daß die Überreste der Unwürdigen aus dieser geweihten Familienstätte fortgeschafft würden!

Oder doch nicht?

O nein!

Die Stümpemänner bedeckten alles, was sie als Schande betrachten mußten, gern mit einer Schicht dunklen Sandes, da war es verschwunden, und kein Mensch hatte mehr das Recht, darüber zu reden.

So würde auch Thronde in ihrem Grabe liegen bleiben.

Und Osewalds Liebe zu ihr, – ginge die dann so ganz sicher auf Garderut über?

Auch dessen war sich die Frau, als sie weiter nachsann, durchaus nicht gewiß. Wahrscheinlich stand nur ein tiefer Abscheu wider die Verräterin in ihm auf, – Thronde aber verzieh er.

Nein, nein! Garderut mußte schweigen von den Briefen, die in Onkel Eenbooms Garten zur Asche wurden, nicht nur, weil es ihre selbstverständliche und im Ernste auch in dieser Stunde nicht angezweifelte Pflicht gegen die Verstorbene war, sondern auch, um nicht ihrem eigenen Leben an ihres Mannes Seite zu schaden.

Damit, daß sie ihm das Gedächtnis an Thronde für immer niederriß, baute sie sich selber noch lange nichts auf.

»Schlafe still weiter, liebe Thronde, dein Geheimnis ist in guter Hut.«

Da lag der Kranz. Der war von der Familie, feiersam.

Und Garderut ging auf den Rasen nebenan und pflückte einen kleinen Strauß Marienblumen. Die legte sie mitten in den Kranz hinein. Die waren von ihr.

Sie hatte ja in den Jahren ihrer Ehe der Schwester so oft gezürnt, weil die sie daran hinderte, sich zu entfalten, jetzt aber brachte sie der Toten doch lauter Liebe entgegen.

Warum?

Weil Thronde sich in aller Heimlichkeit ihr Eigenstes bewahrt hatte, weil sie trotz allem Zwange, unter dem sie leben mußte, innerlich frei gewesen war.

Noch einen Blick auf das Grab mit seinen plumpen Steinen und den dicken Ketten.

Hier sollte sich also auch einmal ein Schlund für Garderut auftun, um sie zu verschlingen und unentrinnbar mit all den andern Familienmitgliedern da unten zu vereinigen. Qual! Ach, wenn sie hätte eingegraben werden können irgendwo. . . irgendwo. . . an einer Stelle, die niemand kannte, die auch niemand schmückte.

Aber das half nichts! Hier wurde sie dereinst unter Prunk und Geläute, und mit großem Geleite hinabgesenkt.

Eine Tafel mit dem Namen Garderut Stümpemann wurde über ihr eingepflanzt, und ihr Leib löste sich auf, und die Erde, worin er sich verwandelte, wurde ganz, ganz eins mit all der Erde, die vordem als Stümpemannsche Herrlichkeit unter den Menschen einhergeschritten war.

Und es gab auch für sie kein Vergessenwerden! Jedesmal an ihrem Todestage kam einer heraus und legte das Zeichen der Familientrauer über ihr nieder.

Ihr war, als würde sie von diesen Kränzen so erdrückt werden, daß sie dann erst wirklich starb.

Sie verließ den Friedhof, und sie haßte das Massengrab, zu dem sie verurteilt war, sie haßte das Angedenken, das sie als Glied der Familie notgedrungen den andern, den richtigen Stümpemanns weihen mußte, von denen sie nur den Namen kannte, und das auch ihr dereinst von all den noch kommenden Stümpemanns geweiht werden sollte.



25. Kapitel.
Einmal die Augen schließen zu süßer Träumerei . . .

Frau Gesine Mackeprang seufzte ihrem Sohne allerhand vor:

»Was ist das bloß jetzt mit unserer Gaddi? Von der bekommt man ja in der letzten Zeit nichts als patzige Antworten.«

»So?« fragte Kale. »Gegen mich ist sie immer sehr freundlich.«

»Aber nicht gegen mich; gegen ihre Mutter tritt sie auf, – das kann ich gar nicht sagen, wie! Und auch sonst. Nicht mal zu Cillis Geburtstag ist sie gekommen. Kopfschmerzen, sagt sie, hat sie gehabt. Wenn Geburtstag in der Familie ist, darf man keine Kopfschmerzen haben. Mir ist das noch nie passiert. Osewald klagt auch. Sie macht jetzt grade mit Absicht alles anders, als er es bei Thronde gewohnt gewesen ist. Er hat es gar nicht mehr gemütlich, der arme Mann. Und in der Kirche setzt sie sich nicht auf unsere Erbbank, nein, ganz hinten bei Höker Meyersch hab' ich sie neulich gesehen. Ist das nicht unerhört?«

»Sie wird wohl ein bißchen nervös sein. Das gibt sich.«

»Nervös. In unserer Familie ist noch nie jemand nervös gewesen. Von wem sollte sie das also wohl haben? Von mir gewiß nicht. Ich bin gesund.«

Kale pfiff sich nach seiner Art ein kleines Lied und ging an seine Geschäftsbücher.

Recht hatte Mutter Mackeprang ja. Es war kein leichtes Auskommen mit Garderut. Sie nahm gar zu wenig Rücksichten auf ihre vereinigten Familien Stümpemann-Mackeprang.

Die Frau Seminardirektor war ihr längst nicht wohl gesinnt, denn Garderut hatte sich zwar als Mitglied des Frauenvereins einschreiben lassen, aber sie kam nie hin, wenn frommer Zwieback in frommen Tee gestippt und dazu ein frommes Lied gesungen wurde. Sie stand eben zum Bedauern ihres Schwagers und seiner lieben Cäcilie nicht auf dem wahren christlichen Boden, denn sie konnte sich den lieben Gott nun einmal nicht als einen bisweilen etwas sehr süßlich liebenswürdigen, zumeist aber recht cholerischen Generalsuperintendenten vorstellen.

Auch mit Pasche Stümpemanns Frau, – das war so eine mit goldenen Ringen! – hatte sie es verschüttet, denn sie war nicht dazu zu bewegen, am regelmäßigen Kaffeeklatsch teilzunehmen.

Osewald mochte seine beiden Schwägerinnen weiter nicht leiden, aber Garderuts abstoßendes Verhalten war ihm doch unlieb.

»Man soll schließlich mit ihnen leben,« meinte er. »Zur Familie gehören sie nun einmal.«

So suchte er durch zuvorkommendes Benehmen gegenüber den beiden Damen nachzuholen, was seine Frau versäumte.

Die Gatten standen einander einigermaßen kalt gegenüber; Osewald ließ seiner Frau ihren Willen, und sie gab sich jetzt keine große Mühe mehr, ihm ein Verständnis ihres Wesens und berechtigten Wünschens beizubringen.

Sie fanden eine Weise, zusammen zu hausen, ohne daß schlimmere Dinge geschahen als gelegentliche kleine Aufwallungen widereinander.

Es kam der Herbst. Der Senator nahm seinen Urlaub und wollte seine alljährliche Reise in die Berge machen. So in dieser angenehmen Form: wo man fahren kann, soll man nicht gehen, und eine nicht ganz hervorragend schöne Aussicht bei gutem Essen ist mehr wert als der vorzüglichste Blick bei mangelhafter Verpflegung, nicht wahr?

Garderut sehnte sich danach, allein zu sein.

»Laß mich dieses Jahr hierbleiben,« bat sie.

»Du weißt, mein Kind, ich nötige dich zu nichts, was dir nicht paßt.«

Des war sie froh und packte ihm seine Koffer mit besonderer Sorgfalt. Während sie bei dieser Arbeit war, traf ein Brief von Gunnar ein. Sie überflog ihn nur und legte ihn dann beiseite. Richtig lesen wollte sie ihn erst in ihrer Einsamkeit.

Osewald freute sich darauf, mal vier Wochen lang durchaus sein eigener Herr zu sein und nicht immer Gefahr zu laufen, von seiner Frau in tiefsinnige Gespräche über ihre Persönlichkeit verwickelt zu werden. Sehr heiter reiste er ab.

Allein! Garderut dehnte sich. Wonnig war es. Sie wollte diese Zeit ausnutzen, ganz eigensüchtig. Selbst ihre Kinder sollten sie nicht darin stören. Verschlürfen wollte sie jede Stunde wie eine köstliche Frucht.

An ihrem ersten Ferienmorgen tat sie Gunnars Brief in die Tasche und ging vors Tor.

Warme Septembersonne. Zwischen den Stoppeln sproßte üppiges Kraut auf. Die Wiesen satt dunkelgrün, – behäbiges Vieh darauf gelagert. Die Gräben an den Rändern des Landwegs über und über mit wucherndem Pflanzenwerk gefüllt. Das streute seinen Samen aus den berstenden Kapseln.

Garderut kam nach Glannbeck.

»Darf ich unten in der Laube sitzen, Onkel Jakob?«

»Meinst, daß ich nein dazu sage, klein Deern?«

Der alte Eenboom war mit Rahmkirch, dem Findelkinde dabei, die schwerstbehangenen Fruchtzweige durch Stützen vor dem Abbrechen zu bewahren. Auch lagen Leitern, Körbe und Pflückgeräte auf dem Rasen, ein Zeichen, daß die Ernte ihren Anfang nahm.

Unten, wo der Obstgarten endigte, war eine dichtbuschige Laube errichtet. Den Eingang dazu mußte man sich durch einen Vorhang von lauter Ranken erzwingen. Nach der Wiese zu war eine runde Öffnung in das Laub geschnitten. Dahindurch sah man auf den Sund, der gleich einem mächtigen Strome seine blauen Wogen dahinrollen ließ, jede mit ihrem Pünktlein.

Bank und Tisch in diesem weltabgeschiedenen Gemache, . . alles aufs Sauberste.

Das war ein Platz, da konnte man das Alleinsein so deutlich fühlen, als wäre es etwas Körperliches.

Lange saß Garderut mit gelösten Gliedern da, unsagbar wohlig von der Stille durchrieselt.

Erst folgten ihre Augen dem Wellenzuge, dann sanken ihr die Lider herab, ihr Haupt neigte sich zur Seite, und sie lehnte sich in das kühle Gewirre der Blätter. Sie entschlummerte.

Das war der Schlaf, womit diese Frau ihren Alltag beschloß, um nach kurzer Weile in ihrem Sonntage zu erwachen.

Seltsam gestärkt, als hätte sie mehrere Stunden und sehr tief geruht, reckte sie sich empor. Alles war so hell! Kam das nur von dem Sonnenlicht da draußen, oder waren ihre Augen plötzlich klarer geworden?

Wundervoll war das Wasser, – und wie schön erhoben und wellten sich die Felder hinter dem jenseitigen Ufer! Unendlich friedevoll lugten die Dörfer aus ihren Baumhaufen heraus. Garderut deuchte es, sie habe während ihres Schlummers etwas Erhabenes geträumt, und dazu sei mächtige Orgelmusik erschollen. Ihr war so rein, abgeklärt, feierlich zu Mute. Ewig fern von ihr lag Krukeluhn mit seinen engen Lebenspflichten, mit seinen ach! so ermattenden Kämpfen, die immer ihren Ausdruck in Kleinigkeiten fanden und doch das Ringen nach dem großen Ganzen ihres Frauentums bedeuteten. Ewig weit weg war sie von dem allen!

Und das schien ihr die richtige Stimmung zu sein, sich in Gunnars Brief zu versenken. Sie holte ihn hervor, sie las.

Er beschrieb ihr den Weg, den er bisher gegangen war. Er hatte nach der Krukeluhner Zeit zuerst schweres durchgemacht. Eine neue Stellung war nicht gleich zu finden. Seinen Eltern mochte er seine Not nicht offenbaren. Endlich bot sich ihm Arbeit, er griff zu, so unerfreulich sie war.

Lokalredakteur. Mit dem Gendarmen Duzbrüderschaft trinken, um herauszubekommen, was der Raubmörder bei seiner Verhaftung gesagt hatte. Einen Gang durch eine Blechwarenfabrik mit den höchsten Jubelworten über das Erschaute schildern, weil der Besitzer mit im Aufsichtsrate der Zeitungsverlags-Anstalt saß. Sich von dem Herrn Direktor des Blattes furchtbar heruntermachen lassen, weil bei der Aufzählung der Personen, die an einem Begräbnis teilgenommen hatten (»Wir bemerkten unter andern – –«) ein wichtiger Bezieher vergessen worden war.

»Glauben Sie vielleicht, jemand läuft zum Vergnügen hinter solcher toten Leiche her?« fragte der Direktor. »Das bilden Sie sich man ja nich ein. In die Zeitung will man kommen. Sonst hats weiter keinen Zweck nich.«

Dann als Weihnachtsgeschenk die Kündigung: die Aktien der Verlagsgesellschaft waren gesunken: es mußte gespart werden, hauptsächlich, weil der Herr Direktor einer Gehaltserhöhung bedurfte. Schließlich, wenn er Reporter für Schöffengericht und derlei werden wollte, die Zeile für fünf Pfennige, so war man großmütig geneigt, ihn trotz der schlechten Zeit zu behalten. Er tat es, und jeder Gerichtsdiener ließ ihn seine Verachtung spüren.

So ging's lange, bis er in reinliche Verhältnisse kam. Da fing er wirklich zu arbeiten an. Da durfte er aussprechen, was ihn künstlerisch bewegte, da blitzten seine Gedanken von selbst, während sie sich ihm nur qualvoll entrungen hatten, solange seine höchste Leistung der Bericht über die Stadtverordneten sein konnte.

Aufwärts im Beruf, mit einem anständigen Rock angetan, – das Glück!

Und doch ein Drängen, ein Suchen, . . . bis zu jener Nacht, wo er fiebernd erwachte: da war sein ganzes erstes Buch fertig in ihm, das Buch, aus seiner Liebe zu Garderut geboren.

Ein heißes Schaffen, die Freude des Gelingens und das fast noch frohere Bewußtsein, anerkannt zu werden!

Jener Verlagsdirektor ließ drucken: »Herr Claudius hat bekanntlich auch unserem Blatte eine Zeit lang seine wertvollen Dienste gewidmet und haben wir denselben immer hochgeschätzt.«

Neue Pläne, neue Werke. Der kleine Krukeluhner Redakteur war ein bekannter Mann geworden, der viel Gutes über sich zu lesen bekam.

»Das Kühlste, was mir über meinen Roman geschrieben worden ist,« so schloß er seinen Brief, »kam von ihr, der ich ihn verdanke, der ich ihn gewidmet habe, wenn auch ihr Name nicht hinter dem Titel steht. Lieber hätten Sie mir gar nicht bestätigen sollen, daß Sie das Buch erhalten haben. Ich mußte es Ihnen senden, aber von Ihnen zu verlangen habe ich nichts, das weiß ich wohl. Nur – es schmerzt, wenn man selber so innig mit jemand weitergelebt hat, der einem einst nahe war, und wenn man dann erfährt, daß dieser Mensch die frühere Freundschaft vergessen hat und also auch das Ganze nicht mehr verstehen kann. Verzeihen Sie mir, daß ich das schreibe. Es ist so eine Art Epilog zu dem Werk. Leben Sie wohl.«

Leben Sie wohl! Nicht wahr? Das hieß: ich nehme fest an, ja ich wünsche eigentlich, daß Sie hierauf schweigen. Oder hieß es doch etwa: ist es denkbar, daß du dich auf diesen bitteren Vorwurf nicht verteidigst?

Garderut konnte das nicht gleich entscheiden. Nur so viel war ihr gewiß: ohne Entgegnung durfte der Brief nicht bleiben. Die Worte »vergessen«, »nicht verstehen« waren zu herb, und sie war es ihm ja auch wirklich noch schuldig, etwas über sein Buch zu sagen.

Ein paar Zeilen, hastvoll noch in dieser Stunde mit einem Bleistift auf irgendein Blatt Papier geschrieben, waren der erste Gruß, den Garderut ihrem räumlich nicht sehr weit von ihr entfernt wohnenden Jugendfreunde sandte.

»Bald schreibe ich ausführlicher,« hieß es da, und dann kamen die nicht ungefährlichen Sätze: »Ich habe jetzt viel Zeit, denn ich bin allein. Mein Mann ist verreist.«


*


Einen herrlichen Morgen hatte Garderut in der Laube verbracht, und sie beschloß, sich dieses Träumen zu gönnen, so oft sie konnte. Fast täglich pilgerte sie daher nach Glannbeck hinaus, und fast täglich hatte sie einen Brief von Gunnar bei sich, den sie dann sofort erwiderte.

Zwischen den beiden Menschen, die einander so gut kannten und denen doch Gesetz und Sitte verboten, so herzlich zusammen zu reden, wie sie es mochten und konnten, entwickelte sich jener Austausch von Gedanken, jenes seelische Hin- und Herschwingen, die aus lauter verhaltener Sehnsucht stammen. Eigentlich kann jeder andere solche Briefe lesen, und doch enthalten sie nichts als die tiefsten Geheimnisse. Unter dem »Sie« der Anrede schimmert das »Du« hindurch. Auf die geringste Nebenbemerkung wird geachtet, sie wird zergrübelt, nicht begriffen . . . Erklärung tut not, . . . Fragen, . . . Zweifel, . . . leise Verstimmungen, . . . kleine Abkältungen, – feurige Aufwallungen, – geringe und dabei so bedeutsame Beigaben: ein Band, eine Blume.

Gunnar wagte wohl einmal, kühner zu werden und Garderut an das kurze Glück zu erinnern, das sie miteinander genossen hatten. Sie erwähnte die verklungenen Zeiten nie, und dennoch vermochte er es, zwischen ihren Zeilen zu lesen, wie gern sie daran zurückdachte.

Nie klagte sie über ihre Ehe, aber von ihrem Manne war bald in ihren Briefen gar keine Rede mehr; sie erzählte kaum von ihren Kindern. Das war Gunnar recht. Er wollte am liebsten von allen andern Menschen um sie herum gar nichts wissen.

»Ich sehe Sie, als ob Sie ganz allein vor einer ungeheuren weißen Wand stehen,« schrieb er, »und so müssen Sie mich auch sehen. Wir stehen uns in einem leeren, leeren Raume gegenüber, und so sprechen wir zueinander. Niemand sonst hört und sieht uns. Wir sind zusammen und doch durch einen Abgrund getrennt.«

Ja, dieser Abgrund! Wehvoll blickten beide in ihn hinunter. Er sprach das aus und deutete sein Verlangen an, die Kluft zu überspringen. Sie ermunterte ihn nicht dazu, schrieb aber auch nichts davon, daß sie ihm den Sprung verwehren möchte.

Sie hatten beide auf der Welt nichts Wesentlicheres und Eiligeres zu tun, als sich Briefe zu senden. Er mit der Freude, sich ihr immer mehr zu enthüllen, sie mit dem Wohlgefühl, dort jemand zu haben, der ihren leisesten Gedanken nachsann, und der ihr auch alles Frauenglück, alle Zartheit gewährt haben würde, wenn es nur eben im Bereiche seiner Macht lag. Die Macht aber hatte er ja nicht. Nun, so wollte sie wenigstens davon träumen!

Während Jakob Eenbooms Äpfel immer rötere Backen bekamen, füllte sich auch Garderuts Seele wie mit einem reifen, süßen Safte: mit der Gewißheit, daß sie die wirkliche Liebe eines dichterisch empfindenden Mannes war, daß er ihr auch die wahre Treue gehalten hatte und noch hielt, selbst wenn ihm, wie er das gar nicht leugnete, andere Frauen einmal reizvoll erschienen.

Garderut war stolz. Was er ihr gab, das konnte er keiner anderen geben. So wußte sie nichts von Eifersucht. Die andern – ach! – er suchte und suchte in ihnen ja nur seine Garderut, und er suchte vergebens, denn Garderut war nur einmal auf der Welt vorhanden. Die saß im Sonntagskleide hier in der Laube und ließ sich von der Liebe überströmen, die aus seinen Briefen quoll.

Was sie daheim tat, das ging ihr alles so triebwerksmäßig von der Hand; ihr wahres Dasein fing erst an, wenn sie sich über das Papier beugte und schrieb: »Mein lieber, guter Freund.«

Ihm wurde es bald geläufig, sie wieder bei ihrem Vornamen anzureden, und ihr wäre es jämmerlich erschienen, wenn sie ihn etwa in die sogenannten gesellschaftlichen Schranken gewiesen hätte. Wozu Schranken?

Sie vernachlässigte ja nicht das Geringste von dem, was ihr oblag, sie berichtete auch ihrem Manne alles ihm Wissenswerte, deshalb durfte sie sich denn auch ohne jegliche Gewissensbisse aus dem Quell ihrer Freundschaft mit Gunnar laben.

Onkel Jakob hörte bisweilen mit Obstpflücken auf und steckte den Kopf durch das Rankenwerk in die Laube:

»Sag, mal, du! Du dichtest wohl, was? Willst mir Konkurrenz machen, deucht mir.«

Garderut schaute ihn lachend an:

»Ja, ich dichte. Denn man nennt es doch dichten, wenn man sich etwas einbildet, was es in Wahrheit nie geben kann.«

»Da bin ich neugierig, wann wir das zu lesen kriegen.«

»Nie, Onkel Jakob. Ich bin eine ganz heimliche Dichterin und sehne mich nicht nach Ruhm.«

»Hm, da wärst du die erste, die nicht gedruckt werden will.«

»Das kann schon sein. Meine Gedichte eignen sich überhaupt nicht für die Öffentlichkeit.«

»O!« sagte der Alte und hob warnend den Zeigefinger, »dann sind es wohl so diese modernen Verse?«

»Ach, Onkel, modern? – Ja, das ist so etwas, wie ich es schreibe, wohl immer gewesen.«

Immer mehr erfuhr Garderut von Gunnar, immer mehr erfuhr auch er von ihr; nicht so sehr durch das, was sie ihm mitteilte, als durch das, worüber sie schwieg. Es war manchmal ganz, als ob sie sich noch wirklich aneinander drängten. Aus dem geistigen Mittel kristallisierte sich etwas körperlich Gefühltes heraus.

So lebte Garderut in ihrer Abgeschiedenheit tief befriedigende Tage. Vor ihr der Sund mit seinem Wellengeflimmer und Geblinker. Draußen im Obstgarten taten Onkel Jakob und sein Knecht ihre stille, friedliche Arbeit, indem sie eine Frucht nach der andern von den Zweigen brachen und sorglich in die mit Stroh ausgelegten Körbe bargen.

Zu beiden Seiten des Laubeneingangs aber hielten Kule und Wix ernste Wache, damit niemand die Frau dort drinnen störe. Sie nahmen dabei die Haltung ein, als wären sie Sphinxe und lägen im Lande der Pyramiden vor einem Königsbau.



26. Kapitel.
Faden ans Licht?

So golden durchflutet wie der Himmel in diesen ersten Herbstwochen dünkte Garderut ihr gesamtes Erleben.

Sie hatte ja einen Stiefsohn und ein eigenes, innigst geliebtes Kind, aber sie mußte sich manchmal darauf besinnen: war sie tatsächlich Mutter?

Sie kam sich so schlank jungmädchenhaft vor. Sie konnte und mochte es sich gar nicht vorstellen, daß schon je ein Mann das Recht gehabt hatte, ihrem Lager zu nahen.

Ihre Ehe war wie versunken.

Alles, was sie vom Manne, von der Liebe wußte, das waren jene wohl heißen, aber doch keuschen Zärtlichkeiten, die sie von Gunnar empfangen hatte.

Nein, sie war keines männlichen Wesens Eigentum, sie wurde nur ersehnt, und die ihr geweihte Sehnsucht, wie sie aus den Briefen ihres Freundes sprach, besaß nichts von dem Allzumenschlichen eines Gattenbegehrens.

Die Sehnsucht war ätherrein, aber nicht etwa entsagungsvoll, denn schmerzlicher Verzicht kann nur da entstehen, wo das Gefühl einer vergeblichen Begierde waltet.

Gunnar indessen war zufrieden mit dem, was sie voneinander hatten, mit diesem feinen und doch so starken Austausch ihrer Gemüter. Es würde sie furchtbar gestört haben, wenn sie jemals hätte denken müssen, daß dieser ihr Freund schließlich auch nicht anders war als die anderen Männer, vor allem: als ihr eigener Mann.

Keinen Augenblick schwebte ihr die Möglichkeit vor, sie könne mit Gunnar Claudius ins Alltägliche, Gewöhnliche tauchen.

Die Räume, die sie seelisch mit ihm durchschwang, gehörten zu einer anderen Welt, da gab es nichts Dumpfes, nichts nach irdischer Erlösung Lechzendes, keine Sattheit und erst recht keinen Überdruß nach gemeinem Genuß.

Ausgelöscht die brutale Wirklichkeit des Ehelebens, – eine Jungfräulichkeit, als hätte sie eben zum ersten Male Brot und Wein am Altare empfangen und beginne überhaupt erst zu ahnen, daß sie Weib sei, – Rückkehr in eine Jugend, der sie sich aber jetzt mit Bewußtsein hingeben und deren volle Schöne sie also nun begreifen konnte.

Ein seliger Zustand, worin ihr zumute war, als ob die Luft, die sie atmete, nicht nur ihre Brust erfüllte, nein, als ob dieser Hauch überall in ihre Glieder hineindringe und sie leicht mache, daß es eine Kleinigkeit für sie sein mußte zu fliegen.

Dabei kein Haß gegen irgendjemand. Im Gegenteil, sie war die Güte selbst, und sogar die Briefe, die sie an ihren Mann schrieb, waren bei aller Sachlichkeit nicht unwarm.

Ja, so ging es in den ersten Wochen, – als sie sich aber dann eines Morgens erhob, hingen graue Regengardinen vom Himmel herunter. Ihren Lieblingsplatz in der Laube konnte sie heute nicht aufsuchen. Und während sie sich nun, um ihre Enttäuschung und ihren Verdruß über den verdorbenen Vormittag zu dämpfen, um so eifriger der häuslichen Beschäftigung widmete, fiel es ihr ein: jetzt war ihre Ferienzeit bald um. In einer Woche kam Osewald zurück. Da war sie wieder die Pflichtfrau. Da wurde ihr Mädchentraum jählings zerstört.

Grauen.

Stäubte der Regen zu ihr herein, obgleich die Fenster dicht geschlossen waren? Es war alles so feuchtkalt um sie herum. Wie Nebelschwaden zog es vor ihren Augen durchs Zimmer.

Fröstelndes Grauen.

Was half's? Seufzen und sich ins Unabwendbare schicken, das rosige Flügelgewand mit dem gediegenen Hausfrauenkleid vertauschen, – Marktfrau und Wäscherin wieder für wichtige, lebenerhaltende Kräfte ansehen, dem Schlächter ein Stück Fleisch zurückgeben, weil es nicht das war, was der Mann gern aß, und der trefflichen Martha, die in dieser Zeit alles regiert hatte, wieder in die Zügel fallen, denn es ging nun doch einmal nicht an, daß Dienstmädchenverstand über Herrinnenvernunft emporragte.

Wohl, mochte es denn so werden, wie es nicht anders sein konnte, aber was wurde aus ihr und Gunnar? Sie schrieb ihm: »In einigen Tagen ist mein Mann wieder da. Dann habe ich wieder viel zu tun.«

Sie fühlte, wie ungeschickt sie sich ausdrückte, aber einerlei, – die Hauptsache war, daß er sie verstand. Daran mangelte es denn auch nicht.

Während das Wetter noch fernerhin trübe blieb, erwiderte er: »Es steht ja ganz in Ihrem Belieben, Garderut. Ich will nichts, was Sie nicht wünschen. Sehen Sie sich den Seidenfaden an, den ich diesem Briefe beilege. Sie brauchen ihn nur zu spannen und ans Licht zu halten und mir dann die beiden Enden zurückzuschicken. So weiß ich, es ist vorbei, und bescheide mich. Kann ich es Ihnen leichter machen, uns voneinander zu trennen?«


*


Faden ans Licht. Garderut betrachtete das grünschillernde Gebilde. Nur einen kleinen Augenblick brauchte die Flamme, daran zu spielen, dann war der Faden mitten durchgebrannt. Und sie glaubte Gunnar; er würde sich still vor ihrem Abschiedswillen beugen.

Ja, welch eine Kleinigkeit war es, diese Zeit zu enden, sie gleichsam in eine Kapsel einzuschließen, die man nur dann und wann öffnet, um einen Erinnerungsduft daraus aufsteigen zu lassen. Oder auch sie wie eine jener Rosen aus dem heiligen Lande eintrocknen zu lassen und sie hin und wieder ins Wasser zu legen, daß sie sich zu der immer in ihr schlummernden Blätterpracht entfaltete. Eine Kleinigkeit. Gunnar machte es ihr in der Tat bequem. Er begriff sie, er wollte ihr gewiß sogar Gutes erweisen. Sie sollte kein zerreißendes Doppelleben führen, sollte sich nicht quälen, als ob sie etwas täte, was sie nicht vor ihrem Manne verantworten konnte. Sie sollte aller Fesseln los sein und wissen, daß sie ihrem Jugendfreunde durch nichts verpflichtet war. Und deshalb wollte er ihr auch jede Auseinandersetzung mit ihm ersparen. Er konnte sich freilich auch denken, was eine Frau in einem solchen Falle zu sagen hat.

Wahrlich: sorglicher, liebevoller konnte er nicht gegen sie handeln.

Oder war es gar mehr als Schonsamkeit? Wollte er sie vielleicht darauf hinweisen, daß es gut sei, wenn sie wieder ihrem Manne ganz allein angehörte? Aber nein! So trocken und nüchtern dachte er nicht, sie an ihre Pflicht zu gemahnen. Sein ganzes Bestreben war nur, sie davor zu schützen, daß ihr ein noch so geringes Unlustgefühl im Gedanken an ihn erwachen konnte. Und das war ja sehr klug und richtig. Denn sobald er, und wäre es auch unwillkürlich gewesen, einen Druck auf ihre Seele ausübte, war schon alles zwischen ihnen vernichtet. Dann blieb er eine Last, und wer liebt es denn, eine Last zu sein?

Hatte sie sich durch den Verkehr mit ihm eine Freiheit gegönnt, so mußte er ihr auch alle Freiheit lassen, wenn sie ihm Lebewohl sagte.

Diese Wochen waren ungestört dahin gegangen. Unmöglich würde das so bleiben. Sie konnten einander nicht mehr zwischen jenen zwei weißen Wänden gegenüberstehen. Die Wirklichkeit kam, und es war gar nicht zu vermeiden, daß sie auch über das Papier hinkroch, worauf Garderut an ihren Freund schrieb. Das hinterließ plumpe, häßliche Spuren und löschte ihre Herzensworte aus.

Sie hatten Köstliches miteinander genossen, und nun mochte denn, obgleich es weh tat, das Auseinandergehen kommen. Besser und zweier gescheiter Menschen würdiger war es, wenn sie solche Zwiesprache beendeten, bevor sich ein Dritter hineinmischen konnte, aber bevor solch ein Zusammensein ermüdend wirkte oder schließlich auch, was ja bereits oft da gewesen war, gar zu nahe wurde.

Die Kunst, alle diese drei Störungen zu vermeiden, war sicherlich zu schwer.

Das Höchste und Schönste, wozu sie ihren vertrauten brieflichen Umgang miteinander steigern konnten, war unzweifelhaft, wenn sie ihm jetzt entsagten.

Ihre Freundschaft, das rein Innerliche, starb ja deshalb nicht. Also!

Garderut entzündete das Licht auf ihrem Schreibtische, sie nahm den grünen Faden, spannte ihn nach Gunnars Weisung und hielt ihn – – –

Nein! Trotz allen weisen Überlegens: es war ihr doch unmöglich, die seidige Zartheit durch die Flamme zu zersprengen.

Warum sich denn so grausam berauben? Das hieß alles wieder aufgeben, was sie sich in der letzten Zeit fest vorgenommen hatte, hieß zurückfallen in das schreckliche Uneigene, woraus sie sich jetzt mit Macht emporarbeiten wollte.

Sie mußte die Lebenskünstlerin werden, ihrem Hause untadelig vorzustehen, sich aber zugleich Gebiete in ihrer Seele zu schützen, wo sie allein schaltete und waltete und wo sie Zwiesprache halten konnte, mit wem und so lange es immer in ihrem Belieben stand. Dann war sie mehr als Frau und Weib, – dann war sie Mensch!

Und niemand wollte sie Rechenschaft dafür schuldig sein, weil sie es wagte, hier aus eigenem Entschluß die zweite Thronde zu sein, wie sie es gezwungen schon in vielen Dingen hatte sein müssen.

Nein! Wie sich alles gestalten würde, sie wußte es nicht, aber jetzt mit Gunnar zu brechen, und war es auch nur äußerlich, das brachte sie nicht fertig. Es wäre eine Art von Selbstvernichtung gewesen.

Garderut nahm den Faden und tat ihn sorgfältig wieder in den Brief hinein. Vielleicht kam ja einmal die Stunde, wo sie ihn ans Licht führte und dem Freunde die verbrannten Enden zurücksandte. Jetzt sollten und mußten die Fäserchen noch heil ineinander greifen, ein feines Sinnbild für das, was sie mit ihm verband.

Der Ton der Briefe, die Garderut in dieser letzten Ferienwoche an Gunnar schrieb, war ein wenig gedämpfter als vorher. Aber daran trug das trübe Wetter gewiß viel Schuld. Im Anschauen des blauen Sundes konnte sie sich rückhaltloser geben, als wenn sie bei einem Blick nach draußen nur den grauen, nassen Markt vor Augen hatte. Indessen, mochte sie in der Freiheit ihres Fühlens durch mancherlei gehemmt werden, – sie blieb fest dabei; den Faden nicht ans Licht zu führen!

Sie kämpfte solange mit sich, bis ihr der Gedanke an Osewalds Rückkehr nicht mehr geradezu peinlich oder auch nur unangenehm war, ja, sie wußte ihm sogar aufrichtigen Dank für diese Ferienwochen, und um ihm eine Freundlichkeit zu erweisen, ging sie zur Schönen Taube in den Kuhgang. Diese Gasse war ein Beweis für den unausrottbaren Trieb der Natur, überall Leben zu schaffen, denn zwischen ihren Pflastersteinen grünte und sproßte es mit solcher Gewalt, daß man lieber von einer Kuhweide als von einem Kuhgange hätte sprechen sollen.

Die Schöne Taube nun hatte just ein kunstreiches Zinngerät, wie es der Herr Senator immer gern bei ihr kaufte. Das erstand Garderut, ließ sich von der alten Jüdin zum Scherz aus der Hand wahrsagen und erfuhr, daß sie zwar lange leben, aber noch einmal viel Schweres überstehen müsse, und tat zuletzt im niedrigen Hintergemach einen Blick in die geheimnisvoll leuchtende Kugel. Wessen Antlitz erschien ihr da? O, nicht nur eines, sondern sie sah zwei Gesichter, und das war eigen: wie sehr sie sich auch bemühte, dem jüngeren davon recht kräftige Züge zu verleihen, es blieb blaß und verschwommen, das ältere aber mit der unverkennbaren Stümpemannschen Nase trat immer deutlicher hervor.

Es war doch ein kümmerliches Ding um die Magie der Schönen Taube, nicht wahr?

Als Osewald angeregt und frisch heimkam, prangte die Zinnsache mit einem Kranze rund herum als Willkommensgruß auf dem Tische, und er küßte Garderut in ehrlicher Freude über ihre Aufmerksamkeit. Und wie das häufig bei sonst nicht sehr aneinander hängenden Gatten nach längerer Trennung der Fall ist, so folgten jetzt auch im Senatorhause freundliche, beinahe glückliche Monate.

Throndes Schatten wandelte nicht mehr von Stube zu Stube, sondern durfte wohl endlich seine Rast für immer finden.

Garderut berichtete ihrem Manne mutig, daß ihr Herr Claudius in der letzten Zeit viel von sich und seinem Leben schriebe und daß sie ihm natürlich auch antworte.

Auf Osewald machte diese Mitteilung weiter keinen Eindruck.

»So?« meinte er nur, »Stehst du noch immer mit dem in Verbindung? Ja, man liest ja jetzt seinen Namen öfters in der Zeitung. So ein Mann muß es sich wohl sauer werden lassen, bis er hoch kommt.«

Der Herr Senator war nicht im mindesten neugierig darauf, etwas Näheres über den Briefwechsel zu erfahren, er behandelte vielmehr diese dauernde Seelenfreundschaft mit dem gewissen gutmütigen Spotte des über derlei Jugendlichkeiten erhabenen Mannes.

Garderut brauchte also nichts vor ihrem Gatten zu verbergen. Ja, hatte sie denn überhaupt Geheimnisse vor ihm? Äußerlich nicht, und innerlich? Allerdings, sie war dazu durchgedrungen, daß sie ihr qualvolles Doppelleben in ein zwiefaches Leben umwandelte. Diese beiden Leben waren ganz voneinander geschieden; das eine wußte kaum etwas vom andern, konnte daher das andere auch nicht stören.

Garderut gab ihrem Manne, was ihres Mannes war, und blieb für den Freund das jungfräuliche Wesen mit dem Wissen des Weibes.

In solcher Art von Dasein, das sie sich mit einem kräftigen Willen geschaffen hatte, fühlte sie ihr Gemüt nicht mehr zerrissen, und so ging es denn ja wohl wirklich gut an, daß der Faden unversehrt und fern dem Lichte blieb!



27. Kapitel.
Letzte Rose.

In der berühmten Hansestadt Wismar, die in manchen Dingen unserm Krukeluhn nicht unähnlich ist, lebte vor alters ein Wollenweber. Hieß Claus Jesup. Muß ein Kerl mit einem unheimlichen Trieb nach oben gewesen sein. Hatte es schon einmal so weitgebracht, daß man ihn Herrn Bürgermeister nannte, war dann wieder in die Unbeamtetheit zurückgesunken, hielt es da aber nicht aus, sondern suchte abermals, wie man so sagt, der erste Mann an der städtischen Spritze zu werden.

Und als nun der Ratsherr Hinrich von Haren das Unglück hatte, daß die Dänen der Wismarschen Koggenflotte, die er befehligte, eine arge Niederlage beibrachten, da ließ Claus Jesup, der seinen Weizen reifen sah, flugs unter den Bürgern ausstreuen: Haren sei ein Verräter. Richtig erlangte er auch, daß man den geschlagenen Admiral in den Turm setzte.

Damit nicht genug, verfolgte Claus Jesup ebenfalls den Bürgermeister und Kaiserlichen Ritter Johann Bantzekow mit seinem Hasse, indem er behauptete, dieser lasse der Stadt Tore offen stehen, damit der Feind bequem eindringen könne.

Bantzekow war ein vornehmer, aber schwacher Mann und handelte pflichtvergessen, denn er lieferte dem Volksanführer die Schlüssel der Tore aus, und als er dann, Gefahr witternd, Wismar mit Flucht verlassen wollte, da schickte ihm Jesup seine Helfershelfer nach. Auch der Bürgermeister kam in Ketten und beide, der Ratsherr wie Herr Johann Bantzekow, wurden auf Jesups unerbittliches Betreiben auf offenem Markte mit dem Schwerte hingerichtet. Der Wollenweber aber hat seine Tage weiter gelebt, wenn er denn auch sein Schreckensregiment nicht mehr ausübte.

Diese machtbegierige Gestalt und ähnliche Männer, von denen die Chroniken berichten, waren Bäcker Tystrows Vorbilder.

Koste es, was es mochte, – er wollte etwas zu bedeuten haben! Seine niedere Herkunft wurmte ihn; er fühlte seine Unbildung, woraus er sich doch mit allem Herumschmökern in den alten Schweinslederbänden nicht befreien konnte, er beneidete alle die, die in guten Häusern groß geworden waren, er wollte es ihnen aus eigener Kraft gleich tun und sie womöglich überflügeln, er verschmähte es, seine kleine Gabe wirklich selbstlos in den Dienst des großen Ganzen zu stellen, wo er denn hätte Nützliches leisten können, – nein, er selber wollte Herr sein, und die andern sollten ihm dienen; je höher sie standen, desto mehr wollte er sie für seine eigenen Zwecke gebrauchen.

Daher seine Freude an der Gewalt, die er über Senator Stümpemann besaß, daher sein Toben wider Senator Konning, der ihn überall bekämpfte und alle seine Anträge im Bürgerausschusse zu Falle brachte.

Für dieses Widersachertum, das er für persönliche Feindschaft nahm, rächte sich der Bäcker, indem er dem Rat alle möglichen Steine in den Weg warf.

Derlei Gegnerschaft bereitete aber manchen Leuten ein Vergnügen, und deshalb genoß Tystrow den Ruf eines unabhängigen und mutigen Mannes und wurde immer wieder gewählt, obgleich es der Stadt sehr zum Wehe gereicht hätte, wenn er das durchgesetzt haben würde, was ihr nach seiner Ansicht wohl tun sollte.

Er saß im ›Rauhen Loch‹, hielt lange Reden und erntete lauten Beifall. Ein Senator Konning war hier ja nicht unter seinen Zuhörern. In diesem Wirtshause lebte auch noch immer der Hafenverein. Sein Siegel zeigte einen Spaten, dessen Spitze von Wellen umspült wurde. Ja, Bäcker Tystrow wollte auch jetzt noch kein anderes Heil für Krukeluhn sehen, als wenn die alte Hafenpracht erneuert ward. Senator Konning aber hatte mittlerweile unter beleidigender Nichtachtung der Tystrowschen, aus mißverstandener Geschichte und vor allem aus grober Selbstsucht herstammenden Pläne die nötigen Schritte getan, um die Eisenbahn endlich über die Insel zu leiten.

Der Bürgermeister ließ sich von diesem tätigen Beamten schieben; Senator Stümpemann konnte nicht widersprechen, die beiden nicht rechtsgelehrten Ratsherren und braven Nullen, sowie der Bürgerausschuß mit Ausnahme der Tystrow-Partei wurden gewonnen, und so geschah denn alles, was geschehen mußte, damit Landtag und Regierung sich der Stadt und ihren Wünschen geneigt zeigten.

Das lange vernachlässigte Krukeluhn sollte an die große Welt geknüpft werden, und im ›Rahner Hausfreund‹ schrieb der Redakteur einen sinnigen Aufsatz über das demnächst aus vielhundertjährigem Schlafe erwachende Eiland-Dornröschen.

Die Männer, die mit dem Eisenbahnbauen Bescheid wissen, kamen und sahen sich die Gegend an, und da stellte es sich überraschender Weise heraus, daß es unvorteilhaft sein würde, wenn man da, wo sich jetzt die Holzbrücke über den Sund hinzog, auch der neue eiserne Steg streckte. Sondern es erschien praktischer, die Verbindung mit dem Festlande ein gut Teil weiter westwärts herzustellen. Dort lag auf dem jenseitigen Sundufer der betriebsame Ort Wullenhagen, und von ihm aus kam man leichter ins Binnenland als von Neustadt, wohin sich bisher alle reiselustigen Krukeluhner begeben mußten.

Der Plan war teuer auszuführen, denn der Sund hatte bei Wullhagen eine größere Breite als bei Neustadt, aber ein Gutes war, wenn man dort die Pfähle einrammte, besonders auch darin zu erkennen, daß die Insel mehr aufgeschlossen wurde: an drei blühenden Dörfern vorbei schlängelte sich dann die Bahn, um in Krukeluhn zu münden, während bei der kürzeren Verbindung nur die Stadt selbst unmittelbaren Nutzen hatte.

Mithin ward beschlossen, die längere Strecke zu wählen, und alsbald trafen die Leute mit ihren Maßstäben und Sehrohren ein und erkundeten das Gelände, auf daß man an das Ausschürfen oder Aufwerfen des Erdreiches gehen konnte.

Dabei ergab es sich, daß von dem Dorf, an dessen Rande Senator Konnings geliebtes Häuschen lag, etliche Gebäude fallen mußten, und zuletzt wurde man sich klar darüber, daß die Haltestelle nirgendwo besser aufzumauern war als gerade auf Konnings Grundstück.

Was jetzt darauf stand, Haus und Garten, mußte zerstört werden.

Das war ein harter Schlag für den Ratsherrn. Wie hing er nicht an diesem Fleck Erde, was verdankte er ihm nicht! Wie konnte er seine Blumen liebkosen, wie konnte er seine Blicke fast zärtlich auf dem Strohdache ruhen lassen!

Wie fühlte er sich wohl auf der Bank neben der Tür, wo er das Beet mit den hochstämmigen Rosen, seinen Lieblingen, vor sich hatte, wie herzenswarm war ihm stets zumute, wenn er in die niedrige kleine Stube trat und dort auf dem Sofa, die eine Hand sacht auf die Hand seiner neben ihm sitzenden Frau gelegt, seine Pfeife rauchte!

Alles, was er an Frieden, Ruhe, Erholung, ja man konnte sagen: an innerlichem, ungestörtem Glücke kannte und genossen hatte, alle die langen, langen Jahre schon, das war mit diesem Häuschen und mit diesem Garten verbunden.

Und nun? Nun wollte man es ihm rauben?

In dem stillen Mann schrie etwas auf: nein, das darf niemand!

Seine Frau bezwang sich mit aller Macht, um ihm nicht ihren Gram über den bevorstehenden Verlust zu zeigen. Sie dachte, so sehr auch sie das Haus liebte, dabei nicht an sich selbst, – nur, daß ihr Mann diese seine einzige ungetrübte Freude entbehren sollte, das tat ihr so weh.

Es war nicht Senator Konnings Art, sich über seine Schmerzen zu äußern, aber seine Frau fühlte sein ganzes Leid, und sie versuchte es, ihn zu trösten:

»Wir kaufen uns für das Geld, das wir dann kriegen, ein anderes solches Haus, Erhard.«

Doch der Senator schüttelte nur den Kopf und preßte die Lippen zusammen. Seine Frau wußte, wenn er dies verschlossene Gesicht machte, so wollte er nicht, daß sie über das, was ihn bewegte, noch weiter redete.

Gehorsam schwieg sie. Er mußte seiner Natur gemäß alles mit sich allein abmachen.

Sein Häuschen? Sein liebes Besitztum? War es möglich, – das sollte der Erde gleich werden, – da sollte sich ein nüchterner Kasten erheben, da sollte sich eine gelbe Sandfläche ausdehnen? Da sollte er nie mehr weilen, um den wunderbaren, frisch klaren Hauch des Sonntagmorgens zu trinken, während aus der Ferne, – ihm war das weihevoller, als wenn er in der Kirche saß, – die Glockenklänge vom Turme des großen Gotteshauses zu ihm hindrangen?

Was war das für eine ungeheure Grausamkeit, ihm den einzigen Ort zu nehmen, dem er es schuldete, wenn er trotz allen ihm von seinen Kindern bereiteten Wehsals noch ein ausdauernder und, wie er sich selber sagen durfte, seiner Stadt wohldienender Berater war!

Sich anderswo ankaufen? Und wieder schüttelte der Senator den Kopf, als er allein war und vor seinem Schreibtisch saß. Anderswo, – das wurde nichts Rechtes mehr. Sich an ein anderes Haus zu gewöhnen, sich einen anderen Garten auszubauen, dazu war er schon zu alt.

Die Sonne schien nirgends so golden hin, wie gerade auf die Bank neben seinem Häuschen, der Wind kam nirgends so balsamreich herübergeweht, wie gerade auf die kleine Anhöhe zu, die hinten in seinem Garten lag, der Rundblick war nirgends so schön, wie gerade von diesem Hügel aus, der Regen sickerte nirgends so fruchtbar nieder, wie just in seine Blumenbeete!

Und das sollte nun verloren sein?

Gab es kein Mittel, um ihm das bedrohte Eigentum zu retten?

Er war doch schließlich ein angesehener Mann. Wenn er nun zu den Herren, die die Pläne ausarbeiteten und auf der Landkarte den Lauf der Schienen einzeichneten, – ja wenn er nun zu diesen Herren hinging und sie bat: Laßt mir mein Haus stehen. Durchquert nicht meinen Garten. Führt die Bahn ein bißchen weiter nach links oder rechts, damit mein Platz verschont wird! Sollte man seiner Bitte nicht willfahren? Warum nicht? Was war dabei, wenn die Schienen einen kleinen Umweg machten?

Die Versuchung, so etwas für sich selber zu tun, war groß und lockend, und bereits stand der Senator im Begriff, in die Hauptstadt zu reisen und dort in bescheidener, aber dringlicher Form seinen Einfluß zugunsten des lieben Häuschens geltend zu machen, da fiel ihm ein: mußten nicht auch die andern, deren Felder und Wiesen zerschnitten und deren Scheunen niedergelegt wurden, sich in ihr Schicksal fügen? Hatten nicht die drei Bauern, denen das alt ererbte Vaterhaus von der heranbrausenden Lokomotive umgestürzt wurde, einen noch viel größeren und schwereren Verlust zu ertragen als er mit seinem immerhin nur erkauften Besitztum?

Wenn man seiner Bitte willfahrte, – ging die Bahn dann nicht vielleicht gerade über einen Acker oder durch einen Garten, woran auch jemand seine innige, vielleicht einzige Freude empfand? War der Wert, den er einbüßte, höher zu schätzen als das, was seine Mitmenschen fahren lassen mußten?

Nein. Gleiches Recht für alle.

Er hätte sich schämen müssen, wenn er seine geachtete Stellung benutzte, um einen Vorteil vor andern für sich herauszuholen, – er hätte sich danach nie mehr auf seinem Gütchen der Ruhe hingeben können, wenn er daran dachte, daß seinen Nachbarn etwas entrissen worden sei, damit er, der Senator Konning, nur sein Eigenes behielt. Die anderen, deren Grund und Boden da lag, wo die Eisenbahn erbaut werden sollte, wurden auch nicht danach gefragt, ob ihnen der Abschied von der alten Scholle schwer oder leicht fiel, – welch eine Unehrlichkeit würde er begangen haben, wenn er danach strebte, daß man auf ihn allein Rücksicht nahm!

Er selber hatte die neue Zeit aufs Inselland gerufen, sie sollte fortan auch in Rahne daheim sein, und darum durfte er sich nicht beklagen, daß sie ihm entriß, was sie zu ihrer Nahrung und Notdurft brauchte.

Außerdem: wenn er sich von den Herren da oben nur das geringste schenken ließ, so war er nicht mehr der freie Mann wie jetzt. Er mußte sich ducken, sobald die winkten, er mußte seine Meinung umbiegen, sobald die anderer Ansicht waren als er.

Wie konnte er noch vor seine Mitbürger hintreten und behaupten, daß er nur das Gemeinwohl im Auge habe? Er hatte sich so durch eine Gefälligkeit bestechen lassen, – wer sollte ihn noch achten und überhaupt etwas auf ihn geben?

Nein. Es galt, nicht mit der Wimper zu zucken, wenn Schaufel und Hacke kamen, um ihr Vernichtungswerk zu beginnen. Das war das Einfache das große Notwendige. Dazu rang sich der Senator durch, und wenn er auch seine Frau nicht ferner darüber sprechen ließ: ihr tröstendes Wort arbeitete doch in ihm weiter.

Nicht unreichlich war das Geld bemessen, das alle Anlieger der Eisenbahn und auch der Senator als Entschädigung erhielten. Irgendeinen Ersatz konnte er sich also am Ende schaffen. Ja, es würde dann gewiß noch ein Platz auf der Insel zu finden sein, wo er seine Mußestunden verbringen durfte, wenn es auch lange nicht so ward wie auf dem ersten.

Diese Aussicht, die allmählich zur Hoffnung wurde, und sein gut bewahrtes Gewissen verliehen dem Senator nach und nach wieder Freudigkeit.

Da traf eines Tages ein schlimmer Brief aus Berlin ein.

Konnings Sohn war dort in einem Geschäft angestellt gewesen. Man hatte ihm Vertrauen geschenkt, er hatte es schmählich enttäuscht, Betrug verübt, einen falschen Namen unter ein Schriftstück gesetzt, – er war reif fürs Gefängnis. Noch wollte man Gnade für Recht ergehen lassen, schrieb der Inhaber des Geschäfts, wenn die veruntreute Summe wieder eingezahlt und überdies eine Buße geleistet wurde. Aber in acht Tagen mußte alles klipp und klar sein, sonst sagte man dem Gericht Bescheid.

Der Senator schritt mit tief gesenktem Haupte, zitternden Armen und gekrampften Händen stundenlang in seiner Stube auf und nieder. Endlich konnte seine Frau, die ihn sonst nicht gern störte, es nicht länger aushalten; sie kam zu ihm hinein, sah den Brief und fragte gleich: »Wieder was mit August?«

Er nickte: »Lies.«

Sie ging zum Schreibtisch und beugte sich, ohne sich erst zu setzen, über das Papier.

Ihre ganze sowieso schon dürftige Gestalt schrumpfte immer mehr ein, je weiter sie las. Dann sank sie in den Stuhl und nahm die Schürze vors Gesicht.

Konning, von diesem stummen Leide seiner Frau auf das tiefste erregt, geriet in eine für ihn ganz ungewöhnliche und desto schrecklichere Wut:

»Nichts tu' ich mehr für ihn! Nichts! Laß ihn unter die Verbrecher kommen! Da gehört er hin! Er geht uns nichts mehr an!«

Immer wiederholte er scharf zischend dies eine Wort: »Nichts! Nichts! Nichts!«

Seine Frau hielt die Hände schlaff im Schoß und schaute trübe zu dem Familienbilde auf, das am Tage von Augusts Einsegnung gemacht worden war. Ihr Mann und sie selbst und die beiden blühenden Kinder. Die Tochter lieb und unschuldig, – der Sohn frisch und fröhlich. Und nun? Wie war es denn nur geschehen, daß beide Kinder in furchtbare Unzulänglichkeit hineingerieten und daß ihr Sohn sogar immer tiefer und tiefer stürzte? Wie war es möglich? Wer war daran schuld?

Sie wußte es nicht, aber ihr Mutterherz entlastete den Sohn, wie es einst, als sich das Schlimme mit der Tochter ereignete, diese entlastet hatte. Die Welt war arg und voller Versuchungen, und wer einmal einen schwachen Charakter besaß, der ging nur zu leicht im schlammigen Strudel unter.

Schuld? Die ganze Welt hatte sicher ebenso viel Schuld wie August selbst. Das sagte ihr Mutterherz, aber ihr Mund war nicht gewohnt ihrem Manne zu widersprechen, – sie war auch nicht gewohnt, vor seinem Angesicht in Tränen dazusitzen.

Sie erhob sich, strich ihm über die zornerhitzten Wangen und erwiderte auf seine heftigen, den Sohn beinahe verfluchenden Reden nur leise:

»Wie du willst, Erhard. Du weißt ja alles am besten.«

Sie verließ ihn, und eine so liebe und aufrichtig gehorsame Frau die Senatorin war, so viel weibliche Klugheit wohnte ihr doch auch inne, daß sie wußte: ihr Mann war durch nichts leichter zu besänftigen und von harten Entschlüssen abzubringen, als indem sie ihm immer nachgab.

Ihre Berechnung trog sie auch diesmal nicht. Hätte der Senator es wirklich vermocht, den Sohn sein Elend auskosten zu lassen, – die Trauer, die seine Frau tragen würde, wenn der Sohn unter den Unehrlichen saß, war zu schwer, als daß die Ärmste trotz all ihrer Zähigkeit nicht darunter zusammenbrach.

Das wußte der Senator, und deshalb mußte er dafür sorgen, daß ihr dies Äußerste erspart blieb. Sie hatte so schon genug durchgemacht, so lange sie an seiner Seite lebte. Außerdem, was immer bei diesem Manne von höchster Bedeutung war: sein Name durch die Zeitungen geschleppt? Zu wem durfte er selbst dann noch das Auge aufschlagen?

Der Senator verließ das Haus, ging zur Bank, wo er das ihm für sein Grundstück bereits ausgezahlte Geld liegen hatte, nahm noch ein Beträchtliches von seinen sonstigen Ersparnissen hinzu und eilte damit, als könne es schon zu spät sein, nach Neustadt, denn er hatte es nicht gern, daß man in Krukeluhn auf der Post mit seinen geschäftlichen Dingen Bescheid wußte.

Als er die Bescheinigung in der Hand hielt, daß die Summe an jene Stelle gebracht würde, wo sein Sohn vom Wege der Redlichkeit abgewichen war, da holte er tief Luft: weil es aber doch immerhin über einen Tag dauerte, bis das Geld ausgezahlt wurde, telegraphierte er noch an den Kaufmann: Decke alles. Betrag unterwegs. Konning.

Dann ging er, von einer Last befreit und dennoch voller Schmerz, nach Krukeluhn zurück und dachte, als er über die Brücke schritt: war es nicht am besten, wenn er in den Sund hinabsprang? Wozu dies ganze Leben? Dies Arbeiten für andere Leute, die ihm gar nicht dafür dankten, – was sollte es? Diese Aussicht, daß sein Sohn bald wieder etwas Neues, womöglich gar nicht wieder Gutzumachendes anstellen werde, – war die sehr verlockend? Beileibe nicht.

Ja, welche Macht fesselte ihn denn trotzdem noch immer an sein Dasein?

Das blasse Gesicht seiner treuen Gefährtin tauchte vor ihm auf, da wußte er, wie jene Macht hieß, – es war die Liebe zu ihr, die alles mit ihm teilte.

Nach seiner Rückkehr blieb er wieder lange allein auf seiner Stube. Als seine Frau dann bei ihm anpochte, zum Zeichen, daß Tee und Brot für ihn bereit standen, da kam er heraus. Und auf dem Flur legte er ihr den Arm um die Schulter, sah sie ernst und doch innig an und sprach:

»Es ist alles beglichen, Anna. Der Junge behält seine Freiheit. Möge er denn endlich lernen, sie gut anzuwenden.«

Die Frau stand eine Weile still bei ihm, dann beugte sie sich tief hinunter, daß sie fast vor ihm kniete, ergriff seine rechte Hand und küßte sie. Der Senator aber strich ihr über die grauen Haare und sagte:

»Es mußte so sein. Wir hätten an Haus und Garten, die wir uns für das Geld kaufen wollten, doch keine Freude gehabt beim Gedanken an August. Haus und Garten, ja, meine liebe Frau, damit ist es nun vorbei. Soviel ersparen wir uns nicht mehr.«

Lange verharrte die Senatorin in ihrer Stellung. Dann richtete sie sich auf und schaute ihn dankbar an:

»Was dir da draußen fehlen muß, das will ich dir hier drinnen ersetzen mit allen meinen Kräften.« Sie faltete die Hände. »Dazu verhilf mir, lieber Gott.«

Ein paar Tage darauf kam August, verliedert und verlottert. Nicht vor Reue zerrissen, sondern nur von Furcht vor der verdienten Strafe gepeitscht.

Wohl ließ es der Senator geschehen, daß ihn die Mutter erst sättigte und kleidete, dann aber war er Mannes genug, den Ungeratenen mit in sein Zimmer zu nehmen, den Türschlüssel umzudrehen und den schreckensbleichen Menschen mit einer Stimme anzudonnern, die niemand seiner schmalen Brust zugetraut hätte. Ja, der Senator hob die Hand, doch – er schlug den Sohn nicht ins Gesicht, denn der schaute ihn an mit Augen, die waren trotz allem gut, die hatten etwas kindlich Staunendes, als ob sich August selbst über all das Schlechte wunderte, was er nach den Vorhaltungen seines Vaters getan haben sollte, und, wie er ja eingestand, auch getan hatte. Diese Augen . . . sie erinnerten den Senator zu sehr an die seiner Frau. Die drohende Hand fiel herab, die Wut verschwand, das Mitleid kam, und aus dem strengen Vater wurde der väterliche Ratgeber, der wieder einmal, – ach zum wievielten Male nun schon? – die Möglichkeiten erörterte, auf welche Weise der in Tränen und Jammer zerfließende und ewige Besserung schwörende Sohn doch noch auf richtige Bahn gelangen könne.

In Krukeluhn war nichts für ihn zu suchen, und so schrieb Konning an einen ihm bekannten Gutsbesitzer im Holsteinischen, ob der nicht eine Unterkunft für einen jungen Menschen habe, der gern ehrlich und fleißig arbeiten wollte, es aber im städtischen Betriebe leider zu nichts Rechtem bringe.

Es kam bejahende Antwort, denn auf dem Lande kann man alle willigen Hände gebrauchen.

Der Senator und seine Frau faßten neue Hoffnung. Der Sohn bekam noch einen Zehrpfennig, und sein Vater schärfte ihm nochmals ganz gehörig das Gewissen.

Die Mutter wollte August zur Bahn bringen, aber das Wetter war rauh, und die Senatorin litt unter den Aufregungen der letzten Zeit an schwachen Füßen. Konning selbst hatte zu tun. August nahm einen übermäßig weinerlichen Abschied aus dem Vaterhause und pilgerte davon.

Sobald er aber auf der Straße war, verflog die weiche Stimmung rasch. Er freute sich auf das Landleben, er sah sich schon als flotten Inspektor über die Felder reiten und die Leute mit barschen Worten zum Schaffen anhalten, er träumte von Erntebieren und drallen Mägden.

Ja nun war alles gut, das Vergangene lag abgetan hinter ihm, kein Mensch verfolgte ihn wegen der seiner Ansicht nach im Grunde nur kleinen Unregelmäßigkeiten, die er sich mehr aus Versehen hatte zu schulden kommen lassen. Geld für die erste Zeit fehlte ihm auch nicht, – warum sollte er den Kopf hängen lassen?

Und wie das mit solchen armen Menschen geht: wenn sie vergnügt und sorgenlos werden, so wollen sie diesen Zustand immer noch steigern. Aus sich selbst heraus können sie das nicht. Also brauchen sie Mittel von außen, und da ist denn nun ein Glas Bier oder ein Schnaps ausgezeichnet dazu, um sie in die möglichst hohe irdische Seligkeit zu versetzen.

August sah sich um. O, Vater und Mutter waren daheim, die brauchte er nicht zu fürchten.

Er schlich, – denn sein Gewissen war doch nicht ganz mit seinem Tun einverstanden, – in das ›Rauhe Loch‹ und ließ sich einen einschenken.

So! Das spülte den Rest von Abschiedsweh und überhaupt allen Kummer weg. – Noch einen! Die Zukunft wurde immer rosiger. Nun, schließlich, weshalb nicht noch einen? Da löste sich seine Zunge. Saßen ja ein paar nette Menschen da. Zu denen rückte er. Was? Die Uhr war gleich sieben, und um halb acht ging der Zug von Neustadt? Ach was, um zehn ging auch noch einer. Wozu die Hast? Die Arbeit lief nicht weg.

»Einen kleinen nehm' ich noch, Herr Wirt! Und wenn ich die Herren dazu einladen darf?«

»Bitte, nicht mehr als gern.«

Das wurde gemütlich. Die prächtigen Menschen! Bäcker Tystrow war darunter. Sie kannten ja den jungen Konning gut, – sie wußten auch, daß er nicht viel taugte, aber wenn er ihnen Freibier schenkte, war er ihnen immer gut genug, daß sie zu ihm rückten und mit ihm anstießen.

August begann zu prahlen:

»Stadtleben – pfeif' ich drauf. Ich hab' jetzt eine feine Stellung. Als Oberinspektor. Kolossales Gut. Gehört einem Grafen. Ja, Freund von meinem Vater. Und wenn ich mich da erst in die Landwirtschaft eingelernt hab', dann kauft mir mein Alter selbst einen Hof. Kommt ihm gar nicht darauf an. Was der allein für die Stelle bekommen hat, da draußen auf dem Dorf, wo die Eisenbahn hin soll, – das glaubt ja gar kein Mensch. Überhaupt, wenn man so lange Senator ist und alle Fäden in der Hand hat, da soll man doch wohl was übrig haben, wie? Meine Eltern leben bloß so, daß sie sich nichts gönnen. Na, wenn sich mein Vater pensionieren läßt, dann nehm' ich ihn zu mir, und dann soll er es noch mal gut haben. Das hat er verdient.«

Bäcker Tystrow hörte sich das alles genau an.

Gegen zehn Uhr schafften die Freunde, die sich August Konning rasch gewonnen hatte, den Schwankenden über die Brücke und setzten ihn in den Zug.

Die Senatorin erfuhr schon am nächsten Morgen von einer Klatschbase den Vorgang. Sie griff sich ans Herz und schwieg, und glücklicherweise hörte ihr Mann auch sonst von keiner Seite, wie August seine neue Laufbahn angefangen hatte.


*


Der Bahnbau begann.

Die gemauerten Pfeiler streckten sich immer höher aus dem Sund empor. Die Eisenbalken wurden darüber gelegt, die mächtigen Bogen wölbten sich von Ufer zu Ufer. Zu Lande wurden die Hügel durchschnitten und die Dämme aufgeschüttet, um den Pfad zu schaffen, worauf die Schienen glänzen sollten.

Was da im Wege stand: Bäume, Scheunen, Wohnstätten, – herunter damit.

Jetzt war es so weit: nächste Woche mußte der Senator sein Häuschen räumen. Diesen Sonntag konnte er noch einmal draußen neben der Tür sitzen.

Rosenzeit. Wie brausten die Hochstämmigen auf dem Beet in ihrer Überpracht. Der Senator konnte sich nicht satt daran sehen. Er trat hinzu und streichelte über die lebensvollen Blüten hin, so zart, wie er so auch bisweilen über das Haupt seiner Frau strich.

Die Senatorin schaute zur Tür hinaus. Da wußte er, sie hatte ihm zum letzten Male die ländliche Kost bereitet. Fortan würde kein Feuer mehr auf dem bald zerstörten Herde flackern.

Bedrückt saß er in der kleinen Stube, und nachdem er ein Geringes genossen hatte, ließ er seine Augen an den schlichten Wänden herumschweifen.

Das kärgliche Hausgerät! Aber das paßte hier hinein. Es paßte auch nur hier hinein. Hier lebte es. Überall anderswo waren diese Gegenstände tot. Auch Möbel freuen sich nur einmal ihres Daseins.

Leise begann er:

»Wenn ich dir nun diese Tage über hier helfen soll. . .«

Sie wehrte ab:

»Nein, nein, das schaff' ich ganz alleine. Das ist eine Kleinigkeit. Du sollst alles so in der Erinnerung behalten, wie es jetzt ist.«

»Ja, das wäre mir lieb. Aber ich bin doch ein rechter Eigensüchtler, daß ich dir allein den Schmerz überlasse, hier auszuziehen.«

»Wir Frauen fühlen das wohl nicht so tief,« sprach sie mit erzwungener Munterkeit. »Wenn wir man was zu tun haben, dann kommen wir leicht darüber hinweg.«

Am Nachmittag ging der Senator noch einmal durch den Garten und nahm Abschied von jedem einzelnen Stachelbeer- und Johannisbeerenstrauch, von jedem einzelnen Löwenzahn- und Ritterspornbusch.

Noch einmal zupfte er das Unkraut aus der Erde, zerklopfte die Schollen auf den Beeten, sammelte die welken Blätter von den Pflanzen, begoß die Gewächse und harkte die Steige fein säuberlich, wie er es jeden Sonntagnachmittag tat, bevor er sich heimbegab.

So. Das war geschehen.

Und nun machte er zuletzt vor seinen Rosen halt.

Die dunkelgrünen Blätter glänzten, und sanft wiegten sich die schweren Blütenhäupter im Winde. So grüßten die herrlichen Rosenstämme ihren lieben Senator, von dessen freundlichen Blicken sie immer den ganzen Winter über geträumt hatten, – grüßten ihn zum Lebewohl.

Wenn sie auch verpflanzt wurden, – so schön bekamen sie es nie wieder wie an dieser Stätte.

Lange betrachtete der Mann seine Lieblinge, zuletzt holte er die kleine Schere hervor, die an seinem Taschenmesser war, wählte sorgsam und schnitt sich vom stolzesten Strauch eine wundervolle, halberblühte hellrosa Blume ab.

Dann wandte er sich um zu seiner Frau, die mit ihrem Strickzeug auf der Bank saß, und sagte:

»Ich möchte jetzt schon gehen, Anna. Du kommst dann wohl später nach. Bitte, laß mich.«

Die Bitte war für diese Frau, die ihren Mann völlig verstand, Befehls genug. Sie nickte ihm nur zu.

Er aber ließ nun seine Augen noch einmal zu dem Strohdach hinaufschweifen, aus dessen Schornstein der lockere graue Rauch des im Verlöschen begriffenen Feuers gen Himmel zog. Er blickte noch einmal von Fenster zu Fenster und in den engen Flur hinein. Dann war es genug. Ein Händewinken nach seiner Frau hin, und nun sah ihn diese, wie er über den kleinen Hof, durch die Holzpforte und auf die Straße hinauswanderte, langsam, schwerfällig trotz seiner kleinen und hageren Gestalt.

Nicht ein einziges Mal blickte er zurück. Nun war er schon hinter den andern Häusern verschwunden. –

An seinem Schreibtisch saß der Senator und hatte die Rose in der Hand. Er näherte sie seinem Gesichte und sog ihren Duft ein, ganz tief, wie zum Gedächtnis an alle die tiefen, wohligen Atemzüge, die er da draußen auf seinem kleinen Besitztum getan hatte.

Nicht ins Wasser stellte er die Rose, sondern er wickelte sie sorgfältig in ein Stück Papier und legte sie in ein Schubfach, wo er allerhand ihm werte Dinge aufbewahrte.

Dann schlug er seine Akten auf.

Nicht nur in jenen Rosen dort, nein, auch in diesen nüchternen Buchstaben und Zahlen hier lag ein Glück beschlossen.

Und Senator Konning wußte es zu finden.



28. Kapitel.
Bist du endlich wieder da?

Ellina von Bühel kam aller zwei, drei Jahre auf einige Wochen nach Rahne. Auch in diesem Sommer weilte sie mit ihren zwei prächtigen Kindern im Elternhaus. Sie war lebhaft und lebensfroh, hatte sich zur Großstadtdame entwickelt, verstand sich aber dabei noch auf das beste mit allen Krukeluhnern.

Ihr Mann war rasch zu leitender Stellung aufgerückt, und ihr Wesen strömte die heitere, sichere Gelassenheit aus, wie sie nur einem sich geliebt wissenden Weibe eigen ist.

Wie es mit ihrer kleinen Gaddi stand, – daß diese mit ihrem Manne nicht die vollkommene Zweieinigkeit bildete, das fühlte Ellina, ohne daß die Schwester von ihrer Ehe gesprochen hätte. Ellina vermied es auch im allgemeinen, sich um Dinge zu kümmern, die, wenn sie einmal nicht heil sind, niemals von außen her, sondern höchstens nur noch von innen heraus wieder zu etwas ganzem verschmolzen werden können.

Als die Schwestern aber einmal bei einander saßen, da fragte Ellina doch:

»Was soll denn nun eigentlich aus Karsten werden? Es nützt ihm ja nichts; daß er hier die Realschule durchmacht. Er muß doch möglichst früh aufs Gymnasium.«

»Ich nehme an, daß sich Osewald schon näher mit dem Gedanken beschäftigt hat,« erwiderte Garderut, »wenigstens hörte ich neulich so etwas von ihm, als er mit Görges sprach. Ich selbst weiß nicht, was er mit dem Jungen für Pläne hat, und hüte mich auch, davon anzufangen.«

»Weshalb? Es handelt sich doch um Karstens ganzes ferneres Leben.«

»Wäre hier in Krukeluhn ein Schulwechsel möglich, so würde ich auch darauf dringen. Weil Karsten aber nach auswärts muß, rate ich Osewald nicht dazu, denn du mußt immer bedenken, daß ich Karstens Stiefmutter bin, und es sieht dann leicht so aus, als wollte ich ihn gern aus dem Hause haben.«

Ellina erstaunte: »In den Verdacht kannst du bei deinem Mann geraten?«

»Ich bin mir wenigstens nicht durchaus sicher, daß dieser Verdacht bei ihm ausgeschlossen wäre«

»So, so!«

Ellina, die Throndes aufgewecktem Sohne alles Gute gönnte, begriff es, warum die Schwester den Gegenstand nicht vor ihrem Manne berührte, fürchtete aber, es könne zu Karstens Schaden etwas versäumt werden, und redete deshalb mit Osewald freimütig darüber, wie er sich die Zukunft seines Ältesten wohl vorstellte.

»Ich sehe ein, er kann nicht hier bleiben,« sagte der, »ich bin ja auch selbst früh zu fremden Leuten gekommen. Aber ich zögere noch immer, denn ich werde ihn schwer entbehren.«

»Unsere Eigenliebe darf sich nur nicht melden, wenn es sich um unsere Kinder handelt,« entgegnete Ellina, »ich will dir einen Vorschlag machen, Schwager: gib mir den Jungen mit. Meinem Manne wirds recht sein. Da weißt du ihn geborgen.«

Die Lösung war einfach und befriedigend, – Osewald konnte, wenn ihm das Wohl seines Sohnes wirklich am Herzen lag, nicht nein sagen, und Karsten, der die muntere Tante Ellina mehr liebte als die gegen ihn immer ernste Stiefmutter, jubelte auf bei der Nachricht, daß er nach Dresden aufs Gymnasium kommen sollte.

Schon Michaelis trug er die schmucke Mütze der Wettiner.

Sein Vater vermißte ihn in der Tat sehr und beobachtete mit einer Art Eifersucht, wie Garderut nun, was ja ganz natürlich war, ihrem eignen Kinde desto mehr Aufmerksamkeit und Liebe zuteil werden ließ. Gerade, was seine Frau hatte vermeiden wollen, das trat jetzt bei ihm ein: es bildete sich in ihm ein Mißtrauen, Garderut habe sich vielleicht auf irgend eine Weise hinter Ellina gesteckt, um Karsten eher, als unumgänglich notwendig gewesen wäre, von Hause zu entfernen. Wohl äußerte er darüber nichts zu Garderut, ließ aber Pawel ungerechter Weise die vermeintliche Schuld seiner Mutter büßen, indem er ihn bisweilen unwirsch behandelte. Darunter litt dann Garderut wieder, und nicht nur draußen auf den Feldern und auf der Straße lag in diesem Winter viel Eis und Schnee, sondern auch im Senatorshause ging es recht kalt her, obgleich das Feuer in den Kachelöfen reichlich gespeist wurde.

Die Briefe aber, die Garderut an Gunnar schrieb und von diesem erhielt, waren um so wärmer durchpulst, und in den beiden entstand der Wunsch, einander bald einmal wiederzusehen.

Gunnar Claudius hatte seinen immer weiteren Aufstieg genommen. Der Trieb aller Epiker zum Drama hatte auch ihn erfaßt. Er war aus seinem Arbeitszimmer ins rauschende Theatergewoge geraten und lernte da nun alles kennen, was des Bühnendichters Leid und Freude ist. Im ganzen war der Erfolg mit ihm, und als im Frühling die stillere Zeit kam, wurde seine Sehnsucht, eine recht ruhige Stätte zu besuchen, wenn es auch nur für einige Tage sein konnte, immer mächtiger.

Und wo ging es ruhiger her als im alten Krukeluhn? Mit wem konnte er sich über sein Leben und Hoffen einmal besser aussprechen als mit seiner Jugendfreundin?

Gunnar führte seine Absicht aus und wurde überall, wo er sich in Krukeluhn zeigte, sehr gut aufgenommen. Denn er war ein Mann geworden, über den auch der ›Hausfreund‹ mehrfach schon mit großer Achtung geschrieben hatte.

Mutter Mackeprang strahlte ihn unbefangen an:

»Na, Herr Claudius? Nun sind Sie so schrecklich berühmt! Das hab' ich mir gleich gedacht! Alle die schönen Artikel, die Sie immer in unser Blatt setzten! Wie lange ist das nun schon her, daß Sie von Rahne weg sind?«

»Etwa acht Jahre werden es sein, gnädige Frau.«

»Gott ja, wie die Zeit geht, nicht? Ja, man wird immer älter, Herr Claudius, nie jünger. Na, denn danke ich Ihnen auch vielmals für Ihren Besuch, und denn kommen Sie man Freitag Nachmittag und trinken Sie eine Tasse Kaffe bei mir. Meine Kinder kommen auch alle. Das soll wohl gemütlich werden.«

Gunnar sagte zu, weil ihm gerade keine passende Ausrede einfiel.

Auch bei Herrn Senator Stümpemann machte er seine Aufwartung. Osewald empfing ihn durchaus wohlwollend, denn die Anerkennung, die Gunnar überall fand, hatte ihm ebenfalls eine bessere Meinung von dem ehemaligen Redakteur beigebracht, und es schmeichelte ihm sogar, durch die Freundschaft zwischen seiner Frau und Claudius mit einem allgemein geachteten Schriftsteller in Verbindung zu stehen.

Alles ging befriedigend. Nur bei der, um derenwillen er doch hierhergekommen war, erfuhr Gunnar eine Enttäuschung. Garderut war zurückhaltend, und er selbst fühlte sich befangen ihr gegenüber. Er sprach sie in diesen Tagen ja auch kaum einmal allein. Auf einem kurzen Spaziergange zu zweit kamen sie ebenfalls nicht von Oberflächlichem fort. Das ärgerte ihn. Er hätte die, die er in seinen Briefen so glühend Freundin nannte, am liebsten mit Frau Senator angeredet. Was hatte also sein ganzer Besuch für Zweck? Er beschloß, ihn möglichst abzukürzen, teilte das Garderut mit, und die machte keine Anstrengungen, ihn zu längerem Bleiben zu veranlassen.

Ja, aber etwas Gemütlicheres als den Nachmittag bei Mutter Mackeprang konnte man sich trotzdem gar nicht denken!

Die Doppel-Familie hatte sich versammelt, und der berühmte Dichter war der Mittelpunkt der Gesellschaft. Jeder wollte etwas von ihm wissen. Kale fragte ihn nach allerhand Zeitungsverhältnissen und Honoraren, –Pasche tippte augenzwinkernd bei ihm an, wie das eigentlich mit den Schauspielerinnen sei? Die wären wohl sehr – hehe, was? Na, er sollte man abends mal in die Bierstube kommen, da konnte er ja ein bißchen was Nettes erzählen.

»Meine liebe Cäcilie« verlangte mit aller Entschiedenheit die Versittlichung der deutschen Kunst von ihm, und der Herr Lizenziat forderte überdies, daß jedes Kunstwerk seinen erzieherischen Wert haben müsse.

Gunnar versprach ehrerbietigst, daß er sein Mögliches nach dieser Richtung hin tun wolle.

So war es eine sehr angeregte Unterhaltung, nur Garderut saß schweigsam und verstimmt in einer Ecke. Ihr Mann aber hatte eine großmütige Aufwallung und lud Herrn Claudius für den Tag vor seiner Abreise zu Tische ein. Gunnar hatte keinen Grund abzulehnen.

Auch bei Senators ging es angenehm her. Eine gute Flasche Wein half nebst dem reichlichen Mahle über allerhand Verlegenheiten hinweg. Nach dem Essen zeigte der Hausherr seinem Gaste Münzen und Zinnsachen, und als dann der Kaffee eingenommen war, mußte sich Osewald entschuldigen, weil ihn sein Amt aufs Rathaus rief.

Gunnar und Garderut hatten einander allein.

Nun kam es darauf an, ob ihnen die Worte noch tiefquelliger und lebendiger strömten als in ihren Briefen, oder ob die Wirklichkeit wie ein verdorrender Wind über ihre Herzen flog, die lange im Unwirklichen mitsammen verweilt hatten.

Ihre Freundschaft stand auf dem Spiele. Schied er, ohne daß die Enttäuschung dieser Tage in gesättigte Hoffnung umgewandelt wurde, so war alles vorbei.

Sie verharrten in fast ängstlicher Spannung, tasteten vorsichtig zueinander hin und trauten sich kaum zu sprechen.

Garderut hielt es zuletzt nicht länger aus. Sie ging beklommen ans Fenster, schöpfte Luft und wandte sich dann entschieden zu Gunnar um:

»Sie haben hier nicht gefunden, was Sie erwarteten?«

»Bis jetzt wenigstens nicht. Nein.«

»Das geht wohl immer so, wenn man an eine Stelle zurückkehrt, die einem lieb war. Im Gedächtnis war alles goldig. Kommt man hin, so liegt es grau auf grau.«

»Das mag bei Häusern und andern Sachen stimmen. Wenn wir sie nicht sehen, können sie uns auch nichts von sich berichten. Und damit sie nicht dem Roste des Vergessens anheim fallen, denken wir uns eine Kruste von Schönheit um sie herum. Beim Wiedersehen gibt es freilich keine Zweifel: die schützende Phantasie-Patina hat den besten Wert der Dinge ausgemacht. So ist es mit dem Greifbaren. Aber mit den Seelen?« Er sah sie voll an. »Was rede ich von der Mehrzahl? Wir wissen, daß ich nur eine einzige meine. Von der bin ich in der Ferne nie getrennt gewesen. Sie hat mir soviel von sich erzählt, daß ich sie immer deutlich vor mir hatte. Warum erkenne ich sie denn jetzt aus der Nähe nicht so recht?«

»Ach, Gunnar, ich habe Ihnen ja doch lange nicht alles gesagt. Ich wollte für Sie immer Garderut Mackeprang bleiben. Noch als Sie schrieben, daß Sie herkämen, habe ich das auch für möglich gehalten. Aber heute, wo Sie in diesen Stuben bei mir sind, ist es mir klar: es war erträumt, sogar ein furchtbar falscher Traum. Ich bin eben doch Frau geworden und kein Mädchen mehr. Die Stunden in der Nische wiederholen sich nicht.«

»Ihre Ehe ist mir immer gleichgültig gewesen, Garderut, nachdem ich schließlich mit unserm damaligen Erlebnis fertig geworden war, und sie konnte mir gleichgültig sein, weil sie Ihnen selber, wenn Sie ganz aufrichtig sein wollen, ja nur eine Äußerlichkeit ist. Sie haben mir kein trauriges Wort darüber verraten, aber eine Frau, die mit ihrem Manne eins ist, kann gar nicht anders, als daß sie einmal aufjauchzt: ich bin glücklich! Davon steht nichts in Ihren Briefen. In keinem.«

»Vielleicht hab' ich es vermieden, weil ich fürchtete, Ihnen irgendwie weh zu tun.«

»Eine glückliche Frau ahnt nichts von solchen Rücksichten. Freude und Zufriedenheit brechen sich von allein Bahn. Ich durchschaue Ihr Leben sehr genau. Und deshalb sind Sie für mich tatsächlich noch dasselbe mädchenhafte Geschöpf wie damals.«

»Phantasie-Patina, Gunnar.«

»Nein. Ihre Ehe hat nur das Eine bewirkt: daß mir der Weg zu Ihnen verriegelt ist, und, wie ich Sie kenne, hülfe es mir gewiß auch heute nichts, wollte ich an dem Schloß wricken und Ihnen zurufen: Komm mit! – Oder irre ich mich? Würden Sie solchem Rufe etwa folgen?«

»Ich glaube nicht. Dazu fehlt mir noch immer der Mut. Und mein Gott, ich bin ja auch gar keine so unglückliche Frau. Die Freundschaft mit Ihnen, – das ist etwas für sich, etwas ganz Besonderes!«

»Sehen Sie? Wir fühlen das Gleiche. Gerade darum geht es mich gar nichts an, daß Sie einem andern Manne gehören. Was ich von Ihnen habe, das ist doch mein ausschließliches Eigentum. Ich werde innerlichst gar nicht von Ihrem Verheiratetsein berührt, so wenig wie es mich irgendwie kümmert, daß Sie ein Kind haben. Ich verleugne alle Menschen, von denen Sie umgeben sind. Und trotzdem weiß ich ja alles, alles! Wodurch, Garderut?« Er trat dicht vor sie hin. »Dadurch, daß auch sonst manches in unseren Briefen verschwiegen blieb, – in deinen so gut wie in meinen, nicht wahr?«

Sie hielt die Hand abwehrend gegen ihn, er ließ sich aber nicht fortdrängen, sondern sprach weiter:

»Wir sind uns auch über die Menschenpflicht einig, uns das Verschwiegene einmal rückhaltlos einzugestehen. Woher kommt es denn, daß es uns so schwer fällt zu reden, wie wir möchten und müßten? Jedenfalls, weil wir uns zu sehr daran gewöhnt haben, einander das Tiefste zwischen den Zeilen lesen zu lassen. Nun scheuen wir uns, alles ganz schlicht beim richtigen Namen zu nennen.«

Leise entgegnete sie:

»Wozu erst viel sprechen? Von dir ist mir nichts verborgen, Gunnar. Und von mir? Du hast recht: mit Worten ist das nicht auszudrücken.«

»Dann vertrau' es mir auf andere Weise. Der Worte braucht es ja nicht immer. Sei wahr gegen dich und auch gegen mich, damit ich morgen fröhlich über die Brücke gehe, weil sich das zwischen uns erfüllt hat, was notwendig war. Du brauchst ja keine Angst zu haben, Garderut, daß du dir und mir zu viel gönnst. Du wirst von mir nie etwas erfahren, was du nicht selbst wünschest. Ich stürze dich, auch wenn du dich einmal ganz vor mir aufschließest, nicht gegen dein jetziges Leben in Kämpfe, die du am Ende doch nicht bestehen könntest. Ja, ich versichere dir: ich schlinge kein Band um uns, das dir zur Fessel werden soll. Denn ich selber liebe meine Freiheit heiß genug und würde sie nur unter einer Bedingung hingeben.«

»Und die wäre?«

»Daß Garderut Mackeprang sie aus eigenem Antrieb von mir verlangte.«

»Das bin ich dir?«

Er nickte. Sie war nahe bei ihm. Er legte den Arm um sie, ließ sacht seine linke Schläfe über ihre Rechte streifen und genoß so ihr Wesen auf die zarteste und feinste Art, wie der Mann überhaupt das Weib zu genießen vermag. Warmwohlig flutete es ihnen von Haupt zu Haupt. Dann hub er wieder an:

»Wir stehen in dem anderen Raume, den du dir für unsere Freundschaft geschaffen hast. Ganz allein in der Welt. . .«

»Wie damals. . .«

»Ja, besinnst du dich noch? Die Sonnenstrahlen? Die rankten sich dort genau so in dein Haar wie jetzt hier. Sollten sich die Stunden nicht doch noch einmal wiederholen? Wollen wir einander nun nicht bekennen, was wir immer in den Briefen unterdrückt haben, obgleich wir uns immer brennend nach solcher Offenbarung sehnten? Soll sich's nicht mit uns vollenden, kleine Garderut?«

Da erhob sie die Stirn, schlang ihre Arme um seinen Nacken, kam mit ihren Lippen zu ihm empor, wie eine Dürstende sich zu einem frisch aus dem Felsinnern brechenden Quell aufstreckt, und flüsterte:

»Bist du denn endlich, endlich wieder da?«



29. Kapitel.
Pfiff! Bing, bing, bing!

Es war so weit. Die neue Zeit kam. Fremdartig erhob sich das Bahnhofsgebäude aus gelben Backsteinen mit braunen, blanken Kanten und Verzierungen vor dem Tore. Dem Lagerschuppen war sogar ein Stück der Stadtmauer zum Opfer gefallen. Heute um 12 Uhr 4 Minuten sollte der erste Zug einlaufen.

Schon um zehn herrschte in dem grellen Sonnenschein ein lebhaftes Gedränge auf dem Platze vor dem Bahnhof. Die Jungens kletterten in die Bäume, um die Lokomotive von ferne kommen zu sehen.

Sergeant Schulz arbeitete mit seinen Stadtsoldaten im Schweiße seines Angesichts, um die nötige Absperrung aufrecht zu erhalten. Er erkannte: »mit den ruhigen Tagen, wo man höchstens mal einen Landstreicher einsteckte, der dann im Gewahrsam mit seinen schon vor ihm festgenommenen Walzbrüdern eine gemütliche Partie Sechsundsechzig spielte, ja, – da war es nun vorbei.

Solche Eisenbahn, – oha! Der Trubel«

»Immer zurück da!« rief Sergeant Schulz.

Das Volk hatte draußen zu bleiben, nur die Behörden und andere geachtete Bürger durften bis an die Schienen heran.

Neben der Uhr, die über den Wartesälen angebracht war, wehten zwei Fahnen, und auch an etlichen hohen Stangen rauschte das bunte Zeug.

Es war bald schon ziemlich voll auf dem Bahnhof. Man machte seinen netten kleinen Frühschoppen zwischen den Efeuwänden am Hause oder wandelte erwartungsvoll hin und her.

Pasche Stümpemann sah nachdenklich auf die Schienen. Wie bei jeder feierlichen Gelegenheit, so trug er auch heute das eiserne Kreuz, das ihm verliehen worden war, weil er als Vizefeldwebel wacker mit dafür sorgte, daß wir den Kaiser Napoleon zu fassen kriegten.

Ja, es war alles recht gut mit solcher Eisenbahn, mußte er denken. Man konnte mit ihrer Hilfe ordentlich ein paar Fässer ins Ausland schicken, aber kam nicht am Ende auch fremdes Bier darauf hereingerollt?

Rentjeh Meefs erschien ebenfalls. Er rauchte seine lange Pfeife und war in seinen Morgenschuhen, die er nur bei Regenwetter mit andersartigem Fußzeug vertauschte; um aber der Festlichkeit des Tages Rechnung zu tragen, hatte er sich mit dem Cylinder geschmückt. Auch auf seiner Brust glitzerte es. Das war die silberne Medaille für Treue und Redlichkeit. Der Landesherr hatte nämlich gefunden, daß dieser Mann so recht Muster und Vorbild eines ruhigen und guten Bürgers sei, und ihn darum vor allem Volke erhöhet.

Rentjeh Meefs sah nach der Bahnuhr. Sollte man das wirklich so genau ausrechnen können, daß der Zug vier Minuten nach zwölf hier war? Das hielt er nicht für möglich.

Die Stadtbläser rückten an, und der Seminarchor, dem die Ehre zuteil geworden war, in dieser Stunde seine Weisen erschallen zu lassen, marschierte im geschlossenen Zug mit blauen Mützen herbei.

Der alte Bürgermeister Fabricius hockte verdrießlich an einem Tisch für sich allein und wiederholte in Gedanken immer die Rede, die er halten sollte. Ach, er hatte das alte Redenhalten längst satt!

Senator Konning war von ungewohnter Lebhaftigkeit. Er beging ja an diesem Morgen seinen Sieg über das starre Festklammern am Alten, wodurch Krukeluhn bisher weit hinter andern Städten zurückgeblieben war.

Osewald ging umher und benahm sich liebenswürdig. Dem einen Mitbürger reichte er die Hand, nach dem andern hin schwenkte er den Hut, und dem dritten rief er ein Scherzwort zu. Kurzum, er war richtig der Mann, dem es darauf ankommt, sich beliebt zu machen.

Der Frauenverein hatte eine Abordnung gesandt, die von Frau Lizenziat Stümpemann geführt wurde. Die Damen waren gekommen, um gleich eine Bahnhofsmission einzurichten.

Im Gegensatze zu diesen schwarz gekleideten Gestalten erschien Frau Theaterdirektor Bast mit einer Schar dramatischer Künstlerinnen, – lauter duftig weißen Ehrenjungfrauen. Kränze von Eichenlaub zierten ihnen das Haar.

Am Eingang des Bahnhofsflurs aber ließ sich Leepelfreetersch, die Krukeluhner Kuchenfrau, mit ihrem Korbe nieder. Sie besaß das verbriefte Recht, an jedem Jahrmarkt ihre Mehl- und Wasserherzen mit den schönen Sprüchen feilzuhalten, und die ganzen Umstände heute hier waren doch wahrhaftig ebenso gut wie Jahrmarkt!

Je weiter die Zeiger auf die bestimmte Uhrzeit hinrückten, desto größer wurde das Gedränge, desto gespannter wurden die Mienen.

Zwölf Uhr! – Rentjeh Meefs paffte und lächelte dabei: er behielt Recht. Noch war nichts vom Zuge zu sehen. Die Leute sollten man aufpassen! Zehn Minuten wurden das leicht statt vier.

Aber horch, was war das?

Ein langer Pfiff, und dann eine Glocke: Bing bing bing!

Der Bahnhofsvorsteher eilte aufgeregt herum, daß nur ja niemand zu nahe an die Kante trat.

Und nun, – da, – ja, da um die Ecke herum, da kam sie im schlanken Bogen hergebraust, die neue Zeit in Form einer bekränzten Lokomotive und dreier Wagen. Jetzt rollte der Zug schon an den Bahnsteig.

Tante Liebe und Tante Leide, die ein Süpplein zu einer Wöchnerin hingetragen und nun aus Neugier den Umweg hierher gemacht hatten, drückten sich, als wären sie selber ein paar aufgeplusterte Hühnchen, mit ihrem Korb ängstlich in den Winkel. Wußte man denn, ob nicht das schwarze, fauchende Ungeheuer dort einfach über den Rand des Bahnsteiges sprang und gräßliches Unglück anrichtete?

Der Zug hielt. Die Jungens in den Bäumen schrieen Hurra, und etliche von den Empfangsherren schwangen den Hut und machten den Versuch, ihre Begeisterung durch Freuderufe laut werden zu lassen.

Die Musik spielte den Pariser Einzugsmarsch, daß die Trompeten immer goldener erglänzten, und die Lokomotive tat währenddessen noch ihre tiefen Atemzüge, wie ein Mensch, der seine schwere Pflicht erfüllt hat und sich nun gerechterweise verpustet. Sie war keine von den mächtigen, wie sonst viele auf den Schienen herumrasen, aber sie war doch die erste und einzige ihrer Art auf dem ganzen Eiland, und wenn man irgendwo ohne Wettbewerber etwas allein vorstellt, haftet einem so stets eine gewisse achtunggebietende Größe an.

Den Wagen entquollen eine Menge Fremde, und Rentjeh Meefs war in rechter Sorge: was kam hier nun bloß alles her? Und wie unangenehm war es, wenn man nun auf den Straßen Gesichtern begegnete, die man nicht kannte.

Aus dem vorderen Wagen stiegen nur ein paar Regierungsherren. Die stellten sich steif hin und ließen sich vom alten Fabricius begrüßen, den sein Frack umschlotterte, als wäre er gar nicht sein Eigentum, sondern als hätte er sich ihn nur für diesen Tag von der Schönen Taube geliehen.

Eine von den hohen Persönlichkeiten erwiderte auf die bürgermeisterliche Ansprache mit einer Miene, daß man es deutlich sah: Eisenbahnen zu eröffnen, das gehörte bei ihm sozusagen zum täglichen Brot.

Frau Direktor Bast, die Oberehrenjungfrau, sagte mit großen Gebärden ein Gedicht voller Heil und Segen auf und hängte der wackeren Lokomotive zu ihrem schon vorhandenen Schmuck noch einen Kranz um die linke Vorderlaterne.

Dann sangen die blassen Seminarjünglinge mit den abstehenden Ohren und versicherten, daß sie einen hellen Edelstein, nämlich das treue deutsche Herz wüßten. Der Herr Seminardirektor trat nahe an den Chor heran und lauschte angestrengt, ob die Töne auch rein waren.

Die amtlichen Gäste, der Krukeluhner Senat, noch ein paar Obere, auch einige vom Bürgerausschuß, – Tystrowiter waren natürlich nicht darunter, – begaben sich in den Wartesaal erster Klasse zum Imbiß, und während sich die Menge draußen an den Fensterscheiben die Nasen platt drückte, um zu erspähen, was die Herren wohl alles Feines zu essen und zu trinken bekamen, eilte Pastor Pugepind auf den Bahnhof zu.

Er hatte der Feier die religiöse Weihe geben wollen, war aber durch das übliche Aufsammeln von Hosenknöpfen und Haarnadeln so aufgehalten worden, daß er wieder reichlich zu spät kam. Und jedes Mal, wenn er sich unterwegs bückte, wunderte er sich darüber, daß die Krukeluhner Hausfrauen ihren Männern die Knöpfe nicht besser annähten. Liegen lassen konnte er das liebe Gut nicht, und die Funde waren ihm ja auch ganz erfreulich, er wollte aber doch demnächst, wenn er seine Predigt von der Treue und Sorgfalt in kleinen Dingen hielt, zart darauf hinweisen, daß die Frauen vielleicht weil sie durch sonstige weltliche Gedanken zu sehr in Anspruch genommen wurden, nicht genügend oft den Zwirn durch die Löcher zogen.

Als er endlich den Bahnsteig erreichte, konnte er seine Rede nicht mehr halten, denn es war von den Amtspersonen niemand mehr zu sehen, und er hatte es sich doch so erbaulich gedacht, wenn er nun ausführte, daß der Atem des lieben Gottes nicht nur im Zephyrhauche, der mit den Blumen spielt, auch nicht nur im Orkan, der die Bäume knickt, sondern ebensogut in dem Dampfe zu spüren sei, der dem gewaltigen Eisenbau der Maschine entströmte. Nein, damit war es nichts, und den sauern Frühstücksaal, den Pastor Pugepind so gern aß, wofern er ihm nichts kostete, hatten die andern Herrn schon verputzt.

Die Musik und der Seminarchor sorgten abwechselnd für den Ohrenschmaus, und unterdessen verstand es die Lokomotive zum Staunen von Rentjeh Meefs, sich auf die andere Seite des Zuges zu schlängeln.

Das Schalterfenster im Flur glitt hoch, – ein großer Augenblick! Zum erstenmal seit Erschaffung der Welt konnte man Fahrkarten mit der Aufschrift Krukeluhn erstehen! Viele verlangte es danach, gleich eine Reise über die Insel anzutreten, und wäre es denn auch nur bis zur nächsten Dorfhaltestelle, einer aber war ganz unternehmend; der forderte, recht laut, daß alle es hören konnten: »Eins dritter, Berlin, Schnellzug!«

Da verstummten die Männer und Frauen ringsum. Die weltgeschichtliche Bedeutung des Tages war ihnen mit einem Schlage klar. Einfach so von Krukeluhn nach Berlin – Junge, Junge!

Alles, was den Frack anhatte, also auch der Krukeluhner Senat, war nach geschehener Sättigung in den besonderen Wagen eingestiegen, die übrigen Abteile des Zuges waren vollgepfropft, und während nun Stadtbläser und Seminarchor sich dazu vereinigten, das Lied vorzutragen:


»So leb denn wohl, du stilles Haus!
Ich zieh betrübt von dir hinaus;
ich zieh betrübt und traurig fort,
noch unbestimmt, an welchen Ort,« –


da rief der Bahnhofsvorsteher: »Abfahren!«

Pfiff! sagte die Lokomotive, zog unter Hurrarufen an und ließ gleich draußen auf dem Felde ihr Bing bing bing ertönen, damit die lieben Kuhchen aus dem Wege gingen.

Befriedigt zerstreute sich die Menge.

An jedem Tage lief von da an dreimal der Zug ein und aus.

Seine Ankunft war recht pünktlich, mit seiner Abfahrt aber haperte es bisweilen. Denn der Bahnhofsvorsteher, Gaethje hieß der Mann, Wilhelm Gaethje, war ein geborener Krukeluhner, der hatte ein weiches Gemüt, und wenn er nun sah, daß einem Liebespärchen das Abschiednehmen schrecklich schwer fiel und daß sich die beiden immer gern noch einen Kuß gaben, dann wurden ihm vor Rührung über das Leid der jungen Herzen die Augen naß, und er brachte es nicht über sich, so zwei Menschenkinder fahrplanmäßig rasch und jäh voneinander zu trennen, sondern gab ihnen immer gern ein bißchen Zeit zu, damit sie sich noch aussprechen und sich noch mal recht satt küssen konnten. Da wurde es leicht ein paar Minuten später, und zuletzt half es dem gemütvollen Herrn Gaethje ja denn auch nichts: er mußte sich ermannen und der schon vor Ungeduld stampfenden Lokomotive den Befehl zukommen lassen, daß sie losdampfen sollte. Sein Ruf: »Abfahren!« aber klang dann immer sehr sanft und milde und war von einem tiefen Mitgefühl mit den auseinander gerissenen Liebenden durchbebt.

Dreimal täglich brachte der Zug eine Fracht Neuluft nach Krukeluhn und schleppte dafür einige Wagen voll Altluft mit hinaus. Ob dieser Austausch für die Stadt gesund oder schädlich war, wer will das entscheiden? Und was hat es für Sinn, sich deswegen den Kopf zu zerbrechen?

Es ging ja in Krukeluhn nicht anders als in unser aller Leben. Das Neue bricht herein, wir mögen es wollen oder nicht.

Pfiff! bing, bing, bing! sagt die Eisenbahn.

Wer hält sie auf?



30. Kapitel.
Verlorenes Spiel, doch neues Ziel.

Die Tystrowiter mit ihrem Herrn und Meister an der Spitze hatten beim geweihten Spaten den Schwur getan, daß sie niemals die Eisenbahn von Krukeluhn nach Wullhagen benutzen wollten, und diesen Schwur hielten sie genau so lange, bis sie ihn brachen.

Einer nach dem andern ging, wenn er mal verreisen mußte, nicht mehr über die Brücke nach Neustadt, sondern schlich sich mit bösem Gewissen nach dem Bahnhof und setzte sich möglichst schnell in den Zug, damit er nicht weiter gesehen wurde. Nach und nach aber verlor sich auch diese Scheu, und sie gestanden es einander offen ein: »Was wollen wir noch erst nach Neustadt laufen? Den Hafen kriegen wir doch nicht, so müssen wir wenigstens mitnehmen, was es hier sonst Gutes gibt. Die Trotzerei hat keinen Zweck.«

Tystrow war zu schlau, um dieser Meinung seiner Genossen Widerstand zu leisten. Er hielt zwar noch immer an der Hoffnung fest, die dankbare Nachwelt werde ihm eines Tages an dem auf seine Veranlassung hin wieder ausgegrabenen Hafen ein ehernes Denkmal stiften, aber einstweilen, das erkannte er selbst, mußte sich Krukeluhn mit der Eisenbahn begnügen. Und wenn er es seinen Leuten jetzt noch verbot, die bequeme Reiseart zu wählen, so hatte er nur den Schaden davon. Dann wurden aus den Getreuen am Ende Abtrünnige, die sich überhaupt nicht mehr von ihm benutzen ließen. Also drückte er beide Augen zu, wenn er einen von seinen Hafenbrüdern mit dem Koffer nach dem Bahnhof gehen sah. Und zuletzt machte auch er nicht mehr den Umweg über Neustadt, sondern löste den ganzen Bann, indem er an den Krukeluhner Schalter trat und seine Karte forderte.

Der Schwurspaten aber, der noch immer an seiner alten Stelle im ›Rauhen Loch‹ hing, zeigte von dieser Stunde an Rostflecken, die weder mit Sandpapier noch mit Speckschwarte zu beseitigen waren.

Tystrows rastloser Geist suchte nach neuen Zielen für seinen Ehrgeiz.

Sein Geschäft hielt er stramm in Ordnung. Seine Frau und seine beiden Töchter waren für ihn bloß Dienstboten, und in seiner Backstube regierte er mit der äußersten Strenge. Daher war alles, was in seinem Laden lag, lecker und fein, und wenn die Krukeluhner Damen ihre Kaffees gaben, mußten die Kuchen notwendig von Tystrow sein.

Also war auch der Ertrag aus seinem fleißigen Schaffen recht groß, und er durfte schon stark an die Zeit denken, wo er sein Geschäft mit dem bedeutenden Kundenkreise günstig verkaufen und als angesehener Hausbesitzer vom Ersparten leben konnte.

Schwiegersöhne von Rang und Stand bekam er dann spielend leicht, ja, und dann war seine Familie unter diejenigen erhoben, die er wegen ihrer Vornehmheit immer mit Neid betrachtet hatte.

Das hätte ihm ja nun genügen können, jedoch so angenehm ihm die Aussicht war, er fand nicht seinen Frieden darin. Er wollte eben selbst noch etwas Überragendes werden, sich nicht nur durch Verbindungen mit Hilfe seiner Töchter Achtung schaffen.

Die Bürgerschaft war auch über den Ring des Hafenvereins sehr auf seiner Seite, und das kam daher, weil sich die Liebe zu den alten Zeiten in dieser Stadt der alten Leute lebendig erhielt und weil Bäcker Tystrow immer wieder an die frühere Macht Krukeluhns erinnerte, wie sie in den Chroniken geschildert wurde.

Auf dieser Liebe fußte er schlau es handelte sich nur darum, was auf diesem sicheren Grund und Boden noch einmal zu bauen war. Schroff konnte er werden, wenn ihm sein Wille nicht von denen geschah, über die er zu sagen hatte. Jähzornig aufbegehren konnte er auch gegen die, von denen er wußte, daß sie nun doch einmal nicht seine Freunde waren; wo er spürte, daß er Einfluß zu gewinnen vermochte, benahm er sich sehr freundlich und sogar schmeichlerisch, obgleich er stets den braven, schlichten, geraden Biedermann herausbiß.

Das Wort Allgemeinwohl war sein Lieblingsausdruck.

Kam denn durch Senator Konnings Schuld einstweilen nach den Hafenplänen nichts – gut, der Bäcker wollte seine Kraft nicht verschwenden und vor allen Dingen nichts tun, was ihm schließlich doch nur als Eigenbrödelei und überflüssiges Angehen wider den Senat ausgelegt wurde. Wer konnte wissen, ob nicht die Hafenfrage noch einmal für Krukeluhn brennend wurde? Dann drang er sicherlich mit seinen großen Absichten durch. Es war der Trost: Senator Konning lebte nicht ewig.

Das war ja keineswegs unrichtig gedacht, und Konning zählte in der Tat nicht mehr zu den jüngsten, fürs erste aber war er noch im Amte. Jedoch eine Lücke entstand trotzdem in der Krukeluhner Obrigkeit.

Denn eine von den braven Senatornullen wurde abberufen, um sich im himmlischen Rate weiter im Jasagen zu üben. Eine Lücke im Senat!

Das hat für Krukeluhn immer etwas höchst Aufregendes, vor allem, wenn es sich um den Tod eines nicht rechtsgelehrten Ratsmitgliedes handelt, denn es gibt kaum einen noch so kleinen Geschäftsmann, der nicht auf diesen Posten hinschielt und in dem nicht der Wunsch wach würde, mit auf der Liste der drei Kandidaten zu stehen, die der Bürgerausschuß dem Rat vorlegt, damit sich dieser dann einen davon aussuchen kann.

Eine Lücke im Senat . . . ! Als Bäcker Tystrow dem verewigten Senator das letzte Geleit gab, da gingen ihm die Pferde vor dem Leichenwagen nicht schnell genug, und der Pastor sprach viel zu lange: der da, der Tote, der mußte möglichst rasch unter die Erde gebracht werden, damit Tystrow nur anfangen konnte, für sich zu arbeiten. Denn das stand in ihm fest: kein anderer als er selbst sollte es werden, der die Lücke ausfüllte.

Neues Ziel. Wohlan! Es mußte mit allen Mitteln erreicht werden.

Wieder einmal stand Rinke Tystrow vor seinem Jugendfreunde: »Ja, Senator, nun kannst du mal zeigen, daß du ein richtiges dankbares Herz hast. Auf die Liste sollen sie mich schon setzen, dafür sorg' ich. Und du mußt es durchbringen, daß ihr mich wählt, hörst du?«

Nichts Schädlicheres für seine eigenen Wünsche hätte Osewald tun können, als den Bäcker unzufrieden wegschicken. Es war gewiß ganz klug gehandelt, wenn man dies oft recht widerborstige Mitglied des Bürgerausschusses in den Senat erhob. Da war schon so mancher, der vorher den großen Mund hatte, zahm und gefügig geworden.

»Krieg' ich deine Stimme?« drängte der Bäcker.

Osewald erwiderte so vorsichtig, wie er denn sein konnte: »Ich hätte ja keinen Grund, sie dir zu verweigern.«

»Und willst du die andern bearbeiten, damit sie auch für mich sind?«

»Warum sollte ich nicht für dich eintreten?«

Tystrow näherte sich Osewald und zwinkerte ihm zu: »Tu man deine Pflicht, Senator. Und paß mal auf, wenn es dir gelingt: was wir beide dann für mächtige Männer hier werden. Ganz Krukeluhn stecken wir in die Tasche!« Er streckte ihm die Hand hin. »Jetzt treue Freundschaft, was? Wie damals, als wir noch Jungens waren. Durch dick und dünn!«

Osewald zögerte zwar, reichte ihm aber doch die geforderte Hand. Tystrow schüttelte sie ihm kräftigst. Der alte Bund war erneuert. Allerdings konnte Osewald für die Dienste, die er Rinke jetzt leisten wollte, nicht unmittelbar auf Gegendienste rechnen, denn Bürgermeister Fabricius entschloß sich, damit nicht gleich zu viele Veränderungen im Rate nötig wurden, sein schon längst geschriebenes Abschiedsgesuch wenigstens noch eine kleine Weile in der Schublade liegen zu lassen. Die Bürgermeisterwahl stand also noch nicht bevor, und Osewald hütete sich deshalb, Tystrow anzudeuten, was er von ihm erwartete. Es war besser, er verpflichtete sich einstweilen nur den Bäcker, kam dann die Zeit, so bedurfte es nur eines leisen Winkes, und der würde schon für seinen Freund das Nötige tun, ohne daß Osewald ihrem Bündnisse den Stempel eines auf Gegenseitigkeit beruhenden Geschäftes aufzudrücken brauchte. Dadurch stand der Senator selbst vor dem Genossen seiner Jugend als uneigennütziger Mann da.

Tystrow brachte es fertig, daß er unter den drei Kandidaten, die der Bürgerausschuß dem Senate vorschlug, an erster Stelle stand. Die beiden andern waren bei Licht besehen nur Strohmänner.

Schon fühlte der Bäcker, wie ihm die Flügel wuchsen; die Zuckergußschnörkel auf den Torten bekamen geradezu ausgelassen genialische Spiralformen. Frau und Töchter atmeten auf, weil er ihnen zum erstenmal ein gutes Gesicht zeigte, und die Gesellen wunderten sich baß, als er ihnen Geld zu einem Glase Stümp gab. So etwas von Freigebigkeit des Gemütes und der Börse hatte man bei ihm noch nicht erlebt.

Jeden Tag wartete er: Nun mußte der Bote kommen, um ihn aufs Rathaus zu bitten, damit er vor versammeltem Senate die Frage beantwortete, ob er gewillt sei, zu der Stadt Bestem an vorderster Stelle mitzuwirken. Jeden Tag stand er in der Ecke bei seinem Ladenfenster und schaute angestrengt die Straße hinauf. Und sobald sich nur eine Ratsdieneruniform blicken ließ, geriet er in heftiges Fieber. Nun war er der gemachte Mann!

Aber jeden Tag lauerte Rinke Tystrow vergeblich.

Konnten die auf dem Rathaus denn nicht mit sich klar werden? War es denn eine Frage, wen sie wählen sollten? Der Rat wagte es ja gar nicht, ihn zu übergehen! Das gab sonst Aufruhr in ganz Krukeluhn.

Immer erregter wurde der Bäcker. Seine Gutmütigkeit gegen Familie und Angestellte schlug wieder ins Gegenteil um. Er war von unerträglicher Launenhaftigkeit und Härte. Frau und Töchter hatten rotgeweinte Augen: »Ach, wenn Vater doch bloß erst Senator wäre!«

Sollte er zu Doktor Stümpemann gehen und fragen? Aber nein, lieber nicht. Osewald selbst hatte so etwas hingeworfen, es sei gut, wenn man sie beide jetzt nicht zusammen sähe. Das gebe sonst gleich Klatsch und würde vielleicht die unangenehme Folge haben, daß der Senator sich nicht frei genug für den Bäcker ins Zeug zu legen vermöchte.

Also abwarten, immer abwarten, wenn's auch zum Umkommen war.

Mit dem Bäcker war die gesamte Bürgerschaft unruhig. Weshalb blieb denn nur der verwaiste Senatssitz so lange leer? Tystrow war gewiß kein Ideal, aber brauchen konnte man ihn für den Posten jedenfalls. Wozu also das lange Zaudern?

Alle Ungeduld half nichts. Die Herren vom Rat gingen mit verschlossener Miene umher, und nur soviel sickerte durch die Redseligkeit des Dieners ins Volk, daß es bei den Sitzungen unter den vier Männern gar nicht sehr friedlich zugehe. Senator Konning und Senator Stümpemann wären oft arg im Streit, der alte Fabricius säße mit gerungenen Händen da und bäte um ruhige Erörterungen, und das andere Mitglied wäre wie eine schwanke Pappel im Sturm – bald hierhin, bald dahin.

Es siedete vor Spannung im Gemeinwesen; da kam der Bescheid an die Bürgerschaft: der Senat sei zu dem Entschluß gelangt, alle drei Kandidaten abzulehnen, und ersuche einen ehrliebenden Bürgerausschuß, ihm drei andere Männer namhaft zu machen.

Tystrow war erst wie vom Schlage gerührt. Dann schäumte er auf, lief überall herum und schimpfte: »Das ist eine Beleidigung, was uns der Rat da antut! Eine Frechheit! Er hat die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, einen von denen zu nehmen, die wir ihm aufschreiben. Wir gehen an die Regierung. Oho! Den Herren wollen wir wohl den Marsch blasen!«

Seine Aufreizung war so stark, daß sich der Bürgerausschuß davon beeinflussen ließ und das Vorgehen des Senats als Kränkung auffaßte. Aber der Rat blieb auf seinem Stück bestehen, er habe nicht nötig, zur Wahl vorzuschreiten, wenn ihm keiner von den Genannten tauglich erscheine. Seine Gründe brauche er nicht darzulegen.

Die Klage bei der Regierung nützte dem Bürgerausschuß nichts. Die Herren da oben hielten es mit dem Rat.

»Natürlich!« lachte Bäcker Tystrow. »Die alte Geschichte von den Krähen, die sich nicht gegenseitig die Augen aushacken!«

Verständige Bürger rieten nun dazu, man solle nachgeben und dem Senat seinen Willen mit anderen Kandidaten tun. Tystrow aber sah seine ganze Ehre auf dem Spiel und wußte solche Unterwerfung zu verhindern. So blieb es einstweilen, wie es gewesen war – ein Senator fehlte.

Tystrow besuchte seinen Jugendfreund.

»Ich kann dir nur versichern,« sagte Osewald, »daß ich das meinige getan habe.«

»Glaub' ich. Woran liegt es denn aber, daß ihr mich nicht gewählt habt?«

Osewald zuckte mit der Achsel. Der Bäcker wurde wild: »Wieder dieser Konning? Ja?«

»Ich kann mich nicht äußern. Das siehst du ein.«

»Dieser Konning!« fauchte der Bäcker. »Ich hab' es mir wohl gedacht. Der haßt mich. Aber ich – –« Er konnte vor Wut nicht weitersprechen und streckte verzerrten Angesichtes drohend die Fäuste in die Luft. »Ich – –«

Abermals zuckte der Herr Senator Doktor Stümpemann nur mit der Achsel.

Das war sehr schlimm für sein Seelenheil.



31. Kapitel.
Klüfte.

Die Stunde, die Garderut mit Gunnar genossen hatte, – sie war so rasch vorübergerauscht! Und was davon zurückblieb, war Sehnsucht. Glück, dein Name ist Erinnerung.

Er hatte es gut. Das Leben umfing ihn aufs neue, ließ ihn nicht aus der Arbeit, drängte ihn zum Aufwärtssteigen, und in stillen Augenblicken konnte er dann daran denken, wie sich ihm die Frau erschlossen hatte, die mädchenhaft geblieben war, obgleich sie Mann und Kind ihr eigen nannte.

Er schritt ungefesselt einher. Auch die Freundschaft mit Garderut war für ihn nicht irgendein Hemmnis auf seinem Wege.

Seine unwillkürliche, in der Natur des Mannes ruhende Eigensucht hatte sich aus Garderuts Wesen bereichert. Freudig trug er diesen Schatz in sich, – er empfand ihn nie als Last.

Dankbar war er Garderut im Ihrergedenken. Alles in der Welt erschien ihm lichter und leichter nach jener Stunde. Sie belebte sein Werk, und es war nichts da, was die Strahlen, die er von ihr zu sich herüberschwingen fühlte, gedämpft oder unliebsam durchquert hätte.

Auch seine Sehnsucht nach ihr bedeutete für ihn einen Wert; er hatte sie sich gar nicht oft erfüllen mögen, wenn's auch in seiner Macht gewesen wäre.

Ja, das war des Mannes und wohl noch mehr des Künstlers Art, sich die Seelengemeinschaft mit Garderut frisch zu erhalten, aber es war eben doch auch mehr Eigenliebe als Liebe. Es steckte viel vernünftiges Überlegen darin. Im Grunde wollte er Garderut nicht stören, um nicht selbst gestört zu werden.

Anders sah es bei seiner Freundin aus.

Garderut fand nicht die geringste Ursache, sich das Erlebte durch Reue herabzuwürdigen. Sie war eine ganze Zeit lang, nachdem Gunnar sie wieder verlassen hatte, unsagbar froh gewesen. So voller Güte. Sie hatte ihr Kind noch nie so lieb gehabt. Sie war auch gegen ihren Mann gleichmäßig freundlicher, als er sie sonst oft kannte. Sie verschloß sich nicht völlig mehr vor der Familie. Sie hatte überhaupt keinen Haß in sich. Nur Liebe, Liebe, von der sie ja in jener Feierstunde mit Gunnar erfüllt worden war.

Aber mag ein Lichtstrahl noch so weit hinausschweben, irgendwo stößt er an und wird verschlungen.

So ging es Garderut mit ihrem heiteren, gleichsam gelösten Zustande. Die Alltäglichkeit richtete Hindernisse vor ihr auf, wogegen ihr stilles, glückliches Sinnen anprallte, um die Schwungkraft einzubüßen.

Das gab dann nach einer Weile der Zufriedenheit schon ein Aufschrecken. Eine Zeitlang nach Gunnars Abreise hatten beide einander oft und sogar stürmisch geschrieben, denn es fiel ihnen nun so manches ein, was sie hätten sagen wollen und müssen. Die Versäumnis sollte einigermaßen in Briefen gut gemacht werden.

Dann trat in ihrem Austausch eine Pause ein. Und sie wußten, das geschah keineswegs aus Kälte, sondern es war für jetzt ziemlich alles zwischen ihnen ausgesprochen, was sie einander mitzuteilen hatten. Solche Zeit des Schweigens diente zum Neuauffüllen der Seele.

Sie hatten das Gefühl, es ist auch schön, wenn man länger damit wartet, einen Brief zu beantworten. Denn seltsam, aber wahr: der beantwortete Brief ist zum großen Teile gleichsam ausgelöscht. Liebe Worte wirken lebendiger im Gemüte des Empfängers nach, so lange noch nichts darauf erwidert ist.

So blieb Garderut trotz der kleinen Störungen durch die Alltäglichkeit noch in einem guten Gleichgewichte, aber allmählich kam dann eine Angst in ihr auf. Es wollte sie bedünken, daß Gunnar sie vernachlässigte.

War ihrer beider Stunde nicht nur eine Stunde der Erfüllung, sondern – für ihn – auch der Sättigung gewesen? Garderut zweifelte nicht an ihm, nein, sie war seiner Freundschaft gewiß, aber – war die Freundschaft nun doch schon alt geworden? War sie wie eine der gräßlichen Alltagsehen, woraus alle Poesie nach den Flitterwochen verschwindet?

Das weibliche Herz birgt viel Argwohn. Schon wenn sich die Zärtlichkeit, die ihr der Mann zuteil werden läßt, nicht steigert, spürt sie ein Versagen.

Garderut genügte es nicht, daß Gunnar selbst den Schmerz der Sehnsucht als etwas Schönes hegte und pflegte und auch von ihr gehegt und gepflegt wissen wollte, – sie hätte es gern erfahren, daß es ihn unwiderstehlich von neuem zu ihr hin trieb!

Durch das Beisammensein mit ihm, durch die körperliche Nähe, durch dies Wirkliche war ihr Hingebungsdrang erwacht. Sie hätte ihn noch weit, weit reicher machen mögen, als sie es nach seiner Beteuerung getan hatte!

Vermißte er nichts? War es ihm dann auch wohl ernst mit seinen Worten gewesen, er würde sich seiner Freiheit entäußern, wenn Garderut Mackeprang sie von ihm forderte?

Sie wollte nicht an ihm zweifeln, und dennoch! Was war all ihr Nachgrübeln anders als lauter Mißtrauen an der Wahrheit und Echtheit dessen, was sie beide ihre Freundschaft nannten und was in der Tat schon auf dem schmalen Grenzsaum wuchs, wo sich das nur herzliche Aneinanderdenken vom leidenschaftlichen Zueinanderwünschen scheidet?

Ach, daß man nie mit einem Menschen vollständig eins werden konnte! Daß überall um einen herum Klüfte gähnten!

Wie tief und breit die waren, das ermaß sie jetzt besonders, wenn sie ihrem Manne gegenüberstand. Zwar, von Thronde waren im Senatorhause nur noch geringe Spuren zu finden. Garderut hatte die Zeit als Bundesgenossin, und es machte sich von selbst, daß ihr Wille und Geschmack nach und nach allein maßgebend wurden. Es mochte wohl sein, daß das Gedächtnis an seine erste Frau noch in Osewald lebendig war, aber er quälte Garderut wenigsten nicht mehr damit.

Obgleich sie also die früheren Kämpfe um ihre Geltung nicht mehr zu bestehen brauchte, erschien ihr Mann ihr merkwürdig fremd. Woher kam das nur? Ja, das kam daher, weil die kleine Frau in einem Irrtum befangen war.

Sie hatte sich das so ganz gut zurechtgelegt und auch für eine Weile durchgesetzt: ihre Freundschaft zu Gunnar Claudius sollte in einem Seelenraume beschlossen sein, der von ihrem übrigen Leben durchaus getrennt war. Auf die Dauer ist aber so etwas nicht möglich. Denn solch anderer Raum, den sich ein Mann oder eine Frau für einen lieben Menschen bilden, hat die geheimnisvolle Macht, seine Wände immer weiter auszudehnen, bis er das sonstige Seelenreich arg einengt. Da leidet dann wegen des Freundes das Beisammensein von Mann und Weib Schaden. Denn solche Außenfreundschaft nimmt den Eheleuten etwas von der Kraft und leicht auch etwas von dem Willen, immer näher zueinander hinzukommen.

Eine Ahnung hiervon schimmerte bisweilen in Garderut auf, und dann war ihr zu Sinne, als müsse sie etwas gut machen; näherte sie sich aber Osewald mit größerer Wärme, als sie jetzt zwischen den Gatten üblich war, so erlitt sie wohl nicht schroffe, aber doch fühlbare Zurückweisungen. Der Unterschied in beider Jahren begann deutlich zu werden. Wenn Osewald auch immer noch recht jugendlich aussah, – von dem Lebenshunger, den Garderut hatte, wußte er nichts mehr. Außerdem war alles, was sich auf dem Rathause zutrug, nur geeignet, den Senator in schlechte Laune zu versetzen.

Dieser schreckliche Tystrow kam aller Augenblicke zu ihm und wollte hören, ob der Senat nicht noch nachgäbe. Er verlangte vor allem, daß Osewald unaufhörlich gegen Konning angehe!

Osewald hätte dem Bedränger am liebsten die Tür gewiesen, aber das konnte gefährlich werden. Er mußte stillehalten, Garderut fühlte eine innerste Abneigung gegen Tystrow, und da sich dessen Besuche häuften, sprach sie schließlich einmal mit ihrem Manne darüber:

»Mir ist es immer furchtbar unangenehm, wenn dieser Mensch so vertraut zu dir redet. Kale sagt, er prahlt in der Stadt herum, du wärst sein Busenfreund und tätest alles, was er haben wollte. Kannst du das nicht ändern?«

Es war Osewald, den das Bündnis mit Tystrow schwer bedrückte, ganz lieb, daß Garderut die Sache berührte, gleichwohl tat er erst, als müsse er den Bäcker entschuldigen:

»Ich sehe nicht ein, warum der nicht ebenso gut ins Ratskollegium gewählt werden soll, wie irgend ein anderer. Aber Konning ist ein Starrkopf, Fabricius tanzt nach seiner Flöte, und den andern Herrn, der sich mit Senator anreden läßt, hat er auch in der Tasche. Deshalb waren meine Bemühungen vergeblich.«

»Es mag ja sein, daß er etwas von städtischen Geschäften versteht, aber ich begreife doch nicht, warum du dich nun gerade so um ihn verdient machen willst.«

Seine geheimen Absichten enthüllte Osewald nicht vor seiner Frau, – er entgegnete nur: »Ich bin ihm eben zu Dank verpflichtet.« Und er erzählte Garderut die Geschichte von Ohmsens Scheune. Sie meinte daraufhin:

»Es wäre besser gewesen, du hättest damals alles auf dich genommen, was nach deiner Unvorsichtigkeit kommen konnte.«

»Mein Kind, das ist Moral für alte Leute. Ein Junge hat bloß den einen gesunden Gedanken: wie drücke ich mich vor der Strafe? Übrigens habe ich ja nicht gelogen.«

»Wenn es Tystrow nun aber sehr schlecht gegangen wäre?«

»Es lag ganz in seiner Hand, die Wahrheit zu sagen. Dann konnte ich ja immer noch genug eingestehen. Nein, ich bereue durchaus nicht, daß ich mich nicht selbst angegeben habe. Mein Verhalten war das vernünftigste von der Welt.«

»Es tut mir nur leid, das du dadurch zu dieser lebenslänglichen Dankbarkeit genötigt bist. Das scheint mir eine härtere Strafe zu sein, als wie du sie jedenfalls damals erhalten hättest.«

»Ja,« entgegnete der Senator, »Dankbarkeit zeitlich abzugrenzen, ist meinem Charakter unmöglich.«

Sein Ton war zu salbungsvoll, als daß er Garderut gefallen konnte.

Wie sie noch einmal davon anfing, er sollte sich nicht gar zu sehr für den Bäcker ins Zeug legen, wenn die übrigen Herren nichts von einem Tystrow als ihrem Kollegen wissen wollten, da wurde der Senator ärgerlich und beendete die Unterredung kurz:

»Die Amtssachen überläßt du wohl mir, nicht wahr? Bitte!«

Garderut gehorchte. Sie dachte nach. Gewiß, vom Standpunkte der Knabenmoral aus hatte Osewald nach dem Scheunenbrand sicherlich, wie er es nannte, vernünftig gehandelt. Wenn sie sich aber manchen kleinen Zug ihres Mannes vorschweben ließ, wollte es sie bedünken, er habe diese Knabenmoral mit in sein späteres Leben hinübergenommen.

Er liebte es des öfteren zu schweigen, um sich einer Verantwortlichkeit zu entziehen. Das mochte ja immer vernünftig, das heißt weltklug oder gar schlau gehandelt sein, nur – achten konnte Garderut diese Vernunft nicht.

Wohin sie schaute: Klüfte rings um sie herum.



32. Kapitel.
Die schwarze Schlange kriecht.

Nein, der alte Fabricius mochte nun nicht mehr! Er war immer ein Mann des Friedens gewesen; diese ewigen Streitereien, wie sie jetzt zwischen Bürgerschaft und Senat herrschten, hielt er einfach nicht aus.

Er war ganz krank; das Asthma, das ihn schon lange gequält hatte, wurde immer ärger. Wenn er überhaupt noch ein bißchen vom Leben haben wollte, dann mußte er nun die Stadtschlüssel in eine andere Hand legen.

Mochten die Krukeluhner denn zusehen, woher sie einen neuen Senator bekamen, – ihm war das einerlei. Er wollte allerdings die Stadt nicht in Verlegenheit bringen und erklärte sich deshalb bereit, seinen Posten noch so lange zu verwalten, bis man einen frischen Bürgermeister gewählt hatte; nach Ostern blieb er jedoch auf keinen Fall.

Da der Winter schon sehr weit fortgeschritten war, wurde die Senatorsache zurückgestellt. Bürgermeister war wichtiger. Im übrigen kam man dann wohl mit Hilfskräften aus, bis alles, was die städtische Verwaltung betraf, wieder ins Lot gebracht war.

Das Amt des Gemeindeoberhauptes wurde öffentlich ausgeschrieben. Es meldeten sich auch manche Bewerber, aber die Ausschüsse, die sich für die Wahl gebildet hatten, schenkten ihnen so gut wie gar keine Beachtung. Es war selbstverständlich, daß der älteste Senator in die leer gewordene höchste Stelle aufrückte, und Konning dachte auch nicht im entferntesten daran, es könne anders kommen.

Der Tag der Wahl wurde festgesetzt, und man hielt ein paar Versammlungen ab, worin auch Senator Stümpemanns Namen ehrenvoll erwähnt wurde, aber trotz der kleinen Bedenklichkeit, die man hin und wieder gegen Konning äußerte, weil er häufig so wenig Rücksicht auf die Wünsche der großen Menge nahm, herrschte kein Zweifel daran, daß die Würde des ersten Bürgers nur auf ihn, den Amtserfahrensten, übergehen müsse.

Sogar Pasche, der seinen Bruder gern auf dem Throne gesehen hätte, beschied sich: Osewald war um so vieles jünger als Konning, und daher mußte die Stümpemannsche Familie eben noch warten, bis ihr einer der Ihrigen wiederum die größte Ehre machte. Überdies: so eifrig Konning noch war, – recht verbraucht sah er doch schon aus; allzu lang würde er wohl nicht regieren.

Senator Stümpemann hielt sich ganz zurück, und als ihn Tystrow eines Tages so mit dem bewußten Blick von unten herauf fragte: »Na, wer soll denn nun in Wirklichkeit hier Bürgermeister werden?« da erwiderte er mit einem erstaunt verständnislosen Gesichte: »Wieso denn? Die Sache geht ihren ganz natürlichen Gang.«

»So? Meinst du?« sagte der Bäcker. »Das wollen wir erst mal sehen! Aber dann auch: eine Hand wäscht die andere, Senator!«

Osewald lehnte durch eine Kopfbewegung jede Einmischung in den Lauf der Dinge ab.

Näher und näher kam der Zeitpunkt für die Wahl, und es gab in Krukeluhn keinerlei Unruhe, wie sie sonst meist in einer Stadt vor solchem Ereignis zu bemerken ist.

Da aber zeigte eines Morgens ein angesehener Bürgersmann empört einen unterschriftslosen Brief herum, der ihm zugeschickt war und worin das Leben und Treiben von Konnings Tochter mit solchen Einzelheiten beschrieben wurde, daß man sich fast schämen mußte, derlei auch nur zu lesen. Als liederliches Weibstück war sie geschildert. Schon bald nach ihrer Einsegnung hatte sie den schlechten Wandel begonnen; das Kind, mit dem sie dann sitzen blieb, hätte sie am liebsten vergiftet, und durch die Ehe, die sie jetzt führte, war sie auch um nichts gebessert worden.

An diese genaue Darstellung war die Frage geknüpft, ob jemand, der ein so schlechter Erzieher seiner Tochter wäre, sich dazu berufen fühlen dürfe, ein gesamtes Stadtwesen zu leiten.

Wie das immer mit solchen häßlichen Zuschriften geschieht: sie werden zunächst nur im vertrauten Kreise herumgegeben; der Empfänger scheut sich, sie sofort gleichsam der Öffentlichkeit zu überliefern, indem er sie an die Amtsstelle bringt.

Dauerte nicht lange, da hatte ein anderer, nicht minder geachteter Bürger einen ähnlichen Brief in der Hand. Nicht von Senator Konnings Tochter, sondern von seinem Sohne war darin die Rede. Was hatte der alles auf dem Kerbholz! Überall, wo er beschäftigt gewesen war, hatte man ihm die Tür gewiesen. Betrug, Fälschung, wüstestes Herumtreiben in schlechten Häusern, Trunk, Spiel, – es gab von unlauteren Dingen nichts, was diesem Menschen nicht längst zur Gewohnheit geworden war. Am Gefängnis, am Zuchthaus war er vorübergestreift, und auf der Stelle, die er jetzt eben inne hatte, auf dem holsteinischen Gute, war er Knall und Fall und mit Schimpf und Schande ebenfalls davongejagt und zwar seiner Faulheit wegen und weil er allen Frauenspersonen schamlos nachstellte.

Und wieder hieß es am Schlusse: was muß dieser junge Mann für eine Erziehung genossen haben, daß er so verwahrlosen konnte! Wie? Einer, der nicht imstande gewesen ist, aus seinem einzigen Sohne einen anständigen Menschen zu machen, der will sich anmaßen, für das Wohl einer Stadt zu sorgen?

Auch dieser Brief wurde verhältnismäßig wenigen bekannt; man war über ihn entrüstet, aber es ist nicht zu leugnen, daß der Hieb schon saß. So gemein und hämisch das Schriftstück war: man konnte nicht behaupten, daß es Verleumdungen enthielt. Das Benehmen von Konnings Sohn und Tochter ließ sich nicht als einen Beweis für die Erziehungskunst der Eltern anführen.

Ein dritter Brief, wieder an jemand anders, diesmal an einen kleinen Mann: Ob er schon mal was von der Vererbung gehört hätte, wovon sie jetzt immer in der Zeitung schrieben? Ja, das müßte doch nicht so ganz aus der Luft gegriffen sein. Er kannte gewiß den Herrn Senator Konning, nicht wahr? Der hätte ja nun doch Kinder, die ihm nichts als Elend machten, nicht wahr? Ja, und wie wäre das nun vor Jahren mal bei ihm wohl zugegangen? War da nicht eine Zeit lang eine junge Verwandte von Konnings bei dem Senator im Haus und verschwand die nicht ganz plötzlich aus Krukeluhn, als Frau Konning einmal verreist gewesen war und vielleicht früher zurückkam, als der Herr Senator sie erwartet hatte? Am Ende wäre in dem, was sich während Frau Senators Abwesenheit daheim abspielte, der Schlüssel dafür zu finden, daß es der Senator so gar nicht verstanden habe, seinen Kindern Sinn für Ehrbarkeit einzuflößen.

Über diesen Brief steckte man im ›Rauhen Loch‹ die Köpfe zusammen.

Und ein viertes Schreiben traf ein, – es war an einen Mann gerichtet, den man als Neuigkeitsherumträger kannte: Weshalb für die Eisenbahn denn wohl der weite Weg über Wullhagen und nicht der nahe über Neustadt gewählt worden sei? Hatte man mal darüber nachgedacht, daß die Schienen grade durch das Dorf liefen, wo Herrn Senator Konnings Haus stand? Und daß der Bahnhof grade auf dem Platz dieses Hauses erbaut war? Das war doch eine sehr vorteilhafte Verwendung des Grundstückes, – so viel, wie der Staat zahlte, hätte der Senator von keinem Privatmanne für das bißchen Land bekommen. Ja, und wie gut war es, daß der Verkauf damals stattfand. Wenn man einen Sohn hat, den man nur mit etlichen tausend Mark vor den vergitterten Fenstern retten kann, dann kommt einem solch ein Bahnbau sehr gelegen. Und mancher Bauer hatte ja auch seinen Nutzen davon, daß ihm die Lokomotive an der Tür vorüberlief. Ob sich da nicht auch mancher für das eifrige Wirken des Senators erkenntlich zeigte?

In kleinen Läden und Wirtschaften wurde dieser Brief immer wieder entfaltet und flüsternd vorgelesen. Wer konnte es wissen? Die hohen Herren! Die steckten alle unter einer Decke! Ein bißchen was Wahres mochte schon daran sein.

Und noch ein Brief an einen Gutsbesitzer nahe bei der Stadt. Ob er nicht sein Eigentum verkaufen wolle? Senator Konnings Sohn habe neulich selbst erzählt, sein Vater würde ihm bald einen Hof schenken. Da mußte sich der Herr Senator in seiner Amtszeit viel erspart und sein Geld sehr heimlich angelegt haben, denn in den Krukeluhner Steuerlisten war nichts davon zu sehen, daß er Zinsen bezöge. Nun ja, man setzte nicht umsonst seinen Kopf bei allen möglichen Vorlagen durch. Es gab immer Hintermänner, die so was belohnten.

Der Gutsbesitzer kannte die Herren, die die ersten Briefe erhalten hatten. Er eilte zu ihnen:

»Jetzt hab' ich auch solchen ekelhaften Wisch bekommen! Da hört sich doch alles auf!«

Man verglich. Die Briefe stammten sämtlich aus Hamburg und wiesen alle dieselbe Machart auf: zwar waren das Papier und die Umschläge verschieden, aber es war kein Tintenstrich zu sehen, sondern jedes Wort hatte der Verfertiger mühselig genug aus Zeitungsbuchstaben zusammengeklebt.

»Es gibt gar nichts anderes,« sagte der Gutsbesitzer, »wir müssen das Zeug auf die Polizei tragen.«

So wurden also diese Briefe dem Herrn Senator Stümpemann vorgelegt.



33. Kapitel.
Senator Stümpemann, wahre dein Seelenheil!

Und die Briefe auf Osewalds Amtstische mehrten sich, denn es verging jetzt kaum ein Tag, wo nicht irgendjemand, hoch oder niedrig, reich oder arm, aus Hamburg solch ein Ding zugesandt bekam.

Verleumdung häufte sich auf Verleumdung. Der krasseste Eigennutz wurde Senator Konning nachgesagt; er wurde beschuldigt, daß er für nichts eintrat, was ihm nicht, so oder so, persönlichen Gewinn brachte. Und dann wies der Absender auch wieder einmal heuchlerisch daraufhin, der arme Mann handle ja schließlich als schwacher Vater und verdiene ein gewisses Mitleid. Er könne mit seinem Gehalt unmöglich die Sünden seiner Kinder zudecken. Da sei er schon genötigt, sich Nebenverdienst zu beschaffen.

Kein Vorwurf war zu grob und zu plump: in den Briefen wurde er erhoben. Mit durchtriebener Schläue wurde Wahres und Falsches ineinander gefädelt, um Konnings Eifer für diese und jene Sache verständlich zu machen, seinen Widerstand gegen anderes zu erklären.

Ohne Schonung ward dann auch immer von neuem in das Privatleben des Senators hineingegriffen. Die Briefe strotzten von Andeutungen schlimmster Art. Die Folgerung daraus aber sollten sich die Krukeluhner selbst ziehen: konnte solch ein Mensch an ihrer Spitze stehen?

Die Stadt sprach von nichts anderem als von diesen Briefen.

»Die Gebildeten waren von der Überzeugung durchdrungen, Konning sei der denkbarst rechtschaffene Mann, und hatten nur tiefes Bedauern, daß ihm und seiner guten Frau so ungeratene Kinder herangewachsen waren. Schuld? Du lieber Himmel! Sie hatten Sohn und Tochter vielleicht zu strenge, vielleicht zu linde behandelt, – wer wollte da richten?«

So waren viele bereit, für Konnings Lauterkeit die Hand ins Feuer zu legen. Viele, ja! Aber wie überall auf Erden, so gab es auch in Krukeluhn die richtigen Kleinbürger, die eine Schadenfreude darüber hatten, wenn jemand von Grund aus schlecht gemacht wurde. Auffällig war es immerhin, daß die Eisenbahn nirgend anderswo als über Konnings Gewese geleitet werden konnte. Es war ja nicht nötig, daß der Senator sich geradenwegs hatte bestechen lassen, bewahre! Es gab wohl noch andere, mildere Mittel, wodurch so ein Herr zu Vorteilen gelangte. Und damals die Abreise der jungen Verwandten, – man wußte gar nichts Näheres, aber – hm, hm. Einer oder der andere hatte ja auch dabei gesessen, als der Herr Sohn im ›Rauhen Loch‹ so viel ausgab und sich rühmte, er könne machen, was er wolle, sein Alter ziehe ihn immer wieder aus der Klemme.

Übertrieben, natürlich, das war es alles, was in den Briefen stand, und nett konnte man es auch nicht nennen, derartige Schriften in die Welt zu setzen, – aber – so ganz aus der Luft gegriffen? Na, na! Es stimmte doch allerhand mit dem überein, was die Spatzen von den Dächern pfiffen. Da brauchte auch das übrige nicht völlig erstunken und erlogen zu sein.

Die Frage war nur: wer verfaßte die Briefe? Und es war zu begreifen, daß den Herrn Polizeisenator diese Frage außerordentlich beschäftigte. Kale wurde als Sachverständiger herangezogen. Nein, aus dem ›Rahner Hausfreund‹ waren die Buchstaben nicht herausgeschnitten. Der hatte einen größern Druck. Auch die Hamburger Blätter, die Kale in der Redaktion hielt, kamen nicht in Betracht.

In der Bürgerschaft wurde kein Verdacht geäußert. Man wollte sich wohl hüten, auf jemand mit Fingern zu weisen. Wenn der es dann nachher nicht war, saß man bös in der Tinte!

Sergeant Schulz und seine biederen Stadtsoldaten schwuren Stein und Bein: mit derartigen Schlechtigkeiten wurde hier in Krukeluhn kein Mensch jung. Wenn es man nicht der eigne Sohn war, der das gegen den Vater anstellte, vielleicht aus Rache, weil der Senator kein Geld mehr herausrückte.

Osewald packte die Schandbriefe zusammen und schickte sie an die Hamburger Hüter der Gerechtigkeit mit der Bitte um die nötige Verfolgung der Angelegenheit. Auch sonst tat er alle pflichtgemäßen Schritte, um die Urheber der Verleumdungen ans Licht zu ziehen.

Alle?



34. Kapitel.
Senator Stümpemann, wo ist dein Gewissen?

Hin- und Hergerede für und gegen Senator Konning. Die Bürgermeisterwahl war Nebensache. Man unterhielt sich nur über Konnings Vergangenheit und Amtsführung.

Das Aussehen des feige aus dem Hinterhalt angegriffenen Mannes war nie blühend gewesen, aber jetzt veränderte es sich furchtbar. Was in diesen Briefen über seine Familie offenbart wurde und was schändlich erdichtet war, das wirkte beides auf sein Herz mit zermalmender Gewalt. Das Unglück mit seinen Kindern, dieser Krebsschaden an seinem Leben, den er möglichst verborgen herumtrug, auf der Straße entblößt, – sein Schalten und Walten in den Staub gezerrt und auf die boshafteste Weise mißdeutet!

Er hatte dem liebsten Fleck Erde, den er sich denken konnte, um seiner Vaterstadt willen entsagt: jetzt drehte ihm ein niedriger Geselle daraus einen Strick, als wäre es sein Bestreben gewesen, die kleine Besitzung nur möglichst günstig loszuschlagen. Zwar, – das war nicht abzustreifen, die Summe, die er dafür bekommen hatte, war ihm damals sehr nützlich. Ohne die wäre sein Sohn wirklich ins Gefängnis geraten.

Einerlei! Ihm, dem Senator Erhard Konning, der nie etwas für sich selbst gewollt hatte, ihm nachzusagen, daß er ein eigennütziges Spiel getrieben habe, das war die bitterste Kränkung, die man ihm antun konnte.

Und das andere alles! Dies Herauszerren und die argwillige Deutung von Zufälligkeiten, – des Senators sowieso schmächtige Gestalt fiel immer mehr in sich zusammen, er schlich an den Häuserwänden entlang. Er sah jeden, der ihm begegnete, argwöhnisch an. Glaubte der etwa an den Inhalt der Briefe? Er traute keinem noch so freundlichen Worte mehr, – er fühlte sich entehrt.

Was half es, wenn das Gericht zuletzt den Übeltäter entdeckte und faßte? Die Schmach, die dieser schlechte Mensch auf den Senator geworfen hatte, mochte in den Augen der Welt dadurch abgewaschen werden, – für eine empfindsame Seele wie die Konnings gab es kein rechtes Reinigen mehr. Setzte sich auch später der Glaube an seine Untadeligkeit wieder vollkommen durch, so war er doch einstweilen ein geschändeter und auch jedenfalls hier und dort angezweifelter Mann. Dieser und jener, das meinte er deutlich zu merken, zog den Hut weniger tief vor ihm als früher, oder aber er zog den Hut sogar allzu tief herab. Beides war dem auf das äußerste gereizten Gemüte des Senators verdächtig.

Seine Arbeit war bisher wie ein Dauerrausch für ihn gewesen, worin er das Leid seines Daseins vergaß, – jetzt, wo ihn etwas anderes aufstörte, als was er nun schon lange Jahre gewohnt war, da versagten seine Kräfte.

Er wurde so unsicher gegen sich selbst, daß er eine Untersuchung über sein amtliches Tun und Lassen beantragte. Man wehrte ihn sozusagen lächelnd ab, aber er drängte hartnäckig darauf, alles, was er in städtischen Diensten unternommen hätte, solle nachgeprüft werden. Ja, er verlangte, das seine Bücher und Papiere durchgesehen wurden, ob auch nur der Schein eines unrechten Besitzes an ihm hafte.

Er bestand diese Prüfung natürlich aufs ehrenvollste, und man gab ihm alle erdenkbare Genugtuung, aber wie war es mit seinem häuslichen Leben? Ja, das konnte keine Behörde ermessen, darüber konnte ihm niemand ein gutes Zeugnis ausstellen. Es saßen ja auch tatsächlich Flecken darauf, obgleich er selbst sich wahrlich nichts hatte zu Schulden kommen lassen.

Des Senators Wesen wurde erregter und immer erregter. Schlaflose Nächte zehrten an ihm. Das ewige Mißtrauen gegen alle, mit denen er zusammentraf, hatte die Folge, daß er vor dem scharfen Spähen auf den Gesichtern seiner Mitmenschen keine Sache zusammenhängend mehr darzulegen vermochte; der einstimmige Beschluß des Bürgerausschusses, dem verehrten Ratsmitgliede sein Bedauern über die Hetze auszusprechen, die von leider noch unbekannter Seite gegen ihn ins Werk gesetzt war, hatte keinerlei Wirkung. Konning war daheim stumm, ließ sich weder durch die Tränen, noch durch den freundlichen Zuspruch seiner Frau rühren, war auf dem Rathause heftig, ordnete etwas an, um es bald zu widerrufen, faßte jeden kleinen Einwand eines Untergebenen als Empörung auf und trat den Bürgersleuten mit einer Schroffheit und Unduldsamkeit gegenüber, die auch seine Freunde vor den Kopf stieß, so daß man zu der Vermutung kam, sein Gemüt müsse krank sein.

Ja, er beging offenbare Fehler in der Verwaltung. Sein sonst peinlicher Ordnungssinn geriet in diesen wenigen Wochen in Verwirrung, und selbst diejenigen, die seine Rechtschaffenheit auch nicht mit dem geringsten Zweifel antasten wollten, legten sich die Frage vor, ob es zu verantworten sei, den übernervösen Mann zum Bürgermeister zu machen.

Man konnte nicht wissen, was da vielleicht sehr rasch für ein körperliches oder geistiges Übel bei ihm zum Ausbruch kam. Dann saß man wieder ohne Stadtoberhaupt da! Es war doch eigentlich nicht anzunehmen, daß ein tadelloser Beamter sich so schwer von diesen verächtlichen, niedrigen, rohen Angriffen getroffen fühlte, wenn er im Besitz seiner unversehrten Kräfte war.

Auch das Allerscheusäligste, was auf Erden geschah, hatte irgendeine vorteilhafte Seite: am Ende wurde Krukeluhn durch die unterschriftlosen Briefe vor einem Bürgermeister bewahrt, der binnen kurzem umnachtet zusammenbrach.

Man wurde behutsam. Ob man nicht doch lieber Senator Stümpemann nahm?

Allerdings, man sah es ja ein, wurde Konning übergangen, so mußte er meinen, man betrachte ihn nicht ganz als makelfrei. Das würde ihn sicherlich schmerzhaft verwunden.

Aber was half das alles? Es kam in erster Linie auf das Wohl der Stadt an.

Im ›Rauhen Loch‹, in Pasches Bierstube, in Freunds Hotel und wo man sonst noch zusammenkam, wurden immer mehr Stimmen mit dieser Ansicht laut. Senator Konning war gewiß der herrlichste Mensch von der Welt, aber, aber! Man sollte sich hüten, daß die Stadt nicht im Augenblick zwei abgegangene Bürgermeister mit Ruhegehalt ernähren mußte.

Sehr anständig, das muß man ihm nun nachsagen, benahm sich in dieser Zeit Bäcker Tystrow.

»Ich steh' mich sonst gewiß nicht gut mit Konning,« sagte er, »weil wir in mancher Sache nicht übereinstimmen. Ich bekämpf' ihn auch, wo ich man irgend kann, aber was tatsächlich Schlechtes trau' ich ihm denn doch nicht zu. Und die traurigen Geschichten in seiner Familie gehen niemand was an. Na, wir werden ja sehen, wie sich das mit diesen Briefen noch mal entwickelt. Kriegen tun sie solchen Schuft ja immer. Ich kann mir nicht anders denken, sie müssen von jemand stammen, der ganz was Persönliches gegen Konning hat. Und deshalb kann es auch kein Krukeluhner sein. Denn, wenn wir uns hier in städtischen Dingen auch mal hauen, – daß Konning seine Verdienste hat, wird ihm keiner absprechen. Und mit solcher Art von Briefen hat man hier noch nie gearbeitet.«

Pasche Stümpemann, der den Familienstern früher aufsteigen sah, als er bisher erwartet und gehofft hatte, gab dann und wann ein Faß Starkbier aus und warf so hin:

»Ja, davon sollte unser lieber Konning nur recht was trinken. Dann käme er noch wieder auf den Damm. Das kann ja' n Hund jammern, wie hohläugig der herumläuft!«

Auf dem Rathause aber saß einer, der sehr eifrig damit beschäftigt war, den verborgenen Giftspritzer zu fangen, und der dennoch für schnöden irdischen Vorteil seiner Seelen Seligkeit mit Füßen trat.



35. Kapitel.
Die schwarze Schlange sticht.

Senator Konnings Sache stand nicht gut. Man war mitfühlend, aber zurückhaltend gegen ihn; es war in den zögernden Händedrücken etwas, als ob man ihm lieber kein bestimmtes Versprechen für die Wahl machen wollte. Er spürte das und reichte bald den Leuten gar nicht mehr die Hand hin, um nicht jedesmal von ihrer Kühle durchronnen zu werden.

Seine Augen wurden flackernd, seine Gestalt beugte sich immer mehr, er vergrub die Hände tief in die Taschen und zog den Hut weit über die Stirn. Er gewährte einen Anblick, als hätte er ein böses Gewissen.

»Einer, der sich gar nichts vorzuwerfen hat, braucht sich auch nicht so scheu zu benehmen, wie ein Verbrecher,« lautete die Rede der kleinen Leute.

Immer ungewisser und wirrer wurde es in Senator Konning. Überall witterte er Verfolgung, traute sich schließlich selbst nicht mehr die völlige Reinheit seiner Absichten zu, erblickte nirgend mehr einen Freund, führte eine herbe Sprache über den krassen Undank, den er in Krukeluhn erlebte, und alle wurden sich einig: es war mit ihm nicht in Ordnung. Ihm fehlte etwas. Unbedingt.

Und unablässig, ja mit einer gewissen Regelmäßigkeit trafen die Verleumderbriefe aus Hamburg in der Stadt ein.

Noch waren es acht Tage bis zur Bürgermeisterwahl. Da hielt man die letzte öffentliche Versammlung ab. Und sieh! Ein ganz wohlmeinender und ernster Herr nahm das Wort, griff in keiner Weise Senator Konning an, sondern lobte ihn sogar, sprach aber dann dringend davon, wie sehr Krukeluhn, das jetzt einer neuen Zeit entgegenginge, eines durch und durch gesunden Führers bedürfe. Und alle, die nach ihm das Wort ergriffen, stimmten ihm bei. Ohne daß Konnings im geringsten abfällig oder Stümpemanns empfehlend gedacht worden wäre, wurde den Wählern der Rat erteilt, sich nach was Tüchtigem und Rüstigem umzusehen und nicht aus falschen Rücksichten der Stadt Bestes zu vernachlässigen.

Der Bericht über diese Versammlung stand andern Tages im ›Rahner Hausfreund‹, und wieder am nächsten Tage, so gegen Mittag, kam Sergeant Schulz in heller Aufregung zu Osewald gelaufen:

»Herr Senator! O Gott! Herr Senator!«

»Was denn?«

»Kommen Sie bloß! Bei Herrn Senator Konning – –«

»Was denn, Schulz?«

»Die machten ja heute Morgen gar nicht auf, und da riefen die Nachbarsleute nach uns, wir sollten doch mal zusehen, was da los wäre. Und da brachen wir die Tür auf.«

»Nun, und da?«

»Da konnten wir erst nicht in die Stube. Da war so 'n giftiger Dunst. Und da mußten wir von außen die Fenster einschlagen, und da, Herr Senator, – das ist doch schrecklich! –«

»Was?«

»Da haben wir die beiden gefunden. Herrn Senator Konning und seine Frau. Ach Gott, Herr Senator, kommen Sie bloß! Wir haben schon den Doktor geholt, aber da wird wohl nichts zu retten sein. Sie fühlten sich schon ganz kalt an.«

Osewald eilte sehr bleichen Angesichtes zu Senator Konnings Wohnung.

Es war so: der Senator lag auf dem Sofa, . . . vor ihm kniete, seinen Leib mit den Armen umschlungen haltend, und den Kopf auf seine Brust gelegt, seine Frau.

Beide tot.


*


Dumpfe Schwüle über allen Dächern. Man konnte sich's ja ausrechnen, wie sich das Furchtbare abgespielt hatte. Die Frau Senator hatte vergeblich darauf gewartet, daß ihr Mann zu Bett kommen sollte, sie war in seine Stube gegangen, hatte ihn auf dem Sofa liegen sehen, war auf ihn zugestürzt und dann selbst in dem Dunst erstickt.

Und man hauchte einander die Frage zu: »Ob der Senator es wohl nur vergessen hat, die Ofenklappe aufzudrehen?«

Ja, das flüsterte man, aber laut sprach man von dem höchst bedauerlichen Unglück, – man sprach sogar recht laut davon, denn alle hatten Angst: war der Senator mit Willen aus dem Leben geschieden, so mußte jeder, der auch nur den mindesten Zweifel über ihn geäußert hatte, sich mitschuldig fühlen mit dem elenden Verleumder. Und diese Schuld wollte keiner auf sich sitzen haben, völlig los kam freilich auch kaum einer davon, er mochte es noch so eifrig verneinen, daß der Senator den Tod gesucht habe, weil er die Ehrabschneiderei nicht mehr aushielt, und weil er vermutete, man würde einen andern in das ihm allein gebührende Amt einsetzen.

Gerade das letztere leugneten die Bürger jetzt geflissentlich untereinander. Nein, nein! Sie hatten ja wohl einmal darüber gesprochen, daß Konnings Gesundheit nicht gerade ganz fest sei, aber natürlich, das hätte gar nichts ausgemacht. Sie würden ihn doch auf den Posten gestellt haben, trotz einiger Bedenken. Nein, nein, so wären sie nicht in Krukeluhn, daß sie einen alten treuen Beamten einfach beiseite schöben, weil er sich mal eine Zeit lang nicht wohl befand. Einer versicherte jetzt heiliger als der andere, er habe im Ernste gar nicht daran gedacht, jemand anders als Konning zu wählen. Saß der Briefschreiber erst hinter Schloß und Riegel, dann hätte sich der Senator leicht wieder erholt, und Krukeluhn, das ihm so unendlich viel verdankte, wäre unter seinen wachsamen Augen zur schönsten Blüte gelangt. Zu schade, – ja, ein wahrer Jammer, daß diesen Mann solch ein Unglück treffen mußte, gerade ein paar Tage, bevor ihm die Bürgerschaft zeigen konnte, wie sehr sie an ihm hing!

So wollte männiglich das Gewissen beschwichtigen, aber diese Gotteskraft in uns ist immer mächtiger als die noch so stark hervor sprudelnde Rede, und darum blieb es dabei: in tiefster Brust glaubte kein Mensch an ein Versehen des Senators, und die meisten kamen nicht davon los, daß sie mit dazu beigetragen hatten, den Ehrenmann und seine Frau in den Tod zu jagen.

In der Öffentlichkeit wurde freilich alles so dargestellt, daß hier lediglich ein Verhängnis gewaltet hatte, dem die beiden unzertrennlichen Gatten zum Opfer gefallen waren.

Wie es nach alter Sitte den Krukeluhner Ratsmitgliedern zukam, wurden die Särge des Senators und seiner Frau am Altare der Großen Kirche aufgestellt, und alle drei Tage bis zum Begräbnis läuteten Mittags die Glocken. Mit allen geistlichen Ehren brachte man dann das würdige Paar zur letzten Ruhe, und Krukeluhn hatte noch nie einen so langen Zug Leidtragender gesehen, wie er sich hinter den beiden Leichenwagen her bewegte.

Es war aber dies auch das erste Begräbnis, wobei Pastor Pugepind nicht auf sich warten ließ, weil das Geschehnis selbst den Krukeluhner Jungens so ans Gemüt griff, daß sie dem Seelenhirten keine Knöpfe auf den Weg streuen mochten.

Ein paar Tage später aber, – denn das Leben geht ja über alles Sterben seinen Gang, – war Senator Doktor Stümpemann einstimmig erwählter Bürgermeister seiner Vaterstadt.



36. Kapitel.
Er hat's gewußt!

Merkwürdigerweise trafen auch noch nach dem Begräbnis und nach der Bürgermeisterwahl die Verleumderbriefe in verschiedenen Krukeluhner Häusern ein.

Die staatlichen Beamten, die mit unverhohlener Geringschätzung auf Sergeant Schulzens und seiner Stadtsoldaten Entdeckerfähigkeiten herabblickten, arbeiteten angestrengt, um der Sache auf den Grund zu kommen, und das gelang ihnen denn auch endlich.

Man hatte bemerkt, daß die Briefe bei einer bestimmten Hamburger Post meistens um Mittag in den Kasten gesteckt werden mußten. Zwei Fahnder ließen sich die Zeit nicht lang werden, den Verkehr auf der Post in jener Stunde zu beobachten, und einer von ihnen, der richtige Falkenaugen besaß, erblickte auf dem Brief, den eine ältere Frau in den Kastenschlitz gleiten ließ, gedruckte Buchstaben.

Er packte zu. An Herrn Bauunternehmer Stüwe in Krukeluhn auf Rahne stand da.

Was die Frau denn wohl an diesen Herrn Bauunternehmer zu schreiben habe, fragte der Beamte zutraulich.

»Ach, man so,« meinte die Frau und suchte nach allerhand Ausreden. Sie kenne den Bauunternehmer gar nicht. Sie habe den Brief bloß eben bekommen, damit sie ihn zur Post bringe.

»Von wem denn?«

Ach, von einem feinen Herrn, hier eben um die Ecke.

So? Ob sie denn den feinen Herrn schon öfters getroffen habe, oder ob es heute zum ersten Mal wäre, daß er sie um diese Gefälligkeit bat.

»Nein, öfter, – ja, nein . . .« Die alte Frau wußte nicht, was sie sagen sollte.

Der Beamte rief seinen Kollegen, und beiden war es eine Kleinigkeit, die Briefablieferin in die Enge zu treiben. Sie gestand, daß das mit dem feinen Herrn bloß ein Irrtum von ihr gewesen sei. Sie habe gedacht, –

Ja, ja, die Beamten verstanden sie schon. Wie sie hieße? – Ach, man bloß Ahrens, und sie sei eine arme verlassene Witwe. Wo sie denn wohnte? – O, ganz weit, in Altona. – Warum sie denn ihre Briefe in Hamburg zur Post brächte? – Ja, sie sei gerade unterwegs gewesen. – Nun, damit sie nicht den Weg nach Hause allein und zu Fuß zurücklegen müßte, wollten ihr die Beamten eine schöne Droschke besorgen und sie ein bißchen begleiten.

Die Frau lehnte jede Höflichkeit ab, aber wie so die Herren von der Kriminalität sind: galant bis in die Knochen. Sie ließen es sich nicht nehmen, mit der lieben Madame Ahrens zu fahren.

Da sank der Frau der Mut. Sie fing an zu heulen, daß sie von gar nichts wüßte. Und da wußten ja denn die beiden Beamten schon sehr viel.

Haussuchung. Es wurden noch etliche Briefe mit gedruckten Buchstaben zutage gefördert.

»Woher?« – Die Frau schwur, sie habe keine Ahnung, was in den Briefen stände; ihr wären die Dinger nur zugeschickt worden mit dem Auftrage, daß sie ab und zu einen davon in Hamburg auf die Post gebe.

»Von wem kam der Auftrag?« – »Von einem Verwandten«. – »So? Verwandten?« – »Ja, aus meiner Familie.« – »Aha! Was sind Sie denn für eine Geborene?« – »Ach, das, ja das . . . das vergißt man rein, wenn man so alt und so lange verheiratet gewesen ist wie ich.«

Da wurden die Herren unangenehm und stärkten der Frau das Gedächtnis, und da besann sie sich auf einmal, daß sie eine geborene Tystrow war.

»So, Tystrow? Und was ist das für ein Verwandter, für den Sie die Briefe besorgen?«

»Ach, das ist . . . ein ganz entfernter, und wie er heißt . . .? Ich weiß gar nicht. Wo ich doch jetzt so in Angst bin . . .«

Abermals eine Gedächtnisstärkung, da gestand die Frau, daß es ihr leiblicher Bruder sei, von dem sie die Briefe zum Besorgen erhalten habe.

»Und wo wohnt er?«

»Ja, der wohnt ja wohl, – ich glaube, er wohnt ja wohl in Krukeluhn.«

Noch am gleichen Tage schlug der Blitz in der alten Stadt ein: Bäcker Tystrow wurde verhaftet, und weil sein Vergehen über das hinausreichte, was vom städtischen Niedergericht abgeurteilt werden konnte, schleppte man ihn nach Neustadt ins Gefängnis.

Es war ein reinigender Blitz.

Bald kam es zur Verhandlung. Die Sache lag ganz klar und einfach, und die Richter konnten nicht die geringsten Zweifel an der Schuld des Angeklagten hegen.

Aber Tystrow gab sich nicht. Er leugnete so frech, daß sich die Balken des Gerichtssaals bogen.

Die Richter ersuchten ihn, nicht so viele Umstände zu machen, denn es gäbe außer ihm noch mehr Spitzbuben, die ihre Strafe besehen wollten.

Tystrow aber traute auf seine bewährte Art. Wer konnte ihm was beweisen? Der Brief, worin seine Schwester jenen Auftrag bekam, war ebenfalls nur aus Druckbuchstaben zusammengekleistert. Warum sollte denn grade er ihn verfaßt haben? Und wenn er der Verfertiger gewesen wäre, warum hätte es denn mit den Briefen nach Senator Konnings Tode nicht aufgehört? Und was sollte er denn überhaupt für einen Zweck mit solchen Briefen verfolgt haben?

Ja, ganz gut, aber die findigen Beamten hatten in einer Ecke von Tystrows Wohnung Schnitzel von Zeitungen und auch sonst noch allerhand aufgespürt, was bestimmt darauf hinwies, daß kein anderer als der Bäcker in Frage kam, mochte er sich auch mit aller Gewalt auf einen für ihn ungünstigen Zufall berufen.

Bürgermeister Stümpemann war von Tystrows Verteidiger geladen worden, und zwar sollte er seinem Jugendfreunde bezeugen, daß dieser einer solchen Tat nicht fähig wäre.

Bürgermeister Stümpemann hatte ein fahlblasses und geradezu versteinertes Gesicht und schaute den Angeklagten nicht an.

Desto länger reckte Tystrow den Hals nach ihm aus. Jetzt sollte Osewald Stümpemann zeigen, was wahre Freundschaft war, und ihn nach Kräften von dem Verdacht entlasten.

Aber was Bürgermeister Stümpemann dann unter seinem Eide aussagte, das klang nur sehr flau und fiel fast mehr zu Ungunsten als zu Gunsten des Mannes auf der Schächerbank aus. Das Wort, das Tystrow von ihm hören wollte: »Nein, der Angeklagte kann es meiner Überzeugung nach nicht gewesen sein,« kam nicht aus des Bürgermeisters Munde, sondern zögernd, zaudernd arbeitete der nur mit: »Ich hoffe, . . . ich kann es mir eigentlich doch nicht gut denken –«

Der Verteidiger verzichtete rasch auf weiteres, Tystrow aber legte sich über die Schranke und zischte zu Osewald hin: »Du!« Doch bezwang er sich noch. Osewald rührte keine Miene.

Der Staatsanwalt wollte eine schwere Buße für den Menschen haben, der den Ruf eines ehrenwerten Beamten ungeheuerlich in den Schmutz gezogen hatte. Der Verteidiger wusch an Tystrow herum. Nach seiner Meinung war diese Bäckerseele so weiß wie das feinste Weizenmehl.

Das Gericht beriet nur kurze Zeit und fällte in Anbetracht des Umstandes, daß möglicherweise infolge der Verleumdungen sogar zwei Menschenleben zugrunde gegangen waren, einen Spruch, noch viel härter, als der Staatsanwalt ihn beantragt hatte. Auch sollte Tystrow gleich im Gefängnis bleiben.

Kaum hatte der oberste Richter geendet, da fuhr der Verurteilte wild empor. Schaum trat ihm vor den Mund. Er streckte die eine Hand krampfig gegen Osewald aus und schrie:

»Denn lassen Sie den auch man gleich abführen, Herr Präsident! Der hat's gewußt!«

Osewald bäumte sich auf: »Was?!«

»Ja,« schrie der Bäcker weiter, »gewußt! Ganz genau! Oder hab' ich es vielleicht nicht gesagt, daß wir das erst mal sehen wollten, wer in Wirklichkeit Bürgermeister werden sollte? Hab' ich oder nicht? Denk' man nicht, das ginge immer so wie bei Ohmsens Scheune, du!«

Tystrow wurde schnellstens aus dem Saal gebracht. Die zahlreichen Zuhörer, die sich eingefunden hatten, strömten über die Brücke zurück, während Osewald noch ersucht wurde, einem Gerichtsherrn einige Mitteilungen zu machen, und nach einer Stunde war es in ganz Krukeluhn verbreitet:

»Bürgermeister Stümpemann hat gewußt, daß Tystrow die Briefe schrieb! Nein! Nein! Stellt euch das mal vor! Er hat's gewußt und nichts davon gesagt!«



37. Kapitel.
Aus ist's mit der jungen Bürgermeisterherrlichkeit.

Gewußt? Nein, das konnte man dem Bürgermeister nicht nachweisen. Aber ebensowenig vermochte er zu leugnen, daß Tystrow solche Äußerung getan hatte. Also geahnt mußte Dr. Stümpemann es wenigstens haben, wer der Briefverfertiger war. Und dennoch gab er den suchenden Behörden die ganze Zeit über keinen einzigen Fingerzeig? Schlimme Sache! Grenzte schon an Mittäterschaft!

Er mochte auf das eifrigste behaupten, daß er nur deshalb schwieg, weil er unter keinen Umständen einen etwa Unschuldigen bezichtigen wollte, – das half alles nichts. Die Ahnung, woher die Schandschreiben kamen, hatte er nun einmal gehabt, und daß sie für ihn, noch dazu, wo er Polizeisenator war, in dem Falle nicht viel andres als Gewißheit sein mußte, davon ließ man sich nicht abbringen.

Ja, eine böse, böse Geschichte!

Es ging noch eben und eben drum herum, daß sich das Gericht damit befaßte; die Regierung aber erteilte Osewald den Rat, seine Wahl zum Bürgermeister nachträglich schleunig abzulehnen.

Also entsagte er der kaum erhaltenen Würde, und als er dann von einem der Herren aus dem Ministerium mit einem vielsagenden Achselzucken gefragt wurde, ob er überhaupt in städtischen Diensten zu bleiben beabsichtigte, da ließ er sich's auch an diesem Winke genug sein und bekam plötzlich eine so schwache Gesundheit, daß er die Luft auf dem Rathause nicht mehr vertragen konnte.

Der alte Fabricius mußte noch wieder aus seiner Ruhe heraus; der Senat wurde eilends ergänzt, und der mittlere Bruder Stümpemann, der seiner Familie zu neuem gemeindlichen Ruhm hatte verhelfen sollen, war gänzlich ins Dunkel gesunken.

Ohne sich zu beschäftigen, immer nur vor sich hinbrütend, saß Osewald daheim. Auf der Straße ließ er sich nicht blicken, und selbst in seinen Garten wagte er sich kaum, denn die Nachbarn schauten nach ihm aus den Fenstern.

Zwischen ihm und seiner Frau keinerlei Aussprache. Er war Garderut gegenüber stumm und hob kaum das Auge zu ihr auf, und sie wußte nicht, wie sie von dem Geschehenen anfangen sollte. Jedes ihrer Worte wäre ja von Verachtung erfüllt gewesen. Die zeigte sie ihm nicht gern, empfand sie dafür desto mehr. Osewald war klug genug, um dies ihr Schweigen zu verstehen, und es kam ihm oft der Gedanke, daß er kein Recht mehr habe, sich auf der Erde zu bewegen. Am besten war es jedenfalls, er machte ein Ende mit sich.

Aber unüberwindlich saß der Trieb in ihm, sich selbst dieses jämmerliche und verdorbene Dasein zu erhalten, – es war derselbe Trieb, der den zum Tode Verurteilten aufatmen läßt, wenn er erfährt, daß er vom Schaffot begnadigt ist und bis an sein natürliches Sterben in Kerkermauern bleiben soll. Nur lebenslänglicher Kerker, – das Glück! O solch ein furchtbares Nur!

Osewald versuchte, sich mit seinen Sammlungen zu zerstreuen. Aber die Münzen und Zinnsachen hatten plötzlich keinen Reiz mehr für ihn. Er wunderte sich, daß er sich jemals mit derartigen Dingen abgegeben hatte. Was sollte die Spielerei?

Dies Beiseiteschieben der Gegenstände, die ihm ehedem viel Genuß bereiteten, rührte daher, daß ihm überhaupt sein früheres Leben jedes Wertes beraubt schien. Er hatte gleichsam die Grundpfeiler seines Hauses zum Bersten gebracht, – was könnte ihn da das ganze Gebäude noch freuen?

Scham vor der Welt, Scham vor sich selber, Scham vor Frau und Kind – das war alles, was er in sich hatte. Im übrigen leer, wüste und öde.

Er erschrak jedesmal, wenn an seiner Haustür geschellt wurde, und wich vom Fenster zurück, wenn ein Bekannter vorüberging. Er nahm die Zeitung mit Scheu in die Hand, denn er fürchtete, sein »Fall« wäre darin erörtert, er wollte und mußte einsam sein, und doch, wie wohltuend wäre es gewesen, wenn einmal jemand zu ihm kam und sprach: »Du hattest wirklich keinen Anlaß, Tystrows hingeworfene Worte so schlimm auszulegen.«

Das würde ihm doch etwas Selbstachtung wiedergegeben haben. Er konnte sich nicht daran gewöhnen, daß Sergeant Schulz mit seiner Aktenmappe nicht mehr bei ihm erschien, und doch fürchtete er sich davor, seinem früheren Beamten zu begegnen.

So verbrachte er erst Wochen der Zerknirschung, dann aber begann er, sich gegen sein eigenes Gewissen aufzulehnen.

Was hatte er denn verbrochen? Einfach nur Vorsicht hatte er geübt. Wäre er erst durch irgendwelche Anzeichen zu der unumstößlichen Überzeugung gelangt, daß die Briefe von niemand anders als von Tystrow herstammten, oh, da hätte er ganz gewiß mit aller Entschiedenheit durchgegriffen.

Aber aufs Geratewohl einem Menschen das Gericht auf den Hals hetzen? Das durfte keiner von ihm verlangen. Dazu war er ein viel zu erfahrener Beamter und sich seiner Verantwortlichkeit auch viel zu sehr bewußt.

Kam es denn nicht auch einigermaßen in Betracht, daß er Tystrow in der Tat durch Dankbarkeit verbunden war? Erklärte es sich nicht daraus, wenn er doppelt zauderte, gerade dem Bäcker Ungelegenheiten zu schaffen? Da ging sein Menschentum, das nicht ins schnöd Undankbare verfallen mochte, noch über das Beamtentum.

Eigentlich war es töricht gewesen, daß er dem öffentlichen Leben ohne weiteres entsagt hatte. Er hätte ruhig gegen die Herren da oben auftreten sollen, keine Macht konnte ihm dann was anhaben. Er war ein Opfer seiner Bescheidenheit.

Auf diese Art strebte Osewald Stümpemanns arme Seele danach, sich vor dem inneren Ankläger zu rechtfertigen, und er hatte Stunden, oder sagen wir lieber Minuten, wo ihm diese grobe Täuschung glückte.

Dann war er obenauf, und um das merken zu lassen, wußte er kein besseres Mittel, als daß er unliebenswürdig gegen Garderut wurde. Er warf ihr vor, sie schleiche mit einem Witwengesicht herum. Aber er sei noch da, und sie habe auch keinerlei Ursache, Schlechtes von ihm zu denken.

»Ich lasse die Geschichte nicht liegen,« versicherte er, »du sollst mal sehen, die müssen mich noch mit Glanz wieder in mein Amt einsetzen.«

»Wer würde sich mehr dazu freuen als ich, Osewald?«

»So? Deinem Benehmen nach, scheint mir allerdings, daß du nicht daran glaubst, ich könne mich von allem Verdacht reinigen.«

Da sah ihn Garderut ernst an: »Wollte Gott, daß du es kannst.«

»Das ist ein Wunsch. Daraus spricht noch kein Glaube an meine Schuldlosigkeit.«

»Wenn du diesen Glauben selbst hast, werde ich nicht im geringsten mehr an dir zweifeln.«

»Ich hab' ihn, ich muß ihn haben, sonst geh' ich zu Grunde. Und du mußt es auch, sonst bist du meine Feindin.«

Wieder ihr unbestechlich ernstes Auge zu ihm hin:

»Ich bin deine Frau, Osewald, und denke über dich immer genau so wie du selbst.«

Ja, er prahlte wohl, was er alles für Schritte tun wollte, um seine Wiedereinsetzung zu erreichen, aber Garderut wartete vergeblich darauf, daß er dieses Werk nun auch unternehme. Im Gegenteil, er sank nach solchen Ansätzen von Regsamkeit nur immer tiefer in sein stumpfes Wesen zurück. Reue, Scham, Selbstverdammung durchwühlten ihn wie zuvor.

Er wagte nichts zu tun und sah nirgend Hilfe, um aus diesem Zustande des Niederbruches herauszugelangen.

Die Verachtung aber, die Garderut gegen ihn hegen mußte, riß mit den Zähnen eines wilden Tieres an dem Bande, das sie mit Osewald verknüpfte. Das Leben im Hause war ihr unsäglich peinvoll, und sie ertrug auch nicht das mitleidige, oft etwas schadenfreudige und stets sehr herablassende Wesen, das man ihr in der Stadt zeigte. Osewald konnte sich abschließen, konnte den Kranken spielen, ohne den Arzt zu sich zu lassen, Garderut indessen war genötigt, mit den Leuten zu verkehren, und wie die Menschen nun einmal sind: sie galt beinahe als die Mitschuldige. Sollte sie nicht gleichfalls den Schimmer einer Ahnung gehabt haben, was für einen giftigen Teig der Bäcker anrührte? Sollte sie nicht gleichfalls von dem Ehrgeiz besessen gewesen sein, unter allen Umständen Frau Bürgermeisterin zu werden?

Es war bitter für sie, sich in den Läden hintangesetzt zu sehen, seitdem man sie nicht mehr mit Frau Senatorin anreden durfte. In der kleinen Stadt hatte sie nicht die Möglichkeit, sich Geschäfte auszusuchen, wo man sie nicht kannte.

Osewald sagte zwar häufig: »Natürlich ziehen wir bald aus diesem Nest weg,« aber zu Anstalten, um sich anderswo niederzulassen, schwang er sich nie empor, und es war ihm manchmal auch, als müsse er aus Trotz hier bleiben, um darzutun, daß er sich unschuldig fühle. Letzten Endes war ihm jeder Wille gelähmt, jeder Schritt gehindert, und seine Zeit war tot.

Garderut jedoch brannte vor Sehnsucht danach, frei zu werden von der ganzen Qual. Ihr genügte es sogar nicht, ihr Glück in Pawel zu finden: sie war noch mehr als bloß Mutter, sie war ein junges Weib mit berechtigtem Verlangen nach einem frischen, gesunden Vorwärtsdringen.

Die Blätter hatten sich selbstverständlich die Krukeluhner Begebenheit, – dieses Kleinstadttrauerspiel, wie es im Buche steht, – nicht entgehen lassen, und Garderut mußte annehmen, daß Gunnar über alles Äußere unterrichtet war, sie selber aber schrieb nie etwas von dem, was Osewald betraf, und weil sie auch nicht von ihren innersten Wünschen zu sprechen vermochte, wurden die Briefe an ihren Freund seltener und entbehrten des offenen Tones, den sie früher hatten.

Er bat sie in seinen Erwiderungen nicht, daß sie ihm mehr geben sollte, als sie ihm geben konnte; ihre Zurückhaltung wirkte jedoch so, daß er ebenfalls schweigsamer ward, und dabei hätte sie gerade in dieser Zeit so dringend eines warmherzigen Zuspruchs bedurft; mehr als je sehnte sie sich nach einer Seele, an die ihr ein volles Anschmiegen vergönnt war.

Garderut lebte in großer Einsamkeit hin, und wenn sie daran dachte, es solle nun so weitergehen, dann überlief sie ein Schauder. In diesem Leben zu verharren, hieß für sie sich selber vernichten, und zwar in einer so entsetzlichen Art, daß ihr jedes rasche Umfangen des Todes vorzuziehen war.

Wie, wenn sie nun Gunnar an sein Versprechen erinnerte und seine Freiheit von ihm forderte? Hinter sich liegen lassen, was sie folterte, – dem Jugendgeliebten in die Arme fliegen, – ein neues Dasein beginnen, – endlich reich an Liebe werden! Welch ein Traum!

Warum zauderte sie, ihn zu verwirklichen, obgleich ihr das doch gewiß möglich war? Ihr Mann hatte sein Recht auf sie verwirkt, sie konnte mit ihrem Kinde an der Hand zu Osewald sprechen: »Ich verlasse dich, denn ich kann und will nichts mehr mit dir gemein haben.«

Er war wehr- und machtlos ihr gegenüber. Dann zog sie hinaus, dann fand sie den, dem sie eigentlich schon immer angehört hatte, und rief: »Nun bin ich da! Nun nimm mich ganz!«

Alles Unharmonische, alles Häßliche, wovon ihr Leben bisher getrübt worden war, hatte sie dann überwunden, und um sie rauschte und brauste es von lauter lichtem Glück.

Garderut weihte sich lächelnd diesen Gedanken, und trotzdem saß ein Bangen in ihrer Brust: wenn sie nun bei Gunnar eine Enttäuschung erfuhr? Wenn er ihren Jubelruf nicht mit dem gleichen Jubel erwiderte? Wenn ihm doch seine Freiheit noch lieber war als der Besitz des Weibes, dem er sie zu opfern geschworen hatte? Er erfüllte vielleicht sein Gelöbnis, aber er tat es nur ungern, und dann war sie dem Glücke um nichts näher gekommen als jetzt, sie war nur in noch größeres Elend geraten, denn dann hatte sie nicht einmal mehr ihre Träume!

Nein, als ihr Retter aus der Not sollte sich Gunnar nicht empfinden, er sollte nicht aus Mitleid handeln müssen. Ganz aus eigener Kraft mußte sich Garderut von ihrem Manne lösen, Gunnar durfte gar nichts von ihren Kämpfen wissen; erst, wenn alles vorbei war, wenn sie völlig unabhängig dastand und hemmungslos über sich zu verfügen hatte, sollte er hören, welch ein Schicksal ihr beschieden gewesen war und welches Schicksal sie sich nun errungen hatte, und kein Wort von seinem Eide kam aus ihrem Munde. Er war es, der sich daran erinnern und sie bitten mußte, daß er ihn nun erfüllen dürfe. Dann wurde und blieb sie ihre eigene Herrin und war seiner Liebe gewiß!

Immer mehr gelangte Garderut zu dem Entschlusse, sich ohne jede Hilfe von außen aus dem Druck zu lösen, der sie jetzt schier erstickte. Fort in die Welt und, wenn es ihr dann vergönnt war, fort zur großen Liebe!

Ein harter Zug grub sich in das Gesicht der kleinen Frau, und unbarmherzig ließ sie Osewald fühlen, daß sie für immer von ihm getrennt war.

Er wechselte in seiner Stimmung zwischen Aufbegehren und Niedergeschlagenheit. Beides blieb sich für Garderut gleich. Sie fürchtete ihn nicht in seiner Heftigkeit, und sie bedauerte ihn kaum, wenn er völlig erschlafft dasaß.

Der einzige Vertraute, den sie jetzt hatte, war ihr Bruder. Dem sagte sie es frank und frei:

»Ich will von meinem Mann weg. Es ist mir unmöglich, länger mit ihm zusammenzuleben.«

Kale redete nun freilich zum Frieden: »Ach, mein Deern, überleg' dir das man noch. Osewald hat es wahrhaftig jetzt schon schwer genug. Wenn du ihm das auch noch antust, was wird dann aus ihm? Ich glaube, dann kommt er nie wieder hoch. Und was wird Mutter sagen?«

»Mutter soll froh sein, wenn ich ihr nicht einst ins Grab hinein fluche, weil sie mich zu dieser Heirat gezwungen hat. Und ich meine, Osewald wird sich nicht besonders dadurch getroffen fühlen, wenn ich gehe. Es muß ihm doch erst recht schrecklich sein, jemand um sich zu haben, der ihm so fremd ist wie ich jetzt.«

Kale mochte einwerfen, was er wollte, Garderut blieb starr. Mit ihr und ihrem Manne war es zu Ende.



38. Kapitel.
Stümpemanns denken an das Grab.

Mutter Gesine jammerte sich viel zurecht, verteidigte ihren Schwiegersohn wortreich, um das Ansehen der vereinigten Familien Mackeprang-Stümpemann zu wahren, ließ sich aber selten bei dem früheren Senator blicken. Gleich ihr schimpfte auch Pasche mächtig auf diesen Tystrow, den allein alle Schuld träfe und der seinen gutmütigen, ihn schonenden Bruder hineingeritten habe. Aber auch Pasche kam nicht zu Osewald, und sogar Görges blieb dem Hause am Markte fern, trotz aller Grundsätze der christlichen Nächstenliebe, die er vor seinen Schülern eifrig predigte. Seine liebe Cäcilie hatte nämlich Angst, man könne es im Frauenverein übel vermerken, wenn sie und ihr Mann die Verbindung mit einem unwürdigen Verwandten noch aufrecht erhielten.

Nun kam aber der Todestag des alten Stümpemanns heran, dieser Tag, der für die Brüder so außerordentlich wichtig war.

Osewald wußte: die alte Kalesche war bestellt. Heute Nachmittag gegen fünf Uhr holte sie erst den Seminardirektor ab und fuhr darauf in die innere Stadt und bei der Brauerei vor, wo Pasche schon wartete, den Kranz an den Haken neben der Laterne hängte und zu Görges einstieg.

Dann wackelte der Kasten straßaufwärts zum Markte, um auch den dritten Bruder aufzunehmen und nun zum Friedhofe hinauszurumpeln.

So war es alle die Jahre gewesen, und so war es unabänderliche Ordnung. Mochte geschehen sein, was da wollte, mochten seine nächsten Angehörigen ihn sonst meiden, mochte er selber nicht nach draußen gehen, – felsenfest stand es für Osewald: des Vaters Gedenktag würde er mit Pasche und Görges zusammen ehren, heute so gut wie in früherer Zeit.

Und es kam ihm vor, als ob das ein Bußgang für ihn sein werde, als ob er sich an dem Grabe durch das Beweisen seiner kindlichen Anhänglichkeit reinigen könne. Schon wenn er wieder einmal zwischen seinen Brüdern einherschritt und so von etlichen Leuten gesehen wurde, – das war gewissermaßen seine erneute Aufnahme in die Familie. Sprach sich das herum, dann würde sicherlich nach und nach eine freundlichere Meinung über ihn erwachen: man erkannte allmählich, daß er nicht viel anderes getan hatte, als manche tun, wenn sie ihren Mitbewerber um irgendein Amt besiegen wollen. Er hatte ja eben lediglich, zumal er in der Tat keinerlei Kenntnis von den Tystrowschen Machenschaften besaß, den Dingen ihren Lauf gelassen! Er konnte ja auch nicht berechnen, daß Konning eine so morsche Natur war. Ein Mensch, der keinen Stoß aushielt, sollte sich nicht zur Wahl stellen.

Ja, große Hoffnung setzte Osewald auf diese Nachmittagsstunde des Kranzniederlegens. Sie sollte die Erhebungsstunde für ihn werden, von ihr aus wollte er sich das Leben wieder aufrollen und es wieder so weit bringen, daß er sich unverzagt unter den Menschen bewegte.

Er freute sich, wie sich einer, der im Stickigen eingeschlossen sitzt, darauf freut, daß er nun bald im Frischen atmen darf. Ein Ende der düsteren Zeit und ein Anfang heller Zukunft, das sollte die gemeinsam mit seinen Brüdern unternommene Wallfahrt zum väterlichen Grabe für Osewald bedeuten.

Das Gewesene mußte endlich mal abgetan werden. Verloren gab er sich noch lange nicht!

Den Vormittag über war Osewald lebhaft und beinahe munter. Er scherzte sogar mit Pawel, der lange kein freundliches Wort aus dem Munde seines Vaters gehört hatte, – er sprach, sich überstürzend, mit Garderut von all seinen Zukunftsplänen. In die große Stadt! Wo man nicht kleinlich dachte! Er mit seinem Wissen, mit seinen Erfahrungen, o, er fand schon einen Wirkungskreis.

Sorgfältig kleidete er sich gleich nach Tische in den feierlichen schwarzen Anzug, der lange unbenutzt im Schranke gehangen hatte, er bürstete den hohen Hut, daß kein Härchen vom Strich abwich, und dann schaute er immer fieberhafter alle Augenblicke auf die Uhr an der Großen Kirche, die seinem Hause gegenüber lag.

Wäre es nur erst fünf! Aber diese langweiligen Zeiger da, – die rückten heute überhaupt nicht weiter.

Vier Uhr, halb fünf, – dreiviertel, . . . nur los, nur los! Das Gekrieche war ja nicht anzusehen.

Endlich! Die Uhr hob aus, fünf starke Schläge erdröhnten.

Nun noch wenige, freilich die martervollsten Minuten, – dann wurde die Kalesche hörbar, dann stoppte sie vor seinem Hause, – er stieg ein und war wieder mit den Brüdern und der ganzen Welt verbunden!

Seine Ungeduld litt ihn auf keinem Stuhl, er konnte auch nicht in den Zimmern bleiben und trat deshalb auf den Flur, ging dort hastig hin und her, öffnete zuletzt, – wie lange hatte er das nicht getan! – die Haustür und hakte sie an die Wand, daß sie nicht zuschlagen konnte. Eine ungewohnte Luft spülte von da draußen zu ihm herein.

Angestrengt lauschte er hinaus, ob er nicht das wohlbekannte Poltern des Wagens vernahm. Er wagte sich in seiner Ungeduld sogar etwas vor die Tür und horchte, horchte wie mit allen Sinnen. Als Pawel lärmend vom Garten auf die Diele stürmte, fuhr ihn sein Vater an: er solle stille sein. Durch keinen Ton wollte Osewald in seinem Lauschen gestört werden.

Da! Da! Ja! Jetzt – das war das Geräusch der schweren Räder, – jetzt war der Wagen in der Straße nebenan; es schien, als zittere die ganze Straße, ja, als bebten auch schon alle Häuser des Marktes von diesem gewaltigen Rollen. – Es wurde immer lauter, immer lauter, – jetzt bog das Fuhrwerk um die Ecke auf den Platz ein: Osewald spähte zu ihm hin wie ein Schiffbrüchiger auf das nahende Rettungsboot. Jetzt kam die Kalesche herangeschwankt. Alles war wie sonst: der Kutscher mit dem quer aufgesetzten Zweispitz, und am Haken bei der Laterne schwang der Kranz hin und her. – Nun waren sie gleich bei Osewalds Hause, nun mußten sie sofort halten, oh! nun nahmen ihn seine Brüder auf, und er wurde am Grabe des Vaters entsühnt, – jetzt donnerte das Gerassel in den Flur hinein, – Osewald trat die Stufen hinab; – da, – was war das? Der Kutscher blickte gar nicht zu ihm hin, machte gar keine Anstalten, den Schuckeltrab der Pferde zu unterbrechen und Prrrr! zu rufen, sondern, – und Osewald sank an die Mauer zurück; er wollte etwas sagen, brachte aber kein Wort aus der Kehle, wollte laufen, konnte aber keinen Fuß vor den andern setzen, – sondern seine beiden Brüder fuhren stolz an ihm vorüber.

Nun war der Wagen schon in der Mitte des Marktes, und nun verschlang ihn bereits die krumme Straße da drüben, . . . noch Gepolter, . . . immer weniger, dann gar nichts mehr.

Seine Brüder hatten ihm furchtbar deutlich gezeigt, daß sie sich von ihm lossagten; er war es nicht wert, dort draußen mit ihnen zu stehen. Es gab für ihn keinen Bußgang, keine Entsühnung, kein Wiederatmen in freier Luft.

Viel hatte der Mann, der von seinem Ehrgeiz auf verkehrte Bahn gelockt worden war, durch eigene Gewissensnöte und durch das Urteil der Welt schon leiden müssen, aber das war doch bisher das Schwerste von allem:

Stümpemanns dachten ohne ihn an das Grab.



39. Kapitel.
Es rast der See und will sein Opfer haben.

Osewald kam zu Garderut hineingewankt:

»Pasche und Görges sind allein zu Vater gefahren. Kannst du das begreifen?«

Beinahe hatte sie Mitleid mit dem ganz verstört und wie irre aussehenden Manne, aber sie gedachte der bitteren Stunde, die sie an jener Familienruhestätte einmal verbrachte, und ihr schien, es könne für Osewald nur gesund sein, wenn er sich von der Grabesverehrung losriß. Darum antwortete sie:

»Laß sie doch. Kehre dich nicht an den Friedhof. Denke lieber ans Leben.«

Er sank müde und matt in einen Stuhl:

»Leben! Mit mir ist nichts mehr los. Wenn mich meine eigenen Brüder nicht mehr kennen wollen –«

»So kenn' du sie einfach auch nicht mehr. Karsten und Pawel und ich, wir stehen dir doch näher und können von dir beanspruchen, daß du nicht immer nur von deinen Plänen redest, sondern auch einmal etwas tust. Du kannst es wahrhaftig nicht so weiter treiben wie jetzt.«

»Nach dem, was ich heute erfahren habe, ist alles aus.«

»Mutest du mir aber denn vielleicht zu, daß ich meine Tage hier mit dir in dieser schauerlichen Schwüle verbringen soll?« fragte Garderut und richtete sich hoch empor. »Das glaube nicht, Osewald. Dazu bin ich mir zu gut. Willst du dir nichts Neues aufbauen, willst du deinen Lebensbankrott erklären, so bilde dir wenigstens nicht ein, daß ich mich darin verwickeln lasse. Ich fühle deutlich, wenn ich mich nicht bald aufraffe, dann steckt mich deine Verstumpfung an, und das soll sie nicht. Ich will noch viel vom Dasein, für mich und mein Kind, und hast du nicht Mut und Kraft genug, es mir zu geben, dann suche ich's mir allein: Dann kannst du dich hier meinetwegen grämen, weil du nicht mit deinen hochmütigen Herren Brüdern an eurem geliebten Massengrab stehen und die Trauermiene aufsetzen darfst, wobei ihr euch doch so herzlich wenig denkt!«

Sie hatte ihn bis zur Wut gereizt. Er kam auf sie losgesprungen, aber sie blieb fest stehen und bannte ihn mit ihrem Blick:

»Sieh dich vor, Osewald! Rühre mich ja nicht an! Sonst nehme ich Pawel und gehe noch in dieser Minute aus dem Hause. Dann hast du noch mehr Skandal als jetzt. Ich rate dir, laß uns voneinander scheiden, ohne daß es viel auffällt. Das dürfte dir doch wohl das Liebste sein. Du hast es ja gern, wenn man vernünftig handelt.«

Sie war aus dem Zimmer, ehe er noch etwas erwidern konnte. Draußen bog sie den Kopf zurück und preßte die Hand auf die Brust. Es war schon eine Erlösung, einmal laut zu sprechen, ihm einmal zu sagen, was sie wirklich dachte und vorhatte.

Er aber lag in seiner schwarzen Feiertagstracht in einen Stuhl vergraben und dachte weit weniger über das nach, was seine Frau ihm auseinandergesetzt hatte, als über die tödliche Kränkung, die ihm von seinen Brüdern zugefügt worden war. Alle Hoffnungen waren damit für ihn vernichtet. Er blieb in Schmach und Schande wie ein Mensch, der ins Moor geraten ist und dem auch die letzte Wurzel entgleitet, woran er sich herausziehen wollte. Nun gurgelt das zähe Gebrodel über seinem Kopf zusammen.


*


Es war natürlich in Krukeluhn nicht unbemerkt geblieben, welch eine völlige Mißachtung der Brauer und der Lizenziat dem einstigen Ratsherrn hatten zuteil werden lassen, und die Stimmung gegen diesen, die schon im Begriff war, milder zu werden, wandelte sich wieder in starke Abneigung um. Ja, wenn sein eigen Fleisch und Blut nichts mehr von ihm wissen wollte, mußte er wirklich im Kern nichts taugen.

In Freunds Hotel sprach man ja noch gemäßigt darüber; man fand die Handlungsweise der beiden andern Brüder sogar außerordentlich rücksichtslos, überflüssig hart und allzu selbstgerecht, aber im ›Rauhen Loch‹, da sprühte nun die ganze Gehässigkeit der kleinen Leute gegen den zwar entthronten, aber doch immer noch reichen Herrn am Markte auf, dem es Rinke Tystrow zu verdanken hatte, daß er unter den Dieben und Räubern schmachtete.

Der Bäcker war für seine Genossen nicht im mindesten in der Achtung gesunken. Das geht ja immer so: wer einmal verstanden hat, das Volk für sich zu gewinnen, das Volk an sich glauben zu machen, der kann begehen, was er will, immer wird er seine Anhänger haben, die alles entschuldigen und für alle seine Taten, wenn sie an sich auch unedel sind, edle Beweggründe entdecken.

Warum saß Tystrow? Weil er den Bund der Freundschaft, den er einst mit Osewald Stümpemann schloß, hochgehalten hatte. Ja, dazumal, als das mit Ohmsens Scheune geschah, als er, der Freischüler, den feinen Realschüler sozusagen mit seinem Leibe deckte, da hatte er schon aus lauter Selbstlosigkeit gehandelt. Und wie denn ein guter Mensch nicht anders kann: er vertraut unwillkürlich darauf, seine Hingebung werde sich einmal lohnen, wenn er natürlich auch seine Opfer durchaus nicht mit Berechnung auf derlei Belohnung bringt.

Tystrow konnte wohl erwarten, daß Stümpemann ihn später auch stützen und fördern würde, aber darin hatte sich der Bäcker schlimm getäuscht.

Im Stich gelassen hatte ihn der Senator bei der Provisorsache, – im Stich gelassen bei dem Hafenplan, diesem großartigsten aller Gedanken, die je einem Krukeluhner Hirn entsprungen waren.

Einerlei Tystrow hatte alles heruntergeschluckt und fernerhin Treue geübt, Tystrow hatte seine ganze Person dafür eingesetzt, seinem Jugendfreunde die erste Stellung in der Stadt zu verschaffen.

Allerdings, die Mittel, die er dazu gebrauchte, waren gefährlich. Aber war denn etwa alles erschwindelt, was in den Briefen stand? Lange nicht! Schaute man etwa hinter die Rathauskulissen, ob sich die Herren da nicht gegenseitig allerhand zuschanzten? Erst recht nicht!

Also nur aus Freundschaft und Gerechtigkeitssinn hatte Tystrow es unternommen, sich sogar strafbar zu machen, und was war der Dank? Dieser Stümpemann ließ ihn vor Gericht glatt fallen.

Die Empörung wider den so jählings aus dem eben angetretenen Amte geschiedenen Bürgermeister wuchs immer mehr unter den Tystrowitern. Der konnte sich wahrlich nicht damit rühmen, daß er dem Bäcker nicht sofort, als die Briefe auftauchten, die Polizei ins Haus geschickt hatte. Wenn er seine sogenannte Ahnung, die er später zugab, für sich behielt, dann war das doch das geringste, was er Tystrow an Rücksicht schuldete.

Nein! Da hing der geweihte Spaten, – hier saßen die Mitglieder des immer noch lebendigen Hafenvereins, aber oben am Tische, da fehlte der, der ihnen sonst immer aus der Chronik vorlas und sie anstachelte, für eine glänzende Zukunft Krukeluhns zu wirken. Der Mann, der seiner Vaterstadt das freie, offene Meer wieder an die Mauer heranbringen wollte, der ging jetzt in verschlossener Zelle herum und konnte darüber nachdenken, was es für einen Zweck hat, anderen Menschen Gefallen zu tun. Es war eine Schande wert!

Wenn dieser Herr Doktor Stümpemann seinen Jugendfreund nicht benutzen wollte, um zu steigen, so hätte er ja nur gleich, als er etwas von den Briefen hörte, vertraulich mit ihm sprechen können: »Laß das, mein Junge.« Dann wären keine weiter verfaßt worden, und man hätte über das Ganze wohl Gras wachsen lassen.

Alle, alle Schuld saß auf Stümpemann!

Es hockten da im ›Rauhen Loch‹ Gesellen beieinander, die ihrem Herrn und Meister an Gehässigkeit und Wildheit der Gesinnung nichts nachgaben. Sie erhitzten sich am Trunke, und mit eins war dann der Gedanke da: sie mußten und wollten ihren Führer rächen, rächen an dem, der ihn ins Unglück gestürzt hatte. Als dieser Gedanke erst Herr über die Gemüter ward, wurde das Schreien und Toben zum Geflüster. Man beriet sich zischelnd von Tisch zu Tisch, achtete nicht der wenigen Warner, sondern warf sie kurzer Hand zur Tür hinaus und war dann schön unter sich.

Es gab keinen in der Rotte, der nicht mit einer unheiligen Freude daran arbeitete, um herauszufinden, auf welche Art man dem Herrn am Markte seine Verräterei heimzahlen konnte, und eines abends war man klar.

Auf dem Hofe der Gastwirtschaft lag ein Haufe von Schutt und Steinen. Da versorgten sich die Brüder, jeder nahm sein Teil, so viel er tragen konnte, unter die Jacke. Dann schlichen sie hinaus . . auf die Straße . . . nicht im Schwarm sondern alle zwölf, fünfzehn Mann einzeln.

Sie verteilten sich über die Stadt, jeder ging einen andern Weg, aber alle hatten das gleiche Ziel: den Markt.

Es war eine Sturmnacht. Die flackernden Laternen wurden beinah ausgeblasen. Rechtes Wetter für eine Rachetat.

So. Jetzt tauchen die Gestalten von den verschiedenen Straßen her nach und nach auf dem leeren Markte auf.

Sie schleichen in Trupps, je zwei oder drei, in die Nähe von Osewalds Haus. Da sind Läden vor den Fenstern des Erdgeschosses. Einer der Verschworenen springt hin. Brecheisen heraus. Krach! Das Holz splittert. Und gleich – klirr! – fliegt ein großer Stein in die erleuchtete Stube.

Der andere Laden, – krach! – Splitter und – klirr! – auch da hinein ein mächtiger Wurf.

Und nun nach oben und nach unten – klirr! klirr! . . . alle Fenster entzwei.

In der Wohnstube wird die Hängelampe getroffen. Sie zerbirst. Das Öl rinnt über den Tisch, flammt mächtig empor, läuft zum Teppich hinunter, – ein dunkelrotes Schwälen.

Osewald, erst schreckerstarrt, dann, um nach Hilfe zu rufen oder auch um nur erst zu sehen, was eigentlich draußen vor sich geht, stürzt an das schon zertrümmerte Fenster.

Da kommt ein gewaltiger Mauerstein geflogen, reißt noch Glasscherben mit und prallt ihm gerade aufs linke Auge.

Die Magd stürzt schreiend in die Stube, – Garderut folgt: sie finden Osewald bewußtlos und blutüberströmt am Boden liegen.

Schon traben die Stadtsoldaten heran, schon erschallt der Feuerruf.

Die Tystrowiterbande ist zerstoben.



40. Kapitel.
Da erloschen der Lichter viele,
Nicht eines nur allein.

Es war, wie die Ärzte sagten, nicht völlig ausgeschlossen, daß Osewalds verletztes Auge noch einmal wieder das Licht schauen würde, aber für lange, lange Dauer blieb es jedenfalls dunkel, und die schwere Entstellung seines Gesichtes konnte nie wieder verschwinden.

Als er, der immer so viel auf sein Äußeres gehalten hatte, zum ersten Male sein halb von einem schwarzen Tuche verhülltes Antlitz im Spiegel sah, da war er verzweifelt.

Die Acht, die man in Krukeluhn über ihn verhängt hatte, wurde durch sein Unglück gemildert und schließlich von ihm genommen. Er erfuhr viele aufrichtige Teilnahme.

Mutter Mackeprang kam häufig und wußte nicht, was sie ihrem lieben Schwiegersohn alles Gutes tun sollte, und auch die Brüder ließen sich sehen. Sie waren zwar zuerst recht zaghaft, besonders Pasche, der an jenem Gedenktage wenig Andacht vor dem Grabe gehabt und viel mehr an Osewald als an seinen Vater gedacht hatte.

Die liebe Cäcilie steckte hinter dem Ganzen. Sie hatte ihren Mann gestempelt, daß er die Untadeligkeit seines eigenen Wandels durch einen offensichtlichen Bruch mit dem verfehmten Bruder vor der Welt dartun müsse, und Pasche war schwach genug gewesen, Görges nachzugeben.

Jetzt saß er bei Osewald und schimpfte auf die verdammten Frauenzimmer, die die nächsten Verwandten auseinander bringen.

Weh auch jedem, der in seiner Gaststube noch hämische Bemerkungen über den gestürzten Ratsherrn gemacht hätte!

Von den Tystrowitern waren etliche gefangen gesetzt, wer aber den verhängnisvollen Wurf getan hatte, das kam nicht heraus, und gerade weil diese Untat keine Sühne fand, war man um so mehr geneigt, Osewald Stümpemann wieder in Gnaden aufzunehmen.

Aber dem lag jetzt gar nichts an dieser Gütigkeit seiner lieben Mitbürger.

Wo er so furchtbar gezeichnet worden war, da flößte ihm die Vorstellung, daß er sich jemals wieder, sei es in Krukeluhn, sei es anderswo unter Menschen bewegen solle, die äußerste Angst ein. Er plante nichts mehr, er war es jetzt selber, der zu Garderut sagte:

»Du hast recht. Wirf das alles hier von dir. Verlaß' mich. Trenne dich ganz von mir. Ich laß' dir auch Pawel. Was soll er mit solchem Vater? Suche dir ein fruchtbares Leben: um mich herum ist und bleibt lauter Todesgeruch.«

Allein Garderut hatte in dem Augenblick, als Osewald blutend vor ihr lag, eine tiefe Erschütterung und eine plötzliche Wandlung durchgemacht, und während sie ihren Mann pflegte, wurde es ihr immer deutlicher und einfacher: einen Menschen, der gegen sein Gewissen gehandelt hatte, konnte und durfte sie verlassen, jedoch bei einem Unglücklichen, der so bitter für sein Vergehen büßte wie Osewald, – da mußte sie ausharren.

Ausharren! Das hieß freilich auch auslöschen, was sonst noch an Hoffnungslichtern in ihr schimmerte, hieß ihrem innersten Wünschen und Begehren entsagen, hieß mit dem eigenen Ich das größte Opfer bringen, ohne zu fragen, ob der, für den es gebracht ward, dessen würdig oder unwürdig war.

Sie mußte ihrem Manne jetzt beistehen, denn wenn sie sich von ihm schied und er wirklich zugrunde ging, so konnte sie ihr Leben lang doch nicht froh werden: sie war dann die Mitursache an diesem Untergange, sie hatte nicht nur kalt und selbstsüchtig, sie hatte grausam gehandelt.

So lag die Zukunft schlicht vor ihren Augen; aller Zwiespalt mußte aus ihrer Brust verschwinden.

Und rückschauend dachte Garderut darüber nach, – hatte sie nicht doch ihrem Manne gegenüber etwas versäumt?

Wahr! Nicht freiwillig hatte sie sich ihm zum Weibe gegeben, aber geradezu abstoßend war er ihr auch nicht gewesen, und es mochte überhaupt nun sein, wie es wollte: sie hatte vor dem Altare das Jawort geschworen.

War sie ihrem Schwur treu geblieben?

Röte überflog ihr Angesicht. Sie stand auf und ging aus dem Schein der Lampe.

Langsam kam sie zurück, und ihr war, als müsse sie Osewalds Hand ergreifen und ihm manches abbitten, manchen Eigensinn, manchen Widerspruch, manches absichtliche Mißverstehen.

Gewiß hatte sie es nicht leicht gehabt, erst als zweite Thronde zu leben, und dann zu fühlen, daß er das Eigene, wozu sie sich durchrang, nicht nach Gebühr schätzte, geschweige denn liebte, indessen sie war auch nicht immer völlig bestrebt gewesen, ihm ihr Sein und Wollen zu offenbaren, ihn bis auf den Grund ihrer Seele schauen zu lassen. Er sollte hinnehmen, was sie ihm bot; tat er es nicht, so verschloß sie sich kurzweg vor ihm.

Hätte nicht auch in jener Stunde, wo das Ja von ihren Lippen kam, jede andere Neigung in ihr versinken müssen? Zwar das war zu schwer, das konnte kein Mensch und kein Gott von ihr verlangen, daß sie Gunnar gleich vergäße; trotzdem: sie hätte wohl, um eine zufriedene und rechte Frau zu werden, weit stärker gegen diese Jugendliebe ankämpfen müssen. Sie hatte Gunnar mehr gegönnt, als sie durfte. Wäre sie strenger gewesen, so brauchte sie deshalb doch nichts von ihrem Ich zu verlieren, brauchte doch noch kein solches Frauennichts zu werden, wie so viele herumliefen.

Sich ihre Freiheit in der Ehe zu wahren, ihrem Manne aber doch ganz allein zu gehören, – die kleine Garderut war jetzt eifrig dabei, das als die höchste Aufgabe ihres Lebens zu betrachten, der sie bisher doch nicht ganz gerecht geworden sei. So mußte sie sich selber Vorwürfe machen. Leicht fiel ihr das nicht, aber an Osewalds Schmerzenslager geschah es, daß in Garderuts Gemüt, wo eigentlich die Liebe zu ihrem Manne glühen sollte, das Mitleid für ihn erglomm, und es kam ihr so vor, sie habe sich nun in ihr Frauentum erst selbst richtig hineingefunden.

Es kam ihr so vor, aber sie mußte bei dieser Erkenntnis herzlich weinen, und die große Frage nach dem Warum, die so manche Frau wegen ihrer Ehenot zum Himmel sendet, tat auch sie, zuletzt jedoch senkte sich etwas wie eine beinahe heitere Ruhe und Gelassenheit auf sie hernieder.

Sie wurde in Osewalds Gegenwart immer sicherer, immer freundlicher, aus ihrer tiefsten Wahrhaftigkeit heraus, sie wagte es, ihm seine Hand zu streicheln, sie hatte gute, mütterliche, sanft kosende Worte für ihn, die dem sich schon in gänzlicher Verlassenheit Schauenden unendlich wohl taten.

Er merkte mit dem feinen Empfinden, das jeder Kranke hat, wie ehrlich gern sie ihm alle nötige Handreichung leistete. Sie wußte alles zu vermeiden, was ihn an die düstere Vergangenheit erinnern konnte, und ihr Trost: »Dein Auge wird wieder besser, und das bißchen Narbe, was macht das aus?« – dieser mit geradezu munterer, durchaus zuversichtlicher Stimme gegebene Trost war seine Rettung aus der Nacht.

Und als sie dann einmal neben ihm saß und ihm die immer noch wunde und schmerzende Stelle linde gesalbt und verbunden hatte, da fragte er:

»Wie soll es denn nur für mich werden, Garderut, wenn du erst nicht mehr hier bist?«

Sieh, da sank Garderut schluchzend bei ihm nieder, küßte seine Hand und antwortete:

»Du sollst mich nie entbehren, Osewald, ich bleibe bei dir, so lange ich lebe, und nur bei dir.«

»Oh!« sagte er, und das klang, als sei ihm die Brust mit einem Male von einer ungeheuren Last befreit; er lehnte sich in die Kissen zurück und tastete über ihr Haupt hin.

Garderut aber versprach es ihm nochmals:

»Ich bin für dich da, zu jeder Stunde, und nur für dich!«

Von diesem Augenblick an genaß er. Seine Züge belebten sich, das Fieber wich, er konnte aufstehen, und all sein Tun und Denken, durch Leid geläutert, war Dankbarkeit gegen seine Frau.

Und wer so recht von Herzen danken kann, der ist noch lange kein verlorener Mensch!

Was aber tat Garderut, die da ihr Kreuz auf sich genommen hatte und es redlich tragen wollte?

Sie trat an den alten Mahagonisekretär heran und öffnete das geheime Fach, das einst die an ihre Schwester und jetzt die an sie selbst gerichteten Briefe barg. Sie nahm diese Blätter, die ihr liebster und teuerster Besitz waren, tat ein Band herum und wanderte nach Glannbeck hinaus.

Sie zeigte Onkel Jakob das Päckchen:

»Du mußt wieder ein Grab in deinem Garten graben, guter Onkel. Bitte, nicht zu fern von dem, das du damals grubst.«

»Ist es schon so weit mit dir?« fragte der Alte.

Sie antwortete wehmütig:

»Es muß so weit sein, und also – ist es auch so weit.«

»Dann komm, mein Kind.«

Unter demselben Baume, wo sie einst Throndes Geheimnis bestatteten, hob Jakob Eenboom eine Grube aus, Garderut legte Gunnars Briefe hinein, streute ein paar Blumen darauf und sprach die Worte, die der Alte damals gesprochen hatte:

»Nun laß sie sacht vermodern.«

Erde hinein, die Grassode sorglich darüber, – die Geheimnisse der beiden Schwestern schlummerten nebeneinander.

Allein noch war nicht alles geschehen, und es mußte doch alles geschehen, denn Garderut wollte jetzt nichts mehr wissen von Freundschaft und von dem sich und dem anderen, dem Fremden, etwas Gönnen. Nichts Halbes sollte mehr in ihrem Leben sein. Sie brauchte ihre gesamte Kraft, um doch noch ein glückliches Weib an der Seite Osewalds zu werden.

Daheim.

Wieder am Sekretär.

Garderut entzündete das Licht, nahm den grünen Faden, den Gunnar ihr gesandt hatte, – sie hielt ihn an die Flamme, – er barst aufflackernd in zwei Teile, – sie tat beide Enden in einen Umschlag und schickte sie dem, der dieses Sinnbild verstand und ihren Willen ehrte.



41. Kapitel.
Das Pünktlein auf der Welle.

Von Bäcker Tystrow hörte man nichts Bestimmtes. Es hieß, er sei nach seiner Freilassung in eine große Stadt gezogen und dort wieder Geselle geworden. Seine Frau führte in Krukeluhn das Geschäft fort und sah durchaus nicht danach aus, daß sie sich sehr nach ihrem Manne sehnte. Sie behielt auch zumeist ihre Kundschaft. Freilich so lecker wie zu Rinke Tystrows Zeiten und mit so kunstvollen Zuckergußverzierungen ausgeschmückt waren die Torten nicht, die sie für die Damengesellschaften lieferte.

Und nach all der Aufregung kam in der alten Inselstadt allmählich alles wieder in Ordnung: nur Osewald wußte noch immer nicht, was er mit sich anfangen sollte.

Da pilgerte eines Tages Jakob Eenboom, Garderuts lieber Sorgenvertrauter, von Glannbeck nach Krukeluhn hinein.

Er erschien mit großem Gefolge, denn hinter ihm schritt Rahmkirch, das Findelkind, und auch Kule und Wix ließen es sich nicht nehmen, ihrem Herrn das Geleit zu geben. Die Äpfel waren noch nicht stehlensreif; so konnten die beiden getreuen Dächsel den Hof für eine Weile ruhig unter der Aufsicht der Magd lassen.

Jakob Eenboom besuchte einen Advokaten. Kule und Wix stellten die Sphinx-Wache zu beiden Seiten der Haustür, und Rahmkirch ging vor dem Hause auf und nieder. Besser als der alte Jakob konnte niemand, der ein wichtiges Werk vorhatte, behütet werden.

Onkel Jakob kam wieder heraus mit einem Papier in der Hand und sagte zu Rahmkirch:

»Nun mach' du man die Besorgungen, wir treffen uns nachher am Tor. Ich habe was anderes zu tun.«

Kule und Wix wußten: Besorgungen machen, darunter verstand sich auch das Einkaufen von allerlei nahrhaften und also dächselwürdigen Dingen, und so zogen sie es vor, mit dem Knecht anstatt mit ihrem Herrn zu gehen.

Der ließ sie dann auch abtrotten und begab sich zu Stümpemanns am Markt.

»Ja, siehst du, liebe Garderut,« fing er an, »es wird ja nun Zeit für mich alten Mann, daß ich mal daran denke, wem ich wohl alle meine Bäume und das Land, worin sie so gern wurzeln, vermachen soll. Das heißt: gedacht hab' ich lange daran und es mir auch schon genau überlegt. Aber wie das so kommt: man schiebt das Endgültige von einem Jahr zum andern auf, bis man ein leises Klopfen auf der Schulter fühlt. Das ist der liebe Freund Hein, der einen mahnt: du! Nun wart' aber nicht länger, sonst hol' ich dich, ehe du richtig für dein Eigentum gesorgt hast, und du mußt als ein schlechter Hausvater in die Grube fahren. Kleine Gaddi, schlag' mal dies Papier hier auf.«

Garderut tat, wie ihr geheißen war, sie las, und ihr wurden die Wangen vor Beschämtheit heiß, denn sie hielt Jakob Eenbooms Testament in Händen und war darin als die einzige Erbin eingesetzt.

»Wie komme ich dazu, Onkel Jakob?«

»Weil ich kein anderes Menschenkind so lieb habe wie dich,« antwortete der Alte in aller Schlichtheit.

Garderut stand auf und gab ihm einen Kuß. Die rechten Worte, um ihm für dies Vermächtnis zu danken, fand sie noch nicht.

»Ja,« fuhr er dann fort, »aber sieh mal, wenn ich auch nicht mehr zu den Stärksten gehöre, – von zähem Leder bin ich doch, und du müßtest am Ende gut und gerne noch deine zehn Jahre darauf warten, ehe du auf Glannbeck die Herrschaft antreten kannst.«

»Hoffentlich, Onkel Jakob, noch viel länger! Und nicht warten! Wahrhaftig nicht, – nur mich freuen, so lange du da wirkst und schaffst.«

»Ich möchte mich aber doch so allmählich aufs Altenteil begeben, mein Deern. Das Nebenhaus hab' ich mir bequem ausgebaut, da ist Platz für meine paar Siebensachen, und ich sehne mich danach, mich nun endlich einmal in die Bücher zu vergraben. Das wollte ich in meiner Jugend schon tun, aber mein Vater hatte keinen Sinn dafür und hielt es für besser, wenn ich in seine Fußtapfen trat. Hat Kämpfe gekostet, Garderut, – auch Tränen. Schließlich hab' ich mich gefügt, und du weißt ja: jede Welle hat ihr Pünktlein. Ich habe sie lieben gelernt, die Bäume, sie sind meine Freunde geworden, alle wie sie da stehen und wachsen, ich kenne die Eigenschaften von jedem einzelnen und weiß, man darf sie nur milde zu etwas nötigen und man darf ihnen nichts rauben von dem, was sie selbst sein wollen. So habe ich Früchte gezogen, andere, als ich mir einst träumte, daß ich ziehen wollte, aber auch diese bringen ihren Segen und sind den Menschen ein Labsal. Wenn ich nun jemand hätte, mit dem ich so recht über meine Bäume sprechen könnte und der es von mir übernähme, sich an ihrem Leben zu erquicken und seine redliche Trauer zu fühlen, wenn solch einem Geschöpfe Gottes die Wurzeln verdorren, – wäre das nicht schön für mich?«

»Gewiß, Onkel Jakob.«

»Und meinst du nicht, daß du und dein Mann, dein Mann und du, – denn ihr seid jetzt doch beide eins, nicht wahr?«

»Ich will ihm alles sein, was ich ihm sein kann, und er ist so gut gegen mich, wie ich es mir nur wünschen darf.«

Der Alte nickte freundlich:

»Also ihr beide, – ja, meinst du nicht, daß ihr die Rechten dazu wärt, meine Bäume schon jetzt unter eure Obhut zu nehmen? Laßt mich euer Lehrer sein, schafft euch dort Arbeit und Freude und glaubt mir, mehr kann der Mensch nicht erreichen, er strebe auch, wonach er will. Besprich das mit deinem Manne, Liebling. Es lebt sich gut da unten am Sund; man ist weit weg von der Welt und trägt ihr doch ein Stück Gesundheit zu mit jeder Frucht, die man vom Baume bricht.«


*


Und so ist es geschehen.

Einig miteinander wohnen Osewald und Garderut in Jakob Eenbooms Hause. An seiner kundigen Hand haben sie gelernt, was die köstlichen Bäume an Pflege brauchen, damit sie alle ihre Schätze entfalten.

Vom ersten Blütenknospen bis zur reichen Ernte und selbst, wenn die Blätter gefallen sind: niemals rastet ihre Sorge, aber niemals sind sie auch freudeleer.

In kräftigem Sichregen ist Osewald gesundet, und seine beiden Augen schauen die Schönheit der Sonne, die durch das dichte Laub des Obstgartens ihre Strahlen auf den dunkelgrünen, saftigen Rasen wirft. Er schafft, sägt, beschneidet und bindet, daß es eine Art hat.

Garderut aber schleppt mit ihren kräftigen bloßen Armen die schweren Körbe voll Früchte, als sei sie in einem Bauernhause zur Welt gekommen. Tüchtigkeit, Fleiß und Zufriedenheit walten überall auf Glannbeck.

Und wenn die prächtige kleine Frau nach Feierabend in der Laube unten am Vorlande sitzt und über den tausendfältig glitzernden Sund schaut, da denkt sie oft: hast recht, Onkel Jakob, es ist ein Nichts und ist doch alles:


Du Pünktlein auf der Welle,
wie strahlst du doch so helle,
du Bild von unserm Glück.
Das ist auch nur ein Winken,
ein kurzes, holdes Blinken,
gehört uns keinen Augenblick.

Laßt uns bescheiden stehen,
aufs goldne Pünktlein sehen,
das sei der Freud' genug.
All, was wir sonst mit Bangen
ersehnen und verlangen,
ist Wahn und Trug, –
ist Wahn und Trug . . .