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Emile Erhard – Das Meerweibchen

Novelle

Emile Erhard, Das Meerweibchen, Deutsche Verlags-Anstalt (Vormals Eduard Hallberger), Stuttgart und Leipzig, 1886



I.

Ein schweres Gewitter zog langsam mit Sonnenuntergang von der See herauf. Unter den tiefhängenden Wolken lag das Wasser dunkel und drohend, in unheimlicher Ruhe; nur in seinen Tiefen gurgelte es dumpf wie in ungeduldiger Erwartung des Kampfes, der sich allmälig in der Natur vorbereitete. Noch fehlte das Signal zum Ausbruch, der erste gellende Pfiff des Sturmes, welcher mit zusammengefalteten Fittigen und schweigend seine finsteren, gewaltigen Streitmassen vorschob.

Die Sonne hatte zwölf Stunden am wolkenlosen Himmel gestanden und eine brütende Glut hinterlassen. Kein erfrischender Hauch theilte die Schwüle, und als sich gegen Abend schweres Gewölk sammelte, da preßte dieses die dicke Atmosphäre nur dichter zusammen und drückte sie fester an die lechzende, ängstlich athmende Erde. Am Ostseestrand, der drohenden Wolkenwand gegenüber, schief und krumm in einander geschoben, wie zusammengekrochen in furchtsamer Erwartung, standen die kleinen Häuser von Helgevil nicht fern vom Strande, dahinter streckten sich in ernster, großer Zeichnung die Silhouetten gewaltiger Baumgruppen in den erbleichenden Abendhimmel. Alles Leben schien sich von dem hellschimmernden Strand in die kompakten Schatten der Gebäude und des Waldes zurückgezogen zu haben.

Am äußersten Ende des kleinen Badeortes, oder vielmehr wie ein vorgeschobener Posten desselben, hob sich von dem dunklen Hintergrund der waldigen Hügelkette, die wie ein buschiger Kranz die Küste umschloß, ein kleines weißes Haus ab. Einstöckig, schmucklos, die kahle Front der See zugekehrt, von einem halb niedergebrochenen Bretterzaun und verwahrlostem Gesträuch umgeben, lag es abseits vom Wege, der sich längs dem Strande hinzog, ein Bild unbehaglichster Zurückgezogenheit.

In dem nach der See hinausführenden Raum befand sich ein junger Mann, eifrig beschäftigt. Er gönnte dem Schauspiel draußen keinen Blick, auch die drückende Schwüle und zunehmende Dunkelheit beachtete er nicht. – Sein ernstes, blasses Gesicht mit dem kurzgehaltenen braunen Lockenhaar und der starkgebogenen Nase beugte sich über eine Retorte und die brillenbewaffneten Augen beobachteten die Wandlung eines chemischen Präparates. Phiolen und Flaschen, kleine und große Tiegel, Apparate verschiedenster Art bedeckten den großen Tisch, an dem der junge Mann arbeitete. Ein paar Regale an den übrigens kahlen Wänden zeigten ähnliches Inventarium, sonst vervollständigten nur noch hölzerne Schemel und ein primitiver Strohsessel am Fenster die Nüchternheit des Raumes, dem selbst die Gardinen fehlten.

Fenster und Thüren waren geöffnet, ohne daß der geringste Luftzug sich bemerkbar machte.

Aus dem Innern des Hauses kommend, unterbrach eine klagende weibliche Stimme die tiefe Stille:

»Theodorchen, liebstes Kind, wirst Du denn nicht endlich aufhören?«

Ohne sich in seiner Beschäftigung stören zu lassen, antwortete der junge Mann:

»Ich will das letzte Tageslicht benützen, Maruschka; es handelt sich hier um eine höchst interessante Verbindung zweier –«

Er wurde unwillig unterbrochen.

»Ach, geh' mir mit Deinen Verbindungen, es kommt doch nichts Gescheidtes dabei heraus. Du weißt, was ich davon halte.«

Der Gelehrte hob den Kopf und lächelte; nicht spöttisch oder bitter, sondern sanft, wie Kinder lächeln.

»Ja, ja, ich weiß, Maruschka, Du verstehst ja auch nichts davon; wenn aber mein heutiges Experiment meinen Erwartungen nur einigermaßen entsprechen sollte, so ist die Wissenschaft um eine große, wichtige Erfahrung reicher geworden.«

Ein Knall in der Retorte, dem das Aufsprühen einer blauen Flamme folgte, lockte die bisher unsichtbar gewesene Sprecherin rasch bis in die Umfassung der Thüre. Verweisend, mit der Hand nach dem Fenster deutend, rief sie:

»Während unser Herrgott da oben experimentirt, solltest Du doch Deinen frevelhaften Aberwitz lassen. Ich habe heute so wieder meine Ahnungen!«

Der junge Gelehrte, ohne die Augen von seiner Retorte zu wenden, antwortete ruhig auf die letzte Bemerkung:

»Letzteres kommt von der Ueberfülle an Kohlenstoff im Blut.«

»Unsinn! Das kommt vom Gewitter, welches ich seit acht Tagen in den Knochen trage. Daneben aber spüre ich noch etwas Besonderes, die Nähe von irgend etwas Unheimlichem. Die ganze vorige Nacht träumte ich von jungen Katzen und das bedeutet mir immer Unglück.«

»Da –« sie schrie laut auf.

Nun wandte der Arbeitende sich zum ersten Male um, sein Blick suchte die bekannte alte Gestalt mit dem gutmüthigen Gesicht und er begegnete furchtsam aufgerissenen Augen. Die Hand auf's Herz gepreßt und die Stimme ängstlich gedämpft, sagte Maruschka:

»Ach, du lieber Herrgott! Mir war ja eben gerade so, als ob Jemand am Fenster vorbeihuschte.«

Die tiefe, sanfte Stimme des Gelehrten antwortete beruhigend:

»Nun wohl, was weiter? Wahrscheinlich Jemand, der es eilig hat, vor dem Ausbruch des Wetters noch heimzukommen.«

»Und Der wird hier an unserem Häuschen vorbeigehen, welches ganz ab vom Wege liegt?« spottete Maruschka aufgeregt, indem sie bis an den Strohsessel vortrat und furchtsam aus dem Fenster blickte.

»Vielleicht ein Verirrter,« meinte Theodor.

Maruschka wies ihn mit den ahnungsschweren Worten ab:

»So schleichen nur Spitzbuben oder böse Geister um das Haus.«

Theodor lachte. Seine Stimme klang dabei hell und kindlich, wohl um eine Oktave höher als beim Sprechen. Auch in seinem Aeußern kam Jugend und Reife seltsam gemischt zum Ausdruck. Stirn und Nase waren stark und kräftig entwickelt, Mund und Kinn weich gebildet wie bei einem Kinde, dabei zeigte das glattrasirte Gesicht Spuren eines üppigen Bartwuchses.

Seine Gestalt war schlank, aber nicht schmächtig, doch hielt sie sich schlecht und hing wie in geborgten Kleidern. Die Augen verbarg, wie schon gesagt, eine Brille.

»Hast Du hier auch schon Gespenster entdeckt oder gar ihre Bekanntschaft gemacht?« fragte er gutmüthig neckend.

»Gehört habe ich allerdings von einem Gespenst der Küste, dem Meerweibchen; Gott wolle mich davor bewahren, seine Bekanntschaft zu machen! Aber außerdem habe ich auch, von dem schwarzen Konrad gehört, der die ganze Küste unsicher macht und seit Jahren sein Strandräuberthum hier übt, ohne daß die Behörde ihm beikommen kann.«

»Wie interessant, Maruschka! Den schwarzen Konrad überlasse ich Dir, das Meerweibchen aber nehme ich für mich allein in Anspruch. Ich vermuthe nach dem anmuthigen Namen, daß es in junger und hübscher Gestalt erscheint, und öffne ihm gerne die Thür.«

»Als ob Dir an Jugend und Schönheit etwas gelegen wäre! Du siehst ja gar nicht einmal darnach hin,« antwortete Maruschka beinahe verächtlich. Dann aber fühlte sie sich auf's Neue von der Angst gepackt und sie fuhr mit gepreßter Stimme fort: »Fordere aber das Meergespenst nicht heraus, Theodorchen! So Mancher hat es schon bitter bereuen müssen, aus Mitleid oder Laune der Unholdin Obdach gegeben zu haben. Er wird sie nimmer wieder los, er sieht sie überall, in jeder Gestalt, sie neckt ihn hinaus aus Heimat und Familie, von den Herzen der Eltern, von Weib oder Kind.«

»Nun, das würde sie ja bei mir nicht nöthig haben, da ich nichts von alledem besitze,« warf Theodor lächelnd ein.

»Schadet nicht, Theodorchen. Das Meerweibchen ruht nicht eher, als bis es den Thoren, der es einmal über seine Schwelle, in sein Haus, an seinen Herd und seinen Tisch kommen ließ, nach sich gezogen und unglücklich gemacht hat. Ruhelos, verzehrt von Sehnsucht nach ihr, die er nie erreicht, obgleich sie ihm überall erscheint, lockt sie ihn endlich in die blaue Flut, seine Seele aber folgt dem Unhold in das ewige Verderben.«

Ein furchtbarer Donnerschlag krachte über ihren Häuptern und das Unwetter brach, plötzlich entfesselt, von allen Seiten zugleich los. Heerführer war der Sturm, sein Kommando ein Wuthgeheul. Mit pfeifendem Schwerthieb spaltete er die strotzenden Wolken, daß ihr eisiger Inhalt auf die dampfende Erde niederprasselte, wilde Peitschenhiebe weckten des Meeres Furie, bis der Wellen Gischt sich mit den niederschauernden Wolken mengte.

Theodor und Maruschka waren an Fenster und Thüren geeilt, die sich nur mühsam schließen und befestigen ließen. Draußen war die Sintflut und mit ihr die Finsterniß hereingebrochen.

»Mache Licht, Maruschka!« forderte Theodor, der seine regennasse Brille trocknete.

»Nicht um die Welt, Theodorchen!« antwortete die Alte energisch. »Bei solchem Wetter darf man weder Feuer noch Licht im Hause haben. Ich deckte draußen die Glut mit Asche zu, blase Du auch Deine Flamme aus, Kindchen; dergleichen zieht den Blitz an.«

Das blaue Flämmchen unter der Retorte war bei dem plötzlichen Losbrechen des Sturmes hell aufgelodert und flackerte nun unruhig fort. Theodor kehrte zu seinem Apparat zurück.

»Das hier thut keinen Schaden,« erklärte er ruhig; »ich möchte gerade jetzt die Mischung nicht stören.«

Sanft und gelassen wie seine Stimme waren seine Bewegungen. Er schob vorsichtig den Stuhl an die alte Stelle und nahm seine Beschäftigung genau da wieder auf, wo er sie verlassen, als ob ihn das Unwetter so wenig als Maruschka's Gegenwart kümmere.

Plötzlich zischte unter seinen Händen eine große rothe Flamme empor und schlug in die Retorte.

»Alle Heiligen!« schrie Maruschka entsetzt auf.

Ein schmetternder Donnerschlag, unter dem das Häuschen erbebte, machte sie verstummen. Zugleich riß ein heulender Windstoß Fenster und die Thür, welche nach der See hinaus führte, auf. Das ganze Zimmer erschien unter den schnell folgenden Blitzen wie mit Feuer gefüllt. Und da stand auf der Schwelle in dem blauen, elektrischen Licht der Blitze eine Gestalt, von etwas Grauweißem umflattert, gleich Wellenschaum, den der Sturm zerfetzt hat. Die Gestalt hielt die Hände wie bittend empor.

Maruschka war mit einem zweiten Schrei in die Kniee gesunken. Theodor stand hoch aufgerichtet und starrte sprachlos die überraschende Erscheinung an.

»Mich friert,« sagte eine liebliche Stimme mit merkwürdig ruhigem Ausdruck in Anbetracht der Situation.

Der nächstfolgende Blitz ließ Theodor ein junges Frauenantlitz erkennen, von dem weder Angst noch Schrecken, sondern eher heitere Neugier zu lesen war.

Die Gestalt schwankte in der offenen Thür, als ob der Sturm sie im nächsten Augenblick entführen könnte, trat aber nicht näher.

Theodor hatte sich gefaßt. Er zog hinter dem räthselhaften Wesen, welches eine feuchte Kälte ausstrahlte, die widerstrebende Thür in's Schloß und bemühte sich dann, auch die Fenster wieder zu versichern, denn Maruschka war, sinnlos vor Schrecken, auf den Knieen liegen geblieben und betete laut, bald polnisch, bald deutsch. Die Flamme im Zimmer war erloschen.

»Zünde die Lampe an,« unterbrach der junge Herr kurz das Geplärre der Alten.

Sie erhob sich schwankend und schluchzend.

»Theodorchen, schicke sie fort, laß sie hinaus, um Deines Seelenheils willen – es ist – es ist –« Sie wagte das Entsetzliche nicht auszusprechen und versuchte den jungen Mann an dem Rock aus der gefürchteten Nähe zu ziehen.

Theodor streifte sie unwillig ab und tappte auf seinem großen Tisch herum, bis er eine kleine Wachskerze fand, die er anzündete.

Das ruhige kleine Licht nahm der Situation sogleich das Spukhafte, es zeigte in dem nüchternen Gelehrtenstübchen keine anderen Geister als die der Ueberraschung, der Furcht und der Neugier in leiblicher Verkörperung.

Neugierige Beobachtung war der vorherrschende Ausdruck in dem Gesicht des Gastes, der bei näherer Betrachtung nichts Unheimliches bot.

»Ein durchnäßtes, verirrtes Menschenkind,« dachte Theodor, und Maruschka dachte zwar noch nichts, aber sie fühlte etwas Aehnliches.

Nicht Wellenschaum, sondern ein großes, gesticktes weißwollenes Tuch und das vom Sturm halb gelöste lange Haar hatte sie umflattert und hing jetzt schwer und naß an ihr nieder. Kopf und Arme waren unbedeckt, das Kleid aufgeschlagen und um die Taille befestigt, ein dunkelwollener kurzer Rock bildete den Rest der Toilette.

In dem Gesichtchen war Alles rund, Augen, Mund und Kinn, bis auf die feuchten Ringeln der Haare, die Halbbogen der Brauen auf der Stirn, und das gab dem Antlitz etwas kindlich Naives. So stand sie da und zog fröstelnd ihr nasses Tuch um sich, sprach aber kein Wort nach den ersten Klagelauten.

Theodor rückte einen Schemel herbei und eröffnete den Weg zu weiteren Beziehungen mit der höflichen Bitte, Platz zu nehmen.

Der nasse Gast legte vorsichtig die Hand auf den Holzschemel, betrachtete diesen wie etwas Niegesehenes und sah dann ebenso von Maruschka auf Theodor.

Die Alte fühlte ihre Ahnungen wiederkehren.

»So geberdet sich kein richtiges Menschenkind,« dachte sie, sagte aber nur:

»Wer weiß, wo Die herkommt, Theodorchen.«

Da wandte der sonderbare Gast sich ihr zu, hob lächelnd die nassen Arme, zeigte die triefenden Kleider und bestätigte den dunklen Argwohn einfach mit den Worten:

»Aus dem Wasser.«

»Heiliger Stephanus! Sagte ich's nicht? Meine Ahnung!« kreischte die Alte.

Theodor mußte an einen andern Heiligen denken bei der Offenbarung von Jugend und Schönheit, die ihm geworden, er wehrte sich aber nicht dagegen wie weiland der gute Antonius, sondern zeigte sich praktischer, indem er Maruschka befahl, es dem Gaste behaglich zu machen und vor Allem für eine Tasse heißen Thees zu sorgen.

»Theodorchen, trautestes Kind, höre auf mich, Deine alte Maruschka, die Deine Kindheit treu behütete!« flehte die Alte mit angstvoller Inbrunst. »Du ließest sie, Gott sei's geklagt, über Deine Schwelle treten, – wahre nun wenigstens Deinen Herd, nimm sie nicht an Deinen Tisch! Theodorchen, sei nur dieß einzige Mal klug, schließe Aug' und Ohr und öffne die Thür, damit die Welle sie fortspülen kann.«

Die Wirkung ihrer Worte war eine verkehrte, Theodorchen verschloß der Warnung das Ohr und öffnete die Thür, und zwar die falsche, nämlich die nach dem Innern, dem Herd des Hauses! Bewegung und Worte ließen keinen Zweifel und keine Weigerung zu; eine plötzliche Energie war über den sanften Gelehrten gekommen.

»Ich bin der Herr hier, Maruschka; thu', wie ich befahl!«

Mit einem ächzenden Seufzer und einem letzten, scheuen Blick auf den Gast verließ die Alte das Studirzimmer ihres jungen Gebieters.

Als Theodor sich seinem schönen Besuch wieder zuwandte, hatte derselbe auf dem vorhin gebotenen Holzschemel Platz genommen; die bislang inne gehabte Stelle bezeichnete ein nasser Fleck.

Das Mädchen strich mit beiden Händen das Wasser von den Haaren und blickte freundlich zu Theodor auf, der mit zusammengelegten Händen und ernst verlängertem Gesicht die verlegene Bemerkung machte:

»Ich glaube, Sie sind ganz und gar durchnäßt.«

»Wie gebadet,« antwortete sie und lächelte, während ein Schauer ihren Körper durchlief.

Theodor bemerkte ihr Zittern, Mitleid und der Wunsch zu helfen, regten sich auf das Lebhafteste in seinem Herzen; er hatte sich aber nie in seinem Leben in ähnlicher Lage befunden, nie einem weiblichen Wesen nahe gestanden außer Maruschka, Selbstvertrauen mangelte ihm gerade in gewöhnlichen, als bekannt vorausgesetzten Dingen und ließ ihn jetzt ganz im Stich. Er sah unendlich unbeholfen aus, als er so rathlos und thatbereit vor ihr stand und stotterte:

»Könnte ich Ihnen nicht in irgend einer Weise behilflich sein? Wir sind hier leider gar nicht – so gar nicht –« Er blickte suchend um sich.

»Auf Besuch eingerichtet,« fiel das Mädchen ein; »das scheint mir so,« und sie sah auch umher.

»Ja,« sagte er erleichtert, »auf Besuch allerdings nicht eingerichtet, besonders –«

»Wenn so ein Gast aus dem Wasser kommt.«

Er sammelte sich und erklärte:

»Wir sind nämlich erst seit Kurzem hier und nur mit dem Nothdürftigsten versehen.«

Letzterer Umstand war ihm aber bisher nie aufgefallen, weil er sehr wenig bedurfte und für Behaglichkeit und Bequemlichkeit gar keinen Sinn hatte, wie Maruschka stets beklagte. Jetzt zum ersten Male empfand er das Ungenügende seiner Umgebung, denn er suchte vergeblich nach irgend einem Hülfsmittel, um der Noth des jungen, schönen Wesens abzuhelfen. Er fand nichts, es gab durchaus nichts Weibliches in seiner Umgebung, außer dem Strickkorb Maruschka's und ihrem hölzernen Fußbänkchen. Der erstere befand sich gewöhnlich auf, das zweite unter dem sogenannten Fensterkopf (Fensterbrett), den Maruschka als Tisch zu benützen pflegte, wenn sie in dem defekten Strohsessel saß, um ihrem »Theodorchen« Gesellschaft zu leisten, der diese gute Absicht freundlich anerkannte, die, Gegenwart der Alten aber sofort wieder vergaß. Was sie in ihrem Körbchen mitbrachte, womit sie sich beschäftigte, darüber hatte er nie nachgedacht. Jetzt fiel sein Blick auf den gefüllten Korb und er hoffte, daß sich etwas Nutzbares darin finden werde. In seiner Eile stolperte er über das Fußbänkchen, glitschte beim Zurückeilen auf dem nassen Fleck inmitten der Stube aus und fiel seinem Gast beinahe in den Schooß, als er seine Gabe überreichte.

Sie nahm ihm das Körbchen ab, dankte und fragte schelmisch:

»Soll ich stricken?«

»O nein, bitte – ich dachte nur, es möchte da drinnen vielleicht etwas vorhanden sein, was Sie brauchen könnten; Maruschka thut, scheint mir, da immer Allerlei hinein.« Und er griff in den Korb, zog triumphirend einen fertigen wollenen Strumpf heraus und sagte diensteifrig:

»Sehen Sie wohl, ich wußte es; sie hat immer einen solchen Gegenstand darin.«

»Einen solchen Gegenstand,« wiederholte sie; »aber das dürfte nicht ausreichen für dieß nasse Zwillingspaar.« Dabei streckte sie ihm beide Füßchen entgegen, von denen wahre Klöße von Sand abbröckelten.

»Ja, freilich, dann« – bemerkte er niedergeschlagen, als ob diese Zwillingsgeburt eine Abnormität wäre, »das heißt, vielleicht –« Er kramte einen zweiten, halbfertigen Strumpf mit den obligaten fünf Nadeln aus dem Wunderkorb.

»Glauben Sie?« fragte die Kleine mit koketter Treuherzigkeit.

Theodor betrachtete seinen Fund genauer und ließ ihn dann in den Korb zurückfallen.

»Ich fürchte in der That, es dürfte – die Nadeln wenigstens – – aber,« fuhr er plötzlich mit neuem Muth fort, »zum Abtrocknen könnte der lange Strumpf doch am Ende nützlich sein; erstarrte Gliedmaßen frottirt man sehr erfolgreich mit Wolle, ich habe das auf meinen Reisen im Norden häufig erprobt.«

»O ja! Ich danke Ihnen sehr für den guten Rath,« antwortete sie gefällig und trocknete sich an dem Strumpf die Hände, während Haare und Kleider trieften.

Der gute Anfang ermuthigte ihn.

Er sah, daß der Strumpf nicht ganz ausreichte, und erinnerte sich des Handtuches, welches Maruschka ihm zum Gebrauch während der Arbeit über seine Stuhllehne zu hängen pflegte.

Heute hing das Tuch über der Waschschüssel auf einem Schemel ohne Lehne.

In maßlosem Diensteifer trug er Alles zusammen herbei und hielt es ihr hin. Die Kleine nahm das Handtuch, dankte, blickte in die Schüssel, die er noch immer hielt, und sagte ernsthaft:

»Naß genug bin ich ja wohl!«

Er erschrak, wurde sich seines Ungeschicks bewußt und stammelte verwirrt:

»Ich glaube auch!« worauf er eine Weile mit der Schüssel im Zimmer umher lief, ehe er einen geeigneten Platz zum Niedersetzen fand.

Die Augen des Mädchens folgten ihm.

»Ich bitte sehr um Verzeihung, daß ich Ihnen neue Umstände verursache,« sagte sie.

»O durchaus nicht, im Gegentheil, ich habe wirklich gar nichts zu thun, es ist mir sehr – wirklich recht gesund und angenehm, mich nützlich zu beschäftigen.«

»Nun, wenn ich das glauben kann –«

Sie wickelte an dem großen, nassen Wollentuch, welches in vielfachen Windungen ihren Oberkörper verhüllte.

Er wollte es ihr abnehmen.

»Ach nein,« bat sie ängstlich, »es trocknet besser so, ich behalte es lieber um; aber wenn Sie mir das Haar trocknen wollten – hier mit dem Handtuch.« Und sie faßte das lange, schwere Haar wie einen Schweif zusammen und reichte es ihm dar.

»O gewiß, sehr gerne,« antwortete er geschäftsmäßig, als ob ihn diese Forderung nicht im geringsten überrasche und das Trocknen langer Frauenhaare ihm eine ganz geläufige Beschäftigung sei.

Er nahm das feuchte Bündel aus ihrer Hand, schlug das Handtuch ganz regelrecht darum und rieb mit großem Eifer darauf los.

»Wie geschickt Sie das machen, mein Herr,« lobte die Kleine; »so routinirt!«

Er arbeitete mit ehrbarem Ernst und hatte dabei die Lippen zusammengezogen, wie Kinder zu thun pflegen, wenn sie sich einem Werke ganz hingeben. Jetzt sah er auf und lächelte glücklich, weil sie ihn lobte.

»Sie sind am Ende gar Friseur?« fragte das Mädchen neugierig.

»Friseur?« wiederholte er überrascht; »ach nein, das nicht«, das heißt,« er beschränkte die Verneinung sofort, da er zu bemerken glaubte, daß sie dadurch enttäuscht wurde, »ich verstehe ein wenig davon – so viel, um nichts zu verderben – nämlich – ich frisire mich zwar nur – aber ich rasire mich auch selbst, ganz allein – alle Tage.«

Sie sah auf seine Kinderlippen, auf das runde, weiche Kinn und lächelte wieder.

»Warum thun Sie das eigentlich?« fragte, sie in Bezug auf seine Mittheilung betreffs des Rasirens. – Er wußte nicht, was sie meinte.

»Warum lassen Sie den Bart nicht wachsen?« fuhr sie fort.

»Es sieht so martialisch aus,« entschuldigte er sich beschämt.

Sie hatte offenbar eine moquante Bemerkung auf den Lippen, unterdrückte sie aber.

»So, nun danke ich Ihnen, mein Herr,« sagte sie nach einer kleinen Weile.

Theodor war in Eifer gerathen.

»Geniren Sie sich ja nicht, wenn ich etwa noch weiter reiben soll; ich bin noch gar nicht müde und kann es ganz gut länger fortsetzen.«

Sie entzog ihm das Haar.

»Es ist wirklich nicht mehr nöthig; sehen Sie, die Haare kräuseln sich schon wieder.«

Er hielt das Handtuch, sie das Haar in den Händen, welches Beide betrachteten. Ein paar Strähnen klebten an dem wollenen Tuch fest; sie löste dieselben ab und er half ihr, bis sie Alles zusammengefaßt hatte. Da bemerkte er auf seinem Handtuch einige lose, lange Haare.

»Hier sind noch welche, bitte,« meldete er ehrlich und diensteifrig.

Ein sonderbarer Blick traf ihn, vielsagend, wenn er ihn verstanden hätte. Aber er verstand nichts davon und reichte ihr die vom Handtuch gesammelten losen Haare hin.

»O, ich danke sehr, mein Herr; aber ich fürchte, diese Haare werden doch nicht mehr zu brauchen sein.«

Er hob sie bis zur Brille empor und betrachtete sie aufmerksam.

»Schade!« sagte er ernsthaft, und dann setzte er lebhaft hinzu: »Sie haben alle noch Wurzeln.«

»Ich glaube doch, es wird nicht mehr gehen,« meinte sie.

Er hielt die blonden Fäden noch immer sinnend in der Hand. »Es ist wirklich schade darum, – ich sah Maruschka immer ihre Haare sammeln, früher – als ich noch klein war und bei ihr wohnte.« Wozu Maruschka ihre Haare sammelte – das hatte ihn nicht gekümmert; vielleicht pflanzte sie sie wieder ein, wenn sie noch Wurzeln hatten.

»Als Sie noch bei ihr wohnten – wohnen Sie jetzt nicht mehr bei ihr?« forschte das Mädchen neugierig.

»Nein, jetzt wohnt sie bei mir

»Ah so! Nun – vielleicht sammelt sie trotzdem noch ihre Haare und Sie könnten dann diese hier dazu thun – in die Sammlung, die gewiß seitdem recht angewachsen ist.«

»O, ich danke – ja, ich glaube, das geht,« meinte Theodor und wickelte die Haare sorgfältig über zwei Finger, streifte den Ringel ab und legte ihn unter einen Stein, den die See rund gewaschen und ausgeworfen hatte und der hier die Stelle eines Briefbeschwerers vertrat. Es lag aber nur ein einziger Brief darunter, in dessen Umschlag – wahrscheinlich der Sicherheit halber – Theodor das leichte Geringel steckte.

Das Mädchen folgte aufmerksam seinem Thun. Als er sich ihr wieder zuwandte, sah sie schnell an sich nieder und klagte über ihre »armen Füße«.

Er brachte ihr Maruschka's Fußbank.

»Sie sind wirklich gar zu gütig, mein Herr; aber das Bänkchen allein thut's nicht. Vielleicht helfen Sie mir die Schuhe ausziehen, die so naß, kalt und schwer sind?«

»Gewiß, sehr gerne!« antwortete er und diente ihr mit demselben Eifer, den er vorhin als Friseur entwickelt hatte, nun als Stiefelknecht, indem er beide Schuhe faßte, aus denen sie die Füßchen zog.

Er hielt die kleinen Schuhe neben einander und steckte, sie abwechselnd betrachtend, beinahe die Nase hinein, aus Verlegenheit, was sonst damit beginnen.

»Sie sind ganz durchnäßt, man könnte sie sonst wichsen, das heißt, wenn sie von Leder wären.«

»Ich werde sie nicht wieder gebrauchen, sie sind ganz aufgeweicht und nichts mehr werth. Werfen Sie sie fort!« sagte das Mädchen.

»Aber Sie können doch nicht auf Strümpfen nach Hause gehen?

»Ich werde auch diese ausziehen müssen.«

»Und barfuß gehen?«

»Warum denn nicht?«

»Nein, das geht nicht!« sagte er plötzlich ganz energisch. »Maruschka hat vielleicht ein Paar trockene Schuhe.«

Ehe sie antworten konnte, war er im Nebenzimmer verschwunden.

Sie erhob sich von ihrem Sitz, sah ihm einen Augenblick nach und blickte dann prüfend und suchend im Zimmer umher.

Mit der Kerze beleuchtete sie die Gegenstände auf dem Tisch und hob den Stein, unter welchem Theodor ihre Haare geborgen. Das Couvert lag mit der Verschlußseite nach oben und hatte einen Doppelbuchstaben auf der Klappe. Sie wandte den Brief und las die Adresse: »An Herrn Theodor Aland, Wohlgeboren, Helgevil bei D.«

»Also doch!« murmelte sie und legte den Brief wieder unter den Stein.

Dann ging sie bis an die Wand hinter den Tisch und blieb vor einer kolorirten Lithographie, dem geschmacklosen Bilde eines Herrn aus der Zeit der hohen Halskragen und kurzen Taillen, stehen. Hier fand sie der zurückkehrende Theodor; sie drehte sich unbefangen nach ihm um und fragte, auf das Bild deutend:

»Wer ist das?«

»Mein Onkel, der frühere Besitzer dieses Hauses.«

»Es ist gar nicht ähnlich!« sagte sie kopfschüttelnd.

»Kannten Sie ihn denn?« fragte er überrascht.

»Ich – den da?« – Ein Blitz fuhr über sie hin und zeigte ihm ihr übermüthig lachendes Antlitz.

»Es schien mir nur so, weil Sie eben meinten, es sei nicht ähnlich,« entschuldigte er sich.

»Ihnen sieht es nicht ähnlich, meinte ich.«

»Ah so, verzeihen Sie! Nein, ich sehe ihm durchaus nicht ähnlich, er war der Bruder meiner Mutter und ich soll meinem Vater ähnlich sehen, wenigstens sagt Maruschka so.«

»Ist sie die Einzige, die das findet?« Es war sonderbar, welch' geringfügige Dinge das Mädchen zu interessiren schienen.

»Die Einzige, die ihn kannte.«

»Ihr Vater lebt nicht mehr?«

»Meine Eltern sind beide lange todt, ich erinnere mich ihrer nicht.«

Das war so einfach gesagt und enthielt eine so traurige Geschichte! Sie empfand das, ihr Herz warnte sie vor weiterem Vordringen in fremdes, begrabenes Leid, aber die Neugier siegte über das zartere Empfinden.

»Der Onkel dort und Maruschka ersetzten Ihnen dann die Verlorenen?« fragte sie leise.

»Er nicht,« antwortete Theodor ruhig, ohne Bitterkeit, »aber Maruschka.«

Sie wollte noch etwas hinzufügen, biß sich aber auf die Lippen und ging um den Tisch ihm entgegen.

Er hielt ihr ein Paar riesige Filzpantoffeln entgegen.

»Die soll ich doch nicht anziehen?« fragte sie mit ganz veränderter Stimme, in unmaskirtem Spott.

Beschämt senkte Theodor das Haupt. Er war so froh über den warmen Fund gewesen, daß er die Größe desselben nicht in Beachtung gezogen hatte.

»Freilich,« meinte er nun kleinlaut, »ich dachte nicht daran, Maruschka hat wirklich große Füße, aber . . .« Er strahlte plötzlich über einen neuen Einfall, der über jede Kritik erhaben sein mußte, denn der unbeholfene Theodor Aland sprach plötzlich ganz fließend und zuversichtlich: »Maruschka hat mir kürzlich – zu meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag nämlich – ein Paar Morgenschuhe geschenkt, die sie selber gestickt hat. Diese Pantoffeln aber habe ich noch nicht getragen, sie waren mir nämlich etwas zu eng.«

Bei den letzten Worten ließ er die Riesenpantoffeln fallen und zog aus einer Schublade seines Arbeitstisches ein Paar rothe Sammetpantoffeln, auf deren Blatt ein großes T in Gold gestickt prangte.

Das Mädchen staunte die Pracht an und befühlte das strahlende T mit dem Zeigefinger, der, schlank und zugespitzt, aussah, als ob er bisher nur zum Zeigen gedient, und sah fragend zu dem jungen Manne auf.

»Ich heiße nämlich Theodor,« erklärte er.

»Ach ja, ich weiß,« antwortete sie, als ob sie sich's erinnerte; »aber wollen Sie mir denn wirklich diese wunderschönen Schuhe borgen? Wenn ich sie Ihnen nun verderbe?«

»O, das schadet gar nichts! Vielleicht dehnen Sie sie mir auch aus und sie drücken mich später nicht mehr!«

»Dann will ich die Schuhe annehmen und mich bemühen, sie Ihnen recht auszutreten.«

Er kniete vor ihr nieder und sie reichte ihm ein Füßchen. Vorsichtig nahm er es in die Hand, wie man einen kleinen Vogel faßt.

»Er ist schon wieder ganz warm,« meldete er treuherzig glücklich und steckte das Füßchen in den glänzenden Käfig, worin es sich verlor.

»Doch noch ein bischen zu groß,« warf er bedenklich ein.

Sie tröstete ihn.

»Das schadet nicht, in der Weite geht es und ich ziehe beim Gehen die Sohlen an mich, dann verliere ich sie nicht. Hier der andere.«

Auch diesen brachte er glücklich unter, und dann machte sie ein paar Schritte zur Probe, die er gespannt betrachtete.

»Sie halten ganz gut und sind so schön warm und weich,« behauptete sie mit schelmischer Dankbarkeit.

Der Regen prasselte gegen die Fenster.

»Wenn es nur aufhören wollte zu regnen,« setzte sie hinzu.

»Das Aergste ist wohl vorüber.«

»Dann möchte ich mich lieber auf den Weg machen.«

Theodor bemerkte, wie ungeschickt seine Behauptung gewesen, und versuchte sie nachträglich einzuschränken, indem er hinzufügte:

»Das heißt, der Regen fängt immer erst recht an, wenn das Gewitter abzieht, und Sie wollten doch auch noch den Thee abwarten.«

»Ich darf mich aber nicht zu lange aufhalten, man erwartet mich – unten.«

»Sie wohnen in Helgevil?«

»Ja – das heißt, eigentlich wohne ich anderswo, ich bin jetzt nur gerade dort.«

»Vielleicht zur Kur?«

»Zur Kur nicht eben, ich kam zu anderem Zweck her.«

Eine plötzliche Befangenheit machte sich bei ihr bemerkbar, vielleicht durch seine Fragen veranlaßt. Das that ihm leid. Sie war offenbar in keiner guten Lage und schämte sich vielleicht, darauf angesprochen zu werden. Theodor bemühte sich, sie zu trösten, indem er sagte:

»Man findet während der Kurzeit überall leichten Verdienst.«

Der Trost schlug an, denn sie lächelte schon wieder, als sie antwortete:

»Das hoffte ich auch, gerade jetzt – in der Erntezeit.«

Er erschrak.

»Sie wollen doch nicht im Felde arbeiten?«

»Ich habe schon auf manchem Felde gearbeitet,« bemerkte sie ausweichend und fragte dann plötzlich:

»Kommen Sie nie nach dem Kurhaus – in das Konzert – in die Anlagen?«'

»Arbeiten Sie dort auch?«

»Mitunter.«

»Dann komme ich gewiß hin. Ich war noch niemals dort, aber wenn ich Sie treffen kann, besuche ich selbst den Kurgarten und das Konzert.«

Er war plötzlich sehr muthig geworden.

»Wenn Sie mir Ihren Namen nennen wollten, könnte ich nach Ihnen fragen und Sie aufsuchen.«

Sie zögerte, und er glaubte, sie schäme sich, bei der Arbeit von ihm gesehen zu werden; daher setzte er gutmüthig hinzu:

»Ich könnte Ihnen sehr gut helfen, mir ist Bewegung nöthig, ich habe hier Mangel an körperlicher Thätigkeit. Also nach wem darf ich fragen? Wo leben Ihre Eltern?«

»Eltern habe ich nicht und meinen eigentlichen Namen kennt hier Niemand.«

»Aber man ruft Sie doch bei irgend welchem Namen?«

»Man ruft mich verschieden.«

»Ich möchte aber doch gerne wissen –«

Sie unterbrach ihn mit einem hellen Lachen. »Nun verstehe ich! Sie haben Furcht, daß ich Ihnen mit den schönen Pantoffeln durchgehen könnte!«

Beschämt und entrüstet wollte er sich gegen solche Vermuthung verwahren, da öffnete sich die Thür hinter ihnen und Maruschka erschien auf der Schwelle. Sie trug in den Händen ein Tablett mit Theekanne, Tasse und Zubehör und brennender Lampe. Mit ängstlich gespannten Zügen und blöden Augen forschte sie an dem Licht vorüber in das Zimmer herein und erhielt in demselben Augenblick die entsetzlichste Bestätigung ihrer schauerlichen Ahnungen von den Lippen Derjenigen, die ihr nur wie ein Schatten hinter der blendenden Lampe dämmerte.

»Nun – Sie laufen allerdings einige Gefahr, Herr Theodor, ich bin nämlich – das Meerweibchen.«

Gellend aufkreischen und das Tablett mit Lampe und Geschirr hinwerfen, war eins für Maruschka. Donner und Blitz von außen begleiteten ihren Schrei; sie hatte die Thür hinter sich nicht geschlossen, der Zug riß die zweite, nach der See führende, auf, wild heulend fuhr der Sturm hindurch, löschte das kleine Licht auf dem Tisch, die qualmende Lampe am Boden und hüllte Alles in Finsterniß.

Der nächste, scharf leuchtende Blitz zeigte nur noch zwei Personen im Zimmer, die entsetzte Maruschka und den überraschten Theodor; die dritte, der schöne, unheimliche Gast war verschwunden, vom Sturm entführt, von der Regenflut weggespült. Nachdem Theodor wieder Alles verschlossen und Licht angezündet hatte, sah er sich um, suchend, staunend, und fragte endlich:

»Wo ist sie geblieben?«

Maruschka war auf einen Stuhl gesunken und ächzte:

»Wo, wo! Das kannst Du noch fragen?«

Sie schlug die Hände schaudernd zusammen.

»In die Wellen, wohin sie gehört! O Kind, Kind, hättest Du auf mich gehört!«

»Aber sie wollte doch noch Thee trinken,« begann Theodor kleinlaut.

Maruschka seufzte erleichtert:

»Gottlob, daß Dir das wenigstens erspart blieb!« Dann citirte sie mit Pathos ihren Spruch: »Halt' den bösen Geist fern von Tisch und Herd!«

»Herd? Dort trocknen ihre Schuhe,« erinnerte er sich plötzlich.

»Wenn sie noch da sind! Sie werden mit ihr verschwunden sein.«

»Unsinn, sie hatte ja meine Pantoffeln an.«

»Deine Pantoffeln? Deine guten, neuen Pantoffeln?«

»Meine warmen, schönen Morgenschuhe, die Du mir schenktest. Ich zog sie selbst über ihre armen nassen Füßchen.«

»Das thatest Du, Theodorchen?« stöhnte die Alte vernichtet; »gabst ihr selbst ein Recht an Dich, ein Pfand, an dem sie Dich nach sich ziehen kann? O, das Unglück, das Unglück – mir ahnte es wohl!«

Theodor stand verwirrt mitten im Zimmer und hörte kaum auf die Worte der Alten.

»Wenn ich ihr nachginge!« murmelte er unentschlossen.

»In's Wasser – gleich?« schrie Maruschka, von neuem Schreck belebt, auf.

»Sie war fremd hier, verirrt, kalt und naß, das arme junge Ding!« klagte Theodor, in qualvoll süße Erinnerungen versunken.

»Das Seegespenst, das Meerweibchen, der Teufelsspuk; warte nur, in welcher Gestalt er Dir nächstens erscheint!«

»Dummheiten, Alterweiberschnack.«

»Hat sie ein Kreuz gemacht, als sie über die Schwelle trat?«

»Warum sollte sie das? Ich thue es auch nicht.«

»Du bist in der Fremde, bei dem Heidenvolk selber zum Heiden geworden. Deine Mutter war eine gute Katholikin.«

»Und mein Vater ein Ketzer.«

»Und ein Komödiant dazu! Gott sei's geklagt, er hat Unglück genug über Deine arme Mutter gebracht,« seufzte Maruschka. »Du bist alt genug, um es zu verstehen, und solltest Deiner Eltern Sünden abbeten, anstatt solch' sündliches Handwerk, solche Zauberkünste zu treiben. Es muß mir einmal herunter vom Herzen, ich muß mir Luft schaffen, habe wohl schon zu lange geschwiegen. Mir graut es hier in Deiner Hexenküche; was schaffst Du hier, wem zu Nutz und Frommen vergräbst Du Dich in die Einsamkeit?«

»Ich bin Chemiker; die Wissenschaft ist mir die liebste Gesellschaft.«

»Darum fliehst Du die feine, anständige Gesellschaft in Helgevil und suchst die elenden Flissaken und Spitzbuben am Strande auf! Gesindel, welches kaum getauft ist!«

»Die elenden Flissaken am Strande haben allerdings mehr Reiz für mich als die Leute am Kurhaus und auf der Promenade. Habe ich nicht herrliche Skizzen von meinen Wanderungen mitgebracht?«

»Ißt mit dem Gesindel, als ob ich Dich hungern ließe.«

»Häringe, frisch vom Fange geröstet, kannst Du mir ja nicht bereiten, liebe Alte.«

Maruschka faßte die Summe ihres Elends zusammen.

»Ach, wäre ich Dir nicht hieher gefolgt an's Meer, das ich immer gefürchtet habe! Es kommt nichts Gutes von daher! Mir ahnte das immer! Wäre ich in Kassuben geblieben!«

Theodor trat zu ihr. Mitleid und Trauer klangen aus seiner Stimme, als er leise fragte:

»So schwer, Maruschka, ist es Dir geworden, mir hieher zu folgen? Ich ahnte das nicht! Mich verlangte es nach der treuen Pflegerin meiner einsamen Kindheit, als ich nach so langen Jahren wieder in die Heimat zurückkehrte; ich dachte, da Du auch allein in der Welt standest wie ich, wir könnten in dem alten Hause hier eine gemeinsame Heimat gründen.«

»Hier bleiben? Um keinen Preis, Theodorchen, das gib nur auf, wenn ich bei Dir bleiben soll. Ich graule mich hier zu Tode; das unabsehbare Wasser, der dunkle Wald dicht dabei, die Felsen und Schluchten, das ist kein Aufenthalt für ehrliche Menschen. Weißt Du, daß man behauptet, Du seist der schwarze Konrad? Das hast Du von Deinem menschenscheuen Gebühren.«

»Ich – der schwarze Konrad? Bin ich denn schwarz?«

»Das ist egal, der Räuber soll auch kein Mohr sein, er heißt nur so, weil man ihn nie anders als in einer schwarzen Maske und Kappe gesehen hat.«

»Mein Leben und Treiben liegt ja vor Jedermann offen da, der Eintritt in mein Haus ist Keinem verwehrt, warum sollte man gerade mir solchen Unsinn andichten?«

»Du treibst Dich halbe Tage umher! Weiß ich, wo Du Dich aufhältst, wenn man mich fragt? Sieht Dich, kennt Dich hier irgend Einer? Bis in die tiefe Nacht brennt Dein Licht hier nach der See hinaus im Laboratorium, wie Du diesen abscheulichen Raum nennst. Man sagt, nicht umsonst leuchte und verschwinde dieß Licht, erscheine es bald als rothe, bald als blaue oder grüne Flamme; das seien lauter Signale, und mich sollte es nicht wundern, wenn nächstens die Polizei bei uns Haussuchung hielte und Dich als verdächtig verhaftete.«

»Maruschka, es fehlte nur noch, daß Du selbst mir mißtrautest,« sagte Theodor gekränkt.

»Wenn ich Dich nicht kennte und liebte, mehr als ich meine eigenen Kinder geliebt habe, so konnte ich wirklich irre an Dir werden. Der schwarze Konrad, dieser wilde Seeräuber und Menschenfresser, mit dem man kleine Kinder zur Ruhe bringt, soll auch noch ein junger Mann sein.«

»Sehe ich aus wie ein Seeräuber und Menschenfresser?« fragte Theodor ernsthaft.

Die Alte betrachtete ihn zärtlich.

»Nicht gerade, Theodorchen, aber die Engel der Finsterniß verstellen sich in Kinder des Lichts, und von dem Wolf im Schafskleide kann man in der Bibel lesen. Du solltest heirathen, das wäre das beste Mittel, den Leuten zu zeigen, was in Dir steckt.«

»Ich wollte ja heirathen, wie Du weißt.«

»Ja, auch nach Deiner Art, das heißt, so ungeschickt und thöricht, wie Du Alles machst; eine Frau, die Du nie gesehen, wolltest Du als Zugabe bei der Erbschaft in den Kauf nehmen! Nicht einmal eine alte Kommode würde ich mir unbesehen so in's Haus nehmen.«

Das Gespräch hatte übrigens Beider Aufmerksamkeit von dem eigentlichen Streitpunkt abgezogen und Maruschka's Nerven beruhigt. Sie sammelte nun gelassen die Scherben auf und ging damit nach der Küche.

Theodor stand in Gedanken verloren vor seinem Tisch; er nahm den Brief unter dem Stein hervor. Den Inhalt kannte er genau, obwohl er ihn nur einmal gelesen, vor einigen Monaten, ehe er hieher zog. Jetzt wunderte er sich nur, daß er diesen Brief, der ihn gar nicht besonders interessirt und auch nicht gekränkt hatte, beim Auspacken seiner geringen Habe hier unter den Stein gelegt und heute Abend das Haar des Meerweibchens da hineingesteckt hatte. Seine Finger strichen über das feine Geringel, plötzlich zuckte er zusammen, von einem Gedanken erfaßt.

»Sie wird die Schuhe in's Feuer werfen!«

Er stürzte Maruschka nach in die Küche und kam gerade noch zur Zeit, um einen der kleinen Schuhe zu retten, der andere war bereits von der Flamme erfaßt und bog sich wie in Schmerzen zusammen.

Maruschka kam herzu und stieß den Hexenschuh mit dem Feuerhaken tiefer in den glühenden Torf. Sie hatte nicht gesehen, daß ihr Pflegesohn einen der Schuhe herausgezogen und unter seine Weste gesteckt hatte.

Mit dem Pantoffel auf dem Herzen schlich Theodor in sein Laboratorium zurück. Der Schuh brannte ihn, kein Wunder, er kam aus dem Feuer. – Theodor Aland war ganz übermüthig geworden und sang halblaut vor sich hin:


»Kein Feuer, keine Kohle kann brennen so heiß,
Als ein Hexenpantoffel, von dem Niemand nichts weiß.«


Dann lachte er vergnügt, setzte sich an seinen Arbeitstisch und las den Brief noch einmal, den er vor länger als zwei Monaten erhalten, dieser lautete:

»Mein Herr!

»Ihr Antrag ist eine Beleidigung, gleichviel, ob Frivolität oder Narrheit ihn diktirte. Von einer Einigung auf gütlichem Wege kann nach diesem Schritt Ihrerseits nicht mehr die Rede sein; fernere Zuschriften wird mein Anwalt in Empfang nehmen.

Gertrud von Olschewska.«

»Ein Glück, daß sie mich abwies; Maruschka hat Recht, es war eine Unvorsichtigkeit von mir,« dachte er und steckte die Locke in das Briefcouvert und den Brief in den Schuh, worauf er Alles zusammen in die Schublade seines Tisches schloß.



II.

Dem nächtlichen Unwetter folgte ein köstlicher Morgen, an welchem die Erde erfrischt und gekräftigt den Morgenkuß der Sonne empfing.

Am Kurhause zu Helgevil sah es aus wie am Sonntage nach der sonnabendlichen Scheuerei, es strahlte Alles in frischem Glanz: die Tische und Bänke, die Blätter an Baum und Strauch, die Kiesel der Wege, sogar der Oberkellner, welcher gestern mit schlapper Serviette und welker Frisur einer Ruine in staubbegrabener Welt glich und heute neuerstandene Reize durch die verjüngte Schöpfung trug.

Der Platz vor dem breit angelegten Gebäude zeichnete sich durch herrliche alte Bäume vor seinesgleichen aus. Orangen und Lorbeer gab es hier nicht, aber Eichen, Buchen, Kastanien und Ahorn vereinigten ihre Kronen über den hergebrachten Etablissements von grünen Tischen, Bänken und Stühlen und warfen ihre beweglichen Schatten darüber hin. Ein leichtes Gitter von Eisendraht schloß den geräumigen Platz nach der Promenade hin ab, ohne den Blick gefangen zu nehmen, dem jenseits des Weges zwischen den hochstämmigen Bäumen die blaue See das beliebte Endziel bot. Auch der übliche Musiktempel fehlte nicht, er war sogar in der frühen Morgenstunde schon in Anspruch genommen.

Das Morgenkonzert wurde in der kurzen Zeit sommerlicher Hitze fleißig besucht, denn Helgevil besaß auch eine Brunnenpromenade und eine Molkenkuranstalt, in welcher eine niedliche Altpreußin im Schweizerkostüm »echte Schweizer Ziegenmolken« verzapfte. Das Häuschen mit seinem steinbeschwerten Dache und seiner Veranda war natürlich ebenso echt.

Der kräftigere Theil der Kurgäste, denen die Morgenbrise eine angenehme Zugabe für die Walzer von Strauß oder Kaffee mit »Schmand« (Rahm) war, nahm gewöhnlich das Frühstück unter den Bäumen vor dem Kurhause ein.

Außer dem Oberkellner Wilhelm, welcher der »Beiläufige« nach einer von ihm beliebten Redensart genannt wurde, servirten hier nur Kellnerinnen, meistens recht hübsche junge Mädchen, in einfacher Uniform von Kattunkleidern, weißen Schürzen und dito Häubchen mit weißen, steifen Schleifen hinten.

Heute nach dem starken Regen des vorigen Abends waren nur wenige Tische besetzt.

Das Orchester schloß eben mit einem Potpourri aus dem »Bettelstudenten«, der auch hier offene Ohren und Herzen gefunden hatte.

Im Echo klang der Seufzer nach: »Ach, ich hab' – sie ja nur – Auf die Schul–ter geküßt« – und zwar von den Lippen eines zierlichen, wohlgekleideten Herrn, der sich neben seiner massenhaften, schweren, scheinbar ungegliederten Gefährtin wie ein Ziegenböckchen am Felsblock ausnahm. Mit sanft gerötheten Wangen, mit sanft leuchtenden blauen Augen und sanft wehendem, blassem Backenbart und sanfter Stimme entschuldigte der kleine Herr in dem interessanten Refrain die Kühnheit seiner Bescheidenheit oder beklagte vielleicht die Bescheidenheit seiner Kühnheit, indem er seine Begleiterin an dem Musiktempel vorüber dem Kurgarten zuführte.

Die Schulter seiner Dame bot ihm die bequemste Gelegenheit zum Ausprobieren des Couplets, er brauchte das Haupt kaum zu neigen, um den taillenlosen Regenmantel, der einem gut gefüllten Getraidesack glich, an der bezeichneten Stelle zu erreichen. Die Dame machte aber nicht den Eindruck, als ob sie einen solchen Versuch strafen würde oder durch irgend etwas erschüttert werden könnte. In seiner starren Ruhe erinnerte das große, formlose Gesicht an einen gut aufgegangenen Hefenkloß, der beim Gähren seine ursprüngliche Gestalt verloren. Der Becher in ihrer Hand deutete auf Molkengenuß.

Vor dem Gitter schloß sich dem Paare eine dritte Person an, die raschen Schrittes von der See heraufgekommen war. Auch ihre Gestalt umhüllte ein Regenmantel, der aber nicht wie ein Getraidesack seinen Inhalt barg, sondern sich dem seinigen anpaßte wie ein gutsitzender Handschuh der Hand; und der Regenmantel that wohl daran, denn es waren reizende, jugendlich schlanke, volle Formen, die der Beneidenswerthe umschließen durfte. Auch das Köpfchen war nicht übel, wenn gleich seine Linien der Klassizität entbehrten, dazu war Alles zu rund in dem Gesichtchen. Der Franzose bezeichnet eine Schönheit, die durch Jugend und Frische reizt, mit dem Ausdruck: Beauté de diable.

Das Haar hing zurückgekämmt über den Mantel herab, es war feucht, Wasser und Sonne gaben ihm tiefe, satte Farben, nur oben an der Stirn schimmerte es lichtbraun, und die runde, kindliche Stirn verdeckte keine moderne Ponyfranse, aber auch kein Hut, denn die junge Dame schlenkerte diesen am Bande in der Luft herum, wie Kinder thun.

Es war unter den weiblichen Badegästen Mode, das Haar nach dem Bade aufgelöst flattern zu lassen und der Sonne, der Luft und der Beachtung preiszugeben. Die jungen Damen mit reichem eigenem Gewächs thaten das gerne und die anderen bei künstlichem Ersatz noch lieber. Im letztern Fall wird in der verschwiegenen Badezelle nach einer kleinen Zwangstaufe »Natur frisirt«. Der Effekt ist derselbe.

»'morgen, Kinder!« rief das Dämchen dem Paare zu; »ich bin wohl eine Stunde im Wasser gewesen. Es war ein köstlicher Wellenschlag nach dem Wetter von gestern! Sechsmal sprang ich vom Steg und schwamm so weit hinaus, daß die Badefrau und zwei alte Jungfern am Strande vor Angst mit den Armen und Beinen telegraphirten.«

»Aber Tula!« rief der kleine Herr vorwurfsvoll.

»Himmlische Luft!« Die Kleine athmete mit vollen Zügen und beachtete die Einrede nicht. »Wir frühstücken doch hier unter den Bäumen?«

»Wenn es nicht zu feucht ist!« gab der zierliche Herr zu bedenken, während die Masse im Regenmantel sich in stummer Entschlossenheit auf den nächsten Stuhl fallen ließ.

»Kellner!« erscholl es gleich darauf von den Lippen der jungen Dame.

Der Betreffende hatte mit der hübschen Simili-Schweizerin, die ihren Ausschank schloß, getändelt und schwärmte auf den Ruf eilig herbei.

»Serviren Sie, bitte, hier!« befahl die kleine Dame.

»Wie gestern?« fragte der Kellner mit affektirtem Lispeln, »oder beiläufig außer Kaffee, Thee, Eiern und Speck noch etwas Konsistenteres, in Anbetracht der großen Abkühlung?«

»Was gibt's denn noch?«

»O, wir haben zum Beispiel vorzügliche Koteletten, beiläufig vom Kalb und Hammel; Beefsteaks und Rumsteaks vom gemästeten Ochsen; Schinken –«

»Vielleicht vom Bären, in Anbetracht der Urzustände hier?« unterbrach ihn die junge Dame.

»Beiläufig nur vom Schwein,« entschuldigte der Kellner; »aber sehr delikat, noch warm, ganz frisch!«

»Frisch aus der Haut, Mermänchen, was meinst Du dazu?« fragte die Kleine in prickelndem Uebermuth ihren Nachbar, den zierlichen Holländer, dann setzte sie das Examen ernsthaft fort:

»Und sonst?«

»Sonst noch Zunge.«

»Auch noch warm und ganz frisch?«

»Beiläufig gepökelt; die äußerste Spitze mußte ich leider gestern beim Souper abgeben.«

Er illustrirte dieses Bedauerliche durch stärkeres Lispeln.

»Drum,« sagte die junge Dame, »ich habe es gleich bemerkt, daß ihr etwas fehlte!«

»Das heißt, sonst ist sie unverletzt!« versicherte Wilhelm.

»Nun, das ist tröstlich!« gab die Dame zu. »Serviren Sie also wie gestern mit der bis auf die Spitze unversehrten Zunge.«

Durch eine Volte mit der Serviette gab Wilhelm seinem »Ganz wohl!« einen beiläufigen Nachdruck und verlängerte in scheinbar höchster Eile den kurzen Weg bis zum Kurhaus zu einem Aktus.

Die drei Fremden waren vor zwei Tagen erst angekommen und hatten Wilhelm's besonderes Interesse erweckt. Er pflegte sich einzelne auserlesene Bissen aus der Zahl der Kurgäste zu reserviren, das Gros überließ er den Kellnerinnen; sein Rang als Oberkellner verpflichtete ihn nicht zu persönlichen Diensten. Entdeckte er jedoch, daß es sich »lohnte« – und er hatte einen sehr feinen Blick dafür – so behielt er sich solch' einen Fall vor. Hier »lohnte« es sich offenbar, die Herrschaften hatten fünf Zimmer genommen, fragten nur nach dem Besten, nie nach dem Billigsten, und zahlten mit holländischen Dukaten. Wilhelm widmete ihnen seine Dienste.

Er zerbrach sich den Kopf über den Zusammenhang der drei einander ganz ungleichen Personen und hatte, um seiner Neugierde wie seiner Pflicht zu genügen, bereits zweimal das Fremdenbuch den Herrschaften zur Hand gelegt; doch ward es bisher von der jungen, energischen Dame immer unbenutzt beiseite geschoben. Die Kleine war die Seele des Trios, das war Wilhelm »beiläufig« sofort klar; aber unter welchem Begriff sie herrschte, das hatte er bisher nicht entdeckt.

Warum diese drei Menschen, deren Gepäck mit einem ganzen Reisetagebuch an Gepäckzetteln beklebt war, aus Holland nach dem Strande von Helgevil kamen, hier zu baden und Molken zu trinken, das begriff Wilhelm auch »beiläufig« noch nicht. Er hoffte es aber zu erfahren, denn in Helgevil passirte nicht so viel Interessantes, daß die Empfänglichkeit dafür sich abgestumpft haben könnte.

Als Wilhelm mit dem Frühstück erschien, legte er von Neuem das Fremdenbuch, und zwar mit eingetauchter Feder, vor den Herrn hin.

Nachlässig griff derselbe darnach und blätterte darin.

»Kein einziger versprechender Name!« sagte er mit feiner klagenden Stimme und schickte sich an, den seinigen unter den »Kaufmann Meyer« zu setzen, den man unter allen Umständen und in allen Zonen zu finden pflegt.

Die junge Dame hatte vor dem Tisch Platz genommen und entzog ihm die Feder mit den Worten: »Gib her, Mermänchen, ich thu's dießmal für Dich!« Und sie schrieb mit breiter, großer Schrift schnell und energisch:

»Mijnheer Classen Merman, Amsterdam; – Mevrouw Käthe Merman, Amsterdam; – Mevrouw Gertrud Merman, Amsterdam.«

Dann reichte sie das Buch offen dem Kellner hin, der das Geschriebene mit neugierigem Blick überflog.

Mijnheer Classen Merman hatte durch seine Lorgnette beobachtet, was die junge Dame geschrieben, und fragte, sobald der Kellner sich entfernt hatte: »Gertrud Merman? Was soll das heißen?« »Was es sagt, Mermänchen,« war die lakonische Antwort.

»Warum bedienst Du Dich denn nicht Deines Namens, Tula?«

»Weil mir der Deine eben besser paßt.«

»Aber, liebes Kind, ich kann doch nicht als Mijnheer Merman mit zwei Mevrouws Merman reisen?«

»Warum denn nicht, Mermänchen?«

»Was sollte man denn davon denken?«

»Einfach, daß Du mit Deiner Frau und Deiner Mutter reisest.«

»Meiner Mutter?« wiederholte Mijnheer erstaunt; »ich bin zwar an allerlei Absonderliches von Dir gewöhnt, seitdem Du uns entwachsen und wieder zugefallen bist, aber warum Du plötzlich meine Mutter vorstellen willst, das Gelüst kann ich mir doch absolut nicht erklären. Es liegt ja gar kein Bedürfnis? darnach vor.«

»O doch, Du hast es nur noch nicht bemerkt. Uebrigens will ich gar nicht Mutterstelle an Dir vertreten, das kann Mevrouw Käthe thun!«

»Meine Frau soll meine Mutter vorstellen und Du?«

»Ich stelle so lange Deine Frau vor!«

Während dieses Zwiegesprächs hatte die große, dicke Frau daneben gesessen und ihre Eier und ihren Speck mit Thee hinuntergespült, ohne Notiz von dem Paar an ihrer Seite zu nehmen. Jetzt warf sie ein gleichmüthiges: »Hacke as Jose!« dazwischen mit einer Stimme, die aus dem Regenmantel dunkel und tief, wie aus dem Keller kommend, klang. Hacke as Jose sollte vielleicht Jacke wie Hose bedeuten.

Kleinlaut antwortete der verhandelte Gegenstand auf diese Bemerkung:

»Das glaube ich selber! Aber wie soll ich mir diese Komödie erklären?«

»Das könnte auf mancherlei Weise geschehen,« plauderte die kleine Dame in voller Behaglichkeit, während sie an den verbrannten Stellen ihres Toasts schabte; »zum Beispiel damit, daß ich Dich besser kleide, daß es langweilig für Dich ist, die stete Redensart zu hören: ›Ah so, die – die starke Dame dort – ist Ihre Frau Gemahlin! Ich glaubte – in der That, Sie sehen wirklich so merkwürdig jugendlich aus –‹ und so weiter, sodann kompromittirt Dich der Regenmantel bedeutend weniger, wenn Deine Mutter darin steckt, und endlich würde sich für den kindlichen Gehorsam und die kindliche Einfalt, die Dir innewohnen, die passende Empfangstelle finden. So, jetzt habe ich Dir im Großen und Ganzen die Vortheile gezeigt, welche sich Dir durch die Verwandlung bieten. Es kommt uns zu Statten, daß ich Dich nie anders genannt habe als Mermänchen und die Tante stets nur Mama Käthe. Schwierigkeiten hat es also weiter keine und Konsequenzen auch nicht, es ist für alle Theile bequem; Niemand kennt uns hier, und die Komödie kann ja jeden Augenblick wieder aufhören.«

»Dat is man bloß een Overgang!« murmelte Mevrouw gelangweilt.

Mijnheer zog die langen, blassen Bartmähnen auseinander und äußerte unbehaglich:

»Das Alles ist sehr zutreffend, liebe Tula, aber Du wirst mich doch nicht glauben machen wollen, daß Du nur aus Rücksicht auf mein Wohl diese Veränderung erfunden hast?«

»Nein, Mermänchen, das würde selbst Deine Eitelkeit nicht glauben, ich will darum mit dem Rest meiner Gründe nicht zurückhalten. Du weißt, daß ich als junge Wittwe selbst unter Deinem Schutze vor Bewerbungen und Heirathsanträgen nicht sicher bin.«

»Als Eigenthümerin für das Dir hinterlassene Besitzthum Deines Mannes kannst Du Dich doch nicht unter falschem Namen melden?«

»Das ist nicht mehr nöthig,« antwortete die junge Name ruhig; »ich habe den Prozeß verloren.«

»Verloren? Du warst doch Deiner Sache so sicher! Wann traf die Entscheidung ein?«

Frau Tula besah die Spitzen ihrer langen Haare und sagte gleichgültig:

»O, schon vor drei bis vier Wochen.«

Nun legte der kleine, rosenwangige Mann mit Protest seine Serviette auf den Tisch und die sanften blauen Augen blickten beinahe entrüstet.

»Und das erfahre ich jetzt erst, so ganz – ganz nebenher! Verzeih' mir, liebe Tula, das ist stark, sehr stark sogar! Als Du uns also in Genf für diese Reise nach dem fernen Osten gewannst unter dem Vorwande, hier Dein Eigenthum in Augenschein zu nehmen –«

»Da wußte ich bereits, daß es mir abgesprochen worden war. Ich wollte langweiligen Erörterungen vorbeugen; euch konnte es ja im Grunde gleichgültig sein, wohin die Reise ging, Mama Käthe reist auf ärztlichen Befehl, um sich in Bewegung zu halten, mit äußerster Gewissenhaftigkeit bleibt sie en train und im Regenmantel; was um sie her vorgeht, ist ihr gleichgültig. Du zeigst Deine neuen englischen oder französischen Toiletten der erstaunten Welt und erregst hier sicherlich mehr Aufsehen als in Trouville oder Baden-Baden.«

»Und Du?«

»Ich wollte das Häuschen kennen lernen, um welches ich so tapfer gestritten, und – damit Du siehst, daß ich ganz ehrlich bin – ich wollte mir auch den Mann ansehen, der die Unverschämtheit hatte, die Wittwe seines Onkels als Zugabe mit in den Kauf nehmen zu wollen.«

»Daß eine Frau des Besitzes wegen geheirathet wird, ist doch nichts Auffälliges?« wandte Mijnheer schüchtern ein, mit einem nachdenklichen Blick auf den Getraidesack an seiner Seite.

»Ohne sie je gesehen zu haben? Aus kältester Berechnung?« fragte die junge Frau mit plötzlicher Aufwallung.

»Berechnung – das mag sein; Habgier kannst Du aber diesem Herrn – wie hieß er doch – nicht vorwerfen, denn sonst hätte er Deinen thörichten Vorschlag, Dir für dreißigtausend Thaler dieß erbärmliche Besitzthum an der Küste zu überlassen, nicht zurückgewiesen.«

»Ich wollte eine mögliche Ungerechtigkeit des Verstorbenen damit ausgleichen.«

»Und er wollte kein Almosen.«

»Entblödete sich aber nicht, die Hand nach dem Ganzen, der Wittwe und dem Erbe, auszustrecken.«

Mijnheer zog an seinen Mähnen.

»Der Mann ist mir nicht recht verständlich,« bemerkte er nach einer Pause. »Sein Brief trug nicht den Stempel intriganter Gewinnsucht, er war so trocken und geschäftsmäßig kurz, ohne alle Schminke.«

Frau Tula lachte zornig.

»Das macht die Beleidigung um so größer.«

»Deine Eitelkeit ist verletzt, Dein Stolz nicht, liebe Tula, denn sonst würdest Du den Mann doch nicht hier aufsuchen.«

»Weißt Du denn schon, weßhalb ich ihn aufsuche, Du weiser, scharfsichtiger Merman, Du?« fragte ihn die Kleine mit blitzenden Augen.

»Ich kann es mir denken – aus Neugierde!«

»Die wäre gestillt! Ich habe ihn gestern Abend während des Gewitters gesehen, beobachtet und sogar gesprochen, ohne von ihm erkannt worden zu sein.«

»Darum kamst Du so spät zum Souper? – Nun, und das Resultat – wie gefiel er Dir?«

»Schlecht, noch schlechter, als ich erwartete. Er ist nicht einmal ein Intrigant – er ist ein Simpel.«

»Hacke as Jose,« sagte Mevrouw ungerührt.

Mijnheer Merman zupfte an seinem Hemdkragen; er konnte das Wort »Simpel« nicht leiden.

»Wir können dann wohl wieder diesen langweiligen Badeort verlassen!« sagte er mit einem Blick auf seine Frau.

»Noch nicht!« meinte Frau Tula ganz sanft und freundlich; »es wäre schade – Mama Käthe bekommen die Molken so vorzüglich und Du hast erst die zweite Toilette gezeigt. Das lohnt ja gar nicht angefangen zu haben. Du wirst veredelnd auf den Geschmack des Volkes wirken, besonders durch Deine sporting-dresses, und mich interessirt die Gegend, ich will Naturstudien machen.«

»Da kommst Du am besten weg, denn ich finde hier nichts als Gegend, kaum etwas Menschenwerthes.«

»Wir hatten gestern Abend einen sehr angenehmen Tischnachbar, diesen polnischen Herrn, der von der Entenjagd kam und so viel von seinen Plätthemden erzählte.«

»Der – nun freilich, sein Schnürenrock– Schnurenrock sagt man hier – das ist polnische Nationaltracht; der Mann gefiel mir, besonders seine reizende Mütze. Vielleicht nimmst Du Dir den Mann – der Mütze wegen!«

»Warum nicht? Es ist ebensoviel, als eine Frau des Hauses wegen zu nehmen. Ich habe doch wenigstens gesehen, wie den Mann seine Mütze kleidet; und der Simpel drüben« – sie wies mit dem Köpfchen seitwärts – »weiß nicht einmal, ob mein Gesicht nicht die Fassade seiner Hütte schädigt, wenn ich aus dem Fenster schaue!«

Während der letzten Worte spähte die junge Dame scharfen Blicks durch das Gitter auf die Promenade hin.

Mit einer gewissen Hast erklärte sie dann, noch spazieren gehen zu wollen, wickelte ihr langes Haar über die Hand und griff nach dem Hut Mijnheers.

»Bitte, hier ist der Deinige,« korrigirte derselbe und reichte der Dame den breitrandigen Strohhut.

»Laß nur, Mermänchen; ich nehme für dießmal Deinen Hut,« erklärte Frau Tula und steckte ihr Haar wie einen Knäuel in den grauen Cylinder, den sie tief in die Stirne zog. Dann sagte sie: »Nun gib mir auch Deine Lorgnette, Mermänchen!«

Erstaunt reichte Mijnheer seinen Kneifer hin. –

»Du siehst ja aber so scharf!«

»Schadet nichts!« – sie drückte das schwarze Ding auf ihre kleine Nase – »so – wo hast Du Dein Cache-nez, Mermänchen? Schnell!«

»Hier!« sagte Mijnheer immer erstaunter; »willst Du vielleicht auch meine Handschuhe und meinen Ueberzieher?«

»Nein, aber Deinen Stock!« Sie hatte das großkarrirte seidene Cache-nez mittlerweile wie eine steife, breite Binde um ihren Hals gelegt und so fest gebunden, daß ihre Wangen sich rötheten.

»Was willst Du denn mit all' dem, Tula?«

»Spazieren gehen!«

Mijnheer sah sich nach der Gattin um.

»Een Overgang,« gab sie gleichgültig hinzu.

»Auf Wiedersehen!« rief Tula dagegen.

Mit schnellen Schritten verließ sie den Garten. Vor dem Gitter erschien sie eine Andere. Mit steifer Haltung, hochgezogener Schulter, gestreckten Zügen, etwas vorgeschobenem Unterkiefer und langen Schritten, den Kneifer auf dem hochgehobenen Näschen, ging sie an einem jungen Manne vorbei, der betroffen stehen blieb und sie anstarrte.

»Shocking!« rief sie laut und stampfte hart an ihm vorüber.

Er sah ihr noch eine Weile nach, dann trat er sonderbar schüchtern und vorsichtig, als ob er ein unbekanntes oder verbotenes Terrain beträte, in den Kurgarten. Verlegen blickte er sich durch eine sogenannte Gelehrtenbrille, die hinter den Ohren befestigt war, um, machte ein paar Schritte nach rechts, dann nach links und setzte sich bescheiden auf die äußerste Kante eines Stuhles. Es war der einzige Stuhl am Platz, welcher belegt war; ein Plaid hing darüber.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« sagte der hinzutretende Wilhelm, welcher eben bei dem holländischen Paar beschäftigt gewesen war und diesen schüchternen Gast wenig respektirte, »der Shawl hier gehört beiläufig den Herrschaften dort.«

Der Fremde sprang erschrocken auf.

»O, ich bitte sehr um Verzeihung.«

Wilhelm legte den Shawl zusammen und betrachtete während dieser Beschäftigung den Mann näher. Die Gestalt war gut, der Rock vom besten Stoff, aber schlechter Fasson, stählerne Uhrkette – Hut vom besten Filz. – Da bemerkte Wilhelm in der Hand des Fremden ein geschwollenes Portefeuille – vielleicht lohnte es doch, anzubinden; solch' hülflosen Naturen könnte man zu Hülfe kommen.

»Befehlen Sie etwas – ein kleines Frühstück?« fragte er mit einem leisen Anflug seines verbindlichen Lispelns, welches er nur bei großer Gelegenheit glänzend entfaltete.

»Ja, ich habe zwar schon – ich wollte nur, das heißt, ich könnte wohl – – Wer war die Dame, die draußen an mir vorüberging?« fragte er dann plötzlich.

»Das kann ich unmöglich wissen, es gehen viele Damen hier aus und ein. War die Dame jung, reizend, dann wird es die junge Holländerin gewesen sein.«

»Jung, ja, auch etwas – reizend, meine ich.«

»Offenes Haar, Regenmantel, nicht wahr?«

»Regenmantel vielleicht, offenes Haar nicht, sie hatte einen grauen Cylinderhut auf dem Kopf und ich bemerkte keine Haare, weder hinten noch vorne.«

»Das stimmt nicht,« meinte Wilhelm nachdenklich. »Hatte die Dame vielleicht beiläufig schöne dunkle Augen?«

»Das kann ich nicht beurtheilen, sie hatte eine Lorgnette aufgesetzt.«

»Leichter Gang, graziöse Haltung?«

»Nein, das nicht,« sagte der Fremde entschieden; »sie ging mit großen, steifen Schritten und einer breiten Binde um den Hals und mit einem Stock an mir vorüber und sprach englisch.«

»So – nein, die kenne ich nicht; es wohnt aber in einem Kosthaus nebenbei so eine arme englische Gouvernante, die steifgefroren aus Rußland zurückgekommen ist, die kann's gewesen sein.«

Der Fremde hatte sein Portefeuille geöffnet, Banknoten enthielt es nicht, sondern Malutensilien. Wilhelm wandte sich verächtlich ab.

»Also, bitte, etwas Kaffee!« bat der höfliche Fremde.

Wilhelm schlug seine Serviette über den Arm.

»Ich schicke Ihnen eins der Mädchen!« sagte er nachlässig.

Nun entfaltete der sonderbare Fremde seinen dicken Spazierstock zu einer Staffelei, zog daraus eine Malerleinwand und machte sich daran, sein Atelier aufzuschlagen.

Frau Tula war in einem Bogen um das Kurhaus gegangen und hinten wieder eingetreten, während Wilhelm mit dem Fremden sprach.

Als der Kellner in das Haus zurücktrat, rief sie ihn aus ihrem Zimmer vom ersten Stock herunter an.

»Bitte, kommen Sie doch einen Augenblick herauf, lieber Herr Oberkellner!«

»Lieber Herr Oberkellner« aus dem schönsten Munde! Wilhelm warf noch einen Blick in den sonnenverbrannten kleinen Spiegel am Fenster und flog förmlich die Treppe empor. Frau Tula stand in einem einfachen Kattunkleidchen mitten in der Stube und flocht ihre Haare. Ohne sich darin stören zu lassen, ging sie dem Eintretenden einige Schritte entgegen und sagte:

»Wenn ich nicht irre, so sind Sie mit der hübschen kleinen Schweizerin näher bekannt, vielleicht gar versprochen?«

Mit einem verbindlichen Schwenken seiner Serviette antwortete Wilhelm:

»Beiläufig verlobt, gnädige Frau, ganz frisch, aber dauerhaft.«

»Ich gratulire Ihnen zu Ihrer Wahl – Sie haben Geschmack!«

»Ganz wohl, das ist beiläufig die Hauptsache für einen Garçon.«

»Denken Sie bald zu heirathen?«

»Je nachdem! Das hängt von der Saison ab. Man muß abwarten, was für die Hochzeit abfällt.«

»Vielleicht darf ich etwas beisteuern!« sagte die junge Dame wohlwollend, steckte ihre Zöpfe fest und zog ein gehäkeltes, blauseidenes Zwergstrümpflein aus der Tasche. Der Fuß des Strumpfes enthielt Goldstücke, wie Wilhelm mit Interesse bemerkte, als die Dame einen goldenen Ring über zwei ebenfalls goldene, mit Kügelchen versehene Stricknadeln, auf denen die Maschen des Strumpfrandes liefen, schob und die kleine Börse in dieser Weise öffnete.

»Wie reizend!« erlaubte sich Wilhelm zu sagen.

»Nicht wahr? Geld im Strumpf aufbewahrt mehrt sich; es ist der beste Ort für den Heckpfennig.«

Sie schüttete das Gold in ihre Hand, that dann vor Wilhelm's Augen ein Stück davon in das Strümpfchen zurück, welches sie mit dem Ringe verschloß und mit einem liebenswürdigen Lächeln dem überraschten Oberkellner hinreichte.

»Geben Sie das Strümpfchen Ihrer Braut; ich werde dafür sorgen, daß der Heckpfennig seine Schuldigkeit thut.«

Wilhelm wußte nicht, wie ihm geschah; vor Rührung lispelte er gezierter als je:

»Gnädige Frau, wie kann ich mich beiläufig für so viel Großmuth erkenntlich beweisen?«

»Das will ich Ihnen gleich sagen,« erklärte Frau Tula ohne Umschweife. »Ich möchte mich nämlich Ihrer Gefälligkeit und Verschwiegenheit versichern.«

»Verfügen Sie nach Belieben über Beides, gnädige Frau.«

»Es gilt nur einen unschuldigen Scherz.«

»Und wenn es beiläufig der bitterste Ernst wäre, es ist mir eins.«

»Zuerst beantworten Sie mir eine Frage: Was hat der Herr, welcher eben den Kurgarten betrat, von Ihnen gewollt?«

»Er fragte nach einer englischen Dame und bestellte Tee.«

»Diesen Kaffee, lieber Herr Oberkellner, werde ich serviren. Verschaffen Sie mir Haube und Schürze einer Kellnerin, sowie das Tablett mit dem Erforderlichen und verrathen Sie mich nicht, wenn der Herr sich nach der Kellnerin erkundigen sollte. Der Kurgarten wird jetzt leer, es wird mich sonst Niemand sehen.«

»Ich werde das Dienstpersonal aus dem Wege halten!« versicherte Wilhelm voller Bereitwilligkeit.

»Vielleicht bedarf ich später noch ähnlicher Dienste von Ihnen oder Ihrer hübschen Braut.«

Wilhelm drückte die Serviette auf's Herz.

»Der Lohn,« fuhr Frau Tula fort, »wird sich nach der Geschicklichkeit und Verschwiegenheit bemessen.«

»Ich werde alle Aufträge mit der Gewandtheit eines Taschenspielers, der Verschwiegenheit des Grabes und der Schnelligkeit des Telegraphen ausführen.«

»Gut, wir wollen sehen. Ich erwarte Sie hier an der Treppe.«

Da sich Theodor Aland im Morgensonnenlicht nicht anders ausnahm als im Lampenschein, so wird ihn der Leser bereits erkannt haben. Er begann seine Arbeit. Diese war zwar nur ein Vorwand, wurde aber nicht weniger gewissenhaft und treu betrieben, als wenn sie Zweck und Ziel zugleich wäre. – Er entwarf eine Skizze von der Landschaft nach der See hin, so keck und geschickt, wie man's dem Manne kaum zugetraut hätte. Das Gitter dachte er sich fort, das Schweizerhaus, ein Stück Wiese, die grasende Kuh, rechts ansteigendes Terrain, links die ersten Bäume der Promenade, dahinter die See, das war mit markigen Strichen schnell hingeworfen. Dann mischte er seine Farben, er malte in Oel und hatte eine Kollektion kleiner Blechkapseln ausgelegt.

Mijnheer Merman, der sich in dem einsamen Helgevil entsetzlich langweilte, beobachtete neugierig das Thun des Fremden, trat endlich näher und sah ihm zu.

»Hübsch, sehr nett, kann ein allerliebstes Bildchen werden, wahrhaftig!«

Theodor grüßte den Kritiker höflich.

Dieser betrachtete aber nicht nur das Kunstwerk, sondern wenigstens ebenso genau auch den Künstler. Mijnheer war Kaufmann und er berechnete schnell, daß sich hier vielleicht eine Gelegenheit zum billigen Erwerb einer Originalskizze böte.

Der Maler war jung, offenbar talentvoll, vielleicht noch unbekannt und bescheiden, nach den Allüren zu urtheilen. Die Toilette, stählerne Uhrkette steigerten die Aussichten auf einen guten Gelegenheitskauf.

Er sprach einige leise Worte mit Mevrouw, die sich nicht wahrnehmbar äußerte, doch mußte Mijnheer sich wohl mit ihr verständigt haben, denn er redete mit gewisser Entschlossenheit den Künstler an:

»Sie sind Maler?«

»Ein wenig,« antwortete Theodor. Die Bescheidenheit gefiel dem Holländer, der den Mäcen billig spielen wollte.

»Sie haben viel skizzirt, wie ich aus der Routine schließe, mit der Sie entwerfen?«

»O ja, ziemlich viel!«

»Auf Studienreisen wahrscheinlich?«

»Ja wohl!«

Es waren zwar Studienreisen, auf denen Theodor Aland seinen Meister begleitet hatte, gezeichnet und gemalt war dabei auch worden, wenn gleich die Reisen und Studien anderen Zwecken gegolten hatten als der Malerei. Warum sollte er das aber dem neugierigen Frager erklären? Und hier paßte es Theodor, für einen Maler zu gelten. Er wollte unter dieser Flagge den Park, Kurgarten und die Anlagen observiren.

»Sie sind doch Maler von Profession?« fragte Mijnheer nach einer Weile noch einmal, aus Vorsicht.

»Mehr aus Neigung!« antwortete Theodor.

»Das heißt, Sie haben es nicht nöthig, die Kunst als Broderwerb zu treiben?«

»Ja wohl, ganz recht!«

Mijnheer war befriedigt. Das war gerade, was er brauchte. »Wissen Sie was,« fing er großspurig an, »ich habe Vertrauen zu dem Entwurf hier und will das Bild meinen Sammlungen einverleiben. Es ist eine Reiseerinnerung für mich; um sie kompleter zu machen, können Sie mir meine Frau darauf anbringen; nicht wahr, mein Engel?« Er wandte sich nach der Masse im Regenmantel um. Ihr Schweigen deutete er als Einverständniß. »Es sieht dann Jeder, daß die Arbeit auf Bestellung gemacht wurde und das erhöht den Reiz derselben. Ich bringe das Bild nach Amsterdam, zeige es meinen Freunden, Sie werden bekannt, es folgen Bestellungen und Ihr Glück ist gemacht. Talentvolle Anfänger muß man unterstützen.«

»Sie sind sehr gütig, mein Herr,« antwortete Theodor Aland etwas befangen, »aber ich brauchte Staffage und habe bereits –«

»Wenn meine Frau darauf ist, so ist mir das Bild ausstaffirt genug; nicht wahr, mein Engel?«

Mevrouw rührte sich nicht.

»Ich wollte nur bemerken,« begann Theodor von Neuem, »daß ich bereits eine grasende Kuh angelegt habe, es läßt sich schwer noch etwas Anderes hineinkomponiren, das Bild ist zu klein.«

»So bringen Sie die Kuh weg und setzen mir dafür meine Frau hin.«

»Das Rothbraun der Kuh ist schwer fortzubringen.«

»Na, dann benützen Sie die Kuhhaut zum Regenmantel, die Nüance ist fast dieselbe!«

»Das wohl; es kommt doch aber bei dieser Veränderung nicht nur auf Farbe, sondern auch auf Form und Inhalt an!«

»Das ist ganz egal, nicht wahr, mein Engel?«

»Hacke as Jose!« gurgelte Mevrouw, ohne eine Miene zu verziehen.

Theodor wurde immer verlegener und bemerkte:

»Ich meine nur, die ganze Stimmung könnte durch das nachträglich eingefügte Bild Ihrer Frau Gemahlin leiden.«

»Ach, machen Sie doch keine Geschichten! Wessen Stimmung könnte denn durch den Anblick leiden? Doch nur die meine, und ich bin ja daran gewöhnt!«

Mijnheer zog ungeduldig an seinen Bartenden. Diese Rücksicht von Seiten des Malers fand er undelikat.

Theodor erschrak und bemühte sich, den Irrthum zu heben.

»Sie mißverstehen mich, mein Herr. Die Dame wird herausfallen, fürchte ich.«

»Ach so! Nein, das brauchen Sie nicht zu fürchten; sie sitzt fabelhaft ruhig; nicht wahr, mein Engel?«

»Im Bilde herausfallen, meine ich,« verbesserte Theodor.

Die Geschichte fing an, den holländischen Kaufherrn zu langweilen.

»Ja, dauerhaft und solide muß die Waare natürlich sein, das ist Vorbedingung.«

Mevrouw hatte sich erhoben und nahm sich in der Szene ungefähr wie ein phantastischer Felsblock aus, der einige Aehnlichkeit mit einer menschlichen Gestalt besitzt.

»Was befiehlst Du, mein Engel? Möchtest Du nicht noch ein wenig unten verweilen? Es ist so schön!«

»Dummheit!« sagte Mevrouw sehr korrekt, faßte den kleinen Gatten an dem Arm und machte mit ihm Front nach dem Hause, indem sie ihn stumm, ruhig und unerbittlich wie das Schicksal vor sich her schob.

So verschwanden sie im Hause. Lachen ertönte von dorther. Der Maler glaubte es zu kennen, konnte aber Niemanden entdecken.

Theodor Aland malte weiter und bestrich mit bewaffnetem Auge das Terrain. Das Badepublikum ruhte um diese Zeit, bis zum Mittag gehörten Park und Anlagen den Arbeitern, und diese suchte Theodor Aland. Er hatte zu verstehen geglaubt, daß ihn sein schöner Gast im Kurgarten treffen wolle, der Garten selbst war klein und wurde von seinem Platz aus gut übersehen.

Hin und wieder kam ein Knecht mit Hacke und Schaufel, oder ein Mädchen mit einem Armvoll Klee oder dergleichen am Gitter vorüber. Der Kaffee blieb lange aus, aber Theodor Aland war nicht ungeduldig; er malte und beobachtete.

Endlich knirschten leise Schritte auf der sandbestreuten Steinplatte vor dem Hause. Die Kellnerin nahte von dort mit dem Kaffee und setzte ihr volles Brett neben Theodor auf den Tisch. Herr Aland sah nicht nach ihr hin, er erwartete sein Schicksal von der andern Seite.

Ohne die Augen aufzuschlagen, rasch und gewandt servirte das Mädchen den Kaffee, nahm dann ihr Brett auf und wollte gehen.

»Wie viel habe ich zu zahlen?« fragte der Herr, ohne sich umzusehen.

»Vier Dittchen,« antwortete eine helle Stimme in dem Landesdialekt. (Ein Dittchen ist ein Groschen alter Währung.)

Theodor Aland wandte sich schnell. Da stand sie wieder vor ihm, die er seit gestern Abend im Traum und im Wachen vor sich sah, unaufhörlich, wie ihm Maruschka gedroht! In der steifen Engländerin glaubte er ihre Züge zu erkennen, vom Hause her ihr Lachen, jetzt von den Lippen der Kellnerin ihre Stimme zu hören. Und – war sie es denn wirklich? Im weißen, gestärkten Häubchen, welches nur einen schmalen Streifen glatt gescheitelten Haares sehen ließ und mit breiten weißen Bändern am Hinterkopf geschlossen war, in dem sittsamen Schürzchen, mit den niedergeschlagenen Augen erschien sie ihm auch wieder anders, aber das runde Gesicht, der Kirschenmund, das Stutznäschen, die stark geschwungenen Augenbrauen, die langen, dunklen Wimpern, das war dasselbe.

Er griff mechanisch nach dem Portemonnaie, denn sie hielt die Hand hin. Diese Hand mit dem spitzen Zeigefinger kannte er auch, er fühlte das Blut heiß vom Herzen bis in die Stirn steigen. Verlegen, zögernd, mit einem ganz unverständlichen Murmeln legte er ein Fünfzigpfennigstück in die niedliche, runde Hand.

»'rausgeben?« fragte sie und schlug zum ersten Mal die Augen gegen ihn auf, senkte sie aber gleich wieder. Unter dem Blick setzte sein Herz einen Schlag aus; es war ein tiefer, räthselhafter, beinahe drohender Blick.

»Nein, bitte, es ist nicht nöthig – behalten Sie nur,« stammelte er.

Sie ließ das Geld in ihr Schürzentäschchen gleiten und sagte kurz im Fortgehen:

»Danke schön!«

»Fräulein!« rief der Maler ängstlich hinter ihr drein, als ob er einen entschwebenden Traum festhalten wollte.

»Wünschen Sie noch was?« fragte sie und sah ihn ein zweites Mal mit demselben Blick an.

Theodor Aland hatte einen Krampf in der Kehle zu überwinden, er schluckte mehrmals, nahm die Brille ab, sah blöden Auges umher und sagte dann:

»Ja, Schmand.«

Es ist dieß die provinzielle Bezeichnung für das, was man anderwärts Sahne, Rahm, Obers oder dergleichen nennt.

»Schmand?« fragte die Kleine erstaunt. Der Ausdruck schien ihr nicht geläufig. Dann fiel ihr ein, was er meinte, sie wies auf das Töpfchen und sagte:

»Da steht ja der Schmand!«

»Ich wollte – ich möchte auch noch um etwas – uns ein wenig Wasser bitten!« rief Herr Aland ihr nach, als sie ein paar Schritte nach dem Hause hin gethan hatte.

»Wasser will der Herr? Na, ich hab' doch ein Töpfchen heiß' Wasser und ein Gläschen voll kaltes dazu gestellt!«

Sie kam wie ärgerlich zurück und rückte ihm die fraglichen Gegenstände zur Hand.

»Ach ja, Verzeihung – ich habe es nicht gesehen, ich bin etwas kurzsichtig. Wasser liebe ich nämlich sehr – ganz ungemein – Sie vielleicht auch, mein – Fräulein?«

Die kleine Kellnerin lächelte zum ersten Mal.

»Nei', ich theil' den Geschmack von dem Herrn nich, wissen Sie, Wasser – das is mir meistens zu naß.«

»Naß?« Theodor nahm einen vollen Athemzug und fuhr herzhafter fort: »Es ist mitunter zu naß! Waren Sie jemals – so recht – recht naß, zum Beispiel gestern beim Gewitter?«

»Ä nei'! Wo werd' ich denn beim Gewitter draußen sein und naß werden!« rief die Kleine böse, nahm ihr Brett hoch und ging energischen Schrittes in das Haus.

Erst sah ihr der Maler nach; als sie im Hause verschwunden war, betrachtete er ihre Fußspuren in dem feuchten Sande. Nicht genug damit, er zog aus seiner Brusttasche einen Gegenstand, bückte sich und maß den Abdruck damit. Es war der kleine Schuh, den das Meerweibchen bei ihm zurückgelassen hatte.

Die Fußspuren um den Tisch herum waren nicht deutlich genug; er ging weiter bis nach dem Kurhause und probirte seinen Schuh an verschiedenen Fußstapfen, bis er in freudiger Genugthuung einen Abdruck fand, in den der Schuh wie ein Abguß paßte.

 »Es stimmt – wahrhaftig – ganz genau!« rief er beinahe laut und stieß beim Aufrichten dem erstaunten Oberkellner, der eben aus dem Hause treten wollte, an die Nase.

Wilhelm rieb sich das getroffene Organ und fragte pikirt: »Suchen Sie etwas, mein Herr, haben Sie beiläufig etwas verloren?«

»Nein,« sagte Theodor Aland bestürzt, wie ein auf frischer That ertappter Verbrecher, »ich verlor nichts und suchte eigentlich auch nichts, das heißt, ich verlor doch gestern etwas und suchte es heute – aber es war nur eine Spur.«

»Spuren, beiläufig hier an der Thüre der Restauration?«

Wilhelm war ein vorsichtiger Mann, der Fremde hatte ein verdächtiges Wesen, man hörte öfter in der Umgegend von Einbrüchen – neuerdings hatte Wilhelm auch von Sprengpatronen gehört, die man zu frevelhaften Zwecken brauchte – die Kasse in der Restauration war nicht unbedeutend – das schwirrte ihm schnell durch den schön gescheitelten Kopf und er betrachtete voll Mißtrauen den sonderbaren Gast.

»Verzeihen Sie, mein Herr,« fragte dieser plötzlich dringend, »wer war die junge Dame, das heißt das Mädchen, welches mir vor wenigen Augenblicken den Kaffee brachte?«

Wilhelm erinnerte sich seiner Instruktion.

»Das wird eins unserer Büffetmädchen gewesen sein. Wie war beiläufig ihr Name?«

»Ja, das kann ich Ihnen wirklich nicht sagen.«

»Wir haben ein Dutzend davon, da kann ich nicht wissen, welche von ihnen den Kaffee gebracht hat.«

»Haben Sie nicht eine frisch engagirt, gestern Abend nach dem Gewitter, noch ganz naß, mit aufgelösten Haaren?«

»Nein, lieber Herr, naß beziehen wir die Waare nicht, auch nicht aufgelöst, von der Landstraße. Uebrigens sind zwei Jahrgänge vorhanden. Aus dem ältern heißen sie meistens Mine, Trine, Bine, Line und so weiter.«

»Aus dem ältern kann sie keinesfalls sein,« meinte Theodor.

»Nun, und der jüngere ist auch halbdutzendweise engagirt, da wird es denn Settchen, Nettchen, Dettchen oder Bethchen, Hedchen, Fredchen gewesen sein.«

»Ich würde das Mädchen gerne noch einmal sprechen,« sagte Theodor nun kleinlaut.

»Hat sie irgend etwas vergessen?«

»Ja, den Mostrich!«

»Mostrich – zum Kaffee?«

»Ich nehme dann natürlich keinen Zucker,« entschuldigte sich Herr Aland.

»O bitte, das ist ja ganz Geschmackssache, geniren Sie sich gar nicht. Hier ist Mostrich.« Und der beiläufige Wilhelm nahm von dem Tische, an dem die Holländer gegessen, eine Originalbüchse Düsseldorfer Mostrich und setzte sie neben den Kaffee des Malers.

Dann gab er seiner rechten Wade einen kleinen Schlag mit der Serviette; Wilhelm war Virtuose auf diesem Instrument, der Serviette nämlich, er wußte allen Gefühlen damit Ausdruck zu geben, von dem »beiläufigen« gemeinen Fliegenklapps, mit welchem er seine Verachtung auszudrücken pflegte, bis zum kunstgerechten Wirbel, der seine volle Hochachtung, und der anmuthigen Volte, die eine zarte Huldigung enthielt.

Wilhelm hatte eben nichts zu thun; er war auf dem Wege zur schönen Schweizerin, um derselben seine interessanten Neuigkeiten mitzutheilen. Eine Stunde verging, die zweite folgte – um den eifrig arbeitenden Theodor Aland, den seine Arbeit zu interessiren begann, veränderte sich nichts als der Standpunkt der Sonne, welche die Schatten verkürzte.

Der Maler hatte sich in sein Werk vertieft und sah nicht, daß hin und wieder aus einem Fenster des ersten Stocks ein spöttisches Antlitz ihn beobachtete, und er hörte auch nicht, daß später aus dem Musiksalon im Mittelbau ein stümperhaftes Klavierspiel ertönte, freilich sehr gedämpft. Da öffnete sich ein Fenster in jenem Salon, das ungeschickte Spiel wurde nun dem sehr feinfühligen Ohr Theodor's zur Beleidigung, er zuckte bei einem Mißakkord ordentlich zusammen und fand unerwartete Sympathie in der Seele eines Hundes, der oben im Musiksalon den Zuhörer machte. Klägliches, langgehaltenes Klagegeheul, wie der Mondschein mitunter der Hundebrust entlockt, begleitete als sprechende Kritik das miserable Spiel. Gelächter machte eine Unterbrechung, es ließen sich zwei Stimmen, eine männliche und eine weibliche, unterscheiden, dann fing das Konzert von vorne an.

Theodor hatte seinen Kaffee ganz vergessen; jetzt fühlte er sich in seiner Arbeit gestört und bemerkte, daß der Kaffee kalt geworden, der Mittag nahe und die Zeit zum Aufbruch gekommen sei.

Er trat zurück, um sein Werk noch einmal zu betrachten. Oben öffnete sich ein Fenster und es erschien Mijnheer, der von oben herab dem Künstler zurief:

»Ah, sind Sie noch da? Sie waren wohl recht fleißig?« Das Bild durch die Lorgnette betrachtend, nickte Mijnheer Beifall. »Ziemlich vorgeschritten, wie mir scheint.« Dann schalt er in das Zimmer hinein, aus welchem sich noch immer das abscheuliche Konzert, aus Geheul, Gelächter und Klavierspiel zusammengesetzt, hören ließ: »Tula, höre doch mit dem Unsinn auf, ich bitte Dich!«

Einige Minuten später trat Mijnheer in Dinertoilette aus dem Hause und auf Theodor zu, der seinerseits plötzlich mehr Interesse für das Konzert oben gewonnen hatte. Die helle, lachende Stimme fesselte ihn.

Als Mijnheer das Bild in Augenschein nahm, entschuldigte sich Theodor, daß er die Frau Gemahlin noch nicht habe anlegen können, die Kuh sei indeß bereits abgekratzt; ein leerer Fleck bezeichnete die Stelle. Sie sprachen noch über diesen Fall, als die drei Konzertgeber ebenfalls unten erschienen.

Es waren dieß Frau Tula, ein Kavalier und dessen Hund, eine junge Dogge, die offenbar sehr erleichtert aus dem Hause hervorschoß, bis unter den Tisch des Malers und sich dort duckte.

»Bitte, Tula, sieh' Dir das Bild einmal an, ich will es kaufen, aber der Maler soll mir noch meine Frau darauf anbringen, an Stelle einer Kuh, die bereits den Platz geräumt hat.«

Die junge Dame war mit ihrem Kavalier näher gekommen und hielt einen großen Sonnenfächer vor ihr Gesicht.

»Wie denn – Sie wollen sich von dem Dorfkünstler hier malen lassen?« fragte der Begleiter staunend. Er wußte nicht anders, als daß Frau Tula Mijnheers Frau sei, und der Holländer erinnerte sich jetzt erst seines Verstoßes gegen die erhaltene Instruktion.

»Ja, wie es scheint, hat mein Gatte bereits über mich zu Gunsten des Herrn Malers verfügt,« antwortete Frau Tula laut, mit beziehungsvollem, strafendem Blick auf den kleinen Holländer.

Diesem lag viel mehr an Tula's Zufriedenheit als an des Malers Verständniß, er wechselte also sofort gehorsam die Frauen und bat:

»Tritt einmal bis an das Gitter, liebe Tula, in der reizenden Toilette wirst Du den Herrn mehr inspiriren; vorhin hatte er gar nicht recht Lust, auf meinen Wunsch einzugehen.«

Frau Tula tänzelte, begleitet von ihrem Kavalier, auf hohen Stelzschuhen bis an die bezeichnete Stelle; dort lehnte sie sich über das Gitter, lachte, plauderte mit dem Begleiter und präsentirte den beiden Herren, die an der Staffelei standen, ihre Kehrseite.

Theodor staunte. Wie war es nur möglich, daß dem großen, vollen Getraidesack, den er vorhin gesehen, dieß gedrechselte Püppchen entschlüpft sein konnte!

Hübsch war der sich ihm bietende Anblick nun gerade nicht, und wenn Theodor es verstanden hätte, die Einwirkung auf seine Nerven bis zur »Objektivität des Urtheils zu verarbeiten, so würde er den Anblick einen lächerlichen genannt haben. Er hatte noch nie etwas Derartiges gesehen und die Launen der Mode waren ihm unbekannt geblieben. Ihm erschien Frau Tula sehr merkwürdig und ungeheuerlich. Ihr Haar, um von oben anzufangen, war aus dem Nacken bis auf die Stirn emporgekämmt und bildete dort einen Schopf. Die Schultern waren durch Bügel erhöht, die der Taille die Fasson eines Henkeltopfes gaben; der schwarze Spenser endete in Frackschößen, unter denen sich ein weit vorspringendes Hintergebäude entwickelte, welches den Schwerpunkt der ganzen Gestalt verrücken mußte, wenn dieselbe nicht etwa nach Centaurenweise von vier Beinen getragen werden sollte. Von der Taille abwärts war die Toilette in hellen, leuchtenden Farben gehalten; lange schwarze Kanonenstiefel – ich wollte sagen Lederhandschuhe – reichten, in dicken Falten zusammengeschoben, bis weit über den Ellenbogen hinauf.

Diesen Traum einer verrückten Pariser Modistin verwirklichte Frau Tula mit anerkennenswerther Selbstverleugnung. Ihr Kavalier war Pole, wie der reichverschnürte Sammetrock, die eckige Mütze und der langwehende Schnurrbart versicherten.

Mijnheer bemerkte mit Befriedigung den überwältigenden Eindruck, welchen die Toilette auf den Maler übte.

»Reizend, nicht wahr? Es ist ein ganz neues Kostüm, noch nicht kopirt! Ich ließ es direkt aus Paris kommen, es kostet sechshundert Franken und ist aus dem berühmten Atelier von Madame Chatte. Tula, bitte, drehe Dich doch um.«

Sie that es, indem sie sich kokett auf den hohen Stelzschuhen drehte, das Gesicht mit dem Fächer deckend, hinter welchem sie mit dem Polen plauderte und lachte, der ganz Anbetung und Bewunderung schien.

»Nicht wahr,« sagte Mijnheer zu dem Maler, »die Nüance« – es war dieß ein Lieblingswort des Kaufherrn – »mit der breiten Goldspitze bis zur Schneppe und dem Pavé von Blumen auf der Brust – das ist höchst originell?«

»Ja, sehr kostbar – sehr originell!« brachte Theodor unwillkürlich schaudernd hervor; die Monstrosität des Ganzen wirkte überwältigend.

»Tula, bitte, den Fächer fort!« flehte Mijnheer, der noch weiter den Erklärer machen wollte und in Eifer gerathen war.

Der Fächer sank. Ein Sonnenstrahl fiel über das Gesicht der Dame. – Theodor fuhr zurück wie von einer Natter gestochen, trotz der entstellenden Toilette erkannte er die Züge des Meerweibchens in dem kalten, spöttischen Antlitz, welches sich ihm enthüllte und ihm einen hochmüthigen Blick zuwarf.

»Ich soll doch nicht etwa hier in der Sonne rösten, Mermänchen?« fragte Frau Tula dann mit künstlich hochgenommener Stimme.

»Ich wollte den Herrn Maler nur überzeugen, wie gut Du in die Landschaft und in sein Bild passen würdest.«

Frau Tula zuckte die Achseln, so daß die Bügel der Aermel ihre Ohren berührten, und sagte zu ihrem Kavalier: »Lassen Sie uns das Kunstwerk betrachten, Graf Laschewsky.«

Sie kam in direkter Linie auf Theodor zugeschritten. Dicht vor ihm stehen bleibend, blickte sie ihn herausfordernd an und sagte:

»Nun – mischen Sie doch gefälligst Ihre Farben für meine Toilette.«

Theodor verstand kein Wort, er sah nur das Räthselwesen vor sich und griff mechanisch nach seinen Utensilien.

Neben ihm stand ein Fläschchen voll Oel zum Anfrischen der Pinsel und Farben. Aber auch die Mostrichbüchse stand da und in seiner Verwirrung tauchte Theodor den Pinsel in den Mostrich.

»Was wollen Sie denn damit?« fragte Frau Tula spöttisch.

»Die Farben auffrischen,« stotterte er.

»Mit Mostrich?«

Der Pole stimmte in das Hohngelächter der Dame ein.

Theodor bemerkte seinen Irrthum und es überkam ihn der Muth der Verzweiflung.

»Düsseldorfer Mostrich ist das neueste Malmittel,« behauptete er kühn und rührte die Farben mit Todesverachtung für sein Werk, um sich aus Irrthum und Lächerlichkeit zu retten.

Der arme Junge war nie in seinem Leben mit Leuten aus der sogenannten »großen Welt« zusammengetroffen, ein Urtheil besaß er noch nicht, dazu fehlte ihm außer der Erfahrung das nöthige Selbstbewußtsein und jeder Tropfen von Bosheit oder Spott.

Frau Tula und Graf Laschewsky wirkten auf sein Empfinden wie grelle Lichter auf seine Augen, sie blendeten und verwirrten ihn. Dazu kam die aufregende Aehnlichkeit des Meerweibchens mit dieser Dame und die Verwandlung, welche mit Mijnheers Gattin vorgegangen. – Der Holländer hatte jede der beiden Gestalten seine Frau genannt; war er kein Türke, so mußte dieser moderne Schmetterling wahrhaftig der unförmlichen Raupe entschlüpft sein.

An's Malen dachte Theodor Aland gar nicht, er suchte nur seine Verwirrung durch irgend welches Thun zu verbergen und sich daneben von der Identität der Personen zu überzeugen. So rührte er denn die Farben mit Mostrich und setzte Kleckse davon auf die Leinwand, als ob es genau so sein müßte.

Graf Laschewsky spielte für gewöhnlich den Melancholischen, der Schmerz um sein Vaterland kleidete ihn gut, dazwischen pflegte er aber seine Unterhaltung mit Citaten aus dem Laufenden oder auch Abgelaufenen zu würzen, wovon er aus Berlin einen Vorrath mitgebracht hatte. So sagte er jetzt mit einem Blick vernichtenden Spottes auf den armen, echauffirten Künstler:

»Aurora in Oel ist schon dagewesen, meine gnädigste Frau; haben Sie Lust, Tula in Mostrich vorzustellen?«

Frau Tula hob das rechte Ohr über den Schulterbügel hinaus und blickte den Fragenden kokett von unten herauf seitwärts an.

»Warum nicht? Es entspräche vielleicht der Toilette!« sagte sie.

Der Pole vertheidigte eifrig:

»Die Toilette ist originell!«

»Eben darum.«

»Sie ist außerdem aber auch so reizend, daß sie einer andern Künstlerschaft würdig wäre.«

»Darüber laßt sich streiten! Ich meine, dieß reizende Pariser Kostüm sei gerade dazu angethan, um in Mostrich verewigt zu werden. Meinen Sie nicht auch, mein Herr Maler?«

Sie berührte ihn dabei mit dem Fächer.

»Ich wäre ganz unfähig zu einem solchen –«

»Verbrechen« – half der Pole dem um einen passenden Ausdruck Verlegenen ein.

Nachträglich fand Theodor Aland das fehlende Wort.

»Ich meinte Unternehmen,« bemerkte er ehrlich.

Frau Tula amüsirte sich offenbar ganz ausgezeichnet.

»Sie scheinen mir aber bereits stark abgespannt, Ihre Kraft ist erschöpft. Sie sollten sich etwas erfrischen und haben hier, wie ich bemerke, auch ein vorzügliches Mittel zur Auffrischung der Nerven vorräthig, Mostrich für die Farben und Kaffee für die Nerven.«

Sie reichte ihm die Tasse mit diesen Worten und sah ihn dabei fest an. Den beiden anderen Herren entging der Blick, sie standen hinter Frau Tula. In ihrer Handlung lag Spott, im Blick nicht, er war ernst, fast drohend und brachte den unglücklichen Theodor um den Rest seiner Fassung.

Er nahm die Tasse und fuhr mit dem Pinsel, den er in der Hand hatte, statt des Löffels hinein.

»Cet homme est idiot!« sagte Graf Laschewsky laut, während Frau Tula sich abwendete.

Theodor war bei den Worten des Polen dunkel erröthet und setzte die Tasse hastig fort, etwas zu knapp, sie fiel vom Tische und schüttete einen Theil ihres Inhalts auf das Kleid der Dame.

Den Lippen des Polen entschlüpfte ein »Rustre«. Frau Tula schrie ein wenig auf. Mijnheer alterirte sich stärker und schrie heftiger, und der unglückliche Attentäter griff so ungeschickt zu, daß er seinen Farbenkasten der Tasse nachstieß. Die kleinen Blechkapseln rollten auf den Boden.

Starr vor Schrecken sah Theodor den angerichteten Schaden, die Kaffeeflecken auf dem Kleide; der Pole lief scheltend, Mijnheer rathlos jammernd umher, und Frau Tula bemühte sich, mit ihrem Taschentuch die Flecken aufzutupfen. Theodor, in dem lebhaften Drang, den Schaden zu bessern, nahm seinen Mallappen, an dem er die Pinsel abzuwischen pflegte, und fuhr damit über die Flecken. Er brachte einige neue Nüancen hervor, und da er in der linken Hand noch seine Palette mit den dick aufgesetzten Farben hielt, streifte er zum Ueberfluß auch diese noch an dem Kleide Tula's ab.

»Sind Sie denn von allen guten Geistern verlassen, Herr?« schrie der Pole den Unglücklichen an, indem er ihn zurückstieß. »Haben Sie es denn auf den Ruin der kostbaren Toilette abgesehen?«

Nun sah Theodor erst, was er neuerdings verbrochen; er stotterte unzusammenhängende Worte der Entschuldigung. Da aber keiner der Anderen half, so konnte er sich der ihm anhaftenden Verpflichtung nicht entschlagen, er ließ Palette und Mallappen fallen, zog ein karrirtes leinenes Tuch aus der Tasche und näherte sich von Neuem in der besten Absicht.

»Gehen Sie mit Ihren farbigen Lappen!« rief der Pole verächtlich; »mit dergleichen kommt man überhaupt einer Dame nicht zu nahe.«

»Zu verderben bleibt nicht mehr viel!« tröstete Frau Tula großmüthig den Geknickten, während Graf Laschewsky aus der äußern Brusttasche seines Sammetrocks ein kleines, feines Batisttuch zog und damit vorsichtig zu operiren begann.

»Es ist ruinirt, total verdorben, sechshundert Franken fortgeworfen! Es war ein Originalmodell, der Verlust ist unersetzlich!« So winselte Mijnheer, indem er den Schauplatz der That ängstlich umging, seine eigene Toilette vor jeder Gefahr schützend.

Noch war die Katastrophe indeß nicht beendet.

Unter dem Tisch saß der Hund des Polen, die junge Dogge, welche Frau Tula oben im Salon durch ihre Musik zum kläglichsten Heulen gezwungen hatte. Das arme Thier ruhte von den überstandenen Qualen, bis die herabrollenden Blechtuben ihm neue Anregung brachten. Die Dogge sah die Dinger für kleine Markknochen an und zerbiß ein paar davon. In der Aufregung um das Kleid hatte Niemand auf den Hund geachtet, jetzt bemerkte ihn Mijnheer. Der Köter würgte, daß er sich beinahe umkrempelte, und lieferte bei den gewaltsamen Anstrengungen des Magens fast seine Seele mit den unverdaulichen Bissen zusammen aus.

»Um des Himmels willen, was ist denn da geschehen? Der Hund hat Schaum vor dem Maul – er wird doch nicht toll sein!« rief Mijnheer, von neuem Schrecken erfaßt.

Die Anderen wurden aufmerksam.

Graf Laschewsky lockte den Hund unter dem Tisch hervor.

»Hieran, Hektor – hieran!«

Mit gekniffenem Schwanz, krampfhaft eingezogenem Leib, die Zunge aus dem Halse hängend, kroch der Hund geduckt auf dem Bauch naher. Brauner Schaum troff von den Lefzen. Der Pole hob den Kopf der Dogge.

»Der Hund hat von den verfluchten Farben gefressen!« Er stieß den Hund von sich. »Der Speichel ist grün, das Thier wird mit Schweinfurter Grün vergiftet sein. Ich mache Sie verantwortlich für den Schaden, mein Herr.« Mit den letzten Worten wandte er sich brüsk an Theodor. »Sie werden mir den Hund bezahlen.«

»Gerne, wenn damit geholfen werden könnte,« antwortete der Angeschuldigte. Mitleid hob ihn über die anderen quälenden Empfindungen hinweg, er beugte sich zu dem Hunde nieder. »Schweinfurter Grün hatte ich gar nicht,« sagte er beruhigend; »auch sehen die Spuren am Maul nicht grün aus.«

»Grün oder roth – das ist mir eins – ich bin farbenblind!« schrie der Pole in steigender Empörung.

»Mir sieht es braun aus,« meinte Mijnheer, von ferne ängstlich beobachtend und stets auf dem Sprunge, sich selbst zu retten.

Theodor war noch immer mit dem Untersuchen beschäftigt, er pflichtete Mijnheer bei:

»Braun konnte es eher sein, Kasseler Braun wahrscheinlich, das wäre nicht so schlimm.«

Der Pole focht mit den Händen. »Ach was, es sind lauter Giftbuden, ob Kasseler Braun, Neapel Gelb, Schweinfurter Grün –«

»Oder Düsseldorfer Mostrich!« persiflirte Frau Tula mit hochtragischem Ton.

Theodor Aland strich mit dem Zeigefinger etwas vom Maul des Hundes und brachte es seinen kurzsichtigen Augen näher, fast bis an die Nase.

»Sie wollen doch nicht kosten?« fragte Frau Tula.

»Nein,« antwortete Theodor ernsthaft; »ich wollte nur genauer zusehen und bin meiner Sache gewiß – es ist nämlich Mumie, ich hatte nur noch eine ganz kleine –«

Quantität wollte er in seiner langsamen Weise erklären, die kleine Frau fiel ihm aber ungeduldig in's Wort:

»Auch eine kleine ägyptische Prinzessin mag nicht ganz verdaulich sein.«

»Aber nicht giftig,« setzte Theodor mit seinem ernsthaft ehrlichen Ausdruck hinzu:

Frau Tula amüsirte sich ausnehmend.

»Nicht giftig, vielleicht nicht mehr giftig, im getrockneten Zustand nicht mehr gefahrbringend! Als moderne Grabschrift zu benützen!«

Unterdeß war aus dem Kurhaus Jemand zu Hülfe gekommen und der Pole befahl Wasser für seinen Hund.

»Wollen Sie ihm nicht lieber Milch geben lassen?« schlug Theodor vor, »und noch besser, eine tüchtige Quantität Ricinusöl.« Dann klopfte er dem armen Thier, welches sich zu beruhigen anfing, mitleidig den Kopf und sagte für sich: »Das arme Thier!«

Des Holländers Schmerz galt nur dem Kleide Tula's. Er klagte händeringend:

»Das unglückliche Kostüm!«

»Der verdammte Farbenkleckser!« knurrte der Pole.

Frau Tula's Blick wanderte von Einem zum Andern und blieb mit komischer Wehmuth an dem letztbeklagten Objekt, dem Kleide, hängen. Dann sagte sie zum Polen gewandt:

»Gut oder übel muß ich wohl diese vernichtende Kritik unterschreiben.«

Graf Laschewsky neigte sich huldigend.

»Ich bewundere Ihre Liebenswürdigkeit, gnädige Frau.«

»Und ich Deine Fassung, liebes Kind,« fügte Mijnheer weinerlich hinzu.

»Was bewundern Sie denn an mir, mein Herr?« fragte die junge Dame den schamerglühten Maler. Die Worte richteten sich neckend herausfordernd, die Augen ernst auf ihn, wie schon früher.

»O – ich,« stammelte dieser zurückweichend, »ich bewundere nur – nur – eine – eine frappante Aehnlichkeit!«

Frau Tula wandte sich achselzuckend ab; Mijnheer rang seine kleinen Hände.

»Was wirst Du denn nur anfangen, Kind! So kannst Du doch nicht bleiben!«

»Natürlich nicht, Mermänchen,« antwortete Frau Tula belehrend, wie man ein thörichtes Kind abweist; »ich sagte ja schon, daß ich mich der vernichtenden Kritik, welche des Malers Pinsel an meiner Toilette verübt, beuge! Ich werde dieses Musterkostüm nicht wieder tragen.«

»Aber, liebe Tula, es hat ja sechshundert Franken gekostet und muß doch noch zu retten sein!«

»Möglich; der Pinsel,« sie wies auf einen zu ihren Füßen liegenden Borstenpinsel, »hat aber meinen Geschmack korrigirt, ich finde diese Pariser Toilette monströs, haarsträubend.«

»Tula!« rief Mijnheer entrüstet, und Graf Laschewsky sagte beschwörend:

»Meine gnädigste Frau!«

Sie streichelte dem Hunde, der noch immer mit gekrümmtem Rücken, eingezogenem Schwanz und gesenktem Kopf, ein Bild verlorenen Selbstbewußtseins, dastand, tröstend über das Fell.

»Komm', Hektor, wir Beide sind für unsern Vorwitz bestraft und wollen uns eine Lehre daraus ziehen!«

Mit den Worten ging sie dem Hause zu, gefolgt von dem Hunde und ihren Kavalieren. Für den armen Maler hatte Niemand einen Blick, ohne Gruß, wie sie an ihn herangetreten, ließen sie ihn stehen.



III.

Wer den schüchtern blickenden Gelehrten nach den ersten mißlungenen Versuchen und der niederschlagenden Erfahrung des Morgens für entmuthigt in seinem Forschen halten sollte, der würde sich in dem stillen, ruhigen Manne getäuscht haben. Theodor Aland war eine Zähe Natur; er erfaßte nicht leicht etwas, hielt aber das einmal Erfaßte fest; Nichterfolge konnten ihn so wenig abschrecken, als ein scheinbarer erster Erfolg blenden, er ging den Dingen, die ihn interessirten, auf den Grund, ruhig, ohne Leidenschaft, mit dem echten Forschertrieb. Das gewonnene Resultat blieb dann sein Eigenthum, und diese Güter waren die einzigen, welche für ihn Werth hatten. Das Weib als solches hatte bisher keine Rolle in seinem zweiundzwanzigjährigen Dasein gespielt; seit gestern Abend war sein Interesse für diesen neuen Gegenstand geweckt, hatte sich darauf gerichtet, und gerade die Schwierigkeiten, die sich seinem Forschen entgegenstellten, machten ihn hartnäckiger in der Verfolgung des Ziels. Er wollte das Mädchen wiederfinden, welches in so seltsamer Weise in seine eng begrenzte Welt eingedrungen war.

Theodor Aland war das einzige Kind aus einer kurzen, leidenschaftlichen und leichtsinnigen Ehe. Sein Vater war für erste Liebhaber- und Heldenrollen seines einnehmenden Aeußern wegen bei einer wandernden Schauspielertruppe engagirt gewesen und hatte auch in solchen Rollen reüssirt, wenigstens bei den Damen. Neben mehreren älteren Herzen, die er gelegentlich eroberte, gewann er auch das Herz des sehr jungen, sehr hübschen und sehr schwärmerischen Fräulein von Olschewska, welches mit ihrem bedeutend ältern Bruder, der Vaterstelle an ihr vertrat, in dem einsamen Häuschen bei Helgevil lebte. Das kleine Haus war gemeinsames Eigenthum der beiden Geschwister, es gehörte auch noch etwas Land und ein mäßiges Kapital dazu.

Herr von Olschewsky war Landwirth, Junggeselle und ein arbeitsamer, nüchterner, ernster Mann, dessen Sinnen und Trachten nur dem Erwerb galt. Er liebte seine junge Schwester, ahnte aber nichts von ihrem Darben an seiner Seite, und als das Mädchen ihm eines Tags erklärte, daß sie den »Komödianten« heirathen wolle, hielt er sie für wahnsinnig, sperrte sie ein und bewachte sie strenge. Der Liebhaber entführte die junge Dame, ganz im romantischen Geschmack derselben. Ein paar Jahre lang ließ das Paar nichts von sich hören, dann kam die von Herrn von Olschewsky erwartete Geldforderung. Derselbe zahlte nicht nur die Hälfte des ererbten Kapitals, sondern auch die Hälfte des damit erworbenen Vermögens der Schwester aus, sagte sich aber zugleich von allen ferneren Beziehungen zu ihr und ihrem selbstgeschaffenen Elend los. Er erfuhr damals, daß sie keine Kinder besaß und nach wie vor mit dem Schauspieler in der Welt umherzog. Zwei Jahre später las er ihren und ihres »Mannes« Namen in der Liste der als »ertrunken« angeführten Passagiere eines verunglückten Auswandererschiffs. Seit jener Zeit lebte Herr von Olschewsky einsiedlerischer und arbeitsamer als je, sein Vermögen wuchs – er wurde alt. Da fiel ihm durch die Lotterie, in welcher er seit dreißig Jahren die von seinem Vater ererbte Nummer weiterspielte, der Hauptgewinn zu. Nun legte der Mann, der Zeit seines Lebens nur gearbeitet und sich, ohne geizig zu sein, nicht einmal die Früchte seines Schaffens gegönnt hatte, plötzlich alle Arbeit nieder, verkaufte seinen Grundbesitz bis auf das kleine Haus am Teufelsfelsen, in welchem er nur so viel Inventar beließ, als er den Motten und Spitzbuben gönnte, und ging auf Reisen, um, wie er sagte, sein Leben nach beendeter Arbeit zu genießen. Er that so, und noch mehr, als er sich vorgenommen – er heirathete!

Diese Thatsache überraschte Alle, die den Einsiedler gekannt hatten, und ihn selbst am allermeisten.

In dem eingetrockneten Junggesellen war ein Plätzchen weich und warm geblieben, die Stelle, aus welcher er so unerbittlich strenge die Schwester verstoßen, und es war im Grunde eine unbegriffene Sehnsucht nach Liebe und Ersatz für die Verlorene, die ihn von der Heimat, von der Arbeit in die Weite trieb. Er hatte keine Verwandten, Niemanden auf der Welt, für den er die Früchte seines Schaffens sammeln konnte, es ekelte ihn plötzlich vor der Arbeit, deren sich Niemand jemals gefreut hatte und die fremden Menschen einmal zunutze kommen sollte.

Geschäfte führten ihn nach Amsterdam in das Haus des Mijnheer Merman. In dem großen, stillen, reichen Hause lernte er ein armes, gefangenes Vögelchen kennen, die junge, sechzehnjährige Gertrud Schäfer. Eingeschüchtert durch die Leere und Einförmigkeit, wie verschlossen in einem weiten, glänzenden Sarg, ohne Luft und Sonne für Herz und Seele, lebte das junge Kind seit zwei Jahren unter dem gleichmäßig kalten, unbeweglichen Druck von Mama Käthe und dem schwachen, wenig bedeutenden Schutz von »Mermänchen«. Sie war die Tochter einer Schwester Mijnheers, die an einen Deutschen verheirathet gewesen. Nach dem plötzlichen Tode der Eltern gestattete Mevrouw Merman ihrem Gatten, die Nichte in ihr Haus zu nehmen, vorausgesetzt, daß das Kind keine Störungen mache.

Von Natur bis zum Uebermuth lebhaft, wurde die Kleine bald, ohne daß ihr eine Unfreundlichkeit begegnete, durch die Kälte, Leere und Stille ihrer Umgebung, durch den lähmenden Einfluß der starren, unbeweglichen Fettmasse, die das arme Kind in unbewußtem Hohn »Mama Käthe« nannte, wie sie den nichts bedeutenden Onkel in unbewußter Ironie von dem ersten Tage an »Mermänchen« betitelt hatte, durch die entsetzlichste Langeweile gleichsam hypnotisirt, sie verlernte nicht nur schnell das Lachen und Singen, sondern hörte auch auf zu sprechen, und hätte aufgehört zu leben, wenn ihr nicht ein Befreier geworden.

Es erschien nun zwar kein Ritter in romantischem Styl, um Dornröschen aus dem Zauberschloß zu erlösen, sondern ein alter Mann, weder ritterlich noch schön, aber mit verständnißvollem Blick und offenem Herzen für das verkümmerte junge Leben, im Rückblick auf ein ähnliches, welches einst an seiner Seite gedarbt hatte!

Herr von Olschewsky war dem jungen Mädchen zufällig im Hause begegnet, er hatte nach ihr gefragt und ihre kurze Geschichte gehört. Diese hatte tief in sein Herz gegriffen, er blieb ein paar Wochen in Amsterdam und ging öfter in das große, stille Haus Mijnheers. Da erkundigte er sich stets nach der jungen deutschen Waise. Einmal traf er auch mit Mevrouw Merman zusammen, und unter dem Eindruck dieser erdrückenden Persönlichkeit wuchs das Mitleid mit dem Waisenkind. Tags darauf erschien er im Comptoir Mijnheers und bat um eine Unterredung mit Fräulein Schäfer. Sehr verwundert führte Mijnheer den Besucher zu der Nichte.

Eine halbe Stunde später stellten das kaum siebenzehnjährige Kind und der alte Junggeselle sich als Brautpaar vor und erbaten die Einwilligung des Onkels und Vormundes. Herr von Olschewsky hatte kurz und einfach das junge Mädchen gefragt, ob sie keine Aussicht habe, ihr Schicksal zu bessern; auf ihre trostlose Verneinung bot er ihr seinen Namen, sein Vermögen und den Rest seines Lebens. Er wollte sie adoptiren, wenn sie es wünschte, hielt es aber für praktischer, wenn sie seine Gattin würde. Die Vortheile setzte er ihr geschäftsmäßig klar auseinander. Vor Allem würde ihre Stellung nach seinem Tode als seine Wittwe eine freiere sein, als wenn er sie als Adoptivtochter zurückließe; sie brauchte, selbst wenn er bald sterben sollte, nicht wieder in das ihr so entsetzlich erscheinende Haus des Onkels zurückzukehren, außerdem würden allerlei unnütze Formalitäten erspart und ihr Verhaltniß zu einander sollte dasselbe bleiben. Er wünschte nichts, als ihr rechtmäßiger Beschützer zu werden und sie zur Erbin seiner Güter einzusetzen. – Tula fiel dem großmüthigen Mann um den Hals und dankte ihm gerührt unter Thränen, die ihr Herz von unerträglichem Druck befreiten. Sie vertraute sich seinem Herzen, seiner Ehre und seiner Einsicht voll und ganz an; wie er über sie entschied, so sollte es ihr Gesetz und ihr Glück sein!

Sie hatte den Entschluß nicht zu bereuen.

An der Seite des gütigen, väterlichen Freundes genoß sie ein Jahr lang das Glück eines sorgenlosen, behaglichen Wanderlebens, dann konnte sie dem Gatten ihre Dankbarkeit durch aufopfernde Pflege in seiner kurzen Krankheit beweisen und seine letzten Lebenstage durch ihre Gegenwart erhellen. Er starb in ihren Armen und hinterließ ihr seinen ganzen Besitz.

Sie hatte ihm versprechen müssen, das Häuschen in Helgevil, in dem er geboren war und sein einfaches, mühseliges Leben zugebracht hatte, aufzusuchen und jährlich ein paar Wochen dort zu leben. Er hatte sie selbst dort einführen, es neu einrichten wollen und keine Zeit mehr dafür gehabt. Von seiner Jugend, seiner Schwester, dem Schmerz seines Lebens hatte er niemals ausführlich mit ihr gesprochen, er verschob die traurige Erzählung, bis er an dem Ort selbst die Thatsachen aufnehmen wollte, und dazu war es dann eben nicht mehr gekommen.

Eins nur wußte sie: das Häuschen war ihrem Manne werth gewesen und sie wollte es über sein Grab hinaus in seinem Andenken erhalten.

Die ersten Monate nach dem Tode ihres Mannes lebte die junge Frau in einer englischen Pension in der Schweiz. Dann traf es sich, daß Mijnheer und Mevrouw Merman auch nach der Schweiz kamen. Mama Käthe hatte nämlich in dem letzten Jahr an Korpulenz so bedeutend zugenommen, daß es ihr selbst auffiel.

Der Arzt wußte ihr keinen andern Rath zu geben als den, sich in dauernder Bewegung zu halten, worauf sie diese Verordnung in bequemster Weise mittelst Dampfwagens vollzog. Sie setzte sich in Bewegung en train und hielt sich »im Zuge«. Uebrigens war aber Mevrouw nicht so energielos, als es den Anschein hatte; für gewöhnlich zeigte sie sich theilnahmlos und unbeweglich, wenn sie aber etwas wollte, so hielt sie in ihrer umstandslosen Weise daran fest. Wohin die Reise ging, war ihr ganz gleichgültig, aber sie reiste, weil sie in Bewegung bleiben sollte, und würde eventuell auch nach dem Nordpol oder nach dem Aequator gereist sein, wenn die Eisenbahnschienen dahin gereicht hätten. Die Toilette machte ihr keine Beschwerde, sie legte den Regenmantel nicht ab.

In einem zweiten Moment zeigte sie plötzliche Energie. Bisher hatte sie niemals ein deutsches Wort gesprochen, vielleicht nicht gekannt, trotz der jahrelangen Anwesenheit der deutschen Nichte in ihrem Hause, mit welcher Mijnheer stets deutsch sprach; sie sprach überhaupt nur das Allernöthigste. Von dem Augenblick an, als sie die deutsche Grenze überschritt, sprach sie nur noch deutsch, das heißt, sie genügte allen Anforderungen mit einigen Redensarten, die sie irgendwo aufgeschnappt und nach, ihrer Fasson sich zurechtgelegt hatte.

Frau Tula fand es für zweckmäßig, sich nach dem ersten Trauerhalbjahr ihren Verwandten anzuschließen, ohne sich ihrer Selbstständigkeit zu entäußern. Mama Käthe war es gleichgültig, Mermänchen kam nicht in, Betracht, so gab Frau Tula denn die Reiseroute an. Sie führte die Gesellschaft nach Helgevil. Das hatte einen besondern Grund. Bald nach dem Tode ihres Gatten hatte sich ein zweiter Erbe bei dem Vormundschaftsgericht gemeldet und legitimirt. Dieß war ein Herr Aland, Sohn jenes Schauspielers und der Schwester des verstorbenen Herrn von Olschewsky.

Das Paar hatte, als es nach Amerika aufbrach, einen mehrere Monate alten Knaben der Obhut einer kassubischen Bäuerin hinterlassen. Wie sich's herausstellte, hatte die Mutter für ihr Kind das Kapital gerichtlich deponirt, welches sie von dem Bruder kurz zuvor ausgezahlt erhalten. Der kleine Theodor wuchs mit den Kindern und den Schweinen des Bauernhofes in traulicher Gemeinschaft auf. Die furchtbare Katastrophe, welche auf offenem Meere so viele Hoffnungen in den Wellen begrub, rauschte beinahe bedeutungslos an Theodor Aland's Wiege vorüber. Viel schwerer wurde von einem zweiten Unglück das Nestchen betroffen, in welchem der kleine Fremdling Aufnahme gefunden.

Die Cholera verwüstete die Dorfschaft, und von den fünf Personen, die sich in der kleinen kassubischen Hütte stumpfsinnig vor Angst an einander gedrängt hatten, blieben nur zwei am Leben, der kleine Theodor und seine treue Pflegemutter Maruschka. Sie verließ das Dorf und zog nach dem nächsten Städtchen, wo der Knabe die Schule besuchte. Mangel blieb ihnen fern, Maruschka besaß genug für ihre beiderseitigen einfachen Bedürfnisse, auch arbeitete sie, wie sie stets gethan. Das Kapital, ihres Pflegesohnes rührte sie nicht an, es trug Zinseszins.

Als Theodor die Schule verließ, theilte Maruschka ihm mit, was sie über seine Herkunft wußte, und übergab ihm auch einen Brief seiner Mutter, den diese als Vermächtniß hinterlassen hatte.

In diesem letzten Schreiben beklagte Olga von Olschewska die unbarmherzige Härte ihres Bruders, den sie nie wieder sehen wollte, und bestimmte, daß ihr Sohn sich für den Fall ihres Todes dem Onkel vorstellen und als dessen rechtmäßiger Erbe bei ihm melden solle. Ihrer Rechte an das Häuschen, in welchem sie ihre einsame, unschuldige Jugend verlebt, habe sie sich nie begeben und übertrüge dieselben hiemit ihrem in rechtlicher Ehe geborenen Sohn und verlange von ihm, daß er das Andenken seiner verkannten und gekränkten Mutter in Helgevil zu Ehren bringen solle.

Nachdem Theodor Aland diesen Brief gelesen, war er schnell entschlossen, seinen Onkel in Helgevil aufzusuchen, trotz aller Gegenvorstellungen Maruschka's, die einen angeborenen Abscheu vor der grausamen See und einen jahrelang gepflegten vor dem grausamen Onkel ihres armen Theodor's hatte. Das Schicksal entschied zu Gunsten Maruschka's, Theodor sollte den Onkel nicht kennen lernen. Diese Reise nach Helgevil wurde aufgeschoben; es kam dem jungen Theodor die unerwartete Aufforderung, seinen Lehrer, Professor der Naturgeschichte und der Chemie Doktor B., auf einer Studienreise als Famulus zu begleiten. Doktor B. hatte sich des stillen, strebsamen Jungen schon früher angenommen, der mit Liebe und Verehrung an dem gelehrten Junggesellen hing.

Theodor Aland war so glücklich, wie es seiner schüchternen, gemessenen Natur möglich war; er gab alle anderen Pläne vorläufig auf, überließ sein kleines Vermögen der ferneren Verwaltung Maruschka's und dachte, es sei Zeit genug, sich dem Onkel später als gelehrter Reisender vorzustellen.

Anfänglich liefen kurze Briefe von ihm an seine Pflegemutter ein, dann hörte Maruschka jahrelang nichts mehr von ihrem Pflegesohn.

Plötzlich nach sechsjähriger Trennung erschien vor ihrer Thür ein Fremder, der nach Maruschka fragte und sich der Ueberraschten als ihr Theodor Aland vorstellte. Es dauerte eine geraume Weile, bis Maruschka die Thatsache begriff, und dann freute sie sich, als sie in der ihr fremd gewordenen Gestalt das einfältige Kinderherz und die eckigen Manieren von ehedem entdeckte.

Professor Doktor B. wurde an eine Universität des Ostens berufen, Theodor hatte sich von ihm getrennt, um seine eigenen Angelegenheiten zu ordnen, den unbekannten Onkel aufzusuchen und seine alte Pflegemutter wiederzusehen.

Den Onkel fand er nicht. Das Häuschen war verschlossen, es sah vernachlässigt und verödet aus. In Helgevil hörte er, daß Herr von Olschewsky vor zwei Jahren sein Inventar verkauft, das leere Haus verschlossen, Reisen unternommen, geheirathet habe und gestorben sei. Den ganzen Besitz an beweglichem und unbeweglichem Gut habe er seiner Frau hinterlassen, die sich auch bereits als Erbin für das Häuschen in Helgevil gemeldet habe.

Theodor Aland liebte den Frieden und hatte bisher mit aller Welt in Frieden gelebt, doch hielt er es für eine Pflicht der Pietät, das Vermächtniß seiner Mutter, besonders dem moralischen Inhalt nach, auf sich zu nehmen.

Er that also Einsprache gegen die Besitzansprüche der Wittwe, legitimirte sich als Sohn der Mitbesitzerin, welche die Erbberechtigung für sich und ihren Sohn in dem hinterlassenen Brief gewahrt hatte.

Frau Tula hörte zum ersten Male von einem Neffen ihres Mannes, und als ihre verzeihlichen Zweifel an der Echtheit dieses Erben durch gerichtliche Prüfung beseitigt waren, sie über die Geschichte des »armen Jungen« sich orientirt hatte, da fühlte sie Mitleid mit dem ihretwegen Enterbten und sie bot in großherziger Regung dem Prätendenten eine Abstandssumme für das kleine Haus, welche den Werth desselben um vielleicht das Zehnfache überstieg. Das übrige, ziemlich bedeutende Vermögen ihres Gatten fiel ihr unbeanstandet zu, das Häuschen in Helgevil hatte wenig Interesse für sie und repräsentirte einen geringen Werth, sie hätte es gerne ohne Weiterungen dem »armen Jungen« abgetreten, glaubte aber, daß es ihm nur um Geld zu thun sei, und lediglich um dieß Geschenk ihrerseits in eine nicht verletzende Form zu kleiden, bot sie dem unbekannten Erben eine so namhafte Summe für das kleine Besitzthum.

Theodor Aland wies das großmüthige Anerbieten zurück, nicht etwa, weil er ein Almosen dahinter gewittert und sich somit beleidigt gefühlt hatte, sondern einfach, weil es ihm um das Haus und nicht um Geld zu thun war. Er wußte nicht einmal, ob das Häuschen einen hohen oder geringen Werth repräsentirte, für ihn hatte es nur das pretium affectionis; Geld bedeutete wenig für ihn, er hatte keine Bedürfnisse, auf Reisen führte der Doktor die Kasse, zu Hause Maruschka, er brauchte wenig und hatte stets so viel, als er benöthigte, Uebriges wäre ihm eine Last gewesen.

Ohne sich also mit irgend Jemanden zu berathen, hatte er der Wittwe seines Oheims, die ihm in einem warmen, liebenswürdigen Schreiben den genannten Vorschlag betreffs des Hauses gemacht hatte, ablehnend in knappen Worten geantwortet.

Nun fühlte sich Frau Tula verletzt und das Häuschen gewann plötzlich an Interesse für sie. Sie dachte gar nicht mehr daran, es herzugeben, sondern entdeckte auch unter ihren Pflichten eine, die ihr gebot, das kleine Haus zu konserviren.

Mijnheer Merman rieth dazu, es abzutreten, ihr Anwalt sprach dagegen; er hoffte auf einen kleinen, einträglichen Prozeß und fernere Geschäftsbeziehungen zu der reizenden jungen Wittwe.

Unterdeß hatte Theodor Aland seinen alten Lehrer, den Professor B., aufgesucht, ihm den Brief der jungen Wittwe vorgelegt und seine Ablehnung des großmüthigen Vorschlags mitgetheilt.

Der alte Gelehrte nahm den Brief mit in sein Studirstübchen und behandelte die Schriftzüge wie eine interessante Hieroglyphe. Andern Tages kam er mit den Resultaten seiner Forschung zu Theodor. Der gelehrte Herr hatte in dem Briefchen entdeckt: 1. ein kindliches Gemüth; 2. ein warmes Herz; 3. eine pietätvolle Seele; 4. einen uneigennützigen Sinn; 5. einen weichen, liebebedürftigen Charakter; 6. Anmuth und Jugend; 7. lebhaftes Interesse für den Neffen ihres verstorbenen Gatten. In Anbetracht dieser Funde und zur Vermeidung eines Prozesses schlug Doktor B. dem verblüfften Theodor rund und kühl vor, der jungen Wittwe die Hand zu bieten.

Nach dem ersten Schreck mußte Theodor dem Professor das Praktische seines Vorschlags zugeben.

Das Haus ging keiner der streitenden Parteien verloren, ein Prozeß wurde vermieden, die junge Wittwe bekam einen braven Mann, Theodor eine Frau und einen schönen – »Batzen Geld« wollte der Professor sagen, er verschluckte das Wort aber angesichts des unpraktischen Theodor, der in der erwähnten Thatsache nur ein Hinderniß sehen würde, und setzte dafür – einen schönen Beruf! Doktor B. schloß mit den Worten: »Du bist zweiundzwanzig Jahre alt und etwas Gescheiteres kannst Du nicht thun, als heirathen.« Dasselbe hatte Maruschka ihm auch gesagt.

Theodor Aland gewann die Idee immer lieber, je mehr er sich damit beschäftigte.

Er war so viel gereist, hatte so viel Schätze der Wissenschaft gesammelt! Sollte er sich nun von der alten Maruschka wieder an das Schürzenband nehmen lassen? Sie legte es darauf an. Und sie war so geräuschvoll!

Ein ruhiges kleines Haus an der See, mit traulicher Studirstube und einer stillen, hübschen Frau, niemals mehr abgerissene Hemdknöpfe, das schwebte ihm als unbestimmte, köstliche Aussicht dabei vor! Selbstlos, einfach und liebevoll mußte das junge Weib sein, sonst würde sie doch nicht den alten Mann geliebt und gepflegt haben!

Theodor Aland versprach seinem Lehrer, den gegebenen Muth zu befolgen.

Anstatt jedoch, wie Jener ihm vorgeschlagen, nach der Schweiz zu gehen, sich der jungen Dame vorzustellen und in regelrechter Art sein Werben zu beginnen, reiste Theodor nach Kassuben zurück und in Maruschka's Hütte schrieb er den seltsamsten und nüchternsten Heirathsantrag, den wohl jemals eine schöne, junge, reiche Dame erhalten hatte.

Die Antwort kam umgehend – wir kennen sie bereits.

Darnach nahm der Prozeß seinen Gang und Theodor Aland gewann ihn. Sowie er das Resultat erfuhr, machte er sich mit Maruschka auf den Weg nach Helgevil. Ihm gefiel es außerordentlich an der Küste, auch in dem öden Hause fühlte er sich behaglich. Obwohl Herr von Olschewsky von Inventar nur so viel zurückgelassen hatte, als er den Mäusen, Motten und Spitzbuben gönnte, so genügte dieser Rest doch dem genügsamen Theodor; Maruschka hielt dieß freilich nicht hinreichend für eine »menschliche Einrichtung«. Sie zeigte sich überhaupt empört über Alles, was sie sah und nicht sah, fand und nicht fand, und hoffte von Tag zu Tag, daß Theodorchen ein Einsehen bekommen und das entsetzliche Haus aufgeben würde.



IV.

Unter dem Vorgeben, ihr Eigenthum in Augenschein nehmen zu wollen, hatte Frau Tula ihre Verwandten zu einer Reise nach Helgevil bestimmt, obwohl sie schon in der Schweiz die Nachricht erhalten, daß sie den Prozeß verloren habe. Es reizte sie, nachträglich das Streitobjekt kennen zu lernen, vor Allem aber den Mann, welcher ihr einen so unerhörten Schimpf angethan. Ihre Stellung unter den Verwandten war eine ganz andere geworden. Sie hatte sich zu einer Selbstständigkeit entwickelt, die auf starken Schwingen ruhte; außerdem befanden sie sich auf neutralem Boden und jeder Hotelier, jeder Hausknecht bemühte sich, der liebenswürdigen, freigebigen jungen Dame zu dienen. Die schwerfällige, wortkarge Mevrouw war zufrieden, wenn sie im Regenmantel en train blieb und der kleine Mijnheer mit den zarten Farben war herzlich froh, unter anderen Menschen sich über seine Sklaverei täuschen zu können.

Unangenehm war Frau Tula nur das Herandrängen von Heirathsbedürftigen, sobald man hinter ihre Verhältnisse kam. Dieser Unannehmlichkeit und der Möglichkeit, von Theodor Aland erkannt zu werden, kam sie durch die Veränderung ihres Namens zuvor. Anfänglich beabsichtigte sie nur, sich ihren unverschämten Gegner anzusehen. Sie beobachtete ihn bei der Arbeit und belauschte sein Gespräch mit Maruschka während des heranziehenden Gewitters. Uebermuth, Spott und Rachsucht veranlaßten sie, ihr Spiel mit ihm zu treiben.

Der ehrliche Theodor hatte keine Ahnung von der Koboldsnatur, die ihm in der jungen Arbeiterin begegnet war, sie hatte es seinem unschuldigen Herzen angethan, er hatte ihr versprochen, sie wiederzusehen und ging so ernsthaft daran, diese Aufgabe zu lösen, als wäre sie rein wissenschaftlicher Natur.

Als er nach den Versuchen des ersten Morgens zu seiner treuen Maruschka heimkehrte, erzählte er ihr, daß er in drei verschiedenen Personen den gestrigen Gast zu erkennen geglaubt. Maruschka rief alle Heiligen zum Schutz gegen solchen Teufelsspuk an und endete jeden neuen Ausbruch ihres Entsetzens mit der schmerzlichen Genugthuung:

»Hab' ich's nicht gesagt?« oder: »Mir hat's wohl geahnt!«

Theodor aber behauptete ruhig:

»Ich finde sie schon, und dann werden wir alle Drei über das Märchen vom Meerweibchen lachen.«

Am andern Morgen zu früher Stunde ging er wieder nach dem Kurpark, sein Malergeräth nahm er aber nicht mit, sondern trieb sich unter den Bäumen und den Wiesen der Anlagen umher, inspizirte das Heuumlegen und Hacken der Wege, sah jedem Mädchen in das Gesicht mit einer linkischen, unreifen Entschlossenheit, die ihm manch' derben Spott zuzog.

Endlich betrat er auch wieder den Kurgarten. Des schönen Wetters wegen waren alle Tische besetzt, auch die holländische Gesellschaft bemerkte er nahe dem Hause an demselben Platz wie den Tag zuvor.

Wilhelm rannte den Schüchternen fast um, so »beiläufig« wie möglich.

»Herr Oberkellner,« wurde ihm in der Nähe des Hauses zugeflüstert, »was macht das Glücksstrümpfchen?«

Dann erhielt er noch eine Instruktion, die offenbar den unbeholfenen Gast anging, denn Wilhelm betrachtete diesen und nickte.

Im Vorübergehen fragte er Theodor:

»Sie wünschen wohl beiläufig noch Molke oder kuhwarme Milch?«

»Das heißt, ich dachte nicht gerade daran – könnte aber wohl . . .«

»Ich meinte nur,« sagte Wilhelm, indem er der nächsten unschuldigen Stuhllehne einen Fliegenklapps zukommen ließ, »weil Sie so ängstlich umherblicken; die Zeit ist eigentlich auch vorbei, die Schweizerin hat schon geschlossen, aber sie ist noch im Stall, und wenn Sie ein Glas frisch gemolken haben wollen, da thut sie es beiläufig auf ein gutes Wort von mir.«

»Sie sind sehr gütig,« antwortete der höfliche junge Gelehrte; »es würde mir in der That sehr angenehm sein, ein Glas kuhwarme Milch zu erhalten.«

»Warten Sie hier einen Moment, ich komme gleich zurück und führe Sie hintenherum nach dem Stall,« entschied Wilhelm mit Protektormiene und wirbelte davon.

Zehn Minuten später führte er seinen schüchternen Gast durch das Haus, über den Hof in den Stall.

Hier bewies die kokette Reinlichkeit, daß Visiten nichts Unerwartetes seien, selbst der berechtigte Duft, welchen der Milchgast übrigens als zur Kur gehörig zu verlangen pflegt, trug den Charakter des Parfüms.

Und das Mimmili, welches mit dem schäumenden Becher hinter der blank gestriegelten Kuh hervortrat, paßte zu der Umgebung. Es war ein kokettes Mimmili im Sonntagsstaat! Das Mädchen neigte den Kopf über den Becher, ein weißes Tuch hielt die Haare zurück und mit einem zweiten solchen Tuch hatte sie das Glas gefaßt.

So näherte sie sich im Schatten des Stalls Theodor, der in dem Lichtstreifen der Thür stand. Seine Augen waren durch den Sonnenglanz draußen geblendet, der feuchte, warme Dunst des Stalles legte sich auf seine Brille – er sah gar nichts deutlich, aber sein Herz klopfte der Nahenden entgegen, und als sie nun vor ihm stand, nahm er die hinderliche Brille ab und schaute so blöde über den schmalen Lichtstreifen, der zwischen ihnen lag, als ob er eine Brücke zum Hinüberkommen suchte.

Die Kleine blieb auch jenseits stehen im Schatten und reichte lachend den schäumenden Trank hin.

»Sputen Sie sich man 'n bischen, liebes Herrchen, ich muß das Stallchen sauber machen und kann dabei keine Gäste brauchen.«

Stimme und Blick gehörten Der an, die er suchte, dem Meerweibchen, er glaubte dießmal die rechte Person vor sich zu haben.

»Sie kennen mich wohl nicht wieder?« fragte er endlich und forschte mit flimmernden Augen in den dämmerigen Raum hinein. Er lächelte dabei in froher Erwartung.

»Sie? Wieder kennen?« wiederholte das Mädchen. »Ich sehe Sie heute zum ersten Mal. Ihr Gesicht ist leicht zu merken, schon der Nase wegen.«

Ueber des Mädchens Worte verlängerte sich das besprochene Antlitz; im Tone schüchterner Entschuldigung fragte Theodor:

»Suchten Sie nicht vorgestern Abend, allein – durchnäßt – Schutz vor dem Wetter in dem abgelegenen Häuschen beim Teufelsfelsen?«

»O,« rief das Mädchen verletzt, »das wäre noch schöner! Was denkt der Herr von mir? Ein rechtschaffenes Mädchen geht Abends allein dort gar nicht hinauf. Das ist ein verrufener Ort, es spukt da und der schwarze Konrad soll dort hausen.« .

Sie war zurückgetreten in die Box zu einer der Kühe, hinter der sich noch eine zweite Person, für Theodor unsichtbar, verborgen hielt.

»Gehen Sie jetzt nur, mein gutes Herrchen!« rief sie ihm von da aus zu. »Trinken Sie Ihre Milch draußen im Sonnenschein, ich kann hier keinen Besuch brauchen, weil der Stall ausgespritzt werden muß.«

Zugleich hob sie den Schlauch auf, durch welchen behufs Reinigung Wasser auf den gepflasterten Boden rieselte, und richtete dieß Instrument gerade auf Theodor. Ein Sprühregen überflutete den Ueberraschten, der seinen Rückzug beschleunigte.

Draußen erwartete ihn Wilhelm und rühmte:

»Nicht wahr, der Stall ist ein Staat? Und so proper.«

»Ja wohl, die Schweizerin scheint auch sehr reinlich zu sein,« antwortete Theodor, der sich die Wassertropfen von den Kleidern strich.

»Beiläufig – meine Braut,« erklärte der schöne Wilhelm mit Stolz.

In der Ueberraschung brachte Theodor ein ziemlich einfältiges: »Wirklich?« hervor, dann fragte er:

»Das Verhältniß ist wohl neu?«

»Doch nicht! Als Landsmännin in der zweiten Saison, als oberflächliches Verhältniß in der dritten, als Braut seit der diesjährigen Kur, die für reelle Beziehungen sehr günstig ist.«

»Dann müssen Sie das Mädchen freilich kennen.«

»Besser als mich selbst, denn ich habe von ihrer Rechtschaffenheit Beweise.«

»Hat sie nicht eine gewisse Aehnlichkeit mit Jemandem?«

»Nein, das finde ich nicht.«

»Die Kellnerin und die Engländerin von gestern Morgen scheinen ihr ganz ähnlich zu sehen.«

»O, wo denken Sie hin! Da steckt nicht die Bohne Aehnlichkeit darin. Die Engländerin kenne ich zwar beiläufig nicht.«

»Aber die Kellnerin, die mir servirte? Haben Sie diese entdeckt?«

»Nein, ich habe sie nicht entdecken können, aber Aehnlichkeit, wie gesagt, ist durchaus nicht vorhanden, keine Spur.«

»So, so! Mir wollte es scheinen; ich irrte mich also,« antwortete Theodor nachdenklich und gab das geleerte Glas zurück. »Wollen Sie die Schweizerin rufen, ich möchte zahlen.«

»Geben Sie das Geld nur an mich, es macht zweieinhalb Silbergroschen. Die Stallthür mag ich jetzt, nicht öffnen, Lenchen spritzt uns von der Schwelle weg.«

Theodor Aland bezahlte seine Milch und verließ den Kurgarten. Er kam sich wie verhext vor. Wie konnte er denn nur überall dasselbe Gesicht sehen, dieselbe Stimme hören? Hatten denn alle jungen Mädchen gleiche Augen? Wußte er denn überhaupt noch, wie das verirrte Kind ausgesehen hatte? Er machte sogleich die Probe, schloß die Augen und hätte sie greifen mögen, so lebendig sah er sie vor sich.

Sie war keine Hexe, kein Spuk, wie die thörichte, abergläubische Alte annahm, aber sie war auch keine Landstreicherin, keine gewöhnliche Arbeiterin. Der gute, harmlose Theodor erinnerte sich der weichen, schönen Hände und der kleinen, zierlichen Füße und dachte dabei all herabgekommene Familienverhältnisse und an verschämte Armuth. Er fühlte sich so reich und wollte so gerne helfen! Wenn sie sich nur finden lassen wollte!

Zu Hause sagte er nichts mehr von seiner mißglückten Forschung, gegen Abend aber nahm er zum zweiten Mal den Weg nach der Promenade. Die vornehme Welt promenirte am Strande. Ein paar Kinder mit Walderdbeeren, die sie in flachen Bastkörbchen auf Haselnußlaub gehäuft trugen, drängten sich an die Herren und Damen.

»Schönes Fräulnchen, gold'nes Herrchen, zuckersüßes Madamchen, kaufen Sie mir was ab. Ein Dittchen für so 'n Blattchen voll Beerchen!« so riefen die kleinen Barfüßler in den wehmüthigsten Tönen.

Theodor liebte Kinder und beschenkte einen ihn anbettelnden Jungen mit dem verlangten Dittchen, ohne Anspruch auf das »Blattchen mit Beerchen« zu erheben. Kaum hatte der pfiffige Bengel das Geld in der Hand, so rannte er ohne Dank davon, um bei einer guten Kundin seinen Kollegen den Rang abzulaufen.

Es war dieß Frau Tula, die in Gesellschaft des Polen und einiger Anderen sich auf den »Steg« begab, eine weit in die See hinausführende, etwas schmale, aber sehr beliebte Bretterpromenade. Die Gesellschaft beachtete die bettelnden Kinder nicht, die Anderen blieben am Strande zurück, der kleine Bengel aber, der eben von Theodor beschenkt worden war, drängte der Gesellschaft nach auf den Steg. Auf der einen Seite flutete die Menge hinaus über die leise murmelnden Wellen, auf der andern kehrte sie nach dem Strande zurück. Graf von Laschewsky führte seine Dogge am Riemen mit sich. Der Hund war unruhig, sein Herr riß mehrmals an dem Leitriemen, das Thier kniff den Schwanz, hielt den Kopf gesenkt und wollte nicht recht vorwärts. Auch Theodor ließ sich von dem Menschenstrom erfassen und auf den Steg schieben. Die vorhin genannte Gruppe befand sich fünfzig Schritte vor ihm und mußte ihm bald wieder entgegenkommen.

Statt dessen stockte der Strom oben plötzlich, es wurde ein Schrei und ängstliches Rufen laut. Dann kam den Hinaufpromenirenden der Hund des Grafen, seinen Riemen hinter sich her schleifend, beinahe auf dem Bauche kriechend, ängstlich und verwildert entgegengelaufen.

Theodor Aland drängte eilig vor und fand inmitten der Stauung den kleinen Erdbeerjungen weinend, von dem Grafen Laschewsky am Kittel gefaßt, dahinter mit sehr erschreckten Mienen eine Menge Herren und Damen.

»Was gibt es?« fragte der junge Gelehrte ohne eine Spur der gewohnten Schüchternheit.

»Der verfluchte Bengel hier ist von meinem Hunde gebissen worden,« antwortete Graf Laschewsky, indem er den Jungen schüttelte.

»Der Hund ist toll,« behaupteten ein paar Andere.

Theodor Aland befreite das Kind von dem Griff des Polen und fragte in liedreichem Ton:

»Wo ist die Wunde, mein Junge?«

»Hier!« schluchzte der Kleine und reichte, den Arm hin. Ein klaffender Riß in dem Aermel bezeichnete die Stelle. Im Nu hatte Theodor Aland das Zeug abgerissen und seine Lippen auf die Wunde gedrückt. Er sog das Blut aus. Die Zuschauer blieben im Kreise wie gebannt stehen, auch Frau Tula befand sich unter ihnen. Nach einigen Sekunden spie der junge Mann das Blut aus und wiederholte die Prozedur, nachdem er dem Grafen kurz und befehlend zugerufen hatte:

»Halten Sie den Hund fest!«

»Daß ich des Teufels wäre!« antwortete der Pole hochmüthig. »Man mag den Köter meinetwegen todtschießen, wenn er toll ist. Die ganze Geschichte verdanken wir Ihrer Dummheit. Hätten Sie Ihre Farbengifte gestern nicht umher gestreut, würde der Hund nicht davon haben fressen können und heute nicht tollwüthig sein!«

Einer der Herren rief:

»Ich habe ein Taschenterzerol bei mir – wenn es sein soll, brenne ich dem Köter eins hinter die Ohren!«

Vom untern Ende des Steges tönten Rufe; ein paar Herren hatten die Dogge am nachschleifenden Riemen festgehalten und zerrten die heftig Widerstrebende herbei. Der Pole schrie laut dem Herrn mit dem Terzerol zu:

»So schießen Sie ihn doch nieder!«

Da richtete sich Theodor Aland, der noch immer bei dem Kinde gekniet hatte, auf, faßte den Hund im Genick und rief laut und befehlend den beiden Herren zu:

»Das sind Thorheiten! Stecken Sie Ihr Terzerol ein!«

Wie eine Feder hob er dann die halbwüchsige Dogge am Fell des Genickes empor, untersuchte Auge, Nase und Maul des Thieres und schleuderte es über das Geländer in die See hinaus. Der sanfte Gelehrte hatte, einer zwingenden Nothwendigkeit gehorchend, den Mann herausgekehrt und schien sich nun erst wieder der Umstehenden und seiner bescheidenen Stellung zu erinnern, denn er fiel sogleich in seine schüchterne, linkische Manier zurück, als er entschuldigend erklärte:

»Ich halte nämlich den Hund durchaus nicht für toll. Es ist ein junges Thier und wahrscheinlich zum ersten Male hier auf den schwankenden Brettern, durch deren Fugen er das Wasser schimmern sah. Das hat den Hund schwindelig und verwirrt gemacht. Ihn zu tödten, wäre unnöthig, in Rücksicht auf das von ihm gebissene Kind auch unklug, denn der Hund muß beobachtet werden, um den Charakter der Wunde zweifellos festzustellen.«

Das waren vernünftige, gute Worte, die des Eindrucks auf die Unbefangenen nicht entbehrten. Frau Tula hatte sich während derselben zu dem weinenden Kinde niedergebeugt und ihm mit ihrem Spitzentuch die Thränen getrocknet. Die Armwunde blutete stärker als zuvor und befleckte das weiße Kleid und die Handschuhe der jungen Frau.

Theodor zog sein großes, buntes Tuch aus der Tasche.

»Prenez-garde!« rief der Pole laut und spöttisch Frau Tula zu, die ihr Tuch an die Wunde des Kindes drückte, »le redoutable torchon!«

Ohne jede Bitterkeit oder Ironie beantwortete Theodor diese unzarte Warnung ruhig mit der Versicherung an die junge Frau:

»Fürchten Sie nichts, ich will nur den Arm verbinden, die parfümirten Spitzen thun hier nicht gut, übrigens« – er wandte sich in derselben ruhigen Weise an den Grafen Laschewsky und wies auf das befleckte Kleid Frau Tula's – »trete ich in keiner Weise Ihrem Batisttuch in den Weg.«

Er legte sein Tuch wie eine Binde zusammen und schlang es um den Arm des Jungen.

»Ueberlassen Sie mir das Kind,« bat die junge Frau.

»Vorläufig ist es besser, wenn ich für ihn sorge,« antwortete Theodor Aland gelassen, in seiner Beschäftigung fortfahrend, ohne aufzusehen.

Der Junge klagte weinerlich:

»Mein Paudelchen!«1

»Du hast es wohl vor Schreck in's Wasser fallen lassen?« fragte Theodor mitleidig.

»Ja, mit allen Erdbeeren! Ich hatte den ganzen Tag gesammelt und noch nichts verkauft.«

Es war nicht ganz richtig, aber der kluge Junge suchte aus dem Unglück Kapital zu schlagen.

»Die Wellen spülen Dein Paudelchen an den Strand und ich suche Dir frische Erdbeeren aus dem Walde,« verhieß ebenso warmfühlend als falsch tröstend der ehrliche Theodor.

Natürlich schlug sein Trost bei dem kleinen, fünfjährigen Handelsmann nicht recht an. Frau Tula berechnete den Schmerz schon richtiger, indem sie hinzufügte:

»Den Verlust bezahle ich Dir.«

Doch suchte sie vergeblich die Tasche in dem eng zusammengebundenen Rock zu gewinnen.

Der Pole zog eine Brieftasche heraus und bemerkte achselzuckend:

»Für den Moment bin ich nur im Besitz einiger Hundertmarkscheine.«

»Praktische Leute!« brummte ein eben hinzugetretener dicker Landwirth aus Masuren und warf dem Jungen ein Geldstück zu.

Nun nahm Theodor den Jungen auf den Arm. Schreck, Schmerz und Aufregung hatten das Kind ermattet. Es umfaßte seinen Retter mit der gesunden Linken und barg das erblaßte Gesicht an dessen Schulter.

»Sage mir, wo Du wohnst, ich trage Dich nach Hause,« flüsterte Theodor seinem Schützling zu.

Leise nannte dieser Namen und Wohnung, und der lange Gelehrte trat ohne Blick und Gruß aus der Gruppe und nahm seinen Weg den Steg entlang, quer über den Strand dem Dorfe zu.

Einen Augenblick hielt er am Strande, um einige Instruktionen für den Hund zu geben, der eben wohl und munter der letzten Welle entschlüpfte und sich kräftig schüttelte.

Die Kurgäste liefen in Gruppen zusammen, auch Mijnheer Merman fand sich dazu und ließ sich von dem Grafen Laschewsky den Vorfall erklären. Der Pole hatte seine unvergleichliche Haltung, eine Mischung von Eleganz und nachlässiger Anmuth, wieder gesichert, den Sammetrock abgeklopft und ließ »die Fahne der Liebe« wehen, wie Frau Tula den stets aus der linken Brusttasche flatternden Zipfel seines Batisttuches zu nennen pflegte. Er drehte mit der weißen Hand den schwarzen Schnurrbart und sagte wegwerfend:

»Die Bettlerbrut war zudringlich wie immer und die Dogge noch von gestern her schlechter Laune; sie kollidirten mit einander und der Bengel wäre in's Wasser gefallen, wenn der Hund ihn nicht gepackt hätte. Das ist Alles. Ich glaube, der alberne Philister biß den Jungen selber in den Arm, um die Bagatelle aufzuputzen.«

»Der sogenannte Philister war der einzige Besonnene unter uns,« korrigirte Frau Tula die Erzählung, »er rettete auch Ihren Hund, den Sie der Bagatelle wegen durchaus todtschießen lassen wollten.«

»Mich langweilte der Handel, und ich konnte nicht länger geduldig mit ansehen, wie man Sie damit molestirte, meine gnädigste Frau. Der unverschämte Kerl verdarb zum zweiten Mal eine reizende Toilette.«

»Und Sie wollten den Schaden durch Pulver und Blei und mit dem Blut und Hirn Ihres Hundes verbessern? Wie aufopfernd!«

Sie hing sich an den Arm des Holländers und zog ihn von der Promenade fort.

»Komm', Mermänchen, wir wollen uns nach dem Kinde und seinen Eltern erkundigen und hören, was wir für die Leute thun können.«

»Darf ich die Herrschaften begleiten?« fragte der Pole.

»Sorgen Sie lieber dafür, daß Ihr Hund keinen neuen Unfug treibt,« antwortete Frau Tula kurz.

Es lag ihr weniger daran, sich nach dem Kinde zu erkundigen, als mit den eben erhaltenen Eindrücken aus der Menge zu flüchten.

Der »Simpel« hatte sich muthig und verständig gezeigt und sie nicht beachtet. Sie konnte sich nicht genug darüber verwundern.



V.

Nahe am Walde lag die Lehmkathe (Hütte) des Taglöhners Kluth, dessen Sohn Kaspar von dem Hunde des Grafen Laschewsky gebissen worden war.

Theodor Aland fand die Hütte leer.

»Vater is noch nich' von Arbeit zurück, aber Mutter is zu Haus,« hatte Kaspar behauptet.

Der lange Gelehrte mußte sich bücken, um die niedere Thür mit seiner Bürde zu passiren. Torfstücke und ein paar elende Geräthe auf kalter Feuerstelle bezeichneten den Raum als Küche. Es zeigte sich Niemand.

Seitwärts ließ eine zweite Thür, die eine kleine Glasscheibe hatte, in den nächsten Raum blicken. Kaspar deutete dorthin und sagte:

»Mutter is in de Stub'.«

Vorsichtig öffnete Theodor die Thür. Eine heiße, dicke Luft schlug ihm entgegen. Der große, landesübliche grüne Kachelofen und ein hochgethürmtes und von reinlichen, bunten Gardinen umgebenes Bett füllten fast schon allein den kleinen Raum. Die beiden niedrigen Fensterchen waren halb verdeckt durch bunte Vorhänge, die sich darüber als Volant kräuselten, eine hölzerne Wiege dicht am Bett, zwei Schemel, eine bunte Lade und ein Tisch machten das Mobiliar. Theodor sah aber keinen Menschen im Stübchen.

»Bist Du es, Mann?« fragte eine matte Stimme hinter den Vorhängen.

»Ich bin es, Mutter,« antwortete der kleine Junge; »ein fremder Herr ist mitgekommen.«

Theodor hatte das Kind auf den Boden gestellt und sich dem Bette genähert.

»Kaspar hat seine Erdbeeren in's Wasser fallen lassen und ist sehr unglücklich darüber,« begann er, vergeblich bemüht, zwischen den Bettschichten etwas Menschliches zu entdecken.

»Ach, die Kröte!« erscholl es zornig aus den Federn; »hat gewiß wieder 'rumgespielt, anstatt dem Verdienste nachzugehen. Den ganzen Tag habe ich allein gelegen, nichts Warmes zu essen gekriegt, weil die Range Erdbeeren suchen war und mein Mann auf Arbeit, und nun hat der Bengel nicht 'mal die paar Groschen zu Brod mit, auf die ich rechnete.«

»Ick habe ja Geld, Mutter!« rief der Junge.

»Dem Kinde ist ein kleiner Unfall begegnet. Kaspar wurde von einem Hunde gebissen und ließ vor Schreck seine Erdbeeren fallen,« sagte Theodor, indem er den Kleinen nach dem Bette hinschob.

»Ach, du allerliebster Herrgott, auch das noch! Mein Jungchen, mein trautestes, einziges Jungchen!« jammerte die Frau, zu plötzlicher Zärtlichkeit umschlagend.

Die Bettstücken wurden gerückt und ein schmales, bleiches Gesicht zeigte sich neben der Gardine.

»Beruhigen Sie sich, liebe Frau, das Kind hat keinen besondern Schaden genommen, nur eine kleine Fleischwunde am Arm, die bereits verbunden ist. Ich habe den Knaben hergetragen.«

»Der Hund war toll,« sagte Kaspar wichtig.

Mit einem lauten Schrei fiel die Frau in ihre Kissen zurück. Theodor schalt den vorwitzigen Jungen:

»Wie kannst Du Deine Mutter so erschrecken! Der Hund war vollkommen gesund, nicht einmal böse, sondern nur verwirrt und geängstigt; er wollte dem Kinde nichts anthun, das Ganze war ein unglücklicher Zufall, der, aber gar keine weiteren Folgen haben wird.«

Die Frau blieb still und Theodor wurde es Angst dabei. Vorsichtig schob er die verhüllenden Vorhänge und eins der schweren Kissen beiseite und prallte erschrocken zurück. Er hatte in die großen Augen eines Säuglings geblickt, dem er mit dem Kissen den Lutschbeutel aus dem Munde gezogen hatte. Darüber war das Kind erwacht, schmatzte ein Weilchen suchend mit den Lippen, zog diese dann breit, preßte die Augen zusammen und wurde allmälig kirschbraun in dem kleinen, faltigen Gesicht.

Theodor hatte nie so etwas gesehen und dachte, das sonderbare Geschöpf wäre am Ersticken. Die Frau rührte sich nicht, das Kind hatte die Form eines gut verschnürten Bündels und schwoll immer mehr im Gesicht, dem einzig bemerkbaren Körpertheil. Mitleidig und hülfbereit, wie er war, versuchte Theodor, dem erstickenden Leben Luft zu schaffen. Er riß den Pack mit starken Händen auseinander. Ihn schauderte bei der gewordenen Einsicht; es waren Arme, Beine und alles Zubehör darin, auch noch mehr, und das Kind setzte mit einem Ton zu schreien ein, der wenigstens nicht von Luftmangel zeugte. Darüber kam die arme Mutter zu sich.

»Erbarmen Sie sich; was machen Sie da? Bringen Sie mir das Andere nicht auch noch um. Lassen Sie mir mein Kind in Ruh'! Es muß den Tod davon haben.«

Theodor erschrak sehr.

»Wo ist sein Lutsch?« fragte die Frau aufgeregt. Das Kind schrie, als ob es gespießt würde, während die Mutter mit zitternden Händen das Bündel durchsuchte und mitunter ein beruhigendes: »Psch, psch, mein Affchen, mein Haschen!« dazwischenwarf.

»Lutsch?« wiederholte Theodor, der keine Ahnung von der Beschaffenheit des Gegenstandes hatte.

»Hier!« rief Kaspar und hob eilig ein Bündelchen von der Diele, welches wie der Säugling en miniature aussah. Ehe er den Fund aber auslieferte, steckte Kaspar ihn gierig in den Mund.

»Gibste her, Freßsack, Gierschlang'!« schrie die Frau empört mit einem Hieb der Faust nach ihrem traut'sten Jungchen. Ihre Mutterliebe ließ sich offenbar nicht theilen und fiel immer nur dem Einen voll und ganz zu.

Dem Säugling war aber auch mit dem Lutsch nicht zur Heiterkeit zu verhelfen, er schrie mit übernatürlichen Kräften weiter.

»Vielleicht hat er Schmerzen,« schlug Theodor mit merkwürdiger Weisheit vor.

»Oder Durst!« meinte die Frau; »ich habe aber keinen Tropfen Milch; die Ziege ist noch nicht gemolken. Wenn mein Mann kommt, kocht er dem Jungchen sein Suppchen. Bis dahin muß es warten.«

»Leg' 'n in die Wieg', Mutter, ich will 'n schaukeln,« sagte Kaspar altklug.

»Nein, Du nicht,« wehrte Theodor, »Du solltest selber zu Bette gehen und Dich vom Schreck ausruhen. Wo ist Dein Bettchen««

»Hier; er schläft bei uns,« sagte die Frau und machte Platz neben sich.

Theodor sah verwundert drein. Betten genug waren in dem Kasten, für die ganze Familie von Mann, Frau und Kind; aber dieß Familiennest kam ihm doch so besonders vor.

»Der Arm thut weh,« klagte der Junge, an seinen Schmerz erinnert, »ich kann nicht die Hos auskriegen.«

Während der Säugling unter den mütterlichen Händen weiterbrüllte, zog der gutmüthige Theodor dem Jungen seine paar Lumpen ab. Schuhe und Strümpfe gehörten nicht dazu. Die Abendsonne brannte durch die kleinen Rauten und Theodor Aland standen die hellen Schweißtropfen auf der Stirn.

»Kann ich hier etwas Wasser finden, liebe Frau?« fragte er; »ich möchte den Umschlag erneuen.«

»Auf dem Fensterkopf steht ja ein ganzer Topf voll,« war die Antwort der Wöchnerin, deren Angst um den ältesten Jungen mit dem ersten Schreck sich erschöpft zu haben schien. Sie bändelte an dem zweiten und warf ein paar nasse Lappen aus dem Bette.

Theodor wusch und verband die Wunde des Kindes und wollte es dann der Frau in's Bett legen.

»Mit den Füßen?« rief die Frau erschrocken.

»Ach, verzeihen Sie, ich dachte nicht daran; das ist ja wahr, der Junge ist barfuß gelaufen.«

Er setzte den Jungen auf die Lade zurück und nahm einen der nassen Lappen von der Erde, tränkte ihn vorsichtshalber noch einmal mit dem Wasser vom Fensterkopf und rieb die kleinen, schmutzigen Füße Kaspar's ab.

»Nun legen Sie erst den Kleinen in die Wiege, lieber Herr,« bat die arme Mutter und vertraute ihm ängstlich ihr neuversichertes kostbares Bündelchen an.

Der Krankenwärter aus dem Stegreif nahm das lebendige Paket dießmal ganz regelrecht in Empfang und brachte es ebenso in der Wiege unter.

Das Kind hatte sich ein wenig beruhigt.

»Hier machen Sie, bitte, auch den Lutsch im Topf naß,« bat die Frau.

Theodor empfing das geheimnißvollere, kleinere Bündel mit derselben Vorsicht wie das größere und tränkte es in dem Universaltopf nach Vorschrift.

»Und nun?« fragte er gutmüthig.

»Stecken Sie es ihm in's Mäulchen,« belehrte die Frau.

Erst fuschelte Theodor dem schnappenden Säugling den Lutsch verkehrt mit den vier Zipfeln vor der Nase herum, dann guckte er sich die Sache genauer an, wobei er den Lutsch so dicht vor seine eigene Nase brachte, daß der aufmerksame Kaspar den Mund in maßlosem Staunen aufriß; er erwartete nämlich, der fremde Herr würde an dem Lutsch selber naschen, aber nach einigen ungeschickten Versuchen brachte Theodor den unvergleichlichen Gegenstand glücklich im Munde des Säuglings unter; er hatte nämlich den praktischen Einfall, mit zwei Fingern der linken Hand den noch zahnlosen Mund, der erst so peinlich leer aussah und sich dann so peinlich fest an seine Finger ansog, aufzusperren und mit der rechten Hand den Knopf des Lutsch in die wiedergewonnene Oeffnung zu drücken.

Nun brachte er der Mutter den ältesten Jungen in's Bett und öffnete dann ein Fenster, was die Wöchnerin nicht gern zuzugeben schien.

»Schaukeln Sie das Kind ein bischen – bloß mit dem Fuß anstoßen, dann schläft es ein.«

Er setzte sich auf den Schemel und that, wie ihm geheißen.

Nach wenigen Augenblicken schlief die ganze Familie. Die reine, frische Luft mochte die Friedensspenderin sein, offenbar hatte man ihr tagsüber noch keinen Zutritt in die Krankenstube gestattet.

Theodor wiegte ununterbrochen und wartete geduldig auf die Rückkehr des Familienhauptes, in dessen Hände er sein Pflegeamt niederlegen wollte. Vorerst zeigte sich am offenen Fenster minutenlang ein ganz anderes als das erwartete Haupt; Theodor nahm sein Erscheinen aber nicht wahr, weil er dem Fenster den Rücken gewandt hatte. Ihm schien nur eine vorüberziehende Wolke die brennenden Strahlen der Abendsonne zu unterbrechen. Das spöttisch, übermüthig lachende Antlitz verschwand lautlos, wie es erschienen, die Sonne glühte seinen Rücken an wie zuvor.

Draußen war Frau Tula auf dem weißen Sande, der den Weg füllte, zu Mijnheer zurückgehuscht, welcher auf der Landstraße geblieben.

»Es ist die Familie, Mermänchen; sie scheint Kranke in dem armseligen Stübchen zu haben.«

»Kranke?« fuhr Mijnheer auf und wich erschrocken zurück. »Wahrscheinlich grassiren Pocken oder dergleichen hier – siehst Du wohl, ich warnte Dich! Man darf sich diesen Lehmhütten nicht nähern; Ungeziefer und Krätze ist das Geringste, was man dort antrifft.«

Er zog sein Tuch hervor und drückte es ängstlich vor Nase und Mund. Frau Tula war ganz ernst geworden.

»Kranke waren darin, aber auch sonst noch Jemand, der die Ansteckung nicht fürchtete,« sagte sie und drehte auf dem Wege mit ihrem Begleiter um; »jedenfalls ist unsere Hülfe momentan nicht vonnöthen.«

»Schicke ihnen morgen Geld, so viel Du willst, liebe Tula, geh' aber nicht wieder selbst hin, das bist Du uns schuldig!« bat Mijnheer dringend.

»Schon gut!« antwortete die junge Frau gleichgültig.

Sie blieb einsylbig, auch Abends an der Table d'hôte.

Graf Laschewsky erzählte ihr von dem Unglück seines Vaterlandes, von der Trauer der edlen Polen, und dann sang er ein paar Lieder, die von einer ewig brennenden Wunde handelten, und seine Stimme bebte in Glut und Schmerz, was sich vereint mit dem polnischen Accent besonders gut machte. Es war sehr rührend; einige Damen weinten, und die Herzen der meisten wallten opferselig. Die großen, melancholischen Augen des unglücklichen Polen hingen fordernd – den Tribut des Mitleids vorderhand nur – an Frau Tula's frischem, rundem Antlitz, welches gar nicht mitleidig aussah. »Wie rührend ist das traurige Loos Polens!« – »Mir scheint das Unglück der ganzen edlen Nation aus diesen Augen, dieser Stimme zu sprechen.« So die Damen an der Table d'hôte.

»Nicht einmal das Almosen des Mitleids gönnt mir Ihr grausames Herz,« flüsterte der Pole, sich zu Frau Tula neigend.

»Ich habe heute alle kleine Münze bereits ausgegeben, es ist nichts mehr übrig,« sagte sie laut, dann lauschte sie hinüber dem dicken Landwirth aus Masuren zu, der »Die beiden edlen Polen« von Heine zu deklamiren begann:


»Krappulinsky und Waschlappsky
Waren einst zwei edle Polen,
Polen aus der Polackey« –


Man lachte in der Nähe des dicken Gutsbesitzers, Graf Laschewsky fuhr sich mit der weißen, muskellosen Hand durch das lockige Haar und blickte düster dazu.


»Fochten Beide tapfer
Und entkamen glücklich nach Paris!«


»Leben bleiben, sowie sterben für das Vaterland ist süß,« fuhr der Dicke unbeirrt fort; ihm lohnte das zustimmende Lachen der Nachbarn; die Damen zeigten sich verletzt, nur Frau Tula's Augen blitzten in heimlichem Amüsement. Graf Laschewsky bestellte sich Sodawasser.


»Schliefen in demselben Bette,
Eine Laus und eine Seele,
Kratzten sie sich um die Wette« –


Schallender Applaus der männlichen Zuhörer unterbrach die Deklamation, Graf Laschewsky rollte die düsteren Augen und steckte die Hand in den Busen, als ob er eine Waffe dort suchte.


»Unsre Weiber, – – –
–   –   –   –   –   –   –   –   –
Werden Helden uns bescheren,
Wie der große Held Sobiesky,
Wie Poniesky und Schlaffinsky
Und der große Eselinsky.«


Man verstand nicht Alles, der Pole selbst vielleicht auch nicht, die Verhöhnung begriff aber Jeder und blickte gespannt von dem dicken rothen Gesicht des masurischen Landwirths auf die edlen, düsteren Züge des Grafen Laschewsky.

Der Landwirth aus Masuren mußte aber den Mann wohl kennen, den er sich in so derber Weise auf's Korn genommen; einen Augenblick schien es, als wolle der Pole sich ihm nähern, da klopfte der behäbige Masure nachlässig mit den Fingern der rechten Hand auf den Rücken der linken, und der Pole verschwand.

»Vernünftige kleine Frau, die da, ließ sich nichts weiß machen!« sagte der Dicke zu seinem Nachbar mit einem Blick auf Frau Tula. »Steckt nichts hinter dem Lumpen; ich kenne ihn, großes Maul, leerer Beutel und fern vom Schuß!« – und er erzählte weiter Anekdoten mit halber Stimme. Die Damen nahmen Partei für das verfolgte Unglück, er schien sich ja gleichsam unter den Schutz der Damen zu stellen, der schöne, interessante Pole.

Frau Tula und Mijnheer Merman verließen die Table d'hôte früher als sonst.

Für Theodor Aland hatte der Abend mit einer Predigt Maruschka's geschlossen. Die Polizei war dagewesen, während er den barmherzigen Samariter gespielt und auch den heimkehrenden Familienvater getröstet hatte, und Maruschka fürchtete auch bei dem reinsten Gewissen das Amt sehr, welches das Schwert der Gerechtigkeit nicht umsonst trug.

»Man sieht Dich für den schwarzen Konrad an, Theodorchen, glaube mir. Es wurden allerlei verdächtige Fragen gethan!«

»Du konntest doch unbefangen alle beantworten, Maruschka,« war die gleichgültige Antwort Theodor's.

»Alle nicht, Theodorchen; denn was Dich hier fesselt, das begreife ich durchaus nicht, und von Deinem Treiben hier in dem Laboratorium und Deinen einsamen Spaziergängen kann ich auch keine Rechenschaft ablegen.«

Theodor hatte nicht mehr auf die Alte gehört, ihn beschäftigten andere Gedanken.

»Wie zieht man einen Säugling auf, Maruschka?« fragte er nach einer Pause stummen Grübelns.

»Wie kommst Du darauf, Theodorchen?« rief sie erstaunt.

»Ich war heute wieder unter den Leuten am Kurhaus.« – Maruschka schlug die Hände zusammen.

»Auf der Suche nach dem Meerweib?«

Der ehrliche Theodor bestätigte die Vermuthung einfach.

»Und ließest Dich von dem Teufelsspuk wieder irreführen, Theodorchen, traut'stes Kind?«

»Ich glaubte allerdings in verschiedenen Gesichtern die Züge des armen Mädchens zu erkennen, wofür Du aber nur meine Kurzsichtigkeit anklagen darfst.« Dieß wurde wie in Parenthese gesagt; dann fragte der Gelehrte mit dringendem Interesse: »Füttert man denn einen Säugling immer mit einem Lutsch?«

»Erbarme Dich, Theodorchen! Was willst Du denn mit dem Säugling?« rief Maruschka geängstigt.

»Es ist nur der Wissenschaft halber! Ich fand nämlich einen Säugling mit einem Lutsch und er schrie herzbrechend.«

»Was thatest Du – um des Himmels willen!«

»Ich suchte ihn zu beruhigen.«

»Dein armes, mitleidiges Herz wurde genarrt, Theodorchen, das Meerweib hat Dir von ihren Wechselbälgen einen in den Weg geworfen; trau' selbst keinem Säugling mehr, und an dem verruchten Strand –«

»Aber, Maruschka, sei doch nicht närrisch!« schalt Theodor, und er erzählte ihr den Zusammenhang seiner Begegnung mit dem Säugling und erbat sich ihre Hülfe für die armen Leute.

»Sahst Du das Weib im Bette?« fragte die Alte scheu.

»Ja, einen Augenblick sah ich ihr Gesicht.«

»Trägt es nicht die Züge der Meerhexe?«

»Keine Spur!«

Maruschka seufzte.

»Es ist doch besser, Theodorchen, Du kümmerst Dich nicht weiter um die Menschen; auf den unschuldigsten Wegen können Schlingen für Dich liegen.«

»Du kennst mich schlecht, liebe Alte, wenn Du meinst, ich ginge Räthseln aus dem Wege, die interessiren mich am meisten, ihre einfache und natürliche Lösung ist ja meine liebste Beschäftigung.«

Mit trauriger Resignation schüttelte Maruschka ihr Haupt.

»Mir ahnt Unheil, und Du läßt Dir nicht rathen! Die Polizei lauert Dir auf, das Seegespenst stellt Dir nach. Du kommst in den Verdacht, ein Seeräuber zu sein, lebst hier erbärmlich wie ein Bettler, läßt Dich von jeder Fratz' äffen und – mir schauert vor dem, was kommen kann und kommen muß, wenn Du mir nicht folgst.«

Am nächsten Morgen blieb Theodor zu Hause, aber nur, weil es »Bindfaden« regnete und er sein Versprechen, dem kleinen Kaspar Erdbeeren zu suchen, nicht erfüllen konnte. – Maruschka fühlte sich halb getröstet, da brachte er ihr um die Mittagszeit, als sie am Herd mit heißen Wangen und eifriger Hingabe ein Leibgericht für Theodorchen komponirte, das Resultat seiner Morgenbeschäftigung.

Maruschka liebte es, bei Ueberraschungen kräftig aufzuschreien. Sie that es nachdrücklich bei dem Anblick, der ihr zu Theil wurde. Es war die Szene im Laboratorium während des Gewitters: der Besuch des Meerweibchens, von Theodor in lebendiger Frische und Treue in Farben wiedergegeben. Das ärmliche, kahle Zimmer, Gewitter und Sturm durch halbe Beleuchtung und wildbewegte Wolkenmassen in dem engen Rahmen der aufgesprungenen Thür angedeutet, mitten im Zimmer, wie vom Sturm hineingefegt, das Mädchen im flatternden Haar und Tuch. Die beiden anderen Personen fehlten auf dem Bilde.

Theodor freute sich an seinem Werke und amüsirte sich über den Schrecken der Alten.

»Siehst Du, Maruschka, ich habe es mir aus der Seele fortgearbeitet; nun bin ich es los,« versicherte er. Sein Verlangen nach Beifall widersprach seiner Versicherung, er hätte die ganze Welt zum Zeugen seines Glückes aufrufen mögen.

»Wenn's nur wahr ist!« seufzte die treue Maruschka und tauchte den »Schlef« (hölzernen Löffel) tief in den schwarzen, säuerlich duftenden Inhalt ihres Kessels, auf dessen Boden sie mit dem Löffel scharrte, um das Anbrennen zu verhüten.

Durch sein bestentwickeltes Organ, die Nase, wurde Theodor's Aufmerksamkeit von der eigenen Hände Werk auf das Maruschka's geleitet. Der Ausdruck stiller Begeisterung wich dem einer naiven Freude. Leise, wie von einer Erinnerung beschlichen, fragte er: »Schwarzsauer?« und er strahlte wie ein glückahnendes Kind.

»Ja, mein Jungchen, richtiges, echtes Schwarzsauer, mit Birnen, Klößen und Gänseklein und Gänseblut.«

»Ach, Maruschka! Seit sechs Jahren habe ich es nicht mehr gegessen!« versicherte er gerührt.

»Das wußte ich wohl und darum bereitete ich Dir Dein Lieblingsessen heimlich – nach dem alten, guten Rezept.«

Kindliche Dankbarkeit auf Theodor's und befriedigter Stolz auf Maruschka's Seite schlossen über alle Differenzen hinweg Frieden. Bei dem Genuß des geliebten Nationalessens wurde der Name des Meerweibchens nicht genannt; Theodor vertilgte solche Quantitäten Schwarzsauer, daß Maruschka für den Augenblick nichts zu wünschen übrig blieb; sie hatte keine Ahnung davon, daß sich auch in dieß häusliche Glück die gefürchtete Gestalt des Meergespenstes drängte; Theodor lachte plötzlich, einen großen Kloß auf dem Löffel und dicht vor seiner Nase.

»Was lachst Du, Kind?« fragte Maruschka.

Er dachte, wie lustig es sein müßte, mit dem Meerweibchen Schwarzsauer zu essen, und stellte sich den schwarzen, großen Kloß auf dem Wege zu dem kleinen rothen Mund vor. Aber er sagte nichts von dem Phantasiebild.

Nachmittags klärte es sich auf. Theodor ging in den Wald, um sein Versprechen zu erfüllen. Er war von einer philiströsen Gewissenhaftigkeit.

Es däuchte ihn köstlich unter den hohen Fichten und Kiefern, den breitgelagerten, stattlichen Tannen, den knorrigen Eichen und den kraus dazwischen gestreuten Haselnußsträuchern.

Die Sonne war noch in einen feuchten Dunstschleier gehüllt und der Regen tropfte sachte nach, man hörte sein Sickern im Laub; es glitzerte in dem strammgebreiteten Moosteppich und quoll unter jedem Tritt, dabei füllte ein würziger Schwammgeruch die Luft. In trockener Sommerzeit dominirte hier der Harzduft der Nadelhölzer, heute athmete die vollgetränkte Moosdecke von dem aus, was sich unter ihrem Grün barg und sie nährte, den Duft modernder Holzstückchen und Kiefernnadeln, schwarzer Erde und niederer Pflanzenarten. Epheuranken durchzogen den weichen Teppich wie hineingestickt, der kunstsinnigste Geschmack hätte nichts Schöneres erfinden können, dazwischen bildeten Erd- und Blaubeeren, die sich besonders groß und würzig auf diesem Boden entwickeln, kleine Bouquets, abwechselnd mit trotzig aufspringenden jungen Kiefern, die sich Platz machten, sobald eine Lichtung entstand und Sonne und Luft freier Zugang wurde.

Theodor beugte sich zu dem bräunlich-grünen Gewirr herab, und mit welchem Behagen sog er den Duft ein! Aber Erdbeeren gab es nur wenig, ihre Zeit war eigentlich vorbei, vom heftigen Regen waren die letzten abgeschlagen worden. Besser widerstanden hatten die Blaubeeren; er streifte ein paar davon ab und that sie in das »Paudelchen«, welches er in der linken Hand trug. Es war Kaspar's gerettetes Eigenthum. – Tiefe Stille herrschte im Walde, auch die Vögel schwiegen. Es gibt ihrer nicht viele im Nadelholz; hin und wieder strich ein Häher, Specht, ein Kukuk oder eine Krähe mit schwerem Flügelschlage durch die hohen Stämme, aber kein Ruf ertönte.

Langsam folgte Theodor der allmäligen Steigung des Waldes und kam an eine der vielen Spalten, welche der Regen zwischen den Steinen ausgewaschen, und es amüsirte ihn, die stark angeschwollene Wasserader hell und klar über Kiesel und Moos sprudeln zu sehen. Man hat in diesen süßen, kalten Quellen, welche direkt dem Meere zurieseln, die herrlichsten Bachforellen.

Wer die Ostseeküste in den beiden altpreußischen Provinzen nicht kennt, kann sich schwer einen Begriff von ihrem eigenthümlichen Zauber machen, der in dem Verein von Meer, Wald und Fels liegt. Das Mittelmeer allein bietet Aehnliches.

Theodor gab sich dem Waldzauber hin, sein Wesen war nüchterne Prosa, sein Streben Realität, seine Seele aber in ihrer Einfachheit und Reinheit war die rechte Empfangsstätte für die Poesie in der Natur.

Die Wendung der Quelle wurde durch ein vorspringendes, dichtes Haselgebüsch verdeckt, dahinter mußten größere Steine liegen, denn das Wasser sprudelte schäumig aus der Ecke hervor. Theodor umging den Busch. Der dicke Moosteppich machte seine Schritte unhörbar. Ein Felsblock war das Erste, was er wahrnahm, und ein Körbchen mit Erdbeeren zwischen dem Gestein das Zweite. Nun sah er nach der Hand aus, welche die Beeren gepflückt, und gewahrte unter den feuchten Büschen einen sich bewegenden grauen Schleier, der sein Herz pochen machte. Gebückt, mit aufgeschlagenem Röckchen, nackten Füßen, ein leichtes, grauwollenes Tuch um Kopf und Schultern trat aus den Büschen die Gestalt des Meerweibchens, beinahe wie er sie zuerst gesehen. Sie glaubte sich allein, plätscherte mit den nackten Füßen im Wasser, dessen Bett sie zur Straße gewählt, ließ die krausen Wellen über ihre Füße spielen und ging so, Schritt vor Schritt, von Stein zu Stein in kindlicher Belustigung.

Theodor hielt den Athem an und trat hinter den Stein zurück; er fürchtete, durch einen Laut oder eine Bewegung die Erscheinung zu verflüchtigen.

Langsam erreichte sie den Stein, auf welchem das Körbchen stand, an einer seitwärts vorspringenden trockenen Stelle befand sich ein großer, runder Hut, in diesem, wie in einem Korbe geborgen, lagen Schuhe und Strümpfe. Die letzteren Gegenstände waren dem kurzsichtigen Theodor entgangen. Das Mädchen blickte nach dem Körbchen auf und hatte augenblicklich Theodor's Kopf, obgleich derselbe vom Busche halb verborgen war, bemerkt. Wenn sie erschrak, so wußte sie ihre Empfindung zu bemeistern. Theodor merkte nichts von Schreck oder Ueberraschung, als sie ihm zurief: »Haben Sie auch Erdbeeren gesucht?«

Wie ein ertappter Dieb kam er hervor, sehr schuldig und sehr verlegen, sagte aber mit glückstrahlendem Lächeln: »Gesucht habe ich viel, aber bis jetzt vergeblich.«

»Ach, Sie suchen nicht recht, kennen die Plätze nicht; da sehen Sie – ich fand im Nu ein paar Hände voll unter dem Gestein.«

»Ich suchte nicht recht – das muß wohl sein, denn ich habe die letzten Tage unaufhörlich gesucht – nach Ihnen, und nun finde ich Sie so ganz unerwartet. Wo waren Sie so lange?«

»So lange?« lachte die Kleine, mit den Füßen im Wasser plätschernd, »Sie haben wohl nicht zu arbeiten gehabt, daß Ihnen die paar Tage lang erscheinen.«

»Arbeiteten Sie die ganze Zeit hindurch?«

»Nun freilich; was denn sonst? Auch eben – meinen Sie, ich hätte nicht gearbeitet, die Beeren da für mich zum Essen gesammelt?«

»Sie wollen die Beeren verkaufen?«

Wieder lachte sie voll Uebermuth und Spott.

»Für dreißig Pfennige können Sie das Körbchen voll haben.«

»Das scheint mir zu billig! Wie lange haben Sie daran gesucht?«

»O, ich zählte die Minuten nicht, es ist so hübsch hier im Walde! Für die richtigen Erdbeerensammler, die Kinder und die alten Weiber aus dem Dorfe, da ist es noch zu naß, ich habe es aber gern, wenn das Laub tropft und das Moos wie nasser Torf riecht. Da bin ich expreß hergelaufen, noch ehe die Sonne mir zuvorkam und Alles auflecken konnte. Und dann diese lieben Quellchen, die nach dem Regen so lebendig werden! Ich weiß nicht, ob ich lieber mit ihnen, oder ob sie lieber mit mir spielen – sehen Sie einmal, wie mir uns necken.«

Sie hielt den Fuß vor einen der Steine – es entstand sogleich ein kleiner Strudel, der seine Schaumperlen an ihr emporwarf. Theodor sah auf sie nieder und sein Herz jubelte ihr zu, Worte fand der hölzerne Gelehrte aber nicht. Er hätte sie halten mögen, er zitterte, daß sie ihm wieder entschwinden könnte, und faßte nach dem Körbchen wie nach einem Pfand. Nur das Bezahlen wollte ihm zu profan scheinen; zahlt man dem Wald den Schatten, der Sonne das Licht, der Blume den Duft? Sie sah sein Zögern wohl und streckte ihm unbefangen von unten her ihre Hand entgegen, die von dem kalten Quellwasser geröthet war.

»Dreißig Pfennige, billiger kann ich's nicht; und das Körbchen ist nicht dabei.«

»Und wenn ich das auch behalte?«

»Dann – ja dann kostet es noch einmal so viel.

Nun – für fünfzig Pfennige sollen Sie Alles zusammen haben – legen Sie mir das Geld nur auf den Stein, aber dann gehen Sie fort – ich bin ganz naß und muß mich trocknen und anziehen.«

»Trocknen und anziehen!« wiederholte Theodor in seligem Erinnern. »Darf ich wieder dabei helfen – ich werde es das zweite Mal schon besser machen.«

»Nein,« antwortete die Kleine bestimmt; »das geschah einmal, aus Nothbehelf, jetzt brauche ich keine Hülfe, will auch keinen Zuschauer. Gehen Sie nur ruhig Ihres Weges weiter, liebes Herrchen!«

»Bitte, nehmen Sie wenigstens beim Hinaufsteigen meine Hülfe an.«

»Ehe Sie nicht von diesem Platze hier verschwunden sind, komme ich überhaupt nicht hinauf.«

»Ich gehe,« sagte Theodor traurig, »wenn Sie es wünschen; aber eine andere, bescheidenere Bitte werden Sie mir nicht abschlagen: sagen Sie mir Ihren Namen und Aufenthaltsort.«

»Nannte ich mich Ihnen denn nicht schon? Ich bin das Meerweibchen, habe hundert Namen, jeden Tag einen andern, heute bin ich Bachforelle, neulich war ich Windsbraut.«

»Sie treiben Scherz und mir ist es tiefer Ernst – werde ich Sie wiedersehen, wo und wann?«

»Vielleicht bald und immer unvermuthet.«

»Und was werden Sie dann sein?« fragte Theodor mit einem Versuch zum Scherzen.

»Liebkind oder Nixnutz, Grille oder Fledermaus – was weiß ich! Es hängt nicht von mir ab! Nun aber fort mit dem neugierigen Schwätzer und direkt nach Haus! Maruschka wartet mit dem Mehlsüppchen, und wenn es anbrennt, zankt sie und gibt dem bösen Meerweibchen Schuld.«

Sie machte eine gebieterische Bewegung mit der Hand, er legte ein Geldstück auf den Stein, nahm das Körbchen auf und ging, ohne sich umzuwenden, langsam querwaldein. Eine Weile noch konnte sie von ihrem tiefern Standpunkt aus seine Gestalt verfolgen, die mit jedem Schritt von unten abnahm, bald verschwand auch sein Kopf.

Nun kletterte sie den kleinen Abhang hinauf, wobei ihr manch' leises »Ach!« und »Au!« entschlüpfte; die Füßchen thaten ihr bei der ungewohnten Arbeit wehe, aber sie lachte, wenn ein stacheliges Kraut oder ein spitzer Stein die Haut verletzte. Oben angelangt, setzte sie sich auf den Fels und trocknete mit dem Taschentuch die Füße. Dabei hätte sie beinahe das Geldstück herabgeworfen, welches Theodor dort für sie hingelegt; es war ein Fünfmarkstück.

»Armer, dummer Junge!« murmelte sie zwischen Spott und Mitleid, und steckte das Geldstück in die Tasche. Es kam ihr wie Diebstahl vor, dann drohte sie: »Ich nehme ihm nur einen Theil meines Erbes wieder ab; er verdient es nicht besser!«

Eine halbe Stunde später trat aus der dem Dorfe abgekehrten Seite des Forstes Frau Tula auf die Landstraße hinaus, ausgerüstet mit Strohhut, Handschuh, Entoutcas und Regenmantel, der bis auf die Füße zugeknöpft war. Sie ging dem Omnibus entgegen, der von der Stadt heraufkam, ließ sich von ihm aufnehmen und nach Helgevil zurückfahren.

Ehrbar wie eine Gouvernante setzte sie sich dem dicken Landwirth aus Masuren gegenüber und nahm von ihm einen Vortrag über Rübenkultur mit ernsthaftem Interesse entgegen. In der Nähe des Kurhauses stiegen sie aus und der Dicke führte seine schöne Gefährtin sehr stolz am Arm bis in den Speisesaal. Hier fand sie ihre holländische Verwandtschaft bereits beim Abendessen.

Mijnheer rief ihr mißvergnügt entgegen: »Aber Tula, wo warst Du den ganzen Nachmittag? Wir hatten Militärmusik und hörten die Scharwache.«

»Und ich hatte Waldkonzert und hörte einen Vortrag über Rübenkultur.«

»Hacke as Jose!« murmelte Mevrouw.

Theodor war mit seinen kostbaren Erdbeeren indeß zu Kaspar Kluth gepilgert. Er fand den Jungen wohlauf und die Familie beisammen. Auch der Mutter ging es besser und der Säugling lag mit einer ganz civilisirten Saugflasche in seiner Wiege. Vater, Mutter und Bruder betrachteten mit Staunen und Bewunderung des Säuglings Kunstleistung auf dem fremden Instrument.

»Eine Dame war heute schon zweimal Nachmittags hier und hat das zweite Mal dieß Ding hier für das Kind mitgebracht, und nun lutscht es daraus schon ganz, regulär Milch mit Wasser und Zucker,« erklärte die glückliche Wöchnerin.

»Sie will auch wiederkommen und dem Kind Zeug schenken,« fügte der Vater hinzu, und Kaspar belehrte seinen Wohlthäter: »Das war die nämliche Frau, wo mir die Erdbeeren bezahlte, die in's Wasser gefallen waren.«

»Das ist ja sehr schön von der Dame,« erwiederte Theodor; »ich habe Dir auch die versprochenen Erdbeeren mitgebracht, Kaspar.«

Der Junge griff nach dem Korbe, aber Theodor Aland hatte sich die Sache unterwegs schon anders zurechtgelegt, den Anforderungen des Rechtes, der Praktik und dem pretium affectionis zugleich genügend. Er kaufte dem Jungen die Erdbeeren, welche er ihm zu schulden glaubte, ab und bezahlte dieselben so zum zweiten Male. Die Familie war mit dem Ertrag zufrieden und stellte über die Form der Wohlthätigkeit keine tiefsinnigen Betrachtungen an.

Theodor untersuchte die Wunde Kaspar's, verband sie auf's Neue und erfuhr auch noch, daß eine barmherzige Schwester aus dem katholischen Krankenhaus sich hin und wieder nach der Wöchnerin umsehen würde. Die Dame hätte das verheißen.

Beruhigt über das Schicksal seines Schützlings, aber in Zweifel und Aufregung über das der kostbaren Erdbeeren, kehrte Theodor nach Hause zurück. Maruschka wartete wirklich schon mit dem Süppchen und hatte allerlei böse Ahnungen.

»Wo warst Du, Theodorchen?« rief sie ihm besorgt entgegen.

Als Antwort zeigte er ihr die Erdbeeren und erröthete über die unwahre Deutung, die er zuließ.

»Ach, wie gut von Dir! Ich hatte schon solche Angst um Dich, und nun hast Du Dich so gut und nützlich beschäftigt! Na, gib her, Kindchen, das soll uns nach dem Hafergrützchen schmecken!«

Hastig und verlegen zog er den Korb zurück; der sonst so freigebige Theodor wollte nichts davon abgeben.

»Liebe Maruschka, kann man Erdbeeren trocknen?« fragte er, seinen Schatz zärtlich betrachtend.

»Nein, Theodorchen, das kann man nicht, Walderdbeeren lassen sich nicht einmal gut einkochen, sie verlieren Ansehen und Geschmack dabei. Man muß sie frisch essen, sie werden schnell pelzig und multrig.«

»So – so – ja – dann – dann werde ich sie schnell essen,« sagte er und hob vorsichtig eine Beere auf.

Verwundert sah Maruschka durch den Dampf der Suppenschüssel nach ihm hin, der sein Körbchen vor sich hinstellte.

»Das ganze Körbchen voll willst Du allein essen?«

»Es sind nicht so viel, Maruschka, und Du machst Dir ja wohl nichts daraus.«

»Theodorchen, traut'stes, wie kommst Du mir vor! Das sieht Dir ja gar nicht ähnlich!«

Beschämt neigte Theodor die Nase über sein Gericht und sagte kleinlaut: »Eigentlich finde ich diese reizenden Beeren zu schön zum Essen, aber ich liebe sie doch so sehr – ich weiß nicht, was ich sonst damit machen soll.«

»Na, mein Jungchen, dann iß sie nur aus Liebe auf,« antwortete Maruschka schnell beruhigt. »Das ist das Natürlichste, man denkt so wie so immer an's Anbeißen und Essen, wenn man etwas liebt. Ich wußte nur gar nicht, daß Du außer dem Schwarzsauer noch ein zweites Leibgericht hast.«

»Wie kannst Du das zusammenstellen, Maruschka?« rief Theodor empört. »Schwarzsauer kitzelt den Gaumen und diese lieben Beeren erquicken das Herz!«

»Es kommt auf Eins heraus, Theodorchen, glaube mir.« Und sie schob ihm den Teller mit Hafergrütze hin und eine Scheibe Schwarzbrod dazu, dick mit Gänseschmalz bestrichen. »Mit Mairan (Majoran) und Aepfel ausgelassen, Theodorchen.« Damit pries sie ihm ihr Fabrikat besonders an.

Aber er achtete nicht darauf, ließ die gute Suppe stehen, das Gänseschmalz weich werden und vom Brode sickern, und aß nichts als die »selbstgepflückten« Erdbeeren, eine um die andere, mit heiliger Andacht. Maruschka beobachtete das mit Verdruß und schalt die unvernünftige Art zu essen:

»Ist das ein Abendbrod für einen gesunden Menschen!«

Theodor lächelte dazu, aber ganz anders als sonst, nicht zerstreut, nicht beifällig, auch nicht kindlich vergnügt, sondern – geradezu »verschmitzt«. Und das »turbirte« Maruschka.

»Was hat das nur mit den Beeren auf sich?« dachte sie und fragte argwöhnisch: »Du zählst sie wohl gar? Da ist am Ende eine Sympathie bei?«

Und welche Sympathie! Wenn sie gewußt hätte, von wem die Beeren stammen! Ob sie es wohl leiden würde, daß er sich so langsam, Beere um Beere, damit vergiftete und verzauberte? Er fand einen eigenen Reiz darin, sich mit Bewußtsein so zu vergiften.

Die schönste Beere hatte er für zuletzt aufgespart, sie saß noch am Stengel, hatte ein grünes Blatt und ein unreifes Schwesterchen neben sich. Voll und roth, glänzend und würzig lachte sie ihm entgegen, er hob sie am Stengel bis an die Lippen und küßte sie sanft; Maruschka ließ den Löffel in die Suppe fallen und rief empört: »Ich glaube wahrhaftig, Du hast die Erdbeere geküßt!«

»Warum nicht, Maruschka, ist sie nicht schön genug? Ich bat sie innerlich um Verzeihung dafür, daß ich sie vernichte!« Und er aß sie mit Bedacht.

»Du wirst noch ganz närrisch, Theodorchen! Ich habe noch nie gehört, daß Einer sein Essen küßt. Nicht 'mal das heilige Brod.«

Nach dem Essen suchte Theodor die Blätter und Kräuter zusammen, auf denen die Beeren geruht, und machte einen Strauß davon, den er sorgfältig zwischen die Blätter seines dicksten Folianten steckte.

Maruschka streckte die Hand nach dem Korb aus.

»Ist er Dein? Hast Du ihn gekauft?« fragte sie.

»Ja.«

»Nun, dann werde ich ihn für Deine Socken behalten.«

»Nein, ich habe ihn zu etwas Anderem bestimmt,« beeilte sich Theodor zu sagen, indem er den Korb an sich nahm.

»Wozu denn?« fragte Maruschka erstaunt.

»Zum Papierkorb.«

»Für Papiere – das kleine Körbchen?«

»Ich wollte sagen – für Stahlfedern.«

»Für Stahlfedern – das große Körbchen?«

»Nun, ich will's behalten,« erklärte Theodor mit der plötzlichen Energie, welche er, wie man bereits erfahren, gelegentlich entfalten konnte, nahm den streitigen Gegenstand und verschwand damit in seinem Schlafzimmer.

Maruschka konnte im Moment weder über Sprache, noch Bewegung verfügen, der Schreck hatte sie gelähmt.

Als sie nach einer Weile den Tisch abräumte, stöhnte sie vor sich hin: »Es ist doch was an dem! Meine Ahnungen haben mich noch nicht betrogen! ES hatte was auf sich mit den Beeren.«



VI.

Frau Tula hatte viel Talent für die Intrigue und viel Zeit, um sie zu üben, auch zeigten sich ihr Wilhelm, der Oberkellner, seine Braut und der Zufall gefällig.

Nachdem sie für den Säugling in der Taglöhnerfamilie eine Saugflasche gekauft hatte, ging sie zur Schweizerin, um sich selbst über den Gebrauch dieses Instrumentes zu orientiren – der Säugling als solcher war ihr beinahe etwas so Fremdes, wie er es für Theodor Aland gewesen – zugleich bestellte sie bei der Schweizerin den täglichen Bedarf an frischer Kuhmilch für den Säugling. Bei dieser Gelegenheit erfuhr sie nun, daß unterhalb Helgevil, in einem ehemaligen Kloster, ein Diakonissenhaus existire und eine Cousine der Schweizerin dort als »Schwester« lerne.

Hieran knüpfte die intrigante kleine Frau einen Plan. Sie hatte bemerkt, daß Theodor Aland täglich in der Abendzeit an dem Taglöhnerhäuschen vorüberging, und hielt diese Gelegenheit für günstig, ihn noch einmal zu vexiren. Als Mevrouw Merman oder in einer der bisher gebrauchten Masken wagte sie dieß nicht mehr; so erfand sie denn eine neue »Nüance«.

Zuerst setzte sie sich in Verbindung mit dem Krankenhaus, sandte der Oberin verschiedene Geschenke für die auf milden Gaben basirende Anstalt und erbat sich den Rath und die Unterstützung Schwester Beatens, jener Cousine der Schweizerin, für ihre Pfleglinge in der Taglöhnerhütte. Der Wunsch wurde bereitwillig erfüllt; Schwester Beate kam öfter zur jungen, reichen Holländerin, die so mildthätigen Sinnes war, und besuchte auch ein paarmal die kranke Taglöhnersfrau.

Nun stellte Frau Tula mit Hülfe Schwester Beatens einen ähnlichen Anzug für sich zusammen, wie ihn die Diakonissinnen trugen, eine nonnenartige Umhüllung des Hauptes und ein klösterliches Kleid. Sie erklärte der Schwester, daß es leichter und angenehmer für sie sei, in dieser harmlosen Verkleidung solche Liebesdienste zu üben, die von ihrer Familie nicht gerne gesehen würden. Bei Frau Kluth führte sie sich als Schwester Trude ein, und erschien dort allabendlich in der Dämmerung mit einem Töpfchen voll Essen und sonstigen Gaben, ohne von der Kranken beargwohnt zu werden; selbst Kaspar, welcher Frau Tula mehrmals früher gesehen, stutzte nur den ersten Augenblick und nahm sie dann unbeanstandet für Schwester Trude. Da man im Kurhaus öfter eine Diakonissin bei der jungen Holländerin hatte aus und ein gehen sehen, so fiel ihre Erscheinung dort auch nicht weiter auf. Im Taglöhnerhäuschen machte sie sich nützlich und angenehm. Wenn sie auch von der eigentlichen Krankenpflege nicht viel verstand, so wußte sie doch Ordnung und Behaglichkeit zu schaffen, das Zimmer zu lüften, Kaspar zu beschäftigen und den Säugling durch Umhertragen zu beruhigen und mit ihren kleinen Liedern einzuschläfern.

Theodor war mehrmals eilig an der Hütte vorübergegangen, ohne sich aufzuhalten; eines Abends jedoch fiel ihm auf, daß in dem Häuschen schon Licht brannte und ein Schatten sich vor den kleinen Fenstern hin und her bewegte. Er dachte, sich einmal wieder nach den Leuten zu erkundigen und ging deßhalb gerade auf die Hütte zu.

Aus dem offenen Fenster klang ihm eine traute Stimme entgegen, die ein Schlummerliedchen sang; zugleich sah er eine dunkle Gestalt im Takte der Melodie sich wiegen und er vermuthete in dem Päckchen, welches die Gestalt zärtlich an sich drückte, den wohlbekannten Säugling.

Lauschend stand er da, und weil er fürchtete, in seiner bis an's Fensterkreuz reichenden Länge gesehen zu werden, ließ er sich auf die unter dem Fenster befindliche Bank, die aus zwei Holzblöcken und einem Brett bestand, nieder. Der Gesang verstummte, eine quiekende Kinderstimme wurde laut, und dann ertönte von derselben Stimme, die vorhin gesungen, im parlando laut und vernehmlich:


»Schlaf', Kindchen, schlaf',
Draußen sitz! ein Schaf,
Draußen auf dem Haueblock
Sitzt ein garst'ger Ziegenbock.«


Galt ihm das Couplet? Er war unwillkürlich aufgesprungen.

»Guten Abend, Herr!« erscholl es hinter ihm. Es war der Taglöhner Kluth mit der kurzen Thonpfeife im Munde, der eben um das Haus herumgekommen war. »Ich will man bloß mein Pfeifchen hier draußen ausrauchen, Schwester Trude hat's drinnen bei der Frau und dem Kinde verboten.«

»Schwester Trude – ist das die Person, welche eben dort sang?« fragte Theodor.

»Ja wohl, dort im Stübchen, Sie können sie von hier sehen; oben vom Kloster ist sie und kommt alle Abende her, bringt Essen und singt das Kind in Schlaf. Auch für mich fällt immer 'was dabei ab, so daß ich Abends nicht mehr zu kochen brauche. Warten Sie einen Augenblick, gleich kommt sie heraus.«

Er schwatzte noch mehr, ihm wurde bei seinem Pfeifchen die Zeit nicht lang; Theodor aber dünkte es eine Ewigkeit, bis Schwester Trude in der niedern Thür erschien.

Von dem Gesicht war wenig zu sehen, die Stirnbinde beschattete die Augen, Wangen und Kinn waren ähnlich umschlossen, nur Nase und Mund lagen frei und das Näschen ragte so keck in die Luft, der Mund rundete sich genau, wie Theodor erwartet hatte, und wie innig verschmolz die Stimme mit der nie schlummernden Erinnerung.

Sie sprach ein paar Worte mit dem Taglöhner, grüßte und ging, ohne aufzusehen, an Theodor vorüber. Ihr Kleid streifte ihn und er fühlte die Berührung bis in's Herz.

Er konnte nicht anders, er mußte ihr folgen, beinahe unbewußt, in einiger Entfernung. Es dunkelte bereits stark unter den Bäumen, in den Anlagen brannten schon die Gaslaternen, das Abendkonzert hatte begonnen.

Unter einer der hellen Gasflammen begegnete der einsamen Wandererin ein Herr, der ihr in das Gesicht blickte, hinter ihr kehrt machte und dicht an sie herantrat.

Theodor konnte nicht hören, was der Mann sprach; er sah aber, daß die Diakonissin eine abwehrende Bewegung machte, dann schneller vorwärts eilte und daß der Mann den Arm um sie zu legen versuchte.

Blitzschnell hatte Theodor das Paar erreicht. Er legte seine Hand schwer auf die Schulter des Herrn, in welchem er den Grafen Laschewsky erkannte, und sagte zugleich in ruhigem Konversationston:

»Die Dame bleibt unbehelligt.«

Mit einer heftigen Bewegung schüttelte der Pole die Hand Theodor's ab, indem er laut und verächtlich ausrief:

»Lassen Sie mich unbehelligt, wenn Ihnen Ihre Knochen etwas werth sind!«

»Wir können uns ja darüber näher verständigen,« bemerkte in seiner langsamen Sprechweise ohne alle Leidenschaft der junge Gelehrte, indem er sich ruhig zwischen den Polen und die Dame stellte und sich versicherte, daß die Letztere dem belebtem Theil der Anlagen zueilte.

Der Pole sprudelte unverständliche Drohungen, halb polnisch, halb deutsch; Theodor unterbrach ihn ruhig und höflich wie zuvor:

»Wenn Sie etwas von mir wünschen, mein Herr, so stehe ich jederzeit zu Diensten.« Er hob den Hut und fuhr fort: »Mein Name ist Aland; ich bin Besitzer des kleinen Hauses oben, in der Nähe der Teufelsplatte.«

»So scheren Sie sich dahin, woher Sie kamen und wohin Sie gehören: zum Satan. Mit einem Menschen Ihrer Sorte wechsle ich keine Namen!«

»Ganz nach Belieben,« erwiederte Theodor Aland unerschüttert und ging, an dem Polen vorüber, in der Richtung weiter, die er vorher eingeschlagen.

Der Andere aber machte kehrt und verschwand in dem dunklen Theil der Anlagen, nachdem er seinem höflichen Gegner einen »verfluchten Farbenkleckser« nachgeschleudert hatte.

Nach dieser Begegnung erschien »Schwester Trude« nicht wieder in der Taglöhnerhütte, doch wurde der Familie durch die verschwiegene Schweizerin dauernde Unterstützung übermittelt.

Theodor erhielt keine zufriedenstellende Erklärung auf seine Nachfragen, die er stets so diskret wie möglich einkleidete. Die Dame, welche Kaspar genau als die junge Holländerin bezeichnete, hätte ihnen Hülfe und Unterstützung durch die Schwestern des Lazarushospitals verschafft; Schwester Beate anfänglich und Schwester Trude später hätten die Kranke besucht und verpflegt. Aus dem Kurhaus erhielten sie Milch und andere Nahrungsmittel, auch sonstige Geschenke; doch sei die holländische Dame persönlich nicht wieder in der Hütte erschienen.

Einmal traf Theodor die Schweizerin dort, die ihm unaufgefordert erzählte, die vornehme Dame könne doch unmöglich selbst in die elende »Kabacke« kommen und habe sie, die Schweizerin, mit ihrer Wohlthätigkeit betraut. Auf die Frage nach jenem Mädchen, die ihm einst Milch im Kuhstall gereicht, erklärte sie bestimmt, wie schon früher, daß dieß ein Irrthum sein müsse; sie bediene die Gäste stets selbst, und erinnere sich auch ganz wohl, den Herrn einmal im Stall gesehen zu haben.

Theodor wußte nicht, wie er sich die Sache erklären sollte. An ein planmäßiges Gaukelspiel konnte er so wenig glauben als an die Erklärungen Maruschka's. Wer sollte sich ein solches Spiel wohl erlauben und welchem Zweck konnte es dienen? Kannte er doch Niemand hier, auch aus der Kinderzeit in Kassuben nur wenige Personen, und das waren einfache Leute, meist dem Handwerkerstande angehörend. Wie sollte der Harmlose auch aus den heterogenen Gestalten, in denen ihm das Meerweibchen erschienen war, die echte herausfinden, wie sich den jungen, nassen Gast, die steifnackige Engländerin, die Kellnerin, die vornehme Holländerin, die Schweizerin im Kuhstall, die ernste barmherzige Schwester und die barfüßige Erdbeerensammlerin zusammenreimen? Waren seine Augen nicht wirklich verblendet und verzaubert, daß er überall dieselbe sah? Maruschka hatte es ihm prophezeit, und genau so war es gekommen. Des Zaubers war er sich wohl bewußt, nur über die Art desselben gingen ihre Ansichten auseinander. Bei der Begegnung im Walde entging es ihm nicht, daß die Kleine ihn neckte; es wäre ihm ein Leichtes gewesen, sie zu belauschen und zu verfolgen, aber als echter, rechter Don Quijote war es ihm unmöglich, sich anderer als der ritterlichsten Waffen zu bedienen. An ein Aufgeben seiner Nachforschungen dachte er nicht, einer Sache, die er einmal erfaßt hatte, ging er seiner beharrlichen Natur nach auf den Grund; auch war er sich stets seines Zieles bewußt, wenn sich dasselbe auch nicht immer als praktisch erwies. In diesem Falle dachte er ungefähr so:

»Dir ist ein junges, hübsches, gutes Mädchen begegnet, das offenbar besseren Verhältnissen entstammt, sich schämt, dieß zu gestehen, und viel zu gut ist, um auf dem Felde, dem Acker und im Walde für sein tägliches Brod zu arbeiten. Sie gefällt dir, und du könntest sie ihrer kümmerlichen Existenz entreißen, wenn es dir gelänge, ihr Herz zu gewinnen. Sie ist Waise wie du, ihr würdet einander Alles sein, Familie und Heimat, und du würdest sie auf Händen tragen!«

Zum zweiten Male fühlte er sich in seiner naiven Weise veranlaßt, um ein Weib zu werben; dießmal sprach das Herz freilich mit. Es war der kürzeste Weg, um die Mängel in seiner Natur auszugleichen; vielleicht leitete ihn der Instinkt darauf hin. Er war nie zur Entwicklung gewisser Eigenschaften gelangt, welche sich nur durch Forderungen im Leben und durch Beziehungen zu Anderen herausbilden. In der einsamen Hütte in Kassuben von Maruschka verhätschelt, dann während seiner sechs Lehrjahre als Famulus des gelehrten, menschenscheuen Sonderlings hatte er sich in seinen innersten Empfindungen stets nur um die eigene Achse gedreht und trotz der jahrelangen Reisen sich ganz einseitig ausgebildet. Sein Lehrer war eine vertrocknete Apothekerseele, für welche die Natur nur Werth hatte, wenn er sie rubrizirt und etikettirt wußte, ein Gelehrter, der auch die Empfindungen des Herzens auf Flaschen gezogen hätte, wenn es möglich gewesen wäre.

Als Theodor endlich zu Maruschka zurückkehrte, behandelte diese ihn genau wie früher, wo sie für das unbeholfene Kind auf Schritt und Tritt die Vorsehung machen mußte. Seine Gelehrsamkeit wie seine Körperlänge imponirten ihr nur einen kurzen Moment, dann nahm sie ihn unter ihre mütterliche Obhut und spann ihn in ihre uneigennützige Liebe ein wie ehedem.

Auf ihren extremen Wegen mußten die beiden Erzieher Theodor's dasselbe Resultat erzielen; sie konzentrirten alle Empfindungen ihres Zöglings auf ihn selbst, indem sie jedes Sprossen nach außen verschnitten. Beide hätten einen Egoisten aus ihm gemacht, wenn er auch nur die allergeringste Anlage dazu gehabt hätte. So aber nahmen seine besten Fähigkeiten zwar keine so schädliche Entfaltung, blieben aber unentwickelt in sich ruhen.

Das gab seinem ganzen Wesen einen lächerlichen Zwiespalt, ein Gemisch von Männlichkeit und Kindlichkeit, etwas Knospenhaftes, welches mit der großen, langen Gestalt, der starken Nase und der tiefen Stimme unwiderstehlich komisch wirkte. Nur in der Uebung wachsen die Kräfte und entwickeln sich die Fähigkeiten. Niemand wußte, wessen der schüchterne, linkische, bescheiden blickende Gelehrte fähig sei. Maruschka kam wohl mitunter auf den rechten Weg, wenn sie sagte: »Theodorchen, Du mußt wirklich heirathen;« aber sie dachte dabei nur an eine »nützliche Beschäftigung« für ihren Pflegling, dessen Studium ihr wie eitle Zauberei und Verschwendung von Geld und Zeit erschien. Daß in der Sorge um ein anderes Wesen, in Liebe, Pflicht und Verantwortlichkeit »Theodorchen« sich sozusagen innerlich auszuwachsen nöthig habe, das lag ihrer simplen Ueberlegung fern. So kannte Theodor Aland von seinem naiven Standpunkt aus und bei seiner totalen Unkenntniß praktischer Lebensverhältnisse einen Heirathsantrag zu Stande bringen, wie er ihn an die Wittwe seines Oheims richtete, ein Schritt, der jedem Andern viel Kopfzerbrechen gemacht hätte. Jetzt, nachdem sein Herz erwacht war, staunte er über seine eigene Unbedachtsamkeit und ermaß ganz erschüttert die Tragweite jenes Schrittes; doch war er noch nicht umsichtiger geworden, denn er faßte mit gleicher Naivität, wenn auch unter ganz anderen Verhältnissen, einen ebenso unbedachten zweiten Entschluß.



VII.

Das Erntefest war herbeigekommen, welches am Schluß der Roggenernte alle Feld-, Garten-, Wald- und Strandarbeiter zu gemeinsamer Lustbarkeit vereinte. Da die Löhne für die Sommerarbeiten dann erst Jedem ausgezahlt werden, so entfernte sich auch von den fremden Taglöhnern Niemand vor dem Erntefest. Diesen Umstand hatte Theodor berechnet und auf diesen Tag seine ganze Hoffnung gesetzt.

Am Morgen wurde ein Erntekranz von riesenhaften Dimensionen mit dem letzten Fuder Korn durch das Dorf gefahren. Der Leiterwagen war bekränzt, die Krone mit herabwallenden, bunten Bändern in reicher Zahl geschmückt und Knechte und Mägde prangten auf dem hochbeladenen Wagen im Feiertagsputz. In der Dorfstraße wogte die ausgelassene jüngere Jugend, während selbst der Jüngste auf dem Arm der Mutter mit einem Stück Erntefladen in der Hand an der Festfreude theilnahm.

Aus den verschiedenen »Schenken« tönte Musik, meistens war es die Ziehharmonika und die Fiedel, von Flissaken (Flößern) kunstfertig bearbeitet. Eine andere Theilnahme an dem Fest als diese wurde dieser verachteten Klasse nicht gestattet, Speise und Trank war ihre Bezahlung. Nachmittags fanden Volksspiele auf der großen Wiese hinter den Anlagen statt; auf langen, schmalen Tischen wurde Kaffee, Bier, Schnaps ausgeschenkt und in großen Waschkörben Fladen feilgeboten. Die Sonne überstrahlte in ungetrübtem Glanz das bunte Treiben; ein Erntefest ohne Schweißvergießen war nicht vollgültig; Bier, Schnaps und Schweiß mußten strömen, wenn's recht herging.

Wunderhübsch machten sich die bunten Trachten der Mädchen, die an diesem Tage sehr genau innegehalten wurden. Auch die jungen Männer hielten auf ihre unterscheidende Tracht; man konnte bei beiden Geschlechtern die Samländer, Masuren, Kassuben, Polacken und Lithauer, Letztere als den eigenartigsten und stolzesten Stamm, genau unterscheiden.

Arm in Arm, in langen Ketten schwenkten die Mädchen über die Wiese oder bildeten Barrière für Wettläufer und Wettkämpfe, wozu auch Wurstgreifen, Sacklaufen und Klettern gehörte. Von sechs Uhr an wurde getanzt, und zwar nicht wie sonst in der größten, schön geschmückten Scheune, sondern im Freien; die Kurdirektion hatte ihre Kapelle hergegeben und der Kurhauspächter ein Faß Bier. Der Tanz war den Mädchen natürlich der Kulminationspunkt der Freude. Abends schloß das Fest mit Illumination der Anlagen und einem Feuerwerk.

Das Programm wurde lange vorher bekannt gemacht; Alt und Jung, Arm und Gering betheiligte sich beim Erntefest; auch die Kurgaste begrüßten es als eine anregende Unterbrechung des sonst einförmigen Badelebens.

Theodor Aland war vom frühen Morgen an unterwegs. Wie ein ernstes Fragezeichen ragte die lange, dunkle Gestalt aus der Gruppe lachender Mädchen oder strich wie ein einsamer Schiffer durch die lärmenden Wogen der Lust, ohne daran theilzunehmen.

Derbe Witze und lose Worte fielen auf seine Kosten und spöttisches Gelächter ertönte hinter ihm drein.

Von einer kleinen, fichtengekrönten Anhöhe aus betrachtete das holländische Paar, Mijnheer Merman und Frau Tula, das bunte Treiben auf der Wiese, das heißt, die Dame blickte eigentlich nicht darauf nieder und achtete auch nicht auf die Ausrufungen ihres lebhaften Begleiters, der bei dem Staunen über Alles, was sich da unten abspielte, die Zerstreutheit seiner Nachbarin übersah. Sie hatte ihr Sonnenschirmchen aufgespannt und dicht an sich gezogen, so daß sie Sonne, Blicke und Aussicht gleichzeitig von sich abhielt. An den Stamm einer Fichte gelehnt, hatte sie sich mit ihren Gedanken isolirt.

Plötzlich griff Mijnheer die vernachlässigte Lieblingspflicht wieder auf.

»Du wirst mit dem Kleide an den harzigen Aesten hängen bleiben, Tula.«

In der Manier eines unartigen Kindes antwortete die aus ihrem Sinnen unangenehm Erweckte barsch: »Schadet nichts!« und riß dabei zur Bekräftigung dieser Behauptung eine Handvoll Nadeln von dem nächsten Ast.

»Wie kannst Du solch' klebriges Zeug anfassen?« bemerkte der unermüdliche Warner.

»Dafür habe ich ja Handschuhe an,« antwortete sie trotzig und rupfte auch ein Stückchen Schwamm voll der Rinde.

Mijnheer warf einen mitleidigen Blick auf die neuen langen Handschuhe von dänischem Leder, deren Finger unauslöschliche Spuren der schlechten Laune ihrer Besitzerin erhielten, wagte aber doch nicht, sein Steckenpferd, die Toilettenschonung, weiter zu spornen, sondern wandte sich wieder dem Schauspiel zu, welches ihn bisher gefesselt.

Frau Tula drückte den Stock des Sonnenschirmes an die Wange, betrachtete das Futter desselben und versuchte damit das verlorene Fahrwasser für ihre Gedanken wieder zu gewinnen.

Mijnheer störte sie bald wieder.

»Schau' einmal dorthin, Tula, da steigt unser Maler wieder durch die Menge, akkurat wie der Storch durch den Salat. Was er wohl mit so ehrbarem Gesicht so emsig und so ernst betreibt? Vergnügen sucht er nicht, das sieht man ihm an.«

Sie antwortete nicht.

»Vielleicht macht er Studien; ich glaube, er sieht her.«

Nun machte sie eine ungeduldige Bewegung und fragte mit plötzlicher Lebhaftigkeit: »Siehst Du nicht den dicken Landwirth aus Masuren?«

»Nein, was soll's denn mit dem Bauern?«

»Ach, ich hatte eine Verabredung mit ihm; er wollte heute meinen Kavalier machen und mir Alles erklären. Man muß sich unter das Volk mischen und zwar unter dem Schutz eines Eingeborenen, wenn man Genuß von dem Feste haben will.«

»Graf Laschewsky gehört auch zu den Eingeborenen des Landes, freilich nicht zur Klasse der Oekonomen, und wäre für Dich eine passendere Begleitung gewesen. Unmöglich hast Du ihn wegen dieses derben Gesellen im Flausrock und in Hausmacherleinen abgewiesen?«

»Findest Du an dem Grafen Laschewsky gar nichts auszusetzen?« gegenfragte die Kleine schnippisch.

Mijnheer überlegte, dann sagte er mit gewissenhafter Ehrlichkeit:

»Der Rand seines Hutes ist etwas speckig und der Sammetrock an den Ellenbogen ein wenig schäbig, aber, liebe Tula, Vollkommenes mußt Du hier nicht prätendiren, Du bist durch mich verwöhnt, liebes Kind! Graf Laschewsky ist immerhin ein feiner, schöner, vornehmer Mann, der große Güter in Polen zu erwarten hat.«

»Wahrscheinlich bei Wiederherstellung des polnischen Reiches!« spottete Frau Tula. »Mich langweilt diese nationale Tragödie in dem ewigen Sammetrock mit dem melancholischen Augenaufschlag.«

»Du suchst ja überall Romantik und dürstest nach Außerordentlichem; da hast Du Beides.«

»Der Vortrag meines masurischen Freundes neulich Abends hat mir gezeigt, daß Graf Laschewsky kein Original, sondern nur eine abgeblaßte Kopie ist.«

»Was willst Du nur immer mit diesem dicken rothen Masuren?« rief Mijnheer beunruhigt. »Das ist doch eine eigenthümliche Marotte.«

»De gustibus non est disputantibus, Mermänchen.«

»Disputandum, liebes Kind.«

»Disputantibus gefällt mir aber besser, und der Masure auch, dabei bleibt es für dießmal!«

Mijnheer trat der jungen Frau näher und machte ein Gesicht, als ob er die langverborgenen Treffer demaskire.

»Tula – Graf Laschewsky ist eine Partie.«

»Gut, was weiter?«

»Er sucht eine Gattin.«

»Was geht das mich an?«

»Er interessirt sich für Dich!«

»Mag er!«

Der Ton Mijnheers wurde feierlicher.

»Er liebt Dich, Tula!«

»Das soll er lieber bleiben lassen.«

»Der Graf Laschewsky gab mir seine Liebe für Dich zu verstehen.«

»Da hättest Du sie ihm ja verbieten können!«

Plötzlich schien der Ernst der Sache und der Aerger darüber sie zu erfassen. Sie ließ ihren Schirm fallen und richtete, sich auf:

»Wie kam der Mensch eigentlich dazu, Dir solche Dinge zu sagen? Er mußte doch glauben, daß er sie an den Mann der betreffenden Dame richtete?«

Kleinlaut gestand Mijnheer, daß er die Maske etwas gelüftet habe. »Lediglich in Deinem Interesse, liebe Tula,« fuhr er heiterer fort, da die junge Frau schwieg. »Diese Komödie wurde nicht mehr recht geglaubt, wie ich bemerkte, und hätte Dir in diesem Falle eine brillante Partie verschlagen können. Mich dauerte außerdem der unglückliche Graf! Du hättest sehen sollen, wie er aufathmete und wie seine Augen leuchteten, als ich ihm Deine Verhältnisse auseinandersetzte. Er drückte mir die Hand mit einer Innigkeit, deren Bedeutung nicht mißzuverstehen war; ich drückte sie ihm wieder, es war eine symbolische Handlung – die Dein Schicksal in sich trug – Du darfst auf die Hand des Grafen Laschewsky hoffen, liebe Tula! Was sagst Du zu meinem diplomatischen Talent?« Er endete in zuversichtlichem Triumph und bemerkte nicht, daß Tula's Augen allmälig zu sprühen begannen und ihr Gesichtchen sich zornig röthete. Sie hielt mühsam an sich und stieß gepreßt hervor:

»Du hast Dich sehr albern benommen, Mermänchen; ich bin nicht zu verhandeln wie eine Waare.«

»Aber, liebe Tula, davon ist ja gar nicht die Rede; ich wollte nur mögliche Hindernisse Deinem Glück aus dem Wege räumen.«

»Unnöthige Mühe, mein Glück liegt nicht auf dem Wege, der Graf Laschewsky hat nichts damit zu thun.«

»Du willst doch nicht etwa sagen, daß Du die Hand des Grafen zurückweisen würdest?«

»Ja, gewiß, ich bin für ihn noch unerreichbarer, als es die Krone Polens ist, magst Du es begreifen oder nicht.«

Mijnheer traute seinen Ohren nicht.

Was konnte dieser Verblendung zu Grunde liegen? In Romanen war es immer eine thörichte andere Liebe; wen sollte Tula dann aber lieben? Sie kannte kaum andere Männer, war ihnen bisher geflissentlich ausgewichen; auf Reisen hatte sie nicht einmal Zeit gehabt, sich zu verlieben, und hier, wo sich das Kleeblatt zum ersten Male längere Zeit aufhielt, gab es keinen Herrn außer dem Polen und Mijnheer selber – ein ungeheuerlicher Einfall hielt den Strom seiner Reflexionen auf.

»Tula!« rief er entsetzt, »Du wirst doch nicht den dicken rothen Masuren lieben?«

Sie mußte lachen trotz ihres Zornes; Mijnheer faßte seine Bartfahnen und zog daran, als ob er seine ausschweifende Phantasie daran zügelte.

»Eben – eben – natürlich – das meinte ich auch – es würde ja zu toll sein – eine lächerliche Idee – beinahe so komisch, als wenn Du Dich in den langbeinigen Maler verlieben wolltest.«

»Oder in Dich, Mermänchen!« sagte die junge Frau spöttisch.

»Nun, erlaube 'mal, liebe Tula; das Letztere wäre ein Unglück, aber keine Lächerlichkeit, eine total andere Nüance, wie Du zugeben wirst.«

»Der Mann aber, für den ich mich interessiren sollte, müßte nicht nur von anderer Nüance, sondern auch aus ganz anderem Stoff sein.«

»Da bin ich doch neugierig, welches Genre Dir beliebt!«

»Ich würde zum Beispiel einen Mann wie den schwarzen Konrad eher lieben können als den polnischen Grafen.«

Unwillig schüttelte der kleine Holländer den Kopf.

»Gerade in Dir hätte ich solche romantische Narrheit nicht gesucht, nachdem Du« – er stockte und sie half ein:

»Nachdem ich schon mit sechzehn Jahren so vernünftig war, einen alten, reichen Mann zu heirathen. – Sprich nur aus, was Du sagen wolltest.«

»Freilich, das mußte ich unwillkürlich vergleichen.«

»Zu einem richtigen Vergleich gehört ein richtiges Verständniß, und das fehlt Dir, Mermänchen. Ich will Dir dazu helfen.« Ihre Stimme wurde weicher. »Sieh', dem alten, lieben Manne wäre ich gefolgt, auch wenn er keine Reichthümer besessen hätte; Gold hatte für mich keinen Werth, sein todter Glanz erdrückte mich ja bei euch. Olschewsky bot mir Besseres. Er war ein unschöner alter Mann, hatte aber ein edles Herz und einen ritterlichen Sinn! Im Bann der Monotonie, unter dem Druck kalter Unabänderlichkeit und erstarrender Langeweile, ohne Wärme für mein junges Herz, ohne Licht für meinen unfertigen Geist, in dem großen, kalten, glänzenden Haufe verloren, wie ein armes Vögelchen in einem Sarkophag – hätte ich aufgehört zu athmen, wie ich aufgehört hatte zu lachen, zu singen und zu sprechen.

»Im Traume nur regte ich noch die Flügel, selbst die Sehnsucht starb in mir.

»Olschewsky wurde mir zum Befreier; er verstand die stumme Klage des blassen Kindes, er zog mich aus meinem glänzenden Grabe und gab mich dem Leben wieder. Ich wurde sein Lebenszweck; mich erblühen zu sehen, mir Genüsse zu bereiten, mich glücklich zu wissen, das war der einzige Lohn, den er erwartete.

»Mitunter, wenn ich über seine Großmuth staunte, sagte er mir, daß er eine Schuld abtrage, daß er an mir durch Liebe sühne, was er durch Härte an einem andern Leben gesündigt habe. Näheres erfuhr ich aber nicht. Wie ein glückliches Kind, von Liebe getragen, mit Wohlthaten überschüttet, immer Neues genießend, so ging ich an seiner Seite hin ein – Jahr lang. Aber noch ehe mein Wohlthäter starb, begann ich mich im Genießen und Empfangen nach dem höhern Glück des Gewährens und Gebens zu sehnen.

»In der stillen Zeit nach Olschewsky's Tode nahm dieß Verlangen zu. Ich war selbstständig, frei, reich und jung, die Welt stand mir offen, und ich sehnte mich, mit dem, was ich besaß, auch ein Glück zu schaffen, größer, als der liebe alte Mann es mir bereitet.

»Als er mich verlassen, hatte ich Niemanden mehr zu lieben – sei nicht böse, Mermänchen, es ist aber doch so; ihr braucht mich nicht und laßt euch nicht lieben! An Mama Käthe gleitet Alles ab und bei Dir gleitet Alles durch wie durch ein Sieb. Hier auf fremdem Boden könnte es scheinen, als ob ich eine Macht ausübte, es scheint aber nur so, gegen eure Natur und eure Verhältnisse vermag ich nichts. Wenn ich heute mit euch nach Amsterdam, in euer Marmorhaus zurückkehrte, so fände ich meinen prächtigen Sarg unverändert und könnte mir den Kopf einrennen und die Flügel wund schlagen, ohne Luft und Leben, Liebe und Lust hineinzubringen. Vielleicht würde ich die romantischen Grillen wieder lassen, meinst Du; vielleicht würde ich mit der Zeit ruhig und vernünftig nach eurer Fasson, nähme mir zum zweiten Gatten einen soliden Geschäftsmann und ließe mich als Zahl in sein Hauptbuch eintragen.

»Nein, nein, mir graut davor! Lieber sterben, als so ein zahmes, ledernes Glück! Ich möchte einem einzigen Menschen nothwendig sein wie die Luft und ihm ein Glück bereiten, so unendlich, daß er es nicht faßt.

»Vergangenheit und Zukunft will ich in den Augenblick fassen und diesen mit meiner Liebe ausfüllen. Durch mich soll der Geliebte Alles und ohne mich nichts sein. Doch darf er meine Liebe nicht wie ein Almosen empfangen; er soll mich zwingen, ihn zu lieben, ihn zu bewundern; ich will mich ihm beugen, ja ihn fürchten lernen; dann aber – dann – o, Du begreifst es nicht – dann will ich ihn nicht glücklich – nein – selig machen.«

Sie hatte sich in leidenschaftliche Erregung gesprochen und ihre Umgebung vergessen. Das Schirmchen, hinter dem sie sich bisher verborgen, lag am Boden; sie lehnte an dem Fichtenstamm, den sie mit einem Arm umschlang, den Kopf leicht hinübergebogen und die andere Hand auf der Brust. So blickte sie in die sinkende Sonne mit weit offenem Blick! Die Strahlen blendeten sie nicht, ihre Augen warfen sie zurück. Das duftige weiße Kleid, getränkt von der Sonnenglut, schmiegte sich wie eine lichte Abendwolke um ihren Leib. Nur über die heiße junge Brust spannte es sich eng wie ein dünner Panzer aus Goldfäden.

In diesem Augenblick war Frau Tula wirklich schön, und wenn Mijnheer Merman nicht bereits im Zuschnitt von der Natur zu kurz bedacht worden wäre, so hätte selbst sein sechzigjähriges Herz bei dem reizenden Anblick schwellen müssen; aber er hatte selbst in seinen jüngsten Jahren die Schönheit des Weibes nur nach der Toilette bemessen können, und so bemerkte er auch jetzt nur, daß das Weiß des Kleides beinahe in »framboise« nüancirte und daß die Feder am Hütchen sich am Baumstamm knickte. Dieser Umstand hatte schon während des kleinen Vortrags seine Aufmerksamkeit gestört; er verschluckte aber die ihm auf der Zunge schwebende Mahnung, weil er ahnte, daß sie nicht gut aufgenommen werden würde.

Auf ein anderes Menschenherz wirkte aber der oben geschilderte Anblick wie eine Offenbarung. Unwillkürlich nachgezogen durch den Spuk, der ihn seit Tagen neckte, hatte sich Theodor Aland dem Paare genähert, welches er von unten erkannte. In der jungen Holländerin fand er immer von Neuem die Züge wieder, die sich ihm in das Herz geschrieben hatten.

Während Frau Tula leidenschaftlich sprach, war Theodor Aland ihr so nahe gekommen, daß sein Ohr hätte zum Lauscher werden können, wenn nicht andere Sinne überthätig gewesen wären.

Zum ersten Male waren Auge und Herz unter den Brennspiegel hoher weiblicher Reize gerathen. Mit dem momentanen Empfinden hatte die Erinnerung nichts zu thun; dergleichen hatte er nie gesehen, nie empfunden. Er dachte auch nicht an das Meerweibchen, er dachte überhaupt nicht, er gab sich der Offenbarung hin, voll und ganz, mit unentweihten Sinnen. Es war sein erster Rausch, und er wußte nicht, was ihm geschah.

Frau Tula hatte sein Näherkommen nicht bemerkt und sah ihn auch jetzt nicht, als er aus geringer Entfernung sie unverwandt anstarrte.

In Beiden pulsirte das Leben schnell und heiß, davon zeugten die halbgeöffneten Lippen, die erhöhte Farbe, der fliegende Athem; vielleicht wäre ein Rapport hergestellt worden zwischen diesen einander sehr ungleichen Naturen, wenn ihre Augen sich in diesem Augenblicke gefunden hätten. Es blieb aber Mijnheer Merman vorbehalten, den Zauber zu brechen; er hatte sich von Tula abgewandt, der er nicht recht zu antworten wußte, und er fand eine willkommene Unterbrechung des ihm unbehaglichen tête-à-tête durch den »langweiligen Maler«.

»Ah, da sind Sie ja! Ich habe Sie bereits gesehen, kommen Sie nur herauf! Noch ein paar Schritte hier seitwärts auf den Baumwurzeln; nehmen Sie sich in Acht, das Moos ist glatt – da – Sie sind ja merkwürdig gewandt, tragen breite Sohlen und niedere Absätze, wie ich sehe, ganz praktisch für diese urwaldlichen Zustände hier – man vermißt überall die Chausseen.«

Während die Begrüßung zwischen den Beiden sich vollzog, waren Tula's Augen wie geblendet durch das Sehen in den rothen Feuerball; sie nahm wahr, daß sich Schatten zwischen sie und die Sonne schoben, aber sie erkannte nichts und deckte die Augen unwillkürlich mit der Hand.

Dahinter erschien ihr das negative Bild der Sonne grün leuchtend auf dunklem Grunde. Die innere Erregung hatte ihr das Blut nach dem Kopfe getrieben, nun kreisten die Feuerbälle um sie – ihr wurde ganz schwindelig. Eine Hand gab ihr den aufgespannten Schirm zurück, geblendet und befangen faßte sie darnach und hielt zugleich den hülfreichen Arm fest, in der Meinung, es sei Mermänchen.

»Halte mich eine Sekunde – ich sehe nichts, bin wie blind,« sagte sie mit einem verlegenen Lächeln im Bewußtsein, daß noch ein Fremder zugegen war, und suchte ihr Gesicht an der Schulter zu verbergen, die zu Mermänchens Arm gehörte.

Aber sie fand diese Schulter in der gewohnten Etage nicht und stützte ihre Stirn gegen eine Brust, hinter der sie das laute Schlagen eines Herzens fühlte. Nur eine Sekunde lang, dann fuhr sie erschrocken zurück, als eine sanfte, tiefe Stimme mit vibrirendem Klange zu ihr sagte:

»Blicken Sie einige Minuten in das Waldgrün, gnädige Frau, dann erholen sich Ihre Augennerven schnell.«

Nun wußte sie, daß es Theodor Aland's Herz sei, dessen stürmischen Schlag sie belauscht.

Scham, Unwille und Verwirrung machten sie stumm; hastig, ohne Gruß, ohne Dank wandte sie sich ab und ging schnell dem Walde zu, unter dessen Vorläufer, der vereinzelten Fichte, sie gestanden hatten.

»Wohin, wohin, Tula?« rief ihr Mijnheer nach.

»Ich gehe voraus, auf einem Umwege nach Hause,« antwortete sie zurück, ohne sich aufzuhalten.

Mijnheer machte ein erstauntes Gesicht.

»So eine Frau ist unberechenbar; selbst die beste steckt voller Launen,« sagte er dann kopfschüttelnd, als mache er diese Entdeckung zum ersten Male. Theodor fühlte sich zu einer schüchternen Entschuldigung gedrungen.

»Ihre Frau Gemahlin hat sich Schaden gethan durch das lange Versenken des Blickes in die blendende Abendsonne.«

»Meine Frau? – Ah so – freilich – Tula ist sehr jung, sozusagen noch ein Kind, sie hat eine traurige Jugend verlebt; Krankheit, Mangel, Tod, Langeweile – waren ihre Begleiter von der Wiege bis – ja, bis zur Heirath. Das erklärte sie mir vorhin – ich hatte es nie so recht bedacht. Nun kommt die Reaktion – ›Jugend will austoben,‹ sagt man – ich begreife es zwar nicht ganz, ich war doch auch jung, bin es noch sozusagen, aber zum Toben habe ich niemals eine Regung verspürt, wahrhaftig nicht; es scheint mir sogar recht, recht unbequem.«

Er hatte mehr für sich als für seinen Zuhörer gesprochen.

Seit Tula's Toilette ihm aus den Augen gerückt war, konnte er dem Inhalt ihrer kleinen Rede sogar etwas gerecht werden.

Theodor Aland wollte sich verabschieden, Mijnheer aber sprach ihn auf seine Skizzen an, immer noch in der Meinung, einen Berufskünstler vor sich zu haben und von dem Wunsch erfüllt, sich die Gelegenheit zum billigen Erwerb eines Originalbildes nicht entgehen zu lassen, und ersuchte Theodor, mit seinen Skizzen am folgenden Morgen zu ihm in den Kurgarten zu kommen.

Dieß wurde von Theodor Aland versprochen, der wohl empfand, daß eine Art von Täuschung in seinem Versprechen lag, denn er hatte nie anders, als zur eigenen Unterhaltung gezeichnet und gemalt, war sich wohl bewußt, nichts Besonderes darin zu leisten, und keineswegs gewillt, etwas davon zu verkaufen. Er konnte aber nicht umhin, der Aufforderung zu folgen; es zog ihn mächtig in die zauberische Nähe Tula's, über deren Wesen und Natur er sich keine Rechenschaft zu geben vermochte.

Abends war großes Tanzfest. Wie schon gesagt, hatte der Badekommissär, abweichend von der sonst üblichen Art, den Tanz in die größte Scheune und in die Nachmittagsstunden zu verlegen – Letzteres, um keine Feuersgefahr durch die nöthige Erleuchtung zu provoziren – einen Platz im Freien walzen lassen. War der Boden auch nicht glatt wie Parket, so verlangten die derben, nägelbeschlagenen Sohlen und der nationale Zweitritt auch nicht darnach; es wurde gehüpft, gesprungen und gestampft, und dafür war der festeste Grund der beste.

Der Tanzplatz wie der ganze Kurgarten war durch bunte Lampions erhellt; dazu gab der gütige Himmel hellen Mondschein. Der Kontrast zwischen dem Frieden und der Stille im hehren, bläulich-weißen Silberlicht oben, dem lauten Jubel und der kleinlichen Unruhe unter den winzigen bunten Flämmchen unten wirkte sehr poetisch anregend auf empfängliche Gemüther.

Die guten Bauern aber fühlten nichts davon; die bezahlten Lampions waren ihnen viel werther und anregender als der alle, billige Mond, welcher im Branntweinnebel unbeachtet versank.«

Der Walzer wurde gestampft und mit Juchhes begleitet; die Thonpfeife dampfte und die Dirnen glühten.

Auch diesen abendlichen Theil des Festes begleitete die unermüdliche Kurkapelle.

Frau Tula hatte am Arm des dicken Masuren die Reihen der Tanzenden durchstrichen; sie hatte noch niemals in ihrem Leben getanzt, kaum einmal tanzen sehen; die Musik, die Lust elektrisirte sie.

»Ich möchte mittanzen,« sagte sie mit kindlichem Verlangen und wiegte sich im Takt der Musik.

»Wollen Sie einen Zweitritt riskiren?« fragte der Masure und sah zugleich mißtrauisch prüfend auf die elegante Toilette seiner Dame.

»Für mein Leben gerne,« versicherte Frau Tula und drückte unwillkürlich bekräftigend den Arm ihres Führers; »aber,« setzte sie kleinlaut hinzu, »ich weiß nicht, ob ich's kann.«

»Das ist das Wenigste,« versicherte der dicke Landmann derb, »das kann Jeder, der Beine hat; nur wird diese zusammengebundene Kleidage der Sache hinderlich sein. Wissen, Sie, man muß Freiheit für die Bewegung haben und sich schwenken lassen können nach jeder Richtung, wie der Tänzer will.«

Die junge Dame seufzte und wiegte sich versuchend in den Hüften.

»Sie haben Recht, diese dummen modernen Kleider; aber – wissen Sie was – wenn Sie es Niemandem verrathen wollen – in fünf Minuten bin ich als lithauisches Bauernmädel wieder bei Ihnen – dann geht's, nicht wahr?«

Er sah in ihre leuchtenden, lustverheißenden Augen und nickte.

»Bleiben Sie hier stehen, damit ich Sie wieder finde,« flüsterte die kleine Frau ihrem dicken Chaperon zu und drückte sich durch die Menge zu einer hübschen Dirne, mit der sie vom Tanzplatz verschwand.

Es war Wilhelm's Braut, die ihr Schweizerkostüm trug. Sie besaß aber ein lithauisches Nationalkostüm, welches sie nicht angelegt hatte, weil sie als Wilhelm's Braut sich nicht unter ihre Landsleute mischen sollte. Frau Tula erhielt gern von ihr das erbetene Kostüm und erschien kurze Zeit darauf als reizende Lithauerin wieder.

Der dicke Masure stand, die Hände auf dem Rücken, noch an demselben Platz, da zupfte ihn Jemand am Aermel.

Erröthend und doch voll Uebermuth stand Frau Tula neben ihm. Ein Laut der Ueberraschung und Bewunderung entfuhr dem Dicken.

»Ein traut'stes Mariellchen, nicht wahr?« sagte er dann zu seinem Nachbar, faßte die junge Frau mit seinen großen, starken Händen um die Taille und hob sie mit einem Jauchzen hoch empor und setzte sie mitten unter die Tanzenden nieder. Sie hatte beide Hände auf seine Schultern gelegt, wie sie es von den Anderen gesehen, und nun ging's im Dreivierteltakt von einem Fuß auf den andern mit Schwenken und Drehen nach rechts und links und gelegentlichem Hochwerfen dahin – eine rechte Jugendlust der Bewegung.

»Beinahe so herrlich, als wenn ich im Traume fliege,« sagte sie dankbar und glückselig lächelnd zu ihrem Partner.

Der Dicke hatte dergleichen wohl lange nicht mehr getrieben, er war total außer Athem und der Schweiß perlte in dem rothen Gesicht. Wie Fliegen kam es ihm eben nicht vor, aber er war doch stolz auf seine hübsche Tänzerin und die beneidenden Blicke, die ihm zufielen.

»Noch einmal, bitte,« forderte Frau Tula.

»Ein bischen warten, bis wir wieder daran sind,« belehrte der Masure.

»Möchten Sie nicht auch einmal mit mir tanzen?« fragte Jemand neben ihr. Sie sah sich um und griff schnell nach dem Arm ihres Begleiters, drückte diesen und hing sich fest an ihn. Aufmerksam geworden, antwortete der dicke Masure für seine Dame:

»Das kann ich nicht gestatten; es tanzt ein Jeder den Abend über mit seinem eigenen Mädchen; wo haben Sie denn das Ihre?«

»Ich habe keins,« antwortete Theodor Aland, »aber Ihre Tänzerin ist eine gute Bekannte von mir und schenkt mir vielleicht einen Tanz.«

»Können Sie denn tanzen?« fragte die junge Frau mit neckischen Spott.

»Einen richtigen Zweitritt?« setzte der Dicke zweifelnd hinzu. Er war übrigens mit seinem Athem noch nicht wieder arrangirt und würde es im Grunde nicht ungern gesehen haben, für die nächste Tour seine Tänzerin abzutreten.

»Ich bin ja ein Landeskind und liebe Musik und Tanz, wenn ich auch seit meiner Kindheit keinen Erntekranz in der Heimat erlebte.«

Frau Tula ließ den Arm ihres Begleiters fahren.

»Wenn Sie sich blamiren, haben Sie es bei mir verspielt,« sagte sie, indem sie ihm die Hand gab und mit den lachenden Augen in sein ernstes Gesicht sah; »aber thun Sie die Brille ab, mit so einem Ding auf der Nase tanzt man keinen Zweitritt.«

Theodor zog ein Futteral aus der Tasche und steckte seine Brille hinein; dann faßte er seine Tänzerin behutsam um die Taille.

»Wie pedantisch er Alles macht!« dachte Frau Tula, und erwartete so eine Art Großvatertanz von Theodor, als sie ihre Hände auf seine Schultern legte. Es ging aber merkwürdig gut, noch besser, als mit dem Masuren; sie hätte dem linkischen Gelehrten dieses »s'abandonner« gar nicht zugetraut. Er war nur etwas zu groß für sie; daher kam es wohl auch, daß sie sich so gehoben fühlte und kaum mit den Füßen den Boden berührte. Dieß beeinträchtigte aber die Sicherheit nicht; Theodor Aland hielt sie fest und doch leicht, hob und schwenkte sie ganz nach seinem Belieben ohne jede Anstrengung. Als sie dann entfernt von dem Platze stillstanden, von welchem er die Tänzerin geholt und selbst die tanzlustige Tula nach Athem suchte und keines Wortes fähig war, da blickte der lange Mensch so ruhig und kühl auf sie nieder, daß es sie ärgerte. Auch verwirrte es sie, ihre Stellung zu einander verwechselt zu sehen, der Simpel war zum Herrn geworden und die ihm weit überlegene Herrin fühlte sich in seiner Hand sicher und wohl geführt.

Sie dachte an die Hundeaffäre auf dem Steg und kam zu dem weisen Schluß, daß auch ein Simpel das Herz auf dem rechten Fleck haben und ein guter Tänzer sein könne.

So ruhig, wie sie meinte, sah es aber nicht in dem Innern des braven Theodor aus. Er war kein Simpel in dem von ihr untergelegten Sinn, er besaß eben die echte Einfalt der Seele weit mehr, als die schöne achtzehnjährige Tula selber. Trug und Falschheit lagen ihm so fern, daß er Beides nie frei einem Andern zutraute; er kannte zudem nur wenig Menschen und außer Maruschka, der einfachen, guten Seele, kein Weib. Als er nun beim Tanz das Meerweibchen, wie er sie in Ermanglung eines andern Namens nannte, so dicht an seinem Herzen fühlte, da erneuerte sich die heiße Empfindung in ihm, die ihn am Morgen beim Anblick und der Berührung der schönen Holländerin erfaßt hatte. Die lithauische Tracht, die eigenartige Kopfbedeckung und das Halbdunkel der Lampions hatten nicht verhindert, ihn das Mädchen erkennen zu lassen, welches ihn an jenem Gewitterabend besucht hatte; an die Offenbarung auf der Fichtenhöhe reichte diese Erscheinung freilich nicht. Aber als er sie so dicht vor sich hatte, daß er ihren Athem und ihren Herzschlag fühlte, da war es ihm, als ob er die Andere, Höhere, Einzige hielte. Er konnte sich's nicht deuten, aber sie konnte es ihm selber vielleicht erklären; und so sagte er denn zu ihrer größten Ueberraschung plötzlich, gerade, ehrlich und ernst:

»Sagen Sie mir, wer Sie sind, und wenn Sie können, so sagen Sie mir, warum ich in so vielen, von einander ganz verschiedenen Gestalten immer wieder Ihr Gesicht und Ihre Augen zu sehen glaube?«

»Wie kann ich das?« erwiederte sie mit einem kleinen, affektirten Lachen.

»Sie allein können es, glaube ich; ich bin zu einfältig, mir's zu erklären. Maruschka – Sie kennen sie ja – hat mir von dem Spuk des Meerweibchens gesagt« – er lächelte beinahe traurig.

»Freilich, die Geschichte kennt jedes Kind.«

»Sie stellten sich unter dem verhängnißvollen Namen vor, als ich Sie zum ersten Male sah.«

»Und da meinen Sie wohl gar, ich sei's wirklich und zöge Sie mir nach in die kalte See?« So fragte sie neckend; ihr Erröthen ging in dem rothen Licht des nächsten Lampion unter.

»In die kalte See oder wohin es sonst sei – ich folge Ihnen,« antwortete Theodor Aland. Seine Stimme klang tief innig und Frau Tula meinte sogar eine verborgene Leidenschaft herauszuhören.

Die Musik intonirte wieder.

»Wir wollen zurückkehren,« sagte sie und deutete hinüber auf den Platz, den sie früher mit dem Masuren innegehabt. Er war nicht da, der dicke Landwirth hatte in natürlicher Rückwirkung des Tanzes einen heftigen Durst empfunden und sich nach dem Ausschank begeben. Hier, unter einem Zelt, befanden sich das Bierfaß, vom Kurhauspächter gestiftet, und einige kleine Fässer Branntwein.

Während er sich labte – der biedere Landmann war nicht wählerisch – umfaßte Theodor Aland ohne Erlaubniß seine Tänzerin zum andern Male und – war die Musik anregender, war es die Luft und die allgemeine Lust – oder waren die Worte daran schuld, die zwischen ihnen gefallen, und die Vorstellungen, die sie geweckt – kurz, Theodor Aland hielt seine Tänzerin anders als vorhin gefaßt.

Der jungen Frau vergingen fast die Sinne, so schnell drehte er sie im Kreise, so hob er sie und drückte sie an sich; sie wollte ihn, nein, sich halten, als er sie wieder hoch über seine Schultern hob – die Hände, welche darauf geruht hatten, glitten unwillkürlich vor und umfaßten seinen Hals. Ringsum im wirbelnden Reigen der Anderen ertönten jauchzende Rufe, es schien ein Höhepunkt der Lust; jeder Bursche küßte sein Mädchen, und ehe Theodor Aland seine Tänzerin niedersetzte, hatten auch seine Lippen die ihren gestreift. Das ging Frau Tula über den Spaß. Sie wußte im wahren Sinne des Wortes nicht, wie ihr geschah. Ehe sie sich von der Ueberraschung erholt hatte, ehe sie sprechen konnte und den kühnen Simpel anzusehen wagte, war der Masure da und forderte seine Tänzerin zurück. Theodor Aland übergab sie ihm in aller Form und verabschiedete sich ebenso, ohne daß Frau Tula zur Ueberlegung, geschweige denn zu einem Entschluß hinsichtlich des zunächst Erforderlichen kam. Sie vergegenwärtigte sich später den Moment oft und konnte nie herausfinden, wie Theodor Aland bei dem Ungeheuerlichen ausgesehen habe. Jetzt stand sie athemlos, hochschlagenden Herzens neben ihrem Begleiter, dem Masuren.

»Sie sind wohl auch heiß und durstig?« fragte dieser, ihr verständnißvoll zublinzelnd.

»Nur schwindelig,« gestand Frau Tula und verlangte zurück nach ihrer Stube. Sie hatte genug von der Maskerade und sehnte sich nach Ruhe und Stille, um die Gedanken sammeln zu können.

Der galante Oekonom führte die hübsche Lithauerin am Arme durch die Reihen. Theodor war nicht zu sehen. Sie hielt den Kopf gesenkt, wurde von Vielen betrachtet, bemerkte aber selber nichts mehr.



VIII.

Der Morgen nach dem Erntefest brachte schlechtes Wetter. Ueber der See ballten sich graue, dicke Nebel, die sich allmälig kalt und naß über das Land hinstreckten.

Von Draußensitzen war keine Rede, sogar das Bad war nur schwach besucht, die Promenade aber ganz leer und das arme Orchester spielte wohl oder übel seine Verpflichtung ab, sich zur Qual und keinem Andern zur Freude. Es war ein mattherziges, jämmerliches Erwachen nach dem heitern Fest, selbst die liebe Sonne schien von dem allgemeinen Zustand erfaßt und Tische und Bänke ihn zu theilen, denn schräge gegen einander gelehnt standen sie da wie das trunkene Elend und ließen die feuchten Niederschläge wehmüthig an sich herabträufeln.

Mijnheer Merman sah nicht froh aus in dieser Morgenstunde, er fror und war ordentlich zusammengeschrumpft unter seiner farblosen Haut, seinem eleganten grauen Morgenkostüm. Kälte brachte seine Laune stets in's Wanken, und sie kleidete ihn auch nicht; die zarte Röthe seiner Wangen erblich dann und die helle Bläue seiner Augen wirkte wie grün in dem fahlen Gesicht.

Frau Tula hatte zwar weder an Schönheit der Farben, noch der Formen abgenommen, aber sie war offenbar auch nicht heiter. Kaum öffnete sie den Mund zu Speise, Trank und freundlicher Rede beim Frühstück, welches sie sonst durch ihre Gegenwart zu beleben pflegte; sie sah nicht gerade mißvergnügt aus, aber nachdenklich und viel ernster als gewöhnlich.

Nur bei Mevrouw Käthe befand sich Alles in gewohnter Verfassung; das große graue Gesicht, der Regenmantel, der Appetit, die Ruhe und die kargen Redensarten, es war Alles dauerhaft an ihr, sie wurde weder durch Sonnenschein, noch durch Regen aus der Fasson gebracht.

Nach dem schweigsamen Mahl setzte sich Frau Tula mit einem Buch an das Fenster, das holländische Paar entfaltete seine Zeitungen und der schöne Wilhelm nahm das Frühstück ab, wobei er »beiläufig« einen Fremden meldete.

»Wer?« fragte Mijnheer; die beiden Damen erhoben nicht einmal die Augen von der Lektüre.

»Den Namen weiß ich nicht, es ist aber die beiläufige Persönlichkeit, mit welcher die Herrschaften vor dem Kurhaus bereits öfter zusammentrafen. Er sagt, er sei bestellt.«

Mijnheer erinnerte sich.

»Ah so – der Maler – bitte, lassen Sie ihn eintreten.«

Wilhelm beeilte sich nicht besonders; er stellte sein Geschirr mit gewohnter »volubilité« zusammen, schnellte mit dem Serviettenzipfel nach etwaigen Brocken auf der Plüschdecke und den Plüschstühlen, welche die Eigenschaft besitzen, Alles festzuhalten: Staub, Krümel, Kleider, Haare und so weiter; es scheint auch ihr Zweck zu sein, denn sonst würde man sie doch nicht in allen Verkehrslokalen vorfinden.

Tula hatte nach dem Ausruf Mijnheers diesem einen sehr erstaunt fragenden Blick zugeworfen.

»Er versprach mir, seine Skizzen zu bringen,« erklärte Mijnheer, »das wird uns über den abscheulichen Morgen hinweghelfen.«

Dem ersten Impuls nach wäre Frau Tula dieser Begegnung ausgewichen; sie dachte aber, daß es ihr noch jeden Augenblick freistünde, sich zurückzuziehen, und daß sie, mit dem Rücken gegen das Licht und von der Portière halb verdeckt, beobachten könne, ohne selber allzu viel Anblick zu bieten. Sie war neugierig, zu erfahren, wie Theodor Aland sich nach dem gestrigen Abend ausnehmen würde. Frau Tula blieb also und der Erwartete trat ein, von Mijnheer lebhaft begrüßt, der froh war, die Einförmigkeit dieses Morgens unterbrechen zu können.

»Der alte Simpel, wieder ganz restaurirt,« dachte Frau Tula enttäuscht, als sie die vornübergeneigte, lange Gestalt in dem schlecht sitzenden Rock und mit den eckigen Manieren beobachtete.

Theodor Aland gab nichts auf Toilette, respektirte aber sogenannte »gute Sachen« weit über Gebühr, so daß er sich selten würdig genug hielt, sie anzulegen. Heute hielt er den »guten Rock«, der ihn nach Tula's Meinung so schlecht kleidete, für geboten, obgleich Maruschka ihn auf den dicken Nebel aufmerksam gemacht hatte.

»Er steigt,« hatte Theodor gemeint.

»Er fallt,« hatte Maruschka behauptet, und sie hatte Recht behalten.

Ein Pedant, wie Theodor war, hielt er sich genau an den Wortlaut der Verabredung: »Um neun Uhr beim Frühstück im Kurgarten.« Pünktlich war er zur Stelle mit seiner Skizzenmappe, im guten Rock, beim fallenden Nebel.

So ging er wartend auf und ab, die nasse Atmosphäre in sich aufsaugend wie ein Schwamm; kein Mensch war zu sehen, der Nebel fiel, ohne daß es klar wurde; er kam über die See her, wie aus einem Dampfkessel immer neuen Dunst verbreitend, der sich in feines Geriesel auflöste. Endlich ließ Theodor die Hoffnung auf Hellwerden und Erscheinen der Frühstücksgäste fallen. Nach einigem Ueberlegen wagte er es, sich bei den Herrschaften melden zu lassen. Er führte Alles, was ihm oblag, mit großer Gewissenhaftigkeit aus, das gab seinem Gesicht auch bei geringfügigen Veranlassungen etwas sehr Ehrbares, welches durch seine Verlegenheit nicht gestört werden konnte. Wenn er sich so unbeholfen und eckig verbeugte, wie er es eben nach den beiden Damen, endlich nach Fenster und Sopha hin that, so verrichtete er diese Handlung mit derselben Gewissenhaftigkeit, wie der Muselmann beim Gebet sein Antlitz nach Mekka wendet.

Die Damen nahmen kaum Notiz von ihm, Mevrouw Käthe's Kolossalfigur thronte unbeweglich auf dem Sopha, Frau Tula steckte halb hinter dem Fenstervorhang. Sie beobachtete aber scharf trotz der gesenkten Augenlider und machte wiederholt und ärgerlich die verächtliche Bemerkung:

»Ganz der alte Simpel, wie am ersten Tage.«

Mijnheer brachte sich indeß unter Lächeln und Händereiben auf seine gewohnte Beweglichkeit. Anfänglich lächelte er wie durch Spinnweben und die trockene, glasige Haut der Hände widerstand seinen Anstrengungen, aber er betrieb Lächeln und Händereiben standhaft und trippelte dabei unruhig auf und ab, bis Alles wieder Leben bekam. Doch hütete er sich, seinem Gaste zu nahe zu kommen, denn Mijnheer war äußerst sauber und Theodor Aland stand wie eine frappirte Sektflasche in Thauperlen, die sich an seiner Mappe zu Tropfen sammelten. Händereibend und lächelnd machte Mijnheer die zutreffende Bemerkung:

»Sie sind ganz naß.«

»J–a–a,« erwiederte Theodor, »der Nebel schlägt stark nieder und ich ging bereits seit einer Stunde vor dem Kurhause auf und ab.«

»Warum kamen Sie nicht eher herein?« fragte Mijnheer.

»Es war verabredet, daß ich die Herrschaften draußen erwarten sollte, und ich wußte nicht recht, ob ich es wagen durfte, dieselben in ihrer Wohnung aufzusuchen.«

Die Bescheidenheit und Gutmüthigkeit in seiner Antwort empörten Frau Tula. Sie klopfte ungeduldig mit der Spitze des Morgenschuhes den Boden, da warf Mevrouw Käthe aus ihrem versteinerten Schwammgesicht unerwartet einen ihrer Universalbrocken dazwischen, die für Alles passen mußten wie die berühmten Schweizerpillen: »Oevergang«. Zugleich wies ihr Blick nach der Thür.

Theodor lächelte höflich, verstand aber den Sinn des Wortes offenbar nicht. Mijnheer verdolmetschte:

»Ob Sie sich nicht erst – draußen – etwas abschütteln möchten?«

»Gewiß,« sagte der gutmüthige Gast, machte bereitwillig Miene, dem Wunsche Folge zu leisten.

Frau Tula sprang auf. Es war zu viel; hatte der Mann denn keinen Funken von Selbstgefühl und Stolz in sich? Sie trat heftig auf Mijnheer zu.

»Was fällt Dir ein, Mermänchen! So klopfe doch den Rock des Herrn ab! Was haben die paar Tropfen denn zu sagen! Ich war auch naß, als ich in's Zimmer trat, und es hat mich Niemand hinausgeschickt, um mich draußen abzuschütteln, als ob ich ein nasser Pudel wäre.«

Sie begegnete dem Blicke Theodor's; eine Erinnerung stieg zwischen den Beiden auf, vor welcher Frau Tula verstummte. Sie stand mit dem Rücken gegen das Licht, so daß seine Augen trotz der Brille wenig mehr als ihre Silhouette erfassen konnten. Langsam und pedantisch, mit einem sanften Lächeln um die weichen, hochgewölbten Lippen, sagte Theodor:

»Es ist ein Unterschied zwischen einer bethauten Rose und einem nassen Pudel.«

Die Worte enthielten ein beziehungsvolles Kompliment; ihr Ton war aber so harmlos, als ob ein Kind sie spräche. Doch scheuchten die Worte Frau Tula in ihre Fensterecke zurück.

Aufregung und Aerger in ihr stärkten einander.

Theodor war verschwunden und kehrte nach ein paar Minuten trocken wieder.

Mijnheer nahm Platz, ohne seinem Gaste, der, die Mappe in den Händen, vor ihm stand, einen Platz anzubieten.

»Bitte, setzen Sie sich doch!« rief Frau Tula in gereiztem Befehlston. Der Aerger galt sowohl der Unhöflichkeit Mijnheers, als der demüthigen Anspruchslosigkeit des Gastes.

Dieser verbeugte sich, indem er antwortete:

»Ich danke – es ist mir bequemer so – ich kann die Skizzen besser präsentiren.«

Er legte einige Skizzen vor, lauter Ansichten der See in verschiedener Beleuchtung, von verschiedenen Punkten aus.

»Ganz nette Sachen. Ich liebe nur mehr Staffage,« äußerte Mijnheer.

»Hier sind ein paar Flissaken – dort Weiber mit dem Räuchern von Flundern und Häringen beschäftigt, auch ein Kahn mit Fischern.«

»Ja, das sehe ich wohl. Aber Sie könnten so viel Besseres auf Ihre Bilder gebracht haben. Es ist freilich kein elegantes Publikum hier; Helgevil ist kein Ostende, kein Trouville, aber es gibt doch immerhin einige anziehende Erscheinungen. Haben Sie mich nicht zufällig neulich mit dem orientalischen Schleier um den Hut gesehen? Der Herzog von Connaught hat genau denselben, er brachte die Mode aus Konstantinopel mit. Und dann zum Beispiel den sehr malerischen Sammetrock des Grafen Laschewsky? Bemerkten Sie diesen nicht? Gewiß, Sie müssen Beides kennen; damals bei der Geschichte mit dem tollen Hund, wo Du« – er wandte sich an Tula – »die reizende blaßrothe Toilette trugst, waren Sie ja zugegen – damals hatte ich den Hut zum ersten Male auf und der Graf – ich erinnere mich genau – trug seinen beschnürten Sammetrock.«

»Wie immer!« warf Frau Tula hin.

»Ich hatte wohl nicht Acht darauf,« entschuldigte sich Theodor, »kam auch bis dahin niemals auf die Promenade und skizzirte ohne Auswahl gerade, was ich vor Augen hatte.«

»Sieh' einmal her, Tula,« fuhr Mijnheer, mit einer Ansicht beschäftigt, fort, »Du mußt doch zugeben, daß sich dieß Blatt ganz anders machen würde, wenn an Stelle dieses zerlumpten Fischers Graf Laschewsky in seiner Nationaltracht dem Blatt als Vorwurf diente.«

»Und wenn sie an Stelle der Flundern und Häringe Deine Pariser und Londoner Toiletten über dem Kadickfeuer räucherten – ja – Mermänchen, das würde sich entschieden ganz anders ausnehmen,« antwortete Frau Tula, ohne ihren Platz zu verlassen.

Theodor's Brille verdeckte den Ausdruck seiner Augen, um Mund und Kinn spielte ein unendlich nachsichtiges Lächeln, mit dem etwa das Alter den kindischen Scherzen der unreifen Jugend folgt.

Einige Blätter emporhaltend, fragte Mijnheer mit der Miene eines Kunsthändlers:

»Und der Preis?«

»Ich verkaufe meine Arbeiten nicht, wenn Sie aber die kleine Auswahl dort zu behalten wünschen, so wird es mir eine Freude sein.«

Nun wurde Mijnheer verlegen. Er hatte gedacht, an einem armen, unbekannten Genie zu profitiren; sich aber von einem so geringen Menschen beschenken zu lassen, noch dazu ganz offiziell, das stand ihm nicht an.

»Sind Sie denn nicht Maler von Profession?« fragte er unschlüssig.

»Nein, nur Dilettant zu eigenem Vergnügen.«

»Das ist freilich etwas Anderes, dann sind die Sachen natürlich auch von keinem bestimmten Werth. Ich behalte sie aber nichtsdestoweniger recht gerne, nur müssen Sie mir erlauben, mich in irgend einer Weise abzufinden. Ich werde Ihnen aus meinen Fabriken Leinen für den Haushalt schicken.« Das war recht herablassend gesagt, schien aber Theodor Aland nicht im geringsten zu verletzen.

»Sie sind sehr gütig, aber,« antwortete er in seinem ehrbaren Ernst, »ich besitze gar keinen Haushalt.«

»Dann heben Sie sich die Sachen für den künftigen auf.«

»Ich glaube wirklich nicht, daß dergleichen mir jemals nöthig sein wird.«

»Sie werden doch jedenfalls ein Damastgedeck für Ihren Tisch verwenden können?«

»So viel ich mich erinnere, liegt etwas derart immer schon auf dem Tische, ob es Damast ist, weiß ich nicht; aber es scheint mir, daß meine alte Maruschka etwas für den Zweck Geeignetes besitzt.«

»Vielleicht nehmen Sie dann ein paar Flaschen echten Focking von mir an?«

»Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich nicht weiß, was ihr Inhalt bedeutet.«

»Der vorzüglichste Liqueur der Welt.«

»Ah so! Leider habe ich auch dafür keine Verwendung – ich habe mir nämlich schon eine ausreichende Quantität Wachholder angesetzt.«

»Vielleicht verschmäht besagte Maruschka meinen Focking nicht?«

»Auch für sie muß ich sehr danken, sie zieht für sich alljährlich auf Blaubeeren ab und ist auch schon versorgt.«

»Sie scheinen sehr genügsame Leute zu sein!«

»O ja, danke.«

Mijnheer kramte während dieses Wortwechsels in der Mappe und zog mit einem Rufe der Ueberraschung ein Bild hervor. Halb zu Tula gewendet, fragte er: »Was ist denn das?« – Theodor Aland war auf diese Frage vorbereitet gewesen; er hatte das Blatt, welches Mijnheer eben in Händen hielt, mitgenommen, um darauf angeredet zu werden. Ueber seiner Brille flammten ein paar rothe Flecken auf, sonst verrieth nichts seine Bewegung, als er nun auch hinüber auf die junge Frau blickte und bedächtig antwortete: »Es ist eine Erinnerungsskizze, zu welcher eine kleine Erzählung gehört, die Sie vielleicht gar nicht interessirt.«

Mijnheer rief lebhaft: »O, gewiß interessirt sie uns. An diesem langweiligen Morgen interessirt Alles, was die Zeit vertreibt. Zudem frappirte mich das Bild auf den ersten Moment, es schien mir eine gewisse Aehnlichkeit mit meiner – ja, wahrhaftig – mit Dir zu haben, Tula.«

Nun sprang Frau Tula auf; es hatte sie Mühe gekostet, ihre künstliche Zurückhaltung bisher zu wahren.

Sie trat hinter Theodor Aland, der ihr ausweichen wollte.

»Bleiben Sie, halten Sie das Blatt, ich sehe mit hinein,« befahl sie kurz und blickte an seinem Arm vorbei in die Skizze.

Es war ihr eigenes Bild, dasselbe, mit welchem Theodor seine Maruschka so entsetzt hatte: das Meerweibchen im Studirstübchen des Gelehrten; Tula hätte beinahe aufgeschrieen.

»Nicht wahr?« fragte Mijnheer arglos, »es hat etwas von Dir?«

»Das finde ich nicht,« brachte sie so ruhig wie möglich hervor.

Sie hatte Recht. Das Bild hatte nicht nur »etwas« von ihr, es war sie selbst, leibhaftig, wie sie an jenem Abend bei dem jungen Gelehrten erschienen war. Mijnheer kannte sie freilich so nicht, weder im Ausdruck noch in der Kleidung, und die letztere machte bei ihm bekanntlich erst den Menschen.

Theodor Aland hatte den Eindruck der ganzen Erscheinung, wie er ihn in sich bewahrte, vortrefflich wiedergegeben.

»Nun – und die Erklärung?« fragte Mijnheer nach kurzem Studium.

Theodor begann die Erklärung im Gegensatz zu dem phantastischen Eindruck, den das Bild lieferte, ruhig und einfach.

»Ich saß während eines Gewitters in meinem Laboratorium nach der See hinaus, da stand plötzlich diese Gestalt auf der Schwelle der Thür, welche der Sturm aufriß.«

Mijnheer blickte von dem Referenten auf das Bild; er wußte trotz der Erklärung nicht, was er von der Darstellung zu halten habe.

»Sonderbar! Wo kam sie denn her? Sie sieht aus, als wenn die Wellen sie ausgeworfen hätten.«

»Vielleicht,« antwortete Theodor ruhig; »ich weiß nicht, woher sie kam, und erfuhr es auch nicht. Sie verschwand, wie sie erschienen, unter Donner und Blitz.«

»Das ist ja aber höchst – höchst merkwürdig!« bemerkte Mijnheer mit wachsendem Interesse. »Erfuhren Sie denn nichts weiter, nicht, wer die Person gewesen, was sie gewollt?«

»Sie nannte sich mir – das Meerweibchen.«

»Na, erbarmen Sie sich 'mal, das ist stark!« rief Mijnheer sehr erschrocken. Er war Skeptiker in Glaubenssachen, aber den Aberglauben gestattete er sich wie jeden Luxus etwa und hatte sogar eine gewisse zähneklappernde Zärtlichkeit für Gespenster. Von dem Seegespenst in Helgevil wußte er bereits Genaueres. Ihn überlief eine Gänsehaut, unter der seine Wangen erbleichten, und er betrachtete mit Interesse den Gegenstand solcher Erlebnisse, den unbedeutenden Künstler. »Wissen Sie auch,« fragte er scheu und wichtig, »daß Sie diesem Gespenst verfallen sind mit Leib und Seele, sobald Sie ihm Obdach geben?«

»Ja wohl,« antwortete Theodor mit seinem milden Ausdruck. »Ich war belehrt und gewarnt und habe meinem Geschick doch nicht entgehen können. Mich verfolgt das Bild des Meerweibchens seit jenem Abend wie eine Vision, es blickt mir aus den verschiedenartigsten Gestalten entgegen und zieht mich ihm nach, bis ich finde, daß nur eine Aehnlichkeit mich neckte. Dann tritt es mir auch unerwartet in selbsteigener Gestalt entgegen, offenbart sich, verschwindet wieder und hinterläßt nichts als eine unstillbare Sehnsucht.«

Mijnheers blaue Augen vergrößerten sich unter dem Schauder. Frau Tula hatte sich langsam bis an das Fenster zurückgezogen, wo sie stehen blieb, ohne sich an dem Gespräch zu betheiligen.

»Wo sahen Sie den Spuk denn bisher noch?« fragte der Holländer.

»Ueberall, selbst hier; es schaut mich zum Beispiel aus dem Antlitz Ihrer Frau Gemahlin an.«

Mijnheer vergaß ganz, daß Tula von dem Sprecher gemeint sein mußte, er blickte sich hastig nach der Sphinx auf dem Sopha um.

Ob Mevrouw hörte und sah, was um sie her vorging, war nicht wahrzunehmen, die massive Ruhe wich nie aus ihrem Gesicht, welches heute auffallend an porösen Bimsstein erinnerte.

Mijnheer sah seine massenhafte Gattin mit seinen hellblauen, weitaufgerissenen Augen an und sagte dann:

»Das ist aber mehr als Spuk, das ist Wahnsinn, scheint mir.«

»Hacke as Jose,« murmelte Mevrouw. Sie hatte nicht Unrecht, Spuk ist Wahnsinn und Wahnsinn ist Spuk.

»Ich würde das Ganze für ein Spiel der Phantasie halten, obgleich die meine sich bisher nicht viel mit solchen Dingen abgab, wenn ich nicht ein Pfand von dem Meerweibchen besäße, wie sie auch eins von mir mitnahm.«

»Was – Sie werden doch keine Ringe mit dem Spuk gewechselt haben?« rief Mijnheer perplex vor Staunen.

»Ringe nicht, aber Schuhe,« antwortete Theodor gelassen, als ob er eines gebräuchlichen Aequivalents erwähnte.

»Ich denke, sie hatte, keine,« wandte Mijnheer ein und blickte auf das Bild. Theodor hatte das Meerweibchen barfüßig dargestellt.

»Sie besaß welche,« antwortete er dem Holländer, »aber sie waren naß, und ich gab ihr ein Paar von mir, während ich die ihrigen trocknen wollte. Unterdeß verschwand aber das Meerweibchen und Maruschka stieß die Hexenschuhe in's Feuer. Ich kam dazu, konnte aber nur noch den einen der kleinen Schuhe retten.«

»Und die Ihrigen nahm sie wirklich mit? Paßten sie ihr denn?«

»O nein, sie paßten ihr nicht und sie lachte über meine großen rothen Sammetpantoffeln, welche Maruschka mit einem goldenen T auf dem Blatt versehen hatte.«

»Tula, besitzest Du nicht etwas Aehnliches?« rief Mijnheer, von einer Erinnerung überrascht, der jungen Frau zu, deren steigende Aufregung Niemand wahrnahm. »Ich sah neulich in Deinem Zimmer ein Paar sehr auffallend rothe Pantoffeln mit einem T.«

»Ganz recht,« antwortete Frau Tula hastig, »es ist Mode, seine Chiffre jetzt auch auf dem Schuh gleichwie im Taschentuch zu tragen.«

»Aber ein T – Du heißest doch Gertrud –«

Sie unterbrach ihn schnell:

»Nennst Du mich nicht Tula?«

»Ja wohl, das ist aber so eine Art Abkürzung oder ein Schmeichelname – übrigens habe ich diese merkwürdigen Schuhe nie an Deinen Füßen gesehen. Ich würde sie sofort bemerkt haben.«

»Sie passen mir nicht!« warf Frau Tula gleichgültig hin.

Mijnheer erinnerte sich.

»Ja, sie müssen Dir viel zu groß sein, liebes Kind.«

Tula fühlte Theodor's Blick und antwortete keck:

»Nein, sie sind mir viel zu klein.«

Ganz unerwartet und gegen ihre Gewohnheit mischte sich Mevrouw plötzlich in das Gespräch.

»Dat 's onangenehm,« sagte sie plötzlich, ließ ihr Zeitungsblatt sinken und streckte unter ihrem Regenmantel das Corpus delicti, einen rothen Pantoffel von einem halben Meter Länge mit goldenem T geschmückt, hervor.

Der Schuh saß wie angegossen.

»Du – Du – auch?« stotterte Mijnheer in vollständiger Verwirrung.

Mevrouw sah ihm stumm in das Gesicht. Wenn ein sehr trivialer, aber besser passender Ausdruck erlaubt ist: sie glotzte ihn an.

»Trägt denn alle Welt rothe Plüschpantoffeln mit goldenen T?« fragte Mijnheer und sah nach der Reihe die Anwesenden an.

Ihm wurde keine Antwort, Tula's und Theodor's Blicke hingen wie gebannt an dem Schuh und mußten sich dort begegnen. Mevrouw beantwortete unnütze Fragen nicht, zu denen sie solche rechnete, die nicht mit ihren Universalbrocken zu beantworten waren. Mijnheer kannte das, er wußte auch, daß sie Alles hörte und begriff, was um sie her vorging, darum betonte er unter ihrem hartnäckigen Blick:

»Du hast doch nicht etwa die Schuhe mit dem Herrn getauscht?«

»Dommheit!« ließ Mevrouw ruhig fallen.

»Sind es denn immer dieselben Pantoffeln?« inquirirte er weiter.

»Hacke as Jose,« antwortete Mevrouw in zunehmender Gesprächigkeit, da die Anderen schwiegen.

»Aber wie kommen die Dinger dann in Deine Hände, respektive an Deine Füße, mein Engel?«

»Dat 's man bloß en Oevergang.«

Dieß war bereits die vierte Nummer aus Mevrouws Wörterschatz und besagte, daß sie die Schuhe bei Tula gesehen und für sich passend gefunden hatte. Frau Tula hatte keine Ahnung von diesem »Oevergang«.

»Aber, mein Engel, wie kommen denn Tula und das Meerweibchen zusammen?«

»Eins in's Andere.« Die fünfte Nummer.

Aber Mijnheer begriff noch immer nicht, was Mevrouw schon lange durchschaut hatte, obgleich es sie gar nicht interessirte.

»Ja, wem gehören denn die verwünschten Dinger eigentlich?« fragte Mijnheer endlich ungeduldig.

»Mir,« erklärte Theodor höflich und bescheiden, als Eigentümer hervortretend.

»Dat 's in Ordentlickheit!« schloß Mevrouw ihrerseits die anstrengende Unterhaltung, nahm ihre Zeitung vor und kümmerte sich nicht weiter um das Nachfolgende.

Bis zu diesem Augenblick hatte Frau Tula gezögert, jetzt mußte sie sprechen, und sie that es entschlossen. Mijnheers Fragen, die sich nun an sie richteten, wies sie mit einer Handbewegung ab und wandte sich an Theodor Aland.

»Genug der Komödie. Sie haben mich erkannt. Ich leugne es nicht, daß ich es war, die an jenem Gewitterabend Ihr Laboratorium betrat. Schon vorher hatte ich durch das offene Fenster Ihr Gespräch mit Maruschka und deren Warnungen vernommen; daher mein plötzlicher Einfall, mir den Namen des Meerweibchens beizulegen. Außerdem aber will ich Ihnen gestehen, daß ich eigens das drohende Wetter benutzte, um das Häuschen am Teufelsfelsen und seine Bewohner kennen zu lernen. Ich bin sogar nur zu diesem Zweck nach Helgevil gekommen und habe, durch den Zufall bei der ersten Begegnung dazu bestimmt, die Rolle des Meerweibchens weitergespielt in den verschiedenen Masken, mit denen ich Sie fesselte. Aber nicht aus Laune oder um Sie zu necken, oder aus Koketterie, sondern um Sie zu strafen. Ich wollte Ihnen zeigen, daß Sie mir mehr schuldig sind als einen flüchtigen Gedanken oder eine kühle Berechnung. An Ihrem Herzen, Ihrer Phantasie, an Ihrem Sinnen, Ihrem Fühlen und Denken wollte ich mich rächen, denn dieß Alles sind Sie mir schuldig geblieben. Ich bin so wenig die arme Arbeiterin, noch die Diakonissin oder was ich Ihnen sonst schien, auch nicht die Frau Mijnheer Merman's, sondern seine Nichte und zwar – Gertrud von Olschewska, die Wittwe Ihres Onkels, der Sie die unerhörte Schmach anthaten, ihr die Hand anzubieten, ohne sie zu kennen.«

Theodor Aland wurde durch die letzten Worte in's Herz getroffen. Er stützte sich auf die Lehne des Stuhles, nahm die Brille ab und legte die Hand über die Augen.

Tula drehte sich zu Mijnheer um, welcher von der Erklärung der jungen Frau am meisten überrascht schien. Er vergaß selbst, den Bart zu ziehen – Worte fand er nicht – offenen Mundes hob er die gefalteten Hände beschwörend empor.

»Sieh' Dir den Mann hier genau an, Onkel, das ist Theodor Aland, Olschewsky's Neffe, der die Wittwe seines Oheims als Hausinventar bei der Hinterlassenschaft mit in den Kauf nehmen wollte.«

Theodor Aland ließ die Hand von den Augen sinken, seine verlegene Unbeholfenheit war verschwunden. Die Vorgänge, welche sich in den letzten Minuten abspielten, hatten etwas von innen über ihn hinaus wachsen lassen, und dieß machte ihn die kleinen gesellschaftlichen Hindernisse und seine eigene Unbedeutendheit vergessen. In solchen Augenblicken kam der Mann in ihm zu Tage.

»Gnädige Frau, darf ich Sie um ein paar Worte unter vier Augen bitten?« sagte er in durchaus würdiger Haltung.

Frau Tula zögerte. In diesem Augenblick war ihr Schutz und Rath nöthig, sie sah auf den stummen Götzen und dessen seelenlosen Priester und seufzte – vorwitzig begonnen, mußte sie die Sache allein zu Ende führen. Mit einem erzwungen kalten: »Folgen Sie mir!« schritt sie Theodor voran aus dem Zimmer. Ihre eigenen Gemächer lagen am andern Ende des langen Korridors nach dem Kurgarten hinaus.

Frau Tula war keine emanzipirte Dame. Unter der väterlichen Obhut und der liebevollen Pflege ihres Gatten hatte sich ihr Selbstbewußtsein mit den anderen schlummernden oder geknickten Fähigkeiten naturgemäß erholt und entwickelt.

Nach dem Tode ihres Wohlthäters und in der nachfolgenden stillen Trauerzeit nahm sie Freiheit und Selbstständigkeit wie ein paar neue Gewänder in Gebrauch, in denen sie sich voll Genugthuung den holländischen Verwandten zeigte. Im Grunde beglückte und befriedigte dieser Schmuck sie aber nicht; sie war zu sehr echtes Weib, um sich nicht nach etwas Besserem zu sehnen. Ter Reichthum ihres Innern kam darunter nur zur Gährung, nicht zur fruchtbaren, beglückenden Entfaltung. Trotz ihres kecken Vorgehens dem linkischen Theodor gegenüber hatte eine mädchenhafte Schüchternheit sie nicht verlassen. Noch einige Zeit weiter auf dem beschrittenen Weg und Frau Tula würde den Schmelz abgestreift haben.

Sie ging in innerlichem Zagen, aber mit hochgehobenem Köpfchen Theodor voraus in ihr Zimmer. Es war dieß ein einfacher Raum, dem sie von der ihr innewohnenden Anmuth etwas mitgetheilt hatte. Blumen und Muscheln dekorirten die konventionellen Hotelmöbel und den Fensterkopf, kleine Arbeiten das Plätzchen am Fenster und aufgeschlagene Mappen und Schreibereien den Schreibtisch. Theodor verschwendete keinen Blick daran. Er war nur als Bittender bei ihr, wie sie einst bei ihm. Aber er kam, nicht Schutz, sondern Verzeihung suchend, nicht Rache, sondern Reue fühlend. Sie zweifelte nicht daran. Was sollte er auch sonst noch von ihr wollen?

Vielleicht – sie wußte es noch nicht genau – ihr Herz klopfte so stark – würde sie ihm verzeihen, obgleich ihr Groll eben besonders stark war. Theodor schloß die Thüre hinter sich und sie wandte ihm ihr erregtes Gesicht, in dem eine Aufforderung zum Sprechen lag, zu; einen Sitz bot sie ihm nicht.

Theodor Aland's ganzes Fühlen und Denken konzentrirte sich auf einen Punkt, den Wunsch, ein Unrecht gut zu machen.

In aller Eile bemerkte Frau Tula noch, daß er that, als ob ihn alle Tage eine junge, hübsche Frau im Boudoir empfange, und daß er auch gar nicht zerknirscht aussah.

Ohne Einleitung und Ausschmückung, gerade heraus, kurz zur Sache, mit dem ehrbaren Ernst, den Frau Tula verabscheute, erklärte Theodor Aland:

»Ich bekenne mich schuldig, gnädige Frau, doch sündigte ich in Einfalt, nicht in Berechnung, und ich kann das nicht besser beweisen, als daß ich heute nach den stattgefundenen Veränderungen meine Werbung wiederhole.«

Frau Tula war wie vom Blitz getroffen. Das hatte sie nicht erwartet, das war ja eine wiederholte Beleidigung. Anstatt de- und wehmüthig um Verzeihung zu flehen, stand dieser Simpel mit seiner aufgewärmten Werbung wie ein Handwerker mit der Rechnung da. Die Empörung erstickte fast ihre Worte:

»Was denken Sie eigentlich von mir?«

»Daß Sie mir eine gründliche Belehrung zu Theil werden ließen, gnädige Frau. Ich lernte schnell, wie ein Weib geliebt werden muß, und begriff, daß es bezaubern kann.«

Frau Tula sah nicht das innige Strahlen der dunkelblauen Augen, hörte auch nicht den Herzensklang aus den knapp bemessenen Worten, sie verstand nichts von der Jungfräulichkeit dieser Natur, welche das eigene leidenschaftliche Feuer bei dem ersten Entbrennen scheu hütet, sie fühlte nur trockene, kalte Geschäftsmäßigkeit heraus, die sie um so mehr beleidigte, als sie selbst unklar in sich und lebhaft empfand.

»Und nun erwarten Sie wohl, daß ich Ihnen mit meiner Hand den glücklichen Abschluß der Komödie versichere?«

»Ich hoffe, daß Sie mich nun dieser Gnade werth halten werden. Weßhalb sollten Sie sonst das Spiel so lange fortgesetzt haben?«

Der Mensch war zu naiv! Nein, unverschämt, von einer kalten Unverschämtheit, die nicht zu verzeihen war.

»Weßhalb?« fragte Tula in schneidendem Ton. »Ich will es in ein kurzes Wort fassen, damit Sie es begreifen: Rache allein leitete mein Spiel. Wenn mir diese gelungen ist, bin ich befriedigt.«

»Das ist nicht wahr, Sie täuschen sich über die eigenen Motive,« erwiederte Theodor mit sanftem Eifer, als müsse er sie vor Unrecht schützen. »Vielleicht bin ich eben des hohen Zieles noch nicht werth, ich kann warten.«

»Das glaube ich; Geduld besitzen Sie unter anderen guten Eigenschaften genügend,« antwortete Tula höhnisch.

»Nennen Sie mir die Zeit, prüfen Sie mich, bis Sie Glauben gewinnen, aber thun Sie sich nicht selber Unrecht. Ich bin ein einfacher Mensch, der bisher nie Gelegenheit hatte, mit dem weiblichen Geschlecht zu verkehren, also gar keine Erfahrung besitzt, aber ich habe in Ihrer Seele gelesen: Sie haben ein weiches, edles Herz, einen heitern, kindlichen Geist, einen reinen Sinn und sind unfähig, Böses zu thun.«

»Sie irren sich, ich bin kein Engel, keine Griseldisnatur, ich bin leidenschaftlich und rachsüchtig und – und« – sie schluchzte vor Erregung einmal kurz auf – »ich hasse Sie!«

Theodor erwiederte kein Wort, sah sie aber ohne Vorwurf mit so schmerzlichem Mitleid an, daß ihr Herz darüber vor Zorn und Ungeduld zu springen drohte.

Diese Demuth und Milde, diese ruhige Zuversicht und Erwartung brachten sie außer sich.

»Ich werde zum zweiten Mal nur dann heirathen, wenn ich liebe, und ich kann nur einen Mann lieben, der mir imponirt, der über mir steht, den ich auch fürchten kann, keinesfalls aber so ein zahmes, gutes Hausthier, sanft, bescheiden, unterwürfig und langweilig – ich könnte einen Bösewicht wie den schwarzen Konrad lieben – aber niemals einen Mann wie Sie. Für Sie kann ich nicht einmal Mitleid fühlen,« setzte sie nach kleiner Pause wegwerfend hinzu.

»Dafür danke ich Ihnen, gnädige Frau,« erwiederte Theodor Aland mit völlig verändertem Ausdruck, gemessen. »Mitleid würde eben dem Manne, für den Sie mich halten, zukommen. Gestatten Sie mir nur noch ein Wort: Sie möchten gerne das herzlose, kokette Weib spielen, in dieser Rolle aber möchte ich das Meerweibchen nicht sehen. Deßhalb lassen Sie mich scheiden, ehe die letzte Wandlung andere, liebe Erinnerungen löscht.«

»Auf Nimmerwiedersehen!« preßte sie hervor.

»Wie Sie befehlen,« antwortete Theodor Aland kalt und höflich. Sie wandte ihm den Rücken und er ging. In ihren Ohren tönte die sanfte, tiefe Stimme nach.

»Seelenloser, todter Glockenklang!« rief der Zorn in ihr. Sie suchte die Verachtung herbeizulocken, um sich von ihr aus dem wilden Aufruhr retten zu lassen; statt ihrer kam aber der Schmerz und überwältigte das Herz.

Laut schluchzend lief Frau Tula in ihr Schlafzimmer, warf sich in die Kissen und weinte heiße Thränen, gleich einem trotzigen, gekränkten Kinde. Am Abend fragte Mijnheer, was es denn noch zwischen ihr und ihrem »Neffen« gegeben habe.

»Nichts!« antwortete Tula kurz.

»Ist es noch nöthig, hier zu bleiben?« erkundigte sich Mijnheer hierauf boshaft.

»Mama Käthe hat in letzter Zeit um zehn Pfund abgenommen,« erwiederte Tula gleichgültig, »der Arzt prophezeit von den nächsten Wochen ein gleiches Resultat. Meinetwegen aber können wir abreisen.«

»Wünschest Du noch zu bleiben, mein Engel?« fragte Mijnheer liebevoll die Gattin.

»En train,« gurgelte Mevrouw aus der Tiefe ihres Schlundes, in welchem große Stücke Beefsteak, nothdürftig von den starken Zähnen zerkleinert, verschwanden.

Und sie blieben noch in Helgevil. Frau Tula bekam eine große Passion für Segelfahrten, hatte sich ein Boot nebst Bemannung gemiethet und machte allein große Partieen, bei denen sie meistens ausgestreckt auf einem improvisirten Lager mitten im Boote ruhte. Sie träumte dann ungestörter als sonst irgendwo. Unter den Kurgästen bekam sie sonderbarerweise jetzt den offiziellen Titel: das Meerweibchen. Man sprach gar nicht anders von ihr. Nicht daß ihre Aventüren von früher bekannt wurden, man leitete den Namen von ihrem täglichen Aufenthalt auf dem Wasser und dem Titel, mit welchem sie Mijnheer anredete, ab. Das Meermännchen war so bekannt wie das Meerweibchen, selbst die Bevölkerung Helgevils, die Fischer, Kinder und so weiter nannten das Paar nicht anders und erfanden sogar eine analoge, sehr drastische Bezeichnung für Mevrouw.



IX.

Die Badesaison in Helgevil nahte dem Schluß. Gewöhnlich verloren sich die Gäste früher, schon in der ersten Hälfte des September, in diesem Jahr brachte der Herbst aber so schöne Tage, daß bis zum Fünfzehnten keine Abnahme der Frequenz zu bemerken war. Die Bäume im Kurgarten standen noch im Laube, wenn sie auch der liebenswürdigen Herbstsonne Durchblicke gestatteten, und die Konzerte im Freien waren stark besucht. Man hätte beim Ueberblicken des Treibens am Kurplatz noch an die Hochsaison glauben können; sie aßen und tranken, lachten und scherzten, liebten und ließen sich lieben, wie die thörichten Menschen bis vor dem Tode thun, der dann plötzlich hineingreift und der Lust ein Ende macht. Auch hier kommt das Ende immer plötzlich, unerwartet, denn nur Wenige wissen die Zeichen der Zeit zu deuten.

Zu diesen gehörte der alte Seewart Tob, der freilich zum Wachen und Deuten berufen war, seines Amtes aber auch gläubig wartete. Während unter bewölktem Himmel, bei völliger Windstille und sommerlicher Temperatur die Gäste im Kurgarten sich am Nachmittagskonzert freuten, hielt der Seewart links von Helgevil in der Nähe des Teufelsfelsen seine Inspektion über das Wetter. Mit breitgesperrten Beinen, die Hände auf dem Rücken, das Pfeifchen im herabgezogenen Mundwinkel, den Südwester im Nacken, stand er auf halber Höhe der Ansteigung – da, wo ein niedergebrochener Bretterzaun Theodor Aland's wohlgepflegtes Gärtchen abschloß.

Der Besitzer verließ eben zur allabendlichen Wanderung sein Haus und mußte an dem Seewart vorüber. Der Alte kannte den freundlichen jungen Gelehrten und sprach gern ein paar Worte mit ihm.

»Gehen Sie nicht weit heute,« rief er Theodor Aland entgegen, »es braut sich da oben was zusammen und wird einen ordentlichen Schmiß geben. Sehen Sie, die Fischer bringen ihre Boote in Sicherheit, sie kennen den Sturmvogel, die kleine Wolke, die da aus Osten so flott herangesegelt kommt!«

»Sie meinen, es gibt ein Gewitter, Vater Tob?«

»Ich meine wohl, wenn's auch noch still genug ist! Dort hinten beginnt die See zu rollen und in der gelben Wolke im Osten steckt grobes Geschütz! Wenn das heruntergeprasselt ist, wird's wenig grüne Blätter mehr hier herum geben. Ein Wetter, das um diese Jahreszeit aus dem östlichen Loch drüben kommt, macht allemal dem Sommer ein Ende, heut schlägt's um und morgen haben wir Kehraus da drüben,« er wies nach Helgevil, »dann wird eilig gepackt und abgereist – ich kenne das – es geht alle Jahre so.«

Theodor knöpfte seinen Rock zu und blickte in die See hinaus.

»Das Gewitter wird nicht zu Stande kommen, Vater Tob, ich prophezeie Sturm aus Norden, der dann freilich auch der Freude ein Ende machen kann.«

Der Alte schüttelte den Kopf.

»Hab' nichts bemerkt, was darauf schließen läßt.«

»Ich stellte heute um die Mittagszeit mein Teleskop auf und beobachtete mit dem geschwärzten Sonnenglas den Himmel. Da nahm ich ganz feine, für unbewaffnete Augen kaum bemerkbare Streifen wahr, die in gerader Richtung von Norden nach Süden liefen, sich mehrmals zeigten und wieder in den tieferen Wolkenlagen verschwanden.«

»Wenn das sicher ist,« meinte der Alte, das stachelige Kinn reibend, »so gäbe es einen interessanten Kampf zu beobachten und Sie könnten vielleicht Recht behalten; gegen einen regulären Nord kommt dieß Gewitter schwerlich auf. Na, wir werden ja sehen, was wird, aber – ich wiederhole meine Warnung – gehen Sie nicht zu weit, Herr, Schirm und Paletot dürften heut nicht ausreichen.«

»Darum ließ ich Beide auch zu Hause, Vater Tob. Ich habe manchen Sturm zu Land und zur See ohne Schirm und Paletot erlebt.«

Der Alte betrachtete seines Nachbars Ausrüstung von der Seite. Theodor trug einen ziemlich langen sogenannten Gehrock, wie ihn gewöhnlich ältere Herren tragen.

»So, so, das ist ein Stock, kein Schirm, und der lange Kittel ist also kein Paletot? Nützen wird er Ihnen aber nicht viel, wenn's losgeht.«

»Thut nichts, Vater Tob. Mir ist Bewegung noth. Ich freue mich ordentlich, durchblasen zu werden und ein paar Schluck aus dem Wetterloch drüben zu nehmen.«

»Ja, ja, Sie sind jung und stark und können eine Weile gegen halten. Hören Sie nichts?« fragte er plötzlich und hielt die Hand an's Ohr. »Mir war, als brauste es schon in der Ferne, fühlen thut man's noch nicht.«

Er blickte scharf über die See, als suche er einen besondern Punkt, dann gab er seinem Südwester einen Stoß nach vorn und kratzte sich den Hinterkopf.

»Noch nichts zu sehen! Der graue Esel ist nämlich unterwegs, und ich wollte, er käme bald in Sicht. Auf solch' Wetter, wie wir zu erwarten haben, ist der kleine alte Kasten nicht mehr eingerichtet.«

Theodor erinnerte sich des kleinen Dampfers, der seinen Namen dem grauen Anstrich verdankte, und sagte:

»Ich sah ihn heute Morgen hinausdampfen; er ist im Dienst der Post.«

»Nein, nicht mehr; der graue Esel ist ausrangirt und dient der Badegesellschaft zu Spazierfahrten. Heute sind sie nach Westerbrick gedampft. Das unvernünftige Volk wird sich da veramüsiren und die rechte Zeit zur Heimkehr verpassen. Wenn sie noch nicht unterwegs sind, thäten sie besser, oben zu bleiben. Der Kapitän ist ein ganz tüchtiger Kerl, aber leichtsinnig; um ein paar Goldstücke wagt er sein Leben.«

»Wenn Gefahr vorhanden ist, werden die Passagiere von selbst zurückbleiben.«

»Die wissen das nicht so, und dann ist die kleine wilde Hexe dabei, das Meerweibchen, wie die Leute sie nennen, und die hat keine Ruhe, je toller, je besser.«

Des Seewarts Mittheilungen gewannen plötzlich lebhaftes Interesse für Theodor. Er hatte Frau Tula nicht wiedergesehen und die ganze Affäre hinter sich geworfen, wie er meinte; von dem Meerweibchen machte man sich aber nicht so leicht los, ihr Bild war im Herzen Theodor's zurückgeblieben. Er fragte nun den Alten näher aus und erfuhr, daß Frau Tula täglich auf dem Wasser sei, meistens in einem Segelboot und nur selten von Jemandem aus der Ballgesellschaft begleitet.

»Es sind Holländer,« erzählte der gesprächige Alte, »und zu Dreien hier; Vater, Mutter und Tochter, kalk-lir' ich. Ihrem rechten Namen nach kennt sie Niemand, alle Welt nennt die junge Person das Meerweibchen, vielleicht weil sie so viel auf dem Wasser ist, bös gemeint soll's nicht sein. Dann ist so ein kleines Kerlchen dabei, der wie ein gewässerter Häring aussieht, den heißt man das Meermännchen, und endlich gehört auch noch eine gewaltig dicke, grobschrötige Frauensperson dazu, die nichts thut als den ganzen Tag futtern, die nennen sie die Meerkuh. Anfänglich blieb die Dicke immer zu Hause, seit einiger Zeit ist sie aber stets mit dabei, das heißt zu Schiff oder zu Wagen, sie soll nahezu drei Centner wiegen und ›trainirt‹ werden, wie mir der polnische Graf sagte, der bei mir wohnt und heute übrigens auch von der Partie ist; ich sah sie All' mit'nander an Bord gehen.«

Nun wußte Theodor genug. Er verabschiedete sich von dem Alten und begab sich in ungewohnter Aufregung auf die Wanderung. Unwillkürlich paßte sich sein Schritt der innern Unruhe an; schnell, als könne er Rettung bringen, trieb er der Richtung entgegen, in welcher der graue Esel auftauchen mußte. Helgevil lag an einer breitgeschweiften Bucht, auf deren äußerstem Punkt im Westen die Mole von Helga vorsprang, hier mußte der Dampfer zuerst in Sicht treten.

Noch zeigte sich nichts. Der Himmel tönte sich nach Norden von milchigem Violett bis zur Farblosigkeit ab; nur sehr scharfen Augen bemerkbar streiften von dem nördlichen Horizont in gerader Richtung nach Süden, also nach der Küste von Helgevil zu, haarfeine weißliche Striche, dieselben, welche Theodor schon vor Stunden durch das Teleskop beobachtet hatte. Jetzt durch seine Brille nahm er sie freilich kaum wahr. Die See erschien nach Norden und Westen wie durch ein dunkles Band eingefaßt, welches sich scharf vom hellen Himmel absetzte, wogegen sie vom östlichen Horizont, der in einem trüben, rothgelben Dunst schwamm, sich nicht genau trennen ließ. Das Rauschen der Wellen am Strande war deutlich hörbar, in der Atmosphäre aber herrschte noch vollkommene Ruhe, kein Luftzug war zu spüren.

Diese Ruhe aber wirkte beunruhigend, denn die Gefahr dahinter wurde ahnungsvoll voraus empfunden. Von Osten her hob sich die See in immer kürzer werdenden Athemzügen, sie schien zu wachsen und zu schwellen, es ging wie ein ängstliches Pulsiren durch sie hin – doch lag ein Druck über den erregten Wellen, keine Schaumkrone wurde sichtbar.

Theodor Aland war stehen geblieben, auch auf ihm lastete die bange Erwartung, er öffnete seinen Rock, um der stärker arbeitenden Brust mehr Raum zu schaffen, und blickte um sich.

Der Dunst im Osten hatte sich zu einzelnen Spitzen verdickt, die aus der trüben Brühe wie die Fühlhörner einer Riesenschnecke hervortasteten, Wolkenmassen schoben sich langsam zusammen. Da geschah, was Theodor Aland vorausgesehen, das am weitesten vorgestreckte Fühlhorn des Gewitters wurde von einer nördlichen, starkem Strömung erfaßt und unwiderstehlich im Winkel nach Süden abgebogen.

Im nächsten Augenblick zerstob es in Atome. Dasselbe Schauspiel wiederholte sich drei- bis viermal, heftiger wurde der Ausfall der elektrischen Batterie, ausgedehnter die feindliche Strömung, die ihr in die Flanke fiel, und größer das Feld des Kampfes, der sich bald bis in die tiefsten Luftschichten fortsetzte. Von Norden her fuhr ein langgezogener Windstoß über den Strand und es war, als ob die See seiner ausgestreckten Schwinge unmittelbar folgte. Im Augenblick veränderte sich die ganze Physiognomie der Szene.

Der Nordsturm deployirte seine Kriegsmassen, Wolke um Wolke jagte er herbei, den leuchtenden Dunst im Osten rollte er auf, wickelte ihn in schwarze Massen und fegte diese mit rasender Schnelligkeit nach Süden. Fetzenweise riß er das Gewitter auseinander; es pfauchte wohl auf, über den Himmel hin, an verschiedenen Stellen zugleich, aber es war ein leeres Verpuffen der angesammelten Elektrizität ohne Kraft. In die See fuhr der Sieger mit wüthendem Flügelschlage und staute ihr ängstliches Schwellen. Nach dem ersten Stoß wechselte das Meer die Farbe, es zeigte von hinten bis vorne ein tiefes Grau; dann schlug das angstvolle Athmen in schäumende Wuth um. Ein Höllenlärm brach los, alle Furien waren entfesselt, der Sturm heulte wie siegesberauscht und das Meer brüllte in verzweifelter Gegenwehr. Ueber Theodor's Haupt wurde ein Flug Möven laut kreischend vom Sturme erfaßt und fuhr dahin auf dunklem Grunde mit silbern blinkenden Schwingen. Wie von plötzlichem Grauen vertrieben, verschwand das Licht des Tages hinter den zackigen Fledermausflügeln, mit denen die finstere Freundin aller Schrecken, die Nacht, der Zeit Vorgriff und die Elemente Grau in Grau mischte. Von Zeit zu Zeit flammte es in dem sich ballenden Dunkel, Abgründe öffneten sich oben und unten, und über dem erstickenden Donner raste unaufhaltsam in gellendem Lärm die wilde Jagd dahin. Theodor war eine gute Stunde von Helgevil entfernt, als das Wetter losbrach, vom Dampfer war nichts zu sehen und er wandte sich zum Rückweg. Vor zehn Minuten hatte er einen stark überhängenden Felsen passirt, ähnlich dem Teufelsfelsen bei Helgevil, der allerdings nicht so weit vorsprang. Seitwärts von demselben, auf halber Höhe, bemerkte er hin und wieder ein aufflackerndes Licht, grün und roth, ähnlich wie man sie bei ihm im Laboratorium zu sehen gewohnt war; auch die ganze Szenerie mußte im Halbdunkel, von der See aus und von ferne gesehen, an die Partie bei Helgevil erinnern. Er beachtete das obenhin und ließ sich vom Sturm heimwärts treiben. Nochmals vor der Felsenecke, die er zu umgehen hatte, blickte er nach dem Dampfer zurück, den zu sehen er eigentlich nicht mehr erwartete.

Ein Licht auf der stürmenden See und in dem wirbelnden Chaos der Wolken und Wogen, ein stetiger Fleck fesselten seinen Blick, – wie es möglich gewesen, begriff er nicht – aber der graue Esel war plötzlich da, hatte die Mole von Helga bereits umschifft und kam mit dem Wind auf die Küste zu. Wie eine Eingebung durchblitzte der Gedanke Theodor Aland's Gehirn: dort oben die Lichter sind eine absichtliche Fälschung, der Dampfer sollte über die Entfernung getäuscht werden und das ruhige Tiefwasser bei Helgevil für den gefährlichen Strand der Hundssteine halten.

Wer dort einen solchen Frevel trieb und welche Gefahr ihm selbst drohte, das überlegte Theodor Aland keinen Augenblick. Mit Händen und Füßen erkletterte er den unwegsamen Felsen, riß den Rock und die Haut der Hände in Fetzen an dem dornigen Gestrüpp und den felsigen Kanten und erreichte athemlos eine Art Plateau. Hier sah er in einiger Entfernung vor sich eine Gestalt mit Abbrennen der Flammen beschäftigt.

Er rief sie an und befahl, die Lichter zu löschen. Die Gestalt verschwand augenblicklich im Gebüsch. Die Lichter verlöschten, gleich darauf fühlte er sich von hinten gepackt. Theodor war kein Schwächling, er hatte seine Körperkräfte frühe gestählt und oft erprobt während der Reisen mit seinem Meister, Furcht war dem sanften Gelehrten dabei eine gänzlich unbekannte Empfindung geblieben. Er hatte seinen Angreifer abgeschüttelt und diesen seinerseits niedergerissen trotz kräftiger Wehr. Der Bursche war unbewaffnet und schrie aus Leibeskräften: »Peter, Peter!« während Theodor ihm auf der Brust kniete und ihn niederhielt.

Dabei war es Theodor plötzlich, als ob der Boden sich neben ihm öffnete, Licht glimmte ihm daraus entgegen, und es hob sich ein Kopf ans der Oeffnung. Dann fuhr ein Arm heraus und führte einen Stoß nach ihm. Er ging unter dem Arm durch den Rock, ehe der Kerl zum zweiten Stoß ausholen konnte, hatte Theodor Aland den Arm gepackt, bei der Wendung sein Knie dem unter ihm Liegenden bis zu dessen Kehle vorgeschoben und diese so zusammengedrückt, daß dem Burschen die Sinne schwanden.

Zugleich bog Theodor den mit einem langen Messer bewaffneten Arm über die scharfe Felskante, daß der Kerl vor Schmerz brüllte wie ein verwundeter Stier. Es krachte unter Theodor's Händen – vielleicht war's der Knochen des Banditen, vielleicht die berstende Kante des Felsen – der Arm ließ das Messer fallen, Theodor ergriff es, sprang auf und bis an den nächsten Baum zurück, gegen den er sich lehnte. Der ganze Vorgang hatte nur Sekunden gedauert. Der Kerl aus dem Loch war in dasselbe zurückgesunken, der Andere schnappte nach Luft auf dem Boden.

»Eure Lichter brachten dem Dampfer Gefahr, ihr seid Seeleute, helft den Bedrohten und es soll euer Schade nicht sein!« rief er den Banditen zu. Der auf dem Boden Liegende erhob mühsam das Haupt, es war ein junges, verwildertes Gesicht, welches noch ganz verwirrt auf Theodor starrte. »Hier ist meine Börse, ich verspreche euch das Hundertfache und Stillschweigen über Alles, was ich hier gesehen, wenn ihr dem bedrohten Schiff hülfreich seid.«

Der junge Mensch hatte sich aufgerichtet, wankte wie ein Trunkener und sprach:

»Der Meister ist fort, wir sind allein, Peter sagt, das Schiff wird auf den Strand getrieben, läuft auf, wenn's nicht an den Hundsfelsen zerschellt.«

»Ihr habt ein Boot hier versteckt!« behauptete Theodor auf's Gerathewohl.

»Hier nicht –«

»Aber unten – unter dem Felsen!« rief Theodor Aland, seinen Eingebungen folgend.

Der Junge schwieg.

»Macht es bereit, ich helfe euch, wir arbeiten zusammen.«

Der junge näherte sich der Oeffnung.

»Peter, komm' heraus, hier ist Geld, er will nichts sagen!«

»Hol' ihn der Teufel und Dich dazu, verfluchter Lump! Er hat mir den Arm gebrochen, ich kann ihn nicht rühren –«

Theodor trat ebenfalls an die Oeffnung und sah, daß diese sich unten zu einer Höhle erweiterte und wahrscheinlich von innen mit einem Stein oder dergleichen verschlossen werden konnte. Jetzt glimmte am Boden etwas Feuer, halb zertreten, welches das Innere teilweise beleuchtete, von außen hing Gestrüpp darauf nieder, welches der Mann beim Herausgreifen beiseite gebogen hatte.

»Wenn ihr mir zu Willen seid, helfe ich euch dazu, wieder redliche Menschen zu werden. Ihr sollt so viel bekommen, daß ihr mit der Vergangenheit brechen könnt.«

Der Kopf des Größern hob sich wieder bis zum Niveau des Bodens und der Junge neigte sich darauf nieder; sie flüsterten miteinander.

»Es ist keine Zeit zu verlieren!« drängte Theodor.

»Der Junge mag mit Ihnen gehen und das Boot holen,« sagte der Mann in dem Felsloch, »ich kann nicht heraus mit dem gebrochenen Arm.«

»Ich helfe Euch heraus,« erklärte Theodor.

Wieder flüsterten die beiden Spitzbuben, dann bat der im Loch Befindliche, Theodor möge ihm behülflich sein, herauszukommen, der Junge sei dazu nicht stark genug.

Im ersten Augenblick neigte Theodor sich bereitwillig, eine Bewegung des noch nicht wieder ganz schwindelfreien Burschen warnte ihn – er trat noch einmal zurück und sagte kaltblütig:

»Wenn ihr mich täuscht, so ist es eine Selbstschädigung. Ich bin stark und bewaffnet, im Kampf kämet ihr zu kurz, überwältigt ihr mich hinterrücks, so würde euer Profit ein geringer sein. Mein Geld gab ich euch, eine alte silberne Uhr mit stählerner Kette und ein zerrissener Rock wären die ganze Beute. In Helgevil weiß die Behörde, wo ich mich hinbegab; man ist euch lange auf der Spur und würde euch bald finden. Andererseits erhaltet ihr auf Ehrenwort dreihundert Thaler baares Geld morgen an dieser Stelle von mir ausbezahlt, wenn ihr die Leute in dem Dampfboot zu retten sucht. Ich verschweige, was ich gesehen, und ihr verschwindet mit dem redlich erworbenen Geld aus der Gegend. Aber schnell –«

Während er noch sprach, hatte sich Peter mit Hülfe des Jungen aus dem Felsloch herausgearbeitet. Es war ein großer, starker Mensch von verwegenem Ausdruck, den rechten Arm ließ er wie gelähmt herabhängen.

»Kommt!« sagte der Kerl einfach und schritt voraus. Der Junge folgte, dann Theodor. Sie wurden von dem Banditen einen andern, bequemern, im Gebüsch verborgenen Weg hinabgeführt, der Sturm tobte wie zuvor, hin und wieder blinkten hellere Streifen und Flecken am Himmel auf, Blitze fuhren darüber hin und Theodor erkannte in erschreckender Nähe das bedrohte Schiff. Es war, wie der Junge gesagt hatte, der Sturm trieb es auf den Strand zu. Der Kapitän hatte sich anfänglich durch das Feuer täuschen lassen, aber nur kurze Zeit. Als er die Situation erkannte, stoppte er und ging vor Anker. Es war ein gewagtes Manöver, aber die letzte Rettung. Das winzige Schiffchen lag in unmittelbarer Nähe von einem Riff, welches sich wenige hundert Schritte vom Strand mit diesem parallel streckte, dessen Rücken sich aber unter Wasser befand. An ihm brachen sich wild und schäumend die Wogen, hinter ihm landwärts war das Wasser deßhalb ziemlich ruhig, vor und auf ihm tobte die Brandung um so heftiger. Wenn der Anker des kleinen Dampfers nicht hielt oder die Kette brach, dann trieb er auf das Riff, blieb trotz seines geringen Tiefgangs auf ihm sitzen und mußte mit der Zeit erbarmungslos zerschellen.

Das Gefürchtete trat ein!

Merkwürdigerweise war das Schiff unbeschädigt zwischen den Hundsfelsen hindurchgeschlüpft; dem Strande zu verflachte sich aber der Grund schnell und der Sturm trieb den Dampfer vorwärts, dem Riff entgegen, ohne daß der Anker es zu halten vermochte. Auf Sand und Steingeröll streifte der Kiel hin, stieß auf, wurde gehoben, von der nächsten bebenden Welle aufgestoßen – ein jammervoller Anblick!

Die Banditen waren indessen, von Theodor begleitet, in den Schlupfwinkel zwischen den Felsen vorgedrungen, wo sie ihr Boot versteckt hielten. Die hochgehende See hatte die Aushöhlung gefüllt und das kleine Fahrzeug gehoben. Dieß erleichterte den bis an die Hüften im Wasser Befindlichen das Flottmachen des Bootes. Der Sturm schöpfte Athem, es trat eine kurze Pause ein, die Allen zur Sammlung diente. Theodor griff energisch und werkmäßig mit an, wie Einer vom Fach. Es kamen ihm seine in Norwegen erworbenen Kenntnisse zugute. Er hatte den Rock abgeworfen, der Hut war ihm schon vorher abhanden gekommen, in dem Halbdunkel nach dem Riemen tastend, zog er eine Kappe von Leder mit einer Halbmaske daran hervor, die unter dem Bord gelegen. Ein Gedanke durchfuhr ihn! Frau Tula hatte ihm befohlen, sich ihr nie wieder zu zeigen, und er gab ihr sein Wort darauf. Das wollte er halten, sie sollte ihn nicht erkennen. Er zog die Kappe des schwarzen Konrad über den Kopf, die Maske vorläufig emporgeschlagen.

Der Mann mit dem verletzten Arm war nur eine schwache Hülfe, er fluchte und stöhnte während der Arbeit in der Höhle und trat zurück, als Theodor und der jüngere Kamerad sich in's Boot schwangen und die Riemen ergriffen.

Das Boot hatte einen Weg von vielleicht nur hundert Meter zurückzulegen und zwar in verhältnißmäßig ruhigem Wasser, wegen des davorliegenden Riffs, trotzdem wurde das leichte Fahrzeug vom Sturme zurückgeworfen, so daß es fast nicht vom Fleck kam. Es wurde momentan etwas heller, so daß Theodor Einzelnes auf dem Schiff erkennen konnte: den Kapitän am Steuer und den kleinen Haufen Passagiere zusammengefegt an der Maschinenwand. Man hatte das Boot bemerkt und winkte. Mit Aufbietung aller Kräfte brachten die beiden Ruderer das Boot um einen Steinwurf näher.

Plötzlich wurde der Dampfer hoch emporgehoben, wie über das Wasser hinaus und dann dem Boote entgegengeschnellt, ihm um ein Bedeutendes genähert. Aber es war der Todessprung des armen grauen Esels gewesen, er saß fest auf dem Rücken des Riffs, wie eingeklemmt, dem Ufer ziemlich nahe. Trotz des betäubenden Lärms der Elemente meinte Theodor einen Schrei vom Schiffe gehört zu haben, der sein Herzblut zum Stocken brachte.

Die nächsten Augenblicke brachten Gewißheit über des Dampfers Schicksal. Das Wasser drang von allen Seiten auf das unglückliche Schiff ein, mit furchtbarer Gewalt und Schnelle zertrümmerte es den geringen Halt der Schiffbrüchigen.

An den dünnen Schornstein und dessen Halteband geklammert hingen, wie Theodor deutlich wahrnahm, vier bis fünf Personen aneinander.

Der Kapitän hatte die Besonnenheit nicht verloren, er hielt Stand, das Tau in der Faust, welches er dem sich nähernden Boot zuwerfen wollte.

Unter übermenschlichen Anstrengungen brachten die beiden Ruderer sich so weit heran, daß es ihnen glückte, das zugeworfene Tau zu erfassen.

Das Schiff konnte nicht sinken, es saß fest, wurde aber überspült und buchstäblich stückweise auseinander gerissen. Kaum war die Verbindung zwischen dem Rettungsboot und dem Dampfer hergestellt, so stürzten sich zwei Gestalten auf das Boot zu, schreiend, mit emporgestreckten Armen; es waren die beiden männlichen Passagiere, Mijnheer und der Pole.

»Ich kann nicht schwimmen, mich, mich zuerst!« schrie der Letztere.

»Tausend Dukaten – wer mich rettet!« kreischte Mijnheer in furchtbarster Todesangst.

»Erst die Frauenzimmer!« befahl der Kapitän.

Die beiden also Gerufenen erschienen aber nicht. Mevrouws Gleichmuth hatte sich als echt bewiesen, in stumpfer Resignation kauerte sie am Boden und nahm eine Sturzwelle nach der andern hin, ohne sich zu rühren.

»Hacke as Jose,« dachte sie nach ihrem Wahlspruch, »gestorben muß doch sein.«

Anders Frau Tula. Sie stand, an den Schornstein geklammert, aufrecht und disponirte unter den Schrecken energisch über alle ihre Fähigkeiten. Den langen Mantel hatte sie gleich beim Erkennen der Gefahr abgeworfen und ihre Kleider gelockert. Sie berechnete die Entfernung von der Küste, das Wasser war ihr kein absolut feindliches Element – im letzten Augenblick wollte sie sich ihm anvertrauen. Wenn ihr auch die Fertigkeit im Schwimmen bei dem starken Seegang nicht viel helfen konnte, so durfte sie doch hoffen, sich oben zu halten und von den Wellen vorwärts dem Ufer zu geworfen zu werden. Mittlerweile hatte Theodor den Bord des Dampfers erklettert, die Maske heruntergeschlagen und sich nach Tula umgesehen. Der Kapitän stutzte bei dem Anblick des Verlarvten, der schwarze Konrad war zu sehr gefürchtet, um seiner Hülfe zu trauen. Mijnheer und der Pole ließen sich nicht zurückhalten, sie rissen sich um das Tau und fielen miteinander in's Boot.

Theodor war zu Tula getreten.

»Kommen Sie,« sagte er, den Arm nach ihr ausstreckend. Sie blickte ihm furchtlos entgegen, es war noch hell genug, um die Augen hinter der Maske und den bartlosen untern Theil des Gesichtes zu erkennen.

»Retten Sie die Anderen zuerst,« antwortete die junge Frau, »ich kann schwimmen.«

»Das wird Ihnen wenig nützen – es ist keine Zeit zu verlieren,« drängte Theodor.

Der Kapitän rief ihm zu:

»Das Boot faßt nicht mehr, Zwei sind drin – ich konnte sie nicht zurückhalten – eilen Sie!«

Tula wandte sich befehlend an den Kapitän:

»Die Dame muß mit –«

»Unmöglich, es wird zu viel, sie ist schwer, das Boot schlägt um –«

»Ein Mann vom Dampfer in's Boot und an's Ruder– schnell!« befahl Theodor. »Ich bleibe hier.«

Der Heizer des kleinen Dampfers sprang in's Boot, es war außer diesem und dem Kapitän nur noch ein Junge an Bord.

»So schnell als möglich zurück!« rief Theodor Aland dem Boote nach.

Das Boot flog unter kräftigen Ruderschlägen mit dem Winde dahin.

Rasch nach einander überstürzten ein paar Wellen den Dampfer, der Kapitän packte den Jungen, Theodor Aland faßte nach den Frauen – ein Zittern durchfuhr das Schiff, deutlich unterschieden von der übrigen Bewegung – im nächsten Augenblick verschwand der Theil, auf welchem der Kapitän sich befand, der Junge stieß einen gellenden Schrei aus, Trümmer hoben sich aus den Wogen und der Kapitän tauchte mit dem Jungen, in einem Bruchtheil der Bordwand hängend, wieder auf. Theodor hielt Tula umfaßt, der Sturm hatte ihr langes Haar um den Schornstein geschlungen, an den sie sich hielt, so daß sie das aufwärts gezwungene Haupt nicht bewegen konnte. Sonderbar wirkte in dieser Stellung der Ausdruck von Besonnenheit und Energie in dem weißen Gesicht und in den großen Augen.

»Werden wir sinken, ehe das Boot zurückkommt?« fragte sie den Mann mit der Maske, dessen Arm sie umschlungen hielt.

»So schnell sinkt es nicht,« antwortete Theodor, »und dann bieten die Trümmer immer noch einen Halt; verlieren Sie nicht den Muth.«

»Es ist nicht meinetwegen,« antwortete Tula fast ungeduldig, »ich kann schwimmen, wie ich Ihnen schon sagte, aber das arme Weib dort wird untergehen wie ein Stein.«

Mevrouw lag am Boden unter der Bank, sie ließ Alles regungslos über sich ergehen, Sturm, Wellen und Rettungspläne.

Tula hob den rechten Arm, um ihr Haar zu befreien; Theodor löste es vorsichtig ab und half es zusammenfassen. Sie schob das Haar als Knäuel in das vorne geöffnete Kleid.

In der furchtbaren Lage des Augenblicks konnte nur er so subtil, genau wie damals im Laboratorium vor fünf Wochen, ihr Haar berühren und ihr helfen! Wenn nicht schon früher, so hätte sie ihn daran erkannt trotz der Larve und den übrigen Veränderungen, welche die Situation mit sich gebracht. Doch glaubte sie nicht, daß Theodor Aland in der Maske des schwarzen Konrad stecke, sondern daß der schwarze Konrad sich ihr bisher in der Maske des sanften Gelehrten genähert habe.

»Die Dame scheint ohnmächtig geworden zu sein,« sagte Theodor nach einer Weile, während Wind und Wellen ihr rasendes Spiel fortsetzten und Mevrouw sich nicht regte.

»Mama Käthe,« rief Tula ängstlich, »sprich doch ein Wort – lebst Du?«

»Dommheit!« ertönte Mevrouws wohlkonservirte Stimme aus dem Waterproof, der dießmal am Platz war.

»Wo ist der Kapitän und das Kind?« fragte Tula.

Theodor antwortete, daß sich Beide in den Trümmern hielten.

»Das Boot muß sie zuerst aufnehmen,« entschied die kleine, tapfere Frau und tröstete dann Mevrouw. »Wir Beide müssen noch warten, Mama Käthe, aber mit Gottes Hülfe kommen wir dann auch an die Reihe.«

Unter der Bank hervor klang dumpf die Lieblingsformel Mevrouws: »Hacke as Jose!«

»Unsinn,« eiferte Tula, »so lange man lebt, wehrt man sich gegen den Untergang!«

»Doch man 'n Oevergang,« verbesserte Mevrouw, deren Philosophie sich so stichhaltig erwies, wie alles Andere an ihr.

Tula schwieg, sie und Theodor sahen, wie das Boot sich nach dem Dampfer zurückkämpfte, nachdem es die beiden Herren ausgesetzt hatte; der am Ufer zurückgebliebene Bandit war verschwunden.

In kürzerer Zeit als das erste Mal erreichte das Boot den Dampfer, der Kapitän und der Junge wurden aufgenommen; Ersterer verlangte, daß die Frauen gerettet werden sollten, man konnte aber schwer wieder an den Dampfer heran und der Kapitän war von der Anstrengung so erschöpft, daß die beiden Ruderer ohne Erwiederung nach dem Lande zu hielten. Sie erreichten es zum zweiten Mal und wandten das Boot zur dritten Fahrt nach dem Wrack. Tula und Theodor versuchten Mevrouw aufzurichten. Es war nicht so leicht. Endlich stand die schwere, große Masse, wenig verändert durch die Wechselfälle der letzten Stunden. Tula schmiegte sich an sie und flüsterte ihr zu:

»Mama Käthe, es ist der schwarze Konrad, glaubst Du, daß er uns retten will, um uns nachher zu tödten und zu plündern?«

»Afwachten!«

»Lieber in den Wellen umkommen!« rief Tula erregt. – »Gesmackzaake!« brummte die fette Stimme Mevrouws so gelassen wie am Kurhaus bei dem Souper.

Endlich nahte das Boot. Es konnte schwer so nahe herangebracht werden, daß man es vom Dampfer aus erreichen konnte. Und dann waren auch noch drei Personen zu retten, während nur zwei Aufnahme finden konnten.

»Gehen Sie mit der Tante in's Boot, ich bleibe noch hier,« befahl Tula ihrem Gefährten.

Er lächelte, beinahe wie damals im Salon Mynheers bei dessen Kunstkritiken, so nachsichtig, freundlich und wie ein Besserwissender über thörichte Verblendung. Dann faßte er die plumpe Gestalt, die ihm nicht wehrte und auch nicht half, drängte sie der Seite zu, welche das Boot zu gewinnen suchte. Es wurde immer von Neuem zurückgeworfen. Nach vielen vergeblichen Versuchen erfaßte der Heizer das ihm von Theodor zugeworfene Tau und das Boot wurde herangezogen. Indem man sie mehr als Frachtstück denn als lebendes Wesen behandelte, brachte man Mevrouw in's Boot, welches beinahe umschlug bei Empfangnahme der dritthalb Centner im Regenmantel. Tula weigerte sich, zu folgen.

»Glauben Sie, daß ich Sie hier allein lassen werde?« fragte Theodor eindringlich ernst.

»Wir haben nicht Platz alle Drei,« warf Tula ein, »darum werde ich zurückbleiben.«

»Schnell, schnell!« drängte von unten herauf der Heizer.

»Ich will nicht!« rief Tula und hielt sich am Schornstein fest.

»So werde ich Sie zwingen!« antwortete Theodor energisch, faßte sie um den Leib und hob sie an seine Brust, als ob sie ein Kind sei. Unwillkürlich umschlang sie seinen Hals und ließ sich von ihm hinüber heben bis an das Tau.

Eine Sekunde zögerte Theodor, dann schwang er sich mit seiner Bürde über den Rand des Dampfers und glitt vom Tau nieder bis über das Boot, wo er Tula sanft niederließ.

»Ab!« kommandirte er und kletterte am Tau wieder empor auf das Wrack zurück.

Tula streckte die Arme nach ihm aus, das Boot hatte sich gewandt, man ruderte zurück.

Am Ufer wurden die Frauen von Mijnheer, den die Angst sinnlos gemacht hatte, laut jammernd empfangen. Der Pole hielt sich beschämt beiseite und der Kapitän wandte sich an den Burschen mit der verwegenen Physiognomie, um ihn abzulösen und sofort Theodor zu Hülfe zu kommen.

»Lassen Sie ihn dort,« sagte der Bursche, »das Boot hat Schaden genommen, es kann nichts mehr nützen, und wenn Der da umkommt, ist es auch kein Schade.«

»Lassest Du Deinen Herrn so im Stiche?« fragte der Kapitän empört.

»Er ist mein Herr nicht!« murrte der Mensch.

»Gleichviel, er hat sein Leben für uns gewagt, sei er, wer er wolle – ein Schurke, wer ihn jetzt verläßt!«

»Das Boot hat Schaden genommen,« beharrte der Bursche mürrisch.

Der Kapitän sprang hinein. Der Heizer vom Dampfer sagte beruhigend:

»Leck ist es nicht, der Riemen liegt nicht mehr richtig, wir kommen aber schon noch einmal hin und zurück.«

»Ich bin bis auf die Haut durchnäßt und werde mir in dem Zuge hier noch den Tod holen,« winselte Mijnheer, worauf Frau Tula verächtlich erwiederte:

»Das hast Du nicht nöthig, er hält Dich noch am Kragen.«

Dieser grausame Trost steigerte des kleinen Holländers Aufregung.

Unterdeß fragte der Pole den am Ufer zurückgebliebenen jungen Banditen, ob es nicht in der Nähe ein Unterkommen gäbe.

»Nein,« antwortete der Kamerad des schwarzen Konrad, »hier herum gibt's kein Dach, aber ich will Sie führen! Für die Summe, die der Herr dort ausschreit, bringe ich Sie bis an Ihre Wohnung.«

»Es wird das Beste sein!« resignirte der Pole. »Bei einem starken Marsch erwärmt man sich am ehesten. Ihren Arm, gnädige Frau.«

Tula trat zurück.

»Komm', mein Engel,« ächzte Mijnheer und ergriff den Aermel Mevrouws. Diese erinnerte sich der Verordnung ihres Arztes.

»En train,« sagte sie und faßte den triefenden kleinen Mann wie einen defekten Schirm oben an der Halsberge. Zum Schutz konnte er nicht dienen, aber er war allenfalls als Stock zu benützen.

»Wir wollen die Rückkehr des Bootes abwarten,« hatte Tula dem Polen vorgeschlagen. Dieser war anderer Meinung.

»Es ist sicherer, wenn wir uns auf den Weg machen. Haben Sie den Mann betrachtet, der uns zu Hülfe kam?«

»Warum? Was meinen Sie?«

»Es ist der berüchtigte Strandräuber, der schwarze Konrad! Wer weiß, was wir noch zu erwarten haben!«

»Nachdem er uns gerettet hat?«

»Ist er im Stande, uns einzeln abzuschlachten! Er kennt jeden Schlupfwinkel, wir sind in seiner Gewalt. Den jungen Kerl hier lockt das verheißene Gold, er verräth um tausend Gulden seinen Herrn und bringt uns in Sicherheit. Folgen wir ihm also so schnell als möglich.«

»Wollen Sie denn den braven Kapitän dem Schicksal anheimfallen lassen, dem Sie zu entfliehen trachten?«

Der Pole hatte seine Galanterie im Wasser verloren.

»Hol' ihn der Henker! Wir können ihm nicht helfen!«

»Feigling!« sagte Tula verächtlich, wies seinen Arm zurück und folgte den Anderen. Anfänglich ging es schlecht genug vorwärts, Mijnheer stolperte fortwährend und behauptete, seine Beine seien gelähmt.

Der Pole fragte den stark vorwärts drängenden Burschen aus.

»Gehört Euch der Kahn?«

»Nein!«

»Dem Herrn mit der Larve aber?«

»Weiß nicht.«

»Wie kommt Ihr denn aber mit ihm zusammen?«

»Er dingte mich.«

Der Junge vermied absichtlich, Näheres über die Person Theodor's anzugeben, um die eigene Spur beliebig verwischen zu können.

»Das ist eine Lüge,« flüsterte der Pole Mijnheer zu; »der Schlingel ist ein Helfershelfer des schwarzen Konrad.«

»Helfershelfer? Von wem?« schrie der Holländer von Neuem entsetzt.

»Nun – sahen Sie denn den Kerl mit der Larve nicht? Der Seeräuber – der schwarze Konrad ist es, der uns zu Hülfe kam. Außerdem glaube ich in ihm den Besitzer des Häuschens am Teufelsfelsen erkannt zu haben, der sich als Maler in Ihre Nähe schwindelte und den Goldfisch kennt, den er gefangen.«

»Erbarmen Sie sich!« kreischte Mijnheer und blieb wie angewurzelt stehen.

»Machen Sie, daß Sie fortkommen!« schrie der Pole ihn an. »Versprechen Sie dem Bengel das Doppelte, das Zehnfache, wenn er uns seinem Herrn, dem schwarzen Konrad, entführt, der uns im besten Fall auch nur gegen Lösegeld losgeben würde.«

»Retten Sie uns – helfen Sie uns!« flehte Mijnheer nun den Jungen an und lief dabei vorwärts, als ob er plötzlich neue Beine bekommen hätte. »Ich zahle Ihnen, was Sie wollen –«

»Sie bekommen noch heute Abend eine bedeutende Summe ausgezahlt,« erklärte der besonnenere Pole dem aufmerksamen jungen Gesellen, »und Niemand soll Sie behelligen; Sie können damit verschwinden, wohin Sie wollen.«

»War es der schwarze Konrad, der mit Ihnen zu uns kam?« fragte Tula dazwischen.

»Der Satan war's – ich kenne ihn nicht!« fluchte der Bengel; »aber das Geld will ich verdienen, ich bringe Sie in einer halben Stunde bis an den Teufelsfelsen.«

Er hatte schon bei sich überlegt, daß er trotz der hier versprochenen Belohnung auch die von Theodor Aland verheißene einfordern könne; sein Kamerad Peter hatte ihm auf dem Wege von der Höhle zum Boote zugeflüstert, daß der Fremde am Teufelsfelsen zu Hause und von ihm und dem schwarzen Konrad schon öfter beobachtet worden sei. Letzterer habe den Fremden aber einen armen Teufel geheißen. Seit zwei Tagen hatte sich der schwarze Konrad nicht blicken lassen, vielleicht war er »abgefaßt« worden; jedenfalls konnten beide Gesellen in seiner Abwesenheit das Geld verdienen und ihm später ein beliebiges Märchen aufbinden. Peter wollte die Höhle der Sicherheit halber verlassen und sich nach Helga begeben, wo er bei Gesinnungsgenossen ein weiteres Versteck wußte.

Unterwegs machte Peter's Kamerad den Vorschlag, daß ihm von der Gesellschaft das Geld sogleich ausgezahlt werden solle.

»Der Herr trägt natürlich nicht so viel bei sich,« erklärte ihm der Pole – Mijnheer hatte jede Ueberlegung verloren – »er wohnt im Kurhause, und dort werden Sie bekommen, was er versprochen hat.«

Diese »Nüance«, um Mijnheers Lieblingsausdruck zu gebrauchen, gefiel dem jungen, lichtscheuen Gesellen nicht besonders, doch ließ sich auf andere Weise ein schneller Abschluß nicht finden.

Der Sturm erleichterte die Wanderung, trocknete die Kleider und wirkte auf den kleinen »train« wie eine hinten vorgelegte Lokomotive. Mevrouw erfüllte zum ersten Mal in engerer und eigentlicher Bedeutung die ihr mitgegebene ärztliche Verordnung, sich in Bewegung, das heißt im Zuge zu halten.

Frau Tula, sonst auf flüchtiger Sohle immer allen Uebrigen voran, folgte heute als Letzte hinterher, öfter stillstehend und zurückblickend, was scheinbar von Niemand beachtet wurde.

Sie konnte aber nichts von dem kleinen Wrack und den Vorgängen am Strande wahrnehmen. Die große Felsenpartie, in deren Schluchten der schwarze Konrad und seine Gesellen ihr Maulwurfsheim hatten, war unter der Leitung des Banditen von hinten umgangen, – vorne hatte die See das schmale Ufer überschäumt und schlug in hohen Wellen gegen den Felsen – nachdem der Strand wieder gewonnen, schob sich diese dunkle Masse wie eine Coulisse zwischen den Schauplatz des Unglücks und den suchenden Blick Frau Tula's. Sie kam sich feig und verrätherisch vor und war mehrmals nahe daran, Kehrt zu machen.

Wenn Theodor Aland oder der schwarze Konrad Böses im Sinne gehabt, so würde er doch nicht allein auf dem Wrack zurückgeblieben sein – dieser schlagende Beweis war ihr dem Grafen Laschewsky gegenüber nicht gleich gegenwärtig gewesen, jetzt leuchtete er ihr hell genug ein! Zur Umkehr hätte sie aber Niemand damit bewogen, und was konnte sie allein den drei Männern nützen, die da noch mit Sturm und Wellen zu kämpfen hatten! Vielleicht hatte das Boot einen Leck bekommen; der Mann vor ihr behauptete ja, daß es Schaden genommen, vielleicht kam es auch zu spät! Dann suchte sie sich damit zu beruhigen, daß die drei Männer wohl sämmtlich schwimmen konnten und sich gegenseitig helfen würden.

Die kleine Frau merkte bei den inneren Sorgen die äußere Unbill kaum, und als die kleine Gesellschaft nach einer Stunde Helgevil erreichte, war sie die Einzige, welche sich kräftig und frisch genug fühlte, um sogleich Anderen zu dienen.

Schon vor dem Badeort hatte sich Graf Laschewsky abgezweigt, angeblich, um auf einem direktem Wege seine Wohnung zu erreichen, in der That aber, wie Frau Tula richtig taxirte, um bei der Abrechnung nicht zugegen zu sein! Sie hatte schon öfter bemerkt, daß der Edle zufällig immer der gangbaren Münzen entbehrte! Der interessante polnische Ritter hatte seine Rolle ausgespielt, es war nichts übrig geblieben als der total ruinirte Sammetrock, den der Graf Laschewsky zurückließ, als er auf Nimmerwiedersehen ohne Abschied verschwand.

Vor dem Kurhause händigte Frau Tula dem scheublickenden Führer, der seine Sache übrigens gut gemacht hatte, Alles ein, was sie in ihrer eigenen und Mijnheers Kasse an baarem Gelde vorfand, trotz einiger Einwendungen des Letztern, der mit der wiedergewonnenen Sicherheit billiger spielen wollte.

Der Kollege des schwarzen Konrad zählte das Silber und Gold nicht, welches ihm die kleine, freigebige Hand zustreckte, vielleicht achtete er auch auf die Worte nicht, die sie ihm mitgab:

»Sagen Sie auch Ihrem Herrn meinen Dank und daß ich ihm denselben gerne selber ausgesprochen hätte. Und dann sagen Sie ihm noch, daß das gute Werk von heute die Vergangenheit auslösche und daß von morgen ein neues, besseres Leben für ihn und für Sie beginnen möge! Das ist mein Gruß und mein Wunsch.«

Ohne Dank sprang der Bursche davon.

Im Kurhaus herrschte die höchste Aufregung! Das Abenteuer lief von Mund zu Mund und erreichte auch das Ohr des Badekommissärs. Trotz der Bemühungen Tula's, Mijnheer so bald als möglich zur Ruhe zu bringen, schwatzte der kleine Mann einen Kreis Neuigkeitshungriger herbei und gab ihnen immer wieder als pikantesten Bissen die Nachricht, daß Herr Aland der schwarze Konrad und der schüchterne Maler ein blutdürstiger Räuber sei. An diesem Abend zeigte sich Tula zum ersten Mal mit der Schweigsamkeit Mevrouws zufrieden, die sich einen Grog kommen ließ und die abverlangte Beschreibung in eins ihrer Universalworte zusammendrängte: »Nur 'n Oevergang.«

Wilhelm, der schön gescheitelte Oberkellner, schlug seine künstlichsten Schnörkel mit der Serviette und behauptete, »beiläufig« der Einzige gewesen zu sein, der dem stillen Herrn mißtraut habe gleich von Anfang, als derselbe nach »Fußspuren« im Sande zu forschen vorgab. In der allgemeinen Aufregung wäre des armen kleinen Schiffsjungen vergessen worden, wenn Frau Tula sich nicht seiner angenommen hätte. Der Junge war nicht aus Helgevil und hatte während des Sommers seinen Aufenthalt auf dem Dampfer. Frau Tula verordnete ihm ein gewärmtes Bett, sowie trockene Wäsche, sorgte auch dafür, daß ihm Beides zu Theil wurde, und dann brachte sie ihm selber von dem Grog, den Mevrouw sich verschrieben.

Doch blieb Frau Tula still und verschlossen bei ihren Beschäftigungen; sonst für Jedermann von redseliger Freundlichkeit, wies sie heute alle Theilnahme und Neugierde kurz ab. Da kam der Badekommissär von Amts wegen. Dieser ließ sich nicht abweisen und wurde von Mijnheer im Bette zwischen Wärmflaschen empfangen, wo der Beamte die Nachrichten unabgekühlt entgegennahm.

Mit wichtiger Amtsmiene und dem aufgenommenen Protokoll verabschiedete er sich von Mijnheer, um nach dem Polizeibureau zu gehen, wie er ankündigte.

Frau Tula verließ noch in derselben Minute, wie sie stand und ging, in den bekannten grauen Wollshawl gewickelt, das Kurhaus. Der Sturm hatte nachgelassen, doch wehte es noch scharf genug und war bitter kalt geworden. Die Straßen zeigten sich still, die Häuser waren erleuchtet und die Einwohner darin zusammengelaufen, um die furchtbaren Nachrichten auszubeuten. Frau Tula freute sich der Einsamkeit und fühlte nichts von der Kälte, als sie den wohlbekannten Weg nach dem Teufelsfelsen hinausflog; sie wußte auch nicht, von welchen Flügeln sie, dem Sturm entgegen, über alle Hindernisse fortgetragen wurde. Ob die Dankbarkeit wohl Flügel hat wie die Liebe und ebenso stark und muthig macht? Vielleicht – aber so viel Verwirrung erregt sie nicht wie die Liebe; Frau Tula verachtete und bewunderte, schmähte und pries den Mann, dem sie entgegenflog, vertraute und mißtraute ihm zugleich! Sie schuldete ihm Dank, hatte ihm viel Unrecht in Gedanken gethan und legte ihm neues zur Last; der leichteren Schuld war er ledig, denn er hatte ihr bewiesen, daß er kein unmännlicher Simpel war, und die größere Schuld durfte sie gar nicht richten. »Ich könnte den schwarzen Konrad eher lieben als solch' einen zahmen Gelehrten!« hatte sie oft gesagt. Aber nun – Beide in einer Person – um Gottes willen – nein – nein – wie sollte sie wohl diesen Doppelverbrecher lieben, einen Menschen, der ein so abscheuliches Spiel mit ihr getrieben! Das wog am schwersten. Aber er hatte ihr Leben und das der Anderen gerettet, und sie wollte ihn warnen, damit – so heuchelte Frau Tula ganz ernsthaft – die erste gute That ihm nicht als Lohn den Kerker, vielleicht den Tod bringen sollte. Es waren also doch wohl nur die Flügel der Dankbarkeit, welche Frau Tula so schnell, in kaum zwanzig Minuten, nach dem entlegenen Häuschen getragen hatten. Da stand sie nun mit beklemmter Brust, mit klopfenden Pulsen und mit der verborgenen Last im Herzen vor der Thür, die ihr der Sturmwind heute nicht öffnete. Das Laboratorium war dunkel, ob er wohl schon zu Hause war? Sie hatte diese Frage immer wieder ventilirt und sich unter anderen Möglichkeiten auch die vorgestellt, daß er wohl noch ein zweites Heim für sein anderes, verbrecherisches Leben in den wilden Schluchten haben müsse und sich dort vielleicht verborgen habe.

Und sie dachte daran, wie er sein Leben und seine Sicherheit für sie – das gestand sie sich heimlich – auf's Spiel gesetzt und wie viel mehr Muth er bewiesen habe als alle Anderen! Ein flüchtiger Gedankenblitz streifte die beiden erbärmlichen Feiglinge, die sich als Erste des rettenden Bootes bemächtigt hatten, und ein erleichternder Seufzer hob ihre Brust. Gottlob, daß sie dem Grafen Laschewsky nicht Gehör gegeben! Wie entsetzlich viel mußte die kleine Frau denken, wie viel drängte sich in die kurze Spanne Zeit, während welcher sie vor der verschlossenen Thüre stand.

Schlurfende Schritte und ein wandernder Lichtschein, der aus den Fenstern des Laboratoriums auf den Weg fiel, bereiteten sie auf Maruschka's Kommen vor, Theodor Aland trat so nicht auf.

»Wer ist da?« fragte dann erst die Stimme der Alten, ehe sie öffnete.

Tula antwortete zwar nur: »Ach, bitte, machen Sie mir auf!« – und Maruschka war bekanntlich sehr mißtrauisch, aber die bittende Stimme klang so rührend und der Alten Herz war im Grunde so weich, daß sie unbesonnen schnell öffnete.

Dann fuhr sie erschrocken zurück, denn die Gestalt im wehenden grauen Tuch setzte sich sofort in Verbindung mit den nie schlummernden Ahnungen der Alten.

Sie wollte die Thüre sogleich zuziehen, aber das unheimliche Wesen glitt in's Zimmer wie Luft oder Wasser, ehe Maruschka sich's versah, und dann blickte es umher – gerade wie damals auch.

Das war nun aber falsch, das Meerweibchen blickte wohl umher, aber ganz, ganz anders als damals, und es sprach auch dringend und beweglich aus, was im forschenden Blick gelegen.

»Wo ist Herr Aland – kann ich ihn sprechen – ist er nicht hier?«

Nun erst fand Maruschka Worte für ihren Schreck, und sie schrie auf:

»Alle guten Geister!«

Frau Tula schob das Tuch vom Kopf zurück und lauschte nach vorwärts, den beiden anderen Thüren zu.

»Sie ist's, sie ist's! Heiliger Stephanus, schütze uns!« rief die Alte bei dem vollen Anblick des Gesichtes, und sie wäre beinahe wieder in die Kniee gesunken wie damals.

Frau Tula verstand sie gut genug, sie fühlte Mitleid mit der armen Alten, der sie noch eine zweite, entsetzlichere Ueberraschung zu bereiten hatte. Maruschka konnte keine Ahnung haben, wer sich in ihrem »traut'sten Theodorchen« verbarg, das hatte Tula durch das belauschte Gespräch bei jenem ersten Besuch erfahren und fühlte sich damit der treuen Pflegemutter Theodor's gewissermaßen herzverwandt.

So sanft und freundlich, als ihre Aufregung es gestattete, redete sie die Alte an.

»Ich bin kein Spuk, liebe Maruschka, mich führt auch keine böse Absicht her, sondern nur die Dankbarkeit. Kann ich Herrn Aland sprechen?«

»Was wollen Sie von ihm?« brachte die vom Entsetzen geschlagene Maruschka stotternd hervor.

Tula rang in ungeduldiger Aufregung die Hände.

»Ihn warnen – es droht ihm Gefahr – später will ich Ihnen Alles erklären, lassen Sie mich nur einen Augenblick zu ihm – sagen Sie ihm – – ich sei hier – die er eben gerettet habe und die aus Dankbarkeit nun ihn retten möchte.«

»Waren Sie vielleicht mit auf dem untergegangenen Schiff?« fragte Maruschka, die vor einer halben Stunde ihr traut'stes Theodorchen jammernd empfangen und von dem Kapitän und dem Matrosen die traurige Erklärung über den rock- und hutlosen Zustand ihres Lieblings erhalten hatte. Seitdem war sie noch nicht müde geworden, an ihm zu trocknen und zu kuriren; sie hatte für ihn gekocht und gebraut und von ihm selber so gut wie nichts erfahren.

Auf die Frage, ob sie mit auf dem Schiff gewesen, legte Frau Tula in drei Worten ein Geständniß ab, welches Reue und Abbitte zugleich enthielt. Sie hob die gefalteten Hände Maruschka entgegen und sagte, sie offen und innig anblickend:

»Ja, liebe Maruschka.«

Es bedurfte des sprechenden Blickes nicht, die Schuld kombinirte Maruschka sich schon allein aus ihren Ahnungen, und an Vergebung dachte sie gar nicht.

»Hab' ich's doch geahnt! Hat mir's doch geschwant! Hab' ich's nicht gesagt!« jammerte sie und ein Schüttelfrost fuhr ihr in die alten Knochen. »In's Wasser – bis in's Wasser gelockt und nur durch ein Wunder bewahrt! Darum mußte das gute Schiff untergehen und mein Theodorchen sein Leben dran setzen sie – sie – war auf dem Schiff!« Dann aber mit dem Muth der Mutterliebe ihre Schwäche überwindend griff sie den Gegenstand ihrer Furcht an. »Der Heilige hat ihn beschützt, in seinem Namen breche ich die Macht des Bösen; hinaus – fort von hier!«

Da Frau Tula nach dem Fenster zu blicken schien, so wies die Alte mit dem Arm dahin, als erwarte sie, daß der Spuk dort ebenso gut hinausfliegen könne als zur Thür.

Tula's Augen aber sahen über Maruschka fort und an den Fenstern vorbei nach der Thür rechts, die Theodor Aland geöffnet hatte, von Maruschka noch nicht bemerkt.

»Schweig', Maruschka, und laß mich mit der gnädigen Frau allein!« befahl er in dem ernsten Ton, den er nur selten anschlug, dem dann aber gefolgt werden mußte. Nichts in der äußern Erscheinung erinnerte an die jüngsten Erlebnisse, er trug noch seine gewöhnliche Toilette, doch erschien er Tula größer und überlegener als früher, und als er sie nun anredete, geschah dieß so frei und unbefangen wie nie zuvor.

»Was befehlen Sie, gnädige Frau?«

Maruschka hatte sich schnell nach ihm umgewandt und sich schützend vor ihn gestellt.

»Theodorchen, erbarme Dich!« flehte sie inbrünstig.

Er schob sie sanft zur Seite und sagte lächelnd:

»Die Dame ist Frau von Olschewska, meines verstorbenen Onkels Gattin, das wird Deine Aufregung beruhigen.«

Es dauerte zwar noch eine Weile, bis Maruschka die neue Ueberraschung begriff, und noch länger, bis sie den Schrecken verwand, aber sie gehorchte doch, indem sie den Rückzug antrat.

Tula hatte sich indeß gesammelt; sonderbar – bei dem Anblick Theodor's schwanden alle anderen Gefühle vor einem neu auftauchenden, dem Zorn, und sie begann mit einer Frage, an die sie bisher gar nicht gedacht hatte:

»Hat Ihr Genosse,« sie betonte das Wort in zorniger Verachtung, »Ihnen meinen Dank gebracht?«

»Ich habe keinen Genossen,« antwortete Theodor ruhig.

Ihr Zorn stieg.

»Wollen Sie leugnen, daß Sie es waren, der uns von dem gestrandeten Dampfer rettete?«

»Nein.«

»Und daß Sie für gewöhnlich die armen Schiffbrüchigen nicht zu retten pflegen?«

»Auch das nicht,« antwortete lächelnd der Verhörte.

Die Keckheit verwirrte und reizte sie, zugleich aber bemühte sie sich, seiner Ruhe auch Kälte entgegen zu setzen.

»Ich weiß zwar nicht,« begann sie in erzwungener Gleichgültigkeit, »warum Sie sich in diesem Falle mitleidiger als sonst zeigten –«

»Verzeihen Sie, gnädige Frau,« unterbrach sie Theodor, ebenfalls in verändertem Ton, beinahe streng, »Sie wissen es sehr wohl, es geschah Ihretwegen.«

Sie wußte es freilich, das heißt, sie hatte es im verschwiegensten Herzenswinkel geahnt, aber es traf sie wie ein Schlag, daß er es so gerade heraus gestand, und es überlief sie ein Schauer.

»Woher wußten Sie, daß ich mich auf dem Dampfer befand?«

»Der Seewart sagte es mir.«

Er war über die indirekte Anklage so leicht hinweggegangen, daß es sie zwang, die ungeheuerliche Schuld von ihm direkt ausgesprochen zu hören, deßhalb fragte sie, und ihre Stimme verrieth nichts von dem leisen Schauer, der sie überlief, sondern klang heftig und drohend:

»Und was würde das Schicksal meiner Reisegefährten gewesen sein, wenn sie ohne mich diese unglückliche Partie unternommen hätten und an der bösen Stelle gestrandet wären?«

»Das kann ich so genau nicht sagen, wahrscheinlich aber würde ich in dem Falle nicht das Mittel zu ihrer Rettung gewesen sein.«

»Sie würden dann also das Schicksal all' der Unglücklichen getheilt haben, die schon die Beute der Habgier wurden?«

»Vielleicht –«

»Um Gottes willen, das ist entsetzlich!« rief Tula, von Grauen plötzlich überwältigt, dann brach die Angst um ihn wieder hindurch. »Fliehen Sie so schnell als möglich; der Pole und mein Onkel haben Sie auch erkannt, der Badekommissär erfuhr Alles und bringt – vielleicht in dieser Minute – die Polizei auf Ihre Spur!«

»Ich habe die Polizei nicht zu fürchten.«

»Nicht?« wiederholte Tula, mitten aus ihrer Angst in helle Empörung zurückversetzt. »Der schwarze Konrad hätte von der Gerechtigkeit nichts zu fürchten?«

Er glaubte bisher, daß sie ihn in der Maske des Konrad erkannt, jetzt erst begriff er, daß sie ihn, Theodor Aland, für den Seeräuber hielt, und bei dieser Entdeckung verklärte ein wahres Sonnenlächeln sein dunkles Gesicht.

Als er sie leise fragte: »Und Sie kommen, den Verbrecher zu warnen und ihn zu retten?« da hörte sie aus den Worten mehr als die einfache Frage heraus; tiefe Rührung und innige Zärtlichkeit. Sie konnte nur stumm nicken, es steckte ihr in der Kehle wie ein Krampf. »Und Sie fürchteten sich nicht vor ihm?« fragte er weiter. Sie antwortete beklommen:

»Was hätte ich zu fürchten – er rettete ja mein Leben.«

Theodor wandte sich ab. Längst hatte Tula in ihm eine zweite Natur geweckt, die über die kühle Gelehrtenseele hinausdrängte und ein ungeahntes Leben in ihm entfaltete, jetzt rauschte dieser neue Lebensstrom in ihm auf, daß er Alles niederzuwerfen drohte, was sich ihm entgegenstellte.

In seiner Seele klangen die Worte wieder: »Ich könnte sogar einen Bösewicht wie den schwarzen Konrad lieben,« und sie hielt ihn für den wilden Seeräuber!

»Glückselig der Mann, für den Tula von Olschewska so viel wagt!« sagte er, sich mühsam fassend. »Mit tausend Freuden gäbe ich meine ganze Rechtschaffenheit für des wilden Konrad Glück – leider bin ich nur der simple Gelehrte, Theodor Aland, der zufällig in das Gehege der Strandräuber gerieth und sie zwang, ihr Opfer fahren zu lassen.«

»Aber – die – Maske?« stammelte Tula.

»Die Maske fand ich in dem fremden Boot und legte sie an, weil ich Ihnen versprochen hatte, daß Sie mein verhaßtes Antlitz nie wieder sehen sollten.«

Tula's hochgehende Empfindungen sanken unter Theodor's Erklärung zusammen, sie stand ernüchtert und beschämt vor ihm und flüsterte wie für sich:

»Nicht der schwarze Konrad – aber,« rief sie unter neu erwachender Besorgniß, »man wird Sie dafür halten, wie auch ich es that!«

»Es wird mir nicht schwer werden, mich zu rechtfertigen.«

»Dann,« sagte Frau Tula unsicher, »habe ich also nur noch zu danken und Ihnen zugleich Lebewohl zu sagen. Wir werden bald, vielleicht schon morgen, abreisen –«

Sie reichte ihm schüchtern die Hand. Er küßte sie nicht, hielt sie aber so fest, als wolle er sie nicht wieder frei geben.

»Ich werde an den schwarzen Konrad noch oft zurückdenken,« sagte Frau Tula mit einem Versuch zum Scherz, der ihr ferne lag.

»Ich werde das Meerweibchen nie, nie vergessen!« gab Theodor in tiefstem Ernst hinzu.

Frau Tula entzog ihm die Hand und sah sich in dem kahlen, ärmlichen Raum um. Ihr Blick blieb an dem Bilde des Mannes hängen, der sie in so seltsame Beziehungen zu Theodor gebracht.

»Geben Sie es mir zum Andenken,« bat sie, »ich besitze kein Bild von ihm.«

Er nahm es bereitwillig von der Wand und reichte es ihr hin.

»Sie haben ihn nicht gekannt?« fragte sie, das Bild betrachtend.

»Nein.«

Zaghaft und den Kopf tiefer auf das Bild senkend, fragte sie: »Er hat Ihnen Unrecht gethan?«

»Er hat es gut gemacht, in Ihnen werde ich sein Andenken, liebend ehren.«

»Welch' sonderbare Geschichte reiht sich an den Namen,« begann sie von Neuem, als habe sie noch etwas auf dem Herzen, »gleichen unsere Erlebnisse nicht einem Märchen?«

Theodor's Blick erweiterte sich, als zögen ihn die Gedanken in die Ferne, und er fragte gedrückt:

»Kennen Sie den Anfang wohl?«

»Nein, Olschewsky wollte mir immer davon erzählen; er starb darüber.«

»Der Anfang enthält nichts Außergewöhnliches, sondern eine alltägliche, traurige Geschichte.«

»Sie müssen sie mir erzählen,« bat Tula schnell und warm.

Er sah sie erstaunt und fragend an, sie erröthete tief und redete sich immer weiter in Verlegenheit. »Ich meine eben nur, es ist schade, daß wir nicht eher darauf kamen; auch ich – könnte Ihnen Manches erzählen – Sie wissen ja so gut wie nichts von mir – wie zum Beispiel Olschewsky mein Befreier wurde und warum mir gerade dieß Haus von Werth war; jetzt ist es freilich zu spät – ich muß fort –«

»Einen Augenblick, gnädige Frau,« bat Theodor und zog rasch die Schieblade seines Arbeitstisches auf, vor dem Beide standen, »sehen Sie hier meine Reliquien,« er nahm einen kleinen Schuh aus dem Fach.

»Aha, der Hexenpantoffel!« lachte Tula.

Dem Schuh entfiel ein Brief.

»Die Kriegserklärung,« sagte Theodor.

Dem Couvert entnahm er aber etwas Anderes, ein seidenes Geringe!.

»Die Skalplocke des besiegten Feindes,« erklärte Tula schelmisch.

Theodor schüttelte den Kopf und verbesserte:

»Das Zaubernetz des Meerweibchens.«

»Und hier,« sagte Frau Tula mit naivem Impuls und hob den Arm, an dem ein schmaler Reif hing, »kennen Sie das?«

Theodor neigte sich über ihr Gelenk und bemerkte an dem silbernen Ring, der darüber hinaus fiel, zwei kleine Berloques, ein silbernes und ein goldenes. Das feine weiße Handgelenk interessirte ihn aber mehr als der Schmuck, und er hatte Mühe, sich davon loszureißen. Was er aus den beiden Münzen machen sollte – es war ein Fünfzigpfennig- und ein goldenes Fünfmarkstück – wußte er nicht, und er suchte die Erklärung in ihren Augen.

Diese lachten schelmisch.

»Errathen Sie es nicht? Es sind ja die beiden Münzen, die Sie der Kellnerin und der Erdbeersammlerin gaben – mein redlich verdientes Trinkgeld.«

Das wurde befangen scherzend und doch in voller Naivität gesagt. Gleich darauf aber erglühte sie heiß und wollte fliehen; sie hatte ihr eigenes Herzensgeheimniß in dem Moment verstanden, als sie es ihm offenbarte. Mit Theodor's Fassung war es vorbei. Die Anbetung muß wohl stets auf die Kniee gezwungen haben von altersher bis zur Stunde. Theodor Aland hatte keine Lehren empfangen und keine Erfahrung in dem Punkt, aber er kniete plötzlich vor Tula von Olschewska und hielt die Fliehende fest, indem er die Hand sammt dem Armband an Mund und Augen preßte.

Tula faßte Muth, als sie nicht mehr in diese Augen zu sehen brauchte, neigte sich ein wenig über das kurze Lockenhaar, welches sie gegen ihren Willen schon früher sehr hübsch gefunden, und dann machte sich die Reue in ihr schüchtern Luft.

»Sie haben mir so viel zu verzeihen.«

»Nichts, gar nichts, nur zu danken! Die Liebe zu Ihnen hat einen neuen Menschen aus mir gemacht,« antwortete er noch immer gesenkten Hauptes, so daß Tula mit neckischem Muth fortfahren konnte:

»Nicht ganz neu, hoffe ich! Das wäre schade, es war in dem alten so viel Liebenswerthes.«

»Tula, nur jetzt kein Spiel!« bat er voll Inbrunst.

Sie streichelte mit der freien Hand leise sein Haar.

»Gelt, ich bin doch kein kokettes, herzloses Weib?«

»Nein, nein, Gott sei Lob und Dank; ein edles, süßes, tapferes, herrliches.«

»Halt, halt, das kann ich nicht mit anhören. Ich werde ganz schamroth – und nun gehe ich wirklich –«

Theodor sprang auf.

»Ich führe Sie nach Hause.«

»Das wagen Sie wirklich? Haben Sie denn schon jemals einer Dame den Arm geboten?«

»Nein, das nicht, aber zweimal bereits die Hand. Ich habe es beide Male verkehrt gemacht, jetzt will ich es mit dem Arm versuchen, und wenn's mit dem Führen nicht geht, so tragt Sie mein Arm, das kann ich sicher und gut!«

»Was würde man dazu sagen?«

»Was kümmert's mich!«

»Sie kennen die Welt noch nicht.«

»Ist auch nicht nöthig! Wenn sie mich hindert, entführe ich Sie der Welt!«

»Und wenn ich's nicht leide?«

»So frage ich Frau Tula nicht, sondern fasse mein Glück, wo und wie ich es finde, und lasse es nicht mehr.«

»Welch' eine Lehrmeisterin ist die Liebe, wenn der Schüler nur einige Anlage hat!«

Frau Tula staunte und ihr Herz jubelte. So sollte ja der Mann denken und fühlen, den sie lieben wollte, und diesen Mann fand sie in Theodor Aland, dem schüchternen Gelehrten! So ganz und gar hatte derselbe übrigens seine bisherige Natur noch nicht abgestreift; die Gelehrten sind meistens etwas konfus und Theodor war es auch; er suchte in dem Zimmer umher nach dem Hut, den er gar nicht mehr besaß, und ging endlich in das Nebenzimmer, dessen Thür er offen ließ, wo Tula ihn mit der Alten reden hörte:

»Maruschka, wo ist mein Hut?«

»Lieber Himmel, Theodorchen, Du brachtest ihn ja gar nicht mit, naß wie Du warst –«

»Weißt Du nicht, ob noch ein anderer vorhanden ist? Maruschka, ich muß einen Hut haben –«

»Aber, Theodorchen, traut'stes, was willst Du denn jetzt mit 'nem Hut?«

»Er will mich nach Hause bringen, Maruschka,« antwortete Frau Tula an Theodor's Statt, der, von Maruschka gefolgt, wieder in das Laboratorium zurückkam. Die Alte hatte eine Mütze für »Theodorchen« in der Hand, gab dieß Bekleidungsstück aber nicht her, sondern warnte ihren Pflegling.

»Thu's nicht, mein Jungchen, laß sie nur allein gehen; sie ist allein gekommen, ungerufen, mag sie wieder gehen wie sie kam.«

Theodor griff nach der Mütze und belehrte Maruschka mit neugewonnener Weisheit:

»Das verstehst Du nicht, liebe Alte; ich muß die Dame nach Hause geleiten, das gehört sich so.«

»Theodorchen, mein Sohnchen, darüber schweige Du. Was sich Frauenzimmern gegenüber gehört oder nicht gehört, das weißt Du gar nicht; darüber muß ich Dich erst noch belehren. Vorläufig gehörst Du allein zu mir – ich bin Deine Pflegemutter.«

»Aber, Maruschka,« wandte Tula vorwurfsvoll ein, »ich bin seine Tante, da kann ich ihn doch auch einmal haben!«

Maruschka war böse geworden.

»Tante hin, Tante her, hier wird nicht getantet. Neulich waren Sie durchaus nicht Tante, heute wollen Sie mit einem Male Tante sein; wer weiß, was Sie morgen vorstellen wollen!«

»Das kann ich Ihnen schon heute verrathen, liebste, beste Maruschka,« schmeichelte Tula und flüsterte der Alten zu: »Morgen bin ich Theodor Aland's Braut.«

»Siehst Du wohl, Theodorchen, einzigstes, da hab' ich richtig wieder Recht behalten. Mir schwante was! Heut Nacht nämlich träumte mir, daß eine Katze in meiner besten Haube gejungt hatte. Vor Schreck wachte ich auf. Aber ich dachte, du schläfst gleich wieder ein und versäufst das Unglücksgezücht. Und richtig, so that ich. Wie ich die Bescherung nu' wieder vor mir hatte und sie in's Wasser schmeißen wollte, da denk' ich: ›Schad' um die gute Haub',‹ und sehe noch 'mal genauer zu, und da nehm' ich denn wahr, daß es gar keine Katzen, sondern junge Hunde sind – und Hunde bedeuten mir immer Glück.«

»Da werde ich also nicht ersäuft,« resultirte Frau Tula voll Dankbarkeit und Genugthuung.

Maruschka hatte auch nichts mehr gegen das Nachhausebegleiten einzuwenden, nur wollte sie das abscheuliche, spukhaftige Tuch an Tula nicht leiden und holte ihr das neue, gute Mäntelchen, welches sie sich für die Reise von Kassuben angeschafft hatte.

Tula nahm es dankbar an.

Unterwegs ließ sich das Paar Zeit – um die Erzählungen aus der Vergangenheit gegen einander auszutauschen. Der Rückweg wurde dadurch bedeutend länger als der Hinweg. Vielleicht beförderten auch die Arme der Liebe nicht so schnell als die Flügel der Dankbarkeit, dafür jedenfalls besser, denn Frau Tula kam nicht nur glücklich, sondern sogar überglücklich trotz des Zeitverlustes vor ihrer Wohnung an.

Sie hatten auch Allerlei verabredet und nahmen Abschied für längere Zeit. Hier in Helgevil war des Aufsehens genug gewesen; sie wollten dem Ort kein neues Schauspiel bieten. Am nächsten Morgen fand allgemeiner Aufbruch Statt, wie es der alte Seewart prophezeit hatte.

Helgevil nahm sich trübselig aus! Die Blätter waren gefallen und klebten am schmutzigen Boden, Kurplatz und Promenade waren leer, die See sah dunkel und unfreundlich aus und zwischen den Felsen und den kahl gewordenen, wie den immergrünen Bäumen hing der kalte Herbstnebel seine Thränentüchlein auf.

Logirhäuser und Villen standen offen, aber es herrschte nur ein geschäftsmäßiges, eiliges Treiben zwischen den Koffern und Kisten, ohne die freudige Spannung, welche die Ankunft begleitet. An Stelle der eleganten Promenadekostüme grassirte der Arbeiterkittel und der Regenmantel auf den Straßen. Auch die Holländer reisten ab.

Das Strümpfchen der schönen Schweizerin mußte sich wohl angenehm gefüllt haben, denn der schöne Wilhelm äußerte nach dem Scheiden Frau Tula's:

»Wenn man solche Gäste beiläufig mehr hätte, da könnte man alle paar Jahre heirathen.« Er schlug hinter dem fortrollenden Wagen seinen dankbarsten und anmuthigsten Schnörkel, noch dazu mit regenfeuchter Serviette!



X.

Es ist unglaublich, wie man sich immer wieder zusammenfindet. Da rede mir Einer von der Großartigkeit des Raums! Die Erde muß eine ganz kleine Bude sein, daß sich vier Menschen, die aus verschiedenen Weltgegenden vor Jahr und Tag zusammengeweht wurden, hier nun wieder finden.«

So sprach ein dicker, behäbiger Herr im Hotel du Lac in Genf, der eben Quartier nahm und von dem Wirth höchstselbst empfangen wurde.

Bei seinem Eintritt war ein junges Paar an ihm vorüber aus dem Hotel geschritten, die Dame hatte sich umgewandt und dem Dicken ein schelmisches Erkennen zugelächelt.

»Nicht in mein Zimmer, sondern gleich in den Speisesaal, ich bin hungrig,« befahl der Dicke dem eifrig beflissenen Wirth. »Was gibt's?«

»Was Sie befehlen; wir sind beiläufig mit Allem versehen, kalt, warm, zu jeder Zeit.«

»Gut, so geben Sie mir ein festes Frühstück, Sie kennen wohl noch meine Leibgerichte?«

»Speckeierkuchen und sauern Klopps.«

»Bravo, und einen guten Bordeaux dazu; Bier trinke ich nur noch des Abends, es macht mich zu stark.«

»Sie sehen vortrefflich aus, halb so stark als damals, Herr Domänenverwalter,« sagte der höfliche Wirth.

»Woher wissen Sie denn –«

»O, man hat doch noch seine beiläufigen Beziehungen mit dem Ort, an dem man seine glückliche Garçonzeit verlebte. Ich erlaube mir gehorsamst zu gratuliren! So ein Domänenverwalter gilt oft mehr als der reichste Besitzer.«

»Danke, ja, es macht sich,« schmunzelte der Dicke und klopfte sich wohlgefällig den stattlichen Bauch. »Man muß aber auch der Mann darnach sein.«

»Natürlich, natürlich, die Intelligenz muß mitgebracht werden, der Beutel füllt sich von selbst.«

Der Wirth ließ sich's nicht nehmen, seinen Gast als alten Bekannten selbst zu bedienen, das heißt, er überflog mit kundigem Blick die Tafel, citirte die Kellner und machte dabei mit der rechten Hand eine eigenthümliche Bewegung im Gelenk, es war ihm dieß aus seiner Kellnerthätigkeit übrig geblieben; jetzt führte er die Serviette nicht mehr, wenn Andere sie aber so ungeschickt schwenkten, zuckte es ihm noch immer in der Hand, für die sich jetzt solche Künste nicht mehr schickten.

»Setzen Sie sich zu mir,« sagte nach dem ersten Glas Bordeaux der Gast. »Sie haben da einen guten, reinen Wein; wir sind Kenner oben im Osten. Am Rhein haben sie mich beinahe vergiftet! So, nun lassen Sie uns plaudern; erzählen Sie mir, wie die Geschichte damals in Helgevil verlief. Ich reiste mit der ganzen Gesellschaft ab und erfuhr später nur, daß der schwarze Konrad zu fünfzehn Jahren verdonnert wurde.«

»Ja, das Sonderbarste war aber, daß sie ihn schon hatten, als das Unglück bei den Hundssteinen passirte, und daß der Kerl bei dieser, der einzigen lobenswerthen That, die auf sein Konto fiel, hinter Schloß und Riegel sein Alibi nachweisen konnte.«

»Wie kam denn aber Herr Aland dazu, die gefährliche Maske zu benützen?«

»Ach, wissen Sie, das war beiläufig ein Kapitel aus dem Liebesroman der Zwei, die Sie da vorhin als glückliches Ehepaar sahen. Ich sagte es gleich, als ich damals davon hörte. Wie konnte man einen Mann wie Herrn Aland beiläufig mit dem schwarzen Konrad verwechseln?

»Am Morgen, als die Herrschaften abreisten, war schon Alles aufgeklärt. Die beiden anderen Spitzbuben, die Gesellen des Konrad, wurden später auch noch gefaßt. Herr Aland verschwieg anfänglich, daß ihn die Kerls angefallen hatten, sie gaben sich aber aus Mißgunst gegenseitig selbst an. Den Jüngern hatte Frau von Olschewska, wie sie damals eigentlich hieß, reich beschenkt und am nächsten Tage hatte der Schlingel auch von Herrn Aland eine bedeutende Summe eingezogen, aber, wie es scheint, mit dem Kameraden nicht getheilt. Dieser Kamerad war einer von der bösesten Sorte; er kam nach Helga mit verwundetem Arm und suchte dort den gemeinsamen Schlupfwinkel auf, der den Kriminalbeamten als offene Falle diente, nachdem der Rädelsführer abgefangen worden. Nun, dem Peter – so hieß der Kumpan mit dem von Herrn Aland arg zugerichteten Arm – kam man dort auch bei. Anfänglich leugnete dieser Alles, als er aber in der Untersuchung von den Summen hörte, die der zweite Geselle eingezogen hatte, da gab er denselben an, und damit wurde denn die ganze Geschichte klar. Mit der Rettung der Passagiere des grauen Esels wurde Manches in dem Schuldbuch der Zwei gelöscht, sie kamen ziemlich gut weg, und das Geld, nahezu tausend Thaler, die Herr Aland und die Holländer ihnen gezahlt hatten, wird ihnen nach verbüßter Strafe ausgezahlt und hilft dem Jungen vielleicht noch auf eine redliche Bahn.«

»Wie kam denn aber der blöde Schulmeister in den Besitz der reizenden Wittwe?«

Der Wirth zuckte die Achseln und hob bedeutungsvoll die Augenbrauen.

»Die Liebe hat einen Mann aus ihm gemacht.«

»Es muß übrigens mehr in dem linkischen Gelehrten gesteckt haben, als man vermuthete; ich erinnere mich, daß Graf von Laschewsky dieß schon damals zu seiner Ueberraschung erfuhr. Wissen Sie auch, was aus dem edlen Polen geworden ist?«

»Ich hörte nie wieder etwas von ihm.«

»Er ist Croupier in Monaco. Ich sah ihn dort ohne Sammetrock und Polenmütze mit großer Gewandtheit in dieser neuesten Rolle auftreten. Ich hatte an dem Tage einen merkwürdigen Treffer, so daß er mir mehrmals bedeutende Summen zusammenharken mußte. Er that aber dabei, als ob er mich nie gesehen.«

»Der Herr Domänenverwalter sind nicht verheirathet?« erlaubte sich der Wirth in Folge der Erwähnung Monacos einzuschalten.

»Nicht? Na, ich bitte! Habe sogar eine Schwiegermutter im Haus und zwei Söhne bei der Kavallerie! Schwer im Joch! Aber ich spanne stets im Sommer für einige Zeit aus und trage dann den Trauring nur im Portemonnaie, um mich angenehmer Täuschung hinzugeben. Zu Hause – sagen Sie 'mal – es fällt mir gerade dabei ein – das hübsche Meerweibchen schwingt wohl stark den Pantoffel?«

»O, glauben Sie das nicht! Man macht in der Beziehung die wunderbarsten Erfahrungen. Herr Aland hat bei aller Liebe und Sanftmuth den kleinen Wildfang gezähmt; sie hängt an seinen Augen – allerdings, beiläufig, vorderhand sind sie ja noch in den Flitterwochen.«

Der Herr Domänenverwalter wischte sich energisch die Lippen unter dem struppigen Schnurrbart und legte die schwere Faust mit der Serviette auf den Tisch.

»Das interessirt mich höchlichst,« erklärte er überrascht; »ich möchte wohl wissen, wie der Mann das gemacht hat. Der liebe Gott soll zwar zu unserem Pläsir diese Turteltauben erfunden haben, Sie können mir aber glauben, insgeheim sind sie unsere Meister.«

»Hätten wir sie uns beiläufig selber erfunden, so würden sie vielleicht anders ausgefallen sein,« bemerkte der Wirth tiefsinnig.

»Sprechen Sie aus Erfahrung?«

»Freilich! Ich kann zwar eigentlich nicht klagen, meine Frau führt die Wirthschaft vortrefflich und läßt mir beiläufig die nöthige Freiheit –«

»Wilhelm!« rief eine energische weibliche Stimme von dem Büffet, hinter dem sich die Wirthschaftsräume befanden.

»Verzeihen Sie einen Augenblick,« entschuldigte sich der Angerufene, »Lenchen verträgt nämlich Alles – in der That Manches, das heißt beiläufig wirklich Einiges, nur Warten, das verträgt sie nicht, es ist dieß eine Eigenthümlichkeit von ihr.«

Er lief hinter das Büffet und der Herr Domänenverwalter hörte die Begrüßung, welche den gehorsamen Gatten empfing.

»Du läßt Alles hier im Stich und mich ruhig warten – was hast Du denn wieder zu katschallern gehabt?«

Mit dem letztern Ausdruck bezeichnet der Altpreuße müßiges Schwatzen; der Masure kannte ihn, schmunzelte vor sich hin, indem er sich den Magen strich, und dachte:

»Die schöne Schweizerin führt eine gute Küche und ein strenges Regiment. Wohl bekomm' es Wirth und Gästen!«

Als der Abend dämmerte und der Herr Domänenverwalter auf der kleinen Terrasse mit Bier und Cigarren den Tag beschloß, kehrten Herr und Frau Aland von ihrem Ausflug zurück.

Sie hing recht hingebend an dem Arm des Gatten und sah noch kindlicher aus als im vergangenen Jahr.

Von Weitem schon winkte sie dem alten Bekannten mit dem Tuch Grüße zu und rief ihm in gewohnter Lebhaftigkeit entgegen:

»Ich wußte es doch, daß Sie es seien; schon heut Morgen erkannte ich Sie! Theodor hatte seine Brille nicht auf, sonst würde er keinen Augenblick an meiner Behauptung gezweifelt haben. Ich gewöhnte ihm nämlich diese abscheuliche Brille ab, er braucht nur noch durch meine Brille zu sehen.«

»Sie hat viel an mir zu thun mit Ab- und Angewöhnen, meine arme kleine Tula,« setzte mit begrüßendem Händedruck in bekanntem sanftem Tonfall Theodor Aland hinzu, worauf Frau Tula ihr Verdienst mit der Anerkennung beschränkte:

»Er ist aber ungeheuer gelehrig.«

Der Masure betrachtete den vorjährigen Bekannten und bemerkte staunend:

»Sie kommen mir wirklich total verändert vor, Herr Aland.«

»Nicht wahr?« stimmte Theodor freundlich bei. »Ich bin aus bildsamem Stoff.«

Die Wendung mißfiel der jungen Frau offenbar, sie runzelte ein wenig die Stirn und fragte dann hastig:

»Steht ihm der Bart nicht gut, viel besser als das glattrasirte Gesicht von früher?«

Der dunkle Schnurrbart kleidete Herrn Aland allerdings vortrefflich und der Domänenverwalter sprach das lebhaft aus. Frau Tula plauderte weiter:

»Den Backenbart will er noch nicht stehen lassen, vorläufig hat er mir nur erst die Lippe hergegeben; er behauptet nämlich, daß er sonst gar zu martialisch aussehe.«

»Haben Sie gedient?« fragte der Masure in Betrachtung des militärisch verschnittenen Haupthaars.

»Ach nein, das ist ja mein Unglück,« klagte Frau Tula, »er ist seiner Kurzsichtigkeit wegen nicht genommen worden, und ich liebe unsere tapferen Soldaten so sehr.«

»Sei ruhig, Herzchen! Wenn es wieder einmal Ernst werden sollte, so bleibe ich nicht zurück. Für meine gesunden Glieder und mein opferfreudiges Herz wird sich dann schon ein Platz im Heere finden mit oder ohne Brille.«

Sie schmiegte sich an ihn.

»Dann gehe ich aber auch mit; allein lasse ich Dich nicht!«

»Du wirst thun, was von unseren deutschen Frauen erwartet wird.«

»Was kann man von mir erwarten?«

»Muth und Gottvertrauen, Umsicht und Fleiß im stillen Engeldienst.«

»Eine schöne Aufgabe für das böse Meerweibchen!«

Er strich zärtlich über ihr Köpfchen und der Masure betrachtete wohlgefällig das hübsche Paar. Auf Tula's verschämt fragenden Blick antwortete er:

»Sie haben sich auch verändert, gnädige Frau. Ich gehörte, wie Sie wissen, stets zu Ihren Bewunderern, eins nur hatte ich an Ihnen auszusetzen, und das waren Ihre Pariser Toiletten. Heute sehe ich Sie zum ersten Mal in – verzeihen Sie – vernünftiger und kleidsamer Tracht.«

»Das ist nicht mein Verdienst,« sagte Frau Tula ehrlich. »Theo mag nichts Ausländisches leiden, und da ich ihm doch gerne gefallen möchte, so trage ich mich ganz nach seinem Geschmack. Es ist nur etwas schwer, denselben genau zu treffen, da mein Mann nur zwischen hübsch und häßlich unterscheidet und mir nie sagen kann, wie er es eigentlich wünscht. ›Kleide Dich recht hübsch,‹ antwortet er auf meine Fragen, und wenn ich dann komme, um sein Lob in Empfang zu nehmen, heißt es oft: ›Nein, liebe Tula, das steht Dir nicht,‹ oder: ›Ich sähe Dich lieber anders.‹ Dafür erlaubt er mir allerdings, bei seiner eigenen Toilette mitzusprechen. Er legte gar zu wenig Werth darauf und versteht es nicht, seine Vorzüge zur Geltung zu bringen.«

»Haben Sie denn schon ein eigenes Nest oder wollen Sie Wandervögel bleiben?« erkundigte sich nach einer Weile der Masure. Er hatte damit einen streitigen Punkt berührt, wie er an dem vorwurfsvollen Blick bemerkte, mit welchem Frau Tula die Beantwortung ihrem Manne zuschob. Dieser zog sein kleines Weib an sich und sagte:

»Tula behauptet, eine zigeunerartige Wanderlust zu besitzen und des Reisens nie überdrüssig werden zu können; ich meine aber, es sei bereits mehr als genug für uns gewesen. Wir sind seit zwei Monaten unterwegs und es ist an der Zeit, in das von unserer alten Maruschka behütete Heim zurückzukehren. Hin und wieder ein Ausflug zur Erfrischung von Körper und Geist, sonst aber, unter gewöhnlichen Verhältnissen, ist eine geregelte Thätigkeit und ernste Arbeit dem Menschen zu seinem Gedeihen nöthig. Ich habe an der Universität zu Heidelberg eine Stelle als Dozent der Chemie angenommen und Tula muß sich unter Maruschka's Leitung zur Hausfrau ausbilden.«

»Was ist denn aus Ihrem Häuschen in Helgevil geworden?«

Frau Tula erzählte:

»Theo beabsichtigt, jährlich mit mir einen Besuch dort zu machen. Er hat es sehr hübsch und behaglich einrichten lassen, will es aber durchaus vermiethen, sobald wir es nicht benützen.«

»Wir sind nicht reich genug, um den Besitz dort im Stand zu halten, ohne Zinsen davon zu ziehen. Ich habe das Haus der Badekommission in Verwaltung gegeben, mir aber das Recht vorbehalten, es nach Wunsch selbst beziehen zu dürfen.«

»Das scheint mir klug und praktisch, gnädige Frau,« lobte der Domänenverwalter.

»Ach ja,« antwortete Tula etwas niedergeschlagen, »das mag es wohl sein, es ist mir aber unangenehm, fremde Menschen dort zu wissen, wo unser Glück so wundersam erblüht ist.«

»Das wurzelt tiefer und kann durch ein paar Wandervögel, die einen flüchtigen Aufenthalt dort nehmen, nicht gestört werden. Im Gegentheil, der romantische Zauber des Meerweibchens theilt sich den Gästen mit und wird dort erhalten.«

»Wie praktisch Du geworden bist! Ich sehe es kommen, daß Du am Ende gar noch geizig wirst!« schmollte die kleine Frau und klagte dem Domänenverwalter: »Dabei fragt er Niemanden um Rath und ist gar nicht mehr schüchtern und bescheiden.«

Theodor lachte.

»Ich denke, über Schüchternheit und Bescheidenheit hast Du vom Anfang unserer Beziehungen an nicht zu klagen gehabt!«

»Ja, das ist wahr!« rief Frau Tula aus tiefster Ueberzeugung. »In seiner Natur kann Beides nicht begründet liegen, denn vor unserer persönlichen Bekanntschaft konnte er sogar furchtbar unbescheiden und ohne alle Schüchternheit handeln.«

Theodor entschuldigte: »Das war naiv und beruhte auf Unkenntniß der Gefahr.«

»Aha! Nach der Erkenntniß wurde er erst schüchtern,« erklärte Tula dem Masuren. »Wann aber erwachte denn in Dir dieß starke Selbstbewußtsein?« fragte sie dann den Gatten.

»Nachdem ich in dem vollen Bewußtsein seines Werthes den Preis erhalten, nach welchem ich in naiver Unkenntniß die Hand ausgestreckt hatte.«

Von ferne ertönte Musik, Tula hob lauschend das Köpfchen.

»Es ist das Doppelkonzert des Grand Hotel,« erklärte der Domänenverwalter. »Gehen Sie hin?«

»Ich weiß nicht recht,« gab Tula mit einem verlegen fragenden Blick auf den Gatten zur Antwort, der dem Kellner Bestellungen machte. Theodor verneinte durch Kopfschütteln und Tula machte dem Masuren eine Geberde, die etwa sagte: »Sie sehen, er wünscht es nicht.«

Als der junge Ehemann wieder zu ihnen trat, glaubte der Herr Domänenverwalter zu Gunsten des lebenslustigen Weibchens interveniren zu müssen.

»Die Frau Gemahlin scheint nicht übel Lust zu haben, noch ein paar Stündchen dem Vergnügen zu opfern.«

»Es sollen zwei Musikkorps spielen und Tyroler Sänger sich hören lassen,« gab Tula ihrem Wunsche als Unterstützung bei.

»Und den Wein-, Bier-, Kotelettes- und Tabaksduft hat man gratis daneben! Lockt es Dich wirklich in den Menschenschwarm, Tula? Ich denke, ein Stündchen oben auf unserem Balkon und der Blick über den herrlichen, mondbeschienenen See schließt diesen Tag viel harmonischer ab als der Tamtam da drüben, von dem Du übrigens als diskrete Begleitung für unser Panorama etwas profitiren kannst.«

»Sehen Sie wohl!« behauptete Tula vorwurfsvoll; »es ist die pure Oekonomie, er wird geizig.«

Theodor umfaßte ihre Schultern und flüsterte ihr zu:

»Nur mit Dir und Deiner Liebe, ich möchte Alles für mich allein haben.«

Dann verabschiedete sich das Paar von dem alten Bekannten und zog sich in die eigenen Gemächer zurück.

Wenige Minuten später stand Tula in der Balkonthür und blickte auf die im Mondlichte schwimmende Landschaft hinaus, während sich der Gatte mit Unterbringen von Kleidern und Gepäck beschäftigte. Sie rief in das Zimmer hinein:

»Ach, laß doch die dummen Sachen liegen, Theo; Du bestiehlst mich um kostbare Minuten!«

Er trat zu ihr hinaus, strich ihr die wehenden Löckchen aus der Stirn und küßte sie zärtlich. Tula streckte den Arm in den Mondschein hinaus, während sie sich an ihn schmiegte, und sagte:

»Zum dritten Mal in meinem jungen Leben genieße ich diesen herrlichen Anblick. Das erste Mal im jubelnden Genuß des Ungewohnten, Neuen, als Kind an der Hand, des väterlichen Gatten, das zweite Mal als seine Wittwe in wehmüthiger Erinnerung und nun,« – sie schlang plötzlich beide Arme um seinen Hals und zog seinen Kopf zu sich herab, – »als Dein glückseliges Weib! Liebst Du mich denn wirklich so, wie ich Dich liebe, mein Theo?«

»Ob so, das weiß ich nicht! Messen kann ich meine Liebe nicht einmal an der unaussprechlichen Seligkeit, die Du mir schenkst. Aber Du füllst mein Dasein, Tula, Vergangenheit und Zukunft so ganz und voll wie den Augenblick; mir ist, als hätte ich Dich stets geliebt; ohne Dich gibt es keine Zeit, keine Ewigkeit. Mit Dir bin ich Alles, ohne Dich nichts.«

Tula faltete die Hände und blickte dem Geliebten feierlich und andächtig in das erregte Gesicht.

»Theo, gerade so habe ich es mir einst gedacht, fast in denselben Worten mir das Glück ausgemalt – ich bin beinahe erschrocken von der wörtlichen Erfüllung eines so vermessenen Verlangens.«

»Mein süßes Meerweibchen, erschrickst Du vor Deiner eigenen Zaubermacht? Sie ist so rein und unerschöpflich wie meine Liebe.«

»Aber, Theo, wenn ich nun mit der Zeit alt werde und endlich Runzeln und weiße Haare bekomme?« fragte sie bange.

»So werden Runzeln und weiße Haare für mich das Liebwertheste und Reizvollste sein, wie jetzt dieß braune Haar und Deine rosigen Wangen.«

»Du Guter, Einziger, Trauter! Sage mir noch eins: Warum fragst Du mich nie, ob ich Dich liebe?«

»Ich lebe und athme in Deiner Liebe und soll Dich fragen? Sieh', meine Tula, selbst wenn Du sie leugnetest, würde ich an Deine Liebe glauben und Dich von ihrem Dasein überzeugen.«

Sie lag an seiner Brust und lauschte auf Wort und Herzschlag. Wie innig vertraute sie beidem, wußte sie doch, daß beide eins waren; das Wort sagte niemals mehr, als das Herz fühlte, und das Herz war treu und fest wie das Wort.

In der Erinnerung des Paares zog Bild an Bild vorüber, sie durchträumten vereint ihren kurzen Roman mit seinem Wechsel an Komik und Ernst, sie riefen sich das Erwachen der Liebe zurück, während sie die Erfüllung genossen. Mitunter lachte die kleine Frau leise und hob den Kopf: »Weißt Du noch, Theo?« Und er nickte und wußte genau, was sie meinte. Dann zog er sie wohl auch fester an sich, und sein Auge fragte zärtlich: »Weißt Du, Geliebte?« worauf ihr heißes Mündchen ihm auch ohne Worte die Versicherung gab, daß sie es genau wußte.

Mijnheer saß währenddem in Amsterdam in seinem prächtigen Marmorpalast und dachte an Tula und ihre unbegreifliche Thorheit. Er hatte seinen Augen und Ohren nicht trauen wollen, als Tula plötzlich – es war in Berlin – mit Herrn Aland vor ihn trat und denselben als ihren Verlobten vorstellte. Mevrouw war gar nicht überrascht, sie hatte das längst kommen sehen – es war ja auch Alles »Hacke as Jose«, wenn sie nur en train blieb. Jetzt war sie nicht mehr en train, auch nicht magerer, aber ebenso resignirt. Sie hatte nur den Regenmantel und das Deutschsprechen wieder abgelegt.

Einmal nur antwortete sie dem Gatten mit einem ihrer deutschen Universalbrocken, als Mijnheer nämlich sagte, in Holländisch natürlich:

»Mit Liebe allein ist solche Narrheit, wie Tula begangen, nicht zu entschuldigen; man hat ja in seiner Jugend auch geliebt –«

»Dommheit!« unterbrach ihn Mevrouw und glotzte ihn aus den flachen Augen so ernüchternd an, daß er seine Phrase nicht beendete.




1 Bastkörbchen